Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Malleus' Blick fiel auf das Buch und die Kräuter in seinem Schoß. Er erwiderte nichts.
      Mit den Fingerspitzen fuhr er über den abgegriffenen Ledereinband des Notizbuches. Das Gefühl war vertraut. Es beruhigte ihn. Während Devon sich in seinem Augenwinkel auf Tava zubewegte, hob Malleus das Kräuterbündel auf. Die geschwärzten Blätter raschelten leise, als er über die getrockneten Stiele strich. Er zog einen Stiel aus dem Bündel und drehte ihn zwischen den Fingern. Ein Fingerglied hatte Devon gesagt. Malleus trennte die Menge, die zwei Fingergliedern entsprach, mit den dreckigen Fingernägeln, unter denen noch der Erdboden des Dschungels haftete, vom Stiel und schob sich die Blätter in den Mund.
      Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Erst als er die ersten Blätter bedächtig zerkaute, gab das Grottenkraut eine schwere Süße frei, die seinen Zungen augenblicklich zu verkleben schien. Malleus' Nasenlöcher blähten sich auf, als er tief einatmete. Kauend wartete er auf die erhoffte Wirkung. Langsam verstummten die Geräusche vor der Hütte, verdrängte von einem leise, gleichmäßigen Rauschen. Sein Blut, das durch seine Adern floss. Seine Fingerspitzen kribbelten und er schob das restliche Grottenkraut und das Buch aus seinem Schoß.
      „Es wurde erledigt, weshalb ich hergekommen war. Ich will euch keine Sekunde länger als nötig hier wissen. Ist das okay?“ , drang Devons Stimme durch die Brandung, die seine Ohren erfüllte. Der Lacerta und die Cervidia klangen, als wären sie mehr als nur ein paar Meter von ihm entfernt. Ah. Malleus seufzte leise. Er nickte träge. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde sein Körper schwerer. Schwärze flimmerte am Rand seines Blickfeldes, das im Rhythmus seines Herzschlages pulsierte und immer kleiner wurde. Malleus beobachtete, wie Devon die Wunden der Cervidia versorgte und kurz kam ihm in den Sinn, dass er sich hätte waschen sollen. Vermutlich würde er seinen Verlangen nach sofortiger Stille am Morgen bereuen. Er sollte...
      "...ich sollte Raschasis aufsuchen", murmelte er mit schwerer Zunge.
      Die Augenlider wurden schwer, schienen eine Tonne zu wiegen. Geistesgegenwärtig tastete Malleus nach einer kleinen Tonschale und spuckte das bittersüße Kraut aus. Jetzt, da es begonnen hatte, entfaltete sich die Wirkung schneller als erwartet. Sein Atem beschleunigte sich. Obwohl er sich nach einem traumlosen Schlaf sehnte, war es ein beängstigendes Gefühl, wie ihm allmählich die Kontrolle entglitt. Er fühlte sich schwerelos und dennoch zog ihn die Anziehungskraft gen Boden. Malleus' Kopf kippte nach vorn. Selbst im Sitzen wankte er von links nach rechts.
      "...und ich...ich muss mit Nishila sprechen...bevor wir gehen. Ich muss sie...etwas...etwas fragen. Etwas Wichtiges...", wisperte Malleus und gab der Schwerkraft nach. Der Kultist kippte zur Seite. Zu dem Raschen gesellte sich sein Herzschlag, der zu Beginn noch raste und dann immer, immer langsam wurde. Das Bild vor seinen glasigen Augen verschwamm. "Ich muss ihr...danken...für..."
      Malleus' Augen schlossen sich und öffneten sich nicht wieder.Ein tiefer Atemzug rüttelte an seiner zusammengekrümmten Gestalt, die sich instinktiv zu einem Ball formte. Er machte sich klein. Wie ein Kind.
      "Sag es ihr nicht, Devon...bitte, sag es Tava nicht...", war die letzte Bitte, die er an den anderen Mann richtete, bevor sämtlich Anspannung mit einem Schlag aus seinem Körper wich. Malleus ließ sich in die ersehnte Dunkelheit zerren, die über ihm zusammenschlug wie die tosenden Wellen des endlosen, dunklen Ozeans.
      Ob er die Bitte um seinetwillen oder um Devons geäußert hatte, wusste nur der Kultist allein.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon befahl Tava nicht, näher zu ihm zu rutschen oder das Feuer auszumachen. Wie sie gehofft hatte, blieb er genau dort, wo er war, und strich die graue Paste vorsichtig auf ihre Wange. Sie zuckte; jede Berührung auf ihren verbrannten Nervenenden schickte eine neue Welle aus Schmerzen über ihr Rückgrat. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und doch sah sie nicht weg von Devon, der seinerseits die Zähne aufeinandergebissen hatte, sodass sein Kiefer prominent hervorstach. Das Feuer musste ihm wehtun und selbst, wenn der Schmerz womöglich nicht vergleichbar war, war es dieses Zeichen der Hingabe, das Tava durchhalten ließ. Nur noch ein bisschen länger, nur noch etwas mehr von dem unbekannten Zeug auf ihre Wange schmieren. Sie hielt durch und sah Devon dabei in die Augen.
      Die Wirkung setzte schnell ein. Die Paste war seltsam kühl auf ihrer sonst erhitzten Haut und schien das Stechen einzudämmen. Tava empfand es sogar fast angenehm, die Abwesenheit von Schmerz, die das Zeug erschaffte. Unmittelbar fragte sie sich, was für ein Puder er hergenommen hatte; sie würde es gerne in ihren eigenen Rezepten einmal ausprobieren.
      „Du hättest ihnen auch nur die Spitze deines Hornes geben können. Sie haben nie gesagt, wie viel es sein sollte“, sagte Devon, nachdem er den letzten Rest ins Feuer geworfen hatte. Tava erhaschte einen Blick auf seine Hand; sie war vom Feuer ganz rot.
      "Sie wollten mein Horn. Bestimmt wollten sie das ganze haben und nicht nur einen Teil. Als Trophäe." Sie spuckte das Wort förmlich aus. Cervidia-Hörner waren ein gängiger Handelsgegenstand - zumindest unter den Menschen.
      Hatte Tava zu vorschnell gehandelt? Hätten sie sich wirklich nur mit der Spitze zufrieden gegeben? Tava glaubte nicht. Sicher hatte sie mit ihrem Vorgehen ihr Horn gerettet. Was war schon eine Wunde auf der Wange, wenn sie ihre beiden Hörner bewahrte.
      Ihr Blick wanderte zu Malleus an der Wand, der sich so weit vom Feuer weg gesetzt hatte wie möglich. Der Mann hatte Devons Anweisung befolgt und kaute auf den Blättern herum. Er sah schon wesentlich entspannter aus - mehr wie er selbst anstatt der stumme, eingesunkene Mann, der draußen auf dem Boden gekniet hatte. Tava wusste noch immer nicht, was in dieser Nacht im Wald alles geschehen war, um ihn so zurückzulassen.
      „Sobald ihr könnt will ich hier weg“, sagte Devon. „Es wurde erledigt, weshalb ich hergekommen war. Ich will euch keine Sekunde länger als nötig hier wissen. Ist das okay?“
      "Ich will auch weg", bestätigte Tava. Sie würde vermutlich nie wieder einen Fuß in diesen Dschungel setzen, egal wie verführerisch seine exotischen Pflanzen auch sein mochten. "So schnell es geht."
      "...ich sollte Raschasis aufsuchen", murmelte Malleus schwach aus seiner Ecke. Tava sah wieder zu ihm und beobachtete, wie sein Kopf ihm auf die Brust sank. Das Kraut musste sehr schnell wirken, genauso wie das Puder. Raschasis war wohl als Alchemistin erfahrener als Tava ihr zugetraut hätte.
      "...und ich...ich muss mit Nishila sprechen...bevor wir gehen. Ich muss sie...etwas...etwas fragen. Etwas Wichtiges... Ich muss ihr...danken...für..."
      Sein Gemurmel besorgte Tava. Sie sah zu Devon, unschlüssig, ob sie etwas tun sollte. Das Feuer in ihrem Rücken tröstete sie noch immer und sie fühlte sich noch nicht bereit, seinen Schutz zu verlassen. Aber irgendjemand sollte nach Malleus schauen.
      "Sag es ihr nicht, Devon...bitte, sag es Tava nicht..."
      War das ihr Name gewesen? Malleus war so leise, Tava konnte ihn kaum noch verstehen. Sie sah Devon irritiert an, der Malleus sicher besser verstanden hatte.
      "Mir etwas nicht sagen? Was?"
      Was sollte das sein? Sie hatten doch keine Geheimnisse voreinander. Was sollte Devon ihr nicht sagen?
      "Was sollst du mir nicht sagen? Hat das etwas mit der letzten Nacht zu tun? Was ist im Wald passiert?"
    • Wenn Lacerta eines nicht sammelten, dann waren es Trophäen. Das, was Tava so abschätzig betonte, war eine Gewohnheit anderer Rassen, gar anderer Stämme. Lacerta sammelten Geschichten und zwar jene, die sie auf ihren eigenen Körpern niederschrieben. Sie hatten nichts von wertvollem Besitz oder Erinnerungsstücken der materialistischen Welt. In ihrer Kultur waren die Worte und eben die geritzten Geschichten das, was Bestand hatte. Das jetzt aber kaputt zu diskutieren war zwecklos, weshalb Devon genau das nicht tat. Glücklicherweise bockte Tava dieses Mal nicht. Hier hatte Lernen durch Schmerz wohl doch funktioniert.
      „… ich sollte Raschasis aufsuchen.“
      Sowohl Tava als auch Devon drehten sich dem Dritten im Bunde zu, der nahezu mit dem Schatten verschmolzen war. Seine Worte kamen schon verlangsamt und Devon wusste, dass das Kraut zu wirken begonnen hatte. Die Wirkung trat schnell ein und je nach Menge heftiger oder weniger. Eigentlich war es ein sanfter Übergang, weshalb manche Lacerta das Kraut auch in heißem Wasser zu sich nahmen. Vielleicht hatte Malleus auch nur eine schlechte Toleranz gegenüber den Inhaltsstoffen, weswegen er so schnell die Kontrolle über Körper und Sprache verlor. Das Wanken war meist die Gegenwehr des Körpers, um eine indizierte Bewusstlosigkeit zu verhindern. Nur war das Kraut mächtiger, das wusste Devon nur allzu gut. Er fing Tavas besorgten Blick auf, als Malleus nur noch Fetzen heraus bekam. Dann sackte der Mann zur Seite, etwas unsanfter als sicherlich gewollt, und Devon erhob sich leise ächzend. Sollte Malleus Nishilia ruhig sprechen. Was er sie fragen wollte, ahnte er jedoch nicht.
      „Wunder dich nicht, Tava. Die Wirkung von dem Kraut ist gerade beim ersten Mal sehr unerwartet“, beruhigte Devon seine Begleiterin, während er sich vor Malleus hockte und ihn vorsichtig im Liegen etwas zurechtschob und anschließend etwas suchte, was er ihm als Deckenersatz überwerfen konnte.
      „Sag es ihr nicht, Devon… bitte, sag es Tava nicht…“, murmelte Malleus kaum hörbar und doch viel zu laut für den kleinen Raum. Dann erschlaffte der Körper des Kultisten vollständig und ergab sich der übermächtigen Wirkung des Krauts.
      Devon zog fragend die Augenbrauen zusammen. Was sollte er Tava nicht sagen? Den offensichtlichen Elefanten im Raum und damit das, was im Wald passiert war? Oder vielleicht was in dem Buch stand und dass Malleus Devon praktisch katalogisiert hatte? Oh, oder gab es noch andere Dinge, die ihm gerade entfallen waren und sich durchaus schlecht gemacht hätten? Alternativ könnte Malleus auch schon im Delirium geredet haben und seinem Gewissen Luft machen wollen.
      „Mir etwas nicht sagen? Was?“
      „Gute Frage.“
      „Was sollst du mir nicht sagen? Hat das etwas mit der letzten Nacht zu tun? Was ist im Wald passiert?“, harkte Tava weiter nach und Devon seufzte.
      „Vielleicht, dass er fast von einer Nachtkatze gefressen worden ist und ich das Tier praktisch zerfetzt habe?“ Träge erhob sich Devon und kehrte an das Feuer zurück, wo er sich in größerem Abstand zu den heißen Flammen als Tava setzte. „Oder dass ich ihm lacertatypisch nachgestellt habe, um ihn zu finden? Niemand will wie ein Beutetier gejagt werden. Ich schätze, er will nicht, dass du weißt, wie sehr er nach Angst gestunken hatte.“
      Während Devon sprach, sah er gedankenverloren in die Flammen. Das alles hatte er sich anders vorgestellt. Den Keil, den dieser Besuch in seinem Dorf zwischen ihnen Dreien geschlagen hatte, war vielleicht nie mehr zu kitten. Dabei hatte er sie doch gewarnt. Ihnen geraten, das Dorf nicht zu betreten. Sie beide hatten seine Worte einfach ignoriert und jetzt durfte er mit der Schuld leben, während die beiden anderen für den Rest ihres Lebens gezeichnet waren. Wenigstens hatte dies bewiesen, dass es nun keinen Grund mehr für Devon gab, jemals wieder auch nur einen Fuß in dieses Dorf zu setzen. Seine Pflicht war mit der Abgabe von Escholons Haut gestorben.
      „… Wo möchtest du hin, Tava? Ich meine, wenn wir hier weg sind und uns niemand im Nacken sitzt. Willst du immer noch nach Adrastus suchen? Mit Malleus und… mir?“ Rote Augen suchten vorsichtig nach Tavas Aufmerksamkeit, viel zu scheu für einen Mann, der sich vor Stunden noch durch eine ganze Schar an Lacertakriegern hatte metzeln wollen.
    • „Vielleicht, dass er fast von einer Nachtkatze gefressen worden ist und ich das Tier praktisch zerfetzt habe?“, vermutete Devon tonlos. Tava sog die Luft scharf ein; sie hatte gehört von den Nachtkatzen, von den Raubtieren der Dunkelheit, die man erst zu sehen bekam, wenn es bereits zu spät war. Sie schienen im Dschungel verbreitet zu sein, wo die Bäume dicht genug wuchsen, um das Mondlicht auszusperren. Was war dabei schlimmer, die Nachtkatze selbst oder der Anblick, wie Devon das Tier zerfetzte? Was sollte das überhaupt bedeuten - er hatte eigenhändig eine Nachtkatze erlegt? Wie sah Malleus dann so viel mitgenommener aus als Devon?
      „Oder dass ich ihm lacertatypisch nachgestellt habe, um ihn zu finden? Niemand will wie ein Beutetier gejagt werden. Ich schätze, er will nicht, dass du weißt, wie sehr er nach Angst gestunken hatte.“
      "Oh."
      Jetzt schämte sich Tava ein bisschen dafür, so sehr nachgehakt zu haben. Malleus wollte nicht, dass Devon sie einweihte, also sollte sie nicht hinter seinem Rücken alles erfragen. Ihr Blick ruhte auf dem Mann auf dem Boden, den Devon jetzt mit einer Decke zugedeckt hatte. Das wäre einfach nicht fair.
      Sie sah wieder zu Devon zurück, der abwesend in die Flammen starrte. Das Licht warf Schatten auf sein Gesicht, die seine dunklen Augenringe betonten. Auch er hatte in der Nacht nicht geschlafen, hatte Malleus aufgespürt und dann gegen eine Nachtkatze gekämpft, um ihn zu retten. Und dann war er mit Malleus zurück ins Dorf gekommen und hatte Tava aus dem Feuer ziehen müssen. Bis vor ein paar Minuten war sie noch wütend auf ihn gewesen, dass er sie verletzt hatte, aber jetzt hatte sie Mitleid mit ihm. Es musste schwierig gewesen sein, Escholons Haut nachhause zu bringen, und dann hatten sich ihm seine Begleiter auch noch widersetzt und waren ihm in den Dschungel hinein gefolgt. Das hatte Tava fast das Horn und Malleus eine gruselige Nacht gekostet. Und Devon durfte alles davon ausbaden.
      Tava schlang die Arme um ihre Beine. Wenigstens die Schmerzen in ihrer Wange hatten nachgelassen, auch wenn sie unter der Oberfläche noch immer da waren. Jetzt waren sie erträglich.
      „… Wo möchtest du hin, Tava?", sagte Devon nach einem Moment der Stille.
      "Wo ich hin möchte?", fragte sie.
      "Ich meine, wenn wir hier weg sind und uns niemand im Nacken sitzt. Willst du immer noch nach Adrastus suchen? Mit Malleus und… mir?“
      Ihr entging das Zögern nicht und für einen Moment fühlte sie sich so schlau wie Malleus, weil sie es entdeckt hatte. Ihr Blick suchte Devons und er sah mit der gleichen Vorsicht zurück, mit der er sie zuvor berührt hatte. Als wolle er ihr nicht noch einmal wehtun.
      "Ja, natürlich. Jetzt, wo ich das Rezept gefunden habe, bin ich ihm so nahe wie noch nie zuvor. Wir werden ihn finden, Devon. Wir, du und ich und Malleus. Wir müssen der Spur nur weiter folgen und dürfen uns nicht wieder trennen. Wir müssen den Drachen folgen. Und wenn wir ihn dann einmal gefunden haben..."
      Ihre Augen blitzten auf. Sie sah das Feuer vor sich, allesergreifend, ein Meer davon um sie herum, in ihr drin. Zum Greifen nahe. Aber statt ihrer Vision sagte sie:
      "... wirst du ihn essen? Ist das der Grund, weshalb du ihn suchst?"
    • Ein ganz kleines Bisschen fiel von der Last ab, die Devon in die Knie zwang. Tava hatte ihn nicht verstoßen. Nicht nach dem ganzen wortwörtlichen Scheiß, der in den letzten Stunden allein geschehen war. Allerdings war er nicht so naiv um zu glauben, dass es keine Risse in ihrer Beziehung hinterlassen haben konnte. Diese Konstrukte waren für Devon noch zu neu, als dass er ihnen eine große Stabilität zuschreiben wollte.
      „Ob ich ihn… essen will?“ Devon blinzelte, brauchte einen Moment, um seine Gedanken auf sich selbst zu lenken. „Ach… Hm. Wenn ich es bis dahin schaffen sollte… Ich will sehen, was für einen Herzkristall er besitzt. Ob er einen hat. Und was passiert, wenn ich ihn wirklich fressen sollte. Also, ja…. Irgendwie schon.“
      Er kratzte sich am kurzhaarigen Schädel. Wenn man es von außen betrachtete, klang es absolut wahnwitzig. Wie sollte er mit seinen kleinen Händen so ein riesiges Ungetüm erlegen, geschweige denn einen gigantischen Herzkristall verspeisen können? Sicher, er hatte schon den ein oder anderen großen Drachen gefällt. Aber noch nie einen der S-Klasse. Aber vielleicht war es ja wirklich sein Schicksal. Der Erste zu sein, der den Herzkristall eines echten Desasters essen würde.
      „Ich glaube, ich hatte dich nie wirklich gefragt, warum du den Desasterdrachen suchst. Schon klar, dass es um sein Feuer geht. Willst du einfach gucken, ob du auch gegen Drachenfeuer bestehen kannst? Da könnte man bestimmt auch erst einmal kleinere Vertreter finden“, dachte Devon lauter nach, während er sich erneut die klare schleimige Creme zur Hand nahm und seine Verbrennungen ein weiteres Mal damit behandelte. Sie reagierten schon nicht mehr so extrem auf die Hitze, berührungsempfindlich war sie hingegen noch sehr.
      „Ich denke, wir sollten als nächstes nach Eisenfort gehen. Kennst du Eisenfort?“ Vermutlich kannte sie es nicht. Devon selbst war dort mehrere Male hindurchgereist, weil sich dort viele Jäger wie er trafen. Die Stadt war ringsherum um einen alten Vulkan errichtet worden, dessen Gestein voll von Erz war. Eine Hochburg der Schmiede und Ausrüstungsliebhaber. „Wir können uns dort vernünftig ausstatten. Und ein bisschen Geld reinholen, jedenfalls ich. Ich habe den Bergleuten häufiger dabei geholfen, Erz abzutragen um im Tausch Rüstung oder Schilde zu bekommen. Außerdem können wir die anderen Jäger der Gilde dort nach Informationen fragen. Bisher folgen wir ja nur einer groben Richtung.“
      Er warf einen schnellen Blick nach hinten zu der Stelle, wo Malleus nahezu regungslos schlief.
      „…Und ich will, dass er sich richtig erholt. Man sieht es nicht, aber er hat immer noch Angst. Er riecht noch sehr danach, wenn auch kalt.“
    • Irgendwie schon war eine sehr ungenaue Antwort für etwas, das Devon bisher bei jedem Drachen getan hatte. Was hatte es für eine Auswirkung, welchen Herzkristall der Drache hatte? Würde Devon ihn entsprechend nicht essen oder nur ein bisschen davon? Tava war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstand, was Devon mit den Herzkristallen vorhatte. Von diesem irgendwie schon kamen neue Fragen auf, die sie noch nicht stellen wollte. Erst, wenn über diesen ganzen Besuch des Stammes ein bisschen Gras gewachsen war.
      „Ich glaube, ich hatte dich nie wirklich gefragt, warum du den Desasterdrachen suchst", sagte Devon dann. Tava wusste kurz nicht, was er meinte. Desasterdrache? War das seine Bezeichnung für Adrastus?
      "Schon klar, dass es um sein Feuer geht", schob er gleich hinterher. "Willst du einfach gucken, ob du auch gegen Drachenfeuer bestehen kannst? Da könnte man bestimmt auch erst einmal kleinere Vertreter finden.“
      "Natürlich nicht", sagte Tava und empfand es als gutes Zeichen, dass sie Empörung spürte. Die eigenartige Salbe hatte eine betäubende Wirkung auf ihre Wange, auch wenn sie beim Sprechen immer ein unangenehmes Ziehen verspürte. Der Schmerz war aber aushaltbar genug, um sich etwas aufzurichten.
      "Ich will sein Feuer haben. Adrastus' Feuer ist das schönste Feuer; es ist nicht so schwach wie zahmes Feuer und nicht so klein wie freies Feuer. Auf der ganzen Welt gibt es kein Feuer, das so stark wie seins ist - das kannst du mir glauben. Ich habe mir alle Feuer angeschaut."
      Tava nickte über diese sehr wichtige Studie, die sie über Jahre hinweg durchgeführt hatte.
      "Deshalb will ich die Quelle haben, mit der er sein Feuer entfacht. Das ist doch logisch, nicht?"
      Devon sah nicht unbedingt davon überzeugt aus. Das konnte allerdings auch daran liegen, dass er sich während ihrer Erzählung die Verbrennungen an seiner Hand eincremte. Das war auch etwas, was Tava nie wieder nachvollziehen müssen würde: Verbrennungen. Der Gedanke erfüllte sie mit Stolz.
      „Ich denke, wir sollten als nächstes nach Eisenfort gehen", sagte Devon dann nach einem Moment. "Kennst du Eisenfort?“
      "Ich war einmal da, früher, als ich klein war. Ich kann mich aber nicht mehr gut daran erinnern. Die Cervidia waren so..." Sie rümpfte die Nase. "Nett."
      Sie konnte sich vage daran erinnern, wie ihr damaliger Lehrer versucht hatte, sie in Eisenfort zu lassen, unter ihresgleichen. Er hatte gedacht, es wäre besser für sie gewesen, wenn sie unter anderen Gehörnten aufwachsen würde, damit sie einen Teil ihrer Kultur mitbekam. Nun, es war nicht besser gewesen und Tava war mit ihrer Karawane wieder abgezogen. Das war die einzig gute Entscheidung gewesen.
      „Wir können uns dort vernünftig ausstatten. Und ein bisschen Geld reinholen, jedenfalls ich. Ich habe den Bergleuten häufiger dabei geholfen, Erz abzutragen um im Tausch Rüstung oder Schilde zu bekommen. Außerdem können wir die anderen Jäger der Gilde dort nach Informationen fragen. Bisher folgen wir ja nur einer groben Richtung.“
      Tava zuckte mit den Schultern. Sie hatte gedacht, dass ihre Richtung ganz gut gewesen war; in den letzten Jahren war sie oftmals Adrastus näher gekommen, wo sich seine Spuren häuften. Es war einfach nur schlechtes Glück, dass er fliegen konnte und immer schon tagelang weggewesen war, wenn sie ihn erst erreichte. Dafür konnte sie ja nichts.
      Devon warf einen kurzen Blick zu Malleus.
      „…Und ich will, dass er sich richtig erholt. Man sieht es nicht, aber er hat immer noch Angst. Er riecht noch sehr danach, wenn auch kalt.“
      Tava sah jetzt auch zu Malleus und für einen kurzen Augenblick betrachteten sie beide den Mann schweigend.
      "Das muss schlimm gewesen sein", sagte sie leise. "Mit der Nachtkatze."
      Schlimm war vermutlich untertrieben. Es musste eher ein Albtraum gewesen sein.
      "Soll ich ihn mir anschauen, solange er noch schläft?", fragte Tava und machte Anstalten aufzustehen. "Dann merkt er nichts. Ich kann ihm nur ein bisschen Salbe geben, für die Wunden. Hat er sich sehr verletzt?"
    • Tava wollte also ergründen, wie Adrastus seine desaströsen Flammen spie… Ein durchaus löbliches Ziel, bedachte man ihre Pyromanie und Forscherdrang. Tatsächlich erachtete Devon dieses Ziel als wesentlich löblicher als das sein; etwas zu töten, nur um einen speziellen Teil von ihm zu verschlingen klang im Nachgang doch sehr beschränkt. Aber es half alles nichts. Adrastus hatte sie drei durch Fügung zusammengeführt und diesen Weg war er nun gewillt, zu schreiten. Jedenfalls so lange, wie die Zwei es mit ihm ertrugen. Dass sich Tava nicht mehr allzu abwehrend ihm gegenüber gebar, beruhigte Devon minimal. Das andere Problem lag hinten in seinem Rücken und gab keinen Mucks mehr von sich. Es war besser, wenn jemand seine Emotionen nach außen trug und nicht in sich hineinfraß.
      „Mhm, die Katze war eine hinreißend grausame Kreatur. Aber auch sie wollte nur fressen. Das Gesetz der Natur“, sagte Devon nach einem Augenblick in nachdenklicher Haltung. „Schau ihn dir ruhig an. Ich denke, du wirst ihn anfassen können, selbst wenn er schläft. Ich schätze, er hat vor mir… Angst. Vorerst.“
      Oder für immer. Dessen war sich Devon nicht bewusst. Er wusste nur, dass das nächste Erwachen des Kultisten zeigen würde, welche Blessuren diese Nacht wirklich bei ihm hinterlassen hatte. Physisch als auch psychisch.
      „… Wir sollten aber bald schlafen. Ich will morgen so früh es nur geht weg von hier“, beschloss Devon abschließend und warf noch ein Scheit in das Feuer, das gierig am Brennstoff nagte.

      Der nächste Morgen kam schneller als erwartet. Die Dämmerung hatte gerade eingesetzt, da war Devon schon längst auf den Beinen und hatte das spärliche Hab und Gut, welches sie mit sich gebracht hatten, in praktischen Rucksäcken verstaut. Viel war es nicht, das meiste verstaute er in dem neuen Rucksack von Tava, nachdem der alte dank des ruppigen Transportes doch arg gelitten hatte. Seine Kleidung war durch neue Lederrüstungen sowie ein gewobenes Hemd ersetzt worden, die Nishilia ihm unbedingt hatte überlassen wollen. In dem Zuge hatte Devon Malleus auch bei ihr vorrübergehend abgesetzt. Der Kultist war wie in einem Delirium aufgewacht und es hatte mehrere Versuche bedurft, ehe er richtig ansprechbar gewesen war. Dem Zustand war es zu verdanken gewesen, dass der Jäger den Menschen zu Nishilia tragen und dort bis zu ihrem Aufbruch verweilen lassen konnte. Etwas kam ihm durchaus komisch vor. Bei Lacerta hatte das Kraut nicht so eine arge Wirkung, wenn man es denn korrekt einnahm. Was die zwei besprachen, erfuhr Devon nicht. Er kam nur einige Zeit später wieder, um Malleus kurzerhand Huckepack zu nehmen, ob dieser nun wollte oder nicht. Laufen war dem Mann nämlich noch nicht vergönnt.
      Tavas Gesicht war ein weiteres Mal durch Devon eingecremt worden. Im angehenden Tageslicht sah die Geschichte ohne die Creme furchtbar aus, weshalb er mehr als froh war, dass sie weniger stark auffiel, nachdem er sie behandelt hatte. Malheus auf seinem Rücken schien weniger begeistert von dieser Methode des Tragens zu sein, aber Laufen stand nicht zur Option. Zu lange hätten sie dann gebraucht, den Wald zu durchqueren und eine Nacht im Dschungel würde er mitnichten freiwillig verbringen. Er selbst war geschunden und auch wenn er nun das Schwert wieder an seiner Hüfte trug, machte ihn das noch immer angreifbar.
      Folglich fiel die Verabschiedung entsprechend karg aus. Nishilia bekam eine entsprechende Umarmung, der Älteste wurde entsprechend verabschiedet. Die restlichen Dorfbewohner lungerten aus ihren Hütten oder nahe des Waldrandes, um das Dreiergespann nicht zu verpassen, wie es das Dorf wieder verließ.
      Und irgendwo zwischen den Hütten stand ein älteres Lacertapaar. Die Augen der Frau, die vom Farbton her Devons sehr ähnelten, lagen ruhig und beinahe ausdruckslos auf dem Trio, wohingegen der Mann, groß und kräftig und über und über mit Geschichten verziert, nur kalten Stahl als Mimik zu kennen schien. Offene Verurteilung lag in seinem Blick, der sich in Devons Seite bohrte, als er dem Dorf für immer den Rücken kehrte.
      Seine Geschichte hier war zu Ende und seine Begleiter würden sie erzählen müssen.

      Der Weg durch den Dschungel verlief dieses Mal ohne Zwischenfälle. Als hätte der Wald eigenmächtig entschieden, dass das Trio schon genug Strapazen auf seinem Weg erlebt hatte. Durch ihren Zustand zog sich der Weg jedoch, sodass sie erst nach einem halben Tag das andere Ende des Waldes erreichten und endlich den Tropendschungel mit seinem feuchtheißen Klima hinter sich lassen konnten.
      Devon stand der Schweiß auf der Stirn, als er den Kopf zu Tava wandte. „Alles okay oder brauchst du eine Pause? Ansonsten müssen wir nur weiter nach Nordosten gehen, da stoßen wir auf einen Pilgerweg, dem wir nach Eisenfort folgen können.“ Mehrmals hatte er sich kurz nach Malleus‘ Empfinden erkundigt, ihm Wasser angeboten und teilweise auch etwas Dörrfleisch. Mehr Konversation hatte es zwischen den Männern nicht gegeben. Schlichtweg, weil Devon nicht wusste, was er sagen sollte.
      „Auf geht’s. Weg von hier“, murmelte der Jäger schließlich und setzte die nächsten Schritte in Richtung ihres neuen Ziels.
    • Malleus betrachtete nachdenklich das Licht- und Schattenspiel der Blätter des einsamen Baumes, der ihnen Schutz vor der Mittagssonne bot. Der Baum wuchs etwas abseits des Pilgerpfades, der sie nach Eisenfort führen sollte. Leise Stimmen drangen vom Weg herüber.
      Das ungleiche Trio hatte sich für eine Pause vor den neugierigen Blicken anderer Reisender zurückgezogen. Viele waren nicht unterwegs, aber Malleus war dankbar für diesen kleinen, unverhofften Rückzugsort. Er lehnte am Stamm des Laubbaumes, den Kopf zurückgelegt und den Blick gen Himmel gerichtet. Zwischen seinen Fingern baumelte die Trinkflasche, die Devon ihm vor ein paar Minuten gereicht hatte.
      Als erinnerte ihn das Plätschern in der halbleeren Falsche daran, dass er nicht allein war, senkte er das Kinn und warf einen Blick zu Tava und Devon. Er wusste, dass sie sich sorgten, denn Malleus hüllte sich auch weiterhin in Schweigen. Zwar antwortete er, wenn sie ihm eine Frage stellten, aber die meiste Zeit schien der Kultist ganz in seinen Gedanken versunken zu sein. Er dachte darüber nach, etwas zu sagen, aber seine Zunge ließ sich nicht dazu bewegen, Silben zu formen. Der Gezeichnete der Signa, der ganze Massen bewegte, schien seine Stimme verloren zu haben.
      Malleus seufzte leise und wandte den Blick wieder ab.
      Er gegenüber Tava kein Wort über die Ereignisse der Nacht im Dschungel verloren. Während die Cervidia den größten Schrecken bereits verdaut hatte und ihr flammender Zorn gegenüber Devon erloschen war, konnte Malleus den Groll nicht ablegen. Dabei richtete sich sein Unmut gegen die einzige Person, die das Wissen um das Grauen mit ihm teilte. Die einzige Person, die verstand, was vor sich ging und die, obwohl sie im Zentrum der Geschehnisse stand, ebenso sehr darunter litt. Aber er brachte es einfach nicht fertig über seinen Schatten zu springen.
      Es war Nishila, der guten und geduldigen Nishila, zu verdanken, dass Malleus sich kommentarlos von Devon tragen ließ, obwohl seine unmittelbare Nähe nur schwer zu ertragen war. Weshalb er Wasser und Proviant mit einem Danke annahm, auch wenn es gezwungen klang. Malleus gab sich Mühe, aber es zerrte an seinen Nerven und an seinen Gedanken, die sich roh und wund anfühlten. Das Gespräch mit Nishila hatte ihm etwas Klarheit verschafft. Mit Händen und Füßen hatten sie die Sprachbarriere umschifft und Malleus hatte ihr eine Frage gestellt, die etwas offenbarte, dass er niemals offen präsentieren würde: Seine Ratlosigkeit.
      'Ich weiß nicht, wie es weitergehen sollen und es treibt mich in den Wahnsinn. Ich weiß, dass es nicht seine Schuld ist und er sich sorgt. Sie beide sorgen sich, aber ich kann nicht...Wie soll ich vergessen, was passiert ist? Was soll ich tun, Nishila?'
      Die Lösung konnte sie ihm nicht geben, aber eine Erklärung für Devons Verhalten.
      Warum er Malleus nicht mehr aus den Augen ließ, auch wenn er auf Abstand blieb. Warum er ihm geduldig immer wieder Essen und Trinken anbot, obwohl der Kultist ihn in den meisten Fällen mit eisigem Schweigen strafte. Nach Brauch der Lacerta waren sie unwiderruflich miteinander verbunden. Nur der Tod konnte das Band durchtrennen, dass sich in dieser Nacht zwischen ihnen gespannt hatte. Für Malleus war dieses Band ein Schlinge um seinen Hals. Die Erinnerung erstickte jedes gutes Gefühl, dass der Bund hätte hervorbringen können. Er wusste schon lange, wie tief seine Empfindungen gegenüber Devon waren, aber das hatte er nicht gewollt. Nicht so.
      Und die arme Tava?
      Sie wusste gar nicht, was los war und trotzdem wurde sie von Malleus ebenfalls mit Schweigen bestraft.
      Ob sie einen Verdacht hegte?
      Malleus fuhr sich mit einer Hand über die Stelle unter seinem Hals, an der Devons Bissabdruck prangte. Nicht der kleine, harmlose aus dem Bauernhaus, sondern der Biss, der den Waldboden mit Blut getränkt hatte. Er ließ sich nicht vollständig verbergen, aber Malleus versuchte es auch nicht. Auch dafür war Nishila der Grund. Der Kultist mochte die beginnende Narbe nicht stolz präsentieren, aber er stritt das, wofür sie stand, auch nicht offen ab.
      Seufzend schloss Malleus die müden Augen.
      Das Mittelchen, das Raschasis ihm überlassen hatte, schenkte ihm einen tiefen, traumlosen aber nicht erholsamen Schlaf. Er wusste, dass ihn das Grottenkraut langsam zermürben würde. Es war gut, dass er nur ein kleines Beutelchen davon bei sich trug. Raschasis hatte ihm bei ihrem letzten Besuch, der heimlich in Nishilas Zelt stattgefunden hatte, während Devon ihre Abreise vorbereitet hatte, bestätigt, was er längst wusste. Der Schaden in seinem Geist war größer, als der an seinem Körper. Während seine Verletzungen heilten, würde er einen Kampf gegen alte Muster ausfechten.
      "Tava", sagt er schließlich und hielt ihr die Flasche ihn. "Es ist heiß. Du musst trinken."
      Es war das erste Mal seit Stunden, dass er das Wort direkt an einen seiner Gefährten richtete.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Aufbruch vom Dschungel erfolgte in unangenehmen Schweigen. Devon trug Malleus auf dem Rücken, weil er zu erschöpft war, um den Marsch zu bewältigen, und Tava lief nebenher. Es herrschte eine bedrückende Stille. Tava vermutete, dass sie noch niemals so wenig miteinander gesprochen hatten.
      Ihre Wange pulsierte unter der Creme und sandte bei jedem Schritt gedämpfte Schmerzensstiche durch ihren Kopf. Die Nacht war schlimm gewesen, weil Tava jetzt nur noch auf einer Seite liegen konnte und nicht einmal gähnen durfte, ohne die Verbrennung dabei aufzureißen. Bis Devon sie eingecremt hatte, hatte sie noch nicht einmal sprechen können, weil alles wehtat. Es war furchtbar. Wann würde das jemals wieder besser werden? Würde sie die nächsten Wochen Schmerzen beim Essen haben?
      Devon versuchte sich nach beiden Gefährten zu erkunden. Tava hatte nur ihre Wange zu beklagen - was sie Devon deutlich wissen ließ - und Malleus schwieg wie ein Grab. Wenn er etwas sagte, dann antwortete er mit einsilbrigen Wörtern. Wenn er nichts sagte, starrte er ins Leere und schien nichts wirklich wahrzunehmen. Tava machte sich mehr und mehr Sorgen um ihn und das nicht nur wegen der Verletzungen, die der Mann nachhause gebracht hatte. Ihre kurze Untersuchung am gestrigen Tag hatte nur oberflächliches ergeben; einige Kratzer und blaue Flecke, ein paar Bisse, die zu klein waren für das Maul einer Nachtkatze. Ein paar Prellungen und dunkle Blutergüsse, besonders an seiner Hüfte. Tava konnte sich das nicht wirklich erklären, außer dass Malleus auch einen Hang hinunter gerollt war, so wie es ihr zugestoßen war. In jedem Fall war er nicht so verletzt, um nicht ansprechbar zu sein. Er entschied sich einfach, sie beide zu ignorieren.
      Ob es wegen etwas war, was Tava getan hatte? Oder Devon? War Malleus böse auf sie beide?
      Die Stimmung schlug auch auf Tavas Gemüt über. Sie versuchte es zu ignorieren, aber es war einfach so schwierig. Sie wollte, dass alles wieder so war wie vorher. Sie wünschte sich ins Bauernhaus zurück, der einzige Ort in den letzten Wochen, in dem sie sich ganz entspannt hatten. In dem sie sich geliebt hatten.

      Sie machten eine Pause in der grellen Mittagssonne. Tava setzte ihren Rucksack ab und kramte nach einem Topf, Devon ließ Malleus im Schatten einer dicken Eiche nieder. Devon ließ Wasser herumgehen, Tava baute ihnen eine kleine Kochstelle auf. Sie sah Devon an und der sah nach einem Moment wieder weg, dann sah sie Malleus an und der begegnete ihrem Blick nicht einmal. Tava presste die Lippen aufeinander. Ihre Wange schmerzte.
      Sie hatten keinen Proviant aus dem Dschungel mitgebracht, immerhin hätte ihnen niemand etwas verkauft. Oder getauscht. Stattdessen hatte Tava auf dem Weg ein paar Beeren eingesammelt und zermatschte sie jetzt zu einer Soße. Devon schulterte seine Waffe und zog zurück in die Wildnis hinaus, einem Wild folgend, das Tava weder gesehen, noch gehört hatte. Sie blieb allein mit dem schweigsamen Malleus zurück.
      Still zerstampfte sie die Beeren. Das Fruchtfleisch schmatzte munter vor sich hin und ersetzte jegliche Konversation.
      Als sie aufsah, sah Malleus ihr zum ersten Mal richtig in die Augen.
      "Tava. Es ist heiß. Du musst trinken."
      Er hielt ihr die Flasche hin. Tava kippte den Kopf nach hinten und hätte vor Glück beinahe gelächelt, dass Malleus zu ihr gesprochen hatte. Normal zu ihr gesprochen hatte. Sie ging zu ihm und nahm die fast leere Flasche ab.
      "Danke, Malleus."
      Lächeln tat weh, also begnügte sie sich damit, ihm ihren Hals zu zeigen, und trank aus. Das Wasser war warm und fad. Sie hoffte, dass sie bald wieder einen Bach oder einen Fluss finden würden und musste unmittelbar wieder an das Haus denken.
      "Ähm..."
      Sie sah auf Malleus hinab. Er schien einen besonderen Moment der Gesprächigkeit zu haben und das wollte sie ausnutzen. Es gab so viel, was sie zueinander noch nicht gesagt hatten. Er hatte noch gar nichts von der Nacht erzählt!
      Sie setzte sich vor ihm auf den Boden, die Beeren waren vergessen. Den Kopf neigte sie mitfühlend, obwohl der Mann den Unterschied nicht erkennen würde.
      "Wie geht es dir? Nach, ähm..."
      Sie suchte nach Worten, mit denen sie am besten so ein Gespräch führen konnte. Dann holte sie tief Luft.
      "Devon hat mir erzählt, was passiert ist. In der Nacht. Er hat nicht - also er hat keine Details gesagt, weil... naja, das will ich eigentlich selber auch gar nicht wissen. Das muss ich nicht wissen. Es muss schon schlimm genug für dich gewesen sein."
      Sie fummelte mit ihren Händen herum. Das hier wäre sicher sehr viel einfacher, wenn sie sich einfach an Malleus kuscheln könnte, aber sie wahrte die Distanz zwischen ihnen. So kam sie sich aber noch verlorener vor.
      "War es denn... Hat es denn sehr wehgetan?"
      Sie blinzelte.
      "Die Nachtkatze?"
    • Kaum hatte Tava ihm die Falsche aus der Hand genommen, richtete sich sein Blick auf die kleine Kochstelle. Der süße Geruch der Beeren hing in der Luft, aber Malleus hatte keinen Appetit. Er würde trotzdem essen. Einerseits um Tava nicht noch mehr zu beunruhigend, als er es ohnehin schon tat, und andererseits, weil Devon nicht locker lassen würde, bis er ein paar Bissen heruntergewürgt hatte. Es juckte ihm in den Fingern nach dem Grottenkraut zu greifen. Bereit sich wieder ganz seinen kreisenden Gedanken zu widmen, schloss er die Augen wieder.
      "Ähm..."
      Malleus hielt die Augen geschlossen. Wie ein Feigling wartete er darauf, dass Tava den Versuch ihn in ein Gespräch zu verwickeln genauso schnell wieder aufgab, wie die Male zuvor, wenn er nur lange genug schwieg. Das Gras direkt vor ihm raschelte und sein Herz begann zu rasen. Nicht auf die gute Art.
      "Wie geht es dir? Nach, ähm..."
      Seufzend schlug er die Augen auf.
      Tava wirkte unschlüssig. Er konnte förmlich sehen wie sich die kleinen Zahnrädchen in ihrem Kopf bewegten.
      "Devon hat mir erzählt, was passiert ist."
      Das Herz in seiner Brust setzte einen Schlag aus.
      "In der Nacht. Er hat nicht - also er hat keine Details gesagt, weil... naja, das will ich eigentlich selber auch gar nicht wissen. Das muss ich nicht wissen. Es muss schon schlimm genug für dich gewesen sein."
      Stirnrunzelnd sah er Tava an.
      Die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, brannten wie Säure.
      Wie sollte Tava wissen, wie es für ihn gewesen war? Sie war nicht da gewesen. Nicht Tava hatte der Lacerta gepackt wie seiner verdiente Beute. Nicht Tava hatte Devon in den Dreck gedrückt. Nicht Tava hatte er angesehen, als wäre es sein von den Göttern gegebenes Recht gewesen ihn...
      Malleus biss sich auf die Innenseite seiner Wange.
      Der Schmerzimpuls half und die Gedankenspirale fiel auseinander.
      "War es denn... Hat es denn sehr wehgetan?"
      Er zuckte zurück.
      Die Pupillen seiner dunklen Augen flackerten und sein Atmung wurde flacher. Wäre Devon anwesend, hätte er die Veränderung in seinem Geruch bemerkt, bevor er ihm in die Augen sehen konnte.
      "Die Nachtkatze?"
      Malleus hatte Mühe, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten.
      Die Nachtkatze.
      Devon hatte Tava nichts gesagt.
      Die Gewissheit ergoss sich über seinem Kopf wie ein Eimer mit Eiswasser.
      Ein leises, ungläubiges Schnauben drang aus seiner Kehle. Es hätte auf eine deplatzierte Art sogar amüsiert klingen können, wenn Malleus dabei nicht verkrampft die Lippen aufeinander gepresst hätte. Tavas hoffnungsvoller, so unsagbar offener Blick, fügte seiner stoischen Haltung einen empfindlichen Schlag zu. Die Fassade bekam den ersten Riss.
      "Das wird wieder, Tava", antwortete Malleus rau und rieb sich geistesabwesend über die Stelle an seiner Schulter, die die Nachtkatze erwischt hatte. "Du solltest Dir nicht so viele Sorgen machen."
      Er leckte sich über die rauen Lippen, schindete Zeit.
      Natürlich reichten Tava die winzigen Fetzen, die er ihr zuwarf, nicht.
      Wieder seufzte er leise.
      "Der Schmerz kommt und geht", gestand er schließlich. "Raschasis Medizin hilft. Es...war nicht meine Absicht, dich auszuschließen, aber die Erinnerungen sind...schmerzhaft."
      Langsam sank sein Kopf zurück an den Stamm. Er sah in die Baumkrone hinauf. Es war einer der seltenen Momente, in denen er Tavas Blick auswich.
      "Sie jagen mir Angst ein, Tava", murmelte er und bewegte sich auf dem schmalen Grad der Halbwahrheit. Malleus
      Gesichtsausdruck wirkte gequält. "Ich habe nichts gesagt, weil ich nicht will, dass du gering von mir denkst. Mich für schwach hältst."
      Sein Blick verlor sich in der Ferne.
      "Ich kann nicht schlafen, ohne davon zu träumen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ein Schatten wanderte über Malleus' Gesicht, der Tava für einen Moment verunsichert. Sie hatte doch nichts falsches gesagt, oder? Sie hatte ihn nicht an die Nacht erinnern wollen, daran, wie er einer Nachtkatze in die Augen geblickt hatte, sondern sie wollte ihn nur aufmuntern. Nervös kippte sie den Kopf auf die andere Seite.
      Aber der Schatten verschwand, noch bevor Malleus zur Antwort angesetzt hatte. Unruhig betrachtete Tava ihn, wie er schnaubte und dabei die Lippen aufeinander presste. Er war so anders seit... naja, seit der Nacht. Würde er jemals wieder wie der alte Malleus werden?
      "Das wird wieder, Tava", krächzte er und irgendwie glaubte Tava ihm das nicht. Malleus hatte sie bisher noch nie angelogen, nicht ein einziges Mal, aber jetzt fiel es ihr schwer, seinen Worten zu vertrauen. Es verunsicherte sie nur noch weiter; was könnte nur so schlimm gewesen sein, um den Mann, der in Oratis die Massen bewegte, seiner Worte zu berauben? Wie monströs musste diese Nachtkatze gewesen sein, um ihn schlimmer zu treffen als alle Drachen, denen sie bisher begegnet waren?
      "Du solltest Dir nicht so viele Sorgen machen."
      "Ich mach mir aber Sorgen", gestand sie und zupfte an ihrer Kleidung herum. Sie wusste nicht, wie sie ihre Gedanken ansprechen sollte, ohne Malleus in Bedrängnis zu bringen, der ihr anscheinend nicht alles erzählen wollte. Stattdessen sagte sie also:
      "Du hast ein paar Wunden davongetragen und du bist so still, da weiß ich nicht... wie schlimm es ist. Und es soll nicht schlimm sein, wir sind jetzt aus dem Dschungel draußen, wir sind in Sicherheit. Also, so wie auch schon davor. Wir werden nicht einmal mehr verfolgt."
      Malleus seufzte.
      "Der Schmerz kommt und geht. Raschasis Medizin hilft. Es...war nicht meine Absicht, dich auszuschließen, aber die Erinnerungen sind...schmerzhaft."
      Sie nickte und wartete auf mehr. Ihre Finger zwirbelten den Stoff ihres Oberteils umher. Malleus lehnte den Kopf zurück an den Baum und schwieg. Sein Blick glitt irgendwo in den Himmel herauf, als wolle er dem Gespräch damit ausweichen.
      Wie gerne Tava sich jetzt zu ihm gesetzt hätte und ihm ihren Hals angeboten hätte. Oder sich wenigstens an ihn gekuschelt hätte. Der Drang war so stark, dass es schon schmerzte.
      "Sie jagen mir Angst ein, Tava", sagte er unvermittelt. Tava schwieg und sah ihn an.
      "Ich habe nichts gesagt, weil ich nicht will, dass du gering von mir denkst. Mich für schwach hältst. Ich kann nicht schlafen, ohne davon zu träumen."
      "Aber das ist doch nicht schwach", sagte sie sofort. "Das ist normal. Das ist mit allen Dingen so. Manchmal träume ich auch von... naja, von Feuer, das ist was anderes, aber manchmal träume ich von meiner Karawane und meinem Lehrer und wenn ich dann aufwache, bin ich traurig, dass ich nicht mehr bei ihnen bin. Nicht, dass ich nicht bei euch sein will; man träumt einfach Sachen. Und dann wacht man auf und es ist alles wieder normal und nicht wie im Traum. Das ist nicht schwach. Du bist nicht schwach, ganz sicher nicht."
      Sie sah ihn aufmerksam an. Ihre Worte schienen keine Wirkung auf ihn zu haben, nicht so, wie seine Worte sie aufbauen konnten. Das war einfach nicht ihre Stärke. Aber sie wollte nicht, dass er so... traurig war. Oder bedrückt. Oder was auch immer dieser Schatten in seinem Gesicht gewesen war, der sie auch im Nachhinein noch beunruhigte.
      Sie drehte sich nach dem Kochtopf um, nach den vergessenen Beeren und dann in die Richtung, in der Devon verschwunden war. Dann sah sie wieder Malleus an.
      "Ich kann dir ein Schlafmittel brauen, wenn du möchtest. Wenn Devon ein paar Mohnblumen findet und ich einen Beutel Brennnessel sammel, dann kannst du ganz tief schlafen. Ein bisschen wie der von Raschasis, nur nicht so tief. Tief genug, dass du nicht träumen musst. Wär das nicht was? Dann kannst du die Nachtkatze vergessen."
    • Tava meinte es gut. Er wusste das.
      "...Das ist nicht schwach. Du bist nicht schwach, ganz sicher nicht."
      Es musste ihr schwer fallen, sich zurückzunehmen. Die Anspannung war der Cervidia deutlich anzusehen. Verunsicherung lag in ihrem Blick und Malleus verspürte ehrliche Reue, aber er war davon überzeugt, dass es das Beste für Tava war, wenn er sie im Unklaren ließ. Die Spannungen innerhalb der Gruppe beruhigten sich allmählich und der Kultist wollte, dass es auch so blieb.
      "Ich danke dir, Tava", antwortete Malleus schlicht.
      Für Tava rang er sich ein Lächeln ab, weil sie etwas in seinem Gesicht suchte, dass er nicht bereit war, ihr zu geben. Er hielt ihrem Blick stand, obwohl er nichts lieber wollte, als das Gesicht abzuwenden, bevor er sich verraten konnte.
      "Ich kann dir ein Schlafmittel brauen, wenn du möchtest.", schlug Tava vor.
      Malleus wollte widersprechen.
      Das Mittel, das er von Raschasis bekommen hatte, war in seiner Wirksamkeit kaum zu übertreffen. Aber er musste zugeben, dass die Nachwirkungen heftiger ausfielen als angenommen. Nach dem Aufwachen hatte er ewig gebraucht, um einen klaren Gedanken zu fassen. Das war nicht gut. Es war genau der Grund, warum er eigentlich die Finger von solchen Substanzen und Mittelchen ließ.
      "...Ein bisschen wie der von Raschasis, nur nicht so tief. Tief genug, dass du nicht träumen musst. Wär das nicht was? Dann kannst du die Nachtkatze vergessen."
      Er konnte nicht ignorieren, wie erwartungsvoll Tava ihn ansah.
      Der Cervidia wollte helfen.
      Die Stille dauerte an, während das Blätterdach über ihnen sanft raschelte. Es war so friedlich, dass Malleus für einen Augenblick wieder die Augen schloss. Ganz kurz, dann suchte sein Blick wieder Tavas Gesicht. Er nickte.
      "Das wäre in der Tat was", antwortete er. Malleus ließ den Blick über die Wiese schweifen, die ihre kleine Zuflucht abseits des Pilgerweges einrahmte. "Ich denke, du findest auf der Wiese alles, was du brauchst."
      Zwischen den hochgewachsenen Halmen ließ sich sicher etwas Nützliches finden und wenn Tava nach den Pflanzen suchte, die sie brauchte, würde sie das vielleicht von weiteren Fragen ablenken.
      Malleus musste zu geben, dass er sich bei dem Gedanken schlecht fühlte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tavas Blick hellte sich schlagartig auf und eifrig nickte sie.
      "Dann mach ich dir eins. Ein gutes. Ich weiß genau, was ich brauch."
      Sie stand auf, ohne eine weitere Frage an Malleus zu stellen, und holte sich aus ihrem Rucksack Gläser und Pinzette. Als Devon zehn Minuten später wiederkam, kauerte sie inmitten der Wiese und pickte die Mohnsamen einzeln aus der Pflanze heraus.
      "55... 56... 57... 58..."
      Sie füllte ihr Gläschen und kam dann mit den restlichen Zutaten zurück zum Feuer, wo Devon sich bereits ans Häuten gemacht hatte. Die Luft war erfüllt von dem Geruch von Blut und frischem Fleisch, eine Kombination, die Tava das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Sie konnte mit ihrer Wange nicht viel essen, bis es ihr zu weh tat, daher kam der Hunger schnell und unbarmherzig. Sie setzte sich ans Feuer und bereitete ihre Instrumente vor für das Schlafmittel. Ihr Magen grollte.
      Keiner sagte ein Wort. Keiner sagte so lange ein Wort, dass Tava irgendwann von ihrem kleinen Kessel aufsah und die beiden Männer studierte. Malleus saß noch immer am Baum und starrte in den Himmel hinauf, als bemerke er gar nicht, wie das Essen vorbereitet wurde, und Devon hackte auf das Reh ein. Er konzentrierte sich einzig darauf. Das war für Devon zwar nicht ungewöhnlich, aber irgendwie machte die Kombination es aus. Hätte Malleus mittlerweile nicht längst sein Skizzenbuch gezückt, um irgendwas zu zeichnen? Hätte Devon nicht schon längst Tava vom Feuer weggescheucht, damit er es für das Reh vorbereiten konnte? Aber keiner sagte etwas. Die ganze Zeit nicht.
      "Ähm..."
      Tava hatte das Gefühl, dass irgendwas nicht richtig war. Aber sie kam einfach nicht darauf. Nur, dass die beiden Männer komischer waren als sonst.
      "Das Haus war toll. Das auf dem Hinweg."
      Sie wartete, ob jemand damit ein Gespräch anfangen würde. Ein normales Gespräch, wie sonst auch. Nichts dergleichen geschah.
      "... Meint ihr, die Soldaten aus Touvanen patrouillieren immernoch? Das ist fast einen Monat her. Nicht, dass sie uns auflauern. Bis Eisenfort."
      Sie sah zwischen beiden hin und her.
    • Jagen war eine fantastische Ablenkung. Eine Jagd sorgte dafür, dass Devon seine Gedanken fokussieren musste und nicht mehr an seine Partner denken musste, die im provisorischen Lager auf ihn warteten. Leider machte er einen viel zu guten Job als Jäger, sodass das Reh, welchem er nachgestellt hatte, leider nicht so viel Glück ereilte. Devon hatte sein Schwert recht spartanisch wirkend nach dem Tier geworfen und es satt getroffen, sodass es augenblicklich zu Boden gegangen war. Weniger euphorisch als es eine Jagd hätte sein sollen, ging er zu seiner Beute hinüber, hockte sich hin und zog die Malachitklinge aus dem Tier. Dann machte er sich daran, das Stück auszuweiden und die Innereien noch etwas weiter wegzuschaffen, damit anderes Raubzeug ihnen nicht zu Nahe kam. Das alles dauerte viel zu lange und ging doch zu schnell. Auf der einen Seite wollte er seine geschwächten Gefährten nicht lange allein lassen, auf der anderen Seite würde er dann aber wieder mit der Stille gestraft, die er früher so geliebt hatte und die er nun fast schon verteufelte. Mittlerweile hatte er gern zugehört, wenn Malleus mit seiner tiefen, melodischen Stimme über etwas nachdachte. Oder wenn Tava einfach nicht aufhörte über etwas zu faseln, was ihr Interesse geweckt hatte. Das alles war zu einer seltsamen, anstrengenden Stille verkommen, zu der er nun langsamer als üblich mit dem Stück Rehwild geschultert zurückkehrte.

      Devon erspähte Tava ein Stück abseits im hüfthohen Wiesenbereich. Dort, wo zwischen allerlei farbenfrohen Blüten stand und selbst mit ihren feuerroten Haaren als eine hätte durchgehen können. Dieser Anblick wirkte friedlich, dieser Anblick gefiel Devon. Doch als er zur Feuerstelle kam, entdeckte er Malleus noch immer dort, wo er ihn abgesetzt hatte. Einen Moment hielt er inne, fast so, als wäre er geneigt, Malleus anzusprechen. Doch der Mann starrte weiter in den Himmel, sodass sich Devon stillschweigend an das Feuer setzte und damit begann, dem Stück die Decke abzuziehen. Eine meditative Arbeit. Eine… gute Arbeit. Keine dankbare Arbeit, aber eine wichtige Arbeit. Dann zückte er wieder sein Schwert und trennte Gelenke und Knochen. Fachgemäß zerlegte er das Tier und verwandelte es mit den mitgebrachten Stöckern in Spieße, die er nach und nach um das Feuer, das ganz Tavas Herrschaftsgebiet war, steckte. Solange wie er Tava nicht ansah würde er auch nicht die Brandnarbe in ihrem Gesicht sehen. Devon hatte festgestellt, dass sich zwei Teile in ihm stritten, wann immer er ihr ins Gesicht sah. Der eine Teil plädierte auf Reue, während der andere sich mit Stolz brüstete. Konträrer hätten die Empfindungen nicht gehen können und er wusste nicht, wie er sie zusammenbekommen sollte.
      „Das Haus war toll. Das auf dem Hinweg.“
      Tava meinte wohl das Bauernhaus. Da war die Welt noch in Ordnung gewesen. Da war den Beiden nicht in den Sinn gekommen, Devon inmitten seines Dorfes zu folgen. Sich dem zu widersetzen, vor dem er sie gewarnt hatte. Insgeheim wünschte sich der Lacerta, die Zeit zurückdrehen zu können. So gütig war die Realität nun leider nicht und er befürchtete, für immer das verloren zu haben, was er damals gewonnen hatte.
      „… Meint ihr, die Soldaten aus Touvanen patrouillieren immer noch? Das ist fast einen monat her. Nicht, dass sie uns auflauern. Bis Eisenfort“, fügte Tava hinzu und Devon war sich sicher, eine Nuance Hoffnung aus ihren Worten hören zu können.
      Also seufzte er, ohne aufzusehen. „Vielleicht“, war die typische Devonantwort, die Tava darauf bekam. Er bezweifelte, dass Touvanen sich so lange mit der Nachsuche beschäftigen würde. Zumal sie darauf geachtet hatten, nicht leicht nachzuverfolgen zu sein. Es folgte ein zweiter Seufzer, mit dem Handrücken wischte er sich über die Schläfe und hinterließ einen dunkelroten Schlier auf seiner Haut. „Oder eher nicht. Normalität stellt sich schneller ein als man glaubt.“ Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen, verzog Devon auch schon das Gesicht. Für ihre Angelegenheiten zählte dieser Satz wohl kaum.
      „Kriegst du das Feuer was heißer hin? Damit das Fleisch eine Kruste bekommt“, sagte er an Tava gerichtet.
    • Neu

      Devon war schließlich derjenige, der ein Seufzen ausstieß, ganz so, als würde er sich der Konversation erbarmen. Tava sah ihn hoffnungsvoll an.
      "Vielleicht."
      Das war eine solch typisch kurze Devon-Antwort, dass Tava sich doch glatt vorstellte, es könnte alles wieder normal sein. Dass sie geschafft hatte, das komische Eis zu brechen, das sich um sie alle gelegt hatte. Zuversichtlich wartete sie ab und schließlich seufzte Devon tatsächlich ein zweites Mal.
      „Oder eher nicht. Normalität stellt sich schneller ein als man glaubt.“
      Er verzog dabei das Gesicht. Tava dachte erst von dem Blut, das er sich aus versehen auf die Stirn geschmiert hatte, aber er schien es gar nicht bemerkt zu haben.
      "Ja. Äh... Ja." Warum auch immer er das gerade so ausdrücken musste.
      „Kriegst du das Feuer etwas heißer hin? Damit das Fleisch eine Kruste bekommt.“
      "Was? Ja. Klar."
      Sie legte die Schale weg, in der sie gerade die Mohnsamen gemischt hatte, und zog sich das Oberteil über den Kopf. Dann griff sie beherzt in die Flammen hinein und ordnete die Äste um, die sie in einem sauberen Kreis angelegt hatte. Sie stapelte sie zur Pyramide auf, damit das Feuer sich mehr zentrierte, und besah sich dann ihr Werk von außen. Toll, einfach so mit dem Feuer agieren zu können, ohne davon verletzt zu werden. Tava fühlte sich dem Element so nahe wie Adrastus. Wenn sie jetzt nur seine feuerspeienden Drüsen noch hätte...
      Sie vergewisserte sich, dass ihre Haare nicht noch schwelten, dann zog sie sich wieder an. Devon kam herüber und spießte das Fleisch über dem Feuer auf. Er sah dabei sehr konzentriert aus, wobei sie nicht glaubte, dass er für diese routinierte Aufgabe viel Konzentration benötigte. Viel eher achtete er darauf, sie dabei nicht anzusehen.
      Die Männer waren merkwürdig. Alle beide. War Tava die einzige von ihnen, die noch alle Tassen im Schrank hatte? Langsam sah es für sie so aus.
      "Du hast da noch was. Devon."
      Sie fixierte ihn, aufdass er sie endlich ansehen würde. Und er sah sie auch an, nach einem viel zu langen Moment, aber nicht direkt in die Augen. Sein Blick hing ein bisschen tiefer.
      Sie tippte sich gegen die Stirn. Er fand das Blut und wischte es weg. Er setzte sich wieder und Tava nahm ihre Schale wieder auf. Sie rührte die flüssige Masse und sah dabei wieder von einem zum anderen. Von Malleus, der am Baum saß und sich weigerte, an der kargen Unterhaltung teilzunehmen, zu Devon, der am Feuer saß und das Fleisch anstarrte, als wäre es der wichtigste Fixpunkt auf der Welt. Von Malleus zu Devon und wieder zurück.
      Malleus und Devon, Devon und Malleus.
      Malleus und Devon.
      Wann hatten die eigentlich miteinander gesprochen, wenn es nicht um etwas zu essen oder trinken oder eine Pause ging? Wann hatte Malleus eigentlich seine ganzen Sichtungen vom Dschungel aufgezeichnet? Wann hatte Devon ihn eigentlich gefragt, was er davon hielt, den Lacerta begegnet zu sein? Wann hatte Devon irgendetwas gesagt, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre?
      Tava stellte ihre Schale mit einem Ruck ab, sodass ein bisschen Flüssigkeit überschwappte. Ameisen kamen herangerannt und tummelten sich um die Tropfen; Tava hatte etwas Zucker hinein getan, damit es besser wirkte und schmeckte. Sie sah immernoch von einem zum anderen.
      "Ihr seid komisch, alle beide. Komischer als sonst. Bin ich die einzige normale hier? Die einzige, die sich nicht von ein paar Lacerta die Reise vermiesen lässt?"
      Sie machte eine Handgeste in die Richtung des Dschungels.
      "Ja sie waren feindlich und ja, wir wären fast gestorben und ja, mir hat keine Sekunde davon gefallen und meine Wange tut immernoch weh und das - das war einfach trotzdem nicht nett, Devon, und es war auch nicht nett, dass Malleus von einer Nachtkatze angefallen wurde und die Nacht im Dschungel verbringen musste, aber sind wir deswegen jetzt alle so... so..."
      Ihr fiel kein richtiges Wort dafür ein. Sie machte eine allumfassende Geste und sah Malleus dabei hilfesuchend an, aber der Mann leistete auch jetzt keinen Beitrag und das bestätigte eigentlich nur ihren Punkt.
      "So eben! Wir waren in Celestia besser drauf und damals kannten wir uns noch gar nicht. Wir waren bei dem Drachen beim... beim See besser drauf und das war schlimm, ja! Aber dann war alles gut und selbst nach Touvanen war alles gut. Unser Abstecher bei dem Haus war nach Touvanen und das war großartig! Sind wir jetzt schlimmer dran als vorher, wegen so einem Stamm? Könnt ihr nicht wieder so sein wie vor dem Dschungel? Oder vor... vor Touvanen? Wie in Oratis? Was soll denn jetzt anders sein als damals?"
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