Between Fangs and Claws [Kürbis vs Dämon]

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    • "Ich sollte einfach hier bleiben. Genau hier bei dir."
      Cal wickelte seine Arme ein bisschen fester um Ilya. Ihre Worte waren genau das, was er hören wollte, bemerkte er in diesem Augenblick. Aber sie waren auch ein scharfes Messer, dass sich zwischen seine Rippen schob.
      "Sieh zu, dass du das hier schnell löst."
      Die Worte seines Onkels hallten in seinem Schäfel wider. Die Leute redeten. Der Ältestenrat redete. Die warteten doch nur auf eine Chance, ihn in seine Schranken zu verweisen. Er machte sich hier angreifbar, Ilya machte ihn angreifbar. Und wenn sich die Altwölfe entschieden, wenn sie endlich jemanden fanden, der die Sache für sie ihn die Hand nahm, dann konnte nicht einmal Linden etwas dagegen tun. Sein Onkel würde sich nie dem Willen des Rates unterwerfen und gegen Cal antreten, aber es gab noch ein paar andere Wölfe, die das könnten. Und wenn dieser Wolf, so unwahrscheinlich es auch sein mochte, gegen Cal gewann, dann hieß das nicht nur, dass er seinen Posten verlor. Er würde sein Zuhause verlieren. Er wurde das Rudel verlassen müssen. Noch schlimmer: es könnte sein, dass es Linden ähnlich erging. Das Blut seines Onkels war genauso dick wie das von Cal. Jeder Rudelführer mit einer halben Hirnzelle würde eine solche Konkurrenz loswerden wollen, noch bevor die große Wölfin ihren Segen sprach.
      Scheiße.
      Cal ließ Ilya los, schob sie von sich runter und setzte sich auf. Mit einer Hand fuhr er sich durch die Haare. Sein Nacken zwickte und instinktiv griff er nach der Stelle, in die Ilya eben noch ihre Zähne geschlagen hatte. Er blutete kaum noch, aber der Anblick seiner roten Fingerspitzen drehte das Messer zwischen seinen Rippen nur noch weiter. Was sagten die Menschen immer? Es leben zwei Wölfe in deiner Brust...


    • Sie hätte ihre Worte bereuen sollen, sobald sie ihrem Mund entflohen. Sie hätte die Klappe halten sollen und einfach nur noch ein wenig die Wärme und die Nähe genießen sollen, bevor sie wieder zu dem wurde, was sie eigentlich war. Das war ersichtlich daran, welche Reaktion sie bei ihm auslösten. Er ließ sie los. Fast schon fallen, wie eine heiße Kartoffel, die sich erst durch seine dicke Haut brennen musste und dann umso mehr schmerzte.
      Ilya verzog die Lippen nicht, als er sich aufsetzte, doch sie hätte es gerne getan. Denn sie konnte seinen Konflikt nur zum Teil verstehen. Nicht nur, weil sie seine internen Affären nicht kannte, sondern auch, weil er ein anderes Wesen war. Andere Sitten bedienen musste. Er lebte ein ganz anderes Leben als sie, wenngleich es sich wohl mehr ähnelte, als den beiden lieb war.
      Sie sagte auch nichts mehr, da es nichts gab was ihn jetzt wieder zurück bringen würde. Weder zu ihr ins Bett, noch zu ihren Gedanken. Auch wenn sie ahnte, dass es sich um irgendwelche Machtansprüche handeln musste, so wusste sie einfach nicht, inwiefern sich Calder tatsächlich in seinem Rudel behauptete. Dabei konnte sie auch nur vermuten, was ihre Liaison für eine Auswirkung auf ihn und sein Rudel hatte.
      Unbewusst biss sie sich kurz auf die Lippe. Die scharfen Zähne waren genug, um sie aufzuschneiden, doch durch ein Lecken versiegelte sie das Blut direkt wieder. Dann setzte sie sich auf, griff selbst nach ihrem Nacken, indem er sich selbst verloren hatte. Er schmerzte dumpf und blutete ebenfalls leicht. Doch ihre Aufmerksamkeit lag auf ihm. Seinem zerrissenen Gesichtsausdruck. Der Kampf, den nur er austragen konnte.
      Doch da war auch ein Frage in ihrer Brust, die sich quälend durch ihren Körper zog wie das Gift einer Schlange. Konnte er sich nicht behaupten? Konnte er nicht...seine Macht so demonstrieren, dass selbst ihre Anwesenheit sie nicht zu kippen vermochte?


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    • Mit einem schweren Seufzen schloss Cal die Augen und lehnte sich zur Seite, bis er seine Stirn auf Ilyas Schulter legen konnte. Warum konnten sie sich nicht einfach hassen? Warum konnte sie nicht einfach die verdammte Eisprinzessin sein?!
      "Für meinen Onkel bist du ein Problem, das ich lösen soll," murmelte er. "Für die Altwölfe bist du der Feind."
      Er wandte den Kopf ein wenig, öffnete die Augen, nur um sich mit Ilyas perfekter Porzellanhaut konfrontiert zu sehen. Er hob die Hand, ließ einen Finger geradezu andächtig über die beiden Halbmonde streichen, die er in Ilyas anderer Schulter hinterlassen hatte. Sie fühlten sich viel zu gut an. Sahen auch viel zu gut an ihr aus.
      "Und ich kann mich nicht dazu bringen, dich als das zu sehen."
      Mit einem weiteren Seufzen ließ er von Ilya ab und ließ sich wieder zu Boden sinken. Er legte seinen Kopf in ihren Schoß, betrachtete sie aus diesem Winkel. Sie war so wunderschön. Nicht nur generell attraktiv, sie war mehr als das. Hinter all dieser Perfektion lag eine Frau, die er kennenlernen wollte. Die er jetzt schon mochte.
      "Alle meine Instinkte sagen mir etwas, was nicht sein sollte. Und die Leute um mich herum, die Leute auf die ich hören sollte, sagen mir lauter Sachen, die ich nicht hören will."
      Cal ergriff Ilyas Hand und hob sie an seine Lippen, küsste sie sanft, roch an ihr.
      "Die Leute wollen dich loswerden. Meine Instinkte wollen dich hier behalten. Und ich... ich weiß nicht, was ich tun soll," gestand er.


    • Vampire empfanden Gefühle vermutlich ein bisschen anders als die meisten. Es drehte sich oft um Blut, um Geruch, um Kompatibilität. Aber wenig um die Gefühle drum herum, wenig darum, ob man gerade einen Menschen verwandelte, der darum gebeten hatte oder ob man es ihm aufzwang. Vielleicht stumpften ihre Rezeptoren auch einfach nach der ganzen Zeit ab. Doch Ilya wusste es besser. Sie wusste, dass sie genauso intensiv fühlen konnten, wie alle anderen auch. Es kam nur verdammt selten vor. So selten, dass sie selbst sich als Eisprinzessin gewähnt hatte. Als gefühllos, als stumpf und kalt.
      Nur hatte sich das seit Calder geändert. Wie als hätte seine Körpertemperatur ihr Herz aufgetaut und dabei gleichzeitig den Damm gebrochen, der den Tsunami an Gefühlen zurück hielt. Ihre blass-rosanen Augen verfolgten ihn, wie er so unentspannt sich aufsetzte, nur um sich wieder in ihrem Schoß niederzulassen. Seine Lippen auf ihrer Hand brannte, fast schon gefährlich.
      "Ich kann leider nicht ändern was ich bin." In ihrer Stimme lag kein Vorwurf, nur eine leichte Bitterkeit. Selten hatte sie sich gewünscht sie wäre jetzt jemand anderes. Nicht ein Mensch, aber vielleicht nicht die jüngste Reinblüterin ihres Clans. "Und sie werden mir auch nicht glauben, dass ich den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen habe. Auch wenn ich es tun würde. 200 Jahre Schweigen ist nicht so ungewöhnlich wie man glaubt." Ihre Augen trafen seine und ein gewisser Schalk lag darin, wie als wolle sie bestätigen, dass sie das selber Irrsinnig fand.
      "Aber das würde auch bedeuten, dass niemand auf meiner Seite sich der Chinesen annimmt. Und dann sterben noch mehr in beiden Reihen." Ihre freie Hand strich ihm eine lose Strähne aus dem Gesicht und fuhr dann über die Narbe in seinem Gesicht.
      "Ich weiß nicht...aber können wir die Narrative nicht irgendwie drehen? Vielleicht habe ich nicht dich verführt sondern du mich oder so? Warum kann den überhaupt jemand dich in Frage stellen, wenn du selbst die Eisprinzessin zum Schmelzen gebracht hast?"


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    • "Verführt hast du mich also, hm?" Cal lachte leise. "Darum geht's gar nicht. Wölfe sind territorial und du und die restlichen Vampire kontrollieren die andere Hälfte der Stadt. Euer Rudel, sozusagen, sind unsere Nachbarn. Diejenigen, die uns unser Territorium streitig machen könnten. Rudelkommunikation läuft ausschließlich über die Rudelführer. Dass sie dich geschickt haben ist nicht direkt eine Beleidigung, da deine Eltern sozusagen eure Rudelführer sind. Aber du bist eben von einem anderen Rudel. Das ist der Knackpunkt. Das und dass die Leute wissen, dass es keine Rudelfusion geben wird. Weil ihr eigentlich kein Rudel seid, sondern eben Vampire."
      Cal seufzte wieder.
      "Rudelpolitik ist kompliziert. Ich führe es, ja. Mein Wort ist Gesetz, ja. Aber nur so lange, wie ich dem Rudel diene. Sie folgen mir, weil sie sich darauf verlassen, dass ich sie beschütze. In ihren Augen lasse ich den Feind zu nahe an mich und zu nahe an das Rudel heran. In gewisser Weise ist es die Aufgabe des Rudels, mich in Frage zu stellen, damit ich meine Macht nicht missbrauche."
      Er ergriff Ilyas Hand und verschränkte ihrer beider Finger ineinander.
      "Ich weiß, dass du nicht ändern kannst, was du bist und wo du herkommst. Kann ich ja auch nicht. Es ist nur so verdammt frustrierend. Alles. Die Meinung des Rudels über dich, über mich. Die Situation mit diesen verdammten Dämonen oder was auch immer. Einfach alles. Mein Stand im Rudel..."
      Er sollte ihr das nicht sagen. Er ließ sie zu nahe ran, offenbarte viel zu viel.
      "... Ich hätte das Rudel schon vor einigen Jahren von meinem Onkel übernehmen sollen. Das volle Programm, meine ich. Hab ich aber nicht. Stattdessen benehme ich mich selbst noch wie ein Jungwolf hier und da. Ich sammle Streuner. Ich bin kein guter Rudelführer, nicht einmal mit nur der Hälfte der Aufgaben, die ich eigentlich übernehmen sollte. Mein Onkel hält mir den Rücken frei so gut er kann, aber... naja. Die aktuelle Situation macht es nicht besser. Die Chinesen, meine ich. Nicht dich. Wobei, naja... ich kann nicht behaupten, dass das Gefühlschaos, das du mitbringst, es nicht noch komplizierter macht. Ich verlier langsam den Überblick und den ganzen Kram, der in meinem Kopf herumspukt."


    • Sie hörte ihm zu. Vermutlich war das, was er da sagte nicht für ihre Ohren geeignet. Vermutlich war es für keine Vampirohren geeignet. Vermutlich nicht einmal für die Ohren seines eigenen Rudels. Geschweige denn für Wesen außerhalb seines innersten Kreises. Sollte sie jetzt stolz auf sich sein, dass er sich ihr so anvertraute? Oder ihn als töricht bezeichnen? Konnte sie überhaupt etwas dazu sagen?
      In der Theorie verstand sie seine Probleme. Seinen Weg. Aber eben auch nur in der Theorie. Die Vampire agierten ganz anders als die Wölfe und Ilya sah es nicht ein sich einzureden sie verstand die Wölfe, nur weil sie mit einem von ihnen geschlafen hatte. Vielleicht war es wirklich besser, dass sie ging. Nicht, weil sie wollte. Nicht, weil er es wollte. Sondern weil sie beide es brauchten. Den Abstand, der ihr so sehr weh tun würde, wie er ihnen half.
      Ilya hatte genug eigene Dinge auf dem Tablett. Recherche was da ihre Stadt bedrohte. Sich vor dem Rat verantworten, warum sie einfach verschwunden war. Warum sie nach Wolf stank und warum sie in das Territorium des Feindes gegangen war ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben. Sie hatte keine Angst davor, das nicht. Aber es war trotzdem etwas, was sie tun musste. Irgendwie. Irgendwann. Am besten sobald wie möglich.
      Langsam, fast schon andächtig, hob sie ihre verschränkten Hände zu ihrem Gesicht und lehnte ihre Wange gegen seinen wunderbar warmen Handrücken. Dann schloss sie für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Dabei prägte sie sich nicht nur seinen Geruch ein, sondern auch das Gefühl, dass er in ihr auslöste. Den Schmerz, das Verlangen und die Zuneigung, die sie nicht länger vergraben wollte.
      "Vielleicht machen wir uns auch einfach viel zu viel Stress. Vielleicht will ich zu viel, weil ich das...was wir hier haben noch nie gehabt haben. Aber Cal..die Zeit rennt uns doch nicht weg. Oder?"


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    • "Die Zeit rennt uns doch nicht weg. Oder?"
      "Leute sterben, Ilya," gab Cal trocken zurück.
      Er konnte sich nicht vorstellen, wie Vampire lebten. Die Art, wie sie die Welt sahen, musste komplett verzerrt sein, einfach nur, weil sie nicht darauf achten mussten, wie viel Zeit verging. Das war ein Luxus, den Cal nicht hatte.
      "Im Moment will ich vor allem zwei Dinge: diese Scheißkerle zwischen meinen Kiefern, und dich. Aber egal, wie ich es drehe und wende, irgendwie schließen sich diese beiden Sachen gegenseitig aus."
      Cal stand auf; er konnte nicht mehr stillhalten. Er fuhr sich mit einer Hand durch die langen Haare, während er vor Ilya auf und ab lief wie ein Tiger, der zu lange im Käfig gesteckt hatte. Es juckte ihn unter der Haut, eine Runde rennen zu gehen. Oder sich noch einmal in Ilya zu verlieren. So, wie sie da saß, nackt und perfekt, war es schwer, sich zusammenzureißen.
      "Ich bin bekannt für meine dummen Ideen, weißt du?" meinte er und ließ endlich von seinen Haaren ab. Stattdessen schloss er die Finger um den Zahn seiner Mutter. "Ich denke..." es war schwer, es auszusprechen, "...wir sollten das hier fürs erste pausieren oder sowas. Keine Ahnung. Aber wenn wir dieses Uns irgendwie funktionieren soll, dann muss ich vorher das Rudel in den Griff kriegen. Und das kann ich nur, wenn ich die Bedrohung ausschalte."
      Ilyas Blick zu begegnen war sogar noch schwerer.
      "Eins nach dem anderen, weißt du? Weniger... Verwirrung."


    • "Touché." Ilya schmunzelte nur ein wenig. Er hatte sie falsch verstanden aber sie sah auch nicht ein, den ganzen Kram wieder richtig zu stellen. Es änderte ja doch nichts an der Situation.
      Dabei beobachtete sie ihn nahezu fasziniert, wie er hin und her stapfte. Er blutete immer noch leicht aus dem Hals und auch sie spürte seinen Biss noch kräftig in ihrer Schulter. Das musste sie wohl beseitigen, wenn sie wieder zurück und nicht gerade eine ganze Vampirmeute auf die Wölfe loshetzen sehen wollte.
      So falsch es sich anhörte und so wenig sie genau diese Worte aus seinem Mund hören wollte musste sie wohl oder übel zu stimmen. Zumindest solang sie nicht irgendwie ihre die ganzen anderen Situationen langsam in den Griff bekamen.
      Das machte die ganze Situation natürlich kein bisschen weniger schmerzhaft und ungemütlich. Fast schon bitter schnaubte sie und wandte den Blick ab. Nicht, weil sie beleidigt war, auch wenn das Gefühl nahe lag, sondern weil es unangenehm war, jemanden anzusehen der ihre gesamte Beziehung da gerade auf Eis legen wollte.
      "Dann bring mich zurück. Vorzugsweise heile und ohne fehlende Gliedmaßen und Wolfsbisse." Ihre Stimme war kälter als sie es gemeint hatte. Auch diesmal nicht, weil sie sich abgewiesen fühlte, sondern weil sie versuchte sich selbst und ihre Gefühle zu regulieren. Das war für die Vampirin seltsam schwierig
      "Und mit Kleidung."


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    • Da war sie wieder. Die Eisprinzessin. Cal hasste sie. Alles, was es brauchte, war dieser eisige Ton in Ilyas Stimme und schon wollte er etwas zerreißen. Sie rammte ihm einen Eiszapfen direkt in die Brust. Cal biss die Zähne zusammen.
      "Du weißt, wo die Dusche ist. Ich hol dir was zum anziehen."
      Cal wandte sich ab und schnappte sich auf dem Weg nach draußen die Cargo Shorts, die er gestern so achtlos hatte fallen lassen. Er schloss die Tür hinter sich - und lehnte sich prompt von außen dagegen, um tief durchzuatmen. Was machte er hier bloß? Er wusste, er sollte sie loswerden, sollte sie auf die andere Seite der Stadt zurückbringen und vergessen. Das wäre das Beste für das Rudel. Das sollte alles sein, was er wollte. Aber in Wahrheit war es das, was er am wenigstens wollte. Er wollte sie hier behalten, wollte sie in seinem Bett, nicht nur dem Gästezimmer. Er wollte, dass ihr Duft an allem hängen blieb, was ihm gehörte, er wollte dass sie nach ihm roch, nur noch nach ihm.
      Mit einem Seufzen stieß er sich von der Tür ab und ging zum Schlafzimmer seiner Mutter. In den letzten paar Tagen war er öfter in diesem Raum gewesen als in den letzten paar Jahren.

      Er legte die Klamotten, die er für Ilya rausgesucht hatte - ein paar einfache, dunkle jeans, eine praktische Bluse - auf das Bett, während sie noch duschte. Er selbst tauschte nach einer kurzen Dusche seine Shorts gegen ein paar Cargohosen, die man sonst nur bei Soldaten im Einsatz sah, und ein eng anliegendes schwarzes T-Shirt. Sein Blick blieb für einen langen, einen sehr langen, Augenblick an den beiden winzigen Löchern in seinem Hals hängen. Sie waren direkt über dem Kragen seines Shirts. Mit einem Seufzen zog er sich einen Pullover über den Kopf, der seine kleine Uniform vervollständigte. Kleider machten Leute, sagte man doch? Cal konnte das in diesem Moment bestätigen. Er fühlte sich gleich weniger wie der liebeskranke Welpe und viel mehr wie der Soldat, der er sein sollte. Ilya spielte wieder die Eisprinzessin? Fein. Dann war Cal eben wieder der Rudelführer.
      "Nur so lange, bis wir das geregelt haben," murmelte Cal. "Danach ist danach."

      Er wartete in der Küche auf Ilya, während er auf einem Proteinriegel herumkaute. Nicht einmal seine Lieblingsgeschmackrichtung konnte seine Stimmung heben. Wann war dieser Tag so furchtbar geworden?


    • Die eigenen Gefühle zu regulieren war einfacher gesagt als getan. Anscheinend war Ilya darin so schlecht geworden wie sie schlecht darin war, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Oder war das nur der Entzug von seiner Wärme? Dabei hatte es sie vorher nie gestört, dass sie als Kaltblütige eben auch anders auf ihre Umgebung reagierte. Nun allerdings, jetzt wo er irgendwo im Haus rumgeisterte? Sie wünschte sich nichts mehr als seine Arme um ihren Körper und seinen Kopf an ihrem Hals.
      Das Verlangen konnte auch die heiße Dusche nicht unterdrücken. Auch nicht der stechende Schmerz, als das Wasser über seine Bisswunde floss und sie spülte. Hatte nicht mal irgendwer gesagt, dass Wolfsspeichel für Vampire giftig war? Vielleicht galt das auch nur in seiner anderen Form?
      So oder so konnte Ilya unmöglich die Wunden offen lassen. Sie konnte jetzt schon den wütenden Mob an Vampiren sehen, die in das Wolfsrevier einfielen. Nicht, weil ihnen etwas an Ilya persönlich lag, sondern weil ihr Stolz es ihnen gebot. Der Stolz, dass ein Wolf es nicht wagen sollte eine Vampirin zu verletzen. Bitter schüttelte sie den Kopf und konzentrierte sich darauf die Wunde zumindest zu schließen.
      Seine Berührungen hatten blaue Flecken hinterlassen und auch an ihrem Hals war ihre Haut definitiv verfärbt, aber das war immer noch besser als eine offene Wunde.
      Mit noch nassen Haaren trat sie aus dem Bad und warf sich die Kleidung einfach über. Unterwäsche? Aussehen wie eine normale Vampirin? Das konnte sie auch, wenn sie wieder zu Hause ankam. Jetzt zumindest sah sie keinen Grund so zu tun, als fände sie okay was hier lief. Auch wenn sie wusste, dass weder Calder noch sie eine andere Wahl hatten.
      Ilya roch das Essen bevor sie es sah, denn sie drehte den Kopf zur Seite bevor sie ihn dabei erwischte, wie er sich einen Snack gönnte. Der Anblick von irgendwelchem menschlichen Essen würde ihr nur noch mehr die Laune verderben. Frustriert knirschte sie mit den Zähnen, was mehr nach einem metallischen Knacken klang als das Geräusch von aneinander reibendem Zahnschmelz. Am liebsten hätte sie sich jetzt die Nase zugehalten. Aber das war dann doch ein Schritt zu viel.
      "Wäre cool wenn du den nicht im Auto isst. Also während ich noch dabei bin."


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    • "Hatte ich nicht vor, aber irgendwas essen musste ich," gab Cal schlicht zurück und schob sich den letzten, großen Bissen in den Mund.
      Er zerknüllte die Verpackung und warf sie in den Müll. Ein paar der Hunde saßen oder lagen in der Nähe, hofften auf einen Krümel, den sie in einem unbeobachteten Moment auflecken konnten. Maple kam angetrottet, kaum hatte sie Wind davon bekommen, dass Ilya da war. Sie drückte ihre Flanke gegen Ilyas Bein.
      Sobald Cal leergekaut hatte, ging er zur Hintertür und pfiff einmal laut durch die Zähne. Die Hunde, die draußen herumgetollt waren, kamen sofort angerannt und huschten über die Veranda ins Haus zurück. Cal schloss die Tür hinter ihnen, dann schnappte er sich seine Autoschlüssel.
      Schweigend stieg er in den schwarzen SUV.
      Schweigend fuhr er sie aus dem Revier.
      Irgendwo in der neutralen Zone reihte er sich in zähfließenden Verkehr ein. Es hatte wohl einen Unfall gegeben und jetzt staute sich alles. Na toll. Cal lehnte den Ellenbogen gegen die Scheibe und fuhr sich durch die Haare - die er nach der Dusche nur behelfsmäßig getrocknet hatte, bevor er sie in seinen üblichen Bun gezwungen hatte. Mit der anderen Hand trommelte er auf dem Lenkrad herum.
      "Wie genau sieht unser Plan jetzt aus?" durchbrach er schließlich die Stille. "Wir brauchen mehr Infos über das, womit wir es hier zu tun haben könnten. Wie müssen unsere Kräfte bündeln. Ich muss sicherstellen, dass sich meine Kräfte benehmen. Du musst dafür sorgen, dass deine Kräfte ihre eigenen Gedanken haben."
      Taktische Analysen, das konnte. Pläne schmieden, die auf diesen Analysen basierten, das war sein Spielfeld.
      Die Bisswunde in seinem Nacken brannte. Der Kragen seines Pullovers versteckte sie aber.
      "Ich werd mit dem Ältestenrat reden, damit ihr den Zugang zum Hafen bekommt. Hab ich was vergessen?"


    • Ob sie die Meute an Hunden in ihrem eigenen leeren Reich vermissen würde? Vielleicht ein bisschen. Vor allem Maple, welche sich noch an ihre Beine gedrückt hatte als gehöre sie genau da hin. Wer hätte gedacht, dass ihr Tiere mal so ans Herz wachsen würden? In so einer kurzen Zeit?
      Ilya sagte ebenfalls nichts, als sie da im SUV saßen, auch wenn ihr ganzer Körper sich eindeutig an die Geschehnisse des Tages erinnerte. Gut. Sie würde sich vermutlich auch noch in Wochen daran erinnern. Scheiße.
      "Ich werd recherchieren. Das rausfinden was ich kann. In den Archiven gibts bestimmt irgendetwas was hilft. Dann werde ich mich mit meinen Leuten kurzschließen.. und dich dann kontaktieren. Dann sehen wir alles weitere?" Zum Ende hin wurde ihre Stimme unsicherer. Ilya wurde jetzt schon mulmig, wenn sie daran dachte wie sie sich wieder sehen würden. Würde dieses Verlangen immer noch da sein? Dieses Gefühl von Zugehörigkeit? Oder hatte er sie dann schon längst wieder vergessen? Längst damit abgeschlossen?
      Der zähflüssige Verkehr half nicht bei ihrer Unentschlossenheit. Das erste Mal seit langem hatte Ilya das Bedürfnis vor Calder zu fliehen. Nicht, weil sie Angst hatte sondern weil sie die Situation so unerträglich fand. Die Unwissenheit. Diese Kälte zwischen ihnen, die sie beide als Professionalität tarnten. Doch Ilya riss sich zusammen, legte die Hände in den Schoß und wartete bis sie endlich vor ihrem Apartmentkomplex angekommen waren.
      "Brauchst du einen Zeitrahmen? Ansonsten schicke ich dir einfach eine Nachricht wenn ich was finde."


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    • Der Verkehr lichtete sich endlich, als sie in den richtig reichen Stadtteil abbogen. Hier lebten nur diejenigen, die nicht hier lebten. Die meisten Leute, die sich in diesem Viertel ein Apartment leisten konnten, hatten auch noch drei andere Häuser irgendwo anders.
      Cal fuhr ein bisschen schneller als erlaubt, nur um diese Folter schneller beenden zu können. Um seinen eigenen Gedanken davonzufahren. Es funktionierte nicht wirklich, aber Cal hielt sich trotzdem an dieser Ausrede fest.
      "Brauchst du einen Zeitrahmen? Ansonsten schicke ich dir einfach eine Nachricht wenn ich was finde," fragte Ilya, als er vor ihrem Apartmentgebäude anhielt.
      "So schnell wie möglich wäre nett," antwortete er, ohne ihrem Blick zu begegnen, auch wenn es jetzt sicher genug wäre, den Blick von der Straße zu nehmen. "Und idealerweise findest du auch einen Weg, wie wir loswerden können, was auch immer da unsere Stadt heimsucht. Wenn wir Wölfe eins können, dann sind es Waffen."
      Er lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne. Ein Problem nach dem anderen, sagte er dem Stechen in seinem Herzen. Vielleicht hatte er ja Glück und er hatte gerade einen Herzinfarkt? Nein, der Schmerz ging nicht in seinen linken Arm über. Mist.
      "Habt ihr irgendwelche kritischen Punkte in eurer Infrastruktur, die ein bisschen mehr Security gebrauchen könnten? Orte, Personen, Gegenstände? Da wir den Scheiß riechen können, könnte ich Sicherheitsteams aufstellen, um sicherzustellen, dass eure nicht infizierten Assets auch weiterhin sauber bleiben."
      Sie war nur ein Klient, redete sich Cal ein. Ilya war nur einer von vielen Klienten, die sich einer unbekannten Bedrohung gegenübersahen und die Dienste des Rudels in Anspruch nahmen, um ihr eigenes Kapital zu sichern. Nichts weiter. Sie durfte nicht mehr als das sein. Zumindest für den Moment.


    • Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie jetzt bitter gelacht. Ihn vielleicht ein bisschen ausgelacht. Aber das war außer Frage. Nicht nur, weil sie so viel Abstand zwischen sich bringen wollte wie nötig, sondern weil er Dinge fragte die sie ihm unmöglich sagen konnte. Nicht, weil sie es nicht wusste, sondern von Eisprinzessin der Vampire zum Rudelführer der Wölfe. Er wollte das so, oder nicht? Dann musste er auch damit klar kommen, dass sie ihm die Geheimnisse ihrer Welt nicht verriet. So viel zum Thema Professionalität. Pah. Ilya wusste, dass das keine Professionalität war sondern purer Trotz, aber wer würde sie dafür schon an den Pranger stellen? Calder? Der sah aus, als wolle er gleich aus dem Auto springen, sich in einen Wolf verwandeln und dann auf allen Vieren davon sprinten.
      "Ich kümmere mich drum. Wenn ich eure Hilfe brauchen kann dann sag ich Bescheid." waren die einzigen Worte, die sie ihm noch gab bevor er bei ihrem Apartmentkomplex hielt. Ohne noch einmal zu ihm zu schauen öffnete sie die Tür und genoss sogleich die kühlere Abendluft ein wenig. Dabei fühlte es sich verboten sich aus seinem Auto zu entfernen. Dort wo sie ihn nicht mehr riechen konnte.
      "Ich melde mich, wenn ich was neues hab..Calder." Sie drehte sich zwar zu ihm um, sah ihm aber nicht in die Augen. Nicht diese dunklen Augen, die manchmal mehr animalisch schwarz als menschlich waren. Stattdessen schloss sie die Tür mit einem sanften Schubser und machte sich auf den Weg in ihr eigenes Reich. Dort, wo sie wieder die Eisprinzessin war.


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    • Cal sah ihr nach, bis sie im inneren des großen schwarzen Turms aus Chrom und Glas verschwand. Warum fühlte sich das alles an wie ein finaler Nagel im Sarg? Warum wollte er gerade nichts sehnlicher tun, als ihr hinterher zu rennen und sich zu entschuldigen?
      Cal reihte sich zurück in den Verkehr ein und fuhr nach Hause.

      Die nächsten knapp zwei Wochen vergingen wie im Rausch, auf eine Weise, wie es nur hektischer Aktionismus vermochte – jener betäubende Lärm aus Plänen, Waffen, Befehlstönen und der ständigen Präsenz von Bewegung. Cal verließ das Haus kaum ohne Begleitung, meist in Richtung der Grenzlinien oder runter zum Hafen. Der Waffenhandel – sein Geschäft, seine Verantwortung, sein Erbe, genauso wie der Rest des Rudels – florierte, wenn auch mit gefährlichen Ausschlägen in beide Richtungen.
      Am Tag waren es Container voll legaler Lieferungen: Jagdgewehre, gepanzerte Westen, Nachtsichtgeräte für Jäger, Ausrüstung für Schützenvereine. Nachts wurden dieselben Hallen zu Treffpunkten für dunklere Geschäfte. Cal hatte schon früh aufgehört, Fragen zu stellen. Er wusste, was nötig war, um das Rudel zu schützen und zu finanzieren – auch wenn es hieß, mit den Schatten zu tanzen.
      In den ersten Tagen hatte er sich beinahe erfolgreich ablenken können. Neue Patrouillen wurden aufgestellt – gemischte Teams aus Jungwölfen und alten Veteranen. Cal rüstete sie nicht nur mit moderner Ausrüstung aus, sondern schulte sie auch persönlich in Taktiken, die eher an militärische Einheiten als an ein Rudel erinnerten. Striktere Grenzkontrollen. Rotierende Posten. Schnellere Reaktionszeiten. Er tat alles, um aufkommende Unruhe zu zerstreuen, die sich wie Unkraut zwischen den Rudelmitgliedern auszubreiten begann. Gerüchte, Zweifel, Misstrauen.
      Und doch – in den stillen Momenten, wenn der Lärm nachließ, war sie da.
      Ilya.
      Ihr Duft klebte noch immer in den Wänden seines Hauses. Ihre Stimme, scharf wie Eis und trotzdem weich in seinem Ohr, nagte an seiner Konzentration. Das Letzte, was er brauchte, war ein Rückfall in jene gedankenlosen Minuten, in denen seine Vernunft gegen die bloße Tatsache verlor, dass sie existierte. Eine Vampirin. Die Tochter ihrer Führer. Die Eisprinzessin.
      Er hätte sie nie mit ins Herz des Territoriums bringen dürfen. Und doch... er hätte es wieder getan.
      Cal biss sich an seinen Aufgaben fest wie ein ausgehungerter Wolf. Rechnungen, Waffenlieferungen, Nachbesprechungen, Strategieplanungen – alles wurde akribisch dokumentiert, durchkalkuliert, protokolliert. Schlaf war sekundär. Emotionen ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte. Nicht jetzt. Nicht bei dem, was bevorstand.
      Denn der Ältestenrat hatte ihn vorgeladen.
      Es war kein offizieller Aufruf gewesen, nicht auf dem Papier. Aber Cal wusste, wie sie arbeiteten. Die alte Garde – Zähne stumpf, aber Stimmen scharf. Sie warteten schon lange darauf, ihn zu Fall zu bringen. Für sie war er ein Übergangsführer, ein unzureichender Erbe, der mehr Fragen aufwarf, als er beantwortete.
      Er hatte den Posten nie offiziell beansprucht, nicht vollständig. Und das Rudel wusste es. Spürte es. Dazu kamen die Vorwürfe: dass er zu wenig tat, um das Rudel zu schützen. Dass seine Zusammenarbeit mit den Vampiren einem Verrat gleichkam. Und dass er – ausgerechnet er – Ilya in den inneren Kreis gelassen hatte, in ihr Territorium, in ihre sichere Mitte.
      Nun würde er sich dem stellen müssen.
      Er band sich die Haare zurück, strich mit beiden Händen über sein Gesicht, das in den letzten zwei Wochen härter, kantiger geworden war. Weniger Junge, mehr Schatten.
      Er atmete durch, nur einmal, tief.
      Dann verließ er sein Haus und machte sich auf den Weg zum Ältestenrat.

      Die Stadthalle roch nach Staub, altem Holz und angestauter Feindseligkeit. Cal betrat den Raum ohne jede Begleitung, aufrecht, den Blick klar, auch wenn er innerlich bereits wusste, was ihn erwartete. Die sieben Ratsmitglieder saßen im Halbrund, wie ein stummes Tribunal. Linden stand an der Wand, nicht auf dem Podium – eine Entscheidung, die sowohl politisch klug als auch ein stilles Statement war.
      Blair war der Erste, der sprach – ein Mann mit ruhiger Stimme, aber schneidender Präzision.
      "Wie lange hast du noch vor, Däumchen zu drehen? Ist das die Führung, die du deiner Mutter versprochen hast, Calder?"
      Cal antwortete nicht sofort. Er hob nur leicht das Kinn, ließ die Worte auf sich prallen wie Regen auf Schiefer. Er wusste, es würde nicht bei Blairs Nadelstichen bleiben.
      "Du hast sie in unser Territorium gebracht." Glenns Stimme hallte lauter, schärfer. "Die Tochter der verdammten Blutsauger! Und du stehst da, als hätte das keine Konsequenzen?! Der Feind meines Feindes ist nicht immer mein Freund, junger Mann. Nur weil die Blutsauger unsere Hilfe brauchen heißt das noch lange nicht, dass wir sie brauchen."
      Cal knirschte mit den Zähnen, sagte aber noch immer nichts. Er wusste, wie Glenn funktionierte. Wenn man ihn reden ließ, redete er sich irgendwann selbst um Kopf und Kragen.
      "Du bist nicht bereit," fuhr Glenn fort, diesmal mit Blick in die Runde. "Bist es noch nie gewesen und wirst es wahrscheinlich auch nie sein. Und wenn Linden nur ein Fünkchen Verantwortung empfinden würde, hätte er den Posten längst selbst übernommen – anstatt das gesamte Rudel in Gefahr zu bringen!"
      "Genug," meldete sich Linden.
      Ruhig. Ruhiger, als es die Situation rechtfertigte. Wie sein Onkel so entspannt bleiben konnte, war Cal ein Rätsel.
      "Cal hat mehr für dieses Rudel getan, als du in einem Jahrzehnt, Glenn. Seine Wege sind nicht deine, das macht sie nicht automatisch falsch."
      Glenn schnaubte, doch bevor er entgegnen konnte, meldete sich zum ersten Mal Iris. Sie war schon immer der Ruhepol im Rudel gewesen. Sie war für Cals Mutter das gewesen, was Linden für ihn war: Freund, Rückhalt, Sicherheit. Sie hatte Cal bestimmt genauso sehr großgezogen wie Linden und Cora.
      Aber heute war etwas anders. Sie hatte lange geschwiegen. Zu lange. Cal suchte ihren Blick, hatte es heute schon mehrfach getan, doch sie war ihm ständig ausgewichen. Jetzt sah sie ihn aber an – nicht hart, nicht kalt. Nur... resignier?
      "Du erinnerst mich jeden Tag an sie," sagte sie leise, und es dauerte einen Moment, bis Cal begriff, dass sie von seiner Mutter sprach. "Dein Blick. Dein Trotz. Deine Wut. Aber auch deine Zweifel. Und ich frage mich, ob sie wirklich gewollt hätte, dass du diesen Platz einnimmst, bevor du bereit bist."
      Cal wollte etwas sagen, einwerfen, dass er jeden verdammten Tag für das Rudel kämpfte – aber Iris hob die Hand. Noch immer leise, noch immer mit dieser erschöpfenden Sanftheit.
      "Ich kann dich nicht länger unterstützen, Cal. Nicht, wenn es bedeutet, dass wir alle leiden."
      Stille.
      Es war, als würde die Luft aus dem Raum gesogen. Cal hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Iris. Ausgerechnet Iris. Sie hatte immer auf seiner Seite gestanden, egal wie sehr die anderen zweifelten. Egal wie sehr er zweifelte. Und jetzt das.
      Blair sprach das aus, was alle dachten: "Damit hat der Rat eine Mehrheit. Wir können dich offiziell herausfordern, Calder."
      Glenn war der Erste, der aufsprang.
      "Ich nominiere Linden als Herausforderer."
      "Ich lehne ab," kam es sofort, fast mechanisch, von Cals Onkel. "Falls ihr glaubt, ich falle meinem eigenen Neffen in den Rücken, habt ihr euch gewaltig geirrt. Ich habe meine Rolle gewählt."
      "Dann eben dein Sohn Flint," schlug Blair vor, sein Tonfall beinahe gleichgültig – als wäre das nur eine logische Konsequenz.
      Linden wandte sich halb zu Blair, halb zum Rest des Rates.
      "Auch Flint wird nicht-"
      Die Tür öffnete sich.
      Stiefelschritte hallten durch den Raum.
      Flint betrat die Halle in schwarzem Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, das Kinn entschlossen, der Blick ruhig – zu ruhig.
      "Ich nehme die Herausforderung an."
      Ein einziger Satz – und Cal wurde schlagartig kalt.
      Er hatte Flint nicht gesehen, seit die Spannungen mit dem Rat zunahmen. Nicht ernsthaft. Er hatte gedacht, sein Cousin sei damit beschäftigt, sich auf die Geburt seines Welpen vorzubereiten. Nicht einen Coup. Sie waren Cousins, ja – aber mehr noch waren sie Brüder im Geiste. Sie hatten zusammen das Kämpfen gelernt, zusammen gelacht, zusammen geblutet. Flint war sein Schatten, sein Spiegel, sein Rückhalt.
      Oder so hatte er geglaubt.
      Cal stand wie angewurzelt. Er hätte es kommen sehen müssen. Hätte die Zeichen erkennen sollen. Doch er hatte sich zu sehr auf andere Dinge konzentriert. Auf Waffen. Auf Patrouillen. Auf Ilya.
      Sein Blick traf Flints. Sein Cousin zeigte keine Feindseligkeit, keine Wut. Er war einfach nur entschlossen. Er stand offen zu seiner Entscheidung.
      Das war vielleicht das Schlimmste daran.
      "Dann ist es beschlossene Sache," meinte Blair. "Beim nächsten Neumond wird um die Führung des Rudels gekämpft."


    • Ilyas Leben war von einen auf den anderen Moment hektisch geworden. Wesentlich hektischer, als je ein Vampirleben sein sollte. Wo Atemzüge nicht sekündlich sondern stündlich waren und Entscheidungen auch mal gern um ein paar Jahre vertagt wurden, musste sie nun irgendwie die Trägheit besiegen. Dabei war nur eines sehr sehr hilfreich. Wenn man nicht 8 Stunden am Tag schlafen musste, konnte man die Zeit gut anderweitig nutzen.
      Aber selbst für jemanden, der keine Ruhe brauchte, waren die nächsten zwei Wochen stressig. Während sie tagsüber in den Bibliotheken nach Informationen stöberte, besuchte sie unter der Nacht immer wieder Außenposten um Befragungen anzustellen und vor allem um zu verhindern, dass noch mehr Vampire unter Fremde Kontrolle gebracht wurden.
      Doch während ihre Hände die alten Bücher hielten und poröse Blätter vor und zurück wälzten waren ihre Gedanken immer wieder wo anders. Sie wanderten zu ihm, in sein Bett, in seine Umarmung, ohne dass sie etwas dagegen machen konnte. Während sie alte Schriften entzifferte und gegeneinander abglich spürte sie seine heißen Hände auf ihrem kalten Körper und verstärkten die Einsamkeit, die in der Dunkelheit schwelgte.
      Dabei war es nicht so, dass die Archive ihr zu wenig Material gaben. Im Gegenteil. Die Bibliothek des alten Nordflügels, ein Ort, den die meisten Vampire ihrer Generation nicht einmal betreten durften, quoll förmlich über vor Wissen. Wissen, das älter war als jeder lebende Ratsherr. Es roch nach Leder, nach Staub und nach alter Magie, die nicht mal ihnen gehörte. Manche der Bücher reagierten sogar auf ihre Anwesenheit, ganz unterschiedlich. Manche schienen sich selbst verstecken zu wollen, während andere eine bösartige Aura, vermutlich der Abschreckung gedient, von sich gaben. Ein besonders widerspenstiges Exemplar hatte sich ihr einmal beim Aufschlagen in Rauch aufgelöst, als wolle es lieber vergehen als sich von ihr lesen zu lassen.
      Sie hatte sich an das alles gewöhnt. An die schmerzenden Augen vom Kerzenlicht, das sie der Elektrizität vorzog, weil es zumindest etwas angenehmer war als eine helle Glühbirne. An die stummen Gänge, in denen ihr jeder noch so federleichter Schritt zu laut vorkam. An das Gefühl, dass sich die Wände jedes Mal enger zogen, je länger sie blieb.
      Aber nicht an die Sehnsucht.
      Wenn sie las, glitt ihr Blick immer wieder ab. Nicht von den Seiten, sondern von der Gegenwart. Die Worte verschwammen manchmal, wurden ersetzt durch dunkle Augen, die fast schwarz waren. Durch raues Lachen, welches ihr schon in die Seele gebrannt war. Durch den Abdruck von viel zu warmen Fingern auf ihrer Haut. Er war nicht hier, und trotzdem war er überall.
      Sie zwang sich weiterzulesen.
      Das erste, was sie fand, war ein Fragment. Nicht einmal eine vollständige Seite und keine Quelle, auf die man sich verlassen konnte. Aber es war etwas. Eine Nadel im Heuhaufen, oder der Halm Stroh im Nadelhaufen. Ein Bericht aus dem frühen 18. Jahrhundert. Über eine chinesische Wesenheit, die durch Gedanken sprach und mit einem ganzen Dorf verschmolz. Es war keine Rede von einem Namen, aber die Beschreibung war beunruhigend vertraut. "Sie kam in der Gestalt einer Frau," stand dort, "doch es war keine Frau. Ihre Stimme hallte im Kopf, ihre Absichten waren verhüllt. Jene, die mit ihr sprachen, erkannten ihre eigenen Gedanken nicht mehr."
      Ein Huli Jing. Vielleicht.
      Viele hundert Seiten später, in einem anderen Band, stieß sie auf einen Vergleich zwischen den Kitsune und den chinesischen Füchsen. Wobei der Autor sich echauffierte, wie westliche Geisterjäger "völlig fahrlässig beides in einen Topf warfen". Die Huli Jing seien weniger Trickster als vielmehr Verführer, lenkten mit Worten und Blicken, nutzten Schönheit wie ein Skalpell. Es erinnerte Ilya ein wenig an die Sukkubi, die in Träume eindrangen und so sich von ihren Opfern nährten. Die Huli Jing allerdings...? In ihren stärkeren Formen konnten sie sich vollständig in die Gedankenwelt eines Opfers einnisten. Dort Erinnerungen fälschen, Realitäten umdeuten. Ein heißer Schauer rannte ihren Rücken herunter.
      "Ein Opfer erkennt seine eigene Verwirrung nicht," stand da, "und wird jeden, der das behauptet, für den Feind halten."
      Was passte das doch erschreckend gut? Zu den Vampiren, die Ilya gesehen und überwältigt hatte. Zu den Blinden. Zu denen, die nicht mehr wussten, wer sie waren. Vielleicht lag darin die Erklärung. Die fremde Präsenz war kein Virus und kein Fluch. Sondern etwas anderes. Ein Parasit im Geist, ein Eindringling gegen die Vampire in ihrem langen Dasein noch keine Resistenz entwickelt hatten, weil sie es schlichtweg bis lang nicht mussten.
      Und dann waren da die Oni.
      Anders als die Füchse waren sie nichts Heimliches. In alten Schriftrollen, die irgendjemand aus Japan geklaut habe musste, beschrieben mit Tusche und Blut, las sie von riesenhaften Gestalten mit verzerrten Gesichtern. Von Hörnern, von Gier. Von einer Wut, die sich nicht rationalisieren ließ. Manche Oni seien menschlichen Ursprungs gewesen. Männer, die im Zorn starben, mit zu viel Gewalt im Herzen und zu wenig Frieden. Andere wurden geschaffen, gezüchtet gar. Als Waffen. Als Werkzeuge.
      "Ein Oni, der denkt, ist gefährlich, doch ein Oni, der gelenkt wird, ist schlimmer."
      Ilya fuhr mit dem Finger über den Rand der Seite, die fast unter der federleichten Berührung zu bröckeln begann. Sie legte das Buch nicht sofort weg. Stattdessen lehnte sie sich zurück, ließ den Kopf an die kalte Wand hinter ihr sinken. Ihre Augen brannten. Nicht vom Licht. Nicht vom Staub, auch wenn diese eindeutig irritierten. Sondern vom Abstand und vom Wissen, dass sie dieses Puzzle allein zusammensetzen musste. Dass sie stark sein musste, damit er es auch sein konnte. Und dass jedes gefundene Puzzlestück sie ihm näherbrachte und gleichzeitig weiter entfernte.
      Schweren Herzens nahm sie ihr Smartphone in die Hand. Das Ding, welches fast nie still stand und nun wie ein schwerer Brocken nutzloser Technologie war. Was brachte einem ein Maschinengewehr gegen ein Wesen, welches nicht einmal eine feste Gestalt hatte? Mit einem Seufzen tippte sie, langsam, fast schon bedächtig.
      "Ich habe etwas gefunden." Nichts anderes sendete sie zu Calder. Die ersten Worte seit zwei Wochen. Kein Vorschlag für ein Treffen, keine Informationen, die sie ihm sowieso nicht über den Bildschirm geben wollte. Nur die Wahrheit, die in ihrer Kehle brannte, wie der Durst, als sie an den Werwolf am anderen Ende der Stadt dachte.


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    • Jeder konnte spüren, dass etwas in der Luft lag. Niemand konnte so wirklich den Finger darauf legen - und das war das einzig gute an dieser ganzen Situation - aber die Wölfe spürten die Spannung. Beinahe jeder lief mit aufgestelltem Nackenhaar durch die Gegend. Und sie alle wussten, dass es etwas mit Cal zu tun hatte. Sie gingen ihm aus dem Weg. Sie wussten, instinktiv, dass sie sich von ihm fernhalten sollten, wenn sie nicht unbedingt mit ihm reden mussten. Sie wussten, dass er mies drauf war, egal wie sehr er auch versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
      Das Schlimmste waren die Blicke. Niemand sprach ihn an, aber sie alle sahen hin. Normalerweise gab es einen kurzen Gruß und dann gingen seine Leute ihrer Wege, aber seit dieser Ratssitzung...
      Cal machte die Tür zu seiner Veranda auf und ließ seine Hunde nach draußen. Er zerrte sich sein Shirt über den Kopf, zog seine Hosen aus und mit einem Satz die Treppe hinunter wechselte er seine Form. Er hatte keine Lust mehr. Sollten sie sich doch allein um alles kümmern. Er war ihnen ja offensichtlich nicht gut genug, was sollte es ihn also interessieren, wenn hier alles den Bach runterging?
      Cal rannte. Er rannte und rannte und rannte, bis er auf der anderen Seite des Waldes herauskam - der Rand der Stadt, die äußerste Grenze seines Reviers. Er könnte einfach gehen. Könnte sein Leben als Wanderer fristen. Dann müsste er sich um niemanden sorgen, um niemanden kümmern. Er könnte einer Rudelführerin mit ihren Erben aushelfen und dann einfach weiterziehen, wie es sich gehörte. Niemand würde es merken. Wenn er jetzt einfach verschwand und nicht stehen blieb, könnte er sich ein paar Tage Vorsprung erkaufen - genug Raum zwischen sich und das Rudel bringen, sodass ihm niemand folgte.
      Mit einem Schnauben setzte sich Cal. Er warf einen Blick in den Himmel - wann war denn die Sonne untergegangen?! Der Mond war kaum zu sehen. In drei Tagen war Neumond. In drei Tagen würde er seinen Posten verlieren und dann stünde er wieder hier, genau hier, aber er würde nicht bleiben dürfen. Flints erste Amtshandlung würde es sein, ihn ins Exil zu schicken. Er konnte sich keinen Wolf mit stärkerem Recht auf den Titel im Rudel erlauben. Das wusste er auch. Er wusste, was passieren würde und trotzdem hatte er die Herausforderung gestellt.
      Cal sollte einfach gehen. Flint war ein guter Kämpfer, sie würden sich gegenseitig zerfleischen. Flint war drauf und dran, Vater zu werden, was hatte er sich dabei nur gedacht?! Wenn Cal jetzt ging, dann würde das ihnen beiden eine Menge Schmerz ersparen. Er könnte zu Ilya gehen. Er könnte mit ihr zusammen sein, wie es seine Instinkte von ihm wollten, und niemand könnte ihm das mies machen. Aber was sollten die Vampire mit einem Wolf? Er wäre da doch bloß der Schoßhund - vollkommen machtlos in ihren Reihen und vollkommen nutzlos gegenüber dem Rudel, seinem Rudel.
      Seinem Rudel.

      "Cal. Cal, steh auf, du Trantüte."
      Mit einem Grummeln rollte sich Cal noch weiter zusammen. Er schob seine Schnauze unter seinen Schwanz und tat so, als schliefe er tief und fest.
      "Ich weiß, dass du wach bist."
      Na und? Vielleicht war seine Nase ja kalt? Die Nacht war nicht gerade freundlich gewesen.
      "Deine Vampirin hat sich gemeldet."
      Cal hob den Kopf und begegnete dem Blick seines Onkels. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, wie der Mann sich fühlen musste. Sein ältester Sohn hatte seinen einzigen Neffen - den letzten Rest seiner Schwester - herausgefordert.
      "Das ist es, was deine Aufmerksamkeit erregt? Junge, das ist genau der Grund, warum sich der Rat so benimmt, wie er es nun mal tut."
      Cal fletschte die Zähne ein bisschen. Der Rat war nicht das, worüber er jetzt reden wollte. Und Vorträge wolle er auch keine hören.
      Sein Onkel hob abwehrend die Hände.
      "Schon gut, schon gut. Bin ja still."
      Linden fischte Cals Smartphone aus seiner Tasche. Cal spitzte die Ohren.
      "Sie hat nicht viel geschrieben," meinte sein Onkel als er das Smartphone freigeschaltet hatte. "Nur, dass sie was gefunden hat. Willst du dich darum kümmern, oder soll ich jemanden finden, der das für dich übernimmt?"
      Sein Onkel kannte die Antwort doch schon.
      "Okay. Die Bar? Um Acht?"
      Cal yippte als Antwort. Sein Onkel nickte und schrieb Ilya eine Antwort, dass sie sich heute um acht in der Bar treffen sollten, in der sich sich schon nach dem Zwischenfall mit den Jungwölfen getroffen hatten.
      "Wir wussten es nicht," murmelte Linden, nachdem er das Smartphone wieder weggesteckt hatte. "Wir hatten keine Ahnung, was Flint geplant hatte. Keiner von uns."
      Cal rappelte sich auf und trottete zu seinem Onkel hinüber. Er drückte seine Nase gegen die Brust des Mannes. Linden schlang die Arme um seine Schnauze.
      "Es tut mir leid," flüsterte er. "Ich hätte es ihm ausgeredet, wenn ich es nur gewusst hätte."
      Linden vergrub sein Gesicht in Cals Fell.
      "Tu, was du tun musst. Er hat sich das selbst eingebrockt, also muss er es auch auslöffeln."
      Cal brummte als Protest. Flint hatte Hazel, hatte seinen Welpen. Cal hatte niemanden. Er konnte den beiden doch nicht einfach den Partner und Vater nehmen.
      Lindens Griff verstärkte sich.
      "Tu es, Calder. Es ist deine Aufgabe. Wenn du dich zurückhältst, dann gibst du dem Rat doch nur Recht."
      Cal winselte. Er wollte das nicht tun. Aber welche Wahl hatte er schon?

      Um acht ließ sich Cal aus seinem Auto rutschen und schlurfte in die Bar. Wenn er den Kampf in zwei Tagen verlor, dann wäre das hier auch nicht mehr sein Problem. Dann würde Flint zu diesen Treffen kommen. Falls er sich überhaupt dazu herablassen würde, mit den Vampiren zusammenzuarbeiten. Der Gedanke daran, wie Ilya sich mit seinem Cousin herumschlug bereitete ihm Magenschmerzen.
      Er ließ sich auf einen Barhocker sinken und bestellte sich einen Bourbon. Den leerte er in einem Zug, also bestellte er sich gleich noch einen. Das Brennen in seiner Kehle lenkte ihn nur mäßig von seinen Gedanken ab.
      Ilya war da viel besser. Ihr Geruch wehte zu ihm herüber, als sie durch die Tür trat. Sofort drehte er sich zu ihr um, das Glas in seiner Hand vergessen. Zwei Wochen waren jetzt nicht unbedingt viel Zeit, aber es fühlte sich an, als hätte er sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Er wollte sie an sich ziehen und seine Nase in ihren Haaren vergraben. Sich dort selbst verlieren, bis er an nichts anderes mehr denken konnte, als an sie. Das wäre so viel einfacher.
      "Hey," grüßte er so trocken, wie möglich.
      Nur weil sein Leben gerade den Bach hinunter ging, musste er ihr ja nicht gleich die Stimmung vermiesen. Flint und das Rudel waren sein Problem, nicht ihres.


    • Seit wann konnten Vampire eigentlich Kopfschmerzen haben? Hatte das schon mal jemand vor ihr gehabt? Oder war das nur dieses Verlangen, dass sie unmöglich wieder abstellen konnte, seitdem der Zeitpunkt ihres Treffens fest stand? Während der letzten Wochen hatte sie kaum Blut getrunken. Um genau zu sein so wenig, dass es schon an einen Hungerstreik erinnerte. Natürlich konnten Vampire einige Zeit ohne Nahrung überleben. Doch Ilya hatte seitdem sie sich von Calder getrennt hatte nicht mehr geschlafen.
      Nun, als sie in ihrer Wohnung stand und fieberhaft nach einem Outfit suchte, wurde der Hunger immer unerträglicher. Dabei hatte sie gar nicht absichtlich so wenig getrunken. Es schmeckte eben einfach nicht so gut, wie er es tat. Es roch eben nicht so gut, wie er es tat. Es half eben nicht so gut, wie er es tat.
      Voller Frust warf sie ein weiteres Outfit auf den Haufen in die dunkle Ecke, wo sich schon einige Designerkleider stapelten. Es war eine dumme und törichte Zeitverschwendung. Ilya war sich dem durchaus bewusst, doch das hielt sie nicht davon ab ein weiteres Kleid aus ihrem großen begehbaren Kleiderschrank zu ziehen. Denn auch wenn das Treffen von rein geschäftlicher Natur war, so waren sie beide wohl alles andere, als einfach nur geschäftlich mit einander verbunden.
      Letztendlich fiel die Wahl auf eines dieser schwarzen, enanliegenden Kleider, die nur jemand wie sie tragen konnte. Weil sie damit nicht aussah wie ein gewöhnliches Flittchen oder wie jemand, der versuchte zu imponieren, sondern wie die Eisprinzessin, deren Ruf ihr voraus eilte. Die passenden Schuhe und der Schmuck waren schnell gefunden. Nur ihre Haare stylte sie nicht. Sie wollte nicht aussehen, als hätte sie zwei Stunden damit verbracht nach ihrem Outfit zu suchen. Gleichzeitig wollte sie ihm aber sehr wohl zeigen, was er vor zwei Wochen zurück gelassen hatte. Ob er es nun musste oder nicht.
      Der Frust über die gesamte Situation vermischte sich konstant mit der leichten Vorfreude ihn widerzusehen und dem bitteren Gefühl von Verantwortung. Mit einem stummen Nicken verabschiedete sie sich von Miklas, der sie bis zur Bar gefahren hatte und stieg aus. Die Vorfreude mischte sich schnell mit einer Art Furcht, die sie bis lang noch nicht gespürt hatte. Bis lang hatte sie wenig Zeit gehabt sich um andere Dinge als die Huli Jing und die Probleme ihrer Artgenossen Gedanken zu machen, doch jetzt wo sie kurz vor dem Eingang stand, brach alles über sie herein wie eine ungebetene Welle von Erinnerungen und Verlangen.
      Ilya atmete noch einmal tief durch, sog die frische kalte Stadtatemluft ein und betrat die Bar. Schnell wurde ihr jedoch klar, dass sie sich noch so hart hätte stählern können. Sobald sie Calder dort sitzen sah war jeglicher Gedanke, jegliches Problem vergessen. Instinktiv wollte sie auf ihn zu rennen und sich in seinen Armen, in seinem Duft vergraben. Sie wollte die Augen schließen und sich fallen lassen.
      So plötzlich dieser Gedanke gekommen war, so schnell war er auch wieder verflogen, auch wenn das Verlangen blieb. Denn Ilya war zwar nicht unglaublich nachtragend, aber dennoch eine stolze Vampirin. Vielleicht war sie auf einmal ruhig, weil der Stolz in ihrem Blut floss. Vielleicht auch, weil sie sich immer noch an den Schmerz und die Enttäuschung erinnerte, als er sie zurück gebracht hatte.
      "Hey." grüßte er sie, mit diesem trockenen Ton als wäre nichts gewesen. Als hätte sie sich nicht jeden Tag nach ihm verzehrt. An seinen Geruch, an seine Berührungen, an seinen Geschmack gedacht.
      "Hey." grüßte sie zurück, wie als würde sie gerade nicht mit dem Gedanken spielen ihn einfach zu überfallen.
      "Wir sind richtig am Arsch."


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

    • "Wir sind richtig am Arsch."
      Cal lachte. Bevor er über irgendetwas nachdenken konnte, bevor er seinen Filter zwischen sein Hirn und seinen Mund schieben konnte, lachte er. Seine zweite Amtshandlung? Er griff wieder nach seinem Glas, leerte es in einem Zug, und bestellte zwei nach - eins für sich und eins für Ilya.
      Natürlich waren sie am Arsch. Wie könnte es auch anders sein?
      "Doch so gut, was du rausgefunden hast?" fragte er und fischte den Eiswürfel aus seinem Glas.
      Er brauchte etwas, auf das er draufbeißen konnte. Etwas, das er zerstören konnte. Etwas, das ihn von Ilyas perfekter Figur ablenkte.
      Cal schob sich den Eiswürfel in den Mund und bis kräftig drauf. Fühlte sich fast so gut an, wie einen Knochen zwischen den Zähnen zu brechen. Aber eben nur fast. Er spielte mit der kleinen Cocktailserviette herum.
      "Könnte sein, dass wir sogar noch mehr am Arsch sind, als du denkst," murmelte er, wohlwissend, dass Ilya ihn hören konnte.
      Er hatte sich zwar gesagt, dass er ihr nicht gleich die Stimmung vermiesen musste, aber das war ja offensichtlich schon passiert, da konnte er das Pflaster auch gleich abreißen.
      "Willst du zuerst?" fragte er, kaum dass ihm sein nächster Drink serviert wurde. "Oder soll ich?"


    • Der Barkeeper hatte die Drinks schnell zu bereitet, sodass Ilya das Glas leeren konnte bevor sie ihm antworten musste. Nicht, dass sie den Alkohol wirklich sinnvoll nutzen konnte. Jetzt erst recht wünschte sie sich, dass sie ihre Sinne damit dämpfen konnte. Dass sein Geruch nicht ihre Nase umhüllte und ihren Appetit anregte. Dass sie nicht darüber nachdachte wie die Wärme seines Körpers ihre Kälte zum schmelzen brachte.
      Aber dem war nicht so. Genauso nüchtern schien Calder mit der Situation umzugehen. Oder er versuchte es zumindest.
      “Wenn du schon so anfängst kann das ja was werden.” Die Eisigkeit in ihrer Stimme war längst verflogen. Es lag ihr einfach nicht, sich bei ihm zu verstellen. Vor allem nicht, wenn er so aussah als wollte er sie gleich mit seinen Augen ausziehen. Oder alles daran tat es eben nicht zu tun.
      “Bei mir ist es ziemlich kompliziert.” Gab sie schließlich zu, aufrichtig unglücklich mit der ganzen Sache. Trotz ihrer persönlichen Probleme hätte sie ihm doch gerne etwas bessere Nachrichten mitgebracht. “Wir werden vermutlich wesentlich stärker zusammen arbeiten müssen als wir es jetzt tun. Und mit wir meine ich nicht uns beide sondern unsere Seiten.”


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

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