Maledictio Draconis [CodAsuWin]

    • In der Ferne erhob sich bereits der alte Vulkan, um dessen Schlot sich Eisenfort angesiedelt hatte. Wie zahlreiche graue Striemen hoben sich die Gebäude und Mauern von dem schwarzen Grund ab, der vor langer Zeit aus Basalt und Lava entstanden war. Das Umland direkt um den Vulkan herum war einst fruchtbar gewesen, aber dank der Hitze und des wenig vorhandenen Wasser wuchs nur spärliche Vegetation. Der Fluss, an dem ihre Gruppe nun Rast machte, war die einzige Lebensquelle in nächster Nähe. Wenn sich Devon recht entsann, entsprang dieser Fluss einer Quelle weiter hoch im Norden in einer Gebirgskette, die angeblich durch das Aufwühlen eines uralten Erddrachen entstanden sein sollte. Alles Legenden, selbstverständlich.
      Nach all dem Trubel in Tel’Aquera hatte Devon beinahe vergessen, wie es sich anfühlte, von Fremdem angestarrt zu werden. Insbesondere die Händler, die manchmal ihren Weg kreuzten, machten keinen hehl daraus, ihn anzustarren, sodass er bald wieder darauf zurückgriff, sein Gesicht zur Hälfte mit einem Tuch zu bedecken. Als Schutz gegen die Sonne, natürlich.
      Während Tava sich bei ihrem provisorischen Lager am Fluss wusch, beäugte Devon den Lichtschein des Lagerfeuers in Sichtdistanz. Mit verschränkten Armen stand er an seinem eigenen Feuer, wo sich Malleus auch aufzuhalten hatte, nachdem Devon ihm verboten hatte, sich zu weit zu entfernen, wenn Fremde wieder in der Nähe waren. Er konnte nichts riskieren, dass Malleus irgendwo plötzlich wieder einschlief und er dem nächsten Kerl zum Opfer fiel. Irgendwann, als er hörte, dass die Händler in der Ferne sich mit Töpfen wohl ums Essen kümmerten, entspannte er sich ein wenig und setzte sich an das Feuer. In Blickrichtung zum anderen Feuerschein.
      „Devon?“
      Der angesprochene Lacerta wandte den Blick ab und sah zu Tava hoch. Stünde der Wind recht, hätte er sie vermutlich riechen können. Sie hatte wieder diese Mixtur aus Pflanzen benutzt, die leicht blumig duftete. „Hm?“ Er konnte nicht anders als kurz über ihre Wange zu schauen. Einfach nur, um sich zu vergewissern, dass seine Schnitte abheilten.
      „Was hast du auf meine Wange geritzt?“
      Devon blinzelte. Stimmte ja, sie hatten nie recht die Zeit gefunden darüber zu sprechen, was da eigentlich genau abgelaufen war. Und eine Möglichkeit sich selbst zu begutachten hatte die Cervidia schließlich auch nicht gehabt. Es war wohl die Wasseroberfläche des Flusses gewesen, der ihr einen ersten Einblick beschert hatte.
      Als erste Antwort brummte der Jäger und wäre vermutlich dabei geblieben. Als ihm das auffiel, schob er schnell Worte hinterher: „Eine Geschichte. Ich wollte aber nichts festhalten, was in unserer Kultur verfestigt ist. Also habe ich was Neues gemacht.“
      Mit seinem Finger malte Devon das auf, was er notgedrungen in Tel’Aquera Tava hatte aufzwingen müssen. Mit richtiger Vorbereitung hätten die Linien sicher so schön gerade ausgesehen wie die, die er gerade in den staubigen Boden zog. So jedoch waren die Narben später wackelig und stümperhaft gezogen worden, keine Linie fand einen sauberen Abschluss, endete zu früh oder überlagerte sich. Devon hatte Mühe gehabt, Tava mehr oder weniger mit einer Hand zu fixieren.
      „Das innen sieht aus wie ein Horn. Ist es das? Aber was ist das andere?“, fragte Tava weiter nach und Devon fing an zu drucksen. Er schämte sich ein wenig für das, was er da fabriziert und sich ausgedacht hatte.
      Jedoch nickte er. „Das Horn steht für dich. Es gibt kein Zeichen für eine Cervidia in unserer Sprache. Aber das hier herum“, sagte er und zeigte auf die Spirale um das Horn herum, „soll das Feuer sein. Eine Cervidia mitten in einer Feuerspirale. So, wie du in der Nacht auch im Feuer standest. Eine Frau, der Feuer nichts anhaben kann.“
      Etwas peinlich berührt kratzte sich der Jäger am Hinterkopf. Schon früher hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Gefährten in seine Sprache übersetzen sollte. Irgendwann, so hatte er sich das jedenfalls ausgemalt, wollte er sie irgendwo auf seinem Körper als Teil seiner Geschichte verewigen. Mit einem flüchtigen Seitenblick auf Malleus wusste er jedoch nicht mehr, ob das für beide Personen gelten sollte.
    • Eine Geschichte, ganz so, wie Devon sie auch auf seiner Haut trug. Tava wurde neugierig, wobei sie geflissentlich ignorierte, wie die Geschichte entstanden war. Sie hatte sie zwar nicht haben wollen, aber jetzt war es nunmal passiert und solange Devon ihr keine zweite Narbe geben wollte, übernahm die Neugier Überhand.
      Sie beugte sich über die Zeichnung, die Devon von der Narbe gemacht hatte.
      „Das Horn steht für dich. Es gibt kein Zeichen für eine Cervidia in unserer Sprache. Aber das hier herum soll das Feuer sein. Eine Cervidia mitten in einer Feuerspirale. So, wie du in der Nacht auch im Feuer standest. Eine Frau, der Feuer nichts anhaben kann.“
      "Oh."
      Das Bild... hatte etwas. Nichts, was Tava auf der Haut tragen wollte, natürlich nicht, aber so ganz losgelöst davon, hatte es etwas. Wie ein... Zeichen, ja. Ein Logo. Etwas, das ein Nicht-Cervidia mit Tava identifizieren konnte, der Hörner nicht so gut unterscheiden konnte. Etwas, das Tava auszeichnete. Ihr Horn und Feuer.
      "Warte."
      Sie ließ Devon sitzen und ging zurück zum Fluss, um sich noch einmal anzusehen. Jetzt konnte sie es auch erkennen, das Horn, etwas krakelig, und dann die unscharfen Flammen. Es war zwar nicht so deutlich wie in der Zeichnung, aber mit etwas Fantasie konnte man es erkennen. Tava fuhr noch einmal mit den Fingerspitzen darüber.
      Dann kam sie zurück.
      "Ich mag es. Es ist wie ein persönliches Zeichen. Wie ein... Name."
      Sie ging neben dem Feuer in die Hocke und sah kurz in den Topf hinein.
      "Wenn ich irgendwann mein Alchemistensiegel bekommen sollte, dann kann ich es als Marke hernehmen. "Tavas Gebräu" und daneben das Horn und Feuer. Wie ein Gütesiegel. Gütesiegel für gute Alchemie."
      Ihre Augen funkelten von der Idee, als Alchemistin anerkannt zu sein und auch noch einen Namen zu haben. So wie die ganz großen Alchemisten, deren Rezepte in jedem Geschäft verwendet wurden. Und bei Tava würde man eben gleich an dem Horn und Feuer erkennen, um wen es sich handelte. Wer dieses einzigartige Alchemistenfeuer entworfen hatte.
      Sie sah Devon wieder an und wurde wieder ernst.
      "Aber das heißt nicht, dass ich noch eine Geschichte haben will. Das hat echt wehgetan. Tu mir nie wieder weh, Devon."
    • Das Verbot hatte Malleus mit einem unwilligen Murren quittiert. Im Schneidersitze saß er am Feuer, während Devon über ihn wachte wie die Glucke über ihr Küken. Dem Lacerta zuliebe blieb er brav sitzen. Weit gekommen wäre er ohnehin nicht, selbst wenn die Kraft dazu aufgebracht hätte. Also ersparte Malleus ihnen beiden die unangenehme Diskussion. Die Spannung lag noch spürbar in der Luft, aber sie bescherte ihm endlich keine Kopfschmerzen mehr. Malleus begnügte sich damit, dem Gespräch zu lauschen. Mehr als einmal erwischte er sich dabei, wie seine Finger auf seinen Knien zuckten und sich um Luft schloss, wo es ihm nach einem Kohlestück und einer Papierseite verlangte.
      "Ich mag es. Es ist wie ein persönliches Zeichen. Wie ein... Name.", hörte er Tava sagen, nachdem sie aufgesprungen und zum plätschernden Fluss geeilt war.
      Leicht hob Malleus den Blick vom Feuer und betrachtete seine Gefährten.
      Ja, seine Gefährten.
      Daran hatte sich im Grunde nichts geändert. Es war alles nur...komplizierter geworden.
      Malleus hatte dabei zugesehen, wie Devon das Symbol in den Sand gezeichnet hatte und sich daran erinnert, wie leidenschaftlich diese Hände seinen Hals gepackt hatten. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Wenn er nun daran dachte, wie der Lacerta sich nackt in ihrer kurzweiligen Zuflucht an seinen Rücken gepresst und ihn gebissen hatte, verwandelte sich das idyllische Bauernhaus in eine hungrigen, mordlüsternen Dschungel. Farne und wildes Efeu spross aus den Dielen und große, geschlitzte Blätter schotten das Sonnenlicht vor den Fenstern ab. Malleus hob die Hände und rieb sich über die Schläfen. Das Fläschchen mit Tavas Tinktur wog schwer in seiner Brusttasche.
      "Wenn ich irgendwann mein Alchemistensiegel bekommen sollte, dann kann ich es als Marke hernehmen. "Tavas Gebräu" und daneben das Horn und Feuer. Wie ein Gütesiegel. Gütesiegel für gute Alchemie."
      Insgeheim beneidete er Tava darum, dass sie aus all dem Grauen etwas Gutes ziehen konnte.
      Das einzig Gute, dass Malleus sah, war, dass sie alle noch atmeten und nicht im Dschungel von Tel'Aquera verrotteten.
      "Aber das heißt nicht, dass ich noch eine Geschichte haben will. Das hat echt wehgetan. Tu mir nie wieder weh, Devon.", fügte sie ernst hinzu und Malleus nickte, obwohl sich niemand zu ihm umdrehte, um es zu sehen. Was in dieser Nacht und im Morgengrauen geschehen war, sollte sich niemals wiederholen.
      Malleus leckte sich über die spröden Lippen.
      Er zögerte.
      Was für ein...lästiges Gefühl. Diese Unsicherheit, die ihn seiner Worte berauben wollte.
      Dann, wie aus dem Nichts und aus weiter Ferne, trug eine sanfte Brise seine Stimme über das Knistern des Lagerfeuers.
      "Was für ein Zeichen würdest du mir geben, Devon, wenn du die Gelegenheit dazu hättest?", formulierte er die Frage mit Bedacht.
      In seiner Stimme schwang keine Erlaubnis mit, aber unerwartet ehrliches Interesse. Es war das erste Mal seit ihrem Aufbruch aus dem Dschungel, dass er Malleus ohne Aufforderung aufrichtiges Interesse an einer ihrer Konversationen zeigte. Vielleicht war das Thema unglücklich gewählt, aber es war auch ein kleiner Schritt auf Devon zu.
      Sein Blick ruhte wieder auf den tanzenden Flammen zwischen ihnen, als er beiläufig brummend etwas hinzufügte.
      "Bitte lass es nicht noch ein Drache sein. Davon habe ich wirklich genug."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava ließ einen mittelmäßig nervösen Devon zurück. Dieses Gefühl kannte er aus seinen Kämpfen nicht, aber generell schafften es seine Gefährten immer wieder, dass er sich Situationen stellen musste, die völlig neu für ihn waren. So wie auch jetzt, wo er unangenehm berührt mit dem Stock weitere Linien in den Boden kratzte, um sich irgendwie zu beschäftigen. Als er bemerkte, dass er Tavas Puls immer besser hören konnte, wusste er, dass sie zurückkehrte. Er nahm den Kopf hoch und beäugte sie von der Seite aus. Dann verkündete sie, dass sie das Zeichen als eine Art Namen sah und eine gewaltige Last fiel von seinen Schultern ab. Tava hatte ihm nicht nur verziehen. Sie hatte damit auch ihren Platz in seiner Kultur anerkannt.
      „Das klingt gut“, brachte der Jäger etwas unbeholfen auf die Idee einer Marke hervor. „Damit weiß auch jeder sofort, dass es definitiv dir gehört. Immerhin verkörperst du es jetzt.“
      Seine angespannte Miene wurde etwas weicher. Einen Moment lang schaffte er es sogar, die Tage in Tel’Aquera auszublenden und ja, sogar Malleus ein Stück weit auszublenden, wenn er nicht unmittelbar in Sichtweite war.
      „Ich versuche mein Bestes.“ Mehr konnte Devon nicht versprechen. Sicher, so etwas wie bei seinem Stamm würde er nie wieder tun, aber wenn er sie gröber anfassen oder gar werfen müsste, um sie vor Angriffen zu bewahren, so würde er keinesfalls zögern. „Du kriegst nur eine Geschichten, wenn du es auch willst.“ Damit konnte er sehr gut leben.
      „Was für ein Zeichen würdest du mir geben, Devon, wenn du die Gelegenheit dazu hättest?“
      Schon bei der ersten Silbe war Devon ganz ruhig geworden. Er musste sich nicht umdrehen, um seine Sinne auf den Mann in seinem Rücken zu fokussieren und dessen Herzschlag schlagen zu hören. Der Wind stand so günstig, dass ihm Nuancen von Malleus‘ Geruch um die Nase wehten, doch er fand keine Angst, keine Scham darin. Es roch nicht so sauer oder dumpf wie kurz nach dem Desaster. Es war überraschend… neutral. Dann gewährte sich der Jäger einen Augenblick, ernsthaft über diese Frage nachzudenken.
      „Bitte lass es nicht noch ein Drache sein. Davon habe ich wirklich genug.“
      Devon schmunzelte. „Drachen sind im Dorf ein schlechtes Omen. Wir koexistieren, aber du bist keiner. Wenn, dann träfe mich solch ein Bildnis eher“, meinte er nüchtern und griff sich seinen Stock, um langsam zu Malleus herüber zu gehen. Sein Gangbild war locker, ein Spiegel seiner Gefühlslage. Wie konnte er auch nicht auf den kleinen Friedenszweig reagieren, den der Kultist ihm schweigend reichte? Also hockte er sich vor ihm hin, nachdem er ihm den Rücken zugewandt hatte, um das Zeichen nicht auf dem Kopf zu ziehen. „Ich mag das nicht auf Abruf überlegen. Da sollte normalerweise viel Zeit einfließen.“
      Trotzdem zog er einige Linien in wellenartiger Struktur in den trockenen Boden. Mehr und mehr von ihnen reihten sich aneinander bis sie einen aus der Distanz gesehen geschlossenen Teppich bildeten.
      „Ich würde vermutlich etwas hier raus machen. Das heißt so viel wie Schatten oder Nebel. Etwas schwer Greifbares und Mysteriöses“, erklärte Devon schließlich, was er da in den Boden geritzt hatte. Er würde sicherlich mit einem passenderen Zeichen um die Ecke kommen, wenn er sich mehr Zeit dafür nähme. Doch das war das erste, was ihm dazu in den Sinn kam.
    • "Es gibt bestimmt genug Leute, die meine Anwesenheit als böses Omen bezeichnen würden", warf Malleus ein.
      Jeder Schritt des Lacerta in seine Richtung wurde förmlich belauert, aber er zuckte nicht zurück, als Devon sich vor ihm in die Hocke begab. Malleus neigte sich ein kleines Stückchen zur Seite, um einen besseren Blick auf das Kunstwerk im Sand zu bekommen. Er reckte den Hals, während Devon eine Linie nach der anderen zog. Beim Anblick des Wellenmusters bildete sich eine nachdenkliche Falte zwischen seinen Augenbrauen. Ein verstehendes Brummen rumorte in seiner Kehle, dann lehnte sich der Kultist wieder zurück.
      Einen Augenblick lang nahm er sich die Zeit, um die Situation zu betrachten.
      Devon, der eine spontane Geschichte im Sand niederschrieb und dessen Schultern gerade zu entspannt wirkten. Tava, die sich zu ihnen gesellte und neugierig über die Schulter des Lacerta spähte. Es war fast ein wenig wie früher, als sie gemeinsam über Plänen gebrütet hatten. Malleus zog das Kinn an die Brust und für eine Sekunde, wusste er nicht, was er davon halten sollte. Zuzugeben, dass er sich die 'alten Zeiten' zurückwünschte und doch nicht über seinen eigenen Schatten springen konnte, nicht so wie er wollte, stellte ihn vor eine unüberwindbare Hürde.
      Er vermisste es, zusammen um ein Feuer zu sitzen und sich Geschichten zu erzählen. Richtige Geschichten. Er vermisste das Gefühl von Kohle zwischen seinen Fingern und Tavas Kopf an seiner Schultern. Es war eine lächerlich kleine Geste, aber er hatte es genossen mit bloßen Fingern ihr Haar zu berühren, weil er es konnte. Malleus vermisste die starke Hand in seinem Rücken, mit der Devon ihn auf seine ganz eigene Art auffing.
      Aber seit Tel'Aquera erstarrte Malleus, sobald er auch nur den kleinen Finger ausstreckte. Er fror ein, presste die Lippen aufeinander und ließ Devon und Tava gegen eine Mauer laufen. Egal was er tat, er konnte sich beim besten Willen nicht überwinden. Wunden des Geistes waren komplizierter, als Wunden des Fleisches. Also blieb er einfach genau dort sitzen, die Hände in seinem Schoß.
      "Hmm...", brummte Malleus.
      Erst betrachtete er das Zeichen am Boden, dann das markante Profil des Lacerta. Zumindest das, was seine Verhüllung noch preisgab. Selbst Malleus hatte sein Haupt mit einem Tuch bedeckt, um ein Teil seines Gesichtes zu verstecken. Das Letzte, das sie brauchten, war Menschen, die ihn erkannten.
      Malleus lehnte sich wieder etwas vor. Die Regung war so klein, dass das menschliche Auge, sie kaum erfassen konnte. Ein winziges Stückchen in Richtung Devon und Tava.
      "Also...du hältst mich für mysteriös...?", hakte Malleus nach und zu seiner eigenen Verwunderung, hob sich sein Mundwinkel leicht an.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ich habe dich früher für unberechenbar gehalten. Mittlerweile sehe ich das etwas anders.“
      Devon drehte sich nicht um, sondern fügte der Geschichte am Boden mit dem Stock hier und da noch Details hinzu.
      „Eine Geschichte, die ein persönliches Zeichen darstellt, umfasst alles, was dich bis zu dem Zeitpunkt der Niederschreibung ausmacht. Wenn ich an den Kult denke, dann wirst du für viele genau das sein. Mysteriös, eine Legendengestalt. Der Mann, der aus dem Feuer auferstanden ist. Für mich warst und bist du jetzt wieder wie der Nebel. Ich strecke meine Hand nach dir aus und du rinnst mir zwischen den Fingern hindurch. Ein kalter Schauer, der mir bedeutet, dass du definitiv da bist, ich dich aber nicht zu fassen bekomme.“
      Devon hatte genug Zeit gehabt zu überlegen, wie sein Verhältnis mit Malleus einmal gewesen und nun war. Es war wie der Wurf eines Bumerangs: Weit weg hatte ihre Beziehung gestartet, traf ihren Höhepunkt und entfernte sich dann rasant wieder. Nur hatte dieser Bumerang bei seiner Rückkehr einen Faden an sich heften, an dem Devon zu ziehen gedachte, sobald sich das Wurfgerät zu weit entfernte. Das war die Markierung gewesen, die Malleus nun auf seinem Körper trug und die irgendwann zwar verblassen, aber nie verschwinden würde. Es war die Pflicht eines Jägers – Devons Pflicht – den Bund mit Malleus zu wahren. Ebenso, wie es für Tava galt. Lacerta banden sich bis zum Tod an ihre Partner und manchmal sogar darüber hinaus, wie man bei Escholons Mutter sehen konnte.
      „Vielleicht sollte ich einfach selbst die Geschichten weiterentwickeln. Wie einen Dialekt“, überlegte Devon laut, ließ den Stock fallen und richtete sich wieder auf. Dabei legte er seine Hand an Tavas Horn, fuhr die harte, gewundene Oberfläche nach unten zu ihrem Kopf und wuschelte ihr Haar zwischen ihren Hörnern durcheinander. „Dann werde ich jemanden brauchen, der es aufschreibt. Oder zeichnet. Eigentlich eher zeichnet, weil es ja Zeichen und keine Worte sind.“
      Die roten Augen zuckten zur Seite, wo Malleus den Hauch eines Blickes wahrnehmen können würde.
    • Malleus brummte verstehend. Obgleich sich sein Blick wieder in der Ferne über den goldenen Feldern verlor, hörte er aufmerksam zu. Was sich nach ehrfürchtiger Schmeichelei anhörte, bekam aus Devons Mund eine gänzlich andere Bedeutung. Malleus senkte den Blick auf seine Hände und er krümmte die Finger um etwas, das nicht da war.
      Eine Tatsache stand für ihn ohne Zweifel fest, da hatte Devon seine Erklärung noch nicht einmal zu Ende gebracht. Er wollte nicht sein wie der Nebel, unerreichbar und einsam. Zwischen Zeilen beschrieb der Lacerta ein sehr, sehr einsames Leben, ob er nun beabsichtigt hatte oder nicht. Devon hatte ihn nachdenklich gestimmt.
      „Vielleicht sollte ich einfach selbst die Geschichten weiterentwickeln. Wie einen Dialekt“, sagte Devon und Malleus‘ Aufmerksamkeit zuckte zurück in seine Richtung, kaum verließ der Lacerta seine entspannte, gehockte Haltung.
      Es war wie ein neuer Reflex, mit dem der Kultist sich noch arrangieren musste. Er war sich Devons Präsenz schon immer überdeutlich bewusst gewesen, doch seit der Nacht im Dschungel, hatte dieses Gefühl eine neue Spitze erreicht.
      „Dann werde ich jemanden brauchen, der es aufschreibt. Oder zeichnet. Eigentlich eher zeichnet, weil es ja Zeichen und keine Worte sind.“
      Jetzt zog Malleus eine Augenbraue in die Höhe.
      Der Lacerta mochte Gebräuche und Geschichten mit ihnen geteilt haben, aber nachdem Devon das Skizzenbuch mit seinen kleinen, verräterischen Zeichnungen gefunden hatte, erstaunte es Malleus, dass er ihn auf diese Weise einlud.
      Ein schmales Lächeln umspielte die spröden, aber vollen Lippen des Kultisten. Die Andeutung eines Grübchens erschien auf seiner linken Wange. Er triezte Devon nicht dafür, dass er ihn nicht direkt fragte oder darum bat. Trotzdem fühlte sich dieser Moment verdächtig nach Früher an, bevor es ein Vor Tel’Aquera und ein Nach Tel’Aquera gegeben hatte.
      „Ich würde mich geehrt fühlen, wenn dir meine bescheidenen Zeichenkünste dabei helfen könnten“, gab er ebenso unverbindlich zurück, als hätte Devon in nicht ohnehin für diese Aufgabe ins Auge gefasst.
      Malleus lehnte sich zurück, stützte sich mit den Händen in seinem Rücken ab und erlaubte sich, die beinahe gekauerte Haltung zu lösen und die Beine auszustrecken. Er sah den knisternden und springenden Funken im Feuer zu.
      „Was werdet ihr tun, wenn wir angekommen sind? Wenn ich etwas Glück habe, sind die Stadtarchive öffentlich zugänglich. Ich vermisse den Geruch von Pergament und Tinte…“, seufzte Malleus überzogen, doch wer genauer hinsah, bemerkte das leichte Flackern in seinen dunklen Augen.
      Obwohl der Ton seiner Stimme nichts darüber verriet, lag ein zurückhaltender fast unsicherer Zug um seine Augenwinkel. Ganz offensichtlich war Malleus noch nicht bereit, sich wieder in die Stille seiner Gedanken zurück zu ziehen.
      „…und einen Hauch von Zivilisation.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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