❦Das Herz der Welt❦ [☾Rou✧Nim☽]

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    • Viktor & Elise

      Viktor saß tief versunken in dem mit rotem Stoff bezogenem Sessel nah am Feuer, verlor sich nahezu gänzlich in dem Gefühl der Gemütlichkeit, welches sich in seinen Gliedmaßen ausbreitete, als er sanfte Schritte auf dem Gang vernehmen konnte.
      Seine Augen waren verschlossen und beabsichtigten nicht den Prinzen in naher Zukunft wieder das warme Licht des Raumes erblicken zu lassen. Sein müdes Wesen sehnte sich nach Ruhe, nach einem Ort an welchem er Kummer und Sorgen einfach zurücklassen konnte - so wie es ihm als Kind die Arme seiner Mutter ermöglichten, die wohl gewählten Worte seines Vaters und das bezaubernde Klavierspiel seiner Schwester. Ein flüchtiges Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er an vergangene Momente dachte. So oft verzerrte er sich nach der Vergangenheit, fürchtete sich oft davor, in ihr zu verwelken. Ganz langsam schlich er sich Schritt für Schritt in seinen Gedanken in seine früheren Erinnerungen hinein und ließ sie mit seinen Wünschen verschmelzen. Viktor stellte sich vor, wie er in den großen und hell erleuchteten Speisesaal trat, in welchem seine Familie auf ihn wartete.
      Wie zu erwarten trug seine Mutter ein liebevolles Lächeln auf den Lippen und erhob sich momentan, als er den Raum betrat. Ihre Stimme berührte seine Seele und umhüllte ihn wie warmes, weißes Gefieder. "Mein teurer Sohn", sprach sie mit mütterlichem Sanftmut und strich ihm nur ganz knapp über sein markantes Kinn, als wäre es nur die Andeutung einer Berührung gewesen. Sie legte ihren schönen Kopf in ihre Schulter und sah ihm tief in die Augen - oh, diese Wärme, die aus ihnen hinausging. Als würde dieses kalte Geschöpf die Sonne wahrhaftig in ihrer Brust tragen und sich in ihren Fingern sammeln, in ihren Worten ausleben. "Ihr seht so müde aus, mein Kind...".
      Ihre Stimme, so besorgt und voller Furcht. "So unendlich entschöpft..." Viktor nickte und versuchte seine kalten Wangen in die warmen Hände seiner Mutter zu legen. "Mutter", begann er. "Wie ein Vogel ohne Flügel wandere ich von Tag zu Tag, versuche das Herz eines lodernden Phönix zu bändigen. Doch Mutter, sie ist so entschlossen in ihrem Vorhaben. Wie sollte ich sie aufhalten, ohne sie gänzlich als meine Schwester zu verlieren? Sie ist alles für mich, würde mein Leben für sie geben. Meine Taten bringen sie jedoch dazu, mein Leben zu verachten, wenn ich sie weiter einzusperren vermag...", offenbarte er dem Trugbild seiner Mutter - fürchtete sich vor den Worten, die sie zu ihm sprechen würde. Sie öffnete ihre Lippen, aus ihnen schien sich jedoch kein Ton formen zu können. Langsam griff er nach den Schultern seiner Mutter, wollte sie an sich ziehen und auf ewig an seine nun so erwachsen gewordene Brust schmiegen und sie niemals mehr hergeben - glitt jedoch gleich durch sie hindurch und zerriss das Trugbild mit einem Hauch, der den Prinzen zurück in die harsche Realität beförderte.
      Er wollte nicht, doch sie prägende Präsenz Avelines forderte ihn dazu auf, langsam seine Augen zu öffnen.
      Viktors Blick glitt zu dem Tablett in ihren Händen, zu dem sorgsam angerichteten Tee, dem Brot, den feinen Speisen. Jede Geste, jeder Winkel schrie nach Bedacht – nicht nach Fürsorge. „Ihr seid sehr aufmerksam“, murmelte er und löste seine Arme wieder, jedoch nur, um sich aufrecht hinzusetzen. Der Sessel knarrte unter seinem Gewicht, als wollte er ihn warnen, sich nicht zu tief in Avelines Nähe sinken zu lassen. „Doch Ihr müsst Euch nicht um jeden meiner Atemzüge sorgen.“ Seine Worte waren von ähnlicher Kälte geprägt wie die seiner Schwester - nicht kränkend oder hart, nur ehrlich und kühl wie frischer Winterwind. Er trat Aveline mit einer gewissen sachlichen Distanz entgegen, die selbst die Zofe nicht leugnen konnte und es fuchste sie, dass er Undine nicht mit dieser grässlichen Distanz bestrafte. Ihre Hände bebten, als sie das Tablett auf dem kleinen Tisch abstellte - nicht vor Nervosität, sondern weil ihr Blut vor Echauffierung über die Tatsache kochte, dass dieses Weib nichts dafür tun musste, dass Viktor sie scheinbar so nah an sich ranließ.
      „Bitte denkt nicht, dass ich Eure Loyalität nicht schätze, Aveline. Sie ist wertvoll“, sprach er zu ihr, jedoch waren seine Worte nicht wie ihre in Honig getränkt, sodass zwischen ihnen ein Moment Stille herrschte - die Art Stille, welche man spürt, bevor der Schnee zu fallen beginnt.
      Aveline ließ ihre Lider einen Wimpernschlag länger gesenkt, als es nötig war – gerade so lange, dass man Mitleid empfinden konnte und lange genug, dass ihr süßes Lächeln sich neu formte, sortiert, perfektioniert. Als sie wieder zu Viktor aufsah, glänzten ihre Augen mit einer Mischung aus warmer Anteilnahme und ganz feinem, glitzerndem Besitzanspruch. „Ich möchte nur, dass Ihr Euch verstanden fühlt,“ hauchte sie, eine Hand zart an ihre Brust gelegt. „Manchmal habe ich das Gefühl, Ihr tragt mehr allein, als Ihr zeigen mögt. Und wer sollte Euch entlasten, wenn nicht jemand, der Euch seit Jahren dient?“ Das Wort dient sprach sie so sanft aus, dass man fast überhören konnte, wie sehr es in Wahrheit beweist, dass ich hier das Recht habe zu stehen bedeutete. Viktor atmete tief aus. Er war müde – zu müde, um Avelines süße Beharrlichkeit abzuwehren oder um die kleinen, gezielten Stiche zwischen ihren Worten zu beachten. Also richtete er sich etwas auf, schob das Tablett mit einer dankbaren, aber eher formellen Geste näher zu sich und deutete mit der Hand auf den Hocker rechts neben dem Sessel. „Setzt Euch, wenn Ihr mögt,“ sagte er. Für einen kurzen Moment schien Aveline zu strahlen – nicht warm, sondern wie eine Lampe, dessen Öl endlich nachgefüllt wurde. Sie glitt beinahe lautlos zu ihm, setzte sich so elegant, so artig neben ihn, wie eine Dame, die genau wusste, wie man wirkt. Ihre Knie blieben knapp außerhalb seiner Reichweite – nicht aus Respekt, sondern weil sie wusste, dass Nähe mehr elektrisiert, wenn man sie nur andeutet. „Danke, Hoheit…“, hauchte sie sanft mit zuckriger Dankbarkeit in ihrer Stimme. Oh, wie süß ihre Worte klangen. Sie wandte sich etwas ihm zu, Kopf schräg, ein weicher Blick – so weich, dass er beinahe geschliffen war. „Ihr seht wirklich müde aus…“ flüsterte sie. „Wenn Ihr wünscht, reibe ich Euch etwas von dem warmen Balsam auf die Schläfen? Er hilft. Auch Prinzessin Elise nutzt ihn, wenn—“ Und genau in diesem Moment öffnete sich die schwere Tür des Saals. Ein kalter Hauch strich hinein und Elise stand dort in dem hohen Türbogen, der sie nahezu wie eine kleine Elfe erscheinen ließ, ihr weißer Pelzmantel übersaht mit sanften Flocken des herrlichen Schnees, der sie zärtlich umhüllte - der ihr ein wahres Gefühl von Heimat schenkte. Zart, aufgerichtet, die Hände noch gefaltet vom Gebet, das sie gerade beendet haben musste. Ein Schatten von Unruhe lag über ihrem Blick, doch ihr Erscheinen war still – so still, dass es dennoch den ganzen Raum verschluckte. Schon ewig hatten ihre Beichten ihr nicht mehr so viel Gewicht um die zierlichen Knöchel gelegt, sodass ihre Bewegungen langsam, doch fein wirkten. Avelines Rücken wurde einen Hauch gerader. Ihr Lächeln einen Hauch süßer. „Ah… meine Prinzessin.“ Die Worte perlten von ihren Lippen wie Honig, der gerade erst warm geworden war. „Ihr seid zurück.“ Viktor wandte sich sofort seiner Schwester zu, tiefe Erleichterung in seinem Blick – jene Art von Erleichterung, die Aveline mehr verletzte als jedes harsche Wort hätte. „Elise… komm her,“ sagte er, seine Arme einladend neben ihn deutend, falls seine kleine Schwester Trost in seiner Nähe suchen wollte. Avelines Finger spannten sich kaum sichtbar um den Stoff ihres Kleides. Sie lächelte weiter. So süß wie Zucker. So still wie Gift und den Blick starr auf ihre Prinzessin gerichtet.
      Doch mit einer sanften Handbewegung lehnte die Prinzessin die Einladung ihres Bruders dankend ab. Avelines Anspannung verflog wie feiner Schnee im Wind und schwebte mit ihrem unauffälligen Seufzen leise davon. „Ich wollte gar nicht lang stören, nur berichten, dass ich wieder zurück bin“, sprach sie, ihre Worte weich und vorsichtig, ehe sie sich mit einer kurzen Verbeugung vor ihrem Bruder in ihre kleine Bibliothek zurückzog. Ihre Jacke hing sie an einen kleinen schön verzierten Haken an der Wand auf und begab sich zu dem Sekretär aus tiefbraunem Holz. Langsam ließ sie sich in dem Stuhl nieder und griff zur Feder. Und als wäre sie durch einen tiefen Schwur verbunden, flog eine zartweiße Schneeeule ans Fenster, welche der Prinzessin augenblicklich den zögerlichen Impuls eines Lächeln auf die Lippen zauberte. Sie ließ sie herein und das treue Wesen fand seinen Platz auf einer Stange, sorgfältig neben dem Sekretär platziert. „Willkommen zurück, Nyctimene…“, begrüßte sie das anmutige Tier neben ihr und mit zwei Wimpernschlägen schien sie diese zu erwidern.
      Elise griff ihr langes Haar und legte es sich grazil hinter die Schultern, bevor sie sich sanft über ein hübsches Stück Pergament beugte und verbrachte weniger Zeit an dem Brief, als man vermuten sollte.
      Behutsam faltete sie das Stück Papier und versiegelte es mit weißem Wachs - ein Brief auf reiner und unschuldiger Freundschaft, adressiert an einen gleichermaßen reinen und unschuldigen Ritter, überbracht von einer treuen Begleiterin der Prinzessin.
      Der Brief schrieb in schönster Schrift:

      Liebster Sir von Pendagron,
      Ich danke Euch aus tiefstem Herzen und bete dafür, dass auch Ihr wohlauf seid - ihr Alle.

      Hochachtungsvoll,
      Prinzessin Elise Belyova

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    • Undine

      Die Wassernixe öffnete langsam wieder die Augen, als hätte sie ein leises Gespräch mit dem Wasser beendet — oder nur unterbrochen. Der Wintergarten schwieg, doch die Luft war nicht mehr so kalt wie zuvor. Etwas hatte sich gelöst, eine unsichtbare Klammer, die ihren Brustkorb zu lange festgehalten hatte. Vola ruckte mit dem Kopf und musterte sie wachsam. Was für ein kluges Geschöpf er doch war. "Ihr habt mich nicht ohne Grund gesucht…" murmelte sie, ihre Stimme ein weiches Streichen über der stillen Wasserfläche. "Ihr wolltet, dass ich innehalte. Oder… dass ich höre." Der Rabe schob den Kopf unter ihren Arm. Sein Gefieder roch nach Frost und Himmel, und sein vertrautes Gewicht fühlte sich an wie eine Antwort. Undine strich achtsam über die glatten Federn. "Sagt, Vola… wart Ihr bei der heiligen Eiche?" Ein präziser Laut, das scharfe Anheben des Kopfes: Ja. "Und habt Ihr mit den Dohlen, den Spatzen, den Meisen oder die Amselns gesprochen welche sie bewohnen?" Der nächste Laut war stolz, beleidigt und ein wenig ertappt. Undine lachte leise. "Natürlich habt Ihr. Gerade die Dohlen, Eure Sippschaft, reden gern, und viel, und in alle Richtungen zugleich. Sitzbübische, flatterhafte Schnatterschnäbel… aber liebenswert. Ihr Gesang ist wild und frei. Ich mag euch Rabenvögel sehr gern." Der Rabe drückte sich an ihre Brust, als wolle er klarstellen, dass er mit diesen flatternden Leichtfüßen nichts gemein hatte. "Haha, aber natürlich seid Ihr anders." flüsterte sie. "Stiller. Bedachter. Wenn du zu mir kommst, dann nicht, um zu lachen… sondern mit dringender Botschaft und bewusster Weisheit. Ein stolzer Rabe mit edlem Gefieder." Ein tiefes, ehrliches Krächzen. Undine hob sanft seinen Schnabel an, sodass er sie ansehen musste.
      "Wolltet Ihr meine Aufmerksamkeit, weil Ihr wusstet, was ich hören würde? Oder… weil die Dohlen etwas berichtet haben?" Ein kurzer, strenger Flügelschlag. Das war keine zufällige Geste. Der Atem der Dunkelhaarigen stockte. "Was haben sie gesungen? Über mich? Über die Kindsköpfe… oder einen Streit mit Nimbus?" Ein warnender, sorgender Laut. "Ich verstehe. Die Eich war's, welche mit Euch sprach." Sie neigte den Kopf. "Habt Dank für Eure Ehrlichkeit." Vola legte seine Stirn an ihre Wange beinahe selten wie zärtlich. Sie hielt ihn wie etwas Zerbrechliches. "Ihr wolltet mich beruhigen. Damit ich mich ganz auf das Wohl der Prinzessin besinnen kann. Mir sagen, dass ich nicht allein bin. Dass irgendwo Flügel wachen, wenn ich die Tiefe vergesse. Selbst die Dohlen, Nimbus und die Wächter machen sich Sorgen, wenn ich zu lange schweige." Ein sanftes Gurren. Als sie sich erhob, hüpfte Vola auf ihre Schulter und schob einen Flügel an ihren Hals.
      Trotzt aller Bemühungen, ein Rest Unruhe blieb. "Sagt, Vola… wenn Ihr überall seid, wo man Euch nicht erwartet... habt Ihr dann auch die Sonnenwächter gesehen? Arthur, Lancelot… die anderen? Sind sie gut heimgekehrt?" Ein tiefes, bedeutungsschweres Lauten: Ja. "Und… sorgen sie sich schon um mich?" Dringlich schob sich sein Kopf in ihre Hand. "Ich weiß, Ihr würdet mich nicht belügen." In seinem Blick lag plötzlich ein stilles Bild: Arthur im Feuerschein, Lancelot mit der Hand am Schwertgriff, die anderen, die leiser wurden, wenn ihr Name fiel. "Sie denken an mich." flüsterte sie, überrascht von der Wärme, die dieser Gedanke in ihr entfachte. "Sie fragen sich, ob ich bleibe… oder wie Gischt fortgetragen werde." Ein tadelnder Stoß gegen ihre Stirn. "Wenn Ihr sie wieder seht… sag ihnen nichts Trauriges. Nur, dass ich atme. Und meinen Platz suche. Aber dass ich sie nicht vergesse und sie in solchen Zeiten nicht zurücklasse." Ein klarer, zustimmender Ruf. Wasser glitt wie schimmernde Linien an ihrem Kleid hinab, als Vola in die Schatten des Wintergartens glitt. Die Seejungfer folgte ihm mit Wasser an den Fingerspitzen, einem Raben an der Schulter und einem Herzen, das nicht mehr ganz so schwer war. "Nun… ich sollte wohl langsam zurück. Ich bin ja hier, um mich um die Prinzessin zu kümmern."


      Arthur

      Der Abend lag wie ein dunkler Schleier über der Aurea Custodia, als der junge Anführer allein vor der Heiligen Eiche stand. Das uralte Gewächs ragte in den Himmel wie ein lebender Schattenriss, seine Äste schwer von Wissen und Erinnerung. Der Wind spielte mit den Blättern ein Wispern wie ferne Wellen. Der Braunhaarige legte eine Hand auf die raue Rinde. Sie vibrierte. Kaum spürbar, doch genug, um anzudeuten, dass sich etwas regte. Er schloss die Augen. Undine… Sie fehlte in diesen schweren Stunden, wo auch immer sie war... hoffentlich war sie sicher - und hoffentlich kehrte sie alsbald zurück.
      Schritte näherten sich, gedämpft vom heiligen Boden. Cassians Schritte waren so ruhig und bedacht, jedoch schwerer als die der Wassernixe. Der Rotschopf blieb wortlos neben ihm stehen. Beide lauschten dem Flüstern der Blätter, deren Klang an ein leises, niemals endendes Meer erinnerte. "Sie ist in letzter Zeit so unruhig." murmelte der Gelehrte. "Ich weiß." Der junge Ritter atmete tief aus, und sein Atem löste sich wie Nebel. "Die Eiche reagiert auf Strömungen, auf Veränderungen im Land." erklärte Cassian. "Auf Dinge, die wir nicht sehen, aber spüren. So wie das Sonnenjuwel um deinen Hals." Unwillkürlich zuckte die Hand des Anführers an den Schwertgriff. "Und trotzdem fühlt es sich an wie… Verlust." Cassian schwieg. Ein Verständnis-Schweigen, kein schweres. "Komm." sagte der Rothaarige schließlich. "Sonst bombardieren uns die Rekruten wieder mit Fragen." Das war wohl war. Langsam folgte Arthur ihn, fort von der Eiche.
      Sie gingen durch die hohen Steinbögen, goldenes Licht umfloss die Hallen wie warmer Atem. Der junge Ritter lief mit straffen Schultern, aber Cassian sah die Müdigkeit, die er verbarg im kontrollierten Atem, im ständigen Suchen nach Halt am Gürtel. "Die Späher berichten von Nebeln im Nordenosten." begann der Rotschopf. "Ein Mann aus Astrad fühlte sich bei der Feldarbeit beobachtet... gar bedroht. Es ist längs nicht nur ein Bauer. Dorfer bangen, die Menschenseelen zittern wenn ihr Arm sich nach uns austreckt."
      Im Rittersaal angekommen sank die Stimme des jungen Ritters. "Glaubst du, dass sich etwas vorbereitet?" Einmälig sank Arthur auf seinen Platz. Seine Gefährte nahm sich einen Moment um die Frage oder viel mehr seine Antwort abzuwegen. "Ich glaube, die Welt fühlt sich anders an, seit die Eisprinzessin in unseren Hain stolperte." Cassian legte eine Hand auf die Tischplatte. "Und es wäre töricht, das zu ignorieren." Arthur betrachtete die Kerben im Holz, die Spuren früherer Entscheidungen als können sie ihn helfen die rechte Antwort zu finden. "Manchmal frage ich mich, ob ich diese Aufgabe tragen kann." gab er leise zu. Von diesen Zweifeln wusste nur Undine, jetzt wo sie fehlte war es kaum auszuhalten. Ach was... Du trägst sie bereits." sagte der Magier. Arthur schwieg. Dann ein leises Nicken. "Gut, mein Freund ...Dann lass uns anfangen." Cassian lächelte, wandte sich ab, um zu seinen Studien zurückzukehren. Zurück blieb der junge Ritter und der Druck auf seinem Brustkorb. Allein. Der Gedanke an Elise ließ ihn nicht los. Ihr Lächeln, ihre Worte, selbst ihr Schweigen. Er setzte sich an den Schreibtisch. Das leere Papier starrte ihn an. Schließlich griff er zur Feder. Vielleicht würde es endlich Abhilfe schaffen die Last von seinen Herzen auf Papier zu bringen.

      An Prinzessin Elise,

      Euer Wohlergehen lässt mich seit Eurer Rückkehr keine Stunde ruhen.
      Die Stille der Nächte wird schwerer, da ich nicht weiß, was Ihr erduldet, was Euch bedroht oder was Euch Hoffnung schenkt.

      Verzeiht mir diese Worte — sie stehen einem Ritter kaum zu —
      doch Eure Stärke verfolgt mich wie ein ferner Stern, und ich ertappe mich allzu oft dabei, nach ihr zu greifen.

      Ich bete, dass jene, die Euch umgeben, Euch schützen, wo ich es nicht kann.
      Da Ihr jedoch den Mut besitzt zu fühlen, wünsche ich Euch, dass kein Schatten diesen Mut mit Schmerz vergilt.

      Wenn Ihr je meiner gedenkt, so möge es nicht als jener Mann sein, der versagte, Euch zu begleiten —
      sondern als der, der in der Ferne für Euch wacht.

      Möge das Licht, das Euch umgibt, nicht erlöschen.

      In unverbrüchlicher Treue,
      Arthur


      Unter der Unterschrift tropfte statt eines Siegels nur ein stiller Tintenfleck. Lange ruhte die Feder noch über den Zeilen, bevor der junge Anführer das Blatt aufhob, noch immer schwingend zwischen Sehnsucht und Scham. Er hob die Hand über die Flammen des Kamins neben ihm. Diese Zeilen waren töricht. Unziemlich. Gefährlich… und feige.... und doch so schmerzlich wahr.
      Die untere Ecke des Briefes bräunte bereits, als eine Erinnerung aufstieg: Elises warmer, dankbarer Blick am Abend vor ihrer Abreise. Nicht aus Pflicht. Aus Vertrauen. Der junge Ritter erstarrte. Riss den Brief zurück. Ein Atemzug entwich ihm, vor Erleichterung oder Verzweiflung vermochte er selbst nicht zu sagen. "...Ich… kann nicht." Er drehte sich abrupt vom Schein des Feuers weg, als hätte er beinahe etwas Heiliges entweiht. Mit schnellen Schritten durchquerte er die Hallen, bis er vor der alten Kommode Halt machte, deren verborgenes Fach nur er kannte. Dorthin legte er den Brief. Behutsam. Als könnte er zerbrechen. "Prinzessin… dieser Brief ist nicht für Euch. Und trotzdem… hatte ich nicht die Kraft, ihn in den Flammen vergehen zu lassen." Die Schublade schloss sich. Doch tief in seinem Inneren glimmte der Brief weiter,
      wärmer als jedes Feuer, fast wie der heilige Stein auf seiner Brust und das Herz was darunter schlug.
    • Viktor & Elise

      Die Dunkelheit brach immer mehr herein in Lunaris Veil und hüllte das schneebedeckte Land in ein angenehmes Schwarz, erhellt von warmen Lichtern und munteren Menschen, die ausgelassen auf den Straßen des kalten Königreichs umherschlenderten. Lunaris Veil lebte von der Nacht - befüllte Märkte, in denen man sich stundenlang verlieren konnte, leise Musik hallte durch das graue Gestein. Das Gerücht der kalten Menschen von Lunaris Veil war eine Fassade, die immer mehr zu bröckeln schien. Viktor lief langsam durch die Gänge und rief leise "Valo?". Er fragte sich, wo sein treuer Begleiter nur steckte. "Valo?", rief er etwas lauter und sah sich etwas eindringlicher um. Ein wenig Sorge kochte in seinem Magen auf. Der Prinz hielt einen warmen Mantel seiner Schwester um den Arm geschlungen. Er öffnete das Tor zum Garten hin und sah seinen Raben in wohliger Nähe Undines. "Da hältst du dich also auf!", lachte Viktor herzlich und schüttelte dennoch sachte sein hübsches Haupt. "Lady Undine", begrüßte er sie mit freundlicher Stimme und neigte seinen Kopf sanft nach vorn. "Wie ich sehe, habt Ihr meinen treuen Freund bereits näher kennengelernt". Er sah mit einem verspielten Lächeln zu ihr, wandte sich dann jedoch wieder seinem gefiederten Freund zu. "Entschuldige Valo, aber ich würde Lady Undine gern entführen, wenn du erlaubst". Der tiefschwarze Rabe krächzte kurz verachtlich, was dem Prinzen erneut ein herzliches Lachen entlockte.

      "Auf Anraten der Prinzessin des Hauses, würden wir Euch gern die Stadt zeigen". Während er sprach, führte seine Hand demonstrativ zur Mauer am Rand des Felsens. Die Hand des Prinzens berührte den Rücken der mitternachtsblau-haarigen Frau nicht, aber die Präsenz seiner Finger leitete sie dennoch sanft hin zur steinernen Mauer. Der Hang bot von oben Blick auf die Stadt. Sie war in viele kleine, warme Lichter getaucht, Köpfe bewegten sich auf den Wegen auf und ab - ein heimatlicher und zauberhafter Anblick. "Wenn Ihr wollt natürlich", versicherte er ihr und deutete auf die Jacke, welche er über seinen Arm geschlungen hielt.

      "Elise sagte, sie würde Euch gern das Wahre Lunaris Veil zeigen, ehe ihr den Entschluss fasst zu den anderen zurückzukehren...", offenbarte er ihr das Vorhaben seiner kleinen Schwester. Elise stand schon draußen vor dem großen Tor des Anwesens, schon gänzlich gespannt, ob ihr Bruder allein oder mit gewünschter Begleitung mit in die Stadt spazieren würde.

      Valo schien ebenso begeistert von dem Vorhaben und bestärkte die Worte seines Herren mit freudigem Krähen. Viktor hielt die wärmende Jacke hoch am Kragen und sprach überzeugend zu Undine: "Seht, Lady Undine...Ihr könnt uns unmöglich diese Bitte ausschlagen", während der ihr einladend sie Jacke auhielt, damit sie problemlos in das wohlige Warm des Wintermantels schlüpfen konnte, ein Arm nach dem anderen. Seine Hände streiften nur flüchtig über die Schultern der Frau, um sicherzustellen, dass der Mantel auch eng genug an ihr lag - nicht zu lang und nicht zu aufdringlich, nur so viel wie es sich für einen Prinzen schickte.

      Mit seiner Hand wies er ihr den Weg nach vorn zum Tor, wo Elise schon artig auf beide wartete.

      "Oh Undine! Wie erleichtert ich bin, dass Ihr uns begleiten mögt!", freute sich die zierliche Prinzessin und griff behutsam nach Undines Hand, um sie die steineren Treppe hinab zu führen. "Ich möchte Euch mit diesem kleinen Ausflug danken, Lady Undine", öffnete sich das blasse Mädchen und sah ihrer Begleitung ehrlich in die Augen. "Dafür, dass Ihr mir ein Stück meines Selbst geschenkt habt". Aber in ihrer Stimme schwang etwas mit, dass wie Sehnsucht wirkte. Elise konnte es selbst nicht leugnen, dass sie dem Juwelenträger ebenfalls gern die Stadt in ihrer Blüte gezeigt hätte - ihm das Essen ihrer Heimat kosten lassen, der sanften Musik der Straßen lauschen.

      Auf dem großen Marktplatz angekommen wird rasch deutlich, dass das adlige Geschwisterpaar hier zwar angesehen ist, sich jedoch häufiger unter die Menschen begeben. Keine Aufruhr, keine gehobenen Floskeln oder Verbeugungen - nur freundliche Gesichter und sanftes Nicken ereilen die drei Wandernden.

      Erneut schlich sich dieser angenehm vertraute Geruch durch die engen Gassen und bahnte sich seinen Weg in die Sinne der Wesen, die hier in der hell erleuchteten Nacht umherhuschten. Paare liefen Hand in Hand an den hübschen Lädchen vorbei, saßen gemeinsam auf den steinernen Bänken und wärmten einander die Hände. Das kalte und trübe Bild, welches von Lunaris außerhalb des schützenden Walls gezeichnet wurde, war hier einzig und allein im Schnee wiederzufinden.
      Viktor lief wie ein schützender Rücken hinter den beiden Frauen, verschränkte Arme ließen ihn wie eine unpassierbare Mauer wirken, die über die Sicherheit der beiden Frauen vor ihn wachte, doch verriet ihn sein Lächeln auf den Lippen, während er zu Undine und Elise blickte.
      Elise sah sich mit glänzenden Augen um, freute sich über all diese alten Gefühle, die nun in ihrer Brust wiedergekehrt waren. „Mögt Ihr Süßspeisen, Lady Undine? Das müsst Ihr unbedingt kosten!“, meinte die Prinzessin interessiert, bevor sie kurzzeitig in eines der kleinen Lädchen verschwand und für eine ganze Weile nicht wiederkehrte.
      Absicht!, dachte sich der Prinz und ein inneres Seufzen huschte durch seinen Körper. „Ihr habt sie wahrlich aufgeweckt, Lady“, mahnte er und es war anfangs nicht sehr durchschaubar, ob er es nun für gut oder schlecht befunden hatte - die Sorgen, die dies mit sich brachte, waren aber nicht zu überhören. „Sie ist ein neugieriges, aber immer schon ruhiges Mädchen gewesen“, erinnerte sich der Prinz an alte Tage zurück. „Auch wenn es mich mit unbeschreiblicher Angst erfüllt, dass sie diesen Gefühlen eines Tages erliegen könnte, mich nahezu umbringt, auch nur darüber einen Gedanken zu verlieren. Es löst dennoch auch Freude in mir aus, Lady Undine. Das Glänzen in ihren Augen und ihr warmes Lächeln auf den Lippen“. Er nickte sanft, seine strammen Arme noch immer verschränkt vor seiner Brust.
      „Jedoch - ich bin bei Weitem kein Narr, auch wenn man mich für einen halten mag, erkenne ich ein Mädchen, dass an einen Mann denkt auf einige Meilen“. Sein Blick wanderte langsam zu Undine - eine Fusion, ein unwiderstehlicher Blick aus Frustration, Verzweiflung gepaart mit Entschlossenheit und Recht. „Vor allem, wenn sie meine Schwester ist“, seufzte er.
      Seinen Kopf drehte er langsam hinüber, seinen Blick weit in die Ferne gerichtet. „Ich fürchte mich mehr davor, als manch einer sich ausmalen könnte. Elise kommt Ikarus gleich und ich kann förmlich riechen, wie sie sich elendig daran verbrennt bei dem Versuch, der Sonne einen Kuss zu schenken. Aber…“- Das knarzende Geräusch der sich öffnenden Ladentür unterbrach den Prinzen und seine hellen Augen folgten dem Geräusch augenblicklich.
      „Versucht diese später!“, bot die Prinzessin Undine höflich an und hielt eine kleine Tasche hoch.
      „Vorsicht“, warnte er. „Die Füllung ist meist kochendheiß“, fügte er hinzu.
      „Wir essen sie erst im Schloss, dann sind sie etwas abgekühlt“, mahnte die Prinzessin und es war kaum zu überhören, dass auch die liebliche Stimme Elises einen bestimmten Ton haben konnte, wenn sie es für nötig hielt. Sie warf Undine einen Blick zu, dass sie nicht vergessen hatte und nickte nur kaum merklich, bevor sie weiterzog.
      Es schien, als würde Elises Glanz immer und immer mehr hervorstechen, als würde ein dunkler Schleier weichen und das sanfte Licht der Liebe seine Strahlen durch die Risse schlüpfen lassen. Und für einen kleinen Moment, schien die Welt der Prinzessin nahezu vollständig - doch sollte sie diese Gefühle nicht leichtfertig spüren dürfen. Immer und immer wieder wanderte ein stechender Schmerz durch den schmalen Körper der Prinzessin, ließ sie teilweise etwas zusammenfahren. Doch Elise wollte ihn nicht spüren, wollte ihn ignorieren so sehr sie nur konnte, um nur für diese Momente normal zu sein - um nur für diese Augenblicke wirklich Elise Belyova sein und nicht alleinig ihre Hülle.
      Und plötzlich platzte es aus der Prinzessin förmlich heraus: „Ich möchte tanzen!“. Aus dem Nichts tat sie ihre Entscheidung kund und sah zu ihren beiden Begleitern hinter sich, löste in ihrem Bruder etwas Unverständnis aus - ein fragender Blick zierte sein Gesicht.
      „Tanzen?“, erkundigte er sich erneut und sah hilflos zu Undine, hoffend, dass sie sich einen größeren Reim aus den Launen seiner Schwester machen konnte.
    • Undine

      Als Undine den Schritt des Prinzen vernahm, hob sich ihre innere See kaum merklich. Fast wie ein sanfter Strudel, ausgelöst von etwas, das sie nicht sehen, aber fühlen konnte. Die Nacht lag weich über Lunaris Veil, schwarz und glitzernd wie Tintenwasser unter Sternen, und die warmen Lichter der Stadt spiegelten sich in den Fenstern des Wintergartens wie im ruhigen Grund eines Teiches.
      Als Viktor erschien und Valo mit seinem Lachen begrüßte, spürte Undine das vertraute Vibrieren des Raben an ihrer Schulter: ein leiser Protest, ein stolzer Laut, der ihre ganze Aufmerksamkeit forderte. Sie musste unwillkürlich schmunzeln, auch wenn sie den Blick senkte, um ihre Regung zu verbergen.
      Der Prinz näherte sich, sein Mantel wie ein Schatten aus Wolle über seinem Arm, und seine warme Stimme traf sie so sanft wie ein Sonnenstrahl, der eine tiefe Stelle des Wassers erreichen wollte. Jedes Mal, wenn er sprach klangen seine Worte so höflich, so makellos in seinen Umgangsformen. Und nun stand er hier, so makellos wie eine Statue aus hellem Stein. Sein Lächeln aber war echt. Undine blieb äußerlich ruhig, sanft, weich wie das Mondlicht selbst. Doch in ihren Teifen zuckte etwas auf, eine alte Gewohnheit der Vorsicht. 'Entführen.' Das Wort prickelte auf ihrer Haut wie kaltes Wasser. Sie hob das Gesicht und sah ihn an. Nicht herausfordernd, nicht überheblich aber mit diesem kleinen, spielerischen Funkeln, das tief aus der Strömung ihres Wesens kam "So? Entführen?" fragte sie, ihre Stimme weich und warm wie eine stille Welle, die aber schneidende Tiefe verbarg. "Seid Ihr Euch da sicher, Hoheit? Die letzten Teufel, die es versuchten… waren ein Pack Banditen." Sie beugte den Kopf leicht zur Seite, Wasserblau spiegelte sich in ihren Augen. "Und für jene..." murmelte sie, ein hauchzartes Lächeln auf den Lippen, "...ging es nicht gerade gut aus." Valo schnaubte ein kehliges, zustimmendes Lauten, als wollte er unterstreichen: Sie war kein Wesen, das man leichtfertig packen und davontragen konnte.

      Undine glitt in der Bewegung einen Schritt näher, gerade so, dass sie die Wärme des Mantels in seiner Armbeuge wahrnehmen konnte, nicht ihn, nein, nie ihn. Er berührte sie nicht; er würde es nie ungefragt tun. Doch seine Nähe füllte die Luft wie sanfter Dampf, und sie spürte den ungesagten Respekt darin, die höfische Grenze, die er niemals überschritt. "Aber…" ihre Stimme sank zu einem silbernen Hauch. "Wenn Ihr mich nicht entführt… sondern bittet… dann könnte es sein, dass ich Eurem Wunsch folge." Sie ließ den Blick über den Abhang gleiten. Die Stadt lag da wie eine leuchtende Schale voller Licht. Schön. Warm. Fremd. Und als er ihr die Jacke anbot, sah sie nur die Geste die Fürsorge, die Rücksicht, das stille Sorgen, das er trug wie ein zweites Herz, eines, das er jedem schenkte außer sich selbst.
      In dem Moment, in dem Viktor aussprach, dass Elise ihr das wahre Lunaris Veil zeigen wollte, durchlief Undines Körper eine kaum merkliche Schwingung wie ein leiser Wellenschlag, der einen Stein im Verborgenen traf. Etwas zwischen Überraschung und Vorsicht, zwischen einem unwillkürlichen Ziehen im Herzen und einem stillen, alten Reflex, sich nicht zu nahe an menschliche Wärme zu lehnen.
      Valos begeistertes Krähen vibrierte an ihrer Schulter, sein Federkleid raschelte wie ein flatternder Schatten. Der Rabe war sichtbar entzückt von der Vorstellung, mit ihnen in die warme Nacht der Stadt zu gleiten. Die Wassernixe schlüpfte in den Mantel, und als Viktor den Stoff an ihren Schultern ordnete, war seine Berührung kaum mehr als ein Hauch. Fast wie eine Frage. Fast wie ein Versprechen, das er nicht aussprach und... vielleicht auch nicht kannte. Undine hielt den Atem an, aber nur kurz, bevor sie sich dazu zwang, wieder ruhig zu sein. Sie war Meerwasser. Sie war eine Strömung. Sie war... ruhig und tief... Dann folgte sie seiner stummen Geste hin zum Tor.

      Elise stand dort wie ein schimmernder Lichtpunkt in der Dunkelheit, so hell, dass Undine sich fast fragte, wie sehr ihr Strahlen die Menschen hier band. Als die Prinzessin sie erblickte und mit solcher Freude begrüßte, traf Undine die reine, unverdorbene Hoffnung in Elises Augen beinahe so scharf wie kaltes Wasser. Die Seejungfer neigte den Kopf, ließ sich die Hand reichen, behutsam aber mit jener zarten Distanz, die ihr Wesen prägte. Elise’ Finger waren warm und fein, ihr Griff leicht wie Frühlingswind. Doch was ihre Worte trugen, war schwerer.
      Ein Stück. Ihr Selbst. Und plötzlich schwang in Elise’ Stimme eine Sehnsucht, die Undine klarer hörte als jedes gesprochene Wort. Nicht nach der Stadt. Nicht nach Freiheit. Nach jemand anderem. Nach dem Juwelenträger. Der Name musste nicht genannt werden. Er hing längst zwischen ihnen. Die Dunkelhaarige fühlte, wie sich ein fremdes Echo in ihrer Brust rührte etwas Sanftes, aber auch etwas, das man nicht anrühren durfte, wenn es nicht zerbrechen sollte. Sie erwiderte den Blick der Prinzssin ruhig, fließend, wie eine See, die entschlossen ist, keine Wellen zu schlagen. "Ich sagte doch Ihr schuldet mir nichts." sagte sie leise, aber ganz, ganz wahr.
      Die steinerne Treppe führte hinab in das warme Lichtermeer der Stadt. Elise hielt ihre Hand und irgendwo hinter ihnen spürte sie Viktors Blick wie einen sanften, behütenden Wind im Rücken. Die kühle Schönheit trat in die Nacht hinaus. Ihr Herz schlug in einem Rhythmus, der dem Meer unendlich ähnlich war still, tief - und doch lebendig, gar nicht zu bändigen.
      Der Marktplatz wirkte wie ein atmendes Herz aus Licht und Wärme. Jedoch fühlte sich die Meerjungfrau darin seltsam schwerelos und verloren. So viele Stimmen, so viele Düfte, so viel Leben. Alles pulsierte, alles lachte, alles teilte miteinander. Und dazwischen sie - eine einzelne Strömung in einem Becken voller Menschen, die nicht wussten, was sich zwischen ihren Reihen bewegte. Sie hätte lächeln können. Hätte es sogar sollen. Stattdessen spürte die Wassernixe nur, wie die Einsamkeit wie feiner Frost über ihre Haut kroch. Ohne ihre magische Maske. Ohne ihre Gefährten. Ohne den Schutz des Wassers, das jeden Ton abfedern und jede stille Verletzung fortspülen konnte.
      Die Dunkelhaarige hielt Elises Hand nur noch losen Augenblick lang, dann waren sie schon mitten im Lichtermeer, umgeben von Stimmen und Duftschwaden wie kandierte Früchte, geröstete Nüsse, heißer Honig. Süß. Überwältigend süß. Der Geruch legte sich an sie wie eine fremde Haut. Die Menschen blickten freundlich, nickten ihr beinahe beiläufig zu, als wäre sie nur eine weitere Gestalt in diesem warmen Gefüge. Es war angenehm. Es war schön. Und zugleich fühlte sich die kluge Strategin an Land wie eine Fremde unter tausend Vertrauten.

      Als Elise sie fragte, ob sie Süßspeisen möge, spürte Undine, wie sich ihre Brust engte. Nicht aus Ablehnung sondern aus der Angst vor der einen Wahrheit, die sie hier nirgends offen zeigen durfte. Ihr Lächeln unter der Maske blieb sanft, höflich. Aber es erreichte ihre Augen kaum.
      "Ich danke Euch, Prinzessin." erwiderte sie leise. "Doch meine Art… bevorzugt anderes als Süßes." Sie neigte den Kopf, bedacht, zurückhaltend. "Vielleicht koste ich später ein Wenig davon." Elise nickte verständnisvoll und verschwand im Laden. Und plötzlich war Undine allein. Nicht körperlich Viktor stand hinter ihr, die Menschen strömten um sie herum... aber im Herzen, war sie allein.
      Als Viktor das Schweigen füllte, mischten sich die schweren, offenen Worte des Prinzen mit dem Summen der Menge. Undine hörte ihm zu, ruhig, wie Wasser, das jedes Wort aufnahm und darin spiegelte. Während er sprach, fühlte sie seine Sorgen, seine Furcht, seine Beschützerliebe für Elise wie eine warme, schmerzhafte Wahrheit. Und etwas in seiner Stimme, in der Schwere dahinter, ließ sie ihn für einen Moment anders sehen: nicht als Prinzen, nicht als Sohn des Winters ...sondern als Bruder, der ein Stern hüten wollte, welcher ihm zu hell brannte. Und gleichzeitig traf jeder Gedanke an ihren jungen Anführer, jede unausgesprochene Andeutung seiner Gefühle und Verstrickungen Undine wie ein tiefer Stich. Sie selbst war Teil dieses Geflechts. Sie selbst war Ursprung mancher Veränderungen. Und sie selbst war zugleich die, die niemals dort hingehörte. Das tat weh. Mehr, als sie zeigen durfte. Viktors Blick streifte sie irgendwann, schwer, suchend. Undine senkte leicht den ihren, nicht als Unterwerfung, sondern weil die Worte, die zwischen ihnen lagen, zu vollkommen menschlich waren. Zu nah. Dann kam Elise zurück und die Welt wurde wieder heller.

      Elises Ruf nach Tanz zerschnitt die Nacht wie eine helle, überraschend klare Note.
      Die Dunkelhaarige blieb stehen, spürte sofort das Beben in der Stimme der Prinzessin. Da war dieser seltsame Zwiespalt aus Sehnsucht und Schmerz, aus Lebenshunger und bröckelnder Kraft. Undine atmete einmal tief ein. Ein leises, warmes Seufzen löste sich aus ihrer Brust, voller Verständnis, aber auch voller Sorge. Sie trat näher an Elise heran, legte ihre Stimme wie eine ruhige Welle um die flackernde Freude des Mädchens. "Ach? Prinzessin… wollt Ihr das wirklich?" hre Worte waren weder hart noch abweisend, doch sie trugen die klare, unverrückbare Kraft des Meeres in sich. "Ich verstehe Eure Freude und Eure Sehnsucht. Das Tanzen ruft nach Leichtigkeit, nach einem Atemzug ohne Last. Doch Ihr seid kein unbeschwertes Kind mehr." Die Schultern der Prinzssin zuckten beinahe unmerklich, als hätte Undine eine Saite berührt, die zu empfindlich war. Die Wassernixe fuhr fort, sanft, aber mit einer Wahrheit, die sie nicht verschweigen konnte: "Ihr seid eine Juwelenträgerin. Eine, die Licht bewahrt, wo andere längst zerbrochen wären. Unsere Wege haben sich nur gekreuzt, weil Ihr ... und Euer Reich bereits einmal angegriffen wurdet." Der Wind strich durch den Markt, und Elise' Freude flackerte wie eine Kerzenflamme. "Es wird wohl nicht der letzte Versuch des Feindes gewesen sein." Die Worte waren leise, aber wahr. Und Undine wusste, Elise hörte sie selbst wenn sie sie nicht hören wollte. Die Seejungfer senkte den Blick für einen Moment, ließ ihn über die Lichter der Straßen gleiten, über die Menschen, die lachten, tanzten, lebten. "Glaubt mir, Prinzessin… Arthur würde sicherlich auch gern mehr Vergnügen finden." Ein sanftes, fast unsichtbares Lächeln huschte über Undines Lippen. "Doch sitzt er nun wohl über seinen Schriften, die Stirn in Falten, und grübelt allein im Schein einer Kerze, um das Wohl aller zu sichern ...auch Eures. Ob er lacht oder tanzt, all das würde er sicher lieber tun als Pflichten zu wälzen. Aber die Last der Welt hält ihn gebunden." Undine richtete sich auf, der Wintermantel schwer auf ihren Schultern, die Ferne der Ozeane in ihren Augen. "Habt Dank für die Gastfreundschaft aber wenn ich hier nicht mehr gebraucht werde." sprach sie ruhig. "Kehre ich gern zu ihm und meinen Gefährten zurück. Sie sind meine Strömung, mein Zuhause, und auch ihnen schulde ich Treue. Gerade in solch schwerer Stunde." Ein Hauch Wehmut flackerte in ihrer Brust nicht Schmerz, sondern ein sanftes Echo des Ozeans. Dann sah sie Elise an. Direkt. Ehrlich. Keine Spur von Tadel, nur Sorge und eine stille Zuneigung, die einer Mutter gleichkam, die ein Kind vor einem Sturz bewahren wollte. "Wenn Ihr tanzen wollt, Prinzessin… dann tanzt. Aber vergesst nicht, wer Ihr seid. Und warum die Welt Euch nicht verlieren darf." Ihre Stimme sank zu einem warmen Flüstern: "Euer Licht ist schön. Aber zerbrechlich, wenn Ihr es zu weit streckt." Die Menschen um sie herum lachten weiter, die Musik spielte doch für einen Moment war es, als stünde die Zeit still um die drei Gestalten im Marktschein.
    • Elise & Viktor

      Elise lauschte jedem einzelnen Wort der vertrauten Schönheit vor ihr und doch schienen ihr ihre Worte so fremd und gleichzeitig so bekannt. Der Blick der Prinzessin schien unleserlich und war nicht zu deuten. Sie war berührt von der Erinnerung an ihre Aufgaben und gerührt von der Macht, die ihre Gefühle über sie hatten. Vergessen war die Stärke der Emotionen nach so einer langen Zeit ohne sie und Elise hatte so viel dazu zu sagen. Tausende Abers und unzählige Entschuldigungen brannten ihr auf der Zunge und glühten in ihrer Kehle, doch die junge Frau entschied sich zu schweigen. Nur ein leichtes Nicken signalisierte, dass Elise Undines Tadel in sich aufgenommen hatte. Viktor hingegen wusste genau, dass dieser Augenblick einen anderen Einfluss auf Elise gehabt haben muss, als sie es zu erkennen gab. Zu sehr erinnerte ihr Stillschweigen ihn daran, wie Elise sich als Kind verhalten hatte, wenn ihre Mutter etwas sagte, was Elise als Kritik verstand. Kein Trotz und kein Gefühl von Unrecht wollten das kleine Mädchen durchfluten, nur Trauer und Enttäuschung darüber, jemand anderen enttäuscht zu haben. Elise war ein Mensch von großem Gefühl. Ihr Lachen wärmte auch im kältesten jeder Schneestürme und ihr Weinen war so bitterlich herzzerreißend gewesen, dass selbst die steinernen Statuen der großen Hallen nach ihr sehen wollten, um ihr Trost zu schenken.
      Und dennoch war es Erleichterung, die ihr Bruder in einem solchen Moment spürte, von dem er genau wusste, dass er seine Schwester zurück in die kalten Fänge dunkler Magie treiben würde. Jene Art von Magie, die sicherstellte, dass ihr Herz sich erneut verschloss und seine Schwester alleinig aus purem Verstand heraus handeln lassen würde. Auch wenn er ihr Lachen sehnsüchtig vermisste und jeden einzelnen Streit aus entfernter Vergangenheit nun zu schätzen wusste, war seine Angst davor, dass ein lebendiges Herz sie ihm irgendwann entreißen und zu den Göttern mit hinaufnehmen könnte schlichtweg zu einnehmend. Er genoß die letzte Eindrücke der kürzlich vorbeigezogenen Tage nicht. Zu sehr war der Prinz davon überzeugt, dass solche Gefühle seiner Schwester großes Unheil bringen würden, welches selbst er nicht verhindern könne. Ein sekundenschnelles Lächeln huschte über seine Lippen, wie ein zarter Schleier aus feinster Seide und verschwand danach augenblicklich - doch seine kleine Schwester ließ ihn nicht unbemerkt.
      "Ihr sagtet, dass Ihr sie begleiten würdet, Bruder", erklang es plötzlich aus dem Mund der stumm geglaubten Prinzessin. Viktors Blick wanderte zu seiner Schwester und ehe er etwas sagen konnte, fuhr sie fort. "Ich werde zwei Pferde satteln lassen und für reichlich Proviant an Euren Satteln sorgen".
      Ihr freundlicher Blick glitt herüber zu Undine und ihre Hand schlüpfte zurück in den wärmenden Muff an ihrer anderen Hand. "Die Reise ist lang. Ich werde Euch Kleidung herauslegen lassen, die Ihr sicherlich brauchen werdet. Seht sie als ein Geschenk der Gastfreundschaft Lunaris. Die Vorbereitungen werden einen Moment dauern, aber ich verspreche Euch, Lady Undine, dass ich versuchen werde Euch so rasch wie möglich eine sichere Rückkehr zu Eurem Trupp zu ermöglichen". Ihr Oberkörper sank langsam und elegant, aber mit einer Bestimmtheit in eine tiefe Verbeugung und ihre leise Stimme bat um Verzeihung, bevor sie sich zurück in das Anwesen begab.
      Die Luft auf ihrer Haut schnitt schärfer als zuvor und Elise zog sich die große Kapuze über, versteckte sich unter ihr wie ein Kind unter einer dicken Daunendecke, das draußen ein tobendes Gewitter zu verdrängen versuchte.
      "Ihr werdet mich für einen törichten Bruder halten, aber ich danke Euch vielmals...", sprach Viktor und wählte, seinen Dank nicht weiter auszuführen. Er hoffte, dass sie verstand, warum er dankbar darüber gewesen war, dass seine Schwester möglicherweise zurück in alte Muster verfallen würde. Er hoffte, dass sie ihn nicht dafür verurteilte, dass seine Sorgen seine gutgemeinten Zukunftswünsche für sein nächstes Fleisch und Blut so arg überwogen. Für einen kurzen Moment verweilte der Prinz unter dem sanft herabrieselnden weichen Flocken und erhob seinen Blick gen Himmel. "Ihr könnt kaum schätzen, wie viel Last sich sofortig von meinen Schultern emporhob und mich nun endlich wieder mehr wie einen Raben und weniger wie ein Huhn fühlen lässt", sprach der Mann mit ehrlicher Stimme, die mit einem flüchtigen Lachen mit dem Wind davon trieb. Natürlich war es Viktor bewusst, dass er egoistisch war. Dass der Gedanke an Elises totes Herz ihn mit Freude erfüllte, war teuflisch. Doch hieß es, dass seine Schwester weiterhin leben würde und das war doch, was zählt. Er wusste, dass einige mit ihm darüber nur zu gern debattieren würden, dass ein kurzes und erfülltes Leben mehr Wert trug, als ein langes Leben in großer, kalter Leere. Doch ließ der belesene Prinz sich nur selten auf diese Debatten ein, denn der Mensch war erfüllt von Doppelmoralitäten, die er sich selbst nicht eingestehen konnte. So wurde er für seine Ansichten verurteilt, jedoch versteckten sich die meisten Menschen vor falschen Wahrheiten, für die sich Viktor zu eitel war. Er wusste genau was er dachte und schämte sich, im Gegensatz zu seiner Schwester, für keinen seiner Gedanken.
      Und so schloss er erneut nach einem langen innerem Monolog mit dem Thema für eine kurze Weile ab, um sich wieder auf die Thematiken der Gegenwart zu fokussieren.
      "Wir sollten ebenfalls langsam zum Anwesen zurückkehren. Je eher wir aufbrechen können, desto eher seid Ihr wieder bei Euren Liebsten", sprach Viktor zum Aufbruch und begab sich gemächlichen Schrittes über die unberührte Schneedecke zurück zum Hause Belyova.
      "Und bitte, macht die Umstände nicht schwieriger als sie sind. Ich werde Euch auf dem Weg begleiten. Entweder neben oder ein paar Schritte hinter Euch, falls Ihr ablehnen solltet", beteuerte der Prinz und warf der Frau neben ihm ein Lächeln zu, welches ebenfalls versicherte, dass er sich nicht umstimmen ließe.
      Seine Präsenz gab einem durchweg das Gefühl von Sicherheit und sein Auftreten war unerschütterlich bestimmt. Viktor wusste was er wollte und er stand hinter dem was er sprach, doch war er nicht so zerfressen von seinem Ego, welches er durchaus reichen besaß, dass er sich einen Fehler nicht eingestehen konnte. Er wirkte wie ein Lehrer auf einer Pilgerreise, der den Drang hatte unaufhörlich mehr über die Welt zu erfahren, sei er auch noch so klug gewesen.
      Seine Gedanken an neue Orte und neuem Wissen, fremde Götter und fremde Kulturen erregten seine Neugier auf eine Weise, auf welche es keine Frau jemals getan hatte - nicht die noch so attraktiven, noch so verruchten oder klugen. Und es war erstaunlich, denn Viktor war früher, in jüngeren Jahren, häufig verzaubert von der weiten Frauenwelt, mochte es sie zu erkunden und sich dabei auf neuste Weisen zu finden und erfinden. Er musste bei dem Gedanken etwas Grinsen, dass er nun gealtert war und dass nun Rücken von Büchern ihn auf eine Art entzückten, auf die es zuvor doch nur die weichen Wogen der zärtlichen Haut des Rückens einer Frau geschafft hatten.
      Auch wenn er den Schimmer des Schnees im Satten Mondlicht sicher vermissen würde, freute er sich darauf seinen schweren Körper auf den Rücken seines treuen Pferdes zu schwingen und die Erzählungen seines Vaters mit eigenen Augen erblicken zu dürfen. Viktor war unheimlich gespannt darauf, sein Reich zu verlassen und in neue literarische und kulturelle Meere einzutauchen und dabei den eigenen Hafen für eine Weile hinter sich lassen zu können.