Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Devon bekam eine winzige Sekunde, die er nutzte, um sein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Das Grün der Malachitklinge blitzte auf, brach das Licht in dutzende schillernde Farben, ehe Stein auf Eisen traf. Es knirschte, als er den Speerstoß zur Seite ablenkte und den Zorn in Schalessas Augen aus unmittelbarer Nähe sehen konnte. Worte gab es keine mehr zu finden, als er einen großen Schritt zur Seite machte und sich wegdrehte, ihr eine kleinere Angriffsfläche bot. Immer wieder stach sie zu, immer wieder lenkte er ihren Speer ab und versuchte stattdessen das Holz zu packen. Schalessa drängte ihn lacertytypisch dazu, wie in einem Tanz miteinzustimmen und seinen Kopf auszuschalten. Zu leicht wäre es gewesen, dem Ganzen nachzugeben. Ihrer stummen und gewaltsamen Aufforderung zu folgen.
      Nur war Devon nicht mehr nur im Dorf aufgewachsen. Devon hatte die Welt gesehen mit all ihren Schattenseiten.
      Ehe sich Schalessa versah, hatte Devon gedanklich umgeschaltet. Noch ein paar Mal musste er ausweichen, tat so, als würde er nach dem Speer greifen, nur um in einem hitzigen Schlagabtausch, wo er seinen Schwertarm sowieso schon erhoben hatte, diesen hinabsausen zu lassen. Mit einem Splittern hackte er den Speer entzwei, der Stein machte kurzen Prozess mit dem harten Holz der Waffe. Das Ziel – seine Lenden – traf die Spitze des Speeres nie. Sie fiel zu Boden, während Devon eiskalt sein Schwert losließ und sich auf die fast ebenso große Frau stürzte. Was vorhin noch ein Kampf beinahe auf Augenhöhe gewesen war, artete nun in einem Bodenkampf aus. Und hier zeigte sich Schalessas Naturtalent; Die Frau war blitzschnell, schneller als er mit seinem massigeren Körper. Immer wieder wandte sie sich aus seinem Griff, setzte selbst Hebel an, die er mit Müh und Not noch brechen konnte. Dreck wurde emporgeschleudert, als sich Fersen in Stein gruben. Stöhnen und Ächzen erfüllte statt dem Scheppern und Klingen die Luft. Mehrfach hatte sie Devon in einem Würger, den er nur Dank seiner übermenschlichen Kraft brechen konnte. Dann, endlich, rutschten Schalessas Finger von seinem Arm ab. Der Halt auf den Schuppen war praktisch nicht gegeben und eröffnete Devon endlich das Fenster, das er brauchte. Er packte ihr Handgelenk, riss grob daran und hätte einem Menschen damit sicherlich die Schulter aus dem Gelenk gerissen. Schalessa ruckte nach vorn, seine andere Hand fand ihre Schulter, wirbelte sie herum. Und dann schlang sich ein kräftiger Arm um ihren Hals, gesichert durch seinen anderen Arm. Muskulöse Beine wickelten sich um ihre Hüfte, als er sich auf den Rücken drehte, Schalessa mit ihrem Rücken an seiner Brust. Wild begann sie, um sich zu treten, kratzte seine Unterarme auf, jagte ihm Ellenbogen in die Seiten. Doch Devon hatte seinen schraubstockartigen Würger gefunden und gab nicht nach. Er musste so hart die Zähne zusammenbeißen, dass er zwischenzeitlich damit rechnete, sie würden splittern. Solch eine immense Gegenwehr leitete Schalessa ein.
      Gib auf“, zischte er ihr ins Ohr, doch sie schlug und kämpfte weiter. Ein Lacerta gab nicht auf.
      Und das tat sie auch nicht. Von einem Moment auf den anderen erschlaffte ihr Körper, als sie das Bewusstsein verlor. Zwei Herzschläge länger hielt er den Würger, dann gab er sie frei und rollte sich von ihr fort. Ob er es zugeben wollte oder nicht – Schalessa war verdammt stark. Sein starkes Schnaufen bezeugte dies, als er sich auf die Knie aufsetzte und zu seiner Kontrahentin blickte, die sich langsam wieder zu regen begann. Langsam glitt sein Blick zu der abgebrochenen Speerspitze in direkter Umgebung. Mit langen Armen streckte er sich danach, musterte die Eisenspitze. Er war unbescholten hier rausgegangen. Er hatte nicht den Respekt gezollt, den es zu zollen galt. Ohne Umschweife zog er die Spitze über seine Handinnenfläche, aus der ebenso rotes Blut quoll wie bei fast allen anderen Lebewesen auf der Erde. Die Hand zur Faust geballt tropfte es auf den Sandstein, wo das poröse Material die Flüssigkeit sofort aufsog. Jetzt war Respekt gezollt worden.
      Nach einigen Moment des Sammelns erhob sich Devon und hob seine Malachitklinge auf, um sie wieder zu verstauen. Sie war nie dafür gedacht gewesen, einem Stammesmitglied zu Schaden und daran hielt er fest. Als er sich schlussendlich zu seiner vollen Größe aufrichtete, blickte er nicht triumphierend zu Malleus und Tava hinüber. Vielmehr gab er ihnen einfach nur verstehen, dass sie den nächsten Punkt auf einer imaginären Liste abgearbeitet hatten. Der Hauptakt stand ihnen noch bevor.
    • Malleus nickte mit versteinerter Miene. Der Weg zum Duellplatz, wie er die sandige Arena gedanklich betitelte, hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er sich anmerken ließ. Nur, wer ganz genau hinsah, bemerkte wie schwer sich Malleus auf Tavas schmalen Schultern abstützte. Dank ihrem kleinen Abstecher zum Wasserfall fühlte er sich zwar wieder etwas mehr wie ein Mensch, aber die ständige Alarmbereitschaft quälte ihn mit stechenden Kopfschmerzen. Die Nachwehen des vergangenen Tages saßen ihm noch tief in den Knochen. Malleus warf einen verstohlenen Blick zu Tava, die mit erhobenem Haupt tapfer die ihr auferlegte Last schulterte. Sachte neigte er den Kopf Tavas Ohr.
      "Komm, setzen wir uns", raunte er mit gesenkter Stimme. "Tava, komm."
      Vielleicht war es der tröstliche Tonfall in den dünnen und kratzigen Silben, mit dem Malleus einigermaßen zufrieden war, der Tava fort von Devon lockte. Vielleicht war einfach die Tatsache, dass sie sich keine Fehltritte mehr erlauben durften, langsam zur der Cervidia durchgedrungen. Tava war auffallend still, während sie dicht an seiner Seite blieb und auch an der Seitenlinie seine Nähe suchte. Die Stimmung im Dorf war ihm bereits unerträglich stickig und aufgeladenen vorgekommen, doch als Schalessa und Devon sich im Ring positionierten, hätte er die Luft mit einem seiner Messer schneiden können.
      Der Kampf begann mit einem Knall.
      Die Lacerta-Kriegerin stürzte sich wie eine blutdürstige Furie auf Devon. Malleus verstand kaum einen Bruchtal der gezischten Silben, aber das musste er auch nicht. Der gehässige Tonfall konnte nicht überspielen, dass Schalessa sich bereits als Siegerin betrachtete, noch bevor der Kampf richtig begonnen hatte. Malleus kannte das Leuchten maßloser Selbstüberschätzung und blinder Wut in den geschlitzten, blutroten Augen. Diese Begegnung diente einzig dem Zweck der Rache und Malleus zerifelte nicht daran, dass Blut fließen würde.
      Die Berührung an seiner Hand überrumpelten Malleus. Binnen eines Sekundenbruchteils erstarrte der Mann in Tavas Klammergriff zur Salzsäule. Warme Finger schmiegten sich gegen seine Handfläche. Zu warm, nein, glühendheiß im Aufflackern seiner Erinnerung. Eine weitere Sekunde verstrich und Malleus entriss der Cervidia seine Hand. Es war ein Reflex, ein wenig zu heftig und von einem scharfen Atemzug begleitet. Er sah Tava nicht an, weil er die Kränkung in ihrem Blick nicht ertragen würde.
      Malleus knirschte mit den Zähnen, als Schalessa ihren Speer auf Devons Lenden ausrichtete. Er wusste wohin das führte. Ein Treffer mit solch brachialer Kraft würde eine Wunde reißen, die Devon binnen Wimpernschlägen ausblutete. Jetzt war es Malleus der sein Gewicht zu Tava verlagerte und seine Schulter in einem schwachen Trost gegen ihre Schulter drückte. Der Anblick des Duells war selbst für Malleus nach einer Weile nur noch schwer zu ertragen.
      In seinem Rücken regte sich ein kleiner Schatten.
      Das Mädchen, das Schalessa begleitet hatte, stürmte nach vorn als Devon die wutschnaubende Frau in den Schwitzkasten nahm. Geistesgegenwärtig riss Malleus den Arm nach ob. Das Lacerta-Mädchen prallte gegen seinen ausgestreckten Arm und landete völlig perplex auf ihrem Hintern. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie Malleus entgegen, doch der Schock verflog. Sie versuchte aufzustehen und einen zweiten Anlauf zu nehmen, doch Malleus' Arm war ihr im Weg. Wie eine gereizte Schlange stürzte sie das Mädchen auf das Hindernis und biss in seinen Unterarm. Malleus' Augenwinkel zuckten, doch die kleinen, spitzen Zähnchen waren im Vergleich zu den letzten Stunden ein Kinderspiel.
      "Willst...Du sterben?", zischte Malleus in gebrochender Zunge der Lacerta. Dass ein Fremdling ihre Sprache benutzte, irrtierte das Kind so sehr, dass es seinen Arm wie von der Tarantel gestochen los ließ.
      Der Kampf hatte mit einem Paukenschlag begonnen und endete mit einem leisen Seufzen.
      Erst als das Blut von Devon in den Sand tröpfelte, hielt das Mädchen nichts mehr an Ort und Stellen. Malleus sah ihr nach wie sie Sand aufwirbelte und schlitternd an der Seite ihrer Schwester ankam. Er beobachtete, wie das Lacerta-Mädchen mit großen Augen zu Devon aufsah. Für das Kind würde es besser sein, das Leuchten in den Augen abzuschütteln, bevor ihre Schwester vollkommen bei Bewusstsein war. Malleus konnte es dem Mädchen allerdings nicht verdenken.
      Ächzend kam er mit Tavas Hilfe wieder auf die Beine und gemeinsam betraten sie den Sand. Die Blicke folgten ihnen. Langsam füllte sich der Bereich um den Duellplatz. Die Lacerta drängten sich enger um die Kontrahenten um einen Blick auf Sieger und Verlierer zu erhaschen. Malleus verharrte, wieder gestützt auf Tava, dicht an Devons Seite während der Stamm das Trio wenig freundlich beäugte.
      "Bist du okay?", fragte Malleus leise mit spiegelglatter Mimik. Er würde Devon nicht in die Verlegegenheit bringen, schwach zu wirken, in dem sich Besorgnis zu deutlich in seinem Gesicht abzeichnete. Nicht vor seinem eigenen Stamm, bei dem seine Position noch immer auf Messers Schneide stand. Sein Blick zuckte zu Devons Hand. "Tava sollte sich das ansehen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ishilins Kampfstil war brutal geworden - geprägt von dem Einfluss einer schwachen Außenwelt. Zuerst hatte Schalessa gedacht, er hätte Mühe, mit ihren schnellen Schritten mitzuhalten, die Speerspitze im Blick zu behalten und gleichzeitig ihre Bewegungen vorauszusehen, aber dann belehrte er sie mit einem rasanten Schlag eines besseren. Mit roher Stärke zerstörte er Schalessas Speer und raubte ihr damit den Vorteil der Entfernung. Schalessa zischte aufgebracht und warf ihre gebrochene Waffe beiseite, bereit dazu, Ishilin mit den Händen anzugehen - sie würde ihn beißen müssen, um ihr Blut zu fordern - aber auch da überraschte er sie. Auch er warf seine Waffe beiseite und stürzte sich auf sie, ein Kampf unter Gleichgesinnten, als wäre ihm die Fairness wichtig. Warum, wenn er seinen eigenen Jagdbruder ermordet hatte? Schalessa verstand es nicht, weshalb es sie auch so unvorhergesehen getroffen hatte, aber sie erholte sich schnell von seinem Angriff und ließ die Fäuste auf ihn einschlagen. Es war ein hässlicher Kampf, ein Suhlen im Dreck, ein primitives Kräftemessen, bei dem keiner von ihnen beiden nachgeben wollte. Schalessa stöhnte und ächzte und knurrte, während sie Ishilin zu packen, zu schlagen, zu beißen versuchte, Angriffe, die der Lacerta mit außerweltlicher Grobheit beantwortete. Mit jeder weiteren Minute, die sie so erbittert kämpften, musste Schalessa eingestehen, dass Ishilin nicht so verweichlicht geworden war, wie sie vermutet hatte. In seinen Bewegungen steckte Planung und Übung und dabei waren sie auch noch höchst effizient. Mehr als einmal begegnete er ihren Schlägen mit einem Hieb, der effektiv war, aber nicht in den lacertischen Kampfstil passte. Schalessa biss die Zähne zusammen und gab ihm alles, was sie aufzubringen vermochte. Außenwelt hin oder her, es ging hier immernoch um Escholon. Sie würde es doch wohl noch schaffen, Ishilin mit Methoden, die er selbst vernachlässigt hatte, zu überwältigen.
      Aber sie schaffte es nicht. Als er sie in einen Schwitzkasten brachte, aus dem sie nicht auszubrechen vermochte - sie verstand nicht warum, sie stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, aber er hielt sie in einem Winkel, der es ihr einfach unmöglich machte - hatte sie ihn noch immer nicht gebissen und so langsam schwand ihr die Kraft. Verzweifelt trat sie die Ferse in harte Muskeln, kratzte mit scharfen Fingernägeln über glatte Schuppen, die keinen Blutstropfen hervor brachten, und versuchte, ihre Zähne in Fleisch zu schlagen, das außerhalb ihrer Reichweite war. Es nützte alles nichts. Ihr Atem kam gepresst, ihr Kopf prickelte, Funken tanzten über ihr Gesichtsfeld. Röchelnd schlug sie den Ellbogen in Ishilins Rippen, die sich steinhart anfühlten und ihr vermutlich mehr schmerzten als ihm.
      "Gib auf", zischte er in ihr Ohr und hätte sie gekonnt, hätte sie ihn dafür ausgelacht. Was für eine erbärmliche Sache, so etwas zu sagen, so etwas typisch außenweltliches. Aber es gab nichts zu lachen, wenn sie sich trotzdem nicht aus seinem Griff befreien konnte, wenn er trotzdem gewann. Dann gab es wirklich nichts zu lachen, auch wenn Schalessa die Worte dennoch nicht ernstnahm. Sie würde nicht aufgeben. Escholon hatte sein Leben gelassen und sie würde bis zum Ende nicht aufgeben.
      Nach und nach schwand das Gefühl für ihren Körper und damit die Kraft, die sie mit ihren Schlägen ausübte. Sie bekam keine Luft und vor ihren Augen wurde alles schwammig, die ganze Welt trat in den Hintergrund. Schalessa kämpfte, bis auch ihr letzter Sinn erlosch, dann erschlaffte sie endgültig. Ishilin wartete, um sich als Sieger zu krönen, dann gab er sie frei. Um den Platz herum war es gänzlich still, als er sich aufrichtete und Schalessa nach und nach wieder Luft bekam. Der Lacerta mochte den Kampf gewonnen haben, aber die Gunst seiner Mitlacerta hatte er damit noch lange nicht. Viele betrachteten ihn mit einem offenen Ausdruck von Verachtung und Enttäuschung, dafür, dass er gewonnen hatte. Viele wandten sich auch ab, da die Sache damit für sie erledigt war.
      Doch als Ishilin die Speerspitze ergriff, regten sich die Lacerta wieder. Einige murmelten sich misstrauisch zu, den Blick auf Schalessa gerichtet, deren Augenlider flatterten. Er würde sie doch nicht umbringen, während sie auf dem Boden lag, oder? Außenwelt hin oder her, er hatte ihre Traditionen nicht so weit gebrochen, um eine wehrlose Lacerta zu ermorden? Oder hatte er es mit Escholon genauso getan?
      Ishilin ging aber nicht zu Schalessa, stattdessen zog er sich die Spitze nach einem Moment über die Handfläche. Hellrotes Blut quoll hervor und tropfte auf den Boden; das Getuschel wurde lauter. Skeptische Grimassen wurden gezogen, einige offen feindselig, andere wiederum nachdenklich. Auf Schalessa wurde gedeutet, die jetzt stöhnte und sich aufzurichten begann. Sie erblickte das Blut und hielt in ihrer Bewegung inne. ... Sie hatte es geschafft? Hatte es doch geschafft? Hatte Escholon gerächt, das Blut seines Mörders auf dem Heimatboden verteilt? Ihre Augen wurden groß und das Getuschel nahm zu, aber niemand kam hervor, um sie zu berichtigen. Alle verstanden sie den Ausdruck auf ihrem Gesicht, aber niemand sprach. Auch Ishilin nicht.
      Schirasa kam in dem Moment auf den Platz gestürmt, ein Wirbelsturm aus Emotionen. Sie blieb bei Schalessa stehen und Schalessa richtete sich auf, bis sie knien konnte. Ihr Körper tat weh, ihr war schwindelig, aber sie konnte einfach nicht den Blick vom Blut wenden.
      "Habe ich es geschafft?"
      Voller Hoffnung sah sie ihre kleine Schwester an, die schließlich wissen musste, was vorgefallen war.
      "Habe ich ihn gerächt?"
      Tava und Malleus kamen jetzt auch auf den Platz, aber von der Cervidia waren nur die Hörner zu sehen, als sie Devons Hand ergriff und ein Stück Tuch darum wickelte. Sie hasste Schalessa für jeden Schlag, den sie Devon zugefügt hatte, und sie hasste alle anderen Lacerta dafür, dass sie nur zugesehen hatten. Aber selbst Tava wusste, wann es besser war still zu sein, wenn die Lacerta hinter vorgehaltenen Händen so miteinander redeten. Irgendetwas ging gerade vor sich und Tava wollte nicht dafür verantwortlich sein, den Zorn aller auf sich zu ziehen. Nicht schon wieder.
    • Malleus beobachtete das Lacerta-Mädchen. Mittlerweile hatte sie den Blick der roten Augen auf ihre große Schwester gelegt, die sich mühevoll im blutbesudelten Sand aufrichtete. Der Kultist wusste aus eigener, schmerzlicher Erfahrung welche Wucht und Gewalt in Devons Angriffen steckte – auch wenn der Lacerta ihn nur durch den Raum geschleudert hatte. Die kleinen Hände des Mädchens zuckten in der Luft, als wüsste das Kind nicht, ob sie ihrer Schwester zur Hilfe kommen sollte oder nicht.
      Ein befremdliches Mitgefühl schnürte sich um seine Brust, aber kaum genug, um sich in seinem Gesicht wieder zu spiegeln. Es war ein flüchtiger Hauch von Sympathie, weil auch Malleus sich im Angesichts des versammelten Stammes zurückhielt. Schwäche war ein Todesurteil und Malleus hatte das Stammesgefüge noch nicht lange genug beobachten können, um die Auslöser zu erkennen. Er dachte an die unzähligen Lacerta, die sich wie eine wütende und bluthungrige Meute bei ihrer Ankunft auf Devon gestürzte hatten.
      Die Worte vermochte er nicht zu verstehen, aber wohl den Ausdruck im Gesicht des Lacerta-Mädchens. Das kaum merkliche Zucken der Mundwinkel, das winzige Lächeln, das viel zu streng und zurückhaltend für ein Kind in ihrem Alter wirkte.
      „Ja, Schwester.“
      Mit dem Zeigefinger deutete das Mädchen auf das frische Blut im Sand. Malleus senkte den Blick ohne das Kinn dabei zu neigen und folgte der Geste der Kinderhand. Devons blutiger Tribut tränkte den Sand. Er konnte lediglich mutmaßen, ob Escholon diesen – in den Augen des Menschen – sinnlosen Kampf zwischen dem Mann, der wie ein Bruder für ihr gewesen war, und seiner wohl Zukünftigen befürwortet hätte.
      „Siehst du? Blut.“
      Das eindringliche Geflüster schien das Lacerta-Mädchen nervös zu machen, aber sie hielt sich tapfer.
      Ehrfürchtig drückte sie ihre Hand auf Herzhöhe gegen die Brust ihrer Schwester.
      „Du musst aufstehen, Schwester. Für Escholon. Für mich.“
      Keine Bitte. Er erkannte es am festen Klang der kleinen Stimme. Zu hart, zu erwachsen.
      Ein erschreckender Kontrast für ein Kind und zu dem Feuer, das er zuvor bei ihr gesehen hatte.
      Als Schalessa sich daraufhin zu regen begann, glitt Malleus‘ Blick zu Tava und Devon herüber. Die Cervidia war dabei, den Schnitt notdürftig zu versorgen. Für mehr blieb keine Zeit und Devon hatte schlimmere Verletzungen überstanden, so herzlos der Gedanke auch anmutete.
      „Wir sollten gehen, Devon. Bevor sie realisiert, dass du noch auf den Beinen stehst“, murmelte Malleus leise. Er konnte spüren, dass etwas nicht stimmte. Lag es an Schalessa? An Devon? Oder verhielten Tava und er selbst sich nicht angemessen? Was wurde überhaupt von ihnen erwartet, da Devon seinen Anspruch deutlich gemacht hatte? Er trat einen kontrollierten, langsamen Schritt zurück und schob sich damit in Tavas Rücken. Malleus hielt den Blick stur erhoben, drückte trotz der Blessuren und Schnitte den Rücken durch. Seine Mimik war unbewegt und leer während die Aufmerksamkeit nicht länger nur auf der besiegten Schalessa, sondern auch zu Devon und seinen Begleitern herüber wanderten. „Wohin auch immer du gehen musst. Das gefällt mir nicht.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ja, Schwester."
      Die wenigen Worte reichten aus, um Schalessa ihre Kraft zu nehmen. Erschöpft sank sie in sich zusammen und stützte ihren schwer gewordenen Körper mit den Armen ab. Ihre Kampfeslust war verflogen in dem Moment, in dem sie ihre Bestätigung erhalten hatte. Sie hatte Escholon gerächt, sie hatte es geschafft. Sein Tod sollte nun niemals verspottet werden, jetzt und in aller Zukunft nicht. Der Stamm war Zeuge dessen geworden.
      "Siehst du?", sagte Schirasa und deutete auf die leuchtend roten Blutstropfen auf dem Boden. Ishilins Blut. "Blut."
      "Blut", sagte auch Schalessa und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Jetzt konnte sie um ihren Verlust trauern - trauern und dann irgendwann auch vergessen. Jetzt konnte sie damit abschließen, was man ihr genommen hatte.
      Schirasa legte ihr die Hand auf die Brust.
      "Du musst aufstehen, Schwester. Für Escholon. Für mich."
      Hinter dem Schleier der Tränen bemerkte Schalessa, dass Schirasa keine Fragen stellte und auch aufgehört hatte, sich ständig umzusehen. Sie stand ganz still und als Schalessa zu ihr aufsah, sah sie in Schirasa nicht nur das kleine Mädchen, das voller Tatendrang die Welt zu ergründen versuchte. Da war auch eine Frau in ihr, erwachsen und stark. Schirasa wurde selbst zur Kriegerin.
      Ein Geschenk von Escholon. Für die Rache, die sie ihm gewährt hatte.
      "Hilf mir", sagte Schalessa leise, sodass nur Schirasa es hören konnte. Schirasa stellte zum ersten Mal keine Fragen und so versuchte Schalessa zum ersten Mal nicht, alles auf ihre eigenen Schultern zu laden. Sie ergriff Schirasas Hand und mit ihrer Hilfe kam sie auf die Beine. Ihr Blick fiel auf Ishilin und als er zurücksah, nickte sie ihm zu. Sie hatte ihre Rache bekommen und so trachtete sie nicht mehr nach seinem Blut. Was Ishilin und seine Begleiter betraf, war sie nun wieder gänzlich neutral eingestellt.
    • Devons Haut brannte.
      Nicht von Feuer. Nicht von sichtbaren Wunden oder Prellungen. Es waren die Blicke, die überall um den Platz herum von Seinesgleichen ihm zugeworfen wurden. Er spürte Skepsis, er roch Abscheu, unterdrückte Wut. Wie denn jemand diesen Ritus vollziehen konnte, der nicht einmal mehr Teil des eigentlichen Stammes war. Der so… anders aussah. So gänzlich anders. Und da wurde ihm ein weiteres Mal bewusst, dass die Rassisten eigentlich sein eigenes Volk waren. Sie verurteilten jeden, der nicht genauso war wie sie.
      Schirasa kam angerannt und fast hatte Devon schon damit gerechnet, das kleine Mädchen von sich reißen zu müssen. Dass sie die Fehde ihrer Schwester weitertrug, denn sie hatte gesehen, woher das Blut tatsächlich stammte. Schirasa kannte die Wahrheit und als er sich ihr zuwandte, wurde er Zeuge ihrer eigenen Wahrheit. Sie sprang ihn nicht an. Sie fuhr ihn nicht an. Stattdessen sah sie ihn mit diesen großen, leuchtenden Augen an, die er sich immer gewünscht hatte. Dass die Kinder des Stammes ihn als Vorbild, als echten Jäger, sehen würden und nicht das Monster, welches er geworden war. Für einen kurzen Augenblick blickte das Mädchen hinter die Schuppen und die Erscheinung um den Mann zu sehen, der sich darunter verbarg. Der flüchtige Moment verflog und seine Schultern sackten nach unten. Das war es gewesen. Mehr nicht.
      „Bist du okay?“, fragte Malleus, der auf Tava gestützt über den Platz gekommen war und hier bei ihm wohl besser aufgehoben war.
      „Ja“, kam die knappe Antwort. Noch war die Situation nicht ausgestanden. Sein Mund wurde staubtrocken bei dem Gedanken daran, was die nächste Station war.
      „Tava sollte sich das ansehen.“
      „Nur zu.“ Er streckte ihr blind die Hand hin, während sein Blick über die breite Masse an Lacertas glitt, die sich wie eine Meute immer näher geschoben hatten. Sollten sie einen gemeinsamen Konsens finden und sich auf sie stürzen, hätte das Trio keine Chance. Dass sie hier noch lebend wandelten war einzig und allein den Launen des Stammes zu verdanken.
      Grob wickelte Tava ein Stück Stoff um Devons Hand, die er daraufhin zu einer Faust ballte. Stechender Schmerz im Rhythmus seines Herzschlages pochte durch seinen Körper, ein Zeichen, dass er noch lebendig war. Zu seiner Seite erwachte Schalessa wieder zum Leben und erkundigte sich direkt bei ihrer Schwester nach ihrem Erfolg. Fast schon enttäuscht beobachtete er von oben herab, wie die Frau das Blut am Boden mit seiner Hand in Verbindung brachte und Schirasa es bestätigte. Bevor er sich großartig verriet wandte Devon das Gesicht ab und setzte sich in Bewegung.
      Er ertrug diese Farce nicht eine Sekunde länger als nötig.


      Man ließ das Trio ungehindert durch die gewundenen Wege des Dorfes wandern. Nirgends hielt sich Devon länger als nötig auf, doch ein einziges Mal stockte sein Gangbild. Er zögerte, als sie an einer Hütte von vielen vorbeikamen, aus der Rauch aufstieg. Zugehangen mit bunten Webstoffen und einem trocknenden Stück Tierhaut vor dem Eingang würdigte er diese Hütte nicht eines Blickes. Nur ein kleines Zögern, ein ausbleibender Blick und schon war der Augenblick vorüber und Devon führte Tava und Malleus weiter durch feindliches Gebiet.
      Bis Devon an einer Hütte anhielt, vor deren Eingang eine Furche gezogen und mit Asche ausgelegt worden war. „Das ist Nishilias Hütte. Escholons Mutter.“
      Mehr brachte er nicht hervor. Seine Kehle war wie zugeschnürt und das Atmen fiel ihm schwer. Er wusste nicht, wie sie auf ihn reagieren würde; die Haut hatte man ihr bringen lassen. Zu lange hatte er sie nicht gesehen, zu lange war ihr Sohn wohl schon verschollen. Devon zückte seine Malachitklinge und steckte sie an einem Ende der Furche in den Boden. Man betrat unbewaffnet die Hütte eines Anderen.
      „Ihr könnt mit reinkommen, aber bleibt einfach an der Wand, außer es… eskaliert“, riet er ihnen bevor er den Vorhang hob und sich durch den Eingang hindurch duckte.
      Der Innenraum war nur mit Kerzen und dem einfallenden Tageslicht erhellt. Es wirkte erdrückender als eigentlich nötig und Devon musste das Gesicht verziehen, als ihm der stechende Geruch von irgendwelchem Räucherwerk in der Nase brannte. Ein Feuer war nicht entzündet worden, die die Frau in der Mitte des Raumes hätte beleuchten oder wärmen können. Sie wiegte sich gleichmäßig nach vorn und zurück, während sie vornüber gekauert am Boden auf einem Teppich saß. Das gesamte Heim war dekoriert mit Malereien, Federgespiele baumelten von der Decke, Dolche schmückten die Wände. Der Raum war klein, hatte gerade einmal zwei Schlafstätten – Escholons Vater war früh von einem Drachen gefressen worden.
      Als Devons Blick auf Nishilia fiel, gefror er an Ort und Stelle. Er kannte diese Frau besser als seine eigene Mutter, war mit ihr zum großen Teil aufgewachsen. Ihre Stimme und Gesichtszüge waren ihm noch so prägnant im Gedächtnis geblieben, dass er sie hätte malen können. Und nun saß diese so gütige und selbstbewusste Frau am Boden und trauerte um das, was er ihr gebracht hatte. Er konnte keinen Schritt gehen, nicht noch einen. Sein Mund öffnete sich, gab jedoch nur Stille von sich. Was sollte er sagen? WIE sollte er etwas sagen?
      Scheinbar hatten drei Leute in paar Geräusche zu viel gemacht, denn Nishilia unterbrach ihr Wiegen und richtete sich auf. Der Blick ihrer fast orangeroten Augen glitt über Tava und Malleus hinweg bis er an Devons großer Gestalt hängen blieb. Augenblicklich weiteten sich ihre Augen um das Doppelte.
      Devon schlug den Blick nieder.
      Nishilia heulte auf.
      Für eine ältere Lacerta sprang sie erstaunlich schnell auf die Füße. Ungewollt zuckte Devon zusammen bei diesem Laut, den selbst er nicht zu deuten vermochte. Die unendliche Traurigkeit in diesem Raum trübte auch seine eigenen Sinne. Nur schloss er die Augen, gewillt anzunehmen, was auch immer sie ihm antun wollte. Denn sie war eine der Wenigen, die wahrlich das Recht dazu hatten.
      Und dann wurde Devon durchgeschüttelt, als die Lacertafrau ihn beinahe umrannte und ihn in die Arme schloss. Seine Lider flogen auf, Schock und Überraschung standen in seinem Gesicht geschrieben. Das ergab keinen Sinn. Wollte sie ihn erdrosseln oder wie war ihr Plan?
      Wenigstens ein Sohn ist zurückgekehrt“, sagte Nishilia an Devons nackter Brust und die volle Tragweite des Gesagten traf ihn erst einen Augenblick später.
      Seine Augen begannen sofort zu brennen. Hastig blinzelte er, während er zögerlich die Arme um Nishila legte. „Es tut mir leid“, sagte er mit belegter Stimme.
      „Du hast ihn zurückgebracht.“
      „Ich fand ihn so.“
      „Du hast ihn nach Hause gebracht.“
      Er drückte sie noch fester. Nach all den Jahren sah sie ihn noch immer als Teil ihrer Familie an. Egal, wie er nun aussah, egal, wo er gewesen war. Egal, wen er dabei hatte. In dieser Sekunde erkannte er, dass Nishilia ihn nicht des Mordes bezichtigte. Sie glaubte dermaßen an ihn und ihre Beziehung untereinander, dass diese Möglichkeit für sie gar nicht in Betracht kam.
      Mühselig löste Devon die Arme von ihr um seinen Körper und legte seine Hände auf ihre Schultern. Bewusst schob er sie einen Schritt von sich fort, um ihr ins Gesicht blicken zu können. „Es war Zufall, Nishilia… Ich –
      „Wieso bist du nicht eher gekommen?“ Der vorwurfsvolle Tonfall war nicht zu überhören.
      Devon zögerte. „Weil… Ich dachte, ich käme nicht… Die Anderen…“
      „Ich habe den Platz gesehen, Ishilin. Du hast dich durch Dutzende geschlagen und kommst nicht einmal zu mir? Ausgerechnet zu mir nicht?“
      Devons Mund, der sich für Widerworte schon geöffnet hatte, klappte wieder zu. Leicht schüttelte er den Kopf bevor er sich ein weiteres Mal entschuldigte. So hatte er es doch nicht gemeint. Aber Lacerta waren nicht feige. Sie kannten das Gefühl nicht. Nur war er mittlerweile mehr als nur irgendein Lacerta.
      Bei seinem Schweigen streckte Nishilia ihren Kopf zur Seite und musterte Tava sowie Malleus ausgiebig. Sie war immerhin nicht unter den Schaulustigen gewesen bei der Ankunft der Fremden. Aber anstelle eines Kommentares zeigte sie nur auf die Teppiche als Zeichen, sich zu setzen, nur um dann die Rolle Leder, die am Boden zurückgeblieben war, wieder in ihre Arme zu schließen wie eine Mutter ihr Neugeborenes.
    • Erleichtert, der drückenden und zunehmend bedrohlichen Atmosphäre zu entkommen, stützte sich Malleus schwer auf Tava. Einem prüfenden Blick von ihm folgte ein bekräftigendes Nicken der Cervidia. Er war dankbar für ihre Stärke, die ihn wenigstens halbwegs aufrecht unter den Lacerta wandeln ließ. Die Erschöpfung zeigte sich in seiner gebeugten Haltung, den schweren und wenig anmutigen Schritten, den dunklen Schatten unter seinen Augen. Tava trug ihren Teil dazu bei, ihm wenigstens einen Rest seiner Würde zu bewahren. Angesichts ihrer Lage war es beinahe lächerlich, dass seine Gedanken des stolzen Mannes sich ausgerechnet darum kreisten.
      Augenscheinlich glitt sein Blick über den kargen Pfad aus Erde zwischen den Hütten, doch aus dem Augenwinkel nahm der Kultist seine Umgebung mit scharfem Blick wahr. Jede Abbiegung, jede Abzweigung und jedes noch so kleinste, markante Detail. Er hob den Blick erst, als sie das erste Mal stoppten. Die Hütte schien bewohnt zu sein. Es roch nach dem Rauch einer entzündeten Feuerstelle und als er den Kopf gen Himmel hob, entdeckte er die dünne Rauchsäule über dem Dach. Malleus sah Devon mit gerunzelter Stirn ein. Eine stumme Frage, auf die er keine Antwort erhielt, außer das Devon sich stumm abwandte und sie weiterführte. Der Lacerta hatte die Hütte nicht einmal angesehen.
      Devon stoppte ein zweites Mal und obwohl Malleus nicht wusste, wohin er sie führte, wusste er instinktiv, dass sie am Ziel angekommen waren. Interessiert musterte er die mit Asche gefüllte Furche. Etwas dergleichen war ihm bei den anderen Hütten nicht aufgefallen.
      „Das ist Nishilias Hütte. Escholons Mutter.“
      Seine Aufmerksamkeit schnappte von der Asche zu Devon.
      Escholons Mutter.
      "Denkst du, es ist klug, uns mit hierher zu bringen?", raunte Malleus.
      "Ihr könnt mit reinkommen, aber bleibt einfach an der Wand, außer es… eskaliert", kam es aus Devons zugeschnürter Kehle.
      Malleus nickte.
      Was blieb ihm auch anderes übrig.
      In der Hütte erwartete sie ein Anblick tiefster Trauer. Kein Tageslicht drang in das Zelt. Eine einzige Kerze hielt die Dunkelheit in Schach. Die frische Luft war schwerem Räucherwerk gewichen, das selbst die Nase eines Menschen überforderte. Malleus hatte für einen Moment das Gefühl keine Luft zubekommen. Sein Blick fiel auf die Frau im Zentrum der Hütte, die etwas in ihren Armen wog wie ihr eigenes Kind. Das erste Mal wurde Malleus beim Gedanken daran, dass die Frau gerade die letzten Überreste ihres toten Sohnes an ihre Brust drückte, anders zumute. Devon vor ihm war erstarrt. Seine Finger zuckten nutzlos an seiner Seite in dem unerfüllten Wunsch ihm eine Hand auf die Schulter zu legen, aber Malleus rührte sich nicht.
      Ein anklagendes Aufheulen durchbrach die Stille. Dieses Mal bewegte sich seine Hand an den Bund seiner Hose und griff ins Leere, doch der erwartete Angriff blieb aus. Nishilia schlang ihre Arme um den Mann und warf sich an seine Brust. Malleus' Blick glitt fort von dem emotionalen Wiedersehen über die unzähligen Malereien und Gebilde, die ihn an die Windspiele seiner Heimat erinnerten. Statt Federn hatten sie geschliffene Glasbruchstücke verwendet. Dieser intime Moment war nicht für ihre Augen bestimmt. Ihn erfasste das überwältige Gefühl die Hütte verlassen. Die leisen Worte mit belegten und tränenschweren Stimmen bestärkten ihn nur darin. Tava und er waren ungefähr so fehl am Platz wie Fische hoch über den Wolken.
      Eine kurze Weile verstummten die Stimme und Malleus hob den Kopf, als er einen Blick spürte. Nishilia sah die Fremden in ihrer Hütte lange an. Es irritierte Malleus über alle Maße, dass er ihren Gesichtsausdruck nicht zu deuten vermochte.
      "Ich danke Dir", erklang seine raue Stimme in der Stille des Zeltes, nachdem sie sich auf Nishilias Wunsch hin gesetzt hatten.
      Es klang ebenso fremd wie er sich in Tel'Aquera fühlte. Er unterstrich die Worte, die viel mehr umfassten als den Dank für einen Platz in ihrer Hütte, mit einem bedächtigen Senken seines Kinns bis es fast die Brust berührte, und zog es dann in einer kurzen, ruckartigen Bewegung wieder nach oben. Ganz wie Raschasis es ihm demonstriert hatte. Die Frau war schwer einzuschätzen, aber eine unbestritten eine strenge aber gute Lehrerin.
      "Falls es den Bräuchen entspricht, wirst du ihr sagen, dass uns ihr Verlust leid tut?", richtete Malleus die Bitte an Devon.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nishilia war ein ganzes Stück älter als Devon, das konnten Malleus und Tava allein an der Tatsache festmachen, dass sie Escholons Mutter war. Erschreckend war dennoch, dass man bei diesem Alter überraschend wenig Anzeichen eben jenes finden konnte. Ihre Haut war gebräunt durch die Sonne, über und über war auch ihr Körper mit Geschichten bestückt, wo auch immer ein freies Stückchen Haut zu sehen war. Nur in ihrem Gesicht sah man schließlich das Fehlen von jugendlichen Zügen. Anzeichen von Falten zeigten sich in ihrem Gesicht.
      Als Malleus, nachdem er sich gesetzt hatte, einen gebrochenen Satz auf Stammessprache sagte, hob sie den geneigten Kopf und musterte den Menschen wieder mit diesem undefinierbaren Ausdruck in den Augen. Auch Devon, der sich steif auf einen Teppich neben seinen Begleitern hatte sinken lassen, warf ihm einen teilweise überraschten Blick zu, der sich intensivierte, als Malleus die passende Gestik dazu zeigte. Ein bisschen Stolz nistete sich in Devons Herzen ein. Ein ganz kleines Bisschen.
      Nishilia erwiderte die Geste mit der gleichen – sie akzeptierte.
      „Falls es den Bräuchen entspricht, wirst du ihr sagen, dass uns ihr Verlust leidtut?“, bat Malleus, dessen Stimme sich endlich nicht mehr so harsch und schroff anhörte wie noch am Tage zuvor.
      „Sicher.“ Devon nickte bevor er das Wort an die Mutter seines toten Bruders richtete. „Sie beklagen deinen Verlust. Aber sie halfen mir auch, ihn zu bergen. Ich fand ihn, ich riss ihn an mich und als man mich von ihm trennte, brachten sie uns wieder zusammen.
      Stumm wanderte der Blick der Frau von Devon zu Tava und Malleus und wieder zurück. „Du hast da draußen deinen eigenen Stamm gefunden, wie es scheint. Einer, der dafür gemacht ist, da draußen zu überleben.“
      Ungewollt musste er bei diesen Worten leise lächeln. „Ich habe schon immer gewusst, dass du hier völlig fehl am Platz bist.“
      „Mag sein.“ Liebevolle strich sie mit einer Hand immer wieder über das Leder. „Aber was ist mit dir passiert, Ishilin? Wieso siehst du so… SO aus?
      Eine durchaus gerechtfertigte Frage. Das letzte Mal, als Nishilia Devon gesehen hatte, war er ein junger Mann gewesen, den nichts äußerlich von seinesgleichen unterschied. Jetzt war er verändert, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Nishilia war eine der wenigen Personen, die ihm nicht feindselig gegenübertrat, die es verdient hatte, die Geschichte zu hören.
      Deswegen entschied er sich, sie ihr im Groben zu erzählen, nachdem er seine Begleiter kurz aufgeklärt hatte, über was sie gleich sprechen würden.

      Es war seltsam, als Devon geendet hatte. Seine Geschichte mit Facetten zu erzählen, die weder Tava und Malleus kannten und auch nicht kennen würden aufgrund der Sprachbarriere. Auf der anderen Seite hatten sie ihn nie gefragt, so wie er sich auch nie nach ihrer Vergangenheit erkundigt hatte. Sie wussten nicht einmal, dass man ihn mit einem anderen, seinem echten Namen, ansprachen. Dass er ihn abgelegt hatte. Aber genauso wenig wussten sie, was genau er von ihnen erzählte, als ihre Namen immer wieder fielen und dank ihrer Andersartigkeit in den Zischlauten stetig herausstachen.
      In der Zwischenzeit hatte Nishila ein Feuer entfacht und Wasser aufgesetzt, um eine Art Tee zuzubereiten. Während der gesamten Erzählung über hatte sie geschwiegen und gelauscht, keine Fragen gestellt oder Unverständnis geäußert. Als er schließlich geendet hatte und sie alle einen Tonbecher mit dampfendem Tee in Händen hielten, erhob sie endlich wieder ihre Stimme. „… War es das alles bisher wert?“
      Devon blinzelte sie an, völlig überrumpelt von der Frage. Von den Seiten bemerkte er die fragenden Blicke von Tava und Malleus. „Sie fragt, ob es das alles wert war. Aber ich weiß es nicht. Ich bin noch nicht am Ende angekommen, ich kann das nicht beantworten.“
      „Siehst du es denn als Fehler an, gegangen zu sein?“
      „Nein.“ Diese Antwort konnte er ohne Umschweife geben. So hart und grausam die Welt da draußen auch sein mochte, er bereute diesen Schritt nicht. Er war lebender Beweis dafür, dass sie für etwas Größeres bestimmt waren und diesen Weg würde er nun bis zum Schluss gehen.
      „Dann ist es gut. Wieso läuft dein Mensch –„
      „Malleus.“
      „Malleus“, sie runzelte die Stirn wegen der ungewohnten Aussprache, „wieso trägt er fast nichts? Seine Geschichte sieht seltsam aus. Bedeutet es etwas Besonderes?“
      „Ja, dass man ihn nicht anfasst“, meinte Devon mit einem Schulterzucken. Er besaß schließlich nichts, womit er diesen Umstand hätte bessern können.
      Mit einer unangenehmen Eindringlichkeit betrachtete die Lacerta den Menschen ehe sie aufstand zu einem der Schränke ging, wo sich Rollen an Stoff befanden. Mit ausgestrecktem Zeigefinger suchte sie nach einer bestimmten Rolle, zog sie heraus und schlug sie auf. Was aussah wie ein bunter Webteppich war eine Art Poncho – sehr dünn aus Fasern von Blättern und Lianen gewoben und in naturalistischen Farben getaucht. Sie warf Malleus einen abschätzenden Blick zu bevor sie näherkam. Dann warf sie es ihm kommentarlos über den Kopf.
      Das musst du nicht tun, Nishila“, stieß Devon hervor, der ganz genau wusste, dass diese Farben nicht für die Damen angedacht waren und Escholons Vater schon lange tot war.
      Ich werde nie einen Enkel haben, dem ich das vererben kann“, sagte Nishila ruhig, betrachtete ihr Werk und setzte sich schließlich wieder an das Feuer zurück, um die Überreste ihres Sohnes in die Arme zu nehmen.
      „… Das gehörte Escholon.“ Devon presste die Lippen zusammen und senkte den Blick. Darauf gab es nichts zu erwidern.
      Rein gar nichts.
    • Stumm lauschte Malleus dem Gespräch, das er verstehen konnte. Gelegentlich ließ die subtile Mimik erahnen, in welche Richtung sich die Geschichte bewegte. Letztendlich war es doch unmöglich einen Sinn aus dem fremden Silben zu ziehen. Allein ihre Namen stachen aus den, für menschliche Ohren, harschen Silben hervor - wie Splitter in einer Wunde, wie schiefe Töne in einer andersweltlichen Symphonie.
      Der Tonbecher glühte heiß in seinen Händen. Der würzige Duft hing in der Luft, vermischte sich mit dem herben Räucherwerk und legte sich schwer über seine Sinne. Malleus begegnete den Blicken von Devon und Nishila mit leicht gesenktem Haupt, aber unverkennbar aufmerksamen Augen, die es gewohnt waren, nach den kleinsten Veränderungen zu suchen. Wie bei Devon war auch Nishilas Mienenspiel eine Herausforderung für den Kultisten. Die Abwesenheit unverblümter Feindseligkeit nahm er dennoch mit einem leichten Hoffnungsschimmer als gutes Zeichen.
      Nishila hieß sie in ihrem Heim willkommen und wenn das nicht zutraf, so duldete sie die Fremden zumindest um Devons Willen. Es zeugte von einer inneren Stärke angesichts ihres tragischen Verlustes, den Malleus selten zu Gesicht bekam. Der Kultist kam nicht umhin, dass die gebeutelte Lacerta-Frau dafür seinen Respekt verdiente. Es war das Mindeste.
      „Sie fragt, ob es das alles wert war. Aber ich weiß es nicht", richtete Devon nach einer Ewigkeit die Worte direkte an Tava und ihn.
      Malleus nickte still.
      In seiner stoische Miene schlich sich für den Sekunden Bruchteil eine Mischung aus Verständnis und Bedauern, bevor sie auch schon wieder verschwand. Malleus verstand. Es war so einfach. Die Frage hatte er sich mehr als einmal gestellt, während er nach und nach Steine aus dem Fundament des Turmes gezogen hatte, der alles darstellte, das er sich aufgebaut hatte. Dabei konnte er nur hoffen, dass er die Steine klug wählte und das Gebilde nicht eines Tages über seinem Kopf zusammenbrach um ihn lebendig zu begraben.
      Als sich der nächste Teil des Gespräches offensichtlich um ihn drehte, straffte Malleus die Schultern.
      Seine Schulter stieß gegen Tavas und er wandte sich der Cervidia zu, um den neugierigen Blicken zu entkommen, die ihn bei lebendigen Leib sezierten. Er konnte es Nishila nicht übel nehmen, dass sie schaute. Wohl fühlte er sich dabei trotzdem nicht. Seit der Ankunft in Tel'Aquera war Malleus ein blanker Nerv. Entblößt, schutzlos und ständig unter Strom.
      "Du bist schrecklich still", wisperte er zu Tava, blendete das Zischen im Hintergrund aus. "Alles wird gut. Wir müssen nur Geduld haben."
      Und nicht vorher sterben, dachte Malleus bitter.
      Einen tödlichen Fehler zu begehen, war in Tel'Aquera kein Kunststück.
      Als er aus dem Augenwinkel zu Nishila sah, hatte sie den Blick noch immer nicht von ihm abgewandt. Dezent zog er die Augenbrauen zusammen, als sich die ältere der anwesenden Lacerta erhob und zielsicher in einer Ecke ihrer Hütte verschwand. In dem schwummrigen Licht konnte Malleus nicht ausmachen, wonach sie suchte. Angesichts des Kleidungsstückes, wie Malleus vermutete, entgleisten ihm das erste Mal, seit sie Devons Heim verlassen hatte, vor Überraschung die Gesichtszüge. Die Intention konnte er klar in ihrem gealterten Gesicht erkennen. Die Geste war bereits unerwartet rücksichtvoll, bevor sie ihm den Poncho wie bei einem Kleinkind kurzerhand über den Kopf stülpte. Malleus befühlte den unbekannte Stoff. Pflanzenfasern, wenn er einen Tipp abgeben musste. Handgefertigt, mit großer Sorgfalt.
      „… Das gehörte Escholon.“
      Seine Finger erstarrten.
      Malleus warf einen scharfen Blick zu Devon herüber.
      "Das kann ich nicht annehmen", protestierte der Kultist und bemühte sich um einen milden Ton, um Nishilas mehr als großzügige Geste nicht mit falschverstandener Respektlosigkeit zu vergelten. Da sich niemand rührte, musste Malleus sich mit der Bürde arrangieren, die das Kleidungsstück mit sich brachte. "Kannst du bitte für mich übersetzen, Devon?"
      Begleitet von einem sanften Rascheln drehte sich Malleus nun ganz direkte Nishila zu. Die Hände ruhten auf den Knien, als er das Kinn neigte und dieses Mal so tief, das es wirklich seine Brust berührte.
      "Ich danke Dir, für deine Großzügigkeit, Nishila", raunte er und seine Stimme vermischte sich mit dem allgegenwärtigen Knistern des Feuers. "Es existieren keine Worte des Dankes in den mir bekannten Sprachen, die ihr gerecht werden. Ich wünschte es wäre anders und Devon wird Dir gerne bestätigen, dass ich selten um Worte verlegen bin. Wenn es nicht zu sehr schmerzt, würden wir gerne etwas über den Mann hören, für den Du diese Kleidung mit der Liebe, die nur eine Mutter für ihren Sohn empfinden kann, gewebt hast. Damit ich das Geschenk und die Erinnerung in Ehren halten kann."
      Aus dem Augenwinkel warf er Devon einen kurzen Blick zu ehe er Nishila mit dem Anflug eines Lächelns bedachte.
      "...und ich habe mich immer gewundert, wie er war, als er noch jünger war. Gemeinsam mit deinem Sohn, seinem Bruder. Dort, wo ich herkomme, halten wir die Erinnerungen ebenfalls durch Geschichten am Leben. Nicht auf unserer Haut, aber mit Worten. Am Anfang unserer Reise war er nicht der Redseligste."
      Es stand völlig außer Frage, wen Malleus mit er meinte und wen der Kultist damit triezte, um der drückenden Stimmung entgegen zu wirken. Wenn Nishila ihm dafür letztendlich doch den Kopf abriss, konnte er sich über den Fauxpas wenigstens nicht mehr grämen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Nishilia war nicht das, was Tava erwartet hatte. Sie war alt, sicher, das hatte Tava sich schon gedacht, und ihre Hütte war ausgestattet mit Kunst, die nur ein Lacerta für gut befinden würde. Aber vor allen Dingen war Nishilia nett zu Devon.
      Nachdem sie den anfänglichen Schrecken der auf sie stürzenden Frau überwunden hatten - Tava hätte ihr dabei beinahe die Hörner ins Gesicht gerammt - war das Gespräch ausgenommen zivilisiert. Im Vergleich dazu, dass vor der Hütte der ganze Stamm darauf zu warten schien, Devon das oder jenes vorzuwerfen, war Nishilia sogar ausgesprochen freundlich. Tava verstand zwar nur einen Bruchteil dessen, was gesprochen wurde, aber die Ruhe der Frau war ihr Auskunft genug. Sie hatte Devon nicht noch einmal angefallen und obwohl die zischenden Laute stets etwas aggressiv wirkten, entwickelte Tava dennoch langsam ein Gefühl dafür. Nishilia war freundlich - so freundlich, wie man in ihrer Situation wohl sein konnte.
      Schweigend hielt Tava sich damit zurück, um die Ruhe nicht zu brechen. Sie sah von Nishilia zu Devon und wieder zurück, wann auch immer er genug übersetzte, damit sie den Zusammenhang verstand. Devon erzählte seine Geschichte und Nishilia lauschte ihm, ohne ihn dafür zu verurteilen. Tee wurde verteilt und langsam konnte auch Tava sich entspannen. Es war nett hier, irgendwie heimlich. Zum ersten Mal konnte sie sich vorstellen, als Lacerta hier zu leben, ohne die ständige Feindlichkeit. Ein bisschen gefiel ihr der Gedanke auch.
      Das Gespräch kam auf Malleus - sein Name fiel mit einem merkwürdigen Gezische, wo eigentlich keins sein sollte - und drei Augenpaare ruhten auf ihm. Malleus war das sichtlich unangenehm, aber so wie Tava wagte er es nicht, das Gespräch zu unterbrechen. Tava lächelte ihm zu und als er sie ansah, schien er einen Anker in ihr zu finden, um sich der Unannehmlichkeit zu entziehen.
      “Du bist schrecklich still.”
      Sie macht mich noch ein bisschen nervös.
      “Alles wird gut. Wir müssen nur Geduld haben.”
      Tava nickte und spürte die Zuversicht von diesen Worten. Wenn Malleus befand, dass alles gut werden würde, dann würde es auch. In dieser Hinsicht vertraute sie dem Mann ohne einen zweiten Gedanken.
      Nishilia war indessen aufgestanden und kam mit einem dünnen Teppich zurück, der aus Pflanzen gewebt worden war - und gar kein Teppich sein sollte. Schweigend warf sie ihn über Malleus’ Schultern, der sich versteifte, als Devon den Hintergrund des Kleidungsstücks erklärte. Und selbst Tava gab ein sanftes, ehrfürchtiges “Oh” von sich.
      Die Geste war Nishilia nicht zu verdenken. Unter all den abschätzigen Blicken, die sie bislang von den Lacertas bekommen hatten, war es ein Beweis von großer Stärke, Escholons Kleidungsstück Malleus zu geben. Tava konnte gar nicht anders, als die Frau plötzlich mit anderen Augen zu betrachten. Niemand hatte sie beide bisher als ebenbürtige Leute betrachtet und Nishilia ging für ihre Dankbarkeit sogar noch darüber hinaus.
      Entsprechend entsetzt war Tava, als Malleus zuerst protestierte, nur um Nishilia dann seine Hörner - seinen Kopf zu präsentieren. Tava sog scharf die Luft ein und wollte ihn schon anstoßen, dass er sich gefälligst besser benahm. Das ging doch nicht! Nishilia so zu beleidigen und das, während er anscheinend seine Dankbarkeit heuchelte!
      Doch als Nishilia darauf nicht mit Zorn oder einer eigenen Beleidigung reagierte, klickte es bei Tava, dass Malleus nur eine Geste der Lacerta genutzt hatte. Die hatte auch beim Lernen schon für Missverständnisse gesorgt, als Tava beinahe Raschasis angefallen hätte. Tava ließ sich nicht beleidigen und erst recht nicht von einer hornlosen. Allerdings hatte das gestern schon nicht für Sympathien gesorgt und tat es auch jetzt nicht, als Tava von der Erkenntnis heiß wurde. Sie blieb still, senkte den Blick und war froh, dass Malleus gleich weitersprach.
    • Devons Gesicht war das reinste Kriegsgebiet. Mehr als nur froh war er darüber, dass Malleus keinen ausgiebigen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte. Zu viel Emotionen, die er üblicherweise unterdrückte, lagen bar in seinen Zügen.
      „Das kann ich nicht annehmen“, protestierte Malleus und Devon war heilfroh, dass Nishilia das nicht verstand. Sie warf ihm wegen des Tonfalls zwar einen Blick zu, hinterfragte es jedoch nicht, da Malleus den Poncho nicht unmittelbar auszog. „Kannst du bitte für mich übersetzen?“
      „…“ Würde seine Stimme dem standhalten? Würde sie nicht brechen? Devon fühlte sich wie ein Verräter, der nur eine Handvoll Geheimnisse von sich preisgegeben hatte und den man hinter der Fassade eigentlich gar nicht kannte. Schließlich hatte er sich gesammelt und nickte. Zumindest den Versuch würde er wagen.
      Devon starrte zu Nishilia herüber. Er konnte den Anblick einer der Ponchos, die Escholon getragen hatte, noch nicht würdigen. Doch als Nishilias Ausdruck in ihrem Gesicht sich verlor und blank wurde, schnappte sein Blick doch zu dem Menschen an seiner Seite. Auch ihm fiel sämtliches Gefühl aus dem Gesicht und wich Überraschung, als Malleus eine sehr eindeutige Lacertageste vollführte, die frei von Missinterpretation war. Die Worte, die der Mensch dazu sprach, warfen einen Zwiespalt in Devon auf. Das war Folter. Nichts anderes als einfach gehen und die schmerzlichen Erinnerungen vergessen wollte der Jäger, der mit Trauer nie gelernt hatte, umzugehen. Verlust hatte er nie gelernt, weder innerhalb des Dorfes, noch außerhalb. Als Einsiedler und einsamer Wolf hatte es sich besser gelebt.
      Wohl oder übel gab sich Devon einen Ruck und begann zu übersetzen. Noch während er sprach wurden Nishilias Gesichtszüge wieder weicher und Schmerz stand in den alten Augen niedergeschrieben. Ein verträumtes Lächeln umspielte ihre Lippen angesichts der Erinnerungen, die sie wachrief, um eine angemessene Antwort zu liefern, die Devon hoffentlich korrekt in die gemeine Sprache übersetzte. Dabei sah er nicht auf. Sein Blick ruhte in den gleißenden Flammen des Feuers zwischen ihnen.

      Ishilin und Eschlon waren gleichalt. In unserer Kultur werden die gleichaltrigen Kinder in Schulen zusammengeführt, die sie bis ins Erwachsenenalter halten. Da Geschichten bei uns so wichtig sind, werden die Kinder schon früh an ihre ersten Prüfungen herangeführt und lernen, dass sie nicht alle allein bestehen können. Sie brauchen einen Partner, einen Bruder oder eine Schwester, um die Jägerprüfung bei ihrer Reife anzutreten. Das waren die beiden Jungs, die später eigenhändig einen Drachen erlegten und dadurch zu Jägern unseres Stammes wurden.
      Ishilin war schon immer eher reserviert. Als Kind war er regelrecht schüchtern. Escholon war dafür umso aufgeweckter, praktisch nie stillzuhalten. Er war herausragend mit Pfeil und Bogen, dafür besaß Ishilin ein Talent für Speer und Schwert. Sie ergänzten sich wortlos und irgendwann war Ishilin mehr hier als bei seiner eigenen Familie. Er ist Einzelkind und hat keine Geschwister. Seine Eltern kamen nie recht darüber hinweg, dass er eines Tages ging.
      Nachdem Ishilin verschwunden war, hatte Escholon seinen eigenen Weg suchen müssen. Ohne seinen Bruder suchte er seinen eigenen Platz, büßte seine unbändige Energie ein und formte sie, indem er den Rang eines Zeigners einnahm. Das sind Mitglieder des Stammes, die sich um die Ausbildung der Kinder kümmern. Wir bekommen nie sonderlich viele Kinder, deswegen sind sie bei uns praktisch heilig. Escholon wollte, dass die nächste Generation besser wurde als die davor. Besonnener. Weltoffener. Ich bin mir sicher, dass er Ishilin begleitet hätte, wenn er ihn gefragt hätte. Es gab genug Abende, wo Escholon am Feuer saß und sich immer wieder gefragt hat, ob er einen Fehler gemacht hatte. Ob er etwas hätte anders tun können. Aber wir alle haben gesehen, wie Ishilin das Herz und Fleisch eines Drachen verspeist hatte. Wir konnten ihn nicht in unseren Reihen belassen. Deswegen war es gut, dass er noch in derselben Nacht verschwand und die Konsequenzen seines Handelns nicht tragen musste.
      Also ging Escholon mit seinen Schülern in den Wald. Lehrte sie alles, was sie wissen mussten, um gute Jäger zu werden. Formte Bunde, wo er sie angebracht sah, und schrieb Geschichten, wenn die Prüfungen bestanden waren. Ein paar Jahre später kamen er und Schalessa sich näher im Zuge eines Festes. Ihr Feuer erinnert mich manchmal an Ishilin und vielleicht faszinierte das Escholon so sehr. Er beschloss, mit ihr den Bund einzugehen und seine eigene Familie zu gründen. Nur sollte es nie soweit kommen. Und eines Tages kehrte er einfach nicht mehr von einer Expedition zurück. Bis heute.

      Viel der Dinge waren auch für Devon neu. Einige von ihnen übersetzte er nicht, sondern hielt sich für sich und seine Erinnerungen zurück. Nur seinen Namen änderte er für Tava und Malleus auf den ihnen bekannten, was ihm einen fragenden Blick von Nishilia einbrachte.
      „Was ist DEVON?“
      „Mein Name. Ich habe meinen Stammesnamen abgelegt.“
      „Oh…. Devon…“, Nishila ahmte die Aussprache nach und verzog das Gesicht. „Ishilin ist ein schöner Name. Niemand hier spricht dich anders an.“
      „Ich weiß und das stört mich“, erklärte Devon mit einem Schulterzucken. Langsam hatte er sich auch an den Anblick des Ponchos um Malleus Körper gewöhnt. „Sie werden aber nicht davon abweichen.“
      „Natürlich nicht. Sie kennen dich als Ishilin und nicht als Devon. Der Älteste hat den Jungen deinen Namen zugetragen. Sie kennen nur deine Geschichte, aber nicht, wer du wirklich bist.“
      „Super. Brauchen sie auch nicht, ich plane nur, die beiden hier raus zu schaffen.“ Er deutete auf seine zwei Begleiter. „Ich werde vermutlich nicht wieder gehen können.“
      „Schwierig“, gab Nishilia zu bedenken. „Aber der Älteste hat was für dich übrig. Ich habe gehört, er will eine Prüfung veranlassen, damit die Cervidia und der Mensch gehen können.“
      Da horchte Devon auf. „Damit sie gehen können? Beide?“
      „Ja. Es soll ein Preis gezahlt werden, aber ich weiß nicht, wie der auszusehen hat. Sei bloß froh, dass sie den Menschen nicht enthaupten wollen. Das stand sehr hoch auf der Liste.“
      Das stimmte Devon nachdenklich. Eine Prüfung. Ein Preis, der gezahlt werden sollte. So etwas hatte er noch nicht erlebt und er konnte sich nicht vorstellen, was Tava und Malleus wohl besitzen konnten, was interessant für den Stamm sein konnte.
    • Beim Anblick des neu entflammten Schmerzes bereute Malleus seine Entscheidung. Die Gepflogenheiten der Lacerta waren ihm fremd und Devon vermied es, ihm ins Gesicht zu sehen. Allein Letzteres hätte ihm Zeichen genug sein sollen, seinen Wunsch zurückzunehmen. Dennoch begann Devon zu übersetzen, nachdem bereits eine Ewigkeit verstrichen war. Malleus verschleierte vor Nishila und Tava nicht, dass er Devon mit einem von Besorgnis überschatteten Blick bedachte. Die Zuneigung darunter ging noch tiefer. Viel tiefer, als Malleus es in all den ihm bekannte Sprachen ausdrücken konnte. Es war nicht seine Absicht gewesen, in einer alten und gleichzeitig frischen Wunde zu bohren. Aber Devon sprach und Nishila lächelte. Traurig und doch verträumt während ihre Worte die Erinnerungen zum Leben erweckten.
      "Du musst sehr stolz auf deine Söhne sein", antwortete Malleus mit Besonnenheit. Nishilas Reaktion auf die Rückkehr des Mannes, der wie ihr eigenes Kind in ihrem Heim ein- und ausgegangen und für Escholon ein Bruder gewesen war, ließ ihn diese Schlüsse ziehen. "Egal, was vorgefallen ist, Du hast zwei gute und starke Männer aufgezogen, Nishila. Ich bedauere, dass ich vermutlich nicht die Gelegenheit bekommen werde, dieses Gespräch irgendwann fortzusetzen."
      Tavas und sein Schicksal konnte sich stündlich ändern.
      Mittlerweile hatte Malleus aus den Übersetzungen und dank seiner Aufmerksamkeit einen Namen aus dem Kontext gehört, den er nur einer Person in diesem Raum noch zuordnen konnte.
      Ishilin.
      Malleus musste zugeben, das ihm der Klang gefiel, aber Ishilin war ein Fremder. Für Tava und ihn, war der Mann neben ihnen Devon.
      "Escholon und Devon hatten Glück, eine Frau wie Dich zur Mutter zu haben und ich möchte mich noch einmal für deine Freundlichkeit bedanken, die ich an diesem Ort nicht erwartet hätte."
      Damit zog Malleus sich wieder aus der Konversation zurück und begnügte sich damit, wieder dem Gespräch von Nishila und Devon zu lauschen. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Devon einige Teile ausließ. Malleus konnte es ihm nicht verübeln. Gedanklich war er bereits zu dem Ergebnis gekommen, dass es Dinge gab, die der Lacerta im Augenblick nicht mit ihnen teilen wollte. Vielleicht unter sechs Augen. Vielleicht auch nie. Deshalb grämen, konnte und wollte der Kultist nicht. Das Gefühl war ihm nicht fremd. Also ließ er sich von Nishila einen Tee nachschenken und akzeptierte den kurzzeitigen Frieden, der ihnen beschert wurde, und die Ruhe, die seinem gebeutelten Körper gut tat.
      Immer wieder tauschte er Blicke mit Tava während sie zuhörten und wie die Cervidia wurde auch Malleus bei der Erwähnung der Prüfungen hellhörig.
      Malleus' Mundwinkel zuckten.
      "Ich bin auch froh, dass mein Kopf noch auf meinen Schultern ist. Nach Möglichkeit würde ich es auch gerne dabei belassen."
      Er wandte sich gleichermaßen an Nishila und Devon.
      "Prüfungen? Welche Prüfungen könnte der Stamm Außenstehenden wie uns auferlegen? Was passiert, wenn wir die Prüfungen nicht bestehen oder den Preis nicht zahlen können?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nachdenklich betrachtete Devon Malleus und Tava. Früher wusste er, wie solche Prüfungen auszusehen hatten, doch nun waren sie womöglich anders. Schließlich hatte sich die Welt weitergedreht und auch der Stamm war nicht mehr derselbe. Eine Nachfrage bei Nishilia würde nicht von Erfolg gekrönt sein, denn ein Knackpunkt dieser Prüfungen war eben das Unwissen. Die Spontanität, auf jedwede Herausforderung angemessen zu reagieren.
      „Viele Fragen, die Nishilia uns nicht beantworten wird“, antwortete Devon trocken. „Ich denke, wir sollten gleich wieder aufbrechen. Ich habe da noch etwas vor, bevor besagte Prüfung über uns hereinfallen.“ Er richtete das Wort an die Mutter seines Freundes. „Gibt es die Grüne Lichtung noch?
      Nishilia nickte und damit hatte Devon sein neues Ziel, wohin sie nun gehen würden.
      Ungestört.

      Die Grüne Lichtung entpuppte sich als genau das; eine begrünte Freistelle mitten im Walde. Die hohen Bäume waren händisch gefällt worden, um eine Wildwiese mit niederen Sträuchern, Farnen und allerlei Kräutern zu ermöglichen. Die Sonne prallte ungebremst vom Himmel herab und erschuf damit ein für den beschatteten Regenwald untypisches Biotop. Ein kleines Bächlein war gegraben worden, das in Schlangenlinien durch die Lichtung führte und zwischen den hohen Bäumen am Rand der Lichtung zwischen den Wurzeln gewaltiger Bäume verschwand. Die Farne hier waren deutlich kleiner, dafür gab es größere und andere Büsche. Blumen in sämtlichen Farben und Formen wuchsen dicht beieinander und versorgten Insekten, die sich in Scharen tummelten. Das gesamte Gebiet lag noch im Sanktum des Lacertaterritoriums und dürfte demnach relativ sicher vor Drachenangriffen geschützt sein. Sofern diese nicht fliegend einfielen.
      Weit und breit war kein anderes Stammesmitglied zu entdecken. Um die Mittagszeit trieben sie in der Regel andere Dinge, als sich hier herumzutreiben. Wenn überhaupt hatte Devon mit Raschasis gerechnet. Immerhin hatten sie ihre Kräutermischungen und Salben ziemlich in Anspruch genommen. Aber so war Devon dankbar über die ungestörte Zeit kurz vor dem Monsun, der sie, wenn er den Stand der Sonne in Betracht zog, noch gut eine Stunde in der Zukunft lag.
      „Tava, hast du dir gemerkt, welche Kräuter Raschasis dabeihatte? Alle davon dürftest du hier finden, du musst nur etwas suchen“, sagte Devon und deutete auf die Freifläche, während er über überraschend festen Boden ging. „Ich kenn mich damit nicht so sehr aus, aber die ganzen Heilkundigen sammeln hier, wenn sie nicht zwangsläufig hinaus müssen.“
      Viel mehr musste Devon nicht sagen. Tava, die die letzte Zeit immer leiser geworden war, gewann langsam das Funkeln in ihren Augen zurück. Als sie sich neugierig umsah, fühlte er sich ebenfalls ein kleines bisschen erleichtert.
      Dann drehte er sich halb zu Malleus um. Der Mann dürfte dank seiner dunklen Hautfarbe weniger Probleme mit der heftigen Sonneneinstrahlung haben, sah aber auch nicht wirklich glücklich aus mit dem Überwurf, den man ihm wider Willen vermacht hatte. Kurzerhand nickte er zu dem Bächlein. „Wenn du willst, kannst du dich da auch frisch machen. In etwa einer Stunde setzt der Monsun ein. Bis dahin sollten wir hier fertig sein.“
      Während Tava munter Kräuter begutachtete und pflückte und hier und da einen Fund emporstreckte, stapften die Männer zu dem Bachlauf. Das Wasser war kühl und klar und stank nicht wie der übliche Morast, den man im Wald finden konnte. Rohrbinsen und Schilf wuchsen in kleinen Stauden am Ufer, wo Devon in die Hocke ging, um sich die Blessuren des morgendlichen Kampes abzuwaschen.
      „Du hast mich nach den Prüfungen gefragt.“ Die Hand mit dem Einschnitt landete im Wasser. Kleine rote Fäden stiegen langsam von seiner Handinnenfläche auf und wurden vom schwachen Strom davongetragen. „Die verändern sich. Ein Bestandteil ist die Unwissenheit, mit der man die Prüfung antritt. Es geht darum, wie schnell man adaptieren kann. Daher wird im Voraus nie was über sie gesagt. Aber meine Prüfung zum Jäger damals war im Team mit Escholon und wir mussten einen Drachen erlegen. Je nach Team ist das Ziel ein anderes. Uns wurde nicht vorgeschrieben, was für ein Drache es sein sollte oder welchen wir fänden. Da mussten wir adaptieren.“
      Fast schon meditativ wusch sich Devon dabei Arme, Beine und Teile des Torsos, um die Spuren des Kampfes ein wenig zu mildern. Schnitte hatte er kaum welche davongetragen, weshalb nur Schmutz und Staub das Wasser trübte. Seine grünen Schuppen blitzten immer wieder im Licht auf und hier in dieser Umgebung wirkte es das erste Mal so, als wäre er für diesen Ort geschaffen. Als gehöre er wirklich hierher.
      „Wenn sie euch eine Prüfung stellen wollen, damit ihr eure Freiheit zurückbekommt und sogar euer Leben, dann werdet ihr etwas im Austausch dafür bezahlen müssen. Der Älteste wird den Preis bestimmen anhand dessen, was für Personen ihr seid. Was euch wichtig ist. Er wird sich Meinungen und Vorschläge einholen, um eine passende Prüfung mit Preis zu entwerfen. Ich bin mir allerdings sicher, dass ihr nicht unbedingt leichtfertig zustimmen werdet“, meinte Devon und warf Malleus einen vielsagenden Blick zu.
    • Sie verabschiedeten sich von Nishilia mit einer anderern Wärme als bei ihrer Ankunft und während sie nach draußen gingen, dachte Tava immernoch über das Gespräch nach. Escholon war Devons Jagdbruder gewesen, aber bisher hatte sie dem Begriff keine größere Bedeutung zugemessen. Jetzt wusste sie es besser: Escholon war in vielerlei Hinsicht wirklich Devons Bruder gewesen. Was auch erklärte, weshalb er in Touvanen schier den Verstand verloren hatte, als er Scholons Haut entdeckt hatte.
      Würde Tava auch so reagieren, wenn sie die Haut eines Bruders entdecken würde? Zwar hatte sie keinen - glaubte sie zumindest - aber sie war sich ziemlich sicher, dass auch sie alles stehen und liegen lassen würde, um ihrem Bruder den letzten Frieden zu gewähren. In dieser Hinsicht fand sie, dass Devon sogar recht besonnen reagiert hatte.
      Sie verließen die Zivilisation des Stammes um auf einer Lichtung zu landen, die wie ein großes, grünes Paradies leuchtete. Pflanzen und Blüten wohin das Auge reichte, Insekten, die in der Luft schwirrten und sich an Stängel klammerten, lauter Farben und Formen, die Tava in ihrem Leben noch nie gesehen hatte. Aber ausnahmsweise einmal interessierte sie sich für Devon mehr als für die Natur. Er wollte ihnen sicherlich erzählen, was es mit den Prüfungen auf sich hatte, und nachdem Tava seinen Kampf mit Schalessa beobachtet hatte, wollte sie umso dringlicher erfahren, was auf sie wartete. Tava konnte nicht gut kämpfen - sie würde sicher keinen Speer aufnehmen und gegen einen Lacerta antreten.
      „Tava", sagte Devon, "hast du dir gemerkt, welche Kräuter Raschasis dabeihatte?"
      "Natürlich."
      "Alle davon dürftest du hier finden, du musst nur etwas suchen.“
      Er lenkte ihre Aufmerksamkeit geflissentlich auf das Grün um sie herum und Tava erhaschte zumindest ein paar Blicke, die ihr Interesse anfeuerten.
      „Ich kenn mich damit nicht so sehr aus, aber die ganzen Heilkundigen sammeln hier, wenn sie nicht zwangsläufig hinaus müssen.“
      Okay... vielleicht konnte sie sich ja ein bisschen umsehen. Ganz kurz nur. Und dann würde sie definitiv von Devon erfahren wollen, was es mit den Prüfungen auf sich hatte.
      Die beiden Männer verließen die Mitte der Lichtung und hielten bei dem vorbeifließenden Bach an, um sich frisch zu machen. Tava verlor gegen ihre Neugier und betrachtete eine Blüte, an deren Rändern kleine Dornen saßen und die in einem wunderschönen Farbverlauf leuchtete. Giftig, ohne jede Zweifel. Wenn sie doch nur ihre Ausrüstung dabei hätte...
      „Du hast mich nach den Prüfungen gefragt.“
      Tava horchte bei Devons Stimme sofort auf und ließ die wunderschöne, giftige Blume alleine, um wieder zu den Männern aufzuschließen. Dort wurde sie kurzzeitig von dem im Wasser wachsenden Schilf abgelenkt, verinnerlichte aber trotzdem jedes von Devons Worten.
      „Die verändern sich. Ein Bestandteil ist die Unwissenheit, mit der man die Prüfung antritt. Es geht darum, wie schnell man adaptieren kann."
      Also kein Kampf - oder schon ein Kampf. Gerade deswegen ein Kampf? Tava richtete sich auf und beobachtete Devon besorgt.
      „Wenn sie euch eine Prüfung stellen wollen, damit ihr eure Freiheit zurückbekommt und sogar euer Leben, dann werdet ihr etwas im Austausch dafür bezahlen müssen."
      Tavas Augenbrauen hoben sich.
      "Wir haben doch gar kein Geld."
      "Der Älteste wird den Preis bestimmen anhand dessen, was für Personen ihr seid. Was euch wichtig ist. Er wird sich Meinungen und Vorschläge einholen, um eine passende Prüfung mit Preis zu entwerfen."
      Tavas Augen weiteten sich und sie fasste automatisch nach ihren Hörnern. Nie im Leben - nie. Im. Leben. Eher würde sie sterben, als eine hornlose Cervidia zu werden. Hier setzte sie ganz eindeutig ihre Grenze!
      "Ich bin mir allerdings sicher, dass ihr nicht unbedingt leichtfertig zustimmen werdet.“
      "Zustimmen? Dann haben wir eine Wahl?"
      Tava wusste gar nicht mehr, was sie denken sollte.
      "Und wenn wir keine Prüfung wollen, müssen wir hierbleiben? Wer hindert uns denn daran, einfach zu gehen? Wir könnten noch diese Nacht verschwinden und keinem würde es auffallen. Devon, wieso gehen wir nicht einfach?"
    • Malleus folgte Devon zu dem kleinen Bachlauf, doch sein Blick konnte sich kaum von der grünen Pracht der idyllischen Lichtung abwenden. Solch einen friedlichen Ort hatte er in mitten von Tel'Aquera nicht erwartet. Saftiges, grünes Gras raschelte unter seinen Füßen und die weichen Blätter niedrigwachsender Farne streiften seine nackten Knöchel. Hier gab es keine hochgewachsenen Bäume, die mit ihren gewaltigen Blätterdächern das Sonnenlicht abschirmten. Wärme, ein wenig zu schwer und zu feucht durch das tropische Klima und die ihn doch entfernt an seine Heimat erinnerte, staute sich in dem Refugium.
      „Wenn du willst, kannst du dich da auch frisch machen. In etwa einer Stunde setzt der Monsun ein. Bis dahin sollten wir hier fertig sein", sagte Devon neben ihm. Malleus nickte bedächtig und sah Tava hinterher, die unweit von ihnen die Flora neu entfachter Faszination betrachtete. Das Glitzern kehrte in ihre Augen zurück, dass er in den letzten Stunden vermisst hatte. Es beruhigte ihn, dass der Schrecken diesen besonderen Funken nicht ersticken konnte.
      Mit der gebührenden Ehrfurcht streifte sich Malleus den Überwurf über den Kopf. Sorgfältig faltete er den bunten Stoff zusammen, bettete ihn neben sich und ließ für eine paar Sekunden still die Hand darauf ruhen. Erst dann wandte er sich dem Bauchlauf zu und tat es Devon gleich. Kühles, sauberes Wasser perlte über seine vernarbten Arme, die Schultern und seine Brust und wusch den Schweiß und Staub fort, der seit ihrer Ankunft in Tel'Aquera beständig an seiner Haut zu kleben schien. Malleus legte sich eine kalte Hand in den brennenden Nacken und das sanfte Rauschen des Windes verschluckte das leise Seufzen.
      „Du hast mich nach den Prüfungen gefragt.“
      Die kurzzeitige Entspannung wich aus seinem Gesichtszügen, in die nun der Ernst gemeißelt war. Aufmerksam lauschte Malleus den Worten, nickte und gab hin und wieder ein zustimmendes Brummen von sich. Das hatte er befürchtet.
      "Wir haben doch gar kein Geld."
      Tava hatte sich genähert.
      "Die Lacerta haben keine Verwendung für Gold und Geschmeide, selbst wenn wir es in dieser Lage aufbringen könnten. Es geht ihnen nicht darum, sich auf unsere Kosten zu bereichern. Devon?", murmelte Malleus und suchte im Gesicht des Lacerta eine Bestätigung seiner Gedanken.
      "Der Älteste wird den Preis bestimmen anhand dessen, was für Personen ihr seid. Was euch wichtig ist. Er wird sich Meinungen und Vorschläge einholen, um eine passende Prüfung mit Preis zu entwerfen."
      Malleus seufzte und benetzte auch sein Gesicht mit Wasser aus dem Bächlein. Er wischte sich Tropfen von mit Zeigefinger und Daumen von den Brauen und aus den Wimpern.
      "Und von wem, wird er sich diese Meinung einholen?", fragte er und sein Blick landete unmissverständlich auf Devon, der einzigen verlässlichen Quelle. Vielleicht würden sie auch Raschasis um Rat bitten. Sie war die einzige Angehörige des Stammes, die unter vier Augen mit Tava und ihm gesprochen hatte. Als Tava sich erschrocken an die Hörner griff, ertönte ein undefinierbarer Laut tief in seiner Kehle. Malleus ließ seine Hand zurück in das Wasser gleiten und zog einen Stein hervor, der sich glatt und perfekt in geballte Faust schmiegte.
      "Und wenn wir keine Prüfung wollen, müssen wir hierbleiben? Wer hindert uns denn daran, einfach zu gehen? Wir könnten noch diese Nacht verschwinden und keinem würde es auffallen. Devon, wieso gehen wir nicht einfach?"
      "Weil sie uns einholen, bevor wie überhaupt den Rand des Dschungels erreichen. Diese Wälder sind ihr Zuhause. Ihr Jagdgebiet. Devon könnte es allein vielleicht schaffen, aber mit uns im Schlepptau?", mischte sich Malleus ein.
      Prüfend rollte er seine Schulter zurück und zuckte kaum merklich, als ihm ein reißender Schmerz durch den Rücken schoss. Er wog den glatten Flussstein in seinen Händen, fuhr mit den Fingerspitzen über die von Wasser und Zeit polierte Oberfläche.
      "Lass mich das korrigieren. Ihr Zwei könntet es vielleicht schaffen, aber nicht mit mir. Ich bin zu langsam."
      Er nahm einen zweiten, größeren Stein zur Hand. Mit gerunzelter Stirn holte er aus und ließ diesen Stein auf den Ersten niederfahren. Das Geräusch schreckte ein paar Vögel in der Nähe auf. Malleus aber betrachtete den Stein, der in zwei Teile zerplatzt war. Eine Bruchkante bildete eine natürliche, scharfe Kante.
      "Also...Ishilin, hm? Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das bedeutet, aber erst bei unserem Besuch bei Nishila habe ich es verstanden. Es ist dein Name. Es war dein Name bevor Du ihn angelegt hast, richtig?"
      Malleus löste den Blick von dem Stein in seiner Hand und betrachtete Devon aus dem Augenwinkel.
      "Nishila...ein Blinder hätte gesehen, dass sie deine Mutter ist, wenn auch nicht durch Blutsbande. Ich frage mich...", fuhr er fort, sanft und rau zugleich.
      Vorsichtig und niemals drängend, damit Devon verstand, dass er darauf keine Antwort erwartete. Sie hatten größere Sorgen, aber Malleus war sich einer Sache mit all ihrer Schwere bewusst. Es war ihm plötzlich so klar, dass er innerlich am liebsten darüber gelacht hätte, dass ihm diese Eigenart erst jetzt auffiel. Erlaubten es ihre verschlossenen Persönlichkeiten nur im Angesicht von Leben-und-Tod-Situationen über tiefgreifendere Dinge zu sprechen? Warum? Weil sie das Gefühl hetzte, ihnen liefe die Zeit davon?
      So viel Zeit verschwendet...
      "...die Hütte, an der Du auf dem Weg zu Nishila gezögert hast. War das die Hütte deiner Eltern? Die Heim deiner Familie?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Er wird sich den Ratschlag aus dem gesamten Dorf einholen. Ob die Vorschläge richtig sind oder nicht, spielt dabei weniger eine Rolle. Es kann durchaus sein, dass Nishilia auch gefragt wird“, sagte Devon, während er sich auf den Hosenboden setzte und die Füße in den Bauchlauf steckte. „Wenn ihr die Prüfung nicht akzeptiert, dann werden sie so mit euch verfahren, wie es das Recht verlangt.“
      Weiter ausführen wollte er diesen Punkt nicht. Wäre er beim Eintreffen der beiden nicht dazwischen gegangen, wäre dieses Recht bereits vollstreckt worden. Für Malleus stand sein Schicksal bereits fest, doch Tava… für Tava konnten sie sich noch alles Mögliches an schrecklichen Dingen einfallen lassen.
      Als sich das Gespräch in Richtung einer Fluchtvorstellung entwickelte, schüttelte der Lacerta irgendwann nur noch den Kopf. „Sie haben Nachtwachen. Als ich damals geflohen bin, hatte es nur deswegen geklappt, weil sie mich nicht verfolgt haben. Andernfalls stellt dir ein Trupp Jäger nach und ich vergewissere euch, dass sie schneller und besser organisiert sind als ihr. Selbst ich würde nicht einfach versuchen abzuhauen, wenn mir fünf ausgebildete Jäger nachstellen.“
      Es gab ein vergleichbares Ritual, welchem er als Kind beigewohnt hatte. Das Ritual, wenn ein Mann seine Frau für die Partnerschaft auserwählt hatte und sie sozusagen erjagen musste. Das wurde stets groß gefeiert und galt als eines der ältesten Rituale in ihrer Kultur. Ganz verstanden hatte er es jedoch nie. Dafür war er schlicht zu jung gewesen.
      Neben ihm zuckte Malleus zusammen. Offensichtlich hatte sich Zustand nur unwesentlich verbessert, was eine anstehende Prüfung schwieriger gestalten würde. Auf seinen Einwand hin, dass Tava und Devon ohne ihn bessere Chancen hatten, brauchte der Lacerta nicht umgehend zu reagieren. Das übernahm Tava, die sich entschieden dagegen aussprach. Ein leises Lächeln zupfte an Devons Mundwinkeln. So eisern hielt sein Mädchen also an der Regel fest, sich nicht noch einmal trennen zu wollen. Der Gedanke daran, wie oft sie das schon angezeigt hatte, ließ ihn in einen leicht gedankenversunkenen, seligen Zustand rutschen, in dem er durchaus länger hätte verweilen können.
      Bis Malleus einen einzigen Ausdruck nannte, der ihn hart aus dem Erinnerung schwelgen herausriss. Er brauchte nicht hinzusehen um zu wissen, dass Malleus ihn gerade verstohlen beobachtete. Das tat dieser Mann ständig. Schon immer, schon damals, als sie sich kennengelernt hatten und er ständig und immerzu unterschwellig beobachtet hatte, was der Lacerta wie zu tun gedachte. Und noch immer – sofern ein bestimmter Kontext nicht erfüllt war – verursachten diese Blicke ein unangenehmes Gefühl in seiner Brust.
      „… Abgelegt.“ Devon zog die Füße aus dem Bach und knetete die Fußsohlen, um das kalte Fleisch wieder mit Blut zu versorgen. „Den Namen habe ich abgelegt, als ich das Dorf verlassen habe. Als Verstoßener hast du deine Ehre verloren und musst dir einen neuen Namen zulegen. Eine Zeit lang bin ich ohne Namen gereist bis ich einen Barden traf, der seltsame Lieder gesungen hatte. Ich musste die Sprache ja überhaupt noch lernen.“
      Das allein hatte sehr, sehr lange gedauert. Gut 20 Jahre hatte Devon daran verbracht, die gemeine Zunge fließend sprechen zu können, ohne dass man seine Herkunft heraushören konnte. Damals sah er auch noch weniger wie ein Monster und eher wie ein zu groß gewachsener Mensch aus. Jetzt war seine Herkunft schwer zu verstecken.
      „Er sang in einer seltsamen Sprache. Ein paar Wörter hatte er mir erklärt, als er von Göttern und Monstern sang. Darunter DEVORARE – was VERSCHLINGEN bedeutet. Empfand ich als treffend und hab mich seitdem Devon genannt.“
      Offen erzählt hatte er dies noch niemanden. Entsprechend unwohl knetete er weiterhin seine Füße, die unlängst durch die Sonne wieder an Wärme gewonnen hatten. Die direkte Sonneneinstrahlung brachte seinen Körper auf angenehme Betriebstemperatur, die ihm sonst in anderen Teilen der Welt verwehrt blieb. Kalte Regionen musste er ohnehin schon meiden.
      „Ich frage mich…“, fuhr Malleus fort und jetzt warf Devon ihm doch einen forschen Blick zu.
      „Frag’s nicht.“
      „… die Hütte, an der du auf dem Weg zu Nishilia gezögert hast.“
      Devon biss die Zähne zusammen und starrte wieder zurück auf seine Füße.
      „War das die Hütte deiner Eltern? Das Heim deiner Familie?“
      „Ich habe ansonsten keine Familie mehr“, presste er verbissen hervor. „Wahrscheinlich leben sie dort aber noch. Bin nie mehr bei ihnen gewesen.“
      Die Luftfeuchte nahm allmählich zu, sodass sie zu einem stetig feuchten Film auf seiner Haut führte. Ebenso drückend wurde die Atmosphäre, doch noch zogen keine Wolken auf. Das geschah zumeist binnen weniger Minuten. Devon gab einen unmissverständlich frustrieten Zischlaut von sich bevor er sich durch sein Gesicht fuhr und dann den Kopf hob, um Tava und Malleus anzusehen. In seinem Gesicht machte sich der ungewohnte Ausdruck von Sorge breit.
      „Wenn sie euch zu der Prüfung bringen, kann ich nicht intervenieren. Wenn ich es tue, töten sie mich. Ihr müsst es also eigenständig tun, um überhaupt eine Chance zu haben, das Dorf zu verlassen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie von euch wollen. Aber vielleicht solltet ihr euch im Klaren darüber werden, was ihr bereit seid zu geben für eure Freiheit.“
    • "Lass mich das korrigieren. Ihr Zwei könntet es vielleicht schaffen, aber nicht mit mir. Ich bin zu langsam", sagte Malleus zu einem Thema, dem so schon kaum Hoffnung blieb. Doch mit Malleus geschwächt, würde Tava eine Flucht nicht versuchen, egal wie gut ihre Chancen standen.
      "Okay, aber wenn wir Devon schon nicht zurücklassen, dann dich erst recht nicht. Denk also gar nicht daran."
      „Sie haben Nachtwachen", sagte Devon. "Als ich damals geflohen bin, hatte es nur deswegen geklappt, weil sie mich nicht verfolgt haben. Andernfalls stellt dir ein Trupp Jäger nach und ich vergewissere euch, dass sie schneller und besser organisiert sind als ihr. Selbst ich würde nicht einfach versuchen abzuhauen, wenn mir fünf ausgebildete Jäger nachstellen.“
      Dann stand also auch das wahrlich außer Frage. Sie mussten hier bleiben und die Prüfung über sich ergehen lassen, egal, was ihnen dabei aufgetragen wurde. Tava senkte bei dem Gedanken den Kopf; es war zum verrückt werden. Jetzt waren sie hier schon in einer Siedlung mitten im Dschungel gelandet und wenn alles schief ging, würden sie sie nur als Leichen wieder verlassen, wenn überhaupt. Tava fröstelte es, wenn sie an ihre Hörner dachte.
      Es war ja fast schon so, als hätte Devon sie davor gewarnt.
      "Also...Ishilin, hm?", sagte Malleus in einem Versuch zum Themawechsel. Tava sah wieder auf. "Es war dein Name bevor Du ihn angelegt hast, richtig?"
      Tava sah zu Devon.
      „Den Namen habe ich abgelegt, als ich das Dorf verlassen habe. Als Verstoßener hast du deine Ehre verloren und musst dir einen neuen Namen zulegen. Eine Zeit lang bin ich ohne Namen gereist bis ich einen Barden traf, der seltsame Lieder gesungen hatte. Ich musste die Sprache ja überhaupt noch lernen.“
      Tava versuchte sich das vorzustellen, wie man seinen Namen abgeben konnte, kam aber nicht wirklich darauf. Wieso sollte jemand das auch tun? War Devon etwa weniger Ishilin, nur weil er Verstoßen worden war? Das machte keinen Sinn.
      "Und von ihm hast du Devon? Von einem Barden?"
      „Er sang in einer seltsamen Sprache. Ein paar Wörter hatte er mir erklärt, als er von Göttern und Monstern sang. Darunter DEVORARE – was VERSCHLINGEN bedeutet. Empfand ich als treffend und hab mich seitdem Devon genannt.“
      Tava schnaubte unmittelbar, dann begann sie zu grinsen. Die Sprache hatte sie noch nie gehört, aber sie konnte sich die Begegnung irgendwie vorstellen.
      "Dann heißt du eigentlich... Verschlingen? Oder Verschlinger? Das passt ja wirklich zu dir. Ein bisschen zumindest."
      Was dann wohl Ishilin bedeutet hätte? Tava wollte ihn gerade danach fragen, aber Malleus kam ihr mit etwas anderem zuvor.
      "Ich frage mich..."
      „Frag’s nicht.“
      "...die Hütte, an der Du auf dem Weg zu Nishila gezögert hast. War das die Hütte deiner Eltern? Die Heim deiner Familie?"
      Devons Kiefermuskeln spannten sich an und Tava verging das Grinsen. Sie konnte spüren, dass Malleus dort auf ein Thema getroffen war, das er besser hätte ruhen lassen sollen.
      „Ich habe ansonsten keine Familie mehr. Wahrscheinlich leben sie dort aber noch. Bin nie mehr bei ihnen gewesen.“
      Es war vermutlich dasselbe wie mit dem Namen - mit seinem Exil hatte er seine Familie hinter sich gelassen. Gab es für seine Eltern dann auch keinen Sohn mehr? Oder hatten sie ihren Sohn verloren, so als wäre der Sohn von einem Drachen gefressen worden? Hatten sie um ihn getrauert so wie Nishilia um Escholon?
      Tava trat näher zu ihm heran. Sie streckte die Hand zu ihm aus und verschränkte ihre Finger mit seinen.
      "Du musst nicht, wenn du nicht möchtest. Wir können jetzt deine Familie sein. Wir werden dich bestimmt nicht verstoßen."
      Sie versuchte die Worte aufmunternd klingen zu lassen, aber Devon sah sie nicht an. Er starrte auf den Boden, gab dann einen lacertischen Zischlaut von sich und fuhr sich über das Gesicht. Dann sah er wieder auf und hatte das Thema wohl beiseite geschoben.
      „Wenn sie euch zu der Prüfung bringen, kann ich nicht intervenieren. Wenn ich es tue, töten sie mich. Ihr müsst es also eigenständig tun, um überhaupt eine Chance zu haben, das Dorf zu verlassen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie von euch wollen. Aber vielleicht solltet ihr euch im Klaren darüber werden, was ihr bereit seid zu geben für eure Freiheit.“
      Tava ließ ihre Hand in seiner.
      "Alles kann ich geben. Nur nicht meine Hörner." Sie sah zu Malleus. "Und euch beide. Euch auch nicht." Sie sah wieder zu Devon. "Aber wir schaffen das, nicht wahr? Wir haben bisher alles geschafft, auch ohne dich. Unmöglich kann es doch nicht sein... oder?"
    • "Okay, aber…wenn wir Devon schon nicht zurücklassen, dann dich erst recht nicht. Denk also gar nicht daran."
      Nun, das konnte Malleus beim besten Willen nicht versprechen. Selbst gemäß dem Fall, dass sie die Prüfungen überlebten, war vielleicht nicht mehr genug von ihm übrig, das sich zu retten lohnte. Die Lacerta von Tel’Aquera wollten ihn tot sehen. Der Gedanke beunruhigte ihn weniger, als es einen gesunden Menschenverstand eigentlich sollte. Malleus wusste, dass es schlimmere Schicksale gab als den Tod.
      "Dann heißt du eigentlich... Verschlingen? Oder Verschlinger? Das passt ja wirklich zu dir. Ein bisschen zumindest“, sagte Tava.
      Er musste nicht hinsehen, um das Grinsen auf ihrem Gesicht zu sehen. Ein willkommener Kontrast zu dem harten und ernsten Zug um seine Mundwinkel. Er prägte sich die Wärme ihrer Stimme ein. Die kompromisslose Zuneigung darin legte sich wie eine schwere Eisenkette um seine Brust. Es war lediglich eine Frage der Zeit bis das Schicksal, mit dem er bereits sein Leben lang haderte, sie auseinanderriss.
      Sobald er die Augen schloss, spürte er sie; die gähnende Leere und die knochenzerfressende Müdigkeit. Malleus hatte sich nie nach Frieden gesehnt, aber nun würde er die Welt niederbrennen, um für einen Tag in das kleine Bauernhaus zurückzukehren.
      „Ich habe ansonsten keine Familie mehr. Wahrscheinlich leben sie dort aber noch. Bin nie mehr bei ihnen gewesen“, raunte Devon und Malleus senkte den Blick wieder auf den zerbrochenen Stein in seinen Händen als Tava ihre Finger mit einer großen Hand verschränkte. Und während die Cervidia tat, was er nicht konnte, glitt sein Daumen über die natürliche Bruchkante des Steins.
      "Du musst nicht, wenn du nicht möchtest. Wir können jetzt deine Familie sein. Wir werden dich bestimmt nicht verstoßen."
      Malleus rührte sich nicht, als die scharfe Seite des Steins einen haarfeinen Schnitt in der Fingerkuppe seines Daumes zurückließ. Ein dunkelroter Blutstropfen quoll aus dem Schnitt hervor, den Malleus zufrieden betrachtete ehe er sich den Daumen in den Mund steckte. Der schwere Eisengeschmack von Blut legte sich auf seine Zunge. Dann ließ er die Bruchstücke in seinen Hosentaschen verschwinden.
      „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie von euch wollen. Aber vielleicht solltet ihr euch im Klaren darüber werden, was ihr bereit seid zu geben für eure Freiheit.“
      Für einen kurzen Augenblick schloss Malleus die Augen. Kaum merklich reckte er sein Gesicht in das warme Sonnenlicht. Wären die tiefen Furchen um seine Augen nicht gewesen, hätte er tatsächlich entspannt aussehen können. Hatte er nicht schon genug geopfert?
      "Alles kann ich geben. Nur nicht meine Hörner. Und euch beide. Euch auch nicht."
      Er spürte ihren Blick auf sich, aber konnte sich nicht dazu bringen, Tava anzusehen.
      "Aber wir schaffen das, nicht wahr? Wir haben bisher alles geschafft, auch ohne dich. Unmöglich kann es doch nicht sein... oder?"
      „Es ist vielleicht nicht unmöglich, aber das bedeutet nicht, dass der Preis am Ende zu hoch war", begann Malleus, das Gesicht noch immer gen Sonne gerichtet, als hätte er sie seit Jahren nicht auf der Haut gespürt. "Ich bin nicht aus den Katakomben unter Celestia entkomme, damit es auf diese Weise endet. Habe mir nicht einen Weg aus den brennenden Trümmern meines Heims gekämpft, bin über die glühenden Knochen und das geschmolzene Fleisch meiner Familie gekrochen, um hier zu sterben. Ich bin mir mehr als bewusst, welchen hohen Preis die Freiheit verlangen kann..."
      Blinzelnd öffnete Malleus die Augen und sah zu Devon. Er hielt den Blick einen Moment lang, dann sah er zu Tava und krümmte die Finger um das Zittern zu kaschieren.
      "...und manchmal ist es zu viel um sich in einem Leben davon zu erholen. Es gibt nicht mehr viel, das sie mehr nehmen können, aber ich werde kämpfen, wenn ich muss. Deshalb möchte ich, dass du keine überstürzte Entscheidung fällst. Ich weiß, dass du niemanden zurücklassen willst, aber hier geht es nicht um Devon oder mich. Es ist dein Leben, Tava, und ich könnte nicht damit leben, sollten die Konsequnezen einen Graben aus Groll und Vorwürfe zwischen uns ziehen. Uns alle."
      Malleus schloss erneut die Augen. Er hatte das Gesicht keine Sekunde lang von der Sonne abgewandt.
      "Ich habe genug für eine Lebenszeit verloren."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wir können jetzt deine Familie sein.
      Die schmalen, zierlichen Finger, die sich zwischen die schwieligen von Devon schoben, wirkten ungewohnt und vertraut zugleich. So sehr er sich darum bemühte, eine gewisse emotionale Distanz zu den beiden zu bewahren – er scheiterte. Er würde den Schmerz nicht umgehen können, der mit dem Verlust einen von ihnen einhergehen würde. Also hielt er diesen kleinen, unscheinbaren Körperkontakt bei, dem ein anderer womöglich keine solche Bedeutung zugeschrieben hätte.
      Tavas Blick lag warm auf Devon, der ihn mit einem schwerwiegenden Seufzen erwiderte. Sein Blick driftete unweigerlich zu Malleus neben sich ab, der bisher wieder in Schweigen verfallen war. Schweigsam beobachtete er den Menschen dabei, wie er mit einem Steinstück in den Händen spielte. Er schien nachdenklich zu sein, bis zu dem Moment, als er auf einmal seinen Daumen genauer inspizierte und die Nachdenklichkeit sich zu etwas wandelte, das eher Zufriedenheit zu zuschreiben war. Devons Augenbrauen zogen sich zusammen, kaum berührten Malleus‘ Lippen dessen Daumen. Dann verschwand das Steinstück einfach in einer seiner Hosentaschen.
      „Ich kann dir nicht versichern, dass sie deine Hörner unangetastet lassen“, sagte der Jäger mit aufrichtiger Natur. „Wenn sie verstehen, dass sie dir wichtig sind, könnte es als Preis betrachtet werden. Man kann jedoch für sich nicht mit einer anderen Person bezahlen.“
      „Es ist vielleicht nicht unmöglich, aber das bedeutet nicht, dass der Preis am Ende zu hoch war“, schaltete sich Malleus nun doch dazwischen, wobei sein Gesicht der hohen Sonne zugewandt war. Die Geschichte, die er dann erzählte, war Devon in sehr abgespeckter Version bekannt. Er wusste, dass Malleus von irgendwelchen Fanatikern gefangen gehalten worden war. Er kannte die Geschichte, die ihn mit Amentia verband. Doch nie hatte er gewusst, wie weit der Schaden wirklich reichte. Dass Malleus vielleicht gar keine Angst davor hatte, jemand anderes zu berühren – immerhin hatte er schon gesehen, wie er Tava und auch ihn selbst berührt hatte – sondern eher vor dem Ausbleiben einer ganzen Empfindung. Deswegen der Schnitt, um sich zu überzeugen, dass seine Hand noch lebendig war. Deswegen die Handschuhe, damit er sich nicht ungesehen verletzte. Und mit allem, was Malleus von sich gab, hatte er recht. Devon teilte seine Meinung dahingehend, dass Tava sich nicht zu sehr an ihnen binden sollte. Devon, der ohnehin einen schweren Stand hatte und Malleus, den man hier am liebsten tot sehen wollte.
      „Ich habe genug für eine Lebenszeit verloren.“
      Hier konnte Devon kaum mitsprechen. Bevor ihm jemals etwas hätte zu nah kommen können, war er fortgegangen. Fort aus dem Dorf, wo er aufgewachsen war, fort von seinen Freunden in eine Welt, die ihn als Monstrosität ansah. Er hatte keine verlorenen Verbindungen zu beklagen, keine Rückschläge, für die er nicht selbst verantwortlich gewesen war. Erst die Erfahrung, die Haut seines toten Bruders in Händen zu halten, hatte ihm einen Vorgeschmack auf genau dieses Leid beschert, und das war vermutlich nicht ansatzweise das, was Malleus erlebt hatte.
      Unvermittelt stemmte sich Devon auf die nackten Füße. Tava hielt er dabei fortlaufend an der Hand fest, sanft, während er in Malleus‘ Rücken trat, um sich dort auf den Boden sinken zu lassen. Zwischen seine angewinkelten und ausgestellten Beine dirigierte er Tava, die er an seine Brust zog, um sich selbst kurz darauf an den Rücken des Menschen hinter sich zu lehnen. Wenn er ihn schon nicht direkt an den Händen fassen konnte, dann wenigstens so. Wenigstens dieses Zugeständnis wollte er ihm machen.
      „Ich wusste nicht, dass du nichts spürst, Malleus. An deinen Händen, meine ich.“ Mit seinen Fingern ordnete er das Chaos auf Tavas Kopf und zog Strähne um Strähne in die rechte Richtung. „Ich werde alles tun, was ich kann, damit man dir nicht noch etwas nimmt. Ich verspreche dir, dass ich dich davor schütze, sofern ich es kann.“
      Mehr als das konnte er nicht versprechen. Tief in ihm spürte er das Rumoren des Widerwillens allein bei dem Gedanken, dass ihm die Hände gebunden sein könnten. Noch hatte er sich nicht entsprechend erkenntlich zeigen können für seine Rettung. Er hatte nichts begleichen können. Nicht ein Stück davon.
      „Ich hoffe, sie wollen nicht deine Hörner“, murmelte Devon schließlich und bettete sein Kinn auf ihrem Kopf zwischen die störrischen Horngebilde. „Dafür gefallen sie mir zu gut.“
    • Manchmal vergaß Tava, dass andere Leute ein Leben hatten, woran sie hingen. Ihr eigenes konnte sie nicht mit Malleus' vergleichen, mit den Errungenschaften, die er zu verzeichnen hatte. Ob sie selbst heute starb oder morgen, das machte für sie keinen Unterschied. Sie hatte nichts erreicht, was einen Verlust so tragisch machen würde.
      Bis auf die beiden Männer neben ihr.
      Bis auf ihren Durchbruch mit dem Feuer.
      ... Vielleicht gab es ja doch etwas, wofür sich das Anstrengen lohnte.
      Devon stand unvermittelt auf, kaum hatte Malleus geendet, und setzte sich auf den Boden, den Rücken zu dem Mann. Tava zog er dabei auf den Schoß und wäre die Geste nicht schon deutlich genug gewesen, hätte sie von ganz alleine die Arme um seinen Nacken geschlungen und ihre Stirn an seinen Hals gedrückt. Es tat so gut, ihn wieder bei sich zu haben. Es war so schön seinen großen, von Schuppen verformten Körper an sich zu spüren.
      „Ich wusste nicht, dass du nichts spürst, Malleus. An deinen Händen, meine ich.“
      Seine Finger fanden Tavas Haare und während sie die Berührung genoss, fragte sie sich, was Devon damit meinte. Malleus konnte doch sehr wohl spüren - oder? Konnte sie sich je an einen Moment erinnern, an dem er etwas mit den Händen ertastet hätte? Sie runzelte die Stirn.
      „Ich hoffe, sie wollen nicht deine Hörner“, sagte Devon weiter an Tava gewandt und stützte sein Kinn auf ihrem Kopf ab. „Dafür gefallen sie mir zu gut.“
      Tava wurde schlagartig am ganzen Körper warm und sie duckte sich tiefer unter Devons Hals. Peinlich berührt fand sie eine von Malleus' Locken und spielte damit.
      "Sag doch sowas nicht. Nicht hier."