Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Malleus verfolgte Devon aus dem Augenwinkel. Das Gras in seinem Rücken raschelte, Halme bogen sich unter nackten Füßen. Ein Augenblick verstrich, dann berührte von der Sonne gewärmte Haut und Schuppen seinen vernarbten Rücken. Ein tröstliches Gewicht, das Malleus mit zwar mit Schweigen aber unmissverständlichem Gegendruck quittierte. Er verspürte Dankbarkeit für diese Geste, die Unbeteiligten belanglos erscheinen musste.
      "Ich wusste nicht, dass du nichts spürst, Malleus. An deinen Händen, meine ich."
      Kaum merklich zuckte Malleus' Kinn nach oben. Die nachdenklich zusammengezogenen Augenbrauen sah niemand. Statt Devon zu korrigieren, und das wäre angebracht, konzentrierte er sich auf die Körper und Stimmen in seinem Rücken. Er konnte nicht sehen, womit sich der Lacerta beschäftigte, aber er fühlte die Bewegungen. Wie Haut über Haut glitt. Das prägnante Gefühl der Schuppen, die lediglich eine feine Nuance kühler waren, als der Rest von Devons Körper, und deren glatte Ränder über seine angespannten Muskeln kratzten.
      "Ich hoffe sie wollen nicht deine Hörner. Dafür gefallen sie mir zu gut", sagte Devon und der tiefe Klang seiner Stimme streichelte über seine Wirbelsäule, vibrierte durch Muskeln und Knochen. Jemand zupfte an einer dicken Strähne seines Haars. Tava, zweifellos. Malleus legte den Kopf ein wenig für die Cervidia zurück.
      "Sag doch sowas nicht. Nicht hier."
      Malleus schmunzelte. Er stellte sich vor wie dieser hinreißende, rosige Ton auf Tavas Wangen glühte.
      Vermutlich hätte er schweigen sollen. Den Moment genießen, so lange er währte. Aber wer war er, sich die eigene Stimme zu verwehren, wenn Worte das Einzige waren, das ihm blieb?
      "Du warst ganz nah dran, Devon. Es ist kompliziert, aber...", raunte Malleus und ließ die Hand in das Gras am Ufer sinken. Mit einem leisen Rascheln glitten die Halme durch seine gespreizten Finger. "...das Gefühl in meinen Händen vollkommen in Ordnung. Ich weiß, dass das Wasser im Bach kalt und die Sonne auf der Haut warm ist. Dass sich das Gras unter den Fingerspitzen weich anfühlt und der frische Schnitt am Daumen brennt. Ich kann etwas spüren, aber diese Hände fühlen sich nicht an wie Meine. Die Muskeln und die Knochen darunter, die Nerven unter der Haut...Alles ist falsch miteinander und mit meinem Körper verbunden. Für mich sind es die Hände eines Fremden. Aber sobald ich Haut berühre..."
      Langsam griff Malleus über seine Schulter und berührte Devon an der Stelle, an der er die Schuppen, die sich über die Schulter des Lacerta wanden, vermutete. Er erfühlte die ebenmäßige Struktur, die markanten Überlappungen der einzelnen Schuppen, bis seine Fingerspitzen die Grenze überschritten. Federleicht, kaum mehr als die Berührungen eines der Grashalme, die sich unter ihren Körpern bogen, strich er über die Haut. Ein Bruchteil einer Sekunde verging, nicht mehr als ein Blinzeln, da verkrampften sich seine Finger. Das Zittern wurde stärker, sein Körper steifer, die Atmung flacher und schneller. Ein glasiger Ausdruck trübte seine Augen.
      Malleus war dankbar, dass weder Devon noch Tava imstande dazu waren, sein Gesicht zu sehen als die Maske bröckelte und fiel.
      "...dann bin zurück. In der Hütte. Im Feuer. Ich erinnere mich an den Geschmack von Asche auf meiner Zunge, an den heißen Rauch in meinen Lungen und an glühendes, durch Drachenfeuer geschmolzene Fleisch unter meinen Händen. Ich werde nie vergessen, wie es sich anfühlte, als meine Hände darin versanken."
      Seine Stimme war fest, der Ton klar und das Einzige, das sich seiner Kontrolle nicht entzog. Bedächtig und doch mit gewisser Eile zog Malleus die Hand zurück, doch senkte sie nicht. Er hob sie hoch genug und kehrte Devon und Tava den Handrücken zu. Wenn sie es wagten über seine Schulter zu sehen und den Blick zu heben, begrüßte sie das vertraute Bild der tiefschwarzen Linien, die mit Tinte unter seiner Haut verewigt waren. So fest seine Stimme anmutete, so unstet war seine Hand, deren Zittern er nicht bändigen konnte.
      "In der Nacht, in der ich Amentia darum bat, musste ich mich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Keiner meiner glanzvollsten Momente, befürchte ich."
      Ein tiefer, schwerer Atemzug löste sich aus seiner Kehle, als Malleus die Hand in den Schoß und seinen Hinterkopf gegen Devons Schulter sinken ließ.
      "Der Grund, aus dem ich euch nicht berühre wie ich es möchte - und ich versichere euch, das will ich - ist, dass ich in keines eurer Gesichter sehen will und dabei nichts anderes sehe außer einer zur Unkenntlichkeit verbrannten Leiche."
      Die Stille breitete sich aus, durchbrochen vom Plätschern der Baches und dem Rauschen des Windes in den Bäumen. Die Hand an seinen Haaren war erstarrt. Malleus hielt sich vor Augen, wie die Farbe schon längst aus Tavas Gesicht gewichen und die Wirkung von Devons Bewunderung für ihre Hörner längst verpufft war.
      Ein tonloses Lachen rüttelte an den Schultern des Kultisten.
      "Es neigt dazu, die Stimmung zu ruinieren."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Da war er also, der Moment, in dem Devon auch für Malleus zum Monster werden konnte. Allerdings anders, als er es sich je vorgestellt hatte. Erfahrungen hatten sie alle bis hierher getrieben und zu dem gemacht, was sie schlussendlich waren und noch immer würde der Lacerta felsenfest behaupten, dass man selbst entscheiden konnte, wie man jemand anderen betrachtete. Allerdings hatte er nicht das erlebt, was Malleus widerfahren war. Nicht das gesehen, was Tava gesehen hatte. Nichtsdestotrotz beruhigte Devon die Vorstellung, erst dann, und nur dann, zu dem Monster zu werden, vor dem sich der Kultist wahrlich fürchtete. Eine entstellte Kreatur, geschaffen aus einer Erinnerung und nicht real, doch so greifbar, als wäre sie es doch. Tief in seinem Inneren wusste Devon jedoch eines: Das, was er als Monster bezeichnen würde, hatte Malleus nur noch nicht zu Gesicht bekommen. Und er würde alles daran setzen, dass dies auch so blieb.
      „Welche Stimmung?“, sagte Devon gedehnt und spielte weiter mit Strähnen rötlichen Haares der Cervidia zwischen seinen Beinen. „Ob ich jetzt in negativen Gedanken versinke oder mehr Verständnis für dich gewinne ist doch einerlei. Oder, Tava?“
      Es gab nichts, um das Erlebte aufzuwiegen oder es auszubessern. Es war nun mal ein Teil der Seele, tief verankert und überlebenswichtig für den Geist, selbst wenn es schlimme Erfahrungen waren. So wie der Moment, als dutzende Augenpaare durch die Luft geflogen waren und Devon allesamt anklagend angestarrt hatten. Es war nur ein Sekundenbruchteil gewesen, doch für ihn hatte es sich wie Minuten angefühlt. Diesen Anblick würde er auch nicht mehr vergessen. Genauso wenig wie den Schmerz und die Wut, die seine Sinne komplett übermannt hatten.
      Ungewöhnlich betroffen schlang Devon die Arme um die kleine Cervidia und drückte sie an sich, den Blick stur in die Weite gerichtet. Sein Entschluss stand fest, das Versprechen war gesprochen. So saßen sie hier, bis der Himmel sich schließlich verdunkelte und die Schleusen des Monsuns öffnete, der binnen Sekunden die Drei von der Wiese vertrieb und ihre Spuren verwusch.

      Bis zum Anbruch des Abends ließ man Devon, Malleus und Tava in Ruhe. Zwar konnte Devon in seiner Hütte nie gänzlich abschalten – immerzu sah er aus dem Fenster in der Erwartung, jemand stürme geradezu in seine Hütte – und auch Tava und Malleus wirkten alles andere als entspannt, doch der erwartete Ansturm blieb aus. Zumindest bis das Licht goldgelb wurde, als sich die Sonne langsam hinter die Wipfel der riesigen Bäume zurückzuziehen begann.
      Dann hob die Hand von Nishilia den Vorhang zu Devons Hütte an und ihr Gesicht erschien mit gefasster, wenn auch besorgter Miene im Schein des Feuers. „Sie sind bereit. Es geht los.“ Ihr Blick sprang von Tava zu Malleus, die sie mit düsteren Mienen ansahen.
      Devon richtete sich auf. „Wir kommen.“ Dann wandte er sich seinen Begleitern zu. „Der Rat hat entschieden. Eure Prüfungen werden jetzt abgehalten.“
      Und er konnte rein gar nichts dagegen unternehmen.

      Der Geruch von verbranntem Holz und gebratenem Fleisch schwängerte die Luft, als Devon, gefolgt von Malleus und Tava, hinter Nishilia den Weg zum Dorfplatz einschlug. Das helle Sonnenlicht war beinahe vollständig hinter den Baumwipfeln verschwunden und tauchte die Siedlung in ein schummeriges Licht, das von Fackeln herrührte, die man am Rand des Pfades und des Platzes aufgestellt hatte. Niemand stellte sich ihnen in den Weg, obwohl der Platz überlief mit Lacertas sämtlichen Altersklassen. Keiner wollte sich das Urteil des Dorfältesten entgehen lassen. Die Geräuschkulisse war atemberaubend: zischende und grollende Lacerta, deren Stimmen sich mit dem Johlen von Kindern vermischten. Ein gleichmäßiger Rhythmus von Trommelschlägen schwoll an, je näher sich die Gruppe dem Zentrum des Dorfplatzes näherte, wo sich die anwesenden Lacerta auffächerten und ihnen Platz machten.
      Inmitten des Platzes brannte das große Hauptfeuer – gespickt mit bunten Fahnen, die aufsteigend in den Holzhaufen gesteckt worden waren und unterschiedlich schnell abbrennen würden. Am Boden waren Speere in die Erde gerammt, auf denen Tiere des Waldes aufgespießt waren und am Feuer brieten. Vor dem großen Feuer stand der Älteste, flankiert von seinen Ratsmitgliedern, und wartete auf das Erscheinen der Prüflinge. Nishilia nickte nur ab, schenkte Devon einen aufmunternden Blick und gesellte sich dann zu den restlichen Schaulustigen, ganz in der Nähe von Schalessa und Schirasa. Devon postierte sich vor seinen Gefährten, das Kinn kühn auf die Brust gezogen.
      „Ishilin, du trägst die Prüfungen deiner Gefährten nicht aus“, erinnerte der Älteste den Jäger, der keinen Zentimeter wich. „Folgst du den Regeln nicht, werden ihre Tribute als nichtig anerkannt und sie verwirken ihr Recht, hier zu sein oder jemals zu gehen. Willst du das?“
      Die Muskeln an Devons Kieferpartie traten leicht hervor. Nein, er wollte ihnen die Möglichkeit nicht verbauen, andererseits wollte er sie jedoch auch nicht in eine Prüfung schicken. Solche Prüfungen gingen immer mit Verlusten einher und gerade Malleus konnte nicht noch mehr verlieren als er ohnehin schon hatte. Und Tava war nicht bereit für die Grausamkeiten seines Stammes. Notgedrungen wandte sich Devon zu seinen Begleitern um. Ihre Blicke trafen sich und er verstand, dass er sich hier nicht schützend vor sie stellen konnte. Nicht vor sie stellen durfte. Deswegen nahm er einen tiefen Atemzug und trat zur Seite, worauf ihn direkt zwei Krieger mit geknüpften Seilen in den Händen flankierten.
      Irritiert suchte Devon den Blick des Ältesten. „Was soll das?“
      „Eine Sicherheit für die Umgebenden geben, solltest du dich nicht zügeln können.“
      „Gebt ihr mir einen Grund dazu?“
      Darauf schwieg der Älteste und wartete darauf, dass Devon sich von den Kriegern fesseln und auf die Knie setzen ließ. Missmutig sah er zu Tava und Malleus herüber. Das war sicherlich nicht so, wie er es geplant hatte.
      Mit einem Zeichen bedeutete der Älteste Tava, vorzutreten. Die komplette Gesellschaft der Lacerta stellte ihre Unterhaltungen und Gesänge ein, als man darauf wartete, dass die Cervidia der Aufforderung nachkam. Vom Boden aus nickte Devon ihr ermutigend zu und als sich alle Augenpaare auf sie gerichtet hatten, wurde ihr der Druck zu schwer. Tava trat vor den Ältesten, der die Cervidia musterte und schließlich auf ihren Kopf zeigte. „Wir fordern als Tribut eines deiner Hörner.“ Die umliegenden Lacertas stießen einen gemeinsamen Ton aus, der wie eine Zustimmung klang.
      Devon starrte den Ältesten entgeistert an. „Das gleicht dem Entfernen unserer Geschichten oder dem Abschneiden der Ohren!“, fuhr er den Ältesten an und kassierte einen Rempler von einem Krieger neben ihm. Da weder Tava noch Malleus verstanden hatten, was der Älteste gefordert hatte, übersetzte er es ihnen. „Die wollen eines deiner Hörner“, knurrte Devon, wobei ihm die Stricke in die angespannten Handgelenke schnitten. „Das ist dein Tribut, das Zeugnis deiner Hingabe zum Stamm.“
      Innerlich kochte Devon vor Wut ob dieser horrenden Forderung. Vielleicht schätzten seines Stammesmitglieder völlig falsch ein, wie ausschlaggebend die Hörner für eine Cervidia waren. Dass sie nicht nur Waffe, sondern auch Kommunikationsmittel darstellten. Das kam davon, wenn man als exkludierter Stamm im Nichts lebte und die Augen vor der Außenwelt verschloss.
      Nur besaß Devon nicht das Recht, für Tava zu sprechen. Das musste sie schon selbst übernehmen.
    • Tava lief nervös über einen Platz, der von Lacertas nur so schwärmte. Von überall her waren sie herangekommen, um jetzt mit zischenden Lauten das Trio zu beobachten, das hinter Nishilia herlief. Von irgendwo dröhnte eine Trommel, gleichmäßig und tief, wie das Schlagen eines monströsen Herzens. Tava konnte nicht bestimmen, ob die Leute hier waren, weil die Prüfungen für sie ein Spektakel waren, oder weil sie auf Beute hofften. Wo immer sie hinblickte, starrte sie in böse oder ausdruckslose Gesichter, die ihr entgegen sahen. Sie senkte die Hörner, um die Lacerta auf Abstand zu halten, aber das half nicht, ihre Nerven zu besänftigen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte sie ernsthaft das Gefühl, hier in der Falle zu sitzen.
      Der Platz lichtete sich für ein großes - naja, vielleicht mittelgroßes - Feuer, das geschmückt worden war und ein Festmahl bereit hielt. Davor standen die alten Lacerta, die Tava bei ihrer Ankunft schon kurz gesehen hatte; sie erwarteten sie. Was auch immer stattfinden würde, es würde vermutlich auf diesem Platz geschehen. Ein kleiner Trost, nachdem das Feuer ihnen so nahe war. Tava blickte zu den Flammen empor und schöpfte aus dem vertrauten Anblick ihren Mut.
      Ishilin, sska’resh zik’thar ak-sserin xal“, sagte der eine und klang dabei sehr ernst. In ihrer unmittelbaren Umgebung wurde es ruhiger, damit die Zuschauer ihn ebenso verstehen konnten. "Sskaresh zhak-riss ak-sserin kolar, zessh tal’xren vak’ssir ak-thor. Zharash ssen’kharr xal’ren, sskaresh zhai?"
      Tava sah zwischen ihm und Devon hin und her. Sie verstand einzelne Wörter von dem, was Nishilia ihnen beigebracht hatte, aber längst nicht genug, um die Unterhaltung gänzlich zu begreifen. Irgendwas mit Prüfung und Regeln. Eine Mahnung etwa?
      Devon starrte den Lacerta einen Moment lang weiter an, dann drehte er sich zu ihnen um. Sein Blick lag zuerst auf Malleus, dann auf Tava und in seinen Augen steckte eine Tiefe, die mehr aussagte, als die gesprochenen Worte. Tava bekam es mit der Angst zu tun. Sie sah ihm unruhig nach, als er zur Seite trat und sofort von zwei großen Lacerta mit Seilen umgeben war. Devon wechselte ein paar scharfe Worte mit dem Ältesten, dann begannen die anderen beiden ihn zu fesseln und auf die Knie zu stoßen. Tava zeigte ihnen die Hörner, aber sie schritt nicht ein. Stattdessen rückte sie näher zu Malleus heran.
      Alle Blicke wanderten wieder zum Ältesten und er bedeutete Tava mit einer Geste vorzutreten. Tava sah erst Devon, dann Malleus an und trat schließlich vor. Sie konnte das hier, sie konnte sich dieser Prüfung stellen. Wie schlimm konnte es schon werden? Sie hätte in allen Fällen ihr Feuer, das ihr zur Seite stand, und in dieser Gegend brannte wirklich alles. Sie würde doch so eine einzelne Prüfung bestehen.
      Der Lacerta musterte sie einen Moment lang, dann zeigte er auf ihre Hörner.
      Sszhar vek’ssir tal’xren akh’rass shor.
      Sie forderten was? Tava verstand das Wort nicht. Sie sah hilfesuchend in die Gesichter der umstehenden Lacerta, die alle zustimmende Laute von sich gaben. Nur Devon wirkte ganz und gar nicht glücklich.
      Ssa’kresh zirr ak-tharess xal’vorr, xorresh ak-rassir shel’krann!“, fauchte Devon und wurde gleich wieder zum Schweigen gebracht. Zu Tava gewandt fügte er hinzu:
      „Die wollen eines deiner Hörner. Das ist dein Tribut, das Zeugnis deiner Hingabe zum Stamm.“
      "Was?!"
      Tava fuhr wieder zu dem Ältesten herum.
      "Eines meiner Hörner?! Ganz bestimmt nicht!"
      Ihr Kopf ruckte nach vorne, bereit dazu, den Lacerta zu rammen. Was für eine Unverschämtheit! Wer glaubte er, wer er war?
      "Wie kannst du es wagen, darüber auch nur nachzudenken! Was kommt als nächstes, soll ich meine Hand auch noch hierlassen?! Meinen ganzen Arm?! Ich will hier weg und keine Hingabe zollen! Meine Hörner bekommt ihr nicht, nichtmal ein Stück davon!"
      Ihr Blick raste auch über die umstehenden Lacerta, eine Herausforderung an alle, ihr zu nahe zu treten. Tava würde kein Horn hergeben, im Leben nicht! Eher würde sie sterben.

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    • Das, was Tava als Reaktion auf diese Forderung losließ, bedurfte nun wirklich keiner Übersetzung. Auch wenn seine Stammesangehörigen nicht verstanden, warum Tava ihren Kopf senkte, hatte Devon mit genau dieser Reaktion gerechnet. Interessanterweise regte sich jedoch kein einziger der Umstehenden. Fast so, als warteten sie auf ein unsichtbares Signal.
      „Tava, es ist ein Tribut. Sie wollen etwas von Wert von dir und sie haben begriffen, dass es eure Hörner sind“, setzte Devon an ehe er das Wort an den Ältesten richtete. „Ihr wollt ein Stück ihrer Identität. Was sind das denn für Herangehensweisen?
      „Ein Teil ihrer Identität im Tausch für ein Teil Identität unseres Stammes“, erläuterte der Älteste ungerührt und legte die Hände auf dem Kopf seines Gehstocks zusammen. „Du weißt, dass wir ihr das Privileg auch einfach hätten unterlassen können.“
      Erneut knirschte Devon mit den Zähnen. Selbstverständlich war ihm bewusst, dass Tava oder Malleus kein Anrecht auf eine Prüfung oder einen Tribut besaßen. In ihrem Fall wollten sie ein Stück von ihr, was wollten sie dann von Malleus haben? Ein Stück Haut, um die Geschichte hier zu behalten? Bei dem Gedanken stellten sich sämtliche Haare seines Körpers auf. „Es ist… freiwillig. Wenn du dich gegen ihre Forderung stellst, dann werden sie mit dir verfahren, als wärst du die Fremde, die du bist.“ Er brachte es nicht über sich, es deutlicher auszusprechen. Seine Brust schwoll bereist an, kaum dass er sah, wie sich im Hintergrund der ein oder andere Lacertamann in Position begab.
      Ältester“, versuchte er also erneut und gab sich Mühe, die Bestürzung nicht in seiner Stimme hörbar zu machen. „Ich schlage eine Prüfung vor und kein –„
      Lautes Zischen und Fauchen erhob sich im Kollektiv aufgrund seines unerhörten Vorschlages. Niemand hatte etwas gegen die Entscheidung des Ältesten einzuwenden und Devons Verhalten zeugte von Respektlosigkeit. Die Männer zu seinen Seiten stießen ihn grob an, sodass er gereizt zurück zischte.
      „Sie hat die Wahl, so einfach ist das. Schlägt sie sie aus, ist ihr Schicksal besiegelt“, sagte der Älteste völlig ungerührt und sein Blick richtete sich auf Malleus. „Was bedeutet, dass wir seine Prüfung vorziehen.
      Er bekommt eine Prüfung?“, entfuhr es Devon in einem milden Anflug von Hoffnung. Zeitgleich löste sich Nishilia aus der Menge und führte Tava leicht am Arm gepackt aus der Mitte des Kreises. Sobald die Prüfung von Malleus begann, würde man sie zum Nachdenken vermutlich in eine der Hütten verbringen.
      Als Malleus vortrat, begleiteten ihn sogleich drei Jäger in voller Kampfmontur. Spätestens jetzt wurden seine Hoffnungen im Keim erstickt. Das sah wesentlich schlechter aus und die Befürchtung, dass sie den Menschen einfach nur tot sehen wollten, verstärkte sich.
      Dein Tribut wird eine Prüfung sein. Die Prüfung des Waldes“, verkündete der Älteste und ein freudiges Raunen schwoll in der Menge an.
      Devon musste sich diesen Satz mehrmals durch den Kopf gehen lassen und zuckte zusammen, als er Malleus‘ ratsuchenden Blick bemerkte. Sofort räusperte er sich und übersetzte. „Du sollst eine Prüfung ablegen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie dir –„
      Wieder wurde er abgebrochen, als sich die drei Jäger unangekündigt auf Malleus warfen. In einem wirren Knäuel aus Leibern gingen sie zu Boden, als sich die drei Männer Malleus‘ bemächtigten und ihm die Gliedmaßen mit Seilen zusammenbanden. Devon war schon halb dabei, aufzuspringen, als man ihn unsanft wieder zu Boden stieß. Ein Grollen löste sich aus seiner Kehle, während er den strampelnden Malleus beobachtete und sich seine Oberarme dermaßen anspannten, dass das Seil zu ächzen begann. „Ihr sollt ihn nicht anfassen!“, fauchte er wieder und stieß sich nach vorn, wobei ein Krieger sich auf seinen Rücken warf und ihn unsanft zu Boden drückte. Füßen gruben sich in die Erde, als Devon sich ungerührt unter dem Krieger vorwärts schob und auch der zweite nun eingreifen musste, damit Devon nicht noch mehr Land gewann.
      Devon fing Malleus‘ Blick ein. Er erkannte die tieferliegende Furcht des Traumas, die in diesen dunklen Augen loderte und es zerriss ihn, handlungsunfähig zu sein. Unter den Kriegern ächzte und stöhnte er, noch immer mit aller Kraft versucht, sich dem Widerstand zu erwehren. Doch seine Versuche blieben unerhört.
      Devon brüllte. Ein Laut, der ihn selbst aufgrund seiner ursprünglichen Natur erschreckte. Aber er konnte nicht anders. Und als der Älteste ihn warnend ansah, haderte Devon kurz mit sich. Seine Gedanken holten auf zu seinen Gefühlen und sein Verstand setzte wieder ein. Von einer Sekunde auf die andere erschlafften seine Glieder, seine Gegenwehr stellte sich ein. Die Warnung war klar gewesen – mischte er sich ein, würde man Malleus noch hier auf dem Platz köpfen. So hatte er wenigstens eine Chance, lebend hier herauszukommen. Das war mehr, als Devon hätte erwarten können. Sein Blick senkte sich und er kehrte in einen Zustand der Teilnahmslosigkeit ein.
      Und dann stülpten sie Malleus einfach einen Sack über den Kopf. Sie ließen ihm also keine Wahl.
      Er sollte im Dschungel von den Drachen gefressen werden. Das war sein Schicksal.
      Nichtsdestotrotz verkrampfte sich Devon, als man Malleus ungefragt über die Schulter warf und sich die drei Jäger auf den Weg in den Dschungel machten. Wenn sie richtig mies waren, würden sie Malleus nicht einmal die Fesseln abnehmen. Dann war es so gut wie sicher, dass er es nicht herausschaffen würde. Nur wusste Devon, dass dies der gute Wille des Ältesten war. Er wusste, dass seine Brüder und Schwestern den Kopf des Menschen gefordert hatten und sich der Älteste zugunsten Devons entschieden hatte. Das musste er anerkennen, ob er wollte oder nicht.
      Als die Gruppe verschwunden war, richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf Tava. „Wenn du es brauchst, bekommst du Zeit bis zum Morgengrauen zum Nachdenken.“ Der Älteste hatte eine weichere Stimmlage angeschlagen, doch sie wirkte so deplatziert wie eh und je.
      „… Du kannst bis Tagesanbruch über deine Entscheidung nachdenken“, übersetzte Devon, den man mittlerweile wieder aufgesetzt hatte. Dreck klebte in seinem Gesicht, auf seiner Brust, den Armen. „Wenn du es nicht machst, tun sie dir Schlimmeres an…“
    • Malleus behielt das Kinn stolz erhoben. Selbst im Angesicht der erregten Lacerta, die sie aufgeregt zischend einkesselten und sich gegenseitig anstießen und schubsten um einen Blick auf die Cervidia und den Mensch zu erhaschen. Nicht hoch genug um seine Kehle unterwürfig zu präsentieren, nicht tief genug um eine Botschaft der Drohung zu vermitteln. Die angespannten Kiefer bildeten eine sture, gerade Linie und die Sehnen an einem Hals stachen prominent unter der Haut hervor. Da erste Mal seit Malleus einen Fuß in das Dorf der Lacerta gesetzt hatte, hielt er sich unerschütterlich aufrecht. Die Hitze der Flammen tanzte über seine vernarbte Haut, stach in seinen Augen und brannte sich in seine Lungen. Schweiß brach in seinem Nacken aus, doch die Schultern blieben gestrafft.
      Er rief sich in Erinnerung, was Devon wenige Stunden zuvor am Bach gesagt hatte. Oder eher, was der Lacerta nicht gesagt hatte. Devon hatte seine Geschichte mit einer Bereitwilligkeit akzeptiert, die etwas in ihm erschütterte. Er betrachtete den Makel, der Malleus in allen Aspekten seines Lebens beeinflusste nicht als bemitleidenswerte Schwäche, sondern schlicht und ergreifend als das, was es letztendlich war: Ein Teil von ihm.
      Die Akzeptanz konnte nicht ungeschehen machen, was einst zerbrochen war, aber er fühlte sich leichter. Weder Tava noch Devon konnten ein Wunder vollbringen. Das Verständnis würde ihn nicht heilen, aber es sammelte einen Teil der Scherben wieder auf und setzte sie zu etwas Neuem zusammen. Etwas mit spitzen Ecken und scharfen Kanten. Etwas Krummes und Schiefes, unvollständig und auf wackeligen Füßen, aber unmissverständlich ein Anfang. Und ganz und gar Malleus.
      Die Stimme des Ältesten durchschnitt die Aufregung. Er musste sie nicht erheben, um alle Aufmerksamkeit einzufordern. Der Respekt vor dem Alter und der Weisheit war bis in den letzten Winkel des Platzes spürbar. Malleus lauschte und verstand trotzdem nur die Hälfte. Er drehte den Kopf, als Devon zur Seite trat. Ein knappes Nicken, kaum mehr als ein dezentes Zucken seines Kinns und doch von Verständnis durchzogen, sollte die Last auf den Schultern des Lacerta schmälern. Ein kurzer Blick reicht völlig aus um zu sehen, dass sein Versuch kläglich scheiterte.
      Tava trat vor und sein Blick löste sich von Devon. Der Stamm stellte eine unmögliche Forderung und Malleus' Ausdruck verdunkelte sich schlagartig. Ein drohendes Zischen in seinem Genick hielt hin davon ab, etwas wirklich Dummes zu unternehmen. Malleus knirschte mit den Zähnen und stellte den Fuß, der wenige Zentimeter über dem Boden schwebte, zurück. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er ihn zu einem Schritt angehoben hatte.
      Es kam nicht überraschend, dass Tava sich strikt gegen den Tribut aussprach. Als sich niemand auf die Cervidia stürzte, um den Preis gewaltsam einzufordern, ergriff ihn ein kurzes Gefühl der Erleichterung. Der Moment verflog so schnell wie er gekommen war. Der Älteste gebot ihm vorzutreten. Die Hoffnung, die Devons Stimme mit sich trug, starb schnell. Malleus war sich der Krieger in seinem Rücken und an seiner Seite überdeutlich bewusst. Sämtliche Muskeln in seinem Leib spannten sich an.
      "Eine Prüfung?", antwortete Malleus und instinktiv wandte er sich Devon zu, der gefesselt am Boden verweilte. "Was...-?"
      Ein flüchtiges Blinzeln und die drei Lacerta-Krieger stürzten sich auf ihn. Kräftige Körper schirmten ihn von Tava und Devon ab und rangen ihn gnadenlos zu Boden. Ächzend ging Malleus in die Knie bis sein Gesicht in den sandigen Erdboden gedrückt wurde. Hände zerrten an seinen Gliedmaßen und durchbrachen mühelos seinen Widerstand. Gegen drei Lacerta hatte der Mann keine Chance. Seile schnitten schon bald in seine Haut, als ihm die Arme gewaltsam auf den Rücken gezogen wurden. Die Sehnen und Muskeln in seinen Schultern protestierten unter der Behandlung. Malleus schmeckte Erde und Blut in seinem Mund. Er musste sich in die Wange gebissen haben, als er zu Boden gegangen und sein Kopf auf dem Boden aufgeschlagen war.
      Nichts, nicht einmal der Lacerta, der seinen Kopf tiefer in den Staub drückte, konnte Malleus davon abhalten den Kopf in Devons Richtung zu drehen. Malleus panisches Keuchen wirbelte Staub auf. Mit hektischen Atemzügen fixierte er den Lacerta, der sich mittlerweile in einer ähnlichen, misslichen Lage befand. Das Brüllen ging Malleus durch Mark und Bein bis etwas in seiner Wahrnehmung klickte. Seine Panik befeuerte Devon. Schlagartig wich die Spannung aus Malleus' Körper. Er presste die Wange gegen die warme Erde und sah Devon in die Augen bis dieser geschlagen den Blick senkte. Ein eisiger Knoten ballten sich in seinem Magen zusammen.
      Da versank seine Welt bereits in Dunkelheit.

      Grob schlug sein Körper auf dem Waldboden auf. Die Lacerta ließen in achtlos fallen und machten sich keine Mühe, die Fesseln loszuschneiden. Auch den Sack über seinem Kopf rührte niemand an. Allerspätestens in diesem Moment war Malleus eines völlig und ohne Zweifel bewusst: Sie hatten ihn zum Sterben hergeschleppt. Das Zischen und die Schritte verstummte in der Ferne, als die Krieger verschwanden. Vermutlich kehren sie ins Dorf zurück, da sie ihre Aufgabe erledigt hatten. Malleus wusste nicht, wo er war. Alles, was er hörte, war sein eigener, hektischer Atem und das Rauschen in seinen Ohren. Er musste sich beruhigen.
      Wie lange er dort lag, ohne sich zu bewegen, konnte Malleus nicht sagen. Es konnten Minuten gewesen sein. Vielleicht sogar Stunden. Die klamme Feuchtigkeit des Dschungels, bei Tage kaum erträglich und in der Nacht unangenehm kühl, kroch über seine Haut. Ächzend rollte sich der gefesselte Malleus auf die Seite. Er wandte sich, schabte mit dem Kopf so lange über den Boden bis der Sack über seine Augen rutschte. Dunkelheit begrüßte ihn. Das wenige Licht der silbrigen Sterne, das durch die Baumwipfel sickerte, reichte kaum für seine menschlichen Augen aus. Es roch nach Moos und verrottendem Laub. In einem Farndickicht ein paar Meter vor ihm, raschelte es leise und verschmolz mit dem Rauschen der Blätterdächer hoch über seinem zitternden Leib.
      Die Lacerta hatte ihn in den Dschungel verschleppt und sich alle Mühe dabei gegeben, dass er den Weg nicht zurückfand. Das Herz schlug wild in seiner Brust. Er war gefesselt, orientierungslos und allein in einer Umgebung, die darauf ausgelegt war ihn über kurz oder lang zu töten. Wieder raschelte es im Unterholz. Malleus strich allein von seiner gedanklichen Liste. Er wusste nicht, ob die Krieger wirklich fort waren oder was sonst noch im Dickicht lauerte. Raubtiere oder...Schlimmeres. Prüfend zerrte Malleus an seinen Fesseln. Die Knoten waren fest und ohne Hilfe nicht zu lösen. Schnaubend kratzte seine Wange über Blätter und winzige Äste.
      Eine Starre setzte ein.
      Er würde hier sterben.
      Weggeworfen.
      Wehrlos.
      Malleus zog die Knie an den Körper in einem lächerlichen Versuch, die Körperwärme zu halten. Da bohrte sich etwas in seinen Oberschenkel. Beinahe hätte der Kultist laut aufgelacht. Der Stein vom Bach steckte immer noch in seiner Hosentasche! Die nächsten, quälenden Minuten verbrachte Malleus damit, an den Stein zu kommen und kugelte sich dabei fast die Schultern aus. Würdelos robbte er über den Boden, zuckte und verbog sich bis das verdammte Ding aus der Tasche rutschte. Vor Anstrengung perlte ihm der Schweiß von der Stirn, als er den Stein umständlich in die Finger bekam. Es erforderte Konzentration und Geschick blind die Seile um seine Handgelenke zu zerschneiden. Malleus krampfte die Finger so um den Stein, dass seine Fingerspitzen taub wurden. Das reißende Geräusch klang wie die pure Erlösung in seinen Ohren. Mit einem erleichterten Stöhnen setzte Malleus sich auf und rieb sich über die wunden Handgelenke. Ein zittriger Atemzug entwich ihm, als er sich mit beiden Händen über das Gesicht fuhr.
      Das war keine Prüfung, sondern eine Hinrichtung.
      Mit zusammengebissenen Zähnen durchschnitt Malleus die Fesseln an seinen Füßen. Er bemühte sich darum, sich alle Gespräche mit Devon in Erinnerungen zu rufen, in denen die Prüfungen der Lacerta erwähnt wurden. Das Einzige, das Malleus mit Gewissheit wusste, war, dass er den Dschungel überleben musste um die Prüfung zu bestehen. Es war das Einzige, dass halbwegs Sinn ergab. Wie lange, stand in den Sternen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava hatte kaum Zeit zu reagieren. Im ersten Moment übersetzte Devon, dass Malleus eine Prüfung abhalten sollte, im nächsten waren schon Lacerta bei ihm und umringten ihn. Es wurde keine Forderung wie bei Tava gestellt, es wurde auch nicht gefragt und diskutiert, von jetzt auf gleich waren sie sofort da und packten den Mann. Tava schrie auf, zornig und ängstlich, in der Überzeugung, man könnte ihn umzubringen versuchen. Warum auch nicht? Der Stamm schien ihr brutal und unberechnebar, da hielt sie einen Kampf von drei gegen einen nicht unmöglich. Außerdem konnte sie nicht sehen, was vor sich ging, nur die Lacerta, die irgendetwas mit Malleus anstellten. Tava versuchte zu ihm zu gelangen, aber Nishilia hielt sie zurück. Devon versuchte zu ihm zu gelangen, aber die Fesseln hielten ihn in weiser Voraussicht zurück. Niemand konnte Malleus helfen, der sich mit den drei Lacerta am Boden wälzte.
      Dann war der vermeintliche Kampf vorbei und kein Blut war geflossen. Stattdessen hatte man Malleus an allen Gliedmaßen gefesselt und zog ihm jetzt einen Sack über den Kopf. Tava entspannte sich marginal, wollte aber sofort wieder einspringen, als man sich Malleus wie erjagte Beute über die Schulter warf und abzog. Nishilia hielt sie wieder zurück.
      "Halte durch, Malleus!", schrie Tava ihm nach. Die Gruppe zog in den Dschungel ab. "Wir finden dich!"
      Der Älteste wandte sich wieder an sie und Devon übersetzte mit knappen Worten.
      „… Du kannst bis Tagesanbruch über deine Entscheidung nachdenken. Wenn du es nicht machst, tun sie dir Schlimmeres an…“
      "Was ist mit Malleus? Was passiert mit Malleus?", frage Tava, wobei Nishilia sie schon wegzog. Tava kämpfte dagegen an, um nicht auch noch Devon aus den Augen zu verlieren. "Hilf ihm!"
      „Ich habe ihm versprochen, dass ihm nichts widerfährt. Das gilt auch für dich. Ich finde ihn und schaffe ihn her. Sie werden dich nicht umbringen", sagte Devon. Tava versuchte ihm zu glauben, das tat sie wirklich. Aber bei all den feindlichen Gesichtern, die sie auf dem Weg zurück begleiteten, hatte sie starke Zweifel daran.

      Nishilia brachte sie in Devons Hütte zurück und verließ sie dann wieder. Tava war sich nicht sicher, ob die Hütte bewacht würde, aber eine Flucht war sowieso unmöglich. Wohin hätte sie gehen können? Sie wusste nicht wo Devon war, sie wusste nicht wo Malleus war, sie konnte nicht durch den Dschungel fliehen und unter den anderen Lacerta gab es keine Freunde, die ihr hätten helfen können. Genauso gut konnte sie auch in der Hütte bleiben und bis zum Tagesanbruch über ihre Entscheidung nachdenken. Nicht, dass das nötig gewesen wäre - Tava würde ihr Horn nicht abgeben, unter keinen Umständen. Darüber musste sie gar nicht erst diskutieren. Nur wenn sie es nicht tat, dann würden sie ihr Schlimmeres antun. Was konnte denn schlimmer sein, als ein Horn zu verlieren? Wenn sie sie nicht einmal umbrachten?
      Tava sah sich in der Hütte kurz um, dann ging sie zu der Feuerstelle, entfachte ein kleines Feuer und setzte sich davor. Sie kroch so nah heran, bis sie die Hitze der Flammen auf ihrer Haut spürte, etwas unangenehm, aber nicht brennend. Der Anblick der Flammen beruhigte sie ein wenig, wärmte sie. Sie dachte an das größere Feuer auf dem Platz und auch dieser Gedanke sorgte dafür, dass sie sich fasste.
      Was konnten die Lacerta ihr Schlimmeres antun? Sie konnten natürlich ihr Horn mit Gewalt abreißen, aber Tava würde alles in ihrer Macht stehende tun, um das zu verhindern. Ihre Hörner würden auf ihrem Kopf bleiben, beide davon, und außerdem war es ja wohl kein Tribut mehr, wenn sie es einfach nehmen würden. Also was dann? Würde man sie doch wieder als Beute degradieren, auf die jeder Anspruch hatte? Sie dachte an den Lacerta, der sie im Wald aufgegabelt und zum Stamm gebracht hatte, der der festen Überzeugung gewesen war, dass sie jetzt ihm gehöre, nur weil er sie gefunden hatte. Und was er laut Devon mit ihr angestellt hätte...
      Tava schüttelte sich und zog die Beine näher an sich. Dann würde sie also jemand als Beute beschlagnahmen - und wenn schon. Alles war besser als ein Horn zu verlieren. Wer weiß, vielleicht konnte sie denjenigen ja abbrennen, bevor er Hand an sie legen konnte. Hier war immernoch alles brennbar, sie musste das Feuer nur erstmal entfachen.
      Und wenn man sie gar nicht erst beschlagnahmen würde? Wenn man sie bekämpfen würde, weil sie dann wie eine Fremde behandelt würde? Bei sowas würde Tava nicht mithalten können. Devon war schon um einiges besser als sie und wenn sie an Schalessa dachte und an den Kampf der beiden, konnte sie nur in Panik verfallen. Sie war nicht sehr gut mit Waffen und erst recht nicht so ausgebildet wie die Lacerta hier. Sie würden sie in Stücke hacken, bevor Tava auch nur einen Finger heben konnte. Aber das konnte sicher auch nicht im Sinn des Ältesten liegen, oder? Tava einfach auf diese Art zu verschwenden?
      Tava fröstelte und streckte die Hand nach dem Feuer aus. Sie hielt sie in die Flammen und bewegte die Finger ein bisschen. Die Flammen tänzelten um sie herum, leckten an ihrer Haut. Ein bisschen sah es so aus, als würde sie das Feuer streicheln.
      ... Und wenn sie doch einfach ein Horn hergeben würde? Sich das ganze ersparte, den Ärger, die Unsicherheit? Vielleicht ja nicht das ganze, vielleicht würde das halbe genügen? Einfach nur... ein bisschen Horn weniger? Wäre das wirklich so schlimm?
      Tava war noch nie einem verkrüppelten Cervidia begegnet. Sicher hatte sie sie auf ihren Reisen schon häufiger gesehen, die elendigen Haufen armer Cervidias, die ein Horn oder kein Horn oder deformierte Hörner hatten, niemals dazu in der Lage, unter anderen Cervidia einen Platz zu finden, immer darauf angewiesen, unter den Menschen zu leben, die den Hörnern mit Misstrauen begegneten. Solche hatte sie gesehen, ja, aber mit ihnen geredet hatte sie noch nie. Sie hielt sich lieber fern von ihnen, fühlte sich unwohl im Anblick der asymmetrischen Hörner. Würde es Tava mit einem Horn so gehen wie ihnen? Tava, die ja eh schon nicht bei anderen Cervidia lebte, die einen Menschen und einen Lacerta liebte und mit Cervidia nichts zu tun hatte? Die Alchemie beherrschte, welche ganz unabhängig von Rassen war? Wäre es wirklich so schlimm für sie?
      Aber - was dachte sie denn, natürlich wäre es so schlimm für sie! Die Hörner waren ein Teil von ihr, sie waren sie, sie waren so wichtig wie ihre Augen und ihre Hände und ihre Füße, sie waren, was Tava ausmachten. Der Älteste hatte ja auch nicht nach einer ihrer Hand gefragt und nach Malleus' hatte er auch nicht gefragt. Es ging nur um die Hörner, wieder nur die verdammten Hörner. Tava hatte gedacht, dass alle Hornjäger Menschen waren, aber anscheinend war das eine Gier, die alle Rassen betraf. Niemals würde Tava ein Cervidia-Horn freiwillig abgeben. Nur über ihre Leiche!
      Ihr Blick fiel auf einen Schrank, an dem Devon seine Sachen abgelegt hatte. Der Schein des Feuers ließ etwas Metallenes darauf aufblitzen und Tava stand auf, um es sich näher anzusehen. Sie schob ein Stück Stoff beiseite - und fand ihren Ring. Er lag da, inmitten Devons Sachen, nachdem er ihn ihr abgenommen hatte. Tavas Augen weiteten sich und sie nahm das Schmuckstück wieder an sich und betätigte es. Der Deckel klappte auf und die kleine Flamme erwachte zum Leben. Es funktionierte noch einwandfrei.
      Tava starrte einen Moment in das kleine Flämmchen, dann sah sie das Stück Stoff an, das sie dafür beiseite geschoben hatte.
      Nein, ihr Horn würde sie nicht abgeben. Aber vielleicht brauchte sie auch keine Leiche, um es zu verteidigen.
    • Langsam drehte sich der Älteste zu Devon um und gab den Kriegern ein Zeichen. „Schneidet ihn los.“
      Wie geheißen wurde Devon von seinen Fesseln befreit und kam strauchelnd auf die Beine. Sein Blick war von Feuer durchzogen, als er jeden Einzelnen auf diesem Platz als persönlichen Feind wahrnahm. Geistesabwesend rieb er sich die Handgelenke, die mit dicken, roten Striemen gezeichnet waren. „Und jetzt? Was habt ihr für mich geplant?“
      Wieder eine ausladende Gestik des Ältesten. Der Haufen an Körper teilte sich und gab den Weg in den Dschungel frei, aus dem gerade die drei Jäger zurückkamen. Ohne Malleus. Sie hatten ihn einfach weggebracht. Oder noch schlimmer… Devons Brust plusterte sich auf, völlig gewillt, diese drei Jäger zu Brei zu schlagen, wenn sie dem Menschen auch nur ein Haar gekrümmt hatten.
      Lachend kamen die Jäger auf ihn zu. „Beruhig dich, Großer. Wir haben deinen Menschen den echten Bestien zum Fraß vorgeworfen.“
      Devons Fäuste ballten sich und zuckten. Zu gern hätte er seinem Frust und seiner Verzweiflung Luft gemacht. Jede verstreichende Sekunde machte ihm deutlicher, dass er geradewegs sein Versprechen gebrochen hatte. Er hatte Malleus nicht geschützt und ihn nicht vor diesem Ausgang bewahrt. Also schnaufte er seine Wut aus so gut er es nur konnte.
      „Du hast gesagt, dass auch der Mensch zu deinen Gefährten zählt“, warf der Älteste ein. „Deine Aufgabe besteht darin, den Menschen zu finden und wieder herzubringen. Du hast bis zum Sonnenaufgang Zeit. Findest du ihn nicht, darfst du das Dorf nicht mehr betreten und die Cervidia obliegt uns. Findest du ihn, darf er mit dir das Dorf verlassen.
      Devon starrte den Ältesten an. Das war… Das war einfach… „Du willst, dass ich nach den Regeln des Stammes Malleus beanspruche…“, stellte er heiser fest. Das, was eigentlich hoch und heilig für ein Lacertapaar war und ein freudiges Ereignis war, wurde hier zu einem grausamen Spiel um Leben und Tod verzerrt. Alles, wofür dieses Ritual stand, war für ihn über den Haufen geworfen worden. Nicht nur, dass er jetzt Malleus‘ Leben in den Händen hatte, er würde im schlimmsten Fall genau das zeigen müssen, was er sorgsam weggesperrt hatte.
      Träge wandte sich Devon Tava zu, die Augen weit und unfokussiert. „Ich habe ihm versprochen, dass ihm nichts widerfährt. Das gilt auch für dich. Ich finde ihn und schaffe ihn her. Sie werden dich nicht umbringen.“ Hohl klangen die Worte in seinen eigenen Ohren, aber er hatte sie gesprochen.
      Nishilia übernahm die ehrenvolle Aufgabe, Tava vom Platz fortzuführen. Er wusste, dass man sie in irgendeiner Hütte parken würde und abwartete, ob er mit dem Menschen zurückkam oder nicht, um dann mit Tava entsprechend zu verfahren. Als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, zuckte sein Kopf zu dem Waldrand, wo die Jäger zurückgekommen waren. Jede Sekunde konnte eine Sekunde zu viel sein, in der Malleus allein im Dschungel verblieb. Sein Blick heftete sich kurz an den Ältesten, der erwartungsvoll die Augenbrauen hob. Und dann nahm Devon die Beine in die Hand und stürzte in den Dschungel hinein.

      Um Malleus kreuchte und fleuchte es. Die nächtlichen Geräusche – Schreie von seltsamen Tieren, das entfernte Donnern von schweren Schritten und tropfenden und knackenden Geräuschen – waren in fast völliger Dunkelheit nur schwer zu ertragen. Beraubt der Sicht, bestraft mit schlechterem Gehör und einem mangelhaften Geruchssinn hatte ein Mensch hier draußen fast keine Orientierungspunkte.
      Immer wieder schienen sich Schatten im Gebüsch zu verdichten. Spätestens seit der Erfahrung des Schlangendrachens, der buchstäblich aus dem Nichts gekommen war, konnte jede Sekunde ein Vertreter seiner Art aus dem Dickicht springen. Oder andere Raubtiere, denn Drachen waren nicht die einzigen Jäger hier draußen.

      Völlig überstürzt pflügte Devon durch das Unterholz. Weil er nur spärlich bekleidet war, schnitten ihm Dornen seine Haut auf und drängten ihm den Geruch von Eisen in die Nase. Hektisch sprang sein Blick umher; Sein Blick fing selbst in dieser Dunkelheit mehr auf, als er angenommen hatte. Er war sich nicht sicher, ob das schon immer so gewesen war. Ob seine Sicht in der Dunkelheit schon immer so geschärft gewesen war.
      Irgendwann hielt er schnaufend inne, riss sich zusammen. Mit fahrigen Händen strich er sich durch das Gesicht und wusste nicht, in welche Richtung er als Nächstes rennen sollte. Es gab keinen typischen Punkt, wo die Jäger ihn ausgesetzt haben konnten und wenn er in einen Drachen lief, war es Aus mit ihnen. Seine Waffe hatte er zurücklassen müssen, bei dieser Tradition ging es nicht um Ausübung von Gewalt mit den Händen. Nein, bei diesem Ritus suchte der Mann seine Frau mittels seiner Sinne und stellte sie, wenn sie sich fangen ließ.
      „Reiß dich zusammen, verdammt nochmal…“, ermahnte sich Devon leise und legte den Kopf in den Nacken. Es half nichts. Ohne Hinweise hatte er auch mit logischem Denken keine Chance, Malleus zu finden. Er würde notgedrungen auf das ausweichen müssen, was er umgehen wollte: Seine urtümlichen Sinne.
      Also konzentrierte er sich und lauschte auf den Pulsschlag, den er die letzten Wochen in und auswendig gelernt hatte. Sofort sprangen ihm dutzende andere Herztöne entgegen, schnelle, langsame, kräftige und schwache. Nichts davon war derjenige, den er suchte. Frustriert verwarf er diese Idee und ging in die Hocke. Die Jäger hatten ihre Spuren verwischt, Fährtenlesen brachte nichts. Devon ging noch weiter in sich. So weit, bis er an die Grenze kam, wo er sein rationales Wesen gegen das Urtümliche abgrenzen musste. Tief atmete er ein, und…
      Verbranntes und staubiger Boden. Das musste die Spur sein!
      Sofort sprang Devon auf und folgte der Spur, wobei er sich blind auf seinen Geruchssinn verließ. Er würde ihn führen, wie auch schon Generationen vor ihm.

      Plötzlich schien die Dunkelheit um Malleus nicht mehr nur das zu sein; dunkel. Seine Augen gewöhnten sich ein winziges Bisschen an die Dunkelheit und erlaubten ihm Umrisse und Schattierungen wahrzunehmen.
      Zwischen den mächtigen Baumstämmen und den hochgewachsenen Farnen bewegten sich Schemen. Mal größer, mal kleiner, mal näher, mal weiter weg. Als würden sie sich nicht ganz so trauen, all zu nah zu treten. In weiterer Entfernung blitze schlagartig ein rotes Augenpaar auf und durchbohrte Malleus mit stechendem Blick. In der nächsten Sekunde war es verschwunden und tauchte nicht wieder auf. Ein Grolllaut machte sich leise hinter ihm bemerkbar, wie eine leise Warnung, nicht länger an diesem Ort zu verweilen. Je länger er regungslos blieb, desto leichter wäre er die Beute für die tödlichen Gefahren hier.

      Devon verlor sich. Aus reiner Verzweiflung gab er sich dem Ursprünglichen in seiner Natur hin, die einzige reelle Chance, Malleus überhaupt zu finden. Er kannte den Dschungel gut, keine Frage, aber eine Person zu finden ohne Hinweise war selbst für ihn nahezu unmöglich. Von der anfänglichen Bewegung auf zwei Beinen war er mittlerweile in eine Mischung aus zwei und vier Beinen übergegangen. Geschmeidig übersprang er umgestürzte Bäume, wich Löcher mit einem Sprung aus und entging den Blicken in der Nacht jagender Drachen, von denen er mindestens zwei wissentlich passierte. Wie ein Bluthund verfolgte er die Spur, die langsam immer intensiver wurde, während sich seine Gedanken nur noch auf eines fokussierten: Jagen. Die Beute jagen, die man im Dschungel für ihn versteckt hatte. Dieses Mal gab es niemanden, der ihn davon abhalten würde.
      Dieses Mal wäre Malleus sein, sobald er ihn fand.
    • Schwerfällig stemmte sich Malleus auf die Beine. Die Glieder taub von den engen Fesseln. Er verzog das Gesicht angesichts des unangenehmen Kribbelns, weil das Blut langsam zurück in steife Finger und Zehen floss. Die Dunkelheit umgab ihn wie ein erdrückender Mantel. Mit den verstreichenden Sekunden verlangsamte sich seine Atmung, doch das Herz schlug ihm bis zum Hals. Panik würde ihn den Kopf kosten. Malleus verweilte unbeweglich und so still wie möglich. Mit gespitzte Ohren lauschte er die pechschwarze Nacht. Über ihm raschelte es ihm Geäst und als er den Blick hob, reflektierten silbrige Augenpaare das fahle Mondlicht. Baumbewohner, die den Neuankömmling, den Fremden in ihrem Territorium, regungslos musterten. Ein unheimlicher Anblick, der keine Bedrohlichkeit ausstrahlte, aber dennoch seinen Puls in die Höhe trieb. Ab diesem Moment ließ sich das Gefühl, ständig von allen Seiten beobachtet zu werden, nicht mehr abschütteln. Augen bohrten sich aus allen Richtungen in seinen Leib. In den Baumkronen, an den Baumstämmen und im Unterholz lauerte das Unbekannte.
      Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das spärliche Licht. Sein Blick glitt über Bäume, die sich wie Riesen in den Himmel reckten, und über Gebüsch und Gestrüpp, das im Zwielicht der Nacht zum Leben erwachte. Formen gingen in einander über. Konturen verschwammen zu schattenhaften Silhouetten, die sich ihm entgegen zu krümmen schienen. Malleus sog scharf die Luft ein. Die Schatten bewegten sich, zuckten unheilvoll am Rand seines Sichtfeldes. Obwohl ihm sein gottgegebener Verstand anschrie, das es ein Schattenspiel aus Wind, sich bewegenden Blättern und Mondlicht war, grub sich ein Gefühl in seine Brust. Es krallte sich darin fest und schuf sich gewaltsam Raum.
      Etwas lauerte in den Schatten und hatte seine Witterung aufgenommen.
      Malleus blinzelte, als sich dunkle Umrisse vom noch dunkleren Dschungel löste. Sie waren groß, schlank und lange Gliedmaßen krümmten sich zu einer verzerrten Version langfingriger Klauen. Eine Gänsehaut überzog seinen Nacken, seine Schultern und den Rücken. Für einen Sekundenbruchteil blitzten roten Irden in der Dunkelheit auf. Rot. Die Instinkte entschieden zu seinen Gunsten. Malleus wirbelte auf dem Absatz herum und stob davon bis der Dschungel ihn vollständig verschluckte.

      Ein Zweig peitschte sein Gesicht. Ein roter, brennender Striemen prangte auf seiner Wange. Malleus spürte wie heißes Blut hervorquoll. Ein paar wenige Tropfen, kaum der Rede wert, und doch eine Spur, die wie ein Leuchtfeuer in der Finsternis erstrahlte. Strauchelnd bremste der Kultist seinen Lauf. Sein Herz drohte zu explodieren, so heftig hämmerte es gegen seine Rippen. Malleus sackte keuchend nach vorn, fing sich mit den Händen auf den Knien ab. Seine Lungen brannten und schienen ihm bereits in der Kehle zu sitzen. Er bekam kaum Luft. Ein erneuter Anstieg von Panik bemächtigte sich seiner Sinne. Mit fahrigen Händen streifte er das Geäst, suchte hoffnungslos in der Dunkelheit den vermaledeiten Zweig, der die verhängnisvollen Spuren trug. Es war sinnlos. Kühler Tau überzog das Blattwerk und das Blut musste binnen Sekunden erkaltet sein.
      Ein Knacken im Unterholz ließ Malleus herumfahren. Mit zusammengekniffenen Augen spähte er durch die engstehenden Baumstämme. So breit, dass er unmöglich herumfassen konnte und so nah beieinander, dass sie miteinander verschwammen. Ein Käfig aus Rinde und Dornengestrüpp, der mit jedem Meter, den er zurücklegte, engere Kreise zog. Da! Zwischen zwei knorrigen Bäumen, bewachsen mit einer Art von Efeu und Schlingpflanzen, leuchteten wieder rötliche Augen. Lauernd krümmte sich der Schatten in seine Richtung.
      Malleus blickte der Gefahr wie in Trance entgegen bis über ihm ein Flügelschlag ertönte. Der Schatten eines Vogel bewegte sich mit weitaufgespannten Schwingen über den Waldboden. Als Malleus von den Wipfeln zurück zu den Bäumen sah, war der Schatten verschwunden. Doch die drohende Präsenz hallte nach, klebte an seinem Bewusstsein fest wie zäher Teer. Hektisch glitt sein Blick umher. Nur, weil er etwas nicht sehen konnte, bedeutete es nicht, dass es nicht mehr da war. Malleus klammerte sich an den Stein in seiner Hand, wie er sich an seinen Verstand klammerte. Ein Grollen erhob sich in seinem Rücken und Malleus schluckte den kreischenden Schmerz in seinen Lungen herunter um durch die nächste Lücke im Gebüsch zu stürzten.
      Weg von den Schatten.

      Augen und Schatten. Schatten und Augen. Immer wieder Augen und Schatten in der Dunkelheit.
      Malleus rannte und rannte...bis ihm seine Beine den Dienst versagten. Müde und schwer wie Blei verfing sich sein Fuß in einer Wurzel. Ein erstickter Aufschrei blieb in seiner Kehle stecken, als er mit voller Wucht zu Boden stürzte. Der Boden war hier abschüssig und Malleus rollte mit einem tosendem Krachen ein paar Meter den Abhang herunter. Eisige Kälte raubte ihm für einen kurzen Augenblick die Luft, als er in einem kleinen Bauchlauf zu Liegen kam. Erde und Wasser hustend zog Malleus seinen Kopf aus dem Bauch. Seine Hände versanken im durchtränkten Boden und er benötigte mehrere Versuche um wieder auf die Beine zukommen. Weiße Blitze und schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. Trotzdem setzte sich Malleus wieder in Bewegung, zwang seine erschöpften Glieder und seine pfeifende Lunge weiterzumachen. In seinen Eingeweiden breitete sich die ernüchternde Gewissheit aus. Er würde Tava und Devon nicht wiedersehen. Der Dschungel würde ihn zu Tode hetzen bevor er ihn mit Haut und Haaren verschlang.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Devon folgte der Spur, die sich scharf in seiner Nase abzeichnete. Immer wieder drehte er den Kopf, lokalisierte die Richtung neu und passte seinen Kurs an. Immer schneller trugen ihn seine Beine, sein eigener Herzschlag war der Rhythmus, zu dem er lief. Dann auf einmal traf ihn ein neuer Geruch, noch schärfer als alle anderen zuvor. Sein irrer Lauf kam jäh zum Halt, als er an einem Busch stoppte und im fahlen Licht die Blätter und Äste untersuchte. In seiner Hand ruhte ein mit Dornen gespickter Ast, der überzogen von Blut war. Kaltes, wenn auch noch nicht getrocknetes Blut. Devons Kopf senkte sich, seine Zungenspitze berührte das Blut. Seine ohnehin schon geschlitzten Pupillen wurden noch schmaler, als er den Kopf hob und der imaginären Richtung folgte, in der sich die Blutspur fortsetzte. Ein wildes, ungezähmtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
      Er hatte eine Spur für ihn hinterlassen.
      Er lockte ihn.

      Das Geräusch von brechenden Ästen und dumpfen Aufschlägen, gefolgt von einem Platschen hallte von den Baumstämmen wider. Vögel stieben auf und Kleintier flüchtete, als Malleus den Abhang hinunterfiel und im Bachlauf aufkam. Was auch immer noch nicht über seine Anwesenheit in Kenntnis gesetzt worden war – jetzt wusste es Bescheid.
      Für einen Moment lang setzte eine unheimliche Stille ein, als würde der ganze Wald den Atem anhalten. Dann tauchten etliche Augenpaare im Umkreis auf, allesamt auf den Eindringling gerichtet, der nicht hierher gehörte. Unter ihnen auch wieder dieses seltsam rote Augenpaar, zu dem sich nun noch ein weiteres gesellte. Immer stärker wuchs das Gefühl, verfolgt und beobachtet zu werden. Die Schatten wurden allmählich zu Malleus‘ größtem Feind.
      Das Gefühl wurde mit jedem Schritt erdrückender. Immer wieder konnte Malleus verdächtige Geräusche zu seinen Seiten hören. Seine Blicke fanden jedoch nichts außer den altbekannten Schatten. Und doch lief es ihm kalt den Rücken runter. Er folgte dem Bachlauf weiter, seine einzige Richtungsangabe, die vielleicht zum See im Dorf führen würde. Hier und da wandte sich der Mann plötzlich um, weil das stechende Gefühl in seinem Rücken mit jedem Schritt anwuchs. Doch nie entdeckte er etwas.
      Bis es recht nah hinter ihm knackte und er wieder herumfuhr.
      Nur um in die großen, leuchtend roten Augen einer riesigen Nachtschattenkatze zu blicken. Das Tier war geduckt hinter ihm nur knapp fünf Meter entfernt und war wie festgefroren. Die Katze war so groß wie ein Tiger, besaß Flugspannhäute zwischen den Läufen und ein samtiges schwarzes Fell mit angedeuteten Streifen. Ihre Ohren waren riesig im Vergleich zum restlichen Kopf und deuteten auf den perfekten nächtlichen Jäger hin.
      Ein Herzschlag verging.
      Zwei.
      Drei.
      Ein Vierter.
      Dann rannte Malleus mit der Katze im Nacken los. Mit einem großen Satz setzte die Nachtschattenkatze ihm nach, nicht gewillt, diese leichte Beute entkommen zu lassen.
      Wer war schneller? Die Katze oder Malleus?
    • Das Knacken im Unterholz war ohrenbetäubend und verdrängte den rasenden Herzschlag aus seinen Ohren. Malleus erstarrte zur Salzsäule. War der Dschungel noch zuvor in heller Aufruhe gewesen, herrschte plötzlich Totenstille. Mit angehaltenem Atem fuhr Malleus ruckartig herum und blickte seinem bevorstehenden Ende direkt ins Auge. Pechschwarzes Fell glänzte im Mondlicht und rasiermesserscharfe Zähne glitzerten hinter zurückgezogenen Lefzen. Die Raubkatze hielt den Kopf lauernd gesenkt. Malleus sah wie ihre prägnanten Schulterknochen in erwartungsvoller Vorfreude auf eine leichte Mahlzeit auf und ab wiegten. Stehenbleiben bedeutete den Tod. Flucht bedeutete den Tod. Jäger und Beute starrten sich einen Augenblick lang an, eingefroren in der Zeit.
      Malleus traf eine unmögliche Entscheidung. Er floh.
      Harsche Atemzüge erfüllten die Luft. Wasser stob zu allen Seiten während Malleus durch den Bach pflügte, die Raubkatze immer dicht in seinem Rücken. Ein Fauchen durschnitt die Nacht und kurz drangen bloß die eigenen, stolpernden Schritte an Malleus' Ohren. Es dauerte einen Moment zur lang bis er begriff, dass der Jäger zum Sprung angesetzt hatte. Blind warf er sich zur Seite in die Steigung des Abhanges. Die Andeutung tödlicher Krallen streifte um Haaresbreite über seine nackte Schulter. Malleus riss den mit einer Wucht herum, dass die Wirbel in seinem Genick knackten. Der Räuber schlitterte über das aufgeweichte Bachufer und fing sich doch leichtfüßig ab, weder beeindruckt noch irritiert darüber, dass seine Beute den Pranken entkommen war. Malleus schwankte bedrohlich, als er sich vom Erdreich abstieß und stolperte einen Schritt zurück. Er nahm den Blick nicht von der Bestie, die sich wieder in geduckte Lauerstellung begab.
      Das hielt er nicht ewig durch.
      Allein, dass er noch atmete, war pures Glück. Ein Sprung in die andere Richtung und die Raubkatze hätte ihm mit den kräftigen Kiefern die Kehle und das Genick zermalmt. Die überdimensionierten Ohren zuckten aufmerksam in seine Richtung. Das Warten und Abwägen wurde zum Drahtseilakt.
      Scheiß drauf. Wenn das Vieh fressen wollte, sollte es wenigstens dafür arbeiten. Grimmig bleckte Malleus die Zähne, obwohl seine Angst die Luft schwängern musste. Es war das letzte Aufbäumen vor dem Ende. Ein letzter, verzweifelter Trotz gegen das Unausweichliche.
      Malleus grub die Fersen in den Boden und hetzte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Der schlammige Untergrund bremste ihn bereits nach wenigen Metern aus. Die letzten Kraftreserven lösten sich in Luft auf und es wurde immer schwieriger, die Füße zu heben. Die Knie drohten nachzugeben, weil die überanstrengten Muskeln sich dagegen sperrten noch einen weiteren Schritt zu gehen. Er erkaufte sich keine Minuten mehr, lediglich Sekunden.
      Die Gedanken wanderten zu Tava und Devon, als ihm das erste Bein wegknickte. Malleus ging in die Knie.
      Irgendwo in der Dunkelheit hörte er Tavas herzerwärmendes Lachen. Als er die Augen schloss, sah er ihr strahlendes Gesicht. Und er sah Devon. Ein kleines Schmunzeln auf den Lippen. Ein kaum merkliches Zucken seiner Mundwinkel. Schuppen, die auf breiten Schultern in der Sonne glänzten. Langes Haar, dass im Feuerschein loderte wie die Flammen selbst.
      Tiefes Bedauern vermischte sich mit unendlicher Dankbarkeit und der Dschungel rückte in weite Ferne.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Angst.
      Der saure, beißende Geruch der Angst explodierte in Devons Rachen, als diese Emotion ihn traf. Und wenn er in Nähe war, um Emotionen und Pheromone zu schmecken, dann konnte seine Beute nicht mehr weit sein. Aber wieso hatte er Angst? Er sollte sich freuen, dass er Jagd auf ihn machte…
      Außer…
      Da! Vor ihm rasten Figuren durch den Wald, die eine aufrecht, die andere auf vier Beinen hinterher. Devon hielt in seinem wahnwitzigen Sprint nicht an, auch dann nicht, als er realisierte, dass dort gerade ein anderer Jäger Jagd auf SEINE Beute machte. Ein Schalter legte sich in seinem Kopf um und jetzt fand seine Wut und sein Zorn ein neues Ziel.
      Als Malleus in die Knie ging, sprintete der Lacerta nur wenige Meter vom Grün geschützt neben ihm in die entgegengesetzte Richtung. Als der Kultist sich seinem Schicksal ergab, setzte die Katze zum vernichtenden Sprung an. Und als sie mit federnden Gliedern in die Luft sprang, war Devon da.
      Der großgewachsene Lacerta kollidierte noch in der Luft mit der riesigen Katze und riss sie aus ihrer Flugbahn. Das Tier kreischte vor Schreck auf und als gemeinsames Bündel gingen sie im umliegenden Gehölz nieder, außerhalb von Malleus‘ Sichtbereich. Alles, was der Mann erleben würde, wären die Geräusche gewesen, wie sich das Tier gegen den Lacerta kämpfte.
      Mit flinken Bewegungen versuchte sich die Katze aufzurichten, doch Devon drückte sie rigoros nieder. Statt eines Brüllens oder anderer Ausrufe keuchte er nur schwer, stöhnte dabei nicht einmal. Er wälzte sie auf die Seite, wutentbrannte Pranken mit messerscharfen Krallen schlugen nach ihm. Massige Hände tasten sich durch das seidige Fell, als die Krallen ihm die Arme zerkratzten, wo keine Schuppen ihn schützten. Jäger und Jäger kämpften um den Sieg und damit um ihr eigenes Leben. Wieder zappelte die Katze, Devon schwang ein Bein über das Tier und drückte es mit seinem Gewicht nieder. Sie bockte, hob ihn vom Boden hoch, doch da fanden seine Hände bereits die Kehle der Katze und Finger schlossen sich wie Schraubstöcke um den Hals des Tieres. Der rasende Puls der Katze trommelte in seinen Ohren, als er mit geweiteten und fokussierten Augen begann, der Katze die Luft abzuschnüren. Pranken flogen, Blut spritzte, Haut wurde zerfetzt. Schuppen flogen durch die Luft, Leder zerschlissen. Nichts davon brachte das wahre Monster hier dazu, von seinem Opfer abzulassen.
      Malleus hörte nur den Kampf der Katze, das Knacken und Rascheln der Flora und wie der Widerstand zu einem Röcheln wurde und schließlich grausige Stille einkehrte.
      Devon würgte das Tier, bis das Genick plötzlich in seinen Fingern knackte. Mit bloßer Manneskraft hatte er der Katze das Genick gebrochen, die Oberarme bis zum bersten angespannt. Erst da ließ er von dem Tier ab, das unter ihm erschlafft war. Erst da schien er wieder zu atmen und die Angst in der Luft flaute ab. Leich zitternde Hände hoben sich von dem seidigen Pelz und er schüttelte seine Finger kurz aus. Dann drehte er seinen Torso so ein, dass er zwischen den Blättern einen knienden Mann erspähen konnte.

      Die roten Augen tauchten wieder auf.
      Ob es die gleichen Augen waren wie zuvor, würde Malleus nicht sagen können. Doch dieses Mal blieb das Augenpaar bestehen und vor allem: Es blieb nicht an einem Ort. Ganz langsam begann es, ihn zu umkreisen. Verschwand hinter Baumstämmen und tauchte gleich danach wieder auf. Hin und wieder blinzelten sie träge, aber nie verschwanden sie ganz. Noch immer wirkte es so, als würde dieses Etwas Jagd auf den geschafften Mann machen. Nur wäre es die Nachtschattenkatze gewesen, so würde sie nicht noch einmal um ihn herum pirschen.
      Oder?
      Dann… war es etwas anderes, das Malleus jetzt beobachtete. Und wenn er ganz genau hinhörte, dann konnte er ein leicht rasselndes, womöglich zischendes Atmen hören.
      Und ohne ein weiteres Zutun wurde nur ein einzelnes Wort in einer fremdartig tiefen Stimmlage gesprochen: „Lauf.“
    • Der erwartete Todesstoß blieb aus. Vielleicht verlangsamte sich zum Ende hin auch einfach die Zeit. Malleus hielt die Augen geschlossen. Das Letzte, das er erblickte, sollten nicht das weitaufgerissene Maul einer hungrigen Raubkatze sein. Er hielt an der Erinnerung fest.
      Ein unmenschliches Kreischen schreckte Malleus auf. Das hohe Fauchen ging in dem Geräusch brechender Äste unter. Malleus zwang sich, die Augen zu öffnen, doch als er hinter sich blickte, in voller Erwartung seinen Jäger im Sprung zu sehen, war der Pfad hinter ihm leer. Eine Schneise aus umgeknicktem Gehölz, aufgewühlter Erde und zerfetztem Blattwerks zog sich am Rande der Senkung in die Böschung. Der Lärm eines Kampfes drang zu ihm hinunter. Verzweifeltes Fauchen und tiefes Grollen ließ seine Nackenhaare zu Berge stehen. Alles in Malleus schrie ihn an, die Beine in die Hand zu nehmen, aber er konnte sich nicht bewegen. Die Kraft war versiegt. Unter der kleinsten Bemühung zuckten die Muskeln in seinen Beinen unkontrolliert unter Protest. Er konnte nicht mehr.
      Plötzlich war es wieder ganz still. Doch die Stille beruhigte ihn nicht.
      Mit angehaltenem Atem spähte Malleus die Böschung hinauf...bis er ein paar glühende, rote Augen erblickte. Sein Herzschlag setzte aus, denn sein Jäger war noch nicht am Ende. Die unzähligen Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, würden ihn nicht retten. Er musste rennen, dabei konnte er nicht einmal aufstehen. Malleus stieß einen schmerzhaften Atemzug aus, der in seinem Brustkorb brannte. Unfähig sich zu bewegen, folgte er dem wandernden Augenpaar in der Dunkelheit. Was immer dort lauerte, ließ sich Zeit. Unmöglich die Raubkatze, die ihre Krallen beinahe in seinen Leib geschlagen hatten. Er war leichte Beute für das Tier. Was den Raubzug der Katze gestört hatte, umkreiste ihn nun und beanspruchte die Beute für sich.
      Malleus erschauderte, als eine viel zu sanfte Brise das Geräusch rasselnder Atmung zu ihm trug. Neue Anspannung verkrampfte seine erschöpften Muskeln. Kein Rasseln, sondern ein Zischeln. Ein einziges Wort durschnitt den Dschungel und es ließ Malleus sich wünschen, die Raubkatze hätte ihn in Stücke gerissen. Denn was dort in hinter den Bäumen lauerte, würde ihm kein schnelles Ende bereiten.
      Er hätte wissen müssen, dass der Stamm der Jagd beiwohnte!
      Und Devon war nicht hier, um sie aufzuhalten.
      "Lauf."
      Und Malleus lief.
      Lange, tätowierte Finger gruben sich in den Schlamm und er zog sich kriechend vorwärts. Ein, zwei Herzschläge verklangen, bevor er ächzend die Knie unter den Körper zog und sich aufstemmte. Der rasende Puls kehrte mit voller Wucht zurück, aber das Wort, zur Unkenntlichkeit verzerrt, trieb ihn voran. Malleus hätte sich dem Dschungel ergeben, aber es fühlte sich wie Verrat an Devon an, sich dem Stamm einfach zu ergeben, vor dem der Lacerta ihn so verzweifelt zu beschützen versucht hatte.
      Das war er ihm schuldig. Bis zum Ende.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Rollen begannen zu verschmelzen. Die Ränder, an denen sich Devon und Ishilin berührten, waren nicht mehr klar abgegrenzt, sie waren ineinander übergegangen. Und dann war da noch eine dritte Komponente, eine, die früher nicht da gewesen war. Eine, die ihn die Umwelt fühlen ließ, als sei sie ein erweitertes Organ von ihm. Das ihn Dinge sehen und fühlen ließ, die sich über das Normale hinaus erstreckte.
      Als er das eine Wort sprach, gut versteckt hinter Lianen und Farnen, war sein voller Fokus auf seine Beute vor sich gerichtet. Sein Puls beschleunigte sich, als seine Beute instinktiv reagierte und tatsächlich versuchte, die Flucht zu ergreifen. Das wilde Lächeln kehrte zurück, blühte jedoch nicht voll auf. Er hatte eine richtige Jagd erwartet, doch diese vermaledeite Katze hatte seine Beute schon erschöpft. Die Bewegungen waren kraftlos ohne die natürliche Sprungkraft von Ressourcen. Sie waren träge und schwer, nicht für den Lauf geeignet, den Devon hatte provozieren wollen. Sofort wünschte er sich, es der Katze nicht so leicht gemacht zu haben. Sie dafür büßen lassen, seine Beute einfach so zu entkräften.
      Seine Beute war nicht mal fünf Meter davongekommen, als Devon sich aus dem Dickicht schälte, den Körper leicht vornübergebeugt. Blut lief von seinem Rücken, seinen Armen, seiner Wange. Überall dort, wo ihn die Krallen erwischt hatten und nicht nur Haut, sondern auch Fleisch darunter aufgerissen hatten. Doch der Schmerz wirkte wie ein Aufputschmittel für den Jäger. Er gehörte zu diesem Akt, wie so vieles andere auch. Und wenn seine Beute sich in seinen Fängen befand, dann würde sie es auch verstehen.
      Mit großen Schritten näherte sich Devon seiner Beute, die nicht mehr die Kraft besaß, sich weit von ihm zu entfernen. Die Enttäuschung darüber stach in seinem Herzen, aber das war dem Umstand geschuldet. Er war eben zu langsam gewesen. Er hätte besser sein müssen. Aber immerhin war er jetzt an seinem Ziel angekommen. Erfolgreich war er der Spur, der Verlockung gefolgt, die seine Beute bereitwillig für ihn hinterlassen hatte. Auf seine Worte hatte sie reagiert. Sie wollte es. Ganz sicher.
      Ein kräftiger Ruck ging durch den Körper seiner Beute, als Devon ihm einen Stoß zwischen die Schulterblätterblätter verpasste und ihn damit direkt wieder zu Boden schickte. Sofort stellte sich Devon breitbeinig über die Hüfte seiner Beute und ging ganz gemächlich in die Hocke. Blut tropfte von seinem Kinn auf die dunkle Haut unter ihm. Der Rücken, dessen Muskelstränge sich anstrengten, den Rumpf wieder aufgerichtet zu bekommen. Doch Devon griff in den vollen Haarschopf und zog den Kopf seiner Beute nach hinten, bis sie ächzte. Diese freigelegte Kehle wollte er nicht. Nicht, wenn er sie sich so erkämpfen musste. Also lehnte er sich vor, brachte seine spröden Lippen zu der gerundeten Ohrmuschel.
      „Ich habe gesagt, du sollst laufen“, raunte er und spürte, wie sich seine Beute versteifte. Womöglich hatte sie nun den Besitzer der Stimme erkannt, aber das störte ihn nicht weiter. „Gib dir Mühe. Du hast mich schon hierher gelockt…“
      Grob stieß Devon den Kopf seiner Beute von sich, erhob sich und trat ein paar Schritte zurück. In voller Wartungshaltung stand er da, das wenige Mondlicht, das durch das Blätterdach brach, brachte seine Schuppen zum Glänzen. Sein Blut wirkte beinahe schwarz auf seiner Haut in intriganten Mustern, während seine Augen tatsächlich leicht rot glühten.
      Es war keine Einbildung gewesen.
    • Malleus kam nicht weit. Die Flucht fand bereits nach wenigen, mühevollen Schritten ein Ende. Ein kräftiger Stoß in den Rücken beförderte ihn zurück in den Schlamm. Mit dem Oberkörper voran schlug Malleus am Boden auf. Schlamm und Wasser spritzte ihm ins Gesicht, besprenkelte dunkle, viel zu kalte Haut. Keuchend fing er sich mit den Ellbogen ab. Der Aufprall vibrierte durch seine Arme, die unter der Wucht fast einknickten.
      Ein langer Schatten breitete sich über ihm aus, sperrte das Mondlicht aus. Malleus spürte seinen Verfolger im Genick, unmittelbar über ihm. Etwas Warmes tröpfelte auf seinem Rücken, perlte über vor Anstrengung bebende Schulterblätter. Er dachte an den Lärm des Kampfgetümmels im Unterholz und sein Verstand holte mit einem Schlag auf. Blut.
      Eine Hand vergrub sich in seinen Haaren. Mit einem Ruck, der seine Halswirbel knacken ließ, zog sie seinen Kopf aus dem Dreck. Malleus ächzte ob des unnatürlichen Winkels, der seine Kehle entblößte und seinen Blick in den Nachthimmel zwang. Seine Pupillen zuckten unstet in der Dunkelheit. Harsch atmete er durch die Nase, als warmer Atem sein Ohr streifte.
      "Ich habe gesagt, du sollst laufen", wisperte eine vertraute Stimme und entlockte Malleus ein überraschtes Keuchen. Seine Hände, die sich in den weichen Matsch krallten, erstarrte. Malleus' ganzer Leib gefror. "Devon."
      "Gib dir Mühe. Du hast mich schon hierher gelockt…"
      "Weil ich dich laufen sehen will. Wie du versuchst, vor mir
      zu entkommen, nur um festzustellen, dass du es nicht kannst."

      Malleus' Kopf ruckte in dem eisernen Griff zur Seite, als er versuchte fassungslos den Kopf zu schütteln. "Ich habe ni..."
      Hatte er nicht? Geweitete Augen starrten in den Himmel. Der Schnitt auf seiner Wange brannte nachdrücklich. Malleus hatte ihn fast vergessen. Das Blut, sein Blut, das an den taufeuchten Blättern haftete. Er hatte eine Schneise aus Schweiß, Blut und Furcht durch den Dschungel geschlagen wie eine Spur aus Brotkrumen. Devon, daran bestand kein Zweifel mehr, verharrte noch einen Moment. Dann stieß er ihn grob zurück in den Dreck.
      „Dann erst würde ich zu dir kommen. Langsam, pirschend.
      Wissend, dass du da am Boden liegst und die Flucht vorbei ist."

      Kaum aus dem Halt entlassen, drehte sich Malleus am Boden herum. Sein Blick fand Devon, beschienen vom fahlen Mondlicht. Blut besudelte seine Haut, zog dunkle Spuren über seinen Gesicht, über Hals und Torso. Es glänzte auf den Schuppen, die im kalten Licht der Nacht noch mehr Tiefe gewannen. Rote Augen fixierten ihn. Wartend. Lauernd. Er erkannte den Mann nicht wieder, der eine völlig neue Bedrohung verströmte.

      "Ich würde mich über dich knien, dich am Kragen packen
      und auf den Bauch drehen. Mein Körper auf deinem.“

      Lacerta, Jäger und Drache verschwammen vor seinen Augen zu etwas Anderem, etwas Fremden. Der Anblick war von roher Natur, animalisch in seiner ursprünglichen Wildheit. Ein Schauer rann seine Wirbelsäule herab. Malleus sortierte seine brennenden Gliedmaßen und zwang einen tiefen Atemzug in seine Lungen, die sich unter Protest ausdehnten. Dann stemmte er sich hoch. Quälend langsam kam er zurück auf die Füße. Über und über mit Schlamm besudelt. Mit kleinen Steinchen, die sich in seine Unterarme bohrten. Mit Blättern und Zweigen in den zerwühlten Haaren. Er trat einen Schritt zurück und fühlte sich in die Nacht in Oratis zurückversetzte, während glühende Augen kein noch so kleines Zucken entging. Devon war nicht hier um ihn zu retten. Er war hier um zu jagen.
      "Nein", wisperte Malleus atemlos in die lächerliche Distanz.
      Der Stamm hatte sie betrogen. Das hier war keine Prüfung für Malleus um Ergebenheit zu zollen. Es war eine Lektion. Es war eine Zerreißprobe, die sie alles kosten würde und sie um die Chance einer freien Entscheidung betrog. Malleus sog scharf den Atem ein. Wenn sie bei Tagesanbruch den Wald verließen, würde nichts mehr so sein wie zuvor. Sie würden nicht mehr dieselben sein. Danach gab es kein Zurück mehr.
      Malleus' Kiefer spannten sich an. Er machte sich bereit für den Aufprall, aber er war nicht bereit. Er war meilenweit davon entfernt, bereit zu sein. "Ich bin fertig mit Weglaufen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Moment, in dem Devons und Malleus‘ Blicke kollidierten löste ein regelrechtes Hoch in dem Jäger aus. Ein unglaubliches Machtgefühl breitete sich in seinen Blutbahnen aus, als er da am Boden seine Beute vor sich liegen sah, die ihr Schicksal vor sich sah. Alles, was Malleus gerade sehen und an was er denken konnte, war Devon und nichts anderes. Der vorhin noch rapide arbeitende Brustkorb des Lacertas hatte sich unlängst wieder beruhigt, aber das Hoch flutete seine Sinne. Er wollte mehr, ihm stand mehr zu. Er würde Malleus unwiederbringlich als SEIN beanspruchen. Viel früher hätte er das eigentlich schon tun müssen. Gedanklich schalt er sich selbst für diese Torheit, so lange gewartet zu haben. Also senkte er nur ein wenig das Kinn in der Hoffnung, dass der Mann vor ihm noch die Beine in die Hand nahm und lief, damit Devon ihn ehrlich stellen konnte und nicht nur die Reste aufsammeln durfte. Jede einzelne Bewegung, wie Malleus auf die zitternden und erschöpften Beine kam, nahm er mit seinen wachsamen Blicken auf. Immer wieder schmeckte er die Luft nach Bedrohung, Angst oder sogar Vorfreude.
      „Nein“, war ein Wort, das Devon gerade etwas aus der Fassung brachte.
      „Nein?...“
      „Ich bin fertig mit Weglaufen.“
      „Das entscheidest nicht du“, warnte Devon Malleus und dann ging alles sehr schnell. In einer blitzartigen Bewegung langte Devon nach Malleus, erwischte ihn an dessen Schulter und drehte ihn grob herum. Dann stieß er ihn wieder vorwärts in der Annahme, der Kultist würde doch laufen. Jedoch strauchelte Malleus nur, quittiert von einem Grollen seitens Devons. Schon fand seine große Hand Malleus‘ Nacken und nötigte den Mann vorwärts zu gehen, bis sie keinen Schlamm mehr unter den Füßen, sondern festen Waldboden hatten. Mit unbändiger Kraft zwang Devon Malleus wieder zu Boden und setzte sich auf dessen Waden.
      „Ich sorge dafür, dass sie alle sehen werden, dass du MIR gehörst“, grollte Devon weiter, als er rigoros nach dem Bund von Malleus‘ Hose griff und sie ruppig über dessen Hüfte hinabzog. Er enthüllte ein Gesäß, welches ihm nicht unbekannt war, aber noch nie hatte es sich so belohnend angefühlt. Er hatte gejagt, gefunden und würde nun beanspruchen. Damit niemand ihm mehr Malleus wegnehmen konnte.
      In freudiger Erwartung knurrte Devon guttural und schob seinen Körper über Malleus. Es störte ihn kaum, dass er den Mann zwischen sich und dem Boden einklemmte. Dass sein Blut sich über den warmen, dunklen Körper verteilte und verschmierte. Er spürte nur diesen lebendigen Körper an seiner Brust, der zwar klamm, aber nicht kalt war. Er spürte die Muskeln unter sich arbeiten, als er seine Hüfte mit unverkennbarer Härte gegen Malleus‘ Gesäß drückte.
      „Kein Aufschub mehr…“, sagte Devon leise, ehe er den Kopf senkte und seine Zähne in Malleus‘ unverletzte Schulter schlug.
    • Malleus' Muskeln spannten sich gegen die Hand in seinem Nacken. Ein Widerstand, der im Keim erstickt wurde. Je mehr er sich gegen den Griff sträubte, umso härter bohrten sich die Fingerspitzen in sein Fleisch. Ihm blieb nichts anderes übrig, als durch den Schlamm zu stolpern und zu hoffen. Die dünne Hoffnung, dass Devon zu Bewusstsein kam. Der Untergrund zu seinen Füßen veränderte sich, als der Lacerta ihn die Böschung hinauf trieb. Mehr als einmal verlor Malleus den Halt am Abhang, aber die Hand in seinem Genick hielt ihn aufrecht. Eine Tatsache, die ihm weder Sicherheit noch Trost spendete.
      Wenige Schritte auf festem Boden waren Malleus vergönnt, bevor Devon ihn niederrang. Seine müden und tauen Gliedmaßen hatten dem entschlossenen Jäger nichts entgegenzusetzen. Die Hand in seinem Nacken verschwand und Hände legten sich tief auf seine Hüften. Malleus' Finger bogen sich zu zitternden Klauen, die sich tief in das Erdreich bohrten. Kalter Schweiß breitete sich über die Länge seiner Wirbelsäule aus. Das durfte nicht passieren, nicht so.
      "Devon, stopp. Hör auf", presste Malleus mit rasselndem Atem hervor. Die Stimme war dünn und rau vor Erschöpfung. Kalte Nachtluft streifte sein entblößtes Gesäß. Er hatte gewusst, was passieren würde, aber nichts in dieser Welt hätte ihn auf die schneidende Angst vorbereiten können. Erinnerungen an Hände, die ihn gewaltsam zu Boden drückten, mischten sich mit dem Geruch von frischem Blut und verkohlter Haut. Die Muskeln in seinen Armen spannten sich zum Zerbersten an, als er sich nach vorn hievte, aber Devon ihn keinen Raum gewinnen ließ. Seine Beine zuckten, wollten um sich treten, doch das Gewicht drückte sie nieder.
      "Devon!", versuchte er es nochmal, vehementer und in einer Tonlage, die zu hoch und zu panisch in seinen eigenen Ohren widerhallte. "Komm zu dir, verdammt! Stopp!"
      Ein schwerer Körper drückte ihn nieder. Bei jedem einzelnen, hektischen Atemzug drückte sich sein Rücken in eine breite Brust. Das Gefühl presste ihm die Luft aus den Lungen. Ein erstickter Laut quälte sich durch seine Kehle, als sich Devon seine Hüften gegen sein Gesäß drückte. Malleus spürte ihn. Die Härte, die sich unverkennbar an seinem Leib rieb. Der Mann unter Devon erstarrte.
      „Kein Aufschub mehr…“
      "Devon, bitte...Ah!"
      Schmerz explodierte hinter seinen Augenlidern. Zähne bohrten sich in seine Schulter, durchbrachen Haut, Muskeln und Blutgefäße. Heiß floss das Blut über seine Haut und wo ihm der Schmerz zuvor mit blitzartiger Lust belohnt hatte, traten ihm nun schlagartig Tränen in die Augen. Da war nur ein allumfassender Schmerz. Es fühlte sich so, so falsch an.
      Panik übernahm die Kontrolle. Malleus bäumte sich mit einem gequälten Keuchen auf.
      Mit seinem freien Arm holte er aus und rammte seinen Ellbogen blindlings zwischen Devons ungeschützte Rippen. Die ruckartige Bewegung riss an dem Biss an seiner Schulter, zerfetzte Haut und Muskeln gleichermaßen und trieb die Zähne noch tiefer durch sein Fleisch. Alles, was ihm seine verzweifelten Bemühungen einbrachten, war mehr Schmerz, mehr Blut und ein tiefes, animalisches Grollen. Und doch hielt es Malleus nicht davon ab, mit dem Ellbogen ein zweites Mal auszuholen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Gegenwehr schmeckte Devon schon weitaus mehr. Gegenwehr, wenn sie so leicht war wie diese, war die reinste Verlockung. Eine Einladung, die zappelnde Beute endlich dingfest zu machen. Da war zu wenig Kraft in der Stimme seiner Beute, um es wirklich ernst zu meinen. Die Gegenwehr war viel zu schwach. Er wollte es auch. Die Angst und Panik, die sich sauer in Devons Nase breitmachen müsste, wurde durch den schweren Geschmack von Eisen überdeckt.
      Ein mieser Schlag traf Devon in seine Seite und trieb die Luft aus seiner Lunge. Es ruckte, er richtete mehr Schaden in der Schulter mit seinen Zähnen an als gewollt, und notgedrungen ließ er von seiner Beute hab. Das Mal war gesetzt, es ging ihm nicht darum, ein ganzes Stück aus seiner Beute zu reißen. Der Ellbogen kam ein zweites Mal und dieses Mal sorgte er dafür, dass sich der Jäger kurzzeitig von seiner Beute rollte.
      Das wildre Grinsen kehrte in seine blutverschmierte Visage zurück und jetzt durfte Malleus das bewundern, was wirklich in ihm steckte: Ein Monster, durch und durch.
      „Na bitte, es geht doch“, lachte Devon leise und streckte schon wieder die Hand nach Malleus aus, um ihn an seinem Oberarm zu fassen und zu sich heranzuziehen. Der Mann ächzte unter dem starken Griff, aber Devon scherte sich nicht darum. Immerhin kannte ein Mensch die Riten nicht, dann musste er sie ihnen eben zeigen. Er holte Malleus so nah an sich heran, bis sich ihre Brustkörbe berührten und in Manie gegeneinander drückten, jeder verzehrte sich nach Sauerstoff. Noch immer grinsend kippte Devon den Kopf zur Seite und tippte sich mit seiner freien Hand auf seine Schulter.
      „Das Band ist geknüpft, wenn sich die Beteiligten gegenseitig beanspruchen“, erklärte der Jäger und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. „Na los. Du weißt, wie es geht.“
      Doch Malleus reagierte nicht. Also griff er beherzt in den dunklen Schopf am Hinterkopf und presste dessen Gesicht an seine Schulter. Mehr Aufforderung konnte er ihm nicht klarmachen.
      „Du kommst ohne das hier nicht weg. Ich dachte, ich habe dir das klar gemacht, dass du mir gehörst. Das ist mein gutes Recht, also los. Wir haben nicht ewig Zeit.“
      Immerhin stand noch mehr auf dem Programm und ein Zeitgefühl besaß niemand von ihnen mehr.
    • Das erdrückende Gewicht rollte von seinem Rücken. Malleus rollte sich auf die Seite, zog die Beine unter den Körper und stemmte sich hoch. Seine Beine verhedderten sich in halbheruntergezogenen Beinkleidern. Mit rasselndem Atem kauerte er auf Ellenbogen und Knien am Boden. Unangenehm entblößt krümmte er sich enger um seine Körpermitte, das schlaffe Glied zwischen seinen Beinen nicht im Mindesten beeindruckt durch das Bild, das der Jäger für ihn malte. Dunkle Haut, feucht von Blut und Schweiß, spannte sich über seinen gewölbten Rücken bis die Konturen von Schulterblättern und Wirbeln darunter hervorstachen. Malleus' gehetzter Blick glitt zu Devon, der ihn mit einem irrsinnigen Grinsen betrachtete. Sein Devon verschwand hinter der blutdurstigen Bestie.
      Die Atempause war kurz und ließ Malleus keine Zeit seine Gedanken zu ordnen. Er fand sich Brust an Brust, Aug' in Aug', mit dem Mann wieder, der schon längst nicht mehr Herr seiner Instinkte war. Worte prallten an dem Jäger aber wie an einer unüberwindbaren Mauer. Malleus hatte keinen Blick für die freigelegte Schulter, die Devon ihm auf den Präsentierteller anbot. Keuchend stemmte er die Unterarme gegen die blutverschmierte Brust, die Hände auf Kopfhöhe zu verkrampften Fäusten geballt.
      "Das Band ist geknüpft, wenn sich die Beteiligten gegenseitig beanspruchen", erklärte Devon und Malleus starrte ihn an.
      "Welches Band hat Gewicht, wenn es erzwungen ist?", schnappte Malleus und seine Arme spannte sich an, erhöhten den Druck. "Devon, hör mir zu. Nur eine Sekunde..."
      Er stieß auf taube Ohren.
      "Na los. Du weißt, wie es geht."
      Devon holte Malleus an seine Schulter. Protestierend öffnete er den Mund, doch anstatt eines sinnvollen Satzes, wurden seine Zähne in feste, sehnige Muskeln gedrückt. Malleus grub die Knie in den Boden, seine Arme eingequetscht zwischen ihren Körpern.
      "Du kommst ohne das hier nicht weg."
      Er sträubte sich, doch die Hand in seinem Nacken war unnachgiebig.
      "Ich dachte, ich habe dir das klar gemacht, dass du mir gehörst. Das ist mein gutes Recht, also los. Wir haben nicht ewig Zeit."
      Malleus griff nach dem letzten Strohhalm.
      Und weil Devon ihn nicht gehen lassen würde, bevor er ihm seinen Willen gewährte, biss Malleus zu. Die leise Hoffnung, den Lacerta mit seinen stumpfen Zähnen genug zu enttäuschen oder zumindest genügen Schmerz zuzufügen um eine Lücke in seinem Halt zu finden, schwang mit. Er schmeckte Erde und Blut auf seine Zunge. Die Kiefergelenke schmerzten, als er sich zurückzog und nicht einmal Haut durchbrochen hatte, aber sich bereits ein beeindruckendes Hämatom um den Abdruck seiner Zähne bildete Es war also nicht Devons Blut auf seiner Zunge.
      "Das reicht jetzt, Devon", würgte er hervor. Er sah Devon in die Augen und konnte ihn nicht finden. "Genug. Lass uns gehen. Was ist mit Tava? Wir können sie nicht mit deinen Leuten allein lassen..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ein scharfer Atemzug war alles, was Devon an Geräuschen von sich gab, als seine Beute endlich tat, wozu sie berufen war. Sie vervollständigte das Band und der Schmerz schoss wie ein Leuchtfeuer durch sämtliche Synapsen des Jägers. Die Vorfreude, die Glückseligkeit einer erfolgreichen Jagd fluteten seine Sinne und spätestens jetzt war für Malleus jegliche Hoffnung gestorben.
      „Das reicht jetzt, Devon.“ Malleus versuchte alles, um mit Worten zu dem Jäger durchzudringen, der schon längst verloren war in einem Rausch an Sinneseindrücken und Instinkten. Das, was man ihrem Stamm über Jahrhunderte angeeignet hatte und er fast nie auslebte, ermächtigte sich mit aller Gewalt des Lacertas. „Genug. Lass uns gehen. Was ist mit Tava? Wir können sie nicht mit deinen Leuten allein lassen…“
      Alles stieß auf taube Ohren, als ein Ruck durch Devon ging und Malleus nach hinten auf den Rücken warf. Der Lacerta ragte über dem Mann auf, den Blick hitzig über die geschundene Gestalt des Kultisten gleitend. Er leckte sich die Lippen, packte Malleus an der Schulter und drehte ihn wieder auf den Bauch. Nur eine Sekunde später lag Devon auf dem armen Mann, der sich dieses Schicksal mitnichten ausgesucht hatte. Als Devon den Bund seiner eigenen Hose löste und sich befreite, war ihnen beiden klar: Diese Situation mussten sie beide durchstehen. Ein Entrinnen gab es nicht mehr.

      Der Mond hatte sich bereits wieder hinter den Bäumen versteckt und deutete den baldigen Aufstieg der Sonne an. Noch immer war das Fest auf dem Platz des Lacertadorfes im Gange, immerhin war eine Prüfung noch nicht abgelaufen und eine stünde noch aus. Von den zahlreichen Flaggen waren nur noch zwei im Scheiterhaufen übriggeblieben und wenn diese abgebrannt waren, war die Zeit verstrichen und die Prüfung des Waldes versagt. Während die meisten Stammesbewohner ausgelassen feierten, sah Nishilia immer wieder besorgt zum Waldrand, in der Hoffnung, dass Devon und sein Mensch wieder auftauchten. In einem Stück, unbeschadet. Das tat sie schon seit Stunden, jedoch immer ohne Erfolg.
      Doch dieses Mal, bei diesem Blick, fiel ihr eine Bewegung auf. Eine Gestalt, die sich durch das Unterholz pflügte. Sofort sprang sie von ihrem Sitzplatz auf und starrte zu der Stelle, aus der sich tatsächlich Devon löste. Mit festen Schritten und entschlossener Miene marschierte er zurück zum Platz. Auf seinem Rücken trug er Huckepack Malleus, der wie ein nasser Sack über seinen Schultern hing. Er bewegte sich und schien sich zu sträuben, weiter getragen zu werden. Sie sah, wie Devon den Kopf leicht drehte und seinen Menschen anherrschte, was die Gegenwehr zum Verstummen brachte.
      Erleichterung über sein Erscheinen erfasste Nishilia, doch eine Sekunde später mischte sich Bestürzung unter. Devons Körper war über und über mit Wunden bedeckt, manche von ihnen bluteten noch aktiv, die meisten waren bereits zugeschwollen. Er sah aus, als hätte man versucht, ihn bei lebendigem Leibe zu häuten. Es musste ein Zusammenstoß gegeben habe.
      Ishilin!“ Nishilia stürzte auf Devon zu, begleitet von einem Raunen der anderen Lacerta, als sie Devons Rückkehr bemerkten. „Du hast ihn gefunden! Bei den Jägern, was ist passiert?“
      Nachtschattenkatze“, erwiderte Devon kurzangebunden. Sein Kopf war stolz erhoben und er präsentierte den markanten Abdruck auf seiner Schulter, der mit zunehmendem Licht immer deutlich sichtbarer wurde. Wieder begehrte Malleus auf, als sich immer mehr Augenpaare auf ihn richteten. Prompt stoppte Devon und drehte wieder den Kopf, damit seine Beute ihn hören konnte. „Du lässt mich dich jetzt dahin tragen, wo ich will. Du kannst nicht laufen und das hier ist noch nicht ausgestanden. Verhalte dich ruhig und lass mich machen.“
      Der Älteste und seine Ratsmitglieder stellten sich im Halbkreis um Devon und seine Beute auf. Nishilia wich in den Hintergrund, knetete sich aber die Hände. Der Jäger postierte sich breitbeinig und holte tief Luft, ehe er über den Platz brüllte: „Wer es wagt, meine Beute anzufassen, dem schneide ich jeden Finger einzeln ab. Wir haben die Jagd vollendet, der Anspruch ist erhoben. Wer ihn beleidigt, dem reiße ich eigenhändig die Zunge heraus.“
      Manche der umstehenden Lacerta stießen einen einzelnen Ruf aus, der Anerkennung ausdrückte. Die meisten jedoch schwiegen und beobachteten, wie sich der Älteste nun verhalten würde. Dieser musterte Devon mit den stummen Zeugen der Prüfung und dann seine Beute auf seinem Rücken, der wie erwartet völlig fertig mit den Nerven war. „Du bist vor Anbruch des Tages wieder eingekehrt mit deiner Beute. Damit hast du das Recht erwirkt, mit ihm das Dorf zu verlassen.“
      „Ich habe zwei Gefährten“, erwiderte Devon, der Tava nirgends entdecken konnte.
      „Die Cervidia hat sich noch nicht entschieden, aber ihr Zeitfenster läuft ab. Wir lassen sie holen“, sagte der Älteste und gab zwei Kriegern ein Zeichen, damit sie Tava holten.
      Devon nickte und löste sich aus der Verhörlage. Nishila war schon zur Stelle und breitete ein Webtuch auf dem Boden vor dem Feuer aus, wo Devon Malleus endlich absetzte. Aus der Menge tauchte Raschasis auf, wie immer in ihrer traditionellen Tracht gehüllt und mit den Fingern bereits an Devons Wunden. Der hatte allerdings keine Augen für die andere Lacerta, sondern nur seine Beute vor ihm. Vor Malleus ging er in die Hocke und forschte im Gesicht des Mannes nach.
      „Tavas Prüfung wird noch abgehalten. Willst du was essen? Trinken? Das Feuer wärmt dich.“
    • Das Bewusstsein hatte seinen Körper bereits ein ganze Weile verlassen. Er war sich vage bewusst, das Devon ihn trug, doch sein Körper hatte ihm den Dienst längst versagt. Ein leerer Blick streifte den Dschungel, der an ihm vorbeizog, durch halbgeöffnete Augen. Schatten verschmolzen miteinander, streckten ihre Finger nach ihm aus und Malleus begrüßte sie nun wie einen alten Freund. Das Gefühl war ihm schmerzlich vertraut und die Dunkelheit, die ihn umfing, plötzlich ein Trost. Alles stoppte. Die Geräusche und der Schmerz. Malleus. Die Welt.
      Als er das nächste Mal die Augen öffnete, erhoben sich die Lichter von Tel'Aquera aus dem Dschungel. Malleus regte sich. Seine Hände, die nutzlos vor der blutigen Brust des Lacerta baumelten, zuckten und krümmte sich. Ein abrupter Atemzug erschütterte seinen Leib und sein Herz hämmerte gegen Devons Rücken. Das Erwachen glich einem Hammerschlag. Schlagartig kehrten alle Empfindungen zurück.
      Die Hände, die seine Oberschenkel umklammerte. Der Körper. der sich an seine Brust presste. Das Pochen in seiner Schulter von einer Bisswunde, deren Ränder rot und heiß glühten. Das Fleisch war uneben und zerfetzt genug, um eine hübsche Geschichte zu hinterlassen. Der gleißende Schmerz, der seinen unteren Rücken durchzog wie glühendes Eisen.
      "Lass mich runter."
      Malleus erkannte seine Stimme nicht wieder. Wunde Stimmbänder brannten in seiner Kehle. Die kratzigen Silben gingen in einem Grollen unter, das seine Brust erschütterte. Ein Stimmengewirr erhob sich und Malleus sah überall hin, nur nicht in die Gesichter, die sich langsam um sie scharrten. Überall hin, nur nicht in Devons Profil so dicht an seiner Wange. Der Klang von Nishilas Stimme traf ihn unerwartet. Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, als ersten die Stimme der Frau zu hören, die ihm als Einzige mit etwas wie Freundlichkeit begegnet war. Malleus verkrampfte sich und blinzelte hektisch.
      "Devon. Lass. Mich. Runter."
      "Du lässt mich dich jetzt dahin tragen, wo ich will. Du kannst nicht laufen und das hier ist noch nicht ausgestanden. Verhalte dich ruhig und lass mich machen", herrschte Devon ihn an.
      Er zuckte. Zu hören, wie sich allmählich der alte Devon zurück in die Stimme schlich, schmerzte mehr, als er erwartet hatte. Malleus verstummte und ließ die Blicke über sich ergehen bis Devon ihn absetzte. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, darum bemüht, dass ihm die Gesichtszüge nicht entgleisten.
      Devons sprach mit ihm, doch die Worte drangen lediglich dumpf an seine Ohren. Bei der Erwähnung von Wasser, leckte er sich unbewusst über die spröden Lippen und schüttelte doch steif den Kopf. Ein Schluck, ein Bissen und er würde seinen Mageninhalt auf dem Platz verteilen. Was er wirklich brauchte, war, dass die erdrückenden Blicke verschwanden. Zu viele Augenpaare streiften wissend über seinen Körper, weil ihre Träger es wittern konnten. Das getrocknete und frische Blut zwischen seinen Schenkeln, vermischt mit Schweiß und Samen. Er ließ sich auf den Knien nieder, ballte die Hände auf seinen Oberschenkeln zu Fäusten und vermied es den Blick zu heben. Der Schmerz, die Scham und die Wut waren beinahe unerträglich.
      Jetzt in Devons Gesicht aufzusehen, würde alle Dämme brechen.
      "Nein", presste er hervor. "Lass mich...", Malleus schluckte und verspürte Stolz und Erleichterung, als die nächsten Worte mit einem Hauch spürbarer, alter Kälte über seine Lippen kamen. "Konzentrier Dich auf Tava. Ich brauch' nichts." Nichts von dir.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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