Maledictio Draconis [CodAsuWin]

    • Malleus' Blick fiel auf das Buch und die Kräuter in seinem Schoß. Er erwiderte nichts.
      Mit den Fingerspitzen fuhr er über den abgegriffenen Ledereinband des Notizbuches. Das Gefühl war vertraut. Es beruhigte ihn. Während Devon sich in seinem Augenwinkel auf Tava zubewegte, hob Malleus das Kräuterbündel auf. Die geschwärzten Blätter raschelten leise, als er über die getrockneten Stiele strich. Er zog einen Stiel aus dem Bündel und drehte ihn zwischen den Fingern. Ein Fingerglied hatte Devon gesagt. Malleus trennte die Menge, die zwei Fingergliedern entsprach, mit den dreckigen Fingernägeln, unter denen noch der Erdboden des Dschungels haftete, vom Stiel und schob sich die Blätter in den Mund.
      Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Erst als er die ersten Blätter bedächtig zerkaute, gab das Grottenkraut eine schwere Süße frei, die seinen Zungen augenblicklich zu verkleben schien. Malleus' Nasenlöcher blähten sich auf, als er tief einatmete. Kauend wartete er auf die erhoffte Wirkung. Langsam verstummten die Geräusche vor der Hütte, verdrängte von einem leise, gleichmäßigen Rauschen. Sein Blut, das durch seine Adern floss. Seine Fingerspitzen kribbelten und er schob das restliche Grottenkraut und das Buch aus seinem Schoß.
      „Es wurde erledigt, weshalb ich hergekommen war. Ich will euch keine Sekunde länger als nötig hier wissen. Ist das okay?“ , drang Devons Stimme durch die Brandung, die seine Ohren erfüllte. Der Lacerta und die Cervidia klangen, als wären sie mehr als nur ein paar Meter von ihm entfernt. Ah. Malleus seufzte leise. Er nickte träge. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde sein Körper schwerer. Schwärze flimmerte am Rand seines Blickfeldes, das im Rhythmus seines Herzschlages pulsierte und immer kleiner wurde. Malleus beobachtete, wie Devon die Wunden der Cervidia versorgte und kurz kam ihm in den Sinn, dass er sich hätte waschen sollen. Vermutlich würde er seinen Verlangen nach sofortiger Stille am Morgen bereuen. Er sollte...
      "...ich sollte Raschasis aufsuchen", murmelte er mit schwerer Zunge.
      Die Augenlider wurden schwer, schienen eine Tonne zu wiegen. Geistesgegenwärtig tastete Malleus nach einer kleinen Tonschale und spuckte das bittersüße Kraut aus. Jetzt, da es begonnen hatte, entfaltete sich die Wirkung schneller als erwartet. Sein Atem beschleunigte sich. Obwohl er sich nach einem traumlosen Schlaf sehnte, war es ein beängstigendes Gefühl, wie ihm allmählich die Kontrolle entglitt. Er fühlte sich schwerelos und dennoch zog ihn die Anziehungskraft gen Boden. Malleus' Kopf kippte nach vorn. Selbst im Sitzen wankte er von links nach rechts.
      "...und ich...ich muss mit Nishila sprechen...bevor wir gehen. Ich muss sie...etwas...etwas fragen. Etwas Wichtiges...", wisperte Malleus und gab der Schwerkraft nach. Der Kultist kippte zur Seite. Zu dem Raschen gesellte sich sein Herzschlag, der zu Beginn noch raste und dann immer, immer langsam wurde. Das Bild vor seinen glasigen Augen verschwamm. "Ich muss ihr...danken...für..."
      Malleus' Augen schlossen sich und öffneten sich nicht wieder.Ein tiefer Atemzug rüttelte an seiner zusammengekrümmten Gestalt, die sich instinktiv zu einem Ball formte. Er machte sich klein. Wie ein Kind.
      "Sag es ihr nicht, Devon...bitte, sag es Tava nicht...", war die letzte Bitte, die er an den anderen Mann richtete, bevor sämtlich Anspannung mit einem Schlag aus seinem Körper wich. Malleus ließ sich in die ersehnte Dunkelheit zerren, die über ihm zusammenschlug wie die tosenden Wellen des endlosen, dunklen Ozeans.
      Ob er die Bitte um seinetwillen oder um Devons geäußert hatte, wusste nur der Kultist allein.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon befahl Tava nicht, näher zu ihm zu rutschen oder das Feuer auszumachen. Wie sie gehofft hatte, blieb er genau dort, wo er war, und strich die graue Paste vorsichtig auf ihre Wange. Sie zuckte; jede Berührung auf ihren verbrannten Nervenenden schickte eine neue Welle aus Schmerzen über ihr Rückgrat. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und doch sah sie nicht weg von Devon, der seinerseits die Zähne aufeinandergebissen hatte, sodass sein Kiefer prominent hervorstach. Das Feuer musste ihm wehtun und selbst, wenn der Schmerz womöglich nicht vergleichbar war, war es dieses Zeichen der Hingabe, das Tava durchhalten ließ. Nur noch ein bisschen länger, nur noch etwas mehr von dem unbekannten Zeug auf ihre Wange schmieren. Sie hielt durch und sah Devon dabei in die Augen.
      Die Wirkung setzte schnell ein. Die Paste war seltsam kühl auf ihrer sonst erhitzten Haut und schien das Stechen einzudämmen. Tava empfand es sogar fast angenehm, die Abwesenheit von Schmerz, die das Zeug erschaffte. Unmittelbar fragte sie sich, was für ein Puder er hergenommen hatte; sie würde es gerne in ihren eigenen Rezepten einmal ausprobieren.
      „Du hättest ihnen auch nur die Spitze deines Hornes geben können. Sie haben nie gesagt, wie viel es sein sollte“, sagte Devon, nachdem er den letzten Rest ins Feuer geworfen hatte. Tava erhaschte einen Blick auf seine Hand; sie war vom Feuer ganz rot.
      "Sie wollten mein Horn. Bestimmt wollten sie das ganze haben und nicht nur einen Teil. Als Trophäe." Sie spuckte das Wort förmlich aus. Cervidia-Hörner waren ein gängiger Handelsgegenstand - zumindest unter den Menschen.
      Hatte Tava zu vorschnell gehandelt? Hätten sie sich wirklich nur mit der Spitze zufrieden gegeben? Tava glaubte nicht. Sicher hatte sie mit ihrem Vorgehen ihr Horn gerettet. Was war schon eine Wunde auf der Wange, wenn sie ihre beiden Hörner bewahrte.
      Ihr Blick wanderte zu Malleus an der Wand, der sich so weit vom Feuer weg gesetzt hatte wie möglich. Der Mann hatte Devons Anweisung befolgt und kaute auf den Blättern herum. Er sah schon wesentlich entspannter aus - mehr wie er selbst anstatt der stumme, eingesunkene Mann, der draußen auf dem Boden gekniet hatte. Tava wusste noch immer nicht, was in dieser Nacht im Wald alles geschehen war, um ihn so zurückzulassen.
      „Sobald ihr könnt will ich hier weg“, sagte Devon. „Es wurde erledigt, weshalb ich hergekommen war. Ich will euch keine Sekunde länger als nötig hier wissen. Ist das okay?“
      "Ich will auch weg", bestätigte Tava. Sie würde vermutlich nie wieder einen Fuß in diesen Dschungel setzen, egal wie verführerisch seine exotischen Pflanzen auch sein mochten. "So schnell es geht."
      "...ich sollte Raschasis aufsuchen", murmelte Malleus schwach aus seiner Ecke. Tava sah wieder zu ihm und beobachtete, wie sein Kopf ihm auf die Brust sank. Das Kraut musste sehr schnell wirken, genauso wie das Puder. Raschasis war wohl als Alchemistin erfahrener als Tava ihr zugetraut hätte.
      "...und ich...ich muss mit Nishila sprechen...bevor wir gehen. Ich muss sie...etwas...etwas fragen. Etwas Wichtiges... Ich muss ihr...danken...für..."
      Sein Gemurmel besorgte Tava. Sie sah zu Devon, unschlüssig, ob sie etwas tun sollte. Das Feuer in ihrem Rücken tröstete sie noch immer und sie fühlte sich noch nicht bereit, seinen Schutz zu verlassen. Aber irgendjemand sollte nach Malleus schauen.
      "Sag es ihr nicht, Devon...bitte, sag es Tava nicht..."
      War das ihr Name gewesen? Malleus war so leise, Tava konnte ihn kaum noch verstehen. Sie sah Devon irritiert an, der Malleus sicher besser verstanden hatte.
      "Mir etwas nicht sagen? Was?"
      Was sollte das sein? Sie hatten doch keine Geheimnisse voreinander. Was sollte Devon ihr nicht sagen?
      "Was sollst du mir nicht sagen? Hat das etwas mit der letzten Nacht zu tun? Was ist im Wald passiert?"
    • Wenn Lacerta eines nicht sammelten, dann waren es Trophäen. Das, was Tava so abschätzig betonte, war eine Gewohnheit anderer Rassen, gar anderer Stämme. Lacerta sammelten Geschichten und zwar jene, die sie auf ihren eigenen Körpern niederschrieben. Sie hatten nichts von wertvollem Besitz oder Erinnerungsstücken der materialistischen Welt. In ihrer Kultur waren die Worte und eben die geritzten Geschichten das, was Bestand hatte. Das jetzt aber kaputt zu diskutieren war zwecklos, weshalb Devon genau das nicht tat. Glücklicherweise bockte Tava dieses Mal nicht. Hier hatte Lernen durch Schmerz wohl doch funktioniert.
      „… ich sollte Raschasis aufsuchen.“
      Sowohl Tava als auch Devon drehten sich dem Dritten im Bunde zu, der nahezu mit dem Schatten verschmolzen war. Seine Worte kamen schon verlangsamt und Devon wusste, dass das Kraut zu wirken begonnen hatte. Die Wirkung trat schnell ein und je nach Menge heftiger oder weniger. Eigentlich war es ein sanfter Übergang, weshalb manche Lacerta das Kraut auch in heißem Wasser zu sich nahmen. Vielleicht hatte Malleus auch nur eine schlechte Toleranz gegenüber den Inhaltsstoffen, weswegen er so schnell die Kontrolle über Körper und Sprache verlor. Das Wanken war meist die Gegenwehr des Körpers, um eine indizierte Bewusstlosigkeit zu verhindern. Nur war das Kraut mächtiger, das wusste Devon nur allzu gut. Er fing Tavas besorgten Blick auf, als Malleus nur noch Fetzen heraus bekam. Dann sackte der Mann zur Seite, etwas unsanfter als sicherlich gewollt, und Devon erhob sich leise ächzend. Sollte Malleus Nishilia ruhig sprechen. Was er sie fragen wollte, ahnte er jedoch nicht.
      „Wunder dich nicht, Tava. Die Wirkung von dem Kraut ist gerade beim ersten Mal sehr unerwartet“, beruhigte Devon seine Begleiterin, während er sich vor Malleus hockte und ihn vorsichtig im Liegen etwas zurechtschob und anschließend etwas suchte, was er ihm als Deckenersatz überwerfen konnte.
      „Sag es ihr nicht, Devon… bitte, sag es Tava nicht…“, murmelte Malleus kaum hörbar und doch viel zu laut für den kleinen Raum. Dann erschlaffte der Körper des Kultisten vollständig und ergab sich der übermächtigen Wirkung des Krauts.
      Devon zog fragend die Augenbrauen zusammen. Was sollte er Tava nicht sagen? Den offensichtlichen Elefanten im Raum und damit das, was im Wald passiert war? Oder vielleicht was in dem Buch stand und dass Malleus Devon praktisch katalogisiert hatte? Oh, oder gab es noch andere Dinge, die ihm gerade entfallen waren und sich durchaus schlecht gemacht hätten? Alternativ könnte Malleus auch schon im Delirium geredet haben und seinem Gewissen Luft machen wollen.
      „Mir etwas nicht sagen? Was?“
      „Gute Frage.“
      „Was sollst du mir nicht sagen? Hat das etwas mit der letzten Nacht zu tun? Was ist im Wald passiert?“, harkte Tava weiter nach und Devon seufzte.
      „Vielleicht, dass er fast von einer Nachtkatze gefressen worden ist und ich das Tier praktisch zerfetzt habe?“ Träge erhob sich Devon und kehrte an das Feuer zurück, wo er sich in größerem Abstand zu den heißen Flammen als Tava setzte. „Oder dass ich ihm lacertatypisch nachgestellt habe, um ihn zu finden? Niemand will wie ein Beutetier gejagt werden. Ich schätze, er will nicht, dass du weißt, wie sehr er nach Angst gestunken hatte.“
      Während Devon sprach, sah er gedankenverloren in die Flammen. Das alles hatte er sich anders vorgestellt. Den Keil, den dieser Besuch in seinem Dorf zwischen ihnen Dreien geschlagen hatte, war vielleicht nie mehr zu kitten. Dabei hatte er sie doch gewarnt. Ihnen geraten, das Dorf nicht zu betreten. Sie beide hatten seine Worte einfach ignoriert und jetzt durfte er mit der Schuld leben, während die beiden anderen für den Rest ihres Lebens gezeichnet waren. Wenigstens hatte dies bewiesen, dass es nun keinen Grund mehr für Devon gab, jemals wieder auch nur einen Fuß in dieses Dorf zu setzen. Seine Pflicht war mit der Abgabe von Escholons Haut gestorben.
      „… Wo möchtest du hin, Tava? Ich meine, wenn wir hier weg sind und uns niemand im Nacken sitzt. Willst du immer noch nach Adrastus suchen? Mit Malleus und… mir?“ Rote Augen suchten vorsichtig nach Tavas Aufmerksamkeit, viel zu scheu für einen Mann, der sich vor Stunden noch durch eine ganze Schar an Lacertakriegern hatte metzeln wollen.
    • „Vielleicht, dass er fast von einer Nachtkatze gefressen worden ist und ich das Tier praktisch zerfetzt habe?“, vermutete Devon tonlos. Tava sog die Luft scharf ein; sie hatte gehört von den Nachtkatzen, von den Raubtieren der Dunkelheit, die man erst zu sehen bekam, wenn es bereits zu spät war. Sie schienen im Dschungel verbreitet zu sein, wo die Bäume dicht genug wuchsen, um das Mondlicht auszusperren. Was war dabei schlimmer, die Nachtkatze selbst oder der Anblick, wie Devon das Tier zerfetzte? Was sollte das überhaupt bedeuten - er hatte eigenhändig eine Nachtkatze erlegt? Wie sah Malleus dann so viel mitgenommener aus als Devon?
      „Oder dass ich ihm lacertatypisch nachgestellt habe, um ihn zu finden? Niemand will wie ein Beutetier gejagt werden. Ich schätze, er will nicht, dass du weißt, wie sehr er nach Angst gestunken hatte.“
      "Oh."
      Jetzt schämte sich Tava ein bisschen dafür, so sehr nachgehakt zu haben. Malleus wollte nicht, dass Devon sie einweihte, also sollte sie nicht hinter seinem Rücken alles erfragen. Ihr Blick ruhte auf dem Mann auf dem Boden, den Devon jetzt mit einer Decke zugedeckt hatte. Das wäre einfach nicht fair.
      Sie sah wieder zu Devon zurück, der abwesend in die Flammen starrte. Das Licht warf Schatten auf sein Gesicht, die seine dunklen Augenringe betonten. Auch er hatte in der Nacht nicht geschlafen, hatte Malleus aufgespürt und dann gegen eine Nachtkatze gekämpft, um ihn zu retten. Und dann war er mit Malleus zurück ins Dorf gekommen und hatte Tava aus dem Feuer ziehen müssen. Bis vor ein paar Minuten war sie noch wütend auf ihn gewesen, dass er sie verletzt hatte, aber jetzt hatte sie Mitleid mit ihm. Es musste schwierig gewesen sein, Escholons Haut nachhause zu bringen, und dann hatten sich ihm seine Begleiter auch noch widersetzt und waren ihm in den Dschungel hinein gefolgt. Das hatte Tava fast das Horn und Malleus eine gruselige Nacht gekostet. Und Devon durfte alles davon ausbaden.
      Tava schlang die Arme um ihre Beine. Wenigstens die Schmerzen in ihrer Wange hatten nachgelassen, auch wenn sie unter der Oberfläche noch immer da waren. Jetzt waren sie erträglich.
      „… Wo möchtest du hin, Tava?", sagte Devon nach einem Moment der Stille.
      "Wo ich hin möchte?", fragte sie.
      "Ich meine, wenn wir hier weg sind und uns niemand im Nacken sitzt. Willst du immer noch nach Adrastus suchen? Mit Malleus und… mir?“
      Ihr entging das Zögern nicht und für einen Moment fühlte sie sich so schlau wie Malleus, weil sie es entdeckt hatte. Ihr Blick suchte Devons und er sah mit der gleichen Vorsicht zurück, mit der er sie zuvor berührt hatte. Als wolle er ihr nicht noch einmal wehtun.
      "Ja, natürlich. Jetzt, wo ich das Rezept gefunden habe, bin ich ihm so nahe wie noch nie zuvor. Wir werden ihn finden, Devon. Wir, du und ich und Malleus. Wir müssen der Spur nur weiter folgen und dürfen uns nicht wieder trennen. Wir müssen den Drachen folgen. Und wenn wir ihn dann einmal gefunden haben..."
      Ihre Augen blitzten auf. Sie sah das Feuer vor sich, allesergreifend, ein Meer davon um sie herum, in ihr drin. Zum Greifen nahe. Aber statt ihrer Vision sagte sie:
      "... wirst du ihn essen? Ist das der Grund, weshalb du ihn suchst?"
    • Ein ganz kleines Bisschen fiel von der Last ab, die Devon in die Knie zwang. Tava hatte ihn nicht verstoßen. Nicht nach dem ganzen wortwörtlichen Scheiß, der in den letzten Stunden allein geschehen war. Allerdings war er nicht so naiv um zu glauben, dass es keine Risse in ihrer Beziehung hinterlassen haben konnte. Diese Konstrukte waren für Devon noch zu neu, als dass er ihnen eine große Stabilität zuschreiben wollte.
      „Ob ich ihn… essen will?“ Devon blinzelte, brauchte einen Moment, um seine Gedanken auf sich selbst zu lenken. „Ach… Hm. Wenn ich es bis dahin schaffen sollte… Ich will sehen, was für einen Herzkristall er besitzt. Ob er einen hat. Und was passiert, wenn ich ihn wirklich fressen sollte. Also, ja…. Irgendwie schon.“
      Er kratzte sich am kurzhaarigen Schädel. Wenn man es von außen betrachtete, klang es absolut wahnwitzig. Wie sollte er mit seinen kleinen Händen so ein riesiges Ungetüm erlegen, geschweige denn einen gigantischen Herzkristall verspeisen können? Sicher, er hatte schon den ein oder anderen großen Drachen gefällt. Aber noch nie einen der S-Klasse. Aber vielleicht war es ja wirklich sein Schicksal. Der Erste zu sein, der den Herzkristall eines echten Desasters essen würde.
      „Ich glaube, ich hatte dich nie wirklich gefragt, warum du den Desasterdrachen suchst. Schon klar, dass es um sein Feuer geht. Willst du einfach gucken, ob du auch gegen Drachenfeuer bestehen kannst? Da könnte man bestimmt auch erst einmal kleinere Vertreter finden“, dachte Devon lauter nach, während er sich erneut die klare schleimige Creme zur Hand nahm und seine Verbrennungen ein weiteres Mal damit behandelte. Sie reagierten schon nicht mehr so extrem auf die Hitze, berührungsempfindlich war sie hingegen noch sehr.
      „Ich denke, wir sollten als nächstes nach Eisenfort gehen. Kennst du Eisenfort?“ Vermutlich kannte sie es nicht. Devon selbst war dort mehrere Male hindurchgereist, weil sich dort viele Jäger wie er trafen. Die Stadt war ringsherum um einen alten Vulkan errichtet worden, dessen Gestein voll von Erz war. Eine Hochburg der Schmiede und Ausrüstungsliebhaber. „Wir können uns dort vernünftig ausstatten. Und ein bisschen Geld reinholen, jedenfalls ich. Ich habe den Bergleuten häufiger dabei geholfen, Erz abzutragen um im Tausch Rüstung oder Schilde zu bekommen. Außerdem können wir die anderen Jäger der Gilde dort nach Informationen fragen. Bisher folgen wir ja nur einer groben Richtung.“
      Er warf einen schnellen Blick nach hinten zu der Stelle, wo Malleus nahezu regungslos schlief.
      „…Und ich will, dass er sich richtig erholt. Man sieht es nicht, aber er hat immer noch Angst. Er riecht noch sehr danach, wenn auch kalt.“
    • Irgendwie schon war eine sehr ungenaue Antwort für etwas, das Devon bisher bei jedem Drachen getan hatte. Was hatte es für eine Auswirkung, welchen Herzkristall der Drache hatte? Würde Devon ihn entsprechend nicht essen oder nur ein bisschen davon? Tava war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstand, was Devon mit den Herzkristallen vorhatte. Von diesem irgendwie schon kamen neue Fragen auf, die sie noch nicht stellen wollte. Erst, wenn über diesen ganzen Besuch des Stammes ein bisschen Gras gewachsen war.
      „Ich glaube, ich hatte dich nie wirklich gefragt, warum du den Desasterdrachen suchst", sagte Devon dann. Tava wusste kurz nicht, was er meinte. Desasterdrache? War das seine Bezeichnung für Adrastus?
      "Schon klar, dass es um sein Feuer geht", schob er gleich hinterher. "Willst du einfach gucken, ob du auch gegen Drachenfeuer bestehen kannst? Da könnte man bestimmt auch erst einmal kleinere Vertreter finden.“
      "Natürlich nicht", sagte Tava und empfand es als gutes Zeichen, dass sie Empörung spürte. Die eigenartige Salbe hatte eine betäubende Wirkung auf ihre Wange, auch wenn sie beim Sprechen immer ein unangenehmes Ziehen verspürte. Der Schmerz war aber aushaltbar genug, um sich etwas aufzurichten.
      "Ich will sein Feuer haben. Adrastus' Feuer ist das schönste Feuer; es ist nicht so schwach wie zahmes Feuer und nicht so klein wie freies Feuer. Auf der ganzen Welt gibt es kein Feuer, das so stark wie seins ist - das kannst du mir glauben. Ich habe mir alle Feuer angeschaut."
      Tava nickte über diese sehr wichtige Studie, die sie über Jahre hinweg durchgeführt hatte.
      "Deshalb will ich die Quelle haben, mit der er sein Feuer entfacht. Das ist doch logisch, nicht?"
      Devon sah nicht unbedingt davon überzeugt aus. Das konnte allerdings auch daran liegen, dass er sich während ihrer Erzählung die Verbrennungen an seiner Hand eincremte. Das war auch etwas, was Tava nie wieder nachvollziehen müssen würde: Verbrennungen. Der Gedanke erfüllte sie mit Stolz.
      „Ich denke, wir sollten als nächstes nach Eisenfort gehen", sagte Devon dann nach einem Moment. "Kennst du Eisenfort?“
      "Ich war einmal da, früher, als ich klein war. Ich kann mich aber nicht mehr gut daran erinnern. Die Cervidia waren so..." Sie rümpfte die Nase. "Nett."
      Sie konnte sich vage daran erinnern, wie ihr damaliger Lehrer versucht hatte, sie in Eisenfort zu lassen, unter ihresgleichen. Er hatte gedacht, es wäre besser für sie gewesen, wenn sie unter anderen Gehörnten aufwachsen würde, damit sie einen Teil ihrer Kultur mitbekam. Nun, es war nicht besser gewesen und Tava war mit ihrer Karawane wieder abgezogen. Das war die einzig gute Entscheidung gewesen.
      „Wir können uns dort vernünftig ausstatten. Und ein bisschen Geld reinholen, jedenfalls ich. Ich habe den Bergleuten häufiger dabei geholfen, Erz abzutragen um im Tausch Rüstung oder Schilde zu bekommen. Außerdem können wir die anderen Jäger der Gilde dort nach Informationen fragen. Bisher folgen wir ja nur einer groben Richtung.“
      Tava zuckte mit den Schultern. Sie hatte gedacht, dass ihre Richtung ganz gut gewesen war; in den letzten Jahren war sie oftmals Adrastus näher gekommen, wo sich seine Spuren häuften. Es war einfach nur schlechtes Glück, dass er fliegen konnte und immer schon tagelang weggewesen war, wenn sie ihn erst erreichte. Dafür konnte sie ja nichts.
      Devon warf einen kurzen Blick zu Malleus.
      „…Und ich will, dass er sich richtig erholt. Man sieht es nicht, aber er hat immer noch Angst. Er riecht noch sehr danach, wenn auch kalt.“
      Tava sah jetzt auch zu Malleus und für einen kurzen Augenblick betrachteten sie beide den Mann schweigend.
      "Das muss schlimm gewesen sein", sagte sie leise. "Mit der Nachtkatze."
      Schlimm war vermutlich untertrieben. Es musste eher ein Albtraum gewesen sein.
      "Soll ich ihn mir anschauen, solange er noch schläft?", fragte Tava und machte Anstalten aufzustehen. "Dann merkt er nichts. Ich kann ihm nur ein bisschen Salbe geben, für die Wunden. Hat er sich sehr verletzt?"
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