My Girlfriend is a Boy [Nao & Dark.Wing]

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    • Noel hätte sich deutlich schönere Ding vorstellen können als an einem Samstag morgen vor acht auf zustehen, aber was tat man nicht alles für seine große Schwester. Immer noch nur in den Shorts, in den er geschlafen hatte, schimpfte er sich selbst aus, dass er gestern Abend seine Materialien, die er für das MakeUp brauchte nicht schon zusammen geräumt hatte. Er machte auch immer wieder die selben Fehler! Im Grunde konnte und durfte er sich demnach gar nicht darüber aufregen. Während die Kaffeemaschine vor sich hin gluckerte, packte er also die Sachen zusammen die er für den Auftrag brauchte. Von der E-Mail die ihm Flos Freundin am vor Abend geschickt hatte, konnte er ihre ungefähre Vorstellung entnehmen, alles was er dafür nicht brauchte ließ er demnach zuhause. Es war ungewohnt statt dem großen MakeUp-Koffer nur eine Tasche mitzunehmen. Er hatte sich vor einigen Jahren einen großen Kosmetikkoffer mit Rollen zugelegt um nicht immer endlose Taschen mit sich rum schleppen zu müssen und selbst besagte Koffer war mittlerweile zu klein für die Massen die er besaß. Er würde sich wohl bald wieder Gedanken darüber machen müssen, aber nicht heute. Heute kam er mit einer einzelnen Tasche hervorragend aus.

      Den ersten Kaffee trank er - immer noch nur in Shorts - stehend in seiner Küche, bevor er sich duschte und anzog. Den zweiten Kaffee füllte er sich in einen Termosbecher ab und trank ihn während der Autofahrt. Nach einer halben Stunde stand er vor dem Haus, zu welchem ihn sein Navi geführt hatte. Es war eine schöne, kleine Doppelhaushälfte etwas abseits des Stadtinternen Trubels. Eine schöne Lage wie Noel fest stellen konnte. Flo hatte erwähnt, dass er mit der Braut und ihren Brautjungfern alleine sein würde, der zukünftige Ehemann sei wohl bei einer seiner Freunden und machte sich dort fertig. Die Braut schien wohl ein wenig Traditionsangehaucht zu sein. Für Noel war das kein Problem, immerhin gab es dann keinen Typen der seine Arbeit in frage stellte oder blöde Kommentare machte. Wie sehr er sich da nur geirrt hatte, stellte er prompt fest, als ihm die Eingangstür geöffnet wurde und eine junge Frau ihn abschätzig von oben bis unten betrachtete.

      „Und du bist?“ Wie sehr er sowas doch liebt. Hatten Menschen plötzlich vergessen wie man ‚guten Morgen‘ sagte? „Noel.“ die Verwirrung schien der Frau gerade zu ins Gesicht geschrieben zu sein. „Ich glaube du wurdest nicht eingeladen Noel, das hier ist eine geschlossene Veranstaltung.“ Veranstaltung, dass er nicht lachte. Bevor er jedoch - schnippisch wie er nun mal war - was darauf erwidern konnte, drückte sich eine ihm nur all zu bekannte Gestalt in den Türrahmen. „Noel! Da bist du ja endlich.“ Flo drückte die Frau - dessen Namen Noel immer noch nicht kannte, diese Wissenslücke aber auch nicht unbedingt füllen wollte - weg und zog ihren kleinen Bruder prompt in eine feste Umarmung. „Was heißt hier ‚endlich‘? Ich bin absolut in der Zeit.“ rechtfertige er sich halbherzig und erweiterte die Umarmung.

      Wann hatten sie sich das letzte mal gesehen? Das musste kurz nach Flos Geburtstag gewesen sein, und der lag schon Monate in der Vergangenheit. So war das nun mal wenn beide Geschwister viel zu viel arbeiteten. „Alice wartete schon sehnsüchtig auf dich. Hier läuft alles drunter und drüber ohne dich.“ plapperte sie direkte drauf los, als sie sich von ihrem Bruder trennte. Als gehörte das Haus ihr, ließ sie die Frau die Noel die Tür geöffnete hatte am Eingang stehen und dirigierte Noel in das Wohnzimmer.

      Das Haus war auch von innen schön. Das Wohnzimmer war hell und lichtdurchflutet mit großen Fenstern und hochwertigen Möbeln. Mitten im Raum standen drei Frauen die viel zu panisch aussahen, dafür dass eine von ihnen heute heiraten sollte. „Ich hab wen mitgebracht.“ flötete Flo als ob sie wüsste, dass Noels Anwesenheit die aufkommende Panik beseitigen würde. Und dem schien wohl auch so aus. „Gott sei dank! Ich dachte schon es sei etwas passiert.“ Noel verstand den Stress nicht so ganz, er war immer noch wunderbar in der Zeit und das MakeUp würde nun auch keinen halben Tag in Anspruch nehmen, wenn überhaupt ein paar Stunden.

      Die einzige Person die - neben Noel selbst - tiefen entspannt schien war Flo, aber Flo konnte sich nichts aus der Ruhe bringen. „Ich mach dir Kaffee. Hast du schon was gegessen?“ Nein hatte er nicht, dafür hatte er aber schon zwei Tassen Kaffee intus und sehnte sich nach einer dritten Tasse. Vielleicht sollte er sich auch mal um seinen Kaffeekonsum Gedanken machen, eigentlich konnte das doch nicht gesund sein.

      Während seine Schwester ihm Kaffee kochte, räumte er seine Tasche schon mal aus und nahm den Esstisch für sich in Anspruch. Die Menge war übersichtlich aber wahrscheinlich immer noch zu viel für einen Normalverbraucher. Währenddessen unterhielt er sich eine einig mit den anderen Frauen. Die junge Dame die heute heiraten sollte hieß Alice - das wusste er schon aus dem Gespräch mit Flo und aus ihrer E-Mail. Die Frau die ihm die Tür geöffnet hatte - Lina - betrachtete ihn immer noch mit dem selben abschätzigen Blick, schien aber sonst ganz harmlos. Und dann waren da noch die beiden anderen Frauen, die Noel von vorne bis hinten mit allen möglichen Informationen versorgten. Kein halbe Stunde später wusste er, wie sich Alice und ihr zukünftiger Ehemann kennengelernt hatten, das Lina kein Glück mit der Liebe hatte und Flo ihnen wirklich den Arsch gerettet hatte in dem sie Noel gefragt hatte.

      „Und du kannst das wirklich? Ich bin mir da ja nicht so ganz sicher.“ Noel verdrehte die Augen als er sich seinen Taillengürtel anlegte. Er sah ein wenig so aus wie die Gürtel die Friseure immer trugen und in welchen sie ihr Material verstauten, nur das sich Noel das Teil sonderanfertigen gelassen hat und es demnach einen deutlich hochwertigeren Eindruck machte als die Kosmetikgürtel die man sonst so auf dem Markt fand. „Wenn ich das nicht können würde, wäre das wohl kaum mein Beruf.“ meinte er genervter als er es beabsichtigt hatte. Wenn er für jedes Mal einen Cent bekam, wenn jemand ihn das fragte, müsste er definitiv nicht mehr arbeiten.

      Einige Stunden später hatte er sein Talent unter beweis gestellt. Die Braut strahlte ihn überglücklich an - nach einigen Worten hatte sie nie besser ausgesehen - und selbst Lina schien mehr als nur begeisterter mit seiner Arbeit zu sein, auch wenn sie versuchte sich das nicht anmerken zu lassen. „Das hätte ich sicher auch selbst so gut hinbekommen.“ murmelte sie, bekam von den anderen dreien jedoch keine Beachtung. Sie standen alle vor dem großen Spiegel im Flur und betrachteten Noels Arbeit.

      „Du bist echt der Wahnsinn.“ kam es grinsend von Flo, die sich locker an den Esstisch gelehnt hatte und Noel dabei beobachtete wie er die benutzten Pinsel zusammen räumte. „Das sagtest du bereits.“ kam die kokette Antwort. „Ich weiß. Machst du mich auch noch hübsch oder denkst du, das liegt nicht in deiner Macht?“ Flo stieß sich von dem Tisch ab und ließ sich dann auf den Stuhl fallen. „Erzähl nicht so einen Quatsch.“ brummte Noel leise auf. Flo war hübsch. Nicht die Art von hübsch die man gesellschaftlich als das Schönheitsideal der Frau ansah aber auf ihrer ganz eigene Art und Weise war sie wahnsinnig attraktiv. Im Gegensatz zu den anderen vier Frauen, sah sie deutlich sportlicher aus, mit Muskeln an den richtigen Stellen und einer athletischen Figur. „Was trägst du denn?“ erkundigte sich der Franzose um das MakeUp seiner Schwester ihrem Outfit anpassen zu können. Prompt nahm sie ihr Handy aus ihrer Hosentasche und zeigte Noel ein Foto von dem Outfit, welches sie später am Tag noch anziehen würde. Ein wunderschöner dunkelgrüner Hosenanzug mit einem passenden grünen Hemd. Alles perfekt farblich abgestimmt und der braune Gürtel war nur noch das i-Tüpfelchen.

      „Gehst du alleine?“ fragte er interessiert, während Noel die Fundation mischte. „Nein, ich hab Begleitung.“ versuchte Flo so locker wie möglich rüberzubringen, das leichte Lächeln konnte sie jedoch nicht verstecken. Flo hatte Probleme damit Beziehungen länger als wenige Monate aufrecht zu erhalten, wenn es überhaupt zu einer Beziehung kam. „Aha. Stellst du sie mir vor?“ Noel war sich irgendwie sicher dass es ich bei der ominösen Person um eine Frau handeln musste. Seine Schwester war zwar Bisexuelle präferierte Frau jedoch eher. „Nur wenn du mir deinen Jayden vorstellst.“ grinste sie frech. „Er ist nicht ‚mein‘ Jayden. Wir hatten nicht mal unser erstes Date.“ rechtfertigte Noel sich halbherzig während er die Fundation auftrug und dann den Pinsel wegsteckte. „Dann solltest du dich mal ranhalten.“ Noel verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts dazu. So war Flo nun mal.

      Zum Mittag hin war er fertig, und das nicht nur mit dem MakeUp und den Haaren der Frauen sondern auch mit den Nerven. Dafür bekam er definitiv nicht genug Geld. Lina hatte sich trotzdem nochmal versucht mit ihm anzulegen und den Preis auf einen lächerlich niedrigen Betrag runter zu handeln, während sie meinte, dass jeder wohl solche Ergebnisse erzielen konnte, wenn man das nötige Equipment hatte. Noel hatte keinen Nerv für solche Diskussionen, dass er sie darauf hin einfach ignorierte, schien ihr jedoch noch weniger zu passen. Er war demnach einfach nur froh als Alice ihm einen weißen Umschlag in die Hand drückte und Flo ihn zur Tür begleitete. Die beiden Geschwister verabschiedeten ich von einander, Flo bleute ihm nochmal ein, dass er mit Jayden das geplante Date abstimmen sollte und dann saß er - endlich - wieder in seinem Wagen auf dem Weg nach Hause.

      Eine Dreiviertelstunde später saß er mit Sushi - welches er sich spontan auf dem Rückweg geholt hatte - auf der Couch. Das Handy in der einen Hand und die Stäbchen in der anderen. Er sollte Jayden wirklich schrieben. Die Frage war nur was. Er wollte nicht zu aufdringlich rüberkommen. Kurzerhand öffnete er über WhatsApp seine Galerie, wählte die Bilder aus die Jayden am Donnerstagabend von ihm gemacht hatte und tippte dann auf das Nachrichtenfeld.

      Noel: Damit du bis zu unseren Date nicht vergisst wie ich aussehen ;). Wie schaut’s bei dir am Dienstag aus?
    • Die Nachricht, die Jay zwar dank des kleinen Tons bemerkt hatte, aber nicht öffnen konnte, war im Laufe dieses grauenvollen Nachmittags untergegangen. Als er sich zuhause umzog um anschließend zur Arbeit zu gehen, hatte er sie immer noch nicht gelesen und schon längst vergessen. In seinem Kopf schwirrte nur das Gespräch mit Cyrus, das schlechter nicht hätte laufen können, und die anschließenden zwei Stunden in denen sie kein Wort mehr miteinander gesprochen hatten, abgesehen von einem passiv aggressiven 'Du stehst mir im Weg'. Dass Cyrus ihm die Sache mit der Freundin nicht wirklich abkaufte, konnte auch ein Blinder sehen. Und was noch schlimmer war: Die anderen glaubten es definitiv. Was hieß, dass er jetzt offiziell die Lüge aufrecht erhalten musste, eine Freundin zu haben. Und zwar vor allen Leuten, die er in der Uni kannte. Und… seiner Schwester.
      Aber, allzu schwer konnte das schon nicht werden und er hatte wenigstens eine Deckung, wenn er unabsichtlich doch mal mit Noel gesehen wurde. Er konnte auch Freunde außerhalb der Uni haben, das würde dann auch niemand mehr hinterfragen, egal welche Sexualität Noel hatte. Keiner seiner Freunde würde sich wirklich offen negativ über jemandes Sexualität äußern, so dämlich waren sie auch nicht. Aber es galt auch nicht gerade als erstrebenswert, nicht hetero zu sein. Naja… im Endeffekt musste er sich damit nur bis zu seinem Abschluss herumschlagen, was bestenfalls noch etwa ein halbes Jahr war.

      Das machte die Gegenwart aber nicht leichter. Jay hatte heute bei der Arbeit auf jeden Fall mindestens drei Drinks falsch gemischt, aber zum Glück hatte er keine Beschwerden bekommen, nur weniger Trinkgeld als sonst. Was schon problematisch genug war, aber er war in letzter Zeit wirklich nicht Mitarbeiter des Monats. Er musste sich echt bald zusammenreißen. Morgen würde er erstmal sein Projekt beenden, eins nach dem anderen. Zumindest hatte er Olivia heute in weiser Voraussicht schonmal mitgeteilt, dass er morgen wohl nicht nachhause kommen könnte.


      Noels Nachricht sah Jayden erst gegen ein Uhr, als er gerade mit einem Handtuch um die Schultern auf seinem Bett saß und sich einen Wecker für morgen Früh einstellen wollte. Oder, naja, zumindest las er sie endlich. Gott, die hatte er ja vor Stunden bekommen… Super Eindruck. Und gerade wenn es um ihr Date ging.
      Seine nassen Haare ignorierend ließ Jay sich rücklings ins Bett fallen und zögerte eine Weile, bevor er antwortete, während er sich die verschwommenen Fotos von Noel ansah. Der Tag heute hatte ihn mehr gestresst, als es gesund war. Aber er konnte das jetzt nicht schon wieder an Noel auslassen. Sie hatten gerade geklärt, dass sie wirklich versuchen wollten, sich kennenzulernen. Ganz normal zu daten. Jayden musste sich nur kurz wieder an den Grund dafür erinnern. Richtig: Er mochte Noel. Und daran würde auch dieser beschissene Paintball Nachmittag nichts ändern.

      Jay: Ich hatte schon Angst, du würdest die Fotos löschen:D Ich brauche eh noch einen neuen Bildschirmschoner…
      Dienstag Nachmittag wäre super, wo willst du hin?
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    • Noel hatte den Rest des Tages damit verbracht seine Pinsel sauber zu haben und als er damit fertig war hatte er sich an die unzähligen Paletten gesetzt die er hatte und plötzlich saß er mit seiner kompletten MakeUp Sammlung im Wohnzimmer, auf dem Fernseher lief seine Lieblingsserie und er befreite jeden Gegenstand von MakeUp-Rest die sich da sicher schon seit Monate gesammelt hatten. So war das nun mal wenn man sich langweilte, man suchte sich einfach Arbeit. Als er mit seinem MakeUp fertig war nahm er sich sein Zeichenequipment vor und ehe er sich versah hatte er eins seiner Skizzenbücher auf dem Schoß und ein Bleistift in der Hand. Immerhin schaute er so nicht alle zwei Minuten wie ein verliebtes Teeniemädchen auf sein Handy, aus diesem Alter war er immerhin raus.

      Noel ging früh ins Bett, nicht weil er müde war, sondern weil er einfach nicht wusste was er mit dem Tag sonst noch anfangen sollte. Nichts schien ihn genug zu beschäftigen, als das er Freude dran hatte und jetzt noch Stunden vor dem Fernseher sitzen oder durch die sozialen Medien wischen sah er als unnötig an, da konnte er auch einfach ins Bett geht.

      Die Nachricht die gegen eins bei ihm eintraf bekam er demnach gar nicht mit. Jedoch war sie das erste was Noel am nächsten Morgen ein leichtes Lächeln auf die Lippen zauberte als er sein Handy in die Hand nahm. Eigentlich wusste er, dass er nicht als erstes nach dem Aufwachen nach seinem Handy greifen sollte, aber was interessierte schon einem was man eigentlich tun und nicht-tun sollte.

      Noel: Tue dir keinen Zwang an ;).
      Dienstag klingt super. Es gibt in der Stadt ein süßes kleines Café, die haben hervorragenden Kaffee. Wenn du magst können wir da hin.

      Das besagte Café war eins von zwei Läden in der Stadt die hervorragenden Kaffee machten. Den Laden den Noel meinte, lag eine Seitenstraße abseits der Innenstadt und hatte einen warmen angenehmen Flair. Altes, schon fast leicht abgenutztes Holz und warmes Licht spielten in Harmonie zusammen und gab einem das Gefühl sich fallen lassen zu dürfen. Er ging gerne in das Café, vor allem wenn er mal was anderes sehen musste als seine eignen vier Wände. Der Kaffee war zwar - dafür das es ‚nur‘ Kaffee war - erschreckend teuer, ähnlich wie in großen Franchise-Ketten aber dafür um ein tausendfach besser.
    • Jay: Klar, klingt gut. Schick mir die Adresse.

      … war das erste, das Jayden Sonntagmorgen tippte. Dann stand er auf und fühlte sich ein kleines bisschen energiegeladener als am Tag zuvor, weil er wenigstens einen Lichtblick am Ende dieser Hölle hatte. Es war sieben Uhr. Nachdem er sich den ersten Kaffee reingezogen hatte, saß er bereits mit einer Schüssel Porridge und Pyjamahose an seinem Schreibtisch und arbeitete. Und arbeitete. Und arbeitete. Es war noch schier endlos viel zu tun, weil jedes Mal, wenn er ein Teil befestigte, irgendetwas auffiel, das noch fehlte. Klar, er hatte einen Bauplan und der wurde auch benotet, aber Überarbeitungen waren in Ordnung und wenn man perfektionistisch veranlagt war, dann endeten die Überarbeitungen einfach nie. Er musste sich wirklich zusammenreißen, nicht den Blick für das Notwendige zu verlieren und stattdessen in den Details zu ertrinken.

      Der Tag ging erschreckend schnell um, aber gegen 23 Uhr war er endlich fertig und tatsächlich halbwegs zufrieden. Hier und da war er mal in Tiktok Videos versunken und hatte locker eine halbe Stunde verloren. Mal… vier. Aber nachdem er mental seit gestern nicht in der besten Verfassung war, war das schon ganz gut. Die Musik im Hintergrund hatte ihn definitiv am Ball gehalten. Und jetzt… gab es nichts mehr zu tun, als die Stadt sicher zu transportieren, den morgigen Tag zu überleben und sich auf Dienstag zu freuen. Das Date mit Noel hatte sich in den letzten Stunden wie eine Ausflucht angefühlt. Etwas, das ihn irgendwie überwasser hielt. Seltsamerweise hatte er schon bei ihren letzten Treffen immer alles vergessen, was um sie herum passierte. Mit Noel zusammen hielt die Zeit kurz an. Und das brauchte Jay gerade ganz dringend.

      Jede Sekunde, die er gezwungenermaßen mit Cyrus verbrachte, ließ Jay kleiner und kleiner fühlen, bis er irgendwann genauso gut eine winzige Ameise hätte sein können. Er kam mit dem schlechten Gewissen nicht klar. Und noch weniger damit, Cyrus Wut zu spüren. Er sagte zwar nichts zu ihm, aber das reichte auch. Jay hatte die Sache definitiv noch schlimmer gemacht, indem er von ‚nichts erzählen‘ zu ‚lügen‘ übergegangen war, was auch nur sein bester Freund zu schnallen schien. Alle anderen behandelten ihn völlig normal und stellten sich offenbar absichtlich dumm, um die dicke Luft zwischen Cyrus und ihm nicht zu spüren. Wofür Jayden garnicht so undankbar war.
      Aber wie richtete er das jetzt wieder? Cyrus hatte ihm ins Gesicht gesagt, wie grauenvoll er es fände, wenn er Noel daten würde. Ihm die Wahrheit zu sagen war also keine Option, es sei denn er wollte sich bis zu seinem Abschluss unwohl in seiner eigenen Wohnung fühlen. Von Lügen war er aber auch echt kein Fan… Es war ihm eben so… rausgerutscht. Und jetzt? Sollte er irgendeine Frau finden, die er dafür bezahlen konnte, dass sie ab und zu seine Freundin spielte? Und wie zum Teufel erklärte er das Noel, wenn er es rausfand?
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    • Die beiden nächsten Tage zogen sich wie Kaugummi. Noel wusste echt nicht was er plötzlich mit so viel Freizeit anfangen sollte. Immerhin hatte er nun eins der Bücher angefangen die seit Wochen darauf gewartet hatten von ihm gelesen zu werden. Und mit einer Mischung aus lesen, zeichnen und Bilder die er seit Ewigkeiten auf seiner Festplatte hatte und noch nicht bearbeitet hatte, bekam er die Zeit doch tatsächlich gut rum. Vor allem freuten sich nun zwei seiner Freunde aus Frankreich, mit denen er besagte Bilder gemacht hatte - als er das letzte mal dort war - und die nun endlich die bearbeiteten Versionen zu Gesicht bekamen. Wenn man für etwas nicht bezahlt wurde ließ man sich nunmal extrem viel Zeit.

      Und dann kam der Dienstag Morgen plötzlich viel zu schnell. Eigentlich hatte er genug Zeit für alles mögliche, das dachte sich Noel jedenfalls als er mit seinem Rasierapparat und seiner Frisurschere vor dem Badezimmerspiegel stand und gerade dabei war sich den Nacken wieder freizurasieren. Das Braun, was Flo mit so viel Stolz trug, er selbst jedoch schon seit Jahren überfärbte, hatte sich in den letzten Tagen immer deutlich seinen Weg zurück an die Oberfläche gekämpft. Jetzt wo sein Nacken und seine Seiten wieder angenehm kurzen waren, war von dem Blond nichts mehr übrig, nur doch sein längeres Deckhaare hatte immer noch die selbe Farbe. Kurz überlege Noel, ob er sich nicht noch schnell die Haare nachfärben sollte, genug Farbe hatte er schließlich immer zuhause, einen kurzen Blick auf sein Handy verriet ihm jedoch, dass er dafür wohl keine Zeit mehr hatte. Eine schnelle Dusche später, stand er nur in Shorts vor seinem Kleiderschrank und stand nicht nur metaphorisch vor dem nächsten Problem - und zwar was er anziehen sollte. Am Ende hatte er sich für eine braune Stoffhose und einen schwarzen Rollkragenpullover entschieden, dazu einen brauen Gürtel der eher als Accessoire dient als wirklich seinen Zweck erfüllte. Jetzt noch seinen dunkelbraunen Mantel und Stiefel und er wäre fertig. Kurz betrachtete er sich in dem Spiegel im Flur. Sah er nicht vielleicht doch ein wenig zu formal aus für ein Date? Selbst wenn, er hatte nun so lange gebraucht, dass er sich darüber keine Gedanken mehr machen konnte, sonst würde er definitiv noch zu spät kommen. Also ging er so wie er war aus der Tür.

      Der Weg zur Innenstadt war schnell zurück gelegt, währenddessen ließ er sich von der Musik, welche durch seine Kopfhörer drang auf der Strecke unterhalten. Kurz vor dem Café nahm er seine Kopfhörer aus seinen Ohren und verstaute das Case in seiner Manteltasche. Es war mittlerweile so kalt draußen, dass seine Hände in eleganten, schwarzen Lederhandschuhen stecken, was sein gesamtes Erscheinungsbild nicht gerade weniger formal machte.
    • Jayden war unnatürlich müde. Die letzten Tage hatten ihn völlig ausgelaugt, beinahe wie zu Beginn seines Studiums, dabei war er an seinen Alltag mittlerweile längst gewöhnt. Bei der Arbeit hätte er im Stehen einschlafen können, wenn die ohrenbetäubende Musik ihn nicht in den Wahnsinn getrieben hätte, aber einen guten Eindruck machte er vor seiner Chefin in letzter Zeit wirklich nicht. Zumindest war sein Projekt heute Vormittag in der Ausstellung bereitgestanden und Jay würde in den nächsten Tagen die Note zugeschickt bekommen. Damit war dieses Semester ein großer Punkt auf der To-Do Liste abgehakt. Und nun stand der nächste Punkt an… sein Date mit Noel.

      Ein bisschen hatte Jay das Gefühl, dass er immer weniger von der Idee hielt, einen Mann zu daten, wenn er Noel eine Weile nicht sah. Und dann stand er vor ihm und Jay bekam keinen sinnvollen Gedanken mehr zustande. Auf diese Erfahrungswerte verließ er sich heute einfach, auch wenn er wirklich skeptisch war. Er wollte nicht seine Freunde verlieren und das wirkte jetzt irgendwie deutlich realistischer als vor dem Paintball Zwischenfall. Vielleicht wäre es schlauer, Noel einfach zu vergessen, solange er noch in dem Skepsis-Zustand war…

      Aber er ging trotzdem zu ihrem Date. Natürlich. Ein Plan war ein Plan. Da die Nervosität im Vergleich zu ihrem letzten Treffen ein wenig übertrumpft wurde, hatte Jay auch kein Problem, sich fertigzumachen. Hellblaue ripped XXL Jeans, ein weißes long sleeve Shirt und darüber ein schwarzes T-Shirt. Er hatte sich nur gegen den gigantischen Band-Hoodie entschieden, den er heute Vormittag getragen hatte, das war‘s. Im Vorraum zog er sich die schwarzen Converse und eine dicke Winterjacke an, weil er aus dem letzten Mal gelernt hatte, bevor er sich nochmal umdrehte. Cyrus saß vermutlich in seinem Zimmer. Seit Samstag war ihr Wohnzimmer quasi unbenutzt. Ein seltsames Gefühl.

      Er kam bei dem Coffee Shop rechtzeitig an, sah Noel aber bereits davor stehen, also legte er einen kleinen Sprint hin. Außer Atem setzte er an: „S-“, dann fiel sein Blick nochmal etwas genauer auf Noel. Er sah unglaublich gut aus. Jay hatte noch nie so etwas gespürt, wenn er irgendwelche Typen auf der Straße sah. Wenn sie gut gekleidet waren, war es höchstens Neid, aber er könnte Noels Outfit sowieso nie so elegant tragen, wie er.
      „Sorry, wartest du schon lange?“, fragte er endlich und die Pause wurde ihm gerade peinlich bewusst. „Du siehst gut aus. Hast… du was mit deinen Haaren gemacht?“
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    • Noel widerstand dem Drang alle zehn Sekunden aufs Handy zu schauen in dem er seine Hände einfach tief in die Manteltaschen vergrub, glücklicherweise war ihm eh zu kalt und mit den Handschuhen konnte er sein Handy sowieso nicht bedienen - Win-Win-Situation also. Obwohl er nicht damit rechnen würde, dass Jay spontan doch noch absagen würde, kam ihm die Angst plötzlich viel zu real vor, als er den Engländer jedoch auf sich zu sprinten sah, verflog die Angst sofort. Seit wann war er denn so skeptisch geworden? Noel schob das schnell auf seine momentan nicht vorhandenen Arbeit und dem Faktum, dass er sich im Moment einfach nicht über andere Sachen den Kopf verbrechen konnte.

      Er lächelte Jayden sanft an, während er ihn dabei beobachtete wie er wieder zu Atem kam. „Ich bin gerade erst gekommen, kein Stress.“ lachte er leise und machte sich auf dem Weg zur Eingangstür, bevor er kurz stoppte und Jayden wieder anschaute. Mit einer Hand fuhr er sich in den Nacken, durch die Handschuhe spürte er nichts, aber er wusste wie sich die frisch rasierten Haare dort anfühlten. „Ehm ja, ich hab mir den Nacken und die Seiten wieder rasiert.“ erklärte er mit einem Lächeln und schaute sich dann Jayden nochmal genauer an. Er war so drauf erpicht sofort in das warme Innere des Cafés zu huschen, dass er gar nicht wirklich drauf geachtete hatte was Jayden trug. „Du…siehst anders aus als sonst.“ stellte er - immer noch mit einem sanften Lächeln - fest. Ob Jay wirklich ‚anders‘ aussah als er sonst rum lief war mal dahin gestellt, er sah auf jeden fall anders aus als die letzten Male die, sie sich getroffen hatten. Noel machte eine kurze Pause bevor er sich leise räusperte. „Sorry, verzeih mir. Du siehst gut aus.“ der Franzose schien sich deutlich schwer zu tun nicht das auszusprechen, was er sich gerade dachte. Er wollte Jaydens Kleidungsstil nicht kommentieren, er wusste, dass jeder seinen eigenen Style hatte und nur weil man den Style eines anderen Menschen nicht unbedingt selbst tragen würde, hieß dass nicht das dieser schlecht war. Jay sah gut in den Klamotten aus, sehr gut sogar und vielleicht war das auch ein Grund warum sich Noel so schwer damit tat irgendwas zu den Klamotten den Studenten zu sagen. „Wollen wir rein? Es ist echt kalt.“ wechselte er mit einem leicht verlegenen Lachen schnell das Thema und hielt Jay die Tür auf. Trotz der Handschuhe waren seine Finger kalt und dabei hatte der Winter gerade erst angefangen.

      Als die Tür hinter Noel wieder ins Schloss fiel, zog sich der Franzose das schwarze Leder von den Fingern. Die Handschuhe legte er auf einander, bevor er diese ungefähr mittig faltete und in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Das kühle blaue seiner Augen huschte über die Getränkekarte die in geschwungenen Buchstaben oben an der Wand hing. „Weißt du schon was du möchtest?“ fragte er den Studenten mit Seitenblick. Als sich Gäste - die gerade versuchten den Laden wieder zu verlassen - an Jayden vorbei drücken wollte, zog Noel den Jüngeren sanft ein wenig näher zu sich. „Pass auf.“ meinte er etwas leiser. Der vordere Bereich des Cafés wurde recht schnell eng sobald man mit mehreren Personen vor der Theke stand. Dafür war die zweite Etage gemütlich und rustikal eingerichtet. Das Café erinnerte sowohl von Innen als auch von Außen an ein altes Fachwerkhaus. Rustikale Lampen hingen an der hohen Decke und warfen warmes Licht in den offenen Raum.

      Nach dem Noel seinen Blick - etwas zwanghaft - wieder von Jayden gelöst hatte, begutachtete er die Auswahl an Gebäck hinter den Glasvitrinen. Mit seinen Auswahl augenscheinlich zufrieden, schenkte er Jayden wieder seine volle Aufmerksamkeit. Vor ihnen stand noch eine junge Frau mit ihrem Sohn, der aufgeredet der jungen Barista hinter dem Holztresen erzählte, dass er heute mit seiner Mutter in einem Museum war und nun die versprochene heiße Schokolade bekam. Noel selbst hatte nicht sonderlich viele Berührungspunkte mit Kindern und trotz seiner distanzierten Art schien ihn Kinder eigentlich immer zu mögen. So ganz konnte er sich das auch nicht erklären.
    • Anders als sonst? Machte wohl irgendwie Sinn, nachdem Noel ihn bisher in einem freizügigen Polizistenkostüm, einer Kellneruniform und einer sehr untypischen Jeans-Wollpullover Kombi gesehen hatte. Jayden lächelte leicht, schon bevor Noel sich korrigierte um ihm ein Kompliment zu machen. Er war nicht davon ausgegangen, dass 'anders als sonst' etwas schlechtes war. Zumindest sah er heute aus, wie immer, und Noel wurde irgendwie langsam ein Teil von seinem Alltag.

      "Einen Caffè Mocha", antwortete er immer noch mit einem Lächeln im Gesicht, als er Noel ins Café folgte und neben ihm vor der Theke zu stehen kam. Die Auswahl hier war wirklich groß. "Ich hab letztens mal einen probiert und-" Weiter kam Jay nicht, weil er sich plötzlich so knapp vor Noels Gesicht wiederfand, dass sein Herzschlag aussetzte. Wieso machte ihn die Nähe zwischen ihnen immer deutlich mehr fertig, wenn sie von Kopf bis Fuß bekleidet waren?
      Jayden senkte den Kopf etwas, um Noels Blick zu entgehen. Sich auf seinen Hals zu fokussieren, der ein wenig unter dem Stoff des Rollkragens hervor lugte, ließ ihn aber nicht entspannter werden. Er verharrte kurz in seiner Position, bis er an seinem Rücken keine fremden Berührungen mehr spüren konnte und trat dann räuspernd einen Schritt zurück. "Voll hier", meinte er nervös lachend. Er war nicht nervös, weil er Angst hatte, jemand würde durchschauen, dass sie auf einem Date waren. Nein, das wurde völlig übertrumpft von der schieren Panik, die Noel in ihm auslöste, nur weil er existierte. Weil er attraktiv war, auf eine Art die Jay nicht gewohnt war und ihn irgendwie die Kontrolle über seinen eigenen Körper verlieren ließ.

      Als Noel sich abwandte und über seine Bestellung nachdachte, hing Jays Blick immer noch an ihm fest. Ihm wurde gerade wieder seltsam bewusst, wie heiß Noel war. Woran lag das? Machte es ihn an, wenn überall Menschen waren und er sich zwingen musste, nicht über ihn herzufallen? Seit wann war er so gestört?
      Er zwang seinen Blick Noels auf die Vitrine zu folgen und entschied sich schnell für ein einfaches Croissant, als sie bestellten. Er hatte heute zwar damit gerechnet, etwas neben der Spur zu sein, weil es ihr erstes Date war… Aber definitiv aus anderen Gründen. Vielleicht waren er und sein Sex Drive am Ende das Problem, das ihnen nicht mehr erlaubte, auszugehen.
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    • Noel stimmte nickend zu. Es war tatsächlich extrem voll hier für eine Dienstag Nachmittag. Der kleine Junge bekam einen To-Go-Becher in die Hand gedrückt, der schon fast zu groß für die kleinen Hände war und folgte seiner Mutter freudenstrahlend nach draußen. Selbstverständlich entging dem Franzosen den Blick des Jüngeren nicht und es wer eine Lüge wenn er sagen würde, er genoss es nicht ein wenig.

      Die junge Frau hinter der Theke lächelte die beiden Männer freundlich an, fragte was sie denn für sie tun könnte und obwohl sie versuchte es so unauffällig wie möglich zu machen hing ihr Blick vielleicht ein Ticken länger bei Jay als das man es nur mit purer Nettigkeit entschuldigen könnte. „Einen Caffé Mocha, einen Cappuchino, ein von den Croissants und einen Blaubeermuffin…habt ihr Mandelmilch?“ Es lag keinerlei Gefühl in Noels Stimme. Er hätte gerade genau so gut aus einem Sachbuch zitieren oder die ätzende Roboterstimme einer Mailbox imitieren können. Auf die Frage schüttelte die Barista den Kopf, immer noch mit dem Blick viel zu sehr bei dem Studenten. Noel seufzte leise auf. Enttäuschend, aber dann war es nun mal so. „Dann beide mit Hafermilch.“ beendete er die Bestellung und zückte sein Portmonee. Im Grunde hatte sie schließlich schon drüber geredet dass Noel Jayden einlud und immerhin hatte er den Studenten im allgemein zu dem Date eingeladen also war es für ihn auch irgendwie klar, dass er bezahlte.

      Mit einem schnellten auflegen seiner Bankkarte auf dem Kartenlesegerät war die Summe bezahlt, die Frau stellte ihm ein kleines metallenes Nummernschild hin und dann war die Interaktion auch schon vorbei. „Wollen wir mal schauen, ob wir oben noch was finden?“ Noel hatte sich während er bestellt hatte schon mal - soweit es von unten möglich war - die obere Etage angeschaut. Aus dem Blickwinkel schien es oben ebenfalls recht voll zu sein, aber sie könnten ihr Glück ja trotzdem mal versuchen.

      Und tatsächlich schien das Glück auf ihrer Seite zu sein. Es war nicht nur irgendein Platz frei sondern genau der Platz den Noel im allgemein bevorzugte. Er war etwas versteckter in einer Nische. Der Platz war zu eng um dort mit mehreren Leuten sitzen zukönnen und selbst zu zweit würden man sich zwangsläufig berühren, wenn man nicht penibel genau darauf achtete, dass dies nicht passierte, aber Noel liebte diesen Platz, eben weil man dort am ehesten alleine sitzen konnte und er deswegen auch meistens frei war.

      Die Nische wurde fast komplett von einer gemütlichen Sitzbank eingenommen vor welcher ein kleiner runder Tisch stand, der gerade so Platz für zwei Tassen und zwei kleine Teller hatte. Es gab keinen extra Stuhl über welchen man seine Jacken hätte legen können, dafür jedoch ein altmodisch aussehenden Jackenhalter der an der Seite eines hohen Bücherregals befestig war, an welchem Noel seinen Mantel aufhängte und Jayden dann dessen Jacke ebenfalls abnahm.

      Das Sofa war gemütlich, an einigen Stellen vielleicht ein wenig durch gesessen aber ansonsten sehr bequem. Der Samtstoff des Bezugs schon gut gepflegt, er war angenehm weich und man konnte definitiv nachvollziehen warum Noel diesen Platz bevorzugte. Mit einem leisen Seufzen ließ er sich in die Polsterung sinken und schloss kurz seine Augen. Nahm den Geruch von frischem Kaffee und süßen Gebäck in sich auf bevor er Jayden anlächelte. Er saß leicht schräg, so dass er seine Begleitung trotz dessen, dass sie nebeneinander saßen anschauen konnte. Das sich bei dieser Sitzposition ihre Knie zwangsläufig berühren mussten war dem Franzose zwar bewusst aber ebenso auch egal.
    • Es war seltsam, den Bestellvorgang mitanzusehen. Nicht nur stand er etwas hilflos neben Noel, weil er direkt sein Getränk für ihn mit bestellte, der Vergleich, wie Noel mit anderen Menschen sprach, war wieder einmal leicht schockierend. Wie kam es, dass er sich so völlig anders verhielt, wenn er mit Jay sprach? Schon alleine sein Blick konnte zwei verschiedenen Menschen gehören. Nicht, dass Jay viel daran auszusetzen hatte. Er wollte auch nicht, dass er mit jedem flirtete, der ihm über den Weg lief. Aber… er hatte ein bisschen Mitleid mit der Barista, vor allem weil sie ihn ständig ansah. Was, erwartete sie Hilfe von Jay? Ein freundliches Lächeln oder zumindest ein Bitte und Danke? Dabei hatte sie sicher schon mit dem einen oder anderen unfreundlichen Gast zu tun gehabt.
      Das schlechte Gewissen nahm dennoch überhand, also lächelte er der Barista ein freundliches "Danke. Schönen Tag noch" entgegen und gleich im Anschluss an Noel ein geflüstertes: "Warte, hast du jetzt bezahlt?". Und dann lief er im selben Moment der Realisation dezent rot an. Stimmte ja, sie waren auf einem Date und Noel 'schuldete' ihm noch einen Kaffee. Auch wenn er garnicht mehr richtig wusste, woher dieses 'schulden' kam.

      Jay folgte Noel in die obere Etage und reichte ihm seine Jacke, als sie ihren Platz gefunden hatten. Es war schon irgendwie seltsam, so Gentleman-like behandelt zu werden. Aber eigentlich konnte Jay sich daran auch gewöhnen. Er setzte sich neben Noel und spürte sofort den leichten Platzmangel. Es war gemütlich, aber vielleicht etwas zu gemütlich. Noel schien sich auch äußerst wohl zu fühlen. Jay konnte nicht anders, als mit ihm zu lächeln. "Du kommst also öfter her?", fragte er nebenbei. Er unterdrückte das enorme Verlangen, das letzte bisschen Abstand zwischen ihnen zu schließen und sich an Noel zu kuscheln. "Ich gehe immer nur ins selbe Café, das in der Nähe vom Campus ist. Manchmal zum Lernen, aber meistens nur für einen Kaffee to-go", meinte er und rührte in seinem Caffè Moccha, bevor er einen kleinen Schluck nahm.
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    • Noel nickte leicht. „Wenn ich ein wenig Zeit habe und mal was anderes sehen muss als meine eigenen vier Wände, ja.“ erklärte er ruhig. „Das hier, ist einer der wenigen Plätze welcher noch versteht guten Kaffee zu machen, den Kaffee in den meisten anderen Läden kann man echt nicht trinken, so viel Zucker wie da drin ist.“ Auch ohne dass der Franzose einen Namen nannte, konnte sich wohl jeder denken welche ‚andere Läden‘ er meinte. „Und ich mag das Ambiente hier sehr gerne. Ich mag diesen Fachwerkhausflair, das hat was unfassbar ästhetisches und beruhigendes an sich. Als ob man ganz kurz nicht in der realen Welt ist, verstehst du?“ beim sprechen hatte Noel sich nach seiner Tasse gestreckt und - entweder absichtlich oder unabsichtlich - dabei Jays Knie gestreift. Wenn man Noel ein wenig kannte, wusste man, dass solche ‚unabsichtlichen‘ Berührungen meistens genau das nicht waren. Er achtete normalerweise penibel darauf keine unabsichtlichen Berührungen geschehen zu lassen - außer selbstverständlich sie gehörten zu seiner Arbeit, aber selbst dort versuchte er körperliche Interaktionen außerhalb seiner Kunst auf ein minimales zu beschränken.

      „Ich finde man sollte kein Geld für guten Kaffee ausgeben, wenn man nicht die Zeit hat diesen zu genießen. Wenn ich Kaffee braucht, reicht auch irgendein schlechtes Gesöff aus einer billigen Maschine, aber wenn ich gefühlt ein halbes Vermögen für eine Tasse Kaffee ausgebe, ist das keine Tasse die ich brauchte sondern eine für den Genuss. Das ist wie ein guter Wein, den ext man nicht, den genießt man. Oder wie die Gesellschaft einer Person die man mag, man kostet den Moment vollkommen aus, spürt wie sich die eigenen Seele an der Interaktion nährt.“ Er hatte beim sprechen den Blick nicht von Jayden genommen. Der Unterteller seiner Tasse lag ruhig in seiner Hand, besagte Tasse hielt er für ein wenig mehr Stabilität fest, bevor er den kleinen Keks von dem Teller nahm und Jayden mit einem zwinkern hinhielt.
    • So viel Zucker… Vermutlich ungefähr so viel, wie Jay sich zuhause auch in den Kaffee schaufelte, aber das ließ er mal eben unausgesprochen. "Hm, ja", antwortete er. Auch, wenn sich gerade alles ziemlich real anfühlte. "So eine Auszeit braucht man manchmal", stimmte er zu. Er suchte sich diese, indem er ab und zu alleine das Rodeo besuchte, mal laufen ging oder sich zum lernen in die Bibliothek setzte, anstatt an seinen Schreibtisch. Aber viel Zeit alleine hatte er sowieso nicht, also waren diese Auszeiten ziemlich spärlich. Wenn er nicht gerade arbeitete oder in der Uni war, dann beanspruchten seine Eltern oder seine Freunde seine Zeit für sich. Aber… irgendwie hatte er das Gefühl, dass es zumindest eine Art persönliche Auszeit war, wenn er seine Stunden mit Noel verbrachte. Jedenfalls war er nachher nie völlig fertig, sondern sogar eher erleichtert.

      Ja, nachher. Aber während er bei Noel war, raste sein Herz ständig. Und der Franzose schien das ganz genau zu wissen und ihm das Leben absichtlich noch zu erschweren. Jede kleine Berührung fiel Jay so stark auf, dass er kaum richtig zuhören konnte. Er lächelte und nickte, während er überlegte, ob er seine Beine nicht noch ein Stück zur Seite schieben konnte, damit er weniger unhöflich abgelenkt war. "D-du magst Wein?", fragte er. Verdammt war es manchmal schwer, sich auf Gespräche zu konzentrieren.

      Er nahm den Keks an, unsicher, ob das Zwinkern eher als Flirt gemeint war, oder um ihn für seine Schwäche für Süßes zu verarschen. "Danke", murmelte er. Er konnte ja nichtmal etwas sagen, er mochte diese kleinen Spekulatius-Kekse wirklich verdammt gern. "Also, äh… Rotwein oder Weißwein?", fragte er. "Ich trinke ja selten was anderes als harten Alkohol, aber weißen Wein mag ich ganz gern. Nur wird vermutlich nie der Tag kommen, an dem in meinem Freundeskreis irgendjemand mit etwas unter 30% ankommt, das kein Bier ist" Er lachte leicht, aber Noel fand das vermutlich nur halb so witzig wie er. Irgendwie wollte Jay sich garnicht vorstellen, wie es wäre, wenn Noel und sein Freundeskreis aufeinander stoßen würden. Mit Cyrus war es schon merkwürdig genug, und da war sonst niemand dabei gewesen. Aber ihre üblichen Treffen… inkludierten normalerweise einiges an Alkohol und Gesprächen, die Noel vermutlich mit dem Kopf gegen die Wand laufen lassen würden.
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    • „Gerne.“ meinte er lächelnd und beobachtete Jayden über den Rand seiner Tasse. Die Gespräche um ihn herum schienen nicht zu existieren. Es schien als wären sie beide alleine in dem kleinen Café, als wären sie alleine in der Stadt und vielleicht in diesem Moment auch alleine auf der Erde. Gerade zählten nur sie beide, ihre Gespräche und all das was zwischen ihnen Worten lagen.

      „Mhm.“ überlegte er. „Gute Frage. Beide haben ihren Reiz. Ich bevorzuge Chardonnay, aber Merlot ist auch hervorragend. Ich glaube es hängt immer ein wenig von meiner Stimmung ab. Ich hab aber wohl weniger Ahnung von Wein als ich vorgebe zu haben.“ meinte Noel leise lachend. Sein französischer Akzent kam stärker raus, wenn er Worte aussprach die für die französische Sprache geschaffen worden waren. Er sprach sie aus, wie sie wirklich ausgesprochen werden sollten. Da lag kein dumpfer, falschklingender Akzent in seiner Stimme. Es schein als wäre seine Stimme dafür erschaffen worden diese Worte ihren Klang zu geben.
      „Ich trinke zwar Abends gerne mal ein Gläschen…“ - oder mal eins mehr - fügte er in Gedanken hinzu. „…aber im Gegensatz zu den Leuten von denen ich die meisten meiner Weinfalsche geschenkt bekomme, bin ich wohl definitiv kein Weinkenner. Wenn ich nicht andauernd von Kunden meinen Wein geschenkt bekommen würde, würde ich wohl auch keinen zuhause haben, jedenfalls keinen der so hoch von er Qualität ist wie ich ihn habe.“

      Er erinnerte sich an seinen letzten Frankreichaufenthalt, bei welchem das Ehepaar - für welches er regelmäßig arbeitet - eine Flasche Chateau Mouton bestellt hatten. Als er den Flaschenpreis in der Karte gesehen hatte, hatte er sich fast verschluckt. Gelegentlich vergaß Noel für welche Leute er mittlerweile arbeiten durfte und das ein sechshundert Euro Wein bei diesen Leuten keine Sache war die man sich nur gelegentlich mal gönnte.

      Als Jayden von seinem Freundeskreis erzählte und danach leise auflachte, ließ sich der Franzose wie von selbst anstecken und lachte ebenfalls leise mit. „Ja so habe ich deine Freunde tatsächlich auch eingeschätzt.“ stimmte er immer noch leise lachend zu. „Aber wenn du möchtest, du kannst dich jeder Zeit auf ein Gläschen Wein bei mir einladen.“ Es war gefährlich, dass er andauernd Jaydens Nähe suchte. Und es war fast noch gefährlicher, dass Jays Augen den jungen Künstler so sehr in dessen Bann zogen, dass er immer mehr vergaß, dass sie eigentlich gar nicht alleine waren. Es waren nun wenige Millimeter die er näher an den Stundeten ran rutschte und man könnte es fast als Versehen deklarieren, aber es war keiner. Genau so wenig wie es ein Versehen war, als Noels Hand - mal wieder - über Jays Knie strich, als er die leere Cappuccino-Tasse zurück auf den Tisch stellte und sich dafür den kleinen Teller mit dem Blaubeermuffin nahm.
      „Ich genieße es übrigens sehr meine Auszeit mit dir verbringen zu können.“
    • Manchmal hörte Noel sich wie ein richtiger Snob an. Chardonney und Merlot? Das einer weiß war und der andere rot, war Jay klar, den Geschmack konnte er aber nichtmal ansatzweise zuordnen. Er hatte sich vermutlich auch noch nie den Namen irgendeines Weins gemerkt, den er probiert hatte. Und probieren tat er den meistens auch nur an Weihnachten bei seinen Eltern oder irgendwelchen anderen Familienfeiern. Natürlich schmeckte nicht alles gleich, aber doch… zu ähnlich, um sich wirklich für die Unterschiede zu interessieren. Aber Noel schien sowieso manchmal in einer völlig anderen Welt zu leben, als Jay. Was zum Teil bestimmt daran lag, dass er studierte und mit einer völlig anderen Art Mensch zu tun hatte, aber… Interessen spielten bestimmt auch eine Rolle. Gab es überhaupt irgendetwas, das sie verband? Abgesehen davon, dass sie körperlich irgendwie klickten.

      Nichtsdestotrotz musste Jay immer lächeln, wenn Noel ihm von etwas erzählte, das ihm absolut garnichts sagte. Etwas wirklich sinnvolles konnte er zu so einem Gespräch eh nicht beitragen, aber zumindest hatte er auch keine Angst davor, etwas vollkommen bescheuertes zu sagen. Wie etwa: „Du darfst mir dann auf keinen Fall Fragen zum Aroma oder so stellen, aber ich lade mich vielleicht mal ein“ Er grinste, zumindest so lange, bis Noel sich, diesmal äußerst offensichtlich, wieder näher zu ihm zu bewegen schien. Die kleinen Berührungen mochten für ihn vielleicht beiläufig sein, für Jay aber nicht. Dabei arbeitete er so hart daran, seine Nervosität unter Kontrolle zu kriegen. Was war nur aus ihm geworden?

      „Oh, ich… auch“, sagte er leise. Sein Selbstbewusstsein hatte sich wohl vor einer halben Stunde verabschiedet.
      Er seufzte, etwas lauter als beabsichtigt und streckte sich kurz. „Du machst mich fertig“, murmelte er zu Noel. Musste er Jay ständig an seine Grenzen treiben? „Du hast dir absichtlich ein Café ausgesucht, in dem man aneinander kleben muss, was?“, unterstellte er Noel mit einem schwachen Lächeln.
      „Macht dich das nicht nervös?“, fragte er kurzerhand, realisierte dann aber sofort, was er sagte. Das klang wieder, als hätte er bloß Schiss davor, gesehen zu werden. Dabei spielte Noel selbst eine große Rolle. Er machte ihn nervös, weil Jay ihn mochte. Mehr, als er antizipiert hatte. „Ich meine… vielleicht dich nicht. Aber ich muss die ganze Zeit daran denken, was ich tun würde, wenn wir alleine wären“, murmelte er, bemüht so wenig Emotion wie möglich in seine Worte zu legen. Noel sollte schon wissen, was sein Verhalten in ihm auslöste. Wenn er ihn unbedingt berühren wollte, wieso gingen sie dann überhaupt in ein Café und blieben nicht gleich zuhause?
      Genau das… war wohl das Problem, wenn man auf einem One Night Stand aufbaute. Jay wusste zu viel.
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    • Noel lachte lauter auf als er es eigentlich beabsichtigt hatte. „Versprochen.“ versicherte er. „Ich glaube, so viel Ahnung wie du denkst habe ich gar nicht über Wein.“ Allein dass seine Eltern ihm immer und immer wieder sagen, dass man ein Weinglas am Stiel festhielt, sprach wohl für sich. Nicht das Noel das nicht wusste, es war ihm einfach egal, so wie ihm viele Dinge egal waren. Etwas was ihm im Moment jedoch nicht egal war, war Jayden, der als er aufseufzte und sich danach streckte Schuld an der leichten Gänsehaut war die sich prompt über seine Arme zog.

      ‚Du machst mich fertig’ - Das konnte er Jayden definitiv Wort für Wort so zurückgeben. Jay machte ihn auch fertig, aber wohl in einer anderen Art und Weise. Er vergaß prompt alles was um sie herum passierte, da war nur noch Jayden und alles andere schien augenblicklich an Bedeutung zu verlieren. Nicht das Noel vielen anderen Dingen sonderlich viel Bedeutung beimessen würde. Da war immer nur seine Arbeit, seine Leidenschaft, sein Leben was er sich mühevoll aufgebaut hatte und plötzlich schien das alles weniger Bedeutung zu haben. Es war nicht bedeutungslos, aber es schien als würden sich in den Momenten in denen er mit Jay Zeit verbrachte seine Prioritäten umstrukturieren.

      Wäre da dieses schwache Lächeln nicht, hätte Noel den Worten des Studenten wohl zugestimmt. Vielleicht hatte er es wirklich beabsichtigt - er hatte es ganz definiert beabsichtigt. Er hatte im Grunde drauf gepokert, dass genau dieser Platz frei war und das sie sich genau hier hin setzten, eben weil die kleine Nische recht eng war. Bei den nächsten Wortes des Jüngeren nickte der Franzose leicht. „Ein wenig.“ gestand er ohne jedoch seinen Blick von Jay zu nehmen. „Die gute Art von Nervosität. Die Art die man vor einem ersten Date hat bei dem man schon vorher weiß, dass es ein gutes Date werden wird. Die Art die dir eine Person gibt mit er man gerne zeit verbringt, aber man hat sie länger nicht mehr gesehen und freut sich drauf sie wieder zu sehen. Dieses angenehme Kribbeln unter der Haut welches so unfassbar leicht von Worten ausgelöst werden kann.“ - genau diese Art von Kribbeln, die genau in diesem Moment von Jaydens Worten ausgelöst wurde. Die Art von Kribbeln die von einer angenehmen Gänsehaut begleitet wurde, die sich augenblicklich über jeden Zentimeter von Noels Körpers zog und Bilder in einem Kopf hinterließ die er eigentlich in diesem Moment, in diesem Café nicht haben durfte.

      Sie könnten die Location wechseln, so wie sie es das letzte Mal getan hatten und Noel wollte das. Er wollte es und das nicht erst nachdem die Worte Jaydens Mund verlassen hatten. Aber sie hatten sich geeinigt, sie hatten sich geeinigt, dass sie versuchten ein richtiges Date zu haben.
      Noel wollte was dazu sagen, er war sich nur nicht ganz sicher was. Alles was er sagen könnte würde nur so sehr von sexueller Spannung sprühen, dass es wohl in dem Café mehr als nur unangebracht war. Sein Blick sagte jedoch wohl alles aus was er nicht sagen konnte aber sagen wollte.

      Das Blau seiner Augen rutschte tiefer, erst runter zu Jaydens Lippen, dann zu der freigelegten Haut seines Halses, bevor diese unter dem Stoff verschwand. Noel wusste wie sich diese Haut unter seinen Lippen anfühlte. Er wusste wie sich der Puls an seinen Lippen anfühlte. Er konnte sich genau vorstellen wie das Herz des Studenten literweise Blut durch dessen Körper pumpte, wie dabei der Muskel arbeitet und eine unvergleichbare Melodie zustande brachte.
      Er war verloren!
      Das Date hatte so gut angefangen und jetzt konnte er nur noch dran denken was sie machen würden, wenn sie nicht gerade in dieser kleinen Nische in seinem Lieblingscafé sitzen würden sondern alleine in seiner Wohnung wären. Noel zwang seinen Blick von Jays Hals, zurück zu dessen Augen - jedoch aber nicht ohne nochmal Halt bei seinen Lippen zu machen und sich vorzustellen wie sich wohl anfühlen würde. Er wusste wie sich sich anfühlten, er wusste sich das Gefühl nicht vorstellen, er kannte es und trotzdem kam ihm die Erinnerung so weit entfernt vor, das es ein Gefühl von Sehnsucht in ihm auslöste. Einige Zentimeter weiter höher empfing ihn strahlendes Bernstein und vielleicht bildete er sich den Ausdruck von Verlangen in besagtem Bernstein nur ein oder es war Wunschdenken, aber selbst wenn, es war in dem Moment okay für ihn.
    • Jay hatte das Gefühl, Noels Augen würden ihn ausziehen. So, wie er ihn andauernd ansah, wenn er mit ihm redete, wie er den Blick nie abwandte, konnte er garkein anderes Gefühl vermitteln. Kein Wunder, dass Jay sich heute untypisch schüchtern fühlte. Und vor allem… provoziert. Noel machte das alles in voller Absicht, keine Frage.

      „So lang ist es garnicht her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben“, war alles, das er auf Noels seltsame Aneinanderreihung an Worten heraus bekam. Er fühlte sich teils geschmeichelt, teils verwirrt. Noel redete über ihn — zumindest ging Jay davon aus, dass es um ihn ging — als würden sie sich weitaus länger kennen, als etwa zwei Wochen. Wobei, wenn Jay in der Lage wäre, sich so auszudrücken, dann würde er seine Gefühle vielleicht auch anders beschreiben als ‚er fühlte sich wohl in Noels Nähe‘. Oft kam es ja nicht vor, bisher eigentlich noch nie, dass er das Gefühl hatte, das jemand einen Teil von ihm sah, der sonst jedem verwährt blieb, teils sogar ihm selbst.

      „Hast du mich genug angestarrt?“, fragte er etwas belustigt, als Noels Blick endlich wieder seinen eigenen auffing. „Ich meine, man muss keine Gedanken lesen können, um zu wissen, was dir durch den Kopf geht. Aber haben wir uns nicht darauf geeinigt, zu daten? Dann können wir nicht jedes einzelne Mal im Bett landen“ Er war selbst überrascht, dass diese Worte aus seinem Mund kamen. Aber Jay wäre heute auch nicht so sehr in Versuchung, wenn Noel nicht die ganze Zeit mit ihm spielen würde. Wer von ihnen musste sich also wirklich zusammenreißen?

      Er seufzte. „Ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass du dich besser unter Kontrolle hast als ich. Also was wird es? Wir können uns auch im Bett unterhalten, da kommen wahrscheinlich eh die tiefgründigeren Gespräche zustande“
      Er lehnte sich zurück und sah geradeaus aus dem großen Fenster. Da draußen liefen hunderte kleine Menschen über die Straße und jeder hatte ein eigenes Leben. Wenn Jay das so betrachtete, war ihm kurz völlig egal, was andere von ihm dachten. Dann hatte er das Gefühl, alles tun zu können, was er wollte. Aber es gab trotzdem eine Sache, die selbst in diesem Moment unklar blieb. Ob er es schaffen konnte, eine Beziehung zu Noel aufzubauen, die auf mehr als Sex beruhte. Wozu er… wohl oder übel emotional aufgeschlossen sein musste, nicht? Und mit der Tatsache klarkommen musste, dass er an ihm interessiert war, und dass er selbst anders war, als bisher gedacht, und dass er Noel vielleicht mal irgendwem vorstellen müsste, denn was war das sonst für eine Beziehung?
      Das wusste er nicht. Ob er das hinbekommen würde. Gerade wollte er ihn am liebsten auf Armlänge behalten. Wenn sie sich wirklich kennenlernten, würde Noel ja auch schnell auffallen, wie gerne Jay diese zwei Welten, die er da hatte, separat halten wollte.

      Vielleicht waren tiefgründige Gespräche eine miese Idee. „Ich entscheide für dich. Wir sitzen jetzt noch mindestens eine Stunde hier, klar? Frag mich was, das du wissen willst. Vielleicht kommen wir in den nächsten 60 Minuten ja drauf, dass wir fundamental nicht zusammen passen“
      Man konnte sich auch mal auf einer oberflächlicheren Ebene kennenlernen, das war auch wichtig. Sich langsam herantasten. Es gab wichtige Fragen, die man sich in so einer Kennenlernphase beantwortete. Zum Beispiel wusste er nicht, was Noels Lieblingsessen war, ob er irgendwelche Phobien hatte, wie gut sich seine Eltern verstanden und warum er Menschen nicht leiden konnte. Und später konnten sie immernoch zu Noels Wohnung fahren.
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    • Noel grinste seinen Gegenüber frech an. „Wer hat gesagt das ich dich meine?“ es war wohl beiden klar, dass Noel Jayden - zumindest teilweise - meinte. Er hielt seine Worte jedoch auch bewusst so weiterlaufend, dass er im Grunde alles und jeden meinen könnte.

      „Niemals.“ lachte er leise. „Ich hab das Gefühl, je länger ich dich anschaue desto mehr Details sehe ich. Desto mehr kann ich in dir lesen. Hast du jemals ein da Vinci in natura gesehen? Man kann stundenlang vor seinen Gemälden verbringen und trotzdem würde man immer was neues entdecken was einen fesselt. Ich würde dich unwahrscheinlich gerne malen…“ seine Stimme war beim reden ein wenig leiser geworden. Normalerweise driftete er nicht so sehr in seinen Gedanken ab. Normalerweise bat er aber auch keine Menschen sie malen zu dürfen.

      Noel schloss kurz seine Augen, atmete einmal tief durch und lächelte Jayden dann wieder durch eiskalte Seelen an. Bei Jays nächsten Worten lachte er leise auf. „Ich finde es interessant, dass du mir sagst, dass man keine Gedanken lesen muss um zu wissen was in meinem Kopf vor geht, wenn du doch die Person warst, die meinte ‚ich muss die ganze Zeit dran denken, was wir tun würden, wenn wir alleine wären‘.“ Noel hatte definitiv ein Ding dafür Menschen ein wenig zu provozieren, egal in welche richtig und das kokette Grinsen sprach wohl für sich. „Aber du hast selbstverständlich recht, wir wollten uns ohne Hintergedanken daten.“

      Noel setzte sich ein wenig auf, betrachtete den Stundeten während er seinen Vorschlag machte und nickte dann. „Klar. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass du eher nach fundamentalen Gründen suchst warum das nicht funktionieren könnte, korrigiere mich bitte wenn ich falsch liege, aber ich glaube wir wissen beide, dass da eine gewisse Spannung zwischen uns ist. Entweder du nimmst sie als das was sie ist oder du suchst nach sinnlosen Gründen wie ‚dein Lieblingsessen passt nicht zu meinem Lieblingsessen‘ oder ‚deine Lieblingsfarbe passt nicht zu der Vorstellung meiner optimalen Wandfarbe‘. Ich werde mir jetzt noch einen Kaffee holen, du überlegst dir in der Zeit was genau du von mir erwartest und wenn ich wieder hier bin Frage ich dich alles was ich von dir wissen will.“ Noel schaute beim aufstehen mit einem flüchtigen Blick in Jaydens Glas. „Wie ich sehe bist du noch bedient.“ mit einem letzten Lächelnd verließ Noel ihren Platz und ging die Treppe nach unten zum Tresen.

      Er brauchte definitiv noch einen Kaffee und vielleicht auch zwei Minuten um den Kopf wieder frei zu bekommen. Es war nicht so, dass er permanent Jaydens entkleideten Körper vor seinem inneren Auge sah, jedenfalls nicht bis Jayden nicht angesprochen hatte, was er angesprochen hatte. Die Worte des Jüngeren hatten einen Schalter in seinem Kopf umgelegt und es war mehr als nur kontraproduktiv diesen Schalter in seiner Position zu belassen. Bei der selben jungen Barista bestellte er sich seinen Kaffee, betonte nochmal dass er ihn schwarz haben wollte und ob sie so nett sei ihm einen zusätzlichen Espressoshot in den Americano zu machen. Er sollte wohl mal einen Koffeinverbrauch ein wenig zurück schrauben, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, würde das sowieso nie passieren.

      Mit der Tasse wieder zurück in der ersten Etage ließ er sich sanft auf dem Polster des Sofas fallen. Noel wirkte wieder ein wenig entspannter als noch vor wenigen Minuten, obwohl ‚entspannt‘ wohl das falsche Wort war. Er hatte jedoch wieder einen anderen Ausdruck in den Augen. Der Franzose nahm einen Schluck aus seiner Tasse und behielt sie dann in seinen Händen. Auf dem Weg hatten sich tausende von Fragen in seinen Kopf geschlichen, aber keiner dieser Fragen schien wohl zu Jays Anforderung zu passen. ‚Fundamental‘ hatte er gesagt. Fundamental war wohl keine der Fragen, aber Noel interessierte sich auch nicht für die Lieblingsfarben von Menschen oder was sie besonders gerne aßen. Sein Interesse ging tiefer. Er wollte wissen wofür eine Person brannte, was ihre Leidenschaft war, wie sich diese Leidenschaft anfühlte. Er wollte die Menschen die er kennen lernen wollte - was verhältnismäßig wenig Menschen waren - nicht einfach nur kennen lernen, er wollte in ihre Seele blicken. „Wie kamst du zum Gitarre spielen?“
    • Jayden sah Noel eine Weile etwas sprachlos an, als er davon redete, ihn malen zu wollen. Wo war er hier reingeraten? Er war es gewohnt, Komplimente zu bekommen, ob direkt von seinen Dates oder über zehn Ecken, wenn wieder irgendein Gerücht über ihn herumging. Aber das war... eine andere Art von Anerkennung. Er wusste nicht wirklich, wie er darauf reagieren sollte, weil Noel es ernst zu meinen schien. Was, wollte er ihn wirklich... stundenlang anstarren und abzeichnen? Jay war sich nicht sicher, ob er den Blick so lange überleben würde.

      Außerdem nervte ihn das hier langsam; wie kam es, dass Noel immer das letzte Wort hatte, weil Jay nicht wusste, was er sagen sollte? War er immer schon so stumm gewesen? Noel schien sich immer so absolut sicher zu sein, mit allem recht zu haben, so viel Selbstbewusstsein wie in seiner Stimme lag, und Jay konnte nur aufgeben und ihm zustimmen. Er hatte recht, Jay war derjenige, der diese Spannung ansprach, weil er sie nicht aushielt. Vielleicht suchte er nach Gründen, um diese Überforderung, mit der er ständig konfrontiert wurde, endlich loszuwerden. Aber nur weil er es nicht gewohnt war, Aura-technisch so dermaßen fertig gemacht zu werden, hieß das nicht, dass es ihm nicht irgendwie gefiel. Irgendeine dunkler Fleck in seinem Inneren war offenbar ein Fan davon, dominiert zu werden, was einerseits keinen Sinn machte, andererseits aber doch... ziemlich viel... Sinn ergab.

      Sobald Noel aufstand und ihn, wieder einmal, sprachlos zurückließ, fiel Jay ein bisschen in sich zusammen. Er seufzte und musste seinen Kopf am Tisch ablegen. Was zur Hölle tat er hier eigentlich? Er war wirklich bedient. Nicht nur mit Kaffee. Wenn er mit Noel redetet schien er immer mit seinen Argumenten unterlegen zu sein. Langsam fragte er sich, ob irgendetwas das er sagte überhaupt Sinn machte. Ob sie nun über tiefgründige Themen sprachen oder nicht, sie begannen jetzt schon so viel Zeit miteinander zu verbringen, dass Jay ihn so leicht sowieso nicht mehr aus dem Kopf bekam. Und wenn sie nichts gemeinsam hatten und irgendwie nicht zusammenpassten... das hielt sie bisher auch nicht auf. Er hatte doch eigentlich garkeine Chance. Er war längst zum Opfer seiner eigenen Gefühle geworden. Selbst wenn sich jetzt herausstellte, dass Noel alles hasste, das er mochte, würde ihn das wirklich auch nur ansatzweise aufhalten, ihn trotzdem zu treffen und seltsame Gespräche zu führen, die ihn verzweifeln ließen? Wohl eher nicht. Da war einfach ein Teil in ihm, der die Zeit zurückspulen und in sein altes Leben zurückkehren wollte, bevor er Noel kannte, damit sich alles wieder normal anfühlte. Und der andere Teil war so verdammt fasziniert von diesem französischen Snob, dessen Gegenwart sich völlig anders anfühlte, als alles das er kannte, dass er hier einfach nicht wegkam.

      Zum Glück hob er den Kopf rechtzeitig vom Tisch, bevor Noel zurückkam. "Du hast einen ziemlichen Kaffeeverbrauch, hm?", murmelte Jay mit dem Blick auf die Tasse in Noels Händen. Dann sah er auf. Er hatte sich wirklich eine Frage überlegt.
      "Gitarre? Hm, ich glaube, ich wollte einfach immer selbst Musik machen, statt sie nur anzuhören. Das fühlt sich gut an", antwortete er ohne zu Zögern. Musik half ihm, sich auszudrücken. Wenn er so darüber nachdachte, hatte er sich noch nie mehr wie er selbst gefühlt, als in den Momenten, in denen er Gitarre spielte. Als könnte er alles um sich herum ausschalten.
      "Ich wollte immer noch andere Instrumente lernen, aber mehr als die E-Gitarre hab ich mir nie wirklich leisten können, also äh... ist es dabei geblieben. Instrumente sind teuer. Spielst du irgendwas?", fuhr er fort.
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    • Bei der Frage schaute Noel schon fast etwas ertappt in seine dampfende Tasse. „vielleicht ein wenig.“ lachte er leise verlegen auf. Jayden traf es definitiv auf den Punkt. Während er Jayden zuhörte nippte er immer mal wieder an seiner Tasse ohne dabei auch nur ansatzweise uninteressiert zu wirken. Er nahm jede einzelne Information die der Stundeten ihm sie bereitwillig zur Verfügung stellte in sich auf.

      „Kann ich gut nachvollziehen. Musik ist was wunderschönes. Ich würde dich wahnsinnig gerne mal spielen hören.“ gestand er. „Musik ist eine schöne Art sich auszudrücken, ich denke viele können die Worte dahinter nur meistens nicht lesen. Ich würde mich nicht zu den Menschen zählen, die das können aber gelegentlich bilde ich mir ein ich könnte es.“ lachte er leise. „Ich hab nur leider absolut kein musikalisches Talent. Als Kind wollte ich immer Klavier spielen, aber mein Musiklehrer meinte, ich solle Musik doch lieber so schnell wie möglich abwählen, da ich offenbar dafür nicht geboren worden sei. Ich hab mich dann der Kunst verschrieben, was mir anscheinend deutlich besser liegt.“ Sein ehemaliger Musiklehrer war definitiv ein Arschloch gewesen und das nicht nur weil man jungen Kindern nicht stumpf ins Gesicht sagen sollte, dass sie einfach gnadenlos schlecht in etwas waren, sondern auch weil er allgemein einfach ein schlechter Lehrer war.

      „Was würdest du denn gerne noch spielen? Du hattest mal erwähnt, dass du in einer Band gespielt hast, dass die sich aber nicht gehalten hat. Würdest du gerne wieder mit anderen Musik machen? Ich stelle mir vor, dass das nochmal eine andere Art von Interaktion ist. Ich glaube Leute um sich rum zu haben, die das selbe Hobby ausüben kann was sehr schönes sein, wenn man das möchte. Ohne den Druck besser als alle anderen sein zu wollen versteht sich.“
    • Jayden lächelte etwas verlegen. "Ich meine, du kannst immer vorbeikommen. Wenn- wenn Cyrus gerade nicht da ist, aber das ist oft genug der Fall. Nur... damit nicht wieder so etwas... passiert" Mit 'so etwas' meinte er klarerweise das Ereignis, als Cyrus sie beinahe bei ihrem Kuss erwischt hatte und Jay Noel fast den Rücken gebrochen hätte, als er ihn von sich weggestoßen hatte. An dem Tag hatte er festgestellt, dass sein Todesgrund ziemlich sicher irgendwann ein Herzinfarkt sein würde, so schreckhaft wie er ab und zu war.

      "Solange du es gerne anhörst, ist es doch egal, ob du es so verstehst, wie ein Künstler es sich gedacht hat. Man kann ja alles selbst interpretieren. Außerdem haben manche Dinge überhaupt keine tiefgründige Bedeutung, auch wenn man davon ausgehen würde", sagte er und lächelte leicht. Kunst wirkte auf jeden Menschen anders, da gab es kein richtig oder falsch. Zumindest war er selbst davon überzeugt.

      "Dein Musiklehrer war ein Arschloch, hm?", kommentierte er. "Weißt du, ich hab Musikunterricht immer absolut gehasst und mir am Ende alles selbst beigebracht" Lehrer ließen einem selten genug Freiraum um überhaupt herauszufinden, was einem Spaß machte. Aber manchmal war das, was einem Spaß machte, trotzdem nicht das richtige für einen. Als Noel die Band erwähnte, musste Jay daher kurz etwas peinlich berührt den Blick abwenden. Er hatte damals unglaublich Spaß an der Musik gehabt, aber gehalten hatte es trotzdem nicht, weil einer nach dem anderen etwas 'ernsthaftes' begonnen hat. Studien oder Jobs, die zu viel Zeit in Anspruch nahmen. Und Jayden hatte es ihnen nachgemacht, ganz zur Freude seiner Eltern.
      "Ich... ja, es war super. Ganz anders, als alleine Musik zu machen. Aber ich kenne niemanden, der für so etwas wirklich noch die Zeit hat. Habe ich selbst ja auch nicht wirklich", murmelte er. Er hing sowieso schon im Studium hinterher, weil er das alles irgendwie mit seinem Job auf die Reihe bringen musste, und jedes Mal, wenn er seinen Freunden ein Treffen absagte, spürte er, wie er sich sofort von der Gruppe distanziert fühlte. Kein gutes Gefühl. Dafür musste er also auch irgendwie Zeit schaffen. Und für seine Geschwister, auf die er hin und wieder aufpasste. Und jetzt hatte er auch noch Noel... der gruseligerweise jetzt schon sehr weit oben auf seiner Prioritätenliste stand. Wie sollte er da noch wirklich Zeit für ein Hobby finden? Geschweige denn andere Leute, die diese Zeit hatten.
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