The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Kai musste nicht sehr lange darüber nachdenken.
      "Ich hab einen Kumpel zum Mittagessen da, ich konnte ihm eine Freude mit einem meiner Bilder machen, meine Vorhänge hängen wieder, und nachher hänge ich mit den Kids rum... ja, doch. Ich glaube, ich hab auch einen guten Tag."
      Und so einfach ging es. Zugegeben, wenn man so viele schöne Sachen machte wie Kai, dann konnte man auch jeden Tag leicht zu einem guten Tag machen. Trotzdem war das angenehm zu hören.
      Außerdem hatte Kai Isaac als seinen Kumpel bezeichnet. Isaac lächelte dabei still in sich rein.
      "Weißt du, was lustig ist? Manchmal sage ich mir, dass ich einen guten Tag haben werde, auch wenn ich ganz genau weiß, dass Zeug ansteht, das ich nicht mag."
      Isaac runzelte die Stirn. Das fand er wenig lustig, eher unrealistisch. Wie sollte das denn funktionieren?
      "Waschtage zum Beispiel. Ich weigere mich einfach, mir von meiner Waschmaschine den Tag versauen zu lassen. So ist das Gesicht auf dem Trockner entstanden, übrigens."
      Okay... aber das waren ja auch eher Kleinigkeiten. Zumindest für jemanden wie Kai. So wie die Toilette zu spülen eine Kleinigkeit für Isaac war, vielleicht.
      "Und wenn doch was passiert, was mich echt trifft, dann mach ich immer was, von dem ich weiß, dass es mich aufheitert. Sozusagen als Ausgleich. Das hab ich mir dann nämlich verdient, und niemand kann mir sagen, dass ich das nicht habe. Repariert schlechte Tage zwar nicht immer, aber es macht sie zumindest ein bisschen besser als schlecht. Macht das Sinn?"
      Das machte Sinn - zumindest wenn man etwas hatte, was einen aufheitern konnte. So ganz spontan hatte Isaac da nämlich keinen Einfall. Vielleicht zeichnen, aber tat Kai das nicht immer?
      "Und was ist das dann... genau?" Er kippte die Karotten zu dem Brokkoli. "Ich meine, mal angenommen, du hast einen schlechten Tag, aber einen wirklich schlechten. Den schlechtesten, den es für dich geben kann. Was kann dich dann noch aufheitern?"
    • "Und was ist das dann... genau? Ich meine, mal angenommen, du hast einen schlechten Tag, aber einen wirklich schlechten. Den schlechtesten, den es für dich geben kann. Was kann dich dann noch aufheitern?"
      Kai hielt inne, dachte ein bisschen länger nach. Solche Tage hatte er wirklich selten. Das schlimmste, was ihm je hätte passieren können, war schon passiert. Hm. Eigentlich war es gar keine Frage, was er dann machen würde, um sich selbst aufzuheitern.
      "Outsourcen," meinte er schließlich und würzte das Hackfleisch. "Wenn ich einen richtig miesen Tag hab, dann hab ich keine Lust, irgendwas zu machen, auch wenn es mich aufheitern würde. Also ruf ich einfach jemanden an, der das für mich machen kann. Meistens meine ʻanakē, wenn ich wirklich nur aufgeheitert werden will. Und wenn ich jemanden brauche, der mir einfach nur sagt, dass alles wieder in Ordnung kommt, dann meine tūtū. Manchmal muss man einfach in seinen Gefühlen sitzen und darin marinieren, aber es ist auch gut, wenn jemand einen daran erinnert, dass es nicht immer so bleibt. Macht einen schlechten Tag nicht unbedingt besser, aber aushaltbarer, finde ich."
      Kai fischte das Fleisch aus der Pfanne und warf es mit in den Reiskocher. Dann nahm er von Isaac das Gemüse entgegen, dass er auch kurz durch die Pfanne schwenkte, damit er es richtig würzen konnte. Das landete dann auch alles im Reiskocher und Kai machte den Deckel zu. Sobald das Ding fertig war, konnten sie essen. Die dreckige Pfanne, der Pfannenwender, das Messer und die Schüssel landeten in der Spülmaschine. Das Schneidebrett wischte Kai schnell mit einem nassen Lappen ab, bevor er es zum Trocknen neben die Spüle stellte. Aus dem Kühlschrank schnappte er sich zwei Dosen Cola, eine davon reichte er Isaac über den Tresen hinweg.
      "Wir können übrigens gern drüber reden, wenn du willst. Über deine schlechten Tage, meine ich. Du musst nicht, wir kennen uns ja erst seit ein paar Tagen. Aber wenn du ein Ohr brauchst: ich hab zwei."
      Er zuckte mit den Schultern.


    • Kai legte sich schließlich auf Outsourcen fest, aber so vernünftig sich das auch anhörte, war das nichts, was Isaac sich bei ihm hätte abschauen können. Ihre Probleme waren dafür auch viel zu unterschiedlich; Kai schien sie lösen zu können, indem er sie jemand anderem erzählte, sich bei ihm ausweinte oder sich zumindest einen Rat von ihm geben ließ. Das war aber nichts, was bei Isaac so einfach ging. Wenn er irgendjemandem erzählen würde, was für Probleme er mit Wassergeräuschen hatte, würde er sich wahrscheinlich nur noch schlechter fühlen. Bisher war das zwar noch nicht vorgekommen - Dr. Harver hatte er das nicht explizit erzählen müssen, sie war immerhin quasi dabei gewesen - aber er stellte es sich so vor. Welcher Vet hatte schließlich Angst vor Wasser? Feuerwerke, okay, Schüsse, okay, aber Wasser? Es war lächerlich.
      Dennoch war es vernünftig. Nur wem sollte Isaac sowas erzählen, etwa seinem Onkel? Sollte er für sowas Kontakt zu seiner Familie aufnehmen? Nein, ganz bestimmt nicht.
      "Hm", machte er und gab Kai das übrige Gemüse. Dann lehnte er sich an die Arbeitsfläche und sah zum Bild zurück. Wem konnte er denn sowas erzählen?
      "Wir können übrigens gern drüber reden, wenn du willst. Über deine schlechten Tage, meine ich. Du musst nicht, wir kennen uns ja erst seit ein paar Tagen. Aber wenn du ein Ohr brauchst: ich hab zwei."
      Kai hielt ihm eine Cola hin und zuckte lässig mit den Schultern. Er schien immer so unfassbar hilfsbereit, das machte Isaac ganz wirr. Jemanden wie Kai zu kennen, der nicht in Büchern existierte.
      Langsam nahm er die Cola entgegen. Er wusste zwar nicht, was Kai für schlechte Tage haben konnte, aber er hatte so das Gefühl, dass er ihm viel erzählen könnte, ohne verurteilt zu werden. Vielleicht nicht alles, aber viel.
      "Ich uhm..."
      Er mühte sich damit ab, mit der Rechten die Dose öffnen zu wollen. Dann tat er es mit der Linken und das funktionierte erstaunlich einfach. Prothese sei Dank.
      "Ich hab's nicht so mit... Regen, seit ich zurückgekommen bin. Das war vor etwa 10 Monaten, Seitdem hat es sich nicht verbessert. Regen und... fließendes Wasser. Und sowas."
      Gott es hörte sich wirklich so lächerlich an wie es war. Isaac kratzte sich mit der Linken an der Stirn und das ein bisschen zu fest. Das tat weh.
      "Ich hab's noch nicht geschafft... also, ich bleibe Zuhause, wenn es regnet. Und warte darauf, dass es vorbei ist. Das sind meine schlechten Tage. Meine ganz schlechten sogar."
      Er warf Kai einen flüchtigen Blick zu, nervös, was er in seinem Gesicht lesen könnte.
      "Hast du dazu auch eine... Aufmunterungsidee?"
    • Kai war überrascht, dass Isaac einfach so loslegte. Ihm passierte das zwar ständig, dass Leute, die nicht viel mehr waren als Fremde, sich ihm gegenüber öffneten, aber gerade bei Isaac hätte er erwartet, dass er sich zurückzog und seine Probleme erstmal für sich behielt. Als Isaac also zu reden begann, lehnte sich Kai einfach nur mit den Ellenbogen auf den Tresen zwischen ihnen und hörte ihm zu.
      Seit zehn Monaten rannte er also schon vor dem Regen davon. Sein letzter Tag war Sonntag gewesen. Er hatte am Freitag was, das ihm einen schlechten Tag machen würde. Natürlich! Der Wetterbericht sagte ein regnerisches Wochenende voraus!
      "Hast du dazu auch eine... Aufmunterungsidee?"
      "Hm..."
      Kai dachte nach, ließ seinen Finger abwesend über den Rand seiner Dose gleiten. Regen gab es überall, man konnte ihm also nicht wirklich ausweichen. Man musste lernen, damit umzugehen.
      "Also als aller erstes Mal: danke, dass du mir damit vertraust. Ich weiß, dass es ziemlich angsteinflößend sein kann, sich so zu öffnen. Ist das ein Problem, von dem ich schonmal gehört hab? Nö. Macht es nicht weniger real."
      Er betrachtete Isaac. Sein Blick landete auf dessen Hand, der Prothese. Das mit dem Regen... das war ein Kriegstrauma, realisierte er.
      "Lass mich raten: dein Therapeut gibt dir keine Lösungen, die du jetzt anwenden kannst, nur welche, die irgendwann vielleicht funktionieren? Das kenn ich. Ist super nervig. Also schlage ich das folgende vor, um dich ein bisschen aufzuheitern: wie wär's, wenn wir zusammen nach Lösungen für Freitag suchen? Einen Plan schmieden, wie du das aushalten kannst? Sachen, die jetzt funktionieren, nicht erst nächstes Jahr oder so?"
      Er schenkte Isaac ein ehrliches Lächeln. Der Mann hatte ihm mit etwas großem vertraut, da würde Kai jetzt nicht einfach ein Arschloch sein. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass er gar nicht wusste, wie man ein Arschloch war.
      "Du musst das nicht allein machen. Nichts davon. Ich helf gern Leuten. Erst recht, wenn ich sie mag. Und dich mag ich, Isaac. Du bist ein cooler Typ."


    • Kai machte ein nachdenkliches Gesicht. Isaac starrte ihn an, weil er immernoch zu erkennen versuchte, was der andere davon hielt. Zumindest hatte er ihn dafür nicht ausgelacht; Isaac schätzte den Mann aber auch nicht als besonders gehässig ein.
      “Also als aller erstes Mal: danke, dass du mir damit vertraust. Ich weiß, dass es ziemlich angsteinflößend sein kann, sich so zu öffnen. Ist das ein Problem, von dem ich schonmal gehört hab? Nö. Macht es nicht weniger real.”
      Isaac musste schlucken. Wie schaffte es Kai nur mit wenigen Worten, dass Isaac sich so gut fühlte? Das war unfair. Er kannte Kai doch kaum, wie sollte er sich da jemals ordentlich bei ihm bedanken, ohne dabei zwangsläufig Grenzen zu überschreiten? Wie sollte er ihm nur ausdrücken, wie viel ihm das hier bedeutete?
      “Lass mich raten: dein Therapeut gibt dir keine Lösungen, die du jetzt anwenden kannst, nur welche, die irgendwann vielleicht funktionieren?”
      “Sie sagt, dass es dauern kann, bis sich etwas ändert”, sagte er langsam. “Und es wird nur dann richtig funktionieren, wenn ich mich mit dem Grund beschäftigt habe. Und dafür bin ich noch nicht bereit.”
      “Das kenn ich. Ist super nervig. Also schlage ich das folgende vor, um dich ein bisschen aufzuheitern: wie wär's, wenn wir zusammen nach Lösungen für Freitag suchen?”
      Isaac verlagerte nervös das Gewicht. Zusammen mit Kai? Er würde das mit ihm machen? Er fand es auch gar nicht komisch, über sowas zu reden?
      “Einen Plan schmieden, wie du das aushalten kannst? Sachen, die jetzt funktionieren, nicht erst nächstes Jahr oder so?”
      Kai lächelte und in diesem Moment glaubte Isaac, dass er noch niemals so etwas schönes in seinem Leben gesehen hatte. Dieses Lächeln, so voller Zuversicht, voller Möglichkeiten. Nur für ihn.
      “Du musst das nicht allein machen. Nichts davon. Ich helf gern Leuten. Erst recht, wenn ich sie mag. Und dich mag ich, Isaac. Du bist ein cooler Typ.”
      Kai hielt ihn für einen coolen Typen. Und er stank nicht, vielleicht. Kai mochte ihn.
      Isaac lächelte zaghaft zurück. Dieser Mann war für ihn gerade die erste große Hoffnung geworden.
      “Okay. Ich meine, ja, gerne. Ich mag dich auch, Kai. Du bist echt nett und ziemlich”, er machte eine Pause und sah demonstrativ zu Kais nacktem Oberkörper, dann zum verdammten Schnabeltierwender und schließlich zum Rest des Zimmers, bevor er wieder zu Kai sah, “besonders.”
      Dann lächelte er wieder, um zu zeigen, dass das als Kompliment gemeint war.
      "Aber ich weiß nicht, ob es was helfen wird. Hat bisher gar nichts. Nur - ja, nur, wenn ich den Regen gar nicht mitbekomme. Aber ich kann nicht drei Tage im Fahrradkeller sitzen."
      Wobei er verschwieg, dass er sehr wohl drei Tage im Fahrradkeller sitzen könnte, weil das wesentlich angenehmer wäre als seine kleine Abstellkammer. Aber lieber würde er sterben, als sich dort unten wie ein Obdachloser einzunisten und zu riskieren, dass sein Onkel davon erfuhr - oder noch schlimmer, seine Familie. Nein, das kam nicht in Frage. Und sonst gab es keinen Ort, an dem er den Regen ausblenden könnte.
      "Was... Was machst du denn so, wenn du dich ablenken willst? Sehr stark ablenken?"
    • "Aber ich weiß nicht, ob es was helfen wird. Hat bisher gar nichts. Nur - ja, nur, wenn ich den Regen gar nicht mitbekomme. Aber ich kann nicht drei Tage im Fahrradkeller sitzen."
      Fahrradkeller? Warum denn in den Fahrradkeller? Da gab es doch eindeutig einfacherer Wege, um sowas wie Regen auszublenden.
      "Was... Was machst du denn so, wenn du dich ablenken willst? Sehr stark ablenken?"
      "Tanzen. Ich setz meine Kopfhörer auf und tanze einfach wie wild durch meine Wohnung. Guckt mir ja eh niemand zu. Und ich glaube, dein Regen-Problem können wir ähnlich lösen. Wir geben dir einfach das Nachtschicht-Paket!"
      Kai wandte sich um, um zwei Schüsseln auf seinem Schrank zu holen. Isaac hatte ihn 'besonders' genannt. Als er eine zwei selbst-bemalte Schüsseln aus einem Hängeschrank holte - die eine war mit Kirschbäumen in voller Blüte bemalt, die andere mit kleinen Fröschen und Wasserlilien - da musste er darüber lächeln. Auf jemanden wie Isaac musste er ja so wirkten. Als Soldat war er nur strikte Regeln und Ordnung gewohnt; alles Dinge gegen die Kai geradezu allergisch war. Er mochte Chaos, er war Chaos. Jedes Mal, wenn er Ordnung schaffen wollte, ging das nach hinten los oder hielt nur für kurze Zeit.
      "Ich hab mal als Barkeeper in einem Club gearbeitet. Die ganze Nacht wach, tagsüber schlafen, du weißt schon." Er stellte die Schüsseln zwischen ihnen ab. "Ich hab aber in einem Haus gewohnt, indem Kleinkinder einfach überall waren. Und 'ne Kirche gab's da auch noch. Die Geräuschkulisse zuhause war also ziemlich genau die gleiche wie auf der Arbeit. Ich musste mir also was überlegen, wie ich das alles ausblenden kann, damit ich schlafen kann. Gabel oder Stäbchen?"
      Er holte sich selbst zwei Stäbchen aus der Besteckschublade - ein paar Pandas hielten sich am Ende fest.
      "Vorhänge aufhängen kannst du ja wie ein Weltmeister, das wissen wir schon. Also musst du dir nur noch Blackout-Vorhänge holen. Richtig dicke, dann dämmen die auch noch Geräusche. Die kommen ans Fenster. Dann besorgen wir dir Noise-Cancelling Kopfhörer, dann musst du den gar nicht mehr hören. Boom: aus den Augen und aus den Ohren, aus dem Sinn. Falls wir das bis Freitag nicht hinkriegen, dann tuns auch billige Ohrstöpsel und eine richtig gute Kissenburg. Oder du hörst einfach so Musik. Der Regen am Wochenende soll nicht so krass sein, also kannst du das bestimmt einfach so übertönen. Kannst fernsehgucken, Radio hören, sowas eben. Das lenkt alles ab. Und wenn das alles nicht klappt, dann meldest du dich bei mir und ich komm rüber oder du kommst her und wir hängen zusammen rum. Wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht vom Regen ablenken könnte!"
      Der Reiskocher piepste und Kai befüllte die beiden Schüsseln.
      "Kirschblüten oder Frösche?" fragte er Isaac und hielt ihm grinsend die beiden Schüsseln hin.


    • Hah! Isaac hatte es ja gewusst - Kai tanzte durch die Wohnung. Er hatte ihn zwar noch nie dabei gesehen, aber er hatte es sich so gut vorstellen können; nach ihrem Treffen im Krankenhaus und dem darauffolgenden Heimweg umso mehr. Kai war einfach eine fröhliche Person, die gerne tanzte. Das war schon fast niedlich.
      "Wir geben dir einfach das Nachtschicht-Paket!"
      "Das was?"
      Kai drehte sich zum Schrank um und holte zwei Schüsseln heraus. Eigentlich hätte Isaac gar nicht mehr überrascht sein müssen, dass selbst die Schüsseln von Hand bemalt waren in einem Naturmuster, aber ein bisschen war er doch erstaunt. Er fragte sich, ob Kai sich wirklich überall verewigt hatte. Wie wohl seine Klobürste aussah?
      "Ich hab mal als Barkeeper in einem Club gearbeitet. Die ganze Nacht wach, tagsüber schlafen, du weißt schon. Ich musste mir also was überlegen, wie ich das alles ausblenden kann, damit ich schlafen kann. Gabel oder Stäbchen?"
      "Gabel."
      Isaac konnte mit rechts noch keine Stäbchen halten und mit links traute er es sich nicht zu. Er wollte essen und nicht mit den Stäbchen rumhantieren.
      Die Stäbchen hatten dafür Pandas obendrauf. Was auch sonst.
      "Also musst du dir nur noch Blackout-Vorhänge holen. Richtig dicke, dann dämmen die auch noch Geräusche. Die kommen ans Fenster. Dann besorgen wir dir Noise-Cancelling Kopfhörer, dann musst du den gar nicht mehr hören. Oder du hörst einfach so Musik. Kannst fernsehgucken, Radio hören, sowas eben. Das lenkt alles ab. Und wenn das alles nicht klappt, dann meldest du dich bei mir und ich komm rüber oder du kommst her und wir hängen zusammen rum. Wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht vom Regen ablenken könnte!"
      Isaac wog den Kopf ein bisschen hin und her. Er dachte darüber nach.
      "Mein -" Fast hätte er seine disability compensation erwähnt. "- Gehalt ist nicht so hoch, das kann ich mir alles nicht leisten. Zumindest nicht sofort, ich müsste anfangen zu sparen."
      Womit er natürlich meinte, weniger zu bestellen, was bedeutete, dass er öfter einkaufen musste, also musste er öfter aus dem Haus, weil er mit links noch nicht so schwere Sachen tragen konnte. Nein, nicht sehr realistisch.
      "Aber... die Vorhänge könnte ich auch weglassen. Wenn die Musik laut genug ist."
      Er würde sich sowieso wieder in die Kammer verziehen.
      "Und der Fernseher steht direkt neben dem Fenster. Wenn der laut genug ist, übertönt er es vielleicht auch, oder?"
      Das gab ihm zum ersten Mal Hoffnung. Er hatte zwar auch mit Dr. Harver über Ablenkungen gesprochen, aber...
      Nun, er erzählte ihr vielleicht nicht immer alles. Ein paar Sachen konnte sie einfach nicht wissen.
      "Kirschblüten oder Frösche?"
      "Frösche."
      Kai grinste und Isaac nahm mit einem kurzen Lächeln die Schüssel entgegen. Sie war warm und roch ganz fantastisch. Das beste, was er in drei Monaten gerochen hatte.
      Sie setzten sich zurück auf die Couch, um dort ungezwungen mit den Schüsseln im Schoß zu essen. Isaac musste sich willentlich davon abhalten, sich den Reis reinzuschaufeln, denn sein ganzer Körper schien davon aufzuatmen, endlich wieder etwas richtiges zu essen zu bekommen. Trotzdem war er vor Kai fertig und fragte auf seine furchtbar unbeholfene Art, ob er sich noch mehr nehmen könnte. Kai, der Engel von einem Mann, bejahte. Beim Nachschlag aß er schon etwas langsamer, weil das Sattgefühl langsam einsetzte. Jetzt war er satt, seine Kleidung war in der Wäsche und er fühlte sich gut. Richtig gut. So gut, dass er sich gar nicht so viel Gedanken machte, als er fragte:
      "Kann ich mir Kopfhörer von dir leihen? Nur für Freitag, zum ausprobieren, und dann weiß ich sowieso, ob es funktioniert. Ich bringe sie dir wieder, sobald du Zeit hast. Wenn der Regen wieder vorbei ist."
      Er ging nicht auf das Angebot ein, mit Kai den Regen irgendwie durchzustehen. Es war nicht auszudenken, den Mann - den er ja immernoch gerademal eine Woche kannte - seinen Panikanfällen auszusetzen und dann irgendwie zu erwarten, dass er es schon regeln würde. Isaac wollte ihn nicht vergraulen und solange er keine Kontrolle über irgendwas hatte, sobald der Regen einsetzte, war das schier unmöglich. Er würde sich alleine behelfen müssen, wie immer.
    • Die beiden setzten sich auf die Couch für die ersten paar Minuten herrschte gefräßige Stille, in der sich Kai noch ein paar Sachen durch den Kopf gehen ließ. Er wollte Isaac wirklich helfen, also hatte sich sein eigner Kopf jetzt daran festgefressen. Er machte eine mentale Liste an Dingen, die vielleicht helfen konnten. Da fragte Isaac, ob er sich noch etwas nehmen konnte. Als ob Kai ihm verbieten würde, etwas zu essen!
      "Ich nehm's als Kompliment, wenn du dir nachnimmst," meinte mit einem stolzen Grinsen.
      Während der Mann - wie konnte man nur so groß sein?! - in seine Küche schlurfte, um sich Nachschlag zu besorgen, dachte Kai weiter nach. Für Isaac schien die Geräuschkulisse schlimmer zu sein, als der eigentliche Regen. Das machte es um einiges einfacher, wenn er eh nirgendwo hin musste. Kopfhörer, Ohrstöpsel, Fernseher... das waren alles gute Methoden in Kais Augen, um das Geräusch von Regen auszublenden. Aber was, wenn der Regen überraschend kam und Isaac gerade unterwegs war? Oder einen Termin hatte, den er einhalten musste? Und dann war da noch die Sache mit dem fließenden Wasser...
      "Kann ich mir Kopfhörer von dir leihen? Nur für Freitag, zum ausprobieren, und dann weiß ich sowieso, ob es funktioniert. Ich bringe sie dir wieder, sobald du Zeit hast. Wenn der Regen wieder vorbei ist."
      "Hm?"
      Kai sah auf, komplett aus seinen Gedanken gerissen.
      "Oh. Ja, klar. Ich hab sogar noch ein zweites Set, das brauche ich nicht mehr. Ich wollte die eigentlich verkaufen, nachdem ich meine neuen geschenkt bekommen habe, aber ich glaube, bei dir sind sie besser aufgehoben."
      Er stellte seine Schüssel auf dem Sofatisch ab und kramte in einer Kiste darunter herum, bis er die Kopfhörer gefunden hatte. Auch hier hingen Googly Eyes an beiden Seiten und Kai hatte ihnen kleine Münder gemalt, aber ansonsten waren sie wie neu. Er reichte sie Isaac, dann kramte er nach dem Ladekabel, das er kurz darauf auch fand.
      "Ich kann die Augen und die Farbe auch abmachen, wenn du willst... Die wirkten nur so langweilig, so ganz in schwarz..."
      Er zuckte unschuldig mit den Schultern. Fuhr sich durch die Haare, löste aus Versehen seinen Zopf und warf den Bleistift durch die Gegend, während sich seine Haare über seinen Rücken ergossen.
      "Aber du sag mal: wenn du fließendes Wasser sagst, dann meinst du sowas wie den Wasserhahn, die Dusche und so, richtig? Ich mein, das Waschbecken kannst du auch mit Kopfhörern behandeln, wenn's nur die Geräusche sind. Die Dusche... hm... du brauchst einen Eimer. Einen großen. Du setzt die Kopfhörer auf und füllst den Eimer, dann machst du einfach eine Katzenwäsche da draus und musst dir das fließende Wasser nicht mehr anhören. Um's Haarewaschen musst du dir ja keine Gedanken machen. Dafür hätte ich dann Trockenshampoo vorgeschlagen. Benutz ich selber viel zu oft."
      Wahrscheinlich konnte Isaac auch seiner eigenen Waschmaschine gar nicht zuhören, weswegen er jetzt hier bei Kai war. Er würde den Mann dafür nicht verurteilen. Er hatte eben ein Problem mit Wasser, da konnte sowas schonmal hinten runterfallen. Isaac würde schon seine Strategien finden, um damit umzugehen. Und bis dahin konnte Kai ihm ja aushelfen.
      "Und wenn's mal regnet und du eigentlich Einkaufen gehen musst oder so, dann sag ruhig Bescheid, ja? Dann bring ich dir was rüber. Oder du lässt es dir liefern. Zwei Blocks weiter gibt's einen Supermarkt, der kostenlos liefert. Du musst dir nur die App von denen runterladen, die bringen dir das bis hoch an die Tür. Oh!"
      Kai klatschte sich mit der flachen Hand and die Stirn.
      "Du könntest meine Handynummer gebrauchen, wenn du dich bei mir melden sollst," lachte er.
      Er stand auf und holte sein Smartphone, wählte seinen Account aus und hielt Isaac den Bildschirm hin, damit er die Nummer abschreiben konnte.


    • Kai übergab ihm zwei schwarze Kopfhörer, an denen auch googly eyes befestigt waren und Isaac hätte davon fast aufgelacht. Wahnsinn. Kais Wohnung war wie ein riesiges Überraschungspaket.
      "Danke. Ich bringe sie dir zurück, wirklich. Sonst habe ich ein schlechtes Gewissen."
      Behutsam legte er sie auf seinem Schenkel ab und betrachtete sie fast verträumt. Eine unglaublich nette Geste von einem unglaublich netten Mann.
      "Aber du sag mal: wenn du fließendes Wasser sagst, dann meinst du sowas wie den Wasserhahn, die Dusche und so, richtig?"
      Jetzt spürte Isaac allerdings die gewohnte Beklommenheit wieder in sich aufsteigen. Kai zog viel zu schnelle Rückschlüsse, wie sollte er sich da wieder herausreden? Wie sollte er ihm irgendwie weiß machen, dass er durchaus regelmäßige, ordentliche Körperhygiene betrieb?
      "Uhm... manchmal, auch... ja..."
      "Ich mein, das Waschbecken kannst du auch mit Kopfhörern behandeln, wenn's nur die Geräusche sind. Die Dusche... hm... du brauchst einen Eimer."
      Nein. Nein, das ging zu weit, darüber würde Isaac jetzt nicht sprechen. Im Leben nicht. Es war alles in Ordnung bei ihm, er duschte sich regelmäßig, er musste sich nicht mit einem Eimer waschen. Oder mit was auch immer Kai sonst einfallen sollte.
      Schweigend starrte er auf die Kopfhörer und befummelte sie ein bisschen, während er es nicht schaffte, Kais Wortschwall zu unterbrechen. Jetzt stellte er sich auch noch an wie ein Kind. Super.
      "Ja... uhm... darüber will ich nicht so reden."
      Zum Glück verstand Kai den Wink und wechselte sofort das Thema, bot ihm an, dass er ihm etwas zu essen bringen könnte, sagte ihm, dass der Supermarkt eine App hatte. Das war wiederum so hilfsbereit, dass Isaac wieder der Hals eng wurde.
      "Du könntest meine Handynummer gebrauchen, wenn du dich bei mir melden sollst."
      Das konnte er machen, das war nicht schlimm und Kai hatte es ihm von sich aus angeboten. Das wollte er sogar.
      Er tippte seine Nummer ein, dann schickte er ihm ein Hi.
      "Danke. Ich melde mich. Irgendwann die Tage dann. Nach dem Regen."
      Er lächelte. Es sah doch alles gar nicht mehr so schlimm aus.

      Donnerstag Abend schaltete Isaac damit den Fernseher ein und stellte ihn auf laut. Er würde Donnerstag schon in der Abstellkammer schlafen, damit er kein Risiko einging. Same procedure as every year.
      Aber dieses Mal wollte er versuchen, wenn überhaupt nur den Fernseher von draußen zu hören. Eigentlich hatte Isaac keine Ahnung, wie laut der Regen wirklich war, nachdem er jedes Mal damit beschäftigt war, keinen Herzinfarkt zu bekommen, aber er hoffte einfach, dass es laut genug sein würde. Ein Sportkanal, auf dem ständig entweder gejubelt wurde oder irgendein Jingle zu einer Werbung tönte. Irgendwas normales eben, etwas, bei dem er nicht das Gefühl hatte, den Regen übertönen zu wollen. Denn er hatte die Befürchtung, dass sein eigener Verstand ihm da einen Strich durch die Rechnung zu machen versuchte.
      Wieder richtete er sich in der Abstellkammer ein, wieder ging er Donnerstag zum letzten Mal ins Bad. Der Regen würde den ganzen Freitag andauern und dann auch noch einen Großteil des Samstags, also würde er realistischerweise am Sonntag wieder herauskommen und sich dann erst einmal davon erholen müssen, zwei Tage auf dem Boden geschlafen und in demselben engen, unbelüfteten Raum verbracht zu haben. Ob das gut war für die Gesundheit? Im Leben nicht. Aber wenn er sich entscheiden müsste zwischen dieser Sache und 36 Stunden lang am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu stehen, fiel seine Wahl doch relativ eindeutig aus. Sein Rücken würde es schon überleben.
      Bewaffnet zog er in die Abstellkammer und dann hörte er nur noch den Fernseher. Den Fernseher und am Freitag die Musik aus den Kopfhörern.

      Isaac glaubte, dass es funktionieren könnte. Er glaubte es wirklich. Er saß in der Abstellkammer mit dem Rücken an die Tür gelehnt und starrte auf sein Handy, das ihm das Wetter zuverlässig und minütlich voraussagte. Der Regen hatte jetzt schon seit 5 Minuten angesetzt und Isaac hörte nichts davon. Gar nichts. Es könnte wirklich funktionieren und bei dem Gedanken wurde er ganz aufgeregt.
      Wenn das erfolgreich war, könnte er das in Zukunft immer so machen. Er könnte den Regen vollständig ausblenden und wieder... ein normales Leben ansetzen. Ein halbwegs normales. Er wusste zwar noch nicht, ob ihm der Anblick von Regen genauso zusetzte, aber das könnte er dann mit genügend Rückendeckung herausfinden. Und wenn es nur mit der Musik funktionierte, könnte er sogar versuchen zu duschen. Er könnte duschen! Der Gedanke erregte ihn so sehr, dass er fast nicht sitzenbleiben wollte. Plötzlich wollte er so vieles tun, wollte alles tun, wollte sich sein Leben zurückholen. Oder ein neues Leben beginnen, wie man es auch sehen wollte. Denn er konnte es, er konnte es schaffen. Mit den Kopfhörern funktionierte es.
      Dann hörte er ein dumpfes Hämmern von draußen.
      Sofort etwas eingedämmt in seiner Stimmung, zog er sich eine Hälfte der Kopfhörer vom Ohr, nervös, etwas vom Regen zu hören zu bekommen. Aber der Fernseher war gerade besonders laut, irgendeine furchtbare Werbung für Waschmittel. Der Sprecher sang die ganze Zeit denselben Slogan.
      Wieder hämmerte es - die Tür. Und dann ein fernes, gedämpftes:
      "Mach den Fernseher leise, verdammte Scheiße!"
      Isaac sah auf die Uhr: 04:37 morgens. Mist. Er hatte den Fernseher zu laut eingestellt. Er hatte nicht an die Nachbarn gedacht.
      Er musste dort raus und den Fernseher leiser machen. Er musste. Andernfalls würden vielleicht die Polizei auftauchen, oder noch schlimmer: Gleich sein Onkel.
      Seine Handflächen wurden schwitzig. Isaac klammerte sich an sein Handy und dachte nach, dann schrieb er zuallererst Kai eine Nachricht. Den Rest der Nachrichten ignorierte er wie immer.
      - Es funktioniert, aber Fernseher ist zu laut. Nachbarn beschweren sich. Muss handeln.
      Das hörte sich vielleicht verschroben an. Isaac sollte sich wohl schleunigst abgewöhnen, alles kurzfassen zu wollen. Das tat man im Militär so, aber nicht zivil.
      Er setzte sich die Kopfhörer wieder auf, dann nahm er all seinen Mut zusammen und ging nach draußen. Es half ja nichts.

      Montag Nachmittag konnte er sich dazu aufraffen, sein Handy zu benutzen. Isaac lag im Bett, die frischen Klamotten, die er bei Kai gewaschen hatte, als Decke nutzend. Das war nicht deren Sinn gewesen, aber er hatte natürlich seine eigene Bettwäsche auch lange nicht mehr gewaschen. Viel zu lange. Und er brauchte jetzt den Geruch, um ihn davon abzulenken, wie scheußlich er sich fühlte. Sein Körper tat ihm weh, seine Augen taten ihm weh, sein Kopf tat ihm weh. Alles in ihm schrie nach zwei Tagen in der Abstellkammer.
      Hoffentlich war Kai ihm nicht böse, dass er sich nicht gemeldet hatte.
      - Sorry. Mäßiger Erfolg. Habe geschlafen. Bringe dir die Kopfhörer. Wann?
    • Der Vormittag mit Isaac war ein guter gewesen, beschloss Kai, nachdem sich der Mann mit seiner frisch gewaschenen Wäsche verabschiedet hatte. Kai hatte ihm angeboten, dass er ruhig noch eine waschen könnte, doch Isaac hatte nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass schon alles in Ordnung sei, so wie er das irgendwie immer machte. Kai hatte bloß mit den Schultern gezuckt. Vielleicht hatte der Mann ja gar nicht so viele Klamotten. Soldaten waren bekanntlich etwas spartanisch unterwegs, da sie an ihre Uniformen gewöhnt waren.
      Nachdem Isaac gegangen war, hatte Kai ein bisschen aufgeräumt. Betonung auf ein bisschen, da er lediglich die Küche sauber machte, während er über Isaac nachdachte. Der Mann hatte Schichten, so viel stand fest. Und irgendwie wollte Kai einen Querschnitt davon sehen. Er wollte wissen, was unter der Stille lag, unter der Angst vor Wasser und Regen. Er wollte wissen, was Isaac so machte, wenn ihm langweilig war, welche Musik er so hörte, wo er immer schonmal hinreisen wolle. Den ganzen Kleinkram eben. Er wollte Isaac kennenlernen, nicht den traumatisierten Soldaten. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass es Isaac ähnlich ging. Oder vielleicht hatte sich Kai da auch nur wieder in etwas verrannt, wer konnte das schon so genau sagen?
      Nachdem er aufgeräumt hatte, packte er seine Sachen und ging runter zur Arbeit.


      Ein paar Tage lang hörte er nicht wirklich etwas von Isaac. War ja auch okay, sie kannten sich ja noch gar nicht so gut. Vielleicht meldete er sich ja nur, wenn er wirklich etwas brauchte und nicht selber konnte? Ach Mist, Kai hätte ihm sagen sollen, dass er sich jederzeit melden konnte! Dummer Fehler.
      Als er am Donnerstag abends die Nachrichten guckte und den Wetterbericht sah, musste Kai automatisch an Isaac denken. Er sah über seine Schulter aus dem Fenster rüber zu Isaacs Wohnung. Der Mann traf gerade wahrscheinlich Vorbereitungen als würde er in den Krieg ziehen. Kurzerhand schnappte sich Kai sein Smartphone und suchte ein paar dumme Memes, die er Isaac schickte.
      Gute Laune Futter ;)
      Und dann:
      Meld dich, wenn du was brauchst.
      Mehr konnte er nicht tun, ohne wie ein seltsamer Stalker oder so rüberzukommen. Isaac kam schon klar; er brauchte sicher keinen dürren Babysitter wie Kai.


      Es funktioniert, aber Fernseher ist zu laut. Nachbarn beschweren sich. Muss handeln.
      Kai starrte die Nachricht über einer Portion Müsli am Morgen an. Irgendwie klang es, als sei Isaac in einem Videospiel oder so. Diese Art zu schreiben war Kai aber nicht unbekannt. Er hatte zwar nicht viele solcher Textnachrichten in seinem Leben erhalten, aber hin und wieder trudelte dann doch etwas ein, das ungefähr genauso klang. Er musste sich aktiv daran erinnern, dass Isaac ein cooler Kerl war und nicht sein Vater. Zwischen den beiden Männern lagen Welten!
      Als ob die Nachbarn nicht selbst genug Lärm machen -_- Kannst dich ja näher ran setzen, dann muss der nicht so laut sein.


      Kai schickte Isaac noch ein paar Memes und auch ein paar Videos von süßen Tierbabies, erwartete aber keine wirklich Antwort. Der Mann hatte andere Dinge im Kopf, als auf dumme Videos zu reagieren. Das war okay. Es war ja nicht so, als ob Kai nicht auch zu tun hätte. Wenn es im Sommer regnete, dann gingen die Leute raus, um irgendwo anders drin zu sein - hauptsächlich an so Orten wie Bars. Er musste eine extra Schicht nehmen, um Julie auszuhelfen, so groß war der Andrang. Entsprechend erledigt war Kai am Montag - und das noch bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte.
      Er war gerade nach Hause gekommen, hatte sich gerade mit einem Schnaufen auf sein Sofa fallen lassen, da pingte ihn sein Smartphone an.
      Sorry. Mäßiger Erfolg. Habe geschlafen. Bringe dir die Kopfhörer. Wann?
      Kai konnte nicht anders und lächelte ein bisschen. Isaac hatte den Regen also überlebt. Mit müden Fingern schrieb er zurück:
      Ich hab dir doch gesagt, dass du sie behalten kannst. Ich brauch die nicht mehr. Bin heute Abend im Rula Bula, falls du ein bisschen Auslauf brauchst nach dem Wochenende.


      "Du siehst scheiße aus."
      "Wow. Danke, Frank. Hab dich auch lieb."
      Frank grunzte, Kai grinste.
      "Alles gut, die extra Schicht gestern hat nur meinen Rhythmus kaputt gemacht," erklärte Kai dann.
      Frank mochte kein Held vieler Worte sein - er kommunizierte hauptsächlich mit Grunzen und Brummen - und er mochte auch ein bisschen grob wirken, aber Kai und Julie wussten es besser: Der Mann kümmerte sich. Er wollte ehrlich wissen, wie es seinen Leuten ging und wenn er sowas sagte, dann war das meistens seine Version von "Ist alles okay?".
      "Na dann."
      Und damit verzog sich Frank in sein Büro und überließ es Kai, die Bar zu schmeißen und aufzuräumen. Damit hatte Kai auch genug zu tun. Gestern war echt voll gewesen; er und Julie waren kaum hinterher gekommen mit den Bestellungen. Und zu allem Übel hatte sich Kai auch noch verhoben, als er das Bierfass unter der Bar ausgetauscht hatte und jetzt tat ihm die Schulter weh. Mann ey.


    • Isaac starrte mit gereizten Augen auf sein Handy. Die Antwort war schnell gekommen, was bedeutete, dass er sich nicht so lange Gedanken darüber machen musste, ob Kai ihm böse war oder die Bekanntschaft wieder abgerutscht war. Sie regte auch Hoffnung in ihm, als Kai ihn einlud, ins RB zu kommen. Das fühlte sich gut an, jemanden zu haben, der auf einen wartete, der mit einem Zeit verbringen wollte. Es machte Hoffnung darauf, dass alles besser werden könnte.
      Aber wenn Isaac so darüber nachdachte, nach draußen und ins RB zu gehen, zog sich alles in ihm zusammen. Er fühlte sich grässlich, sein Rücken tat ihm weh, er hatte sich noch nicht gewaschen, Zähne geputzt hatte er... naja... zuletzt am Donnerstag eben und über alldem war er einfach nur noch müde. Wenn er also nach draußen wollte, würde er aufstehen müssen, er würde sich umziehen müssen, sich waschen, seine Zähne putzen, wahrscheinlich rasieren und dann würde er doch nur die ganze Zeit darüber nachdenken, ob man ihn nicht doch riechen konnte. Das erschöpfte ihn, noch ehe er einen Fuß bewegt hatte. Langsam blinzelte er und stieß ein tiefes Seufzen aus, bevor er sein Handy wieder zur Hand nahm.
      - NEG.
      Idiot. Kai war doch nicht Jack. Soviel zu "alles könnte besser werden", wenn er es nicht einmal zustande brachte, wie ein normaler Mensch zu schreiben.
      - Bin zu müde.
      Ja, das war schon besser. Damit würde Kai sich auch bestimmt nicht versetzt fühlen. Und müde zu sein war okay um... um halb fünf. Wow. Nein, ist es nicht, Stafford. Isaac seufzte noch einmal, dann schloss er die Augen. Vielleicht würde es morgen besser werden. Der Montag war für ihn schon vorbei, aber der Dienstag, der hatte noch Hoffnung. Da konnte er noch alles erledigen.
      Eine Weile lang lag er mit geschlossenen Augen da und wartete darauf, dass sich sein Herzschlag von dem Gedanken rauszugehen wieder beruhigte, dann nahm er sein Handy wieder in die Hand. Kai hatte ihm ein paar Nachrichten geschrieben während des Regens und jetzt scrollte er träge durch. Ein paar dumme Memes die zeigten, woher Kai seinen verschrobenen Humor hatte, aber die Isaac zumindest zum Schnauben brachten. Dann auch noch Videos von Tierbabys. Isaac blieb bei einem Clip von einem Welpen hängen, der unkoordiniert über eine Couch purzelte, und ließ ihn zwei Minuten lang auf Dauerschleife laufen. Dann legte er das Handy wieder weg und fühlte sich irgendwie besser. Kai schickte ihm schon Memes, das war doch was. Das war doch sicher schon etwas, was irgendwie über Bekanntschaft hinausging.
      Er rollte sich auf die andere Seite und zog das T-Shirt näher zu seinem Kinn, das auf seinem Oberkörper lag. Dann schloss er wieder die Augen und bildete sich ein, ein bisschen besser schlafen zu können.

      Dr. Harver sah ihn ruhig an. Isaac saß ihr gegenüber in den gepolsterten Sessel eingesunken, draußen tickte die Uhr. Ihr wöchentlicher Dienstags-Termin, den Isaac nicht absagen konnte. Es gab keinen Regen, der es ihm gestattet hätte, Zuhause zu bleiben.
      “Möchten Sie mir erzählen, was Sie dieses Wochenende gemacht haben?”
      Für diese Stunde war also Regen angesagt. Natürlich. Isaac zuckte unverbindlich mit den Schultern und schwieg.
      “Sie müssen auch nichts erzählen, wenn Sie nicht möchten. Ich will mir aber ein paar Notizen machen, für den Gesamtüberblick. Ist es in Ordnung, wenn ich ein paar Fragen stelle?”
      “Ja.”
      “Gab es in irgendeiner Weise Veränderungen am Wochenende?”
      “Nein.”
      “Sie haben sich so verhalten wie immer?”
      “Ja.”
      “Sie haben also im Badezimmer ausgeharrt?”
      “Ja”, log er.
      “Wann haben Sie sich im Badezimmer eingeschlossen?”
      “Am Donnerstag.”
      “Haben Sie dort übernachtet?”
      “Ja.”
      “Wann sind Sie am Sonntag wieder herausgekommen?”
      “Um 6”, log er. Er war am Montag wieder herausgekommen.
      “Also nach der zweiten Regenphase?”
      “Ja.”
      Daraufhin nickte sie und schrieb sich etwas auf, kurz und knackig. Isaac beobachtete, wie ihr Stift über das Papier kratzte.
      “Was haben Sie danach gemacht?”
      “Am Sonntag?”
      “Ja.”
      “Ich bin schlafen gegangen.”
      “Gleich im Anschluss?”
      “Ja.”
      “Wie, würden Sie sagen, haben Sie geschlafen?”
      “Tief. Lange.”
      Ein Nicken und Schreiben.
      “Wie lange etwa?”
      “16 Stunden.”
      Der Trick war, Wahrheiten mit Lügen zu mischen. So konnte Isaac ehrlich sein - naja, halb ehrlich - und musste sich trotzdem nicht als völliges Wrack entblößen. So konnte er Dr. Harver das Gefühl vermitteln, dass die Sitzungen irgendwie halfen. Dass er jetzt schon besser dran war, als vor einem halben Jahr noch.
      Sie schrieb zu Ende, dann sah sie auf. Ihr Blick war ganz mild, als sie sagte:
      “Okay. Nun, ich denke, Sie machen Fortschritte. Es wird dauern, bis Sie damit anfangen können, sich aktiv wieder an das Geräusch zu gewöhnen, aber das ist völlig normal. Lassen Sie sich Zeit. Führen Sie sich vor Augen, wo Sie am Anfang gestanden haben und wo Sie jetzt stehen.”
      Isaac wusste genau, was sie meinte: Der Vorfall im Krankenhaus. Als er zum ersten Mal eine Dusche hatte nehmen wollen.
      Seitdem, würde er behaupten, war es eher bergab gegangen, aber das verschwieg er ihr. Das, wie auch die Tatsache, wie es um seine Wohnung stand.
      Bis auf Kai, das war keine Sache, die bergab ging. Ja, das war vielleicht etwas, von der er ihr erzählen könnte.
      “Können wir das Thema wechseln?”, fragte er.
      “Selbstverständlich.” Sie legte den Stift nieder zum Zeichen, dass sie zuhörte.
      “Ich habe jemanden kennengelernt.”
      Dr. Harver überschlug die Beine und verschränkte die Hände ineinander. Sie bedeutete ihm mit ihrem Schweigen, dass er weiterreden sollte.
      “Er ist ein Nachbar. Fast. Sein Fenster liegt gegenüber von meinem. Wir haben uns zweimal getroffen. Dreimal.”
      “Wie schön. Wie ist er so?”
      “Er ist nett. Laut. Redet viel, macht viel. Er arbeitet mit Kindern und Senioren im Meadow. Er ist Künstler.”
      “Das hört sich sehr nett an. Denken Sie, Sie könnten sich ein Hobby mit ihm teilen? Zeichnen zum Beispiel?”
      “Nein.”
      “Warum nicht?”
      “Sowas kann ich nicht.”
      Das war eigentlich der Moment, wo die Leute sagten “jeder kann das”, aber Dr. Harver war Psychologin und deswegen sagte sie natürlich genau sowas nicht.
      “Wie wäre es mit Lesen, mag er das?”
      “Schon. Ja, ich denke schon.”
      “Sie könnten etwas zusammen lesen.”
      “Ja. Könnten wir.”
      “Ich gebe Ihnen eine Hausaufgabe: Fragen Sie - wie heißt er denn?”
      “Kai.”
      “Fragen Sie Kai, ob er mit Ihnen ein Buch lesen möchte. Irgendeins. Und dann erzählen Sie mir nächste Woche, was er gesagt hat. Einverstanden?”
      “Okay.”

      Isaac nahm es nicht so ernst mit seinen Hausaufgaben. Dr. Harver hatte ihm einmal aufgetragen, dass er sich ein Gericht suchen sollte, das man ohne viel Flüssigkeiten kochen konnte, weil er erwähnt hatte, früher immer für sich selbst gekocht zu haben. Das hatte er nicht getan, denn was sollte ihm das bringen? Seine ganze Küche war zugestellt und sauberes Geschirr gab es auch nicht mehr, was er hätte verwenden können. Das wusste Dr. Harver natürlich nicht, aber deswegen sah Isaac es einfach nicht so eng mit seinen Hausaufgaben. Nur eine Sache mehr auf einer Liste von unendlichen Dingen, die erledigt gehörten. Dazu gehörte auch der verdammte, beschissene Müll, den er immernoch nicht nach unten mitgenommen hatte. Hausaufgaben hatten also genau genommen denselben Status wie Müll.
      Aber für diese eine Hausaufgabe hatte er doch das Gefühl, zumindest etwas erreichen zu wollen. Er hatte ein schlechtes Gewissen, Kai gestern abgesagt zu haben, und die Aussicht darauf, mit dem Mann womöglich eine richtige Freundschaft einzugehen, stimmte ihn schon fast aufgeregt. Er wollte das und außerdem musste er hierfür auch nicht seine Wohnung benutzen. Er konnte einfach zu ihm gehen.
      Fairerweise hatte Isaac aber keine Ahnung, wo Kai sich an einem Dienstag Nachmittag stecken könnte. Hatte er... die Kinder am Dienstag bei sich? Oder war er bei der Malgruppe im Meadow? Isaac entschied sich spontan für letzteres, als das Taxi ihn vor der Eingangstür absetzte. Er würde nur kurz mal ins Meadow schauen und wenn Kai nicht da war, würde er bei seiner Wohnung vorbeigehen. Und wenn er dort auch nicht war... naja, so wichtig war es ja auch nicht. Dann würde er es einfach aufgeben.
    • Eine einzige Schicht konnte so viel in seinem normalen Tagesablauf kaputt machen, wie Kai jetzt lernte. Er war kein unflexibler Mensch, er konnte mit plötzlichen Planänderungen gut umgehen, das war nicht das Problem. Das Problem war seine verdammte Schulter! Und die Tatsache, dass er keine Zeit hatte, sich richtig darum zu kümmern. Tigerbalsam drauf schmieren, bevor er ins Bett ging war aktuell alles, was er machen konnte. Montag hatte er den ganzen Tag zu tun und am Dienstag auch. Er bemühte sich immerhin, nicht zu viel zu heben. Was leider leichter gesagt als getan war, wenn man mit einem Kinder arbeitete, die alle körperliche Einschränkungen hatten. Mehr als einmal musste er einer der Pappnasen auf die Füße helfen. Und für die Senioren am Nachmittag hatte er dann auch noch die Staffeleien hin und her schleppen müssen. Man sah es den wackligen Gestellen zwar nicht an, aber die waren ganz schön schwer. Die Staffeleien, nicht die Senioren.
      Kai hatte sich in seiner Mittagspause mit einer Hand einen Kühlakku gegen die Schulter gedrückt, während er mit der anderen seinen Salat in sich hineingeschaufelt hatte. Und nachher musste er auch noch wieder ins Rula Bula...

      "Weißt du, was du da brauchst?" meinte Lori und deutete mit ihrem Pinsel auf Kai. "Rosmarin-Wickel. Das hilft gegen Entzündungen."
      "Und du riechst gleich wie ein Salat!" warf Carl ein und lachte drauf los.
      "Ach was, hör gar nicht auf den," feixte Lori.
      "Ich glaub nicht, dass es entzündet ist," sagte Kai und rollte kurz seine Schulter.
      Schmerz schoss ihm bis hinunter ins Handgelenk und er verzog das Gesicht.
      "Fühlt sich eher nach Zerrung an."
      Einige der Rentner nickten verstehend. Sie diskutierten noch ein bisschen weiter über das beste Hausmittelchen für seine Schulter, während sie nebenher malten. Ingwer, warm, kalt, Akkupunktur, Brennnesselaufguss, Arnikaöl, die hörten gar nicht mehr auf. Kai betrachtete in der Zwischenzeit seine eigene Leinwand. Er wusste nicht, was er malen sollte, was selten genug vorkam. Er hatte seinen ganzen backlog leergemalt - niemand wartete auf ein Bild von ihm. Vielleicht sollte er doch eins für Rula Bula malen?
      "Ach, guck mal da! Wer ist denn der Schönling?" fragte Lori da auf einmal und riss Kai damit aus seinen Gedanken.
      Er sah über die Schulter - die gute - und erblickte Isaac, der ein bisschen verloren im Türrahmen stand. Kai lächelte.
      "Hi Isaac! Was machst du denn hier?"
      Er legte seinen Pinsel beiseite und stand auf.
      "Hallo Isaac," raunte Lori.
      "Lori!" schalte Carl.
      Die Gruppe lachte.


    • Kai war im Meadow und mit ihm die Seniorentruppe.
      Isaac blieb unschlüssig im Türrahmen stehen. Er war noch nie dort unten gewesen, hatte immer die Befürchtung gehabt, seinem Onkel über den Weg zu laufen, aber eigentlich war es da gar nicht so schlecht. Die Räume waren sehr offen, es gab viele Fenster und im Gang hatte er einen Blick über das schwarze Brett schweifen lassen, auf dem lauter kleine Events hingen und viele Nummern von irgendwelchen Hilfsorganisationen. Er fühlte sich dort unten nicht so... alleine. Nein, alleine war nicht die richtige Bezeichnung, aber zumindest verspürte er nicht den Zwang, seinen Geruch vor irgendjemandem verstecken zu müssen. Seine Prothese wies ihn als eindeutig richtig hier aus und wenn er dann noch roch, interessierte es vielleicht niemanden. Dachte er zumindest.
      In dem kleinen Kunstraum war der Geruch nach Farbe und Bastelzeug dafür ziemlich intensiv. Isaac hätte sich sogar hinein getraut, trotz der vielen Leute, blieb aber doch wie angewurzelt stehen, weil ihn plötzlich alle anzustarren schienen. Beim RB passierte sowas nicht, da wurde man beim Hereinkommen ignoriert. Hier anscheinend nicht.
      "Hi Isaac!"
      Kai erblickte ihn und ein wunderschönes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sofort war es Isaac der ganze Aufwand wert gewesen, herzukommen.
      "Was machst du denn hier?"
      "Hi. Uhm."
      Isaac sah zu Kai, dann wieder zu den anderen. Viele alte Damen, die ihn alle anstarrten. Er nickte ihnen zurückhaltend zu.
      "Die Damen."
      Als Antwort bekam er einen Choral an Begrüßungen und darauffolgendes gackerndes Gelächter. Sein Gesicht wurde ein bisschen warm, aber da war Kai auch schon bei ihm und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
      "Ich dachte... sorry. Hast du einen Moment?"
      Er fühlte sich nicht wohl, so ganz im Rampenlicht aller Aufmerksamkeit. Zum Glück ging Kai mit ihm nach draußen und nur einen Schritt nach rechts, wo sie zumindest außer Sichtweite waren. Er konnte die Gruppe trotzdem noch tratschen hören und fuhr sich nervös über die Haare. Wenigstens hatte er sich heute morgen wieder rasiert und er trug sogar die gewaschenen Klamotten, er konnte sich also einigermaßen sehen lassen.
      "Ich wollte mich entschuldigen. Für gestern, dass ich nicht konnte. War alles ein bisschen stressig. Viel zu tun dann auch - heute. Meine ich..."
      Seine Stimme verlor sich ein bisschen. Viel zu tun bedeutete in Isaacs Welt, genau einen Termin zu haben, und das konnte man wohl kaum als viel zu tun betiteln. Aber er wollte krampfhaft das Bild aufrecht erhalten, dass er einen Job hatte, dass er nicht so arm dran war, wie er wirklich war. Was würde Kai nur sonst von ihm denken?
      "Und ich wollte fragen, ob du... in die Bücherei gehen willst. Irgendwann mal. Zum Lesen - ob du mit mir was lesen willst. Das wollte ich fragen."
      Das war doch schwieriger gewesen als gedacht; Dr. Harver hatte die Hausaufgabe so einfach erscheinen lassen. Isaac fand, dass er dafür einen Pluspunkt verdient hatte. Konversationen waren ziemlich schwierig.
    • "Ich dachte... sorry. Hast du einen Moment?"
      "Klar."
      Kai wandte sich kurz zu seiner Truppe an Senioren.
      "Benehmt euch. Ich bin gleich wieder da."
      "Ja, Papa," scherzte Lori und Kai stimmte in das Kichern der Gruppe mit ein.
      Dann nahm er Isaac mit raus in den Gang und ein kleines Stück zur Seite, damit sie niemandem im Weg standen. Er hatte ein halbes Ohr auf seinen Kunstraum, nur um sichergehen zu können, dass niemand aus Versehen vom Stuhl fiel und sich die Hüfte brach. Die Senioren waren zwar alle ziemlich rüstig, aber sie waren eben auch alt, ob sie sich das nun eingestehen wollten oder nicht. Und im Alter brach man sich nun einmal leichter die Knochen.
      "Was gibt's?" fragte er Isaac und rieb sich ein bisschen die Schulter.
      Dann schob er sich die Hand durch die Haare, die einmal mehr in einem mehr schlechten als rechten Bun steckten. Seine Finger verfingen sich in einer Strähne. Autsch.
      "Ich wollte mich entschuldigen. Für gestern, dass ich nicht konnte. War alles ein bisschen stressig. Viel zu tun dann auch - heute. Meine ich..."
      "Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen. Kannst ja nicht jeden Tag in einer Bar rumhängen. Naja, könntest du wahrscheinlich schon, aber das ist ja gar nicht, was ich meine. Ich hab's angeboten wegen dem Wochenende. Du weißt schon."
      Kai zuckte mit den Schultern. Verzog das Gesicht. Doppel-autsch.
      "Und ich wollte fragen, ob du... in die Bücherei gehen willst. Irgendwann mal. Zum Lesen - ob du mit mir was lesen willst. Das wollte ich fragen."
      "Bücherei?"
      Sekunde mal. Lud Isaac ihn da gerade auf ein Date ein? Nein. Doch? Hm. Ein solides Vielleicht!
      "Klar, können wir machen. Oh! Wir könnten in die Bücherei gehen, uns was ausleihen, und dann ein Picknick im Park machen! Da ist direkt gegenüber einer! Oder wir setzen uns in ein Café, wenn du kein Freund von Rasen bist. Oder wir bleiben einfach in der Bücherei sitzen, das geht natürlich auch. Ich hab am Freitag frei, wenn dir das passt."


    • Kai sah ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck an, bei dem Isaac für einen Moment mulmig zumute wurde. Zu gerne hätte er seine Gedanken gelesen, aber da war es schon vorüber und die Ideen sprudelten geradezu aus Kai heraus. Bücherei, Picknick, Café. Er ließ das klingen wie eine ganz normale Verabredung - und die war es doch auch, oder? Das hier war sehr normal. Sie waren zwei sehr normale Männer, die sehr normale Dinge unternahmen. So machte man das in einem normalen Leben.
      "Freitag. Ja - lass mich schauen wegen Regen. Ich sollte nicht draußen sein, wenn es runterkommt. Du weißt schon."
      Er kramte sein Handy ein bisschen umständlich hervor, weil er plötzlich so aufgeregt war, und checkte zum bestimmt hundertsten Mal an diesem Tag seine App. Natürlich wusste er schon für die ganze Woche das Wetter auswendig, aber gerade erlitt er bei der Aufregung irgendwie einen kleinen Kurzschluss. Er würde mit Kai nach draußen gehen und Sachen machen. Das schien ihm wie das Highlight in seinem ganzen Leben.
      "Kein Regen. Sonnig, den ganzen Tag. Sehr warm."
      Er ließ das Handy genauso umständlich wieder verschwinden.
      "Dann Freitag. Picknick hört sich gut an. Dann treffen wir uns unten? Um... zwei? Oder drei?"
      Das ganze war irgendwie furchtbar aufregend. Isaac fühlte sich, als würde ihm das Tor zu einer neuen Welt geöffnet werden. Er lächelte.
      "Ich freu mich. Und uhm, hast du was mit deiner Schulter?"
      Ihm war durchaus aufgefallen, wie Kai das Gesicht verzogen hatte, als er mit den Schultern gezuckt hatte. Er deutete darauf.
      "Meistens hilft es, die Schulter so zu bewegen, wie es wehtut, und dann zu dehnen. Das tut dann noch mehr weh, aber dann wird es besser. Der Körper merkt, dass er sich nicht so anstellen soll."
      Wieder ein flüchtiges Lächeln.
      "Jedenfalls hat unser Sergeant das immer gesagt. Vom... auch egal eigentlich. Ich will dich nicht länger aufhalten, ich muss auch noch... Sachen machen. Bis Freitag."
    • "Dann Freitag. Picknick hört sich gut an. Dann treffen wir uns unten? Um... zwei? Oder drei?"
      "Um zwei, dann haben wir mehr vom Tag und es ist nicht so schlimm, wenn ich mal wieder Mittagessen vergesse," antwortete Kai.
      Die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich vergaß, etwas zu Mittag zu essen, war sogar ziemlich hoch. An seinen freien Tagen passierte ihm das einfach viel häufiger, weil er keine Deadlines hatte, an denen er sich orientieren konnte. Und weil er sich ständig in seiner Kunst verlor. Zeit war da einfach irrelevant. Und Hunger auch.
      "Und uhm, hast du was mit deiner Schulter?"
      "Hm? Oh, ja, das... ich musste am Sonntag eine extra Schicht um RB einlegen und ausgerechnet dabei hab ich mich mit einem Bierfass verhoben. Ich hatte bisher noch keine Zeit, mich wirklich damit zu befassen, also zwickt es ganz schön."
      Kai zuckte mit der gesunden Schulter. Es war keine allzu große Sache, sowas passierte eben manchmal. Er hatte schon schlimmeres erlebt.
      "Meistens hilft es, die Schulter so zu bewegen, wie es wehtut, und dann zu dehnen. Das tut dann noch mehr weh, aber dann wird es besser. Der Körper merkt, dass er sich nicht so anstellen soll. Jedenfalls hat unser Sergeant das immer gesagt."
      "Sicher, dass das gute Tips waren? Vielleicht war das auch einfach nur knallhartes Conditioning, damit ihr die Schmerzen ignorieren könnt?" meinte Kai und seine Worte waren nur halb im Scherz.
      Conditioning war ja tatsächlich eine Taktik im Militär. Deswegen war es so schwer einen Navy Seal zu ertränken oder sowas. Wirklich beschäftigt hatte sich Kai damit nicht. Das war nicht unbedingt seine Welt.
      "Ich will dich nicht länger aufhalten, ich muss auch noch... Sachen machen. Bis Freitag."
      "Okay. Bis Freitag."
      Kai kehrte zurück in den Kunstraum - und musste sich prompt einem Ansturm an Fragen stellen. Wer war das? Woher kannten sie sich? Fand er ihn süß? Kai biss sich lächelnd auf die Zunge und begann zu malen.

      Freitag kam und Kais Schulter machte immer noch Anstalten. Er hatte ein paar der Hausmittel ausprobiert, die ihm seine Senioren geraten hatten, aber nichts hatte wirklich geholfen. Er vergaß einfach ständig, seine Schulter zu schonen - ein Fluch, wenn man beidhändig war - und jetzt hatte er den Salat. Hoffentlich konnte er heute, an seinem freien Tag, genug Ruhe für das Gelenk finden, damit er das Wochenende im Rula Bula überlebte. Und die kommende Woche.
      Aber er hatte da noch ein Ass im Ärmel: Während er seine Sachen für das Picknick zusammenpackte, schnitt er auch ein paar Streifen Kinesiologie-Tape zurecht. Er wusste, dass die Meinungen darüber auseinander gingen, aber seiner persönlichen Erfahrung nach half es sehr wohl, Gelenke zu entlasten. Und wenn es nur war, weil das ständige Gefühl von da-ist-was ihn daran erinnerte, die Schulter ruhig zu halten. Eine Schulter allein zu tapen war praktisch unmöglich, aber da er sich heute mit Isaac treffen würde, konnte er einfach den anderen fragen. So schwer war das ja gar nicht.
      Pünktlich um zwei stand Kai unten an der Tür zum Gebäude, seine Umhängetasche auf die gesunde Schulter gelegt, ein kleiner Korb zu seinen Füßen. Er trug ein paar bequeme Haremshosen und ein Tanktop, da es warm werden sollte. Die Haare hatte er sich gestern Nacht bei einem schlechten Horrorfilm geflochten; der Zopf hielt noch, auch wenn er ein bisschen zerfleddert aussah. Jetzt fehlte nur noch Isaac.


    • Am Freitag stellte Isaac sich extra den Wecker auf 07:30 - er wollte immerhin nicht verschlafen. Um 5 war er dann aber eh schon wach.
      Er hatte sich seinen Plan genau zurechtgelegt. Die vergangenen Tage hatte er nur alte Kleidung getragen, um sich die frische, gewaschene für Freitag aufzusparen. Dann hatte er seine Rasur schleifen gelassen, um sich an diesem Tag frisch zu rasieren. Er wollte seine Nägel ordentlich schneiden, er wollte seine Zähne ordentlich putzen - vielleicht sogar mit Wasser - und letzten Endes wollte er eine Dusche wagen. Ja, am Freitag war es soweit, er wollte versuchen zu duschen. Nur sehr vorsichtig und nur mit den Kopfhörern, aber immerhin. Eine ganze Dusche.
      Dafür brauchte er genügend Zeit. Er legte sich sein Handtuch bereit, öffnete die Badezimmertür weit, damit er viel von der Wohnung sehen konnte, und setzte sich die Kopfhörer auf. Die Musik war ihm egal, hauptsache es gab keine Leerstellen zwischendrin, hauptsache sie übertönte beständig das Wasserprasseln. Das hier konnte wirklich funktionieren.
      Er zitterte ein wenig, als er nackt in der Dusche stand. Sein Herz pochte wie wild, als er den Duschkopf anstarrte, der nur wenige Zentimeter über seinem Kopf hing, und dabei zu verdrängen versuchte, welche Angst es ihm bereitete. Es war nur ein gottverdammter Duschkopf und doch stellte er sich so an, als hätte er das Wasser schon längst angemacht und würde ihm auch noch zuhören. Alles war in Ordnung, er hatte seine Musik. Er konnte das. Er war ein erwachsener Mann und konnte sich verdammt nochmal duschen.
      Mit bebender Hand griff er zur Armatur. Die Panik machte sich jetzt schon in ihm breit, schlug ihre eiskalten Klauen in ihn und hielt ihn fest in ihrem Griff. Auf seinem Nacken perlte der Schweiß, seine Knie fühlten sich schwach an. Dr. Harver würde es sicher nicht gutheißen, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Sie würde ihm sagen müssen, wie erbärmlich es war, sich jetzt schon in die Hose zu machen, wo er doch noch gar nicht angefangen hatte. Sie würde alles über den Fortschritt zurücknehmen, was sie beim letzten Mal gesagt hatte.
      Isaac schluckte schwer. Er nahm einen tiefen Atemzug, dann riss er sich zusammen. Achtung geben, Strafford. Er konnte das. Er konnte das hier durchziehen.
      Mit einem Ruck machte er das Wasser an. Der Duschkopf ging an und ließ das Wasser schwach auf ihn prasseln - eiskalt. Isaac zuckte. Sein Herz machte einen Sprung, der ihm in der ganzen Brust wehtat. Sein Atem setzte aus. Sein Sichtfeld verengte sich, eisige Panik schoss ihm durch die Adern. Hastig drehte er das Wasser wieder ab, sprang zurück, knallte gegen die Duschtür, stolperte, fiel gegen die Wand. Dann hatte er sich gefangen und richtete sich mit einem flachen Atemzug wieder auf.
      Er hatte es nicht gehört. Er hatte sich vom Wasser erschrocken, das war alles, aber gehört hatte er nichts. Wirklich nichts. Da war nicht das übliche Bedürfnis, sich schnell zu verstecken oder nach den Waffen zu greifen, je nachdem, was schneller zur Hand war. Er hatte es wirklich nicht gehört.
      Keuchend stieß er sich von der Wand wieder ab. Ihm war schwindelig und seine Beine zitterten, aber er schaffte es, nach draußen zu wanken und sich aufs Bett fallen zu lassen. Dort wartete er darauf, dass das Zittern vorüberging.
      Er konnte es schaffen. Er konnte es wirklich.
      Eine geschlagene Stunde lang beruhigte er sich soweit, dass er sich wieder einigermaßen normal fühlte, dann wagte er den zweiten Versuch. Es war alles nicht sehr ordentlich, war entsetzlich ermüdend und verlangte ihm sämtliche Kräfte ab, die er aufbringen konnte, aber bis um 10:00 hatte er es geschafft, jeden Körperteil einmal unter den Strahl gehalten zu haben. Zum Glück war er früh genug aufgestanden. Jetzt saß er auf der Couch, in seinen frischen Klamotten und in seine ungewaschene Decke gewickelt, weil ihm nach der ganzen nackten Tortur kalt war. Aber er hatte es geschafft. Er hatte es wirklich geschafft.
      Er aß sein Frühstück aus der Konserve, dann legte er sich nochmal hin, um sich nach der ganzen Plackerei auszuruhen. Um 13:00 ging sein Wecker und danach hatte er nichts mehr vor, als auf den richtigen Zeitpunkt zu warten. Er wollte nicht zu früh unten sein, damit er dort nicht herumstehen musste, also blieb ihm nichts anderes übrig, als auf der Couch zu sitzen und vor sich hinzustarren. Die meiste Zeit sah er dabei auf das Bild, das Kai ihm gemalt hatte, und den kleinen Cocktailschirm vor dem Eingang, der offen war. Sein Blick glitt zu seinem eigenen Schirm, der auch offen auf dem Fensterbrett lag. Heute war ein guter Tag, ja. Ein verdammt guter sogar.

      Kurz vor 14:00 ging er mit seinem gepackten Rucksack nach unten. Es fühlte sich etwas seltsam an, ganz so, als würde er auf eine Wanderschaft gehen, aber es war trotzdem noch aufregend. Isaac freute sich darauf. Ein ganz normaler Typ sein an einem ganz normalen Tag - und das auch noch mit Kai.
      Kai stand schon da und lächelte wie jedes Mal, wenn er Isaac sah. Er trug seine Haare in einem Zopf, der unordentlich aussah und ihm seinen typischen ich-lebe-mein-Leben-wie-ich-will-Look verpasste. Isaac fand ihn bezaubernd. Alles an dem Mann war einzigartig.
      "Hey."
      Er lächelte auch kurz. Immerhin hatte er sich die Zähne geputzt und sogar geduscht, er hatte es sich quasi verdient zu lächeln.
      "Wollen wir?"
      Sie gingen nach draußen und dann nach rechts. Die Bücherei war nicht so weit, nur zwanzig Minuten, und der Park nur ein kleines Stück weiter. Es war zwar heiß, aber durch den Schatten der Gebäude aushaltbar. Isaac machte die Hitze sowieso nichts aus, sowas hatten sie sich alle im Dienst abgewöhnen müssen.
      "Es hat funktioniert, mit den Kopfhörern. Das mit dem Wasser. Ein bisschen zumindest", sagte er und lächelte ein bisschen mehr, sah Kai an, sah wieder nach vorne. Kai davon zu erzählen, machte die ganze Sache irgendwie noch viel besser. Bei ihm fühlte sich so eine kleine Errungenschaft an wie ein Sprung.
      "Danke nochmal. Was macht die Schulter?"
    • "Hi Isaac!"
      Kai unterdrückte den Drang, den Mann mit einer Umarmung zu begrüßen. Er wollte - er wollte wirklich - aber Isaac schien ja nicht so der Typ für Körperkontakt zu sein, also hielt sich Kai zurück.
      "Wollen wir?"
      "Jap."
      Kai hob den kleinen, klassisch kitschigen Korb mit dem guten Arm und folgte Isaac nach draußen. Der hielt ihm schon wieder die Tür auf, ganz der Gentleman eben.
      "Es hat funktioniert, mit den Kopfhörern. Das mit dem Wasser. Ein bisschen zumindest."
      Kais Lächeln wurde noch breiter.
      "Das ist gut! Richtig gut! Man, ich liebe es, wenn eine einfache Lösung die größten Probleme aus dem Weg räumen kann! Dann muss ich dir jetzt wohl einen Haufen Playlists machen, damit du immer was zum Hören hast, hm? Oh! Oder du kannst Hörbücher hören! Dann sind's drei Fliegen und eine Klappe! Du musst kein Wasser hören, kannst tun was auch immer du gerade mit Wasser tun musst, und du kannst Bücher lesen! HA!"
      "Danke nochmal."
      "Kein Problem. Freut mich, dass es geklappt hat. Ich hab ja hauptsächlich nur Zeug an die Wand geklatscht und gehofft, dass irgendwas kleben bleibt."
      "Was macht die Schulter?"
      Kai schnaufte und rollte mit den Augen.
      "Zickt immer noch rum. Ich hätte nicht gedacht, dass jeden Tag so viel durch die Gegen schleppe. Aber ich hab Tape dabei und hatte gehofft, dass du mir nachher ganz vielleicht ein kleines Bisschen aushelfen könntest? Ich komm da nicht richtig dran, ums selbst zu machen. Du musst natürlich nicht, ich kann auch einfach heute Abend Julie fragen, das geht schon. Ist halt nur extrem nervig, weißt du? Die rechte Schulter zickt rum und mein linkes Handgelenk mag mich auch nicht unbedingt, also muss ich gerade einen sehr seltsamen Balanceakt tanzen. Irgendwie unfair, wenn man bedenkt, dass ich beidhändig bin, oder? Irgendwie auch lustig. Ich kann beide Hände benutzen und hab's irgendwie geschafft, das auf beiden Seiten unbequem zu machen. Das muss man auch erstmal schaffen."
      Er lachte leise. Warum passierte sowas auch immer ihm? Als ob der Rest von ihm und seinem Leben nicht schon chaotisch genug war.
      "Positive Seite: ich hab weniger Farbe an mir. Mit meinem eingeschränkten Bewegungsradius hab ich mich auf Zeichnungen konzentriert, anstatt auf's Malen und siehe da: weniger offene Farbtuben bedeutet weniger Farbe an mir dran."


    • Isaac mochte Kai. Er mochte ihn sogar sehr. Wie begeistert er wurde, als er von seinem Erfolg hörte, wie viele Ideen ihm dazu gleich in den Sinn kamen, die er dazu auch noch sofort aussprach. Kai war einfach ein unvergleichlicher Sonnenschein, der alles in seiner Umgebung aufwärmte. Und Isaac war so glücklich, in seiner Nähe sein zu können.
      "Ich hätte nicht gedacht, dass ich jeden Tag so viel durch die Gegen schleppe. Aber ich hab Tape dabei und hatte gehofft, dass du mir nachher ganz vielleicht ein kleines Bisschen aushelfen könntest?"
      "Natürlich. Sicher."
      "Die rechte Schulter zickt rum und mein linkes Handgelenk mag mich auch nicht unbedingt, also muss ich gerade einen sehr seltsamen Balanceakt tanzen. Irgendwie unfair, wenn man bedenkt, dass ich beidhändig bin, oder?"
      "Ja." Isaac musste lächeln. "Schon irgendwie."
      "Irgendwie auch lustig. Ich kann beide Hände benutzen und hab's irgendwie geschafft, das auf beiden Seiten unbequem zu machen. Das muss man auch erstmal schaffen."
      "Da bist du sicher der erste."
      "Positive Seite: ich hab weniger Farbe an mir. Mit meinem eingeschränkten Bewegungsradius hab ich mich auf Zeichnungen konzentriert, anstatt auf's Malen und siehe da: weniger offene Farbtuben bedeutet weniger Farbe an mir dran."
      Isaac warf ihm einen kurzen Seitenblick zu.
      "Ich fand die Farbe eigentlich ganz gut. Dann kann man dich aus der Entfernung immer sehen. Damit kannst du dich nicht tarnen, man ist immer rechtzeitig vor dir gewarnt."
      Unsicher, ob Kai mit seinem Humor schon nachkam, schob er vorsichtshalber ein Lächeln hinterher, dann räusperte er sich.
      "Hast du es schonmal mit Massage versucht? Ich kenn da ein paar Kniffe, wenn du mich lässt. Das kommt auch ganz sicher nur ein bisschen von dem knallharten Conditioning, das wir durchgemacht haben, um Schmerzen zu ertragen. Versprochen."
    • "Ich fand die Farbe eigentlich ganz gut. Dann kann man dich aus der Entfernung immer sehen. Damit kannst du dich nicht tarnen, man ist immer rechtzeitig vor dir gewarnt."
      "Bis ich mich in einem Kunstladen verstecke, dann bin ich geradezu unsichtbar!" gab Kai ohne zu zögern zurück.
      Und dann lachte er gleich ein bisschen über ihren gemeinsamen Scherz. Aber der Gedanke war irgendwie... naja, süß. Dass Isaac jetzt schon einfach erwartete, dass Kai voller Farbe war und das auf eine gute Art mit ihm assoziierte. Kai war schon genug Menschen begegnet, die die Nase rümpften, wenn er mit Farbe bekleckert an ihnen vorbei ging, als er irgendwie weniger als sie, nur weil er nicht zu einhundert Prozent klinisch rein war oder sowas. Kai nannte solche Menschen - oft zurecht - langweilig. Aber dass es Isaac gefiel... Er hatte ja gewusst, dass Isaac kein Langweiler war.
      "Hast du es schonmal mit Massage versucht? Ich kenn da ein paar Kniffe, wenn du mich lässt. Das kommt auch ganz sicher nur ein bisschen von dem knallharten Conditioning, das wir durchgemacht haben, um Schmerzen zu ertragen. Versprochen."
      "Für 'ne Massage hatte ich keine Zeit, nein. Aber du kannst dich gern austoben, solange du mir versprichst, dass meine Schulter danach noch im Gelenk sitzt. Ich brauch die nämlich noch. Du weißt schon: zum Zeug schleppen."
      Kai zuckte mit der gesunden Schulter.
      "Ich mein, es könnte schlimmer sein. Das letzte Mal, als mir sowas ähnliches passiert ist, musste ich irgendwie ein ganzes Surfbrett eine steile Klippe hochschleppen. Barfuß. Das war absolut kein Spaß, kann ich nicht empfehlen."