Die Rosen der Finsternis [Shio & Tristale]

    • Lucien


      Die ersten Getränke wurden in Windeseile zubereitet und auf den Tabletts abgestellt. Es fühlte sich beinahe so an als würde er das schon sein ganzes Leben lang machen. Jeder Handgriff saß perfekt, jede Bewegung mit dem Shaker fließend. Es schien ihn keine Mühe zu machen die Bestellungen nach und nach abzuarbeiten und auch Taylor schien zufrieden mit ihm zu sein. Immer wieder blickte er zu ihm und lächelte ihn freudig an. Schließlich sollte er es nicht bereuen Lucien eingestellt zu haben.
      Nach einer Weile trat der Lockenkopf aus dem Aufenthaltsraum und Lucien bemerkte das sich etwas in ihrem Gesicht verändert hatte. Eine leichte Röte umspielte ihre Wangen und ein sanftes Lächeln zog über ihre Lippen. Er verfolgte sie mit seinem Blick bis sie von einer anderen Kollegin abgefangen wurde. Diese schien sehr glücklich und aufgeregt zu sein. Wohlmöglich hatte sie einen guten Start in den Tag. Anders wie bei ihm… Immer noch konnte er an manchen Stellen den Schmerz spüren, zwar nur noch leicht aber er war da.
      Lucien wandte den Blick wieder von den beiden Frauen ab und widmete sich seiner Arbeit, denn es war ihm wichtiger die Menschen hier drinnen glücklich zu machen als wenn er sich den Kopf über seine Probleme zerbricht. Er bereitete ein paar Obststücke vor für die Cocktails. Mit einer routinierten Handbewegung schnitt er mit dem Messer das Obst klein und füllte es anschließend in die nebenstehenden Behälter. „Wow noch nie habe ich jemanden gesehen der das Obst in gleich große Stücke schneidet.“ Taylor spähte über seine Schulter und Lucien musste wieder leicht schmunzeln. „Ich bin wohl leider ein kleiner Perfektionist.“ „Das sieht man. Einen Besseren für diesen Job könnte ich wirklich nicht haben.“ Er klopfte ihm sanft auf die Schulter und wandte sich wieder von ihm ab. Diese Worte trafen ihn dort, wo er schon lange nichts mehr so richtig gefühlt hatte. In ihm kam ein Gefühl von glücklich sein auf und es fühlte sich auf eine Art und Weise sehr gut an. In seinem früheren Leben war er immer glücklich und strahlte über beide Ohren. Er steckte die Menschen mit seiner Freude nahezu an, doch jetzt ist da nur noch wenig von übrig geblieben. Dennoch war er nicht komplett emotionslos wie die anderen Vampire. Er fühlte alles einfach nicht mehr ganz so stark wie früher. Bevor er jedoch in seinen Gedanken komplett versank, drang eine Stimme in seine Richtung die er seit gestern am liebsten ständig hören würde. Er richtete seinen Kopf auf und blickte in die Augen von Alice. „Eine Cola kommt sofort.“ Eh er sich wieder in ihrem Blick verlierte bereitete er die Cola zu und legte noch eine Zitronenscheibe mit hinein. „Hier bitte schön.“ Er reichte ihr das Glas und beugte sich ebenfalls ein Stück weit über die Theke.
      Aufmerksam hörte er ihr zu und er war dann ein wenig überfordert mit ihrer Aussage. Ein gemeinsames Frühstück mit allen anderen? In seinem früheren Leben hätte er sofort ja gesagt, doch heute waren die Dinge ein wenig komplizierter. Er zögerte einen Moment und dachte darüber nach. Auf einer Seite wollte er sie nicht enttäuschen, auf der anderen Seite wäre es viel zu riskant für ihn in der Öffentlichkeit unter Menschen zu sein. Da er ständig beobachtet wird. Hier in der Bar war es anders. Hier drinnen wird sich kein anderer Vampir verirren und seine Eltern wissen darüber Bescheid das er eine Arbeit hat. Auch wenn sie nicht davon begeistert waren. Aber seine Freizeit mit ihnen zu verbringen war gefährlich.
      Er konnte ihren Blick auf sich spüren und sah sie wieder an. „Ich überlege es mir. Danke für die Einladung.“ Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen. „Ach und was das andere betrifft habe ich mich schon entschieden. Ich werde hier bleiben.“ Ein Arm schlang sich um ihn. „Vor dir steht der beste Barkeeper seit langem“, sprach Taylor zu Alice. „Jetzt übertreib nicht. Ich mache nur meinen Job.“ „Sei nicht so bescheiden. Schau dich um. Es sind ein paar neue Gäste gekommen. Anscheinend hat es sich herum gesprochen das ein neuer gutaussehender Barkeeper in der Bar arbeitet.“ Und tatsächlich kamen immer mehr Menschen in die Bar darunter auch viele Frauen, die kicherten und ihre Blicke auf Lucien warfen. „Sag ich doch einen besseren wie dich gibt es nicht.“ Taylor löste den Arm wieder von ihm und Lucien blickte ihm verdutzt hinterher. War er wirklich der Grund dafür das die Bar immer voller wurde? So richtig konnte er es nicht glauben und sah wieder zu Alice. „Dann sollten wir uns mal an die Arbeit machen um die neuen Gäste nicht zu vergraulen.“ Er zwinkerte ihr zu.

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    • Sie konnte gar nicht anders, als Lucien lächelnd zu beobachten, wie er nach einem Glas griff, um ihr etwas von der Cola einzuschenken. "Danke", sagte sie leise, nahm das Glas entgegen und trank einen Schluck. Kurz darauf lud sie ihn auf ihre kleine Feierabend-Frühstücksrunde ein. Doch als Lucien meinte, er würde es sich nochmal überlegen, spürte sie einen kleinen Stich. Sie ließ es sich nicht anmerken, aber ein Teil von ihr hatte gehofft, dass er sofort zusagen würde. Sie war sich unsicher gewesen, ob er überhaupt Lust darauf hatte, und hatte nicht einschätzen können, ob er ihre Einladung mochte. Eigentlich hatte sie sich gedanklich schon auf eine Absage vorbereitet, aber es traf sie trotzdem mehr, als es sollte. "Alles gut", sagte sie mit einem kleinen, ehrlichen Lächeln. "Du kannst es dir ja spontan überlegen, ob du möchtest oder nicht. Niemand wird hier gezwungen.". In diesem Moment tauchte Taylor neben ihm auf, und Alice erinnerte sich an den Gedanken, den sie schon gestern gehabt hatte: gutaussehende und freundliche Barkeeper, egal ob Mann oder Frau, zogen die Menschen förmlich an. Und offenbar hatte es sich unter den Damen schnell herumgesprochen, dass die Bar nun endlich einen neuen Barkeeper hatte. Alice sah sich kurz um. Einige der Gesichter erkannte sie von gestern wieder. Nur waren sie diesmal nicht allein, zusätzliche Freundinnen saßen an den Tischen, schielten zur Bar und kicherten, als Alice den Blick über den Raum schweifen ließ. Es war offensichtlich, worüber sie tuschelten. Ein kleines, amüsiertes Kopfschütteln, und trat ein Stück zur Seite, um Platz für neue Bestellungen zu machen. Ihr Blick glitt unwillkürlich wieder zu Lucien, nicht lange, nur ein kurzer Moment, bevor sie sich wieder den Gästen zuwandte. Und trotzdem blieb der Gedanke in ihr hängen, sie konnte es den Frauen nicht verdenken. Sie wäre blind, wenn sie nicht selbst sehen würde, dass Lucien ein attraktiver Mann war. Groß, mit einem markanten, ruhigen Gesicht, das sofort auffiel. Sein volles, dunkles Haar war perfekt geschnitten, ohne dass es gewollt wirkte, eher so, als würde es einfach von selbst gut liegen. Und genau in diesem Moment traf sie ein Gedanke wie ein Blitz. Natürlich. Entweder war er ein echtes Arschloch oder ein Glücksgriff und demnach vermutlich längst vergeben. Ihr Blick wanderte wieder zu Lucien und schlagartig musste sie an ihr Buch denken, das sie heute noch weitergelesen hatte. Sie war inzwischen im dritten und letzten Band angekommen, der Geschichte eines Vampirs, der im mittelalterlichen Europa durch Intrigen, alte Fehden und verbotene Bündnisse navigierte. Die Welt war düster, voller Geheimnisse, Burgen, Nebel, Blutlinien und uralter Magie. Und die letzte Szene, die sie gelesen hatte... ließ ihr jetzt wieder die Hitze in die Wangen steigen. Der Vampir hatte sich der Menschenfrau erneut genähert, jener Frau, die er eigentlich nicht hätte aufsuchen dürfen. Seit Jahren verband die beiden ein Geheimnis, verborgen vor ihrem Clan, vor seiner Sippe, vor allen Regeln, die ihnen auferlegt worden waren. Sie waren zusammen, trotz allem, trotz der Gefahr. In der Szene war er in der Nacht in ihr Schlafgemach gekommen. Leise, lautlos, wie ein Schatten, der sich durch die alten Steinflure der Burg bewegte. Die Atmosphäre war mittelalterlich, rau, voller Kerzenlicht und kaltem Mauerwerk. Die Autorin hatte beschrieben, wie er an ihrem Bett stand, wie er sie ansah, wie er sich ihr näherte, obwohl er es nicht durfte und obwohl jeder Schritt gegen die Gesetze seiner Welt verstieß. Alice hatte beim Lesen unwillkürlich den Atem angehalten. Die Intensität, die Nähe, die verbotene Verbindung zwischen den beiden, es war so lebendig geschrieben. Jetzt, da sie wieder zu ihm hinübersah, kam der Gedanke zurück. Der Protagonist, der Vampir, sah genauso aus wie ihr neuer Kollege... Sie schüttelte innerlich den Kopf über sich selbst, versuchte, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, doch ihr Herz schlug ein kleines bisschen schneller, als sie Lucien hinter der Bar sah.
      Und dass Lucien davon sprach, dass sie sich wieder an die Arbeit machen sollte, kam ihr genau richtig. Sie musste die Flucht ergreifen und zwar schnell. "Da hast du recht. Und ich hab wieder einen Kuchen mitgebracht, der steht auf dem Tisch", sagte sie, zwang sich zu einem kleinen Lächeln und drehte sich sofort um, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, Taylor freute sich wie immer über ihr Gebäck, beschwerte sich aber im gleichen Moment, weil er gerade nicht die Zeit hatte, nach hinten zu verschwinden. Sie ging zügig in Richtung ihrer Gäste und nahm direkt die erste Bestellung auf.

      Der anfängliche Abend lief geschmeidig vor sich hin. Immer wieder kamen neue Gäste, andere gingen, manche blieben länger als geplant. Es war nicht ganz so überlaufen wie gestern, aber der Abend hatte auch erst begonnen, und Alice wusste, wie schnell sich das ändern konnte. Im Laufe der nächsten Stunde sah Alice immer wieder auf ihr Handy und jedes Mal wurde ihr Bauch ein Stück schwerer. Es explodierte vor Nachrichten.Nicht von Freundinnen oder von der Familie. Von ihrem Ex. Nachricht um Nachricht, teils lang, teils kurz, manche wütend, manche entschuldigend, manche völlig wirr. Sie schob das Handy jedes Mal schnell weg, bevor sie sich zu sehr hineinziehen ließ. Doch die Unruhe blieb in ihr hängen wie ein Knoten. Irgendwann verschwand sie mit Sophie kurz in den Aufenthaltsraum. Sophie hatte sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte, und Alice hatte ihr das Handy gezeigt. Die beiden standen eine Minute schweigend da, während Sophie die Nachrichten überflog und dann nur ein genervtes, fast schon schützendes "Oh Gott, Alice..." murmelte. Als sie wieder herauskamen, wirkte Sophie leicht aufgebracht, während Alice versuchte, ruhig zu bleiben. Doch sie hatten keine Zeit, sich weiter damit zu beschäftigen, die Arbeit rief und beide tauchten wieder in den Baralltag ein. Alice merkte, wie ihr Puls sich langsam beruhigte und die Routine sie wieder einfing. Wie die Gespräche mit Gästen, das Klirren der Gläser, das Summen der Bar sie wieder erdete. Und trotzdem, jedes Mal wenn sie eine neue Nachricht erhielt und das Handy vibrierte, kam die Unruhe wieder zurück.
      Alice versuchte konzentriert weiter zu arbeiten, nahm Bestellungen auf, brachte Getränke, lachte mit Gästen und half Sophie, wo sie konnte. Der Abend lief eigentlich ruhig, fast angenehm. Und obwohl ihr Handy immer wieder vibrierte, blieb es in ihrer Schürze. Sie wollte es nicht ansehen. Nicht jetzt und nicht hier. Der Druck war da, ein leises Ziehen in der Brust, aber sie schob es weg. Als sie später wieder an die Bar kam, um ein Tablett mit leeren Gläsern abzustellen, stand Lucien allein dort und sortierte Gläser. "Und? Hast du eigentlich schon meinen Kuchen probiert? Wenn du nicht schnell genug bist, dann wird Taylor den allein vernichten.", sagte sie mit einem amüsierten Grinsen.
    • Lucien

      Ihr plötzlicher Aufbruch war ihm nicht entgangen. Ebenso wenig die Veränderung, die danach über Alice gekommen war. Etwas war passiert, etwas, das sie mit aller Kraft zu verbergen versuchte. Lucien kannte diesen Blick. Dieses kurze Abdriften, wenn die Gedanken längst an einem anderen Ort waren, während der Körper einfach weitermachte. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie darauf anzusprechen. Doch noch bevor er sich dazu durchringen konnte, meldete sich die Stimme in seinem Kopf. Lass es. Er presste die Lippen aufeinander. Je näher er ihr kam, desto komplizierter wurde alles. Und genau das durfte nicht passieren. Alice durfte nicht zu jemandem werden, um den er sich sorgte. Zu jemandem, dessen Nähe er suchte, obwohl er wusste, dass es besser wäre, Abstand zu halten. Leise seufzte er und ließ den Blick auf ihr ruhen, während sie zwischen den Tischen verschwand, um die nächsten Bestellungen aufzunehmen. Schließlich wandte er sich ab. Ein kurzer Atemzug, ein kräftiger Stoß gegen die Theke und er zwang sich zurück an die Arbeit. Immer wieder gingen neue Getränkebestellungen ein. Gläser klirrten, Stimmen vermischten sich mit gedämpfter Musik und dem gelegentlichen Lachen der Gäste. Eigentlich war es ein ruhiger Abend.
      Eigentlich. Denn Lucien konnte dieses Gefühl nicht abschütteln, das irgendwas mit Alice nicht stimmte. Immer wieder wanderte seine Aufmerksamkeit zu ihr. Und jedes Mal bemerkte er dasselbe. Sobald sie glaubte niemand würde sie beobachten, griff sie nach ihrem Handy. Eine Nachricht und dann noch eine. Wohlmöglich ihr Freund. Der Gedanke kam so unvermittelt, dass er selbst davon überrascht war. Seine Finger schlossen sich fester um den Shaker.
      Ein unangenehmer Stich durchzuckte seine Brust, so plötzlich und scharf, dass ihm beinahe das Gefäß aus der Hand rutschte. Gerade noch rechtzeitig fing er es auf. Er starrte einen Moment auf den Shaker, als könnte dieser ihm erklären, was gerade mit ihm los war. Reiß dich zusammen. Er zwang sich weiterzumachen. Hör auf, an sie zu denken.
      Vielleicht war es tatsächlich besser so. Wenn Alice vergeben war, gab es wenigstens eine klare Grenze. Eine, die er nicht überschreiten konnte. Eine, hinter der er sicher war. Dann musste er sich nur noch davon abhalten, sich in ihren grünen Augen zu verlieren sobald sie ihn ansah. Ein schwieriges Unterfangen, wie er inzwischen feststellen musste, denn ihr Blick zog ihn magisch an. „Lucien? Ist alles in Ordnung?“ Taylors Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf. Taylor musterte ihn besorgt.
      „Du wirkst plötzlich ziemlich blass.“ Der Schwarzhaarige schüttelte leicht den Kopf.
      „Mir geht es gut. Ich habe mich nur nicht genug ausruhen können.“ Taylor schien ihm nicht ganz zu glauben, ließ es aber dabei bleiben. „Das ist nach der ersten Schicht und bei einer neuen Arbeit ganz normal. Da kommt der Kopf kaum zur Ruhe.“ Lucien nickte. „Da hast du wohl recht.“ Taylor wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Lucien hingegen blieb mit seinen Gedanken allein. Er versuchte, sich auf die Gläser vor sich zu konzentrieren. Auf die Bestellungen. Auf alles, was nichts mit Alice zu tun hatte.
      Es funktionierte genau so lange, bis sie gemeinsam mit ihrer Kollegin im Aufenthaltsraum verschwand. Etwas in ihm spannte sich an. Sein Blick wanderte zur Tür. Warum? Er wusste es selbst nicht.
      Vielleicht war es Instinkt. Vielleicht einfach nur dieses ungute Gefühl, das sich bereits den ganzen Abend in seinem Magen festgesetzt hatte. Minuten vergingen. Nichts. Dann ging die Tür auf. Alices Kollegin kam etwas aufgebracht heraus. Kurz darauf erschien Alice.
      Und obwohl sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen entging Lucien die Veränderung nicht.
      Ihre Schultern wirkten angespannt. Ihr Gesicht war blasser als zuvor. Was ist passiert? Seine Finger kribbelten. Er wollte zu ihr gehen. Sie fragen, was los war. Doch was hätte er sagen sollen? Hat dein Freund dir geschrieben?
      Allein der Gedanke daran ließ etwas in ihm unangenehm ziehen. Er konnte sie unmöglich einfach fragen ob sie einen Freund hatte. Und selbst wenn was ging ihn das überhaupt an? Nichts. Absolut nichts. Sie war ein Mensch und er ein Vampir.. ihre Leben waren verschieden und würden nie zu einander finden… Dennoch bemerkte er, dass Alice ihr Handy inzwischen kaum noch beachtete. Als würde sie sich mit aller Kraft dagegen wehren, überhaupt hinzusehen. Sie trug ihre Maske wieder. Ein Lächeln, das nicht ganz ihre Augen erreichte. Eine lässige Bewegung, als wäre alles vollkommen normal. Doch Lucien hatte inzwischen gelernt genauer hinzusehen da er die Menschen immer wieder beobachtete.
      In den kurzen Momenten in denen sie sich unbeobachtet fühlte fiel diese Maske.
      Nur für einen Herzschlag. Aber es reichte aus damit er es sah. Und genau das war das Problem. Er konnte nichts dagegen tun. Er durfte sich nicht in ihr Leben einmischen. Schon gar nicht, wenn er damit alles riskierte…
      Also blieb ihm nichts anderes übrig, als so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Etwas später ließ Taylor ihn für eine Weile allein. Der erste Andrang hatte nachgelassen und die meisten Gäste waren bereits versorgt. Lucien nutzte die Ruhe um die Gläser zu spülen. Eines nach dem anderen. Dann stellte er das nächste saubere Glas zurück an seinen Platz. Er wollte gerade nach dem nächsten greifen, als er innehielt.
      Alice hatte ein großes Tablett auf der Theke abgestellt mit leeren Gläser. Seine Aufmerksamkeit war sofort bei ihr.
      Sie sagte etwas zu ihm und für einen kurzen Moment zogen sich seine Mundwinkel nach oben. „Dann habe ich meine Chance wohl vertan“, meinte er und deutete mit einem leichten Schulterzucken in Richtung Aufenthaltsraum. „Ich glaube, Taylor ist vorhin dorthin gegangen.“ Dann stellte er das Glas zurück und beugte sich ein Stück zu ihr hinüber.
      „Vielleicht kannst du mir ja eines Tages einen Kuchen backen. Einen, der nur für mich bestimmt ist.“ Kaum waren die Worte ausgesprochen wusste er, dass er damit eine Grenze überschritten hatte. Keine große. Aber eine, die er sich selbst gesetzt hatte. Und trotzdem konnte er es nicht bereuen. Vielleicht wollte er sie einfach nur auf andere Gedanken bringen. „Nur, wenn es dir natürlich nichts ausmacht“, fügte er mit einem kleinen Lächeln hinzu. „Aber lass Taylor nichts davon wissen. Sonst wird er noch neidisch.“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu. Dann nahm er das Tablett an sich, bevor sie etwas erwidern konnte, und begann, die Gläser zu spülen. Beschäftigung. Das war es, was er jetzt brauchte. Etwas, das seine Hände beschäftigte und verhinderte, dass er ständig darüber nachdachte, wie sie gerade aussah. Doch es half nicht. Während er die Gläser abspülte, spürte er ihre Anwesenheit noch immer vor sich an der Theke und er wollte wissen wie es ihr ging. Warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? Wieso zeigte er so plötzlich ein Interesse an ihr? Er stellte das letzte saubere Glas zur Seite und griff nach einem Geschirrtuch. Erst dann hob er wieder den Kopf. Sein Blick traf ihren. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Lucien atmete langsam aus. „Sag mir … wie fühlst du dich?“ Seine Stimme war leiser geworden. Er zögerte kurz bevor er weiter sprach. „Ich konnte sehen, dass du heute ein wenig nachdenklicher wirkst als gestern.“ Kaum waren die Worte ausgesprochen fragte er sich bereits ob er zu weit gegangen war. Vielleicht hatte er sich geirrt. Vielleicht wollte sie gar nicht darüber reden. Und vielleicht würde sie ihn jetzt für einen aufdringlichen Idioten halten, der sie die ganze Zeit beobachtete. Oder schlimmer noch … für einen Stalker. Allein bei dem Gedanken hätte er sich am liebsten selbst gegen die Stirn geschlagen.

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    • "Entweder du hast noch etwas Glück und er ist heute in guter Laune und lässt euch noch was übrig, oder er verdrückt den Kuchen über die Schicht komplett", sagte Alice lachend. Taylor und Kuchen, das war ein eigenes Kapitel. Wenn man nicht schnell war, war der komplette Kuchen nach zwei, drei Stunden einfach weg. Vernichtet, als hätte ein Tornado aus Sahne und Schokolade ihn mitgenommen. Sie grinste noch, als plötzlich eine Bemerkung von Lucien kam, mit der sie absolut nicht gerechnet hatte. Alice starrte ihn an. Ihr Gehirn schaltete für einen Moment komplett ab. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte und ihr Mund war schneller als ihr Verstand. "Ähm... natürlich", stammelte sie, und innerlich hätte sie sich dafür am liebsten selbst geohrfeigt. Was war das für eine Antwort? Sie räusperte sich, suchte verzweifelt nach irgendeiner Form von Rettung und fügte schnell hinzu: "Zum Geburtstag bekommt jeder von mir einen." Super, Alice. Ganz toll. Wunderbar. Das klang ja überhaupt nicht nach nervösem Gestammel. Um ihre Hände irgendwie zu beschäftigen, griff sie nach ihrem Glas und nahm einen Schluck von ihrer Cola, die sie immer bei ihren Kollegen an der Bar stehen ließ. Der Zucker half nicht wirklich, aber er gab ihr wenigstens etwas zu tun. Sie stellte das Glas wieder ab, atmete einmal tief durch und versuchte, sich wieder zu sammeln.
      Dass er sie dann auch noch fragte, wie sie sich fühlte, brachte sie völlig durcheinander. Er hatte es bemerkt? Benahm sie sich wirklich so neben der Spur? Oder hatte er sie beobachtet? Alice stellte das Glas langsam wieder ab. Ihre Finger lösten sich erst nach einem Moment vom kühlen Glasrand. Sie sah es an, als könnte die Cola ihr sagen, was sie antworten sollte. Ohnehin war jetzt nicht der richtige Moment, ihm irgendetwas zu erzählen. Und sie wusste nicht einmal, ob sie es überhaupt wollte, von ihrem Ex, von allem, was passiert war. Das war ein Kapitel, das sie nicht einfach so zwischen Tür und Angel. "Nichts Wichtiges", tat sie das Thema schnell ab und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. "Ich hab einfach ein bisschen zu wenig geschlafen." Sie räusperte sich, suchte nach einer halbwegs glaubwürdigen Ergänzung. "Und meine Eltern sind gerade im Urlaub, sie schicken mir ständig Fotos und Updates. Deswegen schau ich dauernd aufs Handy.". Es war nur ein Teil gelogen. Ihre Eltern waren tatsächlich im Urlaub und schickten ihr ständig Fotos und Videos von Sonnenuntergängen, überteuerte Cocktails, irgendwelche Tiere, die ihr Vater unbedingt filmen musste. Nur der Grund, warum sie ständig auf ihr Handy schaute, war es nicht. Dass er sie gefragt hatte, wie sie sich fühlte, hatte sie völlig durcheinandergebracht. Aber trotz allem Chaos in ihr, trotz der Unsicherheit, trotz der Lüge fand sie es irgendwie schön. Und irgendwie tat es gut, dass er überhaupt gefragt hatte. Es war so lange her, dass jemand ihr Empfinden nicht nur nebenbei, sondern wirklich bewusst wahrgenommen hatte. Dass jemand nicht nur sah, was sie tat, sondern auch, wie es ihr dabei ging, diese Art von Aufmerksamkeit war selten geworden. Und vielleicht erzählte sie Lucien irgendwann davon, von ihrem Ex und alles, was passiert ist. Mit einem kleinen Lächeln begann sie das Gespräch dann doch lieber von vorn "Wenigstens kannst du mal ein wenig durchatmen, oder? Heute ist nicht ganz so viel los wie gestern".