About gods and demons (Nimue & Kiba)

    • Mein Herz setzte einen so heftigen Schlag aus, dass ich für eine Sekunde befürchtete, meine menschliche Tarnung würde vor lauter Hitze einfach verdampfen. Er hatte es wirklich gesagt. ˋWunderschön.ˋ Nicht ˋpassabelˋ oder ˋokay für einen Zwergˋ, sondern wunderschön. Die Hitze schoss mir unaufhaltsam in die Wangen, und ich musste den Blick senken, um nicht vollends die Fassung zu verlieren.
      Ich spürte, wie Daiki innerlich fast genauso sehr mit der Situation kämpfte wie ich, also schluckte ich meine Aufregung hinunter. Ich wollte es für ihn nicht noch unangenehmer machen, als es ohnehin schon war. "Du hast dich aber auch mächtig ins Zeug gelegt", erwiderte ich leise und wagte es, ihn wieder anzusehen. Der Anblick von ihm in diesem Anzug war immer noch fast zu viel für meine Nerven, aber ich versuchte, mir ein spitzbübisches Lächeln abzuringen.
      Als er mir dann hölzern, aber bestimmt seinen Arm hinhielt, war ich mehr als nur dankbar. "Danke", murmelte ich und hakte mich fest bei ihm ein. Das blöde Haus hatte bei all seiner Liebe zum Detail nämlich eines vergessen: Die Schleppe dieses Kleides war eine absolute Todesfalle. Ohne Daikis starken Arm als Anker wäre ich vermutlich schon nach drei Schritten über den violetten Tüll gestolpert. Aber wenn er mich so ansah... wenn er mich wirklich so wunderschön fand, dann war es das Risiko eines Genickbruchs wohl wert gewesen.
      Der Weg zum Ballsaal fühlte sich an wie ein Gang zwischen den Welten. Als wir eintraten, schlug mir eine Welle aus Licht, Parfum und dieser ganz speziellen Arroganz der superreichen Sterblichen entgegen. Ich blinzelte und versuchte, mich zu orientieren. Alles wirkte so chaotisch, laut und grell ... so völlig anders als die jahrhundertealten, kühlen Festbankette unter Göttern, wo jedes Wort und jede Geste wie in Stein gemeißelt war. Hier schien es zwar auch Regeln zu geben, aber sie waren flüchtig und laut.
      Unbewusst drückte ich mich etwas näher an Daiki. Sein Arm fühlte sich so solide und sicher an. Beruhig dich, Philomena, befahl ich mir innerlich. Es ist nur eine Schulveranstaltung. Keine Anomalie in Sicht, keine Dämonen, nur Teenager mit zu viel Geld und Hormonchaos.
      Dann tauchte Elise auf. Ich zwang mir ein höfliches Lächeln auf, während mein Herz immer noch wie verrückt raste. "Danke, Elise. Du bist auch bezaubernd", erwiderte ich, doch als sie sich zu mir vorlehnte und den Eröffnungstanz erwähnte, gefror mir das Lächeln fast im Gesicht.
      Moment mal... Eröffnungstanz?!
      Panik stieg in mir auf. Das konnte doch nicht wahr sein! Eigentlich wollte ich den Abend nutzen, um unauffällig den Raum zu scannen und Informationen für unseren Auftrag zu sammeln. Aber jetzt? Jetzt sollten wir beide, die personifizierte soziale Unbeholfenheit und das grimmigste Breitschwert der Geschichte, im Rampenlicht stehen und uns im Takt bewegen?
      Ich sah Daiki hinterher, wie er mit seinen Teamkollegen zur Bar marschierte. Er wirkte so stolz und gleichzeitig so verloren. Wenn er wüsste, was Elise gerade gesagt hatte, würde er vermutlich auf der Stelle versuchen, sich in seine Waffenform zurückzuverwandeln, nur um nicht tanzen zu müssen. Und ehrlich gesagt? Ich konnte es ihm nicht verübeln.
      "Ein Tanz...", flüsterte ich fassungslos vor mich hin, während ich zusah, wie die Tanzfläche sich langsam leerte. "Das wird eine Katastropwu Eine wunderschöne, violette Katastrophe." Hast du eine Idee, wie Phila Daiki die Sache mit dem Tanz beibringen soll, ohne dass er sofort die Flucht ergreift? "Hörst du mir überhaupt zu?", fragte Elise und stupste mich grinsend in die Seite. "Du starrst ihm hinterher, als wäre er der Hauptpreis der Tombola." Ich spürte, wie die Hitze in meine Wangen stieg, und zupfte nervös an den transparenten Tüllärmeln meines Kleides, die wie feine Flügel an mir herabbammelten. "Ich... ich achte nur darauf, dass er niemanden verprügelt, der uns zu nahe kommt", log ich halbherzig. Doch in meinem Inneren tobte das Chaos. Das Gefühl seines festen Arms unter meinem, als wir hierhergelaufen waren, brannte immer noch auf meiner Haut. Er hatte mich ˋwunderschönˋ genannt. Ein Wort aus seinem Mund, das mehr Gewicht hatte als tausend Komplimente der Sterblichen. Der Ballsaal war erfüllt von einem Meer aus Lichtern, dem Duft von schweren Parfüms und dem rhythmischen Wummern der Musik, die so ganz anders war als die Harfenklänge, die ich aus meiner Vergangenheit kannte. Alles hier war laut, bunt und voller pulsierendem Leben. Ich sah die Paare auf der Tanzfläche, die lachten und sich drehten, und plötzlich fühlte ich mich wieder klein und das lag nicht an meiner schwankenden Körpergröße. "Gleich ist der Eröffnungstanz, Philomena", flüsterte meine Freundin aufgeregt. "Die Fläche leert sich schon für die Hauptpaare." Mein Herz setzte einen Schlag aus. Der Eröffnungstanz. Ich sah hinüber zur Bar, wo Daiki gerade zwei Gläser entgegennahm. Er wirkte in seinem anthrazitfarbenen Anzug so deplatziert zwischen den bunten Girlanden und doch war er der einzige Fixpunkt, an dem ich mich festhalten konnte.
    • Mit den zwei Getränken in der Hand war ich wieder auf dem Weg zum Phila, als ich nochmal von Ed aufgehalten wurde. Er flüsterte mir etwas ins Ohr, so gut es bei der Lautstärke eben ging. Peinlich berührt sah ich nach unten und mein Gesicht wurde knallrot wie eine Tomate. Shitte verdammte. Doch ich wollte diesen Abend zu einen ganz besonderen für Phila machen. Sie hat es sich gewünscht. Also hieß es Zähne zusammen beißen. Jetzt könnte ich einen Schluck Whisky oder so vertragen. Da es aber eine schulische Veranstaltung war, gab's hier natürlich keinen. Ich trank stattdessen meinen Becher mit Soda leer und atmete tief durch, ehe ich zu den Mädels zurück ging. Stumm gab ich Phila den Becher. Die Tanzfläche leerte sich. Scheiße. Wieso tat ich das hier eigentlich?
      Leise räusperte ich mich und schloss kurz die Augen, um mich zu sammeln und meinen Mut zusammen zu kratzen. Nervös leckte ich mir über meine Lippem, ehe ich mich etwas runterbeugte und Phila meine Hand hinhielt.
      "Willst...... Willst du tanzen?", fragte ich zögerlich und fragte mich immer wieder, ob ich nicht doch abhauen sollte? Aber jetzt war es wohl auch zu spät.
      Ich nahm ihre Hand in meine und stellte mal wieder fest, wie klein und zart ihre Hand in meiner war. Irgendwie zerbrechlich wie die einer Porzellanpuppe. Ihre Haut war weich und warm und auffällig makellos. Meine hingegen eher rau, grob und vernarbt. Sie passte überhaupt nicht zu ihrer. Trotzdem hatte ich sie nun auf meiner Handfläche und zog sie sanft zu den anderen Paaren, die bereits am Tanzen waren. Etwas unbeholfen ging ich in die Tanzposition. Eine Hand hielt ihre, die andere Hand ging an ihre Taille. Sie sah aus wie eine Prinzessin. Wie soll ich, als Straßenkind, mich bitte so elegant bewegen? Ich versuchte zu atmen und erinnerte mich an die Trainingszeit. Ed übte mit mir.
      "Sie werden mit Sicherheit auf den Ball ein Lied spielen, wozu der Walzer passt. Das ist einer der einfachsten. Deine Schritte gehen nur in einem Viereck. Das schaffst du doch, oder?", ich erinnerte mich an seine Worte. Ein Viereck. Ein Wasserkasten. Ich sah nach unten. Rechter Fuß nach hinten. Linker hinterher. Shit. Es hätte andersherum gemusst. Improvisieren. Einfach nach links den Kasten tanzen? Ich konnte nur hoffen, dass Phila die Schritte nicht besser wusste. Ich blamierte mich eh schon bis auf die Knochen.
      "Ähm.... ich.... hab noch nie.... getanzt. Mir liegt das Kämpfen dann doch eher.", brummte ich und sah sie an. Stimmt. Das war ja auch noch. Sehe der Partnerin ins Gesicht! Als ob das nicht schon alles peinlich genug war. Das war das erste und letzte Mal, dass ich getanzt habe! Nie wieder!
    • Ich spürte das Zittern in seiner Stimme, noch bevor ich seine Hand in meiner fühlte. Als er sich zu mir hinunterbeugte und diese eine Frage stellte, blieb mein Herz für einen Moment komplett stehen. In seinen Augen stand die nackte Panik, gemischt mit einem Mut, der mich fast zu Tränen rührte. Er tat das hier wirklich. Für mich.
      Ich legte meine Hand in seine und die Welt um uns herum verblasste. Daiki hatte schon öfters meine Hand gehalten und es gefiel mir jedes al aufs Neue aber das war irgendwie etwas ganz anderes als sonst. Es war nicht so beiläufig oder selbstverständlich als Ankerpunkt, es war ein stilles Bekenntnis in dieser Konstellation zusammen zu gehören. Nicht als Göttin und göttliche Waffe sondern als Tanzpaar.
      Als er mich zur Tanzfläche zog, spürte ich förmlich, wie sein Verstand im Kreis raste. Er legte seine Hand an meine Taille, und ich spürte die Hitze seiner Handfläche durch den feinen Stoff meines Kleides. De Lulatsch brummte etwas verlegen vor sich hin und starrte anschließend verbissen auf den Boden, als müsste er dort einen Gegner fixieren.
      Ich rückte ein kleines Stück näher, gerade so viel, dass ich den vertrauten Duft von kühlem Stahl und Wald wahrnehmen konnte. "Daiki", sagte ich leise, bis er endlich den Blick von seinen Füßen löste. Ich sah das Gefühlschaos in seinen Augen und lächelte ihn so sanft an, wie ich nur konnte. "Hör auf, dir so einen Kopf zu machen. Und hör vor allem auf so krampfhaft nachzudenken."
      Ich spürte, wie unser Paktband bei jeder unserer Bewegungen pulsierte. Es war wie eine unsichtbare, goldene Saite, die zwischen unseren Seelen gespannt war. Bei jedem Schritt, den er machte, und jedem Mal, wenn ich ihm folgte, gab das Band ein leises, warmes Echo ab. Es war fast wie im Kampf...eine instinktive Abstimmung, ein gegenseitiges Spüren der nächsten Absicht. Seit unseren ersten Training im Garten und mit jeden gemeinsamen Erfolg war es kräftiger geworden.
      "Konzentrier dich einfach auf das, was du sowieso am besten kannst", flüsterte ich ihm zu. "Es ist wie sonst auch. Du bewegst dich, und ich bewege mich mit dir. Wir sind ein Team, Daiki. Das Paktband sagt dir doch sowieso schon, wo ich bin und wo ich sein werde. Es ist gar nicht so anders als ein Kampf... nur dass die Musik heute schöner ist und niemand versucht, uns den Kopf abzuschlagen."
      Ich legte meine Hand etwas fester auf seine Schulter und ließ mich von dem sanften Ziehen unseres Bandes leiten. "Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan aber du schaffst das." Ein leises, triumphierendes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich bemerkte, dass seine Bewegungen flüssiger wurden. Die Anspannung in seinem Körper wich einer tiefen, fast schläfrigen Vertrautheit. Es war ein seltsames, wunderbares Gefühl: Hier, inmitten all dieser Sterblichen, waren wir durch unser Band in einer vollkommen eigenen Welt eingeschlossen.
      "Siehst du?", murmelte ich, während wir uns langsam drehten. "Du machst das toll. Und wenn du mir wirklich auf die Füße trittst, dann ist das eben mein göttliches Opfer für diesen Abend. Aber ich glaube, dafür bist du viel zu sehr ein Profi."
    • Phila lächelte einfach nur. Sie sagte mir, dass ich ans Kämpfen denken soll. Eigentlich hatte sie recht. Schließlich führte ich sie da auch und sie folgte mir. Okay, Daiki. Durchatmen. Ein. Und aus. Ich spürte, wie mein Herz ruhiger wurde. Ich schloss meine Augen. Alles um uns herum verschwand. Die Schüler. Die Deko. Die Stühle und Tische. Nur der Duft von Flieder war um uns herum. Es gab nur noch mich und Phila. Auf der Tanzfläche. Alles um uns herum war weiß. Selbst die Musik wurde leiser. Mein Körper entspannte sich. Ich erinnerte mich an die Schritte, die Ed mir beigebracht hatte und führte Phila im Walzer über die Tanzfläche. Immer darauf bedacht, auf unser Band zu achten, welches sich summend zwischen uns spannte. Dann öffnete ich die Augen wieder und sah direkt in das Gesicht meiner Herrin. Ich konnte erkennen, dass sie mir voll und ganz vertraute und sie mir überall hin folgen würde. Plötzlich fiel mir das Ganze viel leichter und selbst den Schülern, die mit auf der Tanzfläche waren, wichen wir aus. Es sah vielleicht noch nicht perfekt aus. Aber ich hoffte, dass ich Phila trotzdem ganz passabel auf der Tanzfläche präsentieren konnte. Ich hatte das Gefühl, es gab nur noch uns beide. Ihre Augen strahlten wie ein Opal und ihr Haar wehte sanft mit der Bewegung mit. Die Zeit blieb tatsächlich kurzzeitig stehen. Irgendwie sah sie heute ganz anders aus. Mal abgesehen vom Kleid. Aber.... ihre Aura hatte sich.... irgendwie verändert. Sie strahlte etwas aus, was ich nicht beschreiben konnte. Etwas.... anziehendes.

      Die Musik war vorbei und mit dem Klatschen des Applaus wurde ich wieder in die Realität zurück geholt. Blinzelnd sah ich in die Menge und überall standen glückliche, überraschte und erstaunte Gesichter. In mir stieg die Wärme ins Gesicht, ehe ich mich noch mal räusperte.
      "Ähm.... Danke.", murmelte ich leise. Niemand sollte eigentlich diese Seite von mir sehen. Ich kann nur hoffen, dass die Erinnerungen mit dem Beenden des Auftrags aus den Köpfen der Schüler gelöscht werden. Doch jetzt brauchte ich erstmal was zu trinken.
      "Willst du auch was trinken?", fragte ich daher und ging zum Tisch, um mir was zu holen, ohne zu merken, dass dies der Tisch für die Lehrer waren, in denen natürlich Alkohol drin war. Mein Durst war aber so groß, dass ich den Becher auf einmal weg exte.
      "Wow. Das schmeckt viel besser als das süße Zeug von vorhin."
    • Während wir tanzten, vergaß ich irgendwann, wo wir waren. Die Aula verschwamm zu Licht und Farben irgendwo am Rand meines Blickfeldes, Stimmen wurden dumpf, fern, bedeutungslos. Ich spürte nur noch seine Hand an meiner, die andere an meiner Taille, vorsichtig... fast zu vorsichtig, als hätte er Angst mich falsch zu berühren. Dabei war genau das längst passiert. Er hatte mich und mein Leben vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Und das Schlimmste daran daran war, dass ich nicht einmal mehr zur Vernunft reif. Irgendwann hatte ich ...und wohlmöglich auch unser Zuhause es einfach akzeptiert. Aussprechen konnte ich es dennoch nicht.
      Ich folgte seinen Bewegungen beinahe blind. Nicht, weil ich musste, sondern weil ich ihm blind vertraute. Dieses summende Band zwischen uns vibrierte sanft bei jeder Drehung, als würde selbst die Magie zufrieden schnurren. Und Daiki… kämpfte nicht mehr gegen den Tanz an. Ich merkte genau, wann es geschah. Dieser kleine Moment, in dem seine Schultern lockerer wurden. In dem sein Blick nicht mehr fliehen wollte. Er führte mich plötzlich selbstverständlich, natürlich und... fast elegant. Bei allen Göttern! Wenn er wüsste, was er in diesem Moment mit mir anstellte, würde er vermutlich freiwillig in den nächsten Abgrund springen. Aber welches Mädchen wurde bitte nicht schwach, wenn sie gehalten wurde wie der seltenste Schatz der Welt?
      Sein Blick traf meinen und mein Herz setzte so heftig aus, dass ich kurz den nächsten Schritt vergaß. Diese dunklen Mandelaugen wirkten plötzlich so ungewohnt sanft. Er mich an, als wäre ich schön. Nicht ehrfürchtig, nicht wie eine Göttin... sondern einfach… ich. Die Erkenntnis traf mich so unerwartet, dass mir beinahe schwindelig wurde, aber ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und lächelte dennoch weiter. Naja... vielleicht... auch gerade deshalb.
      Als die Musik endete und der Applaus einsetzte, fühlte es sich fast falsch an, wieder auf dem Boden der Realität zu landen. Daiki wirkte sofort wieder überfordert mit der Existenz anderer Menschen und murmelte etwas vor sich hin, ein kurzes Danke das wahrscheinlich niemand außer mir überhaupt verstand. Es war absurd niedlich für so ein stolzes göttliches Breitschwert.
      Ich hätte ihn dafür sacht boxen könne, oder kneifen oder aufziehen oder schütteln ....oder... vielleicht sogar küssen, so wie auf den Dach oder ganz anders. Die Sterblichen um uns herum schienen so etwas wohl zu erwarten aber ich wusste ganz genau, das ein Kuss keine Option war. Also atmete ich nur einmal tief durch und versuchte mein völlig außer Kontrolle geratenes Herz daran zu erinnern, dass wir uns mitten in einer vollbesetzten Aula befanden. Dann fragte er nach etwas zu trinken und ich schüttelte sanft aber dankbar meinen Kopf.
      Ich bemerkte zu spät, zu welchem Tisch der Lulatsch ging. Etwas später bemerkte ich die Flaschen. Und endgültig zu spät bemerkte ich, wie Daiki den kompletten Becher in einem Zug leerte. Mein Magen machte einen kleinen Salto.
      Oh nein. Das würde heute doch sicher noch böse enden... "Daiki-" Zu spät. Er setzte bereits ab und sah fast überrascht auf den Becher hinunter. Ich starrte ihn an. Dann den Becher. Dann wieder ihn. Mein Gehirn begann hektisch zu rechnen. Größe. Gewicht. Übernatürliche Konstitution. Leerer Magen nach dem Tanzen. Prozentzahl ungefähr- Oh, das würde furchtbar werden... oder sehr interessant. Was vermutlich dasselbe bedeutete. "Das...", begann ich langsam und trat vorsichtig näher, "war kein Saft oder Soda." Meine Stimme klang viel ruhiger, als ich mich fühlte. "Das war was Alkoholisches." Ich beobachtete sein Gesicht ganz genau. Erst einmal passierte nichts. Dann ganz langsam… ganz, ganz langsam färbten sich seine Ohren rot. Oh bei allen Göttern. Er meinte sonst immer, dass er ständig auf mich achten musste, dabei kam es mir gerade andersherum vor. Eigentlich hatte ich gehofft bei diesen Trubel etwas über unseren Auftrag in Erfahrung zu bringen. Diesen gruseligen Professor zum Beispiel hatte ich seit unserer Begegnung in den Katakomben nie wieder gesehen. Auch hier konnte ich seine kalte Präsenz nicht wahrnehmen. Auf meine Fragen gingen die Mädchen nicht weiter ein. Für sie waren heute andere Themen einfach wichtiger und wir fielen an diesen Abend einfach viel zu sehr auf. Zumal ich meinen Ayakashi jetzt auch lieber nicht allein lassen wollte. Nicht weil ich fürchtete, dass der Alkohol ihn so schnell zu Kopf stieg sondern viel mehr, dass jemand anfing ihn auf den Sack zu gehen. Wer wusste wie viel schlechter seine Impulskontrolle werden würde wenn er woher etwas gebechert hatte... Vorsichtig schlang ich mich um seinen Arm. Normalerweise war ich sehr behutsam da ich wusste wie überfordert Daiki mit Nähe Anderer war aber ich hoffte ihn so von weiteren Bechern auf Ex abhalten zu können. Außerdem.... f-fühlte ich mich in diesen Aufzug und diesen ganzen Blicken die auf uns gerichtet waren einfach wohler in seiner Nähe.

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    • Ich blinzelte, als Phila mir erzählte, dass es kein Saft oder so war. Ich verstand aber, warum manche auf so ein Zeug standen und es feierten.
      Langsam setzte ein Taubheitsgefühl in meinem Kopf ein. Alles wurde ein bisschen schummrig. Ich brummte leise vor mich hin. Nicht ärgerlich oder wütend, sondern eher wie manche Geräte, die leise summten. Ich schloss kurz die Augen. Vielleicht wurde wieder alles normal, wenn ich sie dann wieder öffnete. Aber Fehlanzeige. Es wurde sogar schlimmer. Mir war kurz schwindelig und irgendwie wurde es auch ziemlich warm hier drin. Ich dachte, ich brenne. Ich brauchte was Kaltes. Ich sah mich um, doch konnte ich nichts entdecken, was mir weiterhelfen konnte. Dann entdeckte ich Phila und ohne überhaupt weiter drüber nachzudenken, packte ich ihre Hand und lehnte mich etwas zu ihr runter.
      "Gib mir deine Hand.", sagte ich und legte sie auf meine Stirn. Hmm, das tat gut. Ich seufzte wohlig. Doch lange war es mir nicht gewährt, denn Ed kam, um mir zu gratulieren umd klopfte mit der flachen Hand auf mein Schulterblatt. Durch die Wucht kippte ich dezent nach vorne, zum Glück aber an Phila vorbei. Grummelig sah ich ihn an.
      "Hey, das hast du ja perfekt hingekriegt. Heimlich geübt? Haha", scherzte er. Blödmann. Er war doch dabei.
      "Duuh has mia doch sälbst gesacht, wie dasch geht und es mia gezeicht.", antwortete ich lallend und tippte mit dem Finger auf seiner Brust. Beschwichtigend hob er seine Hände.
      "Alter? Hast du was gesoffen? Philomena, was hat er angestellt?", fragte er lachend. Ich hob nur eine Augenbraue.
      "Isch hab nischt angestellt. Phila geht esch doch guut.", brummte ich. Ich verstand einfach nicht, was er meinte. Ich wollte dem weiter auf den Grund gehen, nur spürte ich einen gewissen Druck im Lendenbereich.
      "Ich musch Pullern.", murmelte ich also und verschwand Richtung Toilette. Lachend sah Ed zu Phila rüber.
      "Hat er wirklich von dem Alkohol getrunken? Mann, Mann, Mann, nach einem Becher schon so dicht. Da ist aber einer untrainiert. Besser wäre wohl ein Schluck Wasser und frische Luft. Brauchst du Hilfe?"
    • Das leise Brummen ließ mich blinzeln. Ich hatte Daiki schon wütend erlebt. Genervt. Müde. Stur. Verletzt. Sogar beleidigt. Aber dieses Geräusch? Das war völlig neu. Aus seiner Brust drang ein tiefes, monotones Summen, das überhaupt nicht nach meinem üblichen, mürrischen Grollen klang. Es war beinahe wie bei einer zufriedenen Katze... nur größer, tiefer und deutlich gefährlicher. Verwirrt sah ich zu ihm hinüber. Seine Augen wirkten glasiger als noch vor wenigen Minuten, seine Wangen waren gerötet und seine Bewegungen einen Hauch langsamer. Oh. Oh nein.
      Bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, bewegte er sich plötzlich. Direkt auf mich zu. Meine Luft blieb augenblicklich weg, und meine Körpergröße schrumpfte vor lauter Verwirrung und aufkeimender Panik glatt um ein paar Zentimeter zusammen.
      Daiki griff nach meiner Hand. Einfach so. Mitten zwischen all den Schülern, mitten in der Öffentlichkeit, eine Geste die mein sturer, unnahbarer Ayakashi sonst unter gar keinen Umständen zugelassen hätte. Mein Herz machte einen gewaltigen Satz gegen meine Rippen, bevor es in ein wild und unkontrolliert zu rasen begann. Ich liebte ihn... so heimlich und gleichzeitig so unübersehbar, wie es einer Göttin nur möglich war und diese plötzliche, intime Nähe raubte mir schlicht den Verstand. "D-Daiki... was...?" Die Worte kamen kaum zittrig über meine Lippen, während die Hitze unaufhaltsam in meine Wangen schoss. Viel zu nah und viel zu stürmisch. Er war viel zu nah. Und bevor ich auch nur ansatzweise begriff, was geschah, legte er meine Handfläche hämmerte seine Stirn. Die Wärme traf mich sofort. Seine Haut war glühend heiß und meine Finger zitterten erbärmlich ...nicht nur wegen seiner Temperatur. Bei allen Göttern, mein Herz schlug inzwischen so laut, dass ich überzeugt war, man müsste es durch die gesamte Aula bis hintrr zur Turnhalle hören können. Daiki seufzte nur wohlig unter der Kühlung meiner Hand, und ich war kurz davor, mich an Ort und Stelle einfach in Luft aufzulösen.
      Erst jetzt, als ich sein benebeltes Gesicht sah, begriff ich langsam, was hier eigentlich passierte. Das war keine Krankheit, kein plötzliches Fieber, keine Nervosität und auch kein fauler Zauber. Der Alkohol. Natürlich! Bei seiner kraftvollen Statur hätte ich erwartet, dass er so etwas locker wegsteckte, stattdessen hatte der Becher vom Lehrertisch ihn offenbar getroffen wie ein göttlicher Fluch. "Du verträgst das wirklich nicht...", murmelte ich vollkommen fassungslos über mein mürrisches, aber anscheinend extrem untrainiertes Breitschwert.
      Genau in diesem Moment tauchte Ed auf. Und natürlich musste er Daiki mit der flachen Hand zur Gratulation auf das Schulterblatt schlagen. Natürlich!
      Daiki verlor durch die Wucht augenblicklich das Gleichgewicht und kippte dezent nach vorne. Mein Atem stockte. Er fiel nicht einfach nur er kippte genau auf mich zu. Für den Bruchteil einer Sekunde war sein Gesicht nur Millimeter von meinem entfernt. Ich konnte jede einzelne Wimper erkennen, spürte seinen warmen Atem auf meiner Haut und die intensive Hitze, die von ihm ausging. Die romantische Spannung war so greifbar, dass die Luft zu knistern schien. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass wir beide gleich vor den Augen der gesamten Schule den größten Skandal des Jahres produzieren würden.
      Stattdessen siegte Daikis körperlicher Reflex: Mit einem unkoordinierten Ausfallschritt taumelte er haarscharf an mir vorbei. Ich stand stocksteif da, rot wie eine Tomate, während mein Herz versuchte, sich gewaltsam aus meinem Brustkorb zu befreien. Und Daiki? Daiki fing sich, tippte Ed mit schwerer Zunge lallend gegen die Brust und diskutierte, als wäre überhaupt nichts ppassier. Ich sah fassungslos abwechselnd zu ihm und zu Ed auf. Als Daiki schließlich um die Ecke bog und in leichten Schlangenlinien in Richtung der Toiletten davontaumelte, blieb ich einfach wie angewurzelt stehen und starrte ihm nach. Mein Gehirn brauchte dringend einen Moment, um mit den Ereignissen Schritt zu halten. Ich fuhr mir mit der freien Hand über das Gesicht und strich die zarten Tüllärmel meines Kleides glatt. "Offensichtlich", antwortete ich, und meine Stimme klang deutlich erschöpfter, als ich beabsichtigt hatte. "Und offenbar reichen bei ihm Mengen aus, die andere nicht einmal bemerken würden." Ein kleines, hilfloses Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Natürlich reagierte er so. Warum überraschte mich das bei diesem charmanten Dickschädel überhaupt noch?
      Ich atmete einmal tief durch. Dann noch einmal. Ich sammelte die letzten Reste meiner göttlichen Würde auf und strich den eleganten, violetten Stoff meines Kleides zurecht. Eigentlich war ich nicht hier, um mich von einem leicht betrunkenen Schwert komplett aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich war hier wegen des Auftrags. Wegen Informationen, wegen der Schüler, wegen der magischen Anomalien.
      Ich zwang mich, den Blick von den Toiletten zu lösen, brachte meine Körpergröße wieder auf ein stabiles, menschliches Maß und mischte mich mit einem höflichen Lächeln unter die kleinen Grüppchen in der Halle. Ich begann zuzuhören. Wer mit wem sprach, welche Gerüchte kursierten, wer etwas über seltsame Vorfälle wusste oder möglicherweise mehr gesehen hatte, als er sollte. Ich tat genau das, was eine kühle, pflichtbewusste Göttin tun sollte. Und doch... wann immer irgendwo ein lautes Gelächter aufkam oder sich eine Tür öffnete, wanderte mein Blick ganz von allein zurück zum Korridor. Nur kurz. Nur um sicherzugehen, dass mein Ayakashi noch auf den Beinen stand und sich nicht aus Versehen mit dem schuleigenen Getränkeautomaten prügelte.
    • Erleichtert und gefühlt einen Liter weniger stolzierte ich wieder aus den stinkenden Toiletten. Ich blinzelte und suchte nach Phila. Jedoch konnte ich sie nirgends entdecken. Der dunkle Raum mit den flackernden Lichtern machte es auch nicht besser. Wieso zum Henker sind denn alle verschwunden? Ich seufzte gedehnt und lief durch die Menschenmenge, um nach meiner Herrin zu suchen. Hier war sie nicht. Da war sie auch nicht. Natoll...
      "Oh, Daiki! Du hast toll getanzt. Wollen wir auch tanzen? Hm?", fragte mich irgendein Mädel von der Seite. Ich war mir nicht sicher, ob das das Mädchen war, was mich angeschmachtet hatte oder ob ich sie überhaupt kannte. War mir auch völlig egal. Ich wollte einfach nur zu Phila.
      "Nein, verschwinde. Ich tanze nicht mehr.", murmelte ich und ging an sie vorbei. Entrüstet und enttäuscht sah sie mir nach. Sie rief auch noch irgendwas, doch ich hörte gar nicht hin. Tse. Bin eh viel zu alt....
      Wieder stieg Hitze in mir hoch. Ich brauch frische Luft. Torkelnd ging ich durch die Schulflure und begab mich nach draußen. Die kalte Luft stieß mir ins Gesicht und ich schloss die Augen. Es tat gut. Erst jetzt merkte ich, wie stickig es dort drin war und vorallem wie warm. Tief sog ich Sauerstoff in meine Lungen und stieß sie geräuschvoll wieder aus. Das machte ich nochmal. Und noch einmal. Dass ich eigentlich Phila suchen wollte, hatte ich schon wieder vergessen. Zu schön war es jetzt hier auf dem Hof. Ich setzte mich auf eine Bank. Die Beine waren ausgestreckt, die Hände verschränkt hinter dem Kopf. Benebelt vom Alkohol starrte ich in den Himmel. Die Sonne war schon längst untergegangen. Stattdessen funkelten Sterne und erzählten ihre ganz eigenen Geschichten. Die Menschen erzählten sich immer wieder, dass die Verstorbenen im Himmel sind. Ob Castor auch da oben war? Ich würde es wohl nicht rausfinden.....
    • Ich kämpfte mich noch immer durch das Menschenmeer. Das schummerige, flackernde Licht und das Gewimmel machten es mir nicht gerade leicht, den Überblick zu behalten. Da ich noch immer niemanden entdeckt hatte, versuchte ich mich an ein wenig freundlichem Smalltalk mit vorbeigehenden Mitschülern.
      "Entschuldige, hast du zufällig den Professor gesehen?", fragte ich eine kleine Gruppe, doch sie schüttelten nur desinteressiert den Kopf. Niemand hatte ihn gesehen,schon gar nicht nachdem die Feier richtig in Fahrt gekommen war. Aus den erhofften Hinweisen auf unsere magische Anomalie wurde erst einmal nichts.
      Gerade als ich seufzend überlegen wollte, wo ich als Nächstes ansetzte, wurde ich plötzlich stürmisch von der Seite gepackt.
      "Philomena! Oh mein Gott, da bist du ja!", rief Elise. Sie strahlte mich an und musterte mich von oben bis unten. "Wahnsinn! Du siehst einfach umwerfend aus! Dieses Kleid, das Styling, die Blumen im Haar ...woher hast du dieses Traumteil und wer hat dich bitteschön so frisiert? Aber sag mal... wo ist dein grummeliger Schatten abgeblieben? Lässt er dich hier einfach so allein stehen? Überleg dir das lieber noch mal mit ihm. Es gibt genug Jungs, die Schlange stehen würden, um mit dir zu tanzen!" Während Elise redete, wanderten meine Augen bereits unruhig durch die Halle. Die Sorge um Daiki schnürte mir die Kehle zu. "Das Kleid ist ein... Familienerbstück", wimmelte ich sie höflich, aber bestimmt ab. "Und er hat mich nicht versetzt, alles gut. Ich muss nur kurz nach dem Rechten sehen."
      Ich löste mich aus dem Gespräch und wollte gerade weitergehen, als ich von Marlene und Simon aus unserem Orchester entdeckt wurde.
      "Philomena?", fragte Simon und hielt mitten im Schritt inne. Als sein Blick über mein tiefviolettes Kleid und die zarten Tüllärmel glitt, schoss ihm augenblicklich das Rot in die Wangen. "W-wow. Du siehst... unglaublich aus." Er räusperte sich sichtlich nervös. "Geht es dir gut?" Ich lächelte sanft. "Hallo ihr beiden! Danke, das ist lieb, Simon", antwortete ich freudig und versuchte, mir meine innere Unruhe nicht anmerken zu lassen. "Seid ihr zwei zusammen hier? Habt ihr einen schönen Abend?" Marlene wollte gerade antworten, als mein Blick über ihre Schulter glitt. Dort hinten stand Ed. Ganz allein am Rand der Tanzfläche. Ohne Daiki. Ein flaues Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Wo war er? "Ähn... ähm... Es tut mir leid, ich habe gerade jemanden entdeckt, den ich dringend sprechen muss. Habt noch ganz viel Spaß!", verabschiedete ich mich etwas hastig von den beiden Orchestermitgliedern, ehe sie überhaupt richtig antworten konnten. Mit raschelndem Kleid eilte ich durch die Aula und trat hinaus in die weitläufigen, kühleren Schulflure.
      Hier war es leerer, stiller. Ich wusste, dass Daiki große Menschenmengen hasste und es ihn, wenn er überfordert war, meistens nach draußen zog. Um ganz sicherzugehen, blieb ich mitten im Flur stehen. Ich schloss die Augen, atmete die kühle Luft ein und konzentrierte mich ganz auf mein Inneres. Ich griff nach dem unsichtbaren Paktband, das sich wie eine goldene Saite zwischen unseren Seelen spanned. Ich suchte nach seiner Präsenz, seinem Geist ... und da war es. Ein leises, pulsierendes Summen, das mich wie ein sanfter Kompass leitete. Es trug eine ungewohnte, schwere Melancholie in sich, die mein Herz ganz weich werden ließ.
      Ich folgte dem Gefühl und trat hinaus in den dunklen Innenhof.
      Die Nacht war wunderschön. Der Lärm der Aula drang nur noch wie ein fernes, dumpfes Echo hierher. Der Mond goss sein silbernes Licht über das Kopfsteinpflaster und ließ die feinen Goldakzente auf meinem Kleid wie winzige Sterne aufblitzen. Und dann sah ich ihn.
      Daiki saß auf einer der hölzernen Bänke. Die langen Beine weit ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Der anthrazitfarbene Anzug wirkte im Mondschein fast edel, und sein Kragen stand nach dem erbitterten Kampf mit der Fliege immer noch ein wenig wild ab. Er starrte stumm in den funkelnden Himmel, vollkommen versunken in Gedanken, die ich durch unser Band als schmerzhaft und unendlich weit entfernt wahrnehmen konnte. Er wirkte so verletzlich in diesem Moment, so ganz ohne seine übliche, schroffe Verteidigungshaltung.
      Ich schritt langsam näher, darauf bedacht, die Stille dieser Nacht nicht zu brechen. Das zarte Tüllgewebe meines Kleides flatterte wie feine Flügel im Wind, und meine Schuhe klackten nur ganz leise auf dem Boden. Ich trat an die Bank heran, schob mich sanft in sein Sichtfeld, sodass ich ihm ein wenig den Blick auf die Sterne nahm, und sah auf ihn hinab. Das fliederfarbene Haar wehte mir leicht ins Gesicht. "Da bist du ja." Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, das letzte mal ist er von der Treppe gefallen. Ich wollte nicht auch noch, dass er vor Schreck von der Bank rutschte. Ein zärtliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen. "Ich dachte schon, du hättest beschlossen, den Ball ohne deine Herrin zu beenden." Ich setzte mich vorsichtig neben ihn auf die Bank, die Knie leicht angewinkelt, um den Stoff des Kleides zu schonen, und legte meine Hand ganz sacht auf seinen Arm. "Wie geht es deinem Kopf, Daiki? Ist das Brennen etwas besser geworden?"
    • Ich sah in wundervolle, mir sehr bekannte Augen, die liebevoll zu mir runter sahen und die Sicht auf die Sterne versperrten. Ich blinzelte kurz. Hatte mich allerdings schnell gefangen und richtete mich wieder auf, während sie sich neben mich setzte.
      "Du weißt, dass ich niemals ohne dich gehen würde.", sagte ich leise und sah sie abermals an.
      "Du.... siehst wirklich wunderschön aus. Niemals könnte ich dich so einfach verlassen, dafür.... bist du mir viel zu wichtig.", fuhr ich fort und nahm verträumt eine Strähnen ihres seidenglatten Haars und führte sie zu meinen Lippen. Dass ich nicht ich selbst war, wird spätestens jetzt jeder mitbekommen haben, aber gerade zählt nur mein Gedanke und das schöne Gefühl, bei Phila sein zu dürfen. Ich sah zu ihren Lippen und hatte irgendwie das dringende Bedürfnis, sie berühren zu wollen. Wollte wissen, wie sie sich anfühlen und ob sie zu meinen passen. Langsam beugte ich mich zu ihr runter. Es klopfte hart in mein Brust, mein Hals wurde trocken und ich hatte das Gefühl, die Spannung zwischen uns funkte wie 10.000 Volt zwischen uns. Gleich würde ich mehr wissen. Nur noch ein kleines Bisschen.
      "Philomena?!!", rief plötzlich jemand von hinten und blitzschnell trennte ich mich von meiner Herrin und ging auf Abstand. Was hatte mich da bloß geritten? Das war nicht gut. Uns durfte niemand sehen.
      "Komm mit.", sagte ich schnell, packte mir ihre Hand und rannte los. Wir versteckten uns um die Ecke an der Hauswand in einer Art Nische, verdeckt mit etwas Grün. Ich hielt sie in meinen Armen und drückte sie an mich, so als würde man sie da nicht sehen und finden. Etwas außer Atem sah ich vorsichtig nach, ob sie uns finden würden.
      "Ich glaube, hier sind wir sicher."
    • Als Daiki seinen Blick hob und mir direkt in die Augen sah, erschrak ich kurz. Dieser sture, sonst so unnahbare Ayakashi blickte mich auf eine Weise an, die mich völlig unvorbereitet traf. Und dann kamen diese sechs Worte. '... bist du mir viel zu wichtig.' Bei diesen verdammten sechs Wörtern setzte mein Herz für einen winzigen Moment komplett aus, nur um Sekunden später so heftig zu rasen, dass das Blut mir dröhnend in den Kopf schoss. Es hämmerte so unglaublich laut in meinen Ohren, dass ich Daikis Stimme kaum noch richtig wahrnehmen konnte.
      Ich schluckte schwer und erstarrte vollkommen, als seine raue Hand nach einer meiner fliederfarbenen Haarsträhnen griff und sie sanft zu sich führte. "Ähm... D-Daiki... was...?", brachte ich nur als ein heiseres Flüstern heraus. Mein Verstand weigerte sich im ersten Moment zu begreifen, was hier gerade geschah. Lag das immer noch an dem Alkohol? War das nur der Punsch, der aus ihm sprach?
      Doch als ich in seine glasigen, aber unendlich tiefen Augen blickte, war mir das völlig gleichgültig. Er beugte sich langsam zu mir herunter, Zentimeter für Zentimeter, und ich spürte eine so verzehrende Sehnsucht in mir aufsteigen, dass es wehtat. Ich starrte wie gebannt auf seine Lippen. Die Spannung zwischen uns knisterte. Ich schloss unwillkürlich die Augen, bereit, mich diesem Moment ganz hinzugeben. Nur noch ein kleines Bisschen... "Philomena?!!"
      Der gellende Ruf einer sehr vertrauten Stimme schnitt durch die Dunkelheit und riss mich augenblicklich aus meiner Trance. Im selben Moment wich Daiki auch schon blitzschnell von mir auf Abstand.
      Hätten wir uns gerade... wirklich geküsst? Ich konnte den Gedanken nicht einmal ansatzweise zu Ende fassen, als Daiki auch schon nach meiner Hand packte und mich mit sich zog. Ich raffte verzweifelt den schweren Stoff meines Kleides, während wir um die Ecke der Hauswand flüchteten und in einer kleinen, von dichtem Efeu verdeckten Nische Schutz suchten.
      Plötzlich fand ich mich direkt in seinen Armen wieder. Er drückte mich eng an sich, schirmte mich mit seinem massiven Körper komplett ab, als wollte er mich vor den Augen der gesamten Welt verstecken. Es war ein Umstand, den ich so sehr liebte, dass mein Puls sofort wieder in astronomische Höhen schnellte. Ich konnte auf seine Aussage hin zunächst nur stumm nicken. Zu mehr Kommunikation war ich in diesem Zustand absoluter Reizüberflutung einfach nicht fähig. Stattdessen gab ich einfach nach und vergrub mein Gesicht in seinen Sachen, genau an seiner Brust. Es war fast so, als würde sich mein Körper auf ganz natürliche Weise an ihn schmiegen ...so perfekt, so selbstverständlich, als wäre das schon immer mein Platz gewesen und als gehörten wir nirgendwo anders hin.
      Ich schloss die Augen und versuchte verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen, doch unter meiner Wange konnte ich das wilde, rasende Hämmern seines Herzschlags hören. Es war beruhigend und berauschend zugleich. Das Paktband zwischen uns summte in einer warmen, tiefen Frequenz, die all meine Zweifel für einen Moment wegwischte. Nach ein paar langen Herzschlägen in dieser engen, schützenden Umarmung atmete ich die kühle Luft der Nische ein, die nach Efeu und Daikis unverkennbarem Duft rocht. Langsam, ganz langsam, hob ich den Kopf und sah zu ihm auf.
    • Ohne überhaupt zu merken, was los ist, sah ich nach, ob alles in Ordnung war. Aber wir schienen sicher zu sein. Niemand war zu sehen und selbst wenn, waren wir wirklich gut versteckt.
      Erleichtert darüber, lockerte sich mein Griff um Phila und ich atmete aus.
      "Uns hat niemand gesehen.", murmelte ich erleichtert und sah nun nach unten. Dort stand sie, an meine Brust gedrückt und versuchte zu mir hoch zusehen. Verlegen ließ ich sie entgültig los. Mein Beschützerinstinkt hatte wohl mal wieder zugeschlagen. Und ich musste zugeben, dass es viel zu oft vorkam. Beschämt biss ich mir auf die Lippe.
      "Entschuldige. Ich.... ich wollte dich nicht bedrängen und... ich wollte keine Gerüchte in die Welt setzen. In meinem Kopf kam ein Kurzschluss und dann hab ich einfach gehandelt. Plötzlich waren wir hier.", fing ich an und kratzte mich verlegen am Kopf.
      "Wir ähm.... sollten wieder rübergehen. Die anderen wundern sich bestimmt schon, wo wir bleiben. Deine Freundin denkt sich bestimmt schon Gerüchte aus.", sagte ich dann und sah zu ihr runter. Irgendein merkwürdiges Gefühl beschlich mich. Etwas, was aus mir raus wollte. Ein Verlangen. Doch wusste ich nicht welches. Konnte es nicht zuordnen. Als ob..... als ob ich etwas beenden muss, was ich angefangen habe. Ich schluckte langsam. Ich atmete durch und schloss die Augen, ehe ich mich einfach diesem Gefühl und Verlangen hingab. Erneut beugte ich mich etwas weiter runter und meine Lippen berührten sachte ihre Stirn. Ganz zart wie ein kleiner Schmetterling. Dann hörte ich wieder was und sah durch das Gebüsch in den Hof. Nochmal sah ich kurz zu ihr, ehe ich schnell die Ecke verließ und dort ein paar Jungs aus dem Team antraf. Sie machten sich darüber lustig, dass ich betrunken war von so ein bisschen Alkohol. Ja, ich trorkelte noch ganz schön. Morgen gibts sicherlich einen ordentlichen Kater.
    • Ich war absolut nicht imstande, auch nur ein einziges Wort herauszubringen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. In meinem Inneren tobte ein gewaltiger Sturm aus Gefühlen und völlig neuen Eindrücken, die ich in dieser Intensität noch niemals zuvor kennengelernt hatte. Das war gar nicht gut. Überhaupt nicht gut. Für ein sterbliches Mädchen mochte so ein Gefühlschaos normal sein, aber ich war eine Göttin mit mächtigen magischen Fähigkeiten! Wenn ich mich nicht bald beruhigte, würde meine schiere Aufregung womöglich noch ein unkontrolliertes magisches Unheil über uns hereinbrechen.
      Während ich verzweifelt versuchte, tief durchzuatmen und mich irgendwie zu fokussieren, begann Daiki mit seinem Monolog. Er wirkte so verlegen, fast schon beschämt wegen seines Beschützerinstinkts. Dabei war genau das als mein Ayakashi doch sein Job. Als er schließlich schüchtern anfing, sich bei mir zu entschuldigen, konnte ich nur ganz leicht mit dem Kopf schütteln. Bei allen Göttern, er musste sich doch für gar nichts entschuldigen! Doch... Bevor ich diesen Gedanken jedoch in Worte fassen konnte, passierte es. Er gab mir einen sanften, federleichten Stirnkuss.
      In diesem Moment erstarrte ich vollkommen. Über meinen Rücken lief ein unendlich warmer, intensiver Schauer, während mein Herz für einen winzigen, ewigen Sekundenbruchteil komplett stehen blieb, nur um sich direkt danach beinah zu überschlagen. Jede mühsam aufgebaute Barriere in meinem Kopf brach in sich zusammen. Ich verlor augenblicklich jeglichen Fokus. Meine Knie wurden so weich wie Wackelpudding und gaben der Schwerkraft fast nach.
      Es fühlte sich an, als wäre ich plötzlich schrecklich krank geworden ... aber gleichzeitig... war es das Beste und Schönste, was ich je erlebt hatte. Auf eine ganz wunderbare, berauschende Art und Weise. In meinen ganzen 2.225 Lebensjahren war mir so etwas noch niemals passiert. War das... war das etwa dieses Verliebtsein, von dem die Sterblichen immer sprachen und schrieben? Ja, das musste es einfach sein! Immerhin war ich ja schon eine ganze Weile ganz klar in meinen mürrischen, treuen göttlichen Breitschwert verliebt, aber diese körperliche und emotionale Wucht überforderte mich gerade komplett.
      Ich blinzelte benommen und stellte mit einem Mal fest, dass die Nische leer war. Daiki war bereits verschwunden. Was war passiert? Bin ich kurz weg getreten? Mit einem leisen Rascheln meines tiefvioletten Kleides rutschte ich langsam runter ins weiche Gras. Ich zog die Knie an, vergrub mein glühend heißes Gesicht in den Händen und versuchte einfach nur, mich irgendwie wieder zu sammeln. Meine Stirn kribbelte noch immer wie verrückt.
      Eigentlich sollte ich Daiki so schnell wie möglich folgen. Die Sorge um ihn brannte mir unter den Nägeln. Ich wollte ihm einfach anbieten, dass wir diesen Ball hinter uns ließen und gemeinsam nach Hause gingen. Der Auftrag konnte warten... zumindest diese Nacht, wo wir beide nicht ganz bei uns waren. Oder eben... gerade deshalb.
      Ich hatte schon einen Fuß nach vorne gesetzt und meine Hand nach dem efeubewachsenen Ausgang ausgestreckt, als plötzlich die lauten, johlenden Stimmen seiner Teamkameraden über den Hof schallten. "Hey, Daiki! Da steckt der Kerl ja! Alter, du torkelst ja wie ein Pirat auf Landgang!!" Daiki hatte so panisch darauf geachtet, dass uns niemand zusammen sah. Wenn ich jetzt direkt hinter ihm aus den Büschen trat, während seine Freunde sich über ihn lustig machten, wäre jede seiner Bemühungen umsonst gewesen.
      Also zwang ich mich, abzuwarten. Ich zog meinen Fuß zurück und blieb im schützenden Schatten der Nische stehen, anstatt ihm sofort hinterherzugehen.
    • "Alter, du torkelst ja wie ein Pirat auf Landgang!!", riefen sie mir zu, als sie mich erwischten. Brummend sah ich sie an.
      "Halt die Klappe.", murmelte ich und kratzte mich am Nacken. Als ob ich das mit Absicht getan hatte.
      "Ich hab einfach nur nach dem falschen Becher gegriffen.", antwortete ich und sah kurz zurück, wo ich Phila zurück gelassen hatte. Ob sie weggegangen war? Nein. Wo sollte sie auch hingehen? Ich musste sie irgendwie loswerden. Ich seufzte leise. Die Jungs lachten nur und redeten weiter, doch ich hörte nicht mehr zu. Ich wollte nur wieder zurück zu Phila. Ich wollte....sie sollte bei mir sein....
      "Hey sach mal. Was läuft da eigentlich bei dir und Philomena? Hast du sie schonmal geküsst?", fragte dann einer der Jungs und ich wurde rot. Was sollten diese Fragen? Ist doch völlig egal, was wir haben. Doch gerade schauen mich alle so neugierig an, ich musste irgendwas antworten.
      "Nein, wir haben uns nicht geküsst. Außerdem geht euch das gar nichts an.", antwortete ich dann schulterzuckend. Mir ist nichts anderes eingefallen. Mein Kopf ist zu benebelt, als das ich irgendwas sagen könnte. Trotzdem musste ich sie irgendwie loswerden. Ich seufzte leise.
      "Hey. Jetzt lasst ihn doch. Ihr werdet es schon hören, wenn was zwischen denen passiert.", sagte Ed dann. Ich sah zur Seite. Diese Hornochsen....
      "Ich glaub, ich muss kotzen.", murmelte ich und wurde ekelerregend angesehen.
      "Ew, ich halt dir deine Haare sicherlich nicht hoch.", witzigsten sie und verschwanden schnell. Nur Ed blieb und sah mich mitfühlend an.
      "Brauchst du etwas? Ein Schluck Wasser?", fragte er lieb, doch ich winkte ab.
      "Geh nur.", sagte ich schnell und er verschwand lächelnd. Ich war mir nicht sicher, ob er wusste, was Sache war. Dieser Gesichtsausdruck gefiel mir nicht.
      Nachdem ich auf Nummer Sicher gegangen war, ging ich wieder zurück ins Gebüsch und fand dort Phila, die dort immer noch wartete. Mit einer Hand in der Hosentasche und dle andere am Nacken sah ich beschämt nach unten.
      "Sorry.... dass du so lange warten musstest. Sie sind jetzt weg. Du kannst rauskommen."
    • Ich saß immer noch im feuchten Gras der kleinen Nische und war verzweifelt bemüht, mich mittels kontrollierter Atemübungen wieder zu fokussieren und zu beruhigen. Einatmen, ausatmen. Meine Lungen füllten sich mit der kühlen Nachtluft, doch das Chaos in meinem Kopf wollte sich einfach nicht legen. Fakt war... das war kein Traum gewesen.
      Unterbewusst hob ich die Hand und fasste mir an die Stirn, genau dorthin, wo seine Lippen vor wenigen Minuten geruht hatten. Die Haut fühlte sich immer noch ganz heiß an. Doch mitten in diese wohlige Wärme mischte sich plötzlich ein ganz anderer, eisiger Gedanke, der mich frösteln ließ. Wenn das alles kein Traum gewesen war... war diese Stimme, die uns so abrupt unterbrochen hatte, dann wirklich... die von Serafin?
      N-Nein... oder? Das konnte einfach nicht sein. Was sollte er hier auf einem sterblichen Schulball zu suchen haben? Vor allem nach dem... Ich kniff die Augen zusammen und massierte mir seufzend die Schläfen. Wenn ich nicht bald aufhörte, Gespenster zu jagen, musste ich ernsthaft an der Verfassung meines eigenen Verstandes zweifeln.
      Genau in diesem Moment knackte es im Gebüsch, und Daiki stand wieder vor mir. Als ich sah, wie beschämt er zu Boden blickte, während er sich entschuldigte, musste ich unwillkürlich lächeln. All meine düsteren Gedanken flogen mit einem Mal davon.
      "W-wieso sorry? Warum... warum entschuldigst du dich?", fragte ich mit leiser, noch etwas belegter Stimme. Ich stemmte mich auf die Beine, klopfte mir den Staub und ein paar verirrte Grashalme vom tiefvioletten Stoff meines Kleides und zupfte die feinen Tüllärmel wieder gerade.
      Ich trat ganz nah an ihn heran, so nah, dass ich die Hitze, die er immer noch ausstrahlte, deutlich spüren konnte. "Wie geht es dir?", erkundigte ich mich besorgt. Da er mich um ein gutes Stück überragte, stellte ich mich etwas auf die Zehenspitzen, hob die Hand und legte sie ihm zuerst prüfend auf die Stirn, ehe ich sie sanft an seine heiße Wange gleiten ließ. "Ich weiß, du magst das eigentlich nicht, aber... ich könnte meine Magie nutzen. Ein kleiner Zauber, und der Alkohol sowie der morgige Kater wären überhaupt kein Problem mehr für dich."
      Ich wartete seine Reaktion nicht ab, sondern warf stattdessen einen kurzen Blick zurück in Richtung der hell erleuchteten Aula, aus der immer noch der dumpfe Bass der Musik dröhnte. Dann wandte ich mich wieder ganz Daiki zu.
      "Weißt du... wenn du... wenn du möchtest, können wir auch nach Hause gehen", schlug ich leise vor und sah ihm fest in die glasigen Augen. "Die... die Sterblichen von heute haben Bälle irgendwie verhunzt. Oder zumindest verstehen sie etwas völlig anderes darunter als ich damals. Aber... ich bin dir unendlich dankbar, dass du das heute mit mir ausprobiert hast." Ein warmes, ehrliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen. "Was meinst du? Gerade steht mir der Sinn ohnehin viel mehr nach einem leckeren Dessert und gemeinsamem Gammeln auf der Couch. Oder auf der Veranda, wenn dir das wegen der kühlen Luft lieber ist..."
    • Sie lächelte, kam zu mir und legte sanft ihre Hand auf meine Wange. Gegen meinen Willen, schmiegte sich mein Kopf an ihre Handfläche. Mein Körper lechzte sich nach ihrer Nähe. Mir gefiel das nicht. Aber ich kam auch nicht dagegen an. Ich konnte mich nicht zurück ziehen. Und irgendwie.... wollte ich mehr. Ich sah in ihre opalfarbenden Augen. Sie leuchteten und ich hatte das Gefühl, in ihnen zu versinken. Mir war, als bliebe die Zeit kurzzeitig still. Und leider verschwand das alles auch so schnell, wie es gekommen war. Ihre Hand sank und auf meiner Wange blieb ein gewisses unangenehmes Gefühl zurück. Meine Hand zuckte kurz. Wollte ihre wieder an den alten Platz zurück bringen. Doch irgendwas hinderte mich daran. Und dann wars auch schon zu spät. Sie drehte sich zum Ballsaal um und erzählte, dass sie enttäuscht wurde. Der Gedanke nach Hause zu gehen, war also gar nicht so schlecht.
      "Ja, lass uns gehen.", waren meine einzigen Worte. Ich musste zugeben: Partys waren wirklich nicht mein Ding. Zu viele Leute, zu laute Musik, zu viele Erwartungen. Ich war mir nicht sicher, ob ich es wieder machen würde. Von wollen konnte da definitiv keine Rede sein. Doch für Phila, wusste ich, würde ich alles tun.
      "Wenn du lieber was Süßes essen willst und dich auf die Couch legen willst, ist dein Wunsch mir Befehl.", sagte ich leise. Ich würde sowieso alles tun, was ein Befehl war. Sie musste es nur sagen. Doch trotzdem hatte sie es nie getan.
      "Kannst du in den Schuhen noch laufen? Ich kann dich auch nach Hause tragen."
    • Ich nickte langsam, ich hatte mir bereits gedacht dass eine Art taktischer Rückzug genau das richtige war um schlimmere Katastrophen zu verhindern. Vielleich hatte ich Daiki wieder zu viel zugemutet. Erst der Ball, dann die vielen Menschen, der Lärm, der Tanz und schließlich all das, was zwischen und geschehen war... ohne das ich es selbst wirklich benennen konnte. Ich dachte an den Moment zurück, in dem wir uns beinah...? Ich spürte augenblicklich, wie mir wieder die Wärme ins Gesicht stieg. Ohne groß darüber nachzudenken, machte ich einen kleinen Schritt zurück. Gerade weit genug, um ihn ein wenig mehr Raum zu geben. Nicht weit genug, um seine Nähre wirklich zu verlieren. Dazu fühlte sie sich inzwischen viel zu selbstverständlich an.
      Ich wandte mich um und begann, mich vorsichtig aus dem dichten Efeugestrüpp unserer Nische herauszuwinden. Dabei hob ich das schwere, violette Kleid ein wenig an, um den feinen Tüllstoff ja nicht an den Ästen zu zerreißen. Nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, ging ich bereits ein paar Schritte voraus auf dem kopfsteingepflasterten Hof. Die kühle Brise tat unglaublich gut auf meinen brennenden Wangen.
      Nach ein paar Metern hielt ich inne und sah mich nach Daiki um. Er war noch immer hinter mir, nicht weit, aber eben auch nicht neben mir. Unwillkürlich blieb ich stehen und wartete, als wäre es das Natürlichste der Welt. Erst als er wieder zu mir aufgeschlossen hatte, setzte ich meinen Weg mit einem kleinen Lächeln fort. So fühlte es sich richtiger an.
      Als er fragte, ob ich in den Schuhen überhaupt noch laufen könne und ganz selbstverständlich anbot, mich notfalls nach Hause zu tragen, blieb ich für einen Wimpernschlag stehen. Mein Herz machte einen unvernünftigen Satz und meine Wangen wurden so warm, dass ich hoffte, die Dunkelheit würde es verbergen. Vor meinem inneren Auge erschien für einen völlig unnötigen Moment das Bild seiner Arme, seiner Schultern und wie es sich wohl anfühlen würde, sich einfach an ihn anzulehnen. Mein Herz stolperte beinah wieder über sich selbst. Stattdessen hob ich einen Fuß leicht an, betrachtete den Schuh mit gespieltem Ernst und schmunzelte.
      "Ich glaube, wenn du mich jetzt auch noch trägst, erzählen sich morgen bestimmt alle, ich wäre eine dieser Ballprinzessinnen gewesen, die schon nach dem ersten Tanz gerettet werden mussten Oder die plötzlich ihre Schuhe irgendwo verlieren." Ich schüttelte amüsiert schmunzelnd den Kopf und sah wieder zu ihm auf. "Aber danke. Wirklich." Für einen kurzen Augenblick blieb mein Blick an seinem Gesicht hängen. Er hatte es mir so selbstverständlich angeboten, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit. Ich hob zögerlich die Hand und strich mit den Fingerspitzen kaum spürbar über den Stoff seines Ärmels, ehe ich sie sofort wieder sinken ließ, als hätte ich mich dabei ertappt. "Du hast heute schon mehr als genug für mich getan", murmelte ich leise. "Ich möchte dich nicht noch mehr beanspruchen." Ich ging weiter, diesmal etwas langsamer als zuvor, bis wir ganz automatisch nebeneinander liefen. Meine Füße schmerzten tatsächlich in den hohen Schuhen, aber plötzlich erschien mir der Weg nach Hause gar nicht mehr besonders lang... wahrscheinlich weil ich ihn nicht allein ging.
    • Ich sah ihr nach, als sie aus der Ecke verschwand und ging dann langsam hinterher. Meine Hände verschwanden wieder in meinen Hosentaschen. Wie ein Hund lief ich hinter ihr her, bis sie kurz stehen blieb und ihre Schuhe betrachtete.
      "Du bist doch auch eine Ballprinzessin.", sagte ich gedankenlos und betrachtete ebenfalls ihre Schuhe. Ich fand es ja schon beachtlich, dass sie auf diesen Stelzen überhaupt gelaufen ist. Ich sollte sie also nicht tragen. Trotzdem ging sie nicht weiter. Ich spürte ihre Wärme an meinem Ärmel. Nicht doll, nur ganz leicht. Doch ich konnte sie trotzdem spüren. Ich verstand immer noch nicht, warum sie mich nicht einfach mehr nutzte. Klar, habe ich freiwillig zugestimmt, das Band zu festigen. Doch trotzdem war ich auch dazu da, um ihr zu dienen. Sie ist immer noch meine Herrin. Das ist doch der Sinn und Zweck meines Daseins. Ich überlegte kurz und entschied mich dann, eigenständig etwas zu entscheiden. Auch wenn es mir vielleicht auch gar nicht erlaubt war. Ich stellte mich vor sie und bedeutete ihr somit, stehen zu bleiben. Es dauerte einen kurzen Moment, ehe ich mich vor sie kniete. Ihre Hand legte ich auf meine Schulter und sanft griff ich nach einen ihrer Füße und hob ihn leicht an.
      "Ich bin dafür geboren worden, zu dienen. Auch wenn du es nicht wahr haben willst. Ich kann dir ansehen, dass du Schmerzen hast. Du vergisst, dass auch ich das bei dir merke und nicht nur du bei mir.", sagte ich leise, aber deutlich. Vorsichtig zog ich ihr die Schuhe aus. Sie hatten ein paar gerötetete Stellen. Zum Glück war aber nichts offen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft sie gewesen sein mussten. Mit der linken Hand griff ich nun nach dem Riemchen der Schuhe und griff gleichzeitig unter ihre Kniekehlen, während meine rechte Hand ihren Oberkörper stützte. So lag sie in meinen Armen und musste sich notgedrungen von mir tragen lassen.
      "Jetzt musst du mich wohl noch mehr beanspruchen. Dazu bin ich da. Das ist mein Job."
    • Eine niederr Gottheit als Ballprinzessin? Ich blinzelte überrascht. Für einen Augenblick wusste ich gar nicht, was ich darauf antworten sollte. Dann stahl sich ein leises, ungläubiges Schmunzel auf meine Lippen. "Ich glaube, dafür fehlt mir die Eleganz", murmelte ich und hob den Saum meines Kleides ein wenig an. "Und ganz sicher die Fähigkeit, einen ganzen Abend auf diesen verfluchten Schuhen zu laufen. Denn sonst bin ich... Gerade mal ein Zwerg." Ich wollte gerade weitergehen, als plötzlich Daiki vor mich trat. Fragend hob ich den Blick. "...Ähm ...Daiki...? Ist alles in Ordnung?" Was war bloß in meinen Ayakashi gefahren? Warum kniete er sich jetzt- Mein Atem stockte. Dieses göttliche Breitschwert war unmöglich... Mit einer Selbstverständlichkeit, die mich jedes Mal aufs Neue aus dem Gleichgewicht brachte, nahm er sanft meine Hand und legte sie auf seine Schulter. Ganz automatisch schlossen sich meine Finger ein wenig um den Stoff seines Jacketts. Ich hätte sie zurückziehen können. Wahrscheinlich sogar sollen. Tat ich aber nicht. Stattdessen blieb ich reglos stehen und sah ihm zu, wie er vorsichtig meinen Fuß anhob. "W-was soll dass jetzt?" Mehr brachte ich nicht hervor ehe mein Gesicht wieder einmal seine Farbe wechselte.
      Seine Hände waren warm. Ruhig und... erst recht erstaunlich behutsam. Langsam löste er den Verschluss meines Schuhs, als wäre er aus Glas gefertigt. Als meine Füße schließlich den kühlen Boden berührten, konnte ich einen unwillkürlichen und leisen Seufzer nicht unterdrücken. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr die Schuhe tatsächlich gedrückt hatten. Fein... da hatte er mich wohl beim klein-reden erwischt. Ich wollte etwas entgegen aber seine Worte trafen mich mitten ins Herz. Nicht, weil ich ihm widersprechen wollte. Sondern weil sie mir wieder einmal zeigten, wie selbstverständlich er sich selbst immer an die zweite Stelle stellte. Dabei waren Gottheiten und göttliche Waffen doch.... gar nicht so verschieden. Wir waren beide nicht normal-sterblich, hatten Fähigkeiten die uns von Sterblichen unterschieden und waren dazu bestimmt über diese zu wachen.
      Ich senkte den Blick. "Du beobachtest mich wirklich viel zu genau...", murmelte ich leise. Ich wollte ihm gerade erklären, dass genau das nicht seine Aufgabe sein sollte, als ich spürte, wie sich sein Arm unter meine Knie schob. "D-Daiki...?" Erschrocken hob ich den Kopf. Im nächsten Augenblick verlor der Boden unter meinen Füßen jede Bedeutung.Ein überraschter Laut entwich mir, ehe ich mich instinktiv an ihm festhielt. Eine Hand fand Halt an seiner Schulter, die andere an seinem Oberarm. Für einen Herzschlag vergaß ich sogar das Atmen. Ich sah ihn lange schweigend an. Dann schüttelte ich ganz langsam den Kopf. "Nein...", sagte ich leise. "Das ist nicht dein Job." Mein Blick glitt über sein Gesicht und blieb einen Moment in seinen Augen hängen. "Du bist nicht bei mir, damit ich dich benutze." Ein sanftes, fast trauriges Lächeln legte sich auf meine Lippen. "Du bist bei mir, weil ich das so entschieden habe und... und weil du es schließlich auch... wolltest." Meine Finger schlossen sich unwillkürlich etwas fester um den Stoff seines Jacketts. "Und genau deshalb bedeutet mir jede einzelne Sache, die du freiwillig für mich tust... mehr, als du wahrscheinlich jemals verstehen wirst." Für einen Moment wurde es still. So still dass ich beinahe fürchtete er könnte meinen Herzschlag hören. Ich hingegen hörte nur seinen ruhigen Atem und spürte die angenehme Wärme, die von ihm ausging. Obwohl mein Verstand mir zuflüsterte, ich müsste protestieren, heruntergelassen werden oder wenigstens so tun, als wäre mir das furchtbar unangenehm, tat ich nichts davon. Stattdessen schmiegte ich mich beinahe unmerklich ein kleines Stück näher an ihn. Es fühlte sich erschreckend... richtig an. Ich erschrak über den Gedanken und räusperte mich leise. "Du bist schrecklich", murmelte ich schließlich mit einem kaum hörbaren Schmunzeln. "Du behauptest ständig, ich würde dich so sehr auf trapp halten weil ich alleine nicht klar komme und dann triffst du solche Entscheidungen einfach allein." Ich ließ den Blick zu meinen Schuhen wandern, die nun an seiner Hand baumelten, und musste unwillkürlich lächeln. "...Danke." Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern. Nach einer kleinen Pause hob ich wieder den Blick. "Aber hör bitte irgendwann auf, deinen Wert nur daran zu messen, wie viel du für andere tragen kannst." Ganz vorsichtig hob ich eine Hand an seine Wange und strich mit dem Daumen sanft darüber. "Manchmal... reicht es völlig, dass du einfach da bist." Ich ließ meine Hand wieder sinken und lächelte ihn warm an, ehe sich ein schelmischer Ausdruck auf mein Gesicht schlich. "Wobei..." Ich sah kurz nach hinten in Richtung Schulgebäude. "...ich fürchte, morgen werde ich Elise erklären müssen, warum ich von meiner Begleitung über den halben Hof getragen wurde." Ich lachte leise be den Gedanken. "Obwohl... nein, eigentlich werde ich gar nichts erklären müssen. Elise wird sich längst ihre eigene Geschichte zusammengereimt haben." Ich seufzte gespielt erge. "Und nach allem, was ich über sie weiß, wird das ganze Internat sie vermutlich noch ausgeschmückt weitererzählt bekommen."
    • Ich atmete hörbar, aber leise aus. Das hat sie schön gesagt. Nur leider war das nur schönreden in meinen Ohren.
      "Eine Waffe kann sich ihren Herren nicht aussuchen. Klar sind wir die Partner. Aber auch mit uns wird gehandelt und deswegen stehen wir niemals mit euch Göttern auf einer Stufe. Das ist etwas, was ich als Kind schon gelernt habe. Und das ist okay. Ich brauche kein Mitleid oder so.", erzählte ich und sah sie an. Sie sah traurig aus. Doch gab es gar keinen Grund dazu. Und sie weigerte sich immer noch, mich mehr einzusetzen.
      "Ich tue das, weil du dich weigerst, mir zu sagen, dass ich das machen soll. Ich seh doch, dass es dir nicht gut geht. Also ertrage das Leid nicht und frisst es nicht in dich rein.", antwortete ich und ging weiter. Ich biss mir auf die Lippe. Ich wollte es ihr nicht sagen. Doch ich ertrage es nicht, sie leiden zu sehen. Wenn ich doch ihr doch in Kraft und Größe überlegen bin, kann ich das dementsprechend doch einsetzen, um ihr zu helfen. Ich verstand nicht, was sie daran hinderte.
      "Jetzt nennst du mich schon schrecklich, weil ich das tue. Ich kann das nicht ab, wenn ich dir nicht helfen kann, ich-", fing ich wieder an, doch sie unterbrach mich. Nicht mit Worten. Sondern damit, dass sie ihre Hand auf meine Wange legte. Ich blieb stehen. Ihre kleine Hand, die so viel Wärme ausstrahlte, lag immer noch auf meiner Wange. Es fühlte sich gut an. Ob es sich so anfühlen durfte? Ich war mir nicht sicher. Und dieser eine Satz von mir war auch nicht besser.
      "Ich mag es, viel für dich zu tun. Ich fühl mich gut, wenn du dich gut fühlst. Also lass mich bitte auch mehr für dich tun. Sag mir, wenn ich was tun kann. Das heißt auch, dich zu tragen, wenn du Schmerzen hast.", antwortete ich leise. Ich sah ihr nochmal ernst in die Augen, ehe ich weiter ging. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Ich wollte nur, dass sie weiß, dass ich immer da war, um ihr zu helfen.
      Doch dann sprach sie ihre Freundin an.
      "Elise ist doch nur darauf aus, irgendeinen Tratsch zu verbreiten. Eine Waffe trägt seine Herrin nach Hause, weil sie Schmerzen hat. Was sollte da sonst für ne Geschichte raus kommen?"
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