The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

    • "Hätte ich nicht, aber habe ich."
      Isaac stellte Cola und Salzstangen auf dem Tisch ab, wo auch ein ungenutzter Malblock lag. Er wusste nicht, ob er Kai jemals mit einer leeren Seite gesehen hatte, die nicht sofort von irgendetwas bemalt wurde. Es lagen auch genug Zeichenutensilien herum, um die Seite zu füllen, aber Kai hatte es trotzdem nicht getan. Es musste schlimm sein, wenn er schon nicht zeichnen wollte.
      Isaac schob ein paar Deckenhügel beiseite und setzte sich neben ihn auf die Couch. Die restliche Hühnersuppe blieb auf dem Herd warm.
      "Ich weiß, wie einsam es sein kann, wenn man den ganzen Tag nur in der Wohnung hockt. Und jetzt sitzen wir wenigstens zu zweit hier drinnen. Draußen ist es sowieso noch viel zu warm."
      Sein Blick fiel auf die Schiene an Kais Handgelenk. Die hatte er gestern noch nicht getragen; die hatte er auch sonst noch nie getragen, denn Isaac wäre sie aufgefallen, nachdem sie an seiner linken Hand war, wie auch Isaacs Prothese. Er nickte darauf.
      "Was ist mit deiner Hand passiert?"
    • Kai löffelte brav seine Suppe, auch wenn ihm überhaupt nicht danach war.
      "Ich weiß, wie einsam es sein kann, wenn man den ganzen Tag nur in der Wohnung hockt. Und jetzt sitzen wir wenigstens zu zweit hier drinnen. Draußen ist es sowieso noch viel zu warm."
      Er brummte unbestimmt auf Isaacs Ausführungen hin und schob sich einen weiteren Löffel in den Mund, um nicht verbal antworten zu müssen.
      "Was ist mit deiner Hand passiert?"
      "Hm?"
      Kai betrachtete seine gute, alte Schiene.
      "Zickt rum," meinte er mit einem Schulterzucken. "Hab mir das vor Jahren mal gebrochen und hin und wieder erinnert es mich eben daran."
      "Du weißt, was das letzte Mal passiert ist, als du der Meinung warst, mir widersprechen zu müssen. Oder muss ich dich noch einmal daran erinnern?"
      Kai stellte seine Suppe weg, zog die Beine an und sich eine Decke über den Kopf. Er wollte nicht, dass Isaac sah, wie seine Hände zitterten.
    • "Achso."
      Isaac wartete darauf, dass noch mehr kam. Eine kleine Geschichte, wie Kai sich mal beim Turnen verletzt hatte oder bei irgendeiner anderen Aktivität aus seinem bunten Leben. Er wartete darauf, dass Kai so fröhlich vor sich hin plapperte wie sonst.
      Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen stellte Kai seine halb leere Schüssel auf den Tisch und verkroch sich zurück in seinen Decken, bis nichts mehr zu sehen war als seinem Gesicht. Stille trat ein, in die Isaac die Stirn runzelte. Kai hatte eine merkwürdige Stimmung, wenn er krank war. Ganz so wie Isaac, wenn er sich am liebsten vor allem verstecken wollte.
      "Willst du was ansehen?" Er angelte nach der Fernbedienung. "Irgendwas leichtes? Friends, vielleicht?"
      Kai gab nur ein unbestimmtes Grummeln von sich, das kein Ja und kein Nein war. Isaac entschied daher für ihn, schaltete ein und zappte ein bisschen herum. Er legte sich auf etwas fest, das wasserfrei wirkte, und lehnte sich zurück, immer ein halbes Auge auf Kai gerichtet. Wenn es ihm doch schlechter gehen würde, wollte er da sein. Dafür war er schließlich gekommen.
    • Kai hatte eigentlich überhaupt keine Lust darauf, zusammen mit Isaac irgendetwas zu gucken. Aber er sagte nichts. Auch nicht, als Isaac irgendetwas anmachte und sich dann entspannt zurücklehnte.
      Für eine kleine Weile saßen sie einfach nur so da und machte einfach gar nichts, außer sich von den Medien berieseln zu lassen. Irgendwann (relativ schnell sogar) nervte weder das, noch Isaacs Anwesenheit Kai. Er war sogar ziemlich dankbar dafür, nicht ganz allein mit seinen Gedanken zu sein. Er ließ sich ganz unglamourös zur Seite kippen und legte seinen Kopf auf Isaacs Schoß. Er war müde. So unendlich müde. Nach dem Stress gestern Abend und der durchgemachten Nacht war das eigentlich auch gar kein Wunder.
      Dieses Mal, als ihm die Augen zufielen, blieben die Bilder aus seiner Vergangenheit weg, als beschütze Isaac ihn davor. Also hörte Kai auf, sich zu wehren und erlaubte es sich endlich, ein bisschen zu schlafen.
    • Irgendwann ließ Kai sich zur Seite kippen und machte es sich ganz vertraulich in Isaacs Schoß gemütlich, als würden sie sich schon ewig kennen, als wäre das nichts neues. Isaac hatte sich noch nicht ganz daran gewöhnt, wie wenig Kai sich um Körperkontakt kümmerte, aber er ließ ihn machen. Es fühlte sich sogar gut an. Er mochte die Nähe, die Kai ihm so leicht bot. Behutsam tätschelte er ihm die Schulter, was er durch die gewaltige Decke vermutlich sowieso nicht spürte. Dann sah er weiter fern.
      Aber seine Aufmerksamkeit lag auf Kai. Er spürte sein Gewicht auf seinem Schoß, beruhigend und entspannend. Es war ziemlich bequem so, mit Kais Gewicht auf ihm. Fast wünschte er sich, der Mann hätte sich mehr auf ihn gelegt.
      Er sah irgendwann hinab, um ihn an die Suppe zu erinnern, als er sah, dass Kai eingeschlafen war. Sein Gesicht war entspannt, die Stirn geglättet, seine müden Augen geschlossen. Sein Mund war leicht geöffnet und Isaac lächelte ganz automatisch. Was für ein hübscher Mann, selbst wenn er schlief, selbst wenn er von Krankheit ganz müde und ausgelaugt war. Seine Locken waren zerrupft und ungekämmt, standen ihm in alle Richtungen ab, und doch konnte Isaac nicht anders, als mit dem Blick seinem Kinn zu folgen, seiner Wange, die langen, dunklen Wimpern zu betrachten. Kai war ein unfassbar schöner Mann, sowohl außen, als auch innen. Ein einzigartiger Mann.
      Er streckte die Hand nach ihm aus und schob behutsam eine Locke nach hinten. Kai regte sich kurz, schluckte, schob die Hand unter Isaacs Bein und schlief wieder ein. Ermutigt davon schob Isaac die Finger tiefer in sein Haar, strich es beiseite, kraulte ihn. Kais Haut war warm unter seinen Fingern, warm und weich. Er lächelte mehr, als Kai ein winziges Geräusch von sich gab.
      Damit war der Fernseher völlig vergessen. Isaac hatte nur noch Augen für Kai übrig. Er kraulte ihm den Kopf, fuhr mit den Fingern durch seine Haare, streichelte ihm vorsichtig über den Nacken. Kai schlief und ließ ihn. Vermutlich sollte Isaac ihn aufwecken, damit er ins Bett gehen und ordentlich schlafen konnte, aber der Gedanke kam ihm nicht. Stattdessen sank er tiefer und tiefer in die Kissen hinein, während das dämmrig werdende Licht ihn langsam einlullte. Doch selbst als er eindöste, hingen seine letzten Gedanken noch immer an Kai in seinem Schoß.
    • Irgendwann, mitten in der Nacht, grabschte Kai nach einem seiner vielen Kopfkissen. Stattdessen fand er einen knallharten Waschbrettbrauch. Verwirrt blinzelte er bis er erkennen konnte, warum sein Kopfkissen so hart war. Weil es gar kein Kissen war. Es war Isaac! Es dauerte noch einen Augenblick bevor er erklären konnte, warum Mitternacht auf einmal so hell war - es war Morgen und die Sonne schien schon. Oops.
      Müde setzte sich Kai auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Isaac saß da, mehr als tiefenentspannt, weil er selbst schlief. Er hatte sich wohl die ganze Nacht lang nicht bewegt. Doppel Oops.
      Kai sah sich um und sah die Überreste seiner Suppe, die Salzstangen, den Softdrink. Isaac hatte sich wirklich um ihn gekümmert, auf seine eigene Art. Kai schmunzelte.
      Vorsichtig schälte er sich aus seinem Kokon und legte zumindest eine der Decken über Isaac, als er aufstand. Kurz streckte er sich, dann schnappte er sich die Suppenschüssel und räumte sie schnell in die Küche. Der Rest der Suppe stand entspannt da, und er entschied sich, die für später aufzuheben. Daraus konnte man bestimmt irgendeine Sauce oder so machen.
      Er beschäftigte sich damit, seine Küche ein bisschen aufzuräumen, bevor er Frühstück machte. Ihm stand der Sinn nach Waffeln. Und ihm stand der Sinn danach, sie mit seinem persönlichen Ritter in weißer Rüstung zu teilen.

      "Hey, Isaac."
      Kai stupste den Riesen an der Schulter an. Dann hielt er ihm eine Waffel unter die Nase.
      "Aufstehen~" säuselte er. "Frühstück. Ich hab Waffeln gemacht. Wenn du dir keine nimmst, dann verputz ich die alle selbst."
    • "Hey, Isaac."
      Isaac öffnete die Augen zu Sonnenlicht und dem Geruch nach Waffeln. Mh. Er mochte Waffeln.
      "Aufstehen~", säuselte eine Stimme hinter ihm und er erkannte Kai, als seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Er schien munter und fröhlich, ganz wie der alte Kai.
      "Frühstück. Ich hab Waffeln gemacht. Wenn du dir keine nimmst, dann verputz ich die alle selbst."
      "Bloß nicht. Ich liebe Waffeln. Her damit."
      Er schnappte sich die Waffel mit den Zähnen, bevor Kai sie noch wegnehmen konnte, und richtete sich auf. Ein unangenehmer Schmerz zog durch seinen Nacken weiter in seinen Rücken hinab und Isaac zuckte zusammen. Das hatte er davon, wenn er die ganze Nacht in einer Position verbrachte. Es war auch nicht sein erstes Mal.
      Er drehte sich hierhin und dorthin, dehnte seinen Nacken, bis er es knacken hörte, dann stand er auf. Sein Blick glitt erst über die aufgeräumte Küche, bevor er auf Kai landete, ganz ohne Decke und mit einer Mähne aus zerzausten Haaren. Isaac kicherte.
      "'Tschuldigung. Deine Haare sind etwas... überall."
      Er deutete seine Mähne mit den Händen an und verschwieg lieber, dass das teilweise seine Schuld war. Es stand ihm auch, diese zerzauste Frisur. Er sah süß aus.
      Isaac biss von seiner Waffel ab.
      "Hast du auch Ahornsirup da?"
    • Isaac nahm ihm die Waffel ab, was Kai als Sieg verzeichnete. Dann kicherte der Riese und deutete auf seine Haare.
      "'Tschuldigung. Deine Haare sind etwas... überall."
      "Hm? Oh... ja... Wenn ich die nicht jeden Tag zur Ordnung rufe, dann artet das ganz schnell aus..."
      Kai fuhr sich mit einer Hand durch besagte Mähne, blieb hängen und verzog das Gesicht. Autsch. Er würde wohl einige Zeit damit verbringen müssen, sich um dieses Vogelnest zu kümmern. Da half nur das volle Kur-Programm. Was praktisch ein ganzes Tagesprojekt darstellte. Mist. Naja, er war ja selbst dran schuld.
      "Hast du auch Ahornsirup da?" fragte Isaac.
      "Das nicht. Aber Vanille-Eis!"
      Kai hüpfte zurück in Richtung Küche und zauberte die Packung mit dem Eis zum Vorschein. Er parkte sie neben einem großen Stapel Waffeln und setzte sich dann auf die Arbeitsplatte. Mit einem Löffel schaufelte er Eis aus der Packung in seinen Mund, bevor er von einer eigenen Waffel abbiss. So sparte man sich das Saubermachen von Tellern.
      Nach den ersten paar Bissen seufzte Kai. "'Tschuldigung wegen gestern, übrigens. Ich hatte nicht geplant auf dir einzuschlafen."
    • Ahornsirup hatte er lieber, aber zu Vanille-Eis würde Isaac auch nicht Nein sagen. Was für ein Frühstück; als wären sie im Urlaub. Isaac lächelte wieder und machte sich daran, mit viel Aufwand das Eis auf seiner Waffel zu verteilen. So gut es eben ging.
      "'Tschuldigung wegen gestern, übrigens", sagte Kai mit einem Seufzen. "Ich hatte nicht geplant auf dir einzuschlafen."
      "Das macht nichts." Isaac wurde ein bisschen verlegen, als er daran dachte, Kai betrachtet zu haben. Auch jetzt konnte er es noch sehen, mit der Morgensonne im Hintergrund, die ein hübsches Licht auf Kais Wangen zeichnete. Kai war... eben Kai. Rundum toll.
      "Das war bequem. Kennst du diese Gewichtsdecken? Die finde ich super. Hat sich fast genauso angefühlt."
      Er nahm einen Bissen von seiner Eis-Waffel und leckte schnell mit der Zunge nach, als das Eis tropfte. So ganz hatte er den Belag nicht hinbekommen.
      "Geht's dir besser? Du wirkst wieder... fröhlicher."
    • "Das macht nichts. Das war bequem. Kennst du diese Gewichtsdecken? Die finde ich super. Hat sich fast genauso angefühlt."
      Kai lächelte ein bisschen. Er wusste, dass Isaac so seine Macken mit Körperkontakt hatte, daher war es gut zu hören, dass es ihn nicht besonders gejuckt hatte, dass Kai einfach so auf ihm eingeschlafen war.
      "Geht's dir besser?" fragte Isaac. "Du wirkst wieder... fröhlicher."
      Kai seufzte und stocherte ein bisschen im Eis herum.
      "Ja und Nein?" antwortete er nach einem Moment des Schweigens. "Meine Motivation ist wieder da, ja. Meine Stimmung... naja. Work in Progress. Waffeln und Eiscreme helfen."
      Er schmierte sich einen ordentlichen Löffel voll auf seine Waffel, faltete sie und schob sich, grinsend, viel zu viel auf einmal in den Mund.
    • "Hm. Immer ein Schritt nach dem anderen nehmen."
      Isaac sah zu, wie Kai sich übermutig den Mund mit Waffel und Eis vollstopfte, bis seine Backen ausgefüllt waren wie ein Hamster. Isaac lächelte; wie typisch von Kai, einfach das beste daraus zu machen. Sein Blick blieb dabei einen Augenblick zu lang an seinen Lippen hängen, die noch feucht vom Eis waren.
      "Wenn meine Stimmung naja ist, geh ich immer schlafen. Das hilft meistens. Ein paarmal schlafen und die Welt sieht wieder anders aus."
      Er bedeckte seine Waffel mit gemäßigtem Eis und kümmerte sich eher darum, das Eis auch in seinem Mund zu halten. Keine Ahnung wie Kai das schaffte, Isaac konnte den Mund vielleicht einfach nicht so weit aufmachen. Ihm würde alles aufs T-Shirt fallen. Wieso saßen sie eigentlich so weit weg voneinander? Isaac starrte auf die Distanz zwischen seinem Ellbogen und Kais Oberschenkel und fragte sich, ob sie immer schon so weit auseinander gesessen hatten. Im Park, als sie gelesen hatten, sicher nicht, da hatten sich fast ihre Beine berührt, und bei der Übernachtungsparty mit dem Deckenzelt auch nicht, da hatten sie schließlich quasi gekuschelt. Auch gestern im Innenhof nicht. Aber jetzt? Irgendwie kam es ihm zu weit weg vor. Wahrscheinlich hatte er sich einfach an die Nähe gewöhnt, nachdem Kai auf seinem Schoß geschlafen hatte. Das musste es gewesen sein.
      "Was machst du denn, wenn es dir nicht gut geht? Zeichnen? Rausgehen?" Er hob die Waffel an. "Essen?"
    • "Wenn meine Stimmung naja ist, geh ich immer schlafen. Das hilft meistens. Ein paarmal schlafen und die Welt sieht wieder anders aus. Was machst du denn, wenn es dir nicht gut geht? Zeichnen? Rausgehen? Essen?"
      Kai brauchte einen Moment für seine Antwort. Nicht, weil ihm die Worte fehlten oder sowas, sondern weil er mit der Waffel in seinem Mund kämpfte. Vielleicht hatte er doch ein bisschen zu viel abgebissen. Ups.
      "Schlafen ist langweilig," meinte er, als er endlich Platz zum Sprechen fand. "Das kann ich machen, wenn ich alt bin." Er schluckte den Rest herunter. "Ich bin eher der 'sinnlos die Wand anstarren'-Typ, weißt du? Irgendwann verirrt sich dann wieder eine Hummel in meinen Hintern und ich mach irgendwas. Meistens malen. Meistens hasse ich, was ich dabei produziere, aber das ist ja irgendwie Sinn und Zweck der Sache. Nimm den ganzen doofen Kram und schmeiß ihn auf die Leinwand. Und dann verkauft man das an irgendeinen reichen Schnösel, der sich denkt, damit super intelligent rüberzukommen und schon hat man die Miete für zwei Monate drin. Das macht mich immer wieder happy."
      Vielleicht sollte Kai das mal wieder tun. Das letzte Mal war schon ein bisschen her - und hatte ihm wirklich gutes Geld beschert. Damit wäre sein Vater wenigstens zu irgendetwas zu gebrauchen.
      "Hm..."
      Kai rutschte von der Küchentheke und wanderte zu seiner Sammlung leerer Leinwände hinüber. Er durchsuchte sie ein bisschen, bis eine Größe, eine Form zu ihm sprach. Dabei hatte er seinen Eiscreme-Löffel immer noch im Mund. Als er drei gleichgroße Leinwände fand, schlug bei ihm der Blitz der Inspiration ein. Er fischte sie aus dem Stapel und warf sie auf den Boden, genau da, wo er sonst immer malte.
      "Ich kann das nur empfehlen, weißt du?" meinte er über seine Schulter an Isaac gerichtet, während er seine Auswahl an Farben und Materialien betrachtete, um die richtigen zu finden. Er warf eine Palette neben die Staffeleien.
      "Deine Emotionen in was physisches zu verwandeln. Kann helfen, sie zu verarbeiten."
      Dann fraß er sich durch all seine Farbtuben und -flaschen. Was auch immer sich richtig anfühlte stapelte er in seinen Armen.
      "Außerdem kann es ziemlich lustig - und befreiend - sein, einfach mal was anzuzünden," beendete Kai seinen kleinen Vortrag. Er sah auf und grinste Isaac an.
    • Isaac hob die Augenbrauen.
      "Du verkaufst deine Gemälde für zwei Monatsmieten? Wow. Ich bin neidisch."
      War er wirklich, denn Kai schien so leicht zeichnen zu können wie Isaac ein Buch las. Wenn er auch so schnell Geld machen könnte, würde er es auch dem Schlaf vorziehen, ganz sicher.
      "Hm..."
      Kai rutschte von der Platte und ging zu den leeren Leinwänden hinüber. Isaac beobachtete ihn dabei, wie er eine davon auswählte, sich dann drei auf einmal schnappte und auf den Boden fallen ließ.
      "Ich kann das nur empfehlen, weißt du?"
      "Zeichnen? Ich weiß nicht. Das letzte Mal habe ich wahrscheinlich in der Schule gemalt."
      Kai kauerte sich hin und suchte sich sein Werkzeug zusammen.
      "Deine Emotionen in was physisches zu verwandeln. Kann helfen, sie zu verarbeiten."
      Isaac schnaubte. "Du hörst dich an wie ein Therapeut. Wäre vielleicht ein Alternativjob, wenn deine Bilder sich mal nicht verkaufen."
      Er stand auf und steckte sich das letzte Stück Waffel dabei in den Mund.
      "Außerdem kann es ziemlich lustig - und befreiend - sein, einfach mal was anzuzünden", sagte Kai über die Schulter hinweg und grinste dabei wie ein frecher Junge.
      "Woah. Ganz langsam. Wenn du hier zündelst, muss ich dich an den Vermieter verpetzen."
      Er kam zur Couch und lehnte sich dagegen, um Kai beim Machen zuzusehen. Der legte sich das Zeug zurecht, dann legte er sich die Leinwände zurecht und begann, seine Künstlersachen darauf zu machen. Isaac kam um die Couch herum, setzte sich und sah ihm ein paar Minuten lang zu. Bisher machte Kai aber nichts außergewöhnliches, was Isaac nicht tatsächlich auch selbst hinbekommen hätte, und er ließ seinen Blick schweifen. Er fiel auf Kais Skizzenbuch.
      "Hast du auch Papier da? Normales Papier?"
      Hatte Kai, natürlich. Isaac nahm sich etwas davon mit einer harten Unterlage, dann setzte er sich zurück auf die Couch.
      Ein bisschen zeichnen. Ein bisschen die Hände benutzen. Bei Kai sah das sehr leicht aus, aber Isaac brauchte lange, bis er überhaupt eine Idee fand. Dann begann er zu malen.
      Und verlor glatt den Stift aus seiner Prothese.
      "Mist."
      Er klaubte ihn wieder auf, positionierte ihn so, wie er glaubte, Stifte früher gehalten zu haben, und versuchte wieder zu zeichnen. Das Fehlen an Gefühl erschwerte die ganze Sache ungemein. Er wusste nicht, wie viel Druck er ausübte, in welche Richtung er den Stift drehen konnte, in welchem Winkel er ihn halten musste. Er glitt ihm wieder zwischen die Finger und beim nächsten Mal konzentrierte Isaac sich so sehr auf den Stift, dass er gar nicht mitbekam, wohin er die Linie überhaupt zog. Er seufzte. Dann also mit der rechten Hand.
      Mit der rechten war alles viel schwieriger und krakeliger, aber zumindest bekam er einigermaßen hin, was er sich vorgenommen hatte. Er hielt das Blatt Papier hoch und drehte es um, um es Kai zu zeigen. Es war nicht viel mehr als ein typischer Kindergarten-Baum. Ein Stamm, ein wolkiges Blätterdach und ein paar Striche in dem Versuch von Zweigen.
      "Wie viel wird das einbringen, meinst du? Könnte ich mir davon wenigstens Zahnpasta kaufen?"
    • "Du hörst dich an wie ein Therapeut. Wäre vielleicht ein Alternativjob, wenn deine Bilder sich mal nicht verkaufen."
      Kai schnaubte. "Dir ist bewusst, dass ich das im Prinzip bin? Ich bring den Kids im Center nicht malen bei, das kommt von allein."
      "Woah. Ganz langsam. Wenn du hier zündelst, muss ich dich an den Vermieter verpetzen."
      Jetzt lachte Kai, während er die drei Leinwände auf dem Boden in eine Reihe schob.
      "Ich bin vielleicht ein bisschen tollpatschig, aber ich bin immer noch verantwortlich genug, um nicht in geschlossenen Räumen mit Feuer zu spielen. Das mach ich draußen. In 'ner Feuerschale oder so."
      Fürs erste beschloss Kai, die Palette zu ignorieren. Stattdessen nahm er ein paar der großen, billigen Farbflaschen und begann, großzügig ihren Inhalt auf die Leinwände zu quetschen. Das verteilte er dann mit einem Pinsel, der eigentlich schon in den Müll gehörte, auf der Leinwand, bis er keine Farbe mehr hatte. Dann nahm er die nächste Flasche und wiederholte den Vorgang, bis alle Leinwände kein Weiß mehr aufzeigten. Das war erstmal nichts weiter als ein bisschen Farbchaos, das Leuten mit gutem Auge als billig auffallen würde - genau wie geplant.
      "Hast du auch Papier da? Normales Papier?"
      "Normales Papier? Ich fürchte du musst ein bisschen genauer sein. Druckerpapier? Skizzenpapier? Vellum? Für Wasserfarben?"
      Isaacs Gesichtsausdruck verriet Kai, dass der Mann keine Ahnung hatte, wovon Kai gerade sprach. Also wühlte er einfach ins einem Schrank rum, bis er einen Block mit Skizzenpapier fand, den er an Isaac weiterreichte.
      Sobald Isaac mit Stiften (siebzehn verschiedene Stärken, alle in einer alten Suppendose steckend) und Papier versorgt war, wandte sich Kai wieder seinen Leinwänden zu. Da er Acrylfarben benutzt hatte, waren die in der Zwischenzeit genug getrocknet, dass er weitermachen konnte. Er schnappte sich seine Kreidemarker und legte los, ohne vorher irgendetwas einzuzeichnen. Es ging ja darum, das Chaos aus seinem Hirn auf die Leinwand zu werfen, da half planen nur bedingt. Wenn es gut war, würde Kai es vielleicht verkaufen. Und wenn es absoluter Mist war, dann hatte er nicht viel verloren.
      "Mist."
      "Hm?"
      Er sah über seine Schulter und sah, wie Isaac mit seiner Prothese hantierte. Er hatte schon mitbekommen, dass Isaac seine Prothese nicht mochte, daher war es nur wenig überraschend, dass er das Hightech-Teil kaum im Griff hatte. Trotzdem machte er weiter und nahm dann sogar einfach die andere Hand. Es war offensichtlich, dass er nicht zu dem gleichen, geringen Prozentteil wie Kai gehörte, der mit beiden Händen arbeiten konnte. Und dennoch hörte Isaac nicht auf. Kai schmunzelte.
      "Wie viel wird das einbringen, meinst du? Könnte ich mir davon wenigstens Zahnpasta kaufen?" fragte Isaac dann, als er sein Meisterwerk in die Höhe hielt.
      "Nur wenn du das als Teil von irgendeinem Go Fund Me Projekt eines schwer kranken Kindes verkaufst, fürchte ich."
      Seine eigenen Leinwände waren vergessen. Kai sprang auf und kramte erneut in einer der Kisten in seinem Schrank herum, bis er fand, wonach er suchte. Bewaffnet mit einem Blob aus Silikon gesellte er sich zu Isaac. Er nahm ihm den Stift ab und schob ihn in den Silikon Block, bevor er ihn zurückreichte - spezifisch an Isaacs linke Hand.
      "Hier. Das hilft mit dem Griff. Die Prothese hat keine Feinmotorik, also greif das ruhig wie ein Fünfjähriger mit der ganzen Hand. Den Druck fühlst du mit dem Arm. So hab ich meine Hand nach der OP wieder ans Zeichnen gewöhnt."
      Kai hielt sein geschientes Handgelenk in die Höhe.
      "Oder muss ich dich noch einmal daran erinnern?"
      Kai wandte sich ab und schnappte sich sein Skizzenbuch und einen weiteren Bleistift. Er legte die Beine auf den Sofatisch und begann, loszuzeichnen - mit seiner freien Hand. Schon bald tummelten sich ein Haufen Bäume auf der Seite, alle um einiges realistischer als Isaacs kleines Meisterwerk.
      "Deinem Bild fehlt ein Hase, weißt du?" meinte er, ohne von der Trauerweide, die er gerade zeichnete, aufzusehen. "Die sind einfach zu malen. Großes Oval, oben drauf ein halbes, kleines Oval. Ein wackeliger Kreis für den Puschelschwanz... Ohr, Ohr, Wiiieeese."
      Er zeichnete besagten Hasen seiner eigenen Anleitung folgend und siehe da, unter der Trauerweide saß nun ein kleiner Hase mit dem Rücken zum Betrachter.
      "Tada!"
    • "Dann hab ich jetzt einen, hm, schwer kranken Neffen, der das gemalt hat. Der ist..." Isaac kniff die Augen zusammen und betrachtete sein Bild. "Allerhöchstens 5, würde ich sagen. Vielleicht eher 4."
      Kai sprang auf, kramte in seiner Kiste und kam mit einer Stifthalterung wieder. Isaac betrachtete das Ding kritisch, das ihn an den Kindergarten erinnerte.
      "Hier", sagte Kai fröhlich. "Das hilft mit dem Griff. Die Prothese hat keine Feinmotorik, also greif das ruhig wie ein Fünfjähriger mit der ganzen Hand. Den Druck fühlst du mit dem Arm. So hab ich meine Hand nach der OP wieder ans Zeichnen gewöhnt."
      "Hm. OP?"
      Kai hielt sein geschientes Handgelenk in die Höhe.
      "... Achso. Ja. Ich vergesse immer, dass man auch ohne Prothese Probleme mit der Hand haben kann."
      Er legte sich den Stift in die Hand und fasste zu wie bei einem Kochlöffel. Der Stift hielt jetzt wesentlich besser, was er nach kurzem Schütteln herausfand. Das könnte sogar funktionieren.
      Konzentriert setzte er erneut an und bewegte diesmal den ganzen Arm. Das war zwar anstrengend, aber es gab ihm etwas von seiner Motorik zurück und damit waren die Striche sogar einigermaßen glatt. Er setzte ab und betrachtete mit hochgezogenen Augenbrauen das Bild, das jetzt eher nach einem 8-jährigen aussah. Oder vielleicht sogar 10?
      Er sah zu Kai hinüber, der neben ihm saß, und erblickte den Haufen an Bäumen, die, naja, ein 30-jähriger mit vielen Jahren Kunsterfahrung gezeichnet hatte. Seine Augenbrauen fielen wieder hinab. Er stupste Kai mit dem Ellbogen an.
      "Du Angeber."
      "Deinem Bild fehlt ein Hase, weißt du?", meinte Kai stattdessen. "Die sind einfach zu malen. Großes Oval, oben drauf ein halbes, kleines Oval. Ein wackeliger Kreis für den Puschelschwanz... Ohr, Ohr, Wiiieeese."
      Unter seinem aktuellen Baum entstand ein kleiner, simpler Kindergartenhase. Isaac runzelte die Stirn.
      "Hm."
      Er machte es ihm nach. Großes Oval, kleines Oval. Puschelschwanz, Ohr, Ohr. Wiiieeese.
      Irgendwie hatte er die Proportionen nicht ganz auf die Reihe bekommen. Der Hase war zu fett mit zu großen Ohren für den kleinen Kopf. Zumindest der Puschelschwanz war... puschelig.
      Isaac sah auf Kais Zeichnung und bekam eine Idee.
      "Das ist sowieso unfair. Du cheatest. Da", er deutete an Kai vorbei ans andere Ende der Couch, "siehst du?"
      Und als Kai dem dummen Trick erlag und rübersah, klaute Isaac ihm den Stift aus der Hand und bemächtigte sich auch noch der Stift-Dose. Wenn er schon nicht gut zeichnen konnte, konnte er es immerhin mit unfairen Mitteln vergelten.
      Er grinste und hielt die Stifte von Kai weg. "Ups, keine Stifte mehr für dich. Mein Baum war sowieso der beste, an so ein Meisterwerk kommst du gar nicht dran. Und an die Stifte auch nicht."
    • "Das ist sowieso unfair. Du cheatest. Da."
      "Bitte was? Hä?"
      Kai war verwirrt und folgte der Geste Isaacs. Er hatte keine Ahnung, wovon der Mann eigentlich sprach. Wie könnte er denn bitte bei einer Bleistiftzeichnung schummeln?
      Plötzlich verschwand der Stift, den er eben noch in der Hand gehalten hatte. Auf der Suche danach sah er sich um. Isaac hatte ihn geklaut. Und alle anderen auch. Er hielt sie mit seinen langen Armen außerhalb von Kais Reichweite.
      "Ups, keine Stifte mehr für dich. Mein Baum war sowieso der beste, an so ein Meisterwerk kommst du gar nicht dran. Und an die Stifte auch nicht."
      "Keine Stifte mehr für dich."
      Kai biss sich auf die Zunge. Er wusste, dass Isaac es nicht so meinte. Er wusste, dass das hier nur ein Scherz war. Trotzdem konnte er seine Reaktion darauf nicht verhindern. Sein linkes Handgelenk zitterte und er versteckte die Hand in seinem Schoß. Zum Lächeln konnte er sich auch nicht zwingen.
      "Gib das wieder her," meinte er, überraschend trocken, aber seiner Stimme fehlte jede Energie.
      Man hatte ihm beigebracht, keine Widerworte zu geben. Man hatte ihm beigebracht, dass er sich alles verdienen musste, wenn er etwas haben wollte. Aber was sollte er schon gegen jemanden wie Isaac ausrichten? Der Mann war ein Riese und dazu noch ausgebildeter Soldat. Seine Bleistifte würde er nie wiedersehen. Sie waren verloren.
      Tränen brannten in Kais Augen und er hasste sich dafür, weil ihm beigebracht worden war, dass Männer nicht rumheulten wie Kleinkinder. Er versuchte, sie wegzublinzeln, denn wenn er schwach genug war, wegen sowas zu heulen, dann würde er gleich einen wirklichen Grund zum Heulen bekommen.
      Er senkte den Blick, damit Isaac seine Schwäche nicht sehen konnte, damit er nicht sah, wie eine Träne fiel und er ihm keinen Grund zum Heulen gab. Er griff nach der Decke, zog sie auf seinen Schoß, als könne ihn das vor den Konsequenzen seiner Schwäche beschützen. Aber nur Weicheier versteckten sich, oder? Und Weicheier musste man stark machen...
    • Plötzlich schien sämtliches Leben aus Kais Gesichtszügen zu weichen. All seine Fröhlichkeit war wie weggeblasen.
      "Gib das wieder her."
      Er war mit einem Mal ganz ernst. Isaac sah ihn verblüfft an. Was war denn hier los?
      Und dann füllten sich Kais Augen mit Tränen.
      Isaac war für einen Moment zu überrumpelt, um etwas zu verstehen. Hatten sie gerade noch Spaß gehabt? Dumme Witze gerissen? Und jetzt sah Kai so aus, als müsse er jeden Moment weinen?
      Vielleicht hätte er es als Einbildung abgetan - Kai und weinen? Im Leben nicht - würde der Mann nicht in dem Moment seinen Blick abwenden und eine Decke zu sich ziehen. Seine Schultern schienen einzufallen und mit einem Mal wirkte er ganz klein.
      Isaac kam sich unglaublich blöd vor.
      Er senkte die Stifte.
      "Okay. Hier."
      Er legte die Dose zurück und reichte den Stift weiter an Kai, aber der machte keine Anstalten, ihn aufzunehmen. Isaac ließ ihn liegen.
      "Ähm..."
      Unsicher, was er falsch gemacht hatte, verstummte er wieder. Die Zeichnungen und der Hase waren vergessen. Am liebsten hätte Isaac Kai irgendwie in den Arm genommen, denn er sah so aus, als könnte er das brauchen. Aber von einem harmlosen, kleinen Witz?
      "Tut mir leid, wenn ich was falsches gesagt hab. Ähm, alles in Ordnung? Willst du... vielleicht schauen wir lieber was im Fernsehen?"
    • "Okay. Hier. Ähm... Tut mir leid, wenn ich was falsches gesagt hab. Ähm, alles in Ordnung? Willst du... vielleicht schauen wir lieber was im Fernsehen?"
      Kai starrte seine Stifte an. Isaac hatte sie ihm wiedergegeben. Einfach so. Obwohl er...
      Er schniefte und wischte sich über die Augen. Atmete tief durch. Gab ein klägliches Geräusch zwischen Schluchzen und Lachen von sich. Er fuhr sich mit einer Hand durch die wirren Haare, blieb mit den Fingern hängen. Autsch.
      "Nicht dein Fehler," meinte Kai und schüttelte den Kopf. "Ist nicht dein Fehler."
      Bewaffnet mit seiner Decke ging er zurück zu seinen Leinwänden. Er wickelte sich in die Decke, schnappte sich seinen Kreidemarker wieder und malte seine Gedanken und Gefühle auf die Leinwände.
      "Der Colonel hat mir immer meine Malsachen weggenommen, wenn er der Meinung war, dass ich etwas falsch gemacht habe," erzählte er.
      Er konnte Isaac dabei aber nicht ansehen. Er wollte diese beiden Welten einfach nicht vermischen, denn die eine war gut und jetzt und die andere war schlecht und schon lange vergangen.
      "Ich wusste nie, was ich falsch gemacht habe. Er hat's mir nie verraten. Aber irgendwas wird's schon gewesen sein, weil er hat mir ja meine Malsachen weggenommen. Einmal, da waren wir in Deutschland, da hat er meine Stifte sogar verbrannt."
      Linie um Linie landete auf den drei Leinwänden voller Farbchaos. Kai folgte keinem Plan, ließ seine Hand einfach machen, während er erzählte.
      "Mein Skizzenbuch hat er gleich hinterhergeworfen. Es war nichts besonderes, ich war erst acht."
      Dieses dämliche Skizzenbuch war sein Leben gewesen. In einem unbekannten Land, voller Menschen, die er nicht verstehen konnte, hatte er sich an seine Zeichnungen geklammert, als hinge sein Leben davon ab, egal wie kindlich sie gewesen waren. Sein Vater hatte mitbekommen, wie er vor Heimweh geweint hatte. Heimweh, so ein seltsames Konzept für jemanden, der ständig umher wanderte. Als Strafe hatte der Colonel ihm alle Zeichensachen weggenommen und ihn dazu gezwungen, sie im Garten in einer Feuerschale zu verbrennen.
      "Ich teile meine Sachen gern, das ist gar kein Ding," fuhr Kai fort. "Aber nimm sie mir nicht weg, okay? Egal, was du tust, bitte nimm sie mir nicht weg."
    • Kai schniefte und wischte sich über die Augen, dann machte er ein Geräusch, das halb Lachen und halb Weinen war. Isaac streckte bereits die Hand nach ihm aus, das Bedürfnis zu groß, den Mann zu berühren und zu trösten. In letzter Sekunde schaltete aber sein Hirn dazwischen und er griff sich lieber an die Prothese. Sein Herz machte einen schmerzhaften Satz.
      "Nicht dein Fehler", sagte Kai. "Ist nicht dein Fehler."
      "Okay. Nicht schlimm."
      Er sah zu, wie Kai aufstand und zurück zu seiner Leinwand ging, geschützt durch seine Decke. Dort nahm er das Zeichnen wieder auf, wobei Isaac glaubte, dass seine Bewegungen etwas steifer waren als zuvor. Er selbst blieb auf der Couch sitzen und fühlte sich, trotz allem, schlecht, eine Grenze überschritten zu haben.
      "Der Colonel hat mir immer meine Malsachen weggenommen, wenn er der Meinung war, dass ich etwas falsch gemacht habe", erklärte Kai dann. Isaac runzelte die Stirn.
      "Einmal, da waren wir in Deutschland, da hat er meine Stifte sogar verbrannt."
      "Wow. Echt jetzt? Einfach grundlos?"
      "Mein Skizzenbuch hat er gleich hinterhergeworfen. Es war nichts besonderes, ich war erst acht."
      "Es muss nicht besonders sein, damit man es nicht verbrennt", sagte Isaac und spürte leise Wut in sich aufsteigen. Er hatte sich vom Colonel auch blenden lassen, in der ersten Sekunde, in der er ihn getroffen hatte. Der Mann verkörperte alles, was ein einfacher Soldat wie Isaac werden wollte, aber mit Kais Erzählung über seinen Vater, schrumpfte diese Ehrfurcht drastisch. Wie konnte ein Mann, der in der Öffentlichkeit so perfekt war, so verschroben im Privaten sein? Das hörte sich an wie die Hölle.
      "Ich teile meine Sachen gern, das ist gar kein Ding. Aber nimm sie mir nicht weg, okay? Egal, was du tust, bitte nimm sie mir nicht weg."
      "Nein, natürlich nicht. Ich hab auch nur Spaß gemacht. Tut mir echt leid."
      Er legte seine Zeichnung beiseite und sah auf den Hasen hinab, den Kai gezeichnet hatte. Ob er auch sowas in sein Skizzenbuch gemalt hatte, als achtjähriger? Wer würde auf die Idee kommen, einem Kind sowas wegzunehmen?
      "Dein Vater mag es nicht, wenn du malst, oder? Was, hätte er dich lieber in der Army gesehen, als knallharter Typ mit Bodybuilder-Körper? Sag mir nicht er legt Wert drauf, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt."
    • "Dein Vater mag es nicht, wenn du malst, oder? Was, hätte er dich lieber in der Army gesehen, als knallharter Typ mit Bodybuilder-Körper? Sag mir nicht er legt Wert drauf, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt."
      Kai zuckte mit den Schultern.
      Für einen langen Moment malte er einfach weiter, nahm seinen Frust, seine Angst, und warf all das durch seinen Stift auf seine Leinwände, um es loszuwerden.
      "Ich hab schon vor langer Zeit aufgehört, zu versuchen, diesen Mann zu verstehen," sagte er dann. "Will ich auch gar nicht. Seine Welt ist hässlich."
      Mit einer aggressiven Bewegung zog Kai eine Linie quer über alle drei Leinwände.
      "Er ist hässlich."
      Noch einmal, noch energischer, in die andere Richtung.
      Mit einem Seufzen ließ Kai den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Er saß eine Weile so da, bis er schließlich tief durchatmete und in aller Ruhe seinen Kreidemarker wieder wegräumte. Er stand auf und ging zu Isaac zurück, wo er sich neben den Mann auf die Couch fallen ließ und sich dann gegen ihn lehnte, noch immer in seine Decke gewickelt.
      Das Bild war fertig: zusammen ergaben die drei Leinwände ein Bild aus chaotischen Farben, die alle zersplittert waren, dank des Kreidemarkers. Die Tatsache, dass man die drei Leinwände mit abstand zueinander aufbauen musste, verstärkte diesen Effekt nur noch weiter.