The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Isaac schnaubte. Dann hatte sich zumindest eine Vermutung bestätigt: Kai konnte surfen. Irgendwie hatte er das ja schon erwartet.
      Sie kamen zur Bücherei, wo an einem sonnigen Freitag wenig los war. So musste Isaac sich nicht um seinen Geruch kümmern, wobei er ja sowieso geduscht hatte. Er hatte geduscht und war völlig normal, also alles bestens.
      "Willst du was zusammen lesen? Oder jeder guckt, was er so findet?"
      Für Isaac war das ziemlich egal, es war schon ein Highlight, dass er überhaupt hier war - mit Kai. Er war schon ewig nicht mehr in der Bücherei gewesen; während dem Dienst kam man nämlich eher noch bei der Kneipe vorbei, nicht aber bei einem Bücherladen. Umso mehr freute er sich darauf, es jetzt tun zu können.
      Mit Kai und dann auch alleine schlenderte er an den Bücherregalen entlang. Er hing ein bisschen vor den historischen Romanen herum, weil er früher immer gerne von der französischen Revolution gelesen hatte und das eigentlich auch heute noch gerne tat. Die Erzählungen waren immer auf eine ganz eigene Art leidenschaftlich, was ihm gefiel, aber heute wollte er sich nicht so schnell darauf festlegen. Lieber schlenderte er ein bisschen, schaute ein bisschen, schaute bei Kai vorbei, um zu sehen, zu welchen Büchern er so die Hand ausstreckte. Bei Science Fiction machte er den nächsten längeren Stopp, weil ihn das durch seine Karriere so gepackt hatte. Je mehr man vom Militär, von Waffen und Taktiken wusste, desto interessanter wurden die Bücher, die richtig gut geschrieben waren. Leider gab es davon nicht gar so viele, sodass jeder Griff zu Science Fiction auch ins Klo gehen konnte, aber hier und da hatte er schon ein paar Juwelen entdeckt. Aber auch heute las er sich die Sachen nur oberflächlich durch. Kein Science Fiction. Irgendwas... anderes.
      Vor der Krimi-Abteilung blieb er schließlich unvermittelt stehen. Nicht etwa, weil er Krimis so gern hatte - ganz im Gegenteil -, sondern weil direkt daneben das Regal mit den aktuellen Bestsellern stand. Und dort, auf Platz 7, stand der neueste Band der Serie "Unter dem Sternenhimmel" von Emily Dawn. Vor drei Monaten veröffentlicht, als er im Krankenhaus gewesen war.
      Isaac bemühte sich, nicht allzu auffällig zu starren. Die Serie war mit eine der kitschigsten, die es auf der ganzen Welt vermutlich gab, und es kribbelte ihm in den Fingerspitzen, sich den Klappentext durchzulesen, wohin die Reise diesmal gehen sollte. Der letzte Band hatte in Neapel gespielt und mit einem Cliffhanger aufgehört, für den Isaac die Autorin am liebsten am Kragen packen und schütteln wollte. Er hatte so die Vermutung, dass es jetzt nach Versailles gehen könnte, was fatal werden konnte. Er wusste ja schon, welcher Charakter in Versailles auf die Hauptcharakterin warten könnte.
      Verstohlen sah er sich nach Kai um. Wenn er noch beschäftigt war, könnte er ja kurz reinschnuppern. Nur ganz, ganz kurz die ersten Zeilen lesen...
    • Kais erste Anlaufstelle in der Bücherei war die Rückgabe. Aus den Tiefens einer Umhängetasche fischte er gleich vier Bücher, die alle zurückgehen mussten. Er war sehr stolz auf sich: kein einziges war überzogen!
      Danach folgte er Isaac ein bisschen durch die Regalreihen, bis etwas in der Comic-Ecke seine Aufmerksamkeit erregte. Zwar war Kai kein Comic-Zeichner, aber er las ein paar der weniger Mainstream Sachen gern - auf der einen Seite, weil er die Stories mochte, auf der anderen, weil er die Kunst dahinter so faszinieren fand. Die Bücherei hatte scheinbar eine neue Fuhre ins Sortiment bekommen und jetzt musste Kai da doch gleich einmal durchblättern. Als er wieder aufsah, da hatte er Isaac aus den Augen verloren. Ups. Naja, in einer Bücherei konnte man ja nicht so leicht verloren gehen, er würde ihn schon wiederfinden.
      Kai wanderte ein bisschen weiter, durch die Thriller hindurch zu den Horrorbüchern. Er las sich ein paar Klappentexte durch, stellte aber alle wieder zurück. Irgendwie griffen die ihn heute nicht so. Er ließ den Blick schweifen. Isaac hatte vorgeschlagen, was zusammen zu lesen... Da hatte er eine Idee.
      Kai eilte zu den Krimis und suchte nach den Agatha Christie Büchern. Davon gab es eine Menge, also suchte er nach einem Titel, den er noch nicht gehört hatte - das reduzierte das Risiko, dass Isaac das Buch schon gelesen hatte und dass einer von ihnen mal einen Film darüber gesehen hatte. Das war wichtig für das, was Kai vorhatte.
      Als er sich auf zwei der Bücher eingeschossen hatte - The Body in the Library und The ABC Murders - sah er sich kurz nach Isaac um, der vor dem "Neue Veröffentlichungen" Regal stand. Perfekt! Schnell suchte sich Kai eine Mitarbeiterin der Bücherei und fragte, ob sie mehr als eine Ausgabe der beiden Bücher hatten. Ja, aber die zweite Ausgabe von The ABC Murders war gerade ausgeliehen. Also stellte Kai das Buch zurück und fragte stattdessen nach der zweiten Ausgabe von The Body in the Library.
      Bewaffnet mit den beiden Büchern ging er rüber zu Isaac. Um den Mann nicht zu erschrecken, kam Kai von der Seite und bemühte sich, nicht zu leise zu sein.
      "Hey Isaac, guck mal," meinte er und hielt die beiden Bücher in die Höhe. "Du wolltest doch was zusammen lesen, oder? Ich hab mal gehört, dass man Agatha Christie Bücher lösen kann. Wir könnten das hier beide lesen und unsere Theorien austauschen, bis wir dann rausfinden, wer es am Ende wirklich war."


    • Kaum hörte Isaac Schritte, stellte er das Buch auch ganz schnell wieder zurück. Versailles, er hatte es doch geahnt. Das dürfte eine Überraschung werden; jetzt wollte er das Buch noch viel dringender lesen. Er würde irgendwann ohne Kai zurückkommen und es sich holen müssen.
      "Hey Isaac, guck mal."
      Isaac guckte auf zwei Agatha Christie Einbände. The Body in the Library. Das war ja irgendwie passend, dafür, dass sie in einer Bücherei waren. Er nahm es entgegen und las den Klappentext durch.
      "Du wolltest doch was zusammen lesen, oder? Ich hab mal gehört, dass man Agatha Christie Bücher lösen kann. Wir könnten das hier beide lesen und unsere Theorien austauschen, bis wir dann rausfinden, wer es am Ende wirklich war."
      "Okay. Klar, gerne, das hört sich gut an."
      Er blätterte nach hinten; knapp über 200 Seiten. Das konnte man ja sogar an einem Nachmittag schaffen, wenn man wie Isaac nichts zu tun hatte. Aber der Gedanke, das mit Kai durch zu bekommen, war dafür umso besser. Wenn doch Kai auch nichts zu tun hatte, dann konnten sie den Rest des Tages darin versinken.
      Sie gingen zurück zum Tresen und liehen sich die Bücher aus. Die Mitarbeiterin bot Isaac eine Kundenkarte an, die er dankend annahm. Schließlich plante er, eines Tages wiederzukommen.
      Er bestand darauf, beide Bücher in seinen Rucksack zu stecken, damit Kai nicht schleppen musste, und dann ging es auch schon wieder nach draußen. Die Straßen waren gefüllt mit lärmenden Menschenmengen, die den warmen Tag genossen, sodass Isaac sich relativ sicher sein konnte, zumindest nicht der einzige zu sein, der irgendwie stank. Er ging halbwegs aufrecht und entspannt. Seine Prothese versteckte er aber in seiner Hosentasche, damit die Leute nicht gafften. Das schwarze Metall fiel an einem hellen Körper dann doch ziemlich auf.
      Sie erreichten den Park und suchten sich ein halbwegs schattiges Plätzchen. Isaac breitete ein Handtuch aus - eine Picknickdecke hatte er nicht - und präsentierte dann Snacks aus seinem Rucksack. Er wünschte, er hätte etwas ordentliches vorbereiten können, aber die Küche halt. Dieselbe alte Leier.
      "Bedien dich. Soll ich mir erst deine Schulter ansehen?"
    • Er hätte Isaac jetzt nicht unbedingt für einen Romanzen-Leser gehalten, aber wer war Kai, jemanden für den Lesegeschmack zu verurteilen. Die Leute mochten eben, was sie mochten. Und Isaac konnte er sich sehr gut als einen Romantiker vorstellen, so wie er ständig die Türen für ihn aufhielt - oder eben darauf bestand, die Bücher einzupacken, nur damit Kai ein paar Gramm weniger zu tragen hatte.
      Der Tag war schön. Die Sonne schien und es war angenehm warm. Nicht zu drückend, und hin und wieder ging eine leichte Brise, die die Luft auflockerte. Viele Menschen waren draußen unterwegs, um das Wetter zu genießen, genau wie Isaac und er. Viele hingen auch im Park rum, aber sie schafften es trotzdem, sich einen richtig guten Platz zu suchen, der sogar halb im Schatten lag. Isaac breitete ein Strandtuch aus, Kai selbst packte ebenfalls eins aus, das vielleicht, vielleicht auch nicht aus der gleichen Produktlinie wie seine nicht-direkt-Vorhänge stammte. Zusammen nahmen sie genug Platz ein, um es sich bequem zu machen, aber nicht zu viel, um anderen auf die Nerven zu gehen. Perfekt eben.
      Isaac packte ein paar Snacks aus und bot Kai, sich zu bedienen. Kai tat es ihm gleich und leerte seinen kleinen Korb. Er hatte hauptsächlich frisches Fingerfood mitgebracht; Ein bisschen Gemüse, viel Obst, und eine kleine Auswahl an Humus zum Dippen und Cracker.
      "Soll ich mir erst deine Schulter ansehen?"
      "Oh ja, bitte!"
      Kai schlüpfte schnell aus seinem Tanktop und drehte sich um, damit Isaac freie Bahn hatte, kramte aber noch kurz in seiner Tasche rum.
      "Ich hab Tape und Tigerbalsam dabei, das sind so meine Go-To Dinge, die normalerweise auch genug helfen. Aber wie gesagt: an die Schulter komm ich nicht richtig dran."
      Kai sagte das, demonstrierte aber im nächsten Augenblick, wie gelenkig er eigentlich war, indem er sich den gesunden Arm auf den Rücken bog und Isaac genau zeigte, wo es wehtat.


    • Isaac runzelte ein bisschen die Stirn. Dafür, dass Kai nicht an seine Schulter kam, war er aber ziemlich beweglich drauf. Gut, wahrscheinlich ging das momentan nur auf seiner guten Schulter. Mit der anderen würde sich das schwieriger gestalten.
      "Da tut's weh? Hier?"
      Er strich Kais Zopf behutsam zur Seite und legte seine langen Finger um seine Schulter. Auf Kais dunklem Hautton sah Isaac noch viel blasser aus, aber was ihn viel mehr faszinierte, war die durchdringende Wärme, die Kai verströmte. Sie drang durch Isaacs Haut und ließ sich dort als wohliges, angenehmes Gefühl nieder, von dem er gleich mehr haben wollte. Wann hatte er das letzte Mal Körperkontakt mit jemandem gehabt, der nicht sein Arzt gewesen war? Vor einem Jahr wahrscheinlich, bevor sie zu diesem einen Einsatz aufgebrochen waren. Das war eine verdammt lange Zeit, wie ihm gerade jetzt auffiel.
      Aber er würde sich nicht davon ablenken lassen. Es war Kai und außerdem hatte Isaac lange nicht mehr solche Gedanken gehabt. Damit sollte er besser nicht hier anfangen.
      Er massierte um die Stelle herum mit vorsichtigen Kreisbewegungen seiner rechten Hand. Das war mit rechts schwieriger als mit links, aber Kai hatte eine geschmeidige Schulter und Isaac arrangierte sich auch recht schnell. Ihm gefiel das sogar, er wollte jemandem etwas gutes tun. Damit nicht er immer derjenige war, der etwas von anderen brauchte.
      "Das tut auch weh? Und das?"
      Er drückte versuchsweise ein bisschen herum, hier und dort, bis er einigermaßen ein Gefühl dafür entwickelt hatte, wo es Kai genau störte und wie stark. Dann griff er zu dem Balsam, den der andere mitgebracht hatte, schmierte ihn sich in die Hand - er würde seine Prothese hinterher extra sauber machen müssen, das Zeug zog ja nicht in Stahl ein - und dann begann er mit seiner eigentlichen Massage. Diesmal drückte er nirgends rein, er baute einen Druck auf, von dem er abschätzte, dass es Kai genug war, und dann rieb er ihm über die Schulter, knetete ihm in Schlangenlinien seine Muskeln, strich ihm die dunkle Haut nach oben und nach unten, setzte seine Knöchel an und beschrieb kleine Formen damit. Sowas hatte er wirklich im Militär gelernt; es gab zwar keinen Massage-Kurs, aber wenn man vom Wandern Muskelkater ins Lager brachte, dann musste man sich irgendwie helfen, damit man am nächsten Tag keine Höllenqualen leiden musste. Entsprechend war Isaac kein Experte, aber für Kai gab er sich außerordentliche Mühe.
      "Gut?"
    • "Jap, genau da. Hoi!"
      Kai zuckte kurz zusammen.
      "Man, warum ist deine Hand denn so kalt?" lachte er. "Der Robohand kann ich das ja verzeihen, aber in der anderen ist doch noch Blut drin, oder?"
      Er richtete sich wieder brav auf und ließ Isaac machen. Hier und da verzog er das Gesicht, wenn der Mann einen besonders schmerzenden Punkt fand und seine Finger einfach hinein drückte. So viel zu Thema kein knallhartes Conditioning.
      "Das tut auch weh? Und das?"
      "Jap! Doppel-jap!"
      Immerhin war Isaacs Hand jetzt warm. Und als er dann den Tigerbalsam auspackte, da wurde es auch richtig heiß. Kais Haut, nicht irgendwas anderes.
      Die eigentliche Massage war super angenehm. Isaac konnte das richtig gut. Er schien genau zu wissen, was er wo machen musste, um die Knoten vom Kellnern im Rula Bula zu lösen, und um den Schmerz seiner Überlastung nicht nur auf den Rest des Gelenks zu verteilen, sondern ihn komplett aus ihm rauszuschieben. Himmel, fühlte sich das gut an!
      "Gut?" fragte Isaac.
      Kai seufzte wohlig und nickte. Unbewusst lehnte er sich ein bisschen zurück, in Isaacs Berührungen hinein. Er schloss die Augen, genoss einfach alles an diesem Moment. Isaacs Hände auf seinem Rücken, das Zwitschern der Vögel, die Wärme der Sonne. Sie sollten das öfter machen, dachte Kai. Er vermisste solch entspannte Tage.


    • Als Antwort seufzte Kai. Er schien sich mehr und mehr zu entspannen und ließ seine Muskeln unter Isaacs Händen butterweich werden. Das fühlte sich gut an. Isaac gefiel, dass Kai es so sehr genoss und geradezu dahin schmolz. Ihm gefiel sehr, dass er ihm etwas gutes tun konnte. Das wollte er noch viel öfter tun.
      Kai lehnte sich ein bisschen zurück, dann stoppte er wieder. Isaac sah auf seinen Hinterkopf, ohne seine Massage zu unterbrechen, dann setzte er sich vorsichtig in einen Schneidersitz. Er hatte geduscht, verdammt, sowas sollte doch wohl in Ordnung gehen.
      "Ist schon okay. Lehn dich zurück."
      Kai tat es, aber ob durch Isaacs Worte oder durch den leichten Zug, den er mit seiner Hand ausübte, konnte er nicht recht bestimmen. In jedem Fall legte Kai vorsichtig seinen Kopf gegen Isaacs Brust und dann entspannte er sich erst richtig. Seine Schultern sackten ein und er lehnte sich mit dem Gewicht mehr und mehr gegen Isaac.
      Isaac nahm vorsichtig seine Prothese für die andere Schulter hinzu. Immerhin war sie mit dem Balsam noch voll und das konnte er auch genauso gut auf Kais Schulter verteilen. Dafür konzentrierte er sich allerdings etwas mehr, denn das Gefühl für den richtigen Druck konnte er nur durch seine Augen ablesen. Aufmerksam sah er auf beide Hände hinab und bemühte sich, den gleichen Druck zu erkennen. Und damit machte er dann einfach immer so weiter. Er hatte kein Problem damit, hier zu sitzen und Kai zu verwöhnen. Im Gegenteil, er mochte das seichte Gefühl von dem Körper des anderen an seinem. Er mochte, dass er einmal nicht über seinen Gestank nachdenken musste. Und er wollte Kai wahrlich verwöhnen, den Mann, der ihm jetzt schon mehr geholfen hatte als alles andere auf der Welt.
    • "Ist schon okay. Lehn dich zurück."
      Das musste Isaac ihm nicht zweimal sagen. Kai ließ sich einfach weiter sinken, tiefer in Isaacs Berührungen hinein, bis er plötzlich an dessen Brust lehnte. Den anderen Mann schien es nicht zu stören, also beeilte sich Kai nicht, wieder etwas Abstand zwischen sie zu bringen. Im Gegenteil. Er schmolz einfach ein bisschen dahin. Erst Recht, als Isaac seine andere Hand hinzunahm und jetzt beide von Kais Schultern bearbeitete. Himmel, das hatte Kai jetzt gebraucht. Ihm war in den letzten Wochen gar nicht aufgefallen, wie sehr ihn seine ganze Arbeit belastete und wie verspannt seine Muskeln waren.
      Irgendwann lachte Kai leise. "Also wenn du so weiter machst, dann zerfließe ich hier noch und werde zur Farbpfütze," scherzte er. "Soll nicht heißen, dass du aufhören sollst. Tob dich ruhig aus. Mein Rücken gehört dir. Dir und deinen magischen Händen."
      Wenn Isaac wirklich seinen ganzen Rücken bearbeitete, dann konnte sich Kai die Thai-Massage sparen, die er sich sonst einmal im Monat gönnte, um ebenjene Muskeln wieder zu lockern. Vielleicht sollte er sich auch einfach mal öfter daran erinnern, dass er eine ganze Stretching-Routine erarbeitet hatte, als er noch regelmäßig tanzen gewesen war.
      "Wie geht's eigentlich deiner Robohand? Ist das nicht anstrengend?"


    • "Also wenn du so weiter machst, dann zerfließe ich hier noch und werde zur Farbpfütze", sagte Kai und lachte dabei. Ein schönes Geräusch, das Isaac unter seinen Fingerspitzen vibrieren spürte. "Soll nicht heißen, dass du aufhören sollst. Tob dich ruhig aus. Mein Rücken gehört dir. Dir und deinen magischen Händen."
      Isaac zuckte mit den Schultern und machte genau so weiter.
      "Ich habe einen Rucksack, ich kann dich zusammenkehren und nachhause bringen. Ich sehe da kein Problem."
      Er ließ die Finger ein bisschen tiefer auf Kais Rücken wandern, nur so weit, wie es ihre Position erlaubte. Kais Haut fühlte sich samtig weich an und Isaac gefiel die Wärme, die er so ausstrahlte. Er knetete seine Muskeln hier und dort, wo er sie erreichen konnte, glücklich darüber, hier zu sitzen und das tun zu können.
      "Wie geht's eigentlich deiner Robohand? Ist das nicht anstrengend?"
      "Gar nicht. Ich spüre das alles nicht, da ist es mit der richtigen Hand anstrengender. Ich habe nur Probleme mit Gewichten."
      Er wanderte wieder nach oben und zurück zur Schulter.
      "Ich weiß nur nicht, ob ich genug Kraft benutze oder sogar zu viel. Dafür habe ich keine Rückmeldung. Wenn ich dir also irgendwas quetsche, solltest du mir das früh genug sagen."
      Nicht, dass das so leicht passieren konnte, dafür passte Isaac gut genug auf. Aber Kai sollte wissen, dass es eine Möglichkeit war. Damit er nicht davon überrascht wurde.
      Bald war Isaacs Prothese dann zwar noch in Ordnung, aber seine richtige Hand hatte unter der Bewegung zu leiden. Er hätte zu gerne weitergemacht, musste aber von Kai ablassen, um die Hand auszuschütteln.
      "Pause. Sonst wirst du mir die Hand massieren müssen. Außerdem will ich lesen, du hast mich neugierig gemacht mit dem Vorschlag."
    • "Ich weiß nur nicht, ob ich genug Kraft benutze oder sogar zu viel. Dafür habe ich keine Rückmeldung. Wenn ich dir also irgendwas quetsche, solltest du mir das früh genug sagen."
      "Ach was, so zerbrechlich bin ich nicht. Ich halte das schon aus."
      Kai bekam hier das komplette Luxusprogramm von Isaac. und er würde den Teufel tun und sich darüber beschweren.
      Als Isaac dann aber doch aufhören musste - wegen seiner menschlichen Hand - da ließ sich Kai, der ebenfalls im Schneidersitz dasaß, einmal nach vorne fallen und streckte sich ausgiebig nach vorn. Er rollte kurz die Schultern und nahm einen, zwei tiefe Atemzüge, bevor er sich wieder aufsetzte und zufrieden brummte. Dann rutschte er ein bisschen von Isaac weg und drehte sich zu ihm um.
      "Zeig mal," meinte er und griff nach Isaacs Hand.
      Der Trick bei Händen war, so hatte ihm das sein Physiotherapeut vor Jahren erklärt, dass es da keine Muskeln gab, die man massieren musste, sondern Sehnen, die man dehnen musste. Dafür brauchte man leider jemanden, der einem helfen konnte. Allein ging das nicht.
      Kai verschränkte seine Finger mit Isaacs, webte sie geradezu zusammen. Man, hatte der Kerl große Hände. Wow. Dan drückte Kai sanft von unten gegen Isaacs Handrücken, während er zeitgleich seine Finger nach außen und nach unten drückte. Sah dämlich aus, aber Kai wusste aus Erfahrung, dass es sich verdammt gut anfühlte.
      Das Ganze hielt er etwa dreißig Sekunden, dann ließ er Isaac wieder los.
      "Besser?" fragte er, während er sanft jeden der langen, schwieligen Finger einzeln massierte, um das Druckgefühl ein bisschen rauszubekommen. "Ist ein Trick, den mir mein Physiotherapeut damals beigebracht hat. Ist richtig gut, wenn du viel mit Stiften - oder eben Pinseln - arbeitest. Nachteil: du brauchst jemanden, der das für dich machen kann. Allein fehlen dir die Hände und der Winkel."
      Als Kai fertig war, schnappte er sich ein Stück Mango und schob es sich in den Mund. Er hielt es mit den Zähnen fest, während er nach seinem Agatha Christie Buch angelte.
      "Dann wolln wir dochma rausfinnen, wer hier wen ummringt," nuschelte er um das Stück Obst herum.


    • Kai rutschte von ihm weg und drehte sich zu ihm um.
      "Zeig mal."
      Isaac dachte zuerst, er meinte seine Prothese, aber dann ergriff er seine rechte Hand. Kais Hand fühlte sich erstaunlich weich an, mal abgesehen von der Hornhaut an den Fingerspitzen, die ihn als Gitarrenspieler auswiesen. Trotzdem, sie war ganz sanft und warm. Isaac starrte sie an.
      Ohne Vorwarnung verschränkte er dann die Finger mit ihm. Isaac sah schnell zu Kai auf, aber der konzentrierte sich ganz auf ihre verwobenen Hände. Und dann -
      "Oh. Oh."
      Seine ganze Hand, nein, sein ganzer Unterarm atmete bei der unerwarteten Erleichterung auf. Es fühlte sich an, als würde sich eine Anspannung aus ihm lösen, die er bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. So schlimm hatte ihm die Hand gar nicht wehgetan, aber jetzt fühlte sie sich trotzdem um einiges besser an.
      "Besser?"
      "Sehr. Woher kannst du sowas?"
      "Ist ein Trick, den mir mein Physiotherapeut damals beigebracht hat. Ist richtig gut, wenn du viel mit Stiften - oder eben Pinseln - arbeitest. Nachteil: du brauchst jemanden, der das für dich machen kann. Allein fehlen dir die Hände und der Winkel."
      Isaac nickte und ließ seine Hand bei Kai, solange er es ihm gestattete. Sowas wollte er auch können. Vielleicht würde er es ihm eines Tages zeigen.
      Sie griffen beide nach den Büchern und machten es sich bequem. Isaac schob sich ein paar Salzstangen rein und legte sich auf den Rücken, schob die richtige Hand unter seinen Kopf und hielt mit der anderen das Buch fest. Eine der wenigen Vorteile, die die Prothese ihm brachte: Ihm verkrampfte nicht die Hand, wenn er seine Bücher einhändig hielt. Bisher hatte er das noch nicht sehr ausprobieren können, aber gerade im Moment bemerkte er das. Sehr praktisch.
      Damit war es sogar ziemlich gemütlich. Er stellte ein Bein auf und griff hier und da blind zu einem der Snacks. Der Boden war gar nicht so unangenehm und die richtige Mischung aus Schatten und Sonne ließ alles wie einen schönen Traum wirken. Isaac mochte es hier. Was für ein unglaublich schöner Tag, hier mit Kai zu liegen und ein Buch zu lesen. Ein Wunsch schien ihm in Erfüllung zu gehen, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass er ihn besaß.
      Ungefähr auf Seite 30 tauschten sie ihre ersten Theorien aus, auf Seite 50 gab es dann die erste größere Enthüllung. Aber auf Seite 90 fing die Diskussion erst richtig an.
      "Nein, es muss der Lieferant sein", beharrte Isaac, der sich schon vor 20 Seiten darauf festgelegt hatte. Er hatte sich auf die Seite gedreht und auf den Ellbogen aufgerichtet, um seinen Standpunkt zu unterstreichen. "Das ist doch offensichtlich. Der wurde schon auf Seite... warte mal... auf Seite 11 erwähnt! Als einer der ersten Charaktere!"
      Er zeigte Kai die betreffende Seite mit einigem Eifer.
      "Siehst du? Das ist doch ganz klar, sowas wird doch immer gemacht. Der Charakter kommt am Anfang, wird vergessen, taucht immer mal wieder auf und zum Schluss ist er es dann. Ich sage es ist der Lieferant. Es geht gar nicht anders."
    • "Wir sprechen hier von Agatha Christie, so einfach macht die uns das doch nicht. Nein. Ich glaub nicht, dass es der Lieferant war, weil..." Kai blätterte wild durch seine Ausgabe des Buches, bis er die richtige Stelle fand und las vor: "Es braucht nicht viel Kraft, um sie zu strangulieren." Er klappte das Buch zu - er behielt natürlich einen Finger an der Stelle, an der sie gerade angekommen waren. "Das ist doch ganz klar ein Hinweis darauf, dass eine der Frauen die Täterin sein könnte! Warum sonst sollte ausgerechnet dieses Detail erwähnt worden sein, hm? Nee, ich verwette meine linke Arschbacke darauf, dass es Josie war. Die hat nicht mal richtig auf den Tod ihrer Cousine reagiert! Verdächtig, much?!"
      Dieses Vor und Zurück mit Isaac machte richtig Spaß. Kai klopfte sich innerlich auf die Schulter für diese gute Idee. Sie sollten sich noch mehr Christie Bücher ausleihen und das wiederholen!
      Sie lasen ein bisschen weiter und rauften sich hier und da immer mal wieder die Haare. Insbesondere, als der zweite Mord geschah und plötzlich alles in ein neues Licht gestellt wurde. Kai hielt an seiner Entscheidung fest, dass Josie die Mörderin war, warf nun aber auch die Theorie über einen zweiten Killer in den Raum. Schließlich einigten sich Kai und Isaac darauf, einfach weiter zu lesen, um Antworten zu erhalten.
      Die Welt um sie herum war vollkommen egal geworden. Sie waren viel zu sehr an dem Buch, der Geschichte, und der Auflösung interessiert, um sich groß um etwas anderes zu kümmern. Hier und da griffen sie mal nach den mitgebrachten Snacks, das wars aber auch schon.
      Und dann lasen sie endlich darüber, wie Mrs. Marple den Fall löste.
      "HA!" Kai riss die Arme in die Höhe. "Ich hab's dir ja gesagt! Ich wusste es! Josie, du blöde Bitch!"
      Naja, Kai war halb richtig gewesen, denn es hatte tatsächlich einen zweiten Täter namens Mark gegeben. Trotzdem verbuchte Kai diesen Punkt für sich.
      Sanft schlug er Isaac mit dem Buch gegen die Schulter, ein breites Grinsen im Gesicht. Dann ließ er sich aber gleich wieder neben den Mann sinken, um die letzten paar Seiten zu lesen. Das Grinsen blieb aber.


    • "Das ist doch ganz klar ein Hinweis darauf, dass eine der Frauen die Täterin sein könnte! Warum sonst sollte ausgerechnet dieses Detail erwähnt worden sein, hm?"
      "Ja - oder - oder! Sie will darauf hinaus, dass man beim Strangulieren auch etwas halten könnte. Wie zum Beispiel - oh Wunder - diese Liste, mit der er ständig rumläuft. Das passt doch genauso gut zusammen!"
      "Nee, ich verwette meine linke Arschbacke darauf, dass es Josie war."
      "Ach, das wäre doch viel zu flach."
      "Die hat nicht mal richtig auf den Tod ihrer Cousine reagiert! Verdächtig, much?!"
      "Das muss nichts heißen. Die verarbeitet das nur nicht richtig. Vor allem ist das nur eine Cousine."
      Kai wollte nicht nachgeben und Isaac genauso wenig. Es machte sogar ziemlich Spaß, diese Diskussion. Ganz besonders, weil Isaac sich sehr sicher war, zu gewinnen. Er hatte für sowas einfach den richtigen Riecher.
      Sie lasen wieder weiter. Bei der nächsten Enthüllung gab es wieder etwas zu diskutieren und dann geschah der unerwartete zweite Mord. Da sah Isaac dann doch ein, dass die Story mit dem Lieferanten zu viele Lücken hatte und wechselte auf den Direktor. Der Direktor hatte Motive genug und außerdem war angedeutet worden, dass er immer bis spät in seinem Büro über der Bücherei blieb. Ja, es musste der Direktor sein, ganz sicher.
      Auf Seite 192 las er dann aber seinen Untergang.
      "HA!", rief Kai und riss den Arm triumphierend in die Luft.
      "Was!", rief Isaac empört und setzte sich auf. "Es war wirklich Josie?!"
      "Ich hab's dir ja gesagt! Ich wusste es! Josie, du blöde Bitch!"
      Isaac stöhnte gequält und kniff sich in den Nasenrücken.
      "Verdammt. Das gibt's nicht. Und dann auch noch Mark? Das war doch aus der Luft gegriffen."
      Kai schlug ihm grinsend mit dem Buch gegen die Schulter, wohlwissend, dass Isaac einfach nur ein schlechter Verlierer war. Isaac seufzte.
      "Okay, du hast gewonnen. Unglaublich. Ich hätte meine rechte Hand verwettet, dass es der Direktor war. Wenigstens als einer der Mörder."
      Schicksalsergeben schlug er das Buch wieder auf und las die letzten Seiten im Sitzen durch. Der Rest war nur noch abschließendes Geplänkel und ein paar Floskeln, die wohl zu der berühmten Mrs. Marple passten. Alles in allem bekam die Story aber einen recht runden Abschluss.
      "Wow."
      Er klappte das Buch zu und musterte den Einband nochmal von vorne und hinten.
      "Das war... naja, eigentlich war es gar nicht mal so schlecht. Ein bisschen holprig, aber für 200 Seiten schon in Ordnung."
      Er sah Kai an.
      "Was schulde ich dir jetzt? Eine Arschbacke? Die wird dir farblich nicht gut passen, fürchte ich."
    • Zufrieden klappte Kai das Buch ein letztes Mal zu und ließ es auf seiner nackten Brust liegen. Das Grinsen war noch immer in seinem Gesicht.
      "Ach, da kleckern wir einfach ein bisschen Farbe drauf, dann passt das schon," scherzte er zurück. "Oder ich stell sie mir wie so ein Horrorfilm Creep in einem Glas in den Schrank."
      Kai setzte sich auf und griff sich einen Cracker, den er beherzt durch den Humus zog.
      "Aber weißt du?" meinte er mit vollem Mund. "Ich bin nett und ich mag, wie deine Arschbacke an dir aussieht, also darfst du sie fürs Erste behalten. Aber pass gut drauf auf, ja? Man weiß ja nie, wann man eine als Ersatz braucht."
      Kais Smartphone brummte und er sah drauf. Er hatte sich extra ein paar Wecker für heute gestellt, damit er dazu gezwungen war, hin und wieder auf die Uhr zu gucken.
      Es war schon sechs Uhr?! Wo war denn bitte die Zeit hin?! Er schluckte seinen Humus-Cracker runter.
      "In zwei Stunden muss ich im Rula Bula aufschlagen," erklärte er. "Schätze, wir sollten hier so langsam zusammenpacken. Ich muss mir noch was anderes anziehen, sowas eben. Kommst du mit in die Bar? Oder war das genug soziale Interaktion für dich für einen Tag? Freitags wird immer ein bisschen wild, weil, naja, es ist halt ein Freitag. Oh! Und kannst du mir meine Schulter noch tapen? Ich hab schon alles vorgeschnitten, du musst also nur noch kleben. Hab auch eine Anleitung."


    • Isaac schnaubte über die Vorstellung seiner Arschbacke in Kais Wohnzimmer. Bei seinem kreativen Durcheinander würde das sogar noch passen.
      "Aber weißt du? Ich bin nett und ich mag, wie deine Arschbacke an dir aussieht, also darfst du sie fürs Erste behalten. Aber pass gut drauf auf, ja? Man weiß ja nie, wann man eine als Ersatz braucht."
      "Aber sicher doch", sagte Isaac und rollte gutmütig mit den Augen. Kai grinste dafür, während er von den Crackern aß und dann auf sein vibrierendes Handy schaute. War das etwa die Vibration von einem Wecker? Um... sechs Uhr abends? Kais Schlafrhythmus konnte doch kaum so verkorkst sein wie Isaacs. Auf der anderen Seite gäbe es bei dem Mann vermutlich wenig, was Isaac ernsthaft überraschen würde. Auch kein verkorkster Schlafrhythmus.
      "In zwei Stunden muss ich im Rula Bula aufschlagen."
      "Ah."
      Sicher, Kai hatte ja auch einen Job und hing nicht den ganzen Tag Zuhause rum.
      "Schätze, wir sollten hier so langsam zusammenpacken. Ich muss mir noch was anderes anziehen, sowas eben. Kommst du mit in die Bar? Oder war das genug soziale Interaktion für dich für einen Tag?"
      Isaac musste unwillkürlich lächeln und schämte sich dann eigentlich kaum noch, als er frei zugab:
      "Das war genug soziale Interaktion für einen Tag, denke ich."
      Kai ließ das alles immer so leicht klingen, da musste man fast gar nicht mehr über gut und böse nachdenken. Isaac tat es zumindest nicht, was eine wohlverdiente Abwechslung zu seinen sonstigen Gedanken-Spiralen war.
      "Oh! Und kannst du mir meine Schulter noch tapen? Ich hab schon alles vorgeschnitten, du musst also nur noch kleben. Hab auch eine Anleitung."
      "Klar. Ich habe das noch nie gemacht, aber das bekomm ich hin. Zeig mir das mal."
      Kai setzte sich zurück vor ihn und dann arrangierte Isaac ihm irgendwie das Tape auf der Schulter. Das Endresultat sah etwas merkwürdig aus, aber laut Anleitung sollte das so richtig sein.
      "Geht das so?"
      Kai ließ ein bisschen die Schulter kreisen, dann befand er es für gut. Sie standen auf, packten zusammen und gingen zurück zur Bücherei, um die Bücher zurückzugeben. Isaac war sich nämlich nicht sicher, wann genau er wieder hingehen würde, und Kai schien die Art von Person zu sein, die bei dem ganzen Wirrwarr des Alltags schnell etwas vergaß. Dann war es besser, sie erledigten es gleich.
      Auf dem Rückweg waren die Schatten bereits lang und die Sonne nicht mehr so prall. Isaac fühlte sich weder durchgeschwitzt, noch ausgelaugt, als sie beim Complex ankamen. Er fühlte sich sogar ziemlich frei, sodass er mit einem Lächeln sagte:
      "Das war schön, hat Spaß gemacht. Beim nächsten Mal such ich aber das Buch aus. Eins, bei dem die Morde Sinn machen."
      Er hätte schon fast gegrinst und stand dann unbeholfen da. Am liebsten hätte er Kai geknufft oder irgendwas, wie der andere mit seinem Buch gemacht hatte, oder ihn sogar umarmt, wie man das gewöhnlich irgendwie machte, aber zum einen war er sich unsicher, ob ihre Freundschaft überhaupt so weit reichte, und zum anderen wollte er trotzdem kein Risiko eingehen. Von einmal duschen ging nicht der Schmutz von drei Monaten weg und das wusste er selbst. So wurde das aber zu einer eher peinlichen Angelegenheit, als er nur die Hand hob.
      "Wir sehen uns, irgendwann. Bis bald."
      Dann gingen sie getrennte Wege und Isaac ärgerte sich nur ein bisschen über seine Unbeholfenheit. Alles in allem war es ein fantastischer Tag gewesen. Das Cocktailschirmchen war weit geöffnet und er würde es nie, nie wieder schließen.

      Ein paar Tage später zeigte seine App ihm, dass Regen angesagt war. Für eine Woche lang. Eine. Verdammte. Woche.
      Isaac beschäftigte sich eine geraume Zeit damit, die App zu aktualisieren und zu aktualisieren, denn das konnte ja wohl nicht sein. Das konnte nicht wirklich sein. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er darauf geachtet, wann und wie lange es regnete, aber eine Woche, eine ununterbrochene Woche, das konnte es doch nicht geben - zumindest nicht in Amerika, nicht in diesem Klima. Das konnte nicht sein. Das musste ein ganz gewaltiger, ganz schlechter Scherz sein. Seine App musste spinnen.
      Nur hatte sie die bisherigen Regenschauer minutengenau vorausgesagt. Jedes Mal. Isaac wusste es besser, als an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln.
      Es würde eine Woche lang Regen geben. Sieben Tage, etwas über 170 Stunden. Er würde 170 Stunden lang in seiner kleinen Abstellkammer verbringen.
      F u c k.
      Isaac legte das Handy vor sich auf eine alte Pizzaschachtel und rieb sich den geschorenen Kopf. Das hier würde kein Spaß mehr sein, das würde ernst sein. Keine Risiken, keine Experimente, pure, bewährte Strategien. Das hier bedeutete Krieg. Er würde für 170 Stunden in die Schlacht ziehen.
      Er musste sich vorbereiten. Musste für zwei Wochen einkaufen, musste genügend leere Flaschen bereitstellen, musste die Kammer ausstatten. Vielleicht schaffte er es, ein bisschen mehr Platz zu schaffen, damit er sich ordentlich hinlegen konnte. Vielleicht konnte er die Kisten so stellen, dass er eine davon als Stuhl nutzen konnte. Licht anschalten oder auslassen? Der Lichtschalter war draußen, wodurch er sich entscheiden musste: 170 Stunden in ununterbrochenem Licht oder völliger Dunkelheit. Verdammte Scheiße. Ein Kriegsgefangenenlager war besser als das. Das hier war einfach nur noch erbärmlich.
      Er rieb sich über das Gesicht, über die Augen. Sein Blick fiel auf das Cocktailschirmchen, das seit dem Tag mit Kai immernoch offen auf dem Fensterbrett lag. Tja, bald nicht mehr. Bald würde er es schließen und sich in seine persönliche Hölle zurückziehen.
      Er atmete einmal tief ein und wieder aus, dann stand er auf und drehte sich um. Abstellkammer vorbereiten. Vielleicht bekam er es dann endlich auch mal gebacken, den beschissenen Müll nach unten zu bringen.

      Später machte er sich auf den Weg ins RB. Sein Stummel pochte, nachdem er Kisten zu schleppen versucht hatte, und sein Rücken tat ihm weh. Er fühlte sich, mal wieder, schmutzig und ekelhaft, aber das hielt ihn heute mal nicht auf, das Haus zu verlassen. Er wollte etwas trinken, um sich mental darauf vorzubereiten, und außerdem wollte er Kai sehen. Kai hatte heute Schicht, das wusste er. Es war nicht so, dass er den Mann stalken würde, aber er hatte einfach nur... aufmerksam beobachtet, wann es Bewegung hinter dem anderen Fenster gab. Bewegung gegen 6 bedeutete Schicht und das war heute der Fall. Er wollte Kai sehen, hatte ihn sogar ein bisschen vermisst. Er wollte noch genug Zeit mit ihm verbringen, bevor er eine Woche lang weg sein würde.
    • Das Wochenende hatte Kai schonmal überlebt. Soweit so gut. Am Montag schälte sich das Tape dann aber so sehr, dass er es wieder abmachte - was sich anfühlte, als würde er die Tinte seines kākau direkt aus der Haut ziehen. Aber es hatte seinen Dienst gewissenhaft erfüllt und Kais Schulter ging es schon viel besser. Was vielleicht auch daran lag, dass er über das Wochenende endlich ein wenig kürzer treten konnte. Montag war dann aber wieder wie üblich der anstrengendste Tag der Woche.

      Zehn Kinder, jedes mit einer körperlichen Behinderung, saßen verteilt an den Tischen – manche im Rollstuhl, andere mit Orthesen an den Armen oder Beinen, eines mit einer Armprothese, das bereits eifrig mit dem linken Ellenbogen Farbe auf ein großes Papier auftrug. Es war nicht die Art von Kurs, bei dem Kai Anweisungen von vorn gab. Stattdessen bewegte er sich durch den Raum – langsamer heute – und setzte sich immer wieder zu einzelnen Kindern, half beim Öffnen von Farbdeckeln, beim Justieren eines Pinsels im Greifarm oder einfach nur beim Lachen über schiefe Kunstwerke.
      "Autsch," murmelte er leise, als er sich zu Jamal beugte, um eine Dose mit Türkis zu öffnen.
      "Tut dir was weh, Kai?" fragte Jamal und sah ihn aufmerksam an.
      "Nur ein bisschen. Meine Schulter hat letzte Woche beschlossen, Urlaub zu machen," sagte Kai und grinsen. "Ich bin heute offiziell Linkshänder."
      "Dann malst du wie ich!" rief Emily aus der anderen Ecke des Raumes. Ihre rechte Hand war seit ihrer Geburt nur eingeschränkt beweglich, und sie hatte gelernt, mit links zu arbeiten. "Endlich bist du auf unserer Seite!"
      Das brachte ein paar Lacher ein – auch von Kai. Er hob beide Hände, als wolle er sich ergeben.
      "Na gut, dann zeigt mir, wie’s richtig geht!"
      Die Stimmung war wie immer leicht, kreativ, lebendig. Der Kurs war für die Kinder nicht nur Kunst, sondern Raum für Selbstwirksamkeit – und Kai war mittendrin, nicht als Anleiter von oben herab, sondern als Mitgestalter auf Augenhöhe.
      "Sollen wir dir ein Bild machen?" fragte Elias und hielt einen Marker wie ein Skalpell. "Ein Kunstwerk gegen Schmerz!"
      "Ja, das wäre gut. Mit Superkräften, bitte," sagte Kai gespielt ernst.
      Die Kinder nickten verschwörerisch. Und noch bevor der Kurs endete, hatte er eine ganze Wand voller "Heil-Kunst" bekommen: Ein rot-goldener Drache, der seine Schulter bewachte, ein Comic-Kai mit einem Eispäckchen auf dem Arm und ein "Zauberspray", das rosa glitzerte.
      Am Ende des Nachmittags, als alle abgeholt wurden oder von Assistenzen in ihre Fahrzeuge begleitet wurden, blieb Kai noch einen Moment sitzen. Sein Herz war leicht. Vielleicht nicht alle Bewegungen klappten heute perfekt – aber das, was zählte, funktionierte: Verbindung, Lachen, Kreativität. Und die stille, kraftvolle Wahrheit, dass Unterstützung in beide Richtungen fließen kann.
      Er liebte seine Arbeit.

      Kai schwang den Wischmopp in der hintersten Ecke des Rula Bula, als Isaac herein kam. Im ersten Moment bemerkte er den Mann gar nicht - viel zu sehr war er darauf fokussiert einen klebrigen Fleck auf dem Boden zu vernichten. Er richtete sich auf und schob den Stuhl wieder an seinen Platz, als er über den Fleck gesiegt hatte. Als er sich dann umdrehte, um den Mopp wieder in den Eimer zu schieben, da erst erblickte Isaac an der Bar. Sofort musste Kai grinsen.
      Er schob Mopp und Eimer vor sich her hinter die Bar und stellte beides in einer Ecke ab. Schnell wusch er sich die Hände, dann lehnte er sich bei Isaac auf den Tresen.
      "Hi Isaac. Was kann ich dir machen? Bier, dunkel? Oder mal was anderes?"


    • Bei dem Grinsen, das sich auf Kais Gesicht ausbreitete, kaum als sich ihre Blicke trafen, schien alles besser zu werden. Das Leben konnte einfach nicht schlecht sein, wenn man so ein Strahlen wie von Kai sah.
      "Hi Isaac."
      "Hey Kai." Isaac lächelte.
      "Was kann ich dir machen? Bier, dunkel? Oder mal was anderes?"
      "Nein. Dunkles Bier ist gut. Danke."
      Kai machte sich gleich an den Zapfhahn und Isaac setzte sich auf seinem Hocker etwas zurecht. Er ließ einen Blick durch die Bar schweifen, aber so früh war es noch nicht sehr voll. Er war der einzige am Tresen.
      "Wie war dein Wochenende?"
      Er sah wieder zu Kai und betrachtete ihn. Der Mann hatte seine Haare wieder hochgebunden, damit sie ihm nicht ins Gesicht fielen, und Isaac erinnerte sich prompt daran, wie weich sie sich angefühlt hatten, als er sie im Park von Kais Schulter gestrichen hatte. Ja, jetzt fühlte er sich schon um einiges besser, wenn er hier war. Nur durch Kai.
      "Was macht deine Schulter?"
    • Mit geübten Händen schnappte sich Kai ein Bierglas, hielt es im richtigen Winkel unter den Zapfhahn und füllte es mit dem Bier, das Isaac immer trank, wenn er herkam. Mit der perfekten Menge Schaum stellte er das Glas vor Isaac auf den Tresen. Und weil er schonmal hier war, machte er sich auch gleich daran, ein paar Gläser zu spülen, die noch von gestern Abend übrig geblieben waren. Dabei achtete er ganz genau darauf, nicht zu viel Lärm mit dem Wasser zu machen, was er mit einem Lappen und geschickter Konversation sogar ziemlich gut hinbekam. Alles eine Frage der Ablenkung.
      "Mein Wochenende war eigentlich so wie immer. Entspannt über den Tag, ein bisschen stressig abends, wenn ich hier war. Aber so ist das eben."
      Er stellte die gespülten Gläser zum Abtropfen beiseite, eins nach dem anderen, machte das aber so, dass Isaac davon hinter dem Tresen kaum etwas sehen konnte.
      "Was macht deine Schulter?"
      "Krieg ich noch eine Massage, wenn ich sage, dass sie immer noch wehtut?" er lächelte verschlagen, schüttelte dann aber den Kopf. "Der geht's gut. Hier und da zwickt sie noch ein bisschen, aber ich hatte schon Muskelkater, der schlimmer war. Oh! Die Kids waren heute einfach unendlich süß. Die haben gesehen, dass ich meine Schulter noch ein bisschen schone und dann haben sie einfach, als Klasse, beschlossen, dass sie mir magische Gute-Besserung-Bilder malen! Mit Superkräften! Voll süß! Ich habe jetzt einen Drachen, der auf meine Schulter aufpasst, nicht-schmelzende Eiswürfel zum Kühlen, und ein Zauber-Glitzer-Spray. Keine Ahnung, was das macht, aber es ist super magisch, hab ich mir sagen lassen."
      Er kicherte leise. Dann schnappte er sich die Gläser und begann damit, sie abzutrocknen. Da jetzt kein Wasser mehr involviert war, machte er sich keinen Kopf mehr um etwaige Verschleierungen, auch wenn das alles andere als schwer gewesen war. Der Mann hatte sich so auf sein Bier und auf Kais Worte konzentriert, da hätte er sicher eine Atombombe an ihm vorbeischmuggeln können.
      "Und du? Wie war dein Wochenende?"


    • Vom Bierglas auffüllen hörte Isaac gar nichts und dann sah er auch nur leicht nervös auf die Ecke des Glases, das Kai gerade auf den Druckstrahl hielt. Aber auch das hörte er nicht und dann war er sowieso ganz von Kais Stimme abgelenkt.
      "Krieg ich noch eine Massage, wenn ich sage, dass sie immer noch wehtut?"
      Kai lächelte verschlagen, was Isaac automatisch auch zum Lächeln brachte.
      "Klar. Wenn du meine Prothese ranlässt, wird meine Hand auch nicht müde."
      "Der geht's gut. Hier und da zwickt sie noch ein bisschen, aber ich hatte schon Muskelkater, der schlimmer war."
      "Dann hat es ja doch geholfen. Freut mich."
      "Oh! Die Kids waren heute einfach unendlich süß. Die haben gesehen, dass ich meine Schulter noch ein bisschen schone und dann haben sie einfach, als Klasse, beschlossen, dass sie mir magische Gute-Besserung-Bilder malen!"
      Isaac schnaubte. Magische Gute-Besserung-Bilder. Wie doof.
      "Mit Superkräften!"
      "Magisch und mit Superkräften? Da hast du aber Glück."
      "Ich habe jetzt einen Drachen, der auf meine Schulter aufpasst, nicht-schmelzende Eiswürfel zum Kühlen, und ein Zauber-Glitzer-Spray. Keine Ahnung, was das macht, aber es ist super magisch, hab ich mir sagen lassen."
      "Wow. Deine Schulter müsste ja schon glühen von der ganzen Magie."
      Das brachte Kai zum kichern und Isaac freute sich im Stillen darüber. Er hob sein Glas an die Lippen und trank einen Schluck.
      "Und du? Wie war dein Wochenende?"
      "Nicht besonders. Das übliche. Ich habe keine magischen Gute-Besserung-Bilder geschenkt bekommen. Wobei, das eine Bild in meinem Wohnzimmer ist schon ziemlich magisch."
      Das hatte er sich einfach nicht verkneifen können. War das zu cheesy gewesen? Naja, er konnte sich später immernoch darüber ärgern.
      "Aber..."
      Sein Lächeln verblasste ein wenig und er drehte das Bierglas zwischen den Fingern.
      "Ich bin nächste Woche weg für so, ungefähr, eine Woche. Willst du noch was, uhm, machen oder so, bevor ich weg bin? Irgendwas."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "So zum Spaß. Einfach nur."
    • "Wobei, das eine Bild in meinem Wohnzimmer ist schon ziemlich magisch."
      Kai grinste und seine Brust schwoll ein bisschen an vor Stolz. Leute mit seiner Kunst berühren, sie von ihrem langweiligen oder sogar schlechten Tag ablenken und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, das war ein Gefühl, das seinesgleichen suchte. Und das das Kompliment von Isaac kam, der sich schnell zu einem seiner neuen Lieblingsmenschen mauserte, machte das nur noch besser.
      "Aber... Ich bin nächste Woche weg für so, ungefähr, eine Woche. Willst du noch was, uhm, machen oder so, bevor ich weg bin? Irgendwas. So zum Spaß. Einfach nur."
      Kai hatte den Wetterbericht gesehen. Er war meistens zu Fuß unterwegs, da schaute man eben, ob man einen Schirm brauchte oder nicht. Als er gesehen hatte, was für ein Sauwetter auf sie wartete, da hatte er gleich an Isaac denken müssen. Und jetzt saß der Mann hier und fragte ihn danach, ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen. Das wäre wahrscheinlich das letzte bisschen Entspannen, das Isaac für die ganze Woche bekam. Da konnte Kai doch gar nicht Nein sagen!
      "Klar. Hast du was im Sinn oder müssen wir brainstormen?"
      Kai stellte die gespülten Gläser zurück an ihren Platz unter der Bar. Danach gab es nicht mehr viel zu machen. Eigentlich müsste er die Tische abwischen, aber die waren genauso eigentlich sauber. Das wäre nur Beschäftigungstherapie. Sollte Frank auftauchen konnte Kai ja behaupten, dass er einen Kunden hatte. Stimmte ja auch irgendwie. Und außerdem war Frank gar nicht da, der kümmerte sich um eine neue Getränkelieferung. Kai hatte sozusagen sturmfrei im Rula Bula.