Das Biest in dir... [Shio & Nimue]

    • Ian

      Meine Augen weiteten sich ein wenig, als Ann mir sagte das ich bei ihr zu Hause war. Wie viel muss passiert sein, das ich mich in einem Glaskasten befand, der aussah wie ein Wintergarten? Was zum Teufel mache ich hier drinnen? Doch eh ich Ann noch ein paar Fragen stellen konnte, tauchte jemand im Türrahmen auf. Mein Blick ging sofort zu ihm und dann fügten sich wieder ein paar Bruchstücke zusammen. Es war ihr Onkel.. Lake…
      Seine Anwesenheit ließ den Raum noch kühler und eisiger wirken. Ein Schauer ging mir über den Rücken. Ich lauschte seinen Worten und als er Ann dann beauftragte uns Tee zu machen, kam meine Stimme wieder zurück. „Eine…Erblinie? Wovon reden sie? Wer sind sie?“ Meine Stimme klang ein wenig heiserer als beabsichtigt. Ich hörte ihm dennoch zu. Ich lachte trocken auf. „Also was bin ich jetzt? Ein Märchen? Ein Experiment oder ein Monster?“ Mein Blick flackerte zu dem Ring an meinem Finger und dann wieder zu ihm zurück. „Und dieses Ding hier..?“ Ich hob die Hand ein wenig an. „Soll mich davon abhalten nicht durchzudrehen?“ Ich sah ihn fragend an. Das ergab doch alles keinen Sinn. Mein Kiefer spannte sich etwas an. Das Wort Monster schoss durch meinen Kopf und plötzlich hatte ich einen kleinen Flashback… Bilder wurden schärfer und fügten sich zusammen. Ich sah wie ich auf Tristan einprügelte und die Kontrolle verlor, wie mein Dämon in meinem Kopf lauter wurde und mich fast dazu brachte Ann zu verletzten, wie mein Körper zusammenbrach nach all dem Chaos, welches ich durchlebte. Ein Stich ging durch meinen Kopf und ich stürzte ihn auf meiner Hand ab. Er sprach weiter auf mich ein das das alles real ist was ich gefühlt und durch gemacht hatte und wenn ich es ignoriere, es noch schlimmer wird, statt besser. Der Ring hielt mich laut seiner Aussage nicht gefangen, sondern hält mich zusammen. Ohne ihn würde ich auseinander brechen. Ich blickte wieder zu ihm auf. „Und was passiert wenn ich ihn doch abnehme?“ Er seufzte und sein Blick wurde ernster. Er sprach davon das ich die komplette Kontrolle verlieren würde und ich nicht herausfinden wollen würde was mit mir passiert wenn Menschen in meiner Nähe sind. Ich schluckte. „Sie meinen ich wäre dazu fähig jeden weh zu tun? Ganz egal wer vor mir steht?“ Sein Nicken war die Bestätigung. Sofort schossen mir meine Mum, Ann und die Jungs in den Kopf. Nein das ist unmöglich… Ich könnte niemanden von ihnen irgendwas an tun… aber was wenn Lake recht hatte.. wenn ich nicht langsam damit anfange zu verstehen was ich wirklich bin.
      „Gut.. warum helfen sie mir?“ Er kannte mich nicht und dennoch stand er hier. „Darf ich sie darum bitten..“ Mein Blick ging zur Tür. „…Ann nichts davon zu erzählen? Sie soll weiterhin denken das ich ein ganz normaler Junge bin… der vielleicht einen Wachstumsschub hatte oder sonst was. Denken sie sich etwas aus.. Doch wenn sie wüsste wer ich bin würde ihre Welt zerbrechen… sie bedeutet mir alles. Bitte ich flehe sie an..“

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    • Lake

      Ich stand vollkommen unbewegt da, während der Junge... dieser Welpe, der noch nicht einmal begriffen hatte, wie scharf seine eigenen Zähne waren, versuchte sich zu sammeln. Das Schweigen im Wintergarten dehnte sich aus, wurde schwer und zäh wie Teer. Ich musterte ihn aus meinen kalten, distanzierten Augen und spürte ein tiefes Widerstreben in meiner Brust.
      Eigentlich hätte ich ihn schon gestern Abend, als er vor Schmerzen schrie, vor die Tür setzen sollen. Er war ein Risiko. Ein unberechenbarer Faktor in dem ohnehin schon instabilen Kartenhaus, das ich für Annalena errichtet hatte. Doch ich sah sein Zittern, das er so mühsam zu verbergen suchte, und ich hörte noch immer Elenés verzweifelte Stimme am Telefon. Spätestens als ich Annalenas Blick sah, als sie mich vorhin umarmt hatte konnte ich nicht anders. Ihre Wertschätzung war die einzige Währung, die mich dazu brachte, meine Prinzipien zu brechen.
      Ich trat ans Fenster und sah hinaus in den grauen Dunst von Forks, bevor ich mich langsam wieder zu ihm umdrehte. "Ich kann nichts dafür, dass dein Rudel dich allein gelassen hat", sagte ich, und meine Stimme klang noch eine Spur härter, als ich den Zorn über die Verantwortungslosigkeit seiner Vorfahren unterdrückte. "Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, dich zu führen. Oder die deines Vaters. Aber anscheinend hat deine Mutter dich im Unklaren gelassen, in der Hoffnung, das Blut würde schweigen, wenn man es nur lange genug ignoriert." Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Ein fast unmerkliches, freudloses Lächeln zuckte um meine Mundwinkel. "Menschen wie du wurden vor Jahrhunderten geehrt. Als Wächter, Schutzpatrone der Gemeinschaften, geschätzt für die Kräfte. Doch dann kam die Zeit des religiösen Fanatismus. Was die Menschen nicht kontrollieren konnten, begannen sie zu fürchten. Und was sie fürchteten, versuchten sie auszurotten. Am Ende war es für beide Seiten einfacher, dass die Menschheit vergaß. Heute glauben sie nur noch an das, was sie mit ihren stumpfen Sinnen erfassen können."
      Ich trat einen Schritt näher an seine Liege heran. Er wirkte irgendwie so zerbrechlich. "Was das Verletzen angeht...", ich nickte langsam auf seine Frage hin. "Ja. In deinem jetzigen Zustand bist du eine Gefahr für jeden, den du liebst. Erinnere dich an das Gleichnis der Cherokee, das ich Annalena gestern erzählt habe. In dir kämpfen zwei Wölfe. Der eine ist Zerstörung, der andere Schutz. Das Gleichnis sagt, es gewinnt derjenige, den du fütterst. Aber du musst verstehen: Der Ring nimmt dir diese Entscheidung nicht ab. Er ist nur eine Hilfe. Beweisen, wer von beiden du sein willst, musst du dir selbst. Jeden einzelnen Tag."
      Wieder entstand diese Pause. Ich hörte Annalenas Schritte im fernen Flur, das Klappern von Geschirr auf einem Tablett. Mein innerer Kampf erreichte seinen Höhepunkt. Am liebsten würde ich ihm die Wahrheit über Annalena direkt ins Gesicht schleudern. Dass sie kein "normales Mädchen" war, deren Welt zerbrechen würde, sondern dass sie bereits knietief in derselben verborgenen Welt steckte wie er. Dass sie vielleicht die Einzige war, die ihn wirklich verstehen konnte. Aber ich hielt inne. Es war nicht mein Geheimnis, das ich hier preisgeben durfte. Nicht heute. Außerdem hoffte ich noch immer, dass diese Faß bald ein Ende fand.
      "Du bittest mich, ihr nichts zu sagen?", wiederholte ich leise. Ein Funken Verachtung mischte sich in meine Stimme, nicht für ihn, sondern für die Ironie der Situation. "Wenn es nach mir ginge, Junge, wärst du weder in diesem Haus noch ein Teil ihres Lebens. Du bringst Schatten mit, die sie nicht verdient hat. Sie hat ja selbst ein schweres Kreuz zu tragen."
      Ich hörte, wie die Tür zum Wintergarten leise aufgestoßen wurde. Ich senkte meine Stimme zu einem gefährlichen Flüstern, das nur er hören konnte. "Ich helfe dir nur, weil sie mich darum gebeten haben. Erst deine Mutter am Telefon, und dann Annalena mit jeder Faser ihres Wesens. Ich werde schweigen... vorerst. Aber glaube nicht, dass Lügen dich auf Dauer retten werden. In dieser Welt findet die Wahrheit immer einen Weg an die Oberfläche." Ich straffte meine Weste und setzte meine unnahbare Maske wieder auf, als Annalena mit einem Tablett den Raum betrat. Mein Blick wurde wieder klinisch und kalt, als hätte das Gespräch nie stattgefunden.

      Annalena

      Ich balancierte das schwere Tablett mit dem Haferbrei und dem frischen Obst vorsichtig durch die Tür. Die Stimmung im Raum war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Lake stand am Fenster, den Rücken zu Ian gewandt, und Ian sah aus, als hätte er gerade ein Urteil empfangen, das er noch nicht ganz begriff. "Ich habe etwas Gehaltvolles gemacht", sagte ich und versuchte, die bedrückende Stille mit einer Spur Fröhlichkeit zu vertreiben. Ich stellte das Tablett auf den Beistelltisch und sah zwischen den beiden Männern hin und her. "Habt ihr euch ... unterhalten?" Mein Blick blieb an Lake hängen. Er wirkte verschlossener denn je, aber da war etwas in der Art, wie er Ian beobachtete, das mich stutzen ließ. Es war kein bloßer Hass. Es war etwas anderes.
      "Wir sind fertig", sagte Lake knapp und schritt an mir vorbei, ohne mich anzusehen. "Ich werde in meinem Arbeitszimmer sein. Kleines, sorge dafür, dass er alles aufisst. Er braucht die Energie." Sollte ich Ian jetzt füttern oder was? Ich sah ihm nach, bis er im Flur verschwunden war, und wandte mich dann besorgt an Ian. "Was hat er dir gesagt? Er kann manchmal ziemlich ... direkt sein. Nimm es ihm nicht übel, er meint es nicht so böse, wie er klingt. Meistens jedenfalls." Ich setzte mich auf die Kante der Liege und schob ihm die Schale hin. "Geht es dir ein bisschen besser?"
    • Ian

      Seine Drohung war eindeutig und er wollte mich am liebsten vernichten. Jetzt fühlte ich mich noch mehr fehl am Platz als so schon. Als er meinen Vater und meine Mutter erwähnte, zog sich etwas schmerzhaftes in mir zusammen. Ich wusste nicht wer mein Vater war, doch ich wusste nur das meine Mutter mir kurz bevor ich hier nach Forks gezogen bin erzählte, das ich etwas besonderes in mir trage.
      Und diese Besonderheit würde mich zu so einem Monster machen, wenn ich nicht aufpasste... Mir schnürte sich der Hals zu. Was soll ich jetzt nur machen? Seine Worte fühlten sich wie Rasierklingen auf meiner Haut an, aber er hatte recht damit, ewig schweigen konnte ich nicht. Ann ist ja schließlich nicht blöd.. sie würde so viele Fragen haben.. doch was davon konnte ich ihr wirklich ehrlich beantworten..
      Als sie den Raum wieder betritt, konnte ich ihr kaum in die Augen sehen. Zu tief sahs die Angst in mir drinnen ihr wirklich richtig weh zu tun. Ich spürte das Gewicht von ihr auf meiner Liege und blickte dann doch in ihre besorgten Augen. Ich rang mich zu einem winzigen Lächeln, auch wenn alles in mir schreit. "Er.. er hat mir nur gesagt das meine Mutter hier nach Forks kommen will.. Er hatte sie angerufen und sie macht sich schreckliche Sorgen um mich." Das war die Wahrheit.. mehr würde Ann nicht erfahren. Nichts von dem was ihr Onkel zu mir gesagt oder was ich in Wirklichkeit bin. Ein Wolf im Schafspelz..
      Ich sah auf das Tablet und nahm mir den Löffel in die Hand und tunkte ihn in den Haferbrei. Es schmeckte sehr gut und ich hatte noch nie so schnell etwas zu Essen in wenigen Sekunden inhaliert. War ich so ausgehungert?
      Ich sah Ann entschuldigend an und trank vorsichtig von dem Tee. "Danke", hauchte ich. Die wohlige Wärme des Tee´s breitete sich in mir aus und ich fühlte mich nun wesentlich besser als noch vorhin. "Du hör Mal.. wäre es möglich wenn ich hier duschen dürfte? Wir müssen ja schließlich noch zur Schule.." Auch wenn mir gar nicht danach war. Ich wollte dennoch nicht das ich einen noch schlechteren Einfluss auf Ann hatte. Lake wäre sicherlich nicht begeistert davon das Ann schwänzen würde. Er würde mich noch mehr hassen, als so schon.. ich wusste nicht was er war, aber von ihm ging eine so starke Aura aus.. Vielleicht wusste meine Mutter mehr.. Doch zuerst musste ich wieder wie ein normaler Mensch aussehen..
    • Annalena

      Ich beobachtete Ian, wie er den Haferbrei förmlich verschlang. Es war, als hätte sein Körper gestern Abend nicht nur Energie verbrannt, sondern jedes Gramm Substanz in seinen Zellen aufgebraucht. Doch während er aß, fühlte ich dieses Ziehen in meiner Brust, ein Echo seiner Gefühle. Seit meine Magie erwacht war, fielen die Emotionen anderer manchmal wie Sturzbäche über mich herein.
      Was ich bei Ian spürte, war jedoch kein einfacher Hunger. Es war eine tiefe, schneidende Verunsicherung. Angst. Er log mich an, als er von dem Telefonat mit seiner Mutter erzählte, oder zumindest erzählte er mir nur einen winzigen Bruchteil der Wahrheit. Ich spürte das schwere Gewicht seiner Geheimnisse, die wie dunkle Wolken zwischen uns schwebten. Am liebsten hätte ich ihn an den Schultern gepackt und gefragt: Was hat Lake dir wirklich gesagt?, aber ich brachte es nicht über das Herz. Er wirkte so zerbrechlich unter dieser neuen, rauen Schale. Ich versuchte, selbst ein paar Löffel zu essen, um den Schein zu wahren, doch der Brei fühlte sich in meinem Mund wie Sand an. Mein Magen war ein einziger Knoten aus Sorge. Statt zu essen, rutschte ich ein Stück näher an ihn heran. Die bloße Nähe zu ihm, das leise Knistern der Energie, die ihn trotz seiner Erschöpfung umgab, wirkte seltsam beruhigend auf meine eigenen instabilen Kräfte. Es war, als würde er mich erden, ohne es zu wissen. "Möchtest du noch Nachschlag?", fragte ich leise und strich ihm fast unbewusst über den Handrücken.
      Als er mich dann nach einer Dusche fragte und erwähnte, dass wir zur Schule müssten, blinzelte ich erst einmal verdutzt. Schule? Nach dieser Nacht? "J-ja, klar... komm mit", stammelte ich und stand auf. Meine Beine fühlten sich noch etwas wackelig an. Ich führte ihn aus dem Wintergarten, die Treppen hinauf in den ersten Stock. Das Haus war still, Lake hatte sich wohl wirklich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, aber ich bildete mir ein, seine kalte Präsenz hinter jeder geschlossenen Tür zu spüren.
      Vor dem Gästebad hielt ich an und kramte im Wäscheschrank nach den flauschigsten Handtüchern, die wir hatten. Dann fiel mir etwas ein. Ich huschte kurz in mein Zimmer und kam mit dem roten Hoodie zurück, den er vor Wochen überlassen hatte. Ich hielt ihm den weichen Stoff hin und musste unwillkürlich lächeln. "Den wollte ich dir sowieso mal wieder geben", sagte ich leise. "Er riecht gar nicht mehr nach dir." Mrs. Baker hatte ihn wohl im Eifer des Gefechts mitgewaschen. Der vertraute, wohlige Geruch nach Wald und Freiheit, der Ian immer umgab, war dem sterilen Duft von Lavendel-Weichspüler gewichen. Ich trat einen Schritt auf ihn zu, stellte mich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen sanften, langen Kuss auf die Wange. "Lass dir Zeit. Ich gehe mich drüben in meinem Bad auch fertig machen. Wir sehen uns unten."

      Lake

      Ich saß hinter meinem massiven Schreibtisch aus Eichenholz, doch die Zahlen in den Berichten der Stadtverwaltung verschwammen vor meinen Augen. Mein Gehör war geschärft, ein Überbleibsel alter Instinkte. Ich hörte das leise Gemurmel im ersten Stock, das Rauschen der Dusche und Annalenas leichte Schritte. Sie war zu gütig. Zu weich für das, was auf sie zukam. Ich griff nach meinem privaten Telefon und wählte die Nummer von Elene. Mein Finger zögerte nur einen Sekundenbruchteil über der Ruftaste. Ich hasste es, sie anzurufen. Nicht, weil ich sie nicht schätzte, sondern weil jedes Gespräch mit ihr mich an die Zeit erinnerte, als wir noch glaubten, wir könnten den Lauf der Dinge ändern. "Elene?", sagte ich, als sie abhob. Meine Stimme war so kontrolliert, dass sie fast mechanisch klang. "Er ist wach. Aber mach dir keine Illusionen. Der Vorfall im Park war kein Ausrutscher. Der Junge ist instabiler, als wir vermutet haben. Wenn du hier ankommst, müssen wir eine Entscheidung treffen. Eine endgültige." Ich hörte ihr schweres Atmen am anderen Ende der Leitung. Ich wusste, dass sie Angst hatte. Wir alle hatten Angst, auch wenn ich es mir niemals erlauben würde, sie zu zeigen. "Annalena glaubt immer noch, sie könnte ihn retten", fuhr ich fort, und meine Stimme wurde eine Nuance dunkler. "Sie merkt nicht, dass sie sich direkt in den Wirkungskreis eines Raubtieres begibt. Ich werde sie beschützen, Elene. Zur Not auch vor deinem Sohn." Immerhin konnte ich Annalena nicht auch noch verlieren. Nein, niemals. Schließlich legte ich auf. Mein Blick fiel auf ein altes Foto in meiner Schublade ...ein Relikt aus Tagen, bevor der Frost in mein Herz eingezogen war. Ich schob die Schublade mit einem harten Ruck zu. Mitgefühl war ein Luxus, den ich mir heute nicht leisten konnte. Draußen peitschte der Regen gegen die Scheiben meines Arbeitszimmers. Es war erst der Anfang.
    • Ian

      Ein Nachschlag hörte sich gut an, aber eine Dusche wäre jetzt eher das wonach ich mich eher sehnte. Das sie so überrascht war, als ich das Wort Schule in meinem Mund war, konnte ich ihr nicht verübeln. Schließlich war die Nacht für alle Beteiligten alles andere als erholsam. Ich war ich trotzdem mehr als dankbar das ich mich im Gästebad frisch machen konnte. Als sie mir die Handtücher brachte lächelte ich sie an. Und dann drückte sie mir noch den Hoodie in die Hand, den ich ihr nach unserer ersten gemeinsamen Nacht überlassen hatte. Ein Ziehen machte sich in meiner Brust breit.. wie gerne würde ich wieder dahin zurück kehren? Da war noch alles gut und unbeschwert, jetzt fühlte ich mich einfach so als würde eine große Last auf meinen Schultern liegen. "Danke. Vielleicht darfst du ihn dir bald wieder ausleihen." Ich versuchte ein Lächeln zu zeigen, auch wenn es dieses Mal nicht meine Augen erreichte. Als Ann den Raum verließ schlüpfte ich aus meinen Klamotten und ließ das Wasser der Dusche an. Das warme Wasser floss über meinen Rücken und es war eine solche Wohltat. Ich konnte spüren wie sich meine Schultern etwas entspannten und der Ballast ein stückweit weggespült wurde.
      Es vergingen bestimmt ungefähr 20 Minuten, doch ich fühlte mich ein bisschen wie neu geboren. Mit dem Handtuch um den Hüften stellte ich mich vor den großen Spiegel im Gästebad. Mein Körper war verändert, man konnte deutlich meine Adern sehen wie sie pulsierten und meine Muskeln waren deutlich definierter als vorher. Meine Augen hatten nicht mehr diesen goldbraunen Ton, sondern waren jetzt etwas dunkler. Damit musste ich wohl vorerst klar kommen. Ich spielte mit dem Ring an meinem Finger und lächelte schief bei dem Gedanken das dieser mich doch irgendwo beschützen sollte.. Aber ich tat Lake diesen Gefallen und ließ ihn so lange an meinem Finger, wie es nötig war. Ich putzte mir anschließend noch die Zähne und zog mir die Sachen von gestern drüber, sowie den Hoodie. Er roch nach Weichspüler.. nicht nach Ann.. aber das war wohl fürs erste besser so. Ich hinterließ das Bad so ordentlich wie es vorher war und machte mich auf den Weg nach unten. Ich konnte es kaum abwarten aus diesem Haus zu verschwinden. Wie konnte Ann nur hier überleben? Alles wirkte so düster und dunkel.. Ich setzte mich auf die große Holztreppe um auf Ann zu warten. Jetzt wird sich alles noch mehr verändern, als so schon und diese Woche stand noch so vieles an.. Das Fußballspiel und der Spendenlauf.. Doch war ich überhaupt noch bereit dafür an all dem teilzunehmen? Am liebsten würde ich ganz weit weg gehen oder mich zu Hause einschließen.. So würde ich für keinen eine Gefahr darstellen.. Doch was bringt es mir wegzurennen? Die Realität sah anders aus und davor wegzulaufen war schier unmöglich.. Eine Lösung für all das muss es trotzdem geben.. sonst drehe ich irgendwann noch durch. Ich war froh das meine Mutter wenigstens für eine Zeit hier in Forks bleiben wird, laut Lake.. das beruhigt mich ein wenig, wenn nicht komplett.

      Elené

      Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu und wälzte mich nur im Bett herum. Meine Gedanken kreisten ganz alleine nur um Ian und ich betete dafür das es ihm heute etwas besser ging. Er war bei Lake vorerst sicher gewesen, doch nun blieb abzuwarten wie sich die Dinge weiter entwickelten. Ich hätte ihm von Anfang an die Karten auf den Tisch legen sollen.. Hätte ihm sagen sollen wie schlimm das ganze für ihn werden konnte, doch nun war es zu spät. Er hat den ersten Durchlauf überstanden, doch auch nur weil er nicht alleine war.. Ich wollte mir nicht ausmalen was passiert wäre, wenn niemand eingegriffen hätte.. Ein leises Schluchzen kam aus meinem Mund und ich unterdrückte die Tränen. Das Klingeln meines Telefons holte mich aus meinen Gedanken. Ich nahm den Hörer ab und sackte beinahe zusammen, als ich Lake´s Stimme hörte. Ich setzte mich auf die Kannte von meinem Bett und lauschte seinen Worten. Meine Burst zog sich schmerzhaft zusammen. Eine Entscheidung treffen? Welche Entscheidung? "Lake.. du machst nichts was du früher oder später bereuen wirst. Hast du mich verstanden?" Meine Stimme wirkte ernster und wütender als sonst. "Und über das Schicksal von meinem Sohn entscheide noch immer ich." Eine Träne löste sich aus meinen Augen und lief mir die Wange herunter. Dann hörte ich nur noch wie er auflegte. Meine Hände fingen an zu zittern. Er wird doch nicht etwa? Nein das würde er mir nicht antun... Ich stand auf, stolperte beinahe über meine eigenen Füße. An meiner Kommode angekommen öffnete ich die Schublade, dort befand sich ein Bild aus vergangen Tagen. Ein Bild welches eine unbeschwerte Zeit zeigte.. einen Lake der neben mir lächelte.. Ich drückte das Foto gegen meine Brust. Was ist nur in all den Jahren passiert, das er so kalt geworden ist? Jetzt lag es an mir nicht nur für meinen Sohn da zu sein, sondern auch für Lake..
    • Annalena

      Das warme Wasser der Dusche half ein wenig, die Anspannung der Nacht von meinen Schultern zu spülen, doch meine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Während ich mich abtrocknete und versuchte, mich für die Schule fertig zu machen, herrschte in meinem Zimmer das reinste Chaos. Ink hatte sichtlich ausgeschlafen und nutzte meine morgendliche Eile aus, um wie ein flauschiger Blitz zwischen meinen Schulsachen herumzuspringen. Er stahl meinen Textmarker, versteckte eine Socke unter dem Bett und tat alles, um meine Aufmerksamkeit zu erzwingen. "Ink, hör auf! Wir sind spät dran und ich will Ian nicht warten lassen.", zischte ich, während ich versuchte, meine Haare zu bändigen. "Ein Welpe im Haus, ein Monster im Schrank und eine Hexe, die ihre eigenen Socken nicht findet... wie tief wir gesunken sind", krächzte eine Stimme aus dem Regal. Ich presste die Lippen zusammen und warf dem Grimoire einen giftigen Blick zu. Das Buch der Schatten lag aufgeschlagen auf meinem Nachttisch, und die Seiten flatterten leicht, obwohl kein Wind ging. "Halt die Klappe", murmelte ich. "Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt."
      "Oh, du wirst mich noch anflehen, wenn der Mond steigt und dein kleiner Schoßhund merkt, dass er Krallen hat", höhnte der "alte Schinken" weiter. Ich knallte das Buch kurzerhand zu und legte einen schweren Stapel Notizbücher darauf, um das gehässige Gemurmel zu ersticken. Nachdem ich alles zusammengepackt hatte, schlich ich aus dem Zimmer. Am oberen Ende der Treppe hielt ich inne. Ian saß dort auf den Stufen, den roten Hoodie bereits übergezogen. Er wirkte in dem massiven Treppenaufgang des Herrenhauses fast verloren. Ein plötzlicher Impuls von Zuneigung und Beschützerinstinkt überrollte mich.
      Ich trat leise an ihn heran, beugte mich vor und schlang meine Arme von hinten um seinen Hals. Ich drückte mich fest an ihn, schloss die Augen und vergrub mein Gesicht in seinem Nacken. In diesem Moment war mir alles egal Lakes Warnungen, das Grimoire, die dunkle Energie im Park. Ich wollte nur ihn spüren. Ich verharrte so eine gefühlte Ewigkeit. Ich sog seinen Geruch ein – dieser Hauch von Wald und Freiheit, der trotz des Lavendel-Waschmittels immer noch unter seiner Haut zu sitzen schien. Ich spürte seine Wärme und das regelmäßige Pochen seines Herzschlags, das mich seltsam beruhigte. Er war hier. Er war sicher. Und ich würde ihn nicht aufgeben.
      Irgendwann, als ich spürte, dass ich wieder genug Kraft für die Außenwelt gesammelt hatte, löste ich mich sanft von ihm, blieb aber ganz nah bei ihm stehen. "Bist du bereit?", fragte ich leise und sah ihm tief in die Augen.

      Lake

      Ich stand im Schatten des Flurs, die Tür zu meinem Arbeitszimmer nur einen Spaltbreit offen. Ich sah sie dort auf der Treppe. Annalena klammerte sich an ihn, als wäre er ihr Anker, während ich wusste, dass sie sich gerade an einen schlafenden Vulkan hängte.
      Ihre Empathie war ihre größte Stärke, aber in diesem Fall war sie ihre größte Schwäche. Sie nahm seine Wärme wahr, aber sie ignorierte die Kälte, die unter der Oberfläche lauerte. Ich spürte das dunkle Pulsieren des Talismans an seinem Finger er hielt stand, aber das Silber war bereits tiefschwarz verfärbt. "Sie wird es lernen müssen", murmelte ich zu mir selbst, während ich das Telefon in meiner Hand fest umklammerte. Elene war sicherlich in den nächsten Tagen hier.
      Ich trat aus dem Arbeitszimmer, genau in dem Moment, als die beiden sich aufmachten, nach unten zu kommen. Meine Miene war wieder wie aus Stein gemeißelt. "Es ist schon spät. Der Wagen steht schon draußen.", sagte ich kühl, ohne sie direkt anzusehen. "Und Ian? Behalte den Ring an. Keine Ausnahmen. Wir sehen uns heute Nachmittag, Kleines." Ich sah ihnen nach, wie sie das Haus verließen. Annalena hielt seine Hand, als könnte sie ihn vor der Welt abschirmen. Sie ahnte nicht, dass die größte Gefahr bereits mit ihr im Auto saß.
    • Ian

      Ihre plötzliche Umarmung ließ mir kurz den Atem stocken. Ich schloss für einen Moment die Augen, genoss ihre Wärme an meinem Rücken und versuchte für eine Augenblick diesen inneren Kampf in meinem Kopf zum schweigen zu bringen. Ihre Nähe war alles was ich gerade brauchte, auch wenn ich immer noch Drang hatte einfach abzuhauen.. Doch diese Zuneigung die von Ann ausging, hielt mich davon ab. Als sie sich wieder von mir löste und mich ansah blieb mein Herz für einen Moment stehen. Ich nickte ihr zu. "Bereit." Ich erhob mich von der Treppenstufe und nahm ihre Hand in meine. Fester als üblich.. Aus Angst doch einen Rückzieher zu machen. Die Stimme von ihrem Onkel ließ mich leicht zusammen zucken. Ein kurzes und knappes Nicken in seine Richtung und ich folgte Ann nach draußen. Es schüttete aus Eimern und ich folgte ihr zum Wagen, der für uns bereit stand. "Können wir kurz bei mir vorbei fahren? Ich muss noch meine Schulsachen holen."
      Der Weg führte uns durch die Straßen von Forks und der Wagen hielt wenige Zeit später in meiner Auffahrt an. "Ich bin gleich wieder da." Ich stürzte beinahe aus dem Auto und eilte zur Haustür. Im Haus angekommen ging ich schnurstracks in mein Zimmer und schnappte mir meine Tasche und machte mich dann wieder unverzüglich auf den Weg nach Draußen. Es blieb keine Zeit dafür einen kurzen Moment über all das nachzudenken. Im Wagen angekommen fuhren wir auf direkten Weg zur Schule. Ich hatte ein mulmiges und ungutes Gefühl in meinem Inneren. Doch die zärtliche Berührung von Ann beruhigte mich ein wenig.
      Wir liefen Hand in Hand in Richtung Eingang der Schule. Drinnen angekommen wurden wir sofort von Max, Tommy und Kyle empfangen. Sie schlossen mich nacheinander in ihre Arme. "Man du hast uns vielleicht einen Schrecken eingejagt", sprach Max zu mir. "Tut mir leid.. Ich wollte euch keine Umstände bereiten." Mein schlechtes Gewissen bannte sich seinen Weg wieder nach oben. Doch die Jungs wirkten eher erleichtert mich so lebendigt zu sehen, als das sie wütend wären. "Das nächste Mal überlässt du uns Tristan einfach okay?" Kyle sprach in einem ernstere Ton zu mir und ich nickte ihm zu. Meine Augen scannten den Flur der Schule ab, doch ich sah ihn nicht. "Er wird nicht kommen.. Seine Eltern haben ihn für den Rest der Woche krank geschrieben." Tommy´s ehrliche Art und Weise ließ mich schlucken. Hatte ich Tristan so scher verletzt, das er nicht in der Lage war zur Schule zu kommen.. "Die ganze Woche?" Ich blickte die Jungs an und sie nickten. Mir wurde schlagartig bewusst das er das Fußballspiel verpassen würde und auch keine Chance bekam auf ein Stipendium. Mir wurde plötzlich kalt und warm zugleich. Ich war daran Schuld.. ich ganz alleine. "Ian?" Max Stimme riss mich aus meinen Gedanken. "Alles gut du bist auf einmal so blass?" ich schüttelte den Kopf und sah ihn an. "Nein schon gut. Wir.. ähm sollten zum Unterricht gehen." Ich zog Ann hinter mir her zum Klassenzimmer. Vielleicht wäre es doch schlauer gewesen zu fliehen.. jetzt spürte ich die volle Auswirkung meiner Taten von gestern Nachmittag..
    • Annalena

      Die Fahrt zur Schule verlief wie in Trance. Das Prasseln des Regens gegen das Autodach war so laut, dass es jedes Gespräch im Keim erstickte, doch die Stille zwischen Ian und mir war ohnehin mit Dingen gefüllt, für die es keine Worte gab. Als wir vor seinem Haus hielten, spürte ich seine Unruhe förmlich körperlich – ein unbeständiges Flackern in seinem Inneren, wie eine Kerze im Sturm. Er wirkte so getrieben, fast so, als würde er befürchten, dass das Haus ihn verschlingen könnte, wenn er zu lange bliebe. Als wir schließlich die Einganshalle betraten, fühlte ich mich, als würde ich eine Bühne betreten, für die ich den Text vergessen hatte. Die Erleichterung der Jungs war echt, ihre Umarmungen herzlich, doch in mir zog sich alles zusammen. Ich spürte Ians Schuldgefühle wie kalte Nadelstiche auf meiner Haut.Ich sah, wie Ian jede Farbe aus dem Gesicht wich. Er wirkte plötzlich so klein, so zerbrechlich unter dem roten Hoodie. Die Empathie überrollte mich mit einer solchen Wucht, dass ich fast schwankte. Ich sah nicht nur den blassen Jungen vor mir; ich sah den Schatten des Wolfes, der ihn von innen heraus zerfleischte, genährt von seinem eigenen schlechten Gewissen.
      "Ian?", flüsterte ich und drückte seine Hand fest, als er mich fast schon panisch in Richtung Klassenzimmer zog. Er floh – vor den Blicken der anderen, vor der Realität und vor sich selbst. Meine Vorhersehung war heute wie vernebelt, nur ein dumpfes Pochen in meinen Schläfen warnte mich, dass der Tag noch lange nicht vorbei war. "Hey, atme. Sieh mich an."Ich zwang ihn kurz vor der Klassentür zum Stehenbleiben. Die anderen Schüler strömten an uns vorbei, ein grauer Brei aus Gesichtern, doch für mich gab es nur ihn. "Mach dich nicht für alles verantwortlich. Tristan hat das Feuer gesucht, Ian. Du hast nur ... reagiert." Ich wusste, wie hohl diese Worte klingen mussten, besonders nach dem, was Lake mir über die zwei Wölfe erzählt hatte. Aber ich musste ihn irgendwie zusammenhalten. Oh man, da war ich schon eine Hexe aber schaffte es nicht einmal den Jungen den ich liebte zu helfen...
    • Ian

      Ich blieb stehen und sah sie an. Sie hatte recht ich musste diesen inneren Sturm fürs erste hinter mir lassen. Und was die Sache mit Tristan betraf.. nun das stand auf einem anderen Blatt Papier geschrieben. Ich nahm einen tiefen Atemzug und hielt ihn für einen Moment. Dann atmete ich wieder vollkommen aus. „Du hast recht… vielleicht lenkt mich die Schule ein wenig ab..“ Ich gab ihr einen Kuss auf die die Lippen. Dieser schmeckte nach Verzweiflung und purer Sehnsucht. Ich löste mich von ihren Lippen und strich ihr mit meiner Hand über die Wange. „Wir schaffen das zusammen… egal was kommt.“ Ich wusste nicht woher ich diesen plötzlichen Mut hatte, doch diese Worte kamen mir einfach so über die Lippen. Auch wenn mir klar war das es nicht mehr einfacher wird.
      Im Klassenzimmer setzte ich mich auf meinen Platz und es fiel mir so schwer mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Meine Gedanken kreisten nur um das was ich bin.. ein Monster.. nicht der Ian aus L.A, nicht der Sunnyboy… einfach nichts von all dem stimmte was die Leute von mir hielten.. Ich seufzte auf und legte meinen Kopf auf meine Hände.
      Das wird ein verdammt langer Tag werden.
      Die Stunden bis zur Pause fühlten sich so ewig an.. als hätte jemand die Uhr immer wieder zurück gestellt. Das Klingeln der Glocke war endlich die Rettung. Ich musste raus hier, ganz dringend Luft schnappen. So schnell wie ich meine Sachen in die Tasche geworfen hatte, so schnell verschwand ich auch aus dem Klassenraum. Ich blendete alles um mich herum aus und lief einfach den Flur entlang und öffnete die Haupttür der Schule mit Schwung. Es regnete immer noch wie aus Eimern, aber das war mir egal. Meine Tasche stellte ich an die Seite und setzte einen Fuß nach Draußen. Unter dem kleinen Vordach lehnte ich mich an die Wand und atmete die frische Luft tief ein. Meine Gedanken versuchte ich zu ordnen.. alles zu begreifen was passiert ist.. Ich befand mich gerade am Abgrund.. und wusste nicht ob ich springen oder stehen bleibe sollte.


    • Annalena

      Ich starrte auf mein leeres Blatt Papier, auf dem nur ein paar wirre Kringel und schemenhafte Striche zu sehen waren. Ians überstürzter Aufbruch hatte ein Loch in der Luft hinterlassen, das mich frösteln ließ. Mit mechanischen Bewegungen schob ich meine Stifte in meine Federmappe und stopfte die Bücher in meine Tasche. Mein Kopf fühlte sich an wie nach einer durchfeierten Nacht, wattig und viel zu schwer. "Hey, Ann? Erde an Annalena?" Ich schreckte auf. Tessa saß auf der Kante ihres Stuhls und musterte mich mit diesem typischen Blick, der keine Ausrede durchgehen ließ. "Alles okay bei dir? Habt ihr euch gestritten? Du und Ian, ihr seid heute Morgen so... naja, so angespannt." Ich zwang mir ein schwaches Lächeln ab und schüttelte den Kopf. "Nein, kein Streit. Zumindest nicht zwischen uns." Ich senkte die Stimme, während wir gemeinsam aus dem Raum traten. "Ian und Lake haben sich gestern Abend offiziell kennengelernt. Und... sagen wir einfach, Lake war ganz der Alte. Es lief nicht besonders gut. Die Stimmung im Haus ist gerade ziemlich im Keller." Es fühlte sich seltsam an, diese Halbwahrheiten auszusprechen. Es war nicht gelogen... Lake war tatsächlich grausam gewesen, aber es war nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs, der unter der Oberfläche lauerte. Ich dachte an das Grimoire, an Inks nervöses Verhalten und an die unnatürliche Hitze, die immer noch von Ians Haut ausging. Logan hatte mich gewarnt. Er war nicht nur mein älterer Cousin, er war mein Fels in dieser völlig verrückten neuen Welt der Magie. Er war damit aufgewachsen, kannte die Regeln und die Gefahren. Wenn ich Tessa die Wahrheit sagen würde, wenn ich ihr von den zwei Wölfen, den Kräften und den Schatten erzählen würde... ich wollte mir nicht ausmalen, was das Gesetz der Geheimhaltung mit ihr machen würde.
      Draußen im Flur wartete Logan bereits. Sobald Tessa ihn sah, hellte sich ihre Miene auf, und sie tauschten einen kurzen, innigen Kuss. Ich sah weg, ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ihre Normalität fühlte sich in diesem Moment so unendlich weit weg an. "Ich muss noch kurz an meinen Spind, wartet ihr?", fragte Tessa und verschwand in der Menge der Schüler. Kaum war sie außer Hörweite, spürte ich Logans Hand fest an meinem Unterarm. Sein Blick war ernst, fast schon düster. "Annalena" sagte er leise, "ich weiß, was gestern im Park vorgefallen ist. Die Schwingungen waren bis zum anderen Ende der Stadt zu spüren." Ich erstarrte. Ich hätte es wissen müssen. Logan entging nichts, was mit dem Gleichgewicht der Kräfte zu tun hatte. Ich sah zu Tessa hinüber, die lachend an ihrem Spind hantierte. "Ich weiß, daa ist schwer. Die heiligen Regeln der Mädchen Freundschaften und so aber ...sag ihr nichts", mahnte Logan mit unmissverständlicher Härte. "Die Gefahr ist zu groß. Nicht nur für sie, sondern für uns alle. Wenn das Siegel der Geheimhaltung bricht, können wir sie nicht mehr schützen." Ich schluckte schwer und nickte. "Ich weiß, Logan. Schon gut. Sie glaubt, Ian und ich hätten uns gestritten und dass Lake... naja, dass Lake mal wieder Lake war. Ein griesgrämiger, kontrollsüchtiger Onkel." Er nickte und ließ meinen Arm los."Gut. Behalte es dabei", entgegnete er, doch sein Blick wanderte zur Haupttür, durch die Ian verschwunden war.
    • Ian

      Mein plötzlicher Aufbruch war nicht gerade eine Glanzleistung, aber ich wusste nicht wohin mit mir. Ich hatte Ann schon genug Probleme bereitet, das ich ihr auch ein wenig Luft zum Atmen schenken wollte. Was war da gestern Nachmittag mit mir los? Ich hatte mit den Jungs doch so eine schöne Zeit und dann machte mich Tristan von der Seite an und meine Sicherungen sind einfach so durchgebrannt. Ich verstand immer noch nicht was ich ihm getan habe, das er mich so verabscheut. Vielleicht war er neidisch darauf das ich sofort ins Team der Fußballmannschaft aufgenommen wurde, obwohl ich erst neu an der Schule bin und nicht viel dafür tun musste, als zu spielen. Keine Ahnung was seine Beweggründe dafür sind, aber so konnte ich zwischen uns nicht weiter gehen. Ich verlor mittlerweile die Kontrolle über mich selbst, das wird auf Dauer nicht mehr so glimpflich ausgehen, wie gestern. Ich war kurz davor meinen inneren Dämon gewinnen zu lassen, das er die volle Macht über mich erlangte. Gut das Lake mir diesen Ring an den Finger steckte, sonst wäre ich verloren und hätte ein noch größeres Chaos angerichtet, als so schon. Jeder macht sich nun Sorgen um mich und selbst meine Mutter will nach Forks fliegen um mir zur Seite zu stehen. Das konnte alles nicht wahr sein. Wie gerne würde ich die Zeit zurückdrehen, doch das war nicht möglich und ich musste darauf vertrauen das mich meine Mutter endlich darüber aufklärt. Auch wenn es mir davor graute..
      Die Wahrheit wird wehtun und mich zurückwerfen, doch es war nicht aufzuhalten. Ich wollte wissen was mit mir los wahr und wie sich das Ganze nun weiterentwickelt. Diese unbeschreibliche Kraft, die durch meine Adern floss, konnte ich immer noch deutlich spüren. Es war als wäre ich stärker geworden und würde eine große Macht besitzen. Ein Schauer jagte mir bei dem Gedanken daran durch meinen Körper. Ich wollte kein Monster sein, ich wollte einfach nur wieder Ian sein. Wie schön es hier in Forks sein könnte, wenn ich nicht dieses Gen in mir tragen würde.. Mein Leben wäre ruhiger und ich würde nicht mit der ständigen Angst leben, Ann etwas anzutun. Sie bedeutet mir so viel mehr, als ich es in Worte fassen könnte. Aber ich würde es verstehen wenn sie sich von mir distanziert.. Schließlich war ich nicht ich selbst und wer weiß vielleicht habe ich sie ja abgeschreckt. Bei dem Gedanken daran drehte sich mein Magen um und ich musste mich übergeben. Ich stützte mich an der Wand der Schule ab und ließ alles aus mir heraus. Ich versuchte zu atmen und ruhig zu bleiben.
      Ich nahm kaum war das sich neben mir die Schultür leise öffnete.

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    • Logan

      Ich trat aus der Tür und das Erste, was ich hörte, war das würgende Geräusch von jemandem, der kurz davor war, an seiner eigenen Angst zu ersticken. Der Regen peitschte unter das Vordach, doch Ian schien das kaum zu bemerken. Er wirkte in diesem Moment nicht wie der gefährliche Ur-Erbe, von dem Lake gesprochen hatte, sondern wie ein Häufchen Elend, das von der Last der Welt erdrückt wurde. Ich blieb ein paar Schritte entfernt stehen. Ich wollte ihn nicht überrumpeln, ein in die Enge getriebenes Tier biss meistens zu, und bei ihm waren die Zähne deutlich schärfer als bei anderen. "Atme, Ian", sagte ich ruhig. Meine Stimme war distanziert, wie immer, aber ich versuchte, die Schärfe herauszunehmen. "Einfach nur atmen. Der Regen hilft, die Hitze loszuwerden, nicht wahr?" Ich wartete, bis er sich einigermaßen gefangen hatte. Ich machte ihm keine Vorwürfe. Wie könnte ich? Er wusste nicht, was in seinem Blut schlummerte. Ihn als Monster zu bezeichnen, wie Lake es tat, war kontraproduktiv. Er war eine Naturgewalt, die gerade erst erwachte. An diesen Punkt in meinen Leben war ich auch schon einmal... damals in der Middle School. Ich lehnte mich gegen den feuchten Backstein und beobachtete den grauen Vorhang aus Regen. "Ich will ehrlich zu dir sein. Meine Mutter hat mir von deiner erzählt. Elené, richtig? Sie gehört zu den Sehenden. Sie weiß, dass die Welt nicht nur aus dem besteht, was was Menschen glauben zu sehen sondern was wirklich da ist. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass in deinem Fall noch viel mehr dahintersteckt. Es ist nicht nur Intuition. Da ist eine Kraft in dir, die nach draußen will. Und du bist nicht der Einzige. Diese Stadt... einige Bewohner hier tragen Dinge mit sich herum, die sie selbst kaum verstehen. Forks ist wie ein Brennglas für das, was andere als Schauermärchen abtun." Ich sah ihn kurz von der Seite an. Er sah furchtbar aus blass und völlig verloren. Er tat mir beinah Leid. "Das Timing ist gerade wirklich beschissen, Ian. Nicht nur für dich. Annalena hat gerade unglaublich viel zu schultern. Dinge, von denen du nichts weißt. Sie trägt eine Last, die sie fast an ihre Grenzen bringt. Sie sorgt sich um dich und würde sich eher selbst in Gefahr bringen, als dich aufzugeben. Du du musst also lernen, dich zusammenzureißen ...für sie." Ich trat einen Schritt näher, sodass nur er meine Worte hören konnte, während ich Tessa und Annalena im Augenwinkel den Flur entlangkommen sah. "Du und Ann, ihr steht beide gerade an einem entscheidenden Punkt. Es ist, als würde sich eine Tür öffnen, von der ihr nicht einmal wusstet, dass sie existiert. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten, ja, aber der Preis dafür ist hoch. Alles wird sich grundlegend ändern. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Du kannst versuchen, davor wegzulaufen, aber der Wald hier vergisst nicht, wer du wirklich bist." Tante Cecilia hatte es versucht. Und wir alle wissen wie es geendet ist... Ich seufzte tief, selbst mich zogen diese Erinnerungen runter. Wer wusste schon wie es Annie damit ging? Ich legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Sie war nicht fiebrig aber immer noch unglaublich warm. "Du bist kein Monster, Ian. Du bist nur... unfertig. Aber Annalena braucht dich... vielleicht braucht ihr euch beide." Bevor die Mädchen bei uns ankamen, zog ich meine Hand zurück und nahm wieder meine gewohnt unnahbare Haltung ein. Ich spürte Annalenas suchenden Blick und gab ihr ein unmerkliches Zeichen, dass alles unter Kontrolle war, auch wenn ich wusste, dass das eine Lüge war.
    • Ian

      Es fühlte sich so an als würde mein Körper rebellieren, gegen das, was in meinen Inneren vor sich ging. Ich wollte nicht das das passiert, aber ich konnte es einfach nicht zurückhalten. Schritte kamen langsam auf mich zu, aber blieben dann in weniger Entfernung von mir stehen. Es überraschte mich das ausgerechnet Logan, derjenige war, der nach Draußen kam um nach mir zu sehen. Aber besser er, als wenn Ann mich so sah. Ich versuchte seine Worte in die Tat umzusetzen und zu atmen.. Wie es meine Mutter mir auch immer gesagt hat. Ich nahm einen tiefen Atemzug und zog die frische Luft durch meine Nase um sie anschließend wieder aus meinem Mund auszuatmen. Das Ganze wiederholte ich ein paar Mal bis ich mich wieder etwas besser fühlte. Mein Arm stützte ich immer noch an der Wand ab, nur um Halt zu suchen. Seine Worte ergaben Sinn. Denn die kühle Luft hier Draußen und der Regen, taten mir gut, genau wie es der Wintergarten in Ann´s Haus getan hat.
      Ich nickte kaum merklich und versuchte weiterhin ruhig zu atmen. Die nächsten Worte die er sprach ließ meinen Kopf augenblicklich nach oben schnellen und ich versuchte ihm zu folgen. Doch alles ergab für mich im Moment noch keinen richtigen Sinn. Sehende, Kraft die aus mir herausbrechen wollte, Menschen die Dinge in sich tragen.. Die Verwirrung war mir ins Gesicht geschrieben. Aber ich wollte der Sache auf den Grund gehen, sobald meine Mutter hier in Forks war. Denn anscheinend gab es etwas an diesen Ort, was uns mit einander verbindet. Etwas was man nicht greifen konnte.
      Als er davon sprach das das Timing gerade sehr schlecht war und dann auch noch von Ann´s eigenen Problemen berichtete, zog sich mein schmerzhaft Herz zusammen. Mein Gefühl, welches ich seit Tagen in mir trug, war also doch nicht nur eine Einbildung. Nach ihrem plötzlichen Aufbruch letztens am Waldrand, als ich ihr meine Gefühle gestanden hatte, veränderte sich irgendwas in ihr. Ann versucht also etwas vor mir zu verstecken, weil sie eventuell Angst hat das ich sie wegstoßen würde.
      Genau wie ich Angst davor habe das sie mich wegstößt
      Und ich mache mir bis heute immer noch Gedanken darüber was ich falsch gemacht habe. Ann ließ es sich nicht anmerken, war perfekt darin alles zu überspielen.. Nicht so wie ich, der am liebsten gestern alles verwüstet hätte.. Aber vielleicht hatte Logan Recht damit, das ich mich zusammenreißen muss für sie. Denn nichts war mir wichtiger als das Ann sich sicher bei mir fühlt. Seine Hand auf meiner Schulter war eiskalt. So aufgewärmt war mein Körper anscheinend immer noch. Ich war ihm trotzdem dankbar dafür das er für mich da war. Auch wenn ich wusste das er mir am liebsten den Kopf abgerissen hätte, weil ich Ann große Sorgen bereitete. Ich nahm noch einen tiefen Atemzug, bevor ich ihm antwortete. "Okay. Ich verspreche dir das ich alles dafür tun werde um sie zu schützen und ich werde nicht von ihrer Seite weichen, trotz all dem was auf uns zukommt." Als er seine Hand von meiner Schulter nahm, konnte ich sie immer noch an der Stelle spüren. Er zog sich zurück. Kurze Zeit später traten die beiden Mädchen aus der Tür heraus. Du packst das Ian. Tu es für sie
      Ich spürte den sorgenvollen Blick von Ann auf meinem Rücken. Ich richtete mich nun endlich komplett wieder auf, löste die Hand von der Wand und drehte mich zu ihr um. Ein kleines sanftes zögerliches Lächeln glitt über meine Lippen. "Es tut mir leid..", hauchte ich ihr entgegen, bis ich sie in meine Arme zog und nie wieder los lassen wollte.
    • Annalena

      Ich erstarrte förmlich in Ians Armen. Mein Kopf war wie leergefegt, während ich benommen blinzelte und versuchte, die Situation zu begreifen. Was war hier gerade passiert? Noch vor wenigen Augenblicken wirkte die Atmosphäre zwischen den beiden wie ein elektrisch geladenes Gewitter, und nun hielt Ian mich fest, als wäre ich sein einziger Halt in einem tobenden Sturm.
      Ich löste mich ein kleines Stück, um fragend zu Logan zu sehen, doch er zuckte nur betont gleichgültig mit den Schultern. Ich kaufte ihm diese Maske der Ahnungslosigkeit nicht eine Sekunde lang ab... dafür kannte ich seine distanzierte Art zu gut. Erst als Tessa ihm spielerisch gegen den Arm boxte und ihn ausschimpfte, weil er nicht auf sie gewartet hatte, lockerte sich meine eigene Muskulatur merklich. Das Alltägliche an ihrer Geste durchbrach den Bann der magischen Schwere, die über dem Moment gelegen hatte.
      Ich schmiegte mich wieder enger an Ian. Er war immer noch so unglaublich warm, fast schon heiß, was einen seltsamen Kontrast zu der kühlen, regennassen Luft um uns herum bildete. Schließlich sah ich langsam zu ihm auf, meine Augen suchten seine. "Wofür?", fragte ich leise, während ich sein Gesicht musterte. "Was tut dir leid?"
      Ich spürte, dass mehr hinter seinen Worten steckte als nur eine einfache Entschuldigung für seinen überstürzten Aufbruch aus dem Klassenzimmer. Ich warf einen kurzen Blick zu Logan und Tessa, die in ihr eigenes Gespräch vertieft waren, und wusste, dass ich hier keine echten Antworten bekommen würde. "Komm mit", flüsterte ich und nahm seine Hand, deren Hitze durch meine Haut zu pulsieren schien. Ich führte ihn weg vom Eingangsbereich, tief hinein in das Schulgebäude, bis wir den alten Musikraum im Westflügel erreichten. Hier herrschte staubige Stille, und das ferne Rauschen des Regens gegen die hohen Fenster war das einzige Geräusch. Ich schloss die Tür hinter uns und drehte mich zu ihm um. "Ian, bitte sag mir, was los ist. Was hat Logan dir da draußen gesagt?" Ich sah ihn eindringlich an, bereit, endlich die Mauern einzureißen, die wir in den letzten Tagen zwischen uns hochgezogen hatten.
      Ich spürte, wie die Luft im Musikraum plötzlich dick und elektrisch wurde. Noch während ich Ian ansah und auf seine Antwort wartete, begann der Boden unter meinen Füßen zu schwanken. Das vertraute Pochen in meinen Schläfen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an, das das Prasseln des Regens vollkommen verschlang.
      Die staubigen Instrumente und die Wände des Raumes verschwammen vor meinen Augen, bis nur noch Dunkelheit blieb... und dann brach die Vision mit der Wucht einer Lawine über mich herein. Ich sah nicht mehr den Musikraum. Ich stand mitten im tiefen Wald von Forks, doch die Bäume waren keine friedlichen Riesen mehr. Sie waren geschwärzt, als hätte ein unnatürliches Feuer an ihnen geleckt. Der Boden unter mir vibrierte vom rhythmischen Donnern schwerer Pfoten. Dann sah ich ihn. Ein gewaltiger, grauer Wolf mit Augen, die wie flüssiges Gold leuchteten, brach durch das Unterholz. Er knurrte, ein Geräusch, das tief in meinen Knochen widerhallte. Doch er war nicht allein. Aus den Schatten zwischen den Stämmen traten weitere Gestalten, Augenpaare, die im fahlen Licht glühten. Sie umzingelten den grauen Wolf, und ich spürte eine Kälte, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Es war die Kälte einer uralten Jagd. Jetzt wo ich wusste dass es meine Kräfte ... meine Visionen waren hatte keine Angst mehr aber... es war schon irgendwie furchtbar wie real und detailliert die Bilder langsam wurden. Und wie viel Kraft... sie mir... Ich hörte Ians Stimme dumpf und richtete mich danach aus. Schließlich glaubte ich sein Gesicht zu finden aber es sah nicht mehr wirklich wie Ians Gesicht aus. Es war verändert. Seine Haut war von dunklen Adern durchzogen, und sein Blick war nicht mehr der des Jungen, den ich liebte. Er war wild, hungrig und voller Schmerz. Er schrie meinen Namen, doch der Schrei verwandelte sich in ein hohles Heulen, das Mark und Bein erschütterte. Mit einem heftigen Keuchen riss es mich zurück in die Realität. Ich taumelte, meine Knie gaben nach, und ich hätte den harten Boden berührt, wenn Ian mich nicht im letzten Moment aufgefangen hätte. Mein ganzer Körper zitterte, und auf meiner Stirn stand kalter Schweiß. Ich klammerte mich an seinen Pullover, meine Fingernägel gruben sich in den Stoff. Ich brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, während die Nachbilder der brennenden Bäume und der glühenden Augen noch vor meinen Lidern tanzten. "Es... geht... geht schon gleich wieder." So ein Mist! Warum musste das gerade jetzt passieren?!