Freya veränderte ihre Haltung nicht um einen Millimeter, als der Hustenanfall der Dämonin verblasste. Der Lauf der Eisenwaffe blieb starr auf die Brust der Frau gerichtet, die Entfernung präzise kalkuliert, um jeden plötzlichen Ausfallschritt oder das Greifen nach einer verborgenen Klinge sofort mit einem tödlichen Schuss zu beantworten. Doch hinter den glasklaren, graublauen Augen der Jägerin arbeitete es rasend schnell. Die schiere Wut und der unbedingte Vernichtungswille, die sie noch vor zwei Tagen im alten Antiquariat angetrieben hatten, waren einer kühlen, analytischen Distanz gewichen.
Ihre Blicke wanderten kurz, ohne die Mündung der Pistole auch nur um einen Zentimeter abweichen zu lassen, über Noras gehobene Hände, das entspannte Wippen des Fußes und schließlich hinab auf den wuchtigen, ledergebundenen Wälzer, der auf dem Tresen lag.
Freya trat einen halben Schritt näher. Ihre nackten Fußsohlen machten nach wie vor keinen Laut auf dem polierten Holz. Sie ignorierte den Hinweis auf ihre fehlende Kleidung und die Tür vollkommen; das Schamgefühl war in ihrem Beruf ein Luxus, den sie sich schlicht nicht leisten konnte. Was zählte, war die Kontrolle über die Situation.
„Was ist das für ein Buch?“, fragte Freya. Ihre Stimme klang rauchig und leicht heiser vom langen Schlaf, aber der Tonfall war schneidend flach, frei von jeder Unsicherheit.
Sie wartete die Antwort nicht ab, um die Bedrohung aufzugeben, sondern schob mit der linken Hand, während die rechte die Pistole absolut ruhig im Ein-Hand-Anschlag hielt, das Buch zu sich heran. Der schwere Ledereinband knarrte leise. Freya überflog die altmodischen, fast kalligrafischen Lettern auf den vergilbten Seiten. Asgard. Die Urgewalten. Das Erbe des Donners.[/b]
Ihre Augen blieben an den hervorgehobenen Passagen hängen, die Nora kurz zuvor gelesen hatte. „...unbewusste Fähigkeit, bei Wut oder Bedrohung die statische Energie der Umgebung zu bündeln... unkontrollierte Entladungen... Funken...“
Ein kaltes Stechen fuhr Freya durch den Nacken. Ein unwillkürlicher Impuls ließ ihre Finger um den Griff der Waffe verkrampfen. Für den Bruchteil einer Sekunde – so kurz, dass man es für eine Optische Täuschung hätte halten können – blitzte ein winziger, bläulicher Lichtbogen zwischen ihrer Zeigefingerknöchel und dem kalten Stahl des Abzugsbügels auf. Ein leises, trockenes Knistern war zu hören, wie das Entladen von Statik an einem Wollpullover.
Freya blinzelte. Sie starrte auf die Passage, dann auf ihre eigene Hand. Ein Stirnrunzeln grub sich tief zwischen ihre Brauen. In ihrem Kopf begannen die Zahnräder zu greifen. Die Erinnerung an das Blitzen in ihren Fingerknöcheln beim Kampf gegen die Vampire, das plötzliche Zerbersten der Lampe im alten Laden, die unnatürliche Hitzewelle in ihrem Blut, während ihre tödlichen Wunden innerhalb von zwei Tagen zu blassen Narben zusammengeschmolzen waren – all diese Puzzleteile lagen plötzlich auf dem Tisch. Es ergab einen Sinn, der sich richtig anfühlte, und doch weigerte sich ihr Verstand, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun. Es schien zu absurd, zu weit außerhalb der Regeln der Jägergilde. Halbgötter waren Legenden, Ammenmärchen aus alten Schriften, die man Lehrlingen erzählte, bevor man ihnen beigebracht hatte, wie man einen Dämon mit Kalteisen zur Strecke bringt.
Sie schob das Buch mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung wieder von sich weg. Der Groschen war nah am Abgrund, aber er fiel noch nicht.
Freya hob den Blick wieder und fixierte Nora direkt in den Augen. Die Verwirrung über das Buch trat augenblicklich zurück hinter die fundamentale Frage, die ihr seit dem Erwachen auf der Seele brannte.
„Du hast mich aus der Halle geholt“, sagte Freya. Es war keine Bitte um Bestätigung, sondern eine Feststellung von Tatsachen. „Du hast mein Blut abgewischt. Du hast mich in dein Bett gelegt. Du hast meine Waffen neben mich gelegt, anstatt sie im Hafenbecken zu versenken oder mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“
Sie machte einen weiteren Schritt auf den Tresen zu. Die Distanz zwischen dem Lauf der Pistole und Noras Brust schrumpfte auf weniger als einen Meter.
„Dämonen helfen keinen Jägern“, fuhr Freya fort, und ihre Stimme wurde noch eine Nuance dunkler. „Dämonen verhandeln nicht aus Nächstenliebe. Und sie riskieren erst recht nicht ihr eigenes Leben gegen ein ganzes Nest von Vampiren, nur um eine Frau zu retten, die ihnen zehn Minuten vorher die Bude unterm Hintern weggeblasen hat.“
Sie hielt inne. Das feine Pulsieren an ihrer Halsschlagader war das einzige Anzeichen dafür, dass die Wundheilung ihren Dienst vollbracht hatte.
„Warum?“, fragte sie direkt, ohne jedes Ausweichmanöver. „Warum tust du das? Was ist dein Spiel, Reese – oder wie auch immer du dich jetzt nennst? Was erhoffst du dir davon, mich am Leben zu halten? Was hast du davon?“
Die Stille im Antiquariat wurde für einige Sekunden so dicht, dass man das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke wie das Schlagen eines Herzens hören konnte. Freya stand da, die Waffe nach wie vor entsichert und scharfgestellt, der Körper eine einzige, austarierte Waffe. Sie suchte in den Gesichtszügen der Dämonin nach dem kleinsten Mikrosignal – einem Zucken der Pupillen, einem falschen Lächeln, der geringsten Anspannung in der Aura –, das auf eine Falle hindeuten könnte.
Als die erhoffte Aggression oder der gewohnte dämonische Hohn ausblieb, veränderte sich die Dynamik im Raum merklich. Freya war eine professionelle Ermittlerin. Sie erkannte, wenn ein Gegenüber nicht aus einer Position der Stärke heraus angriff, sondern eine Karte spielte, die sie noch nicht durchschaut hatte.
Slowly, millimeterweise, begann der Lauf der Pistole zu sinken.
Freya senkte die Mündung nicht ganz – die Waffe blieb auf Noras Hüfte gerichtet, die Hand schussbereit –, aber der unmittelbare Exekutionsdruck wich aus der Atmosphäre. Die Anspannung in Freyas Schultern ließ nach, ohne dass ihre Wachsamkeit gelitten hätte. Sie trat einen Schritt zurück, schaffte sich wieder etwas Raum und lehnte sich mit einer beinahe beiläufigen Bewegung gegen eine der antiken Vitrinen an der Seite.
Ihre hellen Augen blieben unverwandt auf Nora gerichtet, scharf, bohrend und unerbittlich. Sie wartete auf Antworten, die das Schicksal dieser Stadt – und vielleicht ihr ganzes bisheriges Leben – für immer verändern würden.
Ihre Blicke wanderten kurz, ohne die Mündung der Pistole auch nur um einen Zentimeter abweichen zu lassen, über Noras gehobene Hände, das entspannte Wippen des Fußes und schließlich hinab auf den wuchtigen, ledergebundenen Wälzer, der auf dem Tresen lag.
Freya trat einen halben Schritt näher. Ihre nackten Fußsohlen machten nach wie vor keinen Laut auf dem polierten Holz. Sie ignorierte den Hinweis auf ihre fehlende Kleidung und die Tür vollkommen; das Schamgefühl war in ihrem Beruf ein Luxus, den sie sich schlicht nicht leisten konnte. Was zählte, war die Kontrolle über die Situation.
„Was ist das für ein Buch?“, fragte Freya. Ihre Stimme klang rauchig und leicht heiser vom langen Schlaf, aber der Tonfall war schneidend flach, frei von jeder Unsicherheit.
Sie wartete die Antwort nicht ab, um die Bedrohung aufzugeben, sondern schob mit der linken Hand, während die rechte die Pistole absolut ruhig im Ein-Hand-Anschlag hielt, das Buch zu sich heran. Der schwere Ledereinband knarrte leise. Freya überflog die altmodischen, fast kalligrafischen Lettern auf den vergilbten Seiten. Asgard. Die Urgewalten. Das Erbe des Donners.[/b]
Ihre Augen blieben an den hervorgehobenen Passagen hängen, die Nora kurz zuvor gelesen hatte. „...unbewusste Fähigkeit, bei Wut oder Bedrohung die statische Energie der Umgebung zu bündeln... unkontrollierte Entladungen... Funken...“
Ein kaltes Stechen fuhr Freya durch den Nacken. Ein unwillkürlicher Impuls ließ ihre Finger um den Griff der Waffe verkrampfen. Für den Bruchteil einer Sekunde – so kurz, dass man es für eine Optische Täuschung hätte halten können – blitzte ein winziger, bläulicher Lichtbogen zwischen ihrer Zeigefingerknöchel und dem kalten Stahl des Abzugsbügels auf. Ein leises, trockenes Knistern war zu hören, wie das Entladen von Statik an einem Wollpullover.
Freya blinzelte. Sie starrte auf die Passage, dann auf ihre eigene Hand. Ein Stirnrunzeln grub sich tief zwischen ihre Brauen. In ihrem Kopf begannen die Zahnräder zu greifen. Die Erinnerung an das Blitzen in ihren Fingerknöcheln beim Kampf gegen die Vampire, das plötzliche Zerbersten der Lampe im alten Laden, die unnatürliche Hitzewelle in ihrem Blut, während ihre tödlichen Wunden innerhalb von zwei Tagen zu blassen Narben zusammengeschmolzen waren – all diese Puzzleteile lagen plötzlich auf dem Tisch. Es ergab einen Sinn, der sich richtig anfühlte, und doch weigerte sich ihr Verstand, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun. Es schien zu absurd, zu weit außerhalb der Regeln der Jägergilde. Halbgötter waren Legenden, Ammenmärchen aus alten Schriften, die man Lehrlingen erzählte, bevor man ihnen beigebracht hatte, wie man einen Dämon mit Kalteisen zur Strecke bringt.
Sie schob das Buch mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung wieder von sich weg. Der Groschen war nah am Abgrund, aber er fiel noch nicht.
Freya hob den Blick wieder und fixierte Nora direkt in den Augen. Die Verwirrung über das Buch trat augenblicklich zurück hinter die fundamentale Frage, die ihr seit dem Erwachen auf der Seele brannte.
„Du hast mich aus der Halle geholt“, sagte Freya. Es war keine Bitte um Bestätigung, sondern eine Feststellung von Tatsachen. „Du hast mein Blut abgewischt. Du hast mich in dein Bett gelegt. Du hast meine Waffen neben mich gelegt, anstatt sie im Hafenbecken zu versenken oder mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“
Sie machte einen weiteren Schritt auf den Tresen zu. Die Distanz zwischen dem Lauf der Pistole und Noras Brust schrumpfte auf weniger als einen Meter.
„Dämonen helfen keinen Jägern“, fuhr Freya fort, und ihre Stimme wurde noch eine Nuance dunkler. „Dämonen verhandeln nicht aus Nächstenliebe. Und sie riskieren erst recht nicht ihr eigenes Leben gegen ein ganzes Nest von Vampiren, nur um eine Frau zu retten, die ihnen zehn Minuten vorher die Bude unterm Hintern weggeblasen hat.“
Sie hielt inne. Das feine Pulsieren an ihrer Halsschlagader war das einzige Anzeichen dafür, dass die Wundheilung ihren Dienst vollbracht hatte.
„Warum?“, fragte sie direkt, ohne jedes Ausweichmanöver. „Warum tust du das? Was ist dein Spiel, Reese – oder wie auch immer du dich jetzt nennst? Was erhoffst du dir davon, mich am Leben zu halten? Was hast du davon?“
Die Stille im Antiquariat wurde für einige Sekunden so dicht, dass man das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke wie das Schlagen eines Herzens hören konnte. Freya stand da, die Waffe nach wie vor entsichert und scharfgestellt, der Körper eine einzige, austarierte Waffe. Sie suchte in den Gesichtszügen der Dämonin nach dem kleinsten Mikrosignal – einem Zucken der Pupillen, einem falschen Lächeln, der geringsten Anspannung in der Aura –, das auf eine Falle hindeuten könnte.
Als die erhoffte Aggression oder der gewohnte dämonische Hohn ausblieb, veränderte sich die Dynamik im Raum merklich. Freya war eine professionelle Ermittlerin. Sie erkannte, wenn ein Gegenüber nicht aus einer Position der Stärke heraus angriff, sondern eine Karte spielte, die sie noch nicht durchschaut hatte.
Slowly, millimeterweise, begann der Lauf der Pistole zu sinken.
Freya senkte die Mündung nicht ganz – die Waffe blieb auf Noras Hüfte gerichtet, die Hand schussbereit –, aber der unmittelbare Exekutionsdruck wich aus der Atmosphäre. Die Anspannung in Freyas Schultern ließ nach, ohne dass ihre Wachsamkeit gelitten hätte. Sie trat einen Schritt zurück, schaffte sich wieder etwas Raum und lehnte sich mit einer beinahe beiläufigen Bewegung gegen eine der antiken Vitrinen an der Seite.
Ihre hellen Augen blieben unverwandt auf Nora gerichtet, scharf, bohrend und unerbittlich. Sie wartete auf Antworten, die das Schicksal dieser Stadt – und vielleicht ihr ganzes bisheriges Leben – für immer verändern würden.
