Die Rosen der Finsternis [Shio & Tristale]

    • Alice fröstelte leicht, als sie die Tür der Bar hinter sich zuzog. Die Musik dröhnte noch dumpf durch die Wände und ein letzter Lacher hallte über den Gehweg, dann fiel die Nacht wieder in ihre ruhige Stille zurück. Sie war zierlich, fast schmal gebaut, und wirkte in der Dunkelheit noch kleiner, eingehüllt in ihrem langen, dünnen Mantel. Tagsüber war es angenehm warm, aber jetzt um zwei Uhr Nachts kroch die Kälte in jede Falte des Stoffes. Und sie wollte einfach nur nach Hause und, ganz ehrlich, weiterlesen.
      Das Buch lag schon in ihrer Hand, noch bevor sie die Straße richtig betreten hatte. Ihre Finger glitten fast automatisch über den Einband, als hätte sie den ganzen Abend darauf gewartet. Genau an der spannendsten Stelle hatte sie aufhören müssen, genau da, wo der Vampir dem Mädchen zuflüsterte, dass nichts in ihrer Welt so war, wie sie glaubte. Allein der Gedanke daran ließ Alice unruhig mit den Lippen spielen. Endlich konnte sie weiterlesen. Während sie ging, klappte sie das Buch auf, suchte die letzte Zeile und tauchte sofort wieder ein. Ihre Schritte wurden automatisch, fast schlafwandlerisch. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten, wenn sie über eine Stelle stolperte, die sie besonders fesselte, und manchmal hob sie unbewusst eine Augenbraue, als würde sie mit der Geschichte diskutieren und während sie wieder in ihrem Roman versank, bemerkte kaum, was sich um sie herum abspielte.
      Erst als ein leises Geräusch hinter ihr die Stille durchschnitt, hielt sie inne. Sie hob den Kopf und drehte sich um. Die Straße war leer, nur das fahle Mondlicht spiegelte sich auf dem feuchten Asphalt. Nichts und niemand war zu sehen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit, weshalb sie das Buch zuklappte und drückte es an ihre Brust. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihr den Nacken hinauf wie kalter Rauch und unbewusst wurden auch ihre Schritte schneller. Ihre Wohnung war eigentlich nur noch ein paar Minuten entfernt. Dann wieder ein Geräusch, als würden ihr Schritte folgen. Alice fuhr herum, aber wieder nichts, nur die Stille. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie presste das Buch enger an sich, als könnte es sie schützen, und beschleunigte erneut. Ihre Schritte klangen jetzt hastig, fast fluchtartig, und sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Noch eine Ecke. Dann war sie fast da.
      Sie warf einen letzten Blick über die Schulter und prallte im nächsten Moment gegen einen harten Körper. Das Buch rutschte ihr aus den Händen und klatschte auf den Boden.

      Alice Atem stockte. Ihre Augen weiteten sich, als sie in ein Paar dunkelrote Augen blickte. Für einen Moment war alles still. Sie wich instinktiv zurück, stolperte leicht, die Hände tasteten suchend in die Luft, doch der Fremde war schneller. Viel schneller. Eine kalte Hand schloss sich um ihr Handgelenk. "Hey-" setzte sie an, doch er zog sie schon in die schmale Seitengasse. Die Dunkelheit verschluckte sie beide, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.
      "Was-" begann sie, aber seine eiskalte Hand legte sich über ihren Mund. Ihre Augen flackerten, ihre Finger krallten sich in seinen Ärmel, während ihr Rücken gegen die Wand gedrückt wurde. Sein Gesicht war nah, viel zu nah, und doch erkannte sie kaum mehr als diese unnatürlich roten Augen.
      Ihr Atem ging flach, ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch. Sie wollte schreien, aber sein Blick hielt sie wie in einem Bann. Dann hörte sie es. Ein Rascheln, dann Schritte und ein Schatten, der am Eingang der Gasse vorbeihuschte, so schnell, dass sie nur eine verschwommene Bewegung wahrnahm. Die Luft veränderte sich schlagartig. Sie wurde schwerer, kälter, als würde ein unsichtbarer Frost durch die Nacht kriechen. Alice verstand es nicht. Gar nichts davon. Aber sie spürte, dass etwas draußen vorbeiging, das noch viel gefährlicher war als er. Der Schatten blieb einen Moment stehen und die Kälte wurde so intensiv, dass Alice glaubte, ihre Lunge würde gefrieren. Dann war er weg. Einfach verschwunden, genauso wie die kalte Hand an ihrem Mund und damit auch der Fremde. Nur die kalte Luft blieb zurück, die sich langsam wieder erwärmte.
      Alice stand allein in der Gasse, ihr Herz schlug bis zum Hals, und ihre Knie fühlten sich an wie Wasser. Sie sank kurz an die Wand, atmete tief durch und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.


      Dieser Abend ließ sie einfach nicht los. Immer wieder schlich er sich in ihre Gedanken, wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Und egal wie sehr sie versuchte, sich an Details zu erinnern, es blieb alles verschwommen. Selbst als dieser Fremde ihr so nah gewesen war, blieb ihr Kopf leer. Keine klaren Konturen, keine Stimme, kein Gesicht. Nur diese Augen. Diese dunkelroten Augen.
      Solche Augen kannte sie nur aus ihren Romanen, aus erfundenen Welten, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Die Kälte, die von ihm ausgegangen war... diese unmenschliche Schnelligkeit... alles daran erinnerte an die Fabelwesen, über die sie so gern las. Sie musste sich etwas eingebildet haben. Natürlich. Es konnte nicht echt gewesen sein. Vielleicht ein Traum, einer von denen, die sich viel zu real anfühlen.
      Daran wollte sie sich festhalten, wirklich, aber dann sah sie wieder die kleine Schramme an der unteren Ecke ihres Buches. Die Schramme, die erst seit diesem Abend da war. Weil es ihr aus der Hand gefallen war.
      Mit einem leisen, genervten Seufzen schob sie den Gedanken weg und wandte sich dem kleinen Spiegel im Aufenthaltsraum zu.
      Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, richtete sich ein Stück auf und prüfte ihr Outfit. Sie trug ein schwarzes, ärmelloses Top, das durch die zarten Mesh‑Einsätze an den Seiten und am Dekolleté einen modernen, leicht verspielten Look bekam. Der Stoff lag angenehm an, ohne einzuengen, und die transparenten Partien gaben dem Ganzen etwas Leichtes. Dazu hatte sie eine schlichte, gut sitzende Jeans an, bequem genug für eine lange Schicht, aber trotzdem so, dass sie sich darin wohl und selbstbewusst fühlte.
      Ihre Haare, normalerweise fielen sie immer in langen, weichen Wellen bis zur Mitte ihres Rückens, hatte sie heute zu einem lockeren, hohen Zopf gebunden. Ein paar kurze, lockige Strähnen hatten sich bereits gelöst und rahmten ihr Gesicht auf eine unaufgeregte, fast charmant zerzauste Art ein. Sie zupfte eine davon zur Seite, als würde sie versuchen, sie zu bändigen, obwohl sie genau wusste, dass sie spätestens in einer Stunde wieder herausfallen würde. Sie band sich die kurze, schwarze Schürze fest um die Hüften, zog den Knoten noch einmal nach und atmete tief durch.
      Ihre Schicht würde gleich beginnen und irgendwo heute Abend würde das neue Teammitglied auftauchen.Sie wusste nur noch nicht, wann dieser Typ kommen würde.
    • Lucien

      Es war die Nacht, an dem der Mond seinen höchsten Punkt erreichte. Die Jagt war somit eröffnet und kein menschliches Wesen war in diesen Moment sicher. Lucien zog seine übliche Patrouille durch die Stadt Seattle um Vampiren Einhalt zu bieten, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten. Die Nacht war kühler als üblicher Weise und der Vollmond schien in seiner kompletten Pracht über die Stadt. Er sprang von Dach zu Dach und hielt seine Augen offen. Ihm würde nicht einmal der kleinste Fehltritt entgehen. Seine Sinne waren scharf wie ein Rasiermesser und er fühlte sich stärker als eh und je.
      Auf den Straßen war um die Uhrzeit kaum etwas los, doch dann fiel sein Blick auf eine junge Frau, die viel zu tief in das Buch versunken war. Sein Blick verfolgte sie und er näherte sich ihr, ohne das sie etwas davon mitbekam. Wenige Meter hinter ihr konnte er ein Wesen ausmachen, was mächtiger war als er selbst. Es näherte sich der jungen Frau immer mehr. Nicht doch.. Ihm war es strengstens verboten sich in die Angelegenheiten von höher gestellten Vampiren, einzumischen, aber das war ihm egal. Er hielt sich nicht an diese Regelungen. Er wusste das dieser Vampir der Frau nicht nur einen kleinen Tropfen Blut aussaugen würde. Sie wäre die Hauptspeise und das wollte der schwarzhaarige nicht zulassen. Lucien sprang vom Dach hinunter und stellte sich der Frau in den Weg. Ihr kleiner Körper prallte gegen seine harte Brust. Sie fühlte sich im Gegensatz zu ihm sehr warm an. Ohne etwas zu sagen, zog er sie in die Nebengasse und hielt sie verdeckt. Der Duft von ihrem Blut, machte selbst ihn ein wenig hungrig, aber er behielt seinen Durst im Griff. Seine Augen färbten sich dennoch blutrot. Er fixierte sie mit seinem Blick und lauschte den Schritten des anderen Vampires. Sein Körper drückte sich wie ein Schutzschild an sie, seine Hand lag ruhig auf ihrem Mund. Sie sollte kein Laut von sich geben, sich nicht bewegen oder sonst der gleichen tun, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Lucien konnte hören das der andere Vampir an ihnen vorbei zog und das war sein Zeichen ihm zu folgen. Ohne das die Frau ihm Fragen stellen konnte, verschwand er über die Dächer.

      Der mächtige Vampir war für diese Nacht nicht wieder zurückgekehrt und die Frau schien sicher zu Hause angekommen zu sein. Morgen Abend würde er seinen neuen Job antreten, in einer Bar mitten in der Stadt. Er war dankbar für diesen nächtlichen Job, da er kein Sonnenanbeter war. Er liebte diese dunklen Nächte und genoss noch ein paar Minuten der Ruhe, auf der Kirchenspitze.
      Seine Familie war zwar nicht sonderlich davon überzeugt, das er einen menschlichen Job annahm. Aber für ihn war es die Chance, die Menschen noch besser kennenzulernen. Vorher musste er sich noch stärken, doch das tat er nicht hier in seiner Heimatstadt.
      Das Gute an ihm war, das er sich auch von tierischem Blut ernährte und nur ganz selten menschliches Blut kostet.
      Daher führte sein Weg immer in die angrenzenden Wälder, weit weg von der Zivilisation.
      Sobald die Sonne aufging, verschwand er von der Bildfläche und zog sich zurück in das Haus um sich auszuruhen. Vampire schlafen bekanntlich ja nicht, aber Lucien ruhte dennoch auf seinem Bett und schloss die Augen für eine Weile.

      Der Abend rückte in großen Schritten immer näher und er machte sich bereit dafür. Draußen wurde es dunkel und das war das Zeichen, das er auf die Jagt gehen konnte, ohne entdeckt zu werden. Nachdem er gestärkt wieder nach Hause gekommen ist, zog er sich für die Schicht in der Bar um. Er schlüpfte ganz klassisch in eine schwarze Stoffhose und in ein schwarzes Hemd. Nichts aufregendes, aber es war genau sein Stil. So unauffällig wie nur möglich zu sein.
      Die Adresse, wurde ihm per Nachricht zugeschickt und er machte sich auf dem Weg dorthin. Er zog an den Menschen vorbei, die ihm entgegen kamen und niemand von ihnen bemerkte, das er anders war. Vor der Bar stand ein groß gebauter Mann, der anscheinend der Securitytyp war. Er mustere Lucien, doch bevor er etwas zu ihm sagen konnte, trat ein Mann aus der Bar und tauschte ein paar Worte mit dem Typen. Sein Blick ging dann zu ihm und er streckte ihm freudig die Hand entgegen. "Du musst der neue Barkeeper sein?" Lucien nickte nur und reichte ihm ebenfalls seine Hand. Der Mann bat ihm zu folgen und plötzlich schlug ihm die Wärme, der Bar mitten ins Gesicht. Die noch ruhige Welt dort Draußen, wurde durch laut Musik unterbrochen. Sein Blick wanderte durch die Bar. Es waren viele Menschen hier, einige von ihnen waren in Gespräche verwickelte, andere tranken sich die Probleme weg, ein paar tanzten zur Musik auf dem Parkett. Es war eine vollkommene Reizüberflutung für ihn, aber genau das hatte er nicht anders erwartet. Gut das er sich die letzten Wochen darauf vorbereitet hat. Sonst würde die Sache hier nicht gut enden.
      Der Mann führte ihm zu dem Schmuckstück, die große Bar mit einer Theke die einmal komplett herum ging und mitten drinnen stand nun Lucien. Ihm wurde alles erklärt und für den ersten Abend blieb der Mann noch an der Seite von ihm. Falls Fragen aufkamen oder er sich unsicher fühlte. "Ach und bevor ich es vergesse. Wir haben hier ein paar Kellner/innen, die tragen alle schwarze Schürzen, also nicht zu übersehen. Die wirst du nach und nach kennenlernen." Lucien nickte ihm zu und machte sich sogleich an die Arbeit, denn die ersten Bestellungen kamen schon auf ihn zu.
    • Im Aufenthaltsraum war es halbdunkel, und der Bass aus dem Hauptraum vibrierte durch die Wände. Man hörte sofort, dass der Laden schon voll war. Alice hatte ihre Tasche längst im Spind verstaut, die Jacke weggehängt, aber ein paar Minuten gehörten noch ihr.
      Die Obstschale stand wie immer mitten auf dem Tisch und war prall gefüllt. Alice griff ohne hinzusehen hinein, zog einen roten Apfel heraus und drehte ihn kurz zwischen den Fingern, als würde sie überlegen, ob sie wirklich Zeit dafür hatte. Dann zuckte sie mit den Schultern, biss hinein und verzog leicht das Gesicht, weil der Saft ihr fast über die Hand lief und wischte sich im selben Moment mit dem Handrücken die Lippen ab. Mit dem Apfel in der einen Hand schlug sie mit der anderen ihr Buch, und somit die letzten Seiten des Kapitels, auf. Sie ließ sich in den Stuhl sinken, schlug ein Bein über das andere und lehnte sich zurück und gönnte sich noch die wenigen Minuten, die ihr blieben.
      Zumindest bis der Bass stärker wurde, als würde die Bar ihr sagen wollen: Los, komm schon, die Nacht wartet nicht und deine Arbeit noch weniger. Alice blätterte die letzte Seite um, biss den letzten Rest des Apfels ab und nickte zufrieden, dass sie das Kapitel noch geschafft hatte. Dann klappte sie das Buch zu, stand auf und warf den Apfelrest mit einem lockeren Schwung in den Mülleimer. Ihr Buch wanderte zurück in den Spind, den sie mit einem kleinen Klacken zuschloss. Während sie zur Tür ging, band sie sich die Schürze noch einmal fester und strich sich eine Locke aus dem Gesicht, die natürlich sofort wieder zurück fiel. Dann legte sie die Hand auf die Klinke, öffnete die Tür einen Spalt und sofort schlug ihr die volle Atmosphäre entgegen.

      Bar.jpgDie Bar war in warmes, bernsteinfarbenes Licht getaucht, das von den tiefhängenden Pendelleuchten über dem langen Tresen ausging. Dazwischen schimmerten kühle, blaue Akzente, die sich in den Flaschenreihen hinter der Bar brachen und dem Raum dieses vibrierende, moderne Leuchten gaben. Über ihr zogen sich schwarze, offene Rohre entlang, die dem Ganzen einen industriellen Touch verliehen. Der Laden war voll: Menschen an den Tischen, an der Bar, überall Stimmen, Lachen, Gläserklirren. Und kaum hatte sie einen Fuß hineingesetzt, hoben schon die ersten Stammgäste die Hand.
      "Alice! Endlich!", rief einer von ihnen und winkte sie heran. Sofort erhellte sich ihr Gesicht als sie ihre Stammkunden erkannte und ging zu ihrem Tisch. John war wie immer der Erste, der auffiel. Anfang vierzig, groß, breitschultrig, mit einer schwarzen Lederweste über einem ausgewaschenen T‑Shirt, das seine tätowierten Arme freilegte. Der Bart war dicht und dunkel, das Haar etwas länger und nach hinten gestrichen, und auf den ersten Blick hätte man ihn eher vor einer Motorradwerkstatt als an einem Tisch voller Cocktails erwartet. Doch sobald er grinste, wirkte er plötzlich wie der netteste Typ im ganzen Laden. Nick dagegen war das komplette Gegenteil. Schlank, etwas jünger, mit zerzausten, dunkelblonden Haaren, die aussahen, als hätte er sie im Laufen gestylt. Seine runden Brillengläser spiegelten das warme Licht der Bar, und sein Gesicht hatte diese natürliche, fast kindliche Freundlichkeit, die ihn sofort sympathisch machte. "John! Nick! Es hätte mich schon gewundert, euch mal nicht hier zu sehen", neckte sie und tippte John im Vorbeigehen freundschaftlich gegen den Arm. "Wir dehydrieren!", beschwerte sich Nick gespielt dramatisch. "Ach was, wirklich? Das geht absolut gar nicht." sagte sie grinsend "Maple Bourbon Smash und Caipi, richtig?".
      "Du weißt es", sagte John und zwinkerte. "Ich weiß alles", antwortete sie mit einem übertrieben geheimnisvollen Blick, der die kleine Runde zum Lachen brachte. "Ich bin gleich wieder da.".
      Bevor sie zur Bar ging, schnappte sie sich ihr Tablett vom Regal, prüfte kurz und ob die Kellnerkasse besetzt war. Eine Locke fiel ihr prompt ins Gesicht und pustete sie weg, schüttelte leicht den Kopf und grinste über sich selbst. Ehrlich gestanden freute sie sich auf den Abend und alle gut gelaunten Menschen, denen sie hier immer wieder begegnete. Dann drehte sie sich zur Bar, bereit, Taylor anzufahren, weil er garantiert wieder die Limetten vergessen hatte. "Hey Tay-" Der Satz blieb ihr im Hals stecken. Denn hinter der Bar stand nicht Taylor, sondern jemand, den sie noch nie gesehen hatte. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, dann glättete sie sich wieder, als sie merkte, dass sie ihn anstarrte.
      Sie brauchte einen Herzschlag länger, als sie zugeben würde, um sich wieder zu fangen. Doch dann setzte sie ihr freundlichstes, offenes Lächeln auf, trat an die Bar und hob ihr Tablett leicht an, eine Mischung aus Begrüßung und 'Ich arbeite hier, keine Sorge'.
      "Hi", begann sie, "Ich bin Alice. Und du bist... offensichtlich nicht Taylor. Du musst wohl der Neue sein.".
    • Lucien

      Der Typ, der ihn vorhin begrüßt hatte, stellte sich ihm als Tylor vor. Lucien nickte nur knapp und verschaffte sich anschließend einen kleinen Überblick über die Bar. Die Auswahl an Alkohol, Bier, Säften und anderen Getränken war riesig. Hinter ihm türmten sich die Gläser als eine Pyramide auf. Bei Tylor sahs jeder Handgriff zu hundert Prozent. Lucien beobachtete ihn ganz genau, jede Bewegung die er machte, prägte er sich ein. Er nahm ein Messer in die Hand und fing an Limetten und anderes Obst für die Getränke zu schneiden. Jeder Schnitt musste perfekt sein. Niemand mochte krumm geschnittenes Obst in seinem Cocktail. Da der schwarzhaarige ein kleiner Perfektionist war, sollte dies kein Problem darstellen. Taylor sah ihm immer wieder über die Schulter und lächelte ihn immer wieder zu.
      Sein Blick schweifte durch die Bar und es waren schon sehr viele Menschen hier, ein leckeres Festmahl für einen Vampir. Leckeres Blut soweit das Auge reichte. Er hatte sich vollkommen im Griff, seine Beherrschung war faszinierend. Seine Augen blieben goldbraun und verfärbten sich nicht blutrot. Seine Atmung blieb konstant und ruhig. Sein Fokus lag ganz alleine auf der Arbeit hier.
      Doch dann veränderte sich plötzlich die Luft im Raum. Da war wieder dieser unvergleichliche Duft, der ihm die Sinne raubte. Sofort blickte er in die grünen Augen der jungen Frau vor ihm. Ihr Lächeln zog sich über ihr ganzes Gesicht und Lucien schluckte kurz. Ihre Stimme klang wunderschön und blieb wie eine kleine Melodie in seinem Kopf hängen. Er räusperte sich und fing sich wieder, wandte seinen Blick aber nicht von ihr ab. "Nein, ich bin Lucien", seine Stimme klang rauer als beabsichtig. "Freut mich, Alice.." Sein Blick wurde intensiver, aber er versuchte entspannt zu bleiben. Taylor kam auf uns zu und schlang seinen Arm um ihn. "Ahhh ihr habt also schon Bekanntschaft geschlossen. Dieser Typ hier ist unser neuer Barkeeper und wird uns unter die Arme greifen. Bitte sei lieb zu ihm Alice." Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und das entlocke Lucien ein kleines Schmunzeln. Er löste seinen Arm wieder von ihm und machte sich wieder an seine Arbeit. Der schwarzhaarige stützte seine Arme auf dem Tresen ab und musterte sie. "Also was darf es sein?"
      Die Bestellung wurde durchgegeben und er machte sich sofort ans Werk. Für den Maple Bourbon Smash, schnappte er sich den Shaker, nahm ein paar Minzblätter und zerdrückte diese. Anschließend fügte er noch Bourbon, Ahornsirup, Zitronensaft und Bitter hinzu. Dann füllte er den Shaker noch mit Eis, schloss den Deckel und fing an ihn kräftig zu schütteln. In einem Glas, schaufelte er ein wenig Crushed Ice hinein und goss die fertige Mixtur hinein. Er garnierte das Getränk noch mit einer Zitronenscheibe und einem frischen Minzblatt und stellte das Glas auf das Tablett. Nun machte er sich an den Caipi. In einem weiteren Glas, füllte er die bereits vorbereiteten Limettenstückchen hinein, fügte den brauen Rohrzucker hinzu und zerstieß die Limetten, damit der Saft heraustritt. Dann nahm er wieder eine Schaufel voll Eis und füllte es in das Glas. Er drehte sich um und griff dann nach dem Cachaça um das Glas zu füllen. Ein kleines schwarzes Trinkröhrchen, ein Blatt Minze und eine Limettenscheibe am Rand des Glases, vervollständigen das Gesamtbild. Das zweite Glas landete auch auf dem Tablett. "Hier bitte schön." Lucien sah zufrieden mit seiner ersten Bestellung aus und er hoffte den Gästen schmeckten sie auch. Er räumte seinen Arbeitsplatz auf, denn es gab nichts schlimmeres, als am Ende im Chaos zu versinken. Er räumte alles wieder an seinem Platz und wischte mit einem Lappen die Arbeitsplatte ab. Neben Alice gab es auch noch andere Kellner-/innen, die sich ihm nach und nach vorstellten. Er prägte sich ihre Namen sofort ein. David, Phil, Sophie und Fiona. Alle samt unterschiedliche Charaktere. Doch sie hielten den Laden am Laufen und hatten alle ein Lächeln auf den Lippen und behielten den Überblick. Trotz das die Bar fast aus allen Nähten platzte. Lucien polierte gerade die Gläser die zurück gekommen sind und führte weiterhin die Bestellungen aus. Immer wieder erwischte er sich dabei, wie er Alice mit seinem Blick verfolgte. Seit jenen Abend ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und nun wusste er auch noch wie sie hieß.. das machte die ganze Situation nicht besser. In der Bar suchte er auch nach möglichen Gefahren, doch bisher konnte er keinen anderen Vampir ausmachen, der sich unter die Menschen geschlichen hat. Sie schien zu mindestens hier drinnen sicher zu sein. Erleichterung machte sich in seinem Inneren breit, denn somit musste er sie nicht die ganze Zeit im Auge behalten. Das war gut so.. Oder?
    • Es hatte einen Moment gedauert, bis sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. Sie hatte gewusst, dass irgendwann ein neuer Barkeeper aufkreuzen würde, aber niemand hatte ihr gesagt, dass er schon zu ihrem Schichtbeginn da sein würde. Und erst recht nicht, dass er so aussehen würde.
      Dieser Mann, der sich ihr im nächsten Moment als Lucien vorstellte, hatte eine Ausstrahlung, die nicht so recht in den chaotischen Rhythmus der Bar passen wollte. Er wirkte, als würde er eher aus einer stilleren, dunkleren Ecke der Stadt stammen, wie jemand, der mit einer einzigen Bewegung Ruhe in einen Raum bringen konnte. Nicht unbedingt auffällig und laut, aber mit einer Präsenz, die man sofort bemerkte, selbst wenn man nicht hinsah. Und zu ihrem eigenen Ärger erinnerte er sie tatsächlich ein wenig an den Protagonisten aus dem Buch, das sie vor ihrem aktuellen Roman gelesen hatte. Nicht eins zu eins, aber genug, dass ihr Herz einen winzigen, völlig unnötigen Hüpfer machte. In dem Buch ging es klassisch um den uralten Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Romantik und Fantasy‑Drama.Und obwohl Lucien weder glitzerte noch mit einem Rudel im Nacken auftauchte, hatte er genau diese ruhige, intensive Ausstrahlung, die sie an die Figur erinnerte... auch wenn das eigentlich totaler Quatsch war.
      Als Taylor seinen Arm um Lucien legte, löste das den Moment zum Glück auf. Sie lachte über Taylors Grimasse und schüttelte den Kopf "Und das aus deinem Mund, du solltest dich lieber mal selbst an deine Worte halten", gab sie neckend an Taylor zurück. Doch als Lucien sich wieder zu ihr drehte und sich mit den Unterarmen auf den Tresen stützte, spürte sie, wie ihre Kehle kurz trocken wurde.
      Sie nannte die Bestellung und beobachtete wie er sich an die Arbeit machte. Seine Hände bewegten sich sicher, präzise, fast schon elegant. Der Maple Bourbon Smash sah aus, als hätte er ihn schon hundertmal gemixt. "Machst du das schon länger? Als Barkeeper arbeiten meine ich.", fragte sie ihn dann, während sie dabei zusah, wie er den Caipi genauso ohne weiteres mixte.

      Als er die Bestellung ihrer Stammgäste auf dem Tablett abstellte, lächelte sie "Danke.".
      Der Abend nahm schnell Fahrt auf. Kaum hatte sie die ersten Drinks verteilt, rief schon der nächste Tisch nach ihr. Ihre Stammgäste begrüßten sie wie immer mit einem breiten Grinsen, ein paar lockeren Sprüchen und der Art von Vertrautheit, die sich über viele Abende aufgebaut hatte. Alice lachte, scherzte zurück, hörte sich kurze Geschichten an, nahm Bestellungen auf und bewegte sich wie selbstverständlich durch die Menge. Zwischendurch brachte sie Taylor und Lucien immer wieder leere Gläser zurück. Taylor kommentierte jedes Mal irgendetwas, mal über die Gäste, mal über die Musik, mal über die Tatsache, dass er 'heute schon wieder viel zu viel arbeitet'. Und jedes Mal, wenn sie an die Bar zurückkam, riskierte sie einen kurzen Blick Richtung Lucien. Wenn sie auf neue Cocktails wartete, nutzte sie die Sekunden, um an ihrem Wasser zu nippen. Zwischendurch verschwand sie wieder in der Menge, lachte mit ihren Stammgästen, half einer Gruppe Touristen bei der Auswahl der Drinks, brachte Shots an den Tisch von John und Nick, die wie immer lautstark diskutierten, und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie immer wieder zur Bar zurücksah.
      Der Laden war voll, laut und lebendig und je später der Abend wurde, desto öfter ertappte sie sich dabei, wie sie sich fragte, warum ausgerechnet er ihr so auffiel. Vielleicht weil er sie so sehr an Rhysand erinnerte, an den Protagonisten des Buches. Ja, das musste es sein.

      Irgendwann gönnte Alice sich ihre kurze Pause genau in dem Moment, in dem der größte Ansturm einmal durch war. Ihre Schultern taten weh, ihre Füße brannten ein bisschen, aber das war normal. Sie schob das Tablett beiseite, atmete tief durch und setzte sich auf den Barhocker am Rand der Theke, genau dort, wo sie niemand im Weg war, aber nah genug, um sofort aufspringen zu können. Sie nahm einen Schluck von ihrem Wasser, spürte die Kühle im Hals, und bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte sie schon den ersten Satz ausgesprochen.
      "Du wirkst, als hättest du den Laden schon länger im Griff als ein paar Stunden", ihre Stimme klang dabei weich und angenehm, mit diesem ruhigen, schönen Ton, den sie manchmal hatte, wenn sie nicht mehr im Stress war. Nichts Übertriebenes, einfach ein natürlicher, leicht lieblicher Klang, der sich gut durch das Bargeräusch mischte. Alice stützte die Arme auf der Theke ab und lehnte sich leicht vor. "Ich mein... die meisten Neuen sind am Anfang total überfordert. Du wirkst nicht so.".
      Ein paar Sekunden vergingen, während sie ihm zusah, wie er seiner Arbeit nachkam. Sie spielte mit dem Rand ihres Wasserglases, drehte es zwischen den Fingern.
      "Wo hast du das eigentlich gelernt? Also... mixen. Du wirkst nicht wie jemand, der das nur nebenbei macht.", fragte sie dann neugierig. Es war angenehm, mal kurz nicht durch die Menge zu rennen.
    • Lucien

      Auf ihre Frage ob er schon länger als Barkeeper arbeitet, konnte er nicht gleich beantworten, denn die Bestellungen trudelten nach und nach immer wieder ein. Er schenkte ihr einen entschuldigenden Blick und machte sich sogleich an die nächsten Getränke. Es war hart hinter her zu kommen, aber dennoch machte es ihm Spaß diese Arbeit nachzugehen. Immer wieder blickte er kurz zu Alice um sie im Augen zu behalten. Er ging dabei sehr sorgfältig vor, ohne das sie das Gefühl hatte beobachtet zu werden. Die Musik in der Bar wurde lauter, immer mehr Gäste strömten hinein und Lucien bemühte sich den Überblick zu behalten. Von jeder Seite der Theke wurden Bestellungen aufgegeben und er war dankbar das Taylor heute Abend an seiner Seite war, denn sonst wäre das ganze ein wenig stressig geworden. Sein Lächeln auf seinem Gesicht verschwand keine Sekunde lang und er mixte immer weiter die Getränke. Taylor sah ab und zu zu ihm motivierte ihn durchzuhalten.
      Einige Zeit später ebbte der Ansturm ein wenig ab und sie konnten ein wenig durchatmen. Taylor klopfte ihm auf die Schulter. "Gut gemacht. Für deine erste Schicht stellst du dich gar nicht so schlecht an." Lucien nickte ihm zu und polierte weiter seine Gläser. Als er gerade das Glas in seinen Händen kontrollieren wollte, sah er sie dadurch. Er nahm das Glas ein Stück weit hinunter und blickte in ihre grünen Augen. Taylor stellte ihr ein Glas Wasser hin und wandte sich wieder von ihr ab. Sie wirkte ein klein wenig erschöpft durch den ganzen Stress. Aber ihr Blick wie sie ihn musterte ließ ihn kurz schlucken. Ihre Stimme drang durch ihn durch und er stellte das Glas im Regal ab, eh er sich zu ihr umdrehte. "Fokus und Konzentration. Das ist alles was man dafür braucht." Er schenkte sich ebenfalls ein Glas Wasser ein, trank davon aber nicht, nippte nur kurz daran, bevor er sich auch wieder ein Stück weit über die Theke lehnte. Sein Blick ruhte sanft auf ihr. "Du bist ganz schön neugierig oder?" Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen. Ein wenig richtete er sich wieder auf und blickte sie weiter an. "Ich habe mir das Ganze selbst beigebracht durch Beobachtung, Bücher und diverse Videos. Und es macht mir erstaunlicher Weise wirklich Spaß, auch wenn es heute schon etwas stressig war." Seine Finger glitten über die saubere Oberfläche. "Was mir wirklich gut an diesem Job gefällt ist, das man hinter der Bar viele verschiedene Menschen kennen lernt, ohne das man sich selbst öffnen muss." Die Lichter der Bar spiegelten sich in ihre grünen Augen wider. Die Musik wurde wieder etwas lauter und irgendwo in der Nähe zerbrach ein Glas. Taylor fluchte vor sich hin, doch Lucien schenkte ihm keine Beachtung. Er hielt Alice Blick standhaft, wurde aber durch einen Gast, der an die Theke trat, kurz unterbrochen. Er bestelle zwei Drinks und Lucien machte sich erneut an die Arbeit. Während er die Zutaten nach und nach in den Shaker tat, bemerkte er im Augenwinkel das ihm Alice immer noch beobachtete. Innerlich machte es ihn nervös, doch äußerlich ließ er sich nichts anmerken. "Du solltest vorsichtig sein", flüsterte Taylor plötzlich grinsend, als er an ihm vorbei ging. Lucien hob seinen Blick. "Womit?" Taylor blickte unauffällig in ihre Richtung. "Dieser Blick. Nicht das du dich am Ende noch darin verlierst." Er boxte ihm spielerisch gegen den Arm. Lucien verdrehte die Augen, doch das kleine Lächeln auf seinen Lippen konnte er nicht verbergen. Er bereitete die Getränke zu und überreichte sie ihm den Gast, bevor er sich wieder zu Alice drehte. "Und was ist mit dir? Wie lange arbeitest du schon hier?"
    • "Fokus und Konzentration?", wiederholte sie und ihre Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. "Das allein macht noch keinen guten Barkeeper. Da gehört schon ein bisschen mehr dazu.". Sie nahm einen weiteren Schluck Wasser, drehte das Glas zwischen den Fingern und beobachtete, wie er sich ein Stück über die Theke zu ihr lehnte. Ihr Lächeln wurde automatisch weicher, fast schon ein bisschen schelmisch. "Erwischt.", gab sie zu. Sie war wirklich schrecklich neugierig und es brachte nichts, das zu leugnen.
      Als Lucien erzählte, dass er sich alles selbst beigebracht hatte, hob sie überrascht die Augenbrauen. Anerkennend nickte sie und lehnte sich etwas zurück, stützte einen Ellbogen locker auf der Lehne des Barhockers ab und hörte ihm aufmerksam zu. Und als er erwähnte, wie sehr er es mochte, all die verschiedenen Menschen kennenzulernen, veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Ihr Blick wurde wärmer, fast vertraut, als hätte er genau den Punkt getroffen, der sie selbst an diesem Job hielt. Gerade als sie ansetzen wollte zu antworten, trat ein Gast an die Theke und bestellte zwei Cocktails. Alice schloss kurz den Mund, lächelte höflich und wartete. Sie nahm einen kleinen Schluck Wasser, ließ das Glas dann wieder sinken und beobachtete, wie Lucien die Bestellung entgegennahm und sofort in einen konzentrierten Rhythmus verfiel.
      "Genau das lieb ich auch", begann sie wieder und ihre Augen wurden dabei ein Stück heller, während Lucien weiter die Cocktails mixte. Ihre Hände gestikulierten leicht, als könnten sie ihre Worte unterstreichen. "Hier laufen so viele unterschiedliche Leute rein und je länger man hier arbeitet, desto mehr Geschichten sammelt man ein. Manche sind lustig, manche verrückt, manche..." Sie zuckte mit den Schultern, ein kleines, wissendes Lächeln. "...gehen einem näher, als man will.". Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, während sie weiterredete. "Und auf unsere Stammgäste freu ich mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Das ist fast wie..." sie suchte kurz nach dem Wort, ihre Stirn legte sich in eine kleine Falte. "...wie eine kleine, chaotische Familie.". Dann verzog sie das Gesicht leicht. "Gut, klar, es gibt auch Idioten. Aber die gibt's überall.'.
      Alice liebte es, den Geschichten der Gäste zu lauschen. Den lustigen, den schrägen, den traurigen. Manchmal erzählten sie von ihren Jobs, manchmal von ihren Erfolgen, manchmal von Dingen, die ihnen das Herz gebrochen hatten. Und obwohl die Arbeit sie oft völlig auslaugte und sie auf dem Heimweg nur noch von einem heißen Bad, einer Massage und einem weichen Bett träumte, machte es ihr trotzdem Spaß. Wirklich Spaß. Und während sie vor sich hin redete, kam Taylor vorbei, vermutlich kontrollierte er Lucien's Arbeit und sagte im nächsten Moment etwas zu ihm, aber sie verstand kein Wort. Vermutlich handelte es sich bloß um die Arbeit.
      Als Lucien sich wieder zu ihr drehte und fragte, wie lange sie schon hier arbeitete, hob sie leicht die Augenbrauen. Für einen Moment wirkte sie, als müsste sie überlegen. "Dreieinhalb Jahre", sagte sie schließlich, und ihre Stimme bekam diesen ruhigen, vertrauten Klang, den sie manchmal hatte, wenn sie über etwas sprach, das ihr wirklich etwas bedeutete. "Ich hab damals nur für ein paar Wochen aushelfen wollen.", ein kleines, amüsiertes Lachen entwich ihr, während sie den Kopf leicht schüttelte. "Tja... aus den paar Wochen wurden dann irgendwie Monate. Und dann... na ja. Jetzt bin ich immer noch hier." Sie zuckte locker mit den Schultern, aber ihr Lächeln verriet mehr als ihre Worte. "Es hat sich einfach richtig angefühlt. Die Leute, die Abende, die Geschichten... das alles hat mich irgendwie behalten.". Ihre Finger trommelten leise gegen das Glas. "Und ehrlich Ich würd's nicht missen wollen.".
      "Was hast du denn davor gemacht, bevor du bei uns reingestolpert bist?", fragte sie dann.
    • Lucien

      Jedes einzelne Wort, welches über ihre Lippen ging, prägte er sich ganz genau ein. Er hörte ihr weiterhin aufmerksam zu und ließ sie ausreden. Man sah ihr an wie viel ihr dieser Job hier bedeutete. Bei ihrem Vergleich mit der chaotischen Familie musste Lucien schmunzeln. "Ja das trifft es ziemlich gut." Er stützte seine Unterarme locker auf die Theke. "Eine Familie die man sich nicht ausgesucht hat, die aber trotzdem ständig wieder auftaucht." Und ja es gab wohl auch Menschen, die man nur ungern sehen wollte. Inständig hoffte er das Alice bisher keine allzu schlimmen Erfahrungen mit solchen Gästen auszuweisen hatte. Der Job war für eine Frau immerhin ein wenig schwerer, zu mal sie nicht gerade schlecht aussah. Diesen Gedanken verscheuchte er ganz schnell wieder aus seinem Kopf. Er will hier nur professionell seine Arbeit erledigen und weiterhin von den Menschen lernen. Zeit für Ablenkungen waren nicht gestattet, auch wenn sie es ihm nicht leicht machte. Schon an dem Abend als sie gegen seine steinharte Brust lief, hatte sich etwas in ihm geregt. Vielleicht war es einfach nur Neugier oder es steckte doch etwas ganz anderes dahinter. Die Zeit wird es zeigen, aber bisher schien die junge Frau ihn noch nicht erkannt zu haben. Und auch er war perfekt darin sich nichts anmerken zu lassen.
      Jahrelanges Training, Disziplin und Beherrschung spielten dabei eine große Rolle.
      Sein Blick schweifte kurz durch die Bar. Gespräche, Gelächter, das Klirren der Gläser und die Musik vermischten sich zu einem Hintergrundrauschen, welches er kaum wahrnahm. Seine ganze Aufmerksamkeit lag nur auf dem weiblichen Geschöpf vor ihm.
      Sie erzählte davon wie lange sie schon hier war und Lucien musste leicht auflachen. "Das klingt ja fast wie eine Falle. Erst arbeitet man ein paar Schichten, kennt die Geschichten der Leute und lernt die Stammgäste kennen und mit einem fingerschnipsen sind dreieinhalb Jahre vergangen." Sein Lächeln wurde nun breiter und erreichte seine Augen. "Ich sollte aufpassen das mir das nicht auch passiert und ich später auch hier sitze und das jemanden genau so erzähle." In seiner Stimme schwang ein wenig Ironie mit. Er nippte wieder an seinem Wasserglas, die Eiswürfel waren bereits geschmolzen und ein Tropfen lief am Glas hinunter und tropfte auf die Theke.
      Bei ihrer nächsten Frage verschwand sein Lächeln schlagartig. Er stellte das Glas zurück, richtete sich auf, löste seinen Blick von ihr und versuchte irgendwie beschäftigt zu wirken. Er konnte ihren Blick deutlich auf sich spüren. Ihm blieb also keine andere Wahl und ihr irgendeine Halbwahrheit aufzutischen. "Mein Leben ist anders verlaufen als erhofft. Ich hatte es nicht einfach, sagen wir es mal so. Ich habe mich versucht über Wasser zu halten, das hier ist mein erster richtiger Job." Das er vor seiner Verwandlung eigentlich vor hatte bei der Polizei zu arbeiten, verschwieg er. Sie durfte es nie erfahren, wer er wirklich war. Er wusch die Gläser, die wieder zurück gekommen sind auf und versuchte somit die Gedanken seines damaligen Lebens zu verdrängen. "Also nicht so spannend wie bei dir." Er zuckte mit den Schultern. "Ich hoffe du bist nicht allzu enttäuscht das ich dir nichts Spannendes zu erzählen habe."
    • "Ja genau", antwortete Alice schmunzelnd. "Irgendwann benimmt man sich auch wie Geschwister und da entwickelt sich so eine richtige Hassliebe". Ihr Lächeln wurde breiter, fast schelmisch, als Taylor ihre Worte hörte und sich ihre Blickte trafen. Er verzog gespielt das Gesicht, was sie nur noch mehr zum Grinsen brachte. Dann wandte sie sich wieder Lucien zu und wollte wissen wie sein Leben bisher so ausgesehen hatte. Und sie hatte mit vielen gerechnet, aber nicht damit. Alice blinzelte kurz, überrascht von dem plötzlichen Wechsel.
      Sie ließ den Moment noch einen Herzschlag lang stehen. Sie hatte seine Reaktion gesehen. Das plötzliche Zumachen, das angespannte Aufrichten, dieses unübersehbare Nicht-weiter-reden-wollen. Und obwohl ihre Neugier sofort an ihr zerrte wie ein ungeduldiger Hund an der Leine, blieb sie äußerlich vollkommen ruhig. Sie nahm einen weiteren Schluck Wasser, stellte das Glas wieder ab und atmete einmal durch. Verwirrt war sie, ja. Überrascht auch. Aber sie war nicht jemand, der in etwas hineinbohrte, das offensichtlich weh tat.
      Also tat sie das, was sie immer tat, wenn sie merkte, dass jemand eine Grenze zog: Sie lenkte das Gespräch sanft in eine andere Richtung, ohne dass es auffällig wirkte.
      "Weißt du..." begann sie schließlich, als hätte es den kurzen Schatten eben nie gegeben. Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und ließ den Blick über die Bar schweifen. "Ich glaub, jeder hier hat so seine eigene Geschichte. Manche erzählen sie, manche nicht.". Sie lächelte "Und das ist völlig okay.". Dann tippte sie mit dem Finger gegen ihr Glas, als würde sie sich selbst daran erinnern, nicht weiter nachzufragen. Ihre Neugier nagte trotzdem an ihr, sie wollte wissen, was hinter diesem plötzlichen Rückzug steckte, was ihn getroffen hatte. Aber sie sagte nichts. Sie wusste, wann man schweigen sollte.
      "Außerdem...", grinste sie plötzlich, als würde sie bewusst die Schwere aus der Luft schieben. "Wenn hier jemand spannende Geschichten hat, dann sind's meistens die Gäste. Wir sind nur die, die zuhören und den Laden am Laufen halten." Sie hob ihr Glas ein Stück, als würde sie darauf anstoßen "Und das reicht völlig.".

      Doch bevor sich Alice wieder ganz in das Gespräch mit Lucien zurückfinden konnte, tauchte rechts neben ihr eine vertraute Stimme auf.
      "Alice? Könnte ich zahlen, bitte?". Sie drehte sich um und ihr Gesicht hellte sich sofort auf. "Natürlich Arthur", sagte sie freundlich und rutschte vom Hocker. "Einen Moment". Der ältere Mann, graue Schläfen, wettergegerbtes Gesicht und immer ein bisschen zu warm angezogen, lächelte ihr dankbar zu. Er war einer dieser Stammgäste, die schon da waren, bevor Alice überhaupt wusste, wie man eine Kasse bedient. Sie tippte seine Bestellungen in ihr kleines Tablet ein, nahm das Geld entgegen und gab ihm das Wechselgeld zurück. "Wie immer ein ruhiger Abend für Sie?", fragte sie höflich.
      "So ruhig wie es halt geht, wenn man alt wird", brummte er mit einem Zwinkern "Bis zum nächsten mal, Mädchen.", verabschiedete er sich dann und streckte ihr wie immer das Wechselgeld wieder entgegen. "Danke", wie jedes Mal wenn sie ihn sah, trug sie wieder dieses herzliche Lächeln auf den Lippen "Kommen sie gut Heim.". Er nickte, zog seine Jacke enger und verschwand zwischen den Gästen Richtung Ausgang.
      Alice setzte sich wieder auf ihren Hocker und sah wieder zu Lucien. "Das war Arthur.", erklärte sie "Kommt seit... puh, bestimmt seit fünfzehn Jahren hierher. Früher hat er immer erzählt, dass er nach der Arbeit nur einen Ort brauchte, an dem's nicht so still ist.". Ihr Lächeln wurde warmherzig, wenn sie an den alten Herrn dachte. "Jetzt kommt er einfach, weil's für ihn dazugehört. Ein bisschen wie... Routine. Oder Gesellschaft, die man sich aussucht.". Ihr Blick glitt zur Tür, durch die Arthur verschwunden war, dann wieder zu Lucien. "Er ist wirklich eine gute Seele.".
    • Lucien

      Er versuchte weiterhin beschäftigt zu wirken, auch wenn er spüren konnte das sie sich nicht unbedingt mit seiner Antwort zufrieden gab. Sie war gut darin es zu überspielen, aber Lucien hatte sie durchschaut. Das sie das Gespräch in eine andere Richtung lenken wollte kam ihm nur zu gute. Mit einer beeindruckenden Handbewegung schüttelte er den Shaker für die nächste Bestellung die reinkam und füllte den Cocktail in ein Glas. Während er das Glas noch mit einem kleinen Cocktailschirm dekorierte blickte er zu Alice. "Das mag wohl sein, doch manche Geschichten bleiben für immer ungehört." Und das war auf ihn bezogen. Er würde nicht so viel von sich preisgeben dessen war er sich sicher. Da konnte die junge Frau vor ihm noch so charmant sein, er blieb was das anging stur. Schließlich war seine Geschichte nicht unbedingt für menschliche Ohren gedacht.
      Als der ältere Herr an die Bar trat um zu bezahlen, konnte Lucien kurz durchatmen. Er war nicht darauf vorbereitet so viel Smalltalk an einem Abend zu erleben, aber anscheinend gehörte das zu dem Job dazu oder es war nur die reine Neugier auf den neuen Kollegen. Doch neben Taylor und Alice hielten sich die anderen etwas zurück. Was an sich nicht schlimm für ihn war. Der kleine Wirbelwind vor ihm löcherte ihn schon zu genüge. Während sich Alice mit dem Herren unterhielt zapfte Lucien noch ein paar Bier für eine Gruppe die an einem runden Tisch saßen. Dankend wurde die Bestellung von zwei Männern entgegen genommen.
      Der Herr trat nun aus der Tür und Lucien blickte ihm noch kurz hinterher und sofort ertönte ihre Stimme wieder in seine Richtung. Sein Kopf drehte sich zu ihr um und er lauschte ihren Worten. Ihr Lächeln und wie sie so über den älteren Herren erzählte, ließ Lucien wieder nicht kalt. Sie war einfach zu gut für diese Welt. Leider ein leichtes Opfer, was sie am eigenen Leib schon erleben musste. So ein reines Herz war wie gefundenes Fressen für Vampire. Und es würde ihn nicht wundern wenn ihr das noch einmal passiert. Doch dafür war er jetzt hier. Nicht nur wegen dem Job, sondern auch um für ihre Sicherheit zu sorgen. So diskret wie es ihm nur möglich war.
      "Schön wie glücklich dich die Gäste in der Bar machen. Ich kann deutlich sehen wie du diesen Job liebst." Ein leichtes Lächeln trat auf seine Lippen. "Ich hoffe das es mir eines Tages genau so geht wie dir. Das ich so etwas wie Glück empfinde oder etwas leidenschaftlich gerne absolviere." Die Zeit wird es zeigen wie sich all das hier in der Bar entwickelt.
    • Alice konnte gar nicht anders als zu strahlen. Es passierte einfach ohne dass sie darüber nachdachte. Seine Worte trafen genau den Kern dessen, was sie an diesem Ort liebte, und man sah es ihr in jeder kleinen Regung an: in dem leichten Heben ihrer Schultern und in dem warmen Funkeln ihrer Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf der Theke ab und lehnte sich ein wenig weiter nach vorn. "Ja... ich liebe das hier wirklich," sagte sie, fast ein bisschen verlegen über die Intensität ihres eigenen Lächelns. "Die Leute, die Abende, die Geschichten... das alles gehört irgendwie mittlerweile zu mir.". Ihre Finger strichen über den Rand des leeren Wasserglases, eine kleine, gedankenverlorene Bewegung. "Und die Stammgäste..." sie schmunzelte "Die sind wie kleine Kapitel, die man über die Jahre sammelt. Jeder von ihnen hat irgendwas Besonderes.". Sie hob den Blick wieder zu ihm "Und du wirst deinen Platz hier auch finden. Das dauert manchmal ein bisschen. Aber irgendwann merkt man, dass man angekommen ist.". Sie zuckte leicht mit den Schultern "Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann.".
      Dann löste sie sich langsam vom Hocker, strich sich die Schürze glatt und warf einen Blick über die Bar, die Gäste, die Tische, die Bestellungen, die wieder auf sie warteten.
      "Ich muss weiter," sagte sie mit einem kleinen, entschuldigenden Lächeln. "Die Leute da hinten brauchen mich.". Sie griff nach ihrem Glas, trank den letzten Schluck aus, stellte es ab und schenkte ihm noch ein letztes Lächeln, bevor sie wieder zu ihren Gästen zurückkehrte.
      Die restlichen Stunden zogen an Alice vorbei wie im Schnelldurchlauf. Vielleicht lag es daran, dass der schlimmste Trubel vorbei war. Vielleicht daran, dass sie sich wieder in ihren Rhythmus gefunden hatte. Oder vielleicht einfach daran, dass sie zwischendurch immer wieder diesen neuen Kollegen hinter der Bar sah, der sich langsam, aber sicher in den Abend einfügte.
      Es war viel los, klar, aber es war dieses gute viel los. Sie lachte mit ihren Stammgästen, hörte sich die üblichen Geschichten an, brachte Drinks und räumte Gläser weg.
      Die letzten zwei Stunden waren dann noch mal ein kleiner Endspurt. Eine Männergruppe hatte sich festgequatscht, laut gelacht, ein bisschen zu viel bestellt und ein bisschen zu wenig gemerkt, wie spät es war. Alice kannte solche Runden. Sie waren anstrengend, aber meistens harmlos und heute war es nicht anders.
      Kurz vor vier Uhr, als die Musik schon fast nur noch Hintergrund war und die Bar langsam leerer wurde, war es Zeit, die Jungs rauszukomplimentieren. Die Männergruppe war eine dieser typischen, leicht chaotischen, aber liebenswerten Runden, die jeder Barabend irgendwann hervorbrachte. Vier Kerle, alle Mitte dreißig, alle schon ein bisschen zu laut, aber auf die harmlose Art. Vorneweg wie immer Marco, der mit dem breiten Grinsen und der Angewohnheit, jeden zweiten Satz mit einem Schulterklopfer zu unterstreichen. Neben ihm Leo, schmal, Brille, derjenige, der ständig versuchte, die anderen zu beruhigen, aber selbst am lautesten lachte. Dann Denny, groß, dunkler Bart, der Typ, der immer so tat, als wäre er der Vernünftigste, bis er zwei Bier intus hatte. Und schließlich Ben, der Jüngste, der ständig versuchte, cool zu wirken, aber jedes Mal rot anlief, wenn Alice ihn direkt ansah. Als sie zu ihnen rüberging, löste sich die Runde fast automatisch auf, als wären sie es gewohnt, dass Alice das Kommando übernahm. Marco hob die Hände, als würde er sich ergeben, Leo lachte schon, bevor sie überhaupt etwas sagte, und Denny suchte nach seiner Jacke, obwohl sie direkt neben ihm lag. Ben murmelte ein "Ups", als sie auf die Rechnung tippte.
      Während Alice das Geld entgegennahm und die Münzen sortierte, war im Hintergrund Taylor beschäftigt. Er wischte die Tische mit schnellen, routinierten Bewegungen, die Ärmel hochgekrempelt, die Stirn leicht glänzend vom langen Abend. Die anderen Kollegen waren längst gegangen — die Bar war jetzt nur noch ihr kleines Team, das die letzten Reste des Abends wegschaffte.
      "Das wäre mir aufgefallen," meinte Alice grinsend, als Marco sich entschuldigte, und sie gab ihm das Wechselgeld zurück. "Jetzt dürft ihr abhauen."
      "Danke, Alice! Bis nächste Woche!", rief Denny und die anderen Männer verabschiedeten sich ebenfalls.
      "Wenn ihr euch benehmt," rief sie ihnen hinterher.
      Die Tür fiel zu, und die Bar wurde schlagartig still.Taylor wischte die letzten Tische ab, warf ihr einen kurzen Blick zu und nickte, es war dieses gleich haben wir's geschafft und können ins Bett‑Nicken.
      Alice strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, atmete tief durch und sah zu Lucien hinüber, der ebenfalls noch beschäftigt war. Die Müdigkeit kam jetzt mit voller Wucht, und sie merkte, wie der lange Abend ihr langsam in die Knochen sank.
      Alice hörte Taylors Stimme, noch während sie die letzten Gläser einsammelte, und ihr Blick wanderte automatisch zu den beiden Männern hinter der Theke. Taylor war gerade mit dem letzten Tisch fertig, zog das Tuch noch einmal kräftig über die Holzfläche und richtete sich mit einem leisen Seufzer auf. Man sah ihm an, dass auch er die Nacht spürte. Er warf einen Blick zu Lucien, der hinter der Theke stand und die letzten Gläser spülte, als würde er ihn für einen Moment mustern. Im nächsten Moment stapfte er rüber, das Tuch lässig über die Schulter geworfen. "Na, mein Freund," begann Taylor mit diesem typischen, halb neckenden Tonfall, "wie war's?". Alice musste unweigerlich schmunzeln. Typisch Taylor.Immer direkt, immer ehrlich und immer ein bisschen neckisch.
      Er lehnte sich leicht gegen die Theke "Erster Probearbeitstag überlebt? Oder willst du direkt kündigen?" Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht. Alice stellte gerade die Gläser in die Spüle, aber ihr Ohr hing trotzdem an jedem Wort. Sie mochte diese Art von Feierabendgesprächen, dieses lockere, müde, aber irgendwie vertraute Ausklingen nach einer langen Schicht.
      Man merkte, dass es nicht nur Spaß war. Taylor wollte wirklich wissen, wie es Lucien gefallen hatte. Ob er sich wohlfühlte. Ob er sich zurechtfand. Ob er sich vorstellen konnte, hier öfter zu stehen.
      "War 'ne volle Schicht," fügte Taylor etwas ruhiger hinzu. "Aber du hast dich gut geschlagen. Wirklich.". Alice sah kurz zu Lucien rüber, während sie die Kasse vorbereitete.
    • Lucien

      Er nickte ihr zustimmend zu. "Ich möchte dich nicht weiter von deiner Arbeit abhalten. Nicht das Taylor mich am ersten Tag noch vor allen Leuten hier bloßstellt." Lucien schmunzelte und nahm das Glas von Alice um es anschließend aufzuspülen. Er sah ihr nach wie sie die Theke verließ und bekam dieses Lächeln nicht aus seinem Gesicht.
      Die restlichen Stunden vergingen wie im Fluge. Immer wieder bereite er die Bestellungen hinter der Theke zu und spülte die Gläser auf, die zurück kamen. Ein wenig stressig wurde es dann doch noch, aber Lucien ließ sich nichts anmerken und Taylor half ihn wo es nur ging.
      Immer wieder beobachtete er die Menschen, die in der Bar waren um von ihnen zu lernen. Ab und zu huschte sein Blick aber auch zu Alice.
      Er war fasziniert von ihr wie sie alles mit dieser Leichtigkeit meisterte. Kein einziges böses Wort kam heute Abend über ihre Lippen. Stets hatte sie dieses Lächeln auf den Lippen. Sie schien diesen Job wirklich sehr zu lieben und das machte Lucien sehr froh. Denn ohne sein Eingreifen vor einiger Zeit wäre sie nicht mehr hier und könnte jeden mit ihrer Art und Weise verzaubern.

      Einige Zeit später war es endlich soweit, die letzten Gäste verließen die Bar und der Feierabend nahte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm das es schon fast 4 Uhr war. Die Zeit hier drinnen verging wie im Fluge. Lucien spülte noch ein paar Gläser und trocknete sie anschließend ab. Sein Kopf erhob sich, als Taylor auf ihn zu kam und ihn ansprach. Seine Augenbaue hob sich automatisch an, als Taylor ihn als sein "Freund" betitelte. "Ach wir sind also schon Freunde? Das wusste ich noch gar nicht." Lucien schmunzelte und polierte die Gläser und stellte sie zurück an ihre Position. "Aber ja es war anstrengend, aber das gehört dazu. Und nein." Er blickte zwischen ihm und Alice hin und her. "So schnell werdet ihr mich nicht wieder los. Sofern ihr mich hier behalten wollt." Taylor schmunzelte und nickte ihm zu. "Ich habe nichts dagegen. Du warst uns eine sehr große Hilfe." Er klopfte ihm auf die Schulter und lächelte ihn an. "Danke. Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich fühle mich hier schon sehr wohl. Es macht Spaß hinter der Theke zu stehen und all die Menschen hier in der Bar glücklich zu machen." Es war das erste Mal seit langem, das er sich an einem Ort so wohlfühlte. Das lag unteranderem an dieser lockeren Art und Weise wie alle Kollegen hier miteinander umgingen. "Das höre ich gerne und jetzt ran die Arbeit. Die letzten Gläser spülen sich nicht von alleine", sprach Taylor neckend zu Lucien. "Wird gemach Boss." Er warf sich das Handtuch über seine Schulter und spülte die restlichen Gläser auf, die Alice in die Spüle gestellt hatte. Kurz vor halb 5 waren sie mit allem fertig. Die Stühle waren hochgestellt, die Gläser befanden sich wieder an ihrem Platz und das Geld war gezählt. Taylor machte noch die Bestellung für den morgigen Tag und kam dann einige Minuten später um die Theke auf Lucien und Alice zu. "So ihr Beiden macht einen Abflug. Ich sperre dann ab."
      Lucien verabschiedete sich von Taylor und wartete vor der Tür auf Alice.
      "Wenn du nichts dagegen hast würde ich dich nach Hause begleiten." Es mag zwar schon fast Morgen sein, doch Vampire schliefen bekanntlich nie und sie könnten hinter jeder Ecke lauern und er wollte unbedingt vermeiden, das sie wieder überfallen wird.
    • "Oh, wenn du ihm auch nur den kleinsten Anlass gibst, würde er das ohne Zögern tun", hatte Alice noch lachend erwidert, bevor sie schon im nächsten Atemzug wieder zwischen ihren Gästen verschwand.
      Die restlichen Stunden glitten beinahe schwerelos dahin, ein geschäftiges, angenehmes Rauschen aus Stimmen, Gläserklirren und Musik. Und wie Alice es mit einem halben Ohr mitbekommen hatte, war Lucien tatsächlich eingestellt worden. Vermutlich würde er die Tage noch ein kurzes Mitarbeitergespräch führen, um die letzten formellen Dinge zu klären. Während sie einen der Stühle zurechtrückte, glitten ihre grünen Augen unwillkürlich zu ihm hinüber. Lucien wirkte, als würde er sich bereits mühelos in den Rhythmus der Bar einfügen. Sie hatten dringend einen neuen Barkeeper gebraucht, und Alice konnte sich lebhaft vorstellen, dass ein Mann wie er neue Gäste anziehen würde. Vor allem Frauen. Sie selbst war da keine Ausnahme und sie konnte es nicht leugnen. Lucien war ein attraktiver Mann. Und Alice ertappte sich dabei, wie sie ein wenig länger hinsah, als nötig gewesen wäre.

      Als der Laden endlich blitzblank war und Taylor sie in den wohlverdienten Feierabend entließ, reagierte Alice schneller als ein gehetzter Espresso. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen. Im nächsten Moment huschte sie schon in den Aufenthaltsraum, hängte ihre Schürze in den Spind, schnappte sich ihre Tasche und das Buch, das sie sorgfältig darin verstaute. Ihre schwarze Jeansjacke zog sie direkt über und war dann auch schon auf dem Weg zum Ausgang. Lucien stand dort, und sie schenkte ihm ein kleines, warmes Lächeln, gerade wollte sie sich verabschieden, als seine Stimme ertönte. Er wollte sie nach Hause begleiten. Alice stockte. Nur für einen Herzschlag, aber es reichte, um ihre Gedanken kurz stolpern zu lassen. Nicht, weil sie unsicher war, sondern weil sie überrascht war von der Geste. Ein wenig unerwartet, aufmerksam aber irgendwie charmant. "Ähm... ja, klar", brachte sie heraus, ein wenig überrumpelt. "Bis morgen, Taylor!", rief sie noch in den Raum zurück, bevor sie gemeinsam mit Lucien die Bar verließ. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und die frische Morgenluft empfing sie wie ein kleiner Befreiungsmoment.
      Nach ein paar Schritten drehte sie den Kopf neugierig zu ihm. "Und? Wie war die erste Schicht für dich? Wir hatten echt einiges zu tun... aber es sah so aus, als wärst du den Bestellungen ziemlich mühelos hinterhergekommen." Ihre Stimme klang ehrlich interessiert, ein bisschen stolz sogar, als hätte sie selbst ein kleines Stück Verantwortung dafür, dass er sich gut eingefunden hatte. Und während sie nebeneinander die Straße entlanggingen, wirkte es fast so, als wäre dieser gemeinsame Heimweg etwas völlig Selbstverständliches. Nur dass es sich für Alice ein kleines bisschen aufregender anfühlte, als sie erwartet hatte. "Du kamst wirklich wie gerufen", meinte Alice mit einem Lächeln auf den Lippen "Wir haben wirklich dringend jemanden gebraucht".
    • Lucien


      Er konnte es ihr ansehen das sie ein wenig überrumpelt von seiner Frage war, dennoch blieb er cool und lies sich nichts anmerken. Er folgte ihr die Straße entlang und versuchte ihr nicht zu nah auf die Pelle zu rücken. Nur so das sein Geruch ihren übertünchte. Lucien blieb mit all seinen Sinnen wachsam und richtete seinen Blick gerade aus auf den Weg vor ihnen.
      Auch wenn es ihm schwer fiel die Augen nicht auf dem menschlichen Geschöpf neben ihn zu richten. Ihre Haare wippten im Takt ihres Laufschrittes und ihre grünen Augen leuchteten in der Morgendämmerung.
      Ihre Frage lies ihn ein wenig schmunzeln. Auch wenn er als Vampir nicht so viele Emotionen besaß wie ein Mensch, hatte er dennoch ein paar menschliche Dinge beibehalten.
      „Für mich war das keine große Sache.“ Er schob die Hände in seine dunkle Hose und folgte dem Weg weiter. „Das ganze Umfeld und die äußerst freundlichen Mitarbeiter haben dazu beigetragen, dass es sich anfühlte als würde ich schon immer dazu gehören.“ Sein Blick ruhte nun für einen Moment auf ihren. Seine goldbraunen Augen begannen ein wenig zu funkeln. Er räusperte sich und wandte sich wieder von ihr ab. Keine einzige Sekunde durfte er sich in ihr verlieren, auch wenn das beinahe unmöglich war, jetzt wo sie Kollegen waren. Auf ihre weitere Aussage nickte er. „Gern geschehen. Ich bin froh wenn ich helfen kann.“ Er fuhr sich anschließend durch seine schwarzen Haare und versteinerte seine Miene wieder.
      Allmählich wurde es heller und ein paar Autos fuhren an ihnen vorbei. Wohlmöglich das die ersten zur Frühschicht aufbrachen.
      Die ersten Vögel begannen ihre Lieder zu zwitschern. Lucien blickte sich immer wieder wachsam um, doch er konnte keine andere Aura wahrnehmen. Innerlich war er erleichtert darüber, das dieser Morgen ruhig und ohne jegliche Vorkommnisse blieb. Auf einen Kampf hatte er nach dieser Schicht nun wirklich keine Lust mehr.
      Er blickte wieder zu Alice. Sie wirkte jetzt ein weniger ruhiger als noch vor ein paar Stunden. Wahrscheinlich war sie müde und ein wenig erschöpft. Lucien hingegen könnte noch immer weiter arbeiten, das war ein Vorteil ein Vampir zu sein. Er war nie erschöpft.
      „Wie weit ist es noch?“, sprach er dann ganz beiläufig zu ihr. Nicht das er sie los werden möchte oder sonst dergleichen. Ihm wurde nur ein wenig Unbehagen, weil er so langsam etwas Hunger bekam. Seine Kehle fühlte sich trocken an und er konnte spüren das er unruhiger wurde mit jeden Schritt den sie weiter gingen. Dann kroch ihr Duft wieder in seine Nase und er hatte Müh und Not nicht die Kontrolle zu verlieren. Der Wind wehte ihre Haare zur Seite und ihr Hals wurde dadurch frei gelegt. Lucien schluckte. Er kämpfte mit sich, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen.
      Seine Schritte beschleunigten sich nur ein wenig mehr. Sie mussten unbedingt schnell ihr Zuhause erreichen sonst würde er einen Fehler begehen, den er für immer bereuen würde.
    • Bei Luciens Antwort strahlte Alice förmlich, als hätte jemand in ihr inneres Licht gedreht. In solchen Momenten wurde ihr immer wieder bewusst, wie sehr sie ihr Team schätzte. Sie hatte wirklich die besten Kollegen. Menschen, die einander auffingen, wenn jemand einen schlechten Tag hatte, die einsprangen, ohne zu murren, und die nie mit spitzen Bemerkungen um sich warfen, wenn jemand früher gehen musste oder direkt zuhause blieb wenn er krank war. "Das freut mich zu hören", sagte sie leise, mit einem zarten Lächeln, das ihre Wangen ein wenig wärmer wirken ließ. "Man kann sich wirklich auf jeden einzelnen dort verlassen.".
      Lucien hatte etwas an sich, das sie nicht sofort einordnen konnte. Eine entspannte, selbstverständliche Art, die angenehm auffiel, ohne dass er sich in den Mittelpunkt drängte. Er wirkte einfach... interessant. Auf eine ruhige Weise, die neugierig machte, ganz ohne große Gesten. Sie merkte, wie ihr Blick immer wieder kurz zu ihm glitt - unauffällig, hoffte sie. Reiß dich zusammen, Alice.
      Auch Alice bemerkte, wie der Morgen sich langsam an die Nacht heranschlich. Es war noch nicht richtig hell, eher dieses bläuliche Zwielicht, das sich wie ein dünner Schleier über die Straßen legte. Die Stadt war noch halb im Schlaf, aber man spürte, dass sie gleich aufwachen würde. Vereinzelt hörte sie Schritte, ein Auto rollte vorbei, als würde jemand zur Frühschicht aufbrechen. Die Geräusche wirkten gedämpft, als hätte die Nacht sie noch nicht ganz freigegeben. Über den Dächern schob sich ein erster, zarter Schimmer an den Himmel, kein Sonnenlicht, eher ein Hinweis darauf, dass die Sonne irgendwo hinter dem Horizont schon wartete. Der Mond stand noch da, blass und müde, und Alice hatte das Gefühl, als würde er sich langsam zurückziehen, um Platz zu machen. Als sie weitergingen, glitt Alices Blick für einen Moment zur schmalen Seitengasse hinüber. Die Gasse, in der alles so schnell passiert war, dass ihr Verstand kaum hinterhergekommen war. Sie ließ sich nichts anmerken. Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft, wie ein verschwommenes Bild, das man nur aus dem Augenwinkel sieht.Ein Mann, der plötzlich vor ihr gestanden hatte.Sein Körper, hart und trainiert, viel zu nah an ihrem.Die kalte Hand, die sich gegen ihren Mund gelegt hatte.Und seine Augen... diese seltsamen, tiefroten Augen, die sie bis ins Mark erschreckt hatten. Alice schluckte und sah schnell wieder nach vorn.Sie wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt."Es sind nur noch fünf Minuten", antwortete Alice stattdessen. Der Weg zwischen der Bar und ihrer Wohnung war wirklich nicht weit. Sie ging ihn jeden Tag zu Fuß, manchmal schneller, manchmal langsamer, je nachdem, wie sehr die Schicht an ihr gezogen hatte. Heute fühlte sich jeder Schritt ein bisschen schwerer an, aber gleichzeitig war es angenehm, nicht allein zu gehen.
      Sie merkte nicht, dass Lucien neben ihr unruhiger wurde. Für sie wirkte er einfach nur ein wenig schweigsam, vielleicht erschöpft von der ersten Schicht. Nichts, was ihr ungewöhnlich vorkam. "Hast du es dann weit nach Hause? Tut mir leid, ich hoffe, du musstest keinen Umweg machen.".
    • Lucien

      Noch ungefähr 5 Minuten blieben ihm also Zeit, ruhig zu bleiben und nicht den Verstand zu verlieren. Er versuchte seine Atmung zu kontrollieren und sich zu besinnen. Ihre Frage kam überraschend und er sah sie wieder an. „Es macht mir wirklich keine Umstände dich nach Hause zu begleiten.“ Auch wenn er auf der anderen Seite der Stadt lebte, fernab von den Menschen. Aber er war schnell und flink und es war für ihn ein Klacks bevor es so richtig hell wurde , zu Hause zu sein. Lucien schenkte ihr ein kleines Lächeln, bevor sie den Weg weiter fortsetzen. Irgendwann kamen sie an ihrer Wohnung an. Er wandte sich ein letztes Mal zu ihr. „Also dann schlaf gut und bis später, hat mich sehr gefreut .“ Doch ehe er eine Antwort bekam, verschwand er schon im Morgengrauen.
      Der schwarzhaarige eilte so schnell er konnte durch die Straßen. Sein Weg führe ihn in den Wald um ein paar Tiere zu Jahren. Er wurde nach kurzer Zeit fündig und konnte so seinen Durst stillen. Was auch dringend nötig war. Dann machte er sich auf den Rückweg. Bis die Sonne allmählich so richtig aufging, stand er vor dem großen Anwesen. Er zögerte einen Moment, ehe er die schwere Tür aufdrückte und im Dunklen verschwand. Es war noch ruhig im Haus, eventuell waren alle noch mit ihren Aufgaben beschäftigt. Lucien schlich die große Treppe nach oben in sein Gemach. Dort entledigte er sich seiner Kleidung und ging in das angrenzende Badezimmer. Der warme Wasserstrahl, der aus der Dusche kam tat ihm richtig gut. Nach dem abtrocknen warf er sich in seine Jogging Hose.
      Dann legte er sich auf sein Bett und sah zur Decke. Er versuchte all das erlebte der letzten Stunden zu verarbeiten. Viele neue Eindrücke prasselten auf ihn ein. Doch ab und zu schlich sich Alice in seine Gedanken. Lucien versuchte sie aus seinem Kopf zu bekommen. Was auch fürs erste funktionierte. Vielleicht half ihm ein wenig Ablenkung um nicht erneuert an sie denken zu müssen.
      Er richtete sich wieder auf und schnappte sich das Buch von dem Nachttisch und laß es weiter. Es half ihm wirklich seine Gedanken ruhen zu lassen.
      Die Zeit verging ein wenig und dann klopfte es an seine Zimmertür. Er schlug das Buch zu und drehte den Kopf zur Tür. „Ja bitte?“ „Lucien. Wir erwarten dich unten.“ Die Stimme seines Vaters klang streng und Lucien fuhr sich mit der Hand durch sein Gesicht. Was hatte er nun schon wieder verbrochen? Er warf sich ein Shirt über seinen Körper und ging die Treppe nach unten. An dem großen Esszimmertisch saßen die beiden Vampire und blickten ihn an. „Nimm Platz.“ Ohne zu zögern nahm er an dem Tisch Platz. „Was möchtet ihr?“ Seine Vampireltern funkelten ihn an. „Wie kann es sein das du einen Menschen beschützt? Du weißt ganz genau das wir uns nicht in die Angelegenheiten von höher gestellten Vampiren einmischen dürfen.“ Er senkte den Kopf. „Ich weiß.“ Sein Vater schlug auf den Tisch, sodass Lucien den Kopf wieder hob. „Und warum hast du es dann gemacht? Denkst du das bleibt unbestraft?“ „Nein. Ich konnte nicht anders.“ Kopfschüttelnd sah sein Vater ihn an. „Mach das nie wieder. Misch dich nicht ein. Ich konnte es regeln, dennoch erhältst du eine Strafe. Du gehst jetzt augenblicklich runter in den Keller. Ich folge dir gleich.“ Ohne ein Wort stand er auf, ging die Treppe nach unten und wartete. Sein Vater schloss die Tür hinter sich. „Ich will es nicht tun aber du lässt mir keine anderen Wahl.“ Er hob seine Hand und sprach das Wort „Schmerz“. Sofort fing Lucien an sich zu krümmen, er versuchte sich dagegen zu wehren, doch die Gabe war sehr stark. „Du sollst die Menschen nicht beschützen und dich nicht einmischen. Hast du verstanden?“ Lucien stöhnte vor Schmerzen auf, versuchte jedoch zu nicken. Sein Vater ließ die Hand wieder sinken. Er ließ ihn dort liegen und verschwand wieder. Lucien lag noch eine ganze Weile dort auf den Steinboden, ehe er sich vorsichtig aufrappelte. Er hasste es so bestraft zu werden, dennoch würde er es nicht rückgängig machen. Er würde sie immer wieder beschützen.

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    • Alice hatte ein kleines schlechtes Gewissen, dass Lucien sie begleitete, auch wenn er mehrfach betont hatte, dass es für ihn keinerlei Umstände bedeutete. Trotzdem fühlte es sich für sie so an, als würde sie ihm etwas aufbürden. Als sie weitergingen, erkannte sie in der Ferne bereits das Haus, in dem sie lebte. Die Gegend war einer dieser seltenen Flecken mitten in der Stadt, die sich trotzdem nicht nach Stadt anfühlten. Zwischen den Gebäuden wuchsen hohe, gepflegte Büsche, kleine Bäume säumten den Gehweg, und überall standen große Pflanzkübel mit Efeu, Lavendel und anderen Grünpflanzen, die die Nachbarn liebevoll pflegten. Selbst jetzt, im frühen, bläulichen Morgenlicht, wirkte alles ruhig und einladend wie ein kleiner, geschützter Garten zwischen Beton und Straßenlärm. "Danke fürs Nachhause bringen", sagte Alice, als sie wenige Meter vor ihrer Haustür stehen blieb. Sie drehte sich zu Lucien, wollte gerade noch etwas hinzufügen, vielleicht ein weiteres Dankeschön, vielleicht ein kleines Lächeln, vielleicht etwas, das den Moment abrunden würde. Doch bevor sie überhaupt Luft holte, verabschiedete er sich schon. Ein kurzer Satz und dann war er weg. Alice blinzelte überrascht. Es war, als hätte jemand die Szene einfach abgeschnitten. Einen Herzschlag lang stand sie da, fast perplex, und sah ihm hinterher. "Ähm... okay", murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. Sie blieb noch einen Moment stehen, die Hand am Träger ihrer Tasche, und versuchte zu begreifen, wie er so schnell verschwinden konnte. Es war unerwartet und irgendwie... hinterließ es ein seltsames Gefühl in ihrer Brust. "Hat mich auch gefreut", murmelte Alice leise vor sich hin, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel kramte. Ihre Finger glitten über Buchkanten, den Stoff ihres Geldbeutels, bis sie schließlich den kalten Metallring ertastete. Sie schob den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn einmal herum und öffnete die Haustür. Alice drückte den Knopf für den Aufzug. Ein sanftes Ping ertönte, und die Türen glitten auf. Sie trat hinein, lehnte sich leicht gegen die Wand und spürte, wie die Müdigkeit ihr langsam in die Schultern sank. Der Aufzug setzte sich in Bewegung, fuhr ruhig nach oben, Stockwerk für Stockwerk, bis die Anzeige schließlich die 6 erreichte. Die Türen öffneten sich, und Alice trat hinaus in den hellen Flur und ging zu ihrer Wohnungstür, schloss auf und trat ein. Sie legte ihre Jeansjacke und die Tasche an der Garderobe ab, streifte die Schuhe von den Füßen und ging direkt ins Bad. Der Raum war hell und modern eingerichtet, mit einer großen Glasdusche und einer tiefen Badewanne, die sie viel zu selten nutzte. Der Spiegel war leicht beschlagen von der kühlen Nachtluft, die sie mit hineingebracht hatte. Alice seufzte leise, löste die Haarspange und begann, sich auszuziehen. Die Kleidung fiel auf den Boden, und als sie unter die Dusche trat, umfing sie sofort das warme Wasser wie eine Umarmung. Die Müdigkeit löste sich aus ihren Muskeln, tropfte mit dem Wasser zu Boden, und sie schloss die Augen, ließ die Nacht von sich abgleiten. Nach ein paar Minuten stellte sie das Wasser ab, griff nach ihrem flauschigen Bademantel und wickelte ihn eng um sich. Ihre Haare drehte sie in ein weiches Handtuch ein, das sie wie eine kleine Turbanhaube trug.
      In der Küche stellte sie sich ein kleines Frühstück zusammen - Joghurt, frisches Obst, ein wenig Müsli, nichts Besonderes. Sie setzte sich an den runden Esstisch, nahm den ersten Löffel... und plötzlich fiel ihr etwas ein. "Oh!" Sie stellte die Schüssel ab, sprang auf und lief in den Flur. Aus ihrer Tasche zog sie das Buch, das sie gestern Abend mitgenommen hatte. Sie hatte es fast vergessen. Mit dem Buch unter dem Arm ging sie zurück an den Esstisch, setzte sich wieder und schlug die Seite auf, an der sie aufgehört hatte. Sofort glitt sie zurück in die düstere Geschichte der Vampire, als hätte sie nie pausiert.
      Der Protagonist, ein Vampir, der sich durch die Schatten einer alten Stadt bewegte wurde gerade beschrieben. Seine Bewegungen waren lautlos, kontrolliert, fast zu elegant, um menschlich zu wirken. Seine Augen wurden als goldbraun beschrieben, warm und gefährlich zugleich. Und sein Haar schwarz, leicht zerzaust, als würde der Wind ständig damit spielen. Alice hielt inne. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Das... erinnert sie an Lucien. Sie versuchte, den Gedanken wegzuschieben, aber er kam sofort wieder zurück. Die Art, wie der Vampir im Buch beschrieben wurde, ruhig, wachsam, mit einer seltsamen Mischung aus Sanftheit und Gefahr ließ sie unweigerlich an ihren neuen Kollegen denken.
      Sie versuchte, ihre Gedanken wieder auf das Buch zu lenken, doch jedes Mal, wenn sie über den Vampir las, schob sich Luciens Gesicht dazwischen. Es war lächerlich, fand sie. Sie kannte ihn kaum. Und trotzdem... diese Beschreibung passte einfach zu gut. Also zwang sie sich, weiterzulesen. Sie aß ihr Frühstück fertig, löffelte den letzten Rest Joghurt aus der Schüssel und blätterte weiter. Die halbe Stunde verging schnell, während die düstere Geschichte sie immer tiefer in die Schatten der alten Stadt zog. Doch irgendwann merkte sie, wie ihre Augen schwer wurden und die Zeilen verschwammen und ein Gähnen entwich ihr. Sie war schrecklich müde. Alice klappte das Buch zu, legte es auf den Tisch und stand auf. Der Bademantel raschelte leise, als sie sich Richtung Bad bewegte. Die Wohnung war still, nur das entfernte Summen der Stadt drang gedämpft durch die Fenster. Sie löschte das Licht in der Küche, tappte durch den Flur, putzte sich noch die Zähne und betrat dann ihr Schlafzimmer. Es war schlicht, aber stilvoll. Das Bett stand zentral im Raum, bezogen mit weicher Bettwäsche in gedeckten Naturtönen. Auf dem Nachttisch lag ein kleiner Stapel Bücher neben einer schlichten Lampe mit warmem Licht. Ein großer, cremefarbener Teppich nahm die Mitte des Raumes ein und dämpfte jeden Schritt. An der Wand gegenüber stand ein schmaler Kleiderschrank aus hellem Holz, dessen klare Linien perfekt zum Rest der Einrichtung passten. In der Ecke neben dem Fenster stand eine große Zimmerpflanze, die dem Raum etwas Lebendiges gab. Sie wickelte das Handtuch aus ihrem Haar, legte es über den Stuhl und streifte den warmen Bademantel von den Schultern, griff nach frischer Unterwäsche und einem ihrer oversized Shirts, in denen sie immer schlief. Sie schlüpfte unter die Decke. Die Matratze gab angenehm nach, die Wärme breitete sich sofort aus, und ein tiefer, erschöpfter Atemzug entwich ihr. Innerhalb weniger Herzschläge war sie auch schon eingeschlafen.

      Alice schlief tief und traumlos, eingehüllt in die Wärme ihres Bettes. Die Müdigkeit der Nacht hatte sie förmlich überrollt, und erst als ihr Wecker gegen 14 Uhr klingelte, öffnete sie langsam die Augen. Der Tag war unspektakulär. Haushalt, ein bisschen Aufräumen, Wäsche, Staubwischen. Später ging sie einkaufen, kochte sich etwas Einfaches und entschied spontan, einen kleinen, saftigen Apfelkuchen zu backen. Der Duft erfüllte die Wohnung, warm und süß, und sie lächelte zufrieden, als sie den Kuchen aus dem Ofen holte. Alice entschied sich für ein Outfit, das bequem war, aber trotzdem etwas Eleganz hatte. Sie zog einen weichen, cremeweißen Strickpullover an, dessen Stoff leicht über ihre Schultern fiel und ihr einen warmen, ruhigen Look gab. Dazu wählte sie schwarze Leder-Shorts, die einen modernen Kontrast zum sanften Oberteil bildeten. Die Shorts saßen locker genug, um sich gut zu bewegen, aber hatten trotzdem eine klare, definierte Form. Ihre kniehohen schwarzen Stiefel rundeten das Ganze ab, schlicht, aber markant, mit einer glatten Oberfläche, die das Outfit optisch zusammenhielt.und ihre lockigen Haare trug sie diesmal offen. Über die Schulter legte sie ihre dunkelbraune Tasche, die perfekt zu ihrem Stil passte und genug Platz für all ihre Sachen bot. Mit dem Kuchen in einer Dose und ihrer Tasche über der Schulter machte sie sich auf den Weg zur Bar.
      Als sie die Tür öffnete, hörte sie sofort das leise Klirren von Gläsern und gedämpfte Stimmen. Es waren bereits ein paar Gäste da, aber noch nicht viel los. Taylor stand hinter der Bar, wie immer konzentriert, während Sophie die wenigen Gäste bediente, die sich schon eingefunden hatten. Und Alice... konnte ihren Blick nicht kontrollieren. Kaum war sie durch die Tür, suchte sie automatisch nach jemandem. Ihr Blick glitt über die Tische, die Bar, die Ecke beim Fenster, doch sie sah ihn nicht. Kein dunkles Haar, kein ruhiger Blick, keine Spur von ihm. Ob Taylor schon mit ihm gesprochen hatte? Oder hatte Lucien es sich doch anders überlegt? Ein kleiner Stich von Unsicherheit kroch in ihr hoch, den sie sofort wegschob. Sie begrüßte Taylor und Sophie freundlich, lächelte in die Runde und ging dann direkt weiter zum Aufenthaltsraum. Dort wollte sie ihre Sachen im Spind verstauen, den Kuchen abstellen und sich für die Schicht bereit machen.
    • Lucien

      Der Schmerz ließ allmählich nach und er konnte jetzt zumindestens wieder aufrecht stehen. Wie sehr er es doch hasste ein Vampir zu sein. Diese ständige Kontrolle, das Einhalten dieser Regeln, der Gehorsam … Nichts davon trug zu einem schöneren und besseren Leben bei. Mit langsamen Schritten ging er die Kellertreppe wieder nach oben. Er musste sich immer wieder mit seiner Hand an der Wand abstützen um nicht zusammen zu brechen. Heute hatte es sein Vater etwas übertreiben und Lucien würde es ihm vorerst nicht verzeihen. Schließlich war er alt genug um selbst darüber zu entscheiden was klug war oder nicht. Doch die Familie Thorne hielt sich viel zu streng an die Etikette und verzieh keine Ausrutscher. Oben ankommen machte er einen großen Bogen um die Wohnräume und schleppte sich nach oben in sein Gemach. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich und legte sich auf sein Bett. Ihm blieben noch ein paar Stunden Zeit, eh er wieder an dem normalen Leben teilhaben und dieser Welt entfliehen konnte.

      Einige Zeit später verging und er hatte sich ein wenig ausruhen können. Der Schmerz saß ihm immer noch leicht in den Knochen. Vorsichtig erhob er sich von seinem Bett. Sein Blick ging auf sein Handy verriet ihm das es bereits nachmittags war.
      Die restliche Zeit bis zu Schicht verbrachte er damit ein wenig aufzuräumen und seinen Eltern so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Auf eine erneute Konfrontation war er nun wirklich nicht scharf, doch anscheinend waren beide im Büro damit beschäftigt irgendwelche Pläne zu schmieden. Lucien hielt vor der großen schweren Holztür inne. Es war im verboten dort hinein zu gehen. Dennoch nagte immer wieder die Neugier an ihm. Mit seinen Fingern strich er über die Verzierung an der Tür. „Was für Geheimnisse verbirgt ihr?“, flüsterte er leise vor sich hin. Doch er würde es wohl nie erfahren. Seufzend löste er seine Finger wieder und machte sich zurück in sein Zimmer. Er warf sich wieder in ein schwarzes Hemd und in seine schwarze Hose. Die schwarzen Lackschuhe rundeten das Ganze ab. Mit den Fingern fuhr er sich vor dem Spiegel noch durch seine Haare und trug ein Parfüm aus Zedernholz auf.
      Ein letzter prüfender Blick und dann schnappte er sich schon sein Handy und eilte die Treppe hinunter. Er war spät dran. So schnell er konnte lief er aus dem Anwesen und in Richtung Bar. Vorbei an den vielen Menschen die ihm den Weg kreuzten. Sein Blick war nur nach vorne gerichtet, bis er an der Bar ankam. Der Securitytyp von gestern war auch wieder da und nickte ihn nur knapp zu.
      Innen schlug ihm die Wärme vor sein kaltes Gesicht und er brauchte einen Moment um sich daran zu gewöhnen. Taylor erblickte ihn und winkte ihm zu. Lucien hob ebenfalls die Hand. „Ich dachte du schon du kneifst“, sprach er belustig zu ihm. „Das hättest du wohl gerne“, gab er ohne zu zögern zurück.
      Sein Blick ging durch die Bar, doch von Alice war bisher keine Spur. „Sie ist vor ein paar Minuten gekommen“, sprach Taylor und wandte den Kopf in Richtung Aufenthaltsraum. Etwas verwundert sah er ihn an. Woher wusste er das er nach ihr Ausschau hielt? Ohne weiter darüber nachzudenken ging Lucien zu der Tür. Vorsichtig öffnete er sie und sofort drang ihr Duft in seine Nase. Er lehnte sich am Türrahmen an und beobachtete sie für einen kurzen Moment. Sie sah wieder entzückend aus. Ihr Haare waren heute offen und fielen ihr über die Schultern. Ihr Outfit war perfekt abgestimmt und ließ seinen Blick etwas länger auf ihr ruhen, als erlaubt war. Sie war gerade dabei ihre Schürze für die Schicht umzubinden. „Lass mich dir helfen“, sprach er ruhig zu ihr. Er drückte sich ab und ging auf sie zu. Er half ihr eine Schleife zu binden, die die ganze Schicht über halten würde. „So das war’s.“ Zufrieden sah er Alice an. Doch dann änderte sich sein Blick ein wenig. „Ich.. Es tut mir leid das ich heute Morgen so schnell verschwunden war. Aber ich hatte noch etwas zu tun.“ Es mag zwar nur eine Halbwahrheit gewesen zu sein, dennoch bereute er es sie so stehen gelassen zu haben. Er blickte in ihre grünen Augen und musste kurz schlucken. „Ich sollte zu Taylor gehen. Nicht das er denkt ich kneife doch noch.“ Lucien ging zur Tür, drehte sich noch mal zu ihr um. „Wir sehen uns dann.“ Ein zaghaftes Lächeln kam über seine Lippen und er ging zurück an seinen Platz. Hinter dem Tresen war Taylor schon dabei die Bestellung zu verräumen und er half ihn tatkräftig dabei. Nach und nach betraten weitere Gäste die Bar und die ersten Bestellungen trudelten ein.
    • Alice hatte bereits all ihre Sachen in den Spind geräumt und den Apfelkuchen auf dem kleinen Couchtisch im Aufenthaltsraum abgestellt. Sie wusste, wie sehr sich ihre Kollegen freuten, wenn sie etwas Selbstgebackenes mitbrachte und die vielen Äpfel zuhause hatten ohnehin verarbeitet werden müssen. Gerade war sie dabei, sich die schwarze Schürze um die Hüften zu binden, und irgendwie stellte sie sich dabei ungeschickt an; der Stoff rutschte, die Bänder verdrehten sich, und sie seufzte leise, während sie versuchte, die Schleife zu formen. Da ertönte hinter ihr eine tiefe Stimme. Alice fuhr erschrocken herum und sah Lucien im Türrahmen stehen. Für einen Moment blieb ihr die Luft weg. Sie hatte nicht einmal gehört, dass jemand hereingekommen war. Und bevor sie überhaupt etwas sagen konnte, kam er schon auf sie zu, ruhig, selbstverständlich, als wäre es das Normalste der Welt. "Oh..." brachte sie leise überrascht und ein wenig überrumpelt hervor. Lucien blieb vor ihr stehen, und ohne zu zögern nahm er ihr die Bänder der Schürze aus den Händen. Seine Bewegungen waren ruhig, präzise, fast schon zu kontrolliert. Alice blickte automatisch auf seine Hände, groß, kräftig, aber erstaunlich vorsichtig, als er die Schürze erst etwas enger zog und dann die Schleife band. "Danke", murmelte sie, fast schon verlegen. Sie hob den Blick und sah in sein attraktives Gesicht, seine Augen blickten konzentriert auf die Schleife, die er gerade festzog. Es war ein Moment, der eigentlich völlig banal war und sich trotzdem seltsam intensiv anfühlte. Dann hob er den Kopf. Seine Augen trafen ihre und Alice fühlte sich ertappt, als hätte er genau gesehen, dass sie ihn beobachtet hatte. Die Hitze stieg ihr in die Wangen, und sie senkte den Blick nur einen Hauch, bevor sie sich wieder fing. Sie wusste selbst, dass das stimmte, denn seit dem Moment, in dem sie die Bar betreten hatte, hatte ihr Blick automatisch nach ihm gesucht. Und jetzt stand er einfach hier, so nah und half ihr, als wäre es nichts Besonderes. "Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen", sagte sie dann und meinte es auch so, auch wenn sie es in dem Moment kurz komisch gefunden hatte. "Es war ohnehin wirklich nett von dir, dass du mich noch nach Hause begleitet hast.". Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, traf Luciens Blick sie mit einer Intensität, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Sie versuchte wirklich, nicht wie ein peinlich berührter Teenager wegzuschauen, aber es war schwer, diesem Blick standzuhalten. Im nächsten Moment ergriff Lucien auch schon die Flucht. Bei seinen Worten musste sie schmunzeln und folgte ihm mit den Augen. Sie bemerkte, wie ihr Herz etwas schneller schlug, als er sich noch einmal zu ihr umdrehte und seine Lippen sich zu einem Lächeln formten. Alice stand noch immer an derselben Stelle, als er den Aufenthaltsraum verließ. Erst als die Tür hinter ihm zufiel, merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte. "Warum benimmst du dich so dämlich...", murmelte sie leise vor sich hin und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Ihre Wangen waren warm, viel zu warm. "Du kennst ihn doch überhaupt nicht.". Sie ließ die Hände sinken und starrte einen Moment auf die Schürze, die nun perfekt saß. Okay. Jetzt war sie offiziell verrückt geworden. Sie hatte die letzten 24 Stunden viel zu oft an diesen Mann gedacht. Einen Mann, den sie erst bei ihrer letzten Schicht kennengelernt hatte. Und jetzt stand sie hier, rot im Gesicht, mit klopfendem Herzen und redete auch noch mit sich selbst. Super.

      Alice atmete noch einmal tief durch, strich sich die Schürze glatt und verließ dann den Aufenthaltsraum. Taylor stand hinter der Bar und polierte ein Glas, während Sophie gerade mit einem Tablett an ihr vorbeihuschte. "Hey, Alice", lächelte Sophie ihr zu, während sie elegant an ihr vorbeiglitt. Sophie war wie immer makellos zurechtgemacht: dunkle, glatte Haare, die ihr über die Schultern fielen, ein dezenter Lidstrich, der ihre braunen Augen betonte, und ein schmaler schwarzer Rock, kombiniert mit einer schlichten Bluse. Sie wirkte immer ein bisschen wie jemand, der selbst im Chaos noch einen Hauch Glamour ausstrahlte. "Erinnerst du dich an den süßen Kerl von letzter Woche?", fragte Sophie verschwörerisch und senkte die Stimme ein wenig, während sie sich kurz zu Alice beugte. "Du weißt schon... der, der mir seine Nummer zugeschoben hat.". Alice grinste. "Oh ja. Der mit dem viel zu selbstsicheren Lächeln.".
      "Genau der." Sophie rollte leicht mit den Augen, aber ihr Lächeln verriet, dass sie es eigentlich ziemlich mochte. "Der war vorhin schon da und hat gefragt, wann ich Feierabend mache.".
      Alice lachte leise. "Na siehst du. Ich hab’s dir gesagt, der war total interessiert.". Sophie schob eine Haarsträhne zurück und wirkte für einen Moment fast ein bisschen verlegen, was bei ihr selten vorkam. "Ich weiß nicht... vielleicht. Aber irgendwie war's süß."
      "Definitiv süß", bestätigte Alice und freute sich ehrlich für sie.
      Sophie strahlte. "Ich sag's dir, wenn er wieder auftaucht. Vielleicht holt er mich ja wirklich ab.".
      "Und das hoffentlich mit einem Strauß Rosen", antwortete Alice amüsiert, bevor Sophie wieder loshuschte, um die nächsten Gäste zu bedienen.
      Alice blieb einen Moment stehen, sah ihr nach und spürte, wie sich ein kleines, warmes Gefühl in ihr ausbreitete. Es tat gut, Sophie so fröhlich zu sehen. Und gleichzeitig schlich sich ein Gedanke in ihren Kopf zurück, den sie eigentlich gerade erst zur Seite geschoben hatte. Lucien. Ihr Blick wanderte zur Bar, wo Taylor und Lucien bereits Bestellungen entgegennahmen. Sie beobachtete ihn nur einen Moment, bevor Sophie wieder neben ihr auftauchte, diesmal mit zwei leeren Gläsern auf dem Tablett. "Oh! Und Alice!", rief sie leise, aber aufgeregt. "Wäre es für dich okay, wenn Taylor mir erlaubt, früher zu gehen? Die Schicht allein weiterzumachen? Aber natürlich nur, falls nicht viel zu tun ist.".
      Alice musste lachen. "Also wartest du wirklich nur darauf, dass er dich abholt?"
      Sophie grinste breit und zuckte mit den Schultern. "Na aber nur, wenn er wirklich den Strauß dabei hat. Immerhin hab ich Klasse."
      Alice lachte erneut. "Natürlich, was auch sonst." Sie nickte amüsiert. "Wenn Taylor es dir erlaubt, dann verschwinde, sobald du kannst."
      Sophie bedankte sich sofort, drückte Alice kurz und verschwand wieder zwischen den Tischen.
      Dann ging auch Alice an die Bar und lehnte ihre Unterarme auf den Tresen "Würdest du mir eine Cola geben?", fragte sie Lucien.
      "Weißt du...", begann sie vorsichtig, "wir gehen manchmal nach der Schicht zusammen frühstücken. Nur wenn's nicht zu anstrengend war und falls du wirklich entscheidest, bei uns zu bleiben dann bist du gern dazu eingeladen mal mit uns mitzukommen.".