Mein Körper spannte sich an, als Alex meinen Namen aussprach. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Vorsichtig sah ich zu ihm hoch und wartete auf seine nächsten Worte. Obwohl seine Worte eigentlich dazu gedacht waren, mir die Angst zu nehmen und mich zu beruhigen, funktionierte das nicht wirklich. Sagte er das nur, weil ich ihm leidtun konnte? Weil er sich sonst schlecht fühlte, dass mir nichts einfiel? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm wirklich nichts ausmachte. Wer wollte schon aus Langeweile schweigend zwischen den Büchern sitzen? Der Gedanke wollte mir nicht ganz in den Kopf. Alex wollte mehr über mich erfahren, was mich kurz fragend zu ihm blicken ließ. Es gab nichts zu erzählen. Alles, was er über mich wusste, war im Grunde schon das, was es über mich zu wissen gab. Keine spannenden Familiengeschichten, keine Freunde, keine außergewöhnlichen Hobbys oder Erlebnisse. Nur simple Selene. Die Fragen, die er mir stellte, waren allerdings nicht schwer zu beantworten. Sie waren unkompliziert, man brauchte keine lange Erklärung dafür und keine davon war sonderlich intim. Zumindest deutlich weniger intim als die Dinge, die ich heute über ihn erfahren hatte. Vielleicht hatte er gemerkt, dass ich in dieser Hinsicht einfach nicht weit genug war, um über solche Dinge zu sprechen. Oder er selbst traute sich noch nicht, danach zu fragen. Seine letzte Frage erwischte mich jedoch völlig unvorbereitet. Damit hatte ich nicht gerechnet, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er überhaupt auf die Idee gekommen war, dass ich einen Freund haben könnte. Wer würde schon mit einer Außenseiterin wie mir zusammen sein?
Ich räusperte mich und versuchte, seine Fragen eine nach der anderen zu beantworten, wobei mein Blick immer wieder zur Seite wanderte. „Meine Hobbys kennst du. Mehr als Lesen und Zeichnen gibt es nicht. Ziemlich simpel“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Ich habe kein Lieblingsfach. Solange ich meine guten Noten schreibe, ist mir eigentlich alles recht ... außer Sport“, fügte ich mit einem leichten Grinsen hinzu. Dass Sport nicht gerade meine Stärke war, hatte man vorhin vermutlich kaum übersehen können. Schon allein die kurze Strecke zum Supermarkt hatte mir wieder vor Augen geführt, wie schnell ich an meine körperlichen Grenzen kam. Der Sportunterricht in der Schule reichte mir vollkommen aus. Schon früher hatte mich dieses Fach nie sonderlich interessiert, auch wenn ich es immer bewundernswert fand, wenn Menschen in einer bestimmten Sportart wirklich gut waren. Egal, wie arrogant oder hochnäsig manche der Cheerleader wirkten, ich bewunderte sie für ihre Beweglichkeit, ihre Ausstrahlung, ihr schönes Aussehen und ihre Sportlichkeit. Solange ich in Sport irgendwie durchkam, war mir die schlechte Note recht. Bei meinem Abschluss würde ich dieses Fach ohnehin nicht wählen. Stattdessen setzte ich alles daran, möglichst gute Noten zu bekommen. Je besser, desto besser. Irgendwann hatte sich der Gedanke in meinem Kopf festgesetzt, dass ich durch besonders gute Leistungen vielleicht irgendwann die Aufmerksamkeit meines Vaters gewinnen könnte. Er war Anwalt, intelligent und gut in dem, was er tat. Irgendwie hatte ich daraus den Schluss gezogen, dass ich es nur wert war, beachtet zu werden, wenn ich genauso gut war wie er. Vielleicht würde er mich eines Tages ansehen und mir sagen, wie gut meine Noten waren und wie hart ich dafür arbeitete. Vielleicht konnte ich mir durch meine Leistungen auf irgendeine Weise seine Anerkennung verdienen. Bisher war es nicht passiert. Alles war beim Alten geblieben. Trotzdem hatte ich mich so sehr an diese Routine gewöhnt, dass ein Teil von mir noch immer daran festhielt. Auch wenn irgendwo tief in meinem Hinterkopf längst die Erkenntnis angekommen war, dass sich wahrscheinlich nichts ändern würde.
Sein Schmunzeln steckte mich an und ich neigte leicht den Kopf zur Seite. „Ich kritzel nur herum. Als Zeichnung würde ich das nicht wirklich bezeichnen“, seufzte ich. „Es ist nur ... ein Zeitvertreib.“ Das hatte ich ihm allerdings bereits einmal gesagt, es war also nichts Neues für ihn. Ich hätte mir natürlich auch etwas anderes suchen können, um die Zeit totzuschlagen, doch mir war nie etwas Sinnvolleres eingefallen. Außerdem verspürte ich nicht den Wunsch, irgendwann Künstlerin zu werden. Vielleicht war ich etwas besser darin, zu schattieren oder realistisch zu zeichnen als andere, die nur im Kunstunterricht kreativ wurden, doch das reichte für mich noch lange nicht aus, um mich selbst als wirklich gut zu bezeichnen.
„Ich würde dir ja gerne etwas erzählen, aber ...“ Ich zuckte mit den Schultern. „Es gibt leider nicht wirklich viel. Ich bin eher für mich und ... ich weiß nicht. Ich mache halt Dinge, mit denen ich die Zeit vertreiben kann.“ Es hörte sich irgendwie leer und traurig an, als ich mich selbst so sprechen hörte. Doch es gab tatsächlich nicht viel, was mir wirklich Freude bereitete. Vielleicht bereitete mir das Lesen Freude, aber manchmal fiel es mir schwer, die feine Grenze zwischen dem Genießen einer Geschichte und dem bloßen Weglaufen vor der Realität zu erkennen. „Ich höre verschiedene Lieder. Es kommt ganz auf das Lied an.“ Es frustrierte mich selbst, dass ich ihm keine genauere Antwort geben konnte. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es schlicht nicht konnte. Ich wusste selbst nicht, was ich darauf hätte antworten sollen. „Ich bin für mich allein in der Schule. Ich glaube eher weniger, dass jemand wie ich einen Freund hätte“, fügte ich mit einem leicht bitteren Lächeln hinzu. Ich hatte in meinem Alter nicht einmal meinen ersten Kuss gehabt, geschweige denn eine Beziehung. Diese ganzen Erfahrungen, die andere scheinbar ganz selbstverständlich sammelten, hatte ich bisher nicht machen können. Nicht so, wie man es aus Filmen oder Büchern kannte. Für mich existierten solche Dinge bisher nur in Geschichten, die andere erlebten. Es frustrierte mich wirklich, dass ich ihm nichts anbieten konnte an Erzählungen.
Ich räusperte mich und versuchte, seine Fragen eine nach der anderen zu beantworten, wobei mein Blick immer wieder zur Seite wanderte. „Meine Hobbys kennst du. Mehr als Lesen und Zeichnen gibt es nicht. Ziemlich simpel“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Ich habe kein Lieblingsfach. Solange ich meine guten Noten schreibe, ist mir eigentlich alles recht ... außer Sport“, fügte ich mit einem leichten Grinsen hinzu. Dass Sport nicht gerade meine Stärke war, hatte man vorhin vermutlich kaum übersehen können. Schon allein die kurze Strecke zum Supermarkt hatte mir wieder vor Augen geführt, wie schnell ich an meine körperlichen Grenzen kam. Der Sportunterricht in der Schule reichte mir vollkommen aus. Schon früher hatte mich dieses Fach nie sonderlich interessiert, auch wenn ich es immer bewundernswert fand, wenn Menschen in einer bestimmten Sportart wirklich gut waren. Egal, wie arrogant oder hochnäsig manche der Cheerleader wirkten, ich bewunderte sie für ihre Beweglichkeit, ihre Ausstrahlung, ihr schönes Aussehen und ihre Sportlichkeit. Solange ich in Sport irgendwie durchkam, war mir die schlechte Note recht. Bei meinem Abschluss würde ich dieses Fach ohnehin nicht wählen. Stattdessen setzte ich alles daran, möglichst gute Noten zu bekommen. Je besser, desto besser. Irgendwann hatte sich der Gedanke in meinem Kopf festgesetzt, dass ich durch besonders gute Leistungen vielleicht irgendwann die Aufmerksamkeit meines Vaters gewinnen könnte. Er war Anwalt, intelligent und gut in dem, was er tat. Irgendwie hatte ich daraus den Schluss gezogen, dass ich es nur wert war, beachtet zu werden, wenn ich genauso gut war wie er. Vielleicht würde er mich eines Tages ansehen und mir sagen, wie gut meine Noten waren und wie hart ich dafür arbeitete. Vielleicht konnte ich mir durch meine Leistungen auf irgendeine Weise seine Anerkennung verdienen. Bisher war es nicht passiert. Alles war beim Alten geblieben. Trotzdem hatte ich mich so sehr an diese Routine gewöhnt, dass ein Teil von mir noch immer daran festhielt. Auch wenn irgendwo tief in meinem Hinterkopf längst die Erkenntnis angekommen war, dass sich wahrscheinlich nichts ändern würde.
Sein Schmunzeln steckte mich an und ich neigte leicht den Kopf zur Seite. „Ich kritzel nur herum. Als Zeichnung würde ich das nicht wirklich bezeichnen“, seufzte ich. „Es ist nur ... ein Zeitvertreib.“ Das hatte ich ihm allerdings bereits einmal gesagt, es war also nichts Neues für ihn. Ich hätte mir natürlich auch etwas anderes suchen können, um die Zeit totzuschlagen, doch mir war nie etwas Sinnvolleres eingefallen. Außerdem verspürte ich nicht den Wunsch, irgendwann Künstlerin zu werden. Vielleicht war ich etwas besser darin, zu schattieren oder realistisch zu zeichnen als andere, die nur im Kunstunterricht kreativ wurden, doch das reichte für mich noch lange nicht aus, um mich selbst als wirklich gut zu bezeichnen.
„Ich würde dir ja gerne etwas erzählen, aber ...“ Ich zuckte mit den Schultern. „Es gibt leider nicht wirklich viel. Ich bin eher für mich und ... ich weiß nicht. Ich mache halt Dinge, mit denen ich die Zeit vertreiben kann.“ Es hörte sich irgendwie leer und traurig an, als ich mich selbst so sprechen hörte. Doch es gab tatsächlich nicht viel, was mir wirklich Freude bereitete. Vielleicht bereitete mir das Lesen Freude, aber manchmal fiel es mir schwer, die feine Grenze zwischen dem Genießen einer Geschichte und dem bloßen Weglaufen vor der Realität zu erkennen. „Ich höre verschiedene Lieder. Es kommt ganz auf das Lied an.“ Es frustrierte mich selbst, dass ich ihm keine genauere Antwort geben konnte. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es schlicht nicht konnte. Ich wusste selbst nicht, was ich darauf hätte antworten sollen. „Ich bin für mich allein in der Schule. Ich glaube eher weniger, dass jemand wie ich einen Freund hätte“, fügte ich mit einem leicht bitteren Lächeln hinzu. Ich hatte in meinem Alter nicht einmal meinen ersten Kuss gehabt, geschweige denn eine Beziehung. Diese ganzen Erfahrungen, die andere scheinbar ganz selbstverständlich sammelten, hatte ich bisher nicht machen können. Nicht so, wie man es aus Filmen oder Büchern kannte. Für mich existierten solche Dinge bisher nur in Geschichten, die andere erlebten. Es frustrierte mich wirklich, dass ich ihm nichts anbieten konnte an Erzählungen.