The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Isaac dachte noch eine geraume Weile über Kais Worte nach, schwelgte in dem Gefühl, das sie ihm gaben. Er genoss es in vollen Zügen, genauso wie er Kai genoss, der sich friedlich an ihn kuschelte, sich der Länge nach an seinen Körper schmiegte. Kai war so ein lieber, toller Mensch, dass Isaac es kaum glauben konnte, wie viel Glück er hatte, so jemanden kennengelernt zu haben. Der Mann schaffte es einfach, die ganze Welt in Sonnenlicht zu tauchen.
      Von dem Film bekam er nicht mehr viel mit, eigentlich interessierte es ihn auch gar nicht mehr. Manchmal wurde er aufmerksam, wenn wieder eine Kampfszene kam und die bläulichen Schilde die Luft verzerrten, aber von der Intrige und der Politik verstand er nichts. Das war ihm auch herzlich egal. Er war vollgefressen, glücklich, hatte einen hübschen Mann im Arm und lag in einem Deckenzelt. Was mehr könnte er schon wollen?
      Als das Ende schließlich rollte, hatte ihn eine solche Trägheit ergriffen, dass ihm fast die Augen zugefallen wären. Die Wärme, Kai und sein Gewicht lullten ihn ein und er blinzelte angestrengt auf die Credits. Dann streckte er sich, wobei Kai noch immer an ihn gekuschelt blieb.
      "Ich hab's immernoch nicht verstanden."
      Der Mann antwortete nicht. Als ein paar schweigende Sekunden vergangen waren, hob Isaac die Augenbrauen.
      "... Kai?"
      Immernoch nichts. Isaac rührte sich ein bisschen, verrenkte den Kopf und erhaschte schließlich einen Blick auf Kais Gesicht, der die Augen geschlossen hatte. Er war eingeschlafen.
      Oh.
      Isaac starrte ihn einen Moment lang an, dann legte er sich wieder zurück. Kai war auf ihm eingeschlafen. Das war irgendwie... süß. Sehr süß sogar. Jetzt stellte sich ihm nur die Frage, wie er das handhaben sollte. Immerhin musste er nachhause - Kai würde ihn sicher nicht übernachten lassen - aber er wollte ihn auch nicht aufwecken. Vielleicht, wenn er ganz vorsichtig...
      Nach dem dritten Versuch, Kai von sich herunter zu bekommen, gab er es auf. Er brachte es einfach nicht übers Herz, den anderen aufzuwecken, und ganz bestimmt würde er sowieso bald aufwachen. Ja. Isaac würde einfach noch eine Weile liegen bleiben und darauf warten. Derweil strich er Kai behutsam über den Kopf und die weichen Locken.
      Die Credits rollten eine ganze Weile lang, dann sprang der Fernseher zurück zur Mediathek. Als Kai sich noch immer nicht rührte, angelte Isaac nach der Fernbedienung und scrollte ein bisschen. Er fand einen Actionfilm und drückte einfach darauf; dann machte er den Ton aus und die Untertitel an. So musste er immerhin kein Wasser hören, wenn es doch irgendwann mal kommen sollte.
      Damit sah er sich irgendwie den dritten Film an, nur dass er es diesmal kaum bis zur Hälfte schaffte. Die Trägheit packte ihn wieder und seine Augen fielen ihm zu. Nach einem letzten Kampf, den er haushoch verlor, rollte er sich auf die Seite, schlang die Arme um Kai wie ein Kissen und schlief tief und selig.
    • Kai war warm. Das passierte im Sommer schonmal, aber er weigerte sich trotzdem, sich davon wecken zu lassen. Aber dann fiel ihm auf, dass er auch noch aufs Klo musste. Und Hunger hatte er irgendwie auch. Wie nervig.
      Kai streckte sich ausgiebig und ließ es sich auch nicht nehmen, ordentlich zu gähnen. Danach war die Welt gleich viel besser und er entschloss sich dazu, doch noch ein paar Minuten liegen zu bleiben, also kuschelte er sich gleich wieder an...
      Kai schlug die Augen auf, sah sich um. Er lag mitten in seinem Decken-Zelt, sein Fernseher war aus, und es war hell. Und er lag da, an Isaac gekuschelt. Mehr noch: er lag auf Isaac und hatte sich um ihn gewickelt wie eine Schlingpflanze. Und der Mann unter ihm? Der schlief genauso friedlich wie Kai es vor ein paar Minuten noch getan hatte.
      Kai lachte leise und kuschelte den Kopf. Guter Charakter, gutes Aussehen, und gute Schlafmöglichkeit? Isaac war ja der wahre Jackpot!
      Anstatt aufzustehen, faltete Kai seine Hände auf Isaacs Brust und beobachtete den Mann ein bisschen. Seine kurzen Haare waren an der Grenze zum Zu-lang-sein, fiel ihm auf. Die Narbe in seiner Augenbraue. Dass seine Wimpern ein bisschen dunkler waren als seine Haare. Die alten Ohrlöcher, die er bestimmt schon seit Jahren nicht mehr benutzt hatte.
      Vorsichtig stemmte sich Kai auf alle Viere, bevor er rückwärts aus dem Zelt krabbelte. Er gab sich größte Mühe, Isaac nicht zu wecken. Schnell huschte er ins Badezimmer, danach versuchte er sich an einem stillen Frühstück. Er zerteilte einen Haufen Obst und drapierte alles hübsch auf einem Tablett. Draußen sah es noch nicht nach Regen aus. Klar, ein paar Wolken waren schon da und die waren durchaus dick, aber noch gab es blauen Himmel zwischen ihnen und noch schien die Sonne. Kein Grund für Isaac also, sich direkt Gedanken zu machen.
      Kai löste seinen Haargummi aus seinen Haaren - und blieb kurz mit den Fingern darin hängen. Autsch. Gedankenverloren zwang er die wilden Strähnen in etwas, das man einen geflochtenen Zopf schimpfen konnte, während er sich zu einer Melodie bewegte, die nur in seinem Kopf existierte. Er gab sich größte Mühe, sie auch dort drin zu behalten. Die Hummeln in seinem Hintern waren kein Grund, Isaac den Schlaf zu rauben.


    • Isaac schlief durch. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise riss ihn sein innerer Wecker zwischen fünf und sechs aus dem Schlaf, um ihn an den morgendlichen Appell zu erinnern, der nicht mehr existierte. Dass das diesmal nicht so war, verwirrte Isaac im ersten Moment mehr als der Ort, an dem er lag.
      Dann holte sein Gehirn aber auf, denn er lag in einem Haufen von weichen Kissen, die alle nach Waschmittel und einem Hauch Farbe rochen, nicht nach wochenlangem Schweiß, wie Isaac es von seinen eigenen Kissen gewohnt war. Da öffnete er erst die Augen und begriff, dass er ja gar nicht Zuhause war. Er war bei Kai und dann auch noch eingeschlafen. Während Dune? Nein, nachher irgendwann, als Kai schon längst weggetreten war. Nur war Kai jetzt nicht mehr da.
      Isaac verspürte einen leisen Stich Enttäuschung, dann folgte gleich die Sorge, seine Grenzen übertreten zu haben. Sie hatten immerhin keine Pijama-Party veranstalten wollen, bloß einen Filmabend. Ob das für Kai okay war?
      Isaac hörte ihn aus der Küche, oder zumindest das Rascheln von Klamotten und vorsichtige Klimpern von Besteck. Er streckte sich, dann machte er sich an den vorsichtigen Ausstieg. Etwas holprig kam er auf die Füße.
      Kai stand in der Küche und - tanzte. Zumindest bewegte er sich in einem unhörbaren Rhythmus, während er mit seinen Haaren nestelte, das Shirt locker um seinen Oberkörper flatternd. Isaac blinzelte erst gegen das Tageslicht vom Fenster, dann checkte er sein Handy nach Wetter und Uhrzeit. Wer tanzte denn schon um... nagut, 09:17, aber trotzdem - so früh am Morgen. Wer stand denn gleich auf und hatte sofort so eine Energie, ganz ohne Morgenappell? Für Isaac war das ein Mysterium.
      "Guten Morgen."
      Er schmunzelte ein bisschen, als Kai sich zu ihm umdrehte. Er hatte ihn wohl vor lauter Getanze nicht gehört.
      "Uhm - ich bin so frei?"
      Er deutete auf das Badezimmer und ging dann, um sich frisch zu machen. Er fühlte sich so gut, so ausgeschlafen, dass er nur ein paar Sekunden zögerte, bis er die Spülung betätigte und sich die Ohren zuhielt. Soweit so gut. Schwieriger war es mit dem Händewaschen, aber er versuchte sich daran, den Wasserhahn nur zu einem Tropfen aufzudrehen und seine Hände sofort darunter zu halten. Das dauerte zwar ewig, aber hey, er hatte sich die Hände gewaschen. Vermutlich könnte er so auch die Zähne putzen, irgendwie. Wieder etwas dazugelernt.
      Er musterte sich im Spiegel. Eigentlich rasierte er sich morgens gerne, eine winzige Routine, um sich von all seinen Problemen abzulenken, aber das sparte er sich lieber. Es ging schon; nur ein bloßer Schatten von dem, was mal ein Bart sein könnte, war zu sehen. Und seine Haare waren auch noch okay für den Moment. Jedenfalls waren sie nicht schlimmer als die Augenringe, die nach dieser Nacht sogar besser waren. Was eine Nacht mit einem Mann in den Armen doch alles bewirken konnte.
      Isaac spürte sich bei dem Gedanken gleich wieder warm werden und ging schnell nach draußen. Er musste sicherstellen, dass das Kai nicht zu viel gewesen war.
      "Hey..." Er trat zu ihm an den Küchentrese. "Uh, sorry, dass ich nicht gegangen bin. Ich wollte dich nicht wecken und dann bin ich irgendwie eingeschlafen. Sorry nochmal. Kann ich dir irgendwie helfen?"
    • "Guten Morgen."
      Kai quietschte recht unelegant und drehte sich um, nur um sich Isaac - einem sehr wachen, aber zeitgleich auch knuffig verschlafen dreinblickendem Isaac - gegenüber zu sehen.
      "Hi!" lachte Kai, sich von seinem Schock erholend.
      "Uhm - ich bin so frei?"
      "Hm? Oh! Ja, klar."
      Isaac entschwand in Richtung Badezimmer. Kai ging dazu über, das Obst fertig zu verteilen und schaltete den Wasserkocher an, jetzt, wo er nicht mehr leise sein musste. Sobald das Wasser kochte, sah er sich kurz um - Isaac war immer noch im Bad - und goss zwei Matcha auf. Er konnte nicht widerstehen und kramte in einer Schublade herum, bis er fand, wonach er suchte.
      "Hey," meinte Isaac, als er endlich zurückkam. "Uh, sorry, dass ich nicht gegangen bin. Ich wollte dich nicht wecken und dann bin ich irgendwie eingeschlafen. Sorry nochmal. Kann ich dir irgendwie helfen?"
      "Alles gut," entgegnete Kai. "Wie gesagt: du bist super bequem."
      Er drückte Isaac einen der Matcha in die Hand - mitsamt einem weit offenstehenden Cocktailschirmchen. Dann schnappte er sich seinen eigenen und das Tablett voller dekorativ arrangierter Obststückchen. Er tänzelte um Isaac herum und verschwand zurück ins Zelt. Als er merkte, dass Isaac ihm nicht sofort gefolgt war, streckte er den Kopf wieder heraus.
      "Frühstück?"
      Sobald Isaac sich wieder in das Zelt gefaltet hatte, fragte er: "Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ich weiß, ich hab dich nicht zerquetscht - dafür ist zu wenig an mir dran - aber mir wurde gesagt, dass ich ziemlich spitze Ellenbogen habe?"


    • Isaac schnaubte leise. Kai hatte schon eine merkwürdige Art von Optimismus, wenn er so sehr feierte, dass Isaac bequem war.
      Der Mann drehte sich um und drückte Isaac ungefragt einen Matcha in die Hand - mit einem Cocktailschirmchen. Das offen war. Was sicher nur eine Kleinigkeit sein sollte, nachdem alles in Kais Küche bunt, zusammengewürfelt und kreativ war, aber Isaac konnte einfach trotzdem nicht verhindern, dass ihm von dem Anblick die Wärme durch den ganzen Körper kribbelte. Er sollte solchen dummen Schirmchen nicht das Gewicht zuschreiben, das er tat, denn jetzt wurde er sentimental wegen sowas. Es war doch einfach nichts dabei, trotzdem fühlte es sich so an, als würde ihm das Universum ein sehr offenes Zeichen geben. Ein schönes Zeichen. Das Schirmchen war offen, was konnte ihm da noch schlimmes passieren? Gar nichts. Der heutige Tag war gut und nicht die kleinste Kleinigkeit konnte das kaputt machen. Kai hatte das soeben für ihn entschieden.
      "Frühstück?"
      "Was?"
      Isaac drehte sich nach ihm um. Kai war schon wieder im Zelt verschwunden und streckte jetzt den Kopf lächelnd zu ihm heraus. Isaac hatte sich so intensiv auf das Schirmchen fokussiert, er hatte gar nicht mitbekommen, dass der andere gegangen war. Anscheinend hatte er das Tablett auch gleich mitgenommen.
      "Oh. Ja."
      Er kam zu ihm und quetschte sich zurück unter die Plane. Dabei verhinderte er mit vollstem Körpereinsatz, dass weder der Matcha überschwappte, noch das Schirmchen in irgendeiner Weise verrutschte. Er hielt das Glas wie seinen größten Schatz gegen die Brust, bis er sich ordentlich hingesetzt hatte und locker lassen konnte.
      "Ich hoffe, du hast gut geschlafen", sagte Kai fröhlich. "Ich weiß, ich hab dich nicht zerquetscht - dafür ist zu wenig an mir dran - aber mir wurde gesagt, dass ich ziemlich spitze Ellenbogen habe?"
      "Davon hab ich nichts mitgekriegt. Aber deine Haare haben mich gekitzelt. Die sind ständig überall. Wie schläfst du damit nur?"
      Er nahm einen vorsichtigen Schluck von seinem Matcha, um bloß nicht das Schirmchen zu stören.
      "Aber sonst hab ich wirklich gut geschlafen. Die Konstruktion ist toll."
      Er ließ seinen Blick über das Innenleben des Zeltes schweifen, jetzt im Tageslicht.
      "Wenn man da oben eine Lichterkette entlang zieht, könnte das sogar ganz romantisch werden. Und das Sofa könnte man eigentlich als Buffet verwenden, wenn man bis zur Lehne ergänzt. Oh -", er lächelte ein bisschen, "ich habe in meiner Wohnung noch mein Zelt vom Dienst - also sowohl die Plane, als auch die Stangen. Die sind erstaunlich leicht, die kann ich dir geben. Dann hält das alles besser und dann kann man auch die Couch überdecken."
      Er bemerkte, dass er vielleicht schon wieder unsichtbare Grenzen überschritt, und fügte hastig hinzu:
      "Wenn du möchtest, meine ich."
    • "Aber deine Haare haben mich gekitzelt. Die sind ständig überall. Wie schläfst du damit nur?"
      Kai zuckte mit den Schultern.
      "Ich schätze, man merkt das weniger, wenn's die eigenen sind. Mich stören sie jedenfalls nicht."
      Kai schnappte sich ein Stück Apfel und schob es sich in den Mund. So genau hatte er über seine Haare noch nie nachgedacht. Deswegen sahen sie wohl auch so aus, wie sie immer aussahen... aber ihn störte das nicht. Er mochte seine Haare. Auch wenn er nicht genau sagen konnte, warum.
      "Die Konstruktion ist toll. Wenn man da oben eine Lichterkette entlang zieht, könnte das sogar ganz romantisch werden."
      Kai machte große Augen und betrachtete seine Zeltburg neu - jetzt mit den Ideen, die Isaac ihm da gerade verfütterte. Er konnte sich die Lichterkette genau vorstellen, das kleine Buffett, das er vorschlug. Er konnte es sehen.
      "Wenn ich möchte? Natürlich möchte ich!"
      Er begann zu erklären, wie er sich das alles vorstellte, arbeitete Isaacs Vorschläge in seine Vision mit ein, zeigte ihm genau, was er meinte.
      "Und dann machen wir einfach eine richtige Übernachtungssache draus!" schloss er. "Du kommst in bequemen Klamotten her, wie nehmen Bettdecken mit rein, wir gucken Filme, die uns tatsächlich interessieren, und dann, wenn wir müde werden, schalten wir einfach den Fernseher aus und hauen uns hin! Das ist ein richtig guter Plan!"


    • Kai war sofort hellauf begeistert von der Idee und gar nicht mehr zu bremsen. Mit einem lebhaften Leuchten in den Augen, das ihn regelrecht erstrahlen ließ, zeigte er Isaac mit Händen und Füßen, wie der Vorschlag in seiner Vision Fuß fasste. Isaac bewunderte ihn um diese ganze Energie, die ihn mit einem Mal erfasste, und außerdem genoss er richtig, von Kai alles erklärt zu bekommen. Er mochte es, wenn der Mann so viel redete, dass ihm gar keine Luft mehr zum Atmen blieb. Das machte ihn in Isaacs Augen so besonders, ein Mann, dem einfach niemals die Lebenslust ausging. Und Isaac steckte er mit der ganzen Fröhlichkeit auch noch an.
      "Und dann machen wir einfach eine richtige Übernachtungssache draus!”
      “Eine Pyjama-Party meinst du?”, sagte Isaac mit einem Lächeln. Er hatte ja selbst beim Aufwachen daran gedacht.
      "Du kommst in bequemen Klamotten her, wir nehmen Bettdecken mit rein, wir gucken Filme, die uns tatsächlich interessieren, und dann, wenn wir müde werden, schalten wir einfach den Fernseher aus und hauen uns hin! Das ist ein richtig guter Plan!”
      “Das hört sich sogar ziemlich gut an”, sagte Isaac. “Aber nichts mit Wasser anschauen. Wir können ja den Ton ausmachen, wenn was kommt - ich glaube, das geht schon. Ja, wahrscheinlich schon. Ah - wie wär's mit Star Wars? Das sind sechs Filme und die meiste Zeit sind sie im Weltall. Damit kriegen wir sogar sicher eine ganze Nacht durch.”
      Er lächelte. Jetzt hatten sie schon fast die zweite Verabredung, und das so unverfänglich. Könnte es immer so leicht gehen? Könnte Kai ihm wirklich das Leben so leicht machen?
      Er griff nach einer Traube und freute sich daran, frisches Obst zu essen. Das ganze hier war toll.
      “Aber erst - also, nach dem Regen, du weißt schon. Ich muss noch ein paar Sachen einkaufen und sowas. Aber dann machen wir das. Ich bringe meine Stangen und dann machen wir ein großes Ding draus.”
    • "wie wär's mit Star Wars? Das sind sechs Filme und die meiste Zeit sind sie im Weltall. Damit kriegen wir sogar sicher eine ganze Nacht durch."
      Kai machte große Augen.
      "Und in einer Galaxie ganz weit weg regnet es auch nicht! HA! Perfekt!"
      Kai suchte nach seinem Smartphone, fand es nicht, und krabbelte aus dem Zelt. Er musste ein bisschen suchen, aber schlussendlich krabbelte er damit bewaffnet wieder in das Zelt zurück. Die ganze Zeit über murmelte er vor sich hin: "Starwarsstarwarsstarwars." Würde er das nicht tun, hätte er vergessen, was er sich aufschreiben wollte. Schnell machte er sich eine Notiz in seinem Handy.
      "Okay, also: besseres Decken Zelt, Pyjamaparty, Star Wars," listete er auf, während seine Finger über seine Tastatur flatterten und er seine Gedanken festhielt.
      "Aber erst - also, nach dem Regen, du weißt schon. Ich muss noch ein paar Sachen einkaufen und sowas. Aber dann machen wir das. Ich bringe meine Stangen und dann machen wir ein großes Ding draus."
      "Hm? Oh, ja, klar. Den Regen hab ich direkt schon eingeplant. Also, ich mein, ich hab das schon geblockt als 'Du hast keine Zeit'."
      Kai kaute ein bisschen auf seiner Unterlippe rum, während er auf die kurze Liste in seinem Smartphone starrte. Irgendetwas fehlte. Nur was? Hm. An dieser Vision würde er noch arbeiten müssen.
      "Wie ist das eigentlich so? Wenn's regnet, meine ich. Ist das mehr so Panik-Attacke oder eher Flashback? Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen. Musst natürlich nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich bin nur neugierig."
      Kai zuckte ein bisschen unbeholfen mit den Schultern und steckte sein Smartphone weg.
      "Kann ich irgendwas tun? Während es regnet? Danach? Brauchst du eine Erholungsphase danach, wie Leute, die Migräne bekommen? Oder bist du nach dem Regen direkt wieder auf den Beinen? Ich halt jetzt besser die Klappe. Sorry."
      Anstatt weiter zu plappern und viel zu persönliche Fragen zu stellen, schob sich Kai ein Stück Apfel in den Mund. Es war viel einfacher, nichts zu sagen, wenn man den Mund voll hatte.


    • Isaac sah schmunzelnd dabei zu, wie Kai geschäftig sein Handy holen ging. Dabei murmelte er die ganze Zeit "Star Wars" vor sich hin, als wäre es ihm unglaublich wichtig, es nicht zu vergessen. Isaac fühlte sich geehrt, dass ihrer nächsten Verabredung eine solche Wichtigkeit zugeschrieben wurde.
      "Okay, also: besseres Decken Zelt, Pyjamaparty, Star Wars."
      Isaac nickte alles ab und schmunzelte umso mehr. Wie süß, dass Kai sich das aufschreiben wollte. Oder musste? So viele Ideen, wie der Mann ständig hatte, musste er sie vielleicht extra in seinem Kopf abspeichern, damit sie nicht verloren gingen.
      "Den Regen hab ich direkt schon eingeplant. Also, ich mein, ich hab das schon geblockt als 'Du hast keine Zeit'."
      "Sicher."
      Kai zog seine Lippe zwischen die Zähne und kaute ein bisschen darauf herum, während er auf sein Handy starrte. Isaac wartete ganz geduldig, weil es eigentlich nie lange dauerte, bis Kai das nächste fand, was er sagen wollte. Und nachdem Isaac ihm auch viel lieber zuhörte als selbst zu reden, wollte er diesen Vorgang auch nicht unterbrechen.
      "Wie ist das eigentlich so?"
      "Was?"
      "Wenn's regnet, meine ich."
      Isaac blinzelte. Damit hatte er dann doch nicht gerechnet.
      "Ist das mehr so Panik-Attacke oder eher Flashback? Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen. Musst natürlich nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich bin nur neugierig."
      "Uhm..."
      Isaac griff nach seiner Prothese und fuhr den kantigen Stahlrahmen nach. Ihm wurde nervös zumute, als er sich so seine Antwort zurechtzulegen versuchte. Bisher hatte er nur seiner Therapeutin davon erzählt; immerhin war sie das erste Mal auch dabei gewesen. Gary musste es auch wissen, weil er der Betreuer ihrer Gruppe war und wissen musste, worüber er reden konnte und worüber nicht. Aber Gary hatte er es nicht selbst erzählt und Jack und den anderen sowieso nicht. Es bereitete ihm Unbehagen - aber Kai hatte ihn noch nie für irgendwas verurteilt. Er hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als er von Isaacs Wasserproblem erfahren hatte. Sicher würde er ihn auch dafür nicht verurteilen.
      "Es ist wie beides, ein bisschen", sagte er daher langsam. "Ich steigere mich da rein und... also... das eine führt zum anderen. Ungefähr. Ich kann das nicht so gut..." Er zuckte mit den Schultern in dem Versuch, entspannt zu wirken. "Ist alles irgendwie noch frisch. Ich kann das nicht gut beschreiben." Oder eher wollte er es nicht. Aber das machte im Moment auch keinen Unterschied.
      "Kann ich irgendwas tun? Während es regnet? Danach?"
      Isaacs Augen wurden ein bisschen größer. Kai wollte etwas tun? Für ihn beim Regen? Über so eine Möglichkeit hatte Isaac noch gar nicht nachgedacht. Es stand völlig außer Frage, jemanden an sich heranzulassen, wenn er... so drauf war. Kai sollte unter keinen Umständen mitkriegen, wie erbärmlich er wirklich war.
      "Brauchst du eine Erholungsphase danach, wie Leute, die Migräne bekommen? Oder bist du nach dem Regen direkt wieder auf den Beinen? Ich halt jetzt besser die Klappe. Sorry."
      "Nicht schlimm. Also eigentlich - eigentlich verschlafe ich die meiste Zeit währenddessen und danach. Ich werd dann müde und dann bin ich... müde vom müde sein und hinterher bin ich dann -"
      Er stoppte sich selbst, bevor er noch ausgeplaudert hätte, dass er den Regen ja auch in einem kleinen Kämmerchen verbrachte.
      "Hinterher kann ich dann wieder normal schlafen. Richtig schlafen, meine ich. Nach einer Woche brauche ich schon so zwei... oder drei Tage danach zum ausruhen. Schätze ich mal. Das ist mein erster lange Regen, außerhalb vom Krankenhaus. Ich weiß das alles noch nicht so gut. Wir werden es wohl rausfinden."
      Er lächelte schwach, dann erinnerte er sich daran, was Kai ursprünglich gefragt hatte.
      "Oh, die Memes vom letzten Mal waren eigentlich ganz gut. Ich meine, die meisten davon waren ziemlich schlecht, dein Humor ist furchtbar." Er lächelte mehr, damit Kai sehen konnte, dass er es als Scherz meinte. "Aber ich habe sie gerne angeschaut. Sie haben gut abgelenkt. Die Kopfhörer noch viel mehr - danke nochmal dafür. Du wirst mir nicht glauben, wie viel sie schon geholfen haben."
    • "Nicht schlimm. Also eigentlich - eigentlich verschlafe ich die meiste Zeit währenddessen und danach. Ich werd dann müde und dann bin ich... müde vom müde sein und hinterher bin ich dann - Hinterher kann ich dann wieder normal schlafen. Richtig schlafen, meine ich. Nach einer Woche brauche ich schon so zwei... oder drei Tage danach zum ausruhen. Schätze ich mal. Das ist mein erster lange Regen, außerhalb vom Krankenhaus. Ich weiß das alles noch nicht so gut. Wir werden es wohl rausfinden."
      Wir. Kai fühlte sich irgendwie geehrt, dass Isaac ihm erlaubte, das mit ihm herauszufinden und ihm zu helfen. Er würde sich Mühe geben, dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen.
      "Oh, die Memes vom letzten Mal waren eigentlich ganz gut. Ich meine, die meisten davon waren ziemlich schlecht, dein Humor ist furchtbar."
      Kai schlug sich eine Hand an die Brust und gab sich übertrieben entsetzt.
      "Wie bitte?!" echauffierte er sich gespielt. "Jetzt muss ich doch glatt vor Entsetzen sterben!"
      Er ließ sich nach hinten auf die Matratze fallen, eine Hand theatralisch an der Stirn. Er schob sogar die Zunge aus dem Mundwinkel, um seine Performance zu perfektionieren.
      "Aber ich habe sie gerne angeschaut. Sie haben gut abgelenkt. Die Kopfhörer noch viel mehr - danke nochmal dafür. Du wirst mir nicht glauben, wie viel sie schon geholfen haben."
      Kai richtete sich ein bisschen auf, indem er sich auf die Ellenbogen stützte. Er lächelte, wie immer.
      "Freut mich, das zu hören. Ein Schritt näher an der Ziellinie dem Regen den Mittelfinger zeigen zu können."
      Nun setzte er sich wieder ganz auf, bevor sein Nacken sich noch beschwerte. Er schob sich ein paar verirrte Haarsträhnen aus der Stirn. Seine Finger verfingen sich in seinen Haaren. Autsch.
      "Aber mal was auf der praktischen Seite: das wird 'ne Woche Regen und dann brauchst du auch noch ein paar Tage, um dich davon zu erholen... was ist mit einkaufen und so? Nur von Konserven leben klingt irgendwie nicht so toll, gerade wenn du eh schon in einer nicht so tollen Lage bist. Kann man dir da irgendwie helfen? Ich kann dir was vorbeibringen - dein ganz persönlicher Lieferdienst, sozusagen. Musst dich auch nicht stressen oder so! Ich kanns ja einfach vor deiner Tür stehen lassen und du holst es rein, wenn du kannst. Ich kenn das von mir selbst: wenn ich so eine miese Zeit habe, will ich nicht unbedingt Leuten begegnen, selbst meinen Freunden nicht. Du kannst dich übrigens jederzeit melden, das weißt du, oder? Wenn du spontan was brauchst oder wenn du einfach nur deine Gedanken aus deinem Kopf kriegen und irgendwo anders parken musst."
      Kai lehnte sich geradezu verschwörerisch zu Isaac.
      "Du musst deinen Militärjargon übrigens nicht übersetzen - ich versteh den," meinte er mit einem schelmischen Zwinkern.


    • Isaac kicherte ein bisschen, als Kai vor ihm den toten Hund spielte. Was für eine Dramaqueen. Als ob er nicht genau wüsste, wie schlecht seine Witze waren - das machte sie doch erst so lustig.
      Als Isaac ihm aber das Zugeständnis machte, dass es alles geholfen hatte, erweckte das den toten Kai wieder zum Leben. Was für ein Zufall.
      "Freut mich, das zu hören. Ein Schritt näher an der Ziellinie dem Regen den Mittelfinger zeigen zu können."
      Das war ein nettes Bild, auch wenn es dämlich war, überhaupt über so etwas nachdenken zu müssen. Isaac nickte.
      "Aber mal was auf der praktischen Seite: das wird 'ne Woche Regen und dann brauchst du auch noch ein paar Tage, um dich davon zu erholen... was ist mit einkaufen und so?"
      Isaac zuckte ein bisschen mit den Schultern.
      "Ich kaufe auf Vorrat. Und hoffe dann einfach, dass ich wieder einkaufen gehen kann, wenn ich muss."
      "Nur von Konserven leben klingt irgendwie nicht so toll, gerade wenn du eh schon in einer nicht so tollen Lage bist."
      Isaac verzog leicht das Gesicht. Er hätte sich gewünscht, dass Kai nicht sofort herausfand, dass er von Konserven lebte. Aber wie immer gab der Mann keinen Kommentar dazu.
      "Kann man dir da irgendwie helfen? Ich kann dir was vorbeibringen - dein ganz persönlicher Lieferdienst, sozusagen. Musst dich auch nicht stressen oder so! Ich kanns ja einfach vor deiner Tür stehen lassen und du holst es rein, wenn du kannst. Ich kenn das von mir selbst: wenn ich so eine miese Zeit habe, will ich nicht unbedingt Leuten begegnen, selbst meinen Freunden nicht."
      Isaac spürte eine unvertraute Wärme bei Kais Zugeständnis. Es war schön, verstanden zu werden. Deswegen sollte er wohl auch zu den Gruppensitzungen gehen, aber bisher war ihm einfach niemand mit denselben Problemen begegnet. Kai schien der erste zu sein, der wusste, wovon Isaac da sprach.
      "Danke. Wirklich. Vielleicht... Nein. Also, ich werde die Wohnung nicht verlassen, wenn es regnet, meine ich. Aber danach... Ich kann dir ja schreiben? Und wenn du eh schon einkaufen gehst, vielleicht kannst du mir was kleines mitbringen? Nur, wenn es keine Umstände für dich macht. Ich bezahle es natürlich auch."
      "Du kannst dich übrigens jederzeit melden, das weißt du, oder? Wenn du spontan was brauchst oder wenn du einfach nur deine Gedanken aus deinem Kopf kriegen und irgendwo anders parken musst."
      Isaac lächelte jetzt wirklich. Das hier fühlte sich so gut an. Endlich hatte er einmal das Gefühl, dass... keine Ahnung. Seine Probleme normal waren. Dass es nichts außergewöhnliches daran zu finden gab, sich vor dem Regen zu verstecken.
      "Mach ich. Versprochen."
      Kai lehnte sich zu ihm, ein schelmisches Glitzern in den Augen.
      "Du musst deinen Militärjargon übrigens nicht übersetzen - ich versteh den."
      Isaac schnaubte.
      "Du weißt ja gar nicht, was wir alles für Abkürzungen benutzen. Zum Schluss wirst du ein Wörterbuch brauchen."
      Nicht, dass Isaac ernsthaft vorgehabt hätte, Kai seinem Militär-Jargon auszusetzen. Der hörte sich selbst für Isaac viel zu steif an. Aber wenn er schon so überzeugt von sich war - Isaac konnte ihm ja mal zeigen, wie ein Soldat schreiben konnte. Das war nämlich furchtbar.
      Er robbte aus dem Zelt heraus, streckte sich und nahm dann seinen Rucksack an sich. Die Snacks hatten sie fast alle verputzt und den letzten Rest überließ er Kai. Zum Schluss würde er sie nämlich noch in seinem Rucksack vergessen und dann wäre alles voller Krümel und dann würde er es wieder nicht putzen und hätte einen Besitz weniger, den er nach draußen nehmen konnte. Nein, lieber nicht.
      An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihm um. Ein bisschen kam er sich komisch vor; er wollte Kai umarmen, traute sich aber nicht so ganz. Waren sie schon so gut befreundet, um sich zu umarmen? Auf der anderen Seite - sie hatten zusammen im Zelt geschlafen und sogar gekuschelt. Und was noch viel wichtiger war: Kai hatte seinen Gestank nicht einmal erwähnt.
      Isaac streckte die Arme aus und zog Kai kurzerhand in eine knappe Umarmung. Sein Kinn wurde von wirren Locken gekitzelt und er genoss das temporäre Gefühl von Kais schlankem Körper in seinen Armen. Dann ließ er ihn auch schon los, etwas unbeholfen.
      "Also dann, ich melde mich. Mach's gut - bis in ein bis zwei Wochen."
    • "Du weißt ja gar nicht, was wir alles für Abkürzungen benutzen. Zum Schluss wirst du ein Wörterbuch brauchen."
      Ein Wörterbuch, das Kai schon auswendig kannte, auch wenn seins ein bisschen eingestaubt war. Nicht, dass Kai dazu kam, darüber zu reden, denn im nächsten Moment musste er Platz machen, um diesen Koloss von Mann aus dem Zelt zu lassen. So, wie es aussah, juckte es Isaac in den Fingern, nach Hause zu kommen. Irgendwo verständlich, da keiner von ihnen auf diese Übernachtungsparty vorbereitet gewesen war.
      Kai krabbelte ebenfalls aus dem Zelt und streckte sich noch einmal ausgiebig, bevor er Isaac zur Tür begleitete. Normalerweise wäre das der Punkt, an dem Kai Isaac zum Abschied kurz drückte, aber da er immer noch nicht wusste, wie genau Isaac jetzt eigentlich zu Körperkontakt stand, stand Kai einfach nur da. Bis Isaac die Hand ausstreckte und ihn einfach an sich zog.
      Seine Verwunderung über die plötzliche Umarmung wich schnell seiner üblichen guten Laune und Kai schloss ebenfalls die Arme um den anderen Mann. Isaac war tatsächlich groß genug, um seinen Kopf einfach auf seiner Mähne abzulegen. Wow.
      "Also dann, ich melde mich. Mach's gut - bis in ein bis zwei Wochen."
      "Ich kann nicht versprechen, dass ich nicht an dich denken werde," gab Kai zurück. Bis dann."
      Er sah Isaac nach, bis dieser am Ende des Ganges um die Ecke bog. Dann schloss Kai mit einem Seufzen die Tür und wandte sich dem Chaos zu, das seine Wohnung war. Kurzerhand beschloss er, heute nicht die Abrissbirne zu schwingen und stattdessen noch ein oder zwei Tage inn einem Zelt in seinem Wohnzimmer zu leben.


    • “Ich möchte, dass Sie mir täglich einen Statusbericht zukommen lassen.”
      Isaac schwieg und spielte mit seinen Daumen. Das Ticken der Uhr vom Gang, die wenigen Autos von der Straße; Dr. Harvers Praxis war ein gewohntes Übel. Ein Ort, an dem er vorgab ein Mann zu sein, der er nicht war. Jemand, der eine Chance auf Besserung hatte, denn Isaac stand so viel tiefer, als er die Therapeutin glauben machte.
      Sie sah ihn mit ernstem Ausdruck im Gesicht an. Er nickte und spielte seine Rolle.
      “Sie können mich anrufen, aber eine Nachricht reicht auch. Sie können mir mitteilen, was Sie wollen. Wenn Ihnen nichts einfällt, dann können Sie mir auch beschreiben, was Sie gerade fühlen oder was Sie in den letzten fünf Minuten getan haben.”
      Isaac nickte wieder. Wäre er jemand, bei dem noch Hoffnung bestand, würde sowas wie das hier sicher helfen, ja. In der Realität würde er aber eine Woche lang in einem Abstellkämmerchen verbringen und da würde eine tägliche Nachricht auch nichts groß reißen. Sicherlich nicht mehr als die Memes, die Kai zu schicken versprochen hatte.
      Das sagte er ihr natürlich nicht. Vor Dr. Harver versteckte er einfach seine kleinen Geheimnisse.
      “Haben Sie etwas, womit Sie sich beschäftigen können?”
      “Ich werde lesen”, sagte er, ohne großen Willen, es wirklich zu tun. “Musik hören. Vielleicht kann ich den Fernseher ins Badezimmer bringen.”
      “Das ist eine gute Idee. Wie ein kleines Lager, nicht wahr?”
      Isaac musste wieder an Kai denken und lächelte unvermittelt. Ob er sein Zelt schon abgebaut hatte? Isaac hätte ihm dabei besser helfen sollen.
      Dr. Harver lächelte zurück. In ihren Augen blitzte etwas; sie hatte ihn vermutlich zum ersten Mal lächeln gesehen, wie ihm klar wurde.
      “Sie werden das schon gut überstehen. Ich vertraue darauf.”

      Isaac genoss die letzten Stunden, die ihm blieben, indem er aus dem Fenster schaute und die Sonne beim Untergehen beobachtete. Er saß auf dem Sofa, ein Bein angewinkelt, und sah durch das Spinnennetz hinaus auf einen rötlichen Himmel. Sein Cocktailschirmchen war geschlossen, das Bild mit dem Schirmchen lag neben ihm auf dem Sofa. Alles war schon vorbereitet, er musste nur noch hinüber gehen und die Tür für die nächsten Tage hinter sich schließen. Danach konnte er wieder herauskommen und… mit dem Leben weitermachen. Die Wetterapp checken und den nächsten Tag angehen. So leben, dass er nur einen Tag überstehen musste. Er hatte es schon einmal getan, er konnte es wieder tun.
      Seine Gedanken drifteten zu Kai ab und er sah zu seinem Fenster in dem Versuch, etwas bei ihm zu erkennen. Er würde ihn vermissen, das wusste er jetzt schon. Er würde die Farbe vermissen, die Kai in sein Leben brachte. Er würde die Leichtfertigkeit vermissen, die Kai ihn spüren ließ. Er würde seine Witze vermissen, die guten und die schlechten. Er würde viel vermissen.
      Er beobachtete die Sonne beim Untergehen, dann stand er auf. Sein letzter Blick glitt zu Kais Fenster, hinter dem sich nicht rührte, dann nahm er das Bild und ging. Hinter sich schloss er die Tür.


      In der Praxis von Dr. Harver wurde soeben der Feierabend eingeläutet. Der letzte Patient war schon durch die Tür verschwunden und Dr. Harver setzte die letzten Notizen in ihre Unterlagen. Sie schielte auf ihre Uhr; kurz nach sechs. Es würde sieben werden, bis sie hier herauskam. So wie gestern auch.
      Ihr Blick glitt nach draußen, wo es schon den dritten Tag in Folge regnete. Das Wetter war furchtbar, ein kontinuierlicher Erguss, der nicht aufhören wollte. Manchmal wurde es etwas weniger, die Tropfen etwas kleiner, aber dann fing es auch schon wieder an. Ein furchtbares Sommerwetter.
      Sie zog ihr Handy aus ihrer Tasche und warf einen Blick darauf. Keine entgangenen Anrufe, keine Nachrichten. Auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Falten.
      Mittlerweile hätte er sich längst melden müssen. Isaac Stafford war niemand, der seine Pflicht nicht ernst nahm, das hatte sie im ersten Augenblick gemerkt, als sie nach seinem Rückfall im Krankenhaus bei ihm gewesen war. Isaac war ein pflichtbewusster Mann, der seinen Stolz darin fand, das richtige zu tun. Deswegen formulierte sie manche auch Aufgaben so, dass gar keine Frage darin bestand, ob er sie erledigen sollte oder nicht. Es wäre für ihn einfach das richtige.
      Er hätte sich melden müssen, aber das hatte er nicht. Nun schon den dritten Tag in Folge und langsam war Dr. Harver dazu geneigt, ihre Geduld aufzubrauchen. Sie hatte ihm nicht aus Spaß aufgetragen, sich bei ihr zu melden, und auf ihre Anrufe reagierte er auch nicht. Bei drei Tagen wurden es bald drei zu viel.
      Sie stand auf und ging nach draußen. Die Sprechstundenhilfe war noch da, aber Dr. Harvers Nachfrage verneinte sie. Keine Anrufe, keine Nachrichten. Kein Lebenszeichen von Isaac.
      Dr. Harver zog die Augenbrauen ein bisschen mehr zusammen, dann ging sie zurück in ihr Büro. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, wählte seine Nummer und hielt das Handy ans Ohr. Es klingelte, bis ein mechanischer Anrufbeantworter dranging. Den hatte sie in den letzten Tagen auch schon zu hören bekommen.
      “Isaac, hier ist Dr. Harver. Sie erinnern sich, dass ich Ihnen gesagt habe, sich bei mir zu melden. Rufen Sie mich zurück, sobald Sie das hier hören. Es dauert nur einen Augenblick. Auf Wiederhören.”
      Sie legte auf, dann setzte sie sich zurück an ihre Unterlagen, aber Isaac wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Immer wieder schielte sie auf ihr Handy und als sie tatsächlich eine Nachricht bekam, sprang sie sogar ein bisschen. Aber es war nicht Isaac. Er reagierte nicht auf ihren Anruf.
      Bis um sieben versuchte sie es noch zwei Mal bei ihm und als sie dann in ihrem Auto saß, setzte sie den Blinker an der früheren Kreuzung und bog ab. Wenn Isaac sich weigerte, mit ihr zu sprechen, würde sie ihn eben Zuhause konfrontieren. Das verstieß gegen keinerlei ärztliche Vorschriften, denn langsam hatte Dr. Harver wirklich ein ungutes Gefühl.

      Sie fuhr bei seiner Adresse vor, stieg aus und eilte durch den Regen zum Eingang. Sie suchte seine Klingel, betätigte sie und wartete - ohne Erfolg. Als sie aber gegen die Tür drückte, ging sie sowieso auf.
      Es dauerte einen Moment, bis sie sich in dem Komplex orientiert hatte, dann stand sie vor der richtigen Haustür. Eine blanke Tür, keine Willkommensmatte, keinerlei Individualisierung. Darüber sollte sie mit ihm womöglich auch einmal reden, aber zuerst gab es wichtigeres. Aus dem Inneren hörte sie leise den Fernseher.
      Sie klopfte und wartete. Klopfte wieder, wartete. Klopfte laut, wartete, trat heran und sagte:
      “Isaac, hier ist Dr. Harver. Bitte öffnen Sie die Tür, ich möchte mich vergewissern, dass es Ihnen gut geht. Isaac Stafford.”
      Sie wartete, keine Antwort. Klopfte wieder. Der Fernseher lief ununterbrochen im Inneren.
      “Isaac. Ich weiß, dass Sie da sind. Bitte öffnen Sie die Tür. Ich muss darauf bestehen.”
      Keine Reaktion. Langsam ergriff Dr. Harver die Ungeduld - und die Sorge.
      “Isaac, wenn Sie mir nicht die Tür öffnen, dann muss ich jemanden holen, der sie mir öffnet. Ich meine das vollkommen ernst. Ich gebe Ihnen fünf Minuten, dann werde ich den Hausmeister holen.”
      Fünf Minuten verstrichen und bei Isaac regte sich nichts. Doch anstatt den Hausmeister zu rufen, zückte Dr. Harver ihr Handy. Das war nun schon der dritte Tag, an dem Isaac sich nicht gerührt hatte, an dem er keine Anrufe beantwortete und nun auch nicht die Tür öffnete, der dritte Tag, an dem der Mann einer sehr hohen Belastung ausgesetzt war. Dr. Harver hätte ihn gar nicht erst so lange allein lassen sollen. Sie hätte ihm viel striktere Richtlinien aufsetzen sollen.
      Statt des Hausmeisters wählte sie die Nummer des Notrufs.
      “Dr. Harver hier, ich brauche eine Türöffnung und einen Rettungswagen an der folgenden Adresse. Verdacht auf Person in Gefahr.”
      Sie gab die Adresse durch und dann klopfte sie wieder. Sie würde nicht aufgeben, bis sie Isaac zu Gesicht bekommen hatte - auf die eine oder andere Weise.
      Feuerwehr und Krankenwagen standen binnen fünf Minuten vor der Tür.
    • Kai riss am Morgen das Fenster auf, roch den Regen in der Luft und brühte sich einen schnellen Matcha, bevor er runter ins Studio stapfte.
      "Na, seid ihr bereit, den Regen zu übermalen?" rief er den Kindern zu, als sie alle versammelt waren.
      Ein Chor aus "Jaaa!" und Kichern schwappte ihm entgegen. Er stellte die Farben auf den Tisch, half Nick beim Aufdrehen einer widerspenstigen Tube und lachte, als Lindsey mit breitem Grinsen fragte: "Kai, willst du meinen Pinselwitz nochmal hören?"
      "Nur, wenn er heute eine neue Pointe hat", neckte er zurück.
      Der Vormittag flog dahin, gefüllt mit Farben, Witzen und den typischen kleinen Chaosmomenten, die er insgeheim am meisten liebte. Aber sein Blick wanderte immer wieder zurück zu den großen Fenstern, nach draußen, wo der Regen stetig vor sich hin prasselte.

      Nach den beiden Klassen am Vormittag warf sich Kai eine Regenjacke über, zog sich die Kapuze tief ins Gesicht und kämpfte sich durch den Regen zum Sitting Duck - einem kleinen, kreativen Café ein paar Straßen weiter. Er mochte es hier. Die Inhaber waren in seinem Alter und gaben sich alle Mühe, nicht dem Kapitalismus zu verfallen. Stattdessen gaben sie den örtlichen Künstlern eine Plattform mit Workshops, Themenabenden und einer offenen Artwall, an die jeder seine Zeichnungen hängen konnte, sofern sie in bestimmte Regelungen fielen.
      Kai hielt direkt darauf zu, kaum war er zur Tür rein, und hängte eine A4 Zeichnung von Isaac und ihm im Park bei ihrem Picknick an die Wand. Er betrachtete das Bild für einen langen Moment.
      Dann winkte Daveed ihm zu, und erinnerte ihn daran, warum er eigentlich hier war. Daveed war ein Freund, den er beim beim Backpacking durch Südamerika kennengelernt hatte. Ein paar gemeinsame Tage in einem Hostel hatten später irgendwie dazu geführt, dass sie einen drei monatigen Trip zusammen gemacht hatten.
      "Bruder, du siehst keinen Tag älter aus", lachte Daveed und klopfte ihm auf die Schulter.
      "Ich verstecke bloß all die grauen Haare unter Farbe", konterte Kai, während er sich setzte.
      Sie erzählten von damals, stritten kurz darüber, wer eigentlich das schimmelige Hostel in Bolivien vorgeschlagen hatte, und lachten so laut, dass der Kellner nur den Kopf schüttelte. Sie hatten sich seit ein paar Jahren schon nicht mehr in Person gesehen, aber als Daveed ihm geschrieben hatte, dass er in der Stadt war, hatte Kai sich nicht zweimal bitten lassen.
      Es war schön, den Mittag mit seinem alten Freund zu verbringen. Und trotzdem konnte er das Prasseln des Regens im Hintergrund nicht ganz vergessen.

      Später daheim kickte Kai die durchnässten Schuhe in die Ecke und suchte nach einem frischen T-Shirt. Er versuchte sich auch, zum wiederholten Male, daran, seine Haare in den Griff zu bekommen. Seine normalen Locken waren recht handzahm, er musste sich nicht wirklich darum kümmern. Aber wenn die Luftfeuchtigkeit so hoch war wie heute... Kai gab den Kampf schnell auf und setzte sich einfach eine selbst gehäkelte Binie auf, um das Schlimmste zu verbergen.
      Der Regen rauschte weiter gegen die Scheiben. Sein Blick glitt zu Isaacs Fenster auf der anderen Seite des Innenhofs.
      "Isaac...", murmelte er.
      Mit einem Seufzen griff er zum Handy, scrollte durch seine Galerie und schnaubte, als er ein besonders blödes Katzenvideo fand.
      "Er wird mich dafür hassen", grinste er und schickte es weiter.

      So vergingen die nächsten paar Tage. Kai ging einfach seinem Leben nach, auch wenn es nasser war als sonst, und versuchte, nicht zu viel an Isaac zu denken. Vergebens. In jeder freien Minute fragte er sich, ob es Isaac gut ging, ob er auf sich aufpassen konnte.
      Bei Tag drei dann gab Kais Geduld nach. Er war eigentlich nur kurz einkaufen gegangen, weil er mal wieder vergessen hatte, seinen Kühlschrank zu füllen. Und dann kaufte er kurzerhand mehr ein, nur um sich dann in seiner Küche zu vergnügen, während er wie ein Weltmeister kochte.
      Am Abend dann hatte er eine ganze Armee an Tupperdosen ready to go. Je nachdem, wie viel so ein Riese wie Isaac am Tag futterte, sollte ihm das zumindest zwei, vielleicht drei Tage lang ein paar ordentliche, hausgemachte Mahlzeiten geben. Kai packte alles in seinen Picknick Korb und machte sich auf den Weg auf die andere Seite des Gebäudes - einer der wenigen Fußmärsche dieser Woche, bei denen er nicht komplett durchnässt wurde.
      Er summte die Melodie des Songs, der durch seine Kopfhörer blökte, während er durch die Gänge und die Treppen hinauf schlenderte. Und dann blieb er wie angewurzelt stehen, als sei er gegen eine Wand gelaufen: Vor ihm stand eine ganze Einsatztruppe der örtlichen Feuerwehr, angeführt von einer Frau in einem schicken Outfit. Und sie alle standen direkt vor Isaacs Wohnung!
      Kai riss sich die Kopfhörer von den Ohren und eilte hinüber.
      "Hey! Ist Isaac was passiert?!" fragte er direkt und hoffte einfach, dass ihm irgendjemand antworten würde.


    • Dr. Harver drehte sich um, als sie die Stimme vernahm. Neugierige Nachbarn waren das letzte, was sie gebrauchen konnte, und einer der Feuerwehrmänner machte sich bereits daran, den Mann freundlich aber bestimmt auf seinen Heimweg zu schicken. Allerdings erhaschte sie dabei einen Blick auf lange, lockige Haare, ein dunkles Gesicht und einen tätowierten Arm. Erkennen drängte sich ihr auf.
      "Moment."
      Sie ließ die übrigen Feuerwehrleute an der Tür arbeiten und ging hinüber. Womöglich konnte das eine glückliche Wendung sein.
      "Sind Sie Makaio? Makaio Leseo?"
      Es hatte zwar ihre Befugnis überschritten, den Nachbarn von Isaac basierend auf dessen karge Beschreibungen ausfindig zu machen, aber in diesem Fall hatte es sich als richtig herausgestellt. Es war eine glückliche Fügung, ihn hier anzutreffen.
      Sie zückte ihren Geldbeutel und überreichte Makaio ihre sterile Visitenkarte.
      "Mein Name ist Dr. Harver, ich bin die Therapeutin von Isaac Stafford. Er hat einiges von Ihnen erzählt - nur gutes, möchte ich anmerken. Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, aber nicht jetzt und auch nicht hier. Können Sie mir etwas über Isaacs Zustand sagen? Hat er Sie darüber in den letzten Tagen in Kenntnis gesetzt?"
      Dr. Harver würde zwar nicht so viel auf Makaios Aussage geben wie auf einen stichhaltigen Beweis, dass es Isaac gut ging, aber es hätte zumindest die Dringlichkeit entschärfen können. Hätte, denn Makaio wusste auch nicht mehr als sie. Das war ein gänzlich schlechtes Zeichen.
      "Gut. Haben Sie keine Sorge, es wird ihm gut gehen. Bestimmt ist er nur eingeschlafen."
      Das hoffte sie zumindest, als sie sich zu den Feuerwehrleuten umdrehte. Die bekamen die Tür auf und traten für die Sanitäter beiseite.
      "Er ist im Badezimmer", sagte Dr. Harver und blieb bei Makaio zurück, während die beiden eintraten. Das Geräusch des Fernsehers drang nach draußen und die höflichen Rufe der Sanitäter. Dann waren sie ein paar Sekunden lang still und tauchten dann wieder im Türrahmen auf.
      "Ma'am, im Bad ist niemand."
      "Was?"
      Das war unmöglich. Dr. Harver ließ Makaio unbeaufsichtigt dort stehen und eilte den beiden Sanitätern nach. Drinnen blieb sie allerdings erst schockiert stehen.
      Die ganze Wohnung war eine einzige Müllhalde. Überall standen Kisten herum; man konnte keine drei Schritte machen, ohne gegen eine große, braune Umzugskiste zu stoßen. Die Küche verschwand unter einem Haufen dreckigem Geschirr, noch mehr Kisten und Pizzaschachteln dazwischen, das Wohnzimmer war im gleichen Zustand. Die Luft war dick und abgestanden, voll von altem Pizzageruch und einem Hauch von Schimmel. Es müffelte, als hätte man seit einem Jahr nicht mehr das Fenster geöffnet.
      Dr. Harver verzog das Gesicht, als sich tiefste Bestürzung in ihr breitmachte. Damit hatte sie sicher nicht gerechnet und erst recht nicht mit einem derartigen Ausmaß. Sie hatte Isaac vertraut; Ex-Militar Isaac Stafford, der immer höflich war, der Wert auf sein Aussehen zu legen schien und der sich nur noch nicht damit zurechtfand, mit einer Prothese und ohne Arbeit zu leben. Das hier war nicht, was sie von ihm erwartet hatte. Das war ein Zeugnis, dass die Lage viel, viel schlimmer war, als sie angenommen hatte.
      Sie ließ sich von den beiden das Badezimmer zeigen und tatsächlich: Kein Isaac. Nicht einmal eine Spur von ihm. Sie drehte sich wieder um.
      "Er muss woanders sein, aber er muss hier sein. Finden Sie ihn."
      Die Suche dauerte nicht lange. Es gab nur eine einzige Tür, die geschlossen war, und die nun vorsichtig aufgeschoben wurde.
      Ein Schwall üblen Geruchs kam heraus, bei dem Dr. Harver die Hand vor den Mund hielt. Die Luft war dort drinnen so dicht, dass man sie kaum atmen konnte, geschwängert vom Gestank nach Schweiß und menschlichen Ausdünstungen. Dr. Harver traute sich gar nicht hinzusehen aus Angst, was sie in diesem Raum vorfinden könnte.
      Es war eine Abstellkammer, mehr nicht. In der Ecke stand eine Waschmaschine, eingeklemmt zwischen - wer hätte es ahnen können - noch mehr Kisten. Auf dem Boden standen fünf Wasserflaschen, von denen nur zwei mit Wasser gefüllt waren, eine leer war und die anderen beiden einen gelben Inhalt hatten. Es lag in der Luft, was dort drin war. Dr. Harver hielt die Luft an.
      Er lag auf dem Boden, hatte mit seinen langen Beinen die Tür versperrt. Unter ihm lag ein Militärs-Schlafsack, über ihm lag eine verdrehte Decke, die er sich bis unters Kinn hielt. Neben seinem Kopf stand ein Gemälde auf dem Boden, das den Gebäudekomplex mit Wolken im Himmel zeigte und daneben lagen Kopfhörer, die aussahen, als gehörten sie einem Kind. Das Licht war an, musste es die ganze Zeit schon gewesen sein; der Lichtschalter war draußen. Volle und leere Konserven türmten sich auf einer Seite, die nur noch zu dem fürchterlichen Geruch beitrugen. Er schien zu schlafen.
      Nur reagierte er nicht, als der Sanitäter ihn vorsichtig an der Schulter schüttelte. Der Mann tastete nach einem Puls und fand ihn auch, Isaac reagierte trotzdem nicht. Der Sanitäter gab den Puls seiner Kollegin durch.
      "Bring die Sauerstoffmaske, hier ist kaum Luft drin. Es könnte das CO2 sein. Irgendwelche Vorerkrankungen? Wie lange ist er schon hier?"
      Die Fragen waren an Dr. Harver gerichtet, wie sie erst einen Moment später bemerkte. Unbewusst hatte sie den Raum nach Rasierklingen und Waffen abgesucht.
      "Keine Vorerkrankung. Er ist seit drei Tagen hier drin."
      Die Sanitäterin brachte die Maske. Sie schoben sie Isaac über das Gesicht und beobachteten seine Lebenszeichen für einige Sekunden. Dann drehten sie ihn behutsam auf den Rücken, wobei Isaac ein Geräusch von sich gab. Seine Hand zuckte, seine Augen bewegten sich hinter den geschlossenen Lidern. Der Sanitäter beugte sich erneut über ihn und versuchte, ihn aufzuwecken.
      "Wir bringen ihn ins Krankenhaus", sagte Dr. Harver knapp. "Er soll aber schlafen, bis er dort ist. Das ist besser für ihn. Geben Sie ihm etwas für den Weg."
      Sie ging beiseite, um den Sanitätern Platz zu machen, und verließ dann die Wohnung. Makaio war noch immer da, er war nicht zurück nachhause gegangen. Sie ging auf ihn zu.
      "Es geht ihm... entsprechend seiner Lage. Möchten Sie mich ins Krankenhaus begleiten? Ich bin mit dem Auto hier, ich fahre dem Krankenwagen nach. Es wäre gut für ihn, ein bekanntes Gesicht zu sehen, wenn er aufwacht."
    • Einer der Feuerwehrmänner löste sich von der Gruppe und stellte sich Kai in den Weg. Der stellte sich auf die Zehenspitzen, um an dem Koloss von Mann in Uniform vorbeisehen zu können, leider erfolglos.
      "Moment," ertönte da die Stimme einer Frau.
      Hätte Kai einen klaren Kopf gehabt, hätte er sich vielleicht gefragt, wer diese Frau war. Sie trug ein Outfit, das irgendwo zwischen casual und business zu verorten war, mehr konnte er aber nicht feststellen.
      "Sind Sie Makaio?" fragte die Frau. "Makaio Leseo?"
      "Kai, ja. Wieso? Wer sind Sie?"
      Jetzt standen ihm schon zwei Leute im Weg. Wenn das so weiterging würde Kai sich was einfallen lassen müssen, um an Isaac heranzukommen. Einfach gehen würde er sicherlich nicht. Nicht, wenn Isaac sonst niemanden hatte, der sich um ihn sorgen konnte.
      "Mein Name ist Dr. Harver, ich bin die Therapeutin von Isaac Stafford."
      "Okay..."
      Erklärte immer noch nicht, was hier los war und so langsam wollte Kai echt, dass irgendjemand ihm genau diese Information gab. Er ja auch danach gefragt.
      "Er hat einiges von Ihnen erzählt - nur gutes, möchte ich anmerken. Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, aber nicht jetzt und auch nicht hier."
      "Ja, nee, jetzt ist irgendwie doof. Können Sie mir vielleicht endlich sagen, was hier los ist?"
      "Können Sie mir etwas über Isaacs Zustand sagen? Hat er Sie darüber in den letzten Tagen in Kenntnis gesetzt?"
      "Zustand? Nein. Er geht beim Regen nicht gern raus, also haben wir uns seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Ich hab ein bisschen zu viel gekocht und dachte mir, ich bring ihm was vorbei, weil er ja nicht vor die Tür kommt für was Frisches."
      "Gut. Haben Sie keine Sorge, es wird ihm gut gehen. Bestimmt ist er nur eingeschlafen."
      "Lady, Sie stehen hier mit einer ganzen Brigade an Feuerwehrleuten. Ist irgendwie schwer, sich da keine Sorgen zu machen."
      Besagte Feuerwehrbrigade bezog Stellung um... Isaac die Tür einzuschlagen?! Was zum-?!
      "Hey, warten Sie, er hat bestimmt nur die Kopf-"
      Mit einem lauten WUMMS war es um die Wohnungstür geschehen.
      "-hörer auf und hört Sie nicht..."
      Die Sanitäter und Feuerwehrleute schwärmten in die kleine Wohnung wie wütende Termiten. Kai hatte es satt, auf Antworten zu warten und nutzte die Bewegung des Schwarms, um sich ebenfalls in die Wohnung spülen zu lassen.
      "Er ist im Badezimmer"," verkündete die Frau Doktorin voller Zuversicht.
      "Nein, ist er nicht," konterte Kai, dem diese Frau so langsam echt auf den Zeiger ging. "Da drin ist die Akustik viel zu gut, als dass er sich da vor dem Regen verstecken könnte."
      Also echt mal. Jeder wusste doch, dass Badezimmer geniale Akustik hatten. Deswegen wurde doch so viel unter der Dusche gesungen!
      Die Wohnung sah, gelinde gesagt, fruchtbar aus. Überall standen Kisten rum, alte Verpackungen von Take Out oder Fertigessen. Es muffelte ordentlich, aber das war ja zu erwarten, wenn Isaac das Fenster nicht aufmachen konnte wegen dem Regen. Kai schob eine alte Konservendose mit dem Fuß beiseite und fühlte sich an seine dunklen Tage erinnert, als er die Insel zum ersten Mal nach dem Tod seiner Mutter verlassen hatte. Da war auch irgendwie alles über ihm zusammengebrochen.
      "Ma'am, im Bad ist niemand," meinte einer der Feuerwehrleute.
      "Was?"
      "Hab's Ihnen ja gesagt," nuschelte Kai.
      "Er muss woanders sein, aber er muss hier sein. Finden Sie ihn."
      Kai rollte mit den Augen. "Da ist 'ne Abstellkammer. Die hat beschissene Akustik und keine Außenwände."
      Er deutete auf besagte Abstellkammer Schrägstrich Garderobe Schrägstrich Materiallager für Künstler. Da Isaacs Wohnung wie seine geschnitten war, nur andersherum, war es nicht schwer, sich hier zurechtzufinden.
      Die Feuerwehrleute stemmten die Tür zu dem kleinen Raum auf und siehe da: Isaac. Wenn auch ein bisschen seltsam gefaltet, da auch in dem Raum noch ein Haufen Kisten standen.
      "Tada," meinte Kai sarkastisch.
      Aber in seinem Magen rumorte es. Nicht wegen dem Schwall an abgestandener, dreckiger Luft, sondern weil er sich mittlerweile ernsthafte Sorgen um Isaac machte. Zwischen all den Uniformierten, der Frau Seelenklempnerin und dem Chaos kam er nicht nahe genug heran, um nach dem Rechten zu sehen. Kai konnte nichts weiter tun, als ungeduldig mit seinen Haaren zu spielen.
      "Geht's ihm gut?" fragte Kai versuchshalber, aber hier sprach ja niemand mit ihm!
      "Bring die Sauerstoffmaske, hier ist kaum Luft drin. Es könnte das CO2 sein. Irgendwelche Vorerkrankungen? Wie lange ist er schon hier?"
      "Keine Vorerkrankung. Er ist seit drei Tagen hier drin."
      "Wir bringen ihn ins Krankenhaus", beschloss Frau Boss Bitch, als sei sie Isaacs Vormund. "Er soll aber schlafen, bis er dort ist. Das ist besser für ihn. Geben Sie ihm etwas für den Weg."
      "Hallooo?! Kann mal irgendjemand mit mir reden?!"
      Kai mochte es nicht, laut zu werden, aber mittlerweile war ihm das vollkommen egal. Selbst jemand wie er konnte nur solange höflich sein. Ihm egal, wer diese Leute waren, er wollte jetzt wissen, was mit Isaac los war, verdammt!
      Scheinbar hatte seine Taktik funktioniert. Frau Ich-geb-hier-den-Ton-an wandte sich endlich ihm zu. Die Antwort, die er haben wollte bekam er aber trotzdem nicht.
      "Es geht ihm... entsprechend seiner Lage. Möchten Sie mich ins Krankenhaus begleiten? Ich bin mit dem Auto hier, ich fahre dem Krankenwagen nach. Es wäre gut für ihn, ein bekanntes Gesicht zu sehen, wenn er aufwacht."
      "Entsprechend seiner Lage? Ist das ihre professionelle Meinung als Psychologin oder sagen Sie das nur, damit ich aufhöre Fragen zu stellen?"
      Nein, Kai würde seine Wut nicht zurückhalten. Davon bekam man nur Magenschmerzen.
      "Ich werd so oder so da sein, wenn Isaac aufwacht," erklärte er der Frau. "Wenn Sie mich mitnehmen, wäre das echt nett, ja. Aber nur damit wir uns verstehen: ich reagiere allergisch darauf, wenn man mich so ignoriert wie Sie das eben getan haben. Ich geh mir jetzt 'ne Jacke holen und meine Schicht absagen und dann verraten Sie mir auf dem Weg ins Krankenhaus bitte endlich, was hier gerade abgegangen ist, klar?"
      Er starrte die Frau für einen Augenblick an - und hasste sich innerlich ein bisschen, dass er dafür das channelte, was er den Rasiermesserblick seines Vaters nannte - dann drehte er sich auf den Hacken um und marschierte in Richtung Tür. Das Essen nahm er mit und parkte es bei sich im Kühlschrank. Dann schnappte er sich wie angekündigt eine Jacke und seine Umhängetasche und verließ seine Wohnung. Nur um nochmal reinzurennen, weil er etwas in der Küche vergessen hatte.
      Auf dem Weg nach unten schrieb er schnell in den Gruppenchat des Rula Bula, dass er einen Notfall hatte und heute nicht zur Arbeit kommen konnte. Das reichte schon, um ihn zu entschuldigen, dankenderweise.
      Draußen schüttete es ungefähr drei Prozent weniger als noch vor einer Stunde, aber das hieß so gar nichts. Die Schleusen waren immer noch offen und Kai zog sich schnell die Kapuze seiner Jacke über, in den halbherzigen Versuch, seine Locken vor dem Wasser zu schützen. Als ob das noch irgendetwas bringen würde.
      "So," sagte er. "Ihr Auto und meine Antworten. Bitte."


    • Dr. Harver war nicht sehr glücklich mit der Situation. Genau deswegen hatte sie zu vermeiden versucht, einen derartigen Radau zu veranstalten. Jetzt hatte sie nämlich einen Zivilisten am Hals, der sich - so wünschenswert seine Anwesenheit auch war - als äußerst hartnäckig erwies.
      "Haben Sie Geduld", sagte sie kühl, als sie beide noch in der Wohnung den Sanitätern Platz machten. "Aufregen bringt nun auch nichts."
      Die kurze Zeit, in der sie Makaio - den Spitznamen würde sie nicht nutzen - los war, beobachtete sie mit Argusaugen, wie Isaac erst gespritzt und dann auf die Trage gelegt wurde. Es verlief alles ohne Vorkommnisse, wobei beim Rausgehen neugierige Nachbarn aus der Wohnung spähten. Die Tür würde man richten müssen und eigentlich auch alles andere in der Wohnung, aber das konnte ebenso noch warten. Fürs erste war das Ziel das Krankenhaus.
      Makaio ließ keine Sekunde auf sich warten und war direkt zur Stelle, kaum als die Tür vom Krankenwagen zugeschlagen wurde. Eilig schob er sich auf den Beifahrersitz in Dr. Harvers Auto, die den Motor schon laufen hatte und nur darauf wartete, dass der Krakenwagen losfuhr. Die Feuerwehr hatte schon Platz gemacht.
      "So," sagte er. "Ihr Auto und meine Antworten. Bitte."
      Dr. Harver warf ihm einen Blick zu, der unter einer professionellen Miene verborgen blieb. Der Krankenwagen fuhr an und damit auch sie.
      "Ich kann Ihnen keine ausführliche Antwort aus Gründen des patientlichen Datenschutz geben. Sie sind allerdings die erste Person, mit der Isaac außerhalb seines Veteranen-Umfelds in Kontakt gekommen ist, und daher werde ich Ihre Fragen beantworten. Erwarten Sie allerdings keine Details."
      Der Krankenwagen bog in gemäßigtem Tempo ab und Dr. Harver folgte. Sie fuhr so dicht, dass man nicht an dem breiten Wagen vorbeisehen konnte.
      "Isaac kann mit seinen Beschwerden nicht mit Regen in Kontakt kommen, so viel wissen Sie bereits. Ursprünglich wollte ich ihn deswegen in die Abteilung für Psychosen verlegen lassen, damit er sich in Ruhe damit beschäftigen kann, aber er machte in der Therapie schnell Fortschritte und versicherte mir, dass er es im Griff hatte. Ich habe ihm geglaubt, weil er stets einen sehr ordentlichen und pflichtbewussten Eindruck gemacht hat."
      Dr. Harver verstärkte die Finger um das Lenkrad, als sie an die Wohnung dachte. Es war ihr Versagen, dass sie es nicht durchschaut hatte.
      "Er versicherte mir, dass das Fenster im Badezimmer am besten gelegen sei, um den Regen auszublenden, und so haben wir eine Art Lager entwickelt, damit er sich dort einnisten kann, sobald es regnet. Wir haben festgelegt, dass er die Dusche mit Kissen ausstopft, dass er die Schränke mit Lebensmitteln füllt und dass er Unterhaltung mit sich nimmt, um sich abzulenken und das Regengeräusch auszublenden. Er sagte mir, dass es funktioniert habe und ich habe es ihm geglaubt. Er hat einen guten Eindruck gemacht."
      Sie pausierte augenscheinlich, um sich in der Spur zu orientieren und den Blinker zu setzen, aber innerlich knirschte sie mit den Zähnen. Das ganze war wirklich schlimmer, als sie stets gedacht hatte.
      "Isaac ist vor drei Monaten aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie müssen sich vor Augen halten, dass es seitdem niemals länger als drei Tage geregnet hat und er mir jedes Mal versichert hat, dass er es gut überstanden habe und dass das Badezimmer ein sicherer Ort sei. Ich hatte keinen Grund, ihm zu misstrauen, ich wusste allerdings auch nichts über den Zustand seiner Wohnung. Er hat mir sehr viel verschwiegen, wie mir soeben bewusst geworden ist."
      Sie fuhren beim Krankenhaus ein und wurden langsamer.
      "Dieses Mal wollte ich vorsorglich sicherer sein und habe darauf bestanden, dass er sich täglich bei mir meldet. Das hat er nicht. Ich hätte schon am ersten Tag bei ihm sein müssen, das weiß ich und dafür übernehme ich die volle Verantwortung. Wofür ich keine Verantwortung übernehme, ist das Einschließen in einem fast belüftungsfreien Raum mit Flaschen als Toilette. Das stellt ein massives Gesundheitsrisiko dar und birgt außerdem ein Erstickungsrisiko, wie Sie mitbekommen haben. Der Mensch muss Luft atmen, die nicht vom eigenen Körper produziert wird und mehr füllt als einen 2 m² großen Raum. Zumindest, wenn es um die Dauer von mehr als fünf Tagen geht."
      Sie fuhr vom Krankenwagen ab, um sich auf einen freien Parkplatz an der Seite zu stellen und schaltete den Motor ab, bevor sie Makaio ansah.
      "Beantwortet das Ihre Fragen oder haben Sie noch weitere?"
    • Kai war, und man mochte es kaum glauben, vollkommen still und hörte der Psychologin aufmerksam zu. Sie erzählte ihm nichts, was nicht schon wusste - abgesehen von der Sache, dass Isaac sie scheinbar angelogen hatte. Viel wichtiger aber war, dass Kai jetzt wusste, was los war.
      "Danke," war daher das erste Wort, das ihm über die Lippen kam. "Ich wollte nur wissen, was los ist. Die Frage haben Sie - endlich - beantwortet."
      Kai spielte an seiner Halskette herum und kaute auf seiner Unterlippe herum, während er alles durchging, was er bisher über Isaac gelernt hatte.
      "Als er mir das mit dem Regen erzählt hat," meinte er schließlich, "da wirkte er nicht so, als hätte er irgendwas im Griff. Ich weiß nicht, was er gemacht hat, aber ich nehm einfach mal an, dass er sich ständig in der Abstellkammer eingeschlossen hat. Wir haben zusammen gebrainstormt. Er meinte, das Geräusch ist das Hauptproblem. Also hab ich ihm meine alten Kopfhörer gegeben - die sind noice-cancelling - und hatte die Idee, dass er einfach den Fernseher anmachen könnte, um das Geräusch zu übertönen."
      Kai kramte sein Smartphone aus seiner Hosentasche und scrollte durch die ganzen Memes und Videos, die er Isaac in den letzten paar Tagen geschickt hatte, bis er die Nachricht fand, die er nach dem letzten Regen bekommen hatte. Er hielt der Frau Doktor den Bildschirm hin.
      "Er meinte, das mit dem Fernseher funktioniert. Ich hab gedacht, er sitzt im Wohnzimmer oder verbuddelt sich unter Bettdecken im Schlafzimmer."
      Mit einem Seufzen ließ Kai den Kopf gegen die Rückenlehne sinken.
      Es half nichts, sich jetzt irgendwelche Vorwürfe zu machen. Genauso wenig half es, Isaac welche zu machen. Was passiert war, war nun einmal passiert. Daran konnte man nichts mehr ändern. Aber Kai würde sich alle Mühe geben, ein weiteres Mal zu verhindern.
      "Darf ich fragen, was genau Isaac gemacht hat?" fragte Kai. "Ich red nicht von Einsatzdetails oder so. War er Army? Air Force? Und welchen Rang hatte... hat er?"
      Nur, weil er nicht mehr für das Militär arbeitete, hieß das noch lange nicht, dass sich Isaac nicht mehr mit seinem Rang identifizierte. Kai war mit einem Haufen Soldaten aufgewachsen und jeder einzelne behielt seinen Rang bei, selbst der achtzigjährige Opa, der länger nicht im Militär war als er je gedient hatte. Kai hatte auch gelernt, dass man mit Leuten anders reden musste, je nachdem welchen Rang sie hatten. Sie funktionierten einfach anders.
      Er schloss eine Hand um sein halb kaputtes Handgelenk.
      "Ich rate einfach mal und sage, dass er kein eigenes Kommando hatte? Zumindest wirkt er nicht so. Er wirkt immer so... keine Ahnung... verloren. Als ob er auf Befehle wartet, die nie kommen."


    • Dr. Harver nickte und nahm die Neuigkeit mit Professionalität hin - etwas anderes blieb ihr gar nicht mehr übrig.
      "Deswegen ist mir der Kontakt mit Ihnen nun wichtig. Es ist kein Wunder, wenn Isaac Ihnen eine andere Einsicht gewährt als mir; Sie haben einen anderen Draht zu ihm. Die Kopfhörer waren eine gute Idee, Sie haben alles richtig gemacht."
      Sie sah zu, wie Makaio sein Handy hervorkramte und durch einen Schwall von Nachrichten scrollte, bis er ihr die letzte von Isaac zeigte - nicht von diesem Regen, vom letzten. Dr. Harver sparte sich die Frustration darüber, mit Isaac nicht darüber geredet zu haben. Es wäre ein interessantes und wichtiges Thema gewesen.
      "Er meinte, das mit dem Fernseher funktioniert", sagte Makaio. "Ich hab gedacht, er sitzt im Wohnzimmer oder verbuddelt sich unter Bettdecken im Schlafzimmer."
      Makaio seufzte, als wäre er selbst enttäuscht davon. Dr. Harver sah ihn an, wie er den Kopf zurücklehnte, mitgenommen von der Situation. Dafür, dass er selbst nicht mehr gewusst hatte und doch versucht hatte, bestmöglich zu helfen, hatte er ihre vollste Sympathie.
      "Unter Umständen kann das funktionieren, aber nicht in dieser Situation. Wenn er sich so verschanzt, wie er es getan hat, hat er nicht den Fortschritt erreicht, den ich erwartet hatte."
      Ein betroffenes Schweigen breitete sich für einen Moment aus, in dem jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Dr. Harver sah dabei zu, wie beim Krankenwagen vor ihnen gewerkelt wurde.
      "Darf ich fragen, was genau Isaac gemacht hat? Ich red nicht von Einsatzdetails oder so. War er Army? Air Force? Und welchen Rang hatte... hat er?"
      Sie sah ihn wieder an.
      "Hat er das nicht gesagt? Er war bei den Marines, Lance Corporal. In der Army hat er angefangen, hat ein Jahr dort gedient und ist dann gewechselt. Ich hoffe, Sie verstehen die Implikation: Die Marines werden ihn nicht zurücknehmen. Wenn man einmal dort raus ist, dann für immer."
      "Ich rate einfach mal und sage, dass er kein eigenes Kommando hatte? Zumindest wirkt er nicht so. Er wirkt immer so... keine Ahnung... verloren. Als ob er auf Befehle wartet, die nie kommen."
      Darauf nickte Dr. Harver verständnisvoll, wobei sie die Bemerkung fast lustig fand. Sie war so zutreffend.
      "Das ist üblich. Sie werden aber überrascht sein, wenn ich Ihnen sage, dass er durchaus ein eigenes Kommando hatte - sein erstes und letztes. Halten Sie sich vor Augen, dass die Menschen, die aus dem Dienst kommen, oftmals nicht dieselben Menschen sind, die dort eingetreten sind. Den Isaac, den Sie kennen, gab es vor einem Jahr vermutlich noch gar nicht."
      Sie beließ es dabei, stieg aus und gemeinsam mit Makaio folgte sie der Trage ins Innere. Es wurden die üblichen Checks durchgeführt, während denen Dr. Harver Makaio alleine ließ, um mit einer Krankenschwester zu diskutieren. Bei seinem letzten Aufenthalt hatte Isaac ein Zimmer belegt, in dem der Regen nicht gegen die Scheiben prasselte, und dieses Zimmer wollte sie wieder für ihn haben, das allerdings schon voll war. Dr. Harver gewann schließlich den Streit und Isaac wurde transportiert. Dr. Harver kam zu Makaio zurück.
      "Er wird sicher noch eine Stunde schlafen, vielleicht länger. Ich werde gehen und morgen wiederkommen, wenn etwas sein sollte, zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren."
      Sie lächelte Makaio professionell, aber warmherzig an. Sie mochte den Mann, so temperamentvoll er auch sein mochte.
      "Ich danke Ihnen für die Unterstützung. Sie tun Isaac sicher sehr gut."
    • "Sie müssen mir nicht alles über's Militär erklären," kommentierte Kai, war dabei aber ein ganzes Stück weniger borstig als noch zu Hause. "Ich bin auf Air Force Basen aufgewachsen."
      Erstes und einziges Kommando, hm? Das erklärte so einiges. Kai wusste nicht viel über Psychologie, aber er war auch kein Dummkopf. Er hatte selbst Therapien gemacht und genug Kontakt mit dem Militär gehabt, um sich denken zu können, warum Isaac jemanden brauchte, der ihm sagte, was zu tun war. Kaum hatte er das Kommando übernommen ging alles schief. Kai hätte danach auch keine Lust mehr auf sowas.
      "In einer Sache liegen Sie falsch," meinte Kai, bevor sie ausstiegen. "Auf dem Papier ist Isaac vielleicht kein Marine mehr. Aber Er wird immer einer sein und die werden ihn immer wieder aufnehmen. Nicht alles ist aktiver Dienst und das Trauma danach."
      Kai eilte unter das Vordach, anstatt seine Kapuze nochmal aufzusetzen. Da war sowie so schon Hopfen und Malz verloren. Er folgte Isaac solange, bis ihn irgendwelche Krankenschwestern davon abhielten. Kai schaffte es trotzdem irgendwie, ein Auge auf den Mann zu haben, während ein Arzt ihn schnell durchcheckte. Ihm war egal, wohin die Frau Psychologin verschwunden war. Die kannte er nicht. Isaac schon. Und ihn allein zu lassen war ja offensichtlich nicht die beste Strategie. Also blieb Isaac und behielt ihn immer im Blick.
      "Sind Sie ein Verwandter?" fragte ein Arzt, als er Isaac auf ein Zimmer folgen wollte.
      "Cousin," log Kai ungebremst.
      Er hatte diese Lüge schon hundertmal erzählt. Jedes Mal, wenn jemand aus der Community ins Krankenhaus musste und keine hawaiianischen Ärzte anwesend waren - was jedes Mal der Fall gewesen war - weil er der einzige war, der medizinisches Fachchinesisch sprach. Und irgendwie waren sie da drüben ja auch alle eine Familie gewesen. Hier das gleiche zu behaupten war überhaupt kein Problem für Kai.
      Der Arzt beäugte ihn kurz, aber Kai ließ sich nichts anmerken. Cousins waren weit genug voneinander weg, dass man schonmal komplett anders aussehen konnte, je nachdem, wer denn da noch involviert gewesen war. Der Arzt nickte schließlich und Kai konnte weitergehen.
      "Er wird sicher noch eine Stunde schlafen, vielleicht länger. Ich werde gehen und morgen wiederkommen, wenn etwas sein sollte, zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren. Ich danke Ihnen für die Unterstützung. Sie tun Isaac sicher sehr gut."
      "Viel hab ich ja nicht gemacht," meinte Kai nur.
      Er sah Dr. Harver nicht nach, als sie ging. Sie war ihm egal. Stattdessen betrachtete er den schlafenden Isaac in seinem Krankenhausbett. Eine Krankenschwester stellte noch schnell ein paar Sachen ein, dann verschwand sie mit einem kleinen Lächeln.
      Kai seufzte. Er hasste Krankenhäuser.
      Er schnappte sich das Krankenblatt am Fußende des Bettes und überflog es kurz. Er konnte nicht alles entziffern, aber die wichtigsten Information konnte er sich übersetzen: Vitalwerte stabil, keine übermäßigen Checks notwendig. Er steckte das Blatt zurück und schloss die Tür zum Zimmer ohne schlechtes Gewissen. Die Krankenschwestern würden sich bei dem Pflegeplan nicht beschweren. Als nächstes schob Kai den Sessel aus der Ecke neben das Bett. Er schaltete das nervige Piepen der Monitore aus. Dann ließ er sich in den Sessel sinken und googlete die Medikamente, die sie Isaac gegeben hatten, um herauszufinden, wie lange er noch weg sein würde und wie er drauf sein würde, wenn er aufwachte. Er wollte vorbereitet sein.
      Sobald Kai alle Informationen hatte, die er über Isaacs Zustand wollte, lehnte er sich in dem Sessel zurück, faltete seine Beine in einen Lotussitz und kramte sein Skizzenbuch hervor. Das Zimmer war viel zu langweilig und eintönig, dagegen musste er etwas unternehmen. Seine Recherche sagte ihm, dass er knapp zwei Stunden hatte, bevor Isaacs Körper die Sedierung los war. Vielleicht weniger, wegen der Rehydrierung. In zwei Stunden konnte man so einiges anstellen, wenn man Künstler war.

      Kai verlor den Überblick über dieses seltsame Konzept namens Zeit relativ schnell. Nach nur ein paar Minuten, um genau zu sein. Er zeichnete und zeichnete, wie ein Besessener. Irgendwann stand er auf - seine Füße waren eingeschlafen - und machte eine eine kleine Yoga Routine, um seine Muskeln zu lockern. Er machte einen kleinen Trip aufs Klo, dann in die Cafeteria, wo er sich einen Muffin holte, und bei der Schwesternstation fragte er nach ein bisschen Tesafilm. Sie gaben ihm Verbandstape - damit konnte er auch arbeiten.
      Zurück bei Isaac machte er sich dann wieder ans Werk: Er riss alle seine Skizzen aus seinem Skizzenbuch und find an, sie an die Wand gleich gegenüber von Isaacs Bett zu kleben. Sie passten wegen dem Tape nicht perfekt zusammen, aber das war schnell behoben, weil Kai schlicht mit einem Kugelschreiber auf dem Tape malen konnte. Während er arbeitete, summte er eine kleine Melodie vor sich hin. Täte er das nicht, müsste er ja seinen Gedanken zuhören, und das war nun wirklich nicht das, was er gerade tun wollte.