Eoma [akkubird x yumia]

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    • erona kämmte ihre pinken Haare so gründlich wie möglich mit den Fingern. Es mochte wie ein überflüssiger Luxus wirken oder als Zeitverschwendung erscheinen, sich um das eigene Aussehen zu kümmern, doch sie hatte in der Vergangenheit schmerzlich erfahren, was passierte, wenn sie ihre Haare vernachlässigte. Knoten hatten sich gebildet, das Gefühl war unangenehm, und die Strähnen verfingen sich ständig. Am Ende blieb ihr nichts anderes übrig, als die Haare kürzer zu schneiden. Sicherlich wäre eine Kurzhaarfrisur praktischer und pflegeleichter gewesen, doch aus einem ihr selbst nicht ganz erklärlichen Grund hielt sie an ihrer Haarlänge fest. Vielleicht war es eine Frage der Identität oder ihres Geschlechts, vielleicht auch einfach Gewohnheit.
      In Gedanken versunken, bemerkte sie die herannahenden Schritte zu spät, um sich noch rechtzeitig die Kapuze ins Gesicht zu ziehen. Wenig überraschend stand erneut der Mann vor ihr, dem sie am Morgen begegnet war. Serona hatte angenommen, dass die Angelegenheit zwischen ihnen erledigt und abgeschlossen war. Seine plötzliche Anwesenheit kam daher unerwartet. Mit prüfendem Blick musterte sie ihn. Zumindest wirkte er nicht bedrohlich oder feindselig, weshalb sie sich nicht sofort in Alarmbereitschaft versetzte. Dennoch konnte sie sich nicht verkneifen, ihn mit einem gewissen Misstrauen zu betrachten.
      Der Mann kam ohne Umwege zur Sache. Seine Worte offenbarten ihr alles, was sie wissen musste. Sie hatte es geahnt – auch er war auf dem Weg nach Sommer, und wie es schien, hatten sie beide dieselbe Idee gehabt, sich einer Karawane anzuschließen. Offenbar hatte keiner von ihnen diese Möglichkeit erhalten. Daraus ergab sich, dass sie sich nun wohl häufiger begegnen würden, zumindest solange, bis einer von ihnen in einer der Städte Sommers eine neue Bleibe fand. Trotz des unangenehmen ersten Aufeinandertreffens hatte Serona andere Sorgen, die ihr schwerer wogen als der Mann. Etwa ihre knappen Vorräte, ihre Sicherheit und die Frage, wo sie schlafen würde. Er hatte bei ihr nicht den Eindruck hinterlassen, dass er ihr im Schlaf etwas antun würde. Doch man konnte nie ganz sicher sein, was in einem anderen Menschen vorging. Ihre Einschätzung wollte sie daher mit Vorsicht genießen.
      "Solange du nicht auf dumme Ideen kommst," sagte sie schließlich und durchbrach das Schweigen. Ihre Stimme klang ruhig, aber bestimmt. Serona war es gewohnt, allein unterwegs zu sein, daher war sie im Umgang mit Menschen und im Führen von Gesprächen wenig geübt. Ihre Worte fielen entsprechend knapp aus. "Sehe ich kein Problem damit," ergänzte sie nach einem kurzen Moment und begann, die Beeren zu essen, die sie auf dem Weg gesammelt hatte. Der Geschmack war eher herb als süß, mit einem leicht bitteren Nachklang. Sie würde wohl erst am Abend feststellen, ob ihr Magen die Früchte vertrug.
      "Ist das der einzige Grund, weshalb du mit mir sprichst?" fragte sie dann mit einem Anflug von Misstrauen in der Stimme. Es kam ihr seltsam vor, dass er sie wegen einer vermeintlichen Kleinigkeit aufgesucht hatte. Vielleicht verbarg sich mehr hinter seinem Auftauchen, und er hatte einfach noch nicht die Worte gefunden, um es auszusprechen.
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    • Achtsam beobachtete der Schwarzhaarige ihre Mimik. Sie schien nun nicht mehr ganz so viel Abneigung zu verspüren, doch immer noch, verständlicherweise, misstrauisch zu sein. Ihm war klar, dass sie keine Freudensprünge wegen dieser Nachricht machen würde. Um so mehr wunderte es Wince, dass sie so ruhig und unerwartet neutral auf seine Nachricht reagierte. Fast hatte er schon ein Lächeln auf den Lippen, doch bemühte er sich ernst bei der Sache zu bleiben. Sie sollte nicht den Eindruck bekommen, dass er sie in dieser Situation zum Narren halten möchte. Vor seinen zusammen gepressten Lippen wartete schon die Antwort auf ihre Frage: Ich habe nur dumme Ideen. Doch tapfer schluckte er die Worte hinunter, bevor sie alles zu Nichte machen konnten.
      Er beobachtete, wie sie sich die Beeren in den Mund steckte und aß. Nur einen Moment, denn dann kam es ihm komisch vor sie so anzustarren. Daher ließ er seinen Blick lieber auf den Bach wandern. Etwas zu trinken würde ihm auch nicht schaden. Ehe sie ihre Frage stellen konnte, war Wincent etwas neben ihr an den Bach gekniet und hatte die Handschuhe und den Mantel abgelegt, um bequem Wasser zu trinken und sich das Gesicht zu erfrischen. Er rechnete nach dieser kleinen Konversation nicht damit, dass sie ihm nun ohne Vorwarnung in den Rücken stechen würde. Trotzdem versuchte er sie aus dem Augenwinkel weiter zu beobachten.
      Als sie nach seinen sonstigen Beweggründen fragte, wischte sich Wince den Mund ab und legte fragen den Kopf zur Seite, wobei seine Augen fragend die ihren suchten.
      Das Misstrauen in ihrer Stimme tat ihm nun doch etwas Leid, weshalb er sich Mühe gab die richtigen Worte zu finden. "Eigentlich schon. Aber jetzt wo du es ansprichst: Ich finde du bewegst dich sehr geschickt. Zusammen könnten wir sicher ein paar Hasen erwischen, wenn die Karawane den nächsten Halt macht." Beantwortete er ihre Frage. Sie sah nicht aus, als wäre sie das erste Mal hier draußen. Dafür bewegte sie sich viel zu geübt. Genau wie er selbst. Und wie er würde sie auch wissen was es bedeutet einen guten Happen Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen. Warum sollte er noch zwei Tage warten sie zu fragen? Lieber gleich einen Hasen essen, als zwei Tage die Vorräte zu verbrauchen.
    • Er schien ebenfalls noch nicht lange wach zu sein, denn wie sie zuvor machte auch er sich frisch. Das Wasser schmeckte klar und kühl, was ihre Sinne weckte und den Morgen in ein angenehmeres Licht tauchte.
      Als hätte Seronas Frage ihn völlig unvorbereitet getroffen, bemerkte sie den fragenden Blick des Mannes. Dass er ihr dabei direkt in die Augen sah, war ihr unangenehm, weshalb sie nach einem Moment den Blick abwandte, ihn jedoch weiterhin im Augenwinkel beobachtete. Als er sich an etwas erinnerte und zu sprechen begann, bereute Serona ihre Frage kurzzeitig, da sie befürchtete, sich damit etwas eingehandelt zu haben. Umso überraschter war sie über seine Beobachtung.
      Sie selbst hatte sich nie als besonders geschickt empfunden. Sie versuchte stets, effizient zu handeln und da sie eine willensstarke und anpassungsfähige Person war, hatte sie vieles an sich trainiert, aus reinem Überlebenswillen.
      Als sie dann verstand, worauf er hinauswollte, sah sie ihn erneut direkt an, dieses Mal mit einem überlegten Ausdruck. In ihrem Kopf begannen die Gedanken zu kreisen. Serona war es gewohnt, allein zu sein. Sie kannte es nicht anders, als auf sich selbst gestellt zu sein. Der Gedanke, jemanden bei der Jagd an ihrer Seite zu haben, war für sie gleichermaßen ungewohnt wie beunruhigend. Dennoch erkannte sie den Nutzen, insbesondere, da sie lediglich ein Messer bei sich trug. Mit diesem allein konnte sie mit geringer Wahrscheinlichkeit Hasen fangen. Zwei Jäger waren besser als einer.
      Ein kleiner Teil in ihr war misstrauisch. Vielleicht wollte er ihre Fähigkeiten ausnutzen, nur um selbst an Nahrung zu gelangen. Serona wog ihre Gedanken sorgfältig ab. Auch wenn sie genügend Proviant für einige Tage hatte, konnte frisches Fleisch nicht schaden. Wer wusste schon, was sie in den kommenden Tagen erwartete? Ein kleiner Vorrat mehr würde jedenfalls nicht schaden.
      Zwischen ihnen entstand eine kurze Stille, in der nur das Zwitschern einzelner Vögel und das leise Plätschern des Baches zu hören waren. In Gedanken versunken, bemerkte Serona kaum, dass sie ihn eine Weile unverwandt anstarrte.
      „Hmm“, machte sie schließlich. Aus diesem Laut ließ sich weder Zustimmung noch Ablehnung deutlich erkennen, obwohl sie ihre Entscheidung bereits getroffen hatte. Sie wiederholte ruhig: „Solange du nicht auf dumme Ideen kommst.“
      Sie nahm eine weitere Beere in den Mund und trank einen Schluck aus dem Bach. „Dann spricht nichts dagegen.“
      Auch wenn sie ihm gegenüber nicht mehr so genervt auftrat wie am Tag zuvor, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, dass er ihr nicht doch irgendwann in den Rücken fallen oder sie bestehlen würde. Serona war bereit, für ihr Überleben zu kämpfen, selbst wenn das bedeutete, jemandem Schaden zuzufügen. Es wäre nicht das erste Mal. Dennoch handelte sie immer aus Notwehr. Da sie bisher in einer der Städte im Frühling gelebt hatte, war es nie notwendig gewesen, jemanden zu töten und sie hoffte, dass es auch so bleiben würde.
      Serona erhob sich, streckte sich und zog ihre Kapuze wieder über den Kopf.
      „Die Karawane könnte bald aufbrechen“, teilte sie ihm mit. Es war eine höfliche Geste, obwohl sie nicht verpflichtet gewesen wäre, ihn zu warnen.
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    • Wincent hasste es andere Menschen dazu zu bewegen zusammen zu arbeiten. Immer wieder war er an Leute geraten, die erst so taten als wollen sie nichts von ihm wissen, nur um dann mit der Beute abzuhauen und ihn alleine zurück zu lassen. Seine Absichten waren noch nie unehrlicher Natur gewesen, doch das konnte natürlich auch niemand wissen, der ihn nicht kannte. Die weniger Jäger die er kannte, waren jedenfalls besser als alle größeren Trupps, mit denen er sich je abgegeben hatte. Doch auch mit den weniger Jägern hatte er einen harten start, geprägt von Misstrauen und Missgunst.
      Der junge Mann sah die Frau an und nickte bestätigend, als sie ihre Zustimmung gab. Ihre kargen Antworten waren weiterhin nicht feindselig sondern wirkten nun eher nach gut gewählten Worten. Fürs Erste war es ihm aber einerlei. Sie mussten keine Freunde werden und auch nicht ewig zusammen bleiben. Im Moment zählte nur die nächste Mahlzeit.
      Wincent betrachtete noch eine Weile das Wasser, ehe die Frau ihn daran erinnerte, dass sie wohl bald weiter gehen mussten.
      "Stimmt." Antwortete der junge Mann etwas nachdenklich. Die Zeit würde schon zeigen wie gut oder schlecht dieses Abkommen laufen würde. Immerhin hatte sie ihn nicht einfach sitzen lassen. So richtete sich auch Wince für die weitere Reise und hielt Ausschau nach der Karawane. Und wie die Frau es vorher gesagt hatte, packte diese gerade zusammen und wollte weiter.

      Der Schwarzhaarige wartete noch darauf, bis die Frau aufgeschlossen hatte und dann setzte er seine Reise fort. Jeder Tag der nun verging, würde ihn weiter nach Eoma bringen. Ein wirklich schöner Gedanken. Als sie bereits eine Weile weiter gegangen waren, vorsichtig aber stetig, erblickte Wincent einen Greifvogel, der auffällig oft um ein gewisses Gebiet kreiste. Entweder hatte er dort sein Nest oder ein Beutetier war in der Nähe. Nager, Vögel oder vielleicht sogar Hasen. Die Karawane zog nicht sonderlich schnell, weshalb er die Möglichkeit wahrnehmen wollte die Sache genauer zu untersuchen. "Siehst du den Vogel. Er könnte dort sein Nest haben oder auf der Jagt nach Nagern sein." Flüsterte er der Frau zu und deutete in das Areal. Fast hätte er sie an getippt, doch seine Hände wollte er lieber noch behalten, weshalb diese auf halbem Wege ihr Vorhaben abbrachen.
    • Serona hatte recht behalten. Die Mannschaft der Karawane war bereits wach, einige saßen zusammen und aßen ein kleines Frühstück, andere packten ihre Habseligkeiten zusammen oder überprüften das Geschirr der Wagen. Alles deutete darauf hin, dass der Aufbruch kurz bevorstand. Mit ihrem Rucksack vor sich auf dem Boden kauernd, beobachtete sie das Geschehen aufmerksam aus dem Augenwinkel. Trotz der Tatsache, dass sie sich mehr oder weniger mit dem Schwarzhaarigen zusammengetan hatte, rechnete sie nicht damit, dass er im Ernstfall auf sie warten würde. Es gab niemanden in dieser Welt, der das tat.
      Das Vertrauen in andere war für sie schon lange keine Option mehr. Gruppen boten zwar oberflächliche Sicherheit, aber sie wusste, dass man im Ernstfall immer auf sich allein gestellt war. Und genau aus diesem Grund ließ sie sich nicht in trügerische Verlässlichkeit hineinziehen. Zu oft hatte sie gesehen, wie schnell jemand fallen gelassen wurde, wenn er zu langsam, zu verletzlich oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sich auf jemanden zu verlassen, konnte tödlich enden und sie hatte nicht vor, leichtfertig zu sterben.
      Während sich um sie herum Leben regte, blieb sie selbst still. Sie sprach nicht, weder mit dem Mann noch mit sich selbst. Es gab nichts zu besprechen. Keine Notwendigkeit für leere Worte, keine Lust auf belanglosen Austausch. Stille bedeutete Aufmerksamkeit. Wer sprach, hörte weniger. Und sie wollte hören. Jedes Rascheln, jeden Schritt, jedes entfernte Geräusch im Dickicht. Außerdem war sie ohnehin nicht daran interessiert, aus ihrem Leben zu erzählen. Nicht, dass es viel gab, was sie preisgeben wollte. Der Mann kannte bereits ihre auffällige Haarfarbe und ihre ungewöhnlich gefärbten Augen. Mehr musste er nicht wissen.
      Um die Zeit bis zum Aufbruch totzuschlagen, versank sie kurz in Gedanken. Doch sie wurde schnell wieder in die Realität zurückgezogen, als eine Stimme sie ansprach. Ihr Blick wanderte automatisch nach oben, und tatsächlich – hoch über ihnen zog ein großer Vogel seine Kreise. Majestätisch, beinahe lautlos, flog er in weiter Schleife über einen bestimmten Punkt, der etwas abseits des Karawanenwegs lag. Der Mann hatte recht: Entweder befand sich dort sein Nest, oder er hatte etwas Essbares entdeckt. In beiden Fällen war es für sie eine Gelegenheit.
      Wenn es ein Nest war, bestand die Möglichkeit, Eier zu finden. Nicht viel, aber nahrhaft. Den Vogel selbst würde sie mit ihrem Messer kaum erreichen können, außer er beging den Fehler, sich zu sehr zu nähern. Ihre Chancen lagen also eher am Boden als in der Luft.
      Seronas Blick wanderte kurz zur Karawane. Noch bewegte sie sich langsam, ohne Eile. Der Vogel kreiste deutlich abseits, aber immer noch in akzeptabler Entfernung. Die Route der Karawane war klar, sie folgte einem vorgegebenen Pfad. Wenn sie und der Mann sich beeilten, konnten sie sich für einen Moment entfernen, ohne den Anschluss zu verlieren.
      Er hatte die Frage nicht ausgesprochen, aber sie verstand dennoch, worauf er hinauswollte. Ohne ein Wort zu sagen, nickte sie ihm knapp zu und zog die Riemen ihres Rucksacks fester an sich. Dann wandte sie sich von der Karawane ab, hielt sich aber stets bewusst in deren Nähe, während sie ihre Schritte beschleunigte. Sie wollte keine Zeit verlieren.
      Obwohl sie kleiner war als der Schwarzhaarige, holte sie mit langen, energischen Schritten auf. Sie rechnete fest damit, dass er ihr folgen würde. Vielleicht würde es sich lohnen. Noch hatten sie keine Gewissheit, was sie dort erwartete, aber ein paar Eier oder sogar ein verletzter Jungvogel wären eine willkommene Ergänzung zu ihrem spärlichen Proviant. Die Karawane war gut ausgestattet, das wusste sie. Sie selbst dagegen hatte kaum genug, um mehrere Tage durchzuhalten.
      Serona spürte das Gewicht und die Präsenz ihrer Messer an ihrem Körper nun stärker. Sie überlegte sich bereits, welche Szenarien möglich waren, und ging im Kopf durch, wie sie in jeder Situation handeln würde. Vorsicht war überlebenswichtig. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt, als sie vorschlug:
      „Einer sollte den Blick in den Bäumen behalten, der andere auf den Boden", schlug sie vor.
      Das war effektiver, als wenn beide gleichzeitig versuchten, alles zu beobachten. Wenn jeder seinen Bereich im Auge behielt, konnten sie schneller reagieren, egal, was auf sie wartete.
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    • Zusammen bewegten sie sich auf die zuvor angedeutete Region zu. Wince kam sich schon etwas ausgestoßen vor, denn seine Frage hatte lediglich ein stummes Nicken als Antwort bekommen. Ihr Interesse an den Tieren lag wohl eher auf dem Nährwert, als auf der Ästhetik. Eigentlich schade, denn wenn man nur sein Überleben im Sinn hatte, verlor man manchmal den Blick für anderen Dinge. Übel nehmen konnte er es ihr allerdings auch nicht. Es gab sicherlich einige Gründe für ihre Art.
      Als sie näher kamen, schlug die Rothaarige vor die Suche aufzuteilen. Dies war nicht schlecht, so konnte einer das Nest suchen und der Andere nach Beutetieren. "Geht klar. Ich suche die Bäume ab." Antwortete er flüsternd und machte sich dabei sogleich an die Arbeit.
      Um die anderen Tiere nicht unnötig auf zu scheuchen, verlangsamte Wincent seine Schritte und begutachtete die Bäume.

      Ein oder zwei Baumkronen später, hatte er tatsächlich ein Nest erspäht. Prüfend sah er zur Frau hinüber, die ihren eigenen Aufgaben nach ging und begann dann den Stamm des Baumes zu erklimmen. Zum Glück war die Ringe fest und rau, sodass er sich ohne größere Mühe halten konnte. Der Durchmesser war ebenfalls sehr angenehm und die Äste, als er sie erreichte, trugen ihn auch.
      Um an das Nest heran zu kommen, schob sich der Schwazhaarige tief in die Baumkrone hinein und ergatterte drei große Vogeleier. Diese schob er in seinen Rucksack und kletterte wieder herunter.

      Unten angekommen galt sein erster Blick der Frau. Ob sie auch etwas gefunden hatte? Dann der Karawane. Diese zog noch immer gemütlich weiter. Anschließend schloss er langsam und leise zu ihr auf, wobei er auch weiterhin die Bäume im Blick hatte, um eventuell noch mehr Vögel zu berauben. Der Raubvogel am Himmel zog weiter seine Kreise. Es schien nicht, dass das sein Nest gewesen war. Vermutlich hatte er es auf die Eltern abgesehen, die gerade ausgeflogen waren. Oder hatte diese bereits erwischt und wartete nun auf Nesträuber.
    • Der Mann hatte seinen Bereich bereits abgesteckt – während er den Blick in die Höhe richtete, übernahm Serona den Boden. Im Augenwinkel bemerkte sie, wie er seine Schritte verlangsamte, doch sie widmete dem keine weitere Aufmerksamkeit. Ihre Konzentration lag auf dem Gelände vor ihr. Sie musste darauf vertrauen, dass er sie warnen würde, sollte er etwas Bedrohliches erspähen. Sie hatte weder die Zeit noch die Kapazität, sich gleichzeitig um seine Sicherheit zu kümmern. Wenn er weiterhin auf eine Zusammenarbeit im Hinblick auf Nahrung bestand, musste er zumindest in der Lage sein, sich in gewissem Maß selbst behaupten zu können.
      So ließ Serona ihn gewähren und wandte sich ihrer Aufgabe zu. Ihr Blick streifte über den Waldboden, glitt zwischen Büschen und Sträuchern hindurch. Sie versuchte, jede noch so kleine Bewegung wahrzunehmen, jede Abweichung in Farbe oder Struktur. Dabei suchte sie nicht nur nach Gefahren, sondern auch nach möglichen Nahrungsquellen, sollten sich weder Nest noch Vogel als Option erweisen, mussten sie vorbereitet sein. Wurzeln, Blätter, Pilze, selbst kleinere Tiere wären eine Hilfe gewesen. Doch bisher zeigte sich nichts. Keine Spur von einem Hasen, keinem mutierten Kleintier, das als Beute in Frage kam. Nichts, was sich als essbar oder brauchbar erwies. Enttäuschung stieg in ihr auf.
      Gerade als sie ihre Suche abbrechen und sich dem Mann zuwenden wollte, als sie bemerkte , dass er ihr näherkam. Ihr Kopf begann sich bereits in seine Richtung zu drehen – sie wollte fragen, ob er etwas entdeckt hatte – doch noch bevor sie etwas sagen konnte, nahm sie etwas im Augenwinkel wahr. Ein flüchtiger, beinahe unsichtbarer Schatten zwischen all dem Grün. Es war kaum zu erkennen, und dennoch hielt sie instinktiv inne. Etwas an der Bewegung, an der Farbe, ließ sie aufmerken. Ihr Blick wanderte langsam zur Seite, zu dem Punkt, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.
      Tatsächlich – zwischen den vielen Blättern, fast vollständig verborgen, lugte etwas Braunes hervor. Es war zu schmal für einen Baumstamm und zu regelmäßig geformt, um natürlich zu wirken. Serona schlich vorsichtig ein paar Schritte voran, ihre Augen scharf auf das Ziel gerichtet. Mit einem leisen Atemzug hob sie den Zeigefinger, um den Mann zur Ruhe zu mahnen, und deutete dann in die Richtung, in der sie die Bewegung entdeckt hatte. Leise und bedacht näherte sie sich weiter, ihre Schritte weich und gezielt. Als sie einen besseren Blickwinkel erreichte, erkannte sie das Tier endlich vollständig.
      Ein brauner Vogel, deutlich größer als ein gewöhnlicher Vogel, doch nicht ganz so groß wie ein Mensch. Die Größe allein war noch kein Grund zur Besorgnis. Was sie jedoch alarmierte, waren seine übergroßen Krallen, die im Verhältnis zu seinem Körper fast grotesk wirkten. Der Vogel hatte den Kopf gesenkt und trank gerade aus einer kleinen, von Blättern verdeckten Pfütze. Er wirkte ruhig, aber jedes falsche Geräusch konnte ihn aufscheuchen.
      Langsam und lautlos glitt Seronas Hand zu ihrem Messer. Sie betrachtete es einen Moment lang, dann hob sie es leicht an und warf dem Mann einen kurzen Blick zu: stumm, aber eindeutig. Das war alles, was sie hatte. Kein Bogen, keine Schlinge, keine Pfeile. Nur dieses Messer, kurz und scharf, aber ungeeignet für einen direkten Angriff aus der Distanz. Sie wusste nicht, welche Mittel der Mann mit sich führte, vielleicht hatte er eine bessere Waffe, vielleicht auch nicht.
      Ihr Blick wanderte kurz zum Himmel. Der größere Vogel, den sie bereits zuvor gesehen hatten, zog weiterhin seine Kreise über ihnen. Das konnte bedeuten, dass sich dort oben ein Nest befand, oder dass der große Vogel ebenfalls auf Beute aus war. Eine Gelegenheit, aber zugleich ein Risiko.
      Sie standen zu zweit vor einer Entscheidung. Angreifen? Abwarten? Den Vogel verscheuchen, in der Hoffnung, dass er sie zu seinem Nest führte? Serona wusste, dass sie nun gemeinsam handeln mussten. Was auch immer sie taten, es würde abgestimmt geschehen müssen, ein einziger Fehler, ein falscher Schritt, und ihre Chance auf Nahrung würde sich in Luft auflösen.
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    • Erst die mahnende Haltung der Rothaarigen ließ Wincent wieder etwas vorsichtiger werden. Anscheinend war sie tatsächlich an etwas dran. Ihren Blicken folgend, bemerkte der Junge recht schnell das gefiederte Tier, direkt in unmittelbarer Nähe. Kurz darauf zückte die Frau schon ihr Messer. Ob sie das Ding wohl auch sicher werfen konnte?
      Der Vogel schien starke Krallen zu haben. Eher ungewöhnlich für ein Fluchttier. Die Wahrscheinlichkeit eines Gegenangriffes war durchaus gegeben. Sollte das Tier jedoch flüchten, so hätten sie nur die Eier aus dem zuvor gefundenen Nest. Eine schwere Entscheidung.
      Wincent zögerte und hob dann fragend die Achseln. Bestimmt dachte sie er wäre bewaffnet. Wie erklärte man jemandem in dieser Welt, dass man ohne Waffe unterwegs war?
      Unsicher wanderte der Blick des Jungen auf den Boden, auf dem ein paar mittelgroße Steine lagen. Diese hob er auf und deutete an, das Tier damit am Schädel treffen zu wollen. Primitiv, aber durchaus eine Möglichkeit einen Angriff zu provozieren und so die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oder zumindest das Tier so zu überraschen, dass sie die Gelegenheit hatte anzugreifen.
      Um eine Falle zu bauen war es jetzt auf jeden Fall schon zu spät. Außerdem war keine Zeit. Auch um das Messer für einen Speer zu verwenden war keine Zeit. Wincent wartete ab, was die Frau zu seiner tollkühnen Idee meinte.
    • Als sie sah, wie der Mann einen Stein vom Boden aufhob, entgleiste ihr Gesichtsausdruck. Wollte er ihr ernsthaft damit sagen, dass er keine Waffen bei sich trug und nun ausgerechnet ein Messer das Einzige war, worauf sie sich verlassen konnten? Sie konnte ihn nur ungläubig anstarren, bis sich ihr Ausdruck rasch verhärtete. Das war das Dümmste, was er hätte tun können. Und jetzt hatte er sie mehr oder weniger mit hineingezogen.
      Wie wollte er beim Jagen etwas erreichen, wenn er nicht einmal eine vernünftige Waffe bei sich hatte? Sie biss sich fest auf die Zähne. Sie musste abwägen, ob sie nun angreifen sollten oder nicht. Die Frage nach den Vorräten und der Nahrung würde sie weiterhin beschäftigen, und beide wussten, dass es ungewiss war, ob sie später noch einmal eine solche Gelegenheit bekommen würden.
      Serona versuchte, sich das bestmögliche Szenario auszumalen, dem sie folgen konnten, doch es gab zu viele Unwägbarkeiten. Noch bevor sie ihm zunickte, warf sie ihm einen strengen Blick zu. Ein Versuch war es wert. Im schlimmsten Fall würden sie sich verstecken müssen und all ihre Mühe wäre umsonst gewesen. Doch ihr war es lieber, am Leben zu bleiben, als alles auf eine leichtsinnige Entscheidung zu setzen. So wartete sie auf seine Reaktion und verstärkte dabei ihren Griff um das Messer. Mit leiesen Schritten versuchte sie dem Vogel näher zu kommen, sodass sie bei dem kleinen Moment der Ablenkung sie ihm einen Todesstoß geben konnte. Darauf bedacht, dass sie nicht aus Versehen auf einen dünnen Ast trat, der unter ihrem Gewicht zerbrechen würde, näherte sie dem Vieh immer mehr bis sie eine für sich gut empfundene Stelle gefunden hatte. Sie nickte dem Mann zu.
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    • Peinlich berührt wich Wincent ihrem urteilenden Blick aus. Ja, er wusste wie dumm es war ohne eine Waffe unterwegs zu sein. Doch nun war es eben so. Später würde er sich schon noch einen Bogen zulegen. Nur eben nicht jetzt und auch nicht gleich. Bisher hatte er sich mit dem stellen von Fallen sehr gut versorgen können. Der Plan mit der Karawane kam schließlich spontan und ohne Vorwarnung.

      Letztendlich schien die Frau doch auf seine Idee einzusteigen. Sie nickte ihm zu und begab sich in Position. Und auch Wincent nahm Stellung ein und wartete, bis die Frau bereit schien. Als er ihr Signal erhielt, schwang der Junge seinen Körper etwas hin und Her und holte dann mit der Hand aus, die den Stein fest umschlossen hielt.
      Mit einem gezielten Wurf, traf er das Federvieh, wie geplant, am Kopf. Auch wenn er keine Waffe dabei hatte, so war er geübt darin Ziele auf Entfernung zu treffen. Egal ob mit dem Bogen bei der Jagt oder in diesem Fall mit einem plumpen Stein.

      Das Tier wurde vom Aufprall leicht nach vorne geworfen und verlor etwas die Balance. Der Kopf schwang, mit dem Treffen des Steines, ruckartig nach Vorne. Taumelnd und mit den Flügeln schlagend, versuchte das verwirrte Tier mit seinen scharfen klauen um sich zu treten.
      Wincent wollte nicht darauf hoffen, dass die Frau es alleine schaffen würde den wilden Vogel zu erreichen ohne verletzt zu werden.
      Und genauso wenig wollte er vom Vogel oder der Frau aufgeschlitzt werden.

      Daher kam er, so schnell er konnte, näher und warf sich im richtigen Moment auf das um sich tretende und Flügelschlagende Ungetüm, dessen messerscharfen Klauen noch immer Ziellos auf alles einher ging, was in seinem Sichtfeld war. Dies verlangsamte zwar die Aktionen des Vogels für einen Augenblick, doch schaffte er es trotzdem Wincent abzuwerfen und sein Bein mit einer der Klauen zu treffen. Ein reißendes Geräusch deutete an, dass die Hose des Jungen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wie ferngesteuert, klammerte sich Wincent an die Beine des Tieres und versuchte damit der Frau endlich eine Gelegenheit zum Angriff zu geben.

      Das wehrhafte Vogeltier ließ sich dies natürlich nicht gefallen und nutzte jede Gelegenheit, seine Krallen in den Körper des Jungen zu rammen. Glücklicherweise hatte Wincent schon in jungen Jahren entdeckt, dass seine Haut äußerst resistent gegen die üblichen Einflüsse dieser Welt war. Mehr als ein paar oberflächliche Kratzer hatte ihm bisher noch kein Tier zugefügt. Wie das bei einem Bären oder schlimmer noch: einem Skaark, aussah wollte er gar nicht ausprobieren.
      Eines war ihm aber klar. Die Klamotten würde er später flicken müssen.
    • Serona hatte sich kaum positioniert, da flog der Stein auch schon in die Luft. Mit einem dumpfen Geräusch traf er den Kopf des Vogels und ließ ihn nach vorn taumeln. Ein kurzer Moment der Verwirrung, das Federkleid aufgerissen, die Krallen rudernd in der Luft, das war ihre Gelegenheit. Sie spannte jeden Muskel ihres Körpers, ihre Finger umklammerten das Messer in ihrer Hand fester.
      Der Vogel schrie auf, als er die Kontrolle verlor, doch bevor Serona reagieren konnte, stürzte sich der Mann plötzlich auf das Tier. Ihr Blick huschte alarmiert zu ihm, als sie sah, wie der Junge von den kräftigen Schwingen des Tieres durchgeschüttelt wurde. Er versuchte, das Wesen niederzuringen, doch die Krallen fanden bereits ihren Weg in sein Bein, rissen Stoff und vermutlich Haut auf. Ihre Atmung stockte, und für einen winzigen Moment geriet ihr Herzschlag aus dem Takt.
      Panik wollte in ihr aufsteigen, aber sie erlaubte es sich nicht. Ihr Gesicht blieb regungslos, als wäre sie kalt wie Stein. Doch unter der Oberfläche brodelte es. Wenn sie zögerte, könnte Wincent das mit seinem Leben bezahlen.
      Mit einem lautlosen Schritt stieß sie sich vom Boden ab und näherte sich im Halbkreis dem tobenden Vogel. In der einen Hand das Messer, das zweite bereits aus dem Oberschenkel gezogen und griffbereit, schoss sie nach vorn. Sie duckte sich unter einem wild ausschlagenden Flügel hinweg, wich einer Kralle aus, die nur einen Hauch an ihrer Wange vorbeischrammte und ihr einen schmalen Kratzer hinterließ. Der Schmerz war zu vernachlässigen, sie hatte Schlimmeres erlebt.
      Ein gezielter Schnitt an der Seite des Vogels brachte ihn erneut aus dem Gleichgewicht. Mit einem Knurren stach sie zu, diesmal härter, entschlossener. Die Klinge in ihrer Hand drang unter das Gefieder, traf zwischen Knochen und Sehnen. Der Vogel kreischte auf, doch seine Bewegungen wurden schwächer. Wincent hielt ihn noch immer fest, das verschaffte ihr die Sekunden, die sie brauchte. Sie konnte keine Zeit damit verschwenden wie es ihm ging, wenn sie beide überleben wollten.
      Ein letzter Stoß mit dem Messer in ihrem Stiefel beendete das Zucken des Tieres endgültig. Der Körper sackte in sich zusammen, Federn wehten auf, Blut tropfte auf den Waldboden.
      Serona atmete schwer, ließ jedoch keinen Laut von sich. Stattdessen schob sie das Messer zurück in die Scheide am Oberschenkel, das andere in ihrem Stiefel, wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf Wincent einen knappen Blick zu. Er lebte, mehr nahm sie in dem Moment auch nicht wahr, denn es gab eine weitere Angelegenheit, um die sich kümmern mussten. Sie konnten sich keine Pause leisten. Nicht in dieser Situation.
      Sie griff nach den Beinen des toten Tieres und begann, es durch das dichte Unterholz zu ziehen. Jeder Muskel in ihrem Körper protestierte, der Adrenalinschub ließ nach, und der brennende Schmerz der Kratzer an Armen und Beinen wurde deutlicher. Doch sie ignorierte ihn. Als sie eine von Büschen verdeckte Mulde fand, ließ sie den Kadaver zu Boden gleiten. Ihre Hand blieb kurz auf dem Griff ihres Messers liegen. Ein Schatten glitt über sie hinweg. Ihr Blick schnellte nach oben. Der weiterer Vogel. Kreisend. Tiefer? War es ihr Einbildung? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
      Serona duckte sich, zog sich neben den Kadaver ins dichte Geäst und bedeutete den Mann, leise zu sein. Ihr Herz hämmerte in der Brust, ihre Lungen brannten, doch ihr Gesicht blieb starr wie Stein. Nur in ihrem Inneren wirbelte alles durcheinander. Sie flüsterte kaum hörbar: „Wir warten ab." Oder sollten sie die Möglichkeit nutzen auch diesen Vogel zu erstechen? Seronas Blick huschte wieder zu dem Mann. Sie suchte nach tiefe Verletzungen ab. "Wie geht es dir?", fragte sie ihn flüsternd, während ihr Blick wieder in den Himmel gerichtet war. "Ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist uns an den Zweiten zu wagen", offenbarte sie ihm ihre Meinung.
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    • In dem wilden Gerangel, in dem Wincent versucht hatte den Vogel zu behindern, war ihm die Silhouette der Frau zwar einige Male ins Sichtfeld geraten, doch nie lange genug, als dass er hätte sagen können, was genau sie getan hatte. Erst als die ersten blutigen Tropfen auf ihn herab tropften, wusste er, dass sie es geschafft hatte einen guten Treffer zu langen. Es erschien ihm wie eine gefühlte Ewigkeit. Seine Kraft ließ bereits nach, als das Tier endlich zu Boden ging. Für einen Moment blieb der Junge Mann erschöpft am Boden liegen. Ein paar Atemzüge. Mehr wollte er gar nicht haben, da spürte er schon, wie das Federtier hinfort gezogen wurde.
      Die Rothaarige hatte Recht. Es musste direkt weiter gehen. Es war keine Zeit um müde zu sein.
      Etwas taumelnd und leicht zitternd vom Rausch des Kampfes, richtete sich Wincent auf und wollte helfen. Doch die Frau war bereits in einer kleinen Deckung untergekommen, sodass es erstmal nichts zu tun gab, als ihr zu folgen.

      Im dichten Geäst angekommen, duckte sich Wincent neben seine Begleiterin, woraufhin sie ihm direkt signalisierte leise zu sein. Offenbar hatte ihr kleiner Beutezug einen Interessenten angelockt. Für gewöhnlich würde Wincent diese Gelegenheit niemals ausschlagen und eine Falle errichten. Es war nur leider keine Zeit. Außerdem hatten die Beiden noch den letzten Kampf zu verdauen. "Wir warten ab." Flüsterte er ihr zu, soweit es seine tiefe Atmung erlaubte. Damit war klar, dass keiner der Beiden Lust auf einen weiteren Ritt hatte. Wincent schloss noch etwas näher zur Serona auf, denn so war es einfacher sich zu unterhalten. Außerdem schien sie ebenfalls ein paar Hiebe des Vogels abbekommen zu haben. Als sie sich nach seinem Wohlergehen erkundigte, sah er sie für einen Moment fragend an, kontrollierte dann aber seine zerfetzten Klamotten. Die Hose war am Bein hinüber. Die Jacke und der Overall hatten hier und da ein paar Löcher. Doch als er den Reißverschluss seines Overalls öffnete, waren es lediglich ein paar rote Stellen, die wohl bald zu massiven Blutergüssen heran reifen würden. Auch wenn das Tier nicht besonders schwer war, so hatten seine Beine eine gewisse Durchschlagskraft.
      "Alles okey." Antwortete er, nachdem er alle potentiellen Wunden mit der Hand abgestrichen hatte.
      "Ich denke der Eine reicht erstmal. Wir müssen ihn auch essen, bevor er verrottet." Stimmte der Junge mit gesenkter Stimme zu. In dem Punkt waren sie sich also direkt einig.

      "Wie sieht es bei dir aus? Du hast wohl auch etwas abbekommen? Soll ich mir das ansehen oder..?" Fragte Wincent, als er sein Oberteil gerade wieder geschlossen hatte, auch wenn die Löcher in der Kleidung noch immer ein Teil seiner rechten Brust und etwas von seinem Unterbauch preis gaben. Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er in einer seiner inneren Jackentaschen und zückte ein Stück Tuch hervor. "Ist nicht Steril, aber zumindest lange genug, um das da an deinem Arm und dem Bein provisorisch zu verbinden. Sorry, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Dumme Angewohnheit..." Entschuldigte er sich und reichte ihr das Tuch, dass man noch zerteilen musste. Eigentlich hatte er es für den Fall dabei, dass er selbst ein Tuch benötigen würden, doch in dem Fall erschien es ihm nur gerecht, wenn sie es verwendete. Selbst keine Wunden konnten schnell zu großen Problemen werden, wenn man sich nicht darum kümmerte.
      Noch einmal sah er Serona gründlich an und versuchte beschwichtigend zu lächeln. Der Kratzer in ihrem Gesicht tat ihm wirklich Leid, doch es blieb keine Zeit mehr, um länger darüber nachzudenken.

      Der andere Vogel hatte Interesse an einer einfachen Beute. Besorgt versuchte Wincent die Bewegungen des Tieres durch die dichten Äste zu sehen.
      "Wir sollten das Beste mitnehmen und den Rest als Ablenkung liegen lassen. Das Vieh wird uns sicher nicht in Ruhe lassen. Hast du schon mal einen Vogel zerlegt?
      Wenn nicht, dann würde ich dich jetzt bitten mir für ein paar Minuten zu vertrauen. Ich jage schon mein halbes Leben und kann das Tier in ein paar Minuten so aufbrechen, dass wir die besten Stücke mitnehmen können." Zischte er entschlossen und sah ihr dann direkt in die Augen, da sie jedoch recht nahe zusammen saßen, senkte er seinen Blick gleich wieder. "Ich bräuchte nur ein Messer..." Nuschelte Wincent daraufhin kleinlaut. Von der anfänglichen Entschlossenheit blieb nicht mehr viel übrig, doch sein Angebot stand noch immer.
    • Zumindest war der Mann derselben Meinung wie sie und kam nicht auf die absurde Idee, sich auf einen weiteren Kampf einzulassen. Der eine mit dem Vogel hatte ihr mehr als gereicht. Noch einmal gegen ein wildes Tier anzutreten, vor allem ohne Überraschungsmoment, war nicht nur dumm, sondern gefährlich.
      Serona atmete schwer. Die Anstrengung steckte ihr in den Gliedern, und der Rausch des Adrenalins begann langsam abzuklingen. Erst nach einigen Atemzügen bemerkte sie, dass der Mann ihr näher gekommen war. Ihre Aufmerksamkeit galt bisher nur dem Versuch, ihre Atmung möglichst leise zu halten, aus Angst, der Vogel über ihnen könnte sie hören.
      Als ihr seine Nähe schließlich bewusst wurde, zuckte sie leicht zurück und sah ihn prüfend an. Trotz des harten Kampfes schien er keine lebensgefährlichen Verletzungen davongetragen zu haben. Aber hatte sie nicht etwas anderes gesehen? Irgendetwas, das tiefer ging? Ihr Blick wanderte über seinen Körper, bis sie die rot verfärbten Stellen bemerkte. Eine mögliche Erklärung formte sich in ihrem Kopf, und sie nickte, eher zu sich selbst als als Reaktion auf seine Zustimmung, dass ein einziger Kampf fürs Erste genüge.
      Sie riss sich aus ihrer Starre, etwas, das sie eigentlich selbst nicht mochte, wenn andere es bei ihr taten, und sah an sich herunter. Abgesehen von ein paar Kratzern war sie gut davongekommen. Es hätte schlimmer ausgehen können. Ihr Blick wanderte zurück zu ihm, dann zu dem Tuch in seiner Hand. Wortlos sah sie immer wieder zwischen seinem Gesicht und dem Tuch hin und her, zog leicht die Augenbrauen zusammen, doch sie sagte nichts.
      Als das Schweigen zwischen ihnen langsam eine seltsame Spannung entwickelte, streckte sie schließlich die Hand aus und nahm das Tuch entgegen. Noch immer schwieg sie. Sie wusste nicht recht, wie sie mit dieser Fürsorge umgehen sollte, wenn man es so nennen konnte. Es fühlte sich fremd an, beinahe falsch. Zu nah.
      Und doch hatte er recht. Es war besser, die Wunden zu säubern, bevor sich etwas entzünden konnte. In dieser Gegend gab es mehr als genug Dreck, Insekten und Gestrüpp, das offene Stellen reizen konnte.
      Serona tupfte die Kratzer vorsichtig ab, riss sich das Tuch zurecht und wickelte es so, dass es beim Laufen als Schutz diente. Dann hob sie den Kopf, als der Mann vom Zerlegen des Vogels sprach. Ohne groß darüber nachzudenken, reichte sie ihm das Messer. Wenn er es besser konnte, sollte er es tun. Für sie war das nie eine Kunst gewesen. Hauptsache, man bekam genug Fleisch heraus.
      „Mach“, sagte sie nur knapp und nickte in Richtung Messer. Zwei andere hatte sie noch bei sich, das Risiko, dass er dieses verlor, war gering. Und wenn doch, dann war er ihr eben etwas schuldig.
      „Ich halte derweil Ausschau“, fügte sie an und wandte sich ab, den Blick zum Himmel gerichtet. Der kreisende Vogel dort oben war ihr nicht entgangen.
      Doch dann hielt sie inne. Vielleicht war das eine Gelegenheit, etwas zu lernen. Auch wenn das Zerlegen eines Vogels keine überlebenswichtige Fähigkeit war, war Wissen nie verkehrt. Und neugierig war sie schon immer gewesen, auch wenn sie das selten zeigte.

      Also setzte sie sich so hin, dass sie sowohl den Vogel als auch seine Hände beobachten konnte. Nicht aufdringlich, sondern aufmerksam. Wenn sie etwas nicht verstand, konnte sie ja fragen.
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    • Ihr Schweigen bereitete Wincent doch etwas Unbehagen, auch dass sie minimal zurück gewichen war, signalisierte ihm, dass sie wohl nicht ganz damit einverstanden war, wie er die Sache an ging. Doch was sollte er jetzt machen? Als sie zumindest das Tuch entgegen nahm, war wenigstens die Sorge um eine nicht behandelte Wunde abgewandt. Akribisch beobachtete der Schwarzhaarige, wie die Frau ihre Wunden versorgte. Nicht dass er ihr das nicht zutrauen würde. Es wunderte ihn nur, dass sie keine Gegenwehr leistete und seinen Vorschlag wortlos angenommen hatte.

      Als sie ihm dann auch noch das Messer entgegen hielt, fiel er fast vom Glauben ab. Hatter er plötzlich eine solche Überzeugungskraft entwickelt oder hatte sie ihm tatsächlich etwas Vertrauen entgegen gebracht. Wie auch immer es war, es musste jetzt schnell gehen, bevor der Vogel am Himmel auf die Idee kam die Beute aus den Büschen zu bergen. So nahm er ihr dass Messer aus der Hand und begann damit das Tier zu zerlegen.
      Die Klinge glitt mühelose durch die Federn und das zähe Fleisch des Vogels. Anscheinend hatte die Frau ihr Messer gut gepflegt. Weit besser, als Wincent seine Waffen behandelt hatte.
      Mit ein paar geübten Schnitten, trennte der junge Mann die besten Teile des Tieres heraus. Die Brustmuskeln, die Schenkel und Rückenpartien. Die Federn riss er anschließend nur von den Stücken, die sie auch mitnehmen wollten.
      Die restlichen Stücke, teilte er nur grob und warf diese in verschiedene Richtungen, in die sie nicht flüchten wollten.

      "Komm schnell." Sagte er, als er mit dem Fleisch und dem Messer in den Armen an ihr vorbei huschte. Es blieb abzuwarten, ob der Vogel den Köder schlucken und sie ziehen lassen würde. Auch wäre es praktisch gewesen eine Tragemöglichkeit zu haben, denn in seinen Rucksack konnte er das Fleisch nicht legen. Nun hatten sie jedoch so viel Zeit verloren, dass die Karawane bestimmt schon ein Stück weiter gezogen war. Zur Not mussten sie eben noch einen Schenkel oder zwei opfern, um das andere Tier abzulenken.
    • Der Mann verlor keine Zeit. Ohne viele Worte machte er sich an die Arbeit und begann mit ruhiger Effizienz, das erlegte Tier zu zerlegen. Serona hatte den kreisenden Vogel noch immer im Augenwinkel, doch ihre Aufmerksamkeit richtete sich nun auf das Messer in seiner Hand. Mit geübten, präzisen Bewegungen glitt es durch das Gefieder und Fleisch. Nicht nur zielgerichtet, sondern bemerkenswert effizient. Es war offensichtlich, dass er Erfahrung damit hatte.
      Serona beobachtete aufmerksam, wie und wo er schnitt. Sie prägte sich die Schnittstellen ein, versuchte sich die Reihenfolge zu merken, in der er vorging, und fragte sich insgeheim, ob es tatsächlich an der Wahl der Schnittstellen lag oder an der Art, wie das Messer geführt wurde. An ihrer eigenen Handhabung des Messers zweifelte sie kaum, darin war sie sicher. Trotzdem konnte sie es nicht schaden, seine Technik zu analysieren. Vielleicht lag die Effizienz in einer Kombination aus beidem. Auch achtete sie genau darauf, welche Teile des Fleisches er auswählte und behielt. Offenbar waren die anderen Bereiche des Tieres entweder zu sehnig oder enthielten zu wenig Fleisch, um den Aufwand des zusätzlichen Gewichts zu rechtfertigen.
      Als er sie schließlich aufforderte, aufzuschauen, hob Serona den Blick. Der Vogel, der schon seit einer Weile über ihnen kreiste, hatte die Bewegungen auf dem Boden offenbar bemerkt. Er blickte hinunter, und Serona war sich sicher, dass er nun etwas tiefer flog, vielleicht witterte er bereits die Beute.
      Ohne zu zögern folgte sie dem Mann, der bereits in Bewegung war. Gemeinsam verließen sie ihr Versteck. Nach nur wenigen Schritten warf Serona einen Blick über die Schulter. Wie erwartet hatte sich der Vogel auf das zurückgelassene Fleischstück gestürzt, das der Mann als Ablenkung hinter sich geworfen hatte. Zum Glück lag es in der entgegengesetzten Richtung, wodurch sie sich nun von dem gefräßigen Tier entfernten.
      Nach kurzer Zeit konnten sie wieder die Karawane am Horizont ausmachen. Sie hatte sich zwar ein wenig weiter entfernt, war jedoch noch gut sichtbar. Wenn sie hin und wieder das Tempo etwas anzogen, sollten sie den Anschluss bald wiederherstellen können.
      Wortlos holte Serona zu dem Mann auf und streckte ihm ihre Hand entgegen. Es war eine stille, aber deutliche Geste – sie wollte ihr Messer zurück. Der Gedanke, dass jemand anderes eines ihrer Messer bei sich trug, ließ sie nicht los. Diese Werkzeuge waren nicht nur wertvoll, sondern für ihr Überleben essenziell. Das Fleisch mochten sie sich teilen, das stand für sie außer Frage, aber ihre Messer waren eine andere Sache. Ob seine Tasche groß genug war, um das gesamte Fleisch aufzunehmen, wusste sie nicht. Möglicherweise mussten sie sich die Last aufteilen.
      Außerdem stellte sich die Frage, wie sie das Fleisch am besten haltbar machen konnten. Vielleicht war es sinnvoll, einige Streifen herauszuschneiden und zu trocknen. Getrocknetes Fleisch war zwar weniger sättigend, aber als kleine Ration für zwischendurch konnte es wertvoll sein. So jedenfalls plante es Serona mit ihrem eigenen Anteil. Was der Mann mit seinem Teil vorhatte, war seine Sache.
      Nach einem Moment des Nachdenkens entschloss sie sich doch, etwas zu sagen. „Wir sollten das Gewicht aufteilen“, meinte sie ruhig, aber bestimmt. Es war besser, das gleich zu klären, bevor es später zu kindischen Missverständnissen kam. Sie wollte keine Diskussion darüber, wer wie viel getragen hatte und wem daher mehr zustand. Solche Fehler lagen ihr fern, vor allem wenn es um so etwas Überlebenswichtiges wie Nahrung ging.
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    • Insgeheim war Wincent heil froh, dass das andere Tier von ihnen abgelassen hatte. Nun galt es die Karawane einzuholen, bevor diese gänzlich hinter dem Horizon verschwinden würde. Der Jäger bezweifelte nicht, dass seiner Begleiterin dieser Umstand entgangen war. Generell hatte er den Eindruck, dass sie ihm oft einen ganzen Schritt vor raus war. Sie schien all ihre Entscheidungen gründlich ab zu wägen, bevor sie etwas umsetzte. Wincent kam sich dagegen fast schon leichtfertig vor. Doch wann immer es etwas zu entscheiden gang und er sie beobachtet hatte, schien es eben genau so.
      Die Beiden waren noch nicht lange, nach ihrem Jagt-Erfolg unterwegs, da streckte seine Begleiterin fordernd eine Hand aus. Fast hätte er ihr eine Keule in die Hand gedrückt, einfach nur um die Stimmung etwas zu lockern, doch schien sie nicht der Typ Mensch zu sein, der auf Witze stand. Eigentlich schade, denn Wincent fand, dass ihr ein Lächeln viel besser stünde, als dieses ewig ernste und steinerne Gesicht.
      Außerdem wollte er sein Reiseglück nicht verspielen. Bisher hatten sie recht gut zusammen gearbeitet. Deshalb kramte er, wie gewünscht, die Klinge heraus und überreichte sie vorsichtig.
      Dafür dass sie so an ihrem Messer hing, hatte sie es ihm erstaunlich schnell überlassen. Eine sehr pragmatische Entscheidung, völlig losgelöst von allen Gefühlen, wenn er es sich so überlegte.

      Etwas später äußerte die Rothaarige den Vorschlag die Beute aufzuteilen. Zwar hätte Wincent auch ihren Teil getragen, bis sie wieder zur Rast kamen, doch wollte er keine Diskussion provozieren. Sie konnte mit ihrem Anteil machen was sie wollte. Also musste er ihn ihr auch geben, wenn sie danach verlangte. "Such dir was aus und nimm es dir einfach runter. Ich bin nicht wählerisch." War seine Antwort auf ihren Vorschlag. Woraufhin er sich etwas drehte, damit sie sich problemlos im gehen bedienen konnte. Da er sie nun schon etwas einschätzen konnte, glaubte er auch daran, dass sie wusste wie viel sie nehmen konnte. Und der Gutmensch in ihm hoffte, dass ihre Handlungen bisher keine Täuschung waren. "Du bist doch auch nicht das Erste mal hier draußen unterwegs? Darf ich fragen was du vor der Reise getrieben hast?" Fragte Wincent direkt, da er nicht auf ihre Kampf -fähigkeiten zu sprechen kommen wollte. Zum Glück hatte er sie damals nicht grundlos angegriffen. Womöglich hätte sie ihm doch noch den Hals aufgeschlitzt.
    • Ohne ein Wort zu verlieren, reichte er ihr das Messer. Erleichterung machte sich in ihrer Brust breit. Sie war froh, dass er ihr die Waffe ohne Diskussion oder Widerstand überlassen hatte. Sie wusste nicht, wozu er fähig war, und ahnte bereits, wo seine besondere Fähigkeit liegen könnte. Wie stark sie ausgeprägt war, blieb ihr jedoch unklar. Und sie verspürte wenig Lust, nach dem Kampf mit dem Tier gleich einen weiteren Konflikt auszutragen, diesmal mit einem Menschen, der über Intelligenz verfügte.
      Er wirkte wie jemand, der leicht mit sich umgehen ließ. Er zeigte sich nicht wählerisch und überließ ihr die Wahl, was sie tun wollte. Keine Diskussion, keine Einwände, keine feindseligen Blicke , genau das, was sie bevorzugte. Wenn nur alle so wären, dachte sie kurz. Doch schnell erinnerte sie sich an ihre erste Begegnung mit ihm. Auch er hatte seine Makel, zumindest aus Seronas Sicht.
      Da sie ohnehin nicht vorhatte, lange mit ihm zu reisen, störte sie das nicht weiter. Sie war Alleingänge gewohnt und hatte nie gelernt, anderen wirklich zu vertrauen. Eine enge Bindung war nicht notwendig, sie würde bald ohnehin wieder allein unterwegs sein.
      Da er seinen Teil im Kampf übernommen hatte, fand Serona es nur fair, wenn sie die Beute teilten. Sein kleiner Einsatz hatte die Situation mit dem Vogel immerhin vereinfacht. Sie nahm sich ihren Teil, achtete darauf, dass die Aufteilung gerecht war, und verstaute ihn in ihrer eigenen Tasche, ehe sie seine Tasche wieder sorgfältig zuband.
      Gerade hatte sie sich wieder neben ihn gesetzt, als er erneut das Wort an sie richtete. Sie musste sich eingestehen, dass sie seine erste Frage nicht ganz verstand. Auch wenn sie am Rand des Marktplatzes in Frühling gelebt hatte, war es dennoch „draußen“ gewesen – wie sonst hätte sie überleben, tauschen und sich etwas leisten können?
      Etwas irritiert blickte sie ihn von der Seite an. „Wie jeder andere auch: in Frühling überleben“, antwortete sie trocken.
      In ihrem Tonfall lag eine Spur Unverständnis, sie konnte nicht nachvollziehen, warum jemand solche Fragen stellte. Für sie war es selbstverständlich, Überlebensinstinkte zu haben. Dass ein Mann wie er ohne Waffe unterwegs war, schien ihr geradezu naiv. Und sie fragte sich, wie er bisher überhaupt über die Runden gekommen war.
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    • Da sie die Beute, wie erwartet, fair aufgeteilt hatte, bestand kein Bedarf weitere Worte darüber zu verlieren. Einerseits ware war es angenehm nur zu handeln und nicht um jedes Bisschen zu streiten, wie es bei den Jägern öfter der Fall war. Anderseits hatte sie in gewisser Weise sein Interesse geweckt und es war sehr schwer mit ihr ein vernünftiges Gespräch zu führen.
      Womöglich war das Ganze für sie nur eine reine Zweckgemeinschaft. Also keine richtige Verbindung, keine wirklichen gemeinsamen Ziele.
      Ihre trockenen Worte bestätigten diese Vermutung nur weiter. Alle überlebten auf ihre Art und sie wirkte nicht wie eine Frau die Teppiche auf dem Markt geknüpft hatte. Trotzdem beließ er es dabei. Wenn sie nichts erzählen wollte, dann konnte er sie schlecht dazu zwingen.
      "Wirst du auch in Sommer "überleben" oder hast du größere Ziele?" Wollte er das Gespräch dann doch nicht aufgeben, als sie eine gute Strecke zurück gelegt hatten. Wincent war nicht der Typ Mensch, der Stunden lang den Mund halten konnte.

      Mittlerweile war sogar die Karawane wieder etwas näher gekommen. Die beiden Reisenden hatten, trotz der Anstrengungen, eine konstante Geschwindigkeit gehalten. Wincent blickte immer wieder prüfend in die Umgebung, um vielleicht noch irgend etwas sinnvolles zu entdecken, denn je weiter sie aus der Stadt heraus waren, desto wahrscheinlicher war es an Orte zu gelangen, die noch nicht komplett ausgebeutet wurde. "Ich für meinen Teil werde auf keinen Fall länger als nötig in Sommer bleiben... und auch sonst nirgendwo. Hab echt keine Lust mehr auf das alles hier..." Erklärte er und verschränkte gähnend die Hände hinter dem Kopf, um dann eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack zu angeln und einen kleinen Schluck zu trinken.

      Unweit ihres Kurses zogen ein paar mutierte Rehe vorbei, die zuvor von der großen Karawane aufgeschreckt worden waren. Als die Tiere die Anwesenheit der Wanderer jedoch bemerkten, blieben sie einen Augenblick ruhelos stehen und starrten in ihre Richtung. Schließlich drehte das Leittier seine Gruppe in eine sichere Richtung. Wincent grinste begeistert. Das Verhalten der Tiere war doch dem der Menschen ganz ähnlich. Einer hatte den Hut auf und trug die Verantwortung und alle anderen vertrauten auf seine Führung und Weisheit. Als er gerade in schön in seinen Gedanken schwelgte, kreuzte die Gruppe Rehe erneut seine Sichtlinie. "Oh..." Murmelte Wincent überrascht, konnte jedoch nicht erkennen was der Grund für die erneute Flucht der Tiere gewesen war. "Wir sollten bessere etwas den Kurs ändern." Flüsterte er der rothaarigen Frau zu, trat dazu auch etwas näher an sie heran. Egal was die Rehe aufgescheucht hatte, es musste nicht auch noch wissen, dass hier zwei andere Leckerbissen unterwegs ware. Die Wildpfade in dieser Gegend schienen Wincent ebenfalls etwas suspekt. Die kleinen Pfade, die oft von Hasen und co. benutzt wurden, schienen länger nicht benutzt zu sein, denn die Losungen waren alt und trocken. Dafür sah er kaum Früchte oder Nüsse am Boden liegen, obwohl die Bäume eigentlich dicht genug standen, sodass die Vögel nicht alles aus der Luft finden konnten. Er entschloss sich weiter zu beobachten.
    • Der Mann beließ es nicht bei den zwei Fragen, die er ihr gestellt hatte, sondern wollte Genaueres wissen. Allerdings nicht über ihre Vergangenheit, sondern über ihre Pläne. Er verriet ihr zudem, dass auch er nicht lange in Sommer verweilen würde. Genauso wie sie. Er war also nur auf der Durchreise, nach Herbst vielleicht?
      Da es nichts Persönliches war und sie sich dadurch nicht in Gefahr sah, erkannte sie keinen Grund, ihm keine ehrliche Antwort zu geben.
      "Ich auch. Ich werde durchreisen."
      Mehr gab es dazu nicht zu erzählen, denn genau das hatte sie vor. Sie wollte durchreisen, sich ausreichend Proviant besorgen und einen direkten Weg nach Herbst einschlagen. Je kürzer sie unterwegs war, desto besser. Denn je länger sie unterwegs blieb, desto häufiger musste sie sich Gedanken um ihre Nahrung machen.
      Und Nahrung war in Sommer rar. Die Nahrungsmittel, die es in größerer Menge gab, waren exotisch, von denen wusste Serona nicht, ob ihr Körper sie überhaupt vertrug. Sie hatte bis heute noch nichts aus Sommer gegessen. Sie konnte es sich schlichtweg nicht leisten, krank zu werden, denn Heilmittel waren, wie erwartet, sehr kostspielig. Daher wollte sie möglichst vermeiden, Tiere aus Sommer zu essen, an die ihr Magen nicht gewöhnt war. Das war zumindest ihr Plan. Doch sie war sich darüber im Klaren, dass nicht immer alles nach Plan verlief. Serona rechnete mit allen möglichen Abweichungen.
      Während ihre Gedanken beim Sommer verweilten, behielt sie die Karawane im Blick. Doch sie war nicht aufmerksam genug, um die mutierten Rehe zu bemerken. Da weder der Mann neben ihr noch die Karawane vor ihr auffälliges Verhalten zeigten, registrierte ihr Körper ebenfalls keine unmittelbare Gefahr. Deshalb war sie etwas verwirrt, als der Mann ihr vorschlug, den Kurs zu ändern. Er musste etwas gesehen haben, das ihr entgangen war. Normalerweise wäre sie bei solch einer Aussage misstrauisch gewesen – mit dem Hintergedanken, man wolle sie unauffällig loswerden. Doch aufgrund des gemeinsamen Kampfes vorhin vertraute sie ihm ein Stück weit. Zumindest so weit, dass sie nicht glaubte, er würde sie hintergehen. Zumal er keine Waffe bei sich trug, was ihr in gewisser Weise einen Vorteil verschaffte. Trotzdem war sie neugierig, was er entdeckt hatte. Sie ließ den Blick umherschweifen, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.
      "Was ist?", fragte sie, ohne ihn dabei direkt anzusehen, denn ihre Augen suchten weiterhin die Umgebung ab. Durch seine Warnung war ihr Körper erneut angespannt, ihre Wahrnehmung geschärft. Selbst wenn es sich als Fehlalarm herausstellen sollte, war sie lieber einen Schritt zu vorsichtig, als einen Fehler zu begehen, der sie das Leben kosten konnte.
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    • Wincent hatte sich irgendwie mehr, als eine knappe Antwort, erhofft. Auf der anderen Seite versuchte er etwas Verständnis dafür aufzubringen, denn die Frau war bisher generell nicht übermäßig gesprächig gewesen. Dafür schien es ihm, als wäre sie nicht mehr so misstrauisch, wie noch zu Beginn. "Und was erhoffst du dir von Herbst?" Fragte er weiter, denn außer Gehen und beobachten war gerade nicht sehr viel anderes zu erledigen. Unter den Jägern war es üblich sich Geschichten zu erzählen, von Monstern und der Jagt. Auch wurden immer wieder geheimnisvolle Orte erwähnt. Das Meiste davon war reiner Blödsinn, doch es hob die Moral.

      Nachdem Wincent seine Begleiterin und sich selbst von dem potentiell gefährlichen Weg abgelenkt hatte, wunderte er sich über ihre Nachfrage. "Na, da hinten könnte ein Räuber sein. Die Rehe würden sicher nicht freiwillig nochmal in unsere Richtung laufen. Demnach ist das, was dort ist. Gefährlicher als wir beide zusammen." Offenbarte er ihr seine Einschätzung. Mit einem zufriedenen Lächeln, sah er für einen Moment in ihre Augen. "Kann mich auch täuschen.Will es nicht herausfinden." Schnell richtete er seinen Blick wieder nach vorne, als er das Gefühl bekam sie zu lange angelächelt zu haben. Doch die Freude darüber, dass er nicht alleine reisen musste, ließ sich leider nicht so leicht unterdrücken. Noch dazu hatte sie ihm bereits mehrfach bewiesen, dass sie nicht zur absoluten Unterschicht der Menschheit gehörte. Das allein war für Wincent Grund genug ihr mit etwas Freundlichkeit entgegen zu kommen.

      Nun hatten die Beiden zwar eine potentielle Gefahr umlaufen, doch der Schwazhaarige kam nicht umhin zu beobachten, dass die Tierpfade weiterhin unverändert verwiesen schienen. Er vermutete, dass das Jagdgebiet, in dem sie sich befanden, bereits so stark unter Druck stand, dass die kleineren Tiere weiter gezogen waren. Unsicher, ob die rothaarige Frau Interesse an Tierkot hatte, deutete er auf einen vertrockneten Haufen kotkugeln. "Die sehen hier alle so aus. Sind bestimmt mehrere Tage alt. Wenn wir Glück haben ist der Räuber bereits weiter gezogen." Demonstrativ blickte Wincent in die Richtung, aus der die Rehe zuvor geflogen waren. "Oder unser Vogel war der Räuber. Das wäre durchaus plausibel." Mutmaßte er mit nachdenklicher Stimme.
      Bisher hatte er keine Spuren von Fell oder größeren Ausscheidungen entdeckt. Der Vogel schien in dem Moment wirklich plausibel.
      "Meidet man die Menschen, braucht man auch keine Waffen." Rechtfertigte er sich viel zu spät dafür, dass er keine Waffen bei sich trug. Seine Stimme klang dabei weder verletzlich noch reumütig. Es klang, wie es war: Eine Überzeugung, die ihn das Leben gelehrt hatte.