Neu
Malleus' Blick fiel auf das Buch und die Kräuter in seinem Schoß. Er erwiderte nichts.
Mit den Fingerspitzen fuhr er über den abgegriffenen Ledereinband des Notizbuches. Das Gefühl war vertraut. Es beruhigte ihn. Während Devon sich in seinem Augenwinkel auf Tava zubewegte, hob Malleus das Kräuterbündel auf. Die geschwärzten Blätter raschelten leise, als er über die getrockneten Stiele strich. Er zog einen Stiel aus dem Bündel und drehte ihn zwischen den Fingern. Ein Fingerglied hatte Devon gesagt. Malleus trennte die Menge, die zwei Fingergliedern entsprach, mit den dreckigen Fingernägeln, unter denen noch der Erdboden des Dschungels haftete, vom Stiel und schob sich die Blätter in den Mund. Ein bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Erst als er die ersten Blätter bedächtig zerkaute, gab das Grottenkraut eine schwere Süße frei, die seinen Zungen augenblicklich zu verkleben schien. Malleus' Nasenlöcher blähten sich auf, als er tief einatmete. Kauend wartete er auf die erhoffte Wirkung. Langsam verstummten die Geräusche vor der Hütte, verdrängte von einem leise, gleichmäßigen Rauschen. Sein Blut, das durch seine Adern floss. Seine Fingerspitzen kribbelten und er schob das restliche Grottenkraut und das Buch aus seinem Schoß.
„Es wurde erledigt, weshalb ich hergekommen war. Ich will euch keine Sekunde länger als nötig hier wissen. Ist das okay?“ , drang Devons Stimme durch die Brandung, die seine Ohren erfüllte. Der Lacerta und die Cervidia klangen, als wären sie mehr als nur ein paar Meter von ihm entfernt. Ah. Malleus seufzte leise. Er nickte träge. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde sein Körper schwerer. Schwärze flimmerte am Rand seines Blickfeldes, das im Rhythmus seines Herzschlages pulsierte und immer kleiner wurde. Malleus beobachtete, wie Devon die Wunden der Cervidia versorgte und kurz kam ihm in den Sinn, dass er sich hätte waschen sollen. Vermutlich würde er seinen Verlangen nach sofortiger Stille am Morgen bereuen. Er sollte...
"...ich sollte Raschasis aufsuchen", murmelte er mit schwerer Zunge.
Die Augenlider wurden schwer, schienen eine Tonne zu wiegen. Geistesgegenwärtig tastete Malleus nach einer kleinen Tonschale und spuckte das bittersüße Kraut aus. Jetzt, da es begonnen hatte, entfaltete sich die Wirkung schneller als erwartet. Sein Atem beschleunigte sich. Obwohl er sich nach einem traumlosen Schlaf sehnte, war es ein beängstigendes Gefühl, wie ihm allmählich die Kontrolle entglitt. Er fühlte sich schwerelos und dennoch zog ihn die Anziehungskraft gen Boden. Malleus' Kopf kippte nach vorn. Selbst im Sitzen wankte er von links nach rechts.
"...und ich...ich muss mit Nishila sprechen...bevor wir gehen. Ich muss sie...etwas...etwas fragen. Etwas Wichtiges...", wisperte Malleus und gab der Schwerkraft nach. Der Kultist kippte zur Seite. Zu dem Raschen gesellte sich sein Herzschlag, der zu Beginn noch raste und dann immer, immer langsam wurde. Das Bild vor seinen glasigen Augen verschwamm. "Ich muss ihr...danken...für..."
Malleus' Augen schlossen sich und öffneten sich nicht wieder.Ein tiefer Atemzug rüttelte an seiner zusammengekrümmten Gestalt, die sich instinktiv zu einem Ball formte. Er machte sich klein. Wie ein Kind.
"Sag es ihr nicht, Devon...bitte, sag es Tava nicht...", war die letzte Bitte, die er an den anderen Mann richtete, bevor sämtlich Anspannung mit einem Schlag aus seinem Körper wich. Malleus ließ sich in die ersehnte Dunkelheit zerren, die über ihm zusammenschlug wie die tosenden Wellen des endlosen, dunklen Ozeans.
Ob er die Bitte um seinetwillen oder um Devons geäußert hatte, wusste nur der Kultist allein.
“We all change, when you think about it.
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
