the wolf and the lamb [rambow x yumia]

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    • Die Uhr wollte einfach nicht aufhören voranzuschreiten und mit jeder verstrichenen Minute rückte die Stunde der Wahrheit gefährlich näher. Ich warf einen weiteren Blick auf mein Handy und versuchte mir einzureden, dass ich ruhig bleiben sollte. Es waren nur ein paar Minuten. Eigentlich nichts Besonderes. Und trotzdem fühlte es sich an, als würde mein gesamter Körper auf diesen einen Moment warten.
      War ich zuerst hier gewesen? Oder hatte er sich vielleicht schon in die Bibliothek gesetzt? Vielleicht wartete er dort bereits auf mich und fragte sich, wo ich blieb. Aber wenn das so wäre, hätte er mir wahrscheinlich Bescheid gegeben. Zumindest redeten wir sonst über solche Dinge.
      Für einen kurzen Moment kam mir tatsächlich der Gedanke, einfach wieder umzukehren. Ich könnte nach Hause gehen. Niemand würde mich zwingen, hierzubleiben. Ich könnte ihm schreiben, dass etwas dazwischengekommen war. Dass ich mich nicht gut fühlte. Irgendeine Ausrede würde mir schon einfallen. Doch nein. Das wäre nicht fair. Ich hatte ihm versprochen zu kommen. Und egal, wie nervös und schüchtern mich diese ganze Situation machte, ich wollte mein Versprechen halten. Er hatte mir so viel von sich anvertraut und mir seine verletzlichste Seite gezeigt. Da konnte ich nicht einfach im letzten Moment davonlaufen.
      Also blieb ich stehen.
      Ich wartete.
      Und als der vereinbarte Zeitpunkt schließlich gekommen war, konnte ich ihn noch immer nicht entdecken.
      Mein Blick wanderte langsam über meine Umgebung. Ich versuchte, jedes Gesicht in der Nähe zu erfassen, ohne dabei selbst zu auffällig zu wirken. Vielleicht würde ich ihn entdecken, bevor er mich sah. Vielleicht würde das den ersten Moment ein wenig einfacher machen. Ich wusste schließlich, wie Alex Miller aussah. Ich hatte ihn schon oft genug aus der Entfernung gesehen.Doch statt eines bekannten Gesichts blieb mein Blick plötzlich an etwas anderem hängen.
      An einer Maske.
      Ich blinzelte irritiert.
      Hinter der Maske zeichnete sich ein Oberkörper ab, der sich zwischen dem Grün und den Blättern befand. Für einen Moment war ich so überrascht, dass ich einfach nur dastand und ihn anstarrte.
      Warum zum Teufel stand da jemand zwischen den Büschen?
      Ich war durchaus schreckhaft. Das musste ich mir eingestehen. Aber ich lief nicht weg. Mein erster Gedanke war trotzdem sofort bei ihm.
      Kitsune.
      Ich wusste nicht einmal genau, warum. Vielleicht war es nur mein Bauchgefühl. Vielleicht war es die Art, wie er dort stand. Oder vielleicht wollte mein Kopf einfach unbedingt, dass es so war.
      Alex.
      Ich legte den Kopf kaum merklich zur Seite und sah ihn fragend an. Natürlich stellte ich mir sofort die Frage, warum er eine Maske trug. Warum überhaupt? War das seine Art, die Situation ein wenig weniger unangenehm zu machen? Hatte er sie absichtlich aufgesetzt, weil er vermutete, dass es mir leichter fallen würde, mit ihm zu interagieren, wenn er nicht sofort vollständig als Alex Miller vor mir stand? Oder wollte er einfach nur einen Scherz machen? Vielleicht hatte er sich deswegen in den Busch gestellt. Um unser erstes Treffen irgendwie spielerisch und weniger ernst wirken zu lassen. Meine Fantasie begann sofort, die unterschiedlichsten Möglichkeiten zusammenzusetzen. Ich hätte ihn natürlich einfach fragen können. Aber ich wollte nicht neugierig wirken. Außerdem war ich selbst viel zu nervös, um plötzlich mit einem Schwall von Fragen auf ihn zuzugehen.
      Er machte noch immer keine Anstalten, aus dem Busch zu kommen. Also musste ich mich irgendwann aus meiner eigenen Starre lösen. Ich atmete leise ein, hob leicht die Mundwinkel und hob schließlich meine rechte Hand. Zögerlich winkte ich ihm zu. Nur ganz langsam, fast vorsichtig.
      Es war keine große Geste. Eigentlich kaum mehr als eine kleine Bewegung meiner Hand. Doch ich hoffte, dass sie ihm zeigte, dass ich ihm gegenüber nicht negativ eingestellt war. Dass ich nicht vorhatte, einfach wieder zu verschwinden. Mein Herz raste noch immer. Ich konnte es förmlich bis in meinen Hals schlagen spüren.Trotzdem zwang ich mich, nicht wegzusehen. Dann nickte ich leicht in Richtung der Bibliothek. Eine stumme Frage. Ob wir nicht hineingehen sollten. Es war die einzige Idee, die mir in diesem Moment einfiel. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Zu ihm hinüberzugehen, fühlte sich noch immer wie eine unüberwindbare Hürde an. Also überließ ich ihm lieber den nächsten Schritt. Vielleicht würde er verstehen, was ich meinte. Vielleicht würde er einfach aus dem Busch kommen. Vielleicht würde er auch weiterhin dort stehen bleiben und mich aus seiner Maske heraus ansehen.
      Ich wusste es nicht.
      Meine Nervosität hatte jedenfalls kein bisschen nachgelassen. Im Gegenteil. Jetzt, wo er tatsächlich vor mir stand, fühlte sich alles noch realer an. Kitsune war kein Name mehr auf meinem Handy. Er war eine Person. Ein Mensch, der tatsächlich vor mir stand. Und er kannte jetzt auch mein Gesicht. Zum ersten Mal gab es nichts mehr, was uns voneinander trennte. Keine Bildschirme, keine Benutzernamen und keine sichere Distanz, hinter der wir uns verstecken konnten. Wir befanden uns im selben Umkreis. Wir wussten voneinander. Und auch wenn ich noch immer kaum glauben konnte, dass dieser maskierte Junge tatsächlich Alex Miller war, wusste ich, dass wir den schwierigsten Schritt bereits hinter uns hatten. Wir waren gekommen. Beide. Jetzt mussten wir nur noch den Mut finden, aufeinander zuzugehen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das feuchte Holz der Lorbeerhecke knackte leise, als ich mich langsam aufrichtete. Jeder einzelne Muskel in meinem Torso schrie auf, und ein messerscharfer Schmerz schoss durch meine gebrochenen Rippen, als ich mich zwingend langsam aus dem Dickicht schob.
      Ein kurzes, verlegenes Lachen entwich meiner kehligen Brust – gedämpft durch das Plastik der Kitsune-Maske. Es klang hohl, fast ein wenig verzweifelt, aber es war das Einzige, was ich gegen das donnernde Rasen meines Herzens ausrichten konnte.
      „Tut... tut mir leid“, brachte ich rau heraus, während meine Stimme unter der Maske leicht hallte. Ich machte zwei vorsichtige Schritte auf sie zu, humpelte leicht, versuchte aber krampfhaft, das Hinken zu verbergen. „Ich... ich wollte dich wirklich nicht erschrecken. Scheiße. Hallo, Moony.“
      Da stand sie. Nur wenige Meter von mir entfernt. Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid, das sanft im Wind wehte, und hielt ihre Tasche fest umklammert. Sie sah so rein aus, so unberührt von all dem Dreck und der Gewalt, die meine Welt ausmachten. Sie hatte mir gewunken, ganz zögerlich, und auf die Bibliothek gedeutet. Sie war nicht weggelaufen. Sie war tatsächlich geblieben.
      Ich blieb kurz vor ihr stehen, den Kopf gesenkt, während mein Atem schwer durch die Schlitze der Fuchsnase strömte. Das war der Moment. Das war die Sekunde, in der das Phantom starb und die ungeschminkte, grausame Realität das Licht der Welt erblickte.
      „Du hast mir dein Wort gegeben... und du bist wirklich hier“, flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr.
      Meine zitternde rechte Hand hob sich langsam. Die Finger krampften sich um den Rand der weißen Kunststoffmaske. Die Wunde an meinem Hinterkopf pochte wie wahnsinnig unter dem Zug des Gummibandes. Ich holte noch einmal tief Luft, schloss die Augen und zog die Kitsune-Maske langsam nach oben ab.
      Das kühle Tageslicht traf meine Haut – und enthüllte das Schlachtfeld meines Gesichts.
      Es war ein furchtbarer Anblick. Mein linkes Auge war zwar nicht mehr ganz zugeschwollen, sodass ich es zumindest wieder einen Spaltbreit öffnen und sie sehen konnte, aber die Haut darum war eine verhärtete Landkarte aus tiefen, dunkelvioletten und grün-gelben Hämatomen. Meine Unterlippe war geplatzt und scharlachrot verkrustet, an meiner linken Wange klebte eine trockene Schürfwunde, und über meinem rechten Jochbein zeichnete sich ein weiterer, dicker blauer Fleck ab. Ich sah aus, als wäre ich durch einen Fleischwolf gedreht worden.
      Ich senkte den Blick verlegen auf die Maske in meinen Händen, unfähig, ihren Blick im ersten Moment auszuhalten. Die Scham brannte heißer in mir als die Verletzungen.
      „Ich... das mit dem Magen-Darm-Infekt war gelogen“, gestand ich leise, die Stimme brüchig und rauchig. Ich versuchte zu lächeln, aber die geplatzte Lippe schmerzte zu sehr. „Das hier ist der wahre Grund, warum ich mich versteckt habe. Aber ich wollte dir das nicht am Telefon schreiben. Ich... ich konnte einfach nicht.“
      Langsam zwang ich mich, den Kopf zu heben und sie richtig anzusehen. Bisher hatte ich immer nur „Moony“ vor Augen gehabt – ein abstraktes Bild eines einfühlsamen Mädchens aus dem Internet. Ich kannte ihren echten Namen nicht einmal.
      Doch als mein rechtes Auge und mein geschundenes linkes Auge ihr Gesicht endlich klar erfassten, durchzuckte mich ein plötzlicher Blitz des Wiedererkennens.
      Warte.
      Mein Atem stockte. Dieses Gesicht. Die sanften Züge, die schlichte, unaufdringliche Art, die Art, wie sie die Schultern leicht nach innen zog...
      Ich kannte sie.
      Ein Bild schoss mir durch den Kopf – eine Erinnerung aus dem grauen Schulalltag, den ich sonst so gründlich auszublenden versuchte. Das Schulgelände. Die hölzerne Bank am Rande des Hofes, weit weg von den lärmenden Cliquen, weit weg von Marcus, den Cheerleadern und den Fußballern. Dort saß immer ein Mädchen. Stille. Unsichtbar für die meisten. Sie hatte fast immer einen Stift in der Hand und zeichnete konzentriert auf ein weißes Papier.
      Das Mädchen mit dem Skizzenblock.
      Eine Welle von schierer Faszination und gleichzeitiger Erleichterung spülte durch meine Brust. Sie war es. Die stille Zeichnerin, die nie jemandem etwas getan hatte, die nie Teil des giftigen Tratsches gewesen war, die einfach nur in ihrer eigenen, kreativen Welt lebte. Sie war kein Cheerleader. Sie war keine Freundin der Typen aus meinem Team. Sie war die Person auf dem Schulhof, die ich manchmal aus der Entfernung beobachtet hatte, während ich meinen eigenen Ruf als harter Kapitän ausspielen musste – und deren Ruhe ich insgeheim immer beneidet hatte.
      Ein leises, fast ungläubiges Schnauben entwich meiner Kehle.
      „Du...“, flüsterte ich und sah sie mit einer Mischung aus Erstaunen und tiefer Ehrfurcht an. „Du bist das Mädchen von der Bank. Das Mädchen mit dem Skizzenblock.“
      Ich strich mir fahrig mit der freien Hand über die Stirn, achtete peinlich genau darauf, nicht an die genähte Platzwunde am Hinterkopf zu stoßen, und blickte sie an.
      „Ich kenne deinen echten Namen gar nicht...“, gab ich leise zu, während der Wind leicht durch die Blätter der Bäume strich. „Ich weiß nur, wer du in den Pausen bist. Und ich weiß, dass du die Letzte auf dieser verfluchten Schule bist, die verdient hätte, mit meinem Scheiß belästigt zu werden.“
      Ich machte ein paar schmerzhafte Schritte zur Seite, weg vom Gebüsch, und deutete mit der Maske in meiner Hand vage zu den großen Flügeltüren der Bibliothek hinüber. Der Weg dahin fühlte sich an wie ein Meilenstein, aber zum ersten Mal seit Tagen spürte ich nicht nur Angst, sondern auch einen klitzekleinen Funken Hoffnung.
      „Wollen wir... wollen wir reingehen?“, fragte ich leise und versuchte, meiner Stimme einen festen Klang zu verleihen, obwohl jede Faser meines Körpers vor Erschöpfung schrie. „Hier draußen... sieht mich vielleicht doch noch jemand. Und ich glaube, wir haben uns eine Menge zu erzählen.“
    • Es war das erste Mal, dass ich seine Stimme wirklich bewusst hörte. Nun, ganz stimmte das natürlich nicht. Ich hatte sie schon einmal in der Schule gehört, schließlich war Alex kaum zu übersehen, doch bisher hatte ich nie einen Grund gehabt, auf seine Stimme zu achten. Er war für mich nie mehr als ein Name gewesen, ein Gesicht aus einer Menschenmenge, das ich höchstens aus sicherer Entfernung wahrgenommen hatte. Jetzt jedoch stand er direkt vor mir und sprach mich mit einer Stimme an, die mir gleichzeitig fremd und seltsam vertraut vorkam. Zwei verschiedene Welten prallten in diesem Moment aufeinander. Alex Miller und Kitsune. Zwei Namen, die bisher in meinem Kopf zu zwei völlig unterschiedlichen Menschen gehört hatten und die nun plötzlich ein und dieselbe Person waren. Ein Teil von mir war noch immer mit dieser Erkenntnis überfordert. Und ihn nun tatsächlich „Moony“ nennen zu hören, meinen Namen, den er bisher nur aus unseren Nachrichten kannte, fühlte sich eigenartig an. Fast intim. Auf eine ungewohnte, aber nicht unangenehme Weise.
      „Natürlich“, sagte ich leise und schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln. Ein Versprechen war schließlich ein Versprechen. Und die wenigen Sekunden, die seit seinem Auftauchen vergangen waren, waren überraschend unspektakulär geblieben. Ich stand noch immer hier. Er stand vor mir. Niemand war schreiend davongelaufen, niemand hatte eine peinliche Bemerkung gemacht und ich hatte mich auch noch nicht vor Nervosität in Luft aufgelöst. Eigentlich lief es besser, als ich erwartet hatte. Natürlich schwirrten mir noch immer all die Gerüchte über Alex durch den Kopf. Dinge, die ich gehört hatte, ohne jemals zu wissen, was davon wirklich stimmte. Doch ich wollte ihn nicht sofort in irgendeine Schublade stecken. Nicht nachdem er mir von sich erzählt hatte. Nicht nachdem er mir seine Ängste, seine Einsamkeit und all das, was er sonst vor anderen verbarg, anvertraut hatte.
      Dann veränderte sich die Atmosphäre mit einem einzigen Handgriff. Alex zog seine Kitsune-Maske ab. Ich erstarrte. Für einen Moment wusste ich nicht einmal, wie ich reagieren sollte. Der Anblick vor mir passte so wenig zu dem Jungen, den ich bisher aus seinen Nachrichten kannte. Die Spuren der Gewalt waren deutlich in seinem Gesicht zu erkennen. Keine harmlose Migräne. Kein Magen-Darm-Infekt. Er hatte mir nicht die ganze Wahrheit erzählt. Oder besser gesagt: Er hatte sie mir erzählt, aber ich hatte sie nicht in ihrer tatsächlichen Bedeutung verstanden.
      Scharf sog ich die Luft ein. Meine Augen weiteten sich und reflexartig presste ich beide Hände vor meinen Mund. Mein erster Impuls war, nach ihm zu greifen. Ihn irgendwie zu berühren, vielleicht nur an der Schulter, um ihm zu zeigen, dass ich da war. Doch meine Hand blieb mitten in der Bewegung stehen. Ich zog sie wieder zurück. Ich wusste nicht, ob ich ihn überhaupt berühren durfte.
      Waren es beide Eltern? Wenn nicht, warum sagte der andere nichts? Wie konnte jemand seinem eigenen Kind so etwas antun? Wie konnte man zusehen, wie jemand verletzt wurde, und einfach schweigen?
      Fragen schossen mir durch den Kopf. Eine nach der anderen, schneller, als ich sie überhaupt verarbeiten konnte. Es fühlte sich an, als hätte jemand einen Sturm in meinem Kopf entfesselt. Und gleichzeitig wurde mir etwas anderes bewusst. Er war trotzdem hierhergekommen. Trotz allem, was passiert war. Trotz der Schmerzen, von denen ich nun wusste, dass sie weitaus schlimmer waren, als ich angenommen hatte. Er hatte sich hierhergeschleppt, weil er mich treffen wollte. Weil er sein Versprechen halten wollte. Weil er unsere Nachhilfe nicht absagen wollte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich hatte selten so starke negative Gefühle gegenüber einem Menschen empfunden. Eigentlich konnte ich mich kaum daran erinnern, jemals wirklich Wut auf jemanden verspürt zu haben. Doch jetzt brannte etwas in meiner Brust. Meine Hände fühlten sich beinahe elektrisch an, als würde mein ganzer Körper unter Spannung stehen. Ich wollte nicht, dass er wieder nach Hause musste. Doch genau das war vermutlich der Ort, an den ich ihn auf keinen Fall zurückschicken wollte. Bevor ich mich jedoch mit all diesen Gefühlen auseinandersetzen konnte, wechselte Alex plötzlich das Thema. Verwirrt blinzelte ich ihn an. Er hatte mich auf dem Schulhof gesehen? Die Erkenntnis ließ augenblicklich Wärme in meine Wangen steigen. Ich wusste nicht einmal, warum mich das so verlegen machte. Vielleicht lag es daran, dass ich mir nie vorgestellt hatte, dass jemand wie Alex Miller überhaupt Notiz von mir nahm. Ich war schließlich niemand, der auffiel. Niemand, dessen Anwesenheit man sich merkte.
      „Sag doch sowas nicht“, murmelte ich und zog leicht die Augenbrauen zusammen. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass er recht hatte. Wir sollten nicht ewig hier draußen stehen bleiben.
      „Mhm“, machte ich leise und nickte. Ich ging zur Tür und hielt sie ihm auf. Dabei achtete ich unauffällig auf seine Bewegungen. Ich wusste nicht, ob er irgendwo weitere Schmerzen hatte, die ich nicht sehen konnte, und wollte ihm zumindest den Weg so angenehm wie möglich machen.
      Als wir die Bibliothek betraten, umfing uns sofort eine angenehme Ruhe. Die Geräusche von draußen schienen mit einem Mal weit entfernt. Gedämpftes Licht fiel durch die hohen Fenster und legte sich in weichen Streifen auf den Holzboden. Der Geruch von alten Büchern, Papier und diesem ganz eigenen, warmen Duft, den Bibliotheken irgendwie immer hatten, lag in der Luft. Die Regale erstreckten sich über mehrere Wände, dicht an dicht mit Büchern gefüllt, während vereinzelte Leselampen kleine Inseln aus warmem Licht auf den Tischen bildeten.
      Nur ein oder zwei Schüler saßen weiter unten zwischen den Regalen und waren so vertieft in ihre Bücher, dass sie uns kaum beachteten. Es war beinahe friedlich.
      „Lass uns hochgehen“, flüsterte ich und passte meine Schritte automatisch an seine Geschwindigkeit an.
      Oben angekommen, steuerte ich einen Bereich mit Sitzplätzen nahe einem großen Fenster an. Hier fiel genug Sonnenlicht herein, um den Raum angenehm hell und warm wirken zu lassen. Gleichzeitig war niemand in unserer Nähe. Perfekt. Ich setzte mich auf die rechte Seite des Tisches und stellte meine Tasche auf den freien Stuhl neben mir. Mein Blick wanderte kurz zu Alex. Ich beobachtete seine Bewegungen, ohne es offensichtlich wirken lassen zu wollen. Jede kleine Veränderung seiner Haltung, jedes vorsichtige Bewegen seiner Schultern ließ mich darüber nachdenken, wo er vielleicht noch Schmerzen hatte. Ich konnte ihn nicht danach fragen. Wer sprach schon gerne freiwillig über so etwas? Vor allem dann, wenn es um eine Zeit ging, in der man selbst das Opfer gewesen war und vielleicht noch immer war. Meine Hände waren gebunden. Alles, was ich ihm anbieten konnte, waren meine Ohren. Ich konnte seine Vergangenheit nicht ändern. Ich konnte seine Eltern nicht zur Vernunft bringen. Ich konnte nicht einfach die Gerüchte über ihn aus der Welt schaffen. Aber ich konnte zuhören.
      Mein rechter Zeigefinger begann unruhig auf die Tischplatte zu tippen. Ein leises, gleichmäßiges Geräusch, das in der Stille der Bibliothek kaum wahrnehmbar war. Ich starrte ihn an. Und plötzlich konnte ich es nicht mehr ansehen. Nicht, weil ich ihn ekelhaft fand. Ganz im Gegenteil. Es tat mir einfach weh, ihn so vor mir sitzen zu sehen.
      Ich stützte beide Hände auf die Tischplatte und stand auf. Dabei schob ich den Stuhl durch meine Bewegung ein Stück nach hinten. Alex sah mich vermutlich fragend an, doch ich sagte zunächst nichts. Stattdessen griff ich in meine Tasche und öffnete unauffällig mein Portemonnaie. Ich nahm etwas Geld heraus und schloss es wieder, sodass er möglichst nicht sehen konnte, was ich vorhatte.
      „Warte“, sagte ich nur. Ich ging um den Tisch herum, blieb jedoch nach wenigen Schritten wieder stehen. Ich erinnerte mich an das, was er mir erzählt hatte. An seine Angst. Daran, dass er sich ohnehin schwer damit tat, anderen zu vertrauen. „Ich bin gleich zurück“, versicherte ich ihm leise.
      Dann ging ich schnellen Schrittes die Treppe hinunter. Meine Tasche ließ ich bei ihm. Ich bezweifelte, dass er darin herumwühlen würde. Und selbst wenn, gab es darin nichts, was wirklich geheim gewesen wäre.
      Auf dem Weg zur Bibliothek war mir ein kleiner Supermarkt aufgefallen. Ich steuerte direkt darauf zu. Meine unsportliche Kondition machte sich allerdings schon nach wenigen Minuten bemerkbar. Ich wollte eigentlich schnell sein, doch meine Lunge hatte offenbar andere Pläne. Trotzdem beeilte ich mich.
      Ich ging direkt zu den Regalen mit Medikamenten und Dingen für kleinere Verletzungen und begann, alles einzusammeln, was mir irgendwie sinnvoll erschien. Ein Kühlpack. Eine Creme für Wunden. Desinfektionsmittel. Eine Kräutercreme, die bei Kopfschmerzen helfen sollte. Etwas, das ihm beim Einschlafen helfen konnte.
      Während ich zur Kasse ging, blieb mein Blick an einem Kühlschrank hängen. Wasser. Ich nahm zwei Flaschen heraus und griff anschließend noch nach vier verschiedenen Sandwiches. Ich wusste nicht, ob er überhaupt Hunger hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wann er zuletzt vernünftig gegessen hatte. Also lieber zu viel als zu wenig.
      An der Kasse bezahlte ich und verstaute alles in einer Plastiktüte. Erst danach fiel mir ein, dass ich mein Handy in meiner Tasche gelassen hatte. Ich wusste nicht, wo sich die nächste Apotheke befand. Also fragte ich die Kassiererin. Sie erklärte mir den Weg, und kaum hatte ich mich bedankt, machte ich mich erneut auf den Weg. Diesmal joggte ich tatsächlich.
      Schon nach kurzer Zeit brannten meine Beine. Meine Atmung wurde schwerer und meine Knie fühlten sich an, als würden sie bei jedem Schritt ein wenig weicher werden. Ich hasste Sport. Ich hasste ihn wirklich. Aber ich wollte Alex nicht unnötig lange warten lassen.
      Als ich endlich die Apotheke erreichte, kaufte ich noch eine Packung Schmerzmittel, mit hoher Dosis, und machte mich sofort wieder auf den Rückweg.
      Die letzten Meter zur Bibliothek fühlten sich an wie ein Marathon. Als ich schließlich die Treppen erreichte, zitterten meine Beine bereits. Oben angekommen musste ich mich kurz an der Wand abstützen. Ich atmete tief ein, doch meine Lunge protestierte sofort mit einem stechenden Schmerz.
      „Nie wieder Sport“, murmelte ich keuchend vor mich hin. Ich hasste Sport wirklich.
      Mit schwerer Atmung und brennendem Hals ließ ich mich auf den Stuhl fallen. Mein Herz raste noch immer und ich brauchte einige Sekunden, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Dann stellte ich die Plastiktüte auf den Tisch. Nach und nach holte ich die Sachen heraus und verteilte sie vor Alex. Das Wasser. Die Sandwiches. Das Kühlpack. Die Cremes. Das Desinfektionsmittel. Die restlichen Sachen und schließlich die Schmerzmittel. Ich sah kurz auf die kleine Sammlung vor uns. Dann zu ihm.
      „Hier“, sagte ich schlicht und deutete auf die Sachen. Mehr brachte ich in diesem Moment nicht heraus.
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    • Ein mattes, fast ungläubiges Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Jede einzelne Muskelfaser in meinem Gesicht protestierte gegen die Bewegung, die geplatzte Unterlippe brannte wie Feuer, aber in diesem einen Augenblick war der Schmerz vollkommen egal.
      Es tat einfach unsagbar gut.
      Sie zu sehen. Die sanften, ruhigen Konturen ihres Gesichts nicht mehr nur hinter dem kalten Glas eines Bildschirms zu vermuten, sondern sie wahrhaftig vor mir zu haben. Sie zu hören – diese leise, angenehme Stimme, die sich so wohltuend von dem ständigen Geschrei und dem Lärm in meinem Leben abhob. Selbst der subtile, frische Duft nach Jasmin und weicher Baumwolle, der sie umgab, wirkte wie ein beruhigendes Serum auf meine überreizten Nerven. Sie war eine vertraute und zugleich völlig fremde Person. Ein Anker in einem Ozean aus Chaos.
      Als sie vanging und mir die schwere Tür der Bibliothek aufhielt, zwang ich mich zu einer aufrechten Haltung. Ich spannt die Bauchmuskeln an, um das Hinken zu unterdrücken, doch der Schmerz schoss bei jedem Schritt wie flüssiges Feuer durch meine linke Hüfte bis hoch in die Rippen. Ein leises, kaum hörbares Zischen entwich mir. Es war eine verdammte Gratwanderung. Unter dem übergroßen, schwarzen Kapuzenpullover verbarg sich ein Trümmerfeld, und ich bildete mir gar nicht erst ein, dass ich es perfekt kaschieren konnte. Jeder, der mich länger als zwei Sekunden beobachtete, musste sehen, dass ich gewaltig eingesteckt hatte.
      Wir stiegen die Treppe nach oben. Schritt für Schritt. Ich hielt mich am hölzernen Handlauf fest, krampfhaft, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, während meine Lunge bei jedem tieferen Atemzug von den gebrochenen Rippen eingequetscht wurde. Doch ich wollte nicht schlappmachen. Nicht vor ihr.
      Oben angekommen steuerten wir den abgelegenen Tisch am Fenster an. Die Sonne schob ihre dicken, goldenen Strahlen durch das Glas und tauchte den hölzernen Boden in ein warmes Licht. Sie setzte sich, stellte ihre Tasche ab, und für einen kurzen Moment herrschte diese dichte, fast greifbare Stille zwischen uns. Ich sah, wie ihr rechter Zeigefinger unruhig auf der Tischplatte tippte. Ein leises Klack-Klack-Klack. Sie war nervös. Und sie litt mit mir. Ich konnte es in ihren Augen sehen. Es war ein Blick, den mir noch nie jemand geschenkt hatte – keine Verachtung, kein Ekel, sondern reines, schmerzhaftes Mitgefühl.
      Plötzlich stand sie auf.
      Verwirrt blinzelte ich sie an. Mein verletztes Auge brannte, als sie an ihre Tasche griff, hektisch etwas Kleines herausholte und um den Tisch herummarschierte. Ein kalter Stich der Panik zuckte kurz durch meine Brust. Geht sie? Hat sie es sich anders überlegt? Ist der Anblick meines Gesichts doch zu viel für sie?
      „Warte“, sagte sie leise. Und dann: „Ich bin gleich zurück.“
      Sie drehte sich um und hastete die Treppe hinunter.
      Ich blieb alleine am Tisch zurück. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, raste gegen die geprellten Knochen meines Brustkorbs. Für ein paar Sekunden belagerte mich die düstere Befürchtung, dass sie einfach verschwinden würde. Dass sie die Flucht ergriffen hatte, weil die Realität von Alex Miller nicht in ihre Welt passte. Doch dann fiel mein Blick auf ihren Stuhl.
      Ihre Tasche stand noch da.
      Sie hatte ihre Schultasche, ihr Geschichtsbuch, ihr Portemonnaie und all ihre Sachen hiergelassen. Ein tiefer, rasselnder Atemzug entwich meiner Brust. Sie würde wiederkommen. Sie hatte mich nicht im Stich gelassen.
      Die Stille der oberen Etage umhüllte mich wie eine dichte Decke. Unten hörte man nur das vereinzelte Umblättern einer Buchseite. Ich war völlig ungestört.
      Die Hitze in meinem Körper war mittlerweile unerträglich geworden. Der dicke Kapuzenpullover stauchte die Wärme auf meiner geschundenen Haut, und der Stoff rieb bei jeder kleinsten Bewegung wie Schmirgelpapier an den verkrusteten Wunden. Ich musste dieses Teil ausziehen. Egal wie weh es tat.
      Ich griff mit zitternden Händen nach dem Saum des Sweaters. Schon das erste Anheben der Arme brachte mich an die Grenze meiner Belastbarkeit. Ein stummer Schrei blieb mir im Hals stecken, als die gebrochenen Rippen auf der linken Seite gegeneinander rieben. Kalter Schweiß brach mir auf der Stirn aus.
      „Fu... ck“, flüsterte ich lautlos durch die zusammengepressten Zähne.
      Ich verharrte einige Sekunden in der Bewegung, die Arme halb angewinkelt, der Kopf im Stoff verfangen, während vor meinen Augen schwarze Punkte tanzten. Mein Kreislauf drohte wegzusacken. Doch ich zwang mich durch den Schmerz. Mit einer letzten, zitternden Kraftanstrengung zog ich den Pullover über meinen Kopf und ließ ihn schwer auf den freien Stuhl neben mir fallen.
      Ich trug kein T-Shirt darunter.
      Erst jetzt, befreit von dem dicken Stoff, strich die kühle Luft der Bibliothek über meinen nackten Oberkörper. Es war ein Erleichterungsschock. Doch der Anblick, der sich mir bot, war grauenerregend.
      Neben den Tischreihen hing an einer der massiven Eichensäulen ein alter, leicht blinder Wandspiegel. Ich schleppte mich die zwei Schritte hinüber, stützte mich mit der rechten Hand am Holzrahmen ab und sah hinein.
      Das Licht, das durch das große Fenster fiel, sparte nichts aus.
      Es war brutal. Mein gesamter Torso sah aus wie das Schlachtfeld eines gescheiterten Krieges. Meine linke Flanke war eine einzige, pechschwarze und tiefviolette Verfärbung, die sich von den untersten Rippen bis hoch unter die Achsel zog. Über dem Brustbein zeichneten sich dicke, gelb-grüne Flecken ab – die Spuren von Tritten und Fäusten. Zwischen all den frischen Hämatomen schimmerten im harten Sonnenlicht die alten, blassen Narben durch. Feine, weiße Linien, die sich wie stumme Zeugen meiner Vergangenheit über meine Haut zogen.
      Ich sah nicht aus wie ein schöner, beliebter Junge aus der Oberstufe. Ich sah nicht aus wie der selbstbewusste Kapitän, den ich in der Schule vorspielte. Ich sah aus wie ein Wrack. Wie eine Hülle, die von innen heraus zerschmettert worden war. Ein Junge, der kurz vor der Volljährigkeit stand, aber der hilfloser war als je zuvor.
      Ich starrte mein Spiegelbild an, fasste mir vorsichtig an die Schläfe und versuchte, die Verzweiflung herunterzuschlucken, die wie Galle in meiner Kehle aufstieg. Wie soll ich das jemals erklären? Wie soll ich überhaupt weiterleben, wenn das nie aufhört?
      Plötzlich durchbrach ein leises, schnelles Schluffen von Schritten die Stille der Treppe.
      Ich erstarrte im Spiegelbild. Panik schoss mir durch die Adern. Ich wollte nach dem Pullover greifen, wollte mich verdecken, wollte verhindern, dass irgendjemand – besonders sie – mich in diesem Zustand sah. Aber mein Körper gehorchte mir nicht schnell genug. Jede hastige Bewegung blockierte sofort durch den Stechschmerz in meiner Seite.
      Ich drehte mich langsam um.
      Da stand sie.
      Sie stand am oberen Ende der Treppe, völlig außer Atem. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Brust hob und senkte sich in schnellen, hektischen Zügen, und einzelne Strähnen ihres Haares klebten an ihrer Stirn. In ihren Händen hielt sie eine prall gefüllte Plastiktüte.
      Sie war gelaufen. Sie war tatsächlich für mich gerannt.
      Ich blieb wie angewurzelt stehen – oberkörperfrei, mitten im Sonnenlicht, mein geschundener, bunter Torso vollkommen ungeschützt und bloßgestellt. Die Wunden lagen offen vor ihr. Ich konnte mich nicht mehr verstecken. Keine Kitsune-Maske, kein schwarzer Hoody, keine Lügen mehr.
      Sie sagte nichts, während sie auf den Tisch zuging. Sie wirkte fast wie in Trance, geplagt von ihrer eigenen Atemlosigkeit. Mit zitternden Beinen ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen, keuchte leise vor sich hin und knallte die Tüte auf das Holz.
      Dann begann sie auszupacken.
      Ich beobachtete sie mit weit aufgerissenen Augen, unfähig, auch nur ein einziges Wort herauszubringen.
      Eine Flasche Wasser. Noch eine Flasche Wasser. Vier verschiedene Sandwiches. Ein Kühlpack. Eine Tube Wundcreme. Desinfektionsmittel. Eine Kräutersalbe gegen Kopfschmerzen. Und schließlich eine Packung starker Schmerzmittel.
      Sie hatte den halben Laden leergekauft. Sie war in einen Supermarkt gerannt, hatte sich das alles besorgt, war wahrscheinlich weiter zu einer Apotheke gehetzt – nur um mir zu helfen. Nur um mir etwas zu essen zu bringen, weil sie vermutet hatte, dass ich hungrig war. Nur um mir die Schmerzen zu nehmen.
      „Hier“, sagte sie schlicht und deutete mit einer kleinen, erschöpften Handbewegung auf die Ansammlung vor uns.
      Das war alles. Kein langer Vortrag. Keine bohrenden Fragen, wer mir das angetan hatte. Keine Anschuldigungen, warum ich sie angelogen hatte. Nur dieses eine, leise Wort und der Stapel an Hilfeleistungen auf dem Tisch.
      Ich starrte auf die Sachen. Dann hob ich langsam den Blick und sah sie direkt an.
      Meine Brust verengte sich, aber diesmal lag es nicht an den gebrochenen Rippen. Es war ein tiefes, überwältigendes Gefühl, das mich wie eine Flutwelle überrollte. Ich hatte in meinem gesamten Leben noch nie erlebt, dass sich jemand solche Sorgen um mich gemacht hatte. Niemand hatte jemals Geld für mich ausgegeben, um mir Schmerzmittel zu kaufen. Niemand war für mich gerannt, bis ihm die Lunge brannte. Für meine Mutter war ich nur ein Sandsack oder ein Störfaktor gewesen, für Marcus und die anderen ein Vorzeigeathlet, der zu funktionieren hatte.
      Aber für sie... für Moony... war ich einfach nur Alex. Ein Junge, der blutete und Hilfe brauchte.
      Ich machte zwei zögerliche Schritte auf den Tisch zu, wobei ich meine Arme leicht vor den Oberkörper schob, um die dunkelsten Flecken zumindest ansatzweise zu verdecken. Aber es war zwecklos. Sie hatte alles gesehen.
      „Du...“, meine Stimme versagte völlig. Sie war heiser, brüchig und zitterte spürbar. Ich schluckte schwer, um den Kloß in meinem Hals hinunterzudrücken. „Du bist bekloppt... du bist wirklich vollkommen verrückt.“
      Ein leises, brüchiges Lachen entkam meiner Kehle, gefolgt von einem stechenden Schmerz in meiner Seite, der mich leicht zusammenzucken ließ. Ich stützte mich mit der rechten Hand auf der Stuhllehne ab und sah auf das Arsenal an Medikamenten.
      „Du bist gerannt...“, flüsterte ich und sah ihr tief in die Augen. Das unversehrte rechte Auge und das tiefblau geschwollene linke Auge fixierten sie mit einer Intensität, die ich selbst nicht mehr steuern konnte. „Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Niemand... absolut niemand hat jemals so etwas für mich getan.“
      Ich wusste nicht, wie ihre Stimme klang, wenn sie normal sprach – ich hatte sie ja eben da draußen zum allerersten Mal überhaupt in meinem Leben bewusst gehört. Dieses eine, leise „Hier“ und ihr kurzes „Warte“ vorhin waren die einzigen Fragmente ihrer Stimme, die ich besaß. Aber dieser Klang reichte aus, um sich für immer in mein Gedächtnis zu brennen.
      Ich ließ mich langsam und extrem vorsichtig auf den Stuhl gegenüber von ihr sinken. Das Holz knarrte leise. Jede Bewegung war eine Qual, aber das Gefühl der Dankbarkeit war in diesem Moment tausendmal stärker als der körperliche Schmerz.
      Ich griff mit zitternden Fingern nach der Schachtel mit den Schmerzmitteln, hob sie an und sah die Pillenpackung an, als wäre sie aus purem Gold. Dann sah ich wieder zu ihr auf.
      „Danke, Selene“, flüsterte ich ganz leise, während mir zum ersten Mal seit Jahren heiße Tränen in die Augen stiegen, die ich mühsam zurückzuhalten versuchte. „Danke... Moony.“
    • Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich zumindest halbwegs von meinem kleinen Sprint durch die Gegend erholt hatte. Ich trieb schließlich keinen Sport. Ich hatte auch keinen Grund dazu. Der Sportunterricht in der Schule war für mich mehr als ausreichend, um meinen Körper regelmäßig daran zu erinnern, wie wenig ich Bewegung mochte. Meine Ausdauer war dementsprechend eine reine Katastrophe, und das bisschen Beeilen vorhin hatte mir wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, warum ich Sport so sehr hasste. Meine Lunge fühlte sich noch immer an, als würde sie mir meinen Verrat übelnehmen.
      Erst jetzt war ich überhaupt wieder in der Lage, meine Aufmerksamkeit vollständig auf Alex zu richten. Ihn wirklich wahrzunehmen. Ihn anzusehen, ohne dabei hauptsächlich damit beschäftigt zu sein, wieder normal atmen zu können. nUnd erst dabei fiel mir auf, dass er seinen Pullover gar nicht mehr trug. Er saß mit nacktem Oberkörper vor mir. Mein Blick blieb für einen Moment an ihm hängen, bevor ich hastig zur Seite sah. Ich hatte noch nie einen halb nackten Menschen so nah vor mir gehabt. Ehrlich gesagt wusste ich nicht einmal, wohin ich schauen sollte, ohne dabei unangenehm zu wirken. Also konzentrierte ich mich zwanghaft auf sein Gesicht und bereute es im nächsten Moment beinahe genauso sehr. Die dunklen Verfärbungen auf seiner Haut waren nicht zu übersehen. Jetzt, wo ich sie aus der Nähe sah, wirkten sie noch grausamer. Blaue, violette und dunkle Stellen zogen sich über seinen Körper und bestätigten all das, was ich zuvor nur befürchtet hatte.
      Was um alles in der Welt war passiert? War wirklich niemand gekommen? Warum war er nicht im Krankenhaus? Wie konnte er überhaupt hier sitzen? Wie konnte er so tun, als wäre eine Nachhilfestunde das Wichtigste, während sein Körper so offensichtlich etwas völlig anderes sagte?
      Die Fragen überschwemmten mich, eine nach der anderen, doch ich hielt mich zurück. Ich konnte ihn nicht einfach mit ihnen überfallen. Das hier war ein sensibles Thema. Ein schreckliches Thema. Und wer war ich, dass ich ihn dazu drängen konnte, mir alles zu erzählen?
      Ich kannte die Umstände nicht. Ich wusste nicht, was genau passiert war oder warum. Also würde ich keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich würde auf Alex warten. Darauf, dass er sich von selbst öffnete, wenn er bereit dazu war. Doch es war schrecklich, sein Leid so deutlich vor mir zu sehen und gleichzeitig nichts dagegen tun zu können. Er sollte eigentlich gar nicht hier sitzen. Viel eher sollte er in einem Krankenhaus liegen und von einem Arzt untersucht werden. Ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, unter welchen Schmerzen er gerade leiden musste.
      Als Alex mich dann auch noch als bekloppt bezeichnete, konnte ich ein ungläubiges Kopfschütteln und ein kleines Grinsen nicht unterdrücken. Ein einfaches Danke hätte es auch getan, dachte ich schmunzelnd. Aber aufgrund seines Zustandes verzieh ich es ihm. Das kleine Schmunzeln verschwand jedoch wieder, als er mich direkt ansah. Mit seinem verletzten Auge. Den aufgerissenen Lippen. Den weiteren Wunden, die sich unmöglich übersehen ließen. Ja, ich war gerannt. Für meine Verhältnisse sogar ziemlich schnell. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was er gerade durchmachte. Also gab ich ihm Zeit. Zeit, sich zu setzen. Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Zeit, mit dem zurechtzukommen, was gerade zwischen uns stand. Ich selbst brauchte diese Zeit schließlich genauso. Noch immer versuchte ich zu begreifen, dass der Junge vor mir tatsächlich Kitsune war. Die Person, mit der ich über Wochen hinweg geschrieben hatte. Derjenige, dem ich Dinge erzählt hatte, die ich sonst niemandem anvertraute. Und jetzt saß er tatsächlich vor mir.
      Als er schließlich meinen Namen aussprach, fühlte es sich eigenartig an. Befremdlich. Fast so, als würde dieser Name gar nicht wirklich zu mir gehören. Es war lange her, dass jemand meinen Namen ausgesprochen hatte. Noch länger war es her, dass sich jemand bei mir bedankt hatte. Ich versuchte, ihm ein kleines Lächeln zu schenken.
      „Bitte.“
      Mehr fiel mir zunächst nicht ein. Ich räusperte mich leise. Wenn ich jetzt nichts sagte, würde uns wieder diese bedrückende Stille einhüllen. Und ich wollte diese Begegnung nicht noch belastender machen, als sie ohnehin schon war.
      „Ich wusste nicht, was du magst oder gegen was du allergisch bist, also habe ich einfach irgendetwas genommen.“ Ich deutete auf die Sandwiches.
      „Wenn dir nichts davon zusagt, sag mir einfach Bescheid.“ Ich sprach leise, beinahe vorsichtig.
      „Ich meine das ernst“, fügte ich noch hinzu, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass er genau das vermutlich nicht tun würde. Er würde wahrscheinlich lieber hungern, als mir Umstände zu machen. Ich seufzte leise und steckte das restliche Geld zurück in mein Portemonnaie.
      „Um ehrlich zu sein...“ Ich brach ab. Mein Blick wanderte kurz zu meiner Tasche, bevor ich wieder zu ihm sah.
      „Iss und trink erstmal etwas. Und nimm am besten auch die Tabletten.“
      Die Worte sprudelten beinahe aus mir heraus. Ich war nicht besonders gut darin, in solchen Situationen proaktiv zu sein. Eigentlich wusste ich gar nicht, was ich tun sollte. Die Nervosität, der Wunsch, ihm irgendwie zu helfen, und gleichzeitig die Angst, ihn mit Fragen zu bedrängen, vermischten sich miteinander.
      „Nur, wenn du möchtest, natürlich“, fügte ich schnell hinzu und räusperte mich. Ich traute mich nicht, ihn länger anzusehen. Nicht wegen seiner Verletzungen. Zumindest nicht nur. Es lag vielmehr daran, dass er für mich noch immer ein Fremder war. Auf eine seltsame Art war er gleichzeitig die vertrauteste und unbekannteste Person, die ich je getroffen hatte. Er war Kitsune. Und er war Alex. Allein das reichte schon aus, um mich nervös zu machen. Wahrscheinlich wäre ich bei jedem anderen Menschen genauso gewesen. Ich war einfach nicht daran gewöhnt, mich mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden oder ihnen dabei direkt in die Augen zu sehen.
      Doch gerade jetzt konnte ich nicht zulassen, dass meine Schüchternheit wichtiger wurde als sein Zustand. Er konnte so nicht lernen. Das musste ich ihm irgendwie erklären. Nur wie? Ich wollte nicht hart klingen. Nicht abweisend. Und vor allem wollte ich nicht, dass er das Gefühl bekam, die ganze Fahrt hierher, die ganze Überwindung und alles, was er mir anvertraut hatte, wäre umsonst gewesen. Aber wie sollte ich eine verletzte Person dazu bringen, sich zu konzentrieren? Das wäre absurd. Ich konnte mir vorstellen, dass er nicht nach Hause wollte. Und nach allem, was er mir erzählt hatte, verstand ich das sogar. Gleichzeitig war er in diesem Zustand vermutlich nicht einmal in der Lage, sich richtig auf den Lernstoff zu konzentrieren. Also musste ich einen anderen Weg finden. Vielleicht musste ich heute überhaupt nicht mit ihm lernen. Vielleicht konnte ich stattdessen herausfinden, was er eigentlich brauchte. Ich könnte meine eigenen Notizen machen. Aufschreiben, wann er aufgehört hatte, dem Unterricht zu folgen. Welchen Stoff er verpasst hatte. Welche Themen er nicht verstand. Wo seine Schwierigkeiten lagen. Ich könnte ihn später fragen, welche Lernmethoden er bisher ausprobiert hatte und was für ihn funktionierte. Dann wäre dieser Tag wenigstens nicht vollkommen verschwendet. Und morgen könnte ich mir in Ruhe einen Lernplan überlegen. Währenddessen konnte Alex sich erholen.
      Ich sah kurz auf die Sachen vor ihm und dann wieder zu ihm. Vielleicht war das im Moment das Beste, was ich für ihn tun konnte. Nicht ihn zum Lernen zu zwingen. Sondern ihm einfach einmal zu erlauben, nicht funktionieren zu müssen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ich sah, wie sie sich leise räusperte und wie verlegen sie reagierte, während sie mir erklärte, dass sie nicht gewusst hatte, was ich mochte, und deshalb einfach etwas von allem gekauft hatte. Ich sah auch, wie sie hastig den Blick abwandte, als ihr wieder vollkommen bewusst wurde, dass ich keinen Pullover trug und mein halber Oberkörper frei lag. In ihrer Haltung lag so viel Zurückhaltung, so viel vorsichtige Rumpfspannung, als wolle sie bloß keinen falschen Schritt machen.

      Ein leises, bitterbraunes Nicken war alles, was ich ihr im ersten Moment als Stummantwort geben konnte.

      Ich griff mit zitternden, kraftlosen Fingern nach der Plastikverpackung der Schmerzmittel. Meine Nägel schabten über den Karton, bis ich zwei der hochdosierten Tabletten herausgequetscht hatte. Meine Hand zitterte so stark, dass die Pillen beinahe auf den hölzernen Tisch fielen. Mit einer fast mechanischen Bewegung steckte ich sie mir in den Mund, drehte den Deckel der Wasserflasche ab und trank einen gierigen, großen Schluck. Das kühle Wasser brannte kurz in meiner aufgeplatzten Lippe, aber das Schmerzmittel glitt die Kehle hinunter.
      Zu den Sandwiches griff ich allerdings nicht.
      Mein Magen war ein einziger verhärteter Knoten. Allein bei dem Anblick der verpackten Brote drehte sich mir der Magen um – nicht, weil das Essen schlecht aussah, sondern weil mein Körper nach den Schlägen und dem Stress der letzten Tage überhaupt keine Nahrung annehmen konnte. Der bloße Gedanke an das Kauen machte mir Übelkeit.
      Ich sah, wie aufmerksam und besorgt sie mich beobachtete, wie sehr sie sich bemühte, mich nicht zu bedrängen.

      „Ich... ich habe wirklich keinen Hunger, Selene“, flüsterte ich rauchig und schob die Sandwich-Verpackung ganz vorsichtig ein paar Zentimeter von mir weg. Mir fehlte jede Kraft für eine Mahlzeit. „Mein Magen macht das gerade einfach nicht mit. Aber danke. Wirklich. Sag bitte nicht, dass ich hungere... es geht gerade einfach nur nicht.“
      Ich hielt mir die Hand vor die linke Flanke, wo die gebrochenen Rippen bei jedem Atemzug wie Messer ins Gewebe stachen. Der Schweiß stand mir kalt auf der Stirn. Das kühle Schmerzmittel brauchte Zeit, um zu wirken, und in diesem Moment spürte ich jede einzelne Prellung, jeden Hämatomrand auf meiner Haut.
      Mein verbliebenes, unversehrtes Auge wandte sich ihr zu. Ich sah sie fast ein wenig hilfesuchend an – so gut man das durch die tiefviolette Schwellung und das verkrustete Augenlid eben zustande brachte. Es war mir unsagbar peinlich, in so einem Zustand vor ihr zu sitzen. Ich war der Typ aus der Schule, der Kapitän, der starke Kerl, der sich nie Blößen gab. Und jetzt saß ich hier wie ein geschlagener Hund, der nicht einmal mehr die eigene Kleidung bewältigen konnte.

      Mein Blick wanderte rüber zu dem dicken, schwarzen Kapuzenpullover, der schlaff auf dem Stuhl neben mir lag. Allein bei dem Gedanken, die Arme wieder über den Kopf zu heben und den schweren Stoff über meine zerschundenen Schultern zu ziehen, schoss mir der kalte Schweiß über den Rücken. Ich schaffte das nicht alleine. Nicht ohne in Ohnmacht zu fallen.
      Ich schluckte schwer, während die Scham mein Gesicht noch heißer brühen ließ als die Wunden selbst.

      „Selene...?“, meine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Hauchgeräusch. Ich sah zu ihr auf, traute mich aber kaum, ihren Blick zu halten. „Könntest... könntest du mir vielleicht... helfen? Den Hoody wieder anzuziehen?“
      Ich hielt sofort inne, als ich sah, wie sie leicht zusammenzuckte, und hob beschwichtigend die rechte Hand.

      „Aber nur... nur wenn du möchtest! Bitte! Du musst dich bei Gott nicht dazu verpflichtet fühlen, mich anzufassen oder mir zu helfen! Ich will absolut nicht, dass du dich unwohl fühlst. Wenn du das nicht kannst oder willst, ist das völlig in Ordnung. Wirklich. Ich... ich frage nur, weil meine Rippen gerade dichtmachen und ich die Arme nicht hochkriege.“

      Ich wartete ihre Reaktion ab, ohne Druck auszuüben. Das Letzte, was ich wollte, war, dass sie sich zu irgendetwas gezwungen sah.
      Nachdem die Frage im Raum schwebte, zwang ich mich, mich ganz langsam auf dem Holzstuhl zurückzulehnen. Jeder Zentimeter Bewegung war ein Kampf, aber das Schmerzmittel fing langsam an, den scharfen Spitzen der Schläge die Schärfe zu nehmen. Die dröhnende Taubheit breitete sich langsam in meinem Schädel aus.
      Ich starrte auf die Holzmaserung des Tisches zwischen uns. Das Geschichtsbuch, die Notizblöcke, die Stifte – all das Zeug, das sie so ordentlich eingepackt hatte, lag da wie ein Stummes Mahnmal an eine Realität, die heute einfach nicht stattzufinden vermochte. Nachhilfe. Schulstoff. Das Kaiserreich. Es war lächerlich.

      Ich blickte auf und sah sie an. Sie wirkte so verloren in all ihrer Hilfsbereitschaft, so bemüht, die Situation irgendwie zu retten und mir nicht zur Last zu fallen.

      „Selene...“, begann ich leise und fuhr mir vorsichtig mit den Knöcheln über die heile rechte Wange. „Was hältst du davon... wenn wir heute gar keine Nachhilfe machen?“

      Ich machte eine kurze Pause, um Atem zu schöpfen. Die Luft entwich mir stoßweise.
      „Kuck mich an“, sagte ich stumm und deutete mit einer vagen Handbewegung auf mein Gesicht und meinen nackten Torso. „Ich bin eine einzige Katastrophe. So wie ich gerade aussehe und mich fühle... werde ich für mindestens ein, zwei Wochen nicht zur Schule kommen können. Ich kann mich so auf keinem Flur blicken lassen. Marcus und die anderen... die Lehrer... die Fragen würden mich fertigmachen. Und mein Körper macht das schlicht nicht mit.“
      Ich hielt ihren Blick fest. Zum ersten Mal seit Stunden lag etwas Weiches, Ehrlicheres in meinen Augen.

      „Ich würde die Zeit... diese ein oder zwei Wochen, in denen ich zu Hause feststecke... viel lieber nutzen, um dich wirklich kennenzulernen“, gestand ich leise. Die Worte fielen mir schwer, aber sie waren die reine Wahrheit. „Dass wir uns außerhalb des Chats austauschen. Dass wir uns schreiben, vielleicht telefonieren... dass wir einfach herausfinden, wer wir wirklich sind, ohne diese Scheiß-Rolle, die ich in der Schule spiele. Und wenn ich dann wieder fit bin... wenn die Knochen geheilt sind und mein Gesicht nicht mehr aussieht wie ein Unfall... dann starten wir richtig mit der Nachhilfe. Ganz offiziell. Was meinst du?“

      Ich senkte den Kopf leicht und spürte, wie eine Welle der Schuldgefühle wieder in mir aufstieg.
      „Es tut mir so verdammt leid, Selene“, flüsterte ich, und meine Stimme zitterte nun unüberhörbar. Ich ballte die rechte Hand zur Faust auf meinem Oberschenkel. „Es tut mir leid, dass ich dich in diese verdammte Lage gebracht habe. Es tut mir leid, dass du den ganzen Weg hierher auf dich genommen hast, dass du dir Sorgen gemacht hast, dass du deine Zeit verschwendest... und dass ich dich mit all dem Scheiß so überrannt habe. Ich wollte nie, dass du mich so siehst. Ich wollte der Junge aus den Nachrichten sein, nicht dieser kaputte Haufen Scheiße.“

      Ich hielt kurz inne, erinnerte mich an die erste Sekunde, als ich die Maske abgenommen hatte. An den Moment, als sie scharf die Luft eingezogen hatte und ihre Hände für einen Bruchteil einer Sekunde nach vorne geschossen waren, als wollte sie mich berühren, bevor sie sich erschrocken zurückgezogen hatte.
      Ein ganz kleines, trauriges Lächeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen.

      „Ich habe das vorhin gesehen“, sagte ich leise und blickte sie aus meinem geschwollenen Auge an. „Ganz am Anfang... als ich die Maske abgenommen habe. Ich habe gemerkt, dass du mich berühren wolltest. Dass du nach mir greifen wolltest.“

      Ich schüttelte langsam den Kopf.
      „Du brauchst dich davor nicht zu scheuen, Selene. Das ist absolut kein Problem. Wenn du mich anfasst... oder mir hilfst... ich beiße nicht. Erst recht nicht dich.“

      Die Stille der Bibliothek schwebte wieder über uns, nur unterbrochen vom leisen Summen der Heizung und dem sanften Rauschen der Blätter draußen vor dem Fenster. Ich saß da, entblößt, verwundet und völlig abhängig von ihrer Güte, und wartete auf das, was sie sagen würde.
    • Ich sah ihm aufmerksam dabei zu, wie er die Packung öffnete, und für einen Moment bereute ich es, sie ihm nicht bereits geöffnet und die Tabletten herausgelegt zu haben. Ich hätte mir denken können, dass er Schwierigkeiten damit haben würde. Doch ich wollte nicht zu bevormundend wirken oder bei ihm das Gefühl verstärken, dass er nichts allein schaffen konnte. Also beobachtete ich ihn lediglich, um notfalls eingreifen zu können, falls es gar nicht mehr ging. Das Zittern seiner Hände signalisierte mir jedoch, dass selbst diese kleine Handlung für ihn anstrengend war. Mein Herz sank. Wie sehr musste er gelitten haben, dass man ihn in einen solchen Zustand gebracht hatte? Dass er nicht einmal problemlos eine Tablette einnehmen konnte?
      Alex gestand mir leise und unsicher, beinahe schon vorsichtig, dass er keinen Hunger hatte. Aus Angst, ich könnte es falsch aufnehmen und mich durch seine Ablehnung meiner Hilfe gekränkt fühlen, erklärte er mir auch sofort, weshalb er das Essen nicht annehmen konnte. Es schmerzte mich, dass er trotz all der Schmerzen und der Situation, in der er sich befand, immer noch darauf achtete, dass es mir gut ging und ich nichts falsch verstand.
      „Alles gut“, versuchte ich, ihm diese Sorge zu nehmen. Er hatte recht. Nach den Flecken und den Verletzungen zu urteilen, mit denen er zugerichtet worden war, war es nicht verwunderlich, dass er nichts verdauen konnte und überhaupt keinen Appetit hatte. Wobei eine richtige Mahlzeit vermutlich genau das gewesen wäre, was sein Körper jetzt brauchte, um die Heilung zu unterstützen. Eine nährreiche Suppe wäre wohl angebrachter gewesen als ein Sandwich aus dem Kühlschrank.
      „Nimm es trotzdem bitte mit. Falls du später Hunger bekommst“, bat ich ihn.
      Zumindest so konnte ich mir einreden, dass ich ein wenig dafür gesorgt hatte, dass er nicht vollkommen ohne Essen nach Hause ging. Ich wusste schließlich nicht, wie die Essenssituation bei ihm zu Hause aussah.
      Seine leicht fragende, zerbrechliche Stimme ließ mein Herz immer weiter in sich zusammensinken. Diese Hilflosigkeit, diese Schmerzen und einfach alles an dieser Situation waren kaum auszuhalten. Es war unerträglich, dass einem Menschen so etwas widerfahren konnte. Wann hatte sich mein Herz das letzte Mal so schwer angefühlt, als würde jemand es mit beiden Händen umklammern und ich könnte trotzdem nichts dagegen tun? Und obwohl er mich etwas so Banales fragte, ob ich ihm helfen könnte, seinen Hoodie anzuziehen, fühlte er sich beinahe schuldig und reagierte fast schon panisch. Er wollte mich zu nichts zwingen, obwohl er selbst vermutlich unerträgliche Schmerzen verspürte, wenn er versuchte, den Hoodie allein anzuziehen. Es zeigte mir einfach, wie lange er alles allein hatte ertragen müssen, ohne jemanden zu haben, der ihm half. Daher verstand ich, dass er es nicht gewohnt war.
      Ich stützte meine Unterarme auf die Tischplatte und beugte mich leicht zu ihm vor, bevor ich ihn kurz ansah.
      „Selbstverständlich.“
      Genau das war es für ihn wahrscheinlich nicht. Keine Selbstverständlichkeit. Nur eine kleine, unbedeutende Geste für mich. Und diese Erkenntnis traf mich erneut mit voller Wucht.
      Alex sprach dann genau das aus, was bereits in meinem Kopf herumwirrte. Ja, es war keine gute Idee, heute wirklich mit der Nachhilfe anzufangen. So wie er hier saß, konnte er mir vermutlich jeden Moment umkippen. Wenn er bereits solche Schmerzen aushalten musste, war sein Kopf natürlich nicht frei genug, um sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Je mehr er sagte und je mehr er mir erklärte, desto stärker begann es hinter meinen Augen zu brennen. Ohne dass ich es selbst bemerkte, hatten sich meine Mundwinkel nach unten gezogen und meine Augenbrauen waren kaum merklich zusammengezogen. Genau das passierte immer, wenn ich kurz davor war zu weinen. Doch ich bemerkte es nicht wirklich. Ich musste all meine Kraft aufbringen, um mich zusammenzureißen und nicht zu weinen. Wie dämlich wäre es, jetzt Tränen zu vergießen, wenn doch offensichtlich Alex derjenige war, der jedes Recht dazu hatte?
      Ohne auf seine Aussagen zu antworten, stand ich auf und ging zu seinem Hoodie. Vorsichtig nahm ich ihn in die Hand. Er war viel zu dick für dieses Wetter, und als ich ihn leicht anhob, wurde mir erst richtig bewusst, wie groß er war. Viel zu groß für mich. Alex war deutlich größer als ich und trotzdem wirkte er gerade so gebrechlich und schwach, als wäre er nur ein kleiner Junge. Nicht nur körperlich war ihm geschadet worden. Auch mental schien er an einem Punkt angekommen zu sein, an dem kaum noch etwas von seiner eigentlichen Stärke übrig war.
      „Komm her“, sagte ich sanft, kaum mehr als ein Flüstern.
      Ich tat mein Bestes, so vorsichtig, langsam und behutsam wie möglich zu sein. Trotzdem kam er nicht darum herum, Schmerzen zu verspüren. Selbst bei den kleinsten Bewegungen musste es ihm wehtun. Mit vorsichtigem Zupfen, Ziehen und Streifen half ich Alex dabei, den Hoodie anzuziehen. Schweiß stand auf seiner Stirn. Ich erinnerte mich an seine Worte von vorhin. Ich durfte ihn anfassen. Es war so banal. Jeder andere würde mich wahrscheinlich dafür auslachen. Ich hielt normalerweise keinen Körperkontakt zu anderen Menschen, nicht einmal zu meinem Vater. Deshalb war es mir fremd und ich scheute davor zurück, jemanden anzufassen. Vor allem einen Jungen.
      Das meiste, zu dem ich mich traute, war, seine Ärmel anzufassen.
      Ich ging schließlich in die Hocke, nahm den Ärmel seines Hoodies zwischen meine Fingerspitzen und sah zu ihm auf. Trauer, Angst und Sorge mussten mir deutlich in den Augen gestanden haben.
      „Das war vorhin auch mein Gedanke. Unter keinen Umständen bist du jetzt in der Lage, überhaupt zu lernen. Und das ist auch okay. Mach dir darüber keinen Kopf. Das Wichtigste ist erst einmal, dass du dich erholst. Dass du wieder fit wirst und alles auskurierst. Anders hätte ich überhaupt nicht zugestimmt, mit dir zu lernen.“
      Ich spürte, wie ein Finger meine Hand beziehungsweise sein Bein durch den Stoff berührte. Und obwohl sich noch Stoff zwischen unserer Haut befand, fühlte es sich für mich an, als würde mein Finger brennen. Es fiel mir schwer, so offen und direkt zu sprechen und auszusprechen, was ich fühlte. Schon beim Schreiben hatte ich Schwierigkeiten damit gehabt. Doch jetzt wusste ich, dass ich es tun musste. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter.
      „Ich … Natürlich schreiben wir. Telefonieren können wir auch.“
      Mir stieg die Wärme bis in die Ohrenspitzen.
      „Nimm dir Zeit. Ruh dich aus“, wiederholte ich mich leise. „Und wenn etwas ist, sag Bescheid.“
      Ich sah auf meine Fingerspitzen.
      „Damit aber dein Weg hierher nicht umsonst war, könntest du mir einfach ein paar Fragen bezüglich der Nachhilfe beantworten?“
      Zumindest konnte ich mich dann bereits vorbereiten. Vielleicht konnte ich mir für die kommende Woche einen Plan zurechtlegen und überlegen, was und vor allem wie ich ihm etwas beibringen konnte. Wenn ich ihm schon helfen wollte, dann wollte ich es wenigstens richtig machen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein leises, tiefes Ausatmen entwich meiner Brust, als ihre sanfte Stimme den Raum erfüllte. Es war, als würde sich die drückende Last, die mir seit Tagen die Kehle zuschnürte, für ein paar kostbare Augenblicke ein wenig lockern.
      Ich nickte langsam, während ich meine Augen starr auf sie gerichtet hielt. Jedes einzelne ihrer Worte sickerte in mich ein wie kühlender Regen auf verbrannte Erde.

      „Ich beantworte dir alles“, sagte ich rauchig, und meine Stimme zitterte noch immer leicht vor Erschöpfung, aber da war auch eine absolute Entschlossenheit in meinem Blick. „Egal was du wissen willst, Selene. Frag mich aus. Bezüglich der Schule, dem Lernstoff... oder egal was sonst. Ich werde dir jede einzelne Frage ehrlich beantworten.“

      Ich hielt inne, als ich spürte, wie sich das kühle Schmerzmittel langsam in meinem Blutkreislauf ausbreitete. Die messerscharfen Spitzen der Schläge wurden von einer dumpfen, watteähnlichen Taubheit abgemildert, auch wenn jede Bewegung nach wie vor eine kleine Qual blieb. Aber die körperlichen Schmerzen traten schlagartig in den Hintergrund im Vergleich zu dem, was in meiner Brust vor sich ging.
      Sie hockte da vor mir. Ihre zarten Fingerspitzen berührten noch immer den Stoff meines Ärmels, genau an der Stelle, wo mein Bein lag. Diese minimale, vorsichtige Berührung – so zögerlich, so rein und frei von jeglicher
      Hintergedankenkombination – schickte eine Welle von unbegreiflicher Wärme durch meinen gesamten Körper.

      Sie konnte sich nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie verdammt recht sie mit all dem hatte, was sie eben gesagt hatte. Sie ahnte nicht, dass ihre bloße Anwesenheit, ihr leises Sprechen und dieser besorgte Blick aus ihren Augen mir mehr halfen als jedes Medikament auf dieser Welt. Der Schmerz war da, ja, die Hämatome brannten, und meine Rippen pochten – aber an ihrer Seite verblasste die Dunkelheit, die mich sonst im Keller meiner Mutter aufzufressen drohte.

      Ich sah sie an, sah das feine Brennen in ihren Augen, die geröteten Wangen und die Art, wie sie versuchte, die Tränen zu unterdrücken. Es zerriss mir das Herz, dass sie sich wegen mir so quälte, und gleichzeitig spürte ich eine tiefe, fast ehrfürchtige Dankbarkeit.

      „Und... Selene?“, flüsterte ich und schluckte schwer. Das unversehrte Auge und das blau geschwollene hielten ihren Blick fest. „Ich... ich würde mich unheimlich freuen, wenn wir uns während meiner Genesung nicht nur schreiben oder telefonieren... sondern wenn wir uns vielleicht wiedersehen könnten. Bevor ich wieder zur Schule gehe.“

      Ein vorsichtiges, ehrliches Lächeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen, obwohl die Haut schmerzhaft spann.

      „Ich möchte nicht nur, dass du dich auf die Nachhilfe vorbereitest“, gestand ich leise und senkte die Stimme noch ein Stück, damit das getragene Licht der Bibliothek uns ganz für sich alleine hatte. „Ich möchte mehr über dich lernen. Über das Mädchen mit dem Skizzenblock. Über die Person, die nicht geflohen sondern geblieben ist. Wenn du das möchtest... und wenn es für dich okay ist.“

      Ich legte die Hände flach auf die Tischplatte und lehnt mich ein winziges Stück vor, aufmerksam darauf bedacht, ihr den Raum zu lassen, den sie brauchte.

      „Aber jetzt...“, fahr ich leise fort und deutete auf den Notizblock, den sie mitgebracht hatte, „sag mir, was du wissen musst. Wie schlecht steht es um meinen Geschichtsstand? Wo soll ich anfangen, mich für deinen Lernplan zu zerlegen?“
    • Auch wenn Alex mir sagte, dass er mir alles beantworten würde, überschritt ich die von mir gezogene Linie nicht und würde mich weiterhin nur auf das Lernen beschränken. Vielleicht würde er mir irgendwann genauer erzählen, was an jenem Tag mit ihm passiert war, doch ich fand es nicht angebracht, danach zu fragen. Wer war ich schon, dass er mir sofort alles im Detail erzählen sollte? Es war noch gar nicht so lange her, und ich hatte bereits einen Teil des Ausmaßes dieser Grausamkeit mit eigenen Augen gesehen. Ich wollte vielmehr, dass er Zeit für sich hatte und auf andere Gedanken kam, anstatt sich ständig mit dem Geschehenen und seinen Schmerzen auseinanderzusetzen. Wobei Letzteres vermutlich ohnehin schwer möglich war, so wie er aussah. Das Wichtigste war jetzt erst einmal, dass er überhaupt dazu bereit war, meine Fragen zu beantworten.
      „Hm?“, machte ich leise, als er meinen Namen aussprach, und sah ihn fragend an. Seine Stimme verlor nichts von ihrer Verletzlichkeit oder dem leichten Zittern. Sie klang weiterhin verunsichert und gebrechlich. Aufmerksam lauschte ich seinen Worten und sah ihn leicht irritiert und fragend an, was sich vermutlich durch das leichte Zusammenziehen meiner Augenbrauen bemerkbar machte. Mein Blick senkte sich zu seinem Oberkörper, der nun wieder von dem Hoodie bedeckt war.
      „Bist du dir sicher?“, murmelte ich. „Ich meine …“ Ich konnte es nicht aussprechen. Würde er sich in der Zwischenzeit überhaupt so weit erholen können, dass unser Treffen stattfinden konnte? Sein Körper sah nicht danach aus, als könnte er sich innerhalb weniger Tage vollständig erholen. Gleichzeitig wollte ich nicht, dass er sich meinetwegen quälte und unbedingt zu unserem Treffen kam, wenn er stattdessen die Zeit nutzen konnte, um sich auszuruhen. Vorsichtig stand ich auf und achtete dabei darauf, dass meine Knie nicht nachgaben. Anschließend kehrte ich zu meinem Platz zurück. Seine gestellten Fragen waren berechtigt, und die genaue Reihenfolge meiner eigenen Fragen hatte ich in meinem Kopf noch nicht wirklich ordnen können.
      „Uhm“, machte ich nur, als ich mich hinsetzte, mein Notizbuch und meinen Kugelschreiber hervorkramte und eine freie Seite aufschlug.
      Ich überlegte kurz.
      „Aus dem Stand heraus … zwischen der letzten Klassenarbeit und jetzt, ist dir irgendetwas vom Stoff hängen geblieben?“
      Wenn nicht, mussten wir wohl weiter vorne anfangen und einen Teil des Stoffes nachholen.
      „Hast du im Unterricht Notizen gemacht?“
      Ich wartete kurz und schrieb mir bereits ein paar Stichpunkte auf.
      „Gibt es ein Thema, bei dem du sagst, dass es dir leichtfällt, und andere, die dir schwerer fallen?“
      Wieder machte ich mir Notizen.
      „Wie sind die Tests aufgebaut?“
      Ich hob kurz den Blick von meinem Notizbuch.
      „Wie lernst du normalerweise oder wie hast du bisher gelernt?“
      Noch eine kurze Pause.
      „Helfen dir Bilder? Oder ist es besser, wenn du Dinge immer wieder aufschreibst? Oder funktionieren Karteikarten besser für dich?“
      Ich stellte viele Fragen, doch sie beschränkten sich ausschließlich auf das Lernen. Vielleicht lenkte es seine Aufmerksamkeit zumindest ein wenig von seinen Schmerzen und dem Chaos zu Hause ab. Trotzdem nahm ich mir Zeit. Ich schrieb zwischen den Fragen meine Notizen auf und ließ ihm genügend Raum, um zu antworten, anstatt ihn mit einer ganzen Reihe von Fragen gleichzeitig zu überfallen. Ab und zu schielte ich zu ihm hoch, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht mit meiner Fragerei überforderte und es ihm gesundheitlich noch gut genug ging.
      „Bitte sag mir, wenn du eine Pause brauchst“, warf ich irgendwann ein. Ich wollte unbedingt sicherstellen, dass er diese auch wirklich einhielt und sich nicht meinetwegen durch die Fragen zwang.
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    • Ein mattes, leises Nicken war meine erste Reaktion auf ihre vorsichtige Frage. Das kühle Schmerzmittel begann allmählich, die scharfkantigen Spitzen der Verletzungen in eine dumpfe, watteähnliche Schwerfälligkeit zu hüllen. Trotzdem schoss bei jedem tiefere Atemzug ein klares Stechen durch meine Rippen.
      „Ja... ich bin mir absolut sicher“, flüsterte ich und sah sie mit meinem unversehrten Auge fest an. „Ich will dich wiedersehen, Selene. Sehr sogar. Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass ich mich meinetwegen überfordere. Wenn es mir zu viel wird, sage ich es dir. Versprochen.“
      Als sie zu ihrem Platz zurückkehrte, ihr Notizbuch aufschlug und den Stift bereitlegte, spürte ich eine eigenartige, tiefe Erleichterung. Sie war professionell, ruhig und hielt sich strikt an die von ihr gezogene Linie. Sie stellte keine bohrenden Fragen zu meinen Wunden, verlangte keine Erklärungen für das Chaos in meinem Gesicht und bohrte nicht in den frischen Narben meiner Existenz. Sie gab mir genau das, was ich am dringendsten brauchte: Struktur und einen gewissen Grad an Normalität.
      Ich beobachtete, wie sie leise ein paar Notizen machte, während sie mir ihre Fragen stellte. Ihre Stimme war wie ein sanfter Anker in der Stille der Bibliothek.
      „Also... von der letzten Klassenarbeit bis jetzt?“, fing ich an und strich mir fahrig durch die Haare, wobei ich sorgfältig darauf achtete, die genähte Platzwunde am Hinterkopf nicht zu berühren. „Ehrlich gesagt... fast nichts. Der Unterricht zieht an mir vorbei wie ein Stummfilm. Ich sitze zwar auf meinem Platz, aber mein Kopf ist meistens ganz woanders. Meine Notizen bestehen größtenteils aus Daten, die ich irgendwo abgekritzelt habe, ohne den Zusammenhang wirklich zu kappen. Wenn du dir mein Heft anguckst, findest du mehr wilde Skizzen an den Rändern als tatsächlichen Geschichtsstoff.“
      Ich machte eine kurze Pause, damit sie Mitschreiben konnte, und sah, wie ihr Blick ab und zu prüfend zu mir hochwanderte.
      „Wie ich am besten lerne?“, wiederholte ich ihre Frage und ließ mir die Antwort durch den Kopf gehen. Ein leises, fast selbstironisches Lachen entwich meiner Kehle, das sofort von einem leichten Zischen begleitet wurde, weil die Rippen protestierten. „Stumpfes Auswendiglernen, Karteikarten oder stundenlanges Sitzen über Büchern... das ist für mich tödlich. Meine Aufmerksamkeit schmiert nach zehn Minuten komplett ab. Ich bin jemand, der Dinge sehen und anfassen muss. Ich lerne am besten praktisch. Wenn wir ein Museum besuchen, wenn man Orte sieht, wenn man etwas bauen oder in Bewegung verarbeiten kann. Wenn mir jemand die Geschichte wie ein reales Drama erzählt, behalte ich es sofort. Aber trockene Gesetzestexte oder reine Jahreszahlenreihen... da schaltet mein Gehirn einfach ab.“
      Als sie wissen wollte, wo ich normalerweise lernte, verfinsterte sich mein Blick unwillkürlich. Ich starrte auf die Holzmaserung des Tisches zwischen uns. Die Frage traf genau den wunden Punkt, den wir beide die ganze Zeit über mühsam zu umgehen versucht hatten.
      Ein langer, schwerer Seufzer entwich mir.
      „Wo ich lerne?“, wiederholte ich heiser. „Sehr selten zu Hause. Ich vermeide es, da zu sein, wo meine Mutter ist. Ich versuche ihr so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Zu Hause gibt es keine Ruhe, kein entspanntes Sitzen am Schreibtisch. Es ist einfach... eine permanente Druckkammer.“
      Die Stille der Bibliothek schien sich plötzlich wie Zentnerlast auf meine Schultern zu legen. Die kühle Luft des Raumes reichte nicht aus, um die Hitze zu vertreiben, die bei diesem Thema in mir aufstieg. Sie hatte nicht gefragt. Sie hatte mir den Freiraum gelassen, zu schweigen. Und genau deshalb – weil sie mich nicht drängte, weil sie mich beschützte und respektierte – hielt ich es nicht mehr aus, mich hinter Ausflüchten zu verstecken.
      Ich legte beide Hände flach auf den Tisch. Meine Knöchel traten weiß hervor.
      „Selene...“, sagte ich leise, und die Dringlichkeit in meiner Stimme ließ den Tonfall augenblicklich ernst werden. Ich sah sie direkt an, mein geschundenes Auge unbarmherzig dem Licht ausgesetzt. „Bevor wir weitermachen... muss ich dir etwas sagen. Aber du musst mir vorher etwas schwören. Bitte.“
      Ich wartete nicht, bis sie etwas erwiderte, sondern fuhr sofort mit brüchiger Stimme fort:
      „Du musst mir schwören, dass du absolut niemandem etwas davon erzählst. Weder deinen Eltern, noch den Lehrern, noch der Polizei oder irgendeiner Behörde. Versprich mir, dass du die Behörden da rauslässt. Niemand darf etwas erfahren.“
      Ich schluckte den bitteren Geschmack in meinem Mund herunter und sah, wie sehr die Anspannung in der Luft zunahm.
      „Wenn die Behörden eingeschaltet werden, macht das alles nur noch tausendmal schlimmer“, flüsterte ich hektisch, während mein Puls trotz der Schmerzmittel wieder anzog. „Ich bin seit kurzem volljährig. Weißt du, was das bedeutet? Wenn da das Jugendamt oder die Polizei anrückt, passiert gar nichts, was mir hilft. Ich komme in kein Heim mehr. Ich würde auf der Straße landen oder mir auf Krampf irgendeine eigene Bude suchen müssen. Und ich kann nicht alleine leben, Selene. Ich schaffe das mental gerade nicht. Ich will nicht alleine sein.“
      Ich senkte den Blick auf meine Hände und schüttelte langsam den Kopf.
      „Lieber gehe ich durch diese Hölle zu Hause... als in absoluter Einsamkeit zu verrecken. Auch wenn der Unterschied zwischen beidem ehrlich gesagt gar nicht so verdammt groß ist.“
      Ein bitteres, raues Ausatmen folgte. Die Worte sprudelten nun aus mir heraus, wie ein Damm, der gebrochen war und den ich nicht mehr halten konnte.
      „Es war meine Mutter“, gestand ich ganz leise, ohne die Augen zu heben. Die Scham brannte wie Säure in meiner Brust. „Es ist fast immer meine Mutter. Wenn sie trinkt... verliert sie komplett den Verstand. Mein Vater ist hautnah abgehauen, als ich klein war, und seitdem bin ich der Sündenbock für alles, was in ihrem Leben schiefgelaufen ist. Vor drei Tagen... hat sie einfach wieder komplett die Beherrschung verloren. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung von mir... und sie ist auf mich losgegangen. Mit allem, was sie zu fassen kriegte. Einem schweren Holzstuhl, einer Flasche... sie hört einfach nicht auf, wenn sie erst einmal in diesem Rausch ist.“
      Ich ballte die Zitternden Hände zu Fäusten.
      „Ich wehre mich nicht“, flüsterte ich brüchig. „Ich schlage meine eigene Mutter nicht zurück. Egal was sie tut. Ich stecke es einfach ein, bis sie entkräftet zusammenbricht oder einpennt. Das Schädel-Hirn-Trauma, die Rippen, das Auge... das ist die Quittung von diesem Abend. Deshalb war ich drei Tage im Keller eingesperrt. Weil ich mich nicht im Spiegel sehen konnte und weil ich nicht wollte, dass irgendjemand mit kriegt, was für ein lächerlicher, kaputter Typ der tolle Alex Miller in Wahrheit ist.“
      Ich hob langsam den Kopf und sah sie an. Mein Gesicht war nass von ein paar stummen Tränen, die mir ungefragt über die Wangen gelaufen waren.
      „Das ist die Wahrheit, Moony“, sagte ich leise und versuchte, mein Zittern zu kontrollieren. „Das ist das Monster, mit dem du hier am Tisch sitzt. Und jetzt weißt du auch, warum deine Sandwiches nicht in meinen Magen passen.“
    • IIrgendetwas in mir reagierte darauf, als er offen gestand, dass er mich wiedersehen wollte. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Diese Art von Ehrlichkeit war ich nicht gewohnt, und sie ließ mich innerlich nervös werden. Er wollte mich trotzdem sehen, obwohl ich mich bisher ziemlich zurückhaltend verhalten hatte? Obwohl ich nicht sonderlich gut darin war, jemanden zu trösten, und vermutlich für jeden anderen langweilig war?
      Vielleicht sprach da einfach die Einsamkeit aus ihm. Und da ich die einzige Person war, bei der er sich so verhalten konnte, war es verständlich, dass er mich noch einmal sehen wollte. Also lag es wohl eher daran als an meiner eigenen Person oder meiner Art. Zumindest hatte ich es mir so zusammengereimt. Dass er mir anschließend versprach, Bescheid zu geben, wenn es ihm zu viel wurde, beruhigte mich. Ein Versprechen war das Einzige, worauf ich mich in diesem Moment stützen konnte.
      Als Alex mir die vielen Fragen bezüglich des Lernens beantwortete, wurde mir schnell klar, dass wir wohl von vorne anfangen mussten. Es gab also nicht sonderlich viel aufzuschreiben. Ich notierte lediglich das Wort „Alles“ und ergänzte weitere Punkte, die für mich wichtig waren.
      Die Sache wurde allerdings etwas schwieriger, als er erwähnte, dass er mit stumpfem Auswendiglernen nicht wirklich weiterkam. Nun, wäre das der Fall gewesen, bräuchte er vermutlich keine Nachhilfe. Dass er eher der Typ war, der Dinge sehen, anfassen oder erleben musste, machte die Sache für mich komplizierter als gedacht. Ein praktischer Lerntyp.
      Ich musste den Stoff also so aufbereiten, dass er kompakt, abwechslungsreich und trotzdem anspruchsvoll genug war, um ihn zu fördern. Ganz ohne Auswendiglernen würden wir allerdings nicht auskommen. Gerade bei Jahreszahlen und bestimmten Namen führte daran kein Weg vorbei. Zum Glück war morgen Sonntag. Ich hatte also den ganzen Tag Zeit, mir einen groben Fahrplan zu überlegen. Zuerst musste ich den Stoff eingrenzen. Wir mussten schließlich nicht das gesamte Geschichtsbuch durcharbeiten. Da wir in derselben Jahrgangsstufe waren, konnte ich mich an meinem eigenen Geschichtsbuch orientieren. Stoff eingrenzen, aufteilen, die wichtigsten Informationen herausschreiben und anschließend einen Weg finden, wie ich ihm das alles am besten beibringen konnte.
      Vielleicht würde ich auch im Internet etwas finden, das mir dabei helfen konnte. Ich schrieb eifrig weiter, damit ich bloß nichts vergaß und morgen in aller Ruhe alle Ideen sortieren konnte.
      Ich hielt mitten im Schreiben inne, als er seine Mutter erwähnte. Verständlich, dass er dort nicht lernen konnte. Wie sollte sich jemand überhaupt darauf konzentrieren, wenn im selben Haus eine Person lebte, die einem gegenüber gewalttätig war? Er musste ständig in Angst leben. Doch da er nur seine Mutter erwähnt hatte, nahm ich an, dass sein Vater nicht im Bild war. Kannte er seinen Vater nicht? War er verstorben? War er einfach gegangen? Also wuchs Alex ebenfalls nur mit einem Elternteil auf.
      Ich blickte vollständig auf und legte meinen Stift in den Schoß, als sich etwas in Alex' Stimme veränderte. Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, bereits alles Schlimme gehört zu haben. Für einen kurzen Augenblick verspürte ich sogar Angst davor, dass noch eine weitere schreckliche Enthüllung auf mich zukommen würde.
      Und meine Angst wurde nicht gerade kleiner, als er mir sagte, dass ich niemandem davon erzählen durfte. Hatte er jemanden umgebracht? Ein absurder Gedanke, aber dieser Nachdruck in Alex' Stimme ließ meine Fantasie vollkommen außer Kontrolle geraten. Doch es kam anders. Er sprach über den Vorfall und darüber, dass wir vermeiden sollten, darüber zu sprechen. Zumindest verstand ich es so. Ich sah mich ohnehin nicht in der Position, danach zu fragen. Wir sahen uns heute zum ersten Mal, und das Ganze war eine äußerst heikle Angelegenheit. Und schon bevor er mir die gesamte Geschichte erzählt hatte, war ich anderer Meinung als er.
      Natürlich dachte ich, dass es besser wäre, die Polizei einzuschalten. Lieber allein leben als in einem Haus mit einem Monster, das jeden Moment Leib und Seele bedrohen konnte. Aber wer war ich, ihm das zu sagen? Ich war eine Außenseiterin. Ich kannte nur die Geschichte, die er mir erzählte. Ich steckte nicht in dieser Situation. Ich wusste nicht, wie es sich anfühlte, und für Außenstehende war es immer leichter, irgendwelche Ratschläge zu geben. Trotzdem hatte ich meine eigene Meinung. Ich behielt sie jedoch für mich. Das hätte die Situation vermutlich nur verschlimmert und vielleicht sogar einen Abgrund zwischen uns geschaffen. Ich wollte ihm sagen, dass es besser wäre, einsam zu sein. Dass er gehen sollte. Dass er sich Hilfe suchen musste. Doch ich biss mir auf die Zunge. Wer war ich schon?
      Alex erzählte mir schließlich, was an jenem Tag geschehen war, an dem er sich diese Verletzungen zugezogen hatte. Seine Mutter. Und seine eiserne Einstellung, sich nicht zu wehren. Aber wieso? Die Frage schrie förmlich in meinem Kopf. Er hätte ihre Arme festhalten können. Er hätte sie in einem Zimmer einschließen und ihr die Flasche aus der Hand reißen können, ohne ihr dabei wehzutun. Wieso tat er es nicht? Die Worte wollten aus meinem Mund sprudeln, doch ich presste meine Lippen so fest aufeinander, dass sie anfingen zu schmerzen. Sie behandelte ihn doch gerade deshalb so, weil er sich nicht wehrte. Sie tat es, weil sie seine fehlende Gegenwehr als Schwäche betrachtete und diese ausnutzte. Aber wer war ich, ihn dafür zu verurteilen? Wer war ich, ihm das zu sagen?
      Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu sortieren. Ich legte meine Hände auf den Tisch und starrte für einige Sekunden auf seine Hände, ehe ich meinen Blick hob und ihm ins Gesicht sah. Sein Gesicht war übel zugerichtet.
      „Du bist weder lächerlich noch kaputt oder ein Monster.“ Das ist deine Mutter, schoss es mir durch den Kopf. Doch ich sprach es nicht aus.
      „Ich ...“ Ich habe eine ganz andere Meinung zu der Sache als du. Doch wer bin ich, mich einzumischen? Auch das behielt ich für mich.
      „Du bist viel stärker, als du denkst und als du dir selbst zugestehst. Du machst Dinge durch, die niemand jemals in seinem Leben durchmachen sollte. Und du hast das nicht verdient. Es ist nicht richtig.“
      Ich schluckte.
      „Dass du das alles überlebt hast und trotzdem hier sitzt, allein das zeigt Stärke.“
      Ich wusste nicht, ob meine Worte überhaupt bei ihm ankamen, aber ich wollte, dass er sie hörte.
      „Diese Erfahrungen hätten dich ganz anders formen können. Aber das ist nicht passiert.“
      Ich machte eine kurze Pause.
      „Und teilweise finde ich dich trotzdem ein bisschen naiv.“
      Naiv.
      Naiv, weil er glaubte, sich nicht zu wehren, wäre die beste Lösung.
      Naiv, weil er glaubte, ein Monster zu sein.
      Naiv, weil er glaubte, es gäbe keinen Ausweg.
      Doch genau das wollte ich ihm nicht vorwerfen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein kurzes, brüchiges Lachen entwich meiner Kehle. Es klang nicht fröhlich. Es klang rau, getränkt von einer tiefen, alten Verbitterung, und ließ meine gebrochenen Rippen sofort wieder stumme Protestsignale an mein Gehirn senden. Ich schüttelte langsam den Kopf, während ich ihren Blick unbarmherzig hielt – dieses unversehrte rechte Auge und das violett geschwollene linke Auge, die sie starr fixierten.
      Ich sah sie an. Ich sah, wie fest sie ihre Lippen aufeinandergepresst hatte, bis sie blass wurden. Ich sah das feine Beben in ihren Zügen, das Wegdrehen ihres Blicks, das unruhige Zucken ihrer Fingerspitzen. Und vor allem spürte ich die gewaltige Welle an Worten, die sie sich krampfhaft verkneifte.
      Sie dachte, sie würde ihre Gedanken vor mir verbergen. Sie glaubte, dass ihre Stille eine Mauer war, hinter der ich ihre Meinung nicht sehen konnte. Aber ich wusste es. Ich sah es in jeder Faser ihrer Haltung.
      „Du brauchst es nicht verschweigen, Selene“, flüsterte ich rauchig, und meine Stimme schnitt durch die dichte Stille der Bibliothek. Ich legte meine knochigen, zitternden Hände flach auf die Tischplatte, direkt neben ihr Notizbuch. „Ich weiß genau, was du gerade denkst. Ich kenne jeden einzelnen Satz, den du dir auf die Zunge beißt und wieder runterschluckst.“
      Ich hielt inne, schluckte den bitteren Geschmack der Schmerzmittel herunter und sah sie mit einer Eindringlichkeit an, die mir selbst fast Angst machte.
      „Du denkst, ich bin bescheuert“, sagte ich leise, ohne jede Schärfe, sondern mit einer nackten, erschöpfenden Ehrfurcht vor ihrer ungesagten Wahrheit. „Du fragst dich, warum dieser verdammte Alex Miller – der Typ, der auf dem Sportplatz anderthalb Köpfe größer ist als seine Mutter, der zwei Jahre Football gespielt hat und Muskeln besitzt – sich von einer betrunkenen, kaputten Frau mit einem Stuhl zusammenschlagen lässt. Du fragst dich, warum ich sie nicht einfach packe. Warum ich ihr nicht die Arme auf den Rücken drehe. Warum ich sie nicht in ein Zimmer sperre, ihr die Flasche entreiße und den Schlüssel umdrehe. Du denkst, ich halte einfach hin, weil ich schwach bin. Und du denkst, dass es tausendmal besser wäre, allein in einer kalten Abstellkammer zu hocken, als eine einzige weitere Nacht in diesem Haus zu verbringen.“
      Ein langer, rasselnder Atemzug entwich mir. Meine Schultern sanken ein paar Zentimeter nach unten.
      „Weißt du was?“, flüsterte ich und sah sie unentwegt an. „Du hast recht. Mit jedem verdammten Wort hast du recht. Die reine, nüchterne Logik schreit genau das. Jeder normale Mensch da draußen würde das sagen. Aber... Logik ist nichts, was in diesem Haus existiert. Logik rettet dich nicht, wenn du seit deinem sechsten Lebensjahr darauf konditioniert wurdest, dass du an jedem Wutanfall, an jeder Träne und an jedem Schluck Alkohol die alleinige Schuld trägst.“
      Ich senkte den Blick auf meine zerschrammten Knöchel, fuhr mir fahrig über die Stirn und achtete streng darauf, die Platzwunde am Hinterkopf zu meiden.
      „Wenn ich sie anpacke...“, fuhr ich mit extrem leiser, brüchiger Stimme fort, „wenn ich auch nur einmal meine Hand gegen sie erhebe, um sie aufzuhalten... dann werde ich genau zu dem Monster, als das sie mich seit zehn Jahren beschimpft. Dann bin ich genau wie mein Vater, der einfach abgehauen ist und uns in dieser Trümmerlandschaft hocken gelassen hat. Ich kann es nicht, Selene. Die Blockade in meinem Kopf ist größer als der Schmerz in meinen Knochen. Sich nicht zu wehren... ist die einzige absurde Art von Kontrolle, die mir in diesem Chaos noch geblieben ist. Es ist mein Schutzschild, auch wenn es mich verdammt noch mal umbringt.“
      Ich schwieg für ein paar Sekunden. Die Sonnenstrahlen, die durch das hohe Fenster fielen, tanzten langsam über das Holz des Tisches. Das kühle Schmerzmittel begann nun vollends zu wirken – die scharfe Peitsche der Prellungen wandelte sich in ein dumpfes, schweres Pochen. Ein kleiner Funke Kraft, kaum mehr als eine winzige Glut im tiefsten Inneren meiner Brust, glimmte auf. Es war keine echte Energie, kein plötzlicher Ausbruch von Entschlossenheit. Es war nur das Bewusstsein, dass hier jemand vor mir saß, der mich nicht aufgab. Jemand, der mich naiv nannte – und damit verdammt noch mal den Nagel auf den Kopf traf.
      Ich zwang mich, mich wieder ein Stück aufzurichten. Die Muskeln in meinem Rücken brannten, aber ich blieb sitzen. Ich wich nicht aus.
      Ich sah sie an. Ich sah das Mädchen mit dem Skizzenblock, die Außenseiterin, die schüchterne Selene, die gerade vor mir saß und versuchte, die Welt für mich zu retten, ohne es selbst zu merken.
      „Du hast gesagt, ich bin naiv“, flüsterte ich, und ein klitzekleines, schmerzhaftes Schmunzeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen. „Und du hast verdammt noch mal recht. Ich bin naiv. Ich bin festgefahren in meinen eigenen verfluchten Wänden. Ich habe mir einen Käfig gebaut aus Angst, aus Schuldgefühlen und aus dieser dämlichen Überzeugung, dass ich nirgendwo anders hingehöre als in diesen Keller.“
      Ich legte meine rechte Hand vorsichtig auf die Tischkante, näher zu ihren Notizen, ohne sie jedoch zu berühren. Mein Blick hielt ihren fest, brennend, flehend und vollkommen ungeschützt.
      „Selene...“, meine Stimme versagte kurz, ehe ich mich wieder fangen konnte. „Hilf mir.“
      Das Wort schwebte zwischen uns in der kühlen, ruhigen Luft der Bibliothek. Es war das erste Mal in meinem gesamten Leben, dass ich diese Worte laut ausgesprochen hatte.
      „Hilf mir bitte“, wiederholte ich ganz leise, während mir eine neue heiße Träne über die geschwollene Wange glitt. „Nicht nur bei Geschichtszahlen. Nicht nur bei den Arbeiten oder der Schule. Hilf mir... aus diesem Käfig zu fliehen, den ich mir selbst auferlegt habe. Ich schaffe das allein nicht. Ich habe keine Ahnung, wie man da rauskommt. Ich weiß nicht, wie man lebt, ohne ständig darauf zu warten, dass der nächste Schlag trifft. Aber du... du bist die Einzige, der ich vertraue. Die Einzige, die sieht, wer ich wirklich bin.“
      Ich hielt den Atem an, schluckte schwer und sah sie mit allem an, was von Alex Miller noch übrig war.
      „Zeig mir einfach, wie man da rauskommt. Schritt für Schritt. In deinem Tempo. Bitte.“
    • Mein Blick glitt automatisch zu seinen Händen, die er auf der Tischplatte bewegte. Sie waren um einiges größer als meine eigenen. Doch ich sah nicht wieder in sein Gesicht, denn die Worte, die er aussprach, waren genau die, die schon seit einer Weile in meinem Kopf herumschwirrten. Und plötzlich fühlte ich mich schuldig. War es wirklich so offensichtlich in mein Gesicht geschrieben gewesen? Hielt er mich jetzt für schwachsinnig oder dumm? Ich wollte ihn nicht kränken. Ich wollte nichts sagen oder tun, was seine ohnehin schon schweren Probleme noch vergrößerte. Doch er hörte sich nicht vorwurfsvoll an, wie ich es befürchtet hatte. Stattdessen erklärte er mir genau das, was ich mir selbst bereits gedacht hatte. Als Außenstehende war es eine rein logische Angelegenheit. Ein Problem, das man lösen konnte. Doch wenn man selbst darin feststeckte, spielte Logik keine Rolle. Man war gefangen in seinen eigenen Erfahrungen, Emotionen und Ängsten. Wer war ich also, darüber zu urteilen? Ich hatte selbst meine eigenen Probleme zu Hause, die von außen betrachtet vermutlich ebenfalls „einfach“ zu lösen waren. Man würde mir wahrscheinlich sagen, dass ich einfach damit leben müsse. Solange mein Vater mich nicht anging oder ich keine anderen unmittelbaren Probleme mit ihm hatte, war es für einen Außenstehenden vermutlich eine simple Angelegenheit.
      Ich wandte den Kopf von ihm ab. Es war mir peinlich, dass er scheinbar genau gewusst hatte, was mir durch den Kopf gegangen war.
      Und selbst wenn ich ihn verstand, wenn ich seine Situation zumindest ansatzweise nachempfinden konnte, schwirrte mir weiterhin dieser rationale Satz durch den Kopf: Nur weil du dich verteidigst und ihre Hand festhältst, macht dich das nicht zu deinem Vater.
      Doch ich wusste, dass es nichts bringen würde, ihm das zu sagen. Es würde nicht einfach zu ihm durchdringen. Wie er selbst gesagt hatte, war er gefangen. Und wenn man in diesem Moment gefangen war, hatte reine Logik keinen Platz. Dann zählten nur die eigenen Emotionen, Erfahrungen und Gewohnheiten. Als ich am Rand meines Blickfeldes sah, wie er sich aufrichtete, hob ich meinen Blick wieder zu ihm. Sein Flehen ließ mich stocken. Ich war sprachlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte vielmehr angenommen, dass er die Situation irgendwie alleine überstehen würde. Dass er einfach durchhalten wollte, bis er mit der Schule fertig war. Dass wir uns hauptsächlich treffen würden, um uns näher kennenzulernen und gemeinsam zu lernen. Mehr nicht. Nicht, dass er tatsächlich den Schritt wagte und mich um Hilfe bat. Es war eine riesige Verantwortung. Eine Verantwortung, von der ich nicht wusste, ob ich ihr überhaupt gerecht werden konnte. Ich kannte mich mit solchen Dingen nicht aus. Ich hatte noch nie wirklich Freunde gehabt. Ich wusste nicht, wie man Menschen tröstete oder ihnen in einer solchen Situation half. Und nun saß Alex vor mir. Er sah aus, als hätte man ihn mehrmals überfahren, und trotzdem bat er mich um Hilfe. Wie sollte ich da Nein sagen? Ich hatte ohnehin Schwierigkeiten damit, Dinge abzulehnen. Aber nach allem, was ich gesehen und gehört hatte, nachdem er sich mir geöffnet und mir erzählt hatte, dass er sonst niemanden hatte, konnte ich ihn doch nicht einfach ablehnen und alleine lassen.
      Das wäre grausam gewesen. Ich wäre nicht viel besser als seine Mutter, wenn ich ihn einfach wieder zurück in diese Gefahr schickte. Ich konnte ihn allerdings schlecht aus seinem Haus zerren oder seine Mutter zur Rede stellen. Ich konnte nicht einfach alles für ihn lösen. Vielleicht musste ich das auch gar nicht sofort. Vielleicht brauchte ich nicht auf der Stelle eine Lösung für alles.
      „Ich werde mein Bestes geben“, antwortete ich schließlich nur und schenkte ihm ein schwaches Lächeln.
      Ich verschränkte meine Finger ineinander und legte meine Hände vor mir auf meinen Notizblock. Da ich keine weiteren Fragen mehr hatte, schlug ich mein Notizbuch zu. Kurz schielte ich auf mein Handy. Es war bereits ziemlich viel Zeit vergangen. Mehr, als ich ursprünglich vermutet hatte. Ich wollte nun auch nicht einfach vor seinen Augen anfangen, mir einen Lernplan zusammenzureimen. Das wäre vermutlich ziemlich langweilig für ihn, und wahrscheinlich würde er sich ohnehin viel lieber irgendwo hinlegen, als weiterhin auf einem unbequemen Stuhl zu sitzen. Nach Hause wollte er bestimmt ebenfalls nicht. Ich räusperte mich leise. Vielleicht sollten wir das Thema wechseln? Mir fiel nichts weiteres ein, was ich noch sagen konnte und ich bezweifelte, dass er den ganzen Tag über sein Leid sprechen wollte.

      „Also ... Fußballkapitän Alex. Wie kommt's?“
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein dumpfer, tiefer Stein schien mir von der Brust zu fallen, als dieses winzige, schwache Lächeln auf ihren Lippen erschien und ihre leisen Worte durch die Stille der Bibliothek sickerten. Ich werde mein Bestes geben.
      Ich starrte sie an, vollkommen reglos, während die Tragweite dieser einfachen Zusage wie eine warme Welle durch mein Inneres flutete. Sie hatte nicht Nein gesagt. Sie hatte mich nicht weggestoßen, mich nicht verspottet und war nicht voller Entsetzen aufgesprungen.
      Aber als ich sah, wie sie vorsichtig ihre Finger ineinander verschränkte, das Notizbuch auf dem Tisch zuschlug und ihr Blick kurz flüchtig zu ihrem Handydisplay wanderte, schoss augenblicklich eine Welle der Scham und der kalten Reue durch meinen Magen. Die Taubheit der Schmerzmittel hielt die Rippen im Zaum, aber die Realität meiner eigenen Dreistigkeit traf mich wie eine eiskalte Dusche.
      Was bildete ich mir eigentlich ein?
      Ich sah das kleine Mädchen vor mir, das schüchtern, zurückhaltend und voller eigener, leiser Sorgen war, und lud innerhalb von zwanzig Minuten den gesamten, blutigen Müll meines kaputten Lebens auf ihren Schultern ab. Ich forderte Rettung von jemandem, der mir vor zwei Stunden noch eine völlig Fremde gewesen war. Ich drängte sie in eine Rolle, die niemanden zustehen sollte – schon gar nicht ihr.
      Ich atmete langsam und stoßweise aus, während ich den Blick senkte und mir fahrig mit den Knöcheln über die heile Wange fuhr.
      „Selene...“, begann ich leise, und meine Stimme klang nun wieder gefasst, wenn auch schwer von Schuldgefühlen. Ich hob die Hand ein Stück, ganz vorsichtig, um ihr zu signalisieren, dass sie sich nicht bedrängt fühlen musste. „Bitte... hör mir kurz zu. Du musst gar nichts.“
      Ich sah sie fest aus meinem unversehrten Auge an, während das geschwollene Lid leicht zuckte.
      „Ich erwarte überhaupt nichts von dir“, sagte ich ehrlich und schüttelte langsam den Kopf. „Gott, mir wird gerade erst klar, was für eine unverschämte, gigantische Last ich da eben vor dir ausgeschüttet habe. Wir kennen uns doch kaum. Wir haben uns heute das allererste Mal im echten Leben gegenübergesessen. Ich habe absolut kein Recht, dich in diese Scheiße mit hineinzuziehen oder dir so eine verdammt riesige Verantwortung aufzuhalsen.“
      Ich machte eine kurze Pause, um den brennenden Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken.
      „Bitte überleg dir das ganz in Ruhe“, fahr ich leise und ohne jeden Druck fort. „Du musst mir heute gar nichts versprechen. Wenn du nachher nach Hause gehst und merkst, dass dir das alles eine Nummer zu drüber ist... dass du einfach nur eine normale Nachhilfe willst oder deine Ruhe brauchst... dann ist das völlig okay. Ich werde dir das niemals übelnehmen. Wirklich nicht. Du hast schon mehr für mich getan, als irgendjemand sonst in den letzten Jahren, einfach nur indem du hier geblieben bist.“
      Ich sah kurz zu ihrem Notizbuch und dann zu ihrem Handy, auf das sie eben geschielt hatte. Ich wollte nicht die Klette sein, die sie gefangen hielt. Ich wollte nicht der Grund sein, warum sie ihre Zeit vergeudete oder Ärger bekam.
      „Und wenn du gehen musst...“, schob ich sanft hinterher, während ich versuchte, mir mein gewohnt ruhiges Lächeln abzuringen, auch wenn es auf den geplatzten Lippen schmerzte, „...weil du noch Termine hast, weil dein Vater dich erwartet oder weil du einfach genug von diesem düsteren Kellerraum hier hast... dann sag es mir bitte. Du musst nicht hier sitzen bleiben, um mich zu beaufsichtigen oder aus Mitleid Zeit abzusitzen. Du kannst jederzeit gehen, wenn du möchtest. Ich bin dir für jede einzelne Minute dankbar.“
      Doch sie ging nicht. Stattdessen räusperte sie sich leise, und das feine Geräusch hallte zwischen den Bücherregalen wider. Und dann stellte sie eine Frage, die mich vollkommen unvorbereitet traf. Eine Frage aus einer völlig anderen Welt. Eine Frage nach dem Jungen, der ich auf dem Pausenhof oder auf dem Rasen war, wenn die Scheinwerfer brannten.
      „Also... Fußballkapitän Alex. Wie kommt's?“
      Ein kurzes, ungläubiges Schmunzeln entwich mir, das mich selbst überraschte. Es war so skurril, so wunderbar banal, nach all dem Blut, den Schmerzmitteln und den Familienabgründen plötzlich über Sport zu sprechen. Aber in ihren Augen lag der ehrliche Versuch, mir eine Brücke zu bauen. Sie wollte den Druck aus dem Raum nehmen. Sie wollte mir einen Ort geben, an dem ich nicht der geschlagene Junge sein musste.
      Ich lehnte mich ganz langsam und vorsichtig auf dem Stuhl zurück, um meine Rippen zu entlasten, und stützte die Unterarme sanft auf die Tischplatte.
      „Fußballkapitän...“, wiederholte ich heiser und fuhr mir durch die zerzausten Haare. „Mann, das klingt in diesem Raum gerade wie die Beschreibung von einer völlig fremden Person.“
      Ich sah sie an, und zum ersten Mal seit unserer Begegnung trat ein Hauch von etwas Ähnlichem wie Entspannung in meine Züge – die kühle Taubheit der Medikamente half mir dabei, den Schmerz ein wenig zu vergessen.
      „Die ehrliche Antwort?“, fragte ich leise und ließ den Blick kurz ins Leere schweifen, bevor ich ihn wieder zu ihr drehte. „Es war am Anfang absolut keine Leidenschaft. Es war reiner Selbstschutz.“
      Ich machte eine kurze Pause, um Atem zu schöpfen.
      „Als ich jünger war... so mit zwölf, dreizehn... da habe ich gemerkt, dass ich größer und kräftiger wurde als die meisten anderen in meinem Alter. Und ich habe gemerkt, wie es zu Hause immer schlimmer wurde. Ich brauchte irgendetwas, das mich nach der Schule von zu Hause fernhielt. Irgendeine Ausrede, um bis sechs, sieben Uhr abends nicht in diesen vier Wänden sein zu müssen.“
      Ein leises, melancholisches Ausatmen folgte.
      „Der Sportverein war die perfekte Tarnung“, erzählte ich weiter, während meine Stimme etwas fester wurde. „Wenn du auf dem Platz stehst und dir die Lunge aus dem Leib rennst, denkst du an nichts anderes. Du denkst nicht an das Schreien zu Hause, nicht an den Alkohol, nicht an die Angst. Da zählt nur der Ball, der Rasen und der nächste Pass. Es war der einzige Ort, an dem ich die Kontrolle hatte. Auf dem Feld gab es klare Regeln. Wenn du foulst, gibt es eine Karte. Wenn du ein Tor schießt, zählt es. Es war berechenbar. Ganz im Gegenteil zu meinem Leben abseits des Platzes.“
      Ich sah sie an und zuckte leicht mit den Schultern, woraufhin mein linker Arm kurz protestierte.
      „Und wie man Kapitän wird? Tja... wenn man der Größte ist, am lautesten Anweisungen brüllt, weil man gewohnt ist, ständig unter Anspannung zu stehen, und am längsten auf dem Platz stehen bleibt, weil man einfach nicht nach Hause will... dann halten die Trainer das irgendwann für 'Führungsqualitäten'. Sie dachten alle, ich wäre wahnsinnig ehrgeizig und diszipliniert. In Wahrheit wollte ich einfach nur nicht zurück in den Keller.“
      Ich schüttelte den Kopf über die Ironie meines eigenen Lebens.
      „Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass die Rolle mir auch in der Schule half. Der sportliche, nette Kapitän. Der Typ, mit dem jeder befreundet sein will, dem die Lehrer vertrauen und der immer einen Spruch auf den Lippen hat. Es war die perfekte Rüstung, Selene. Je mehr Leute mich für den unkaputtbaren, beliebten Alex Miller hielten, desto weniger hat irgendjemand Fragen gestellt. Niemand schaut hinter die Fassade von jemandem, der scheinbar alles hat.“
    • Er versuchte, die Last der Verantwortung zu mindern, mir wieder ein Stück Freiraum zu geben, aus dem ich notfalls noch hätte entfliehen können. Doch es war zu spät. Zu spät, um all das zurückzunehmen. Sein Gesicht, seinen Körper und vor allem das, was er mir erzählt hatte. Er konnte nichts davon ungeschehen machen. Vielleicht nahm ich mir all das auch deshalb so sehr zu Herzen, weil ich wusste, wie es war, einsam zu sein. Niemanden zu haben. Sich nach jemandem zu sehnen, an den man sich anlehnen konnte. Denn genau das war es, wonach ich mich all die Jahre selbst gesehnt hatte. Und weil ich wusste, wie sehr Einsamkeit einen auffressen konnte, wie gelähmt sie einen machen konnte, wollte ich ihm helfen, sein Leben zumindest ein kleines bisschen angenehmer zu machen. Wieso sollte ich nicht versuchen, ihm das zu geben, was ich ihm geben konnte? Wieso sollte ich vor so einem Schrecken davonlaufen? Mein Gewissen würde mich umbringen. Ich könnte niemals ruhig schlafen, wenn ich wüsste, dass er wegen meiner Ablehnung vielleicht noch mehr Schaden davongetragen hatte. Und noch schlimmer wäre der Gedanke, es später zu bereuen, ihm nicht geholfen zu haben. Außerdem tat es mir einfach im Herzen weh, zu sehen, wie ein Mensch wie er unter Umständen leiden musste, die er nicht verdient hatte und für die er keinerlei Schuld trug. Ich wusste, dass ich nicht die Heldin seines Lebens sein konnte. Ich konnte nicht einfach seine Hand nehmen und plötzlich all seine Probleme verschwinden lassen. Aber ich wollte ihm helfen. Aus meinem eigenen freien Willen heraus. So weit, wie es mir eben möglich war.
      Mein Herz fühlte sich schwer an, als Alex meinen Blick zu meinem Handy offenbar missverstand. Bei der Erwähnung meines Vaters hatte mein Mundwinkel unwillkürlich kurz gezuckt. Nein, ich hatte keinen Termin. Ich hatte niemanden, der auf mich wartete. Und ich hatte auch nichts vor. Wir waren uns in dieser Hinsicht vielleicht ähnlicher, als ich gedacht hatte. Ich war genauso einsam wie er, nur auf eine andere Art.
      Alex erzählte mir von seiner Fußballkarriere. Wie es überhaupt dazu gekommen war, was sie für ihn bedeutete und welche Dinge dahintersteckten, von denen man in der Schule vermutlich nichts mitbekam. Es leuchtete mir ein, weshalb er so viel Fußball spielte. Zeichnen und vor allem Lesen waren für mich etwas Ähnliches. Ich konnte mir meine eigene Welt vor Augen zeichnen, mich darin verlieren und die Zeit überbrücken. Mit Büchern konnte ich in völlig andere Welten eintauchen und dabei meine eigene für eine Weile vergessen. Eine Geschichte erleben, die ich viel lieber selbst erleben würde. Mein eigenes Leben gegen ein Leben in den Büchern eintauschen. Wie oft hatte ich damals gebetet und mir gewünscht, eines Tages in einem dieser Bücher aufzuwachen? Weg von der Realität. Diesen Wunsch hegte ich bis heute. Aber ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich zumindest meinem Hobby auch zu Hause nachgehen konnte. Alex konnte weder in der Schule richtig entspannen noch zu Hause. Es gab für ihn offenbar keinen Ort, an dem er einfach er selbst sein konnte. Keinen Ort, an dem er die Augen schließen, tief durchatmen und für einen Moment keine Angst haben musste. Da hatte ich es als Außenseiterin vielleicht doch etwas leichter. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Irgendwie. Ich wusste es selbst nicht genau.
      „Das muss echt hart sein“, murmelte ich und lehnte mich etwas in meinem Stuhl zurück.
      Kurz dachte ich über meine nächste Frage nach.
      „Hast du ehrenamtlich nach der Schule mal etwas ausprobiert?“ Vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Er wäre dann nicht in der Schule. Niemand dort würde ihn kennen, und gleichzeitig wäre er nicht zu Hause. Vielleicht konnte er sich dort ein wenig zurückziehen. Einen Ort finden, an dem er zumindest für ein paar Stunden nicht das Gefühl hatte, ständig beobachtet oder bedroht zu werden.
      „Ach, und wegen vorhin ...“ Ich nickte in Richtung meines Handys. „Du hast mich missverstanden. Ich habe keinen Termin oder irgendetwas vor.“ Es wartet keiner auf mich. Der Gedanke blieb unausgesprochen in meinem Kopf. „Ich habe mir nur gedacht, dass es für dich wahrscheinlich unangenehm ist, hier die ganze Zeit zu sitzen. Vielleicht wäre Hinlegen angenehmer für dich.“ Ich zögerte kurz. „Und ich dachte, dass du wahrscheinlich eher nicht ... nach Hause willst.“
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    • Ein sanftes, erschöpftes Nicken war meine erste Reaktion auf ihre Worte. Ich ließ den Kopf langsam sinken, während ein schwerer, aber merklich entlasteter Atemzug aus meiner Brust entwich.
      „Du hast vollkommen recht“, sagte ich heiser und sah sie aus meinem unversehrten Auge mit einer ungeschützten Ehrlichkeit an. „Ich will nicht nach Hause. Jeder einzelne Meter, den ich mich diesem Haus nähern muss, fühlt sich an wie ein Gang zum Schafott. Ich schiebe jede Minute hinaus, die ich hier bei dir sitzen kann.“
      Ich machte eine kurze Pause, um die aufkeimende Übelkeit zu unterdrücken, und passte meine Haltung vorsichtig auf dem hölzernen Stuhl an. Die kühle Rückenlehne gab mir Halt, und obwohl das Holz hart war, war die aufrechte Position gerade mein einziger Zufluchtsort.
      „Und was das Hinlegen angeht...“, fuhr ich leise fort und strich mir langsam über die Wange, wobei ich penibel darauf achtete, die dunklen Schwellungen nicht zu berühren. „Im Sitzen geht es mir tatsächlich besser. Wenn ich mich hinlege... breitet sich dieser dröhnende Druck in meinem Schädel sofort wieder aus. Sobald der Kopf flach liegt, fühlt es sich an, als würde das Blut gegen meine Schläfen und die Platzwunde hämmern. Wenn ich aufrecht sitze, bleibt mein Kopf irgendwie... klarer. Weniger schmerzgeplagt. Auch wenn es für meinen Rücken anstrengend ist.“
      Ich hielt inne und sah sie an. Ich sah das schüchterne Mädchen, das da drüben saß, die Hände über ihrem Notizblock verschränkt hatte und sich Gedanken darüber machte, ob ich Schmerzen beim Sitzen hatte oder ob mein Vater zu Hause auf mich wartete. Sie hatte niemanden erwähnt. Sie hatte nur stumm den Kopf geschüttelt und richtiggestellt, dass kein Termin auf sie wartete – dass da draußen niemand war, der sie drängte.
      Ein ganz kleines, vorsichtiges Lächeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen, obwohl die strapazierte Haut bei der kleinsten Regung brannte.
      „Weißt du...“, flüsterte ich und senkte die Stimme noch ein Stück, damit meine Worte nur für sie bestimmt waren, „ich finde es unglaublich süß, wie du dich um mich sorgst. Wirklich.“
      Ich hielt ihrem Blick fest stand, auch wenn die Hitze der Scham wieder ganz leicht in meinen Nacken stieg.
      „Es gefällt mir verdammt gut, Selene“, gestand ich leise und ehrlich. „Aber es ist... unendlich ungewohnt für mich. Ich bin es gewohnt, dass die Leute Dinge von mir erwarten. Dass ich funktioniere, dass ich Tore schieße, dass ich gute Laune habe, dass ich der starke Kapitän bin oder zu Hause einfach nur die Klappe halte und den Kopf einziehe. Dass sich tatsächlich jemand hinsetzt, meine Verfassung beobachtet und sich ehrlich Gedanken darüber macht, ob mir das Sitzen wehtut oder ob ich Angst habe, nach Hause zu gehen... das hat seit Ewigkeiten niemand mehr für mich getan. Es fühlt sich eigenartig an. Aber auf eine wunderschöne Art.“
      Ich atmete tief durch die Nase ein. Die kühle, leicht papierne Luft der Bibliothek beruhigte mein Herz, das noch immer von der Erschöpfung der letzten Stunden gestresst war. Die Schmerzmittel entfalteten nun ihre volle Wirkung und legten eine schützende, wattierte Schicht über die gebrochenen Rippen und das Hämatom an meiner Flanke.
      „Du siehst es mir vielleicht nicht an...“, fuhr ich fort und deutete mit einer vagen Handbewegung auf mein geschundenes Gesicht, die geschwollene Augenpartie und die sichtbaren Quetschungen, „...weil ich gerade aussehe wie ein Totalschaden und kaum unfallfrei aus den Augen gucken kann. Aber allein dadurch, dass du hier bist... geht es mir unendlich viel besser.“
      Ich machte eine kurze Pause und sah sie intensiv an.
      „Seit du hier sitzt, seit du mir deine Fragen gestellt hast und mir zuhörst... ist der Schmerz nicht mehr so laut. Deine Anwesenheit vertreibt das Miese in meinem Kopf. Du gibst mir das Gefühl, dass ich kein absoluter Dreck bin, nur weil mein Zuhause eine Hölle ist.“
      Als sie nach ehrenamtlicher Arbeit fragte, dachte ich kurz nach und schüttelte dann sanft den Kopf.
      „Ehrenamtlich? Nein... ehrlich gesagt hatte ich dafür bisher nie den Kopf oder die Zeit. Der Fußball und das Training haben jede freie Minute gefressen, die ich außerhalb des Hauses verbracht habe. Aber... die Idee ist gar nicht so dumm. Wenn ich wieder auf den Beinen bin, wäre das vielleicht wirklich eine Möglichkeit, mir noch mehr meinfreies Territorium zu schaffen. Irgendetwas, wo mich niemand aus der Schule kennt und wo keine Erwartungen an mich gestellt werden.“
      Ich lehnte meinen Hinterkopf ganz vorsichtig gegen die hölzerne Stuhllehne und sah sie einfach nur an.
      „Aber im Moment...“, flüsterte ich und die Dankbarkeit in meinen Augen war nicht zu übersehen, „...ist dieser Tisch hier mit dir das einzige Ehrenamt, das ich brauche. Danke, dass du nicht gegangen bist, Selene. Danke, dass du einfach hier bleibst.“
    • Verstehend nickte ich. Daran hatte ich nicht gedacht. Bis heute hatte ich zum Glück niemals solche Schmerzen verspürt wie er, sodass ich überhaupt nicht einschätzen konnte, was in seiner Situation helfen könnte und was nicht. Aber selbst wenn ein Stuhl momentan angenehmer war, konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass die harte Holzlehne hinter seinem Rücken wirklich bequem war. Doch von meinem Sitzplatz aus konnte ich keinen Sessel oder ähnlichen Platz sehen, der weich gepolstert war.
      Mein Blick rutschte sofort von ihm weg, als er das Wort „süß“ in den Mund nahm. Mein Körper fühlte sich plötzlich an, als würden überall Ameisen über meine Haut krabbeln. Ich sah wieder zu ihm. Da war sie wieder. Diese Ehrlichkeit, an die ich mich einfach nicht gewöhnen konnte. Diese ungefilterte Offenlegung seiner Gefühle, dieses direkte Ansehen, das mir jedes Mal die Sprache verschlug. Es legte sich immer wieder eine eigenartige Stille in meinen Kopf, wenn er so mit mir sprach. Ich wusste nicht, was ich tun oder denken sollte.
      Und er hatte recht. Ich konnte es ihm nicht ansehen. Ich verstand nicht, wie meine bloße Anwesenheit ihm helfen konnte. Ich war nur Selene, die zurückhaltende und schüchterne Außenseiterin, die seit dem Kindergarten keine Freunde mehr hatte und längst verlernt hatte, wie man mit anderen Menschen interagierte. Eine Verliererin, die sich bei allem viel zu viele Gedanken machte. Langweilig. Und ich machte es besser? Ich bezweifelte es. Für mich spielte es keine Rolle, ob ich hier saß oder jemand anderes. Ich war der Meinung, dass es allein daran lag, dass überhaupt jemand bei ihm war. Doch dieses Thema wollte ich nicht anschneiden. Ich hatte keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren, zumal es wichtigere Dinge gab, über die wir sprechen konnten. Trotzdem war es traurig zu hören, dass diese Selbstverständlichkeit für ihn nicht existierte. Dass niemand da war, der sich Gedanken um ihn machte, ihn auch in seinen dunkelsten Zeiten unterstützte und einfach bei ihm blieb. Ich verstand ihn nur zu gut. Auf eine andere Weise zumindest.
      Mein Vorschlag mit dem Ehrenamt schien er zumindest nicht vollkommen abzulehnen. Dass es wegen des Fußballs zu anstrengend sein könnte, war mir für einen Moment gar nicht in den Sinn gekommen. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie viel Zeit dieser Sport vermutlich in Anspruch nahm. Aber zumindest zog er es in Erwägung. Denn an den Tagen, an denen er kein Fußballtraining hatte, oder vielleicht auch während der Ferien, hätte er dadurch einen weiteren Ort, an den er sich zurückziehen konnte. Doch wie Alex selbst gesagt hatte, war das vorerst zweitrangig. Die Schule ging vor und vor allem seine Genesung. Alles andere wäre vermutlich einfach zu viel auf einmal. Mir fiel spontan ohnehin keine konkrete Möglichkeit ein, was er machen könnte. Aber das war ein Thema für die Zukunft.
      Am Ende musste ich leicht lächeln. „Du hast dich schon bedankt.“ Er wollte mir wohl wirklich sehr deutlich zeigen, wie dankbar er mir war und wie viel ihm meine Hilfe bedeutete. „Einmal Dankeschön reicht schon aus.“ Ich lehnte mich nach vorne, stützte meine Unterarme auf der Tischplatte ab und versuchte, ihm aufmunternd zuzulächeln. Anschließend drehte ich meinen Kopf zur Seite und ließ meinen Blick über die vielen Bücherregale wandern. „Lernen wird heute nichts. Und überhaupt irgendeine körperliche Anstrengung ...“, überlegte ich leise vor mich hin. Aber was sollten wir stattdessen machen? Viel zu tun hatten wir nicht. Und Alex erweckte auch nicht unbedingt den Eindruck, als wäre er gerade in der Lage, ein Buch zu lesen. Mein Blick wanderte wieder zu ihm. „Hast du überhaupt geschlafen?“ Ich zögerte kurz. „Du kannst schlafen, wenn du willst. Auch ... wenn es nicht gerade angenehm ist, auf dem Tisch zu schlafen.“
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    • Ein leises, tiefes Lächeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen, als ich das sanfte Stirnrunzeln und die aufrichtige Besorgnis in ihren Zügen sah. Ihr aufmunterndes Lächeln, so vorsichtig und zart es auch war, wirkte heller auf mich als das trübe Licht, das durch die Bibliotheksfenster fiel.
      „Hast du überhaupt geschlafen?“
      Ihre Frage schwebte zwischen uns, durchtränkt von dieser stillen, unaufdringlichen Fürsorge. Und in diesem Moment, während das schwere Dröhnen der Schmerzmittel meinen Kopf wie eine schützende Decke einhüllte, traf mich eine Erkenntnis mit einer fast schockierenden Klarheit.
      Wie zum Teufel hatte ich vorhin eigentlich auch nur für eine einzige Sekunde glauben können, dass ich ihr egal sein könnte? Wie war ich auf den verrückten Gedanken gekommen, dass sie nur aus lästiger Pflicht oder reinem Mitleid hier saß?
      Sie war hier. Genau hier, bei mir. Sie hatte nicht kehrtgemacht, als ich die schwarze Maske abgenommen hatte und mein zugerichtetes Gesicht zum Vorschein gekommen war. Sie hatte nicht schockiert aufgeschrien, war nicht davongelaufen. Stattdessen hatte sie mir mit zitternden, aber unendlich behutsamen Händen geholfen, den schweren Hoodie über meine schmerzenden Schultern zu streifen. Sie hatte mir Fragen gestellt, Notizen gemacht, mir aufmerksam zugehört und versucht, mir in jedem Satz einen Notausstieg aus meinen Schmerzen zu bauen. Sie gab sich die allergrößte Mühe, mich aufzuheitern, mich zu beschützen und mir in dieser düsteren Stunde eine Stütze zu sein, wie ich sie in meinem bisherigen Leben noch nie besessen hatte.
      Und während ich sie so anstarrte – wie sie leicht abgewandt dasaß, mit geröteten Ohrenspitzen von dem Wort „süß“ und den Blick über die Bücherregale schweifen ließ –, setzte plötzlich eine Veränderung in mir ein.
      Vielleicht lag es an der schieren Isolation der letzten drei Tage im dunklen Keller. Vielleicht lag es an dem katastrophalen Mangel an echter, ehrlicher zwischenmenschlicher Nähe, unter dem ich seit Jahren verhungerte. Aber es begann als ein ganz feines, fast elektrisierendes Kribbeln tief in meinem Bauch. Ein sanftes Ziehen, das sich langsam nach oben arbeitete, bis es als warmes, brennendes Dröhnen in meinem Kopf ankam.
      Es war der plötzliche, überwältigende Wunsch, ihr nahe zu sein.
      Nicht nur körperlich – obwohl der Gedanke, ihre zarten Fingerspitzen noch einmal ohne den dicken Stoff des Ärmels auf meiner Haut zu spüren, mein Herz augenblicklich schneller schlagen ließ. Nein, es war weit mehr als das. Ich wollte sie berühren, ja, aber ich wollte sie vor allem kennen. Ich wollte ihre Geheimnisse erfahren, die leisen Dinge, die sie niemandem erzählte. Ich wollte ihre Ängste verstehen, ihre Träume, die Welt, die sie sich auf den weißen Seiten ihres Skizzenblocks erschaffte. Ich wollte sie auf eine Art und Weise kennen, wie es sonst kein anderer Mensch auf dieser Erde tat. Ich wollte diesen unsichtbaren Panzer durchbrechen, den sie so sorgfältig um sich herum aufgebaut hatte.
      Ich wusste ganz genau, was in diesem Augenblick mit mir geschah. Und überrascht war ich darüber eigentlich nicht einmal. Über die Wochen des Chatten waren wir uns bereits so nah gekommen, ohne dass ich es richtig gemerkt hatte. Ihre Nachrichten waren immer der einzige Lichtblick in meinem Alltag gewesen, ihr Humor, ihre zurückhaltende, ehrliche Art. Sie war mir schon längst vertraut geworden, noch bevor ich heute ihr Gesicht in echt gesehen hatte. Die Gefühle waren nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht – sie hatten nur darauf gewartet, dass der Vorhang fiel.
      Aber was war mit ihr?
      Ich sah sie von der Seite an und fragte mich stumm, ob sie so etwas überhaupt empfinden konnte. Oder ob sie all das, was gerade zwischen uns im Raum schwebte, krampfhaft unter einem dicken Deckmantel aus rationalen Begründungen verbergen würde. Würde sie sich einreden, dass sie das hier nur tat, weil sie nett war? Weil sie Mitleid hatte? Weil sie halt eine Nachhilfelehrerin war? Ich spürte, wie sehr sie sich gegen jede Form von intimer Nähe wehrte, weil sie es – genau wie ich – nie anders gelernt hatte. Aber unter dieser kühlen, zurückhaltenden Fassade brannte etwas. Da war ich mir sicher.
      Ich holte tief Luft, um die Gedanken zu ordnen, und zwang mich, mein Gesicht zu entspannen, um ihr ihre Frage nach dem Schlaf zu beantworten.
      „Ja... ich habe geschlafen“, sagte ich leise, und meine raue Stimme durchbrach die Stille. Ein mattes, ehrliches Lächeln lag auf meinen geplatzten Lippen. „Ein paar Stunden waren es. Nicht besonders viel und definitiv nicht besonders erholsam auf dieser harten Kellerliege... aber mein Körper hat sich irgendwann einfach die Narkose geholt, die er brauchte.“
      Ich lehnte meinen Kopf vorsichtig nach hinten gegen die Wand hinter meinem Stuhl und hielt ihren Blick fest, als sie wieder zu mir sah.
      „Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass ich dir hier gleich mitten im Gespräch wegkippe“, fügte ich schmunzelnd hinzu, auch wenn die Müdigkeit schwer auf meinen Augenlidern lag. „Auf dem harten Holzstuhl schlafe ich garantiert nicht ein. Und ehrlich gesagt... bin ich viel zu wachen Geistes, seit du hier bei mir bist. Der Schlaf kann warten, Selene. Ich bin gerade lieber genau hier. Mit dir.“
    • Es hörte sich nicht sonderlich erholsam an, nachdem er mehr oder weniger über seine Schlafsituation gesprochen hatte. Das waren definitiv zu wenige Stunden, vor allem, wenn er in einem Keller und dann auch noch auf einer einfachen Kellerliege schlief. Wieso legte er nicht einfach eine Matratze dorthin? Die Frage hörte sich in meinem Kopf so banal an, dass ich mich nicht traute, sie auszusprechen. Es musste einen guten Grund dafür geben, sonst hätte er es längst gemacht. Trotzdem fühlte ich mich irgendwie dämlich, mir diese Frage überhaupt selbst gestellt zu haben. Aber wenn er tatsächlich erst einschlief, sobald sein Körper an seine absolute Grenze kam, würde das nicht lange gutgehen. Irgendwann würde sein Körper unter diesen Umständen leiden und sich bei Alex dafür rächen. Nur was konnte er sonst tun? Es war womöglich die beste Situation, die er für sich herausholen konnte. Da war ich froh, einfach in mein eigenes Bett gehen und dort schlafen zu können.
      Alex schien meine Sorge mehr oder weniger erahnt zu haben. Ich wollte tatsächlich nicht, dass er plötzlich vor Erschöpfung vor mir zusammenbrach. Er war deutlich größer und schwerer als ich; ich könnte ihn niemals irgendwohin tragen, selbst wenn ich gewusst hätte, was ich in einer solchen Situation überhaupt tun sollte. Ich konnte schlecht seine Mutter anrufen, und ich bezweifelte stark, dass er freiwillig ins Krankenhaus gehen würde. Dort würde man ihm definitiv viele Fragen stellen, wenn man sah, in welchem Zustand Alex sich befand. Allein der Gedanke daran ließ mich unruhig werden.
      Als ich seine letzten beiden Sätze hörte, wandte ich meinen Blick von ihm ab und nahm meine Hände wieder in meinen Schoß. Sie fingen unerklärlicherweise an zu schwitzen. Unauffällig versuchte ich, den Stoff meines Kleides zu benutzen, um meine feuchten Handflächen daran abzutrocknen. Am liebsten hätte ich meine Hände hochgenommen und mein Gesicht darin verborgen, doch das konnte ich nicht. Das würde die ganze Sache nur noch peinlicher machen. Ich räusperte mich und sagte ein leises „Mhm“, wobei selbst dabei meine Stimme kurz zwei Töne zu hoch geriet. Rasch griff ich nach meiner Wasserflasche. Ohne ihn anzusehen, schraubte ich den Deckel auf und nahm einen Schluck. Wieso fühlte sich meine Kehle plötzlich so trocken an? Ich stellte die Flasche auf meinen Schoß und starrte einen Moment darauf. „Ich weiß nicht so recht, was wir machen sollen. Ich hab da nicht so wirklich einen Vorschlag“, murmelte ich und begann, das Plastikteil am Flaschenhals abzufummeln. Ich hatte keine Pläne. Ich hatte mir auch nichts überlegt, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte, dass Alex in einem solchen Zustand vor mir stehen würde. Daher war mein Kopf vollkommen leer. Und langsam stieg in mir die Panik auf, dass es ihm vielleicht so langweilig werden könnte, dass er am Ende doch lieber nach Hause gehen wollte.
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    • Ein leises, tiefes Schmunzeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen, als ich beobachtete, wie sie ihren Blick hastig abwandte, die Hände in ihren Schoß gleiten ließ und völlig unauffällig versuchte, ihre feuchten Handflächen am Stoff ihres Kleides abzuwischen. Das kurze, verunsicherte Räuspern und die zwei Töne zu hohe Stimme, als sie nach der Wasserflasche griff, entgingen mir nicht.
      Es war fast schon unerschütterlich niedlich, wie sehr diese kleinen, ehrlichen Worte sie aus der Fassung bringen konnten. In ihren Zügen lag so viel unverfälschte Reaktionen, keine schauspielerische Fassade, wie ich sie sonst von den Leuten aus der Schule gewohnt war. Sie war einfach nur Selene – chaotisch verunsichert, unglaublich aufmerksam und völlig überfordert mit der plötzlichen Nähe, die sich zwischen uns aufbaute.
      Ich sah, wie sie nervös an dem kleinen Plastikring am Flaschenhals herumfummelte und leise vor sich hin murmelte, dass sie keinen Vorschlag hatte und nicht wusste, was wir tun sollten. Ich spürte die feine, unsichtbare Panik, die in ihr aufstieg, als glaubte sie, sie müsste mir hier ein Unterhaltungsprogramm bieten, um mich bei Laune zu halten. Als wäre mir langweilig. Als würde ich mir irgendetwas Sehnlicheres wünschen, als genau auf diesem Holzstuhl zu sitzen und ihr zuzusehen.
      Ich legte die Arme ganz vorsichtig auf den Tisch und stützte mein Kinn behutsam auf meinen verschränkten Händen ab, um meine Rippen zu entlasten. Mein unversehrtes Auge und das geschwollene Lid hielten ihren Blick fest, als sie schließlich von der Flasche aufsah.
      „Selene...“, sagte ich leise, und meine raue Stimme klang warm, ohne jeden Hauch von Hektik oder Erwartung. „Du musst dir überhaupt keinen Stress machen. Wir müssen hier keine Weltreiche erobern oder einen perfekten Nachmittagsplan durchprügeln. Du brauchst keine Vorschläge.“
      Ich machte eine kurze Pause, um stoßweise durchzuatmen. Das kühle Schmerzmittel hielt die scharfe Peitsche der Prellungen auf Abstand, und die ruhige Atmosphäre der Bibliothek legte sich wie ein Schutzschild um uns.
      „Ehrlich gesagt... möchte ich dich einfach nur ein bisschen besser kennenlernen“, gestand ich leise und lächelte sie freundlich an, während meine Züge völlig entspannt blieben. „Wir haben so viel über meinen kaputten Scheiß geredet, über den Sport, über mein Haus und meine Fehler. Aber ich weiß fast nichts über dich. Und das möchte ich verdammt gerne ändern.“
      Ich neigte den Kopf ein paar Millimeter zur Seite und beobachtete ihre Reaktion, während ich meine ersten Fragen im Raum ausstreute – sanft, ohne Druck, wie ein Angebot, mir ein Stück ihrer eigenen Welt zu zeigen.
      „Erzähl mir von dir“, bat ich sie leise. „Was machst du, wenn du nicht gerade Geschichtsstoff für kaputte Typen wie mich aufbereitest? Was für Hobbys hast du? Was sind deine Lieblingsfächer in der Schule... abgesehen von Geschichte natürlich, wo du scheinbar ohnehin den vollen Durchblick hast?“
      Mein Blick wanderte ganz kurz zu der Tasche, die neben ihrem Stuhl stand und aus der vorhin der Notizblock aufgetaucht war. Ich erinnerte mich an die Nachrichten, an die kleinen Andeutungen im Chat und an das, was ich schon immer über sie gewusst hatte.
      „Und... was ist mit deinen Zeichnungen?“, fragte ich weiter, während meine Stimme noch ein Stück sanfter wurde. „Du hast mal erwähnt, dass du zeichnest. Dass du Skizzen machst. Kann ich... darf ich vielleicht irgendwann mal einen Blick in deinen Skizzenblock werfen? Oder ist das ein streng gehütetes Staatsgeheimnis?“
      Ein leises, fast spitzbübisches Schmunzeln zeigte sich auf meinem Gesicht, auch wenn die geplatzte Lippe leicht brannte. Ich wollte die Stimmung leicht halten. Ich wollte ihr die Angst nehmen, dass sie langweilig sein könnte oder dass sie mir etwas beweisen musste.
      „Erzähl mir einfach alles, was dir in den Sinn kommt“, fuhr ich fort und sah sie aus tiefster Überzeugung an. „Egal wie unbedeutend oder klein es dir vorkommt. Mich interessiert wirklich alles. Was für Bücher du liest, welche Musik du hörst... oder ob es da vielleicht irgendjemanden in deinem Leben gibt? Einen festen Freund zum Beispiel, der drinnen oder draußen auf dich wartet und mich gleich aus Eifersucht durch das Bibliotheksfenster zieht?“
      Ich stellte die Frage ganz beiläufig, fast beiläufig-locker, aber tief in meiner Brust zog sich bei dem Gedanken für einen winzigen Sekundenbruchteil alles zusammen. Der Wunsch, zu wissen, ob da jemand anderes war, brannte viel deutlicher in mir, als ich es mir anmerken lassen wollte.
      Ich lehnte mich ein Stückchen zurück, hielt ihren Blick und wartete geduldig auf alles, was sie mir schenken wollte. Kein Zeitdruck. Keine Nachhilfe. Nur wir zwei zwischen den stummen Buchreihen.