Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • In der Ferne erhob sich bereits der alte Vulkan, um dessen Schlot sich Eisenfort angesiedelt hatte. Wie zahlreiche graue Striemen hoben sich die Gebäude und Mauern von dem schwarzen Grund ab, der vor langer Zeit aus Basalt und Lava entstanden war. Das Umland direkt um den Vulkan herum war einst fruchtbar gewesen, aber dank der Hitze und des wenig vorhandenen Wasser wuchs nur spärliche Vegetation. Der Fluss, an dem ihre Gruppe nun Rast machte, war die einzige Lebensquelle in nächster Nähe. Wenn sich Devon recht entsann, entsprang dieser Fluss einer Quelle weiter hoch im Norden in einer Gebirgskette, die angeblich durch das Aufwühlen eines uralten Erddrachen entstanden sein sollte. Alles Legenden, selbstverständlich.
      Nach all dem Trubel in Tel’Aquera hatte Devon beinahe vergessen, wie es sich anfühlte, von Fremdem angestarrt zu werden. Insbesondere die Händler, die manchmal ihren Weg kreuzten, machten keinen hehl daraus, ihn anzustarren, sodass er bald wieder darauf zurückgriff, sein Gesicht zur Hälfte mit einem Tuch zu bedecken. Als Schutz gegen die Sonne, natürlich.
      Während Tava sich bei ihrem provisorischen Lager am Fluss wusch, beäugte Devon den Lichtschein des Lagerfeuers in Sichtdistanz. Mit verschränkten Armen stand er an seinem eigenen Feuer, wo sich Malleus auch aufzuhalten hatte, nachdem Devon ihm verboten hatte, sich zu weit zu entfernen, wenn Fremde wieder in der Nähe waren. Er konnte nichts riskieren, dass Malleus irgendwo plötzlich wieder einschlief und er dem nächsten Kerl zum Opfer fiel. Irgendwann, als er hörte, dass die Händler in der Ferne sich mit Töpfen wohl ums Essen kümmerten, entspannte er sich ein wenig und setzte sich an das Feuer. In Blickrichtung zum anderen Feuerschein.
      „Devon?“
      Der angesprochene Lacerta wandte den Blick ab und sah zu Tava hoch. Stünde der Wind recht, hätte er sie vermutlich riechen können. Sie hatte wieder diese Mixtur aus Pflanzen benutzt, die leicht blumig duftete. „Hm?“ Er konnte nicht anders als kurz über ihre Wange zu schauen. Einfach nur, um sich zu vergewissern, dass seine Schnitte abheilten.
      „Was hast du auf meine Wange geritzt?“
      Devon blinzelte. Stimmte ja, sie hatten nie recht die Zeit gefunden darüber zu sprechen, was da eigentlich genau abgelaufen war. Und eine Möglichkeit sich selbst zu begutachten hatte die Cervidia schließlich auch nicht gehabt. Es war wohl die Wasseroberfläche des Flusses gewesen, der ihr einen ersten Einblick beschert hatte.
      Als erste Antwort brummte der Jäger und wäre vermutlich dabei geblieben. Als ihm das auffiel, schob er schnell Worte hinterher: „Eine Geschichte. Ich wollte aber nichts festhalten, was in unserer Kultur verfestigt ist. Also habe ich was Neues gemacht.“
      Mit seinem Finger malte Devon das auf, was er notgedrungen in Tel’Aquera Tava hatte aufzwingen müssen. Mit richtiger Vorbereitung hätten die Linien sicher so schön gerade ausgesehen wie die, die er gerade in den staubigen Boden zog. So jedoch waren die Narben später wackelig und stümperhaft gezogen worden, keine Linie fand einen sauberen Abschluss, endete zu früh oder überlagerte sich. Devon hatte Mühe gehabt, Tava mehr oder weniger mit einer Hand zu fixieren.
      „Das innen sieht aus wie ein Horn. Ist es das? Aber was ist das andere?“, fragte Tava weiter nach und Devon fing an zu drucksen. Er schämte sich ein wenig für das, was er da fabriziert und sich ausgedacht hatte.
      Jedoch nickte er. „Das Horn steht für dich. Es gibt kein Zeichen für eine Cervidia in unserer Sprache. Aber das hier herum“, sagte er und zeigte auf die Spirale um das Horn herum, „soll das Feuer sein. Eine Cervidia mitten in einer Feuerspirale. So, wie du in der Nacht auch im Feuer standest. Eine Frau, der Feuer nichts anhaben kann.“
      Etwas peinlich berührt kratzte sich der Jäger am Hinterkopf. Schon früher hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Gefährten in seine Sprache übersetzen sollte. Irgendwann, so hatte er sich das jedenfalls ausgemalt, wollte er sie irgendwo auf seinem Körper als Teil seiner Geschichte verewigen. Mit einem flüchtigen Seitenblick auf Malleus wusste er jedoch nicht mehr, ob das für beide Personen gelten sollte.
    • Eine Geschichte, ganz so, wie Devon sie auch auf seiner Haut trug. Tava wurde neugierig, wobei sie geflissentlich ignorierte, wie die Geschichte entstanden war. Sie hatte sie zwar nicht haben wollen, aber jetzt war es nunmal passiert und solange Devon ihr keine zweite Narbe geben wollte, übernahm die Neugier Überhand.
      Sie beugte sich über die Zeichnung, die Devon von der Narbe gemacht hatte.
      „Das Horn steht für dich. Es gibt kein Zeichen für eine Cervidia in unserer Sprache. Aber das hier herum soll das Feuer sein. Eine Cervidia mitten in einer Feuerspirale. So, wie du in der Nacht auch im Feuer standest. Eine Frau, der Feuer nichts anhaben kann.“
      "Oh."
      Das Bild... hatte etwas. Nichts, was Tava auf der Haut tragen wollte, natürlich nicht, aber so ganz losgelöst davon, hatte es etwas. Wie ein... Zeichen, ja. Ein Logo. Etwas, das ein Nicht-Cervidia mit Tava identifizieren konnte, der Hörner nicht so gut unterscheiden konnte. Etwas, das Tava auszeichnete. Ihr Horn und Feuer.
      "Warte."
      Sie ließ Devon sitzen und ging zurück zum Fluss, um sich noch einmal anzusehen. Jetzt konnte sie es auch erkennen, das Horn, etwas krakelig, und dann die unscharfen Flammen. Es war zwar nicht so deutlich wie in der Zeichnung, aber mit etwas Fantasie konnte man es erkennen. Tava fuhr noch einmal mit den Fingerspitzen darüber.
      Dann kam sie zurück.
      "Ich mag es. Es ist wie ein persönliches Zeichen. Wie ein... Name."
      Sie ging neben dem Feuer in die Hocke und sah kurz in den Topf hinein.
      "Wenn ich irgendwann mein Alchemistensiegel bekommen sollte, dann kann ich es als Marke hernehmen. "Tavas Gebräu" und daneben das Horn und Feuer. Wie ein Gütesiegel. Gütesiegel für gute Alchemie."
      Ihre Augen funkelten von der Idee, als Alchemistin anerkannt zu sein und auch noch einen Namen zu haben. So wie die ganz großen Alchemisten, deren Rezepte in jedem Geschäft verwendet wurden. Und bei Tava würde man eben gleich an dem Horn und Feuer erkennen, um wen es sich handelte. Wer dieses einzigartige Alchemistenfeuer entworfen hatte.
      Sie sah Devon wieder an und wurde wieder ernst.
      "Aber das heißt nicht, dass ich noch eine Geschichte haben will. Das hat echt wehgetan. Tu mir nie wieder weh, Devon."
    • Das Verbot hatte Malleus mit einem unwilligen Murren quittiert. Im Schneidersitze saß er am Feuer, während Devon über ihn wachte wie die Glucke über ihr Küken. Dem Lacerta zuliebe blieb er brav sitzen. Weit gekommen wäre er ohnehin nicht, selbst wenn die Kraft dazu aufgebracht hätte. Also ersparte Malleus ihnen beiden die unangenehme Diskussion. Die Spannung lag noch spürbar in der Luft, aber sie bescherte ihm endlich keine Kopfschmerzen mehr. Malleus begnügte sich damit, dem Gespräch zu lauschen. Mehr als einmal erwischte er sich dabei, wie seine Finger auf seinen Knien zuckten und sich um Luft schloss, wo es ihm nach einem Kohlestück und einer Papierseite verlangte.
      "Ich mag es. Es ist wie ein persönliches Zeichen. Wie ein... Name.", hörte er Tava sagen, nachdem sie aufgesprungen und zum plätschernden Fluss geeilt war.
      Leicht hob Malleus den Blick vom Feuer und betrachtete seine Gefährten.
      Ja, seine Gefährten.
      Daran hatte sich im Grunde nichts geändert. Es war alles nur...komplizierter geworden.
      Malleus hatte dabei zugesehen, wie Devon das Symbol in den Sand gezeichnet hatte und sich daran erinnert, wie leidenschaftlich diese Hände seinen Hals gepackt hatten. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Wenn er nun daran dachte, wie der Lacerta sich nackt in ihrer kurzweiligen Zuflucht an seinen Rücken gepresst und ihn gebissen hatte, verwandelte sich das idyllische Bauernhaus in eine hungrigen, mordlüsternen Dschungel. Farne und wildes Efeu spross aus den Dielen und große, geschlitzte Blätter schotten das Sonnenlicht vor den Fenstern ab. Malleus hob die Hände und rieb sich über die Schläfen. Das Fläschchen mit Tavas Tinktur wog schwer in seiner Brusttasche.
      "Wenn ich irgendwann mein Alchemistensiegel bekommen sollte, dann kann ich es als Marke hernehmen. "Tavas Gebräu" und daneben das Horn und Feuer. Wie ein Gütesiegel. Gütesiegel für gute Alchemie."
      Insgeheim beneidete er Tava darum, dass sie aus all dem Grauen etwas Gutes ziehen konnte.
      Das einzig Gute, dass Malleus sah, war, dass sie alle noch atmeten und nicht im Dschungel von Tel'Aquera verrotteten.
      "Aber das heißt nicht, dass ich noch eine Geschichte haben will. Das hat echt wehgetan. Tu mir nie wieder weh, Devon.", fügte sie ernst hinzu und Malleus nickte, obwohl sich niemand zu ihm umdrehte, um es zu sehen. Was in dieser Nacht und im Morgengrauen geschehen war, sollte sich niemals wiederholen.
      Malleus leckte sich über die spröden Lippen.
      Er zögerte.
      Was für ein...lästiges Gefühl. Diese Unsicherheit, die ihn seiner Worte berauben wollte.
      Dann, wie aus dem Nichts und aus weiter Ferne, trug eine sanfte Brise seine Stimme über das Knistern des Lagerfeuers.
      "Was für ein Zeichen würdest du mir geben, Devon, wenn du die Gelegenheit dazu hättest?", formulierte er die Frage mit Bedacht.
      In seiner Stimme schwang keine Erlaubnis mit, aber unerwartet ehrliches Interesse. Es war das erste Mal seit ihrem Aufbruch aus dem Dschungel, dass er Malleus ohne Aufforderung aufrichtiges Interesse an einer ihrer Konversationen zeigte. Vielleicht war das Thema unglücklich gewählt, aber es war auch ein kleiner Schritt auf Devon zu.
      Sein Blick ruhte wieder auf den tanzenden Flammen zwischen ihnen, als er beiläufig brummend etwas hinzufügte.
      "Bitte lass es nicht noch ein Drache sein. Davon habe ich wirklich genug."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava ließ einen mittelmäßig nervösen Devon zurück. Dieses Gefühl kannte er aus seinen Kämpfen nicht, aber generell schafften es seine Gefährten immer wieder, dass er sich Situationen stellen musste, die völlig neu für ihn waren. So wie auch jetzt, wo er unangenehm berührt mit dem Stock weitere Linien in den Boden kratzte, um sich irgendwie zu beschäftigen. Als er bemerkte, dass er Tavas Puls immer besser hören konnte, wusste er, dass sie zurückkehrte. Er nahm den Kopf hoch und beäugte sie von der Seite aus. Dann verkündete sie, dass sie das Zeichen als eine Art Namen sah und eine gewaltige Last fiel von seinen Schultern ab. Tava hatte ihm nicht nur verziehen. Sie hatte damit auch ihren Platz in seiner Kultur anerkannt.
      „Das klingt gut“, brachte der Jäger etwas unbeholfen auf die Idee einer Marke hervor. „Damit weiß auch jeder sofort, dass es definitiv dir gehört. Immerhin verkörperst du es jetzt.“
      Seine angespannte Miene wurde etwas weicher. Einen Moment lang schaffte er es sogar, die Tage in Tel’Aquera auszublenden und ja, sogar Malleus ein Stück weit auszublenden, wenn er nicht unmittelbar in Sichtweite war.
      „Ich versuche mein Bestes.“ Mehr konnte Devon nicht versprechen. Sicher, so etwas wie bei seinem Stamm würde er nie wieder tun, aber wenn er sie gröber anfassen oder gar werfen müsste, um sie vor Angriffen zu bewahren, so würde er keinesfalls zögern. „Du kriegst nur eine Geschichten, wenn du es auch willst.“ Damit konnte er sehr gut leben.
      „Was für ein Zeichen würdest du mir geben, Devon, wenn du die Gelegenheit dazu hättest?“
      Schon bei der ersten Silbe war Devon ganz ruhig geworden. Er musste sich nicht umdrehen, um seine Sinne auf den Mann in seinem Rücken zu fokussieren und dessen Herzschlag schlagen zu hören. Der Wind stand so günstig, dass ihm Nuancen von Malleus‘ Geruch um die Nase wehten, doch er fand keine Angst, keine Scham darin. Es roch nicht so sauer oder dumpf wie kurz nach dem Desaster. Es war überraschend… neutral. Dann gewährte sich der Jäger einen Augenblick, ernsthaft über diese Frage nachzudenken.
      „Bitte lass es nicht noch ein Drache sein. Davon habe ich wirklich genug.“
      Devon schmunzelte. „Drachen sind im Dorf ein schlechtes Omen. Wir koexistieren, aber du bist keiner. Wenn, dann träfe mich solch ein Bildnis eher“, meinte er nüchtern und griff sich seinen Stock, um langsam zu Malleus herüber zu gehen. Sein Gangbild war locker, ein Spiegel seiner Gefühlslage. Wie konnte er auch nicht auf den kleinen Friedenszweig reagieren, den der Kultist ihm schweigend reichte? Also hockte er sich vor ihm hin, nachdem er ihm den Rücken zugewandt hatte, um das Zeichen nicht auf dem Kopf zu ziehen. „Ich mag das nicht auf Abruf überlegen. Da sollte normalerweise viel Zeit einfließen.“
      Trotzdem zog er einige Linien in wellenartiger Struktur in den trockenen Boden. Mehr und mehr von ihnen reihten sich aneinander bis sie einen aus der Distanz gesehen geschlossenen Teppich bildeten.
      „Ich würde vermutlich etwas hier raus machen. Das heißt so viel wie Schatten oder Nebel. Etwas schwer Greifbares und Mysteriöses“, erklärte Devon schließlich, was er da in den Boden geritzt hatte. Er würde sicherlich mit einem passenderen Zeichen um die Ecke kommen, wenn er sich mehr Zeit dafür nähme. Doch das war das erste, was ihm dazu in den Sinn kam.
    • "Es gibt bestimmt genug Leute, die meine Anwesenheit als böses Omen bezeichnen würden", warf Malleus ein.
      Jeder Schritt des Lacerta in seine Richtung wurde förmlich belauert, aber er zuckte nicht zurück, als Devon sich vor ihm in die Hocke begab. Malleus neigte sich ein kleines Stückchen zur Seite, um einen besseren Blick auf das Kunstwerk im Sand zu bekommen. Er reckte den Hals, während Devon eine Linie nach der anderen zog. Beim Anblick des Wellenmusters bildete sich eine nachdenkliche Falte zwischen seinen Augenbrauen. Ein verstehendes Brummen rumorte in seiner Kehle, dann lehnte sich der Kultist wieder zurück.
      Einen Augenblick lang nahm er sich die Zeit, um die Situation zu betrachten.
      Devon, der eine spontane Geschichte im Sand niederschrieb und dessen Schultern gerade zu entspannt wirkten. Tava, die sich zu ihnen gesellte und neugierig über die Schulter des Lacerta spähte. Es war fast ein wenig wie früher, als sie gemeinsam über Plänen gebrütet hatten. Malleus zog das Kinn an die Brust und für eine Sekunde, wusste er nicht, was er davon halten sollte. Zuzugeben, dass er sich die 'alten Zeiten' zurückwünschte und doch nicht über seinen eigenen Schatten springen konnte, nicht so wie er wollte, stellte ihn vor eine unüberwindbare Hürde.
      Er vermisste es, zusammen um ein Feuer zu sitzen und sich Geschichten zu erzählen. Richtige Geschichten. Er vermisste das Gefühl von Kohle zwischen seinen Fingern und Tavas Kopf an seiner Schultern. Es war eine lächerlich kleine Geste, aber er hatte es genossen mit bloßen Fingern ihr Haar zu berühren, weil er es konnte. Malleus vermisste die starke Hand in seinem Rücken, mit der Devon ihn auf seine ganz eigene Art auffing.
      Aber seit Tel'Aquera erstarrte Malleus, sobald er auch nur den kleinen Finger ausstreckte. Er fror ein, presste die Lippen aufeinander und ließ Devon und Tava gegen eine Mauer laufen. Egal was er tat, er konnte sich beim besten Willen nicht überwinden. Wunden des Geistes waren komplizierter, als Wunden des Fleisches. Also blieb er einfach genau dort sitzen, die Hände in seinem Schoß.
      "Hmm...", brummte Malleus.
      Erst betrachtete er das Zeichen am Boden, dann das markante Profil des Lacerta. Zumindest das, was seine Verhüllung noch preisgab. Selbst Malleus hatte sein Haupt mit einem Tuch bedeckt, um ein Teil seines Gesichtes zu verstecken. Das Letzte, das sie brauchten, war Menschen, die ihn erkannten.
      Malleus lehnte sich wieder etwas vor. Die Regung war so klein, dass das menschliche Auge, sie kaum erfassen konnte. Ein winziges Stückchen in Richtung Devon und Tava.
      "Also...du hältst mich für mysteriös...?", hakte Malleus nach und zu seiner eigenen Verwunderung, hob sich sein Mundwinkel leicht an.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ich habe dich früher für unberechenbar gehalten. Mittlerweile sehe ich das etwas anders.“
      Devon drehte sich nicht um, sondern fügte der Geschichte am Boden mit dem Stock hier und da noch Details hinzu.
      „Eine Geschichte, die ein persönliches Zeichen darstellt, umfasst alles, was dich bis zu dem Zeitpunkt der Niederschreibung ausmacht. Wenn ich an den Kult denke, dann wirst du für viele genau das sein. Mysteriös, eine Legendengestalt. Der Mann, der aus dem Feuer auferstanden ist. Für mich warst und bist du jetzt wieder wie der Nebel. Ich strecke meine Hand nach dir aus und du rinnst mir zwischen den Fingern hindurch. Ein kalter Schauer, der mir bedeutet, dass du definitiv da bist, ich dich aber nicht zu fassen bekomme.“
      Devon hatte genug Zeit gehabt zu überlegen, wie sein Verhältnis mit Malleus einmal gewesen und nun war. Es war wie der Wurf eines Bumerangs: Weit weg hatte ihre Beziehung gestartet, traf ihren Höhepunkt und entfernte sich dann rasant wieder. Nur hatte dieser Bumerang bei seiner Rückkehr einen Faden an sich heften, an dem Devon zu ziehen gedachte, sobald sich das Wurfgerät zu weit entfernte. Das war die Markierung gewesen, die Malleus nun auf seinem Körper trug und die irgendwann zwar verblassen, aber nie verschwinden würde. Es war die Pflicht eines Jägers – Devons Pflicht – den Bund mit Malleus zu wahren. Ebenso, wie es für Tava galt. Lacerta banden sich bis zum Tod an ihre Partner und manchmal sogar darüber hinaus, wie man bei Escholons Mutter sehen konnte.
      „Vielleicht sollte ich einfach selbst die Geschichten weiterentwickeln. Wie einen Dialekt“, überlegte Devon laut, ließ den Stock fallen und richtete sich wieder auf. Dabei legte er seine Hand an Tavas Horn, fuhr die harte, gewundene Oberfläche nach unten zu ihrem Kopf und wuschelte ihr Haar zwischen ihren Hörnern durcheinander. „Dann werde ich jemanden brauchen, der es aufschreibt. Oder zeichnet. Eigentlich eher zeichnet, weil es ja Zeichen und keine Worte sind.“
      Die roten Augen zuckten zur Seite, wo Malleus den Hauch eines Blickes wahrnehmen können würde.
    • Malleus brummte verstehend. Obgleich sich sein Blick wieder in der Ferne über den goldenen Feldern verlor, hörte er aufmerksam zu. Was sich nach ehrfürchtiger Schmeichelei anhörte, bekam aus Devons Mund eine gänzlich andere Bedeutung. Malleus senkte den Blick auf seine Hände und er krümmte die Finger um etwas, das nicht da war.
      Eine Tatsache stand für ihn ohne Zweifel fest, da hatte Devon seine Erklärung noch nicht einmal zu Ende gebracht. Er wollte nicht sein wie der Nebel, unerreichbar und einsam. Zwischen Zeilen beschrieb der Lacerta ein sehr, sehr einsames Leben, ob er nun beabsichtigt hatte oder nicht. Devon hatte ihn nachdenklich gestimmt.
      „Vielleicht sollte ich einfach selbst die Geschichten weiterentwickeln. Wie einen Dialekt“, sagte Devon und Malleus‘ Aufmerksamkeit zuckte zurück in seine Richtung, kaum verließ der Lacerta seine entspannte, gehockte Haltung.
      Es war wie ein neuer Reflex, mit dem der Kultist sich noch arrangieren musste. Er war sich Devons Präsenz schon immer überdeutlich bewusst gewesen, doch seit der Nacht im Dschungel, hatte dieses Gefühl eine neue Spitze erreicht.
      „Dann werde ich jemanden brauchen, der es aufschreibt. Oder zeichnet. Eigentlich eher zeichnet, weil es ja Zeichen und keine Worte sind.“
      Jetzt zog Malleus eine Augenbraue in die Höhe.
      Der Lacerta mochte Gebräuche und Geschichten mit ihnen geteilt haben, aber nachdem Devon das Skizzenbuch mit seinen kleinen, verräterischen Zeichnungen gefunden hatte, erstaunte es Malleus, dass er ihn auf diese Weise einlud.
      Ein schmales Lächeln umspielte die spröden, aber vollen Lippen des Kultisten. Die Andeutung eines Grübchens erschien auf seiner linken Wange. Er triezte Devon nicht dafür, dass er ihn nicht direkt fragte oder darum bat. Trotzdem fühlte sich dieser Moment verdächtig nach Früher an, bevor es ein Vor Tel’Aquera und ein Nach Tel’Aquera gegeben hatte.
      „Ich würde mich geehrt fühlen, wenn dir meine bescheidenen Zeichenkünste dabei helfen könnten“, gab er ebenso unverbindlich zurück, als hätte Devon in nicht ohnehin für diese Aufgabe ins Auge gefasst.
      Malleus lehnte sich zurück, stützte sich mit den Händen in seinem Rücken ab und erlaubte sich, die beinahe gekauerte Haltung zu lösen und die Beine auszustrecken. Er sah den knisternden und springenden Funken im Feuer zu.
      „Was werdet ihr tun, wenn wir angekommen sind? Wenn ich etwas Glück habe, sind die Stadtarchive öffentlich zugänglich. Ich vermisse den Geruch von Pergament und Tinte…“, seufzte Malleus überzogen, doch wer genauer hinsah, bemerkte das leichte Flackern in seinen dunklen Augen.
      Obwohl der Ton seiner Stimme nichts darüber verriet, lag ein zurückhaltender fast unsicherer Zug um seine Augenwinkel. Ganz offensichtlich war Malleus noch nicht bereit, sich wieder in die Stille seiner Gedanken zurück zu ziehen.
      „…und einen Hauch von Zivilisation.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava sah Devon mit Überraschung und Zuneigung an. So viele Worte war sie aus seinem Mund gar nicht gewohnt und die Idee, einen neuen Dialekt zu erschaffen, schmeichelte ihr irgendwie. Schließlich war er darauf durch sie und Malleus gekommen, um ihr eigene Zeichen zu geben. Die Vorstellung gefiel ihr.
      "Ich möchte das Feuerhorn behalten", stellte Tava fest und sah zu Malleus, der ebenfalls aus seiner Schale gekommen zu sein schien. Dieses Lager schien etwas von der ständig anhaltenden Stille gebrochen zu haben. "Das steht jetzt für Tava."
      „Was werdet ihr tun, wenn wir angekommen sind?", fragte Malleus fast schon im Plauderton. Tava setzte sich an Ort und Stelle auf den Boden, um das alte Gefühl der Gemeinsamkeit zu bewahren.
      "Wenn ich etwas Glück habe, sind die Stadtarchive öffentlich zugänglich. Ich vermisse den Geruch von Pergament und Tinte…“
      Tava rollte mit den Augen, aber auf eine freundliche Art.
      "Natürlich tust du das. Wir werden ihn nie wiedersehen, Devon."
      Sie sah kurz mit leuchtenden Augen zu ihm auf.
      "Ich will sehen, ob ich ein paar meiner Pflanzen an die Alchemisten verkaufen kann. Davon könnten wir schonmal unser Zimmer bezahlen. Und dann will ich zum Vulkan hoch!"
      Sie deutete auf den Gipfel des Berges, der sich auf dem Horizont bereits abzeichnete.
      "Vielleicht finden wir Spuren von Adrastus. Oder die Bergleute haben ihn gesehen. Oder die Jäger."
      Sie sah Devon an, dann sah sie Malleus an und runzelte die Stirn.
      "Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, ihr werdet Hörner brauchen, wenn ihr dort hoch wollt. Berge wie der da sind voll von Adlern."
    • „Wir werden eher darauf achten müssen, dass er in der Bibliothek den Ausgang wiederfindet“, stimmte Devon Tava mit einem Schulterzucken zu. Er war es gar nicht mehr gewohnt, Malleus derart in einem Gespräch verwickelt zu sehen, dass er sich schon fast Fehl am Platz fühlte. Hier draußen, kurz vor ihrem neuen Ziel, begann der Übergang zwischen Einsamkeit und Zivilisation. Hinter ihnen lag eine stumme Reise, vor ihnen das geschäftige Treiben der nächsten Stadt. Die neuen Reize und Eindrücke würden das Vergangene irgendwann überdecken, aber niemals gänzlich aus ihrer Erinnerung tilgen können. Wo Tava sichtbare Narben trug, waren die von Malleus unsichtbar. Es würde der Tag kommen, an dem seine Schulter verheilt sein würde und fast nichts mehr darauf hindeuten würde, was in der besonderen Nacht im Dschungel vorgefallen war.
      Devons Blick huschte kurz zur am Boden sitzenden Cervidia. Ob sie ihr jemals verraten würden, was wirklich vorgefallen war? Wahrscheinlich war es feige, aber hier an Ort und Stelle entschied der Jäger, diese Entscheidung dem Opfer jener Nacht zu überlassen.
      „Wenn wir kein Geld bekommen, campieren wir weiterhin draußen. Ich sehe da gar kein Problem“, meinte Devon unberührt, der in der Nähe des schlafenden Vulkans die Wärme im Boden spüren konnte, die ihn nicht so steif werden ließ wie die Tundra, die er kurzweilig durchquert hatte auf einer seiner Reisen. „Aber ich denke auch, dass wir dort mehr Informationen erlangen können. Oder neue Aufträge. Die Jägergilde hat dort auch einen Stützpunkt.“
      Neue Aufträge bedeuteten mehr Geld. Ihre Vorräte waren fast aufgebraucht und sie brauchten neue Mittel, um sie aufzustocken. Ewig auf die Rücklagen, die ihnen Malleus bisher zur Verfügung gestellt hatte, konnten sie nicht zählen.
      „Wir statten Malleus mit Hörnern aus. Aber ich glaube, ich bin denen eine Nummer zu groß“, sagte Devon schließlich, erhob sich und kehrte zu dem Feuer zurück, um die Spieße mit Fleisch zu wenden. „Er wird einfach unser Sprachkundler. Lernt die Sprache der Cervidia und meine. Dann muss er nicht in diese Sekte zurück, wenn er nicht will.“
      Das war auch ein Punkt, der im Laufe der Zeit immer weiter in den Hintergrund gerückt war. Malleus hatte offenbart, dass er der Gruppierung nie freiwillig beigetreten war. Glücklich hatte er auch nie gewirkt. Wann immer er in ihren Kreisen agierte, war er jemand anders, setzte eine Maske auf und entfernte sich von Tava und Devon. Nachdem sie so lange Zeit jeglichen Kontakt verwehrt hatte… War es da nicht möglich für ihn, dieser Gruppierung einfach den Rücken zu kehren? Er konnte… sich zumindest von diesen Ketten lösen, aber wollte er das auch?
      „… Die Spieße sind gleich fertig. Besonders lange bis nach Eisenfort ist es nicht mehr.“
    • Malleus' Mundwinkel zuckten. Trotz der Schwermütigkeit, die wie dunkle Wolken über seiner Stimmung lag, konnte er sich dem Funken von Leichtigkeit und Normalität nicht erwehren. Zumindest nicht gegen das, was für ihn über den langen Weg ihrer Reise zu einem Normalzustand geworden war. Die Gespräche, das Necken...wobei selbst Malleus von Zeit zu Zeit nicht wusste, ob der Lacerta scherzte oder es ernst meinte. Die stoische Miene war oft schwer zu deuten, aber er würde sie nie wieder mit Gleichgültigkeit verwechseln.
      "Das Tragen von Hörner überlassen wir lieber Tava. Ihr stehen sie ohnehin wesentlich besser und ich bin fest davon überzeugt, dass sie stark genug sind, um uns alle vor den Adlern zu beschützen", raunte Malleus und wagte sich näher ans Feuer.
      Jetzt saß er neben Tava. So nah, dass er sich lediglich ein wenig zur Seite neigen musste, damit sich ihre Schultern berührten. Aber er tat es nicht und er vertraute darauf, dass Tavas Zuneigung sie diese Grenze respektieren ließ. Es war ein Vertrauensvorschuss, der auf dünnen Pfählen stand.
      "Dein Glaube an meine Fähigkeiten ehrt mich, Devon, aber selbst ich lerne eine Sprache nicht in wenigen Tagen", merkte Malleus an, ehe er Tava einen fragenden Blick zuwarf. "Hast du noch etwas von deiner Medizin? Ich möchte ausgeruht sein, wenn wir Eisenfort erreichen."
      Die Medizin von Raschasis hatte er nach dem Gespräch mit Tava nicht wieder angerührt, aber er trug sie für den Notfall noch bei sich. Seine Finger zuckten bei der Vorstellung eines traumlosen Schlafes und der gleichgültigen Ruhe, die das Pulver auslöste. Kein gutes Zeichen, das wusste der Kultist.
      Obwohl es ganz danach aussah, als würde Malleus den Kommentar zu den Signa Ignius ignorieren, war dem nicht so. Die Worte mit Bedacht zu wählen, erschien ihm klug.
      "So einfach ist das nicht", antwortete er nachdenklich, aber ernst. "Ich würde alles verlieren. Meinen Einfluss, mein Vermögen und alle Zugänge zu Unterstützung, die wir auf dem Weg brauchen könnten."
      Er sah Devon an.
      "Ich bin kein Krieger."
      Dann glitt sein Blick zu Tava.
      "Ich bin kein begabter Alchemist und ich kann auch nicht unbeschadet durchs Feuer gehen, auch wenn die Geschichte über mich etwas anderes behauptet. Ohne mein Stellung nütze ich uns auf dieser Reise nichts. Ich kann nicht einfach jeden vergiften, der uns den Weg versperrt. Auch wenn die Verlockung groß ist, gewisse Individuen aus dem Weg zu räumen."
      Das Eingeständnis kam ihm nicht leicht über die Lippen.
      Er seufzte.
      "Wenn wir in Eisenfort sind, werde ich nach eine Möglichkeit suchen, Amentia eine Botschaft zu übermitteln. Ich muss wissen, ob das Chaos, dass wir in Touvanen hinterlassen haben, Konsequenzen hatte. Rykard..." Malleus würde diesen Namen so schnell nicht vergessen. "...Er hat mich erkannt. Ich hätte mich schon viel früher darum kümmern müssen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava zuckte mit den Schultern.
      "Dann nehmt ihr eben keine Hörner. Aber ich bin nicht dafür verantwortlich, wenn die Adler euch erwischen!"
      Das nahmen die beiden Männer in Kauf und so war es Tava gleich. Ihre Schuld, wenn sie ohne den Nutzen zweier Hörner leben wollten.
      Sie gab Malleus noch etwas von ihrer Medizin, damit er tief schlafen konnte, dann nahm sie von Devon einen der Spieße entgegen. Neben der Wärme des Feuers ließ sie sich das Fleisch schmecken, den Blick auf den fernen Vulkan und Eisenfort gerichtet.

      Je näher sie am darauffolgenden Tag dem Vulkan kamen, desto karger wurde die Gegend. Bäume ließen sich hier nur selten blicken und das Gestrüpp am Boden sah einsam und schwach aus. Die Gegend bevölkerte nicht viel mehr als harter Stein und die Straße, welche beinahe ausschließlich von Händlern genutzt wurde, war der einzige lebhafte Punkt in der Gegend. Dafür wurde der Vulkan selbst immer größer und größer, ein beeindruckendes Phänomen, das sich in den Himmel erhob. An seiner Spitze schwebte der feine Dunst tiefer Wolken.
      Die von Tava genannten Adler tauchten auf, als die Gruppen an Reisenden sich verdichteten und die ersten Ausläufe von Eisenfort selbst ins Blick kamen. Es waren große, beeindruckende Tiere, die auf kargen Steinen und morschen Bäumen saßen und die vorbeiziehenden Menschen mit gelben Augen beobachteten. Tava fing den Blick eines der Tiere auf und zeigte ihm ihre Hörner, aber der große Vogel schaute nur und rührte sich nicht. Wahrscheinlich hatte er hier auf dem Boden keine Lust auf die Jagd, wo doch in den Höhen des Vulkans die Beute viel leichter war. Besser für ihn.
      Eisenfort selbst hatte eine stählerne Palisade mit krönenden Spitzen. Der Durchgang war offen, aber die beiden Wachen zu den Seiten standen nur zur Aufsicht und nicht zur tatsächlichen Kontrolle wie in Touvanen. Sie beobachteten die Reisenden mit gleichgültigem Blick und machten keinen Unterschied zwischen Händler und Soldat. Nur Devon warfen sie einen zweiten Blick zu, aber es wäre auch ungewöhnlich gewesen, wenn sie es nicht getan hätten.
      Hinter dem Durchgang tummelte sich die Hochburg des Handels von Eisenfort: Eine Schmiede nach der anderen, gepaart mit Materiallagern und Geschäften, um die geschmiedete Ware zu verkaufen. Aufgrund der großen Hitze, die hauptsächlich aus den Schmieden herausdrang, war alles offen. Überall konnte man ins Innere spähen und die Eisenforter Arbeiter bei ihrem Handwerk beobachten. Zum größten Teil waren es Cervidia und alle mit dicken, klobigen Hörnern ausgestattet, deren Oberflächen zwar rau, aber ebenmäßig waren. Tava verzog bei ihrem Anblick ein wenig das Gesicht. Sie hatte Eisenforter noch nie besonders hübsch gefunden.
      "Ich war vor Jahren mit meiner Karawane hier, aber das ist sehr lange her. Ich glaube, sie haben ausgebaut. Damals kam mir das nicht so voll vor."
      Sie warf Devon einen Blick zu, um seine Bestätigung zu erhaschen, dann suchte sie sich einen Weg durch die Straße. Von beiden Seiten drang das metallene Hämmern der Schmieden und der zischende Auspuff der Öfen. Dazwischen rattelten die Karren über den Stein und untermalten die Rufe der feilschenden Händler.
      Sie waren nicht sehr weit gekommen, als sich ein Cervidia ihnen in den Weg stellte, plumpgesichtig und mit leuchtenden Augen. Er trug ein weißes, formloses Gewand, das deutlich aus dem dunklen Ruß der Arbeiter und dem Grau der Schmieden herausstach und seine Hörner waren sehr unelegant, aber kräftig. Sein Blick war auf Devon gerichtet, der ihm in der Menge wohl aufgefallen war, und er legte den Kopf in einer großzügigen Geste zurück.
      "Willkommen in Eisenfort, werte Reisende! Und - oh!"
      Er sah Tava und passte seine Kopfhaltung um ein Müh an. Tava kniff irritiert die Augen zusammen.
      "Und werte Dame! Ihr stammt nicht von hier, nehme ich an?" Sein Blick galt ihren Hörnern und Tava ließ sie nach vorne kippen.
      "Nein."
      Das Lächeln des Mannes verblasste ein wenig, dann kehrte es genauso stark wieder zurück, als hätte ihre Haltung nichts zu bedeuten.
      "Dann erlaubt mir, Euer Fremdenführer zu sein! Mein Name ist Imir und ich kenne alle Orte, zu denen es euch ziehen könnte, alle Schmieden mit den besten Produkten, die besten Tavernen in ganz Eisenfort und sogar einen Weg nach oben, solltet Ihr zum Vulkan aufbrechen wollen!"
      Er sah jetzt auch Malleus an, oder eher Malleus' hornlosen Kopf.
      "Ich kann euch auch günstige Hörner für den Aufstieg besorgen."
      "Brauchen wir nicht", murrte Tava. Imir sah sie wieder an, ihre nach vorne gerichteten Hörner, aber er ließ sich nicht beeindrucken.
      "Dann erlaubt mir, Euch anderweitig behilflich zu sein! Was ist Euer begehren? Eine neue Rüstung für den großen Krieger vielleicht?"
      Er sah Devon mit aufgesetzter Ehrfurcht an.
      "Oder ein neues Schwert? Eisenforter Qualität, bestes Stahl im ganzen Land? Oder etwas Schmuck, die Dame? Feiner Hornschmuck oder lange Ketten? Oder womöglich erst einmal eine Nacht zum Ausruhen, nach der langen Reise?"
      "Gar nichts", sagte Tava missmutig und wollte ihn schon endgültig wegscheuchen, als sie Malleus ansah. "... Äh, vielleicht eine Brieftaube. Das ist alles."
      "Eine Brieftaube, kommt sofort! Unser Briefturm ist gleich in der Nähe. Folgt mir, werte Herrschaften!"
      Damit ging Imir voraus und die drei zogen ihm nach. Unterwegs sah Tava mehr von diesen weiß gekleideten Fremdenführern, die mit zurückgelegten Köpfen vor den Reisenden krochen und ihre Dienste anboten. Tava rollte mit den Augen. So weit würde sie sich niemals hinunter begeben.
      Imir führte sie an einen öffentlichen Platz, wo der Turm stand, an dem die Tauben ein und aus flogen. Das System schien danach ausgerichtet, die Briefe so schnell wie möglich zu verschicken. An seinem Eingang gingen die Leuten in Strömen ein und aus.
      "Hier sind wir", verkündete Imir fröhlich und drehte sich zu ihnen um. Er sah Tava an, schien zu überlegen, dann sagte er:
      "Falls die Herrschaften mehr Privatsphäre wünschen, kann ich einen Turm auf dem Vulkan empfehlen. Er ist den Bewohnern vorbehalten, aber, nun", er legte den Kopf wieder anders für Tava, "für Freunde gibt es Ausnahmen. Lasst es mich nur wissen und ich arrangiere den Aufstieg!"
      Tava sah Malleus an. Er sollte entscheiden, wie diskret er bei seiner Botschaft zu Amentia bleiben wollte. Tava bezweifelte nämlich, dass er dort unten, zwischen all den Händlern und Cervidia, sehr viel Diskretheit bekommen würde.
    • Neu

      Malleus zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht, als sie das Tor von Eisenfort passierten. Bereits am Fuß des Vulkans herrschte eine so drückende Wärme, dass ihm die Schweißperlen auf der Stirn standen. Er hätte die Hitze besser vertragen müssen, aber Tel’Aquera hatte seinen Tribut gefordert. Malleus war längst nicht so gut in Form, wie ihm lieb gewesen wäre. Der Aufstieg über die Handelsroute war anstrengend gewesen, doch er hatte die Hilfe ausgeschlagen und war dieses Mal sogar damit durchgekommen.
      Aus dem Schatten seiner Kapuze heraus, glitt sein Blick über die glühende Pracht von Eisenfort. Funkensprühende Feuer erhellten die Schmieden und der Takt von Eisen auf Eisen bestimmte den Rhythmus der Vulkanstadt. Zwischen den offenen Gebäude erreichte die Temperatur einen neuen Höhepunkt. Die Stadt war vor allem laut und voll. Malleus versuchte, sich von dem Schweiß, der seinen Nacken hinabperlte abzulenken, in dem er die Eisenforter beobachtete.
      Die Cervidia, die in den Schmieden auf glühendes Eisen eindroschen, unterschieden sich von Tava. Ihre Hörner waren gedrungener und massiver, die Schultern breit und die Muskeln ihrer entblößten Arme ausgeprägt und sehnig von der harten Arbeit. Ein Schmied schwang einen Hammer, dessen Gewicht für einen Menschen unmöglich zu halten war. Allein der Schwung beim Ausholen hätte einen anderen Mann von den Füßen geholt. Malleus konnte lediglich vermuten, dass er das beachtliche Gewicht seiner klobigen Hörner nutzte, um sich auszubalancieren.
      Der Geruch von glühenden Kohlen und beißendem Rauch gepaart mit dem Zischen von erhitztem Metall in großen Wasserbottichen weckte unangenehme Erinnerungen. Malleus‘ Kieferlinie trat hervor, als er die Zähne angespannt aufeinander presste.
      Als ein Cervidia in weißer Robe ihren Weg kreuzte und höflich, aber ein wenig zu aufdringlich für seinen Geschmack, seine Hilfe anbot, blieb Malleus dicht in Tavas Rücken. Er beobachtete das Gespräch schweigend, aber mit Argusaugen. Er legte die Hörner so weit vor Devon zurück, dass er sich dabei fast den Nacken verrenkte. Die Geste wirkte durch die entblößte Kehle auf unangenehme Art schon unterwürfig, aber Malleus verstand, dass er damit lediglich signalisierte, dass sie nicht Böses vor ihm befürchten mussten.
      Auch Malleus‘ Mundwinkel zuckte irritiert, als sich die Geste gegenüber Tava änderte. Er fragte sich im Stillen, ob es daran lag, dass sie eine Frau war oder daran, dass sie eine Cervidia aus einem anderen Teil des Landes war. Mit einem unterdrückten Seufzen setzte er sich in Bewegung, um dem Cervidia namens Imir durch die Straßen zu folgen.

      Am Briefturm angekommen, erwartete ihn ein erhebliches Problem. Der Turm war vollkommen überfüllt. Es würde Ewigkeiten dauern, an eine Brieftaube zu kommen. Von dem Gedränge und neugierigen Augen und Ohren wollte Malleus gar nicht erst anfangen. Der Mann rieb sich entnervt über den Nasenrücken, während er versuchte das dumpfe, unangenehme Pochen in seinem Rücken zu ignorieren. Der Schmerz war kaum der Rede wert, aber pulsierte in Wellen seine Wirbelsäule herauf.
      „Sag, Imir“, ergriff Malleus das Wort und ließ einen Teil der vermissten Geschmeidigkeit in seine noch kratzige Stimme fließen. Es kostete ihn mehr Mühe als gewöhnlich. Wie Muskel zu bewegen, der zu lange geschlafen hatte. „Gibt es ein öffentliches Archiv weiter oben am Vulkan? Sieh mich als eine Art…Historiker. Ich wäre sehr interessiert an der Geschichte dieser florierenden Gemeinschaft. Eisenfort ist wie eine Blume aus der Asche erblüht, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, und andere Städte sollten sich an ihr ein Beispiel nehmen.“
      Malleus trat nun zwischen Devon und Tava hervor. Dabei schob er eine Hand unter seine Kapuze und schien mit den Fingern an seinem linken Ohr zu nesteln. Die Lacerta hatten ihm alles von Wert genommen. Nun, fast alles. Als Malleus seine Hand zurückzog, lagen drei filigrane Goldringe darin, die zuvor die dicken Strähnen seines schwarzen Haares geschmückt hatten. Reines Gold. Es eignete sich nicht für Waffen, besaß aber als Schmuck einen beträchtlichen Wert.
      „Meine Freunde und ich schätze Diskretion, Imir“, fuhr er mit weicher Stimme fort. „Wir benötigten eine ruhige Unterkunft.“
      Er ließ den ersten Ring in seine andere Hand fallen.
      „Die Brieftaube würde ich vorzugsweise von dort verschicken, für eine persönliche Botschaft. Wenn es sich einrichten lässt.“
      Der zweite Ring wechselte die Hand.
      „Und ich wünsche Zugang zu einem Archiv und den Vulkanquellen. Privat und vertraulich.“
      Der dritte Ring fiel.
      „Wir werden uns selbstverständlich mit all unseren Belangen an dich wenden.“
      Er ließ die Ringe leise in seiner Hand klimpern.
      „Kommen wir zu einer Übereinkunft, mein guter Imir?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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