The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Isaac schlief so gut wie schon lange nicht mehr - zumindest war das sein erster Gedanke, als er mit einem kurzen Aufwachen die Bettdecke unters Kinn zog, sich einmummelte und mit einem Seufzen wieder eingeschlafen war. Einfach fantastisch. Wieso nicht immer so? Den Schlaf brauchte er auch noch, so schwer, wie sich sein Körper anfühlte. Es würde sicher niemanden stören, wenn er noch ein bisschen weiterschlief. Vielleicht drei Jahre oder so.
      Nach den drei Jahren kam er dann genug zu sich, um wirklich aufzuwachen. Eine Melodie hing ihm im Kopf, die auch dann noch weiterspielte, als er die Augen aufzwang - und auf einen Linoleum-Boden, sterile Wände und Krankenhaus-Vorrichtungen starrte. Oh. Schon wieder? Oder immer noch? Aber egal, was es letztlich war, der Realisation folgte eine solche Depression, dass Isaac plötzlich gar keine Lust mehr hatte, es wirklich herauszufinden. Er wollte einfach nicht mehr. Wofür auch? Er war wieder im Krankenhaus, und wenn schon? So, wie es aussah, würde er für immer im Krankenhaus bleiben, immer entlassen werden, um dann früh oder später doch hier zu landen. Dann konnte er es auch gleich akzeptieren und sich die Mühe sparen. Es würde ja sowieso keinen Unterschied machen.
      Niedergeschlagen schloss er die Augen wieder, nur um sich eines Kratzens unter der Melodie bewusst zu werden und dann, als er das erstmal begriffen hatte, auch die Stimme der Melodie. Da riss er doch die Augen wieder auf und drehte sich schneller um, als er aufgewacht war. Denn dort, neben seinem Bett, saß Kai und zeichnete, einen Block auf dem Schoß. Es war wirklich Kai. Der unerwartete Anblick reichte dafür aus, seinem Herz einen lebhaften Sprung zu versetzen.
      "Kai?"
      Er setzte sich auf, schüttelte den Schlauch der leeren Infusion zur Seite und rieb sich die Augen. Das war kein Traum, ziemlich sicher, da saß wirklich Kai neben seinem Bett. Isaac war nicht alleine, und was ihn noch viel mehr freute: Es war Kai. Es war jedes Mal etwas besonderes, ihn zu sehen.
      "Warum bist du hier? Warum bin ich hier?"
      Sein Blick fiel auf die Wand an der Seite und sein Mund klappte ein bisschen auf, als er die ganzen Zeichnungen sah, die Kai dort aufgehängt hatte. Nur Skizzen, ohne Farbe und sehr grob, aber...
      "... Wie lange bist du denn schon hier?"
    • Kai summte vor sich hin, als er die Einzelteile seines Meisterwerkes an die Wand klebte. Er summte, als er die fehlenden Linien ergänzte. Er summte, als er sich wieder in den Sessel sinken ließ, um weiterzumachen. Alle seine Zeichnungen waren eigenständige Bilder, aber hier und da war eine Linie ein bisschen dicker, ein bisschen deutlicher. Erst, wenn die kleine Zeichnung an der Wand hing, zusammen mit den anderen, ergaben sie auch noch ein größeres Bild.
      "Kai?"
      Er sah auf und sah sich Isaac gegenüber - wach und ansprechbar. Kai lächelte.
      "Warum bist du hier? Warum bin ich hier? Wie lange bist du denn schon hier?"
      "Dir auch einen guten verspäteten Morgen," gab Kai zurück und beendete seine aktuelle Skizze.
      Er riss das Blatt aus seinem Skizzenbuch und stand auf. Er streckte sich kurz.
      "Ich bin hier, weil du hier bist. Du bist hier, weil du Genie die Idee hattest, dich für eine Woche in einem nicht belüfteten Raum einzuschließen und in Flaschen zu pinkeln."
      Er schlenderte zur Wand hinüber und klebte seine Skizzen zu den anderen. Er war fast fertig mit dem Gesamtwerk. Noch eine handvoll Bilder und der Ritter (der verdächtig nach Isaac aussah mit seinen kurzen Haaren und seiner magischen Hand) und der Drache aus Wasser, den er bekämpfte, wären fertig.
      Kai sah zu der Uhr über der Tür.
      "Und ich bin schon seit nicht ganz drei Stunden hier."
      Er ging zurück zum Sessel und setzte sich wieder. Mit geübten Bewegungen löste er den Infusionsschlauch aus Isaacs Zugang und schloss besagten Zugang, als sei er Teil des Pflegepersonals. Dann lehnte er sich über Isaac, um den Rufknopf zu drücken. Und zu guter Letzt schlug er Isaac gegen die Schulter.
      "Idiot," grummelte er. "Weiß doch jedes Kind, dass aus stickig irgendwann Kopfschmerzen werden."
      Er schnickte Isaac mit einem Finger gegen das Ohr.


    • "Dir auch einen guten verspäteten Morgen", sagte Kai vergnüglich und das mit dem Lächeln, mit dem er Isaac bereits zu ihrem Filmabend begrüßt hatte. Wie der Mann so gut gelaunt sein konnte, das war Isaac ein großes Rätsel, das er nicht zu lösen gewillt war. Kai war hier und machte mit seiner Anwesenheit schon alles besser.
      Er stand auf und streckte sich, dass sein Shirt ein wenig über seinen Bauch rutschte.
      "Ich bin hier, weil du hier bist. Du bist hier, weil du Genie die Idee hattest, dich für eine Woche in einem nicht belüfteten Raum einzuschließen und in Flaschen zu pinkeln."
      Isaacs Gesicht wurde heiß, als er die Implikation verstand. Er schrumpfte in sich zusammen.
      "Du warst in meiner Wohnung?"
      Irgendjemand musste ihn ja herausgeschafft haben, wenn er jetzt im Krankenhaus war, aber oh mein Gott - nur nicht Kai. Jetzt wusste er, wie verkorkst Isaac wirklich war.
      Damit war ihm alle Lust auf sämtliche Konversationen vergangen. Betreten sah er zu, wie Kai an die Wand ging und noch ein Bild aufhängte. Es war die Hand der Figur, die sich langsam in Lebensgröße auf der Wand ausbreitete, ein Wasserdrache bei ihr. Isaac wollte noch viel mehr versinken, als er sah, dass die linke Hand irgendeine Magie wirkte. Oh Gott, das alles war furchtbar.
      "Und ich bin schon seit nicht ganz drei Stunden hier."
      Nicht wirklich. Isaac hatte vermutlich noch nie solch großen mentalen Schmerz gespürt.
      "Bitte geh nachhause. Oh mein Gott. Das tut mir wirklich leid. Es ist nicht so, wie es aussieht."
      Wie es aber stattdessen sein sollte, das wusste er auch nicht. Wenn Kai ihn gesehen hatte... er hoffte einfach, dass das nicht der Fall gewesen war. Kai musste nicht sehen, was für eine Schande Isaac darstellte.
      Ohne weiteren Kommentar kam er zu ihm zurück und löste mit flinken Fingern Isaacs Infusion. War Kai etwa auch schon länger im Krankenhaus gewesen? Wegen seinem Handgelenk vielleicht?
      "Idiot", sagte Kai und schlug Isaac gegen die Schulter. Er zuckte davor zurück. "Weiß doch jedes Kind, dass aus stickig irgendwann Kopfschmerzen werden."
      Unfassbar peinlich berührt schnellte er die Hand nach oben, bevor Kai ihn wieder berühren konnte, und bekam sein Handgelenk zu fassen. Das ließ er aber sofort wieder los, denn nur Isaac wusste, wann er sich das letzte Mal die Hände gewaschen hatte und das würde er mit ins Grab nehmen. Es kam alles auf den Scham dieser ganzen Situation obendrauf.
      Die Tür öffnete sich und eine Krankenschwester kam herein. Es war dieselbe, die ihn auch mit seiner Hand gepflegt hatte und er begriff, dass er auf demselben Zimmer lag. Natürlich - wegen dem Regen. Er konnte ihr einfach nicht in die Augen sehen, als sie herankam, Kai anlächelte und sich nach Isaacs Befinden erkundete. Es ging ihm gut; sein Rücken tat ihm weh, was er ihr nicht sagte, und sein Hirn fühlte sich von der Infusion noch wattig an, aber das war nach ihren Angaben normal. Sie kündigte an, dass es aus der Kantine noch etwas zu essen gäbe und ging dann.
      Isaac wartete in beschämtem Schweigen, bis das Essen gebracht worden war, wofür er keinen Hunger hatte, und sagte dann, als sie wieder alleine waren:
      "Geh nachhause, Kai. Du hättest gar nicht kommen müssen. Ich danke dir, aber ich bin okay. Wirklich. Das ist alles so peinlich."
    • Kai ließ die Krankenschwester machen und zeichnete unbeirrt weiter. Wenn er erstmal richtig losgelegt hatte, so wie jetzt, dann wollte er auch fertig werden. Wenn er jetzt eine Pause machte, dann würde das Bild für immer unfertig bleiben.
      Als das Essen gebracht wurde, klaute sich Kai direkt den Pudding. Eine kleine Bestrafung dafür, dass sich Kai solche Sorgen machen musste.
      "Geh nachhause, Kai. Du hättest gar nicht kommen müssen. Ich danke dir, aber ich bin okay. Wirklich. Das ist alles so peinlich."
      "Haha, das war lustig. Erzähl noch einen Witz."
      Kai lehnte sich im Sessel zurück und löffelte seinen Pudding. Als Isaac nichts mehr sagte und stattdessen lieber weiterhin wie ein begossener Pudel dreinblickte, seufzte Kai und stellte den kleinen Plastikbecher beiseite.
      "Meine Mutter hatte Krebs. Ich hab schon schlimmeres gesehen als Urin in Flaschen. Und ich weiß auch, was Depressionen mit einem Apartment machen können. Dir geht's nicht gut, und es vollkommen okay, das zuzugeben. Was nicht okay ist, ist fast im eigenen Dunst zu ersticken. Du kannst froh sein, dass deine komische Seelenklempnerin dich nicht für drei Tage wegen versuchten Suizid zwangseinweisen lässt."
      Dieser doofe Hundeblick!
      Kai stand auf und schob Isaac ein Stück zur Seite, damit er genug Platz hatte, um neben ihm ins Bett zu klettern. Er schlang die Arme um den Riesen von einem Mann und drückte zwei Finger gegen dessen Handgelenk - das aus Fleisch und Blut natürlich. Er zählte still die Herzschläge, wie er es früher bei seiner Mutter auch getan hatte, um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben war.
      "Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, weißt du das?" nuschelte Kai gegen Isaacs Schulter. "Und noch schlimmer: wegen dir bin ich laut geworden. Hab deine Psychologin ganz schön angeschnauzt. Ich schnauz Leute nicht gern an."


    • Isaac war nicht nach Witzen aufgelegt und noch weniger, dass Kai sich über ihn lustig machte. Deswegen gab er seine Überzeugungsversuche auf und starrte einfach nur, darauf hoffend, dass das alles hier bald vorüber sein würde.
      Nach einer Weile seufzte Kai.
      "Meine Mutter hatte Krebs. Ich hab schon schlimmeres gesehen als Urin in Flaschen. Und ich weiß auch, was Depressionen mit einem Apartment machen können."
      Isaac sah zu ihm auf.
      "Dir geht's nicht gut, und es vollkommen okay, das zuzugeben. Was nicht okay ist, ist fast im eigenen Dunst zu ersticken. Du kannst froh sein, dass deine komische Seelenklempnerin dich nicht für drei Tage wegen versuchten Suizid zwangseinweisen lässt."
      Isaac sah wieder weg. Darüber wollte er gar nicht nachdenken - er wollte auch nicht mit Dr. Harver in Kontakt kommen. Nie wieder. Er hatte sie enttäuscht, hatte ihr Verbesserungen vorgegaukelt, die es gar nicht gab. Es war erbärmlich.
      Kai kam herüber und zwang sich neben ihn auf das Bett. Isaac wollte ihn erst nicht lassen - er war ihm viel zu nahe, er würde ihn riechen können - aber er hatte auch nicht die Muße, ihn körperlich davon abzuhalten. Er ließ es zu, dass Kai den Arm um ihn legte, als wäre der Gestank gar nicht da.
      "Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, weißt du das?"
      Isaac schluckte.
      "Und noch schlimmer: wegen dir bin ich laut geworden. Hab deine Psychologin ganz schön angeschnauzt. Ich schnauz Leute nicht gern an."
      Das kam so unerwartet, Isaac schnaubte davon. Dann holte die Realität wieder zu ihm auf und er verbarg das Gesicht in den Händen.
      "Ich kann einfach nicht mehr", gestand er schließlich. "Ich kann's nicht."
      Die Prothese war eiskalt an seiner Wange und er ließ sie zurück in den Schoß fallen, rieb sich stattdessen mit einer warmen, wenn auch bebenden Hand.
      "Gar nichts davon. Ich kann nicht im Regen sein, okay, aber ich kann auch nicht duschen. Ich kann mich nicht waschen. Es ist so aufwendig und wenn ich es doch schaffe - es ist so anstrengend. Ich kann es nicht. Ich kann gar nichts. Ich kann nicht duschen, ich kann meine Wohnung nicht aufräumen, ich kann an schlechten Tagen nichtmal ins Klo pissen. Ich kann die Spülung nicht benutzen, ich lass es einfach drin sitzen und dann stinkt es, stinkt raus in den Gang und dann ins Schlafzimmer. Alles stinkt - ich stinke. Ich brauche Stunden, um mich zu waschen, und wenn ich es dann geschafft habe, bin ich so fertig, weil alles so anstrengend ist. Der kleinste Handgriff ist so anstrengend. Ich bin ein erwachsener Mann, ich war in der gottverdammten Army und ich bekomme es nichtmal zustande, meine scheiß Wäsche zu waschen. Und ich hasse Spinnen!"
      Er holte tief Luft. Sein Brustkorb zitterte und alle Energie, die er zu haben gedacht hatte, war auf einen Schlag wieder aus ihm gewichen. Seine Schultern sackten ein und er verdeckte mit der Hand seine Augen.
      "Fuck."
    • Kai richtete sich auf und sah Isaac dabei zu, wie der endlich - endlich! - den Damm brechen ließ. Er hatte ja geahnt, dass da noch sehr viel mehr war, als ein 'Ich mag das Geräusch von Regen nicht'.
      "Gar nichts davon. Ich kann nicht im Regen sein, okay, aber ich kann auch nicht duschen. Ich kann mich nicht waschen. Es ist so aufwendig und wenn ich es doch schaffe - es ist so anstrengend. Ich kann es nicht. Ich kann gar nichts. Ich kann nicht duschen, ich kann meine Wohnung nicht aufräumen, ich kann an schlechten Tagen nicht mal ins Klo pissen. Ich kann die Spülung nicht benutzen, ich lass es einfach drin sitzen und dann stinkt es, stinkt raus in den Gang und dann ins Schlafzimmer. Alles stinkt - ich stinke. Ich brauche Stunden, um mich zu waschen, und wenn ich es dann geschafft habe, bin ich so fertig, weil alles so anstrengend ist. Der kleinste Handgriff ist so anstrengend. Ich bin ein erwachsener Mann, ich war in der gottverdammten Army und ich bekomme es nicht mal zustande, meine scheiß Wäsche zu waschen. Und ich hasse Spinnen!"
      "Okay," meinte Kai schlicht. "Das ist okay."
      Er faltete sich in einen Schneidersitz an Isaacs Seite und griff nach dessen Hand, zog sie ihm vom Gesicht.
      "Hier ist der Knackpunkt: Nichts von dem, was du gerade aufgelistet hast, ist ein unlösbares Problem. Und ich kenne mindestens zwei Leute, die bereit sind, dir damit zu helfen. Und damit hast du den wichtigsten Part schon geregelt. ʻAʻohe hana nui ke alu ʻia, wie meine tūtū immer so gern sagt. Keine Aufgabe ist zu groß, wenn sie von allen gemeinsam erledigt wird.
      Kai streckte sich nach seiner Tasche und angelte sie sich von dem Sessel, ohne dabei aus dem Bett zu fallen. Er kramte kurz darin herum.
      "Bei der Heilung geht es nicht darum, wieder der Mensch zu werden, der man vorher war, weißt du? Es geht darum, sich mit dem neuen Ich abzufinden, dem, der einen Sturm überlebt hat. Es geht darum, zu akzeptieren, dass es beschissene Tage geben wird, und dass das okay ist. Es ist kein Wettrennen und schon gar kein Wettbewerb. Du musst niemandem was beweisen. Ah! Hab dich!"
      Aus seiner Tasche fischte Kai eine kleine Figur aus Holz. Es war eine schlichte Schildkröte, aber eindeutig von Hand gefertigt. Nur waren es dieses Mal nicht Kais Hände, die es erschaffen hatten. Er drückte die kleine Schildkröte in Isaacs Hand.
      "Das ist eine Honu. Eine Grüne Meeresschildkröte. Sie steht für Weisheit, Langlebigkeit, Glück und Schutz. Ihre Verbindung zu den Aumakua, den Geistern der Vorfahren, und ihre Rolle als Wächterin der Seeleute verleihen ihr eine spirituelle und schützende Essenz. Sie passt auf uns auf und bringt uns an unser Ziel."
      Kai schloss Isaacs Finger um das Figürchen.
      "Nicht ganz, was du brauchst, aber mehr habe ich gerade nicht da. Meine tūtū hat mir die gemacht und mir hat sie geholfen, meinen Weg zu finden."
      Kai legte Isaacs Hand mit der kleinen Honu auf dessen Bauch, ungefähr da, wo er Isaacs Bauchnabel vermutete.
      "Dein Piko. Deine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die musst du beschützen, sonst gehst du verloren. Manawa und Makia. Alle Kraft kommt von innen. Energie fließt dorthin, wo die Aufmerksamkeit hingeht. Du bist nicht schwach, Isaac. Du bist nur ein bisschen verloren gegangen. Du kannst das Ufer vielleicht nicht mehr sehen, aber der Ozean hat dich noch nicht verschluckt. Du musst nur die Kraft finden, zurück zu paddeln."


    • Nichts war okay und Kai schien das nicht zu begreifen, aber Isaac hatte nicht die Muße, es ihm zu erklären. Es war schon schlimm genug, dass er überhaupt damit herausgerückt hatte, aber Kai war in seiner Wohnung gewesen, hatte vielleicht auch seine Abstellkammer gesehen und Isaac fühlte sich einfach verpflichtet dazu, sich irgendwie dafür zu rechtfertigen. Für einen Außenstehenden musste das alles schließlich unfassbar lächerlich sein - für Isaac war es das ja schon. Er hatte die Disziplin des Militärs verinnerlicht und jetzt schaffte er es nicht einmal, sich die Hände zu waschen. Wie erbärmlich das doch war.
      Kai bewegte sich an seiner Seite, nahm seine Hand und zog sie ihm von den Augen. Isaac wollte nicht noch mehr von sich zeigen und sah zur anderen Seite weg.
      "Hier ist der Knackpunkt: Nichts von dem, was du gerade aufgelistet hast, ist ein unlösbares Problem."
      Isaac schnaubte trocken, aber Kai ließ sich davon nicht beirren.
      "Und ich kenne mindestens zwei Leute, die bereit sind, dir damit zu helfen. Und damit hast du den wichtigsten Part schon geregelt. ʻAʻohe hana nui ke alu ʻia, wie meine tūtū immer so gern sagt. Keine Aufgabe ist zu groß, wenn sie von allen gemeinsam erledigt wird."
      "Darum geht's doch", sagte Isaac leise. "Das sind keine großen Aufgaben - das sollten eigentlich überhaupt keine Aufgaben sein. Das ist doch lächerlich."
      "Bei der Heilung geht es nicht darum, wieder der Mensch zu werden, der man vorher war, weißt du? Es geht darum, sich mit dem neuen Ich abzufinden, dem, der einen Sturm überlebt hat."
      Isaac fühlte sich gar nicht neu. Er fühlte sich müde, ausgelaugt, schmutzig, ja, vor allen Dingen schmutzig. Das war kein neues Ich, das war einfach nur... erbärmlich war das.
      "Es geht darum, zu akzeptieren, dass es beschissene Tage geben wird, und dass das okay ist."
      Schweigend sah er auf seine Hand hinab.
      "Es ist kein Wettrennen und schon gar kein Wettbewerb. Du musst niemandem was beweisen. Ah! Hab dich!"
      Isaac lugte jetzt doch vorsichtig rüber, als Kai seine Tasche wieder fallen ließ und eine kleine Holzfigur in der Hand hielt. Unzeremoniell drückte er sie Isaac in die Hand und als er erkannte, dass es eine von Hand geschnitzte Schildkröte war, fühlte er sich gleich schlecht, sie genommen zu haben. Jetzt hatte er sie unweigerlich mit seinem Schmutz besudelt.
      "Das ist eine Honu. Eine Grüne Meeresschildkröte. Sie steht für Weisheit, Langlebigkeit, Glück und Schutz. Ihre Verbindung zu den Aumakua, den Geistern der Vorfahren, und ihre Rolle als Wächterin der Seeleute verleihen ihr eine spirituelle und schützende Essenz. Sie passt auf uns auf und bringt uns an unser Ziel."
      Isaac hatte noch nicht viel von Kais hawaiianischer Herkunft mitbekommen, umso überrumpelter war er jetzt, gleich mit einem ganzen Glauben konfrontiert zu werden. Argwöhnisch drehte er die kleine Schildkröte in der Hand, während er sich vorzustellen versuchte, dass so eine Kraft wirklich existierte.
      "Ich bin nicht wirklich..."
      Kai beachtete seinen Einwurf gar nicht und schloss seine Finger um das Figürchen.
      "Nicht ganz, was du brauchst, aber mehr habe ich gerade nicht da. Meine tūtū hat mir die gemacht und mir hat sie geholfen, meinen Weg zu finden."
      Isaac sah Kai jetzt vorsichtig wieder an. Seinen Weg finden? Für Isaac machte es immer den Eindruck, als würde Kai einfach den nächsten Weg wählen, der ihm gerade Spaß machte. Es war unvorstellbar, dass Kai auch solche Probleme haben könnte; er war dafür einfach viel zu lebhaft.
      "Dein Piko. Deine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die musst du beschützen, sonst gehst du verloren. Manawa und Makia. Alle Kraft kommt von innen. Energie fließt dorthin, wo die Aufmerksamkeit hingeht. Du bist nicht schwach, Isaac. Du bist nur ein bisschen verloren gegangen. Du kannst das Ufer vielleicht nicht mehr sehen, aber der Ozean hat dich noch nicht verschluckt. Du musst nur die Kraft finden, zurück zu paddeln."
      Isaac fuhr mit dem Daumen über die geschliffenen Kanten der Schildkröte. Er glaubte nicht an solche Dinge, aber...
      Es war schön, wenn Kai es wie ein richtiges Problem sah. Wie nichts, was er selbst zu verantworten hatte, so abwegig das letztlich auch war. Dass er nur zu einem Ufer zurückschwimmen musste.
      "Danke. Ich werde... daran denken."
      Er zwang sich dazu, Kai wenigstens kurz in die Augen zu blicken und ein Lächeln zu produzieren, das den Mann überzeugen sollte. Diesmal schloss er die Finger selbstständig um die Schildkröte.
      "Danke, dass du... für alles. Danke."
    • "Danke, dass du... für alles. Danke."
      Kai lächelte. Und dann zitierte er das bisschen Hawaiianisch, das wohl die ganze Welt kannte.
      "Ohana heißt Familie. Und Familie heißt, dass niemand zurückgelassen oder vergessen wird. Wahlweise kannst du auch Semper Fi sagen."
      Es war schon ein bisschen faszinierend, wie sehr sich die unbändige Loyalität unter Marines und das unverwüstliche Familienverständnis seiner Herkunft ähnelten. Und jetzt gerade kam es Kai sehr gelegen. Er hoffte einfach darauf, dass es ausreichen würde, Isaac aus seinem Loch zu ziehen. Wenigstens ein bisschen.
      Er legte sich wieder neben Isaac ins Bett. Da Kai so schlang war, passte er perfekt in das Bisschen, das Isaac's gigantischer Körper nicht brauchte. Von hier aus betrachtete Kai sein Meisterwerk an der Wand. Es fehlten noch ein paar Teile, um das Gesamtbild fertig zu kriegen, aber alles in allem war er zufrieden.
      "Du solltest das essen," meinte er und deutete auf den Krankenhausfraß. "Bevor es noch Beine bekommt und irgendjemanden auf der Kinderstation frisst."
      Kai selbst angelte sich den Pudding wieder und löffelte friedlich vor sich hin. Natürlich machte er sich Sorgen um Isaac und dessen Headspace. Aber da jetzt großartig drauf rum zu reiten würde es nicht besser machen. Die Therapeutin wollte morgen wieder auftauchen, die konnte sich damit beschäftigen. Alles, was Kai jetzt zu tun hatte, war Isaac ein guter Freund zu sein und ihm ein bisschen Ablenkung von der ganzen Scheiße zu geben. Also tat er das auch.
      Er griff sich die Fernbedienung von dem Tisch neben dem Sessel und schaltete den Fernseher an der Wand ein. Er zappte durch ein paar Kanäle - furchtbare Nachrichten, Teleshopping, Fernsehgottesdienst - bis er einen Film fand, von dem er wusste, dass kein Wasser drin vorkam. Es war ein alter Western und der Film lief schon seit einer kleinen Weile, aber das war egal.
      "Manchmal frag ich mich, was die mit dem ganzen Kautabak eigentlich gemacht haben, nachdem sie ihn ausgespuckt haben. Das Zeug ist doch bestimmt super klebrig, oder?"


    • "Ohana heißt Familie. Und Familie heißt, dass niemand zurückgelassen oder vergessen wird. Wahlweise kannst du auch Semper Fi sagen."
      Ohana kannte Isaac natürlich schon - wer auch nicht. Und Semper Fi, das machte ihn plötzlich traurig. Er fühlte sich nicht mehr als Marine mit seinen schmutzigen Klamotten und seiner Unfähigkeit für den Alltag, und noch weniger tat er das nach dem letzten Besuch seines Sergeants, der ihm streng und deutlich mitgeteilt hatte, dass sein Dienst terminiert war. Auch, wenn sie unter dem Motto gelebt hatten, fühlte Isaac sich jetzt so entfremdet, um nicht daran denken zu wollen. Ein Bund für die Ewigkeit, aber nicht, wenn man so weit gesunken war wie er. In seiner jetzigen Verfassung konnte er nicht behaupten, überhaupt jemals in der Army gewesen zu sein.
      Unbewegt sah er auf seine Hand hinab, in der er die Schildkröte fühlte. Kai war so nett, ihm auf diese Weise beizustehen, aber langsam wünschte er sich, der Mann würde ihn mit seinem Elend alleine lassen. Besser so, als dass Isaac noch mehr Peinlichkeiten über die Lippen rutschten. Für heute hatte er schon genug gesagt - viel zu viel sogar.
      Kai ließ ihn aber nicht alleine, sondern legte sich neben ihn auf den wenigen Platz, der ihm dazu blieb. Unwohl rutschte Isaac auf die Seite, um seinen Geruch so weit weg wie nur möglich zu bekommen.
      "Du solltest das essen", Kai zeigte auf den abgedeckten Pappteller, "bevor es noch Beine bekommt und irgendjemanden auf der Kinderstation frisst."
      Isaac dachte an das Mädchen, das er mit Kai hier besucht hatte, und das war ihm Motivation genug, um den Teller wirklich zu nehmen und aufzuklappen. Von den Medikamenten hatte er wenig Hunger, aber es gab Gemüse, Brot, ein bisschen Fleisch und das kam alles ziemlich sicher nicht aus der Konserve - also war es fast schon ein Festmahl. Da konnte er sogar verkraften, dass Kai sich den Pudding geklaut hatte.
      Langsam, aber mit steigendem Appetit aß er und neben ihm ließ Kai sich friedlich den Pudding gefallen. Ohne den typischen Krankenhausgeruch und die furchtbaren Lichter war das sogar ziemlich gemütlich und als Kai dann auch den Fernseher anmachte, fühlte Isaac sich ein wenig an ihren Filmabend zurückversetzt. Zwar nur ein bisschen, untersetzt mit viel Fantasie, aber es war genug, dass er sich mehr und mehr entspannen konnte. Kai würde keine weiteren Fragen mehr stellen und er würde ihm auch keine Vorwürfe mehr halten. Für den Moment konnte er sich einbilden, dass alles wieder normal war.
      Sie blieben bei einem alten Western hängen, der auf dem klobigen Fernseher noch viel älter aussah. Isaac lauschte der schlechten Wilder-Westen-Musik.
      "Manchmal frag ich mich, was die mit dem ganzen Kautabak eigentlich gemacht haben, nachdem sie ihn ausgespuckt haben. Das Zeug ist doch bestimmt super klebrig, oder?"
      "Mhm. Aber da ist überall Sand, das wird bestimmt verschwinden. Oder die Skorpione fressen es. Oder die Geier."
      Er hielt mit seiner Plastikgabel inne.
      "... Das ist irgendwie eklig. Sag mir das nicht nochmal, wenn ich dieses Fleisch esse."
      Kai erwähnte es nicht nochmal, aber er gab genügend andere Kommentare ab, um es ganz wie einen Filmabend wirken zu lassen. Isaac erinnerte sich daran, dass sie nach dem Regen den nächsten hatten machen wollen und das hatte sich wohl jetzt nach vorne geschoben. Sie saßen den ganzen Film aus, der für sein Alter gar nicht mal so schlecht war. Nicht ganz Isaacs Genre, aber es war in Ordnung. Wenn Kai dabei war, war es ihm sowieso egal, was genau sie ansahen.
      Irgendwann vergaß er auch selbst, dass sie im Krankenhaus waren. Er legte sich bald auch hin, auch wenn er noch nicht müde war. Dafür lugte er immer häufiger zu Kai, der noch immer keine Anstalten gemacht hatte zu gehen. Er hatte ja wohl nicht vor, über Nacht zu bleiben.
    • Kai lachte.
      "Uuund jetzt hab ich das Bild von kettenrauchenden Skorpionen im Kopf. Danke dafür."
      Während sie sich den Film ansahen, zeichnete Kai noch ein bisschen weiter. Der Plot war jetzt nicht so kompliziert, dass er jede Sekunde von dem Film mitbekommen musste - und er hatte ein Kunstprojekt fertigzustellen! Natürlich war ein Skorpion mit Kippe und Krawatte die erste Zeichnung, die er fertigstellte. Dazu noch ein Tumbleweed-Sheriff, ein paar Kaktuspferde, die der Sonne entgegen rannten, sowas eben.
      Nachdem Isaac fertig mit seinem Essen war, sammelte Kai den Müll ein und stand auf, um ihn wegzuwerfen. Die Gelegenheit nutzte er dann auch gleich, um seine neuen Skizzen aufzuhängen, die das Bild von dem Drachen aus Wasser und dem edlen Magie-Ritter dann auch vollendeten.
      "Sieht gleich viel weniger furchtbar aus hier drin," verkündete Isaac und ließ sich wieder in den Sessel neben Isaacs Bett sinken.
      Zum Schichtwechsel um acht kam nochmal eine Doktorin rein, die Isaacs Werte begutachtete und den Pflegeplan aktualisierte.
      "Sind Sie Familie?" fragte die Ärztin.
      "Cousin," antwortete Kai wieder ohne zu zögern. "Frage: Kann ich ein Bett kriegen? Ich weiß, ihr habt nicht so viele, aber ich dachte mir: Fragen kann nicht schaden. Ich will's aber niemanden wegnehmen! Wenn irgendwo Eltern auf ihre Kinder aufpassen wollen, dann falte ich mich einfach in den Sessel rein."
      Die Ärztin war ein bisschen verdutzt ob der Expertise, die Kai mitzubringen schien.
      "Ich geh mal nachfragen," meinte sie aber schließlich.
      "Cool. Danke. Oh! Und: könnten wir seine persönlichen Sachen kriegen? Die sind haben ihren Weg irgendwie noch nicht hier her gefunden."
      "Selbstverständlich."
      Sobald sie den Raum wieder verlassen hatte, sprang Kai auf, um sich den neuen Pflegeplan anzugucken. Dank der Digitalisierung hing da kein Klemmbrett mit der gesamten Krankengeschichte mehr, aber die Pflegepläne mussten aus Sicherheitsgründen immer noch auf Papier beim Patienten hinterlegt werden. Kai überflog das vorgefertigte Protokoll schnell.
      "Das ist eine gute Ärztin," meinte er. "Ihre Handschrift ist furchtbar!"
      Offenkundig zufrieden mit dem, was er vorfand, hängte er den Plan zurück ans Bett und ließ sich dann wieder in seinen Sessel sinken. Er schnappte sich sein Smartphone und beantwortete ein paar Texnachrichten.
      "Julie und Frank wünschen Gute Besserung. Bevor du fragst: nein, ich hab ihnen nicht gesagt, was passiert ist. Hab meine Schicht mit 'medizinischer Notfall' abgesagt."
      Und genau das schrieb er jetzt auch in den Gruppenchat für das Betreuungscenter, um seine Klassen morgen abzusagen. Je nachdem wie es Isaac morgen ging, würde sich Kai einfach Urlaub nehmen. Allein würde er den Mann mit Sicherheit nicht lassen.
      Eine Krankenschwester kam schließlich rein und händigte Isaac seine persönlichen Sachen aus, die alle in eine als solch markierte Tüte gestopft worden waren. Und Kai reichte sie ein Kopfkissen und eine Bettdecke mit der Entschuldigung, dass sie kein Bett für ihn hatten.
      "Ist schon okay," meinte er nur. "Nichts, was ein bisschen Stretching nicht wieder wegbekommt. Und wenn alle Stricke reißen, dann weiß ich, wo sich eure Physiotherapeuten verstecken."
      Die Krankenschwester lachte und wünschte den beiden eine gute Nacht, auch wenn es erst neun war.
      "Willst du noch einen Film gucken oder dich jetzt schon auf's Ohr hauen?" fragte Kai. "Laut deinem Pflegeplan kommt erst morgen wieder wer rein für Morgenrunde nach dem Schichtwechsel - das ist um halb sieben - und dann zum Frühstück. Die Nacht gehört also uns."


    • Kai machte keine Anstalten, irgendwohin zu gehen. Zufrieden mit seinem Platz zeichnete er ein bisschen mehr, was Isaac neugierig beobachtete. Er konnte nicht zeichnen, im Leben nicht, und es faszinierte ihn, wie Kai es schaffte, von einzelnen Linien ein Bild zu konstruieren. Das ganze ging dann auch noch zu den anderen Bildern an die Wand und vollendete das Kunstwerk eines Ritters, der einen Wasserdrachen bekämpfte.
      "Sieht gleich viel weniger furchtbar aus hier drin."
      Isaac fand das Bild etwas, naja, kindisch, aber es sah wirklich weniger furchtbar hier drin aus. Und irgendwie konnte er sich dann auch nicht ganz von dem Anblick lösen, der hoch aufragende Ritter mit seiner magischen Hand, der aus simplen Bleistift-Linien bestand. Während er es so betrachtete, befühlte er mit der Rechten die Schildkröte.
      Beim Schichtwechsel kam eine Doktorin herein, die Isaac auch schon kannte und geflissentlich nicht ansah, um ihren Blick nicht zu sehen. Bestimmt hatte sie ihn zurück erwartet und war gar nicht überrascht von seinem Auftreten. Es überraschte ihn ja selbst nichtmal groß.
      Anders sah es da mit Kai aus, der die Frage nach Familie prompt mit einer lockeren Lüge beantwortete und dann auch noch nach einem Bett fragte. Er wollte also bleiben? Oh Gott. Erst hatte Isaac seinen Abend ruiniert und jetzt auch noch die ganze Nacht. Am liebsten wäre er im Erdboden versunken.
      Isaac rieb sich über das Gesicht, als die Ärztin wieder gegangen war, um mit der Situation fertig zu werden. Er äußerte einige Einsprüche, die bei Kai einfach abprallten und keinerlei Spuren hinterließen. Dann gab auch Isaac es auf, nicht etwa, weil er es akzeptierte, sondern weil es zu anstrengend wurde. Stöhnend ließ er sich ins Kissen zurückfallen.
      "Julie und Frank wünschen Gute Besserung."
      Mit großen Augen sah er auf und öffnete den Mund.
      "Bevor du fragst: nein, ich hab ihnen nicht gesagt, was passiert ist."
      Er schloss ihn wieder.
      "Hab meine Schicht mit 'medizinischer Notfall' abgesagt."
      "Kai, bitte geh nachhause. Ich will dich nicht von deinem Abend abhalten und noch viel weniger von deiner Arbeit. Bitte!"
      An diesem Abend fand er damit heraus, dass Kai ein selektives Gehör hatte. Solche Bitten konnte er einfach nicht hören.
      Die Krankenschwester - eine neue diesmal - kam später mit Isaacs wenigen Sachen wieder und Bettwäsche für Kai, aber kein Bett. Isaac rieb sich das Gesicht bei dem Gedanken, Kai jetzt auch noch im Sessel schlafen zu lassen. Mit einem neuen Energieschwung versuchte er es erneut, den Mann nachhause zu schicken und dann - als das selektive Gehör den anderen taub dafür machte - versuchte er, ihn wenigstens ins Bett zu bekommen und selbst im Sessel zu schlafen. Es ging im schließlich gut, er hatte den ganzen Tag verschlafen und sowieso hatte er schon auf viel unbequemeren Dingen geschlafen als einem Sessel; aber Kai blieb hartnäckig. Hartnäckiger als Isaacs Energie, die irgendwann einfach aufgebraucht war. Dann sollte er eben bleiben, bestimmt ging er morgen früh sowieso nachhause. Eine Nacht hier war dann ja wirklich nicht so schlimm.
      "Willst du noch einen Film gucken oder dich jetzt schon auf's Ohr hauen? Laut deinem Pflegeplan kommt erst morgen wieder wer rein für Morgenrunde nach dem Schichtwechsel - das ist um halb sieben - und dann zum Frühstück. Die Nacht gehört also uns."
      Uns. Isaac kommentierte das gar nicht mehr, wollte aber.
      "Lass laufen. Irgendwas finden wir schon."
      Unzufrieden legte er sich zurück ins Bett. Er war noch nicht müde, noch lange nicht, und Kai war eigentlich auch auf eine Schicht vorbereitet gewesen, deswegen würde es eine lange Nacht werden. Eine sehr lange, in der er sich noch viele Gedanken dazu machen konnte, wie er verantwortlich dafür war, Kai jetzt hier zu halten.
      Aber je weiter die Nacht voranschritt und je ruhiger es wurde - Isaac beschwerte sich nicht mehr, hatte aber auch sonst keine Energie für Gespräche mehr übrig - desto weiter rückten seine Vorwürfe in die Ferne. Denn eigentlich... also, eigentlich war es ganz nett. Er war nicht alleine hier, er musste nicht an den Regen denken, der hinter den Vorhängen plätschern musste, er musste nicht auf die roten Lämpchen in der Dunkelheit starren, die jetzt vom Fernseher übertönt wurden, und er hatte ein Gefühl von Vertraulichkeit von der riesigen, dummen Zeichnung, die direkt vom Fernseher angestrahlt wurde. Die ganze Situation, mit Kai und seiner Bettwäsche auf dem Sessel, hatte das Gefühl einer Übernachtungsparty und nichts erinnerte daran, wo sie sich befanden oder wie sie hierhin gelangt war. Es war wie Urlaub, eine kleine Auszeit von der Wohnung und dem Alltag, die dort draußen auf ihn lauerten. Es war gemütlich, es war friedlich.
      Und irgendwann, als Kai auf seinem Sessel eingeschlafen war, die Beine über das Fußende des Bettes ausgestreckt, ergriff Isaac einen Moment der Sentimentalität, in dem er nur noch dankbar war. In der Dunkelheit, in die er sich mit dem ausgeschalteten Fernseher tauchte, wusste er, dass es ihm so gut ging, wie es in seiner Lage nur möglich war und dass die Nacht ganz anders ausgesehen hätte, wenn er alleine gewesen wäre. Und das nur, weil Kai letztlich doch stur genug gewesen war, um seine Beschwerden zu ignorieren und zu bleiben.
      Isaac lächelte ein wenig. Er zog sich die Decke bis oben hin, dann streckte er sich aus, bis sein Fuß Kais Wade berührte. So schlief er dann ein.

      Den Schichtwechsel bekamen sie nicht mit, aber das Frühstück wurde geräuschvoll hereingebracht - nicht für Kai, aber die Krankenschwester meinte freundlich, dass es draußen Automaten gäbe, wenn er Hunger hätte. Isaac war schon drauf und dran, sein Frühstück einfach mit ihm zu teilen, als die Krankenschwester nach draußen ging und Platz für Dr. Harver machte. Sie trat mit einer kurzen Begrüßung ein.
      Isaac verging sämtliche Lust auf irgendein Essen und er setzte sich auf. Dr. Harver sah ihn an, sah Kai an, sah die Sessel-Bett-Konstruktion an und schließlich das große Bild an der Wand. Dann kam sie heran und lächelte.
      "Wie ich sehe, hatten Sie eine angenehme Nacht. Makaio, Sie hätten nicht bleiben müssen, aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie es getan haben. Würden Sie wohl kurz nach draußen gehen und dort warten? Ich möchte mich gerne alleine mit Isaac unterhalten."
      Aber Isaac wollte sich nicht gerne mit ihr unterhalten, nur blieb ihm wohl kaum eine Wahl. Er sah zu, wie Kai letztlich abzog und die Tür hinter sich schloss. Sehnsüchtig sah er ihm nach.
      Dr. Harver stellte erst ihre Tasche ab, dann zog sie einen der Holzstühle heran und setzte sich. Isaac sah sie nur kurz an um zu sehen, ob sie sauer auf ihn war. Wenn sie es war, zeigte sie es nicht.
      "Haben Sie gut geschlafen?"
      "... Ja."
      "Irgendwelche Beschwerden?"
      "... Nein."
      "Wie geht es Ihrem Kopf?"
      Isaac blinzelte und schaute zu den Papieren am Fußende des Bettes. Schließlich entschied er sich für ein tonloses "Gut".
      Dr. Harver sah ihn weiter unbewegt an. Ihr Schweigen hielt lange genug an, dass es Isaac unangenehm wurde und er anfing, an seiner Prothese herumzukneten, bis sie schließlich Luft holte.
      "Nun, Isaac, es wird Ihnen klar sein, dass wir eines Tages darüber reden müssen, was passiert ist. Das muss nicht heute und auch nicht diese Woche sein, aber halten Sie sich vor Augen, dass es schneller weitergehen kann, je früher wir darüber reden. Sie haben mich angelogen und sich damit selbst in nicht unerhebliche Gefahr gebracht. Das kann so nicht weitergehen."
      Isaac starrte auf seine Hände hinab. Er wollte nichts sagen und sich noch weniger rechtfertigen, nicht vor Dr. Harver. Vor niemandem, eigentlich.
      Seine sonstige Schweigsamkeit ließ auch diesmal Dr. Harver weiterreden.
      "Sie müssen mir selbst sagen, wenn es an der Zeit ist, darüber zu reden, aber eines Tages muss es passieren. Bis dahin befassen wir uns erstmal mit den derzeitigen Umständen. Ich habe mit dem Chefarzt gesprochen und er sagt, Ihre Werte sind alle normal, er muss Sie nicht hier behalten."
      Das war schön, das war gut. Es bereitete Isaac Hoffnung, das Krankenhaus schnell wieder zu verlassen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er in dem Regen nachhause kommen sollte.
      Aber Dr. Harver war noch nicht fertig.
      "Ich habe Sie verlegen lassen auf Zimmer 418. Es wird gleich jemand vorbeikommen, der Sie in den anderen Flügel bringt; am Eingang können Sie Ihre Sachen abgeben und dann werden Sie -"
      "Moment."
      Isaac sah mit einem Anflug von Panik auf.
      "Welches Zimmer sagten Sie?"
      "418."
      "Auf dieser Station?"
      "Nein. Auf der Abteilung für psychotische -"
      Das reichte schon aus, um Isaac panisch werden zu lassen.
      "Sie haben mich auf die Geschlossene verlegt?!"
      "Die Geschlossene gibt es nicht, Isaac, das ist eine Station für Rehabilitation, in der Menschen, denen es mental nicht möglich ist -"
      "Nein! Ich will nicht auf die Geschlossene."
      "Isaac, ich habe Ihre Kammer gesehen, ich habe gesehen, wie Sie sich dort eingenistet haben. Dieses Verhalten ist gesundheitsgefährdend und ganz offensichtlich sind Sie nicht dazu in der Lage, den Regen auf andere Weise zu überstehen. Sie können sich nicht jedes Mal mit Konserven und Flaschen in dem kleinen Raum einschließen."
      "Warum nicht?"
      "Nein, Isaac. Wenn ich nicht gekommen wäre, hätte es Sie vielleicht das Leben gekostet. Was würden Sie tun, wenn es zwei Wochen lang regnet? Einen ganzen Monat? Wie wollen Sie das überstehen, ohne jemals vor die Tür zu gehen?"
      Isaac wusste darauf keine Antwort, hatte noch nie eine Antwort darauf gehabt. Aber gerade jetzt, mit der Aussicht, doch alles verloren zu haben und auf die Geschlossene zu gehen, hatte er auch gar keine Gedanken mehr dafür übrig. Alles war von Panik durchsetzt.
      "Bitte, ich will nicht."
      "Es ist zu Ihrem eigenen Besten. Sie müssen nicht für ewig bleiben, nur bis wir einen Weg gefunden haben, den Regen zu ertragen."
      "Aber Sie haben gesagt, das könnte noch lange dauern und dass es normal ist, sich erst langsam vorzuwagen."
      "Das ist richtig. Sie können nicht erwarten, von jetzt auf gleich geheilt zu sein."
      "Wann dann? In einem Monat? In zwei?"
      Zu seinem steigenden Entsetzen zögerte Dr. Harver.
      "In einem halben Jahr? Noch länger?"
      "Es bringt überhaupt nichts, irgendwas überstürzen zu wollen."
      "Aber ich möchte nicht, gar nicht. Bitte, Dr., bitte geben Sie mir noch eine Chance. Eine einzige. Ich kann das."
      "Es gibt keine Chancen, wenn Sie sich selbst gefährden, Isaac. Wir wollen es doch verhindern, nicht riskieren."
      "Aber ich gefährde mich nicht - ich versprech's! Ich werde mich nicht gefährden, ich werde ins Badezimmer gehen, darüber hatten wir gesprochen, und ich werde alles richtig machen, wirklich!"
      "Das reicht nicht, Isaac. Ich habe Ihre Wohnung gesehen, deren Zustand ist schon gesundheitsgefährdend. Sie können nicht im Müll hausen und dann erwarten, dass alles besser wird."
      "Dann werde ich eben aufräumen. Aufräumen und putzen und alles sauber halten und wenn es regnet, dann geh ich ins Badezimmer und dann kann es auch einen Monat lang dauern oder noch länger, da muss ich keine Flaschen benutzen und... sowas. Bitte, Dr. Harver. Bitte."
      Dr. Harver sah ihn eine lange Zeit nur an. Isaac hörte sein Blut in seinen Ohren rauschen und sein Herz so schnell schlagen, dass es ihm in der Brust wehtat. Er wollte nicht auf die Geschlossene, egal was es ihm bringen mochte. Wenn er ging, dann wäre es vorbei mit ihm, das wusste er. Dann hätte er verloren, dann wäre alle Chance, jemals wieder normal zu werden, unwiderruflich zerstört.
      Dann würde er Kai verlieren, was ihn vermutlich noch mehr ängstigte als alles andere. Er wollte nicht - es war doch gerade alles so gut geworden! Er wollte es nicht verlieren.
      Dr. Harver sah ihn immer noch unbewegt an, dann sagte sie schließlich:
      "Eine Chance, Isaac. Eine einzige und Sie müssen mir versprechen, dass Sie sich an alles halten. Ohne Ausnahmen. Und dass es jetzt passiert und nicht erst irgendwann. Bis zum nächsten Regen müssen Sie in der Verfassung sein, die Sie mir zu glauben gegeben haben. Denken Sie, sie schaffen das?"
      Isaac wusste es nicht, wirklich nicht. Aber wenn er jetzt Nein sagte, würde sie nicht mehr mit sich reden lassen und deswegen sagte er mit größter Überzeugung:
      "Ja. Ich schaffe das, wirklich."
      "Dann will ich Ihnen glauben. Ich rede mit dem Chefarzt, ob man Sie für die nächsten Tage hier behalten kann. Ich werde Sie vor dem nächsten Regen besuchen kommen und wenn es nicht ausreicht, dann werden Sie ohne weitere Einwände Ihr Zimmer hier beziehen. Okay?"
      Und Isaac war so erleichtert davon, er stimmte zu.
    • Kai hasste Krankenhäuser. Aber er wusste, sie zu handhaben und sich in ihnen einzunisten. Er hatte also keinerlei Probleme damit, es sich im Sessel bequem zu machen. Er positionierte das Kopfkissen, dann zog er seinen Gürtel aus und entfernte den Haargummi aus seinem ruinierten Zopf - er blieb mit den Fingern hängen. Autsch. Dann kuschelte er sich in die kratzige Decke und ließ sich vom Fernseher berieseln, bis er schließlich einnickte.
      Wann immer sich Isaac darüber beschwert hatte, dass er seine Nacht nicht hier verbringen sollte, hatte er einfach auf Durchzug gestellt. Isaac konnte sagen, was er wollte, Kai würde ihn nicht allein lassen. Punkt. Und er brauchte gerade mehr denn je den physischen Beweis dafür, dass er nicht allein war.

      Krankenhauslärm hatte Kai noch nie gejuckt. Er konnte ohne Probleme durch einen Code Blue im angrenzenden Zimmer schlafen, da waren die Morgenrunden geradezu friedlich. Aber eine Krankenschwester, deren Aufgabe es war, Patienten zu wecken? Dagegen hatte niemand eine Chance.
      Er grüßte die Frau freundlich, wenn auch verschlafen. Er wusste, dass er hier kein Frühstück bekam, solange er kein schickes Plastikarmband trug. Das war okay. Er hatte sich gestern Abend angesehen, was die Kantine so zu bieten hatte.
      Und dann tauchte Frau von und zu Doktor auf.
      "Wie ich sehe, hatten Sie eine angenehme Nacht. Makaio, Sie hätten nicht bleiben müssen, aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie es getan haben. Würden Sie wohl kurz nach draußen gehen und dort warten? Ich möchte mich gerne alleine mit Isaac unterhalten."
      Wow. Die Frau hatte echt alle Platitüden auf Lager, hm?
      Kai zog seinen Gürtel wieder an und band sich die Haare mittels seines Bleistiftes hoch.
      "Kommst du klar?" fragte er Isaac, der aussah wie ein Reh, das mitten in der Nacht von einem Auto angestrahlt wurde.
      Er griff nach Isaacs Hand und drückte sie - er hielt immer noch die Honu fest. Gut.
      "Ich geh mir was zum Frühstücken holen. Dauert nicht lang, versprochen. Ach und: kannst du deiner Psychologin bitte sagen, dass sie nicht meinen vollen Namen benutzen soll. Kai reicht."
      Er warf der Frau einen Blick zu, der so viel sagte wie Wehe du machst ihn kaputt, dann trete ich dir gegen das Schienbein! und warf sich seine Umhängetasche über. Dann verschwand er, auch wenn er Isaac eigentlich nicht allein lassen wollte. Klar, er war nicht allein allein, aber irgendwie hatte er ein mieses Gefühl, jetzt zu gehen. Auf der anderen Seite war hier wohl der beste Ort, um ihn allein zu lassen. Und Kai hatte wirklich Hunger.

      Kai gab sich größte Mühe, die Onkologie zu umgehen. Sie lag dankenderweise nicht auf seinem Weg, aber er begegnete einer Menge Wegweiser und allein schon das Wort zu sehen verpasste ihm einen Juckreiz. Er wusste, dass der Tod seiner Mutter ihn traumatisiert hatte - wie hätte es das auch nicht? Sie hatte so lange gekämpft, wie sie nur konnte, aber am Ende hatte sie verloren. Und es war kein schönes Ende gewesen.
      Kai schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu verdrängen. Lieber erinnerte er sich an seine Mutter wie sie gewesen war, bevor die Krankheit sie verändert hatte. Als sie noch die Kraft gehabt hatte, ihm Hula beizubringen, mit ihm zu surfen. Sowas eben.
      Während er auf seinen Kaffee wartete, rief er seine tūtū an. Sie nahm schnell ab, wie immer.
      "Ey, schön, von dir zu hören, mein Junge!" grüßte sie ihn und Kai fing sofort an zu lächeln. "Kein Video heute?"
      "Nee, ich bin in der Öffentlichkeit."
      "Ah. Was ist passiert?"
      Natürlich wusste sie, dass Kai nicht einfach so anrief. Normalerweise war es immer mit Video, wenn er zu Hause war. Unterwegs rief er nur selten von selbst an.
      "Einem Freund von mir ist gestern was passiert und ich sitz mit ihm im Krankenhaus."
      "Du hast da geschlafen?"
      "Jup. Konnte ihn nicht allein lassen."
      Kais tūtū brummte. Sie kannte das von ihm. Sie wusste, dass er Krankenhäuser nicht ausstehen konnte und sie wusste, dass er einen Freund niemals im Stich lassen würde. Sie war es doch gewesen, die ihn regelmäßig aus dem Krankenhaus hatte zerren müssen. Oft hatte sie sich mit seiner Mutter verschworen: Die beiden hatten darauf gewartet, dass er einschlief, dann hatte seine tūtū ihn einfach nach Hause gebracht. Am nächsten Morgen hatte er sich immer beschwert, während er ein ordentliches Frühstück heruntergeschlungen hatte, als ob er seit einer Woche nichts mehr gegessen hätte. Dusche, Schule - in jeder freien Minute ein Anruf, um sicherzugehen, dass es seiner Mutter gut ging - Mittagessen zu Hause, dann ab ins Krankenhaus zum Hausaufgaben machen.
      "Wie geht es deinem Freund?"
      "Besser. Aber nicht gut."
      Wieder ein Brummen. Kais Name wurde ausgerufen und er nahm seinen Kaffee dankend entgegen. Sein Frühstück - ein paar Waffeln, und für später einen Wrap - hatte er sich to-go geben lassen, damit er gleich wieder bei Isaac sein konnte.
      "Eine Ärztin ist gerade bei ihm, aber irgendwie mag ich die nicht."
      "Du hattest schon immer ein gutes Bauchgefühl. Hab ein Auge auf diese Frau."
      "Mach ich."
      "Was fehlt deinem Freund denn?"
      "Orientierung. Ihm ist was passiert und jetzt ist es schwer für ihn, seinen Alltag zu bewältigen. Ich hab ihm deine Honu gegeben."
      "Klingt, als könnte er einen ordentlichen Lei gebrauchen."
      "Hab ich mir auch gedacht. Aber ich hab keine Ti hier..."
      "Dir fällt bestimmt was ein. Dir fällt doch immer was ein."
      "Da hat du wohl recht. Mahalo."
      "Aloha, Makaio. Pass auf dich auf."
      "Mach ich. Aloha."
      Mit einem Seufzen ließ Kai sein Handy in seine Tasche fallen. Er klopfte an Isaacs Tür und trat ein, nachdem er ein Herein zu hören bekam. Die Psychologin war immer noch da. Ihm egal - Isaac hatte ihn reingelassen und der hatte hier das Sagen.
      Kai parkte seine Snacks neben der Fernbedienung auf dem kleinen Tisch und machte es sich wieder in seinem Sessel bequem; eine Waffel in der Hand.
      "Und? Wann darf der Große wieder nach Hause?" fragte er. "Oh, und wer repariert eigentlich seine Tür? Ich kann ja vieles, aber ein Schlosser bin ich noch nicht gewesen."


    • Kai kam zurück und Dr. Harver stand auf, zum Gehen bereit. Isaac starrte auf seine Bettdecke und sah niemanden an.
      “Und? Wann darf der Große wieder nach Hause?”
      Dr. Harver nahm ihre Tasche.
      “Sobald er das möchte. Ich werde mit dem Chefarzt sprechen; bis zum Ende des Regens wird sich das bestimmt regeln lassen. Das ist nur bis Ende der Woche, so lange werden sie das Zimmer auch nicht brauchen.”
      “Oh, und wer repariert eigentlich seine Tür? Ich kann ja vieles, aber ein Schlosser bin ich noch nicht gewesen.”
      Seine Tür? Das auch noch? Isaac hätte am liebsten geheult.
      “Das macht der Vermieter. Ich kontaktiere Ihren Onkel, Isaac, er wird auch die Rechnung ihres Krankenhausaufenthalts begleichen wollen. Sie müssen sich um nichts kümmern.”
      Sie ging ein paar Schritte und blieb dann nochmal stehen, um Kai die Hand zu reichen, schätzte Isaac. Dann ging sie und schloss die Tür hinter sich.
      Isaac blieb unbewegt so sitzen, wie er war. Jetzt, wo es vorbei war, fühlte er sich müde und erschöpft, ganz so, als hätte er einen ganzen Drill hinter sich gehabt. Nur hatte er dabei keinen Finger gerührt.
      “Sie wollte mich auf die Geschlossene verlegen”, sagte er irgendwann schwach. Er wusste, dass die Geschlossene nicht das Grauen war, das er sich vorstellte, aber so wie jetzt war es auch nicht. Kein Besteck außer Plastiklöffel, hochgestellte Klinken, keine Schlösser. Und mit dem Regen erst; vermutlich würde er gar keine Fenster bekommen. Oh Gott, er wollte Zimmer 418 nicht sehen.
      "Ich sollte schonmal gehen, ganz am Anfang. Da habe ich... versucht zu duschen, ohne es zu wissen. Ich hab der Krankenschwester, der... kleinen mit den kurzen Haaren, die ist reingekommen und ich hab ihr die Nase gebrochen. Und einem der Sicherheitsleute hab ich den Arm gebrochen. Ich weiß nicht mehr, was passiert ist, ich kann mich an nichts erinnern, aber irgendwas ist mit mir durchgegangen. Dann wollten sie mich schon auf die Geschlossene stecken und Dr. Harver hat es verhindert. Jetzt hat sie anscheinend auch keine Geduld mehr."
      Er rieb sich die Augen, dann sah er verzweifelt zu Kai auf.
      "Ich hab zugestimmt, wenn ich es bis zum nächsten Regen nicht schaffe, meine Wohnung aufzuräumen und mich im Bad einzuquartieren. Warum hab ich das gemacht? Ich hab's in drei Monaten nicht geschafft, wie soll ich es dann in einem schaffen? Ich werd auf die Geschlossene gehen. Oh fuck, ich bin wirklich so verkorkst um auf die Geschlossene zu müssen."
    • Die Waffeln waren überraschend gut. Kompliment and die Kantine.
      "Sie wollte mich auf die Geschlossene verlegen," meine Isaac schließlich. "Ich sollte schonmal gehen, ganz am Anfang."
      Wie auch schon am Vortag hörte Kai aufmerksam zu, während Isaac redete.
      "Hm. Ich mein, wenn du's brauchst, dann macht das schon Sinn. Ich kenne Leute, denen es geholfen hat, einfach mal aus allem rauszukommen," meinte Kai unverbindlich.
      Aber so, wie Isaac ihn ansah, war er eher von der Sorte, die die ganzen Horrorstories über stationäre psychiatrische Behandlung glaubte. Kein Wunder, dass er sich so wehrte.
      "Ich hab zugestimmt, wenn ich es bis zum nächsten Regen nicht schaffe, meine Wohnung aufzuräumen und mich im Bad einzuquartieren. Warum hab ich das gemacht? Ich hab's in drei Monaten nicht geschafft, wie soll ich es dann in einem schaffen? Ich werd auf die Geschlossene gehen. Oh fuck, ich bin wirklich so verkorkst um auf die Geschlossene zu müssen."
      "Du bist nicht verkorkst und stationäre Behandlung heißt nicht, dass du ein verlorener Posten bist, Isaac. Du hast ein Problem und du musst behandelt werden. Bei einem Knochenbruch würdest du dich doch auch nicht dagegen sträuben, eingewiesen und operiert zu werden, oder? Gleiches Prinzip, nur eben für deine Psyche. Ein unsichtbarer Knochen, sozusagen."
      Kai zuckte mit den Schultern.
      "Aber wenn du wirklich nicht gehen willst, dann solltest du anfangen, deinen Arsch hochzukriegen. Ich helf dir, kein Problem. In drei Monaten allein hast du's in die Abstellkammer geschafft. Ein Monat mit Hilfe sollte für's Badezimmer reichen. Du kennst mich doch mittlerweile: Ich hab Energie für zwei. Wir kriegen das schon hin."
      Kai nippte an seinem Kaffee. Boah war der stark.
      "Und glaub bloß nicht, dass ich super nett sein werde. Mir wurde schon mehrfach gesagt, dass ich ein ziemlicher Drill-Sergeant sein kann, wenn es um Depression Clean Outs geht."
      Und darauf war er verdammt stolz! Manchmal brauchte man eben einfach ein bisschen Hilfe, auch wenn man sie eigentlich gar nicht wollte. Kai war stur genug, das hatte er ja gestern bewiesen, um Isaac zu helfen, ob der es nun wollte oder nicht. Isaac hatte da kein Mitspracherecht.
      Kai stellte seinen Kaffee beiseite und lehnte sich vor, seltsam ernst für seine sonst so freundliche Stimmung.
      "Ich lass dir in dieser ganzen Sache nur eine Wahl, Isaac, also triff sie bedacht. Ich helf dir, ich stell keine Fragen, ich mach dir keine Vorwürfe. Einfach so. Das ist kein Problem für mich. Aber ich werd das nur machen, wenn du mir genug vertraust, dir da auch durch zu helfen. Und ich werd nicht dein persönlicher Butler sein. Ich werd dich pushen. Ich werd dir richtig auf die Nerven gehen. Ich werd dir das Leben nicht einfach machen, weil dein Leben nicht einfach ist. Aber ich werde dir helfen. Ich find dich nämlich ziemlich knorke und niemand sollte ganz allein durchs Leben gehen. Aber hier ist der Knackpunkt: Ich werd dir nur helfen, wenn du mich darum bittest. Du hast also die Wahl: versuch es allein oder lass dir von mir helfen. Wie auch immer du dich entscheidest, ich respektiere das und ich werde auch weiterhin dein Freund sein. Vollkommen egal, was kommt. Aber die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen."


    • Isaac sagte nichts dazu, dass er seine Lage niemals mit einem Knochenbruch vergleichen würde. Ein Knochenbruch tat weh und machte einen bewegungsunfähig; nicht in den Regen zu können, weil es dem Gehirn nicht schmeckte, war einfach nur noch lächerlich. Isaac war sich sehr wohl bewusst, dass er das eigentlich können sollte, dass er schon viel mehr geleistet hatte, als nur in den verdammten Regen zu gehen. Deswegen war das ja wohl kaum ein Knochenbruch, es war nur noch dumm. Nur hatte er durch das Gespräch mit Dr. Harver einfach nicht die Muße, Kai zu belehren.
      "Aber wenn du wirklich nicht gehen willst, dann solltest du anfangen, deinen Arsch hochzukriegen. Ich helf dir, kein Problem. In drei Monaten allein hast du's in die Abstellkammer geschafft. Ein Monat mit Hilfe sollte für's Badezimmer reichen. Du kennst mich doch mittlerweile: Ich hab Energie für zwei. Wir kriegen das schon hin."
      Isaac schnaubte freudlos.
      "Und glaub bloß nicht, dass ich super nett sein werde. Mir wurde schon mehrfach gesagt, dass ich ein ziemlicher Drill-Sergeant sein kann, wenn es um Depression Clean Outs geht."
      "Du hast das schonmal gemacht?"
      Isaac musste an seine Mutter denken, an den Krebs, von dem Kai erzählt hatte. Er wusste aber nicht, ob er das Thema noch einmal anschneiden sollte, ob Kai überhaupt darüber reden wollte.
      In jedem Fall lehnte er der Mann sich sowieso nach vorne und in seinem Blick lag etwas, von dem Isaac sich nicht ganz lösen konnte. Ein bisschen erinnerte er ihn gerade wirklich an seinen Sergeant und irgendwo in seinem Unterbewusstsein regte sich der Drang, vor diesem Blick Haltung anzunehmen. Unglaublich, dass der sonst so fröhliche Mann so schauen konnte.
      "Ich lass dir in dieser ganzen Sache nur eine Wahl, Isaac, also triff sie bedacht. Ich helf dir, ich stell keine Fragen, ich mach dir keine Vorwürfe."
      "Würdest du? Warum?"
      "Einfach so. Das ist kein Problem für mich. Aber ich werd das nur machen, wenn du mir genug vertraust, dir da auch durch zu helfen."
      Genug vertrauen - Isaac hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Er wusste ja noch nicht einmal, wie sie die Wohnung angehen sollten, selbst zu zweit.
      "Und ich werd nicht dein persönlicher Butler sein. Ich werd dich pushen. Ich werd dir richtig auf die Nerven gehen. Ich werd dir das Leben nicht einfach machen, weil dein Leben nicht einfach ist."
      Die Ankündigung reichte aus, um Isaac gleich wieder runterzuziehen. Gerade jetzt hatte er keine Lust darauf; am liebsten hätte er sich einfach wieder hingelegt und die nächsten Tage durchgeschlafen. Kein schwieriges Leben und kein auf die Nerven gehen.
      "Aber ich werde dir helfen. Ich find dich nämlich ziemlich knorke und niemand sollte ganz allein durchs Leben gehen."
      Da horchte Isaac doch wieder auf.
      "Aber hier ist der Knackpunkt: Ich werd dir nur helfen, wenn du mich darum bittest. Du hast also die Wahl: versuch es allein oder lass dir von mir helfen. Wie auch immer du dich entscheidest, ich respektiere das und ich werde auch weiterhin dein Freund sein. Vollkommen egal, was kommt. Aber die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen."
      Isaac starrte ihn weiter an. Kai meinte es wirklich ernst, er würde ihm helfen; und was noch viel wichtiger war: Der Erfolg interessierte ihn nicht. Er würde helfen und wenn es funktionierte, wäre es gut für Isaac, und wenn es nicht funktionierte, wäre Kai immernoch mit ihm befreundet. Gar nichts würde sich ändern, es würde nichts zu verlieren geben. Außer vielleicht Isaacs Verfassung, aber die wäre sowieso verschwunden, wenn er es bis zum Regen nicht schaffte. Dann konnte er sie auch gleich riskieren.
      Er blinzelte ein paar Mal, dann sagte er:
      "Wir können es versuchen. Wenn - wenn du keine Schichten mehr wegen mir absagst. Und wenn du mir versprichst, dass du nachhause gehst, wenn es dir zu viel wird. Ich will dich nicht mit mir runterziehen."
    • "Wir können es versuchen. Wenn - wenn du keine Schichten mehr wegen mir absagst. Und wenn du mir versprichst, dass du nachhause gehst, wenn es dir zu viel wird. Ich will dich nicht mit mir runterziehen."
      Kai grinste.
      "Na hör mal. Du bist vielleicht ein Hochhaus von einem Mann, aber ich bin schon an den gefährlichsten Stränden der Welt gesurft. So leicht kannst du mich nirgendwo hinziehen, wenn ich nicht mitgehen will."
      Er lehnte sich wieder zurück und futterte den Rest seiner Waffeln und seines Kaffees. Jetzt gab es eigentlich nichts weiter zu tun, als darauf zu warten, dass Isaac entlassen wurde. Was auch relativ schnell passierte - sobald der Regen aufhörte.
      Kai war jeden Tag bei Isaac. Jetzt, wo er wusste, was los war, verbrachte er die Nächte zu Hause, aber seine Tage mit Isaac im Krankenhaus. Jeden Morgen kam er pünktlich zum Frühstück und jeden Abend aßen sie zusammen und sahen sich einen Film an, bevor er wieder nach Hause ging. Er hatte sich seinen Urlaub genommen, um für Isaac da sein zu können und sein Versprechen zu halten, keine weiteren Schichten ausfallen zu lassen. Isaac beschwerte sich darüber, aber Kai war sich keiner Schuld bewusst. Genauso wenig interessierte es ihn, dass sich Isaac am liebsten aus dem Fenster stürzen wollte, als er sah, dass Kai eindeutig in seiner Wohnung gewesen war - Kai brachte ihm frische Klamotten, sein Handy, zwei Bücher. Kai musste ihm mehrfach versichern, dass er sich nicht umgesehen hatte, dass ihn das Chaos nicht interessierte, und Nein, er würde nicht schreien davon rennen, nur weil alles ein bisschen furchtbar war. Isaac hatte keine Chance gegen ihn.

      Am Ende der Woche hatte der Regen dann endlich nachgelassen und das Wochenende war klar. Frank hatte Kai sein Auto geliehen, damit er Isaac nach Hause schaffen konnte. Er zwang Isaac dazu, seine Kopfhörer aufzusetzen - die Kai aus der Abstellkammer gerettet hatte, wobei er auch gleich die Biogefährdung losgeworden war. bei der Gelegenheit hatte er auch das ganze Apartment durchgelüftet und den schlimmsten Müll schonmal runtergebracht.
      Die ganze Fahrt über hielt er Isaacs Hand fest und hielt ihn davon ab, aus dem Fester zusehen. Es regnete zwar nicht mehr, aber alles war noch ordentlich nass und die Autos verteilten das überall hin.
      Anstatt Isaac zu dessen Wohnung zu bringen, nahm Kai ihn mit zu sich. In weiser Voraussicht hatte er schonmal alle seine Fenster abgedeckt - die waren von außen auch noch nass und die Bäume im Innenhof tropften noch - Kai wollte kein Risiko eingehen.
      "Okay, Schlachtplan," meinte er und ließ sich auf den Boden neben seinem Couchtisch sinken. "Müll, Geschirr, Wäsche...."
      Kai schlug eine Seite in seinem Notizbuch auf und schrieb sich alles als Liste auf.
      "Kisten auspacken kann erstmal warten, wir schieben die einfach alle an eine Wand und regeln alles andere vorher. Du brauchst Vorhänge, Punkt. Dicke. Staubsaugen kann nicht schaden."
      Kritzel, kritzel, kritzel.
      "Okay. Der Plan: du sammelst deine Wäsche ein, ich wasch die hier. Während ich hier bin, sammelst du allen," das, was noch da war, "Müll ein. Ich bring den raus. Du schiebst die Kisten aus dem Weg und staubsaugst. Der Lärm, in Kombination mit den Kopfhörern, sollte genug sein, dass ich spülen kann. Du hörst kein Wasser und musst nicht raus ins Nasse, aber wir kriegen dein Apartment aufgeräumt. Wir müssen auch nicht alles auf einmal machen, aber meiner Erfahrung nach ist es einfacher, alles in einem Rutsch zu machen. Dann hat man es hinter sich und verliert unterwegs kein Momentum."
      Damit war es beschlossene Sache. Isaac durfte sich gern beschweren, aber Kai würde das genau so durchziehen und er würde Isaac helfen lassen. Der Mann hatte keine Wahl mehr.
      "Für heute chillen wir erstmal noch. Die einzige Sache, die ich von dir will, ist, dass du deinen Onkeln anrufst, damit wir eine Timeline für deine Tür bekommen. Ich lass dich da drüben nicht schlafen, solange die Tür nicht zugeht. Entscheidung für dich: gehen wir zusammen rüber und holen Zeug für dich oder soll ich allein gehen?"
      Wenn Kai eins gelernt hatte in Sachen Depression Clean Out, dann war es das: so wenige Entscheidungen und so direkte Fragen wir möglich, damit man keine extra Energie zum Nachdenken verballern musste.


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    • Kai war ein Engel von einem Mann - ein Engel, den Isaac gebraucht hatte, ohne es zu wissen. Er war schon ganz darauf eingestellt gewesen, Kai erst wieder bei seiner Entlassung zu sehen, immerhin hatte er besseres zu tun als mit einem deprimierten Isaac rumzusitzen, aber Kai kam jeden Tag aufs Neue und das mit unermüdlicher Fröhlichkeit. Sie vertrieben sich die Zeit im Zimmer und manchmal auch im Gang davor, nur nicht weiter weg, denn da befürchtete Isaac Fenster, die ihm das gemütliche Zusammensein zunichte machen konnten. Kai mochte nämlich unumstößlich in seinem Unterfangen sein, aber mit Isaac, der seine Regen-Krise bekam, hatte er trotzdem noch nichts zu tun gehabt. Wenn ihn schon Isaacs Wohnung nicht abschreckte, dann sicher das, dessen war Isaac überzeugt. So viel Geduld konnte ein einzelner Mensch schließlich gar nicht haben.
      So akzeptierte er Kais ständige Anwesenheit und die überraschende Leichtigkeit, die er mit sich brachte. Die Tage vergingen wie im Flug und als Isaac schließlich in eine feuchte Welt nach draußen trat, fühlte er sich sogar ziemlich gut. Jedenfalls besser als all die anderen Male, die er das Krankenhaus schon verlassen hatte.
      Er zog die Kopfhörer auf, die Kai mitgebracht hatte, und obwohl er sich ziemlich stabil fühlte, war er doch froh, als sie in das Auto einstiegen, und noch viel froher, als Kai ihm die Hand gab. Es war dämlich, definitiv, ihn wie ein kleines Kind festzuhalten, aber er war während der Fahrt dennoch nicht gewillt, seine Hand wieder loszulassen. Er klammerte sich daran und an die Stütze, die der wenige Kontakt ihm schon brachte, das Vertrauen darauf, dass jemand da war; dass er nicht alleine sein musste. Es war genug, um ihn gedanklich nicht abstürzen zu lassen.
      Zuhause lotste Kai ihn weiter zu seiner Wohnung, wo er die Fenster abgedeckt hatte - eine liebenswürdige Geste, für die Isaac sich schüchtern bedankte. Er wusste noch nicht, wie er mit der Zeit nach einem Regen klarkam; normalerweise kam er nach dem Regen heraus und verschlief dann den ganzen Rest wieder. So musste er sich keine Gedanken machen, sondern sich einfach nur auf die bekannte Couch setzen.
      "Okay, Schlachtplan", meinte Kai und setzte sich nicht auf die Couch, sondern auf den Boden. Isaac vermutete, dass er das nicht als Laune heraus tat, sondern aus Platzgründen. Das sollte wohl wirklich ein ganzer verdammter Plan werden.
      "Müll, Geschirr, Wäsche...."
      "Kisten", trug Isaac bei.
      "Kisten auspacken kann erstmal warten, wir schieben die einfach alle an eine Wand und regeln alles andere vorher."
      "Achso."
      "Du brauchst Vorhänge, Punkt. Dicke. Staubsaugen kann nicht schaden."
      Isaac sah zu, wie Kai schrieb. Sehr viel schrieb, sogar. Für jeden weiteren Punkt musste er sich schämen.
      "Okay. Der Plan: du sammelst deine Wäsche ein, ich wasch die hier."
      Isaac nickte; das konnte er machen. Das hatte er sogar schonmal gemacht, das konnte er wieder tun. Das war nicht schwierig.
      "Während ich hier bin, sammelst du allen Müll ein. Ich bring den raus."
      Isaac nickte weniger enthusiastisch. Kai sollte nicht den Müll rausbringen, das konnte er ja sehr wohl auch gut alleine machen. Dass er es bisher nicht geschafft hatte, war einfach aus Zeitgründen geschehen.
      "Ich kann auch -"
      "Du schiebst die Kisten aus dem Weg und staubsaugst", sagte Kai gleich weiter. Er kümmerte sich nicht um Isaacs Einwände.
      "Der Lärm, in Kombination mit den Kopfhörern, sollte genug sein, dass ich spülen kann. Du hörst kein Wasser und musst nicht raus ins Nasse, aber wir kriegen dein Apartment aufgeräumt. Wir müssen auch nicht alles auf einmal machen, aber meiner Erfahrung nach ist es einfacher, alles in einem Rutsch zu machen. Dann hat man es hinter sich und verliert unterwegs kein Momentum."
      Isaac nickte schwach. Glücklich war er mit der Aussicht nicht, aber er hatte begriffen, dass Kai sein selektives Gehör wieder spielen ließ und sparte sich deshalb die Energie.
      "Für heute chillen wir erstmal noch. Die einzige Sache, die ich von dir will, ist, dass du deinen Onkeln anrufst, damit wir eine Timeline für deine Tür bekommen. Ich lass dich da drüben nicht schlafen, solange die Tür nicht zugeht."
      Isaac klappte den Mund zur Beschwerde auf, aber Kai sprach gleich weiter.
      "Entscheidung für dich: gehen wir zusammen rüber und holen Zeug für dich oder soll ich allein gehen?"
      Darüber musste Isaac nur sehr kurz nachdenken.
      "Zusammen."
      Schließlich würde er Kai nicht noch einmal freiwillig alleine in seine Wohnung lassen. Es kam ihm dabei nicht in den Sinn, dass er auch alleine hätte gehen können.
      Damit waren auch seine restlichen Beschwerden gegessen und sie hatten tatsächlich einen Schlachtplan aufgestellt. Isaac konnte das kaum glauben; es schien ihm utopisch, überhaupt einen Plan zu haben. Es fühlte sich so an, als hätten sie die Wohnung schon fast auf Vordermann gebracht.
      Und tatsächlich hatte Kai schon angefangen, als er hier gewesen war, wie Isaac gleich selbst bemerkte. Der riesige Berg von Müll, der sich auf seinem Mülleimer gestaut hatte, war endlich verschwunden, der Müll herausgebracht. Die Erleichterung darüber war so groß, dass ihm für einen Moment schwindelig wurde.
      Orientierungslos schob er sich weiter durch seine Wohnung auf der Suche nach allem, was er mitnehmen wollte. Er hatte keine wirkliche Ahnung, was er brauchte, aber er nahm sich ein paar Klamotten, seine Zahnbürste aus dem Bad, sein Rasierzeug und nach Kais Anweisung seine Bettwäsche. Dann blieb er mit den Kleidern auf dem Arm unschlüssig stehen.
      "Sollten wir nicht was von der Wäsche mitnehmen? Wenn wir schon hier sind?"
      Aus seiner Sicht war es reine Verschwendung, nicht schon aktiv zu werden, wenn sie eh schonmal da waren - wieso überhaupt warten. Sie sollten heute mit allem anfangen, wenn sie eh nicht genug Zeit hatten und einigermaßen fit waren. Der Müll war jetzt weg, sie könnten den Mülleimer wieder füllen und wenn sie schon beim Müll waren, konnten sie genauso gut mit dem Putzen anfangen. Und wenn sie schon putzten, konnten sie ja wirklich auch noch die Kisten machen, das machte sonst doch gar keinen Sinn.
      Nur spürte Isaac, wie es ihn bereits lähmte, der Gedanke an all die Arbeit, die er machen sollte, und das bestens jetzt gleich, am besten alles auf einmal. Er wurde müde, hatte eigentlich gar keine Lust mehr, wollte gar nichts mehr tun. Alles war ihm zu anstrengend, dabei hatte er noch gar nicht damit angefangen. Und das frustrierte ihn obendrauf.
      Kai befreite ihn daraus, bevor er noch in der Spirale verloren gehen konnte. Er drückte ihm seinen Rucksack in die Arme und sie stopften alles rein, was Platz hatte, ehe sie den Rest in die Arme nahmen. Und dann ging es auch schon nach draußen und zurück zu Kai, zurück in die Sicherheit. Isaac atmete auf, setzte sich aber trotzdem gleich auf die Couch. Erstmal brauchte er eine Pause. Derweil konnte er seinem Onkel zumindest eine SMS schicken; anrufen kam für ihn nicht in Frage.
      "Übermorgen kommt der Typ für das Schloss. In der Zwischenzeit gibt es ein Behelfsschloss. Ich kann ruhig Zuhause schlafen, Kai. Mir macht das nichts."
    • "Zusammen."
      "Okidoki. Dann mal los."
      Kai schnappte sich seine Schlüssel und dann marschierten sie los. Er hatte sich wirklich nicht in Isaacs Wohnung umgesehen, als er hier gewesen war. Er hatte nur die richtig offensichtlichen Probleme gesehen und beseitigt, dann hatte er nach Klamotten gesucht und war wieder gegangen. Und das Mal davor hatte er keine Zeit gehabt, groß zu gucken. Geschweige denn Platz, mit den ganzen Leuten hier drin.
      Als Kai dieses Mal mit Isaac zusammen in die Wohnung ging, ließ er den Blick schweifen. Er urteilte nicht. Er selbst hatte schon in ähnlichen Zuständen gelebt und er hatte auch schon Freunden mit sowas geholfen. Er wollte nur wissen, wie viel sie wirklich zu tun hatten und ob er seine Liste noch erweitern musste.
      "Sollten wir nicht was von der Wäsche mitnehmen? Wenn wir schon hier sind?" fragte Isaac.
      "Nope. Erstens kommst du gerade erst aus dem Krankenhaus und musste erstmal ankommen. Zweitens müsstest du dann meiner Waschmaschine zuhören - und das ist kontraproduktiv. Drittens: Ich hab keine Lust."
      Kai zuckte mit den Schultern und angelte nach einem Rucksack, den er auf dem Boden erspähte. Er hielt ihn auf, damit Isaac seine Sachen einpacken konnte. Dann schnappte er sich zwei von Isaacs Kopfkissen und ging mit dem Mann zurück - Isaac hatte längere Arme, also durfte er seine Bettdecke selber tragen.
      Während Isaac seinem Onkel schrieb, machte sich Kai daran, ein bisschen Fingerfood zu schneiden, damit sie ein Mittagessen hatten, das nicht aus einer Krankenhauskantine kam.
      "Übermorgen kommt der Typ für das Schloss. In der Zwischenzeit gibt es ein Behelfsschloss. Ich kann ruhig Zuhause schlafen, Kai. Mir macht das nichts."
      "Okay," meinte Kai. "Aber mir macht das was. Ich hab mich schon die ganze Woche auf diese Übernachtungsparty gefreut, also will ich die jetzt auch haben. Deine Wohnung rennt dir ja nicht weg, da kannst du übermorgen auch immer noch schlafen."
      Er streckte Isaac die Zunge raus, dann zerteilte er eine Gurke. Bewaffnet mit einem Tablett voller Schüsseln, die wiederum mit Snacks gefüllt waren - Gurken, Karotten, Salzstangen, Käsewürfeln, Humus, Sourcream, Acovado-Dip, lauter solche Sachen - kam er die ganzen drei Schritte zurück in sein Wohnzimmer.
      "Außerdem könnte ich Hilfe gebrauchen, die Lichterketten endlich aufzuhängen und du hast die perfekte Größe dafür. Ist viel sicherer, als wenn ich auf die Rückenlehne vom Sofa klettere, findest du nicht?"
      Kai zauberte doch tatsächlich zwei Packungen mit Lichterketten von unter der Couch hervor. Er hatte sie ganze zwei Tage nach ihrem ersten Sleepover besorgt, nachdem er sich mit dem Gedanken angefreundet hatte, sie einfach so in seiner Wohnung aufzuhängen - ganz ohne Kissenburg. Er hatte sogar eine Planskizze von seinem Apartment dafür angefertigt. Und ja, vielleicht hatte er auch ein paar im Dunkeln leuchtende Plastiksterne besorgt, die er bei Gelegenheit auch an die Decke kleben wollte.


    • "Okay. Aber mir macht das was. Ich hab mich schon die ganze Woche auf diese Übernachtungsparty gefreut, also will ich die jetzt auch haben."
      Isaac schnaubte. Würde Kai seinen Optimismus nicht absichtlich einsetzen, um Isaac am Zurückziehen zu hindern, hätte er das sogar süß gefunden. So fand er es... naja, eigentlich auch süß. Dieser verdammte Mann wusste einfach irgendwie genau, was er sagen musste.
      "Deine Wohnung rennt dir ja nicht weg, da kannst du übermorgen auch immer noch schlafen."
      "Ich geb's auf, ich geb mich geschlagen. Ich lass dich einfach machen was du willst, ich kann's ja sowieso nicht ändern."
      Als Gewinn streckte Kai ihm die Zunge raus. Isaac schüttelte den Kopf, dann lächelte er aber doch und entspannte sich auf der Couch. Kai hatte sich bisher nicht von ihm abschrecken lassen, auch nicht von seiner Wohnung, und langsam begann er ihm zu glauben. Langsam begann er seine so lockeren Worte ernst zu nehmen.
      "Außerdem", Kai kam mit einem gesunden Snack-Tablett wieder, "könnte ich Hilfe gebrauchen, die Lichterketten endlich aufzuhängen und du hast die perfekte Größe dafür. Ist viel sicherer, als wenn ich auf die Rückenlehne vom Sofa klettere, findest du nicht?"
      "Ist das eine Drohung? Oder eine Bitte? Ich würde dir beides zutrauen, mit dieser Stimme."
      Er steckte sich einen Käsewürfel in den Mund, nahm sich eine der beiden Ketten und sah dann an der Decke entlang. Tatsächlich wollte er das tun, sehr gerne sogar. Es war einfach, er konnte es ohne große Energie und hinterher war Kai glücklich, dass er ihm geholfen hatte, und Isaac war glücklich, dass er nützlich war. Eine reine Win-Win-Situation.
      "Willst du die auf Nägel hängen? Oder ankleben?"
      Er stand auf, fummelte die Packung auf und hielt die Schnur, bis Kai sagte, dass er es so haben wollte. Dann mühte er sich ab, abwechselnd zu halten und an die Wand anzubringen, was erstaunlich schwierig war mit einer Hand, die er nicht fühlen konnte. Er schaffte es aber letztlich, schaltete beide Ketten ein und ging hinüber, um das große Licht auszumachen. Die Abdeckung der Fenster hielt das Tageslicht raus und plötzlich war der Raum in das sanfte, warme Leuchten der Lichterketten getaucht.
      "Oh."
      Isaac sah sich fasziniert um; das Wohnzimmer hatte mit einem Mal einen ganz anderen Flair, etwas kuscheliges und gemütliches. Mit Kais künstlerischer Unordnung sah es zudem aus wie ein zum Leben erwachtes Stillleben.
      "Das ist hübsch. Gefällt mir."
    • "Ich geb's auf, ich geb mich geschlagen. Ich lass dich einfach machen was du willst, ich kann's ja sowieso nicht ändern."
      "Jetzt hast du's endlich kapiert," grinste Kai.
      Isaac nahm ihm eine der Lichterketten ab und befreite sie aus ihrem Pappgefängnis. Gemeinsam lösten sie das Kuddelmuddel, bis sie eine ordentliche Strecke an Kabel in den Händen hatten.
      "Willst du die auf Nägel hängen? Oder ankleben?"
      "Kleben. Ich hab keinen Onkel, dem das Gebäude gehört, in dem ich wohne, also muss ich Vermieterfreundlich handeln."
      Was der Grund dafür war, dass Kais Wände so furchtbar langweilig aussahen, wenn er mal keine Leinwände zur Hand hatte - was dankenderweise niemals der Fall war.
      Kai machte sich nützlich, indem er Isaac das Kabel anreichte und die Klebestreifen zurecht schnitt. Und Isaac... der benutzte seine volle attraktive Größe dazu, um die Decke vollzukleben. Ein paarmal musste Kai ihn an der Hüfte greifen, damit er nicht das Gleichgewicht verlor, während er so über seinem Kopf arbeitete. Aber schlussendlich hing alles und Kai tänzelte grinsend zu den Lichtschaltern der Lichterketten. Er schaltete sie an und Isaac schaltete das Raumlicht aus. Kais Decke wirkte wie ein kleiner Sternenhimmel und seine Wohnung wirkte gleich viel gemütlicher.
      "Oh. Das ist hübsch. Gefällt mir."
      Kai lachte einfach nur voller Freude und klatschte aufgeregt in die Hände, wie ein kleines Kind. Aber seine Freude war echt. Er hatte sich das genauso vorgestellt und es jetzt in echt zu sehen, das war einfach perfekt.
      Er machte einen Satz zur Seite und schlag seine Arme fest um Isaac.
      "Danke danke danke!"
      Für einen langen Moment hielt sich Kai einfach nur an dem Mann fest und ließ sich von seiner Decke faszinieren. Manchmal waren es eben die kleinen Dinge, die einem die größte Freude bereiten konnten.