Diego streckte sich müde und starrte auf das Tablet in seiner Hand. Es blinkte ein grüner Brief in der oberen Ecke der geöffneten App. "Hmm. Kaum hier und schon eine Nachricht?", überlegte er vor sich her und sah prüfend auf die Uhr. Es war 9 Uhr und er hatte erst vor einer halben Stunde mit seiner Schicht angefangen. Es war eine ungewöhnlich Zeit für Neuigkeiten. Doch Diego wollte nicht weiter darüber rätseln, was sich hinter dem Symbol verbarg und öffnete die Nachricht. Wie erwartet bekam Diego einen neuen Klienten. Einen neuen Kunden. Doch hier pflegte man den begriff "Klienten", da - so hatte es Diego schon merken dürfen - es sich um sehr spezielle Menschen handelt. Die meisten sind relativ reich und lassen das die Leute hier spüren. Diego war als Trainer einer der wenigen, der zumindest einen Teil ihrer Achtung und Wertschätzung erhielt. Vor allem, wenn es sich um junge Menschen oder Leute aus der Finanzszene handelte. Doch dann waren da noch die Grannies - wie die Trainer sie hier nannten. Ältere Damen, die oft verwitwet sind oder deren Männer nur noch vor sich her existieren. Sie suchen hier nach dem 2. Frühling und Typen wie Diego waren genau ihr Beuteschema. Umso mehr umklammerte er das Tablet und hoffte, dass sich seine Kartei, die sich einer gewissen Beliebtheit erfreute nicht nochmals um eine Granny reicher wurde. In jeglicher Beziehung waren diese Frauen eine Belastung für Diego: sie trainierten kaum doer gar nicht, wollten die ganze Zeit bespaßt werden und hatten kaum Erfolge vorzuweisen. Er seufzte innerlich, da ihm die Zeit verriet, es könnte nur eine ältere Dame sein. Innerlich spürte er schon, wie sie von ihrer letzten Weltumseglung mit der Oasis of the Seas berichtet und vom Gold getoppten Kaviar und handverlesenen Pralinen aus Brügge schwärmt. Doch ehe Diego das Gesicht weiter verziehen konnte, weckte ihn ein Schlag die Schulter.
"Hey, Diego", sprach eine Stimme und er drehte sich um. Es war der Studioleiter, der Diego ein süffisantes Lächeln zuwarf. "Arbeit wartet auf dich.", schnalzte er fröhlich und Diego versuchte seine Genervtheit zu verbergen. "Sag mir nicht, dass die nächste Klientin wieder viermal so alt ist wie ich. Meine Kartei besteht bald nur noch aus ..."
"Hey hey! Ich versteh dich! Pass auf, Diego. Du machst hier einen super Job. Seit dem halben Jahr, das du da bist, hast du die größte Kartei von allen Coaches ausgebaut und deswegen"
"Beförderst du mich?"
"Was? Nein! Wo denkst du hin? Wir sind hier eine kleine Kette. Kein großer Betrieb. Wir bleiben doch familiär." Diego verzog sein kurzzeitig freudiges Gesicht.
"Nein, Diego. Ich werde aber deine Kartei entlasten. Wir kriegen so nen neuen Sportstudenten. Der kriegt die eh ... älteren Da..."
"Du meinst die Grannies?"
"Eh ja genau! Auch wenn ich den Begriff nicht angemessen finde, aber ja." Der Studioinhaber legte seinen Arm auf Diegos Schulter und schob ihn sanft während er redete Richtung Eingang. "Und dafür kriegst du einen unserer neuen Kunden, der nen wahnsinniges Abo abgeschlossen hat!"
Diego rollte die Augen. "Oh wow. Jetzt darf ich den reichen Managern den Arsch küssen oder was?"
"Hey benimm dich! Davon hängt schließlich deine Provision ab!" Der überschwängliche Mut seines Chef nervte ihn schon seit einer Weile. Das System in diesem Premium-Studio war einfach: Jeder Coach hat eine Kartei mit Klienten. Diese zahlen Beiträge in Abhängigkeit ihres Gehalts, welches den Trainern als Provision gut geschrieben wird. Das heißt, wenn ein Trainer besonders wohlhabende Kunden hat, dann verdient er auch mehr. Damit wollte ihn sein Chef nun wohl ködern.
"Sieh es als Mini-Beförderung an, Diego. Wir reden nochmal, wenn du deinen Gehaltsscheck in den Händen hältst. Und nun kümmer dich, um deinen neuen Klienten."
"Das will ich für dich hoffen", raunte Diego und öffnete den Anmeldebogen auf seinem Tablet. Am Eingang entdeckte er bereits seinen neuen Kunden, den er noch von hinten sah. Längeres blondes Haar, zierliche Statur und der wirkte irgendwie ziemlich jung. Er ging zielstrebig auf den jungen Mann zu. "Guten Morgen", sagte er und schaute auf den Anmeldebogen, ehe er einen Namen las, der ihm unglaublich bekannt vorkam. 'Collin Walsh?', dachte er sich, 'Das kann nicht wahr sein. Niemals ist es dieser Collin ...' In diesem Moment drehte sich sein Klient um, und Diego versteinerte für einen Augenblick. Er bekam kurz rote Wangen. Für eine Sekunde verharrte er, ehe er spürte, dass er reagieren musste, ehe es seinem Gegenüber auffiel. "Guten Morgen Mr. Walsh.", wiederholte Diego nun gefasster seinen Satz. Er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte. 'Heilige Scheiße!', dachte er sich nur, 'das ist der Collin aus deiner Schulzeit! Er hat sich echt krass verändert!' Äußerlich ließ sich der geübte Realtiy-TV-Star nichts anmerken, war er es doch aus dem Fernsehen gewohnt den harten Typen zu spielen. Doch innerlich drehte sich sein Gefühlskrausell munter.
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