Götterdämmerung im Neonlicht [Codren&Rambow]

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    • Freya veränderte ihre Haltung nicht um einen Millimeter, als der Hustenanfall der Dämonin verblasste. Der Lauf der Eisenwaffe blieb starr auf die Brust der Frau gerichtet, die Entfernung präzise kalkuliert, um jeden plötzlichen Ausfallschritt oder das Greifen nach einer verborgenen Klinge sofort mit einem tödlichen Schuss zu beantworten. Doch hinter den glasklaren, graublauen Augen der Jägerin arbeitete es rasend schnell. Die schiere Wut und der unbedingte Vernichtungswille, die sie noch vor zwei Tagen im alten Antiquariat angetrieben hatten, waren einer kühlen, analytischen Distanz gewichen.

      Ihre Blicke wanderten kurz, ohne die Mündung der Pistole auch nur um einen Zentimeter abweichen zu lassen, über Noras gehobene Hände, das entspannte Wippen des Fußes und schließlich hinab auf den wuchtigen, ledergebundenen Wälzer, der auf dem Tresen lag.

      Freya trat einen halben Schritt näher. Ihre nackten Fußsohlen machten nach wie vor keinen Laut auf dem polierten Holz. Sie ignorierte den Hinweis auf ihre fehlende Kleidung und die Tür vollkommen; das Schamgefühl war in ihrem Beruf ein Luxus, den sie sich schlicht nicht leisten konnte. Was zählte, war die Kontrolle über die Situation.

      „Was ist das für ein Buch?“, fragte Freya. Ihre Stimme klang rauchig und leicht heiser vom langen Schlaf, aber der Tonfall war schneidend flach, frei von jeder Unsicherheit.
      Sie wartete die Antwort nicht ab, um die Bedrohung aufzugeben, sondern schob mit der linken Hand, während die rechte die Pistole absolut ruhig im Ein-Hand-Anschlag hielt, das Buch zu sich heran. Der schwere Ledereinband knarrte leise. Freya überflog die altmodischen, fast kalligrafischen Lettern auf den vergilbten Seiten. Asgard. Die Urgewalten. Das Erbe des Donners.[/b]
      Ihre Augen blieben an den hervorgehobenen Passagen hängen, die Nora kurz zuvor gelesen hatte. „...unbewusste Fähigkeit, bei Wut oder Bedrohung die statische Energie der Umgebung zu bündeln... unkontrollierte Entladungen... Funken...“

      Ein kaltes Stechen fuhr Freya durch den Nacken. Ein unwillkürlicher Impuls ließ ihre Finger um den Griff der Waffe verkrampfen. Für den Bruchteil einer Sekunde – so kurz, dass man es für eine Optische Täuschung hätte halten können – blitzte ein winziger, bläulicher Lichtbogen zwischen ihrer Zeigefingerknöchel und dem kalten Stahl des Abzugsbügels auf. Ein leises, trockenes Knistern war zu hören, wie das Entladen von Statik an einem Wollpullover.
      Freya blinzelte. Sie starrte auf die Passage, dann auf ihre eigene Hand. Ein Stirnrunzeln grub sich tief zwischen ihre Brauen. In ihrem Kopf begannen die Zahnräder zu greifen. Die Erinnerung an das Blitzen in ihren Fingerknöcheln beim Kampf gegen die Vampire, das plötzliche Zerbersten der Lampe im alten Laden, die unnatürliche Hitzewelle in ihrem Blut, während ihre tödlichen Wunden innerhalb von zwei Tagen zu blassen Narben zusammengeschmolzen waren – all diese Puzzleteile lagen plötzlich auf dem Tisch. Es ergab einen Sinn, der sich richtig anfühlte, und doch weigerte sich ihr Verstand, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun. Es schien zu absurd, zu weit außerhalb der Regeln der Jägergilde. Halbgötter waren Legenden, Ammenmärchen aus alten Schriften, die man Lehrlingen erzählte, bevor man ihnen beigebracht hatte, wie man einen Dämon mit Kalteisen zur Strecke bringt.
      Sie schob das Buch mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung wieder von sich weg. Der Groschen war nah am Abgrund, aber er fiel noch nicht.

      Freya hob den Blick wieder und fixierte Nora direkt in den Augen. Die Verwirrung über das Buch trat augenblicklich zurück hinter die fundamentale Frage, die ihr seit dem Erwachen auf der Seele brannte.

      „Du hast mich aus der Halle geholt“, sagte Freya. Es war keine Bitte um Bestätigung, sondern eine Feststellung von Tatsachen. „Du hast mein Blut abgewischt. Du hast mich in dein Bett gelegt. Du hast meine Waffen neben mich gelegt, anstatt sie im Hafenbecken zu versenken oder mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“
      Sie machte einen weiteren Schritt auf den Tresen zu. Die Distanz zwischen dem Lauf der Pistole und Noras Brust schrumpfte auf weniger als einen Meter.

      „Dämonen helfen keinen Jägern“, fuhr Freya fort, und ihre Stimme wurde noch eine Nuance dunkler. „Dämonen verhandeln nicht aus Nächstenliebe. Und sie riskieren erst recht nicht ihr eigenes Leben gegen ein ganzes Nest von Vampiren, nur um eine Frau zu retten, die ihnen zehn Minuten vorher die Bude unterm Hintern weggeblasen hat.“

      Sie hielt inne. Das feine Pulsieren an ihrer Halsschlagader war das einzige Anzeichen dafür, dass die Wundheilung ihren Dienst vollbracht hatte.

      „Warum?“, fragte sie direkt, ohne jedes Ausweichmanöver. „Warum tust du das? Was ist dein Spiel, Reese – oder wie auch immer du dich jetzt nennst? Was erhoffst du dir davon, mich am Leben zu halten? Was hast du davon?“
      Die Stille im Antiquariat wurde für einige Sekunden so dicht, dass man das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke wie das Schlagen eines Herzens hören konnte. Freya stand da, die Waffe nach wie vor entsichert und scharfgestellt, der Körper eine einzige, austarierte Waffe. Sie suchte in den Gesichtszügen der Dämonin nach dem kleinsten Mikrosignal – einem Zucken der Pupillen, einem falschen Lächeln, der geringsten Anspannung in der Aura –, das auf eine Falle hindeuten könnte.

      Als die erhoffte Aggression oder der gewohnte dämonische Hohn ausblieb, veränderte sich die Dynamik im Raum merklich. Freya war eine professionelle Ermittlerin. Sie erkannte, wenn ein Gegenüber nicht aus einer Position der Stärke heraus angriff, sondern eine Karte spielte, die sie noch nicht durchschaut hatte.
      Slowly, millimeterweise, begann der Lauf der Pistole zu sinken.

      Freya senkte die Mündung nicht ganz – die Waffe blieb auf Noras Hüfte gerichtet, die Hand schussbereit –, aber der unmittelbare Exekutionsdruck wich aus der Atmosphäre. Die Anspannung in Freyas Schultern ließ nach, ohne dass ihre Wachsamkeit gelitten hätte. Sie trat einen Schritt zurück, schaffte sich wieder etwas Raum und lehnte sich mit einer beinahe beiläufigen Bewegung gegen eine der antiken Vitrinen an der Seite.
      Ihre hellen Augen blieben unverwandt auf Nora gerichtet, scharf, bohrend und unerbittlich. Sie wartete auf Antworten, die das Schicksal dieser Stadt – und vielleicht ihr ganzes bisheriges Leben – für immer verändern würden.
    • Freya analysierte die Situation, dann sah sie auf das Buch hinab. Nora konnte sich glücklich schätzen, dass der Titel nicht sichtbar war. Dennoch hätte sie am liebsten das Gesicht verzogen, als Freya fragte:
      „Was ist das für ein Buch?“
      "Meine Abendlektüre", sagte Nora, ohne einen Augenblick zu zögern. "Ich habe mir vorgenommen, einen Gott umzubringen. Das wäre doch was, nicht? Eine kleine Dämonin, die einen Gott umbringt?"
      Sie grinste, aber Freya sah das Grinsen gar nicht. Sie zog das Buch heran und überflog die Seiten, die mit dem Erbe Thors. Nora wurde nervös.
      Die Jägerin runzelte die Stirn und wie zur Bestätigung huschte ein einzelner Funken über ihre Finger und die Wange. Nora versteifte sich, gleichzeitig versuchte sie sofort den Grund auszumachen. Angst konnte sie immernoch keine wahrnehmen, dafür eine gute Ladung Stress, was auch kein Wunder war. Kampfgeist vielleicht? Auch möglich. Was zog bei Freya mehr, Stress oder Kampfgeist?
      Sie schob das Buch wieder weg und sah Nora erneut an. Die glaubte, dass ihr Blick nicht mehr ganz so hart war.
      „Du hast mich aus der Halle geholt“, stellte sie kühl fest.
      "Mh-hm."
      „Du hast mein Blut abgewischt. Du hast mich in dein Bett gelegt. Du hast meine Waffen neben mich gelegt, anstatt sie im Hafenbecken zu versenken oder mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“
      "Auch richtig, Hübsche. Ich habe dich auch nicht den Vampiren zum Fraß vorgeworfen. Und deine Seele gehört auch immernoch dir."
      Sie machte einen Schritt auf den Tresen zu, doch diesmal blieb Nora ganz ruhig. Freya stand gewissermaßen in Noras Schuld und das musste sie anerkennen. Schließlich war sie letzten Endes noch immer ein Mensch und ein gerechter noch dazu.
      „Dämonen helfen keinen Jägern“, sagte Freya und ihre Stimme wurde dunkler. „Dämonen verhandeln nicht aus Nächstenliebe. Und sie riskieren erst recht nicht ihr eigenes Leben gegen ein ganzes Nest von Vampiren, nur um eine Frau zu retten, die ihnen zehn Minuten vorher die Bude unterm Hintern weggeblasen hat.“
      "Du kennst dich aus mit meiner Art. Hast schon einigen von ihnen in den Hintern getreten, was?", sagte Nora und eine Seite ihres Mundes hob sich in einem Grinsen. "Ich bin beeindruckt."
      „Warum?“ Ah, das hatte ja kommen müssen. „Warum tust du das? Was ist dein Spiel, Reese – oder wie auch immer du dich jetzt nennst? Was erhoffst du dir davon, mich am Leben zu halten? Was hast du davon?“
      "Erst nehme ich meine Hände runter, in Ordnung? Und dann sage ich es dir."
      Sie tat wie geheißen und als Freya sie noch immer nicht erschoss, sagte Nora:
      "Ich habe einen Handel geschlossen mit einem Wesen, das sehr, sehr mächtig ist. Und dieses Wesen hat ein ganz besonderes Interesse daran, dass du am Leben bleibst. Und dass du den Mord in diesem Viertel aufklärst. Wer wäre dafür auch besser geeignet als die berüchtigte Freya?"
      Nora erlaubte sich ein Grinsen.
      "Und diesen Handel plane ich einzuhalten, denn das ist schließlich mein Lebensunterhalt. Also habe ich dafür gesorgt, dass diese hässlichen Fledermäuse nicht ihre Beißer in dich hauen. Achja, und darf ich vorstellen?"
      Sie machte eine allumfassende Geste auf sich und ihren Antiquitätsladen.
      "Nora Bain, zu deinen Diensten. Meine Eltern sind früh bei einem Autounfall gestorben, tragisches Schicksal, ich weiß, bu-hu, und leider haben sie mir kein Vermögen hinterlassen. Meine Schwester hasst mich, weil sie all das Geld verdienen muss. Aber dann habe ich im Lotto gewonnen und siehe da, jetzt habe ich eine Wohnung und einen Laden."
      Sie grinste, weil sie genau wusste, dass die Menschen ihr das abkaufen würden - und Freya wusste es auch. Eine weitere dämonische Lügengeschichte.
      "Ich hatte noch nie einen Antiquitätsladen, weißt du? Da dachte ich mal, ich versuche mein Glück", setzte sie noch obendrauf. Dann lehnte sie sich etwas nach vorne.
      "So wie ich das also sehe, stehst du in meiner Schuld. Du hast mich nicht umgebracht - obwohl du es durchaus versucht hast - und dann habe ich dich nicht umgebracht, aber zusätzlich habe ich dich sogar gesund gepflegt. Und ich habe dir die Mittel gelassen, mich umzubringen und dich nicht zu meiner Gefangenen gemacht. Oder gar meiner Sklavin. Wie wäre es also, wenn du endlich einmal deine Waffe wegsteckst und wir über diesen verdammten Mord reden, der hier vor sich geht? Oder möchtest du mir die Kugel durch die Brust jagen und riskiert, dass als nächstes jemand kommt, der nicht so friedlich reden möchte? Hm?"
    • Das Klacken der Sicherung war in der Stille des Raumes so deutlich zu hören wie ein Schuss. Freya führte die Bewegung flüssig, ohne jedes Zögern aus. Der Zeigefinger glitt vom Abzug, die Muskeln in ihrer rechten Hand entspannten sich millimeterweise, und mit einer ruhigen, fast beiläufigen Geste legte sie die schwarze Pistole auf das polierte Holz der Ladentheke. Die Mündung zeigte nun seitlich ins Leere, weit weg von Nora.

      Gleichzeitig ging ein spürbarer Ruck durch die Gestalt der Jägerin. Die starre, zur Salzsäule erfrorene Kampfhaltung löste sich auf. Freya atmete tief aus – ein langer, gleichmäßiger Zug, der die letzten Reste der reflexartigen Alarmbereitschaft aus ihren Lungen trieb. Sogar die ungreifbare Aura um sie herum, die eben noch wie die gespannte Sehne eines Bogens geknistert hatte, glättete sich vollkommen. Die bedrohliche, scharfe Statik im Raum verflog und wich der kühlen, nüchternen Präsenz einer Detektivin, die eine Verhandlung eingegangen war.

      Freya richtete sich vollständig auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah die Dämonin aus ihren hellen, unergründlichen Augen an. Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte, doch die Strenge in ihren Zügen war keineswegs verschwunden.
      „Du hast recht“, sagte Freya schließlich. Die Rauheit war aus ihrer Stimme gewichen, übrig blieb eine eiskalte, professionelle Klarheit. „In der Bilanz dieses Ausflugs stehe ich in deiner Schuld. Du hast mein Leben gerettet, als du mich genauso gut den Vampiren hättest überlassen können. Und du hast mich nicht als Trophäe behalten.“
      Sie legte den Kopf leicht schräg und trat noch einen Schritt näher an den Tresen, nah genug, um die Hand nach der Waffe ausstrecken zu können, wenn sie es wollen würde. Doch ihre Fingertipen blieben ruhig an ihren Oberarmen verschränkt.

      „Aber bild dir bloß nichts darauf ein, Nora Bain – oder wie auch immer deine Gefälligkeitsidentität im Melderegister lautet“, fuhr die Jägerin fort, und ihre Augen verengten sich zu zwei schmalen, gefährlichen Schlitzen. „Lass diese Hämische Note in deiner Stimme ganz schnell verschwinden. Wenn du glaubst, dass dieser eine Rettungsakt dir einen Freifahrtschein für die Zukunft ausstellt oder dich vor der Gilde schützt, hast du dich gewaltig geschnitten. Eine Gefälligkeit hebt nicht auf, was du bist.“
      Sie klopfte mit zwei Fingern leicht auf die Holzplatte neben ihrer Pistole, um ihre Worte zu unterstreichen.
      „Diese sogenannte Schuld ist kein Schutzschild. Sollte ich herausfinden, dass dieses mächtige Wesen, mit dem du deine Paktspielchen treibst, hinter den Leichen im Viertel steckt – oder dass du mich nur als Laufburschein für irgendeinen dämonischen Machtkampf benutzt –, ist diese Schuld in genau dem Moment erloschen, in dem der Abzug durchgedrückt wird. Ich werde nicht zögern, nur weil du mir das Blut von den Beinen gewischt hast.“
      Ein kühles, fast unmerkliches Lächeln stahl sich für den Bruchteil einer Sekunde auf Freyas Lippen, verschwand jedoch so schnell wieder, wie es aufgetaucht war.

      „Aber du hast in einem Punkt recht: Wir haben dasselbe Ziel. Jemand scheißt in meinen Vorgarten und schiebt dir die Schuld in Schuhe, und ich habe keine Lust, meine Zeit damit zu verschwenden, dich zu jagen, während der echte Mörder draußen weitere Passanten absticht.“
      Freya griff nach der Waffe auf dem Tresen, steckte sie flüssig in den Bund ihrer Unterhose an den Hüften und sah sich im Raum um.
      „Ich gehe mich jetzt anziehen. Und dann erzählst du mir haargenau, was deine Informanten über diese Mordserie wissen. Kein Dämonenlatein, keine Schauermärchen über Lottogewinne. Nur Fakten.“
      Mit diesen Worten wandte sich die Halbgöttin um und ging mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten die Treppe hinauf ins Obergeschoss, ohne der Dämonin noch einen einzigen Blick zu würdigen.
    • Nora grinste noch immer. Dann hatte sie die Jägerin also endlich dort, wo sie wollte, und sie zeigte keine Waffe mehr auf ihren Kopf. Es waren kleine Gewinne wie diese, die sie weiter voran bringen würden.
      Über Freyas Beschwerden wedelte Nora aber mit der Hand.
      "Ja ja, ich weiß schon, ich bin trotzdem noch ein Dämon und du wirst mir nicht vertrauen und außerdem wirst du mich trotzdem jagen, wenn das hier vorbei ist. Ich weiß. Aber bis dahin, lass uns doch einen Mord aufklären, hm?"
      Und da stimmte die Jägerin schließlich mit ihr ein. Wenn es doch beim letzten Mal so einfach gegangen wäre.
      „Ich gehe mich jetzt anziehen. Und dann erzählst du mir haargenau, was deine Informanten über diese Mordserie wissen. Kein Dämonenlatein, keine Schauermärchen über Lottogewinne. Nur Fakten.“
      "Okay, Hübsche." Nora sah ihr nach, wie sie zur Treppe ging. "Das Lächeln steht dir übrigens viel besser als dieser immer so harte Blick", gurrte sie ihr nach, wohlwissend, dass Freya das gar nicht gefallen würde. Dann lehnte sie sich zurück und trank ihren Kaffee aus.

      "Es hat an einem Dienstag angefangen", sagte Nora später, als sie beide in ihrer Küche saßen. Freya hatte sich tatsächlich angezogen und sah jetzt wieder wie eine vollwertige Jägerin aus. Sehr hübsch. "Das weiß ich, denn ich habe am Freitag eine Vampirin damit beauftragt, die Leiche im Leichenschauhaus anzusehen. Und die hat mir den Todestag gegeben: Dienstag."
      Sie zeigte Freya das Bild auf ihrem Handy, das die Vampirin für sie gemacht hatte. Die Leiche war zu sehen, die Freya auch schon gesehen hatte, ihre linke Seite übersät von einem pechschwarzen Belag. Eine Verbrennung, wie es schien.
      "Kein Vampirangriff, das hat mir meine Freundin gleich bestätigt. Die nächsten Leichen hatten ähnliche Wunden, eine von ihnen habe ich selbst gesehen. Werwölfe sind es auch nicht, denn in diesem Viertel gibt es kein Rudel. Ich wohne schon lange hier, sehr lange, und das ist kein Territorium für einen Wolf. Natürlich könnten sie trotzdem herkommen und morden, aber wenn es schon nicht ihr Territorium ist, haben sie auch kein Interesse an Opfern.
      Eine Hexe würde ich nicht ausschließen, eine mit Voodoo-Künsten. Mir fehlt aber das Motiv; die Opfer haben nichts gemeinsam, zumindest nichts, was mir aufgefallen wäre. Natürlich konnte ich ihre Auren nicht sehen, vielleicht..."
      Nora sah Freya an und dachte daran, dass sie eine Halbgöttin war. Hm...
      "... hätte man daraus etwas lesen können, aber wir werden es nie herausfinden. Wir können die Opfer schließlich nicht vorher befragen. Dämonen würde ich auch nicht ausschließen, das können verdammte Dreckskerle sein. Aber mir fällt niemand ein, der etwas damit zu tun haben könnte und man kann sie schließlich nicht alle befragen. Da fehlt mir also die Spur. Aber eine Sache kommt mir schon merkwürdig vor."
      Sie lehnte sich zurück, wohlwissend, dass Freya ihre nächsten Worte nicht gefallen würden.
      "Ich habe bisher noch keine der Leichen ausfindig machen können. Im Jenseits, meine ich. Alle Seelen landen nämlich dort, ob dir das nun gefällt oder nicht, aber ich habe keine einzige von denen finden können, die umgebracht wurden. Selbst dann nicht, wenn es vor einer Stunde erst geschehen ist, dann ist die Seele nämlich eigentlich noch frisch und unverbraucht und orientierungslos. Es ist ein leichtes, sie zurück in die Realität zu holen, aber ich habe sie einfach nicht gefunden. Keine Ahnung, wo sie hin sind."
      Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
      "Ich habe einen Bekannten, der mir hilft. Ein Dämon, natürlich, der die Augen offen hält. Wenn die nächste Leiche auftauchen sollte, können wir die ersten vor Ort sein. Ach", sie grinste und griff nach der Liste, die Thor für sie hinterlassen hatte, "und ich habe ein paar Geschwister, mit denen ich gern reden würde. Wir können uns gemeinsam bei ihnen umhören."
    • Das gurrende Lachen der Dämonin lag Freya noch immer wie ein feiner, irritierender Staubfilm auf der Haut. Sie saß am massiven Eichentisch der kleinen, erstaunlich aufgeräumten Teeküche im Obergeschoss des Antiquariats, die Arme verschränkt, den Blick starr auf das kleine Display von Noras Smartphone gerichtet. Die nasskalten Klamotten der Schicksalsnacht waren durch ihre gewohnte Kluft ersetzt worden – dunkle, abgewetzte Lederjacke, die schweren, hochgeschnürten Kampfstiefel, das funktionale Shirt. Es war wie das Anlegen einer Rüstung, die den Riss zwischen ihrer Pflicht als Gildenjägerin und dieser absurden Allianz wieder schloss.
      Sie schob das Telefon mit der Spitze ihres Zeigefingers über die Tischplatte zurück. Die pechschwarzen, wie von infernalischer Hitze verbrannten Gewebestrukturen auf der Haut des Opfers hatten bei Freya Erinnerungen geweckt, die sie mühsam unter Verschluss hielt. Es waren keine Brandwunden, wie sie durch normales Feuer entstanden; es war die verheerende Auswirkung von unkontrollierter, hochfrequenter Entladung – eine visuelle Entsprechung jener Funken, die manchmal unwillkürlich über ihre eigenen Knöchel sprangen.
      Freya hörte aufmerksam zu, während Nora die verdächtigen Fraktionen der Unterwelt durchging. Vampire fielen flach. Werwölfe passten weder vom Territorium noch vom Verletzungsmuster. Hexen fehlte das erkennbare Muster. Bei der Erwähnung der fehlenden Seelen im Jenseits verengten sich Freyas graublaue Augen zu schmalen Schlitzen. Dass Seelen spurlos verschwanden, ohne eine energetische Spur im Äther zu hinterlassen, war kein normales Verbrechen. Es deutete auf eine Auslöschung oder eine systematische Ernte hin – Praktiken, die selbst in den düstersten Archiven der Gilde als absolute Scheußlichkeiten geführt wurden.
      Als Nora schließlich die Liste erwähnte, die angeblich von ihren „Geschwistern“ handelte, und vorschlug, gemeinsam bei ihnen vorstellig zu werden, spürte Freya den vertrauten Impuls, sich abzugrenzen. Eine Jägerin spazierte nicht Händchen haltend mit einer Dämonin durch die Lagerstätten anderer Hölleentitäten. Nicht, ohne vorher ihre eigenen Vorräte aufzustocken und ihre Befehlskette zu bedienen.
      Freya stützte beide Hände auf die Tischplatte und erhob sich flüssig. Ihre Haltung war wieder von jener kühlen, unnahbaren Autorität geprägt, die sie in den Hallen der Gilde auszeichnete.
      „Gut. Mach das“, sagte Freya mit schneidender, flacher Stimme und blickte von oben herab auf Nora. „Sammle deine Informationen und halte deinen informellen Kontakt an der kurzen Leine. Ich werde in der Zwischenzeit zur Gilde gehen, einen Bericht über den Vorfall in der Frachthalle verfassen und meine Ausrüstung auffüllen.“
      Sie trat einen Schritt vom Tisch zurück, überprüfte beiläufig den Sitz ihres Messers am Gürtel und fixierte Nora direkt in den Augen.
      „Gib mir drei Stunden. Wir treffen uns später wieder genau hier. Und wenn du bis dahin versuchst, mich zu hintergehen oder abzutauchen, Nora... wird kein Pakt dieser Welt verhindern, dass ich dich finde.“
      Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um, griff nach ihrer Jacke und verließ das Antiquariat durch den Hinterausgang, der in eine schmale, von dichtem Nebel verhangene Gasse führte.
      Das Hauptquartier der Jägergilde lag tief verborgen unter den Fundamenten einer stillgelegten Textilfabrik am Rande des Industriegebiets. Für die unbedarfte Außenwelt gab es hier nur verfallene Klinkerfassaden und verrostete Wellblechdächer; für Eingeweihte war es eine uneinnehmbare Festung aus Stahlbeton, Schutzkreisen und hochmoderner Überwachungstechnologie.
      Freya passierte die Bionik-Schleuse im Untergeschoss, ohne auch nur einen Blick an die bewaffneten Wachen am Empfang zu verschwenden. Ihr Schritt war zügig, die Miene eine unlesbare Maske. Niemand stellte Fragen – Freya galt innerhalb der Gilde als eigenwillige, aber extrem effiziente Solojägerin, deren Methoden man besser nicht hinterfragte, solange die Erfolgsquote stimmte.
      In dem kargen, von Neonröhren ausgeleuchteten Bürobereich setzte sie sich an eines der unpersönlichen Terminals. Ihre Finger flogen über die mechanische Tastatur.
      Der Bericht, den sie tippte, war ein Meisterwerk der gezielten Falschinformation. Freya verfasste eine seitenlange, akribisch detaillierte Schilderung der Ereignisse in der Frachthalle, die kein einziges echtes Detail enthielt. Die Vampire waren laut ihrem Protokoll eine abtrünnige Niederrang-Gruppe gewesen, die bei ihrer Ankunft bereits im gegenseitigen Machtkampf zerfleischt worden war. Von Nora Bain gab es in dem Dokument keine Spur. Kein Wort über eine Dämonin mit einem Antiquariat, kein Wort über das geheimnisvolle Buch über die Asen und vor allem kein einziges Wort über die plötzliche, wundersame Heilung ihrer eigenen, tödlichen Wunden innerhalb von achtundvierzig Stunden. Freya deklarierte ihre zweitägige Abwesenheit als verdeckte Beschattung im Hafengebiet. Es war ein gefährliches Spiel – Sollte der Hohe Rat der Gilde herausfinden, dass sie einen offiziellen Bericht fälschte, würde man sie auf der Stelle suspendieren und als Abtrünnige markieren. Doch ihr Instinkt sagte ihr, dass die Wahrheit über ihren Ursprung und ihre Allianz mit Nora im Hauptquartier eine noch viel größere Katastrophe auslösen würde.
      Nachdem sie das Dokument im gesicherten Netzwerk hochgeladen hatte, fuhr sie das Terminal herunter und steuerte die unterste Ebene des Gebäudes an: die Waffenkammer.
      Der Geruch von Waffenfett, Schießpulver und kaltem Eisen schlug ihr entgegen, als sich die schwere Panzertür öffnete. Hinter dem Panzerglas der Ausgabe saß der alte Brogan, ein narbiger Veteran, der nach dem Verlust beider Beine die Logistik der Gilde verwaltete.
      „Freya“, grummelte der Alte, ohne von seiner Demontage eines Sturmgewehrs aufzusehen. „Man munkelt, du hast im Hafen deine Pistole verloren.“
      „Ich brauche eine Neuanschaffung. Vollständige Aufrüstung“, antwortete Freya kalt und schob ihre persönliche Gildenkreditkarte über den Tresen. Auf dem Konto hatte sich durch jahrelange, hochdotierte Kopfgeldaufträge ein immenses Vermögen angesammelt. Geld war für Freya nie von Bedeutung gewesen – heute sollte es als Werkzeug dienen. „Ausgabe für schwere Operationen.“
      Brogan Augenbrauen hoben sich leicht, doch er stellte keine Fragen. Er zog ein digitales Bestellumleitungs-Pad zu sich heran.
      Was Freya in den folgenden vierzig Minuten zusammenstellte, glich dem Arsenal einer kleinen Söldnerarmee.
      Sie begann mit den Kurzwaffen. Zwei modifizierte Sig Sauer P226 im Kaliber .45 ACP, ausgerüstet mit vergrößerten Magazinschächten, integrierten Laser-Licht-Modulen und schalldämpferkompatiblen Läufen. Dazu passend wählte sie Holster aus Kydex, die eine verdeckte Schnellzieh-Position ermöglichten.
      Für die mittlere Distanz entschied sie sich für ein HK416 Sturmgewehr. Sie ließ sich die Waffe direkt vor Ort anpassen: ein verkürzter 10,5-Zoll-Lauf für enge Häuserkämpfe, ein klappbarer Schaft, ein fortschrittliches Rotpunktvisier mit dreifacher Vergrößerungsoptik und eine Unterlauf-Schiene für einen Tac-Grip.
      Für Präzisionsschüsse auf extrem weite Entfernungen orderte sie ein Sako TRG-42 Scharfschützengewehr im Kaliber .338 Lapua Magnum. Ein schweres, unerbittliches Werkzeug, ausgestattet mit einem Hochleistungs-Zielfernrohr mit Wärmebild- und Nachtsichtfunktion.
      Die Munitionsauswahl war exzessiv. Kistenweise panzerbrechende Munition, spezialisierte Kalteisen-Geschosse gegen dämonische Wesenheiten, hohlgeformte Silberkern-Patronen gegen lykanthrope Bedrohungen und hochexplosive Brandmunition.
      Für ihre traditionelle Jagdarmbrust kaufte sie drei Dutzend gebündelte Carbon-Bolzen mit verschiedenen Spezialköpfen: gehärteter Stahl, Magnesium-Brandköpfe und Schock-Entladungs-Spitzen.
      Während Brogan die schweren Transportkisten verriegelte, trat Freya an die Abteilung für Schutzbekleidung heran. Ihre Blicke blieben an einer maßgefertigten Weste aus mehrschichtigem Kevlar hängen – leicht, flexibel, aber in der Lage, Kaliber bis 9mm und schwere Klingenabwertungen zu stoppen.
      „Ich nehme die Weste da“, wies sie den Büchsenmacher an. „Und ich will, dass die Innenseite mit Schutzrunen zur Dämonen- und Magieabwehr bestickt wird. Grad Vier. Höchste Abschirmung.“
      Brogan sah sie kurz irritiert an. „Die ist nicht für deine Maße, Freya. Viel zu schmal im Schulterbereich.“
      „Das ist nicht für mich“, schnappte Freya kurz angebunden. „Mache es einfach.“
      Während die Runen auf der Weste in der internen Gravur-Werkstatt eingebrannt wurden, nutzte Freya ihre Freigabe der Stufe A, um auf das gesperrte Archiv-Archiv der Gilde zuzugreifen. Sie trat an ein internes Terminal, steckte einen verschlüsselten Datenstick ein und lud eine streng vertrauliche Datei herunter. Es war ein weltweites Register – eine dicke, kontinuierlich aktualisierte Liste mit gut zweihundert Namen, Rängen und Bindungsformeln von frei wandernden oder niederen Dämonen weltweit. Eine Informationsquelle von unschätzbarem Wert. Dämonen nutzten solche Namen, um ihre Artgenossen durch Bindungs- oder Verbannungsrituale zu unterwerfen und deren essenzielle Macht in die eigene Aura aufzusaugen. Es war ein Geschenk an Nora – oder vielmehr eine Investition. Wenn die Dämonin stark genug war, um an ihrer Seite zu kämpfen, stiegen Freyas Überlebenschancen drastisch.
      Nachdem alle Waffenkisten, Munitionsgurte und Ausrüstungsgegenstände im gesicherten Ladebereich bereitgestellt worden waren, verließ Freya die Gilde durch die Tiefgarage.
      Draußen hatte ein feiner, stetiger Nieselregen eingesetzt. Freya steuerte ihren privaten Pickup – einen mattschwarzen, hochgebockten Ford F-250 mit getönten Scheiben und verstärkter Ladefläche – an die Laderampe. Mit routinierten, kräftigen Griffen wuchtete sie die schweren Metallkisten auf die Ladefläche und verschloss die wetterfeste Abdeckung mit einem schweren Vorhängeschloss.
      Ihre nächste Station war kein Unterschlupf und keine Waffenkammer, sondern ein großer, anonymer Supermarkt am Rande des Stadtteils.
      In ihrer Zivilkleidung – einer dunklen Jeans, einem einfachen grauen Hoodie und einer ledernen Regennacke – wirkte Freya wie eine gewöhnliche, wenn auch ungewöhnlich große und durchtrainierte Frau. Sie schob einen Einkaufswagen durch die Gänge und deckte sich mit Lebensmitteln ein. Keine Fertiggerichte, sondern proteinreiche, unverarbeitete Nahrungsmittel: frisches Rindfleisch, Eier, Haferflocken, Nüsse, frisches Gemüse und mehrere Gallonen stilles Wasser. Ihr Körper hatte durch die physische Hyper-Regeneration der letzten zwei Tage gigantische Mengen an Nährstoffen verbrannt. Sie spürte einen Bärenhunger, der tief aus ihren Muskeln zu kommen schien – das Erbe Thors forderte seinen Tribut in Form von purer Kalorienzufuhr.
      Als der Pickup schließlich wieder in der schmalen Gasse hinter Noras Antiquariat zum Stehen kam, war es bereits später Nachmittag. Das dämmrige Licht des verhangenen Himmels warf lange Schatten über den Hinterhof.
      Freya lud die Einkäufe sowie die schweren Waffenkisten und die speziell angefertigte Kevlarweste in zwei Durchgängen über die steile Hintertreppe in den ersten Stock des Gebäudes. Der Lärm des strömenden Wassers aus dem Badezimmer im Obergeschoss verrät, dass die Wohnung derzeit frei von Beobachtung war.
      Die Anstrengungen der letzten Stunden, der kühle Regen und der verbliebene Geruch von Waffenfett auf ihrer Haut verlangten nach Säuberung.
      Freya ging in das zweite, kleinere Badezimmer des Obergeschosses. Sie schälte sich aus ihren feuchten Zivilkleidern, drehte den Hahn der Dusche auf Anschlag und stellte sich unter den glühend heißen Wasserstrahl. Sie schloss die Augen. Das Wasser prallte auf ihre Schultern, wusch den Stress, den Staub der Gilde und die Anspannung der vergangenen Stunden von ihrem Körper. Sie fuhr mit den Händen über ihre Rippen – die Haut war glatt, frei von jeder Wunde, die Narben fast unsichtbar. Es war immer noch ein fremdes Gefühl, doch sie hatte keine Zeit, sich in philosophischen Gedanken über ihr göttliches Erbe zu verlieren.
      Sie stellte das Wasser ab. Dampf wogte durch den kleinen Raum.
      Freya griff nach einem großen, dicken Handtuch, trocknete sich flüchtig ab und schlang das Tuch fest um ihre Brust. Es reichte ihr knapp bis zur Mitte der Oberschenkel, ließ ihre langen, durchtrainierten Beine und die nackten Schultern vollkommen unbedeckt. Ihre nassen, blonden Haare hingen ihr in schweren Strähnen über den Rücken und tropften leise auf den Fliesenboden.
      Sie öffnete die Badezimmertür und trat barfuß auf den kühlen Dielenboden des Flurs hinaus. In der Hand hielt sie noch den Datenstick mit der Dämonenliste.
      In genau diesem Moment klappte das schwere Schloss der Wohnungseingangstür am Ende des Flurs auf. Die Tür schwang nach innen, und die Gestalt im Rahmen erstarrte mitten in der Bewegung.
      Freya blieb abrupt stehen. Dampf stieg von ihrer erwärmten Haut auf. Sie zog keine Waffe – sie hatte keine bei sich –, doch ihr Blick verengte sich augenblicklich, während sie da stand, nur im Handtuch gekleidet, die nassen Haare auf den Schultern, und die Ankömmling unbeweglich fixierte.
    • Während Freya ihren menschlichen Freunden berichten ging, was sich bei den Vampiren ereignet hatte, betrat Nora eine alte, abgestandene Fabrik.
      Der Putz an den Wänden hing schon herab und legte den Blick auf den Schimmel frei, der sich dahinter gesammelt hatte. Die Holzdielen auf dem Boden waren geplatzt und aufgesprungen und an vielen Ecken absichtlich eingeschlagen. Die Luft war dick von dem modrigen Gestank vergangener Zeiten.
      Nico lehnte an einer vom Einsturz bedrohten Säule und rauchte seine Zigarette.
      Nora ging mit bedächtigen Schritten auf ihn zu. Unter ihren Stiefeln knirschte Abfall und gebrochenes Glas, momentan das einzige Geräusch in der weiten Halle. Nico beobachtete sie aufmerksam.
      "Einen hübschen Ort zum plaudern hast du dir ausgesucht", säuselte er in seiner vom Rauchen kratzigen Stimme. Sein Wirt war nicht sonderlich vielversprechend, wie Nora fand. "Ich hoffe, es ist wichtig."
      "Warum?", fragte sie tonlos zurück. "Hast du heute noch was vor?"
      "Ach, dies das." Er zog von seiner Zigarette und blies den Rauch aus. "Ein paar Seelen eintüten, ein paar Kinder fressen, ein paar Jungfrauen schänden. Was wir Dämonen eben so machen."
      Sie blieb zwei Meter von ihm entfernt stehen, die Hände locker in die Hosentaschen gesteckt. Er sah sie noch immer an und diesmal trat eine gewisse Wachsamkeit in seinen Blick.
      "Also, was gibt's?"
      "Ich würde gerne mit dir über den Morgen sprechen. Du weißt schon, der Morgen, an dem du nicht gekommen bist. Als ich dich gerufen habe."
      Nico verharrte in seiner Bewegung, dann zog er sich langsam die Zigarette von den Lippen. Nora hatte jetzt seine volle Aufmerksamkeit, das wusste sie. Er richtete sich ein wenig auf.
      "Was soll damit sein?"
      "Nun, du bist nicht gekommen."
      "Bin ich. Und dann stand ich draußen, in sicherer Entfernung, und habe zugeschaut, wie du mit dieser Halbgöttin rumgemacht hast."
      Nora verengte die Augen zu Schlitzen. "Spiel nicht den dummen mit mir, Blonaahul. Du weißt ganz genau, dass du mir hättest helfen sollen. Ich habe dich nicht gerufen, damit du von draußen zusiehst."
      "Genauso wenig hast du mich aber gerufen, damit ich mein Leben gegen eine verfluchte Halbgöttin aufs Spiel setze, Khaxhiu. Was hätte ich machen sollen? Gemeinsam mit dir pulverisiert werden? Was ist da drinnen überhaupt passiert?"
      Das wollte Nora ihm nicht erzählen, ganz sicher nicht. Nico war der letzte, dem sie vertrauen würde - jeder Dämon war das, wenn sie es einmal genau nahm. Erst recht durfte er nicht von ihrem Pakt erfahren.
      Statt zu antworten, zog sie deshalb seine Spieluhr aus der Tasche.
      Nicos Augen weiteten sich und er richtete sich auf. Er machte einen Schritt auf sie zu, aber dann, als hätte er sich an Noras Anwesenheit erinnert, blieb er wieder stehen und sah ihr in die Augen. Seine Aura waberte.
      "Gib sie mir."
      "Ich denke nicht."
      Noras Augen verdunkelten sich schlagartig. Die Realität öffnete sich neben ihr, ein schwarzes, dunkles Loch, das von den Geräuschen der Hölle erfüllt war. Khaxhiu hielt die Spieluhr darüber, ganz als wolle sie sie hinein fallen lassen.
      "Nein!"
      Nico schoss mit einem Mal auf sie zu. Seine Aura verdichtete sich und die Macht der Hölle trat in ihn ein, als auch er nach den Toren griff. Seine Hand verschwand außerhalb der Realität und er zog sie aus einem Loch wieder hervor, die Finger um den dunklen Griff einer langen, schwarzen Klinge gelegt. Ein Dämonenschwert, wie es die alten, früheren Dämonen genutzt hatten. Khaxhiu lachte.
      "Versuch es doch, Blonaahul! Du hast doch keine Ahnung, wie du damit umgehen sollst!"
      Er schlug mit einem Schrei nach ihr. Seine Klinge durchschnitt die Luft, aber Khaxhiu öffnete ein Portal, direkt vor ihrem Kopf, und sein Schwert durchschnitt gar nichts. Er strauchelte von dem Schwung und fing sich wieder.
      "Gib sie mir!", kreischte er mit einer Stimme, die sowohl in der Realität, als auch in der Hölle nachhallte. Khaxhius Lachen verblasste.
      "Nicht in hundert Jahren du elendige Ratte! Du gehörst mir, also gehorche mir!"
      "Niemals! Gib sie mir!"
      Er schlug wieder nach ihr. Diesmal wich Khaxhiu aus, doch es war knapp gewesen. Die Klinge schnitt knapp neben ihr durch die Luft. Sie fletschte die Zähne und streckte die Hand aus; von ihrem geöffneten Portal drang das durchdringende, grausige Jaulen eines Höllenhundes heraus.
      "Brauchst du wirklich eine zweite Lektion?", schrie sie. "Hat dir die erste nicht gereicht?"
      "Du Hure!", schrie er, aber sein Blick schnappte zu dem Höllenportal, aus dem das Jaulen drang. Khaxhiu schlug in diesem einen Moment der Unachtsamkeit zu.
      Sie sprang nach vorne und packte Blonaahuls Handgelenk. Ihre Hand tauchte sich in Schwärze und plötzlich stoben pechschwarze Flammen unter ihren Fingern hervor und leckten über Blonaahuls Haut. Er schrie und ließ das Schwert los, versuchte sich loszumachen, doch Khaxhiu hielt ihn eisern fest. Der Geruch von verbranntem Fleisch drang ihr in die Nase. Da sammelte sich plötzlich die Finsternis um Blonaahuls Kopf, so wie sie sich Tage zuvor unter Khaxhius Kapuze in der Hafenhalle gesammelt hatte, und Khaxhiu blickte direkt in die Hölle hinein.
      Mammon stand vor ihr, wo soeben noch Blonaahul gewesen war, dunkel und groß und fett. Er ragte über ihr auf, hundert Meter weit nach oben, und zu seinen dicken Füßen tummelten sich Scharen an dämonischen Anhängern und verzerrte Höllenhunde. Seine Augen waren nicht mehr als riesige, dunkle Flammen und an seinen gewaltigen Fingern prangten goldene Ringe, die so groß waren wie Khaxhiu selbst. Sie starrte ihn an und die altbekannte Angst kroch in ihre Glieder.
      Er sieht mich an. Er sieht mich und er wird kommen, er wird mich in die ewigen Flammen werfen, ich bin ein unartiges Mädchen gewesen, ein unartiges Mädchen, ein unartiges -
      Er ist nicht hier. Es ist nur Blonaahul, er ist nicht hier. Es ist nur Blonaahul, es ist nur Blonaahul, es ist nur Blonaahul -
      Khaxhiu kreischte, ein Laut voller Panik, und schlug zu. In ihrer Vision traf ihre Faust auf Luft, aber sie spürte einen Widerstand und plötzlich war Mammon verschwunden, plötzlich war es wieder nur Blonaahul, dessen Kopf nach hinten geworfen wurde und der damit die Vision unterbrach. Er ächzte und fluchte dann, wollte sich wieder aufrichten. Khaxhiu ließ allerdings sein Handgelenk los, dessen Haut mittlerweile schwarz verbrannt war, und packte ihn am Kragen. Sie zog ihn zu sich hoch und sein Blick fiel auf ihr von Dunkelheit umrahmtes Gesicht. Seine Augen weiteten sich.
      "Nein!"
      Er wehrte sich, versuchte sich von ihr loszumachen, aber sein Blick war in einer anderen Realität gefangen. Khaxhiu wusste nicht, was genau er sah - sie wusste nicht, was überhaupt je eines ihrer Opfer sah - aber sie konnte die Angst schmecken, die in triefenden Wellen von ihm ausging. Genauso wie sie vor einem Augenblick, aber im Gegensatz zu ihr war Blonaahul nicht so stark. Er konnte Realität nicht von Vision unterscheiden.
      "Nein! Lass mich! Lass mich!"
      Er stemmte sich gegen sie, aber Khaxhiu hielt ihn mit eisernem Griff fest. Speichel löste sich aus seinem Mundwinkel, während er einen erstickten Schrei von sich gab.
      Da ließ Khaxhiu erst los.
      Er fiel zu Boden und rollte sich zusammen, zitternd, alle Gliedmaßen schützend zusammengezogen. Khaxhiu richtete sich auf und atmete einmal tief durch; auch ihr saß das Grauen noch in den Knochen. Ein Kampf mit einem anderen Dämon war niemals eine angenehme Angelegenheit.
      "Also", sagte sie und musste sich räuspern; ihre Stimme kratzte ihr im Hals. "Wirst du mir gehorchen?"
      Er lugte zwischen den Fingern hindurch zu ihr auf. Sein Schwert lag an der Seite, vergessen, und Khaxhiu ließ es schnell in ein Portal fallen, damit es verschwunden war. Im Hintergrund war noch immer das Jaulen des Höllenhundes zu hören.
      Er nickte zittrig. "Ja."
      "Wirst du kommen, wenn ich dich das nächste mal rufe?"
      Wieder ein weinerliches "Ja".
      "Und du wirst mir helfen?"
      "Ja."
      "Gut."
      Sie ließ die Spieluhr wieder in ihrer Tasche verschwinden. Nico kauerte sich zusammen und gab undefinierbare Geräusche von sich.
      "Dann halte weiter nach neuen Leichen Ausschau. Ich verlass mich auf dich, Nico."
      Er gab keine Antwort mehr von sich und Nora erwartete auch keine. Sie drehte um und ging aus der Fabrik hinaus.
      Draußen war die Sonne zu hell, als würde sie Nora ganz speziell blenden wollen. Sie sah sich um, aber von Mammon war keine Spur zu sehen. Ihre Finger zitterten noch immer und so steckte sie sie tief in ihre Hosentaschen. Dann machte sie sich auf einen langen Heimweg.

      Bis sie Zuhause war, hatte sie auch das letzte Nachwehen ihrer Angst abgeschüttelt. Nora sperrte den Laden auf, ging hinein, sperrte ihn wieder ab, überprüfte alle Runen und ging dann erst in ihre Wohnung hinauf. Sie öffnete die Tür - und begegnete einer nackten, nur von einem Handtuch bedeckten Jägerin, die wie ein Reh auf der Straße stehenblieb und sie anstarrte. Nora ließ den Blick schweifen; über starke Schultern und einem verführerischen Schlüsselbein, über die Kontur von Brüsten unter dem Handtuch, über die Kurven einer Taille und zuletzt lange, durchtrainierte Beine. Beine, die jetzt nicht mehr blass und kalt waren, sondern von der Wärme der Dusche rosig und feucht waren. Nora hob den Blick wieder und fing an zu grinsen.
      "Oh-ho-ho."
      Sie ließ die Tür hinter sich langsam zufallen und warf die Schlüssel auf den kleinen Tisch.
      "Wer hätte schon gedacht, dass mich eine nackte Frau Zuhause erwartet? Das muss ein Traum sein. Ich wäre viel früher gekommen, wenn du mir Bescheid gegeben hättest, Süße. Ich hätte dich doch nicht warten lassen."
      Ihr Grinsen wurde größer, als sie sah, mit welchem Hass Freya sie bedachte.
      "Och komm schon Freya, du hübsche, hübsche Frau, sei doch nicht immer so steif und lass mir den Spaß. Du weißt, dass ich dir nichts tun werde. Dazu gehört, dass ich dich auch nicht anfassen werde, wenn du es nicht willst."
      Sie lehnte sich locker gegen die Wand, in Richtung Küche, damit Freya in Richtung Schlafzimmer ausweichen konnte, wo sicherlich ihre Kleidung wartete.
      "Aber wenn du es möchtest, nun, dann weißt du sicher, dass wir Dämonen viel Erfahrung in solchen Dingen haben..."
      Sie ließ ihr Grinsen absichtlich dreckig werden, dann lachte sie über Freyas Reaktion.
      "Entspann dich, Mädchen. Geh und zieh dich an. Und dann erklär mir mal, wieso wir uns hier für einen ganzen Krieg ausrüsten."
      Sie deutete zu den Kisten, die hinter ihr im Durchgang gestapelt waren.
    • Für einen endlosen Herzschlag lang herrschte eiskalte Stille im Flur. Die Worte der Dämonin schwebten wie ein dichter, schwerer Schleier in der feuchten, dampfgefüllten Luft. Freyas Körper war augenblicklich in den gewohnten Verteidigungsmodus übergegangen – die Schultern angespannt, die Muskeln in ihren langen Beinen wie gespannte Stahlseile, der Blick schneidend und voll von jenem unnachgiebigen Hass, den man sie von Kindesbeinen an gegenüber der Höllenbrut gelehrt hatte.
      Doch während Nora sie provokant anlächelte, spürte Freya, wie sich tief in ihrem Inneren etwas veränderte. Ein unerwarteter, fast absurd anmutender Gedanke schlich sich durch die Mauern ihrer professionellen Distanz. Wann hatte sie das letzte Mal die Berührung eines anderen Menschen gespürt, die nicht von Schmerz, Blut oder dem Verlangen zu töten begleitet gewesen war? Wann hatte sie das letzte Mal Zärtlichkeit erfahren? Ihr Leben war ein einziger, unerbittlicher Feldzug gegen die Schatten dieser Welt gewesen, geprägt von eiskalter Disziplin, Isolierung und dem ständigen Bewusstsein ihrer eigenen Gefährlichkeit.
      Und so absurd, so völlig verrückt es im Kontext ihrer Existenz als Jägerin auch sein mochte – ihr Blick blieb für den Bruchteil einer Sekunde an der Dämonin hängen. Sah man einmal von der Tatsache ab, dass in Noras Adern das Höllenfeuer floss und sie Wesenitäten beschwören konnte, die ganze Städte im Blut tränkten... sah sie verdammt gut aus. Sie hatte eine dunkle, fast magische Anziehungskraft, eine gefährliche Eleganz, die Freya keineswegs entgangen war.
      Ein winziges, kaum merkliches Muskelspiel flackerte in Freyas Mundwinkeln. Die starre Haltung der Jägerin wandelte sich schlagartig. Die Wut in ihren graublauen Augen wich einem kühlen, kalkulierenden Amüsement. Wenn die Dämonin glaubte, sie mit billigem Gefrotzel und sexueller Anspielung aus der Reserve locken oder verunsichern zu können, hatte sie sich gewaltig getäuscht. Das Spiel der Provokation war keine Einbahnstraße – und Freya hatte nicht vor, die Kontrolle in ihren eigenen vier Wänden abzutreten.
      Ein leises, tiefes Schnauben entwich Freyas Kehle, gefolgt von einem langsam aufkeimenden, selbstbewussten Grinsen, das ihre makellosen Züge auf eine fast gefährliche Weise erhellte.
      Ohne den Blick auch nur für eine Sekunde von Noras Augen zu wenden, griff Freya mit der Rechten nach dem Knoten des Handtuchs über ihrer Brust.
      Sie löste ihn mit einer einzigen, flüssigen Bewegung.
      Das schwere, feuchte Tuch glitt geräuschlos an ihren Hüften hinab und fiel in einem weichen Bogen auf die kühlen Holzielen zu ihren nackten Füßen.
      Freya machte keine Anstalten, sich zu bedecken oder verlegen auszuweichen. Sie blieb völlig ungerührt stehen, vollkommen nackt im dämmrigen Licht des Flurs, während der heiße Wasserdampf aus dem Badezimmer sanft über ihre erhitzte Haut strich. Ihr Körper war ein makelloses, furchterregendes Kunstwerk – das Ergebnis göttlicher Genetik und jahrelangen, gnadenlosen Trainings. Ihre Beine waren lang, durchtrainiert und von festen Muskelsträngen definiert, die bei jeder kleinsten Bewegung unter der rosigen, vom heißen Wasser erwärmten Haut arbeiteten. Ihre Taille war schmal, die Hüften geschwungen, der Bauch absolut flach und von dezenten Muskelkonturen gezeichnet. Die Schultern waren breit und athletisch, die Brust fest.
      Es gab keine einzige Narbe mehr an ihrem Körper – die magische Wundheilung ihres Erbes hatte selbst die tiefsten Klauenspuren der Vampire spurlos getilgt. Ebenso gab es nicht die geringste Spur von Körperbehaarung. Ihre Haut war makellos glatt, feucht vom Duschwasser und strahlte eine natürliche, unnatürliche Wärme aus, die den Raum zwischen ihnen fast physisch auflud.
      Freya hielt Noras Blick für zwei lange, zähe Sekunden stand, genoss die Stille und die Wirkung ihres Auftritts in vollen Zügen, während sie sich ein breitwerdendes, hämisches Grinsen nur mit äußerster Mühe verkneifen konnte.
      Dann wandte sie sich langsam um. Mit ruhigen, wiegenden Schritten ging sie den Flur entlang in Richtung des Schlafzimmers, wobei sie der Dämonin ohne jede Eile die vollständige Rückansicht ihres nackten Körpers bot. Ihre nackten Fußsohlen hinterließen feuchte Abdrücke auf den dunklen Dielen.
      Im Schlafzimmer steuerte sie direkt den Stuhl an, auf dem ihre neu gekauften Sachen bereitlagen. Sie griff nicht nach der schweren Lederkluft oder der Jeans. Stattdessen wählte sie bewusst das Minimum an Stoff: einen schlichten, schwarzen Slip aus elastischem Material, der sich eng um ihre Hüften schmiegte, und ein knappes, schwarzes Baumwoll-Top, das ihre durchtrainierten Arme, den Bauch und die breiten Schultern vollkommen frei ließ. Keine Waffe, keine Schnallen, keine schützenden Lederleisten.
      Sie fuhr sich mit beiden Händen durch die noch feuchten, blonden Haare, schüttelte die Mähne nach hinten und trat zurück in den Flur.
      Nora stand noch immer an der Wand gelehnt, und Freya steuerte direkt auf den massiven Holztisch im kleinen Aufenthaltsbereich zu, der an die Teeküche angrenzte. Sie ging nicht daran vorbei und sie ging auch nicht auf Distanz.
      Mit einer flüssigen, beinahe raubkatzenartigen Bewegung schwang Freya ein Bein über die Lehnenkante des nahen Sessels und setzte sich. Sie lehnte sich tief in die Polster zurück, winkelte ein Bein weit an, sodass der nackte Oberschenkel im knappen Slip vollkommen freilag, und legte die Arme locker auf den Armlehnen ab. Es war eine vollkommen offene, bewusst provokante Haltung – ein klares Signal, dass sie sich weder schämte noch in irgendeiner Form bedroht fühlte.
      Sie winkelte den Kopf leicht an, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schenkte Nora ein süffisantes, herausforderndes Lächeln. Das Spiel konnten definitiv zwei spielen.
      „Nun“, sagte Freya, und ihre Stimme war wieder dieses tiefe, samtige Raunen, das keinen Raum für Verunsicherung ließ. „Du wolltest wissen, warum hier Kisten für einen ganzen Krieg stehen?“
      Sie deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Flurs, wo die schweren Metallbehälter der Gilde und die mit Schutzrunen gravierte Kevlarweste gestapelt lagen, während ihr Blick wieder ganz bewusst und langsam über Noras Gestalt wanderte.
      „Weil ich nicht vorhabe, mich bei unserem kleinen Ausflug auf dein hübsches Gesicht oder deine dämonischen Zaubertricks zu verlassen, Süße. Wenn wir die Geschwister besuchen gehen, gehen wir vorbereitet. Und jetzt... komm her, setz dich und erzähl mir, was du herausgefunden hast.“
    • Ohne Vorwarnung ließ Freya ihr Handtuch fallen und Noras Blick zuckte nach unten auf weiche Haut und definierte Muskeln, auf ausgeprägte Kurven und süße, entblößte Lippen. Wenn sie ehrlich war, dann hatte Freya sie überrascht und das passierte nicht oft. Die Jägerin steckte voller attraktiver, verführerischer Geheimnisse.
      "Ah...", machte Nora und ließ ihre Zähne über ihre Lippe gleiten. Sie nahm Freyas ganzen, göttlichen Anblick in sich auf, jeder noch so kleine Flecken ungeschützter Haut, den sie ihr zeigte. Ob die Jägerin sich unter dem Blick der Dämonin unwohl fühlen würde? Aber es schien nicht so, während die Sekunden weiterhin verstrichen. Im Gegenteil, sie schien sich Nora schamlos zu zeigen.
      "So gefällst du mir schon wesentlich besser", raunte Nora und hob den Blick wieder an. Die blauen Augen beobachteten sie mit einer Ruhe, die Nora ein Kribbeln verschaffte. Sie wurde sich der eigenen Hitze bewusst, die sich in ihrem Unterleib sammelte.
      Dann drehte sich Freya zur Seite und schritt langsam und lasziv ins Schlafzimmer hinüber. Nora wechselte die Wand; das wollte sie sich nicht entgehen lassen. Ihr Blick folgte dem langsamen Schwung von Freyas Hüfte, den wohlgeformten Backen, die sich bei jedem Schritt wiegten, den strammen Beinen. Sie lehnte sich wieder an und beobachtete, wie Freya sich hinabbeugte, und einen Slip über ihre langen Beine zog. Nora grinste; so ein böses, böses Mädchen, dass sie unter ihrer professionellen Jagduniform so etwas trug. Das machte den Anblick noch gleich viel anziehender. Der BH blieb aus, stattdessen bedeckte nur ein kurzes Top Freyas Brüste. Sie drehte sich wieder um und kam heraus, den Blick auf Nora gehaftet, die nun dafür beobachtete, wie Freyas Bauch sich bewegte. Was für einen tollen Körper sie hatte, wie göttlich er war. Nora hätte nie gedacht, dass sie Thor jemals danken würde, diesen Wundermenschen von einer Frau erschaffen zu haben.
      Sie folgte ihr ganz von selbst zur Teeküche und beobachtete, wie Freya sich langsam setzte, ein Bein angewinkelt, sodass der Slip den Hauch einer Lippe freilegte. Nora legte den Kopf schief und sog den Anblick in sich auf.
      „Nun“, sagte Freya mit einem Raunen, das Nora warm über den Rücken lief, „Du wolltest wissen, warum hier Kisten für einen ganzen Krieg stehen?“
      "Hm. Ich habe mich anders entschieden. So wichtig ist mir das nicht mehr."
      Sie ging langsam zur Seite und um den Sessel herum. Freya folgte ihr und ließ dabei den Blick ihrerseits über Noras Gestalt wandern.
      „Weil ich nicht vorhabe, mich bei unserem kleinen Ausflug auf dein hübsches Gesicht oder deine dämonischen Zaubertricks zu verlassen, Süße."
      Nora kicherte. Böses Mädchen.
      "Wenn wir die Geschwister besuchen gehen, gehen wir vorbereitet. Und jetzt... komm her, setz dich und erzähl mir, was du herausgefunden hast.“
      Nora blieb hinter dem Sessel stehen. Sie legte die Hand auf das Polster, ließ Freya hören, dass sie da war, ohne sie dabei zu berühren. Sie lehnte sich über die Rücklehne nach vorne und sah die ganze, attraktive Länge von Freyas Körper hinab.
      Wow.
      Kaum zu glauben, dass der Anblick von oben - wenn endlich mal Nora über Freya aufragte und nicht andersrum - noch viel reizender sein könnte.
      Sie beugte sich tiefer, ließ ihren Atem über Freyas Schulter streichen. Ohne sie jemals zu berühren.
      "Was für ein gefährliches Spiel du spielen willst, Hübsche", hauchte sie. Sie strich mit der Hand über das Polster nahe Freyas Kopf. "Ganz ohne deine Waffen. Ganz ohne deine Rüstung. Hast du denn keine Angst vor mir? Vor meinen bösen, bösen dämonischen Zaubertricks?"
      Ihr Interesse an den Kisten war verpufft. Scheiß doch auf ihre Geschwister, Nora hatte gerade eine viel reizendere Beschäftigung gefunden. Sie kam wieder um den Sessel herum, blieb vor Freya stehen und beugte sich zu ihr hinab. Sie stützte sich auf den Armlehnen ab und verharrte wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht, ihre dunkelbraunen Augen auf Freyas hellblaue gerichtet.
      "Was, wenn ich meine Meinung doch ändere?", gurrte sie. "Deinen Körper nehme, wenn er sich mir schon so wunderschön anbietet?"
      Sie ließ ihren Blick nach unten wandern, über Freyas entblößten Hals, ihr Schlüsselbein, hinab zu dem knappen Top. Sie hätte es am liebsten in der Luft zerrissen, zu angetan von den Konturen Freyas Brüsten darunter, bewegte sich aber nicht. Ihr Blick wanderte wieder nach oben.
      "Was willst du dagegen machen?", hauchte sie lasziv, ein Funkeln in den Augen, ein provokantes Lächeln auf den Lippen. "Hmmm?"
    • Freyas Grinsen wurde breiter, lasziver, vollkommen unbeeindruckt von Noras bedrohlich naher Haltung. Sie entzog sich dem Schatten der Dämonin nicht, wich keinen Zentimeter zurück. Stattdessen verengten sich ihre graublauen Augen zu zwei gefährlich glimmenden Schlitzen, in denen das pure Selbstbewusstsein einer Jägerin aufblitzte, die das Raubtier nur zu gerne in die eigene Falle lockte.
      Ihre Hand hob sich mit einer trägen, fast faulen Eleganz. Die langen, feuchten Finger glitten spürbar warm über den Stoff von Noras Kleidung, ehe sie sanft, beinahe zärtlich den nackten Hals der Dämonin berührten. Die Fingerkuppen strich leicht über die Pulsader.
      In genau diesem Augenblick wandelte sich die sanfte Berührung.
      An Noras Hals flammte blitzartig ein stechender Schmerz auf. Für einige Sekunden brannte es an ihrer Haut wie flüssiges Feuer, als hätte sich glühendes Eisen tief in ihr Fleisch eingebrannt. Es war kein dämonisches Feuer, sondern die konzentrierte, heilige Energie verbergender Magie. Freyas Fingernägel, die so makellos und natürlich schienen, trugen mikroskopisch feine, extrem unauffällige Gravuren – Schutzrunen der Gilde, so geschickt eingearbeitet, dass sie selbst bei genauerem Hinsehen wie eine schlichte Maniküre wirkten. Erst bei direktem Hautkontakt entfalteten sie ihre volle, bannende Wirkung.
      Freya sah das kurze Zucken in Noras Zügen und ihr Grinsen wurde noch ein Stück breiter, fast spöttisch. Sie nahm die Hand nicht weg, sondern ließ die Daumenbeuge ganz locker an Noras Kiefer ruhen.
      „Du vergisst eines, Hübsche“, hauchte Freya, und ihre Stimme war ein dunkles, vibrierendes Raunen direkt an Noras Ohr. „Eine Jägerin geht niemals unbewaffnet. Selbst wenn sie nackt vor dir steht.“
      Sie beugte sich ein Stück weiter nach vorne, sodass die Wärme ihres Atems über Noras Wangenknochen strich.
      „Unter meiner Haut liegen drei winzige Implantate“, raunte sie, während ihre Fingerspitzen nun wieder sanft über Noras erhitzte Haut glitten. „Jedes von ihnen nicht größer als eine Briefmarke. Eine Kombination aus alchemistischem Silber und geprägten Gildenrunen. Sie schützen mich davor, dass Dämonen Besitz von meinem Geist ergreifen oder ich die Kontrolle über meinen eigenen Körper verliere. Wenn du versuchst, meinen Verstand zu zerrütten, verbrennen sie dir dein eigenes Wesen von innen heraus.“
      Sie hielt inne, sah Nora tief in die Augen und senkte die Stimme zu einem fast bedauernden Flüstern.
      „Gegen richtig hochrangige Höllenlords wirken die Biester leider nicht lange genug... aber für eine kleine Dämonin wie dich? Reicht es allemal, um dir den Tag gründlich zu verderben.“
      Bevor Nora reagieren konnte, schloss Freya für den Bruchteil einer Sekunde die Distanz zwischen ihren Gesichtern. Sie hauchte einen federleichten, brennend heißen Kuss auf Noras Wange, direkt neben ihren Mundwinkel. Dann zog sie sich ein kurzes Stück zurück, sah der Dämonin direkt in die Augen und biss sich provokant auf die eigene Unterlippe.
      Ihre linke Hand glitt langsam von der Armlehne herab. Ohne den Blick von Nora zu wenden, schob Freya die Finger langsam und ohne jede Scham zwischen ihre eigenen Beine, unter den knappen Stoff des Slips.
      Das leise, deutliche Geräusch von feuchter Haut und die subtile, aber unmissverständliche Reaktion ihres Körpers verrieten augenblicklich, wie erregt die Jägerin durch dieses gefährliche Spiel bereits war. Die Hitze, die von ihr ausging, war fast greifbar.
      Doch Freya dachte gar nicht daran, Nora die Zügel zu überlassen. Sie zog die Hand wieder ein Stück zurück, ließ die feuchten Fingertips auf ihrem nackten Oberschenkel ruhen und sah die Dämonin mit einem blitzenden, herausfordernden Blicke an.
      Leicht zu haben war sie keineswegs. Sie hatte das Spiel eröffnet, doch die Bedingungen diktierte noch immer sie.
      „Also“, hauchte Freya, während ihr Atem etwas schneller ging, ihr Blick aber so scharf wie eine Klinge blieb. „Möchtest du immer noch ausprobieren, was passiert, wenn du versuchst, dir zu nehmen, was dir nicht gehört? Oder setzen wir uns jetzt endlich durch die Akten?“
    • Anstatt zu antworten, hob Freya die Hand. Sie legte sie auf Noras Brust und fuhr dann nach oben, bis ihre warmen Finger sich an Noras Haut legten. Sie spürte ein Kribbeln freudiger Erwartung.
      Dann durchdrang sie plötzlich ein Schmerz, der viel schlimmer war als alle dämonischen Energien, die jemals gegen sie gewandt worden waren. Nora zuckte zurück, sie konnte sich nicht davon abhalten; ihre Knie knickten kurz ein.
      "Ah!"
      Ihr Blut brannte. Der Schmerz hörte auf, so schnell er gekommen war, aber er hinterließ eine Spur in ihr, die noch immer nachbrannte. Sie nahm einen scharfen Atemzug.
      Und starrte auf ein Grinsen, das einem Dämon in nichts nachgestanden hätte.
      „Du vergisst eines, Hübsche“, hauchte Freya und Nora fletschte kurz die Zähne. Sie war sich zu sehr bewusst, dass Freyas Daumen immernoch unter ihrem Kiefer lag und wollte keinen zweiten solchen Schlag abbekommen. „Eine Jägerin geht niemals unbewaffnet. Selbst wenn sie nackt vor dir steht.“
      Nora schnaubte, aber sie war sich ihrer nicht mehr ganz so sicher. Sie starrte in Freyas hellblaue Augen, als die sich nach vorne lehnte. Ihr Atem strich verlockend über Noras Wange.
      „Unter meiner Haut liegen drei winzige Implantate. Wenn du versuchst, meinen Verstand zu zerrütten, verbrennen sie dir dein eigenes Wesen von innen heraus.“
      "Unfair", zischte Nora, doch sie rührte sich nicht. Solange sie die Finger spürte - diese Implantate - wollte sie sich nicht rühren.
      „Gegen richtig hochrangige Höllenlords wirken die Biester leider nicht lange genug... aber für eine kleine Dämonin wie dich? Reicht es allemal, um dir den Tag gründlich zu verderben.“
      "Und ich dachte, ich wäre die einzige mit den Zaubertricks", entgegnete Nora.
      Freya sah sie nur an, dann lehnte sie sich nach vorne und streifte mit den Lippen Noras Wange, direkt neben ihrem Mund. Die Berührung übte, so kurz nach dem Schmerz, eine Anziehungskraft auf Nora aus, der sie sich nicht entziehen konnte. Sie zog der Jägerin nach, jagte dem Kuss nach, den die Berührung ihr versprochen hatte, aber Freya entzog sich ihr wieder. Nora sah ihr in einem Anflug von Ärger in die Augen.
      Normalerweise war sie es, die das Spiel bestimmte. Sie gab Richtung und das Tempo vor, sie bestimmte welche Grenzen eingehalten wurden, sie neckte und verführte, bis der andere nichts mehr anderes denken konnte, als nur noch Nora und wie sehr er sie wollte. Aber gerade sah es anders aus. Gerade hatte Nora das Gefühl, Freya unbedingt haben zu wollen, doch ihre verdammten Finger hielten sie zurück. Es war nicht einmal Magie im Spiel, nur dämliche, verfluchte Göttlichkeit und ein paar Runen. Verdammt sollte die Frau sein!
      "Hör mir mal genau zu, Miss", startete sie, doch Freya tat nichts dergleichen. Sie ließ ihre Hand von der Lehne gleiten und Nora verstummte wieder, als sie sah, wie sich die langgliedrigen Finger unter den knappen Stoff schoben. Ihr Atem in ihrer Brust verfing sich, als sie sah, wie die Finger eindeutige Bewegungen schrieben, wie sich Freyas Bauch als Reaktion anspannte und wieder entspannte, wie sie hörbar den Atem ausstoß. Ein feuchtes, obszönes Geräusch drang an Noras Ohren, gepaart mit Freyas Aura, die waberte und waberte, während ihre Finger vollzügliches anstellten. Es gefiel ihr, dieses verdammte Spiel. Es gefiel ihr sehr und Nora war von dem Anblick für einen Moment gefangen, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Hitze sammelte sich zwischen ihren eigenen Beinen, sie leckte sich die Lippen. Ihr ganzer Körper wurde von Freya angezogen, wie eine verbotene Frucht, die süßer war als alles andere.
      "Also."
      Noras Blick schnappte wieder in Freyas Augen hoch. Ihre Wangen hatten einen rosigen Teint angenommen, ihre Pupillen waren geweitet. Verdammt noch eins, aber das war der verführerischste Anblick, den Nora jemals erblickt hatte.
      „Möchtest du immer noch ausprobieren, was passiert, wenn du versuchst, dir zu nehmen, was dir nicht gehört? Oder setzen wir uns jetzt endlich durch die Akten?“
      Das brachte ihr Gehirn wieder einigermaßen zu laufen und damit kam der Ärger zurück, den sie vor Sekunden noch verspürt hatte. Er steigerte sich sogar, nachdem ihr bewusst wurde, wie einfach Freya sie in ihren Bann hatte ziehen können. Wer von beiden war denn hier die Dämonin?! Und eine Tochter Mammons noch dazu!
      Nora verengte die Augen, dann packte sie Freyas Handgelenk - die Hand, die Freya noch an ihren Hals gelegt hatte. Sie zog die Hand weg, ohne loszulassen.
      "Du vergisst, wer du bist", fauchte sie und in ihrer Stimme schwang neben der Erregung auch Ärger mit. Nora befand sich in einem seltsamen Zwischenstand, in dem sie sich nach Freya verzehrte und ihr gleichzeitig nicht die Genugtuung geben wollte, dieses Spiel zu gewinnen. Es war Noras Spiel, verdammt! Göttlichkeit hin oder her!
      "Ich mag einen Handel geschlossen haben, aber er hält mich nicht davon ab, mir hin und wieder zu nehmen, was ich möchte. Also", sagte sie und ihre Augen tauchten sich in die tiefe Schwärze der Hölle, als sie ihre Kraft in sich sammelte, "sei ein braves Mädchen und zieh deinen Slip aus, damit ich sehen kann, wie du dich befriedigst. Oder ich nehme es mir und frage kein zweites Mal so freundlich."
    • Freyas Lachen war kein unsicheres Glucksen, sondern ein tiefes, kehliges Soundfile purer Amüsiertheit, das von den Wänden des Raumes widerhallte. Selbst als Noras Augen sich in die pechschwarze Finsternis der Hölle tauchten und die dämonische Präsenz wie ein eiskalter Hauch durch die Ritzen der Dielen kroch, zuckte nicht eine einzige Faser in Freyas Körper. Der Druck um ihr Handgelenk war stark, doch für jemanden, in dessen Adern die physische Kraft der Asen zirkulierte, fühlte sich die eiserne Hand der Dämonin lediglich wie eine feste Umarmung an.
      Das Grinsen der Jägerin wurde nur noch breiter, provokanter und von einer beinahe unverschämten Überlegenheit getragen.
      Sie entzog ihr Handgelenk nicht mit Gewalt. Stattdessen drehte sie die Hand in Noras Griff mit einer flüssigen, beiläufigen Bewegung leicht ab, sodass die gravierten Runen ihrer Fingernägel nur um Haaresbreite über die empfindliche Haut von Noras Handrücken strich. Ein unhörbares Knistern lag in der Luft.
      „Ach, Süße“, raunte Freya, während ihr Atem noch immer etwas beschleunigt ging, die hellblauen Augen jedoch vor eiskalter Berechnung funkelten. „Böse Blicke und schwarze Augen? Wirklich? Ich dachte, du hättest ein bisschen mehr Fantasie, als mir mit den alten Höllennummern zu kommen.“
      Sie legte den Kopf schräg und musterte die Dämonin von oben bis unten. Der Kontrast zwischen Noras dunkler, bedrohlicher Aura und der sichtbaren Erregung, die ihren Körper nach wie vor erschütterte, war für Freya ein wahrer Genuss. Sie genoss es sichtbar, die Grenzen auszutesten, die Machtverhältnisse zu verdrehen und das böse Mädchen der Unterwelt so aus der Fassung zu bringen, dass es auf stumpfe Befehle zurückgreifen musste.
      Ohne die Augen von Nora zu wenden, führte Freya ihre linke Hand wieder unter den Stoff ihres Slips. Die Bewegungen ihrer Finger wurden langsamer, bedächtiger, absichtlich betont. Sie ließ das feuchte, zarte Geräusch erneut im Raum widerhallen, nur um genau in dem Moment aufzuhören, als Noras Blick hilflos nach unten wandern wollte.
      Mit einem schnellen, spöttischen Schnipsen zog Freya die Hand ganz hervor. Sie führte ihre zwei feuchten Finger an die eigenen Lippen, leckte sie mit einer langsamen, atemberaubend lasziven Geste ab und sah Nora dabei unverwandt in die dunklen, dämonischen Augen.
      „Brav sein war noch nie meine Stärke“, hauchte sie, und die Selbstverständlichkeit in ihrer Stimme schnitt durch die finstere Anspannung wie eine frische Klinge. „Und Befehle entgegengenommen habe ich das letzte Mal, als ich in der Akademie der Gilde strammstehen musste. Du hast mir gar nichts zu befehlen, Nora Bain. Weder mit netten Worten... noch mit deinen süßen, kleinen Drohungen.“
      Freya richtete sich flüssig auf. Die Bewegung war so unvermittelt und von einer derartigen physischen Präsenz, dass Nora unwillkürlich einen halben Schritt zurückweichen musste, um nicht von der aufragenden Gestalt der Halbgöttin überrannt zu werden.
      Freya stand nun in ihrer vollen Größe vor ihr – halbnackt, nasskalt-schön, der Körper von der Dusche erwärmt und die Aura von der eigenen Erregung und der geweckten Göttlichkeit aufgeladen. Sie strich sich die feuchten blonden Haare aus dem Gesicht, schob sich ungefragt ganz nah an Nora vorbei, sodass ihre nackte Brust für einen winzigen Moment Noras Schulter streifte, und schenkte ihr über die Schulter hinweg ein letztes, absolut spöttisches Lächeln.
      „Das Spiel hat Spaß gemacht, Dämonin“, sagte Freya, und der laszive Tonfall wich schlagartig der kühlen, unnachgiebigen Strenge der Jägerin. „Aber die Pause ist vorbei.“
      Sie klopfte Nora im Vorbeigehen mit zwei Fingern beiläufig auf die Schulter – exakt auf die Stelle, wo noch immer das taube Brennen der Schutzrunen nachwirkte.
      „Ich gehe mir jetzt die Hose anziehen“, rief sie leicht amüsiert, während sie bereits die ersten Schritte über den Flur in Richtung Schlafzimmer machte. „Und wenn ich in zwei Minuten wieder rauskomme, erwarte ich dich unten im Laden. Mit Kaffee, den Unterlagen über deine sogenannten Geschwister und einem kühlen Kopf. Bringe deine Augen wieder in Ordnung, Hübsche... Schwarz steht dir heute nicht.“
      Ohne abzuwarten, ob Nora vor Wut kochen oder das Angebot annehmen würde, verschwand Freya hinter der Tür des Schlafzimmers und ließ die Dämonin allein im Flur zurück – gefangen in einer Mischung aus unbefriedigter Hitze, kochendem Ärger und dem bitteren Geschmack einer Niederlage in ihrem eigenen Spiel.
    • „Ach, Süße. Böse Blicke und schwarze Augen? Wirklich? Ich dachte, du hättest ein bisschen mehr Fantasie, als mir mit den alten Höllennummern zu kommen.“
      "Die habe ich, wenn der Handel mich nicht daran hindern würde, dich durch das nächste Tor zu stoßen und mir deine Seele samt Körper zu nehmen", knurrte Nora. Ihr gefiel nicht, wie hochnäsig die Jägerin auf einmal geworden war. Kein Respekt vor Nora, dabei war sie nicht irgendein dahergelaufener Dämon. Sie war Khaxhiu, länger auf dieser Erde als Thor überhaupt die Idee fassen konnte, einen weiteren Samen zu verteilen. Freya konnte noch so viele Runen haben, vor Khaxhiu sollte selbst sie sich besser in Acht nehmen.
      Freya führte ihre Hand wieder unter ihren Slips, doch diesmal wandte Nora den Blick nicht von ihren Augen. Selbst dann, als sie das feine Geräusch von Freyas Feuchtigkeit hörte, starrte sie sie noch immer an. In ihren schwarzen Augen tanzte ein Feuer.
      Da hob Freya die Finger zu ihrem Gesicht und leckte die eigene Nässe ab. Nora verengte die Augen zu schlitzen. Sie konnte die Hölle bereits rufen hören, das Kratzen und Flüstern, das jedes Tor begleitete. Nur ein einziger Stoß und selbst die Runen konnten Freya nicht mehr retten. Nora spannte die Muskeln an.
      „Brav sein war noch nie meine Stärke“, hauchte Freya, Noras düsterer Aura zum Trotz. „Und Befehle entgegengenommen habe ich das letzte Mal, als ich in der Akademie der Gilde strammstehen musste. Du hast mir gar nichts zu befehlen, Nora Bain. Weder mit netten Worten... noch mit deinen süßen, kleinen Drohungen.“
      "Süß und klein?", knurrte Nora dunkel. "Pass auf, wie du mit mir redest, Frau. Ein Vampirnest auszuheben ist nicht alles, was ich machen kann. Ich war nett zu dir, ich bin nett zu dir, aber das kann ich auch sein lassen. Ich denke, das mächtige Wesen hinter meinem Handel wird nicht bedacht haben, dass du mit einem Arm weniger immernoch deinen Zweck erfüllen kannst. Oder einem Bein weniger. Wie wäre das, einen Teil von dir den Höllenhunden zu überlassen? Denkst du, deine Runen werden dich auch davor schützen? Lass es uns ausprobieren."
      Freya stand auf. Nora wich nicht zurück, nahm in Kauf, dass ihre Körper aneinander gerieten, dass sie die Hitze unter Freyas warmer Haut spüren konnte. Sie nahm in Kauf nach oben blicken zu müssen, eine unliebsame Haltung, nachdem Dämonen sich gerne größer machten, wenn sie stärker waren. Sie zog die Lippen zu einem Zähnefletschen zurück.
      „Das Spiel hat Spaß gemacht, Dämonin. Aber die Pause ist vorbei.“
      "Sprich für dich selbst."
      Freya zog an ihr vorbei und Nora blickte ihr nun mit den Augen des Dämonen nach, der alle Schwachstellen verzeichnete. Ihre Erregung verblasste, ihre Ehre war gekränkt. Viel lieber hätte sie Freya jetzt eine Lektion gelehrt, anstatt sich an ihr zu bedienen.
      „Ich gehe mir jetzt die Hose anziehen“, sagte die Jägerin amüsiert, noch immer gänzlich ohne Respekt. „Und wenn ich in zwei Minuten wieder rauskomme, erwarte ich dich unten im Laden. Mit Kaffee, den Unterlagen über deine sogenannten Geschwister und einem kühlen Kopf. Bringe deine Augen wieder in Ordnung, Hübsche... Schwarz steht dir heute nicht.“
      "Mach deinen verdammten Kaffee selbst", fauchte Nora. "Ich bin nicht dein Dienstmädchen."
      Sie schnappte sich die Liste und zog finster ab. Gottverdammte Jägerin mit ihrem gottverdammten Körper. Gottverdammter, verfluchter Thor. Nora wollte sie alle umbringen.
      Sie saß unten am Tresen, als Freya wenig später dazu kam. Ihre Augen waren wieder normal, aber ihre Stimmung war es nicht. Das Buch war beiseite gelegt und stattdessen war die Liste ausgebreitet.
      Sie sah Freya finster entgegen, als sie zu ihr kam, aber alles, was sie sagte, war:
      "Drei sind derzeit am vielversprechendsten. Seggar nennt sich diese Tage Jason und betreibt Drogenhandel für Vampire. Die letzte Zeugin war vampirisch, er könnte etwas bemerkt haben. Drornak nennt sich Myla und ist im Menschenhandel tätig. Ich würde sie nur aufsuchen, wenn es unbedingt notwendig ist, weil sie eine echte Nervensäge ist, aber sie hat viel mit Menschen zu tun, die kommen und gehen. Takash heißt Cora und betreibt eine Bar unter einer Bar, in der oft Deals unter den Untergrund-Wesen abgezogen werden. Sie wird schwierig zu... befragen sein, aber mit ein bisschen Taktgefühl wird das schon. Achja, und apropos Taktgefühl."
      Nora lehnte sich nach vorne und funkelte Freya an.
      "Wir werden nicht dort hinein marschieren, bewaffnet bis unter die Zähne, als wollten wir die ganze Hölle in die Luft jagen. Du wirst dir eine, eine Waffe aussuchen und die wirst du so verstecken, dass auch nicht der größte Werwolf sie erschnüffeln kann, denn wenn einer von denen merkt, dass eine Jägerin anwesend ist, werden sie sofort alles dicht machen. Und sich zusammentun, um dir deine scheiß Implantate aus dem Hirn zu reißen. Aber ich schätze das macht dir keine Sorgen, was?"
      Ja, sie war noch immer giftig wegen gerade eben. Und sie plante es noch eine ganze weitere Zeit lang zu sein, wenn Freya schon nichts von ihren süßen, kleinen Bedrohungen hielt. Verfluchte Frau.
    • Freya trat mit gleichmäßigen, schweren Schritten aus der Dunkelheit des Treppenaufgangs in den dämmrigen Verkaufsraum des Antiquariats. Sie hatte ihre volle Montur wieder angelegt: die abgewetzte Lederhose, die hochgeschnürten Kampfstiefel und die dunkle Jacke, unter der das enganliegende Top verborgen lag. Die feuchten blonden Haare hatte sie streng nach hinten gebunden. Sie sah wieder aus wie die unerbittliche, unnahbare Jägerin der Gilde – eine Rüstung aus Leder, Stahl und kühler Disziplin.
      Doch hinter der glatten Stirn der Halbgöttin arbeitete es unentwegt.
      Als ihr Blick auf Nora fiel, die mit finsterer Miene hinter dem Tresen saß, spürte Freya ein deutliches, unbehagliches Stechen in der Brust. Die giftigen Worte der Dämonin, das dunkle Funkeln in ihren Augen und die spürbare, tief sitzende Kränkung, die wie eine schwere Gewitterwolke über der Ladentheke schwebte, entgingen Freya keineswegs. Die spöttische, provokante Fassade, die sie oben im Flur aufrechterhalten hatte, begann in der Nüchternheit des Raumes zu bröckeln.
      Freya war kein emotionsloses Monster und auch keine unüberlegte Spielerin. Das Machtspiel im Flur war keine bloße Arroganz gewesen. Für eine Jägerin, deren gesamtes Leben auf dem Überleben gegen übermächtige Wesenheiten basierte, war jedes Treffen mit einem Dämon eine tödliche Gleichung. Freya hatte wissen müssen, wie weit dieser mysteriöse Handel Nora tatsächlich band. Sie hatte testen müssen, wo die Belastungsgrenze der Dämonin lag, wie viel Selbstbeherrschung Khaxhiu besaß und ob sie in einem Moment extremer Provokation die Kontrolle verlieren würde. Es war ein eiskalter, kalkulierter Stresstest gewesen – ein Experiment an lebendem Gewebe, um Noras Zuverlässigkeit in kommenden Gefahrensituationen einzuschätzen.
      Doch als sie sah, wie tief dieser Test die Dämonin getroffen hatte, wie sehr deren Stolz und Ehre verletzt worden waren, regte sich in Freya ein echtes, tiefes Bedauern. Nora war nicht einfach nur ein Zielobjekt oder eine Bedrohung; sie hatte Freya das Leben gerettet. Sie hatte sie gepflegt, sie beschützt und ihr Vertrauen geschenkt, wo jeder andere Dämon sie ausgeschlachtet hätte. Freya hatte Grenzen überschritten, die weit über den beruflichen Selbstschutz hinausgegangen waren, und sie hatte eine Verbündete verletzt, deren Nähe sie auf eine sonderbare, fast erschreckende Weise genießt hatte.
      Freya hörte schweigend zu, während Nora die drei Namen herunterrasselte: Jason der Drogenhändler, Myla die Menschenhändlerin und Cora mit ihrer Untergrund-Bar. Sie nahm die giftigen Ansagen bezüglich der Bewaffnung und des Taktgefühls ohne jeden Widerspruch hin. Kein Spott, kein hämisches Grinsen mehr. Freya nickte nur knapp, die graublauen Augen ruhig und ernst.
      „Ich verstehe“, sagte Freya mit leiser, flacher Stimme. „Kein schweres Gerät. Eine verdeckte Kurzwaffe, Kalteisen. Ich werde mich an deinen Plan halten.“
      Sie griff nach der Liste, überflog die Notizen und prägte sich die Standorte ein. Die Anspannung zwischen den beiden Frauen war so dicht, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können. Nora strahlte eine eiskalte, unnahbare Distanz aus, die deutlich machte, dass jede Form von Annäherung abgetrennt war.
      Nachdem die taktischen Details für den Abend besprochen waren und Nora sich wortkarg in den Hinterraum zurückgezogen hatte, um Vorkehrungen zu treffen, blieb Freya alleine im Laden zurück. Die Stille des alten Antiquariats wog schwer auf ihren Schultern.
      Freya setzte sich an den kleinen Eichentisch in der Ecke des Raumes. Das dämmrige Licht einer einzelnen Messinglampe warf lange Schatten über das polierte Holz. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, atmete tief durch und griff nach einem Bogen schweren, vergilbten Papiers und einem Füllfederhalter, die auf dem Tisch lagen.
      Ihre Hand, die sonst ohne das geringste Zittern ein Scharfschützengewehr auf tausend Meter hielt, zögerte für einen langen Augenblick über dem Papier. Dann begann sie zu schreiben. Ihre Handschrift war klar, gestochen scharf und frei von schnörkeligen Ausflüchten – die Zeilen einer Frau, die es gewohnt war, die unblutige Wahrheit auf den Tisch zu legen:

      Nora,

      ich schreibe dir diese Zeilen, weil ich weiß, dass du mir im Moment kaum zuhören würdest, ohne mir eine Dämonenklinge durch die Kehle zu jagen – und ehrlich gesagt könnte ich es dir nicht einmal verdenken.

      Es tut mir leid. Es tut mir aufrichtig leid, was oben im Flur passiert ist.
      Ich schulde dir eine Erklärung, auch wenn sie das, was ich getan habe, nicht ungeschehen macht. Mein ganzes Leben lang habe ich gelernt, dass Dämonen lügen, manipulieren und jeden Schwachpunkt ausnutzen, den man ihnen offenbart. Als du von deinem Handel sprachst und mir die Hand gereicht hast, hat mein Verstand auf Alarmstufe Rot geschaltet.

      Ich musste wissen, wie weit deine Selbstbeherrschung reicht. Ich musste wissen, ob dieser Pakt dich wirklich daran hindert, mich zu vernichten, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten. Ich habe dich getestet, Nora. Ich habe deine Grenzen ausgereizt, deinen Stolz provoziert und dein Vertrauen als Testobjekt missbraucht.
      Das war falsch. Du hast mein Leben gerettet, als ich blutend auf dem Boden lag. Du hast mich versorgt, mir meine Waffen gelassen und mir Schutz geboten. Du hast mir Respekt entgegengebracht, und ich habe dir als Antwort meine Krallen gezeigt und deinen Stolz getreten. Das war ehrlos und einer Jägerin nicht würdig.
      Ich erwarte nicht, dass du mir vergebst. Ich verstehe vollkommen, wenn du nach all dem nichts mehr mit mir zu tun haben willst – erst recht nicht in irgendeiner intimen oder persönlichen Hinsicht. Ich habe diese Grenze überschritten und damit alles zerstört, was sich zwischen uns hätte entwickeln können. Die Distanz, die du jetzt wahrst, hast du dir verdient, und ich werde sie respektieren.

      Trotzdem möchte ich dir ein Angebot machen. Nicht als Jägerin, die ein Spiel spielt. Sondern als eine Frau, die weiß, wie schwer die Last der Welt auf den Schultern wiegen kann.

      Ich werde nach unserem ersten Einsatz heute Nacht die Dusche im Obergeschoss nutzen, um den Schmutz der Straße abzuwaschen. Die Tür wird nicht verschlossen sein. Wenn in dir – trotz allem, was geschehen ist, und trotz des Ärgers, den du zu Recht gegen mich hegst – noch ein kleiner Funke des Verlangens brennt, das wir vorhin geteilt haben, dann komm zu mir. Kein Spiel, keine Schutzrunen, keine Dämonentrickserien. Nur du und ich.

      Ich halte es selbst für sinnlos, diesen Wunsch aufzuschreiben, und vermutlich wirst du diesen Zettel einfach verbrennen. Aber ich wollte, dass du weißt, wie sehr ich den Anblick und die Nähe von dir genossen habe – bevor ich alles ruiniert habe.

      Freya

      Freya legte den Stift beiseite. Sie faltete den Bogen Papier sauber zusammen. Aus ihrer Tasche zog sie den noch leicht feuchten, schwarzen Slip hervor, den sie vorhin getragen hatte – das feine Material roch noch immer schwach nach dem blumigen Duschgel und der eigenwilligen Wärme ihres Körpers. Sie legte den Stoff behutsam auf den gefalteten Brief.
      Sie stand auf, trug die kleine Nachricht hinüber zum Tresen und legte sie gut sichtbar direkt neben das große Buch über die Asen, wo Nora sie unmöglich übersehen konnte.
      Dann wandte sich Freya ab, prüfte ein letztes Mal den verdeckten Sitz ihrer einzelnen Sig Sauer unter der Lederjacke und trat an das Fenster, um auf die Dämmerung zu warten. Das Spiel war vorbei. Nun begann die Jagd.

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    • Es gab keine Widerworte, kein Grinsen und keine Hochnäsigkeit. Freya antwortete mit kühler Sachlichkeit:
      „Ich verstehe. Kein schweres Gerät. Eine verdeckte Kurzwaffe, Kalteisen. Ich werde mich an deinen Plan halten.“
      Nora war ausnahmsweise einmal zufrieden damit.
      "Schön."
      Sie nahm forsch die Liste an sich und steckte sie wieder ein, bevor Freya sich noch mehr Details davon merken konnte. Letzten Endes hatte sie ihr nämlich noch nicht verraten, dass sie vorhatte, die Anker der Dämonen an sich zu reißen und ihre Geschwister damit an sich zu binden. Das war ein Geheimnis, das kein Jäger jemals erfahren sollte und Freya ganz besonders nicht.
      Kleine, süße Drohungen.
      Nora rümpfte die Nase und marschierte nach draußen, kaum als sie das letzte Detail geklärt hatten. Sie bediente sich an Thors eingerichtetem Kleiderschrank; eine dicke Jacke, ein enges Top darunter, eine weitere Cargohose mit ausreichend Taschen. Die befüllte sie mit allem, was sie brauchte, allen voran zwei Runen, die sie vor dämonischen Angriffen schützen sollten. Man konnte ja nie wissen. Außerdem nahm auch sie eine Waffe mit und ließ sie in den Tiefen ihrer Jacke verschwinden. Sie wollte sich nicht nur auf ihre Höllentore verlassen, welche die anderen Dämonen schließlich auch bedienen konnten. Und ganz sicher nicht wollte sie sich auf Freya verlassen.
      Als sie wieder nach unten kam, war die Jägerin verschwunden. An ihrer Stelle lag ein zusammengefaltetes Stück Papier - und der schwarze Slip.
      Nora runzelte die Stirn, trat näher, hob erst den Slip auf und dann das Papier. Sie entfaltete es und las, die Stirn noch immer gerunzelt, die Augen zusammengekniffen.
      Ehrliche Worte, für einen ehrlichen Menschen. Freya hatte nur ihre Grenzen austesten wollen und das hatte sie geschafft, oh ja, und wie sie das geschafft hatte. Dass Nora dabei selbst Schwäche gezeigt hatte, die sie sich eigentlich nicht erlauben durfte, das schob sie lieber in den hintersten Teil ihrer Gedanken. Freya wusste jetzt, dass Nora sich zu ihrem Körper hingezogen fühlte, und das könnte für Nora noch sehr böse enden. Besser war es also, die Sache ruhen zu lassen. Sie gar nicht erst anzusprechen. Ja, das im Flur, das war gar nicht passiert, nur eine verdammte Einbildung. Besser war es.
      Nora zerknüllte das Papier und sah dann den Slip an. Für einen Moment war sie ganz dazu geneigt, Freyas Duft in sich aufzunehmen, der dem Stofffetzen noch immer anhaftete, aber dann erinnerte sie sich ihrer Schwäche und ließ ihre Hand in schwarzen Flammen aufgehen. Der Slip verbrannte, bis nichts mehr von ihm übrig war.
      Eigentlich wollte sie dasselbe mit dem Brief machen, aber dann entschied sie sich anders und stopfte ihn sich in die Tasche. Sie wusste auch nicht, warum.

      Später saß sie in der Bar - dem Menschenteil davon - und beobachtete den Eingang, einen Joint zwischen den Lippen. Es dauerte nicht lange und die Tür ging auf zu der sehr hochgewachsenen Freya, die sich nur kurz umsah, Nora entdeckte und auf sie zukam. Sie setzte sich zu ihr an den Tisch und Nora ließ den Blick einmal fachmännisch über ihre ganze Gestalt wandern.
      "Du siehst aus wie eine Jägerin", sagte sie missmutig und blies den Rauch ihrer Droge aus. "Krempel die Ärmel etwas hoch, mach die Jacke lockerer. Mach deinen Hosenstall auf. Sei mehr wie... eine Dämonin."
      Sie lächelte ganz flüchtig, ein Zugeständnis von gutem Willen. Freya mochte nicht wissen, ob sie den Brief gelesen hatte, aber sie konnte so zumindest erkennen, dass Nora nicht mehr böse war. Jedenfalls nicht mehr ganz so sehr.
      "Hier." Sie reichte ihr den Joint, zur Hälfte aufgeraucht. "Rauch das weg. Es ist für deine Aura, es verschleiert sie. Wir können den Leuten nicht zeigen, dass du", von göttlicher Abstammung bist, wollte Nora fast sagen und fing sich gerade noch rechtzeitig, "ein Mensch bist. Es kommen nicht viele Menschen da runter."
      Sie wartete, bis Freya das letzte Bisschen aufgeraucht hatte, dann stand sie auf.
      "Komm."
      Sie führte sie am Tresen vorbei und in den Gang nach hinten, der eigentlich zu den Toiletten führte, doch sie ging bis zu seinem Ende, wo er in einer Wand endete. Sie sah über die Schulter zu Freya und streckte die Hand nach ihr aus.
      "Dämoneneingang. Gib mir deine Hand und halt dich fest. Das zieht vielleicht kurz, aber es passiert nicht."
      Sie war sich bewusst, wie Freya die Hand in ihre schob, warm und weich, ihr Puls direkt unter Noras Fingerspitzen. Sie sah schnell wieder weg und legte die andere Hand auf die Wand. Die Hölle trat in ihre Augen und die Realität öffnete sich zu der Finsternis, die die Hölle darstellte. Nora machte einen Schritt hinein, hörte das Kratzen und das Flüstern und die grässlichen Geräusche der Unterwelt, aber anstatt mitten in der Hölle zu landen, trat ihr Stiefel auf einen dunklen Holzboden. Sie war in der Bar angelangt und Freya kam direkt hinter ihr.
      Die Tische waren hier gefüllt von den verschiedensten Kreaturen, die diese Stadt zu bieten hatte. Vorne neben dem Tresen gab es eine kleine Bühne, auf der sich eine Sirene auf einem Stuhl räkelte und die Luft mit ihrem betörenden Gesang erfüllte. Es wurde gelacht und gegrölt und hin und wieder auch geschrien. Die verschiedenen Auren verdickten sich hier zu einer einzigen Masse.
      Nora ging zielstrebig auf die Bar zu und lehnte sich dagegen. Dahinter standen zwei Barkeeper, Cora und die Leiche eines Mannes. Das Gesicht der Leiche hing an vielen Stellen herab, als wäre die Gravitation zu groß für sie. In ihrer Nähe gab es den leichten, süßen Geruch nach Verwesung.
      "Cora", sagte Nora und die Dämonin drehte sich um. Sie hatte die Statur einer Bäuerin mit schwieligen Händen und breiten Schultern. Ihr Gesicht war nicht besonders hübsch, die Nase zu platt, die Stirn zu hoch. Cora hatte noch nie etwas auf Verführung gesetzt, was sie so gefährlich machte. Ihre Talente lagen an einer ganz anderen Stelle.
      "Oh. Reese." In ihrer Stimme schwang weder Freude, noch Ärger mit. Sie nahm sie einfach nur wahr.
      Nora schüttelte den Kopf.
      "Nora Bain, wenn du gestattest. Reese ist bei einem tragischen Unfall gestorben. Sehr schlimm."
      "Ah."
      Cora gab ihr die Hand, als würden sie sich zum ersten Mal treffen. Dann sah sie zu Freya hinüber; ihre Augen schienen über ihre Aura zu gleiten, doch in ihrem Gesicht regte sich nichts. Nora wertete das als gutes Zeichen.
      "Das ist Freya, meine Freundin. Eine entfernte Cousine. Weit genug entfernt, dass es kein Inzest mehr ist, wenn du verstehst."
      Sie war etwas nervös. Die Bar war voll von Dämonen, von denen nicht wenige einen grimmigen Blick herüber geworfen hatten. Dämonen mochten sich untereinander genauso wenig wie andere Rassen.
      "Ich bin auf der Suche nach einer Seele, Cora", sagte Nora entspannt, als würde sie das alles nicht stören. "Eine ganz besondere Seele. Gib ihr die Details, Freya."
    • Der Nachgeschmack des billigen, scharfen Rauchs brannte noch immer auf Freyas Zunge, vermischt mit dem metallischen Geschmack der Unterwelt, der wie eine Schicht kalter Asche auf den Schleimhäuten lag. Der Übergang durch die feste Wand hatte ihre Knochen erzittern lassen – ein kurzes, tiefes Ziehen im Magen, als wäre ihre Seele für den Bruchteil einer Sekunde einen Schritt hinter ihrem Körper zurückgeblieben. Doch die seltsame Magie des Krauts tat ihr Werk.
      Die Luft in diesem unterirdischen Teil der Bar war dick, heiß und fast greifbar. Sie roch nach verbranntem Schwefel, altem, getrocknetem Blut, billigem Fusel und dem unterschwelligen, süßlichen Verwesungsgeruch des wandelnden Leichnams neben der Bartheke. Das Lied der Sirene auf der kleinen Bühne krallte sich wie feine, Seide verkleidete Widerhaken in den Hinterkopf – eine melodiöse Versuchung, die darauf abzielte, den Verstand zu benebeln und den natürlichen Schutzwall eines jeden Besuchers aufzuweichen. Freya ignorierte das stetige Summen in ihrem Schädel mit der eisernen Disziplin jahrelangen Trainings.
      Sie hatte ihre Kleidung genau so angepasst, wie es in der Welt hier unten verlangt wurde, um nicht sofort als Beute zu gelten. Die schwere Jacke hing weit offen über ihren Schultern, die Ärmel waren derb hochgekrempelt, sodass die feinen Schrammen und alten Narben auf ihren Unterarmen sichtbar lagen. Sogar den obersten Knopf ihrer Hose hatte sie gelockert, die Haltung bewusst nachlässig, die Schultern leicht hängend – das Schauspiel einer Person, die nichts zu verlieren hatte, tief im Sumpf der Unterwelt steckte und der die Welt schlichtweg egal war.
      Der beiläufige Kommentar über die „entfernte Cousine“ und den Inzest hallte noch immer in ihren Ohren nach. Freya verog keine Miene. Kein Muskelzucken, kein Augenrollen, kein vorschnelles Durchatmen. In einem Raum voller Kreaturen, die Angst und Unsicherheit wie frisches Aas riechen konnten, war jede unbedachte Reaktion ein Todesurteil. Dass sie unter diesem Deckmantel eingeführt wurde, war vulgär und dreist, aber es funktionierte: Es passte perfektem ins Bild einer verkommenen Zweckgemeinschaft. Auch der flüchtige, warme Druck der Hand beim Durchschreiten des Portals war längst wieder der gewohnten Kälte gewichen. Ob das Papier in den Flammen geendet war oder nicht, spielte in dieser Sekunde keine Rolle mehr. Hier ging es ums Überleben und um das Ziel.
      Cora maß Freya mit einem Blick, der schwer wie Blei auf den Schultern lag. Die Dämonin besaß keine der klischeehaften, verkrüppelten Flügel oder ausladenden Hörner, aber ihre Präsenz war massiv, unerschütterlich wie eine urtümliche Mauer aus Granit. Die schwieligen, breiten Hände der Barkeeperin wuschen ein Glas ab, dessen Schmutzrand durch die Prozedur nur noch dunkler zu werden schien. Neben ihr bewegte sich die Leiche des Mannes in stumpfem, mechanischem Rhythmus, wobei bei jeder Bewegung eine leise Fahne von Moder durch den Schankraum zog.
      Freya schob sich ein Stück näher an den klebrigen Tresen, stützte einen Ellbogen auf das dunkle Holz und sah Cora direkt in die gelblichen, pupillenlosen Augen. Sie verbarg die kühle, analytische Berechnung einer Jägerin hinter einem müden, fast gelangweilten Blick.
      „Eine Seele, die vor etwa drei Wochen den Übergang gemacht hat“, begann Freya. Ihre Stimme klang etwas tiefer und rauer als gewöhnlich, geprägt von dem verbliebenen Rauch in ihrer Kehle. „Kein kleiner Fisch, kein zufälliges Opfer, das in einer dunklen Gasse verblutet ist. Ein Händler. Hat sich zu Lebzeiten mit schmutzigen Artefakten der vierten Ebene über Wasser gehalten und dachte, er könnte seinen Pakt einfach aussitzen.“
      Sie machte eine kurze, wirkungsvolle Pause, schielte beiläufig zu dem verwesenden Barkeeper hinüber, der träge ein fettiges Tuch über die Anrichte zog, bevor sie ihren Blick wieder vollkommen auf Cora richtete. Die Geräuschkulisse der Bar – das feiste Lachen eines niederen Dämons im Hintergrund, das Klirren von schwerem Glas und das dumpfe Poltern eines umstürzenden Stuhls – wurde von ihr nur als Hintergrundrauschen wahrgenommen.
      „Der Name zu Lebzeiten tut nichts zur Sache, den behalten die wenigsten da unten sonderlich lang“, fuhr Freya fort, während sie das Kinn leicht anhob. „Aber das Zeichen auf seinem Astralleib ist spezifisch. Ein geplatztes Auge, tief eingebrannt auf dem linken Schulterblatt, verflucht durch ein rohes Siegel des Brechers. Er hat kurz vor seinem Ableben eine Lieferung unterschlagen – eine Schatulle aus Obsidian, verschlossen mit veralteter Blutmagie. Er war gierig, und diese Gier hat ihn hierher gebracht.“
      Ganz automatisch, aber völlig unauffällig, ließ Freya ihre Hand in die Nähe ihrer Jackentasche gleiten. Nicht, um die Waffe zu ziehen, sondern um die beruhigende, eisige Kälte des versteckten Kalteisens durch den dicken Stoff zu spüren. Es war ein rasend schmaler Grat. Ein einziges falsches Wort, ein zu präziser Fachbegriff aus den Archiven der Jäger, und die Aufmerksamkeit der umstehenden Scheusale würde sich wie ein Schwarm hungriger Piranhas auf sie stürzen.
      „Wir wissen, dass er nicht in den tiefen Gruben der Hauptebene gelandet ist“, schloss Freya ihren Satz ab, während die Tonlage ihrer Stimme absichtlich Gleichgültigkeit vorspiegelte. „Dafür war sein Einfluss noch zu frisch und seine Substanz zu wertvoll. Jemand aus diesem Bezirk hat ihn abgefangen, bevor die Richter der Unterwelt ihre Finger an ihn bekommen konnten. Er wurde weitergereicht. Als Pfand, als Bezahlung für ein lokales Gefallen-Netzwerk oder als Druckmittel.“
      Cora hielt in ihrer schabenden Bewegung inne. Das nasse Tuch in ihrer Hand hörte auf zu reiben und tropfte mit einem gleichmäßigen, leisen Geräusch auf den Tresen. Die Augen der Dämonin verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen. Der Verwesungsgeruch des stummen Gehilfen schien für einen Moment noch intensiver zu werden, als sich die Luft zwischen ihnen merklich verdichtete.
      „Ein Auge auf der Schulter“, wiederholte Freya ohne jedes Zögern. „Ein Händler mit Verbindungen zu den Barrieren. Wir wollen nicht seine alten Verfehlungen aufdecken oder seine Schulden bei irgendwelchen Gläubigern eintreiben. Wir wollen lediglich den aktuellen Aufenthaltsort seiner Essenz – beziehungsweise den Namen desjenigen, der ihn zurzeit verwahrt. Und wir kommen nicht mit leeren Händen. Es gibt einen Finderlohn, der für das Geschäft hier unten durchaus von Nutzen sein dürfte.“
      Freya griff langsam in ihre innere Jackentasche und zog ein kleines, faltbares Stück Pergament heraus, das sie flach auf das feuchte Holz legte. Sie ließ die Fingerspitzen darauf ruhen, ohne den Bogen ganz freizugeben. Es war kein heiliges Relikt und keine Schriftrolle, die Alarm schlagen würde, sondern eine präzise Aufzeichnung von zwei unbewachten Zugängen zu den oberen Tunneln der Stadt – Informationen, die in den niederen Rängen der Unterwelt wie reine Hartwährung gehandelt wurden.
      „Das sind die Rahmenbedingungen“, sagte Freya ruhig, während sie Coras unbewegliches Gesicht fixierte. „Die Frage ist nur, ob du den Namen des Käufers kennst – oder ob wir den Weg über die Auktionshäuser im Ostviertel gehen müssen. Was für alle Beteiligten nur unnötigen Lärm bedeuten würde.“
    • Cora starrte Freya aus stumpfen Augen an. Es war nicht abzulesen, ob sie ihr glaubte oder nicht, ob sie einen Verdacht hatte oder nur ihrem Geschäft nachging; ihrer Aura war nichts abzulesen. Nora war etwas nervös, entspannte sich aber wieder, als die Dämonin den Blick auf den Umschlag senkte. Sie musste Freya eingestehen, dass sie das wirklich gut machte. Die Jägerin war keineswegs aus der Fassung zu bringen, dafür, dass sie eine der wenigen Menschen im ganzen Raum war. Und sie verhielt sich auch noch wie eine richtige Dämonin, mit der starren Miene und dem gelangweilten Auftreten. Nora war stolz auf sie.
      "Ein Auge auf der Schulter", wiederholte Cora stumpf. Sie beäugte den Umschlag, aber nachdem Freya die Finger nicht wegnahm, sah sie wieder auf. "Sagt mir nichts. Was ist an der Seele so besonders?"
      Eine Lüge, natürlich. Nora hätte von einer Schwester nichts anderes erwartet.
      "Dass er mit Artefakten gedealt hat", sagte Nora mit einer Spur von Ungeduld. "Die Schatulle. Wir wollen an die Schatulle kommen."
      "Achja? Was ist da drin?"
      "Nichts, was dich zu interessieren braucht, Cora, mein Herz", säuselte Nora.
      Cora schnaubte einmal und stellte das Glas endlich beiseite, das sie die ganze Zeit geputzt hatte. Dann nahm sie das nächste und fing von vorne an.
      "Ihr seid aber extra zu mir gekommen. Das scheint mir schon interessant zu sein."
      "Wir sind nur gekommen, weil du die Leute kennst. Ich brauch dich nicht, Cora. Ich habe auch noch Seggar und Drornak und Blonaahul. Die können mir auch weiterhelfen und dann geht der Preis eben an sie." Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern.
      Cora verengte die Augen ein wenig, dann sah sie zurück auf den Umschlag. Die Gier war ihr auch anzusehen, ohne dass sich ihre Aura rührte.
      "Und ihr wollt nur den Namen haben? Das ist alles?"
      "Ja."
      Cora dachte nach, dann legte sie Glas und Tuch beiseite.
      "Schön. Machen wir einen Handel und ich sag ihn euch."
      "Wunderbar."
      Nora legte die Hand flach auf den Tresen und unter ihren Fingern bildete sich ein Blatt Papier mit einer schönen, verfluchten Schrift bedruckt. Ein Vertrag, ein dämonischer, der nur mit Blut zu besiegeln war. Doch Cora schüttelte zu ihrer Überraschung den Kopf.
      "Nicht mit dir. Ich will einen mit dir machen", und sie sah dabei Freya an. "Wie ist noch gleich dein Name?"
      Nora wurde wieder nervös. "Das ist Freya."
      "Ich meine ihren Beschwörungsnamen und nicht ihren menschlichen."
      Scheiße. Beschwörungsnamen konnte man sich nicht ausdenken, sie waren direkt mit der Hölle verbunden. Wenn man sie aussprach, konnte man das Ebenbild aus der Unterwelt spüren, wie es in die Oberwelt überschwappte. Cora musste den Namen nur einmal in den Mund nehmen, um zu wissen, dass er nicht echt war.
      Das war eine Schwachstelle, die sie nicht ausmerzen konnten. Nora hatte einfach nicht damit gerechnet, dass Cora nicht mit ihr handeln wollen würde. Sie musste das irgendwie zurecht biegen.
      "Sie macht keinen Handel mit dir, sie hat schon einen mit mir. Das Risiko läuft über mich."
      "Hm." Cora lehnte sich auf den Tresen. "Dann habe ich kein Interesse daran."
      "Was?"
      "Ich lebe davon, die Leute zu kennen. Dich habe ich hier schon oft genug gesehen, Ree - Nora, aber sie nicht. Ich will einen Handel mit dir und nur mit dir. Wie ist dein Name?"
      "Äh..."
      "Außer, du hast keinen?"
      Nora hatte plötzlich das Gefühl, dass die Bar stiller geworden war. Sie sah zur Seite und begegnete dem Blick eines Dämonenpaares, das - angelockt von Coras Aufwallen ihrer Aura - zu ihnen herüber starrte. Ein Wolf in der Nähe hob den Kopf und schnüffelte mit seiner menschlichen Nase. Ein Vampir entblößte die Zähne und sah dann zu ihnen herüber. Nora fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so sicher.
      "Also?", sagte Cora ruhig und legte ihrerseits die flache Hand auf den Tisch. Ein Papier erschien, beschrieben von verfluchter Schrift, und unten stand ihr Beschwörungsname. Takash. Die andere Seite wies eine Lücke auf.
      "Wie ist dein Name?"
    • Die plötzliche Stille, die sich wie Mehltau über den vorderen Bereich der Bar legte, war fast greifbar. Das leise, schlurfende Geräusch der Schritte des untoten Barkeepers verstummte, das raue Lachen an den Nebentischen verebbte zu einem gefährlichen Whispern, und sogar die betörende Melodie der Sirene auf der Bühne verlor für einen Moment ihren schwungvollen Rhythmus. Sämtliche Augenpaare – von glühendem Rot über tiefes Schwarz bis hin zu den raubtierhaften Pupillen des Werwolfs – richteten sich auf die Stelle am Tresen, an der das Schicksal der beiden Frauen auf Messers Schneide stand.
      Inmitten dieser eisigen, von Bedrohung aufgeladenen Atmosphäre regte sich bei Freya nicht ein einziger Muskel der Anspannung. Keine Schweißperle auf der Stirn, kein nervöses Zucken der Mundwinkel, kein beschleunigter Atemzug. Stattdessen glitt ein kühles, fast schon spöttisches Grinsen über ihre Züge. Es war kein unsicheres Lächeln, sondern das arrogante, überlegene Schmunzeln einer Kreatur, die sich der eigenen Macht nur allzu bewusst war und die plumpe Provokation einer niederen Dämonin lediglich amüsant fand.

      Nora konnte naturgemäß nicht ahnen, mit welch ausgeklügelten Methoden die Jägergilde seit Jahrzehnten im Verborgenen operierte. In den tiefsten Katakomben des Hauptquartiers existierte eine hochspezialisierte, streng geheime Abteilung für Infiltration und verdeckte Ermittlungen. Diese Einheit pflegte seit Generationen pragmatische, wenn auch hochgefährliche Abkommen mit zwei oder drei sehr spezifischen Niederdämonen – Wesenheiten, deren Hauptfähigkeit in der perfekten Nachahmung von Auren, Aussehen und magischen Signaturen lag. Durch diese verbotenen Pakte war es der Gilde gelungen, komplexe Rituale und gefälschte Beschwörungsidentitäten zu entwickeln. Sie erschufen perfekt konstruierte „Schatten-Namen“, die tief in den magischen Strömungen der Unterwelt verankert waren, um Undercover-Agenten eine funktionierende Identität in der Hölle zu verleihen.

      Ein solcher Schatten-Name war keineswegs eine bloße Erfindung. Er war ein meisterhaft gewobenes Konstrukt aus alter Magie, Blutelementen verfeindeter Dämonensippen und komplexer Täuschung. Für einfache Scans, Aura-Prüfungen und flüchtige Kontakte reichte diese Tarnung problemlos aus, um selbst erfahrene Kreaturen an der Nase herumzuführen. Doch ein rechtskräftiger, mit Blut besiegelter Dämonenvertrag war eine völlig andere Liga. Ein Pakt griff tief in das Wesen der Seele ein, forderte echte spirituelle Substanz und verankerte sich in den Grundfesten der Existenz. Es war ein monumentales Pokerspiel: Sollte Cora die magische Signatur des Namens zu gründlich prüfen oder die verfluchte Schrift das Konstrukt als hohl entlarven, würde die gesamte Illusion mit einem Schlag in sich zusammenbrechen. Dann stünde Freya nicht nur als Mensch, sondern als Jägerin entblößt da – mitten im tiefsten Raubtiergehege der Unterwelt.

      Doch Freya ließ sich die schwere Last dieser Gewissheit nicht im Ansatz anmerken. Die Ausbildung der Gilde hatte ihr beigebracht, dass Furchtlosigkeit der beste Schild gegen Dämonen war. Sie stützte sich mit beiden Händen auf die klebrige Kante des Tresens, lehnte sich ein Stück weiter vor und blickte Cora direkt in die pupillenlosen, gelblichen Augen. Das spöttische Grinsen auf ihren Lippen wurde breiter, getragen von einer gelassenen Selbstverständlichkeit.
      „Du hast wirklich Mut, Cora“, begann Freya, und ihre Stimme klang seidenweich, durchdrungen von einer dunklen, leicht rauen Note, die perfekt zu der gespielten Dämonennatur passte. „Oder einfach nur eine sehr große Portion Einfältigkeit. Du glaubst tatsächlich, dass ein Name, der in den tiefen Archiven der unteren Ebenen gefürchtet wird, einfach so auf einem billigen Stück Bar-Pergament verkleckert werden sollte?“
      Sie hielt den Blick der Barkeeperin standhaft gedreht, ohne dass ihre Wimpern auch nur einmal zuckten. In ihrem Inneren rief sie das jahrelang eingeprägte Muster ab, rief das feine, magische Artefakt auf ihrer Haut an, das die fremde Dämonensignatur speicherte, und ließ die dunkelste, kälteste Resonanz zu, die das Konstrukt herzugeben vermochte. Eine Welle künstlicher, aber beklemmend echter Höllenmagie flammte für den Bruchteil einer Sekunde in ihrer unmittelbaren Umgebung auf – nur ein kleiner Funke, gerade genug, um die Schaulustigen im Raum mit einer eisigen Fröstelwelle zurückweichen zu lassen.
      Der Vampir am Nebentisch fauchte leise und wandte den Blick ab, während der Werwolf knurrend eine Krokodilsträne der Enttäuschung verschluckte und seine Schnauze wieder in sein Bierglas steckte. Die Neugier der Bar war fürs Erste gedämpft; die Kreaturen spürten, dass hier etwas verhandelt wurde, das ihre Gehaltsklasse weit überstieg.

      Freya richtete sich langsam wieder auf, schüttelte schmunzelnd den Kopf und griff nach der Kante des Beschwörungsvertrags, den Cora auf den Tisch gelegt hatte. Ihre Finger überflogen die flammenden, verfluchten Lettern des Namens Takash.

      „Wenn du unbedingt meinen Beschwörungsnamen auf deinem wackligen Papier stehen haben willst, um dein kleines Ego zu füttern, bitte“, sagte Freya kühl und zog mit flüssiger Bewegung einen langen, schlanken Dolch aus dem Futter ihrer Jacke. Die Klinge war nicht aus Kalteisen – das hätte sie sofort verraten –, sondern aus dunklem, geätztem Obsidian, wie er in den oberen Höllekreisen gebräuchlich war. „Aber wir machen das nach meinen Regeln. Keine Fußnoten, keine versteckten Klauseln über meine Seele. Ein reiner Informationstausch: Die Details zur Schatulle und zum Aufenthaltsort der Seele gegen die Bestätigung, dass die Zugänge in der Oberwelt zwei Wochen lang ungestört bleiben.“
      Sie setzte die Schärfe der Klinge an die Kuppe ihres linken Zeigefingers an. Ein winziger Schnitt genügte, und ein dunkler, fast schwarzer Blutstropfen trat hervor – das Ergebnis einer chemisch-magischen Tinktur, die sie vor dem Betreten der Bar geschluckt hatte, um ihr rotes, menschliches Blut temporär einzufärben.
      Cora beobachtete jede einzelne Bewegung der Jägerin mit argwöhnischem Blick. Die Dämonin spürte die Bedrohung, aber die schiere Arroganz und die kalte Abgebrühtheit, mit der Freya auftrat, schienen ihre verbleibenden Zweifel fürs Erste zu zerschlagen. Kein Mensch, kein unechter Dämon würde mit einer solchen Gleichgültigkeit an einen blutigen Pakt herangehen. Gier und das Verlangen nach Macht überwogen Coras Misstrauen.

      Freya beugte sich über das Pergament. Mit der blutigen Fingerkuppe zeichnete sie die komplexen, geschwungenen Runen des gefälschten Beschwörungsnamens in die vorgesehene Lücke des Vertrages.

      Vesh’Kalaer

      Der Name brannte sich in das Papier ein. Ein leises Zischen stieg auf, begleitet von einem Hauch von verbranntem Horn und einer dunklen, purpurfarbenen Rauchfahne. Das gefälschte Konstrukt der Gilde griff in die Magie des Pergaments: Die in der Tinte gebundene Dämonenenergie der Partner-Agentur reagierte auf den Pakt und fraß sich tief in das Papier. Es entstand eine Resonanz, die verblüffend echt wirkte. Das Pergament begann leicht zu vibrieren, während sich die Magie des Namens mit Coras Signatur verwob.

      Freya hielt den Atem an, während ihre äußere Miene völlig unbewegt blieb. Das war der kritische Moment. Wenn Cora nun die Hand auf das Dokument legte, um die magische Tiefe des Namens exakt zu analysieren, würde sie die dünne, künstliche Struktur hinter der Fassade bemerken. Ein Dämon, der sein Handwerk verstand, konnte die Echtheit einer Seele im Vertrag spüren, wenn er sich darauf konzentrierte.
      Doch Freya gab der Barkeeperin gar nicht erst die Zeit, den Pakt gründlich zu sezieren. Noch bevor der Rauch sich vollends verzogen hatte, schlug die Jägerin ihre flache Hand hart auf das Dokument, unterbrach den Fluss der Magie mit einem dominanten Gestus und schob das Papier mit einem verächtlichen Lächeln zu Cora hinüber.
      „So. Dein Name, mein Name, versiegelt durch Blut“, sagte Freya mit schneidender Schärfe in der Stimme, während sie sich beiläufig das Blut von der Fingerkuppe an ihrer Cargohose abwischte. „Du hast deinen Pakt, Takash. Und jetzt hör auf, meine Zeit zu verschwenden und liefere ab. Wo ist die Seele, und wer hält das Siegel der Schatulle?“

      Cora zuckte kurz zusammen, als die flache Hand auf den Tresen knallte. Ihre Augen verengten sich, während sie auf das rauchende Papier starrte. Die Anwesenheit des Namens Vesh’Kalaer schien die Dämonin für den Moment genug zu beeindrucken – oder zumindest ihre Vorsicht zu betäuben. Sie legte ihre breite, schwielige Hand auf das Pergament, kassierte die Magie ein und ließ den Vertrag in einer kleinen, schwarzen Flamme in der Luft vergehen.
      Der Handel war geschlossen. Die Illusion hatte standgehalten. Freya nahm ihr Glas, nahm einen tiefen Schluck des brennenden, scheußlichen Dämonengebräus, ohne mit der Wimper zu zucken, und sah Cora auffordernd an. Das spöttische Grinsen weichte einem kalten, geschäftsmäßigen Ausdruck, während sie auf die Antwort wartete, für die sie ihr Leben auf eine einzige Karte gesetzt hatte.
    • Nora hätte nicht die gewusst, wie die Situation zu lösen war. Darauf bestehen, dass sie ihren Namen auf den Vertrag setzte, sicherlich, aber Cora war nicht dumm. Sie musste jetzt schon misstrauisch sein, dass Nora sich so sehr ins Rampenlicht zu stellen versuchte. Wie lang, bis sie den Braten roch? Bis sie womöglich darauf bestand, Freyas Aura zu sehen?
      Doch zu Noras größter Überraschung zögerte Freya nicht. Sie antwortete zwar mit derselben Hochnäsigkeit, die sie auch im Flur an den Tag gelegt hatte - ein Zeichen dafür, dass die Jägerin wieder am Werk war - aber dann zog sie einen Dolch heraus und ritzte sich den Finger auf. Nora hielt die Luft an; das würde der Moment sein, an dem sie aufgeflogen waren. Die Vampire würden das menschlich-göttliche Blut riechen und würden sich auf sie stürzen wie zum letzten Abendmahl. Das würde es gewesen sein.
      Aber der Tropfen, der aus Freyas Finger quoll, war ganz und gar nicht menschlich. Er hatte den dunklen Ton eines Dämonen und dieselbe Dickflüssigkeit.
      Nora schielte zu den nahen Vampiren hinüber, diejenigen, die vor einem Moment schon aufmerksam geworden waren. Sie sah, wie einer von ihnen die Nasenflügel aufblähte und sich dann zu ihnen umdrehte. Sein Blick fiel punktgenau auf Freyas Finger, doch dann verzog er das Gesicht und wandte sich angeekelt wieder ab. Dämonenblut. Wie hatte Freya es schaffen können, ihr Blut wie das eines Dämons wirken zu lassen? Nora würde hinterher mal ein eindringliches Gespräch mit ihr führen müssen.
      Sie sah dabei zu, wie Freya ihren Finger platzierte und dann beobachtete sie die nächste Unmöglichkeit des Abends: Sie las den Namen, den sie schrieb. Vesh'Kalaer. Sie spürte die Hölle, wenn sie an ihn dachte.
      "Vesh'Kalaer", las Cora laut. Auch sie musste nach dem Beigeschmack der Hölle suchen und ihn auch finden. Nora beobachtete ihr Gesicht ganz genau. "Ich kenne dich nicht. Wann wurdest du erschaffen? Wann bist du auf die Erde gekommen?"
      "Halt deinen Teil des Handels ein", zischte Nora, die nicht lang genug darauf warten wollte, dass Cora den Trug durchschaute. Cora sah sie an und in ihren Augen funkelte es wütend.
      "Es ist mein gutes Recht, es zu erfahren. Das hier ist immernoch meine Bar und ich möchte wissen, mit wem ich meine Geschäfte abschließe. Also, woher kommst du?"
      "Gib uns den Namen und wir sind weg!"
      "Nein. Wer hat hier gerade unterschrieben? Mit wem habe ich Teile meiner Seele getauscht?"
      "Eine Tochter Mammons", fauchte Nora schließlich, die es nicht mehr aushielt. "Genauso wie ich."
      Cora starrte sie an, einen Moment lang. Dann sagte sie ruhig:
      "Falsch."
      Und plötzlich brach die Bar in Chaos aus.
      Ein Wolf erhob sich aus der hinteren Ecke, ein Türsteher, wie Nora wusste. Er war groß und gewaltig, seine menschliche Form bereits einem Bär ähnelnd, und er ließ seinen Nacken knacken. Seine Hände wurden plötzlich länger, seine Beine kürzer und er verwandelte sich, inmitten der Tische, wo jetzt andere Wesen und Gestalten davonsprangen. Nun war es allerdings so, dass eine Ansammlung an Wesen verschiedenster Arten niemals lange friedlich miteinander konnte. Die Bar hatte regelmäßig ihre Schlägereien, die auch in Toten endeten, wodurch es nicht überraschend war, dass ein Vampir einen Wolf anfauchte, der gegen ihn gestolpert war, und eine Ecke weiter zwei Dämonen, die zuvor in eine erhitzte Diskussion vertieft waren, plötzlich nach der Hölle griffen und ihren Tisch in furchtbare Dunkelheit tauchten. Das einzige Problem jetzt war, dass inmitten all dieser Kreaturen eine halbe Gottheit stand und wenn sie das rausbekamen, würde sich das ganze Chaos mit einem Mal gegen Freya wenden.
      "Runter!", schrie Nora und riss Freya vom Tresen weg. Nur einen Augenblick später knallte es vor ihnen und das Holz ging in schwarzen Flammen aus.
      Leute fingen an zu schreien, zu schlagen und zu beißen. Irgendwo wurden Schusswaffen betätigt, jemand kreischte in einer Todesqual, die einem die Haare zu Berge stehen ließen. Höllengeflüster untermalte die Kulisse, als wären sie auf dem Weg in den Abgrund.
      Nora zog ihre eigene Waffe und sah sich hektisch nach allen Seiten um. Auch sie zog die Hölle in sich auf und hörte sogleich das Kreischen und Brüllen jener, die bereits in einen Kampf verwickelt waren, in ihrem Kopf. Sie biss die Zähne zusammen und tauchte ihre Hände ins Jenseits.
      Cora hatte sich hinter die Bar geduckt, zweifellos um eine Waffe zu nehmen, die Leiche stand jetzt unbeweglich neben ihr. Noch während Nora aber hinsah, beobachtete sie, wie die Leiche sich plötzlich abwandte und mit mechanischen Schritten auf eine Tür zuging.
      "Die Leiche!", rief Nora Freya über den Lärm zu und schoss auf einen Vampir, der durch die Luft gesegelt kam. Das Wesen riss den Mund in Qualen auf und stürzte zu Boden, um sich dort zu winden. Der Türsteher-Wolf bahnte sich derweil einen Weg zu ihnen hindurch, jetzt in seiner vollen, monströsen Gestalt. So ein Vieh konnte nicht einmal Freya aufhalten, nicht in diesem Chaos.
      "Halt die Leiche auf!", schrie Nora, in Gedanken bei der Liste, die Thor ihr gegen hatte. Die Leiche war als Coras Schwäche ausgezeichnet worden. Sie wusste zwar noch nicht, was das bedeutete, aber sie plante, diese Schwäche auszunutzen.
    • Das schrille Brüllen des Wargs und das splitternde Holz berstender Tische versanken im Lärm einer entfesselten Unterwelt. Während um sie herum das blanke Chaos ausbrach, schaltete Freyas Verstand mit erschreckender Präzision in den Kampfmodus um. Keines der Wesen hier unten durfte begreifen, dass eine Jägerin unter ihnen war; jeder Schlag, jede Bewegung musste den Stempel der Hölle tragen oder vollkommen lautlos geschehen.
      Der Gestaltwandler-Wolf rammte mit der Masse eines Güterwagens durch zwei niedere Kobolde, die gurgelnd unter seinen Pranken begraben wurden. Freya wartete nicht ab, bis das Ungetüm seine Aufmerksamkeit vollends auf sie richtete. Statt zu versuchen, die Bestie frontal zu blocken – was selbst mit ihren Kräften einen fatalen Schockwelle-Effekt in der Aura erzeugt hätte –, nutzte sie die gewaltige Wucht des Angreifers.
      Als der Wolf nach ihr schnappte, duckte sich Freya weg. Ihre Knie schrammten über den von billigem Fusel spiegelnden Holzboden. Mit einer fließenden, fast katzenhaften Bewegung glitt sie unter den feuchten, nach Verwesung stinkenden Kiefern des Wargs hindurch. Sie stieß sich mit einer Hand am Boden ab, nutzte den Schwung der Vorwärtsbewegung und wirbelte hinter dem Rücken des Monsters wieder empor. Noch bevor der Wolf sich umdrehen konnte, rammte sie ihm die schwere Ferse ihres Stiefels von hinten in die Kniekehle, um ihn aus der Balance zu bringen, und katapultierte sich über den nächsten umgestürzten Tisch hinweg.
      Ihre Wendigkeit war in diesem Gedränge ihre stärkste Waffe. Wo andere Kreaturen mit roher Gewalt versuchten, sich den Weg durch die tobende Bar zu bahnen, bewegte sich Freya wie ein Schatten durch die Lücken der wogenden Leiber. Ein niederes Dämonenwesen mit schuppiger Haut und langen Greifklauen trat ihr in den Weg; Freya griff nach dem Handgelenk der Kreatur, nutzte deren eigenen Impuls und schleuderte sie direkt in die Arme eines wütenden Vamiprs, der gerade die Zähne entblößte. Bevor die beiden Raubtiere begriffen, wer sie aneinandergedreht hatte, war Freya bereits an ihnen vorbeigeschlüpft.
      Ihr Blick blieb starr auf das eigentliche Ziel gerichtet: den verwesenden Leichnam.
      Das Konstrukt bewegte sich erschreckend schnell für ein totes Gewebe, das nur noch von Coras dunkler Magie zusammengehalten wurde. Der Knecht steuerte zielstrebig auf die schwere, beschlagene Holztür im hinteren Bereich des Schankraums zu – zweifellos der private Rückzugsort oder das Lager der Barkeeperin, wo vertrauliche Dokumente, Geheimnisse oder der eigentliche Kern ihrer Macht aufbewahrt wurden. Dass die Leiche im größten Chaos dorthin flüchtete, bewies, dass sie als Coras verlängerter Arm agierte.
      Ein fliegender Hocker verfehlte Freyas Kopf nur um Haaresbreite und schlug an der Wand hinter ihr in tausend Splitter. Der Rauch des Dämonenkrauts, den sie vorhin geraucht hatte, lag noch immer wie ein dunstiger Schleier auf ihren Lungen, doch das Adrenalin jagte durch ihre Adern. Sie durfte keine göttliche Magie wirken, keine Lichtrunen entfesseln, die ihre Identität sofort verraten hätten. Es zählte nur rohe, menschliche Akrobatik, gepaart mit der Perfektion jahrzehntelangen Nahkampftrainings.
      Mit zwei weiten Sprüngen überwand sie die brennenden Trümmer eines Barhockers. Ein weiterer Dämon versuchte, sich ihr von der Seite anzunähern, die Finger zu tödlichen Sichelklauen gekrümmt. Freya wich dem Hieb mit einer leichten Drehung des Oberkörpers aus, packte den Hinterkopf der Kreatur und knallte das Gesicht der Bestie ungerührt auf die Kante der hölzernen Bar. Ohne auch nur den Rhythmus zu verlieren, setzte sie ihren Lauf fort.
      Während sie sich der Tür näherte, glitt ihre Hand wie von selbst an die Halterung an ihrem linken Unterarm. Ein kurzes, mechanisches Klacken ertönte, als ein Verriegelungsmechanismus nachgab. Das Langmesser – eine schlanke, extrem scharfe Klinge aus dunklem, gehärtetem Stahl mit fein eingravierten, nicht-magischen Blutrinnen – glitt lautlos aus dem versteckten Lederfutter in ihre Handfläche. Die dunkle Beschichtung der Klinge reflektierte nicht das Flackern der schwarzen Flammen im Raum; das Messer war genau für solche Zwecke geschmiedet worden: um im Verborgenen rasche, tödliche Fakten zu schaffen.
      Die Leiche hatte die Klinke der hinteren Tür bereits erreicht. Ihre verknöcherten, grauen Finger schlossen sich um das Eisen, um das Holz aufzustoßen.
      Freya stoß sich mit aller Kraft vom Boden ab. Der Sprung war präzise berechnet, eine Bewegung von absoluter Dynamik. Sie flog regelrecht durch die verbliebene Distanz im Korridor, überholte den Schatten der Totenstarre und landete kurz vor der Schwelle.
      Noch im Flug wirbelte sie herum. Die Klinge ihres Langmessers blitzte im trüben Licht der Unterwelt auf. Mit einem dumpfen, nassen Geräusch schnitt der gehärtete Stahl durch das welke Fleisch und die morschen Sehnen des rechten Arms der Leiche. Der Hieb war so sauber geführt, dass der Arm samt Hand, die noch immer die Türklinke umklammert hielt, mit einem leisen Klatschen auf den feuchten Dielenboden fiel.
      Der Wandelnde gab keinen Laut von sich – ein Wesen ohne Schmerzempfinden, gesteuert nur von Coras distantem Willen. Er drehte den Kopf, dessen Haut an der Wangenpartie weit herunterhing und den blassen Kiefernknochen freilegte, langsam zu Freya um. Die trüben, milchigen Augen fixierten sie ohne jeden Ausdruck.
      Bevor das Konstrukt seine linke Hand erheben konnte, um Freya wegzustoßen oder magische Impulse von Cora zu empfangen, setzte die Jägerin nach. Sie nutzte den Schwung ihres Sprungs, wirbelte um die eigene Achse und trieb die Stiefelsohle ihrer rechten Cargohose mit voller Wucht gegen den Brustkorb des Leichnams. Das nasse, morsche Brustbein gab knirschend nach. Der Stoß schleuderte die feindliche Hülle rückwärts durch die halbgeöffnete Tür.
      Freya setzte sofort nach und glitt durch den Spalt hinterher. Die Tür schlug hinter ihnen ins Schloss und sperrte den wüstesten Lärm der Schlägerei für einen Moment ab, auch wenn das Poltern und Brüllen durch das dicke Holz noch immer wie ein dumpfes Gewitter dröhnte.
      Sie waren in einem dunklen, engen Hinterraum gelandet, der nach altem Pergament, getrockneten Kräutern und starker, süßlicher Magie roch. Der Leichnam lag auf dem Rücken, versuchte jedoch bereits mit mechanischer, unnatürlicher Kraft, sich wieder aufzurichten. Die Sehnen im Hals der Leiche spannten sich grotesk an.
      Freya gab dem Konstrukt keine zweite Chance. Sie trat vor, wirbelte das Langmesser in ihrer Hand herum, sodass die Spitze nach unten zeigte, und trieb die dicke Klinge mit ihrem gesamten Körpergewicht mitten durch das Brustbein der Leiche tief in den Holzboden hinein.
      Der Körper zuckte einmal heftig zusammen. Ein tiefes, schwarzes Sekret schoss aus der Wunde und besudelte das Holz. Freya drehte die Klinge im Boden um neunzig Grad, um die verbliebenen magischen Verbindungen im Nervensystem der Hülle endgültig zu zertrennen. Die Arme des Leichnams erschlafften, das milchige Auge erlosch vollkommen. Die Puppe war deaktiviert.
      Freya kniete über der reglosen Hülle, ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig durch die Nase, trotz der enormen physischen Anstrengung. Das Adrenalin pulsierte in ihren Schläfen, doch ihre Augen wanderten bereits gierig und aufmerksam durch den schummrigen Raum. Sie hatte das Werkzeug der Barkeeperin neutralisiert – nun galt es herauszufinden, was diese Leiche so dringend beschützen sollte, bevor Cora merkte, dass ihre Puppe nicht mehr reagierte, oder die Dämonen die Tür durchbrachen.
    • Der Wolf kam und beide Frauen stoben in andere Richtungen davon. Der Wolf hatte es zunächst auf Freya abgesehen - offenbar der Quell allen Übels in seinen Augen - und so blieb Nora ein Moment, um sich zu orientieren. Ein Dämon stolperte gegen sie und versuchte sie hinab in die Hölle zu ziehen, doch Nora riss sich los und schlug mit einer flammenden Faust nach ihm. Er wich aus, doch als er zum Gegenangriff ansetzte, riss ihn ein Vampir um. Die beiden kugelten sich auf dem Boden.
      Nora wirbelte herum zu Cora, die jetzt eine Schrotflinte hinter der Bar vorgezogen hatte. Ihr blieb gerade genug Zeit, die eigene Waffe zu heben, da betätigte Cora den Abzug und das Schrot explodierte. Es traf Nora im Bauch und schleuderte sie mit einer Wucht nach hinten, die ihr die Füße unter dem Körper wegriss. Der Schmerz war allerdings nur körperlicher Natur, dafür spürte Nora die Runen in ihren Taschen brechen. Die dämonische Macht in den Kugeln war groß genug gewesen, um beide Runen auf einmal bersten zu lassen.
      Sie fiel inmitten einer Gruppe von Wölfen, riss sogleich ein Portal auf und schubste drei hinein, deren Schreie immer leiser wurden. Sie glaubte, dass sie blutete; ihr Bauch brannte unangenehm und sie konnte eine gewisse Nässe spüren. Aber es blieb keine Zeit, es zu überprüfen - ihrem Körper würde es gut gehen. Sie musste dafür sorgen, dass ihr Geist auch unbeschadet blieb.
      Sie rangelte kurz mit einem Wolf, der mit ausgeprägten Zähnen nach ihr schnappte und konnte ihre Waffe noch einmal abschießen. Dann stolperte sie aus dem Trubel hinaus und sah Freya, die es zur Leiche geschafft hatte. Und gleichzeitig sah sie Cora, die Freya erblickte und ins Visier nahm.
      "Nein!"
      Nora war zu weit, um etwas zu unternehmen. Freya würde sie auch nicht hören, nicht auf diese Distanz. Stattdessen streckte sie die Hand aus und riss die Realität entzwei.
      Coras Schrotflinte knallte durch die Luft, begleitet von einer kleinen Rauchwolke, doch die Schüsse landeten alle in dem schwarzen Loch, das sich direkt hinter Freyas Körper aufgetan hatte. Coras Kopf schnellte herum und als ihre schwarzen Augen auf Nora trafen, spürte sie ein Ziehen, als wolle sich ihr Geist aus ihrem Körper lösen.
      Takash war mächtig, sehr mächtig sogar. Mächtig genug, um die Bar auf der Erde am Laufen zu halten und sie nicht an andere, machthungrige Wesen zu verlieren. Das hier würde kein einfacher Kampf wie Nico werden, das hier würde eine Herausforderung sein. Doch Nora musste sie nur aufhalten, bis Freya die Leiche hatte.
      Sie stürmte vorwärts. Cora richtete die Waffe wieder auf sie und plötzlich schien sich die Luft um Nora herum zu verdicken, die Stimmen der Hölle schienen lauter zu werden, alles schien sich zusammenzuziehen. Coras Augen glühten, erfüllt von unsagbarer Macht, die Nora zu verschlingen drohte. Sie setzte an.
      Es war keine gute Idee, hier drinnen einen Höllenhund zu beschwören, das würde nur in einem Massaker enden. Genauso wenig konnte Nora den Trick von gerade eben noch einmal machen und die Kugeln in einem Loch verschwinden lassen, denn Cora würde vorbereitet sein. Noch weniger besaß sie die unnatürliche Schnelligkeit eines Vampirs, um den Kugeln auszuweichen. Stattdessen öffnete sie ein Loch und fiel selbst hinein.
      Über ihr, in der Realität, krachte Coras Waffe. Holz splitterte von den Wänden, irgendjemand schrie, entweder von der Waffe oder von etwas anderem. Um sie herum tobte die Hölle.
      Nora riss die Hand nach oben und konnte sich gerade noch am Rand des Portals festhalten. Scheiße. Hier hineinzufallen würde sie in die Hölle sperren, bis sie wieder beschworen wurde und das konnte noch Tage dauern. Außerdem würde sie nicht auf direktem Weg in die Bar zurückkommen, sondern nur über die menschliche Seite. Sie durfte Freya nicht alleine lassen!
      Sie knurrte, biss die Zähne zusammen und zog sich raus. Die Hölle übte eine Anziehungskraft auf wie ein Strudel, einmal berührt wollte sie sie nicht wieder loslassen. Nora kämpfte dagegen an, gegen den Sog, der sie nach unten reißen wollte, kämpfte mit ihrem ganzen Körper und ihrem Geist an. Über ihr erschien ein Gesicht, das kurz neugierig hinab starrte, aber dann war es auch schon wieder im Getümmel verschwunden. Nora schrie und hievte sich über den Rand hinaus zurück in die Realität.
      Sie schnappte nach Luft und keuchte, ihre Muskeln brennend wie von einem ganz besonders schlimmen Muskelkater. Sie richtete sich auf.
      Und sah, dass Leiche und Freya verschwunden waren. Allerdings hielt Cora zielgerichtet auf die Tür zu, Nora vergessen.
      Nora strampelte auf die Füße, wurde von dem umliegenden Gefecht wieder umgeworfen, stürzte nach vorne. Sie rappelte sich auf und rannte, vorbei an dem Wolf, der von zwei Vampiren angegriffen wurde, vorbei an einem Tisch, der durch die Luft geschleudert wurde. Cora riss die Tür auf und Nora warf sich auf sie.
      Die beiden Frauen krachten zu Boden. Nora konnte gerade noch sehen, wie Freya die Leiche umbrachte - wenn man das so nennen konnte - da packte Cora sie am Hals und ihre Vision verschwamm. Sie sah Mammon, noch deutlicher als bei Nico, noch viel furchteinflößender, die glühenden Augen nur auf Nora gerichtet. Er beugte sich zu ihr hinab, wie um sie zu packen, wie um sie zu fressen, wie um sie zu zermatschen. Nora schrie und schlug um sich, spürte, wie sie Coras Gesicht erwischte, auch wenn sie es nicht sehen konnte.
      "Fah- Fick dich, Miststück!"
      Mammon packte sie plötzlich, seine Hand gewaltig, und drückte zu. Nora schnappte nach Luft, konnte nicht atmen, ihre Brust schmerzte. Sie schlug und kratzte um sich, griff nach einem Höllenportal, ohne zu wissen, wo sie es überhaupt öffnen sollte. Mammon hob sie hoch und öffnete seinen gewaltigen Schlund.
      Die Leiche. Nora erinnerte sich an eine Leiche. Was war mit der Leiche?
      "Freya!"
      Sie konnte sie nicht sehen. Aus Mammons Schlund drangen schwarze Flammen hervor, die ewigen Feuer. Nicht die ewigen Feuer. Bitte nicht, nicht die ewigen Feuer. Nicht die ewigen Feuer! Sie zappelte, warf sich gegen Mammons Griff so gut sie konnte, während sie gleichzeitig spürte, wie ihr die Lebensenergie entwich. Takash war verdammt mächtig.
      Was war mit der Leiche?
      "Das Herz!", schrie sie und wollte die Augen verschließen vor dem grauenvollen Anblick, der sich ihr bot. "Schneid das Herz heraus!"
      Plötzlich verschwanden Mammon und sein Griff. Nora wurde beiseite geworfen und schnappte nach dringend benötigter Luft, ihre Sicht unscharf, alles um sie herum drehend. Doch selbst jetzt zwang sie sich auf die zitternden Knie, als Cora sich aufrichtete, den Blick auf Freya fixiert. Freya, die gerade erst dabei war, den Dolch noch einmal in die Brust der Leiche zu jagen.
      Nora griff ins Jenseits. Das Portal öffnete sich und sie zog die schwarze Dämonenklinge hervor, die Nico zuvor schon benutzt hatte. Doch im Gegensatz zu Nico, diesem Amateur, schwang sie sie nicht nur in der Wirklichkeit, sie schwang sie auch im Jenseits. Eine doppelseitige Klinge mit der sie sich auf Cora stürzte.
      Cora riss ihre Schrotflinte hoch. Metall krachte auf Metall und Funken explodierten, während lauter winzige Runen auf Coras Schrotflinte aufleuchteten. Natürlich. Doch Nora musste sie nur so lange aufhalten, bis Freya das Herz herausgeschnitten hätte.
      Sie schlug auf Cora ein mit ungetrüber Energie, kämpfte gegen die eigene Schwäche an, gegen die Muskeln, die allesamt brannten, gegen das Blut auf ihrem Bauch, gegen ihren gepeinigten Geist. Ihre Augen waren erfüllt von tausend dämonischen Feuern, während sie wie ein Bollwerk zwischen Freya und Cora stand.
      Und dann hatte Freya das Herz endlich draußen.
      Es war gar kein Herz, sondern vielmehr ein Kristall, dunkel, sauber geschliffen, von einer unbeschreiblichen Schönheit. In seinem Inneren glänzte ein dunkles Etwas, das zu wabern schien.
      Coras Anker.
      Kaum hatte Freya ihn draußen, schlug Cora Nora zurück und wich einen Schritt zurück. Sie schnaufte, wenigstens ein bisschen, doch ihr Blick hing an ihrem Anker. Zerstörte man den Anker, beförderte man Cora direkt in die Hölle zurück. Und sobald Cora die Welt verlassen würde, so glaubte Nora, würde ein anderer Dämon diese Bar an sich reißen.
      Sie keuchte schwer und lehnte sich vornüber. Das Schwert fiel zurück in ein Loch und war wieder weg. Ihre Knie zitterten, weil sie immernoch Mammons Präsenz vermutete.
      "Zerstör es nicht", keuchte sie an Freya gewandt. "Ich will ihn behalten. Den Anker."
      "Einen Scheiß wirst du, Khaxhiu", fauchte Cora, doch sie kam nicht näher, um den Anker zurückzuholen. "Ich werde nicht eine deiner Vasallen werden!"
      "Ich fürchte, du hast gar keine andere Wahl, Takash."
      Sie richtete sich langsam erst wieder auf.
      "Sag uns den Namen, dann zerstören wir den Anker nicht und du darfst auf der Erde bleiben. Deine Bar behalten. Und manchmal, wenn du mir die Informationen gibst, die ich von dir haben möchte, werden wir ihn auch nicht zerstören. So einfach ist es."
      Cora sah düster von einer zur anderen. Die Waffe lag noch immer in ihren Händen und wenn sie wollte, sie könnte sie vermutlich alle beide erschießen in diesem engen Raum, in dem es keinen Ausgang gab. Doch sie tat es nicht. Sie starrte nur und erschoss sie nicht.
      "Niram Mortom hieß er", sagte sie schließlich tonlos. "Das Siegel seiner Schatulle war von Loki."
      "Loki?", sagte Nora und wollte kein Wort davon glauben. "Loki verwendet keine Blutmagie."
      "Ich interessiere mich nicht für Götter und was sie tun oder nicht tun", sagte Cora und spuckte auf den Boden. "Ich sage nur, was Fakt ist."
      Nora sah sie einen Moment lang an, dann sah sie zu Freya zurück.
      "Sie lügt nicht."