the wolf and the lamb [rambow x yumia]

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    • Mein Körper spannte sich an, als Alex meinen Namen aussprach. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Vorsichtig sah ich zu ihm hoch und wartete auf seine nächsten Worte. Obwohl seine Worte eigentlich dazu gedacht waren, mir die Angst zu nehmen und mich zu beruhigen, funktionierte das nicht wirklich. Sagte er das nur, weil ich ihm leidtun konnte? Weil er sich sonst schlecht fühlte, dass mir nichts einfiel? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ihm wirklich nichts ausmachte. Wer wollte schon aus Langeweile schweigend zwischen den Büchern sitzen? Der Gedanke wollte mir nicht ganz in den Kopf. Alex wollte mehr über mich erfahren, was mich kurz fragend zu ihm blicken ließ. Es gab nichts zu erzählen. Alles, was er über mich wusste, war im Grunde schon das, was es über mich zu wissen gab. Keine spannenden Familiengeschichten, keine Freunde, keine außergewöhnlichen Hobbys oder Erlebnisse. Nur simple Selene. Die Fragen, die er mir stellte, waren allerdings nicht schwer zu beantworten. Sie waren unkompliziert, man brauchte keine lange Erklärung dafür und keine davon war sonderlich intim. Zumindest deutlich weniger intim als die Dinge, die ich heute über ihn erfahren hatte. Vielleicht hatte er gemerkt, dass ich in dieser Hinsicht einfach nicht weit genug war, um über solche Dinge zu sprechen. Oder er selbst traute sich noch nicht, danach zu fragen. Seine letzte Frage erwischte mich jedoch völlig unvorbereitet. Damit hatte ich nicht gerechnet, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er überhaupt auf die Idee gekommen war, dass ich einen Freund haben könnte. Wer würde schon mit einer Außenseiterin wie mir zusammen sein?
      Ich räusperte mich und versuchte, seine Fragen eine nach der anderen zu beantworten, wobei mein Blick immer wieder zur Seite wanderte. „Meine Hobbys kennst du. Mehr als Lesen und Zeichnen gibt es nicht. Ziemlich simpel“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Ich habe kein Lieblingsfach. Solange ich meine guten Noten schreibe, ist mir eigentlich alles recht ... außer Sport“, fügte ich mit einem leichten Grinsen hinzu. Dass Sport nicht gerade meine Stärke war, hatte man vorhin vermutlich kaum übersehen können. Schon allein die kurze Strecke zum Supermarkt hatte mir wieder vor Augen geführt, wie schnell ich an meine körperlichen Grenzen kam. Der Sportunterricht in der Schule reichte mir vollkommen aus. Schon früher hatte mich dieses Fach nie sonderlich interessiert, auch wenn ich es immer bewundernswert fand, wenn Menschen in einer bestimmten Sportart wirklich gut waren. Egal, wie arrogant oder hochnäsig manche der Cheerleader wirkten, ich bewunderte sie für ihre Beweglichkeit, ihre Ausstrahlung, ihr schönes Aussehen und ihre Sportlichkeit. Solange ich in Sport irgendwie durchkam, war mir die schlechte Note recht. Bei meinem Abschluss würde ich dieses Fach ohnehin nicht wählen. Stattdessen setzte ich alles daran, möglichst gute Noten zu bekommen. Je besser, desto besser. Irgendwann hatte sich der Gedanke in meinem Kopf festgesetzt, dass ich durch besonders gute Leistungen vielleicht irgendwann die Aufmerksamkeit meines Vaters gewinnen könnte. Er war Anwalt, intelligent und gut in dem, was er tat. Irgendwie hatte ich daraus den Schluss gezogen, dass ich es nur wert war, beachtet zu werden, wenn ich genauso gut war wie er. Vielleicht würde er mich eines Tages ansehen und mir sagen, wie gut meine Noten waren und wie hart ich dafür arbeitete. Vielleicht konnte ich mir durch meine Leistungen auf irgendeine Weise seine Anerkennung verdienen. Bisher war es nicht passiert. Alles war beim Alten geblieben. Trotzdem hatte ich mich so sehr an diese Routine gewöhnt, dass ein Teil von mir noch immer daran festhielt. Auch wenn irgendwo tief in meinem Hinterkopf längst die Erkenntnis angekommen war, dass sich wahrscheinlich nichts ändern würde.
      Sein Schmunzeln steckte mich an und ich neigte leicht den Kopf zur Seite. „Ich kritzel nur herum. Als Zeichnung würde ich das nicht wirklich bezeichnen“, seufzte ich. „Es ist nur ... ein Zeitvertreib.“ Das hatte ich ihm allerdings bereits einmal gesagt, es war also nichts Neues für ihn. Ich hätte mir natürlich auch etwas anderes suchen können, um die Zeit totzuschlagen, doch mir war nie etwas Sinnvolleres eingefallen. Außerdem verspürte ich nicht den Wunsch, irgendwann Künstlerin zu werden. Vielleicht war ich etwas besser darin, zu schattieren oder realistisch zu zeichnen als andere, die nur im Kunstunterricht kreativ wurden, doch das reichte für mich noch lange nicht aus, um mich selbst als wirklich gut zu bezeichnen.

      „Ich würde dir ja gerne etwas erzählen, aber ...“ Ich zuckte mit den Schultern. „Es gibt leider nicht wirklich viel. Ich bin eher für mich und ... ich weiß nicht. Ich mache halt Dinge, mit denen ich die Zeit vertreiben kann.“ Es hörte sich irgendwie leer und traurig an, als ich mich selbst so sprechen hörte. Doch es gab tatsächlich nicht viel, was mir wirklich Freude bereitete. Vielleicht bereitete mir das Lesen Freude, aber manchmal fiel es mir schwer, die feine Grenze zwischen dem Genießen einer Geschichte und dem bloßen Weglaufen vor der Realität zu erkennen. „Ich höre verschiedene Lieder. Es kommt ganz auf das Lied an.“ Es frustrierte mich selbst, dass ich ihm keine genauere Antwort geben konnte. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es schlicht nicht konnte. Ich wusste selbst nicht, was ich darauf hätte antworten sollen. „Ich bin für mich allein in der Schule. Ich glaube eher weniger, dass jemand wie ich einen Freund hätte“, fügte ich mit einem leicht bitteren Lächeln hinzu. Ich hatte in meinem Alter nicht einmal meinen ersten Kuss gehabt, geschweige denn eine Beziehung. Diese ganzen Erfahrungen, die andere scheinbar ganz selbstverständlich sammelten, hatte ich bisher nicht machen können. Nicht so, wie man es aus Filmen oder Büchern kannte. Für mich existierten solche Dinge bisher nur in Geschichten, die andere erlebten. Es frustrierte mich wirklich, dass ich ihm nichts anbieten konnte an Erzählungen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein leises, tiefes Ausatmen entwich meiner Brust, als ihre Stimme verhallte. Ich saß vollkommen reglos da, während jedes einzelne ihrer Worte langsam in mich einsickerte. Das kühle Schmerzmittel hielt die Peitsche der Rippenschmerzen auf Abstand, sodass da nur dieses dumpfe Pochen blieb – aber viel lauter als der körperliche Schmerz war das stumme Verlangen in mir, ihre Worte Stück für Stück aufzusaugen und ihr all das zurückzugeben, was sie so verbittert über sich selbst dachte.
      Ich neigte den Kopf ein paar Millimeter zur Seite, hielt ihren Blick mit meinem unversehrten Auge fest und ließ mir Zeit, ehe ich die Lippen öffnete. Mein Schmunzeln war sanft, frei von jeder Spur von Überheblichkeit, auch wenn die geplatzte Haut bei der Bewegung schmerzhaft spann.
      „Sport ist also nicht so deins...“, griff ich ihren ersten Punkt leise auf, und meine raue Stimme fügte sich nahtlos in die ruhige Stille der Bibliothek ein. „Glaub mir, Selene, das ist das absolut kleinste Problem auf dieser Welt. Du musst nicht sportlich sein. Du musst weder hoch springen noch schnell rennen oder irgendwelche Bälle durch die Gegend werfen. Und was die Cheerleader oder andere Sportler angeht... Ausstrahlung hat absolut nichts mit Akrobatik oder perfekten Choreo-Schritten zu tun.“
      Ich hielt inne und sah sie intensiv an. Meine Züge wurden spürbar ernster, durchdrungen von einer tiefen Ehrlichkeit.
      „Du hast eine Ausstrahlung, Selene“, flüsterte ich und stützte die Unterarme ganz vorsichtig auf dem Tisch ab, um näher an der Mitte des Tisches zu sein. „Sie ist nur nicht laut. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund und schreit nicht nach Aufmerksamkeit. Es ist eine stille, beruhigende Ausstrahlung. Eine Art von Präsenz, die bewirkt, dass man neben dir durchatmen kann. Dass der Kopf aufhört zu dröhnen. Und glaub mir... das ist tausendmal mehr wert als jede sportliche Höchstleistung.“
      Als ich an das dachte, was sie über ihre Noten gesagt hatte – dass sie in allem gute Ergebnisse bringen wollte, dass sie sich den Arsch aufriss, um in allen Fächern außer Sport perfekt zu sein –, zog sich in meiner Brust etwas zusammen. Ich hörte die ungesagten Geschichten hinter diesen Zeilen. Die Disziplin, die stundenlange Arbeit über den Büchern, das krampfhafte Festhalten an einer Perfektion, die ihr scheinbar als einziger Maßstab diente.
      „Und was deine Noten angeht...“, fuhr ich leise fort, während ich mir mit einer Hand behutsam über die heile Wange fuhr. „Es ist unglaublich beeindruckend, wie ehrgeizig du bist und wie hart du arbeitest. Aber du musst niemanden etwas beweisen. Du musst dir deinen Wert nicht durch eine Eins auf dem Papier verdienen. Noten zeigen nur, dass du ein System verstanden hast oder gut auswendig lernen kannst. Sie zeigen nicht, was für ein Mensch du bist. Sie zeigen nicht deine Empathie, deine Geduld oder die Art, wie du jemandem zuhörst, der komplett am Boden liegt. Du bist wertvoll, Selene. Nicht wegen deiner Zeugnisse, sondern einfach, weil du du bist.“
      Ich sah das feine Beben in ihren Zügen, das leise Seufzen, als sie ihre Zeichnungen erneut als bloßes 'Rumgekritzel' und 'Zeitvertreib' abtat. Ein ganz vorsichtiges, schiefes Lächeln zeigte sich auf meinem Gesicht.
      „Hör auf, das, was du tust, so klein zu machen“, sagte ich sanft, aber mit einem Nachdruck, der keinen Zweifel zuließ. „Du sagst, es sei nur Zeitvertreib. Du sagst, du seist keine Künstlerin. Aber weißt du, was ich darin sehe? Wenn jemand besser schattieren und realistischer zeichnen kann als die meisten anderen, dann ist das kein bloßer Zufall. Das bedeutet, dass du die Welt da draußen genauer beobachtest als alle anderen. Du siehst Details, Licht, Schatten und Nuancen, an denen die meisten Menschen blind vorbeirennen. Deine Zeichnungen sind der Beweis dafür, wie tief du Dinge wahrnimmst. Und allein deshalb ist es schon weit mehr als nur ein dämliches Gekritzel.“
      Ich atmete tief durch die Nase ein und spürte, wie die kühle Bibliotheksluft meine Lungen füllte. Ich schluckte den bitteren Geschmack der Schmerzmittel herunter und sah sie direkt an, als mir ihre ehrlichen, frustrierten Worte über die Musik, das Lesen und ihre Isolation noch einmal durch den Kopf gingen. Sie hatte von Geschichten gesprochen, vom Weglaufen vor der Realität, von Liedern, die je nach Stimmung wechselten, und davon, wie leer sich das alles für sie anhörte.
      „Du meinst, deine Antworten seien nicht genauer oder du könntest mir nichts 'anbieten'...“, flüsterte ich und schüttelte langsam den Kopf. „Aber genau diese Antworten erzählen mir alles, was ich wissen muss. Wenn du liest, um der Realität für einen Moment zu entkommen, dann zeigt mir das, wie schwer diese Realität manchmal auf deinen Schultern lastet. Wenn du verschiedene Musik hörst, zeigt es mir, dass du ein Gefühl für Stimmungen hast und dich nicht in eine einzige Schublade stecken lässt. Das ist nicht leer, Selene. Das ist echt. Es ist hundertmal ehrlicher als jedes einstudierte Gespräch über Partys oder belanglose Freizeittrends.“
      Und dann dachte ich an ihren letzten Satz. An ihr bitteres Lächeln, als sie sagte, dass jemand wie sie wohl kaum einen Freund hätte, und an die spürbare Frustration darüber, dass sie all diese typischen Erfahrungen bisher nie gemacht hatte.
      Ich sah sie an, ohne den Blick auch nur für eine Millisekunde abzuwenden. Mein Gesicht war geschunden, mein Auge geschwollen, aber meine Augen hielten ihre völlig fest.
      „Dass du noch keine Beziehung hattest... dass du denkst, du hättest irgendetwas verpasst, nur weil du dich nicht wie die anderen in irgendwelche Geschichten gestürzt hast...“, begann ich ganz leise, und der Tonfall meiner Stimme wurde unendlich behutsam. „Selene, das macht dich nicht weniger wert. Es macht dich nicht komisch oder unvollständig. Es bedeutet einfach nur, dass du dich nicht an irgendwen verschwendet hast. Es bedeutet, dass du deine Zeit nicht mit oberflächlichem Kram vergeudet hast, nur um dazuzugehören.“
      Ich machte eine kurze Pause, ließ die Worte kurz in der Stille hängen und legte meine Hände flach auf das kühle Holz der Tischplatte.
      „Die meisten Leute in unserem Alter stürzen sich von einer Erfahrung in die nächste, nur um etwas vorzuweisen zu haben. Sie sammeln Momente wie Trophäen, ohne zu verstehen, was echte Nähe überhaupt bedeutet. Du hast diese Dinge bisher nicht erlebt, weil du jemanden brauchst, der dich wirklich sieht. Jemanden, der versteht, wie viel Tiefe in dir steckt. Dass du allein bist, liegt nicht daran, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es liegt daran, dass die meisten Menschen viel zu blind und viel zu laut sind, um zu begreifen, was für ein besonderer Mensch da eigentlich vor ihnen sitzt.“
      Ich sah das Zögern in ihrem Blick, die Unsicherheit, die noch immer wie ein feiner Schleier über ihr lag.
      „Egal was du mir erzählst... egal wie klein oder unbedeutend du es findest... für mich ist es das Interessanteste, was ich seit Monaten gehört habe. Du musst mir keine spektakulären Geschichten verkaufen, Moony. Sei einfach genau so, wie du bist. Mehr brauche ich nicht.“
    • Nun, prinzipiell war Sport nichts, worüber ich mir in meiner Freizeit Gedanken machte. Er spielte weder außerhalb der Schule eine Rolle in meinem Leben, noch hatte ich vor, ihn in irgendeiner Weise in meine Zukunft einzubauen. Leider konnte ich während der Schulzeit nicht behaupten, dass er vollkommen unwichtig für mich war. Immerhin gab es den Sportunterricht und damit auch eine Note in meinem Zeugnis. Und so sehr ich mich auch bemühte, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen, blieb mir keine andere Wahl, als mir Sorgen darüber zu machen. Eine Sechs würde schließlich ausreichen, um meine gesamte Versetzung zu gefährden, selbst wenn ich in allen anderen Fächern eine Eins schrieb. Dass Alex plötzlich von meiner Ausstrahlung sprach, verwirrte mich daher umso mehr. Was sollte mir eine Ausstrahlung schon bringen, wenn es darum ging, meine Sportnote zu verbessern? Natürlich war mir bewusst, dass Ausstrahlung auch im echten Leben eine gewisse Bedeutung hatte, doch ich hatte mich bisher nie sonderlich mit diesem Thema beschäftigt. Im Gegenteil. Ich war mir durchaus bewusst, dass meine Ausstrahlung neben der einer Cheerleaderin wahrscheinlich irgendwo im Hintergrund verschwand. Wie sollte jemand wie ich überhaupt Ausstrahlung besitzen? Ich war schließlich keine besonders auffällige Person. Eher das Gegenteil. Wie sollte eine selbsternannte Verliererin gegen Menschen bestehen, die bereits durch ihr Auftreten sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen? Menschen machten sich selten die Mühe, jemanden wirklich kennenzulernen. Sie sahen etwas, bildeten sich daraus ihr Urteil und handelten entsprechend. Wenn Alex und ich uns nicht zufällig über die App kennengelernt hätten, würden wir uns wahrscheinlich bis heute nicht kennen. Und das, obwohl er gerade von einer Eigenschaft an mir sprach, die angeblich so positiv sein sollte. Ich schluckte die Worte hinunter, die mir auf der Zunge lagen. Vermutlich würden wir ohnehin auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, wenn ich alles ablehnte, was er über mich sagte, und er im Gegenzug versuchte, mir das Gegenteil zu beweisen. Diesen friedlichen Moment zwischen uns wollte ich dafür nicht aufs Spiel setzen. Und trotzdem tat es gut. Mehr, als ich zugeben wollte. Es war ein eigenartiges Gefühl, von jemandem so gesehen zu werden. Als würde jemand meinen Wert erkennen, obwohl ich selbst nicht einmal wusste, wo genau ich danach suchen sollte. Vielleicht war es genau das, was mich an Alex so verwirrte. Wie schaffte er es, selbst in Kleinigkeiten etwas Positives zu finden? Vielleicht war genau das auch der Grund, weshalb er bei anderen so gut ankam. Nicht allein, weil er Kapitän war oder weil sein Name und sein Gesicht in der Schule bekannt waren, sondern weil er die Menschen tatsächlich wahrnahm. Vielleicht war das seine besondere Art. Vielleicht konnte er hinter die Masken anderer blicken, weil er selbst gelernt hatte, eine zu tragen. Und vielleicht ließ seine eigene Maske in manchen Situationen für einen kurzen Moment etwas von dem Menschen darunter erkennen.
      Seine nächsten Worte über meine harte Arbeit und meine Noten ließen meinen Blick auf meine ineinander verschränkten Finger sinken. Das Pochen meines Herzens schien plötzlich viel lauter zu sein als zuvor. Eigentlich hätte ich mich freuen müssen. Schließlich waren es genau solche Worte, nach denen ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt hatte. Und doch kamen sie nicht wirklich bei mir an. Ich hörte sie. Ich verstand ihre Bedeutung. Und sie bedeuteten mir sogar viel. Aber ich schaffte es nicht, sie wirklich in meinem Herzen anzunehmen. Nicht, weil ich Alex nicht dankbar dafür war. Ganz im Gegenteil. Ich war ihm unendlich dankbar, dass er mir etwas sagte, das ich so lange hatte hören wollen. Es lag vielmehr daran, dass diese Worte nicht von der Person kamen, von der ich sie am meisten hören wollte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb es mir so schwerfiel, sie wirklich ernst zu nehmen. Trotzdem hinterließen sie etwas in mir. Eine angenehme Wärme, die sich langsam in meiner Brust ausbreitete. Fast so, wie ich mir eine feste, ehrliche Umarmung vorstellte.
      Mein Blick hob sich wieder, als er auf meine Zeichnung zu sprechen kam. Ich fragte mich wirklich, wie er es immer schaffte, die richtigen Worte zu finden. Worte, die sich beinahe wie Salbe auf einer offenen Wunde anfühlten. Dabei wusste ich, dass auch er seine eigenen Schwierigkeiten hatte. Vielleicht sogar mehr, als er mir erzählte. Und trotzdem schien er immer genau zu wissen, was er anderen sagen musste, um ihnen Mut zu machen. Warum hatte er diese Worte nicht auch für sich selbst übrig? Ich beneidete ihn darum. Mir fehlten solche Worte. Wenn jemand traurig war, wusste ich oft nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte zuhören, vielleicht auch versuchen, praktische Lösungen zu finden, aber jemanden allein mit Worten aufzufangen, war etwas, das mir unglaublich schwerfiel. Alex schien darin beinahe mühelos zu sein. Ein kleines, verschmitztes Lächeln huschte über meine Lippen, als er meine Zeichnung lobte, obwohl er sie noch nicht einmal gesehen hatte. Trotzdem brachte ich es noch nicht über mich, sie ihm zu zeigen. Ich wollte ihm etwas präsentieren, auf das ich wirklich stolz sein konnte. Eine Zeichnung, bei der ich selbst das Gefühl hatte, dass sie gut genug war. Etwas, bei dem ich nicht sofort jeden einzelnen Fehler sah und mich fragte, weshalb ich überhaupt geglaubt hatte, es jemandem zeigen zu können. Natürlich könnte ich ihm irgendeine meiner Kritzeleien geben, aber aus irgendeinem Grund wollte ich das nicht. Ich wollte ihm eine gute Seite von mir zeigen. Eine Zeichnung, bei der ich mir sicher war, dass sie ihm gefallen würde. Vielleicht war das albern. Vielleicht machte ich mir auch einfach zu viele Gedanken. Wie so oft.
      Immer wieder wich ich seinem Blick aus, sobald er etwas Ehrliches über mich sagte. Es war beinahe so, als könnte ich den Worten entkommen, wenn ich sie nicht direkt ansah. Als würden sie mich weniger betreffen, wenn ich sie nicht an mich heranließ. Dabei wusste ich, dass Alex es nur gut mit mir meinte. Und genau das machte es noch schwieriger. Einerseits gaben mir seine Worte das Gefühl, nicht vollkommen allein zu sein. Da war jemand, der sich die Mühe machte, genauer hinzusehen. Jemand, der nicht einfach das Bild übernahm, das andere von mir hatten. Andererseits war da diese hartnäckige Stimme in meinem Kopf, die mir einredete, dass ich diese Worte eigentlich gar nicht verdient hatte. Ich wusste selbst nicht, woher dieses Gefühl kam. Vielleicht hatte ich mich einfach zu lange daran gewöhnt, mich selbst kleinzumachen. Alex hatte allerdings recht. Es brachte mir nichts, mich ständig in Geschichten zu flüchten. Sie konnten mir für einen Moment eine andere Welt geben, aber sie konnten mir keine echten Erfahrungen schenken. Und zumindest eine davon hätte ich gerne gehabt. Eine ganz normale. Mit einem ganz normalen Jungen. Kein großes Abenteuer. Keine dramatische Geschichte, in der sich zwei Menschen unter außergewöhnlichen Umständen begegneten und am Ende füreinander bestimmt waren. Ich wollte etwas, das langsam entstand. Etwas Natürliches. Ein erstes Verliebtsein. Ein erstes Liebesgeständnis. Ein erstes Date. Ein erster Kuss. Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Während inzwischen gefühlt jeder in meinem Alter zumindest eine dieser Erfahrungen gemacht hatte, stand ich vollkommen ohne Erfahrung da. Und wenn das noch ein paar Jahre so weiterging und irgendwann jemand erfuhr, dass ich noch nie eine Beziehung gehabt hatte, würde man sich vermutlich fragen, was mit mir nicht stimmte. Vielleicht war ich zu prüde. Vielleicht war ich einfach seltsam. Vielleicht gab es irgendeinen anderen Grund, den ich selbst noch nicht erkannt hatte. Tatsächlich war es für mich momentan allerdings kein allzu großes Problem. Meine Noten und mein Abschluss waren mir wichtiger. Vielleicht würde ich irgendwann wirklich als eine dieser Frauen enden, die mit vierzig noch immer alleine lebten und von allen nur als verrückte Katzentante bezeichnet wurden. Wer wusste das schon? Bei meinem Glück war das vermutlich gar nicht so unwahrscheinlich.

      Sein letzter Versuch, mich zu überzeugen, brachte mich schließlich doch zum leisen Lachen. „Okay, wenn du das sagst.“ Ich gab mich geschlagen. Meinetwegen konnte ich ihm glauben, dass das, was er über mich sagte, tatsächlich stimmte. Zumindest wollte ich für einen Moment aufhören, alles infrage zu stellen. „Ich kann es nicht unbedingt nachvollziehen“, gab ich leise zu und senkte kurz den Blick. „Aber ich gebe mein Bestes, dir zu glauben.“ Ob es tatsächlich funktionierte, wusste ich nicht. Aber vielleicht war es einen Versuch wert. Zumindest bei Alex. Über seine Worte wollte ich ohnehin nicht weiter diskutieren. Dafür fühlte sich dieser Moment zu angenehm an. „Es ist schade, dass andere diese Seite von dir nicht sehen.“ Meine Stimme war leiser geworden, während ich ihn für einen Moment betrachtete und den Kopf leicht zur Seite neigte. Er würde wahrscheinlich ein völlig anderes Bild von sich in der Schule haben, wenn die anderen wüssten, wie er wirklich war. Vielleicht würde er sogar tiefere Freundschaften schließen können. Schließlich war er nicht der einzige Mensch, der sich nicht von Beliebtheit, Gerüchten oder seinem Ruf beeinflussen ließ. Es gab sicherlich andere Menschen, die ihn kennenlernen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Menschen, die ihn nicht nur als Kapitän sahen. Nicht als den beliebten Jungen. Nicht als das Bild, das die Schule von ihm geschaffen hatte. Sondern einfach als Alex. Doch mittlerweile war sein Image vermutlich so fest in den Köpfen der anderen verankert, dass es kaum möglich war, dieses Bild von heute auf morgen zu verändern. Dafür würde es Zeit brauchen. Und wahrscheinlich noch viel mehr als das. Vielleicht viele kleine Momente, in denen die Menschen erkennen mussten, dass hinter der bekannten Fassade ein ganz anderer Mensch steckte. Ich sah ihn noch einen Moment an und fragte mich, ob er selbst überhaupt wusste, wie schade das eigentlich war. Vielleicht würde er es irgendwann verstehen. Oder vielleicht würde er einfach weiterhin diese Maske tragen, weil es leichter war, als den anderen zu zeigen, wer er wirklich war. Ich wusste es nicht. Aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich zumindest einen kleinen Teil von ihm sehen durfte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein tiefes, warmes Ausatmen entwich meiner Brust, und dieses Mal lag kein unruhiges Beben mehr darin. Ich beobachtete sie vollkommen reglos. Ich sah, wie das sanfte Licht der Bibliothek über ihre Züge glitt, wie sie den Kopf leicht zur Seite neigte und mich mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und dieser unendlich ehrlichen Ruhe betrachtete.
      Ihre Worte – „Es ist schade, dass andere diese Seite von dir nicht sehen“ – hallten wie ein sanfter Nachklang in der kühlen Luft zwischen den hohen Bücherregalen wider. Sie traf mich damit genau an der Stelle, die ich Jahre lang sorgfältig hinter Trikots, Siegen und lautem Lachen versteckt hatte. Aber das Bemerkenswerteste war nicht einmal, was sie sagte, sondern wie sie es sagte. Es war kein Urteil. Es war reine, unaufdringliche Wahrnehmung.
      Ich saß da, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hände flach auf dem hölzernen Tisch, und ließ ihren Blick gewähren. Wir kannten uns viel besser, als es jeder Außenstehende, der uns heute zum ersten Mal zusammen an diesem Tisch gesehen hätte, jemals vermuten würde. Monatelanges Schreiben, unzählige Nächte voller Nachrichten über dem leuchtenden Display, das Teilen von Gedanken in der Anonymität der App... all das hatte ein Fundament gegossen, das fester war als alles, was ich auf dem Schulhof jemals aufgebaut hatte. Für mich hatte sich dieses Gefühl nicht nur bestätigt, seit sie vor mir saß – es hatte sich verhundertfacht. Aus der vertrauten Stimme in meinen Nachrichten war ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden. Ein Mensch, der mich trotz der Blutergüsse, der Platzwunde und der zerschundenen Rüstung nicht ansah wie ein Monstrum, sondern einfach wie Alex.
      Als ich sie so ansah – wie sie zugab, dass sie versuchen wollte, mir zu glauben, auch wenn sie es nicht ganz nachvollziehen konnte –, spürte ich eine Hitze, die nichts mit den Prellungen an meinen Rippen zu tun hatte. Eine Welle von absoluter, ungefilterter Nervosität überrollte mich schlagartig. Meine Wangen, die eben noch blaß vor Erschöpfung gewesen waren, brannten auf einmal hochrot. Ich spürte, wie das Blut in meine Ohren schoss, und um mich an irgendetwas festzuhalten, drehte ich den Kopf ein Stück zur Seite und blickte fast schon suchend zur großen Wanduhr, die tickend über dem Eingang der Bibliothek hing.
      Die Zeiger rückten unaufhaltsam vor. Die Zeit verging, und der Moment fühlte sich plötzlich so kostbar und gleichzeitig so brüchig an, dass mir mein Herz bis zum Hals schlug. Das Dröhnen der Schmerzmittel trat komplett in den Hintergrund. Was nützte mir der ganze Mut auf dem Spielfeld, was nützte mir die Führungsrolle als Kapitän, wenn ich hier vor dem einzigen Mädchen saß, das mir wirklich etwas bedeutete, und meine Hände vor Aufregung zitterten?
      Ich drehte den Kopf langsam zu ihr zurück. Ich wich ihrem Blick nicht aus, auch wenn es sich anfühlte, als würde ich ohne Schutzweste auf ein Minenfeld treten. Ich schluckte den trockenen Kloß in meiner Kehle herunter und zwang mich, das auszusprechen, was mir seit einer halben Stunde im Kopf herumging.
      „Selene...“, begann ich leise. Meine Stimme klang rau, getränkt von einer tiefen, ehrlichen Unsicherheit, die jeglichen Versuch von Coolness im Keim erstickte. „Ich... ich muss dich was fragen. Und du musst mir versprechen, ehrlich zu antworten.“
      Ich machte eine kurze Pause, um stoßweise durchzuatmen. Das Stechen in meiner Flanke erinnerte mich daran, wo ich eigentlich herkam, aber es hielt mich nicht auf. Ich legte meine rechten Finger etwas flacher auf das Holz, knapp vor die Kante ihres Notizblocks, ohne sie jedoch zu bedrängen.
      „Könntest du dir...“, flüsterte ich und spürte, wie mir die Hitze bis in den Nacken stieg, während meine geschwollene Augenpartie leicht zuckte, „...könntest du dir vorstellen, irgendwann mit mir auf ein Date zu gehen? So... so ein richtiges Date?“
      Das Wort schwebte zwischen uns im Raum. Es klang so ungeheuerlich, so groß und gleichzeitig so wunderbar. Ich ließ ihr keine Zeit, schockiert abzuwinken oder sich hinter einer Ausflucht zu verstecken, sondern fuhr sofort mit brüchiger Stimme fort, während die Worte fast unkontrolliert aus mir heraussprudelten.
      „Ich meine... nicht nur hier in der Bibliothek hocken und über Geschichtszahlen oder kaputte Familien reden. Sondern... richtig rausgehen. Zusammen ins Kino gehen. Irgendwo was Leckeres essen. Popcorn teilen, im Dunkeln nebeneinander sitzen... genau so ein klischeehaftes, stinknormales Date eben, wie man es sich vorstellt.“
      Ein schiefes, fast schon hilfloses Lächeln zeigte sich auf meinen geplatzten Lippen, und ich fuhr mir mit der Hand nervös durch die zerzausten Haare, wobei meine Fingerspitzen kurz die Platzwunde am Hinterkopf streiften. Ich schüttelte leise den Kopf über mich selbst.
      „Gott, ich klinge wahrscheinlich absolut lächerlich“, gestand ich rauchig und hielt ihren Blick brennend fest. „Und wenn ich ehrlich bin... aufgrund von absoluter Mangel an Erfahrung kann ich dir nicht einmal garantieren, dass es gut wird. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht irgendwo stolpere, dass mir im richtigen Moment die Worte fehlen oder dass ich irgendwas komplett ungeschickt anstelle. Ich habe so was noch nie gemacht, Selene. Nicht ein einziges Mal. Ich habe keine Ahnung von 'perfekten Dates'.“
      Ich neigte den Kopf ein Stück herüber, und die Intensität in meinen Augen war nicht mehr zu verbergen. All die Selbstzweifel, die sie vorhin geäußert hatte – dass sie dachte, sie hätte nichts anzubieten, dass niemand sie sehen würde, dass sie Erfahrung verpasst hätte –, wollte ich in diesem einen Moment pulverisieren.
      „Aber ich würde mich unendlich... unfassbar darüber freuen, wenn du mir die Chance geben würdest“, flüsterte ich mit vollster Überzeugung. „Mit dir. Nur wir beide. Kein Fußball, kein Theater, keine Masken. Ich möchte mit dem Mädchen aussteigen, das zeichnet, das liest und das mir heute mein Leben gerettet hat, ohne es zu merken. Sobald ich wieder einigermaßen wie ein Mensch aussehe und laufen kann, ohne mir die Rippen zu halten... möchte ich dich ausführen. Wenn du das möchtest. Wenn es für dich auch nur ansatzweise vorstellbar ist.“
      Ich schwieg. Die Stille kehrte zurück, aber sie war geladen mit einer Spannung, die die Luft zum Knistern brachte. Meine Wangen brannten noch immer, mein Puls pochte spürbar in meinen Schläfen, und ich saß da, vollkommen ungeschützt, geschunden und offen wie ein Buch, und wartete auf das, was sie mir geben würde.
    • Alex sagte eine Weile nichts, was mich kurz überlegen ließ, ob ich vielleicht die falschen Worte gewählt hatte. Oft genug hatte ich mir gewünscht, die Fähigkeit zu besitzen, die Gedanken anderer Menschen hören zu können. Doch wenn man diesen Gedanken weiterspann, war es womöglich etwas, mit dem ich nicht lange zurechtgekommen wäre. Denn was, wenn man ständig negative Gedanken hören würde? Gedanken über andere? Über sich selbst? Und dann noch die Gedanken von dreißig Menschen gleichzeitig? Die Fähigkeit erschien mir plötzlich nicht mehr annähernd so reizvoll. Doch in diesem Moment hätte ich sie mir gewünscht. Während Alex schwieg und ich ihn einfach nur ansah, als könnte ich allein dadurch seine Gedanken hören, veränderte sich plötzlich seine Stimmung. Oder zumindest nahm ich es so wahr, denn langsam kehrte Farbe in sein Gesicht zurück. Für einen Moment fragte ich mich, ob ihn plötzlich Fieber gepackt hatte, denn die Röte ließ sofort meine Alarmglocken läuten. Bisher hatte er aufgrund seiner Verletzungen blass gewirkt, und nun diese plötzliche Veränderung zu sehen, machte mir Sorgen. Sein Blick ließ mich vermuten, dass er nach etwas suchte. Hatte er es sich inzwischen anders überlegt und wollte doch nicht mehr hier sein? Oder war das, was ich gesagt hatte, so peinlich für ihn gewesen, dass er am liebsten wegrennen wollte? Doch egal, wie oft ich meine Aussage im Kopf durchging, ich konnte darin nichts Peinliches finden. Also saß ich planlos da und versuchte, irgendeine plausible Erklärung zu finden.
      Aufmerksam beobachtete ich, wie er schließlich wieder den Blick auf mich richtete und zu sprechen begann. Kaum merklich hob ich die Augenbrauen, als er meinen Namen aussprach. Ich war noch immer nicht daran gewöhnt, dass er meinen Namen sagte. Abgesehen von den Lehrern gab es eigentlich niemanden, der ihn regelmäßig aussprach. Doch was meine Aufmerksamkeit nun besonders fesselte, war seine Stimme. Sie war nicht mehr so ruhig und sicher wie zuvor. War da ein Hauch von Nervosität? Unsicherheit? Das ließ mich nur noch mehr verwundern. Umso überraschter war ich, als er von mir verlangte, ihm zu versprechen, ehrlich zu antworten. Bei Alex wusste ich nie, was er als Nächstes fragen oder sagen würde, und mein Herz schien das jedes Mal persönlich zu nehmen. Seine anschließende Pause machte es für mich nicht gerade einfacher. Sämtliche möglichen Szenarien schossen mir erneut durch den Kopf, als müsste ich mich irgendwie auf das vorbereiten, was als Nächstes kommen würde. Doch auf die Frage, die er mir schließlich stellte, war ich nicht vorbereitet. Kein einziges der vielen Szenarien, die durch meinen Kopf geschossen waren, hatte auch nur ansatzweise diese Möglichkeit beinhaltet.
      Ein Date? Alex und ich auf einem Date? Die Stille der Bibliothek fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an, als würde sie sich direkt auf meine Schultern legen. Seine Frage hatte mich so sehr aus der Bahn geworfen, dass sie sämtliche Gedanken aus meinem Kopf gefegt hatte und ich einfach nur sprachlos auf meinem Stuhl saß. Doch Alex ließ mir keine Zeit, auch nur einen einzigen Gedanken zu fassen, denn er sprach bereits weiter. Ein Date mit Alex, bei dem wir beide einfach rausgehen würden. Nicht unter dem Vorwand, gemeinsam zu lernen oder damit ich ihm bei seinen Problemen zu Hause half, sondern ein ganz normales Date. So, wie man es aus Erzählungen und Filmen kannte. Dates, von denen ich auch schon oft genug in Büchern gelesen hatte. Etwas, mit dem ich bis heute keinerlei Erfahrung hatte. Etwas, von dem ich ihm erst vor wenigen Minuten erzählt hatte. Was allerdings überhaupt nicht zu meinem Verständnis passen wollte, war sein Lächeln. Alex war der Kapitän, beliebt und bekannt in der Schule. Es gab sicherlich genügend Mädchen an unserer Schule, die bereits Zeit mit ihm verbracht hatten, vielleicht sogar mit ihm auf einem Date gewesen waren. Daher wollte mir nicht in den Kopf, wie er behaupten konnte, darin keine Erfahrung zu haben. Er wirkte auf mich jedenfalls nicht wie jemand, der keine Ahnung davon hatte. Maske hin oder her, irgendwann war er sicherlich mit seinen Freunden und Mädchen unterwegs gewesen. Oder zumindest einmal allein mit einem Mädchen.
      Es passierte alles so schnell und auf einmal. Alex würde sich freuen, wenn ich ihm die Chance geben würde. Und allein die Art, wie er es aussprach, als wäre es etwas, das nur zwischen uns beiden bleiben sollte, ließ plötzlich Wärme in mein Gesicht schießen. Ich öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Meine Finger verhedderten sich nervös im Stoff meines Kleides, während ich plötzlich nicht mehr wusste, wohin ich schauen sollte. Ich öffnete erneut den Mund, doch auch diesmal kam kein Ton heraus. Ich kam mir vor wie ein Fisch, der verzweifelt versuchte, Luft zu bekommen. Irgendwie musste es doch eine rationale Erklärung dafür geben. Ich zwang mich, darüber nachzudenken, und schließlich kam sie mir. Er wollte mit mir auf ein Date gehen, weil ich ihm gerade erst erzählt hatte, dass ich keinerlei Erfahrung damit hatte. Er wollte mir dabei helfen. Mir in dieser Hinsicht helfen, so wie ich ihm bei der Nachhilfe half. Er wollte mir diese Erfahrung also als eine Art Dankeschön schenken. Gedanklich nickte ich vor mich hin. Das klang einleuchtend. Das ergab am meisten Sinn.
      Ich räusperte mich und bemerkte, wie die Wärme in meinem Gesicht nach dieser Erklärung langsam wieder abebbte. Doch ein Bedenken blieb. „Aber was, wenn uns jemand zusammen sieht? Ich meine ... unsere Kombination ist ... nicht gerade normal.“ Ich senkte leicht den Blick. „Das würde sich, zu deinen Ungunsten, bestimmt herumsprechen“, wandte ich leise ein. Ich wollte nicht, dass er wegen mir Probleme mit anderen bekam, nur weil er mir helfen wollte. Sicherlich würden alle ihn ausfragen, sich darüber lustig machen oder sich fragen, wie er ausgerechnet mit jemandem wie mir auf ein Date gehen konnte. Er hatte ohnehin schon genug Probleme auf seinem Teller. Da wollte ich ihm nicht noch weitere auferlegen, auch wenn ich neugierig war wie es sich ein Date anfühlen und ausspielen würde.
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    • Ein leises, geschocktes Lachen entwich meiner Brust, als ihre Antwort wie eine kalte Dusche über mich hineinbrach. Es war ein Lachen, das halb ungläubig, halb voller fassungsloser Zuneigung war.
      Ich hatte mir mein Herz aus dem Leib gerissen, hatte meine gesamte Rüstung vor ihren Füßen zertrümmert, war vor ihr rot angelaufen wie ein dummer Teenie beim ersten Schulfest und hatte ihr ein Geständnis gemacht, das mich absolut jede Beherrschung gekostet hatte. Und was war ihre allererste Sorge? Dass ich gesellschaftlichen Schaden nehmen könnte, wenn man uns zusammen sah. Dass unsere Kombination „nicht normal“ sei. Dass man mich auslachen oder mein Ruf darunter leiden würde.
      Sie suchte krampfhaft nach einer logischen, rationalen Formel für das, was hier gerade passierte. Ich sah es in ihren Augen. Ich konnte förmlich spüren, wie die Räder in ihrem Kopf arbeiteten und sie sich einredete, dass ich das hier nur aus Mitleid tat. Als wäre ein Date mit ihr ein pädagogisches Hilfsprojekt, das ich freundlicherweise als Dankeschön für ihre Nachhilfe abspulte.
      Ich stützte meine Ellbogen auf den Tisch, presste die Handflächen kurz gegen mein Gesicht und rieb mir über die Müdigkeit und die Überraschung hinweg. Dann ließ ich die Hände wieder sinken, neigte den Kopf weit nach vorne und sah sie so direkt, ernst und intensiv an, wie ich es wahrscheinlich in meinem ganzen Leben noch nie bei einem Menschen getan hatte.
      „Selene... hör mir jetzt bitte ganz genau zu“, begann ich leise, und meine raue Stimme schnitt vollkommen ohne Zögern durch die kühle Bibliotheksluft. „Glaubst du im Ernst... glaubst du allen Ernstes, dass ich mir hier gerade vor Aufregung die Seele aus dem Leib schwitze, rot anlaufe wie ein Anfänger und mir mein Herz bis zum Hals schlägt, nur um dir ein 'höfliches Dankeschön' aufzutischen?“
      Ich schüttelte langsam den Kopf, und mein unversehrtes Auge fixierte ihren Blick unerbittlich.
      „Vergiss die Schule. Vergiss die Cheerleader, die Footballer, die Flure, die Gerüchte und all diese verdammte Scheiße, die nach der Zwölften ohnehin nicht mehr die Bohne interessiert. Es ist mir völlig scheißegal, was irgendjemand da draußen sagt, denkt oder tuschelt, wenn er uns zusammen sieht. Sollen sie stieren. Sollen sie sich ihr Maul drüber zerreißen. Wenn die Kapazitäten deren Gehirne nicht ausreichen, um zu verstehen, was ich an dir sehe, dann ist das deren Problem, nicht meins. Ich gehe nicht mit dem Ruf der Schule aus, Selene. Ich will mit dir ausgehen.“
      Ich machte eine kurze Pause, holte tief Luft und zwang mein Atmen zur Ruhe, obwohl mein Herz noch immer gegen meine geprellten Rippen hämmerte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wenn ich die Maske schon abgerissen hatte, dann musste ich sie komplett auf den Boden treten.
      „Das hier ist kein Hilfsprojekt. Das ist kein Mitleid und keine Gefälligkeit. Ich frage dich nach einem Date, weil ich mit dir zusammen sein will. Weil ich die feste Absicht habe, dich kennenzulernen. Weil ich... weil ich die Hoffnung habe, dich vielleicht irgendwann, wenn alles gut läuft und du es genauso siehst... meine Freundin nennen zu dürfen.“
      Das Wort stand felsenfest im Raum. Es war keine vage Andeutung mehr. Es war ein klares, unumstößliches Bekenntnis.
      „Das ist für mich die Option, Selene. Keine Übung, kein Schauspiel, kein Gefallen. Ich frage dich, weil du der einzige Mensch bist, der mich seit Monaten wirklich erreicht hat. Ob du das am Ende auch so siehst oder ob du irgendwann merkst, dass ich dir doch auf die Nerven gehe... das liegt ganz bei dir. Aber versuch bitte nicht mehr, meine Gefühle für dich als ein höfliches Dankeschön abzutun. So viel Mut habe ich aufzubringen versucht, um ehrlich zu dir zu sein.“
      Ich lehnte mich ein Stückchen zurück auf meinen Holzstuhl, hielt die Arme aber auf dem Tisch verschränkt. Der Schmerz in meinen Rippen war da, aber er war meilenweit entfernt von der Klarheit, die mich plötzlich erfüllte. Es tat gut, die Dinge beim Namen zu nennen. Keine Ausflüchte mehr.
      „Ich habe mir in den letzten drei Tagen im Keller verdammt viele Gedanken gemacht“, fuhr ich leise fort, und meine Züge wurden ruhig, bestimmt und fokussiert. „Ich bin es leid, nur zu reagieren. Ich bin es leid, abzuwarten, wann der nächste Ausbruch zu Hause passiert oder wann die nächste Faust fliegt. Ich bin dabei, mir einen verdammten Plan für meine Zukunft zu bauen. Und das bedeutet, dass ich die unschönen Probleme da draußen jetzt endlich frontal angehen werde. Allem voran meine Mutter.“
      Ich hielt ihren Blick fest, um ihr zu zeigen, dass das kein naiver Wunschgedanke war, sondern eine eiskalte mathematische Realität, die ich mir in den dunklen Stunden durchgerechnet hatte.
      „Ich bin volljährig“, sagte ich schlicht. „Ich bin achtzehn. Rechtlich gesehen kann mich niemand mehr irgendwo festhalten oder mir vorschreiben, wo ich zu sein habe. Und das Haus... das Haus steht offiziell auf ihren und meinen Namen. Mein Vater hat das damals so eingetragen, als Absicherung. Das bedeutet ganz praktisch: Sie kann mich hier nicht einfach rausschmeißen, aber genauso wenig kann sie mich dazu zwingen, unter ihrem Terrorkommando zu leben. Wenn es hart auf hart kommt, ziehe ich die Grenze. Ich kann alleine weiterwohnen oder mir eine eigene Bude suchen. Und finanzielle Sorgen brauche ich mir zum Glück auch nicht zu machen.“
      Ein kurzes, mattes Lächeln zeigte sich auf meinen Lippen, als ich den Gedanken an das Geld zuließ, das bisher unberührt auf meinem Konto gelaufen war.
      „Mein Vater zahlt mir jeden Monat ein festes Taschengeld von 1500 Euro“, erklärte ich ruhig. „Das geht direkt auf mein eigenes Konto, auf das nur ich Zugriff habe. Dazu kommen die Preisgelder, die ich über die Jahre bei Turnieren und Wettkämpfen angesammelt und nie angefasst habe. Plus diverse andere Prämien und Ersparnisse, die sich aufgetürmt haben. Wenn man das alles zusammenrechnet... kann ich für eine verdammt lange Zeit sehr gut und unabhängig leben, ohne jemals wieder nach ihrem Geld fragen zu müssen.“
      Ich holte tief Luft und stützte mein Kinn auf einer Hand ab.
      „Ich werde meine Zukunft nicht mehr von der Angst diktieren lassen. Ich werde die Schule abschließen, ich werde den Sport weitermachen, wie es mir passt, und ich werde mein Leben aufräumen. Aber das Einzige, was in diesem ganzen Plan bisher gefehlt hat... war eine Antwort auf die Frage, mit wem ich diese Freiheit eigentlich teilen möchte.“
      Ich sah sie an – das Mädchen mit dem Plastikring an der Flasche, den feuchten Handflächen, den wunderschönen Augen und der tiefen, unberührten Seele.
      „Ich erwarte von dir jetzt keine Zusage für mein ganzes Leben, Selene. Ich erwarte nicht mal, dass du sofort 'Ja' sagst. Ich wollte nur, dass du verstehst, wo ich stehe. Dass du weißt, wer der Typ ist, der vor dir sitzt – nicht der Football-Kapitän mit der gefälschten Rüstung, sondern Alex, der sein Leben in die Hand nimmt. Und dieser Alex... der möchte verdammt gerne mit dir ins Kino gehen. Ohne Heimlichkeiten. Ohne falsche Scham. Einfach nur du und ich.“
    • Ich wusste nicht, wie ich sein Lachen aufnehmen sollte. Nach einem fröhlichen Lachen klang es für mich jedenfalls nicht, und für einen Moment bekam ich Angst. Angst, die Situation verschlimmert zu haben. Angst, seine Nerven so weit strapaziert zu haben, dass er nun endgültig die Schnauze voll von mir hatte. Es würde mich nicht einmal wundern. So fühlte ich mich schließlich auch immer, wenn mein Vater mich ansah. Daher würde es mich nicht überraschen, wenn Alex irgendwann merkte, wie frustrierend ich sein konnte.
      Er nahm seine Hände wieder herunter und sah mich aus solcher Nähe direkt an, dass ich augenblicklich in meiner Haltung erstarrte und keine andere Wahl hatte, als seinen Blick ebenfalls zu erwidern. Auf seine Aufforderung, ihm genau zuzuhören, reagierte mein Körper beinahe automatisch so, wie er es wollte. Mein Blick verengte sich auf ihn, als hätte ich plötzlich einen Tunnelblick und würde alles um uns herum ausblenden. Seine Frage ließ mich stocken. Ich wollte mit einem unsicheren „Ja“ antworten, hielt mich jedoch im letzten Moment zurück. Wenn es nicht daran lag, woran dann? Hatte sein Herz wirklich bis zum Hals geschlagen? Doch wieso? Sollte es für ihn nicht eine Leichtigkeit sein, ein anderes Mädchen zu einem Date einzuladen? Ich konnte noch immer nicht ganz glauben, dass er tatsächlich ein Anfänger war, so wie er es behauptete. Ja, mir war aufgefallen, wie rot er geworden war, doch ich hatte es damit abgetan, dass ihm vielleicht plötzlich warm geworden war oder ich etwas Peinliches gesagt hatte. Aber nicht damit, dass er nervös gewesen sein könnte. Seine direkte und ungefilterte Aussage über die anderen – dass es ihm scheißegal war und er mit mir ausgehen wollte – hielt mich weiterhin wie erstarrt. Ich erinnerte mich an die Worte, die ich selbst vorhin ausgesprochen hatte. Dass ich mir Mühe geben würde, ihm zu glauben. Doch es fiel mir verdammt schwer, das tatsächlich zu tun. Ausgehen. Mit mir? Mit jemandem, der absolut keine Erfahrung hatte und vermutlich das komplette Gegenteil von seiner berühmten Rolle in der Schule war? Ich hatte mir ein Bild davon gemacht, wie wichtig es ihm war, diese Fassade in der Schule aufrechtzuerhalten. Deshalb wehrte sich mein Gehirn mit aller Kraft gegen den Gedanken, dass hinter seiner Frage ein anderer, emotionaler und vielleicht sogar sentimentaler Grund stecken könnte. Doch je länger er so direkt mit mir sprach, desto weicher wurde der Widerstand in mir. Er brachte jeden rationalen Gedanken ins Wanken, jede Erklärung, die für mich plausibel geklungen hatte und mich davon abgehalten hatte, die eigentliche Bedeutung seiner Frage nach einem Date wahrzunehmen und zu akzeptieren. Ich suchte mir all diese Ausreden zusammen, um mich selbst zu schützen. Damit ich nichts missverstand und die Situation dadurch noch unangenehmer machte.
      Zu allem Überfluss stockte auch mein Atem, als er die Worte aussprach, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Mit mir auf ein Date gehen, weil er mit mir zusammen sein wollte? Die Räder in meinem Kopf begannen sich langsam zu drehen. Stück für Stück, als würde ich ein Puzzle zusammensetzen, fing ich an, alles zu verstehen. Seine Worte, seine Intention und das, was er damit erreichen wollte. Als die Erkenntnis schließlich eintrat, langsam und träge, schoss mir die Wärme so heftig ins Gesicht, dass es beinahe unerträglich wurde. Also konnte ich mit Sicherheit annehmen, dass er Gefühle für mich hatte? Romantische Gefühle? Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mir so etwas passieren würde. Es war mir fremd, und doch spürte ich gleichzeitig ein seltsames Kribbeln in meinem Bauch. Die Situation und seine Worte überforderten mich. Was machte man in einer solchen Situation? Ich hatte von solchen Momenten nur in Büchern gelesen oder sie in Filmen gesehen. Doch die Figuren darin schienen immer zu wissen, was sie sagen sollten. Die richtigen Worte. Ich seine Freundin? Ich hätte niemals erahnt, dass er mich überhaupt in einem solchen Licht sehen würde. Fühlte ich dasselbe wie er? Ich wusste es nicht. Das alles kam so überraschend, und da ich noch nie auch nur ansatzweise etwas auf einer romantischen Ebene erlebt hatte, wusste ich nicht, ob meine Gefühle tatsächlich dieselben waren wie seine. Alex hatte mittlerweile einen großen Teil meines Lebens eingenommen. Ich verbrachte gerne Zeit mit ihm – bisher zwar nur online –, und er sah so viel mehr in mir, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Seine Worte waren ehrlich und gutmütig. War es Liebe? Ich wusste es nicht. Ich konnte es nicht einordnen. Doch jetzt, da ich seine Gefühle mir gegenüber kannte, wurde mir unsere bisherige Distanz plötzlich viel bewusster. Sie war mir auf einmal präsenter als zuvor. War das ein gutes Zeichen? Und wenn ich versuchte, mich in ihn hineinzuversetzen, wurde mir klar, wie viel Mut es ihn gekostet haben musste, mir das alles offen zu gestehen. Es war das Mindeste, seine Gefühle nicht länger infrage zu stellen oder sie von mir wegzuschieben. Ihm gegenüber wäre es respektlos gewesen.
      Alex nahm schließlich einen anderen Blickwinkel ein und erzählte mir von seiner Zukunft. Ich erkannte in seinen Augen, dass er es ernst meinte. Auch wenn er sagte, dass er eine Grenze ziehen würde, sollte es wirklich hart auf hart kommen, fragte ich mich unwillkürlich, ob diese Grenze nicht längst überschritten worden war. Dennoch beruhigte es mich, zu hören, dass Alex bis zu einem gewissen Grad abgesichert war. Er stand nicht völlig hilflos da und würde nicht plötzlich obdachlos auf der Straße landen, sollte die Situation irgendwann komplett eskalieren. Ich fand es bemerkenswert, wie zielstrebig er von seinen Plänen erzählte. Und dann kam er wieder auf mich zu sprechen. Auf seine Absichten mir gegenüber. Die Wärme in meinem Gesicht war noch immer nicht verschwunden. Ich sah ihn einen Moment lang an und versuchte, irgendeinen klaren Gedanken zu greifen, doch er entglitt mir wie Nebel zwischen den Fingern. Schließlich vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen. Mein Körper fühlte sich an, als würde er unter Strom stehen. Ich wollte es selbst herausfinden. Herausfinden, ob da zwischen uns nur Freundschaft war oder vielleicht doch mehr. Ob ich Zuneigung für ihn empfand. Ich wollte nichts bereuen. Ich wollte meine eigene Erfahrung sammeln, wenn sich jemand schon die Mühe und den Mut nahm, auf mich zuzugehen. Es kostete auch mich Mut, denn mir war all das so fremd, und ich musste mich gewaltig zusammenreißen, damit meine Selbstzweifel nicht wieder die Oberhand gewannen.
      „Ich ...“, atmete ich schließlich aus, ließ meine Hände sinken und sah leicht zur Seite. Peinlich berührt schielte ich zu ihm hinüber, während die Röte noch immer deutlich auf meinen Wangen lag. „Mir ist das alles fremd ... und neu. Ich habe keinerlei Erfahrung damit“, murmelte ich, doch laut genug, dass er mich verstehen konnte. Ich massierte nervös meine rechten Fingerspitzen. „Aber ...“ Ich blickte auf meine Finger, die leicht rot angelaufen waren, ehe ich wieder zu ihm hochsah. „Ich würde gerne diese Erfahrung mit dir machen ... also ...“ Ich wusste nicht, wie ich es in Worte fassen sollte. Unsicher biss ich mir auf die Lippe. Es frustrierte mich, dass ich nicht in der Lage war, das, was ich fühlte, so genau in Worte zu fassen, wie Alex es konnte. "Uhm..Ja?"
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    • Ein langes, tiefes Ausatmen entwich meiner Brust, und das bedrückende Schweigen, das eben noch wie ein tonnenschwerer Stein über uns gehangen hatte, löste sich augenblicklich auf. Als dieses kleine, unsichere, aber unendlich kostbare „Uhm... Ja?“ aus ihren Lippen drang, war es, als würde die ganze Welt um mich herum für einen winzigen Moment die Luft anhalten.
      Jede Faser meines Körpers schien in diesem Sekundenbruchteil zu vibrieren. Meine Stimme wurde weich, und die harten, angespannten Züge meines geschundenen Gesichts entspannten sich vollkommen. Das brennende Rot auf meinen Wangen wich nicht, aber die spürbare Panik, die verzehrende Angst vor einer Ablehnung, fiel schlagartig von mir ab. Es war, als hätte sie mir mit zwei kleinen Worten ein Geschenk gemacht, dessen Wert sie wahrscheinlich selbst noch gar nicht erfassen konnte.
      Ich wollte ihr so viel sagen. Ich wollte ihr erklären, wie viel mir diese Worte bedeuteten, wie sehr mein Herz gerade gegen meine Rippen hämmerte und wie unfassbar stolz ich auf sie war, dass sie den Mut aufgebracht hatte, ihre eigenen Zweifel zu überwinden. Aber Worte fühlten sich in diesem Moment schlichtweg zu klein an.
      Mit einer extrem behutsamen, fast schon ächzenden Bewegung stützte ich meine Hände auf der kühlen Tischplatte ab und zwang meinen geschwächten Körper nach oben. Ein leises, unterdrücktes Stöhnen entkam meiner Kehle, als die geprellten Rippen und die Zerrung in meiner Flanke sich mit einem stechenden Schmerz zurückmeldeten, doch ich ignorierte es stur. Ich wollte nicht mehr nur über den Tisch hinweg mit ihr sprechen. Ich musste nah bei ihr sein.
      Ich machte zwei langsame, vorsichtige Schritte um die Tischkante herum, bis ich direkt neben ihrem Stuhl stand. Die kühle Luft der Bibliothek schien um uns herum zu zittern. Sanft, ohne Eile und mit einer Achtsamkeit, als bestünde sie aus feinstem Glas, senkte ich meine Hand und legte meine warmen Fingerspitzen behutsam auf ihren Unterarm. Der Stoff ihres Kleides fühlte sich weich unter meiner Haut an, und ich konnte das feine, nervöse Beben spüren, das durch ihren Körper ging.
      Ich neigte mich leicht zu ihr herunter, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein, und sah ihr tief, ohne jeden Hauch von Ablenkung, direkt in die Augen.
      Alles, was ich in diesem Moment empfand – all meine Gefühle, meine tiefste Dankbarkeit, meine unerschütterliche Bestimmtheit und der reine Nachdruck meiner Absichten –, legte ich vollkommen ungeschützt in diesen einzigen Blick. Da war kein Schatten einer Maske mehr. Keine Rolle als Kapitän, keine Fassade aus Arroganz oder Scham. Da war nur ich. Der Alex, den außer ihr noch nie ein Mensch auf dieser Welt zu Gesicht bekommen hatte.
      „Selene...“, flüsterte ich, und meine raue Stimme war von einer unendlichen Sanftheit getragen, die mir selbst fast fremd vorkam. „Ich meine jedes einzelne Wort, das ich dir heute gesagt habe, aus tiefstem, vollem Ernst. Es gibt hier keinen doppelten Boden. Keinen versteckten Trick, keine böse Absicht und absolut nichts, wovor du dich fürchten oder schämen müsstest. Es ist nur die reine, unpolierte Wahrheit.“
      Ich drückte meinen Daumen ganz leicht gegen ihren Arm – nur einen Hauch, gerade stark genug, um ihr eine physische Verankerung in diesem überfordernden Moment zu geben.
      „Du musst nicht wissen, was man in solchen Situationen sagt oder wie man sich 'richtig' verhält“, fuhr ich leise fort, während meine Augen unruhig über ihr errötetes Gesicht glitten. „Wir lernen das einfach zusammen. Im Schneckentempo. Genau in dem Tempo, das sich für dich gut und richtig anfühlt. Ich verlange absolut gar nichts von dir, außer dass du mir die Chance gibst, dir zu beweisen, dass du jeden einzelnen Satz wert bist, den ich vorhin gesagt habe. Ich möchte dir nichts lieber beweisen als genau das.“
      Ich hielt ihren Blick noch für ein paar Sekunden fest, um sicherzustellen, dass meine Worte ungefiltert bei ihr ankamen und sich bis in ihr Herz durchgraben konnten. Ich wollte, dass sie die Sicherheit spürte, die ich ihr bieten wollte – eine Sicherheit, die sie zu Hause und in der Schule vermutlich genauso schmerzlich vermisste wie ich.
      Doch gerade als ich tief Luft holen wollte, um den Moment noch ein wenig festzuhalten, meldete sich mein Körper mit der unerbittlichen Quittung für die Anstrengungen der letzten Stunden.
      Das Adrenalin, das mich die ganze Zeit über aufrecht gehalten hatte, verflüchtigte sich schlagartig. Eine plötzliche, bleierne Welle der Erschöpfung schoss von meinen Beinen hoch in meinen Kopf. Mein Sichtfeld flackerte an den Rändern kurz schwarz auf, und das kalte Schweißgefühl auf meiner Stirn kehrte mit voller Wucht zurück. Meine Knie fingen unkontrollierbar an zu zittern und gaben unter meinem eigenen Gewicht nach.
      „Scheiße...“, murmelte ich leise, strich mir fahrig mit der freien Hand über die Augen und tastete hastig nach der Stuhllehne hinter mir.
      Ich ließ mich so schnell und kontrolliert wie möglich wieder auf den Holzstuhl zurückfallen, ehe mich die Beine komplett im Stich lassen konnten. Ein langes, schweres Ächzen entwich mir, und ich lehnte den Hinterkopf gegen die Wand hinter mir, während ich das Gesicht vor Schmerz ganz kurz verzog. Die Kombination aus den Schmerzmitteln, dem Blutverlust der letzten Tage, dem Schlafmangel auf der harten Kellerliege und der enormen emotionalen Anspannung hatte meine letzten Kraftreserven absolut gnadenlos aufgebraucht.
      Ich machte die Augen für zwei Sekunden zu, um das Schwindelgefühl zu vertreiben, und öffnete sie dann wieder langsam, um sie besorgt anzusehen. Ich wollte ihr um alles in der Welt keine Angst machen.
      „Es tut mir leid...“, sagte ich leise und versuchte ein mattes, ehrliches Schmunzeln auf meine Lippen zu zaubern, auch wenn meine Stimme spürbar dünner geworden war. „Mein Körper meldet sich gerade sehr deutlich zu Wort. Er gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass der Akku komplett auf null ist.“
      Ich holte tief und vorsichtig Luft, legte die Arme wieder schwach auf den Tisch und sah sie mit sanften Augen an.
      „Ich glaube... ich sollte den Tag für heute leider genau hier abbrechen“, gestand ich ehrlich und blickte sie entschuldigend an. „Wenn ich nicht gleich hier auf dem Bibliotheksboden schlafen möchte, muss ich meine verbliebenen Kräfte irgendwie zusammenkratzen, um noch heil nach Hause zu kommen. Ich muss mich hinlegen, Selene. Sonst klappe ich dir auf dem Heimweg doch noch weg, und das möchte ich dir definitiv ersparen.“
      Ich machte eine kurze Pause, ließ meinen Blick noch einmal über ihr Gesicht wandern und spürte, wie sich trotz der bleiernen Müdigkeit eine tiefe Zufriedenheit in meiner Brust ausbreitete. Die Ungewissheit war weg. Wir hatten eine Brücke geschlagen.
      „Aber... wenn du Lust und Zeit hast...“, fädelte ich sanft den nächsten Faden ein und sah sie hoffnungsvoll an, „...würde ich mich verdammt gerne am Montag direkt nach der Schule wieder mit dir treffen. Nicht hier in der muffigen Bibliothek. Wenn das Wetter mitspielt, könnten wir uns draußen im Park bei mir um die Ecke auf eine Bank setzen. Ganz entspannt. Keine Nachhilfe, kein Stress. Nur ein bisschen frische Luft, ruhige Gespräche... und der erste kleine Schritt für uns zwei. Was hältst du davon?“
    • Als Alex Anstalten machte aufzustehen, sah ich ihn panisch an und hielt mit angehaltenem Atem den Blickkontakt zu ihm. Wieso wollte er aufstehen? Mein Körper stand augenblicklich unter Spannung, jederzeit bereit, zu ihm zu eilen, sollte er auch nur den kleinsten Anschein machen, umzukippen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht zusammenreimen, was er vorhatte. Zu meiner Überraschung sah ich ihm dabei zu, wie er neben mir zum Stehen kam und sich zu mir hinunterbeugte. Er war mir so nah wie nie zuvor. Viel zu nah für jemanden, bei dem ich erst vor wenigen Minuten erfahren hatte, dass er tatsächlich Gefühle für mich hatte. Und gerade deshalb fühlte sich seine Nähe plötzlich anders an. Bewusster. Jeder Zentimeter zwischen uns schien mir auf einmal aufzufallen, während mein Herz viel zu schnell gegen meine Rippen schlug. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen, wohin mit meinem Blick oder überhaupt mit mir selbst. In meinem Körper schienen verschiedene Emotionen gleichzeitig aufeinanderzutreffen, die ich nicht richtig einordnen konnte. Nervosität, Verlegenheit, Unsicherheit ... und etwas anderes, für das ich noch keinen Namen hatte. Etwas, das sich gleichzeitig fremd und erstaunlich vertraut anfühlte.
      Als er mich plötzlich berührte, begann die Stelle, an der seine Hand meine Haut traf, augenblicklich zu brennen. Ich konnte nicht einmal sagen, ob es sich beißend heiß oder angenehm warm anfühlte. Und gerade diese unklare Antwort verwirrte mich umso mehr. Früher hatte ich nie darüber nachgedacht, wie es sich anfühlen würde, wenn jemand mich auf diese Weise berührte. Solche Dinge hatte ich nur aus Büchern gekannt. Dort hatte eine Berührung immer eine Bedeutung, ein Kribbeln, einen Moment, in dem die Welt stillzustehen schien. Ich hatte nie geglaubt, dass ich selbst einmal verstehen könnte, was damit gemeint war. Und jetzt saß ich hier und spürte seine Hand auf meiner Haut und wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mir wünschte, dass er sie wieder wegnahm oder noch einen Moment dort ließ. Vielleicht war genau das der Grund, warum mich seine Nähe so durcheinanderbrachte.
      Trotzdem konnte ich mich nicht dazu bewegen, mich von ihm zu entfernen. Nicht, nachdem er mich so direkt und ehrlich ansah. Mit diesem sanften Blick, als würde er etwas Kostbares betrachten, als würde er mich am liebsten in Samt einwickeln, damit mir nichts geschehen konnte. Es war ein Blick, den ich nicht kannte. Noch weniger kannte ich das Gefühl, von jemandem so angesehen zu werden. Bei meinem Vater hatte ich mich oft gefragt, ob ich überhaupt etwas richtig machen konnte, um seine Aufmerksamkeit zu verdienen. Bei Alex musste ich nichts leisten. Ich musste keine guten Noten vorweisen, nichts beweisen und niemand anderes sein. Er sah mich einfach an und schien mit genau der Person zufrieden zu sein, die ich war. Dieser Gedanke traf mich tiefer, als ich erwartet hatte.
      Nicht nur seine Augen trugen diese Sanftheit in sich. Auch seine Stimme klang wohlig, warm und ruhig, vollkommen im Gegensatz zu seinem körperlichen Zustand. Er gab mir so viel Zuversicht, so viel Mühe, so viel Vorsicht und Gutmütigkeit, dass es mir unmöglich war, seine Worte infrage zu stellen. Ich konnte sie nur so akzeptieren, wie er sie mir präsentierte. Ihm zu vertrauen, so wie er mir vertraute. Und vielleicht war es genau das, was mich an ihm so sehr berührte. Alex war der erste Mensch seit langer Zeit, bei dem ich nicht das Gefühl hatte, mich verstellen zu müssen. Bei ihm musste ich nicht versuchen, interessanter zu wirken, als ich war. Ich musste nicht so tun, als hätte ich Freunde, Erfahrungen oder ein aufregendes Leben. Er kannte meine Unsicherheit. Er kannte meine Einsamkeit. Und trotzdem war er geblieben.
      Es fiel mir schwer, mich darauf einzulassen. Ein Teil von mir wartete noch immer darauf, dass ich irgendwann feststellen würde, dass ich alles falsch verstanden hatte. Dass seine Freundlichkeit nur Mitleid war. Dass seine Worte im nächsten Moment ihre Bedeutung verlieren würden. Doch wie sollte ich mich gegen diese schmelzende Wärme in meinem Herzen wehren? Denn insgeheim, ganz tief in mir, hatte ich mich nach genau dieser Wärme und Fürsorge gesehnt. Vielleicht sogar viel länger, als ich mir eingestehen wollte. Nach jemandem, der blieb. Jemandem, der mich ansah und nicht sofort wieder wegsah. Jemandem, dem meine Anwesenheit tatsächlich etwas bedeutete. Und Alex tat genau das. Er machte mir Angst, weil mir all das so fremd war, aber gleichzeitig fühlte es sich an, als würde etwas in mir langsam auftauen, das ich jahrelang tief in mir vergraben hatte.
      Ich konnte mich nur so lange dagegen wehren, bis meine eigenen Mauern irgendwann nicht mehr stark genug waren. Und jetzt konnte ich es nicht mehr. Nicht in diesem Moment. Vielleicht wusste ich noch immer nicht, ob das, was ich für ihn empfand, Liebe war. Vielleicht war es noch viel zu früh, diesem Gefühl überhaupt einen Namen zu geben. Aber ich wusste, dass er mir wichtig geworden war. Viel wichtiger, als ich jemals geplant oder erwartet hatte. Ich wollte seine Nähe. Ich wollte mehr Zeit mit ihm verbringen. Ich wollte wissen, wie er lächelte, wenn er wirklich glücklich war, und was ihn zum Lachen brachte, wenn er einmal nicht versuchte, vor der Welt eine bestimmte Rolle zu spielen. Und irgendwo in mir entstand der Wunsch, für ihn ebenfalls jemand zu sein, bei dem er sich sicher fühlen konnte. Vielleicht war das noch keine Liebe. Vielleicht war es der Anfang davon. Vielleicht war es auch etwas völlig anderes. Aber zum ersten Mal wollte ich nicht sofort vor einem Gefühl davonlaufen, nur weil ich es nicht verstand.

      Wie in Trance nickte ich ihm zu, um ihm zu zeigen, dass ich ihn verstand und seine Worte akzeptierte. Dass ich mich zumindest heute nicht mehr dagegen wehren würde. Ich wusste noch nicht, wohin das zwischen uns führen würde. Ich wusste nicht einmal, was ich morgen darüber denken würde. Aber für diesen einen Moment wollte ich einfach darauf vertrauen, dass das, was ich fühlte, nicht falsch war.
      Doch der Moment hielt nicht lange an. Sein Körper streikte, und für einen Augenblick befürchtete ich, dass er mir direkt vor die Füße fallen würde. Ich wollte aufspringen, um ihm zu helfen, doch im letzten Moment schaffte er es noch selbst, sich abzufangen. Verstehend schüttelte ich den Kopf. „Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist fast schon ein Wunder, wie lange du überhaupt durchgehalten hast. Mach dir keinen Kopf.“ Ich zog meine Tasche, die die ganze Zeit neben mir auf dem Stuhl gelegen hatte, auf meinen Schoß und begann, meine Sachen einzupacken. „Aber nur, wenn du wieder gesund bist“, warf ich bei seinem Vorschlag ein, uns am Montag wieder zu treffen. Ich bezweifelte, dass er ausgerechnet am Montag schon wieder problemlos würde laufen können. „Wäre es nicht besser, wenn ich dich nach Hause begleite und dich bis dahin stütze?“, fragte ich besorgt. Wer wusste schon, wie weit der Weg war und ob er es überhaupt schaffte, ohne unterwegs umzukippen. Zumindest wenn ich neben ihm war, konnte ich ihn im Notfall auffangen und verhindern, dass er mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Doch gleichzeitig wusste ich, dass sein Zuhause kein sicherer oder heiler Ort für ihn war. Ich konnte vollkommen verstehen, wenn er nicht wollte, dass ich ihm bis dorthin folgte oder in seine Nähe kam. Trotzdem war mir seine Gesundheit in diesem Moment deutlich wichtiger.
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    • Ein tiefes, Erleichterung ausatmendes Lächeln stahl sich auf meine geplatzten Lippen, als sie mein besorgtes Ächzen nicht mit Panik, sondern mit einer unendlich sanften Einsicht beantwortete. Ihr Nicken, das sanfte Einpacken ihrer Schulsachen und vor allem das besorgte Angebot, mich bis nach Hause zu stützen, legten sich wie eine schützende Decke über meine völlig erschöpften Sinne.
      „Danke, Selene...“, flüsterte ich leise, während ich mich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte, als wir gemeinsam die kühle, ruhige Bibliothek verließen. „Ich nehme dein Angebot dankend an. Ohne dich würde ich wahrscheinlich nach zehn Metern auf dem Bürgersteig liegen wie ein nasser Sack.“
      Ich lehnte mich vorsichtig an sie, achtete aber peinlich genau darauf, ihr nicht mein volles Gewicht aufzubürden. Das Gefühl ihrer Nähe, während wir langsam Schritt für Schritt durch die kühle Nachmittagsluft steuerten, hielt mich fokussiert. Doch je näher wir meiner Straße kamen, desto dunkler und schwerer zog sich mein Magen zusammen. Der rettende Gedanke an mein eigenes Bett verblasste augenblicklich vor der drohenden Realität, die hinter der Haustür auf mich wartete.
      Zwei Straßen vor meinem Elternhaus blieb ich stehen. Ich stützte mich kurz an einer Laterne ab, zwang mich zu einem aufrichtigen, dankbaren Lächeln und sah sie intensiv an.
      „Bis hierher war es perfekt, Moony... aber weiter gehst du nicht“, sagte ich sanft, aber mit unumstößlicher Bestimmtheit, als ich den fragenden Blick in ihren Augen sah. „Ich möchte nicht, dass du auch nur in die Nähe dieses Hauses kommst. Ich will dich da nicht mit hineinziehen. Den Rest schaffe ich. Wir sehen uns am Montag im Park... versprochen. Sobald ich wieder wie ein Mensch auf zwei Beinen stehen kann.“
      Ich wartete, bis sie sich schweren Herzens umgedreht hatte und in die andere Richtung gegangen war, ehe der lächelnde Panzer augenblicklich von mir abfiel. Jeder Schritt durch meine Straße war ein reiner Spießrutenlauf gegen den eigenen Körper. Die Beine zitterten, der Kopf dröhnte, und das Stechen in meinen Rippen brannte wie Feuer.
      Als ich die schwere Eichenhaustür leise aufschloss und ins dunkle, nach abgestandenem Alkohol und abgestandener Luft riechende Foyer trat, herrschte eine drückende, unheimliche Stille. Ich schlich auf den Zehenspitzen, jede knarzende Dielenplanke vermeidend, ins Wohnzimmer.
      Dort lag sie. Meine Mutter. Komatös auf der abgewetzten Ledercouch zusammengesunken, die leere Wodkaflasche noch lose von ihren schlaffen Fingern umklammert, während ihr schweres, unregelmäßiges Schnarchen den Raum erfüllte. In diesem Anblick lag keine Würde mehr. Keine Mutter. Nur noch eine ticking Zeitbombe.
      Ich trat an den Couchtisch heran, wo ihre Handtasche lag, und zog ohne das geringste Zögern ihr Portemonnaie heraus. Mit zitternden Fingern nahm ich sämtliches Bargeld an mich – Scheine, die mein Vater ihr überwiesen hatte, Scheine, die eigentlich für Haushaltsdinge gedacht waren. Es war mir scheißegal. Ich brauchte dieses Geld für mein Überleben. Ich steckte es tief in meine Hoodietasche, schlich zurück in den Flur und stieg die knarrenden Stufen in den dunklen Keller hinab.
      Unten angekommen, schob ich sofort den schweren Riegel vor die kellerdicke Holztür und klemmte zusätzlich einen alten Holzstuhl unter die Klinke. Verbarrikadiert. Sicher für den Augenblick.
      Ich ließ mich erschöpft auf die harte Kellerliege fallen, zog mein Smartphone heraus und bestellte mit brennenden Augen und zitternden Daumen über eine Express-Apotheken-Lieferdienst-App starke Schmerzmittel, Wunddesinfektion und frische Bandagen. Und dann... als die Bestellung abgeschlossen war, verharrte mein Daumen über einer anderen Nummer.
      Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ein eisiger Klos schnürte mir die Kehle zu. Aber ich dachte an Selene. Ich dachte an ihre Worte, an mein Versprechen, mein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, und an die Tatsache, dass das hier das nächste Mal mein Todesurteil sein könnte.
      Ich wählte den Notruf.
      „Police department... was ist Ihr Notfall?“, ertönte eine kühle Stimme aus dem Lautsprecher.
      „Ich... ich muss eine häusliche Gewaltanzeige erstatten“, brachte ich rauchig hervor. „Und ich brauche einen Beamten hier. Sofort.“
      Die halbe Stunde, bis das leise, unauffällige Anhalten eines Streifenwagens vor dem Haus durch das kleine Kellerschachtfenster zu hören war, fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Ich hörte das dumpfe Poltern an der Haustür, das schwere Aufschrecken meiner Mutter da oben und schließlich das laute Stimmenwirrwarr. Erst als der Beamte mehrmals laut gegen meine Kellertür klopfte und sich auswies, schob ich den Stuhl beiseite und öffnete das Schloss.
      Ein älterer, tiefster Stirnrunzeln tragender Polizeibeamter trat in den kleinen, muffigen Raum. Als sein Blick auf mein zugerichtetes Gesicht, das geschwollene Auge, die blutüberströmten Verbände und die karge Kellerliege fiel, entwich ihm ein tiefes, schockiertes Ausatmen.
      „Mein Gott, Sohn...“, murmelte er und zog sofort seinen Block heraus. „Wer hat Ihnen das angetan?“
      Und genau in diesem Augenblick ging die emotionale Achterbahn mit voller Wucht los.
      Ein furchtbares Schwindelgefühl überkam mich. Die Wände schienen auf mich einzustürzen. Eine lähmende Welle aus Schuldgefühlen, Scham und reiner Panik spülte über mich hinweg. Sie war meine Mutter. Sie hatte mich auf die Welt gebracht. Sie war die Frau, die mich als kleines Kind getröstet hatte, bevor der Alkohol und der Hass ihr das Gehirn zerfressen hatten. Ein Teil von mir wollte schreien, wollte abwinken, wollte behaupten, ich sei über eine Bordsteinkante gestürzt oder von Unbekannten überfallen worden. Ich wollte sie nicht ans Messer liefern. Ich wollte nicht der Sohn sein, der seine eigene Mutter ins Gefängnis bringt.
      Aber dann sah ich den Schatten meines eigenen Schmerzes vor mir. Ich dachte an die Worte, die sie mir am Dienstag entgegengebrüllt hatte, während sie mit der schweren Eisenstange auf mich einschlug. Sie würde mich umbringen. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann würde sie die Grenze überschreiten und mich nicht mehr aufstehen lassen. Wenn ich sie jetzt schützte, überlebte ich dieses Jahr nicht.
      „Sie...“, flüsterte ich, und eine heiße Träne brannte sich ihren Weg durch den Dreck auf meiner Wange. „Es war meine Mutter.“
      Der Polizist sah mich zweifelnd an, als suche er nach Beweisen, dass ein volljähriger, breitschultriger Sportler sich nicht einfach gegen eine Frau wehren konnte. Die üblichen Vorurteile lagen greifbar in der Luft.
      Aber ich war vorbereitet.
      Mit zitternden Händen hob ich mein Handy hoch. „Ich habe... ich habe Buch geführt. Seit über zwei Jahren.“
      Ich öffnete den verschlüsselten Ordner. Nun machten sich all die geheimen Videos und Sprachaufnahmen nützlich, die ich in den dunkelsten Stunden heimlich mit dem Smartphone gemacht hatte. Ich zeigte dem Beamten die Aufnahmen. Videos, auf denen zu sehen war, wie sie schreiend mit Gegenständen nach mir warf; Aufnahmen von ihren exzessiven Alkoholausbrüchen, wenn sie vollkommen komatös oder besinnungslos aggressiv durch das Haus tobte; präzise Datumsdokumentationen jeder einzelnen Verletzung, jedes Hämatoms, jeder Platzwunde, die ich mir im Laufe der Jahre zugezogen hatte.
      Der Polizist schwieg. Das Gesicht des Mannes wurde von Sekunde zu Sekunde blasser und fester, während das grelle Licht des Displays die ungeschminkte, grausame Realität meines Lebens in den dunklen Kellerraum warf.
      „Das reicht...“, sagte der Beamte schließlich leise und legte mir eine Hand auf die unversehrte Schulter. „Das reicht vollkommen, Alex. Du musst hier nicht mehr bleiben.“
    • Es beruhigte mich, dass er meine Hilfe annehmen wollte. Die Frage, ob er gut zu Hause angekommen war, hätte mich vermutlich noch lange verfolgt, und ich hätte mir womöglich selbst die Schuld gegeben, wenn ihm auf dem Weg etwas passiert wäre. Also stand ich auf, schulterte meine Tasche und legte vorsichtig seinen rechten Arm um meine Schulter. Anhand des Gewichts konnte ich einschätzen, dass er sich nicht mit seinem gesamten Gewicht auf mich stützte. Dafür war ich ihm insgeheim ein wenig dankbar, denn ich wusste nicht, wie viel ich ihm sonst tatsächlich hätte helfen können. Gleichzeitig fühlte ich mich ein wenig schlecht deswegen. Ich wollte ihm mehr helfen können. Wollte ihm die Sicherheit geben, dass er nicht alleine laufen musste, wenn sein Körper eigentlich nach Ruhe verlangte. Doch ich musste mich wohl damit zufriedengeben, dass ich zumindest ein kleines bisschen für ihn tun konnte.
      Mit langsamen und vorsichtigen Schritten begleitete ich ihn nach Hause, zumindest so weit, wie er mich begleiten ließ. Ich ließ mir Zeit, passte meine Schritte an seine an und achtete darauf, immer wieder kleine Pausen einzulegen, wenn ich das Gefühl hatte, dass er sie brauchte. Gleichzeitig musste ich ständig darauf achten, ihn nicht zu grob anzufassen oder versehentlich eine seiner Verletzungen zu berühren. Meine Aufmerksamkeit lag fast vollständig bei ihm. Bei jedem Schritt beobachtete ich aus dem Augenwinkel seine Bewegungen und versuchte einzuschätzen, ob er Schmerzen hatte oder ob es ihm schlechter ging. Wahrscheinlich hätte ich mich dabei sogar noch langsamer bewegt, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er einfach nur nach Hause wollte.
      Der Weg war kürzer, als ich gedacht hatte. Oder vielleicht lag es auch einfach daran, dass es sich für mich so anfühlte, als wäre die Zeit viel zu schnell vergangen. Ich hatte viel zu genau darauf geachtet, ihm keine zusätzlichen Schmerzen zuzufügen, sodass ich kaum darauf geachtet hatte, wie weit wir bereits gekommen waren. Irgendwie hatte ich mir gewünscht, dass der Weg noch ein kleines bisschen länger wäre. Nicht, weil ich wollte, dass er sich weiter quälte, sondern weil ich die Zeit mit ihm nicht schon wieder beenden wollte. Seit unserem Treffen hatte sich so viel verändert. Noch vor wenigen Stunden war Alex für mich nur die Person hinter dem Namen Kitsune gewesen, jemand, mit dem ich über Nachrichten gesprochen hatte. Jetzt war er direkt neben mir, vertraute mir seine verletzliche Seite an und hatte mir sogar seine Gefühle gestanden. Der Gedanke daran ließ mein Herz noch immer schneller schlagen.
      Als er schließlich stehen blieb, gab er mir deutlich zu verstehen, dass ich ihn von hier an alleine lassen sollte. Ich sah ihn einen Moment lang an und lächelte leicht bitter. Natürlich wollte ich ihn nicht einfach hier stehen lassen. Am liebsten hätte ich ihn bis zu seiner Haustür begleitet, mich davon überzeugt, dass er sicher hineinkam und vielleicht sogar gewartet, bis ich wusste, dass er sich hingelegt hatte. Doch ich musste seine Entscheidung respektieren. Es war schließlich sein Zuhause, sein Leben und seine Grenze. Ich hatte ihm versprochen, für ihn da zu sein, aber das bedeutete nicht, dass ich jede seiner Grenzen überschreiten durfte. Widerwillig verabschiedete ich mich von ihm und machte mich schließlich selbst auf den Heimweg. Dabei hielt ich mein Handy die ganze Zeit in der Hand, sodass ich bei einer Nachricht von Alex sofort reagieren konnte. Jetzt, da ich wusste, wie es bei ihm zu Hause aussah, wollte ich jederzeit zur Stelle sein können, falls er mich brauchte. Ich wollte nicht, dass er das Gefühl bekam, wieder völlig auf sich allein gestellt zu sein. Deshalb stellte ich mein Handy nicht nur auf Vibration, sondern zusätzlich auf Klingeln. Es gab ohnehin niemanden außer Alex, der mich spontan kontaktieren würde. Der Gedanke daran war einerseits seltsam und andererseits irgendwie beruhigend. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass vielleicht jemand auf der anderen Seite des Handys saß, der tatsächlich nach mir greifen würde, wenn er mich brauchte. Und ich wollte dasselbe für ihn sein.
      Auf dem Weg nach Hause ereignete sich kein weiterer Vorfall. Als ich schließlich vor meinem eigenen Haus stand, blieb ich einen Moment stehen und sah nach oben. Mein Vater musste um diese Uhrzeit bereits wach sein. Vielleicht saß er im Wohnzimmer. Vielleicht las er, wie so oft. Mit einem leisen Seufzen öffnete ich die Tür. Auch wenn ich mir insgeheim wünschte, dass mein Vater mit mir interagierte, traute ich mich gleichzeitig nicht, ihm unter die Augen zu treten. Es war ein widersprüchliches Gefühl, das ich schon so lange kannte, dass ich kaum noch darüber nachdachte. Ich wollte seine Aufmerksamkeit und fürchtete sie gleichzeitig.
      Leise schloss ich die Tür hinter mir und zog meine Schuhe aus. Einen Moment lang blieb ich stehen und horchte. Es war still. Zu still. Zunächst dachte ich, mein Vater wäre vielleicht gar nicht zu Hause. Doch dann bemerkte ich, dass ich mich geirrt hatte. Er saß tatsächlich im Wohnzimmer und las ein Buch. Er schien mich bemerkt zu haben, denn er hob kurz den Blick. Nur für einen Augenblick. Dann wandte er ihn wieder ab und widmete sich seinem Buch, als wäre ich lediglich jemand, der zufällig durch den Raum gelaufen war. Er fragte nicht, wo ich gewesen war. Nicht, wie es mir ging. Nicht, ob alles in Ordnung war. Nichts.
      Ich ging selten überhaupt aus dem Haus. Das musste ihm doch aufgefallen sein. War es wirklich so ungewöhnlich, dass er neugierig war, wo seine Tochter hingegangen war? Dass er wissen wollte, was ich gemacht hatte? Ein Teil von mir hatte es sich zumindest gewünscht. Vielleicht sogar gehofft. Die drückende Enttäuschung breitete sich langsam in meiner Brust aus und fühlte sich schwerer an, als sie eigentlich sollte. Was hatte ich schon erwartet?, dachte ich bitter. Dass er plötzlich auf mich zukam und sich dafür interessierte, wie mein Tag gewesen war? Dass er mich fragte, mit wem ich unterwegs gewesen war? Dass er sich überhaupt dafür interessierte, dass ich das Haus verlassen hatte? Offensichtlich war das zu viel verlangt. Ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken, und eilte am Wohnzimmer vorbei, bevor ich mich doch noch dabei ertappte, auf irgendeine Reaktion von ihm zu warten. In meinem Zimmer angekommen, schloss ich die Tür hinter mir und warf einen Blick auf mein Handy. Keine Nachricht. Vermutlich war Alex erschöpft auf der Liege zusammengeklappt und schlief inzwischen. Zumindest hoffte ich das. Schlaf wäre wahrscheinlich das Beste für ihn gewesen. Ich zog mich in gemütlichere Kleidung um und legte meine Notizen und Stifte auf den Schreibtisch. Ich hatte noch genug Zeit, mir für die nächsten Tage einen groben Fahrplan zurechtzulegen. Vielleicht konnte ich damit wenigstens einen kleinen Teil von dem zurückgeben, was Alex mir heute anvertraut hatte. Und vielleicht würde ich dabei auch etwas finden, das ihm das Lernen ein wenig leichter machte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der Samstagabend senkte sich wie ein bleierner Schleier über die Stadt, während die kühle Septemberluft durch das leicht angekippte Fenster in mein altes, ruhiges Jugendzimmer strömte.
      Das Haus war still. Eine Stille, die sich zum ersten Mal seit Jahren nicht mehr bedrohlich anfühlte, sondern wie das allmähliche Ausatmen nach einem überstandenen Sturm. Keine schleichenden Schritte auf den knarrenden Dielenfluren, kein plötzliches Klirren von berstendem Glas, keine wutentbrannten, von Alkohol getränkten Schreie, die mich in der Dunkelheit zusammenschrecken ließen. Das Haus gehörte mir. Ganz allein mir.
      Ich lag auf meinem Bett, die Beine vorsichtig ausgestreckt, den Oberkörper leicht mit zwei Kissen abgestützt, um die gequetschten Rippen zu entlasten. An meiner rechten Hand klebte ein frischer Verband, den die Sanitäter am Nachmittag angelegt hatten, bevor sie mir starke Schmerzmittel verschrieben und mich nach der stundenlangen Vernehmung endlich in die Ruhe entlassen hatten. Meine Mutter war weg. Abgeführt in Handschellen, während die Nachbarn hinter ihren Gardinen hervorlugten und die Polizisten sie in den Streifenwagen verfrachteten. Sie saß in Untersuchungshaft. Der Haftrichter hatte aufgrund der überwältigenden Beweislage und der akuten Wiederholungsgefahr keinen Zweifel daran gelassen, dass sie vorerst keinen Fuß mehr in dieses Haus setzen würde.
      Auf dem kleinen Nachttisch neben mir lag mein Smartphone. Das Display glühte noch schwach von der Nachricht, die ich vor wenigen Minuten mit müden, aber absolut entschlossenen Fingern an Selene abgeschickt hatte:
      „Hey Moony. Ich wollte dir nur sagen: Es hat alles geklappt. Bitte mach dir ab jetzt absolut keine Sorgen mehr um mein Zuhause. Es ist vorbei. Du kannst mich ab sofort jederzeit besuchen kommen, wenn du möchtest. Ich bin sicher. Und ich freue mich unglaublich darauf, dich das nächste Mal wiederzusehen. Wirklich.“
      Ein tiefes, sanftes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich das Handy wieder auf die Matratze legte. Ich wusste, dass sie die Nachricht vielleicht noch nicht gelesen hatte, aber allein das Wissen, dass ich ihr diese Gewissheit geben konnte, ließ eine immense Last von meinen Schultern fallen. Zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten spürte ich eine Form von innerem Frieden.
      Ich griff nach der Fernbedienung und schaltete den kleinen Fernseher an der Wand ein, der bisher immer nur als stummes Deko-Objekt in der Ecke gestanden hatte. Ich schaltete auf den regionalen Nachrichtensender. Gleichzeitig summte mein Handy leise mit Eilmeldungen der lokalen Online-Zeitungen, und im Hintergrund lief leise das Radio auf meinem Schreibtisch. Die Medien hatten den Fall aufgegriffen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über den Vorfall, der sich am Nachmittag in unserem Viertel abgespielt hatte.
      Der Sprecher im Fernsehen schaute mit ernster, betroffener Miene in die Kamera:
      „Wir kommen nun zu einer Erstmeldung aus unserer Region, die heute Nachmittag für großes Aufsehen gesorgt hat. In einem bürgerlichen Wohnviertel kam es zu einem erschütternden Fall extremer häuslicher Gewalt, der selbst erfahrene Ermittler fassungslos zurücklässt...“
      Die Kamera blendete um. Obwohl keine Straßennamen genannt wurden und die Hausnummer digital unkenntlich gemacht worden war, zog sich mein Magen für einen kurzen Moment zusammen. Auf dem Bildschirm war unser Haus zu sehen. Das Klinkergebäude, das saubere Einfahrtstor, die gepflegten Beete – die Fassade einer perfekten bürgerlichen Idylle, hinter der sich jahrelang die Hölle abgespielt hatte.
      Dann wechselte die Einstellung ins Innere. Die Aufnahmen stammten von der Spurensicherung und aus den Beweismitteln, die ich der Polizei übergeben hatte. Man sah den dunklen, kargen Kellerraum. Die einfache Holzliege. Die verbarrikadierte Tür. Die leeren Flaschen, die im Wohnzimmer herumgestanden hatten.
      „Wie die Polizeidirektion am Abend bestätigte, handelte es sich bei dem Opfer um den achtzehnjährigen Sohn des Hauses, der über Jahre hinweg systematischen Misshandlungen durch seine eigene Mutter ausgesetzt war. Der Fall kam ans Licht, nachdem der Jugendliche am heutigen Tag selbst den Notruf wählte und den Beamten ein erschütterndes Archiv an digital dokumentierten Beweisen übergab...“
      Die Berichterstattung war schonungslos. Weder mein Name noch das Gesicht meiner Mutter wurden gezeigt. Und als ein kurzer Clip von meiner Vernehmung eingespielt wurde, war meine Stimme stark verzerrt und mein Gesicht hinter einer dichten Pixelmatrix verborgen. Für einen Außenstehenden war es ein anonymer Fall aus der Zeitung. Doch für jeden, der mich auch nur ansatzweise kannte – für jeden Mitschüler, jeden Lehrer, jeden Mannschaftskameraden aus dem Football-Team, der die Einfahrt unseres Hauses schon einmal gesehen hatte –, war die Hülle durchsichtig. Jeder, der es wissen wollte, würde sofort begreifen, wer dieser anonyme Junge war. Die Maske war nicht nur abgebröckelt; sie war vor der gesamten Öffentlichkeit in tausend Teile zersprungen.
      Doch das, was mich am meisten traf, als ich starr auf den Bildschirm blickte, waren die medizinischen Aufnahmen und die Gutachten, die der Berichterstatter zitierte. Die Polizei hatte Teile der Fotodokumentation, die ich über zehn Jahre hinweg angelegt hatte, für die Presse freigegeben, um das Ausmaß der Gräueltaten zu verdeutlichen.
      Auf dem Bildschirm erschienen die makabren Archivbilder meines eigenen Körpers. Man sah die tiefen, lila Hämatome auf meinem Rücken aus der Mittelstufenzeit. Die kreisrunden Brandwunden an meinen Unterarmen. Die verheilten, verzerrten Narben an den Rippen. Die frischen, blutigen Platzwunden und die massiven Prellungen von diesem Dienstag.
      „Die Ermittler sprechen von einem Ausmaß an Gewalt, das über ein Jahrzehnt andauerte“, fuhr die Stimme des Moderators fort, spürbar ergriffen. „Fast tägliche Prügel, psychische Torturen und schwere körperliche Misshandlungen mit Gegenständen gehörten für den Teenager zum Alltag. Detaillierte Aufnahmen belegen eine jahrelange Leidensgeschichte, die der Jugendliche im Verborgenen ertrug, während er nach außen hin das Bild eines erfolgreichen Schülers aufrechterhielt. Die mutmaßliche Täterin befindet sich derzeit wegen schwerer Körperverletzung und Schutzbefohlenenmisshandlung in Untersuchungshaft. Es droht eine mehrjährige Haftstrafe.“
      Ich atmete tief durch und schloss für einen Augenblick die Augen. Die Bilder im Fernsehen waren grausam. Sie waren eine visuelle Zusammenfassung meiner Kindheit und Jugend, ein schonungsloses Monument des Schmerzes, den ich so lange schweigend mit mir herumgetragen hatte. Jahrelang hatte ich geglaubt, ich müsse diese Schande beschützen. Ich hatte geglaubt, dass die Welt mich als schwach, als beschädigt oder als Monster ansehen würde, wenn jemals herauskäme, was hinter diesen Türen passierte.
      Doch jetzt, wo es draußen in der Welt war, wo es von Nachrichtensprechern verlesen und von Reportern analysiert wurde, verspürte ich seltsamerweise keine Scham mehr. Der Schmerz war da, ja. Die Narben auf meiner Haut und auf meiner Seele würden nicht über Nacht verschwinden. Aber die Last der Verschwiegenheit war weg. Die Fesseln waren gesprengt.
      Ich schaltete den Fernseher stumm und ließ die Fernbedienung auf die Bettdecke gleiten. Das Radio im Hintergrund summte leise weiter, aber ich hörte nicht mehr hin. Das einzige Geräusch, das in diesem Raum jetzt noch zählte, war das leise Ticken der Wanduhr – und das stumme Warten auf mein Handy.
      Ich drehte den Kopf zur Seite und blickte auf das kleine Display, das auf dem Nachttisch lag.
      Ich wusste, dass der morgige Sonntag schrecklich werden würde. Ich wusste, dass mein Handy am Montag explodieren würde vor Nachrichten von Mitschülern, dass mich die Leute auf der Straße anstarren würden, dass die Schule voll von Getuschel sein würde. Die Illusion des unbesiegbaren Kapitäns war für immer zerstört. Aber das war mir vollkommen egal. Sollen sie reden. Sollen sie glotzen. Sollen sie Mitleid haben oder den Kopf schütteln. Keines dieser Dinge besaß noch die Macht, mich zu berühren.
      Denn ich hatte meine Zukunft gewählt. Ich hatte mir mein Leben zurückgeholt. Ich saß in einem sauberen, sicheren Haus, das mir niemand mehr wegnehmen konnte. Ich hatte finanzielle Mittel, um meine eigenen Wege zu gehen. Und vor allem hatte ich die Gewissheit, dass ich am Montag nicht mehr als eine Kunstfigur in die Schule gehen würde, sondern als ich selbst.
      Ein langes, tiefes Ausatmen entwich meiner Brust. Die Schmerzmittel begannen langsam zu wirken, legten eine warme, abstumpfende Schicht über das Brennen in meinen Rippen und hüllten meine Gedanken in eine wohlige Müdigkeit. Ich stützte den Kopf etwas bequemer im Kissen ab, hielt den Blick auf das Mobiltelefon gerichtet und spürte, wie eine sanfte Wärme mein Herz erfüllte.
      Ich lag da, mitten in den Trümmern meines alten Lebens, und wartete voller Hoffnung auf das digitale Signal von Moony. Ich wartete auf die eine Stimme, die mir zeigte, dass der wichtigste Mensch in dieser Welt mich gehört hatte.
    • Ich hatte nicht bemerkt, wie spät es geworden war. Stundenlang hatte ich über meinem Geschichtsbuch gesessen, den gesamten Stoff in einzelne Abschnitte aufgeteilt und überlegt, wie ich am besten vorgehen sollte. Vielleicht wäre es sinnvoller, zunächst meine eigenen Stichpunkte und Zusammenfassungen zu erstellen und mir danach Gedanken darüber zu machen, wie ich sie Alex am besten vermitteln konnte. Also blätterte ich Seite um Seite durch das Buch, machte mir Notizen und formulierte einzelne Punkte immer wieder um. Ich wollte, dass Alex sie auch dann verstehen konnte, wenn er sie sich unabhängig von unserer Nachhilfe ansah. Es sollte nicht zu viel auf einmal sein, aber dennoch alles Wichtige enthalten. Einfach genug, um es sich merken zu können, und ausführlich genug, damit er verstand, worum es überhaupt ging.
      Irgendwann begann die Sonne langsam hinter den Häusern zu verschwinden und tauchte den Himmel in faszinierende Orange- und Rottöne. Ohne es wirklich zu registrieren, hatte ich irgendwann nach meiner Lampe gegriffen und das Licht eingeschaltet. Es war einfach automatisch passiert. Erst das Knurren meines Magens riss mich schließlich aus meinen Gedanken. Ich hatte bisher noch nichts gegessen und verspürte eigentlich auch keinen wirklichen Hunger, doch mein Körper schien anderer Meinung zu sein. Gleichzeitig wollte ein Teil von mir nicht nach unten gehen. Nicht, weil ich Angst vor meinem Vater hatte, sondern weil ich ihm nur ungern begegnete.
      Die Stille zwischen uns war keine angenehme. Sie war drückend. Eine Stille, die mehr sagte als jedes Gespräch. Sie sprach von seiner Gleichgültigkeit mir gegenüber, von seinem Desinteresse und davon, wie selbstverständlich es für ihn geworden war, mich zu ignorieren. Und gleichzeitig erinnerte sie mich daran, wie einsam ich eigentlich war und wie meine Zukunft vermutlich weiterhin aussehen würde. Mit einem Seufzen lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück. Ein wenig Stoff hatte ich noch vor mir, einige Dinge wollte ich noch herausstreichen, bei denen ich mir sicher war, dass sie nicht sonderlich relevant sein würden. Bevor mir jedoch schlecht wurde, sollte ich mir zumindest ein Marmeladenbrot machen. Mehr Hunger verspürte ich ohnehin nicht. In letzter Zeit war das häufiger der Fall gewesen.
      Doch bevor ich überhaupt aufstehen konnte, um mich der bedrückenden Stille im Haus auszusetzen, vibrierte und klingelte mein Handy.
      Ohne zu zögern griff ich danach. Ich wusste sofort, dass es nur Alex sein konnte. Ich las die Nachricht schnell durch. Einmal. Dann noch einmal. Mein Gehirn schien zunächst keine Verbindung zwischen den einzelnen Worten herstellen zu wollen. Erst nachdem ich den Text ein weiteres Mal gelesen hatte, machte es plötzlich Klick. Er hatte es tatsächlich getan. Eine Welle aus Euphorie und Erleichterung durchfuhr meinen Körper. Für einen Moment wusste ich gar nicht, wohin mit all den Gefühlen, die gleichzeitig auf mich einströmten. Mein Herz begann schneller zu schlagen und ein unwillkürliches Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Er war über seinen eigenen Schatten gesprungen. Er hatte sich gegen seinen eigenen Instinkt entschieden, gegen das, was er vermutlich jahrelang gelernt hatte. Er hatte beschlossen, es nicht einfach weiter auszuhalten. Ich bin sprachlos, schrieb ich zunächst. Dann hielt ich inne, bevor meine Finger erneut über den Bildschirm glitten.
      Ich habe nicht damit gerechnet, dass du das gleich heute machst. Ich bin so stolz auf dich. Das hat so viel Mut gekostet. Und das hatte es vermutlich tatsächlich. Zu einem gewissen Grad konnte ich seine Gefühle sogar verstehen. Egal, was seine Mutter ihm angetan hatte, am Ende des Tages war sie immer noch seine leibliche Mutter. Es musste sich falsch anfühlen, sich gegen sie zu stellen. Vielleicht suchte man automatisch nach Ausreden. Vielleicht redete man sich ein, dass es nicht so schlimm gewesen war. Dass es beim nächsten Mal besser werden würde. Dass man selbst vielleicht etwas falsch gemacht hatte.
      Bei Alex war das Ganze jedoch noch einmal eine völlig andere Größenordnung. Ich konnte hier zumindest in Frieden leben. Ich musste keine Angst haben, geschlagen zu werden. Ich hatte ein eigenes Zimmer, genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Mir fehlte die Wärme meines Vaters, seine Aufmerksamkeit, seine Zuneigung und diese emotionale Bindung, nach der ich mich so lange gesehnt hatte. Aber ich war sicher. Körperlich zumindest. Und deshalb konnte ich es aushalten. Ich musste es aushalten. Alex hingegen hatte diesen Luxus nicht.
      Ich schickte die Nachricht ab und stand auf. Noch immer lag dieses warme, erleichterte Gefühl in meiner Brust. Ich war unheimlich stolz auf ihn. Nicht nur, weil er einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hatte, sondern weil ich wusste, wie viel Überwindung ihn das gekostet haben musste. Vielleicht verstand ich seine Situation nicht vollständig. Vielleicht konnte ich es niemals wirklich. Aber ich wusste, dass es Mut brauchte, sich gegen etwas zu stellen, an das man sich über Jahre hinweg gewöhnt hatte. Etwas zögerlich durchquerte ich mein Zimmer und öffnete langsam die Tür. Stille. Ich trat vorsichtig auf den Flur hinaus und versuchte, so leise wie möglich zu sein. Wenn ich schon keine Wärme und Zuneigung von meinem Vater bekam, wollte ich ihm zumindest nicht zur Last fallen oder ihn mit meiner bloßen Anwesenheit nerven. Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer verriet mir, dass er nicht dort war. Erleichtert atmete ich aus und betrat die leere Küche. Schnell schnappte ich mir eine Scheibe Brot und die Marmelade und begann, sie zu bestreichen. Froh darüber, meinem Vater nicht begegnet zu sein, holte ich mir noch ein Glas und wollte mich gerade zum Kühlschrank drehen, als ich vor Schreck beinahe das Glas fallen ließ. Mein Vater hatte die Küche betreten. Er stand mit dem Rücken zu mir an der Theke und ich konnte von meinem Platz aus nicht erkennen, was er tat. Mein Körper wurde augenblicklich steif. Ich erinnerte mich an Alex' Nachricht. An seinen Mut. Und für einen kurzen Moment durchströmte mich etwas Ähnliches. Eine kleine Welle von Entschlossenheit, die in meiner Brust aufstieg. Vielleicht konnte ich es auch. Vielleicht musste es ja nichts Großes sein. Nur ein einziges Wort. Eine einfache Frage. Irgendetwas. Ich öffnete den Mund. Beinahe kam ein Ton heraus. Doch er blieb mir im Hals stecken. Die Realität holte mich schneller ein, als mir lieb war. Mein Herz begann schneller zu schlagen und die Stille zwischen uns legte sich wieder schwer auf meine Schultern. Plötzlich fühlte sich selbst ein einfaches „Hallo“ unmöglich an. Ich schloss den Mund wieder. So schnell die kleine Welle aus Mut gekommen war, so schnell verschwand sie auch wieder. Ich war nicht so stark wie Alex. Es war beinahe lächerlich, wie ich mich nicht einmal traute, mit meinem eigenen Vater zu sprechen. Nicht, weil er mich schlagen oder mir etwas antun würde. Ich hatte lediglich Angst davor, ihn zu nerven. Angst vor seiner Gleichgültigkeit. Angst davor, dass er mich wieder ansehen würde, als wäre ich nichts weiter als eine Person, die zufällig mit ihm im selben Haus lebte. Ich schenkte mir Orangensaft ein und eilte anschließend schnell davon. Dabei achtete ich darauf, möglichst leise zu sein. Ich hätte mich selbst kneifen können. Es war von Anfang an klar gewesen, dass ich es nicht schaffen würde. Wieso hatte ich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde geglaubt, ich könnte genauso mutig sein wie Alex? Ich schloss die Tür hinter mir und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Doch die Begegnung mit meinem Vater hatte meine Konzentration vollständig zerstört. Mit einem leichten Kopfschütteln schloss ich das Geschichtsbuch und schaltete das Licht aus. Anschließend setzte ich mich auf mein Bett. In wenigen Bissen aß ich die Scheibe Brot auf und trank mein Glas leer. Danach legte ich mich zurück und starrte für einen Moment an die Decke. Mein Handy lag neben mir. Und allein der Gedanke daran, dass ich diesmal für jemanden da sein konnte, dass jemand tatsächlich meine Anwesenheit wollte und sich bewusst an mich wandte, hinterließ ein seltsam warmes Gefühl in meiner Brust. Ich griff nach meinem Handy. Vielleicht würde ich versuchen, mich mit der App ein wenig abzulenken. Und vielleicht war das für heute genug.
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    • Ein leises, tiefes Vibrieren riss mich aus dem Dämmerzustand, in den mich die Erschöpfung und die Schmerzmittel langsam zu gleiten versuchten. Das Display meines Handys leuchtete in der Dunkelheit meines Zimmers auf und warf einen sanften, bläulichen Schein an die Zimmerdecke.
      Ich tastete mit noch etwas trägen, verkrampften Fingern nach dem Gerät und hielt es mir vor das unversehrte Auge. Als ihr Name auf dem Bildschirm auftauchte, war es, als würde sich die Schlinge, die meinen Brustkorb den ganzen Tag über zusammengeschnürt hatte, endgültig und vollständig lösen.
      „Ich bin sprachlos... Ich habe nicht damit gerechnet, dass du das gleich heute machst. Ich bin so stolz auf dich. Das hat so viel Mut gekostet.“
      Ich las die Worte. Einmal, zweimal, wieder und wieder. Ich blinzelte die Müdigkeit weg und spürte, wie mir eine Welle von unbeschreiblicher Wärme durch den Körper schoss. Das Wort stolz. Sie war stolz auf mich.
      In meinem bisherigen Leben gab es niemanden, der jemals diese Worte zu mir gesagt hatte. Mein Vater hatte Erfolge bei Pokalen und Pokalwettbewerben als eine Selbstverständlichkeit abgehakt, meine Mutter hatte meine bloße Existenz als ein Hindernis betrachtet. Und jetzt lag ich hier, körperlich ein einziges Wrack, und dieses wunderbare, leise Mädchen schrieb mir Sätze, die tief in mein Herz drangen wie ein heilender Verband.
      Ein leises, ungläubiges Lachen entwich mir, schmerzte kurz in der Flanke, aber es war mir vollkommen egal. Ich fuhr mir mit der linken Hand fahrig durch die Haare und stützte das Handy mit der rechten ab. Meine Finger flogen über die Tastatur, getrieben von dem drängenden Bedürfnis, ihr jedes Quäntchen Wahrheit mitzuteilen.
      „Es hat nicht nur Mut gekostet, Moony... es hat mich fast verstandslos gemacht vor Angst“, tippte ich ein, löschte es wieder, weil ich nicht wollte, dass sie sich Sorgen machte, und formulierte es neu.
      „Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht genau, woher dieser Mut plötzlich kam. Jahrelang habe ich mir eingeredet, dass ich es einfach aushalten muss. Dass es meine Schuld ist, dass ich es mir verdient habe oder dass es einfach keine andere Option für mich gibt. Ich habe diese Wand aus Schweigen und Schmerz aufgebaut und dachte, ich müsste sie bis zu meinem Lebensende mit mir herumschleppen.“
      Ich machte eine kurze Pause, ließ das Handy sinken und sah an die Decke. Die Stille des Hauses umhüllte mich, aber sie war anders als sonst. Es war nicht mehr die bedrohliche Lauerstellung vor einem Ausbruch. Es war ein Neuanfang. Ich nahm das Handy wieder auf.
      „Aber heute, als ich neben dir in der Bibliothek saß und als du mir angeboten hast, mich nach Hause zu begleiten... da ist etwas in mir zerbrochen. Oder vielleicht eher zusammengewachsen. Ich habe verstanden, dass es eine Welt außerhalb dieser Hölle gibt. Eine Welt, in der es Menschen wie dich gibt, die mich nicht verurteilen, die mich nicht schlagen und die nichts von mir verlangen, außer dass ich ehrlich bin. Du hast mir diesen Mut gegeben, Selene. Du ganz allein. Wenn ich heute nicht den Hörer in die Hand genommen hätte, hätte ich dir nie wieder in die Augen sehen können. Ich wollte keine Lüge mehr leben.“
      Ich schickte die Nachricht ab und beobachtete den kleinen Haken, der anzeigte, dass sie übermittelt worden war. Doch mein Bedürfnis, mich ihr mitzuteilen, war noch lange nicht gestillt. In der absoluten Stille der Nacht fühlte ich mich ihr näher als jemals zuvor, obwohl kilometerweit Häuser und Straßen zwischen uns lagen.
      „Und du musst nicht sprachlos sein“, fügte ich schnell hinzu. „Das Einzige, was zählt, ist, dass es vorbei ist. Die Polizei hat alles. Ich habe ihnen die Videos und Aufnahmen gezeigt, die ich seit Jahren gesammelt habe. Meine Mutter ist in U-Haft und wird dieses Haus nicht mehr betreten. Ich bin sicher. Hier passiert mir nichts mehr.“
      Ich hielt inne. Ein Teil von mir spürte, dass Selene vermutlich in ihrem eigenen Zimmer saß, umgeben von der drückenden, eisigen Stille ihres eigenen Vaters. Ich kannte das Gefühl, wenn ein Haus sich anfühlte wie ein Gefängnis, selbst wenn man dort nicht geschlagen wurde. Ich wusste aus unseren Gesprächen und aus der Art, wie sie sprach, dass die Einsamkeit an manchen Tagen genauso brutal sein konnte wie eine Faust.
      „Ich weiß nicht, was du gerade machst oder ob du schon schläfst“, schrieb ich leise weiter, während meine Müdigkeit mich langsam einholte. „Aber ich hoffe, du weißt, dass du dich niemals verstecken musst. Nicht vor mir und vor niemandem sonst. Du denkst immer, dass ich der Starkem oder der Mutige bin, aber das stimmt nicht. Du bist diejenige, die die Stärke hatte, mir heute zuzuhören. Du hast mir eine Hand gereicht, als ich fast ertrunken wäre.“
      Ich drehte mich leicht auf die Seite, presste ein Kissen an meine gequetschte Seite, um die Schmerzen zu lindern, und hielt das Handy dicht vor mein Gesicht. Das sanfte Displaylicht war die einzige Lichtquelle in dem großen, dunklen Raum.
      „Wenn du wüsstest, wie sehr ich mich auf Montag freue. Ich kann es kaum erwarten, einfach auf dieser Parkbank zu sitzen und dir zuzuhören. Du musst nicht mutig sein, Moony. Du musst nicht perfekt sein. Du musst einfach nur da sein. Für mich bist du das Beste, was mir seit Jahren passiert ist. Und das ist keine Übertreibung.“
      Ich tippte die Worte ohne jedes Zögern ein. Ich wollte ihr keine Rätsel mehr aufgeben. Ich wollte nicht, dass sie zweifelte oder versuchte, meine Intentionen hinter komplexen Gedankengängen zu verstecken. Ich wollte, dass sie wusste, welchen Stellenwert sie in meinem Leben eingenommen hatte.
      „Ich werde jetzt versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Die Schmerzmittel wirken endlich und mein Kopf wird langsam schwer. Aber mein Handy bleibt laut geschaltet. Direkt neben meinem Kissen. Wenn irgendetwas ist, wenn du nicht schlafen kannst oder dir einfach die Decke auf den Kopf fällt... schreib mir. Ich werde antworten.“
      Ich schickte die letzten Zeilen ab, legte das Smartphone vorsichtig auf die Matratze direkt neben mein Ohr und schloss die Augen.
      Das dumpfe Pochen in meinen Verletzungen war immer noch da, aber es fühlte sich weit entfernt an. Der Raum um mich herum war leer, die Vorhänge wogten ganz leicht im kühlen Nachtwind, der durch den Fensterspalt drang, aber zum ersten Mal seit zehn Jahren empfand ich keine Angst vor der Dunkelheit.
      Ich war nicht mehr der Junge, der sich wünschte, die Gedanken anderer hören zu können, nur um zu wissen, wann der nächste Schlag kam. Ich war nicht mehr der Kapitän, der eine wertlose Maske auf der Schulbank spazieren trug. Ich war einfach Alex. Und irgendwo da draußen lag Selene, schaute vielleicht auf dasselbe blaue Licht ihres Handys und wusste, dass sie nicht mehr allein war. Mit diesem Gedanken ließ ich mich von der bleiernen, erlösenden Müdigkeit in den Schlaf ziehen.
    • Ich scrollte weiter durch die App, sah mir kurze Videos an und blieb hin und wieder bei Bildern fremder Menschen hängen, die auf meine Timeline gespült worden waren. Videos von lachenden Gesichtern, Geschenken, Tieren und Familien. Manche zeigten Freunde, die miteinander herumalberten, sich umarmten oder einfach gemeinsam Zeit verbrachten. Ich wusste, dass vieles davon gestellt war. Dass diese wenigen Sekunden oft nur einen kleinen, sorgfältig ausgewählten Ausschnitt aus dem Leben eines Menschen zeigten und nicht unbedingt widerspiegelten, wie es hinter der Kamera wirklich aussah. Doch trotzdem konnte ich nicht leugnen, dass vor allem die Familienvideos einen kleinen Stich in meinem Herzen hinterließen. Genauso wie die Videos von Freundesgruppen. Es waren Dinge, die ich selbst nicht erlebte. Kein gemeinsames Lachen, keine spontanen Umarmungen und keine fröhlichen Momente, an die man sich später gerne zurückerinnerte. Die einzigen wirklich glücklichen Erinnerungen, die mir spontan in den Sinn kamen, stammten aus meiner Kindergartenzeit. Und nun gab es auch das Treffen mit Alex. Ansonsten zeichneten sich meine Tage eher durch ihre Eintönigkeit aus. Ich war mittlerweile daran gewöhnt. Vielleicht bevorzugte ich sogar ein ruhigeres Leben. Wöchentliche Partys oder große Gruppen hatten mich ohnehin nie besonders gereizt. Doch ruhig zu leben und einsam zu sein, waren zwei unterschiedliche Dinge. Eine Erkenntnis, die ich manchmal erfolgreich verdrängen konnte und an anderen Tagen wie ein schwerer Stein in meiner Brust lag.
      Ich legte mein Handy zur Seite, während ein Video mit leiser Musik im Hintergrund weiterlief. Ich sollte versuchen, meine Gedanken für heute zu unterdrücken. Nicht alles zerdenken. Nicht jede einzelne Situation auseinandernehmen, bis von dem eigentlich schönen Tag nur noch Unsicherheit und Fragen übrig blieben. Wenn ich heute Abend überhaupt Schlaf finden wollte, musste ich meinen Kopf zur Ruhe kommen lassen. Es war ein guter Tag gewesen. Ich hatte Alex, Kitsune, heute zum ersten Mal wirklich getroffen. Nicht hinter einem Bildschirm, nicht durch Nachrichten und nicht als die Person, die ich mir anhand seiner Worte vorgestellt hatte. Er war tatsächlich vor mir gestanden. Und er war anders gewesen, als die Gerüchte vermuten ließen. Seine Art war ein deutlicher Kontrast zu dem, was er in der Schule von sich zeigte. Selbst jetzt, nachdem ich wusste, wer er war, fiel es mir schwer, die beiden Seiten miteinander zu verbinden.
      Für Alex musste der heutige Tag vermutlich noch viel ereignisreicher gewesen sein als für mich. Das Treffen mit mir. Das leise Geständnis, über das ich immer noch versuchte, nicht zu viel nachzudenken. Allein bei der Erinnerung daran wurde mir wieder leicht warm. Und dann sein erster Schritt nach vorne. Sein Leben hatte sich innerhalb weniger Stunden verändert. Er musste sowohl körperlich als auch mental vollkommen erschöpft sein.
      Als hätte Alex geahnt, dass ich genau in diesem Moment an ihn dachte, vibrierte und klingelte mein Handy gleichzeitig.
      Diesmal griff ich nicht so hastig danach wie zuvor. Er hatte mir versichert, dass er sicher war und dass alles in Ordnung sein würde. Zumindest soweit es in seiner Situation eben möglich war. Ich konnte mit einem etwas ruhigeren Herzen nach meinem Handy greifen, ohne sofort befürchten zu müssen, dass mich eine weitere schlechte Nachricht erwartete. Als ich seine Nachricht las, konnte ich bereits den ersten Absatz nachempfinden. Denn diese Gefühle kannte ich selbst. Auch jetzt saß ich allein in meinem eigenen, sicheren Zimmer und verspürte trotzdem diese seltsame Schwere in mir. Die Einsamkeit war nicht immer laut. Manchmal war sie nur ein leiser Gedanke im Hintergrund. Ein Gefühl, das sich bemerkbar machte, wenn ich zu lange über mein eigenes Leben nachdachte. Und dennoch war ich der Meinung, dass Alex mir viel zu viel Anerkennung gab. Ich hatte nur getan, was vermutlich viele andere Menschen getan hätten, wenn sie von seinen Umständen gewusst hätten. Es war nichts Besonderes. Ich hatte ihm zugehört, ihm etwas zu essen und Medikamente gebracht und versucht, ihm zu helfen, soweit ich es eben konnte. Doch in seinen Worten klang es, als hätte ich etwas Außergewöhnliches getan. Als würde ich auf einem Podest stehen. Ich konnte es nicht begreifen. Alex würde sicherlich irgendwann merken, dass es andere Menschen gab, die genauso gehandelt hätten wie ich. Vielleicht nicht in seiner Klasse. Vielleicht nicht unter den Menschen, die ihn nur als den beliebten Fußballkapitän kannten und seine Fassade nie hinterfragten. Aber vielleicht in einem anderen Jahrgang. An einer anderen Schule. Irgendwo. Die Welt war groß. Genauso groß wie die Angst gewesen sein musste, die er verspürt hatte, als er der Polizei die ganzen Beweise übergab. Allein der Gedanke daran ließ mich erneut verstehen, wie viel Mut dieser Schritt ihn gekostet haben musste. Er war klug gewesen, alles zu dokumentieren. Ohne diese Beweise wäre die Situation vielleicht ganz anders ausgegangen. Vielleicht hätte man ihm nicht geglaubt. Vielleicht hätte es geheißen, es gebe nicht genug Beweise. Ich lächelte leicht, als ich seine lieben Worte an mich erneut las. Er gab mir wirklich zu viel Zuspruch und Lob. Ich hatte es nicht verdient. Es war doch nur Zufall gewesen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war. Dass wir uns kennengelernt hatten. Dass er mir vertraut hatte. Doch wenn ich ihm helfen konnte, dann reichte mir das bereits. Zumindest hatte ich bei jemandem einen positiven Einfluss. Ich konnte etwas tun, anstatt nur hilflos daneben zu stehen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb mir seine Situation so naheging.
      In meinen eigenen vier Wänden fühlte ich mich oft machtlos. Ich wusste nicht, wie ich meinen Vater erreichen sollte, und selbst wenn ich es versuchte, verlor ich den Mut meist schon, bevor ich überhaupt ein Wort ausgesprochen hatte. Bei Alex war es anders. Seine Probleme waren größer, erschreckender und weitaus gefährlicher. Und trotzdem konnte ich zumindest versuchen, für ihn da zu sein. Ich konnte zuhören. Ich konnte helfen. Und offenbar bedeutete ihm allein das schon etwas.
      Meine Gedanken wanderten erneut zurück in die Bibliothek. Zu dem Moment, als Alex mir offenbart hatte, dass er mit mir auf ein Date gehen wollte. Wie rot er geworden war. Wie nervös er plötzlich geklungen hatte. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Lächeln etwas breiter wurde. Ich wurde aus Alex einfach nicht schlau, dachte ich belustigt. In der Schule wirkte er selbstbewusst, beinahe unantastbar. Als hätte er immer alles unter Kontrolle. Doch sobald er vor mir stand, zeigte er mir eine Seite, die kaum etwas mit diesem Bild gemeinsam hatte. Eine verletzliche, ehrliche und manchmal sogar unsichere Seite. Und ausgerechnet mir wollte er sie zeigen. Der Gedanke ließ mein Herz erneut ein wenig schneller schlagen. Ich wusste noch immer nicht, was ich für ihn empfand. Es war zu früh, zu neu und alles hatte sich innerhalb kürzester Zeit verändert. Aber ich wusste, dass ich gerne Zeit mit ihm verbrachte. Dass seine Nachrichten inzwischen einen anderen Stellenwert für mich hatten als die von irgendeiner fremden Person. Dass ich mich um ihn sorgte und dass mich seine Worte auf eine Weise berührten, die ich nicht wirklich erklären konnte. Vielleicht musste ich es auch gar nicht sofort verstehen. Vielleicht durfte ich mir einfach Zeit lassen. Da er mir geschrieben hatte, dass die Schmerzmittel wirkten und der heutige Tag ohnehin unglaublich anstrengend gewesen war, er mir aber trotzdem antworten würde, entschied ich mich dagegen, ihm noch eine weitere Nachricht zu schicken. Er brauchte Ruhe. Die lang ersehnte Erholung. Für seine Gedanken, aber vor allem für seinen Körper.
      Ich wollte ihn nicht aus dem Schlaf reißen, falls er endlich eingeschlafen war. Also beschloss ich, ihm morgen zu antworten. Vielleicht würde Alex bis mittags schlafen, so erschöpft, wie er ausgesehen hatte. Und mit der neu gewonnenen Ruhe würde sich sein Körper vielleicht endlich die Erholung nehmen können, die ihm schon so lange zugestanden hatte.
      Ich legte das Handy neben mich und zog die Decke ein wenig höher. Heute war ein guter Tag gewesen. Wahrscheinlich ein Tag, den ich niemals vergessen würde. Der Tag, an dem ich Alex zum ersten Mal wirklich begegnet war. Der Tag, an dem Kitsune zu Alex geworden war. Der Tag, an dem er mir seine Gefühle offenbart hatte. Und der Tag, an dem Alex den ersten Schritt in ein anderes Leben gemacht hatte. Vielleicht war es erst der Anfang. Ein kleiner Schritt nach dem anderen. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte ich das Gefühl, dass sich etwas verändern konnte. Nicht nur für Alex. Vielleicht auch für mich.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der Sonntag verging in einer seltsamen, fast schon traumartigen Schwerelosigkeit. Die Jahre der ständigen Anspannung, in denen mein Körper selbst im Schlaf auf jedes noch so kleine Geräusch konditioniert gewesen war, hatten spurlos von mir abgelassen. Ich schlief so tief, fest und traumlos wie noch nie in meinem gesamten Leben.
      Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, als mich erst ein anhaltendes, einfühlsames Klingeln an der Haustür langsam aus dem Schlaf riss. Ich blinzelte verschlafen gegen das helle Sonnenlicht, das durch die Ritzen der Rollos ins Zimmer fiel, und brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, wo ich war und was geschehen war. Kein Pochen in den Schläfen vor Angst, kein Erschrecken. Nur die bleierne Müdigkeit in den Knochen und das dumpfe Pochen meiner Prellungen.
      Ich schälte mich vorsichtig aus den Federn, zog mir einen weiten Hoodie über und schlich die Treppe hinunter zur Haustür. Durch das Milchglas konnte ich Schemen erkennen. Als ich aufschloss, standen dort drei Personen: eine freundlich blickende Frau mittleren Alters mit einer Aktenmappe – eine Vertreterin vom Jugendamt – sowie der Polizist von gestern Abend, diesmal in Begleitung einer jüngeren Kollegin.
      Ich bat die drei höflich ins Foyer. Die Frau vom Jugendamt lächelte mir aufmunternd zu und kam ohne große Umschweife zum Punkt. Da ich volljährig war, ging es ihr lediglich darum, die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Übergangszeit abzustecken. Sie reichte mir ein paar Formulare und bat um einige Unterschriften: Die Formalitäten, dass ich das Haus vorerst alleine bewohnen durfte, die Bestätigung meines alleinigen Wohnrechts sowie die Inanspruchnahme meines gesetzlichen Anspruchs auf Unterhalt bis zum vollendeten 25. Lebensjahr, der mir nun direkt zustand. Sie betonte, wie beeindruckt sie von meiner Selbstständigkeit war, bedankte sich für die reibungslose Zusammenarbeit und wünschte mir von Herzen viel Glück für meinen weiteren Weg, bevor sie sich wieder verabschiedete.
      Die beiden Polizeibeamten jedoch blieben noch im Flur stehen. Sie wirkten keineswegs wie Diensthabende, die nur ein Protokoll abarbeiteten.
      Der ältere Polizist sah mich mit einer väterlichen Wärme an, die mir fast einen Kloß in den Hals trieb. Er erklärte mir ruhig, dass sie auf der Dienststelle über meinen Fall gesprochen hatten. Weil mein Zustand so dramatisch war und ich völlig auf mich alleine gestellt im Haus saß, wollten sie mir ein inoffizielles Hilfsangebot machen: Einmal am Tag würde abwechselnd jemand von den Kollegen vorbeischauen, um nach dem Rechten zu sehen, mir beim Einkaufen zu helfen oder zur Hand zu gehen, wo auch immer ich Hilfe brauchte.
      Damit nicht genug: Die jüngere Polizistin trat vor und hielt mir zwei große Tüten entgegen. Darin befand sich nicht nur eine riesige Lieferung aus der Apotheke mit frischen Medikamenten, Pflastern, Salben, Desinfektionsmitteln und neuen Bandagen, sondern auch eine große, noch warm gehaltene Tupperdose mit selbstgekochtem Essen, das sie heute Morgen extra für mich zubereitet hatte.
      Ein schier überwältigendes Gefühl von Dankbarkeit und Rührung schoss mir durch die Brust. Es war eine vollkommen neue, ungewohnte Erfahrung für mich, dass sich Erwachsene überhaupt um mich scherten – und dann gleich so viele auf einmal, vollkommen ohne Eigennutz oder Hintergedanken. Mein sonst so kontrolliertes Gesicht brach auf, und ich strahlte über beide Ohren, während ich die Tüten entgegennahm und mich mehrmals mit brüchiger Stimme bedankte.
      Nachdem sich die beiden Beamten mit einem aufmunternden Schulterklopfen verabschiedet hatten, schloss ich die Tür und lehnte mich einen Augenblick dagegen. Das Haus fühlte sich zum ersten Mal warm an.
      Ich ging in die Küche, stellte die Dosen ab und griff sofort nach meinem Handy. Meine Finger flogen fast von selbst über das Display, um Moony an allem teilhaben zu lassen:


      „Hey Moony! Ich hoffe, du konntest gut schlafen. Ich bin gerade erst aufgewacht – ich habe tatsächlich bis fast 12 Uhr durchgeschlafen, was mir seit Jahren nicht mehr passiert ist. Das Jugendamt war gerade da, um ein paar Unterschriften zu holen, damit rechtlich alles glattläuft. Ich darf offiziell alleine hier wohnen und bekomme den vollen Unterhalt. Aber das Verrückteste ist: Die Polizisten von gestern haben mir eine riesige Ladung Verbandszeug, Medizin und sogar selbstgekochtes Essen vorbeigebracht! Sie wollen jetzt jeden Tag einmal nach mir sehen und mir helfen, wenn ich was brauche. Es ist absolut unbegreiflich für mich, wie nett die Leute plötzlich sind. Und da ich jetzt gefühlt unendlich viel freie Zeit habe und gar nicht so recht weiß, was ich mit mir anfangen soll... wollte ich dir sagen: Wenn du möchtest, kannst du gerne auch schon heute vorbeikommen! Du musst natürlich nicht, aber meine Tür steht dir ab jetzt jederzeit offen. Ich würde mich riesig freuen.“

      Nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte, steckte ich das Handy in die Hosentasche und sah mich im Erdgeschoss um. Überall im Wohnzimmer und Flur verstreut standen noch leere Flaschen, abgestandene Gläser und der Müll der letzten Wochen herum. Das Haus sah generell verdreckt und vernachlässigt aus – das Erbe eines jahrelangen Zerfalls.
      Ich holte einen großen Müllsack aus der Küche und begann langsam aufzuräumen. Ich sammelte Flasche für Flasche ein, wischte die Oberflächen ab und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen. Allerdings merkte ich sehr schnell die Grenzen meines Körpers. Bei jeder Bückbewegung brannten meine Rippen wie Feuer, und die Zerrung in der Flanke zwang mich immer wieder dazu, innezuhalten und nach Luft zu schnappen. Viel schaffte ich in diesem Zustand nicht, aber zumindest der grobe Unrat verschwand Stück für Stück.
      Als ich kurz an einem der Fenster zur Straße vorbeikam und vorsichtig durch die Lamellen der Jalousie nach draußen lugte, sah ich einen Streifenwagen vor der Einfahrt parken. Die Beamten hielten ein Paar Journalisten und Fotografen auf Abstand, die mit Kameras auf dem Gehweg standen. Der Fall schien in der lokalen Presse noch immer ein riesiges Thema zu sein und enorme Neugier zu wecken. Doch der Streifenwagen sorgte dafür, dass niemand auch nur in die Nähe meiner Haustür gelangte.
      Ich war abgeschirmt. Ich war beschützt. Und während ich mir ein Glas frisches Wasser einschenkte, schaute ich gebannt auf mein Handy auf dem Küchentisch und wartete darauf, ob das Display aufleuchten würde.
    • Ich wusste nicht, wovon ich geträumt hatte, doch als ich schließlich langsam aus dem Schlaf glitt, fühlten sich meine Augen schwer an. Mein ganzer Körper war träge, als hätte ich kaum drei Stunden geschlafen. Selbst meine Gliedmaßen fühlten sich ungewöhnlich schwer an, und meine Hand wollte sich kaum bewegen, als ich nach meinem Handy greifen wollte, um auf die Uhrzeit zu schauen.
      Also schloss ich für einen Moment wieder die Augen, nur um mich kurz zu sammeln.
      Ungeahnt schlief ich erneut ein.
      Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, plagten mich leichte Kopfschmerzen. Ich wusste nicht, wieso ich mich so erschöpft fühlte. Mit einem leisen Brummen tastete ich neben mir nach meinem Handy. Als ich es endlich zu fassen bekam und den Bildschirm einschaltete, musste ich meine Augen bei der plötzlichen Helligkeit zusammenkneifen.
      Obwohl Alex' Nachricht klar formuliert war, brauchte ich eine ganze Weile, bis mein müder Kopf überhaupt einen Zusammenhang herstellen konnte. Ich war ehrlich erstaunt darüber, wie viel Unterstützung er von der Polizei bekam. Nun, wenn man bedachte, wie lange Alex all diese Gräueltaten hatte ertragen müssen und in welchem Zustand er gestern vor mir gestanden hatte, konnte es einem vermutlich gar nicht anders gehen. Es war unmöglich, kein Mitleid zu empfinden. Unmöglich, nicht helfen zu wollen.
      Und seltsamerweise beruhigte mich genau das. Es gab weitere Menschen da draußen, die sich um ihn sorgten. Menschen, die wussten, was geschehen war. Menschen, die nun vielleicht auf ihn aufpassten und ihm helfen konnten. Ich war nicht mehr die Einzige, die von seiner Situation wusste. Mit einem leisen Ausatmen drehte ich mich auf den Rücken und schloss erneut die Augen. Sollte ich wirklich zu ihm gehen? Sicherlich konnte er Unterstützung gebrauchen, um zumindest ein wenig Ordnung in sein Zuhause zu bringen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass dort alles ordentlich und sauber aussah, nachdem seine Mutter ihn so zugerichtet hatte. Vor allem erinnerte ich mich daran, dass Alex erwähnt hatte, wie viel sie trank. Doch irgendwie traute ich mich trotzdem nicht. Es war ein neuer Ort. Ich hatte Alex erst gestern zum ersten Mal persönlich getroffen und nun sollte ich direkt zu ihm nach Hause gehen. Allein der Gedanke daran fühlte sich anders an als unser Treffen in der Bibliothek. Dort hatte ich mich hinter den vielen Regalen und Büchern beinahe sicher gefühlt. Es war ein neutraler Ort gewesen. Ein Ort, an dem wir beide nichts voneinander erwartet hatten.
      Sein Zuhause hingegen war persönlicher. Privater. Vielleicht dachte ich aber auch einfach wieder viel zu viel nach. Mit einem Seufzen setzte ich mich schließlich auf und rieb mir mit beiden Händen über das Gesicht. Ich war immer noch unglaublich müde. Vielleicht hatte ich einfach schlecht geschlafen. Mein Blick wanderte zu meinem Schreibtisch, auf dem die Bücher und Notizen noch immer lagen.
      Fertig war ich mit meiner Planung jedenfalls noch lange nicht.
      Ich seufzte erneut, rappelte mich schließlich hoch und schlug die Decke zur Seite. Vielleicht hatte das alles auch noch etwas Zeit. Vielleicht war es sinnvoller, ihm heute beim Aufräumen zu helfen, anstatt hier zu sitzen und mich weiter in meinen eigenen Gedanken zu verlieren. Also stand ich wieder auf, setzte mich auf die Bettkante und schrieb Alex zurück. Das ist echt super, dass sie dich so unterstützen. Gerne kann ich vorbeikommen, du müsstest mir nur deine Adresse schicken. War ich nervös? Auf jeden Fall. Wann war ich das letzte Mal überhaupt bei jemandem zu Hause gewesen? Ich konnte mich nicht einmal mehr richtig daran erinnern. Vermutlich war es irgendwann als Kind gewesen, bevor ich angefangen hatte, mich immer weiter von anderen Menschen zurückzuziehen.
      Langsam schleifte ich mich zu meinem Kleiderschrank und begann darüber nachzugrübeln, was ich anziehen sollte. Allein diese Frage brachte mich bereits ins Stocken. Ich wollte nicht so aussehen, als hätte ich mir besonders viele Gedanken darüber gemacht. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht aussehen, als wäre es mir vollkommen egal.
      Am Ende entschied ich mich für eine Jeans mit weitem Schlag und ein schlichtes schulterfreies Oberteil. Sollte es draußen doch etwas kühler sein, würde die Hose zumindest warm genug halten. Nachdem ich geduscht hatte, wusch ich mir auch noch die Haare. Morgen war schließlich wieder Schule. Ich föhnte sie, bis sie trocken waren, und beschränkte mich anschließend wie gewöhnlich auf etwas Wimperntusche und Rouge. Mehr brauchte ich nicht. Mehr hätte sich vermutlich ohnehin fremd an mir angefühlt. Ich nahm meine Tasche und packte lediglich meinen Geldbeutel und mein Handy ein. Während ich mich fertig gemacht hatte, hatte Alex mir inzwischen seine Adresse geschickt. Mein Herz schlug ein kleines bisschen schneller. Leise öffnete ich meine Zimmertür und lugte vorsichtig in den Flur. Niemand war zu sehen. Mit meinen Socken lief ich durch das Haus und verzichtete bewusst auf ein Frühstück. Ich wollte ein unangenehmes Aufeinandertreffen wie gestern Abend in der Küche vermeiden. Also schnappte ich mir nur noch meinen Schlüssel und verließ schließlich das Haus. Da ich mich in Alex' Gegend überhaupt nicht auskannte, gab ich seine Adresse in mein Handy ein und ließ mich von der Navigation führen. Auf dem Weg dorthin kam ich an einem Blumenladen vorbei. Ich verlangsamte meine Schritte. Vielleicht war es eine spontane Eingebung. Vielleicht wollte ich einfach nicht mit leeren Händen bei ihm auftauchen. Oder vielleicht war es auch nur mein Versuch, irgendwie auszudrücken, dass ich mich für ihn freute. Dass ich stolz darauf war, was er gestern getan hatte.
      Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, betrat ich den Laden.
      Es dauerte eine Weile, bis ich mich für einen Strauß entschied. Letztendlich nahm ich einen mit verschiedenen bunten Blumen, die trotzdem gut miteinander harmonierten. Die Farben wirkten warm und freundlich. Fast ein wenig hoffnungsvoll. Als würde man etwas Neues beginnen. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt einen Blumenstrauß kaufte. Mit einem leichten mulmigen Gefühl im Bauch verließ ich den Laden und folgte weiter der Navigation auf meinem Handy. Je näher ich seinem Zuhause kam, desto langsamer wurden meine Schritte. Und dann stand ich schließlich davor. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Mein Blick wanderte kurz über das Haus, ehe ich zur Seite sah und den Streifenwagen bemerkte, von dem Alex mir erzählt hatte. Die Polizisten schienen mich ebenfalls bemerkt zu haben. Argwöhnisch sahen sie zu mir herüber. Etwas verunsichert blickte ich erst zu ihnen, dann auf den Blumenstrauß in meinen Händen. Was dachten sie wohl? Dass ich irgendeine Fremde war, die plötzlich vor seinem Haus auftauchte? Leicht zögerlich hob ich schließlich eine Hand und winkte ihnen vorsichtig zu. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Vielleicht sollte es ihnen einfach zeigen, dass ich keine Gefahr für Alex darstellte. Oder zumindest hoffte ich das. Vorsichtig trat ich schließlich vor die Haustür. Doch dort blieb ich stehen. Mein Blick senkte sich auf die Blumen. Plötzlich traute ich mich nicht mehr zu klingeln. Vielleicht war ich doch zu voreilig gewesen. War es zu viel? Waren die Blumen zu viel? Ich begann zu grübeln. Vielleicht waren Blumen etwas, das man jemandem schenkte, mit dem man enger verbunden war. Vielleicht würde Alex denken, dass ich ihm damit etwas Bestimmtes sagen wollte. Oder dass ich es übertrieb. Vielleicht war ein einfacher Besuch bereits genug gewesen. Ich hätte einfach mit leeren Händen kommen sollen. Jetzt stand ich hier wie eine Idiotin vor seiner Haustür und starrte auf einen Blumenstrauß, als wäre er plötzlich das komplizierteste Problem der Welt. Mein Griff um die Stiele wurde etwas fester. Sollte ich die Blumen einfach hinter meinem Rücken verstecken? Das wäre vermutlich noch auffälliger. Ich atmete langsam aus. Dann hob ich meine Hand. Zögerte. Und blieb trotzdem noch einen Moment regungslos vor der Tür stehen, während mein Blick erneut auf die bunten Blumen in meinen Händen fiel.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die kühle Nachmittagsluft strömte durch die weit geöffneten Fenster im Erdgeschoss und verdrängte langsam, aber spürbar den muffigen, abgestandenen Geruch von Alkohol und Vernachlässigung, der sich über Monate hinweg in den Vorhängen festgesaugt hatte.
      Ich hatte mir eine ausgiebige Pause gegönnt. Die Deftigkeit der warmen Mahlzeit, die mir die Beamtin mitgebracht hatte, lag noch wie ein schützender, kräftigender Stein im Magen. Zusammen mit einer ordentlichen Dosis der starken Schmerzmittel und den entzündungshemmenden Salben fühlte ich mich zum ersten Mal seit Tagen wieder wie ein Mensch, der am Leben teilnahm. Die Schwellung an meinem linken Auge, die mich gestern noch fast vollständig auf einem Auge blind gemacht hatte, war spürbar zurückgegangen. Das Hämatom schimmerte zwar immer noch in allen erdenklichen Schattierungen von tiefem Violett bis Dunkelblau, aber die Kühlung und die Salben zeigten Wirkung: Ich konnte das Lid wieder eigenständig heben, senken und mein Umfeld endlich wieder räumlich wahrnehmen.
      Mit neu gewonnenem Schwung und einer gewissen sturen Entschlossenheit war ich danach wieder ans Werk gegangen. Der Körper schmerzte bei jeder falschen Bewegung, aber die mentale Befreiung wirkte wie ein Katalysator. Ich hatte das gesamte Erdgeschoss von den Bergen an leeren Flaschen befreit. Draußen vor der Tür stapelten sich bereits zwei massive grüne Kisten und etliche Wäschekörbe, vollgepackt mit Altglas – ein stummes Zeugnis der Sucht, die dieses Haus so lange beherrscht hatte. Auch der lose Dreck, die herumfliegenden Prospekte und der Staub der Verwahrlosung waren größtenteils zusammengekehrt. Es war noch lange nicht sauber, aber der Raum hatte aufgehört, feindselig zu wirken. Er war jetzt einfach nur ein großes, staubiges, leeres Haus, das darauf wartete, neu belebt zu werden.
      Ich schob mit dem Fuß eine volle Mülltüte zur Seite, schnappte mir zwei weitere prall gefüllte Säcke voller Unrat und steuerte auf die schwere Eichenhaustür zu. Ich wollte sie nur kurz draußen neben den Glaskisten abstellen, ehe ich mich an das Wischen des Bodens machen würde.
      Ich drückte die Türklinke nach unten, stieß die Tür mit dem Schulterblatt auf und machte einen Schritt auf die Stufe hinaus.
      Und da stand sie.
      Mein Herz machte einen unwillkürlichen, heftigen Satz gegen meine verletzten Rippen. Ich blieb wie angewurzelt stehen, die zwei schwarzen Müllsäcke noch fest in den Händen gepresst. Selene stand direkt vor mir auf der Fußmatte. Sie wirkte so zart, so fein herausgeputzt mit ihren offenen Haaren und der eleganten Kleidung, dass sie wie ein Wesen aus einer völlig anderen, schöneren Welt wirkte, das sich versehentlich auf meine Schwelle verirrt hatte. In ihren Händen hielt sie einen wunderschönen, leuchtend bunten Blumenstrauß, dessen warme Farben einen fast magischen Kontrast zu der Tristesse des Hauseingangs bildeten.
      Das erstaunte Stocken in meinen Bewegungen wich innerhalb eines Wimpernschlags einem tiefen, von Herzen kommenden Strahlen. Ein Lächeln breitete sich auf meinem zugerichteten Gesicht aus, das so ehrlich und gelöst war, dass es selbst das Spannungsgefühl an meiner aufgeplatzten Lippe vollständig vergessen ließ.
      „Moony...“, entwich es mir rauchig, aber voller echter Freude.
      Ich ließ die Müllsäcke ohne Rücksicht auf Verluste einfach neben der Haustür auf den Steinboden gleiten, trat einen Schritt auf sie zu und sah sie aus beiden Augen an – das linke zwar noch geschwollen und verfärbt, aber offen und klar. Mein Blick wandere für einen kurzen Moment zu dem farbenfrohen Strauß in ihren Händen, ehe sich mein Lächeln nur noch mehr vertiefte. Es war so unfassbar typisch für sie, so unglaublich aufmerksam und rein, dass mir für einen Sekundenteufel glatt die Worte fehlten.
      „Du bist wirklich gekommen...“, flüsterte ich leise, während der Wind sanft eine ihrer Haarsträhnen verwehte. „Tritt bitte ein. Lass dich von dem Chaos draußen und dem Streifenwagen nicht verunsichern. Komme erst mal in Ruhe an.“
      Ich trat zur Seite, hielt die schwere Holztür weit offen und bat sie mit einer einladenden Handbewegung ins Innere. Als sie die Schwelle überschritt, schloss ich die Tür leise hinter ihr und sperrte die Blicke der Presse und der Streifenwagenbesatzung draußen aus. Im Flur herrschte eine angenehme, fast ehrfürchtige Stille.
      „Mach dir bitte keine Sorgen wegen des Staubs“, sagte ich sanft und fuhr mir verlegen mit der Hand durch die Nackenhaare. „Ich habe versucht, das Schlimmste wegzuräumen, aber der Zustand des Hauses ist... sagen wir einfach, ein Langzeitprojekt. Möchtest du etwas trinken? Ich habe frischen Orangensaft, Mineralwasser und die Polizisten haben mir sogar ein paar Limonaden mitgebracht. Zieh ruhig deine Schuhe aus, wenn du magst, und schau dich ganz in Ruhe um.“
      Während ich in die Küche ging, um zwei Gläser zu holen, ließ ich ihr bewusst den Raum und die Zeit, um sich umzusehen und die Umgebung auf sich wirken zu lassen.
      Das Haus war im Grunde ein klassischen, solides Einfamilienhaus mit rund 180 Quadratmetern Wohnfläche, verteilt auf zwei großzügige Stockwerke – gebaut in einer Zeit, in der Raum noch großzügig bemessen wurde, aber von den Ereignissen der letzten Jahre spürbar gezeichnet.
      Wenn man den breiten Flur im Erdgeschoss betrat, lag gleich zur Rechten ein kleines, einfaches Gäste-WC mit hellblauen Fliesen. Direkt daneben öffnete sich die geräumige Küche, die im Moment noch nach Putzmitteln und frischem Wind roch. Von der Küche aus führte eine kleine Tür in eine separate Waschküche mit Anschlüssen für Waschmaschine und Trockner. Auf der linken Seite des Flurs erstreckte sich das Herzstück des Erdgeschosses: Ein weitläufiges, lichtdurchflutetes Wohnzimmer mit großen Fensterfronten zum Garten hin, aus dem ich bereits die Berge von leeren Flaschen entfernt hatte. Durch einen breiten Rundbogen war das Wohnzimmer direkt mit einem kombinierten Esszimmer und Bürobereich verbunden, in dem ein massiver Holztisch und mehrere überquellende Bücherregale standen.
      Über eine geschwungene Holztreppe im Flur gelangte man in das erste Obergeschoss. Dort oben lagen die privaten Rückzugsorte: Zwei große Schlafzimmer – mein altes, schlichtes Zimmer und das ehemalige Hauptschlafzimmer meiner Mutter –, ein kleineres Nebenzimmer, das früher als häusliches Büro genutzt worden war, sowie ein überraschend modernes, sehr großes Badezimmer. Dieses Bad war der eigentliche Luxus des Hauses: Es verfügte über ein separat abgetrenntes WC, eine geräumige, begehbare Glasdusche und eine tief eingelassene Badewanne unter dem Dachfenster.
      Der Zugang zum Keller – dem Ort, an dem sich die dunkelsten Stunden abgespielt hatten – lag gut verborgen hinter einer schweren, dunklen Holztür am Ende des Flurs im Erdgeschoss. Diese Tür war fest verschlossen. Dieser Bereich war im Moment weder einsehbar noch betretbar; er gehörte der Vergangenheit an, die hinter Riegeln ruhte.
      Ich kehrte mit zwei gefüllten Gläsern aus der Küche zurück in den Flur, hielt ihr eines davon hin und sah sie mit einem ruhigen, friedlichen Blick an.
      „Es ist riesig für eine einzelne Person, ich weiß“, meinte ich leise und schmunzelte leicht, während ich das Glas vorsichtig hielt. „Aber es ist mein Zuhause. Oder zumindest... wird es das ab heute werden. Und die Blumen... Moony, die sind wunderschön. Vielen Dank. Das hättest du wirklich nicht tun müssen, aber es bedeutet mir unglaublich viel.“
      Ich wartete geduldig, ließ ihren Blick wandern und genoss einfach die Tatsache, dass sie hier war. Die Einsamkeit, die dieses Haus über Jahre hinweg wie ein giftiger Nebel erfüllt hatte, war mit dem Moment, in dem sie die Schwelle überschritten hatte, vollkommen verflogen.
    • Mein Erscheinen hatte ihn wohl ebenso überrascht, wie mich seine Erscheinung für einen kurzen Moment innehalten ließ. Er hatte die Haustür mit seiner Schulter aufgestoßen und trug zwei schwere Mülltüten in den Händen. Es war nicht schwer zu erraten, was er gerade getan hatte. Offensichtlich war er dabei, das Haus aufzuräumen. Unwillkürlich machte ich mir Sorgen. Gestern hatte er alles andere als einen gesunden und stabilen Eindruck gemacht. Sein Körper war erschöpft gewesen, seine Bewegungen vorsichtig und selbst die kleinsten Handlungen hatten ihn sichtbar Kraft gekostet. Nun stand er hier und schleppte schwere Müllsäcke durch das Haus. Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob es vielleicht doch keine gute Idee gewesen war, hier aufzutauchen. Ob ich ihn störte oder ihn in einem ungünstigen Moment erwischt hatte. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich zunächst nicht richtig deuten. Doch schon im ersten Augenblick fiel mir auf, dass sich sein geschundenes Auge deutlich verbessert hatte. Es war zwar weiterhin angeschwollen und die Verletzungen waren noch immer sichtbar, doch im Vergleich zu gestern wirkte es nicht mehr ganz so schlimm. Auch Alex selbst machte einen deutlich wacheren und energievolleren Eindruck.
      Sein anschließendes Lächeln vertrieb schließlich meine Sorge, zu einem schlechten Zeitpunkt gekommen zu sein. Zu sehen, wie sein Gesicht - soweit es ihm überhaupt möglich war - aufleuchtete, als er mich erkannte, ließ etwas in meiner Brust weich werden. Gleichzeitig wurde ich dadurch nur noch nervöser. Es war seltsam, wie sehr seine Reaktion mich beeinflusste. Ich hatte mich gefragt, ob die Blumen zu viel waren. Ob mein Besuch zu aufdringlich war. Ob ich überhaupt willkommen war. Und nun sah er mich an, als würde er sich tatsächlich darüber freuen, dass ich hier war. Meine anfängliche Unsicherheit begann langsam zu verschwinden.
      Bei seiner Einladung, das Haus zu betreten, nickte ich nur stumm und trat vorsichtig über die Türschwelle. Sofort fiel mir auf, wie viel Arbeit Alex bereits geleistet hatte. Das Haus war noch weit davon entfernt, sauber zu sein. Hier und da lagen weiterhin Überreste dessen herum, was seine Mutter offenbar zurückgelassen hatte. Leere Flaschen standen noch herum, einige Prospekte lagen auf dem Boden verteilt und besonders in den Ecken hatte sich eine Menge Staub angesammelt. Trotzdem konnte ich mir gut vorstellen, dass es vorher deutlich schlimmer ausgesehen hatte. Und noch immer lag eine Menge Arbeit vor ihm.
      Als Alex wieder anfing zu reden, wanderte mein Blick zu ihm. Ich hörte ihm zunächst nur stumm zu, während seine Worte beinahe aus ihm herauszusprudeln schienen. „Wasser dann“, beantwortete ich schließlich seine Frage und zog meine Schuhe aus. Das Letzte, was ich wollte, war, seine bisherige Arbeit zunichtezumachen und mit meinen Schuhen wieder Dreck hereinzutragen. Vorsichtig trat ich weiter in das Haus hinein und ließ meinen Blick umherschweifen. Erst jetzt erkannte ich, wie groß das Haus eigentlich war.
      Neugierig sah ich mich von meinem Platz aus um. Es war im Grunde ein ganz normales Zuhause. Und doch fehlte ihm gleichzeitig etwas. Gemütlichkeit. Wärme. Dieses schwer zu beschreibende Gefühl, das einem sagte, dass man angekommen war. Dass man sicher war. Dass man hierhergehörte. Ich traute mich nicht, einfach alleine tiefer in das Haus vorzudringen. Einerseits, weil ich wusste, was sich hier in der Vergangenheit abgespielt hatte. Jeder Raum konnte Erinnerungen mit sich tragen, die ich mir nicht einmal vorstellen wollte. Andererseits empfand ich aber auch Erleichterung. Alex war nun hier. In seinem eigenen Zuhause.
      Und vielleicht bildete ich es mir nur ein, doch er wirkte friedlicher als gestern. Zufriedener. Als hätte sich etwas in ihm gelöst, nachdem er endlich diesen ersten Schritt getan hatte.
      Mein Blick glitt zu dem Blumenstrauß in meinen Händen, als er sich dafür bedankte. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Ich war mir nicht sicher, ob das nicht ... zu kitschig wirkt“, meinte ich leise und sah auf die Blumen hinab. „Aber es freut mich, wenn sie dir gefallen.“ Ich streckte ihm den Strauß entgegen. „Als Glückwunsch und auf einen Neuanfang.“
      Vielleicht war es tatsächlich etwas kitschig. Doch ich wusste nicht, was man jemandem sonst zu so einem Anlass schenkte. Und irgendwie hatte ich das Bedürfnis gehabt, etwas mitzubringen. Etwas, das nicht mit der Vergangenheit zu tun hatte. Nicht mit Verletzungen, Angst oder dem, was ihm widerfahren war. Etwas Neues. Etwas freundliches.
      Mein Blick wanderte erneut durch den Raum. „Ich war mir erst unsicher, ob es überhaupt schlau war, vorbeizukommen“, murmelte ich schließlich. Mein Blick fiel auf die Prospekte und die Flaschen, die noch immer herumstanden, ehe ich wieder zu ihm sah. „Aber ich habe mir gedacht, dass du vielleicht Hilfe gebrauchen könntest.“ Ich nickte leicht in Richtung des Chaos, das noch immer beseitigt werden musste.
      Auch wenn Alex heute körperlich besser auszusehen schien als gestern, bedeutete das nicht, dass er sich vollkommen erholt hatte. Ganz im Gegenteil. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sein Körper sich von allem erholt hatte. Es wäre vermutlich ein fataler Fehler, wenn er sich jetzt zu sehr anstrengte und am Ende wieder vollkommen erschöpft zusammenbrach. Wenn ich ihm ein wenig helfen konnte, musste er vielleicht nicht alles alleine machen. Und gleichzeitig konnte ich zumindest ein Auge darauf haben, dass er sich nicht übernahm.
      Ein kleiner Teil von mir fühlte sich außerdem geehrt. Vielleicht war es eine seltsame Art, darüber zu denken, doch soweit ich wusste, war ich eine der ersten Personen, die sein Zuhause betreten durfte, nachdem sich sein Leben so plötzlich verändert hatte. Natürlich waren bereits Polizisten und andere wichtige Personen hier gewesen, doch das war etwas anderes. Ich war einfach nur Selene. Ich war nicht hier, weil es meine Arbeit war. Nicht, weil ich musste. Sondern weil ich selbst entschieden hatte, hier doch zu sein. Und allein der Gedanke daran ließ meine Brust ein wenig wärmer werden.
      Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Alex jetzt sofort anfangen würde, all seine Freunde zu sich einzuladen. Eigentlich erweckte er nicht einmal den Eindruck, als wäre ihm momentan überhaupt danach. Vielleicht brauchte er erst einmal Zeit, um sich an diese neue Situation zu gewöhnen. An die Stille. An die Freiheit. Und daran, dass er nun vielleicht zum ersten Mal selbst entscheiden konnte, wer durch diese Tür trat und diese auch nach Innen betreten konnte, ohne Angst zu haben, davor was diesmal dahinter steckte.
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    • Ein tiefes, warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus, als ich sie im spärlich beleuchteten Flur beobachtete. Ihr stummes Nicken, die behutsame Art, wie sie ihre Schuhe abstreifte, um den frischen Boden zu schonen – all diese kleinen Aufmerksamkeiten trafen mich mit einer Wucht, die kein Schmerzmittel der Welt hätte hervorrufen können.
      Ich nahm das Glas Wasser, das ich für sie vorbereitet hatte, reichte es ihr und griff anschließend nach dem Blumenstrauß. Als meine Fingerspitzen dabei ganz kurz die ihren streiften, ging eine angenehme Erschütterung durch meinen Arm. Die bunten Farben der Blüten wirkten inmitten der tristen, staubigen Wände fast wie ein kleines Wunder.
      „Auf einen Neuanfang...“, wiederholte ich leise ihre Worte. Das leicht verlegene Lächeln auf ihren Lippen brannte sich tief in mein Gedächtnis ein. „Sie sind nicht kitschig, Moony. Ganz im Gegenteil. Sie sind das Erste in diesem Haus, das wirklich schrecklich schön ist.“
      Ich trat ein paar Schritte zurück, ging hinüber ins Esszimmer und holte eine einfache Glasvase aus einem der oberen Regale, der überraschenderweise sauber geblieben war. Ich spülte sie kurz am Wasserhahn ab, füllte frisches Wasser ein und arrangierte den Strauß mit größter Sorgfalt. Es war merkwürdig: Jahrelang hatten in diesem Haus nur Gegenstände existiert, die potenziell als Waffen oder Bedrohung dienen konnten. Jetzt stand da ein Strauß frischer Blumen auf dem Tisch. Ein Zeichen dafür, dass das Leben weiterging.
      Ich schob die Vase vorsichtig in die Mitte des massiven Holztisches und wandte mich wieder zu ihr um.
      „Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen, dass du störst oder zur falschen Zeit kommst“, sagte ich, und meine Stimme klang viel sanfter, als ich es vorhin beabsichtigt hatte. „Du hast ja keine Ahnung, wie unglaublich schön es für mich ist, dass du tatsächlich hier bist. Dass du den Mut aufgebracht hast, durch diese Tür zu treten. Für mich gibt es gerade absolut nichts Besseres, als dich hier bei mir zu haben.“
      Ich streifte mir mit der Hand über den Nacken und sah kurz zu dem großen Polstersofa hinüber, das mitten im Wohnzimmer stand. Der dunkle Stoff war von alten Rotweinflecken durchtränkt, zerschlissen und verströmte selbst aus ein paar Metern Entfernung noch den miefigen Geruch nach abgestandenem Alkohol. Es war unmöglich, sich dort hinzusetzen.
      „Tut mir leid, dass ich dir im Moment keinen vernünftigen Sitzplatz anbieten kann“, meinte ich entschuldigend und deutete mit einer vagen Handbewegung auf die Möbel. „Die Polstermöbel hier... die sind so dermaßen verdreckt und versifft, dass man die nicht mehr risikofrei benutzen kann. Ehrlich gesagt ekelt es mich selbst an. Ich werde das ganze Zeug in den nächsten Tagen hochkant auf den Sperrmüll werfen. Eigentlich fliegt fast alles raus, was hier herumsteht.“
      Ich wusste sehr wohl, warum mein Körper gerade so erstaunlich gut funktionierte. Es war ein gefährliches Gemisch. Die geballte Ladung Schmerzmittel, die entzündungshemmenden Salben und der massive Schub aus Adrenalin, Erleichterung und purer Euphorie hielten mich auf den Beinen. Mein Kopf fühlte sich wacher an als seit Wochen, das geschwollene Auge brannte nur noch dumpf, und für den Moment spürte ich die Prellungen an meinen Rippen kaum. Aber eine leise Stimme im Hinterkopf warnte mich. Ich war nicht dumm. Ich wusste ganz genau, dass diese Illusion von Stärke urplötzlich ins komplette Gegenteil kippen konnte, sobald die Schmerzmittel nachließen und der Adrenalintrieb abebbte. Dann würde mich die Erschöpfung wieder eiskalt überrollen. Also versuchte ich, extrem wachsam auf die Signale meines Körpers zu achten, jede Bewegung bewusst auszuführen und mich nicht zu hemmungslosen Kraftakten verleiten zu lassen.
      Aber ihre Anwesenheit war die beste Medizin. Dass sie mir angeboten hatte, beim Aufräumen zu helfen, berührte mich tiefer, als ich es in Worte fassen konnte. Sie stand da, zart und aufmerksam, und sorgte sich darum, dass ich mich nicht übernahm.
      „Aber bevor wir auch nur eine einzige Mülltüte anpacken...“, fuhr ich fort und trat an den Küchentresen heran, wo eine frische Bäckertüte stand, „...muss ich dir etwas anbieten. Die Kollegin von der Polizei hat mir heute Morgen nicht nur das warmes Essen gebracht, sondern mir auf dem Weg hierher auch ein Stück frischen Apfelkuchen vom Bäcker mitgebracht. Ich würde mich riesig freuen, wenn du ein Stück mit mir teilst. Du hast bestimmt auch noch nichts Vernünftiges gegessen, oder?“
      Ich holte zwei kleine Teller und Gabeln heraus, die ich vorher gründlich abgespült hatte, und schob ihr ein Tellerchen hinüber. Dann stützte ich mich leicht mit den Unterarmen auf der kühlen Küchenarbeitsplatte ab und sah sie an.
      „Und was das Aufräumen angeht... du hast recht. Hier drinnen erinnert mich fast jede Ecke an Dinge, die ich einfach nur noch vergessen will. Deshalb habe ich mir vorhin in einer kurzen Pause das Tablet geschnallt und angefangen, Pläne zu machen. Ich will hier nicht nur sauber machen, Selene. Ich will dieses Haus komplett generalüberholen.“
      Ich griff nach meinem Smartphone, das auf dem Tresen lag, entsperrte den Bildschirm und hielt es ihr hin, sodass sie das Display gut sehen konnte.
      „Schau mal“, sagte ich, und ein fast schon leichtfüßiger Enthusiasmus schwang in meiner Stimme mit. Ich wischte durch eine Reihe von gespeicherten Screenshots und Ordnern. „Ich habe mir schon die ersten Möbelstücke rausgesucht. Die alten, dunklen Schränke fliegen alle raus. Stattdessen kommt hier eine völlig neue, moderne Küche rein – schlicht, hell, mit hellen Holzfronten und viel Licht. Für das Wohnzimmer habe ich ein großes, hellgraues Ecksofa gefunden, auf dem man stundenlang sitzen und lesen kann, ohne dass man das Gefühl hat, in einer Höhle zu hocken.“
      Ich wischte weiter zum nächsten Bild.
      „Die Wände hier im Erdgeschoss bekommen alle einen komplett neuen Anstrich. Kein vergilbtes Weiß mehr, keine düsteren Tapeten. Ich dachte an warme, freundliche Naturtöne, sanftes Beige, helle Holzelemente. Alles soll jünger, moderner, frischer und absolut sauber wirken. Ich will, dass man durch diese Tür kommt und sofort spürt, dass hier ein neues Kapitel angefangen hat. Ein Ort, der einlädt, anstatt einen zu erdrücken.“
      Ich blickte von dem Display hoch und sah ihr direkt in die Augen. Das milde Licht, das durch die geöffneten Fenster strömte, ließ ihre Züge sanft wirken.
      „Ich möchte, dass das hier ein Ort wird, an dem man sich sicher fühlen kann“, sagte ich leise und meinte jedes einzelne Wort so tief und ehrlich, wie ich es nur ausdrücken konnte. „Ein Ort, an dem man keine Angst haben muss, wenn man durch die Tür tritt. Und... ich hoffe sehr, dass du dich hier irgendwann genauso zu Hause fühlen kannst wie ich. Denn du bist der allererste Mensch, den ich in dieses neue Leben einladen wollte.“