Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Tava schlief in dieser Nacht toll, auch wenn Malleus sie periodisch durch sein Drehen und Wenden weckte. Es ging viel weniger um den tatsächlichen Schlaf, den sie bekam - denn der war sicher zu kurz - und mehr um das Gefühl von Geborgenheit, das sie die ganze Nacht über begleitete. So wachte sie nämlich auf, unter den Hals des einen Mannes gekuschelt, und sah im verglimmenden Licht des Feuers zu der Gestalt des anderen Mannes, der keine Armweite von ihr entfernt lag. Es war ein schönes Gefühl und eins, das Tava nie wieder vermissen wollte. Wäre da nur nicht der Aufbruch nach Tel'Aquera gekommen.
      Tava saß neben dem heruntergebrannten Fleck des Lagerfeuers, die Hände ruhig in ihrem Schoß gefaltet, und sah Devon beim Packen zu. Er hatte keine Eile, so wie er die Sachen verstaute, aber sie glaubte auch, eine gewisse Anspannung in seinem Körper zu erkennen. Zuletzt lag das vermutlich auch daran, dass er das Hemd auszog, um sich seinem Stamm mit seinen Geschichten zu stellen. Das musste ein schwieriger Schritt für ihn sein, den er sich aber nicht anmerken ließ.
      „Sie müssen von Weitem schon sehen, dass ich mit Geschichten zurückkomme. Ein unmissverständliches Zeichen, dass ich einmal zum Stamm gehört habe.“
      Tava nickte, doch Devon sah sie gar nicht. Er war gedanklich schon im Wald draußen.
      Als sein Aufbruch dann gekommen war, drückte sie ihm einen Kuss auf; sie wusste nicht, wie sie sich sonst auf Lacerta-Art hätte verabschieden können. Devon hob dafür aber das Kinn für sie an, was ihr einen wohligen Schauer bereitete, und tätschelte ihr den Kopf. Tava lächelte. Sie ließ sich ihre Gedanken nicht anmerken.
      „Ich gebe mein Bestes. Denkt an die drei Tage. Geht, wenn ich bis dahin nicht wieder da sein sollte. Hinterlasst Spuren, ich werde euch schon finden.“
      Ich werde euch schon finden - ja, das würde er. Tava würde schon dafür sorgen.
      Gemeinsam mit Malleus blieb sie in ihrem kleinen Lager stehen und sah zu, wie Devon in den Dschungel hinaus schritt. Seine Bewegungen waren sicher und selbstbewusst, sie täuschten darüber hinweg, was er eigentlich über die Rückkehr in seine Heimat fühlen mochte. An einer Stelle wirkte es, als wolle er noch einmal zu ihnen zurück blicken, aber dann tat er es doch nicht. Der Dschungel verschluckte ihn, als wäre er nie dagewesen.
      Tava seufzte, dann sah sie zu Malleus.
      "Ich glaube, ich habe Hunger. Hast du Hunger?"
      Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen auf dem Boden und aßen Brei aus Schüsseln, den Tava in einem ihrer Töpfe kredenzt hatte. Manchmal sah sie noch dorthin, wo Devon verschwunden war, aber sie hatte keine besonders große Hoffnung, dass er zurückkommen würde. Natürlich nicht.
      Stattdessen stand sie nach ihrem Frühstück auf, packte die Schüsseln wieder ein, den Topf, und begann dann, das Nest vom letzten Abend aufzulösen - oder zumindest das, was übrig geblieben war. Dabei fühlte sie sich eigentlich ziemlich zufrieden und glücklich, so wie sie ihren Rucksack neu packen konnte. Ihr Buch kam auch wieder dort rein, ihre Phiolen, und dann stand Tava plötzlich mit ihrem Rucksack auf dem Rücken da und schaute Malleus erwartungsvoll an. Als er sich nicht rührte sagte sie:
      "Was? Du willst doch nicht wirklich drei Tage warten, oder? Er hat einen Vorsprung von einer Stunde, das wird genügen. Wenn wir dranbleiben können wir heute Abend wieder zusammen schlafen."
    • Malleus saß am Feuer, den Blick konzentriert auf das kleine Büchlein in seinem Schoß gerichtet. Das sanfte Kratzen von Graphit auf Papier mischte sich unter das allgegenwärtige Rascheln in den Baumkronen. Hin und wieder drang das Zwitschern eines Vogels an seine Ohren. Die Szenerie mochte friedlich wirken, doch der angespannte Kiefer des Kultisten erzählte eine gänzlich andere Geschichte. Der Schlafmangel quälte ihn an diesem Morgen nicht, sondern das Bild des Lacerta, der mit nackten Rücken und erhobenem Haupt im Dschungel verschwunden war. Tavas Frühstücksbrei hatte seinen Magen gefüllt, doch das nagende Gefühl rührte auch nicht von Hunger. Er hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Er bereute es schon unlängst, Devons nachgegeben und den Mann ziehen gelassen zu haben.
      Die Luft erschien ihm noch drückender als am Tag zuvor.
      Er hatte die Haare zurückgenommen, doch das laufwarme Lüftchen, dass seinen entblößten Nacken streifte, verschaffte ihm keine Abhilfe. Malleus war für das tropische Klima nicht geboren. Die trockene Hitze seiner Heimat hatte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr vermisst. Warmer Sand unter nackten Füße, ein freier Horizont soweit das Auge reichte und trockenes, hohes Gras, das ich im Wind bog.
      Nach ein paar Minuten, in denen Namen in seinem Augenwinkel herumwuselte, legte er den Stift nieder, hob das Buch auf Höhe seines Gesichts und blies den feinen Graphitstaub von den Seiten. Auf den zuvor leeren Seiten befand sich die sehr präzise Zeichnung von Tava. Genaugenommen war es eine Skizze ihres Seitenprofil, die Hörner anmutig geschwungen und die Augen halbgeschlossen mit einem sanften Ausdruck als wäre sie gerade er einem Traum entschlüpft. Auf der gegenüberliegenden Seite fand sich ein ganz ähnliches Portrait von Devon. Den Blick in die Ferne gerichtet, aufmerksam und klar. Ein Ziel vor Augen, das dem Betrachter des Bildes unbekannt war. Die Schatten waren anders gesetzt, als in Tavas Portrait. Schärfer und prominenter, nicht weich und verwaschen, als hätte Devon sein Gesicht direkt in zur Sonne ausgerichtet.
      Wieder klapperte und raschelte es aus Tavas Richtung.
      Ein zierlicher Schatten mit zwei geschwungenen Hörner fiel über Malleus, der sich noch keinen Zentimeter gerührt hatte.
      Er legte den Kopf zurück, sah zu Tava auf.
      Fragen glitt eine Augenbraue in die Höhe.
      "Was? Du willst doch nicht wirklich drei Tage warten, oder? Er hat einen Vorsprung von einer Stunde, das wird genügen. Wenn wir dranbleiben können wir heute Abend wieder zusammen schlafen."
      Malleus seufzte.
      "Ich habe Devon mein Wort gegeben, Tava", erwiderte er ruhig und vor allem nicht mit dem Enthusiasmus, den Tava sich bestimmt gewünscht hätte. In der Regel war sein Wort etwas wert. Es besaß Gewicht, sofern man sich nicht auf der Seite seiner Feinde befand. An dem Punkt war seine Zunge mit Vorsicht zu genießen. Malleus blieb einfach sitzen und besaß sogar die völlige Ruhe, sich wieder der Zeichnung zu widmen und dem Schwung von Tavas Hörnern einen Feinschliff zu verpassen.
      "Was denkst du passiert, wenn du ihm jetzt hinter stolperst?", sprach er mit einem gleichmäßigen Singsang in der Stimme, behutsam aber bestimmt. "Wenn er sein Ziel noch nicht erreicht hat, wird er dich über die Schulter werfen und eigenhändig zurücktragen. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass es für zu gefährlich für uns ist."
      Er sah Tava nicht an während er sprach. Nicht um sie zu strafen, sondern weil ihm der Schattenwurf an der Hornbasis noch nicht gefiel und er so etwas zu tun hatte, womit er sich ablenken konnte. Dachte sie, die Warterei wäre für ihn keinen Qual?
      "Gib ihm wenigstens die drei Tage um seinen Freund nach Hause zu bringen. Ich kenne die Beisetzungsriten der Lacerta nicht, aber ich glaube nicht, dass Devon uns mit offenen Armen empfängt, sollten wir in einen Ritus platzen, der schlicht und ergreifend nicht für die Augen von Außenseitern bestimmt ist. Was Escholon betrifft, sollten, müssen wir seinen Wunsch respektieren. Ich hoffe Devon irrt sich und sein alter Stamm erkennt seine Mühen an."
      Er schielte zu Tava hinauf.
      "Ich habe nicht gesagt, dass wir ihm nicht folgen werden, wenn der Zeitpunkt gekommen ist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tavas Enthusiasmus erfuhr erst dann einen richtigen Dämpfer, als Malleus sich wieder seiner Zeichnung widmete. Er meinte es wirklich ernst, er würde nicht gehen. Er hatte Devon sein Wort gegeben. Sein Wort! Devon hielt doch sicher nichts auf Wörter, wenn er nochmal eine Nacht mit ihnen beiden verbringen durfte?!
      "Was denkst du passiert, wenn du ihm jetzt hinter stolperst?"
      "Na ich erwische ihn noch bevor er in Tel'Aquera ankommt."
      "Wenn er sein Ziel noch nicht erreicht hat, wird er dich über die Schulter werfen und eigenhändig zurücktragen. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass es für zu gefährlich für uns ist."
      Empört neigte Tava den Kopf leicht nach vorne. Devon war ja wohl in dieser Hinsicht ein bisschen paranoid - was sollte ihnen schon zustoßen? Ein paar Lacerta, die sich über ihre Anwesenheit nicht freuten? Sie würden ja wohl kaum handgreiflich werden, wenn Tava und Malleus in Frieden kamen. Sicher übertrieb Devon da nur.
      Nur glaubte Malleus ihm das auch noch.
      "Gib ihm wenigstens die drei Tage um seinen Freund nach Hause zu bringen. Ich kenne die Beisetzungsriten der Lacerta nicht, aber ich glaube nicht, dass Devon uns mit offenen Armen empfängt, sollten wir in einen Ritus platzen, der schlicht und ergreifend nicht für die Augen von Außenseitern bestimmt ist. Was Escholon betrifft, sollten, müssen wir seinen Wunsch respektieren. Ich hoffe Devon irrt sich und sein alter Stamm erkennt seine Mühen an."
      Tava neigte den Kopf ein bisschen mehr, dann schnaubte sie. Das war doch lächerlich. Sie wollten alles zusammen machen und jetzt bestand gerade Malleus darauf, doch zu warten? Und was, wenn Devon in der Zwischenzeit etwas geschah? Wenn er alleine nicht zurechtkam?
      Bei ihrem Geräusch sah Malleus wieder auf und Tava hob augenblicklich den Kopf wieder ein Stück.
      "Ich habe nicht gesagt, dass wir ihm nicht folgen werden, wenn der Zeitpunkt gekommen ist."
      Ja - nur war das in drei Tagen. Drei lange, unerträgliche Tage, die sie wegen nichts abwarten sollten. Wieso musste er auch unbedingt darauf bestehen alleine zu gehen? Wieso konnte Devon nicht mal etwas weniger wie Devon sein?
      Schmollend und empört ließ Tava ihren Rucksack doch wieder auf den Boden gleiten. Dann gingen sie Devon eben nicht nach. Und wenn ihm etwas geschah... Nein, dann wäre sie ebenso sehr schuld wie Malleus. Sie hätte ja immerhin schlau genug sein können, sich einen Grund einfallen zu lassen, weshalb sie unbedingt gehen sollten. Nur fiel ihr jetzt keiner an und dafür blieb sie. Im Gegenzug spielte sie ein bisschen mit Funken und dem Lagerfeuer; Devon war immerhin nicht hier. Wenn er sie nicht zündeln sah, war das in Ordnung.

      Dafür war sie am dritten Tag die erste, die bereit am Rand ihres Lagers stand und voller Ungeduld darauf wartete, dass Malleus in die Gänge kam. Der Mensch war wirklich langsam.
      "Beeil dich doch! Was, wenn er tot ist?!"
      Das war natürlich kein Gedanke, den sie gerne dachte - aber was wenn doch?! Immerhin wollte Devon eigenständig zurückkommen und die Tatsache, dass er doch nicht da war, bewies, dass etwas geschehen war. Und jetzt mussten sie ihm ja doch nach und ihn doch suchen, wo sie das doch hätten vermeiden können - wären sie ihm schon früher gefolgt.
      "Ich habe dir ja gesagt wir sollten ihm gleich nachgehen. Beeilung!"
    • "Beeil dich doch! Was, wenn er tot ist?!"
      Malleus stieß ein tiefes Seufzen aus. Er hatte kaum die Augen geöffnet, da hatte Tava über ihm gestanden. Die Hände in die Hüften gestemmt und mit einem sehr entschlossenen Gesichtsausdruck. Die Cervidia hatte ihm sogar ein paar Mal die Hörner gezeigt, sobald sie der Meinung war, dass Malleus sich nicht genug beeilte. Die Frechheit hatte er mit einem Zischen belohnt, dass den geschuppten Ungetümen, die sein Kult verehrte, in Nichts nachstand. Tava war wütend, aber tropische Klima schlug ihm dermaßen aufs Gemüt, dass er nicht die Muße besaß die Cervidia mit glasklaren Worten zurechtzuweisen.
      "Ich habe dir ja gesagt wir sollten ihm gleich nachgehen. Beeilung!"
      Die braune Stute an seiner Seite schnaubte, als ginge ihr der gleiche Gedanke durch den Kopf wie Malleus. Es war nicht so, dass der Kultist sich keine Sorgen machte. Devon hatte bewiesen, dass er bei all seiner Stärke und allem Geschick, sehr wohl dazu in der Lage war, sie in ausweglose Situationen zu begeben. Tatsache war, dass von dem Drachenjäger jede Spur fehlte. Malleus nahm den Pferden Sattel und Zaumzeug ab. Sie waren für den dicht bewachsenen Dschungel nicht gemacht und sie angebunden zurückzulassen, machte sie zur leichten Beute. Wenn sie Glück hatten, waren die Tiere noch in der Nähe, wenn sie zurückkamen. Alles, was sie nicht tragen konnten, verschnürte Malleus zu einem Bündel und zog es mit einem Seil hinauf in die nächste Baumkrone. Das Ende des Seils befestigte er am Boden und tarnte es mit Blättern und Lianen. Was er tragen konnte, stopfte er in eine Tasche und warf sich diese über die Schulter.
      "Damit wir uns nicht missverstehen, Tava. Kein Feuer. Kein Vorpreschen. Du bleibst an meiner Seite."
      Malleus bedachte Tava mit einem scharfen und überaus ernsten Blick.
      Er sparte sich die Belehrung, dass sie wegrennen sollte, sobald er es ihr sagte. Es nützte sowieso nichts.

      Die drückende Luft erschwerte das Atmen. Je tiefer sich Tava und Malleus in den Dschungel wagten desto schwüler wurde es. Bald schon schloss sich das Blätterdach über ihren Köpfen und nur ein paar Schlitze in gigantischen, gefächerten Blättern ließen ein wenig Sonne bis zum Boden dringen. Unter anderen Umständen hätte der Anblick das Herz eines jeden Botanikers höher schlagen lassen. Über die mächtigen Stämme subtropischer Bäume rankten sich Kletter- und Schlingpflanzen mit prächtigen Blattmustern. Tau tropfte von den Blattspitzen, weil die Luftfeuchtigkeit sich auf allen Oberflächen niederschlug. Ein gefährliches, grünes und von Menschen unberührtes Paradies erstreckte sich vor ihren Augen. Auf die summenden Insekten hätte Malleus allerdings gut verzichten können.
      Es dauerte nicht lange bis Malleus das Gefühl beschlich, dass sie nicht allein waren.
      Kein ungewöhnliches Phänomen für einen Mann, der jeder Zeit damit rechnete, einen Dolch in den Rücken gerammt zu bekommen. Bald schon konnte er das Kribbeln im Nacken nicht mehr als Paranoia abtun. Zwei Stunden irrten sie bereits durch diese grüne Hölle, wie Malleus schnell beschloss. Ohne Tava hätte er keine einzige Spur gefunden, denn nach einer Weile begann es in allen Richtungen gleich auszusehen.
      "Sieh dir das an", flüsterte er und schob ein paar Blätter, die sich an einen Baumstamm klammerten zur Seite. Darunter kamen Einkerbungen zum Vorschein. Malleus runzelte die Stirn. "Die stammen nicht von Devon. Sie sind zu alt. Siehst du wie das Moos darüber wächst?"
      Vielleicht kamen sie dem Ziel langsam näher.
      Ab dem Fund der Einkerbungen schien Malleus in konstanter Alarmbereitschaft zu sein. Er verweilte in Tavas Rücken und behielt die Umgebung im Auge. Hier und dort knackte es im Unterholz. Als ein bedrohliches Zischeln aus dem Dickicht aus Blättern und Lianen drang, legte er sich den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete Tava still zu sein. Der Laut stammte von einem Tier. Einem Tier, das zu große für eine gewöhnliche Schlange oder Eidechse war. Das Zischen war tief genug, um Malleus glauben zu lassen, dass der dazugehörige Resonanzkörper eine beeindruckende Größe besaß. Devon hatte sie davor gewarnt, vor den Drachen im Dschungel.
      "Geh weiter. Kein Mucks", wisperte Malleus an ihr Ohr.
      Doch der befürchtete Angriff durch wilde Tiere oder Drachen blieb aus. Eine Tatsache, die Malleus keineswegs beruhigte. Ganz im Gegenteil. Der Kultist sah immer wieder über seine Schulter. Eine ganze Weile schwieg er, allein mit seiner Paranoia und den bedrohlichen, gestaltlosen Schatten im nie enden wollenden Grün des Dschungels.
      Bis er Tava unvermittelt am Arm fasste. Sein Griff grenzte bereits ans Schmerzhafte, als er die Cervidia zwang regungslos stehen zu bleiben. Malleus zog sie an sich, den Rücken gegen seine Brust, bedacht darauf, nicht mit ihren gebogenen Hörnern zusammenzustoßen. Es war ein Instinkt, ein dunkles, nagendes Gefühl in seinem Magen. Der Mann stand dermaßen unter Spannung, dass er förmlich vibrierte. Das Flackern in den dunklen Augen erinnerte an den Blick eines gehetzten Tieres, dass seinen Verfolger aus den Augen verloren hatte und nun darauf wartete in das weit aufgerissene Maul mit rasiermesserscharfen Zähnen zu starren.
      Malleues knirschte mit den Zähnen.
      Jedes Mal, sobald er glaubte etwas - oder jemanden - zwischen den Blättern zu erkennen, war dort nichts.
      "Wir werden beobachtet", wisperte er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Je tiefer sie in den Dschungel vordrangen, desto wilder wurde die Natur. Bäume wuchsen so dicht beieinander, dass sie das Geäst teilten, Sträucher mit gewaltigen Blättern sprossen aus dem Boden hervor, um die Lücken zu füllen, Kletterpflanzen und Ranken füllten die Wege, die an den Stämmen frei blieben, und über allem hang der Geruch nach Leben, nach Natur, nach Wildnis. Es war unmöglich, einen Schritt zu gehen, ohne ihn sich erkämpfen zu müssen. Überall wuchsen und gediehen die Pflanzen in ihrem Weg.
      Tava vergaß die Aufregung und Besorgnis schnell, als sie nach und nach die Wunder der Natur entdeckte, denn an jeder Ecke wuchsen neue Blüten und Blätter, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte und von denen sie zu gerne eine Probe mitgenommen hätte. Das hier war ein absolutes Paradies an alchemistischer Kunst und Tava hätte die Möglichkeit, so mittendrin, sich vollständig davon einvernehmen zu lassen. Und das wollte sie. An jeder Ecke, wo sie die Muße dazu fand, sammelte sie mit ihrem Messer vorsichtig Abstriche, ehe sie Malleus hinterher eilte. Es war absolut himmlisch hier. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder gegangen.
      Aber natürlich waren sie hier, um Devon zu finden, und das wollte Tava selbstverständlich auch. Sie wollte ja nur... die Gelegenheit nutzen, ja. Etwas von der unberührten Natur mitnehmen, die bislang noch kein Cervidia betreten hatte. Es lag ja alles auf dem Weg, den sie sich durch niedergetrampelte Blätter und abgerissene Zweige erarbeitete. Daran war doch nichts verwerfliches.
      Malleus fand nach einer halben Ewigkeit das erste Zeichen von Zivilisation, doch es war nicht Devon, der die Einkerbungen im Stamm hinterlassen hatte. Jemand anderes musste es gewesen sein und dass es ein jemand war, dessen war Tava überzeugt. Die Striche waren zu gerade, zu gleichmäßig, zu wohlplatziert. Es schien fast, als würden sie absichtlich auf ihrem Weg liegen.
      Weniger später hörten sie auch noch das Zischeln einer Schlange, allerdings einer ziemlich großen Schlange, wenn man nach der Lautstärke schließen wollte. Malleus bedeutete Tava alarmiert still zu sein und selbst Tava legte ihren Wissensdurst für den Moment beiseite, um ins zugewachsene Dickicht zu spähen. Zum ersten Mal verspürte sie so etwas wie Nervosität in einer Natur, die sonst nur dazu einlud, erkundet zu werden. Das Geräusch machte ihr klar, dass Tava trotz allem der Natur unterlag, so wie es immer der Fall war. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie noch Teil des unermüdlichen Kreislaufs werden.
      "Geh weiter. Kein Mucks."
      Sie folgte seinem Befehl und diesmal ohne Abweichungen. Es war zwar fast unmöglich, den Dschungel um sie herum am Rascheln zu hindern, aber auf der anderen Seite raschelte es die ganze Zeit überall. Was auch immer im Dickicht lauerte, hatte aber wohl kein Auge auf sie geworfen, denn das furchteinflößende Geräusch hörten sie so schnell kein zweites Mal.
      Und dann hielt Malleus sie wieder an. In seinem Griff steckte diesmal eine wortlose Warnung.
      "Wir werden beobachtet."
      Tava hielt den Kopf geradeaus, bewegte die Augen allerdings zu beiden Seiten. Sie hatte es auch bemerkt, das unregelmäßige Rascheln, die schwindenden Bewegungen. Sie hatte es nur zu ignorieren versucht.
      "Beobachten tut noch niemandem weh", sagte sie unschlüssig, konnte sich dann aber auch nicht dazu durchringen, die Bewegungen ganz zu ignorieren. Sie kamen einfach ständig wieder.
      "Da geht's lang."
      In dem Versuch, Zuversicht zu zeigen, stakste sie langsam weiter. Malleus folgte und für einige Sekunden lang hörte es sich so an, als wären sie die lautesten Wesen auf der ganzen Welt.
      Bald gab es auch noch Zeichen von anderen Tieren, die sich nicht so präzise bewegten wie die Schatten und auch keine zischelnden Laute von sich gaben - hoffentlich. Huftiere, wie die Abdrücke auf dem Boden zeigten, und später fand Tava auf Kniehöhe einen Zahnabdruck in einem Baumstamm. Einen Raubtierzahn. Das gestaltete die ganze Unternehmung etwas unangenehmer, schließlich konnte sich hier alles besser fortbewegen als Tava und Malleus. Wenn ein Raubtier es auf sie abgesehen hätte, sie würden dagegen keine Chance haben. Vielleicht mit Feuer, wenn Malleus es nicht verbieten würde.
      Aber so mussten sie darauf hoffen, dass ihnen nichts in die Quere laufen würde. Und als Tava eine ganze Pfütze fand, die sich als riesiger Abdruck herausstellte, da beschloss sie, dass es doch ganz gut wäre, Devon zu finden, ihn zu nehmen und wieder zu verschwinden. Ganz einfach. Die vielen Proben konnten auch warten. Wenn Tava sterben würde, könnte sie auch nicht damit experimentieren.
      Sie fanden das nächste Zeichen von Zivilisation, eine abgeschnittene Liane, und nun hatte Tava gar keine Zweifel mehr: Sie näherten sich etwas. Etwas, war hier die Betonung, denn sie konnte nicht beschreiben, worauf dieses Gefühl von Finalität sonst abzielen würde. Dort im Dickicht wartete irgendetwas auf sie und sie glaubte mit jedem weiteren Zeichen, das sie entdeckte, dass es nicht gerade freundlich sein würde. Dass Devon womöglich recht gehabt und dieser Dschungel viel zu gefährlich sein würde.
      Dann verfestigten sich die Bewegungen auch noch zu Gestalten. Tava ruckte den Kopf herum, sah nichts mehr und war doch davon überzeugt, eine Figur gesehen zu haben, die gleich wieder weg war. Keine menschliche und die Hörner hatten auch gefehlt. Sie wusste nicht, ob sie traurig darüber sein sollte, dass es definitiv nicht Devon war, oder besorgt. Ihre Nervosität hatte sich mittlerweile schon längst als harter Ballen in ihrem Magen verfestigt.
      Und dann fing auch noch der Boden an zu vibrieren. Ganz leicht nur und so wenig, dass Tava es gar nicht bemerkt hätte, wenn sie es nicht in ihrem Kopf gespürt hätte. Durch ihre Hörner.
      "Malleus", flüsterte sie. Wieder eine Gestalt, wieder war sie verschwunden, bevor Tava sie richtig identifizieren konnte. Der Boden vibrierte in einem Rhythmus und Tava mochte sich irgendwie gar nicht mehr vorstellen, was den Boden zum vibrieren bringen könnte. Sie wollte einfach nicht.
      "Ähm - ich weiß nicht, wo es weitergeht."
    • Der Dschungel schrieb seine eigenen Regeln. Der Regenwald um Tel’Aquera zählte zu den wenigen Gebieten der neuen Erde, die nicht kartografiert werden konnten. Zu unberechenbar war das Gelände, die gesamte Umgebung mit ihrer Flora und Fauna. Niemand wusste, wie sich das Leben hier entwickelt hatte, wie die Drachen es geformt haben mochten. Deswegen konnten auch nur diejenigen, die hier lebten, sagen, wie gefährlich dieser Ort wirklich war. Und man sollte auf ihre Warnung hören.

      Die Gestalten, die sich wie Schatten zwischen den Büschen, Farnen und Bäumen bewegten, bildeten die steten Begleiter von Tava und Malleus. Nie standen sie nah genug, als dass man sagen könnte, wer oder was oder wie viele es wirklich waren. Aber sie ließen deutlich spüren, dass kein Schritt und kein abgebrochener Ast unbemerkt bleiben würde. Erst als der Boden sachte zu zittern begann, wurden die Schatten immer weniger. Nach und nach verschwanden sie aus Tavas Sichtfeld bis die Sichtungen schließlich ausblieben. Das Gefühl, ständig beobachtet zu werden, blieb trotzdem bestehen.
      Das Zittern des Bodens nahm zu. So sehr, dass nun auch Malleus bemerkte, wie der Boden bebte. Das Krachen von Geäst und das Reißen von Lianen näherte sich langsam, aber stetig an. Wirklich etwas zum Verstecken gab es nicht außer den zahlreichen Farnen und Gestrüpp. In ihrer Not suchten die beiden Eindringlinge Schutz im Gebüsch, eng beisammen soweit der Kultist es zulassen konnte. Die nächsten Bäume standen etwas weiter weg, Reihen von Lianen bildeten einen Sichtschutz zu einer Seite. Keiner von ihnen erhob das Wort. Keiner von ihnen wagte es, sich zu bewegen. Stattdessen harrten sie aus, schwitzend und die Augen hektisch nach der Quelle des Bebens Ausschau haltend. Tierstimmen lenkten sie ab, als das Beben so sehr anschwoll, dass es selbst den Inhalt der Fläschchen in Tavas Besitz zum Zittern brachte.
      Ein tiefes Brummen, so niederfrequent, dass es jeden Torso zum Widerhallen brachte, ertönte. Ein massiger Körper brach aus dem Dickicht hervor, bullig und schwer und so groß wie zwei aufeinander gestapelte Kutschwagen. Seine Haut war lederartig und nicht von Schuppen bedeckt, ein braungrüner Morast, der wie Schleim seine vier Beine hinunterlief. Er glänzte in den Lichtstrahlen, die durch das Blätterdach hindurch brachen, während er seinen nilpferdähnlichen Kopf voran durch die Vegetation brach. Statt Krallen hatte er Füße wie Elefanten und walzte mit seinem massiven Gewicht alles platt, was ihm unter die Sohlen kam. Langsam und gemächlich schob er sich vorwärts, schnappte mit seinem breiten Maul hier und da Grünzeug während des Laufens auf. Nur seine dunkelroten geschlitzten Augen ließen darauf schließen, dass das keine Mutation, sondern ebenfalls ein Drache war. Einer ohne Flügel oder langem Schwanz. Dieser hatte nur einen Stummel.
      Regungslos harrten Tava und Malleus aus, bis sich das riesige Ungetüm an ihnen vorbei geschoben und aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Angespannte Stille setzte ein, während sie darauf achteten, wie sich das Zittern des Bodens wieder einstellte und sie schließlich bestimmen konnten, dass der Drache fort sein musste.
      Ein Augenblick zum Durchatmen.
      Der Wald schien es ebenfalls zu tun. Eine seichte, warme Brise strich durch das Grün, über Tavas entblößte Arme und Malleus‘ Gesicht hinweg. Kleine Tierchen trauten sich wieder aus ihren Verstecken, Frösche und Spinnen erschienen wieder auf Stämmen und Blättern. Schmetterlinge und Fliegen schwirrten um sie herum, angelockt von dem modrigen Geruch, der in Luft lag. Wahrscheinlich war es einfach das viele Leben, weshalb sie beide dachten, sie würden beobachtet werden. Die Schatten hatten sich nicht wieder gezeigt, sodass sich Tava als Erste aus ihrem Versteck zu trauen wagte. Sie befreite sich aus dem Gestrüpp, um seitlich aus dem Busch zu klettern, den sie als Versteck benutzt hatten. Nur kam sie nicht sonderlich weit.
      Direkt vor Tava, nur eine Armlänge entfernt, tat sich ein gut ein Meter großes, schwebendes Auge auf. Stechend rot, so rot wie jene von Devon, mit einem langgezogenen Schlitz als Pupille. Es zuckte leicht hin und her, während es Tava und Malleus abwechselnd zu beäugen schien. Der dazugehörige Kopf war fast wie unsichtbar, doch er zuckte hier und da, wodurch sich das Licht auf den Schuppen brach, und eine Form erahnen ließ. Schmal und spitz zulaufend. Dünn und schnell. Mit Schuppen, die das Licht brachen und ihn so unsichtbar werden lassen konnte. Als Malleus sich nach Tava umdrehte, klappten sich die Schuppen leicht auf. Als würde ein Tuch von seinem Kopf gezogen werden, enthüllte der Drache seinen schlangenartigen Kopf. Der restliche Körper musste ebenfalls große Ausmaße dazu haben, aber er bewegte sich keinen Zentimeter. Er war in Lauerhaltung und wartete auf einen Fehler seiner Beute. Und niemand wusste, wie lange das schon.
    • Malleus musste sich auf Tavas Urteilsvermögen verlassen und darauf, dass sie den richtigen Weg durch den Regenwald von Tel’Aquera fand. Die Cervidia hatte schon unzählige Male bewiesen, dass sie ein gutes Gespür für das Fährtenlesen besaß. Von den Anfängen in der Celestia hatte Tava sie zielstrebig allein durch Erinnerungen und ein scharfes Auge zum verpesteten See geführt. Ein Teil von Malleus rebellierte gegen die Abhängigkeit; dagegen, die Führung abzugeben. Die bittere Realität war allerdings, dass der Mann sich ohne Tava in der grünen Wildnis längst verirrt hätte. Für ihn sahen alle überwucherten Bäume völlig gleich aus. Sein Dschungel waren die verzweigte, schattigen Gassen der großen Städte wie Celestia und Oratis. Dort waren ihm die Gefahren vertraut, die hinter hohen Mauern und Buntglasfenstern lauerten.
      Der Boden erzitterte unter seinen Füßen. Etwas sehr Großes wälzte sich durch das Unterholz. Etwas, dem Malleus liebengerne aus dem Weg ging. Würdelos, wie es sich für die Stimme eines mächtigen Kultes sicherlich nicht gehörte, kauerte er sich gemeinsam mit Tava ins Gebüsch. Der Atem verließ stockend seine Lippen, als er Tava mit einem Arm um die Schultern an seine Seite zog. Das Beben verstärkte sich, vibrierte durch seinen gesamten Körper und drückte unangenehm auf die inneren Organe. Malleus spürte, wie sich seine Lungen zusammenzogen und sich ein hohles, flaues Gefühl ausbreitete. Das war nicht einfach ein Erdbeben, sondern ein tiefes Brummen. Er hatte etwas in der Art schon einmal gespürt; damals am See. Der Drache, der sich wenige Sekunden später an ihnen vorbeischleppte und sie zu seiner Erleichterung nicht bemerkte, besaß jedoch kaum Ähnlichkeit zu dem Algen behangenen Ungetüm. Schlamm oder Schlick tropfte die stummeligen Beine herunter, die den massigen Körper nur schwerfällig vorwärts bewegten. Zurück blieb der modrige Geruch, als würde irgendwo abgestorbene Pflanzen verrotten und verfaulen.
      Tava bewegte sich als Erstes.
      Mit der Behändigkeit der Cervidia kletterte sie durch das dichte Gestrüpp, das ihnen als Versteck diente, nur um plötzlich mitten in der Bewegung zu verharren. Malleus ging in die Hocke, um besser sehen zu können. Ein absurd großes Auge starrte ihn an. Sein Gehirn versuchte noch die Information, wie groß ein Körper sein musste, der zu diesem Auge passte, zu verarbeiten als das Biest die Schuppen an seinem gigantischen Kopf aufklappte. Schuppen, die perfekt mit Licht und Schatten spielten und mit der ursprünglichen Flora des Regenwaldes verschmolzen. Für das menschliche Auge waren die Bewegungen kaum zu erfassen gewesen, bis das Ungetüm seine Tarnung aufgab. Unter anderen Umständen hätte Malleus diesen listigen Trick bewundert.
      Die riesige Schlange, der Drache, verharrte als stünde ihm alle Zeit der Welt zu Verfügung. Das war kein Jäger, der seine Beute in rasanter Geschwindigkeit über die Distanz zur Todes hetzte. Sie war ein Lauerjäger, die sich leise und tödlich heranpirschten. Perfekt an diese grüne Hölle angepasst, musste sie lediglich abwarten bis ihr die Beute direkt vors Maul lief.
      Malleus wog ihre Möglichkeiten ab. Sie konnten nicht ewig hier stehen bleiben.
      "Bleib ganz still", presste Malleus leise zwischen zusammengebissenen Zähne hervor. "Keine ruckartigen Bewegungen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Marsch durch den Dschungel war eigentlich ziemlich ungefährlich und aufregend - bis er das nicht mehr war.
      Zusammengekauert wie zwei ängstliche Tiere, die um ihr Leben fürchteten, hockten Tava und Malleus im Gebüsch, die vor Grauen aufgerissenen Augen auf den vierbeinigen Schrecken gerichtet, der da nur wenige Meter von ihnen entfernt durch das Unterholz zog. Wobei ziehen kaum eine Beschreibung dafür war, was für eine Verwüstung der Drache bei seiner Wanderung hinterließ. Kein Zweig, kein Strauch und nicht einmal der Boden konnte seinem massigen Körper Einhalt gebieten, der sich immer weiter voran wälzte, das breite Maul weit aufgerissen, um so viel Grünzeug mitzunehmen wie es ihm möglich war. Er kam so nahe an ihnen vorbei, dass sie die Insekten sehen konnten, die vor dem Giganten reißaus nahmen, und Tava zitterte vor Furcht und Faszination. Sie konnte den modrigen Geruch von Schlamm und Bakterien ausmachen, den das Ungeheuer verströmte, und der in einem so direkten Kontrast zu dem umliegenden Dschungel stand. Wie sollten sie so einem Tier nur Einhalt gebieten? Was sollten sie tun, wenn ihnen so etwas über den Weg laufen würde? Tava wusste es nicht, denn selbst, wenn sie ihren Ring gehabt hätte, sah es nicht so aus, als würde der Drache sich um Feuer scheren. Und vergiften konnte sie ihn auf der Stelle auch nicht. Das einzige, was ihnen bleiben könnte, wäre die Flucht und die Hoffnung darauf, dass ihre kurzen, kräftigen Beine schneller waren als seine langen, trägen. Tava mochte sich wirklich nicht ausmalen, ob das gutgehen würde.
      Der Drache sah sie aber nicht und als er vorbei war, als seine lautstarke Verwüstung sich langsam in der Entfernung verlor, wagte Tava sich als erstes todesmutig aus ihrem Versteck. Sie wollte sofort die Spuren untersuchen, die der Drache zurückgelassen hatte, und eilte auf den sumpfigen Boden zu - nur um nach zwei Schritten stehenzubleiben.
      In der Luft vor ihr hing ein Auge.
      Das erstaunlich viel Gemeinsamkeiten mit Devons Augen aufwies.
      Tava starrte zu diesem neuen Phänomen empor, für einen Moment vollkommen bereit dazu, ein schwebendes Auge als Laune der Natur zu akzeptieren, nachdem ihnen so ein Drache über den Weg gelaufen war, als hinter dem Auge plötzlich der zugehörige Körper auftauchte. Und bei seinem Anblick musste Tava schwer schlucken.
      Eine Schlange. Eine furchtbar große, gewaltige Schlange, die ihr riesiges - und für die Schlange selbst sehr normal-großes - Auge auf sie beide gerichtet hatte. Es bestand gar kein Zweifel, dass es sie gesehen hatte. Bei diesem Drachen hatten sie nicht so viel Glück wie bei dem anderen.
      "Bleib ganz still", hörte Tava Malleus sagen, der noch immer beim Gebüsch kauerte. Sie wagte es kaum, den Blick von dem gewaltigen Auge abzuwenden.
      "Keine ruckartigen Bewegungen."
      "Nein, klar", flüsterte Tava schwach zurück und verlagerte ihr Gewicht ein wenig. Ihr Puls raste und ihre Beine fühlten sich zittrig an. Sie hob das eine Bein vom Boden und, mit der Balance einer Cervidia, setzte es sehr langsam hinter sich wieder auf. Die geschlitzte Pupille bewegte sich und verengte sich für einen Moment. Der Anblick war verstörend.
      "Malleus", sagte Tava in einem fast wimmernden Tonfall. "Ich glaube, ich würde jetzt gerne Devon finden. Jetzt sofort."
      Sie unternahm noch einen Schritt, auf Malleus zu, als wäre er ihr irgendeine Form von Sicherheit. Doch dann, zu ihrem Entsetzen -
      Ihr Stiefel, der in den hinterbliebenen sumpfigen Morast sank.
      Ein furchtbar schmatzendes, glucksendes Geräusch, das ihr Schritt verursachte.
      Das Auge das zuckte, als würde der Besitzer in diesem Moment losschießen.
      Und Tava verlor mit einem Schlag die Nerven.
      "Lauf, Malleus! LAUF!"
      Dieses mal bewegte sich das Auge aber wirklich und Tava wirbelte so schnell herum, dass ihr kurz schwindelig davon wurde. Sie preschte los und das so schnell, wie ihre Beine sie nur tragen konnten, während sie hinter sich auf das unvermeidliche Geräusch von knacken Bäumen und brechenden Ästen wartete, das Zeichen, dass bald der Untergang persönlich nahte. Und sie versuchte vor ihm davonzurennen, direkt auf den Weg des vorherigen Drachen. Denn das Ungetüm hatte eine Schneise im Dschungel hinterlassen, deren einziges Hindernis ein schlammiger Boden bildete, über den Tava jetzt mit voller Kraft zu rennen versuchte. Was ihr auch gelang, teilweise. Aber voller Grauen bemerkte sie bald, dass sie trotzdem zu langsam war.
    • Eine dünne Bindehaut schob sich vor das große, starrende Auge, dessen Kopf reglos in der Luft verharrte. So nah, dass Tava es mit den Fingern berühren könnte, wenn sie gewollt hätte. Allerdings war Malleus schlauer und warnte direkt davor, ungünstige Bewegungen zu machen. Doch die Natur war nicht gütig und ihr Stiefel blieb in dem feuchten Boden stecken. Es schmatzte laut, das Auge blinzelte und die Pupille richtete sich auf die Cervidia aus. Dann ging alles ganz schnell.
      „Lauf, Malleus! LAUF!“
      Der Kopf des Drachen zuckte und Tava preschte davon. Angelockt von der ruckartigen Bewegung riss der Drache sein mit dolchartigen Zähnen auf und stieß der Cervidia hinterher, nur um den nächsten Baum mit hässlichen Schrammen zu übersehen. Ein scharfes Zischen drang aus dem Schlund der Bestie, als sie sich sofort zwischen den Bäumen hindurch stürzte, direkt ihrer Beute hinterher. Dabei blies ein kräftiger Windstoß Malleus beinahe um, der in die entgegengesetzte Richtung türmen wollte. Der Drache flackerte wieder im Licht und Malleus konnte sehen: Er hatte keine Beine, dafür aber einen Satz geschmeidiger Flügel, die den Drachen galant und in aberwitzigem Tempo durch den Wald bugsierten. Das war kein normaler Drache oder eine Schlange. Das war eine Amphitere.

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      Die Cervidia hetzte durch den Wald, als würde ihr Leben davon abhängen. Genau das tat es auch, denn die Amphitere war ihr dicht auf den Fersen. Mehrmals musste sie einen scharfen Haken schlagen, damit der Vorstoß des riesigen Mauls nur Buschwerk und Holz erfasste. Jedes Mal schien es knapper zu werden und die Amphitere frustrierter. Das Zischen, wann immer sie verfehlte, wurde lauter und glich alsbald einem Fauchen. Doch das Ungetüm ließ nicht locker. Es hatte sich auf die Cervidia eingeschossen und jagte sie in aberwitzigem Tempo durch den Wald.
      Die Frage war, wer den längeren Atem hatte. Survival of the fittest im wahrsten Sinne des Wortes.

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      Malleus hatte andere Pläne. Er konnte dem Pfad nur hinterher sehen, den Tava eingeschlagen hatte in dem Versuch, der Amphitere zu entkommen. Und so schnell hatte der Wald die Beiden getrennt und den Menschen auf sich allein gestellt. Nun wusste er weder, ob Devon irgendwo in der Nähe sein konnte oder ob Tava den Angriff überlebte. Weglaufen musste er nun jedenfalls nicht mehr, denn das Ungetüm hatte sich auf andere Beute eingestellt.
      Das bedeutete jedoch nicht, dass er keine anderen Probleme bekam.
      Die Schatten tauchten rings um Malleus herum im Dickicht auf. Zunächst nur zwei, dann schon vier und schließlich sieben Schatten, die sich taktisch klug um den Kultisten positioniert hatten. Sie bewegten sich beinahe lautlos, nur hier und da knackten Äste, wann immer sie auf einen am Boden liegenden traten. Erneut verfiel Malleus in eine vorsichtige Starre, als sich Laute erhoben. Scharfe Zischlaute, darunter verschiedene Stimmen. Menschlich anmutende Stimmen und Malleus erkannte an der Art, wie manche Silben gesprochen wurden, was die Schatten wirklich waren.
      Der nächste Schatten schälte sich aus seiner Deckung. In gebückter Haltung fiel das Licht auf nackte, von der Sonne gebräunte Haut. Schwarze und rote Linien und Bilder zogen sich überall über den muskulösen Körper des Mannes, der sich mit einem Speer bewaffnet Malleus näherte. Die Haare trug er in fast so kunstvollen Zöpfen geflochten wie Malleus, aber seine Augen waren dieselben wie die von Devon. Rot und geschlitzt, doch dieser Körper trug weder Schuppen noch deformierte Schulterblätter. Die Augen waren alles, was ihn von anderen Menschen unterschied. Und die Größe, zur Hölle. Dieser Mann war genauso riesig wie Devon und mit Muskeln bepackt, die sogar jene des Jägers in den Schatten stellten. Kein Gramm Fett war zu viel an diesem Muskelpaket, das von einer Frau mit Bogen flankiert wurde, die genauso groß und kräftig war. Die restlichen Schatten traten hervor – sie alle waren zweifellos Lacerta und sie trugen ähnlich wenig Kleidung wie Devon, als er im Wald verschwunden war.
      Der Mann an der Front zischte Malleus irgendetwas zu, die gemeine Sprache war es nicht. Viel zu scharf war die Sprache, die die Lacerta sprachen und darin bewandert war der Kultist leider nicht. Barsch deutete der Mann auf den Rucksack, den Malleus bei sich trug, und zeigte zum Boden. Diese Aufforderung verstand er und legte langsam und vorsichtig seinen Rucksack ab. Als wäre das ein Signal gewesen, wurde Malleus von hinten zu Boden gerissen. Vier kräftige Hände rissen seine Hände auf den Rücken, ein Knie drückte sich schmerzhaft in seinen Rücken, als man ihm die Handgelenke zusammenband und ihn dann ruppig wieder auf die Füße riss. Und das war keine Untertreibung. Ein einziger der Lacerta genügte, um ihn einhändig vom Boden auf die Beine zu wuchten. Dann wurde er grob vorwärts gestoßen. Der Lacerta mit dem Speer musterte Malleus mit einem angewiderten Blick. Dann bedeutete er ihm, eine Richtung einzuschlagen und trennte ihn somit unwiderruflich von Tava, die ihren eigenen Kampf ausfocht.
    • Hinter ihr krachte das Ungetüm durch das Dickicht und Tava schrie. Sie wusste nicht, ob sie jemals etwas so grauenvolles erlebt hatte. Von einer riesigen, übergroßen Schlange durch einen Dschungel gejagt zu werden, war nichts, was Tava sogar mit ihrem Forscherdrang erleben wollte, und doch hatte sie jetzt gar keine andere Wahl. Der Gigant hatte sich in Bewegung gesetzt, kaum als sie Hals über Kopf davongelaufen war, und jetzt ließ er nicht mehr locker. Ein fürchterliches Geräusch drang periodisch aus seinem Maul, halb zischend, halb fauchend, halb grollend, ein Laut, der Tava das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie musste nur daran denken, wie sich ein absurd großer Schlund um sie schloss und schrie davon noch einmal. Sie wollte nicht sterben!
      Die Schlange schoss nach vorne und Tava spürte es in ihren Hörnern. Sie warf sich voller Panik zur Seite, brach durch Äste und Sträucher und riss den Kopf sofort nach hinten, um sich zu fangen und ohne Unterbrechung weiterzulaufen. Hinter sich hörte sie, wie das Ungetüm mit Bäumen kollidierte, sie zum Krachen und Beben brachte und dann weiter rauschte. Wieder war es hinter ihr und wieder konnte Tava hören, wie der furchtbar lange Körper durch das Unterholz rollte. Würde das Vieh nicht irgendwann die Geduld verlieren? Sie konnte nicht ewig so weiterlaufen!
      Bald hörte Tava auf zu schreien, auch wenn ihr die Furcht noch immer direkt im Nacken saß. Sie hatte einfach keinen Atem dafür übrig. Ihre Lunge brannte und die Muskeln in ihren Beinen schmerzten in jeder Faser. Ihren Rucksack hatte sie auf der Strecke irgendwo verloren und doch spürte sie, wie sie langsamer wurde, wie sie langsam die Kraft verließ, wie ihre Beine versagten, wie sie ihr eigenes Gewicht zu Boden zerrte. Dabei war die Schlange noch immer hinter ihr und hätte Tava den Atem dazu gehabt, sie hätte geschrien. Ihr ging die Kraft aus. Lange konnte sie nicht mehr so weitermachen.
      Sie atmete so laut, dass es schon das Rauschen ihres Blutes in den Ohren übertönte, und lief. Wenn sie langsamer würde, würde die Schlange sie erwischen. Wenn sie stolperte, dann wäre es aus. Tava würde nie wieder rechtzeitig aufstehen können.
      Mit beiden Armen packte sie im Vorbeilaufen einen Stamm, der ihr dick genug schien, und nutzte ihn für eine scharfe Linkskurve. Die Rinde schürfte ihr die Arme auf, aber Tava bemerkte es nicht einmal, als der gigantische Körper sich auch nach links wälzte. Und direkt in ihren Weg hinein.
      Nein!
      Tava konnte nicht schreien, dafür versagten ihr die Stimmbänder, aber sie konnte sehr wohl die Augen aufreißen, als das furchtbare Maul auf sie zugeschossen kam. Ihre Beine knickten ein, mehr unfreiwillig als wirklich gewollt, und sie spürte, wie sie etwas hartes an der Seite traf und mit seiner Wucht wegschleuderte. Sie verlor den Boden unter den Füßen und rollte sich instinktiv zu einer Kugel zusammen, was sie vor einem Genickbruch rettete. Sie schlug mit dem Kopf zuerst auf und ihre Hörner federten das schlimmste ab, bevor sie weiterrollte, über unebenen Waldboden schlitterte, der sich merkwürdig schief anfühlte. Sie rollte irgendwo hinab. Äste brachen unter ihrem Gewicht und zerschnitten ihr die Haut, Blätter rissen an ihren Haaren, Wurzeln erschütterten ihren ganzen Körper, wenn sie hart auf ihnen aufschlug. Tava behielt die Hände dicht bei sich, mehr aus Instinkt als alles andere, und ihre Hörner verlangsamten schließlich ihren Fall. Als sie vollends zum Liegen kam, hatten sich ihre Hörner in irgendwas verfangen. Aber Tava wagte noch nicht, sich zu rühren, denn der Krach und der Lärm gingen weiter. Furchtsam hielt sie die Augen fest geschlossen, während sie die Schlange heran rauschen hörte - und dann auch weiterziehen hörte. Die Geräusche der Verwüstung und das grauenvolle Zischen wurden leiser und gingen weiter bergab. Tava wusste nicht, ob die Schlange womöglich auch auf dem unebenen Boden ausgeglitten war, aber sie wagte nicht, sich davon zu vergewissern. Sie hielt die Augen fest geschlossen und begann zu weinen.
      Irgendwann verklang selbst das letzte Knacken des Ungetüms und es wurde wieder still. Tava hatte noch nicht gewagt, sich zu bewegen, aber jetzt dachte sie an Malleus und auch an Devon und zwang sich wimmernd die Augen zu öffnen. Sie lag auf dem Boden, natürlich, und starrte auf abgebrochenes und niedergewälztes Gestrüpp. Der Pfad der Schlange, nur wenige Meter von ihr entfernt. Sie hätte von ihr zerquetscht werden können.
      Stockend nahm sie einen tiefen Atemzug, dann versuchte sie ihren Kopf zu bewegen. Ihr Nacken tat weh und die Hörner hatten sich irgendwo verfangen, aber nicht sehr schlimm. Es fühlte sich nach Wurzeln an, als sie die Hände vorsichtig nach oben streckte und tastete. Ihre Hörner waren noch intakt, aber sie hatten sich in die Wurzeln verkeilt. Es benötigte Tava mehrere Anläufe, um sich endlich davon zu befreien. Dann streckte sie vorsichtig die Glieder aus.
      Ihr tat alles weh. Ihre Beine brannten und versagten ihr jeglichen Dienst, ihre Arme waren blutüberströmt und flammten mit dem Schmerz einer Verletzung und in ihrem Rücken pochte jeder Aufschlag mit seinem Nachhall. Sie fühlte sich schrecklich. Gerade war sie knapp der Schlange entrungen, aber sie fühlte sich absolut grauenhaft. Alles tat ihr weh.
      Dann dachte sie wieder an Malleus und die nächste Panik erfüllte sie. Malleus - hatte die Schlange ihn erwischt? Oder hatte er es geschafft zu flüchten? Wo war er? Wo war sie? Hatte sie eine Spur hinterlassen, der er folgen konnte? Oder eine, die sie zu ihm bringen würde? Hatte sie überhaupt eine Chance ihn wiederzusehen?
      M-Malleus?
      Der Dschungel blieb still. Zwar antwortete wenigstens keine Schlange, aber Malleus tat es auch nicht. Er war nicht hier.
      Vorsichtig wälzte Tava sich auf den Bauch. Ihre Arme zitterten unter der Anstrengung, aber sie schaffte es, sich aufzurichten und auf wackelige Beine zu stellen. Sie war voller Dreck und Schlamm und Blut, ihre Kleidung war zerrissen, wo sie sich durch das Unterholz geworfen hatte, und ihre Haare hatten sich mit Ästen und Blättern um ihre Hörner verfangen. Tava schniefte und versuchte, nicht schon wieder zu weinen. Sie wollte nachhause. Sie wollte zu Malleus und Devon.
      Ihr Blick hob sich und sie verfolgte die Spur der Verwüstung, die die Schlange hinterlassen hatte, den Weg hoch, woher sie beide gekommen waren. Dann stutzte sie; dort oben stand jemand. Sie konnte ihn nicht gut ausmachen, aber die Tatsache, dass er kein überdimensionaler Drache war, ließ ihr Herz vor Hoffnung höher schlagen. Sie machte ein paar wackelige Schritte auf ihn zu.
      Devon…?
    • "Lauf, Malleus! LAUF!" Malleus blieb das Herz stehen.
      Ein Sekundenbruchteil reichte völlig aus um eine Katastrophe in Gang zu setzen. Instinktiv spannte der Kultist die Muskeln an, bereit zum Sprung. Ob Tava hinterher oder fort von dem zischenden Ungetüm, darüber schien sein Verstand im Zwiespalt zu liegen. Ein Urinstinkt trieb ihn in Richtung der Flucht, etwas Tieferliegendes wollte sich der Cervidia hinterherwerfen. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Der schlangenartige Drache preschte seine auserwählten Beute hinterher und der gewaltige Leib versperrte ihm dem Weg. Endlich klickten die Zahnräder in seinem Kopf in die richtige Position und Malleus warf drauf und dran sich ins Gebüsch zu werfen. Er würde die Bestie niemals überholen können und tot nützte er Tava nichts. Ein plötzlicher Windstoß brachte den Mann ins Straucheln. Mit geweiteten Augen warf er einen Blick über die Schulter und erhaschte einen ehrfürchtigen, gleichzeitig zutiefst beunruhigenden Blick auf das gesamte Ausmaß des Ungetüms. Krachend verschwand das Biest auf dem bereiteten Pfad der flüchtenden Cervidia nach. Malleus' Atem ging stoßweise, seine Gedanken rasten. Sein Blick glitt durch das grüne Dickicht, das ihm keinerlei Orientierung bot außer die Schneise der Verwüstung. Er musste einen anderen Weg finden. Die Frage war nur, wie?
      Ein leises Knacken im Unterholz ließ den Kultisten herumfahren. Ein Schatten schob sich durch den Schutz der Bäume. Aus einem einer Gestalt wurden schnell mehr. Er konnte sie unmöglich alle im Blick behalten, was nicht bedeutete, dass Malleus es nicht versuchte. Angespannt verfolgte er, wie die Schatten den Kreis immer enger um ihn zogen. Die Finger an seinen Seiten zuckten, doch er wagte es nicht eine der Klingen in seinem Ärmel zu ziehen. Die richtige Entscheidung wie ihm schlagartig bewusst wurde, als durchdringende Zischlaute im Unterholz erklangen. Dieses Mal bildete er sich die menschlichen Umrisse im Schattenspiel des Dschungels nicht ein. Malleus wusste, wer ihm gegenüber trat, noch bevor sich der erste Lacerta ins Licht wagte. Er zwang sich zur Ruhe, damit die Beunruhigung nicht aus allen Poren strömte.
      Da eine Flucht nicht zur Debatte stand, beschloss Malleus den Mann zu fixieren, der sich als Erster vorgewagt hatte und in scharfen, gezischten Silben das Wort an ihn richtete. Ein Mann, der ihm mühelos mit einer Hand das Genick brechen konnte, daran zweifelte der Kultist nicht, und dessen Sprache er nicht verstand. Das bereitete ihm sogar mehr Sorgen, als der Pfeil, der genau zwischen seine Augen zielte.
      Was er verstand, war die barsche Gestik. Langsam ließ er den Rucksack von seinen Schultern gleiten, wobei er den hünenhaften Lacerta keine Sekunde aus den Augen ließ. Ein fataler Fehler. Etwas traf ihn mit solcher Wucht im Rücken, das es ihm die Luft aus den Lungen presste. Das Nächste, das er spürte, war der von Moos und Flechten bewachsene Waldboden und Hände, die grob an seinem Körper zerrten. Malleus schnappte nach Luft, doch die Lungen in seinem Brustkorb verkrampften sich. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er in die Ferne, die Wahrnehmung abgedriftet und verzerrt.
      Ein Ruck ging durch den versteiften Leib des Kultisten, dann begann er sich mit Händen und Füßen zu wehren. Blanke Panik flutete sein Hirn, als er sich gegen den Griff der Hände warf. Er versuchte um sich zu treten und wäre sich nicht zu schade dafür gewesen, nach den Händen zu schnappen, wären sie nur in Reichweite seiner Zähne gewesen. Malleus ganz und gar menschliches Grollen, klang im Vergleich zu den ursprünglichen Lauten der Lacerta, lächerlich mickrig. Eiskalter Schweiß brach auf seiner Stirn aus. Der Geschmack von Asche legte sich auf seine Zunge. Der Gestank von verschmortem Fleisch flutete seine Nase.
      Nie wieder. Nie wieder.
      Er würde ihnen die Brandeisen eigenmächtig in die Kehlen rammen, wenn er endlich seine Hände frei bekam.
      Nie wieder. Nie wieder.
      Er würde sie glühende Kohlen schlucken lassen, würde sie darin begraben.
      Nie wieder. Nie wieder.
      Ein siedender Schmerz zerriss den Nebel in seinem Kopf. Ein Knie drückte sich mit vollem Gewicht in seinen Rücken und Malleus spürte schmerzhaft wie sich die kaum verheilte Rippe unter Haut und Muskeln verborg. Ein gequältes Ächzen entrang sich einer Kehle und gnadenlos rissen die Angreifer seine Arme zurück. Die Knochen und Sehnen seiner Schultern knirschten unter Protest, als verdreht und überdehnt wurden.
      Malleus roch schwüle, stickige Luft und den modrigen Geruch von Moos und feuchter Erde. Bevor die Erinnerung gänzlich abgeschüttelt hatte, wurde er auf die Füße gerissen und er tat das Erste, dass sein überreizter Verstand für sinnvoll hielt. Er warf den Kopf mit voller Wucht nach hinten und traf...nichts. Der Lacerta in seinem Rücken überragte ihn mit Leichtigkeit.
      Ein erneuter Stoß in den Rücken ließ ihn straucheln und hätte ihn beinahe erneut zu Boden befördert, doch Malleus fing sich. Er wusste, dass er viel zu schnell atmete. Die Umgebung drehte sich, verschwamm zu einem Wirbel aus Grün und roten und schwarzen Linien. Er blinzelte hektisch und blieb abrupt stehen. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen und der rasende Puls in seine Ohren übertönte selbst das ungeduldige Zischen in seinem Rücken. Die gefesselten Hände in seinem Rücken waren dermaßen verkrampft, dass das Leder knirschte.
      Als sich ein Schatten näherte, schaltete sein traumatisiertes Unterbewusstsein in den Überlebensmodus.
      Malleus warf sich mit der Schulter voran in den Lacerta und bleckte die Zähne wie ein in die Ecke getriebenes Tier, dem nichts anderes übrig blieb als nach der Hand zu beißen, die es packen wollte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wer auch immer da oben vor dem Abhang stand – er trat von der Kante sichtlich bestimmt wieder zurück. Es bestand jedoch kein Zweifel, dass derjenige Tava dort unten gesehen hatte. Vielleicht wollte sich die Person selbst einfach nicht mehr in Gefahr bringen, aber es reichte, damit Tava neue Hoffnung schöpfte. Es dauerte eine Ewigkeit bis sich die Cervidia auf wackeligen Beinen wieder nach oben gekämpft hatte und fast augenblicklich der Person gegenüberstand, die soeben noch an der Kante hinuntergeblickt hatte.
      Ein sehr großer, sehr kräftiger Mann mit kurzen, blonden Haaren. Auch er war braungebrannt, heller als Malleus‘ Teint, aber dunkler als der von Devon. Er trug nicht mehr als eine Art Lendenschurz und stellte damit all die kunstvollen Tattoos auf seiner Brust und Bauch zur Schau, die Tava nunmehr als Geschichten kannte. Auch er hatte den Speer oberhalb seines Herzens gestochen, aber andere Muster als die bei Devon verliefen über die dunkle Haut. Keines von ihnen war durchgestrichen, dafür wurden Narben kunstvoll in das Gesamtbild eingewoben. Auch seine Augen waren tiefrot und geschlitzt, Schuppen fehlten ihm jedoch. Sein Blick hingegen… war nichts im Vergleich zu dem von Devon. Dieser Blick war eiskalt, berechnend und gnadenlos. An seinen Hüften trug er beidseitig Dolche in ledernen Scheiden, die mit vereinzelten Schuppen gespickt worden waren.
      Eine große Hand griff nach ihren Hörnern. Als Tava daraufhin zu bocken begann, zischte er ihr scharfe Worte zu, die sie nicht verstand. Ihren Widerstand gab sie nicht auf und wehrte sich gegen den Griff, der sie näher an den Lacerta heranzog. Er neigte ihren Kopf nicht nach hinten, sondern beugte sich hinab und versenkte sein Gesicht in ihren von Blattwerk und Ästen durchzogenen Haarschopf. Zweifellos konnte Tava hören, wie er tief einatmete, kurz innehielt und sie dann nahezu angewidert von sich stieß. Herablassend spuckte er aus, schüttelte den Kopf und schien sich nicht ein bisschen darum zu scheren, dass die Cervidia aussah, als wäre sie frisch einem Massaker entkommen. Stattdessen stieß er sie grob an der Schulter an und wies ihr damit eine Richtung zu, in die sie gehen sollte.
      Noch immer war nirgends eine Spur von Malleus oder Devon zu sehen. Aber immerhin hatte sie einen Lacerta gefunden. Wenn auch nicht ihren.
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      Malleus beging den ersten und größten Fehler, den man in Anwesenheit von einer Gruppe Lacertas tun konnte. Er warf sich gegen seine Fessler, denjenigen, der ihn vom Boden hochgerissen hatte. Doch der großgewachsene Mann taumelte nicht einmal. Lediglich einen einzigen Schritt setzte er nach hinten, um sein Gleichgewicht zu stabilisieren, und hielt den Vorstoß dadurch mühelos stand. Der Mann bewegte sich nicht einmal, denn er hatte eine Gruppe in seinem Rücken, wohingegen der Mensch schutzlos auf sich allein gestellt war. Das bekam Malleus schmerzhaft zu spüren, als man ihm von hinten in die Kniekehlen trat. Wie Streichhölzer knickten seine Beine ein und er ging in die Knie, während ein anderer Lacerta ihn an seinem Haarschopf packte und ihn davon abhielt, zusammenzubrechen. Wieder wurde die Sprache von Devons Stamm gesprochen, wieder klang sie aggressiv aufgeladen, wenn auch deutlich leiser als zuvor. Der Mann vor Malleus, den er angegriffen hatten, betrachtete den Menschen zu seinen Füßen von oben herab. Wortlos wartete er, wartete scheinbar auf etwas, das nicht eintrat. Dann machte er ein abschätziges Geräusch und ging an Malleus vorbei, um die Gruppe zu führen.
      Für Malleus bedeutete das, an den Haaren gezogen zu werden. Nicht sanft, nicht nachlässig, sondern gnadenlos wurde er nach hinten gerissen und an seinem gesammelten Haarschopf über den Waldboden gezerrt. Die Gruppe der Lacerta setzte sich in Bewegung und hatte allen Anschein nach vor, ihre Beute genau so zu ihrem Ziel zu bringen. Als sich der Mann irgendwann kaum noch bewegte, hielt die Gruppe an und man schenkte ihm einen Blick. Was folgte war ein Schwall warmen Wassers, der sich aus einem mitgeführten Beutel über Malleus‘ Kopf ergoss ehe er wieder auf die Beine gezogen wurde. Dieses Mal zeigte sich der Mensch ein wenig kooperativer, als die Gruppe ihn vorschickte und die Richtung vorgab, in die er zu gehen hatte.

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      Die Gruppe um Malleus traf als erste ein. Sie waren irgendwann einem Fluss gefolgt ohne auf weitere Tiere oder Drachen zu stoßen. Dem folgten sie aufwärts bis sich das donnernde Rauschen eines Wasserfalls näherte. Auf einem rutschigen Pfad gingen sie dicht am nassen Stein gehalten seitlich neben dem Wasserfall vorbei und passierten einen Steinbogen, der erklärte, wieso das Dorf der Lacerta keinem Drachenangriff ausgesetzt worden war. Ringsherum schützte ein massiver Gesteinsring das Dorf – eine Caldera. Vor Malleus‘ Augen entfaltete sich das Dorf Tel’Aquera, Devons Heimat. Niedrigen Hütten aus Naturmaterialien säumten den Rand, von dem Löcher zu Höhlen im Gestein führten. Im Zentrum der Caldera war eine Art Dorfplatz errichtet worden, wo sich kreuz und quer allerlei Zeug sammelte. Dinge, die klar von hier stammten und Dinge, die irgendwie anders ihren Weg hierher gefunden haben mussten. Wagen und Kisten mit Eisenbeschlägen bildeten nämlich einen krassen Kontrast zu den Webkörben, von denen angefangene einsam herumstanden. Auf einem Sonnenreck trockneten Streifen von Fleisch in der Sonne, an einer anderen Stelle saßen einige Lacerta und zupften und sortierten an Grünzeug herum. Ein großes Feuer brannte im Zentrum, ringsherum waren Holzspieße mit diversen Dingen zum Trocknen oder Garen aufgestellt worden.
      Auf einem der Stöcker hing ein sehr unpassend wirkendes Beingewand zum Trocknen.
      In direkter Nähe zum Feuer war es für Malleus kaum auszuhalten. Das Klima machte dem Mann eindeutig zu schaffen, doch kein Lacerta schien sich sonderlich darum zu kümmern. Stattdessen traten immer mehr von ihnen zu ihm heran, beäugten ihn, bewerteten ihn. Die Feindseligkeit war ihnen praktisch anzusehen, egal ob Mann oder Frau, alt oder jung. Weiter hinten konnte man eine Lacertafrau mit einem Bündel in den Armen entdecken, das wohl ein Kind darstellen musste. Die nächste Altersklasse sah eher aus wie junge Erwachsene. Die Kinder dazwischen waren wie ausgestorben.
      Die Gruppe der Jäger kam ins Gespräch mit den restlichen Dorfbewohnern. Nichts an ihrer Gebärde wirkte weich oder galant. Jedes Wort wirkte wie ein Faustschlag, jede Geste ruppig und hart. Nichts im vergleich zu den Zügen, die Devon an den Tag gelegt hatte. Dann lagen plötzlich wieder mehrere Augenpaare auf Malleus und bevor er sich versah, ging die Hölle für ihn bereits weiter.
      Ein Lacerta drückte ihn am Hinterkopf nach vorn, während andere an seinen Sachen rissen. Zweimal spürte er einen scharfen Schmerz an seinem Rücken ehe er begreifen konnte, dass man ihm seine Kleider vom Leibe schnitt. Um ihn herum grölten die Menschen, Frauen juchzten, Männer zischten. Es war ein Gewirr aus Leibern, die alle an ihm zu reißen schienen. Ihm das Hemd entrissen und es ins Feuer warfen. Ihm die Handschuhe von den Händen rissen und ihm dabei fast die Finger brachen. Seine Beinkleider folgten als nächstes, man hielt ihn an den Schultern zurück, während andere seine Füße hielten, damit man ihm die Hose ebenfalls vom Leib schneiden konnte. Jegliche Gegenwehr wurde von den viel kräftigeren Lacerta gnadenlos im Keim erstickt. Das hier war keine andere Welt. Das hier wäre sein Todesurteil.
      Als man sich daran machte, ihm auch die Schuhe auszuziehen, nahm der Tumult schlagartig zu. Die Vehemenz, mit der man ihn seiner Kleidung befreit hatte, nahm ab, als sich die ersten Lacerta aufrichteten und in eine Richtung sahen. Plötzlich wurde es laut, Geschrei nahm zu. Wildes Fauchen, Zischen und schließlich Kreischen brach aus, als sich Unruhe über den Platz wie ein Tsunami ausbreitete. Dumpfe Laute erklangen, zwischen den Beinen entdeckte Malleus einen Lacerta, der geradewegs durch die Luft gesegelt sein musste. Die Traube um ihn begann sich zu lichten und gab den Blick auf einen einzigen Lacerta frei, der sich gerade zwei Frauen vom Hals hielt. Die eine bekam einen Faustschlag mitten ins Gesicht, die andere wurde gnadenlos über die grün beschuppte Schulter geworfen. Wie eine Urgewalt brandete dieser eine Mann durch die Stammesleute, die sich ihm entgegensetzen wollten. Er trug ebenfalls einen Lendenschurz wie die anderen Lacerta, doch seine Haut war viel heller. Seine Geschichten waren nicht mehr sauber, sondern unleserlich und vernarbt. Sein Oberkörper schillerte ihm Licht und zog spielendleicht jedwede Aufmerksamkeit auf sich.
      Und er war wütend. Oh, so wütend.
      Als sich der Blick von Malleus und der von Devon durch die Menge hindurch trafen, stockte der Lacerta nicht einmal. Nur noch entschlossener pflügte er sich durch die Leute bis sich der Lacerta mit den geflochtenen Haaren vor Malleus postierte. Erst da hielt Devon an, der einen beachtlichen Abstand zwischen sich und dem Rest seiner Leute eingefordert hatte. Sie alle begafften ihn und keiner fasste Malleus mehr an. Nun stand nur noch einer zwischen dem Jäger und dem Menschen. Ein kurzer Blick des Jägers ging an seinem Stammeskollegen vorbei zu Malleus. Kurz versicherte er sich, dass es dem Menschen soweit gut ging, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den anderen Lacerta. Was folgte, war eine Unterhaltung in seiner Stammessprache. Eine sehr schnelle, sehr ungehaltene Unterhaltung. Immer wieder gestikulierten beide Männer wild herum, immer wieder fiel ein bestimmtes Wort, das auch im Umkreis manchmal leise genuschelt wurde. Es klang wie ein Name oder eine Bezeichnung für etwas, und da schüttelte Devon energisch seinen Kopf und nannte seinen eigenen Namen, bevor der wüste Austausch weiterlief.
      Dann warf der Lacerta mit dem Flechthaar wutentbrannt seinen Speer beiseite. Devon atmete tief durch – erst jetzt konnte Malleus sehen, dass Devon ein blaues Auge und eine dicke Wange hatte. Da, wo die Schuppen ihn nicht schützten, ließ sich verkrustetes Blut erahnen. Was auch immer in der Zwischenzeit passiert sein mochte, es war nicht freundlicher Natur gewesen.
      Dann gingen die beiden Männer unangekündigt auf einander los. Es war das erste Mal, dass Malleus zu sehen bekam, wie Devon gegen einen einzelnen Mann nicht mit Leichtigkeit gewann. Immer wieder steckte er fiese Schläge ein und verteilte welche. Kopfnüsse wurden verteilt, Fingernägel rutschten an seinen Schuppen ab und blieben an den Kanten hängen, wo sie vereinzelt welche ausrissen. Sie keuchten und zischten wie Tiere, als Devon den Anderen an seinen Haaren erwischte, den Kopf zurückriss und seine Zähne in dessen Schulter versenkte. Blut quoll aus seinem Mund hervor, bevor der Mann ihm das Knie in den Bauch rammte und ihn von sich löste. Devon spuckte aus, was verdächtig nach einem Stück Fleisch aussah, und wischte sich den Mund ab. Der Andere ließ die Schultern kreisen und ging dann wieder auf ihn los. Der Austausch ging weiter, keiner mischte sich in ihre Auseinandersetzung ein. Und dann erwischte Devon den Anderen nach einem verfehlten Schlag. Er packte ihn am Arm, riss ihn an seine Brust und nahm ihn in den Schwitzkasten. Ein Arm quer über die Kehle des Anderen gelegt gingen sie zu Boden, während er strampelte und kämpfte. Einige Sekunden lang rangen sie auf dem Boden, ächzten und keuchten. Dann klopfte Flechthaar ziellos ab und Devon gab ihn frei. Würgend und hustend rollte sich Flechthaar auf alle Viere, wohingegen Devon sich wieder aufrappelte. Warnend ließ er den Blick schweifen, damit nicht noch jemand auf die Idee kam, sich zwischen ihn und seine Beute zu stellen.
      In der Zwischenzeit hatte sich Flechthaar soweit gefangen, dass er wieder normal atmen konnte. Wortlos ging er vor Devon auf die Knie und nahm den Kopf soweit in den Nacken, wie er konnte. Erst dann sagte er irgendetwas, nutzte wieder dieses Wort und Devon verzog das Gesicht. Ohne weitere Umschweife ging er an dem Stammesmann vorbei zu Malleus, der noch immer am Boden lag. Schwer atmend ging er in die Hocke und schüttelte kaum merklich den Kopf.
      „Ich hab euch gesagt, ihr sollte nicht folgen. Seid ihr lebensmüde? Die bringen euch um und ich kann nicht gegen alle zeitgleich kämpfen. Wo ist Tava?“, murmelte er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass Malleus nicht tödlich verletzt worden war.
    • Einfach alles tat weh. Jeder Schritt verlangte Malleus alles ab. Jeder Atemzug brannte in seinen Lungen. Selbst Denken war eine unerträgliche Qual. Sein Schädel drohte zu bersten, während er die Lacerta ihn unbarmherzig durch den Dschungel trieben. Die Tortur durch das für ahnungslose Menschen undurchdringliche Unterholz hatte seine Spuren hinterlassen. Kratzer zierten sein Gesicht, das einen angespannten Ausdruck zeigte. Die für gewöhnlich aufmerksamen, durchdringenden Augen zuckten gehetzt von einer Seite zur anderen Seite, als erwartete er jede Sekunde einen erneuten Übergriff, der ihn dieses Mal endgültig niederstreckte. Er strauchelte mehr, als das er wirklich ging. Die allgegenwärtige Eleganz und Selbstsicherheit, mit der Malleus sich trug, war komplett verraucht. Die Jäger der Lacerta führten keinen Mann in ihr Dorf, sondern ein gehetztes Tier, dem die Kraft ausgegangen war und das mit gesenktem Haupt auf den Todesstoß wartete. Malleus, der wissbegierig alle Geschichten von Devon geradezu aufgesogen hatte und dem sich gerade das geheime Leben eines zurückgezogenen Volkes offenbarte, hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich auf seine Atmung.
      Die Hitze, die ihm vom Feuer entgegenschlug, trieb ihm neuen Schweiß auf die Stirn. Seine Kleidung war bereits vom Marsch komplett durchnässt und klebte an der dunklen Haut. Um ihn herum herrschte ein Gewirr aus Stimmen und das eigenartige Bild, ungebremst in eine Schlangengrube gefallen zu sein, drängte sich auf. Sein Herzschlag hämmerte so laut in seinen Ohren, dass er kaum mehr als das Zischen warhnahm.
      Malleus blinzelte gegen die heiße Luft, die ihm vom Feuer entgegenschlug, da drückte ihn plötzlich eine Hand mit dem Gesicht voran zu Boden. Der Kultist ging zum dritten Mal seit der Begegnung mit den Jägern zu Boden. Mit gefesselten Händen und auf die Knie gezwungen, blieb ihm nichts anderes übrig, als verzweifelt zurückzuzucken. Es brachte nichts, schüttelte er eine Hand ab, drängte sich die nächste auf. Ein Teufelskreis, dem Malleus nicht entkam. Erbarmungslos drückten ihn die Lacerta zu Boden und ein siedend heißer Schmerz glitt durch seinen Rücken. Grob war keine Beschreibung dafür, wie ihm das Hemd vom Körper gerissen wurde. Bestialisch aber effizient schälten sie ihn aus dem durchgeschwitzten Stoff. Schweiß perlte in die Schnitte, brannte und vermischte sich mit den dünnen Blutrinnsalen, die seine Seiten hinaufperlten. Sein Rücken wölbte sich unter harschen, von Panik durchtränkten Atemzügen während Hände an seinem Körper zerrten und rissen. Dutzende augenlose Drachenköpfe starrten seinen Peinigern entgegen, mit weit aufgerissenen aber zahnlosen Mäulern. Sie zerrten die Handschuhe von seinen Händen und Malleus stieß ein gepeinigtes Heulen aus. Ruckartig riss er die Hände zurück, versuchte sie irgendwie zu schützen, zu verbergen, doch die Tortur nahm kein Ende. Der Geruch von Rauch nahm zu. Die Hitze verglühte ihn. Nackte Haut streifte seine Fingerspitzen. Arme, Bein, andere Hände...
      Verkohlt, verbrannt und geschmolzen unter kleinen Kinderhänden. Die Erinnerung schob sich über sein Blickfeld. Asche, Feuer und verbranntes Fleisch, das er umklammerte, benutzte um sich aus den Trümmern seines Zuhauses ans Tageslicht zu zuziehen. Er erinnerte daran, wie das verglühte Fleisch noch warm und weich unter seinen Händen nachgab. Malleus zitterte am ganzen Leib und hörte schlagartig mit der schwächlichen Gegenwehr auf.
      Hände an seinen Schultern rissen ihn herum, pressten seinen Rücken in den Dreck. Malleus' gehetzter Blick flackerte hinauf, über die Köpfe der Lacerta die auf den Kultisten hinabstarrten wie monströse, blutrünstige Masken. Sie würden ihn mit bloßen Händen in Stücke reißen.
      Malleus verlor sich. Er bekam nicht mit, wie Ruhe einkehrte. Erst als die Hände verschwanden, rollte er sich auf die Seite und krümmte sich zusammen. Rastlos glitt sein Blick über den aufgewühlten Boden, über Staub und Sand bis zu der Gestalt, die durch die Menge pflügte. Der Tumult gewährte ihm einen Augenblick der Ruhe. Das Warten war die schlimmste Folter.
      Ein Schatten legte sich über ihn und Malleus schloss die Augen.
      Er würde hier sterben und niemand würde je erfahren, was passiert war.
      Das Ende des großen Malleus. Nackt, schutzlos und stinkend vor Furcht.
      „Ich hab euch gesagt, ihr sollt nicht folgen. Seid ihr lebensmüde? Die bringen euch um und ich kann nicht gegen alle zeitgleich kämpfen. Wo ist Tava?“
      Devon.
      Er hätte die Stimme unter Tausenden erkannt.
      Schlagartig riss Malleus die Augen auf und begegnete nicht zum ersten Mal heute dem rotglühenden Blick des Jägers. Dieses einen, speziellen Jägers. Ihres Jägers.
      Binnen eines Sekundenbruchteils klammerte sich Malleus' ganze Wahrnehmung, sein Bewusstsein, seine Existenz an den Mann, der vor ihm hockte. Devon bildete seinen Bezug zur Realität. Allein seine Stimme zog ihn aus dem brennenden Gebäude und dem Berg verkohlter Leichen. Er krallte sich in dieses Gefühl, verbiss sich regelrecht darin, bis der Nebel der Erinnerung langsam aufklarte. Malleus leckte sich vorsichtig über die rissigen Lippen. Er hielt den Kopf unten, aber das hinderte ihn daran, sich Devon mit gefesselten Händen entgegen zu krümmen als wollte er in dessen Schatten verschwinden. Es war entwürdigend und erlösend zugleich.
      "...tut auch gut Dich zu sehen", krächzte Malleus, seiner Eloquenz und Würde durch die wütende Meute beraubt, und presste die einzelnen Silben samt der heißen Luft, die seine Lungen kochte, hinaus.
      "Wir wurden getrennt", flüsterte er beschämt und drückte seine klamme Stirn gegen Devons kräftige Wade.
      Ein zittriger Atemzug entkam Malleus, der endlich realisierte, dass Devon kein Trugbild war.
      "Sie war schnell, Devon. Du hättest sie sehen müssen. Vielleicht..."
      Neue Unruhe durchzog das Lacerta-Dorf und die Aufmerksamkeit entfernte sich von Devon und Malleus.
      Tava betrat das Dorf.
      Blutüberströmt, zerschrammt und mit Blättern im Haar. Die Kleidung hin in Fetzen von ihren Schultern, aber Malleus konnte unmöglich erkennen, woher genau das Blut stammte. Sie war nicht entkommen, war nicht in Sicherheit. Malleus sackte noch weiter zusammen.
      "Geh zu ihr. Hilf ihr", raunte der Kultis geschlagen. Er hatte kein Kraft mehr. "Mich töten sie sowieso...Ist nur eine Frage der Zeit."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war nicht Devon, der dort oben an der Kante auf sie gewartet hatte, und es war vermutlich auch keiner seiner Freunde gewesen. Tava ging trotzdem mit ihm, denn was sonst hätte sie tun sollen? Die Schlange war noch immer irgendwo da draußen, genauso wie der andere, gigantische Drache, und sie fürchtete sich davor, dem nächsten Ungetüm über den Weg zu laufen, bevor sie es zu Malleus zurück geschafft hätte. Besser war es, mit dem Lacerta zu gehen und sich neu zu orientieren. Schlecht war nur, dass er ihr keine Antwort auf den Verbleib ihres Rucksacks gab. Vielleicht verstand er sie auch nicht, was doppelt so schlecht wäre. Nur gab es jetzt kein Zurück mehr.
      Sie marschierten für eine halbe Ewigkeit durch den Dschungel, dann ragte eine steinerne Palisade vor ihnen auf. Tava staunte nicht schlecht und fühlte sich sogar für einen Moment geschützt, als sie daran dachte, dass die großen Drachen hier vermutlich auch nicht durch kamen. Dann passierten sie den Torbogen und plötzlich wimmelte es nur so von halbnackten Lacerta, groß und klein, alt und jung und allesamt so kräftig, dass sie Tava vermutlich ohne weiteres an den Hörnern hochheben könnten. Bei ihrem Anblick vergaß Tava glatt ihre Erschöpfung und blieb starrköpfig stehen, die Hörner nach vorne ausgerichtet, um all diesen Leuten zu zeigen, was sie davon hielt, an den Hörnern angefasst zu werden. Zwar schob der blonde Lacerta sie noch ein Stück nach vorne und zischte dabei etwas, aber auch er blieb dann stehen. Tava dachte zuerst wegen ihren eindrucksvollen Hörnern, aber dann hörte sie in dem Geräuschpegel von Zischlauten und knurrenden Geräuschen etwas, das sich wie ein Kampf anhörte. Da hob sie den Kopf ein wenig, um die Menge besser zu begutachten.
      Kaum einer hatte Tavas Ankunft bemerkt, stattdessen lagen sämtliche Blicke auf ein paar Lacerta, die sich gegenseitig verprügelten. Oder nein - diese Haare kannte sie doch. Und die Schuppen - das war Devon! Sie hatte Devon gefunden!
      "Devon!"
      Tava machte vor freudiger Erleichterung einen Satz nach vorne und spürte sofort eine Hand auf der Schulter, die sie den Satz wieder zurückriss. Sie stolperte nur kurz, bevor sie sich mit einem Ruck ihres Kopfes fing.
      "Devon! Devon!"
      Devon sah sie nicht. Stattdessen war er damit beschäftigt, einer Frau die Faust ins Gesicht zu rammen und eine andere über die Schulter zu werfen. Es waren nicht nur Männer, die ihn angingen, sondern alle - Frauen und sogar Kinder. Aber egal, wer sich ihm in den Weg stellte, Devon stieß sie beiseite. Selbst unter seinen eigenen Leuten war der Lacerta noch immer gewaltig.
      Dann blieb er mit einem Ruck stehen und sah einen Moment zu lange auf den Boden, sodass Tava den Kopf reckte und plötzlich Malleus ausmachen konnte - Malleus, der splitternackt auf dem Boden lag und sich zusammengekrümmt hatte. Ihr Atem stockte und ihr Herz begann zu rasen.
      "Malleus!"
      Malleus war hier, aber er sah verletzt aus. Und er war nackt, wieso war er nackt? Hatten sie ihn ausgezogen? Wieso sollten sie ihn ausziehen? Würden sie Tava ausziehen? Bei dem Gedanken zuckte sie zusammen, als der blonde Lacerta in weiser Voraussicht ihren Arm ergriff und sie schwenkte ihre Hörner herum. Sie traf ihn allerdings nicht und einen zweiten Versuch unternahm sie nicht, denn jetzt hatte Devon sich wieder abgewandt und sprach in dieser zischenden, merkwürdigen Sprache der Lacerta zu seinen Stammesgenossen. Ob das Gespräch gut oder schlecht war ließ sich nicht sagen, denn alle Geräusche und Bewegungen dieser Leute waren abgehackt und hart und Tava mochte wetten, dass sie einen gutgelaunten Lacerta nicht von einem schlechtgelaunten unterscheiden konnte. Doch an der Art, wie Devon auf gewohnte Weise das Gesicht verzog, konnte Tava ihre Schlüsse ziehen. Das hier war kein gutes Gespräch und Malleus lag sicherlich auch nicht freiwillig so nackt auf dem Boden. Devon hatte sie vor seinem Stamm gewarnt und anscheinend bekamen sie hier die Konsequenzen zu sehen. Wenn sie nur nicht durch den Drachen getrennt worden wären, sicher wäre das alles hier anders verlaufen.
      Plötzlich warf der Lacerta, mit dem Devon gestritten hatte, seinen Speer beiseite und dann ging alles auf einmal ganz schnell. Die beiden Männer sprangen aufeinander zu und ließen die Faustschläge nur so vom Himmel regnen. Tava hatte noch nie gesehen, dass Devon einen seiner gewalttätigen Schläge austeilte und den anderen damit nicht zu Boden brachte; in Touvanen hatte er mehrere Soldaten auf einmal durch seine Körpergröße zu Fall gebracht. Aber hier schienen seine Hiebe dem anderen kaum etwas auszumachen und Tava zuckte jedes Mal, wenn Devon selbst mit einer Wucht getroffen wurde, die kein anderer hätte aushalten können. Erst jetzt fiel ihr auch das Blut und die Wunden auf, die Devon schon mit in den Kampf getragen hatte, und voller Sorge fragte sie sich, was nur geschehen war, um dem Lacerta so zuzusetzen. Wenn sie so den Kampf betrachtete, konnte es nicht schön gewesen sein. Was auch immer passiert war, Devon musste unterlegen gewesen sein.
      Der Kampf dauerte nicht lange. Wie ein wildes Tier schlug Devon auf den anderen ein und biss ihn sogar noch, eine furchtbar animalische Geste, die mit genauso animalischer Aggression beantwortet wurde. Beide gingen zu Boden und versuchten sich mit unbarmherziger Gewalt gegenseitig niederzuringen, bis Devon den anderen unvermittelt freigab. Sie setzten sich auf, aber anstatt erneut aufeinander loszugehen, passierte gar nichts mehr. Devon stand auf und sah sich schnaufend in der Menge um, der andere rappelte sich etwas langsamer auf die Beine. Schließlich schien es erledigt zu sein und Devon trat zu Malleus. In der aufkommenden Ruhe zischten die Lacerta sich wieder gegenseitig zu und Tava ergriff die Gelegenheit, um erneut nach ihm zu rufen.
      "Devon! Devon!"
      Diesmal hörte der Lacerta sie und sah auf. Ihre Blicke trafen sich und Tava wäre vor Erleichterung fast in die Knie gegangen. Wieder wollte sie zu ihm und bedrohte den Lacerta hinter sich mit ihren Hörnern, als er sie erneut zurückhielt.
      "Devon! Wir haben dich gesucht! Können wir gehen? Können wir nachhause gehen? Was ist mit Malleus? Hilf ihm!"
    • Mit einem sehr angespannten Gesichtsausdruck zog Devon einen Dolch hervor, den er in einer ledernen Scheide oben seinem Oberschenkel trug. Seine doch eher knappe Bekleidung hatte darüber hinweggetäuscht, dass er bewaffnet war. Bei genauerem Hinsehen trugen jedoch alle Lacerta diesen Dolch an genau der gleichen Stelle. Nur manche von ihnen, wie die Jäger, besaßen zusätzliche schwere Bewaffnung. Ein gut gesetzter Schnitt und schon waren Malleus‘ Hände befreit. Man hatte ihm bis auf seine Hose praktisch alles genommen und selbst die war an den Beinen bereits aufgeschlitzt worden. Devon grollte leise, als Malleus trocken eine dürftige Antwort darauf von sich gab.
      „Wir wurden getrennt.“ Malleus krümmte sich und drückte seinen Kopf gegen Devons Wade. Ungewollt mahlte der Jäger mit den Zähnen. Das war schlecht. Nicht, dass Tava nicht auf sich aufpassen könnte, aber wenn Malleus seinem Volk so schnell in die Hände gefallen und Tava nicht dabei gewesen war bedeutete, dass etwas Anderes Grund für die Trennung sein musste. Wahrscheinlich waren sie einem Drachen begegnet und je nachdem, welche Art es war, würde selbst Tava Schwierigkeiten bekommen, lebend da raus zu kommen. „Nicht gut.“
      „Sie war schnell, Devon.“
      Angesprochener bedachte den Mann am Boden mit einem eindringlichen Blick.
      „Du hättest sie sehen müssen. Vielleicht…“
      Vielleicht was? Vielleicht lebte sie noch? Vielleicht war sie dem Drachen entronnen? Vielleicht war es schnell gegangen und sie hatte nichts bewusst erlebt? Allein die Gedanken des Möglichen machten den Lacerta wahnsinnig. Ungewohnt fahrig steckte er den Dolch zurück und packte Malleus gerade am Oberarm, um ihn endlich vom Boden hochzuholen, da wurde es wieder unruhig. Ein übel schwanendes Gefühl breitete sich in Devon aus und dann hörte er zu seinem Entsetzen seinen Namen. Seinen gewählten Namen.
      „Devon! Devon!“
      Sein Kopf zuckte in die Höhe und dann entdeckte er sie. Vor einem großgebauten, blonden Lacerta stand Tava, ein zerfetztes Abbild der Cervidia, die er am Lagerplatz zurückgelassen hatte. Die Hand um den Griff seines Dolches ballte sich, Adern und Knöchel traten hervor.
      „Geh zu ihr. Hilf ihr“, raunte Malleus und Devon hätte am liebsten geschrien.
      „Ich kann nicht.“
      „Mich töten sie sowieso… Ist nur eine Frage der Zeit.“
      „Sie werden ni-„
      „Devon! Wir haben dich gesucht! Können wir gehen? Können wir nachhause gehen? Was ist mit Malleus? Hilf ihm!“, rief Tava von der anderen Seite und der Terror war für jedermann in ihrer Stimme zu hören. Malleus stank nach Panik und Todesangst, Tava hörte sich genauso schrecklich an. Nun saß er zwischen zwei Optionen und musste eine wählen, obwohl er beide haben wollte. Dann machte der blonde Lacerta einen kapitalen Fehler und riss Tava an ihrer Schulter zurück, als sie sich geradewegs auf Malleus und ihn zu bewegen wollte. Etwas in Devon geriet in Bewegung, als er aufstand und er den Blick seines Stammesgefährten suchte. Malleus hatte er ja schon für sich beansprucht, aber Tava… Wenn er ihr nicht half, würde der Kerl was auch immer mit ihr anstellen und wenn sie sich weigerte, dann…
      Mit Wucht donnerten Devons Schritte auf den Boden, während er auf Tava und den Blonden zuhielt. Aus dem Augenwinkel überflog er die Cervidia kurz, sah das Blut, die Schrammen, das Blattwerk. Nichts davon ließ darauf schließen, dass der Blonde Schuld an diesen Verletzungen war und dennoch wusste er, was es bedeutete, wenn ein einzelner Lacerta weibliche Beute mit sich ins Dorf brachte. Bei dem Gedanken zog sich Devons Magen zu einem winzigen, harten Ball zusammen und er senkte das Kinn leicht an die Brust. Da war nicht nur Kampfeslust in seinen roten Augen zu lesen, darin stand Mordlust geschrieben. Als sich seine Lippen das nächste Mal öffneten, sprach er wieder in seiner Stammessprache. Der Blonde antwortete darauf, schnaubte irgendwas und griff dann um Tava herum. Er fasste sie grob an ihre Brust und drückte die Finger in ihr Fleisch. Devon hielt sich nicht länger als nötig auf. Augenblicklich setzte er zum Sprung an und folg fast über Tava hinweg, als er sich ohne Rücksicht auf Verluste auf den anderen Mann stürzte. Sie gingen hinter Tava zu Boden, ein Haufen Fleisch aus Beinen, Armen und Körpern.
      Im Hintergrund wurde Malleus nicht verschont. Kaum hatte sich Devon wieder in den Kampf begeben, versammelten sich die anderen Lacerta um ihn herum. Sie alle musterten ihn von oben herab und unterhielten sich, manche zeigten auf ihn. Ein einzelnes Kind, ein Junge, quetschte sich zwischen den Erwachsenen hindurch und hockte sich an Malleus Beine, wo er mit seinen Fingern die Drachenköpfe untersuchte, die trotz dunkler Haut hervorstachen. Dem schlossen sich bald andere an und mehr und mehr Lacerta sinnierten darüber, was für eine Geschichte dieser Mann mit sich trug.
      Auf der anderen Seite hatte sich ein Kreis aus Zuschauern gebildet. Frauen trugen kleine Kinder auf den Armen bei sich, während Devon und der Blonde am Boden rangen. Einige der umstehenden Männer, besonders die älteren, besahen Devon mit einem Ausdruck, den man am ehesten als angewidert bezeichnen konnte. Er veränderte sich zu Genugtuung, als der Blonde sich mit Devon auf den Rücken warf, die Beine um seinen Körper und die Arme um seinen Hals schlang. Es war das erste Mal, dass es so aussah, dass Devon einen Kampf verlieren konnte. Sein Kopf lief bereits rot an, als er seine Finger in die Arme seines Gegners grub und Blut ans Licht befördert, doch der Andere ließ nicht locker und würgte den Jäger gnadenlos weiter. Fersen versuchten sich in den Boden zu treiben, fanden jedoch keinen Halt. Dann brachte der Blonde seine Lippen an Devons spitze Ohren und schien ihm etwas zu zuflüstern. Was auch immer es war – es brachte ein Fass zum Überlaufen. Blind tastete Devon nach seinem Dolch, riss ihn aus der Scheide und stieß ihn bis zum Heft in den Oberschenkel seines Gegners. Mit einem Aufschrei ließ dieser von ihm ab und Devon rollte sich hustend von ihm herunter. Sofort brachen weitere empörte Schreie von den Zuschauern hervor und der Kreis zog sich enger, Lacerta brachen aus den Reihen hervor. Einige warfen sich auf Devon, der sie alle rigoros von sich schüttelte, andere streckten ihre Hände nach Tava aus, rissen an ihren Sachen und Hörnern herum. Der Blonde zischte und zog seinen eigenen Dolch, bereit, Devon auch mit einer Waffe entgegenzutreten.
      Plötzlich wurde es still und die Menge teilte sich. Der Blonde steckte angesäuert seinen Dolch zurück, bevor er sich den Dolch aus dem Bein zog und die Angreifer ließen von Devon ab, der sich aufrappelte und schwer atmete. Blut lief ihm von einer aufgeplatzten Lippe am Kinn hinab, aber das schien niemanden zu stören. Durch den aufgetanen Weg kam ein Lacerta, der wahrlich alt wirkte. Er hatte seine ergrauten Haare in einem langen Zopf geflochten, der ihm zwischen die nackten Schulterblätter fiel. Seine Haut war faltig, aber nicht weniger mit Geschichten verziert. Die grauen Augen waren mit tiefen Tränensäcken unterzogen, allerdings wirkten sie nicht weniger scharf wie alles andere hier. Die Menge hatte sich respektvoll für den Ältesten geteilt und das war der erste und einzige Lacerte, vor dem Devon auf ein Knie hinunter sackte. Die Schultern gesenkt hatte er seinen Blick auf Tava gerichtet, die noch immer inmitten von zahllosen Lacerta stand. Malleus war von hier aus nicht zu sehen.
      Der Älteste und Devon kamen in ein Gespräch, worauf sich die Menge langsam zerstreute. Den blonden Lacerta hielt es jedoch nicht davon ab, sich Tava erneut aufzudrängen, obwohl das Blut ihm in Strömen das Bein hinablief. Er fasste Tava an ihr Horn und zog ihren Kopf gewaltsam in den Nacken, was sie prompt protestieren und zappeln ließ. Devon war schon fast wieder auf den Beinen und im Begriff, dem Kerl den Kopf endgültig von den Schultern zu reißen, da ergriff der Älteste das Wort. Sofort ließ der Blonde Tava los, weigerte sich aber auch verbal, sich von ihr zu distanzieren. Eine Art Streit wog zwischen den Parteien auf, dann warf der Blonde verärgert seine Hände in die Luft und zog endlich von Dannen. Dann sagte der Alte etwas zu Devon und zog von Dannen, wobei er in einer Hütte am Ende des Dorfes verschwand.
      Devon seufzte und erhob sich. „Kannst du laufen, Tava?“, fragte er die Cervidia, nachdem er Malleus ausgemacht hatte, der immerhin zum Sitzen gekommen war. „Folg mir.“
      Mit Tava im Schlepptau kam Devon zu Malleus. Er fragte nicht und wartete auch nicht ab, sondern schob seine Arme unter dessen Knie und Rücken und hob den Mann schlichtweg vom Boden an. Mit ihm in seinen Armen und Tava als Schatten zog er sich in eine aus Holz und Blätterwerk gebaute Hütte zurück, die nicht unweit der Ältestenhütte lag. Sie wirkte alt und nicht besonders gut in Stand gehalten, bedachte man die Lücken im Dach, die die Vegetation nicht komplett geschlossen hatte, oder das nicht besonders einladend wirkende Bett, das nur noch aus zerfallenem Material bestand. Dort setzte er Malleus ab und bedeutete Tava, sich irgendwo hinzusetzen. Es gab keine Stühle, keine Tische, keine Schränke oder dergleichen. Nur eine kleine Feuerstelle in Mitten des Raumes und ein paar neue Decken, die auf dem Boden als Sitzfläche dienten.
      „Ich hatte doch gesagt, ihr sollt nicht in den Wald kommen!“, fuhr Devon die Zwei dann schließlich an und all die Spannung und auch Schmerzen entluden sich in seinen wütenden Worten. „Ihr hättet tot sein können! Ihr seid getrennt worden, wie lange hat es gedauert, bis meine Leute euch gefunden haben, hm? Stunden? Sicherlich keinen Tag. Malleus, die wollen dir die Haut abziehen, weil sie so was wie deine noch nie gesehen haben.“
      Er fuhr sich über den Mund und riss die Wunde nur noch tiefer in seiner Lippe. Sein Kopf ruckte zu Tava und er zeigte zurück zum Platz, die Bewegung ruckartig und steif. „Und Taschoren? Der will dich beanspruchen. Der will dich besteigen und wenn du einen Aufruhr veranstaltest, tötet er dich und behält deine Hörner als Trophäe! Es ist ein Wunder, dass ich noch atme und dann soll ich euch zeitgleich auch noch sicher halten? Ich kann nicht alles zeitgleich!“
      Devon schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Ratlos zu sein war etwas, dass er selten gewesen war. Genauso wie hoffnungslos, denn nun, da die Beiden im Dorf waren, hatten sie seinen Schutz verloren. Hier war Devons Wort weder etwas wert noch war er respektiert. Das hier war eine andere Welt, deren Regeln er zu spielen verlernt hatte.
    • Devon sah Tava nur kurz an, den Lacerta hinter ihr, und dann kam er mit großen Schritten auf sie zu. Das war eigentlich nicht, was Tava beabsichtigt hatte - er sollte doch besser auf Malleus aufpassen, der Mann sah schlimm aus - aber sie verspürte doch eine gewisse Erleichterung bei seinem Anblick. Wenn Devon kam, würde sicher alles gut werden. Devon würde es bestimmt richten. Tava freute sich sogar, dass der Mann kampfeslustig das Kinn leicht ansenkte.
      Devon sagte etwas in der aggressiven, abgehackten Sprache, die die Lacerta von sich gaben, und der Blonde antwortete ihm darauf mit derselben Feindseligkeit. Tava konnte sich keinen Reim darauf machen, was genau gesprochen wurde, denn alles hörte sich unfreundlich und provozierend an, sie glaubte aber, dass es in diesem Fall auch so gemeint war. Sie kannte Devon und der Ausdruck, der gerade in seinem Gesicht stand, entsprang definitiv nicht seiner Freundlichkeit. Devon war stinksauer.
      Plötzlich griff der Blonde um Tava herum und packte mit einer riesigen Hand ihre Brust. Tava quietschte mit einer Mischung aus Überraschung und Schmerz, dann warf sie genauso schnell den Kopf nach hinten.
      "Hey! Untersteh dich und lass mich gefälligst -"
      Sie kam gar nicht weiter, als Devon von der anderen Seite - schnell, erbarmungslos und gefährlich - sich auf den Lacerta stürzte, bevor die beiden in einem prügelnden, wilden Haufen zu Boden gingen. Schnell duckte Tava sich weg von ihnen und zeigte bei der Gelegenheit gleich den Umstehenden ihre Hörner, bevor sie gehetzt herumwirbelte und versuchte, gleichzeitig Devon und Malleus im Auge zu behalten. Denn kaum war Devon weg, hatten sich die Lacerta um Malleus wieder geschlossen und der Mann verschwand unter ihren Leibern. Tava wollte zu ihm, aber sie wollte Devon auch nicht aufgeben, der womöglich gerade um sowas wie ihre Ehre kämpfte oder irgendwas. Sie lief ein paar Schritte in Malleus' Richtung, dann blieb sie doch wieder stehen als sie sah, wie Devon auf dem Boden landete. Eiskalte Panik machte sich in ihr breit, als sie beobachtete, wie der andere zupackte und Devon die Luft abschnürte. Er hatte noch nie verloren - Devon war so groß und stark, nur ein Drache konnte ihm ernsthaft etwas zusetzen - aber gewinnen tat er auch nicht. Mit hochrotem Kopf strampelte er gegen einen Griff an, dessen Stärke Tava nur fern erahnen konnte.
      "Devon!"
      Sie wollte wieder zu ihm, wollte ihm helfen - ihr wäre es ganz egal gewesen, ob sie damit irgendeine Tradition brach - doch der andere hatte sich so geschickt hinter Devon verborgen, dass sie ihn kaum mit ihren Hörnern erwischt hätte, ohne auch Devon zu treffen. Wenn überhaupt. Da blieb sie doch zurück, unschlüssig zwischen Malleus und Devon und sah zu, wie Devon sich abmühte. Der andere schien ihm etwas zuzuflüstern und in diesem Moment zog Devon sein Messer hervor und stach erbarmungslos zu.
      Der Lacerta schrie auf. Blut sprudelte hervor und Devon konnte sich auf die Knie rollen, wobei er sofort in einem wütend anmutenden Geschrei unterging. Tava war für einen Moment so erleichtert über seinen kurzzeitigen Sieg, dass sie sich einbilden mochte, dass die Schreie Jubelschreie wären, doch das ganze änderte sich schlagartig, als nun auch die Zuschauer Devon gegenüber traten. Wieder musste er sich ihnen stellen und auch, wenn er sich diesmal nicht so leicht zu Boden ringen ließ, konnte man ihm doch ansehen, dass der Kampf mit dem Blonden - und alles davor - ihn erschöpft hatte. Tava konnte es ihm ansehen. Diesmal wollte sie ihm wirklich zur Hilfe eilen, aber neue Hände hielten sie davon ab, zerrten an ihren Kleidern und versuchten ihre Hörner zu packen. Tava schrie aus Frust und Ärger und Angst - und dann wurde plötzlich alles still. Die Lacerta wichen von ihr und von Devon ab und als sie aufsah, entdeckte sie einen neuen Lacerta, dem der Rest rigoros Platz machte. Das war ein merkwürdiger Anblick, denn bisher hatte Tava den Eindruck bekommen, dass die Lacerta ein wilder Haufen waren, die sich alle irgendwie ebenbürtig waren, aber anscheinend war das doch nicht der Fall. Anscheinend gab es auch hier irgendeine Rangordnung, von der Tava nichts verstand. Aus ihrer Sichtweise hätte sie sowieso behauptet, dass Devon der ranghöchste wäre. Wie könnte es denn auch anders sein.
      Der Alte ließ zuerst seine Präsenz auf alle wirken, dann sprach er mit Devon, schroff und unfreundlich, wobei das auch ein normales Gespräch hätte sein können. Tava sah aus dem Augenwinkel, wie der Blonde sich wieder aufraffte und sie fixierte. Misstrauisch sah sie ihn an und senkte ihre Hörner in seine Richtung, als er auf sie zu gehumpelt kam. Ihre Warnung außer Acht lassend kam er näher und als er nahe genug war, rammte sie ihm die Hörner in den Magen - nur dass er schneller war. Mit einer beängstigend raschen Bewegung hatte er ihre Hörner eingefangen und drehte sie so, dass er sie plötzlich nach hinten zog - nach hinten und unten. Ihr Hals entblößte sich und ein furchtbares Grauen ließ sich in ihr nieder, als sie ihn nicht wieder mit ihren Hörnern verstecken konnte. Ihre Augen wurden groß und panisch und sie schlug mit sämtlichen Gliedmaßen nach dem Lacerta aus, damit er sie bloß loslassen würde, damit sie bloß nicht so schutzlos ausgeliefert war. Er hörte nicht auf sie, ihre Gegenwehr nur eine Lästigkeit, mit der er umgehen konnte, doch dann sprach er Alte etwas zu ihm und endlich ließ er sie los. Tava ruckte nach vorne und wirbelte mit den vorgelassenen Hörnern herum. Er wich ihr aus, noch während er mit dem anderen diskutierte und dann - endlich - zog er ab. Eine Welle der Erleichterung ergriff Tava und sie erzitterte regelrecht, während sie die Arme um ihren Oberkörper schlang. Das war grauenvoll gewesen. Von einem Lacerta angegrabscht zu werden war eine Sache, aber die Hörner in den Nacken gehalten zu bekommen? Furchtbar. Schrecklich. Sowas wollte sie nie, nie wieder in ihrem Leben erleben.
      Zum Glück zog jetzt auch der Alte ab, sodass Tava wirklich niemand mehr daran hindern konnte, zu Devon aufzuschließen. Erleichtert sah sie zu ihm auf, die Augen groß und sorgenvoll, nur um seine verkniffene Miene zu sehen zu bekommen.
      „Kannst du laufen, Tava?“
      "Ja. Ja."
      „Folg mir.“
      Bereitwillig zog sie ihm nach, nahe genug an Devon, um ihm beinahe in die Füße zu laufen. Die anderen Lacerta hielten zwar ihren Abstand ein, aber sie wurden noch immer angestarrt. Was auch immer vor sich gegangen war, es war noch nicht vorbei. Das hier schien nur wie ein Waffenstillstand.
      Sie erreichten Malleus, der völlig fertig aussah. Devon schwieg und hob den Mann in seine Arme hoch, bevor er weiter mit ihnen durch das Dorf ging. Tava hatte nicht mehr viel Energie übrig, die eigentümlichen Hütten zu betrachten und sah nur ein bisschen herum, als sie eine davon betraten. Drinnen war es wenigstens angenehm kühl und zum ersten Mal vollständig ruhig. Hier konnte sie seit Stunden mal wieder ordentlich ausatmen und sich entspannen.
      Nur, dass Devon andere Pläne hatte.
      „Ich hatte doch gesagt, ihr sollt nicht in den Wald kommen!“
      Er fuhr zu ihnen herum und auf seinem Gesicht war nun eine Art von Zorn zu sehen, die er draußen noch nicht gezeigt hatte. Tava zuckte schuldbewusst zusammen und hob den Kopf ein wenig. So hatte sie sich das Wiedersehen nicht vorgestellt.
      „Ihr hättet tot sein können! Ihr seid getrennt worden, wie lange hat es gedauert, bis meine Leute euch gefunden haben, hm? Stunden? Sicherlich keinen Tag. Malleus, die wollen dir die Haut abziehen, weil sie so was wie deine noch nie gesehen haben.“
      Tava sah kurz zu Malleus, der gänzlich ausgelaugt wirkte. Sie schluckte, denn das erklärte sicherlich, warum die Leute ihn ausgezogen hatten. Prompt musste sie an Escholon denken und erzitterte davon erneut.
      „Und Taschoren?"
      Sie zuckte wieder, weil Devons flammender Blick jetzt auf ihr lag.
      "Der will dich beanspruchen. Der will dich besteigen und wenn du einen Aufruhr veranstaltest, tötet er dich und behält deine Hörner als Trophäe!"
      Tava wurde bleich und legte den Kopf noch weiter zurück. Jetzt konnte sie nicht mehr aufhören zu zittern. Der Lacerta hatte was gewollt?
      "Es ist ein Wunder, dass ich noch atme und dann soll ich euch zeitgleich auch noch sicher halten? Ich kann nicht alles zeitgleich!“
      "Tut mir leid", sagte Tava kleinlaut und sah sich hilfesuchend zu Malleus um. "Das... haben wir nicht gewollt."

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    • Ein erlösender Schnitt befreite Malleus von den Fesseln. Endlich bekam er seine Hände frei, die er mit einem Ruck nach vorn zog und wie einen Schatz, den es zu behüten galt, gegen seine Brust drückte. Malleus warf Devon einen dankbaren Blick zu und wäre der beherzte Griff des Lacerta nicht gewesen, hätte er sich beschützend um seine Hände gekrümmt. Er ächzte, als das Blut schlagartig in seine tauben Glieder zurückfloss und seine steifen Muskeln gegen die plötzliche Bewegungsfreiheit schmerzhaft protestierten.
      Eine Atempause war Malleus nicht vergönnt. Devon erhob sich, als Tava seinen Namen rief, und der Kreis aus neugierigen Augen schloss sich wieder enger um den gebeutelten Mann am Boden. Noch hielten sie Abstand, doch wenige Sekunden später begann der Lacerta hinter Tava einen unverzeihlichen Fehler und trat damit eine Kette erbitterter, brutaler Ereignisse los. Devons entschlossener Gang stockte und bereits in der nächsten Sekunde preschte er, einer rohen Naturgewalt gleich, los. Der Kreis um Malleus schloss sich, doch er erhaschte noch einen letzten Blick auf Devon. Mit morbider und einer der lebensbedrohlichen Situation völlig unangemessenen Faszination beobachtete Malleus einen rasenden Devon, der seinen Gegner mit einem gewaltigen Sprung zu Boden riss.
      Zurückhaltung war das falsche Wort für die neugierigen und abschätzigen Blicke, die seine entblößte Haut begutachteten. Malleus begriff, ohne ein Wort verstehen zu können, dass die Brandnarben an seinem Körper alle Aufmerksamkeit bekamen. Die Lacerta versuchten eine Geschichte zu entziffern, die sie nicht lesen konnten. Die immer gleiche Geschichte, die sich überall auf seiner dunklen Haut abzeichnete. Ohne jegliche Furcht näherte sich ein Kind und streckte die Hand nach einem der Drachenköpfe an seinem Bein aus. Malleus versteifte sich. Es war nur ein Kind, ein kleiner Junge, und darin lag das Problem. Eine falsche Bewegung gegen ein Kind könnte sein Schicksal endgültig besiegeln, nachdem der Stamm bereits eine ganze Generation verloren hatte. Er konnte sie nun sehen, die Lücken in ihren Reihen. Der Kinderhand folgten erneut unzählige Hände, als sich auch die Erwachsenen mit Blicken allein nicht mehr zufriedengaben. Dieses Mal zerrten und rissen die Hände zwar nicht an ihm, aber die Qual für Malleus blieb unverändert. Unwillkommene Berührungen wanderten ungehemmt über seine nackte Haut wie die Fingerspitzen eines Blinden, der das erste Mal versuchte, Blindenschrift zu entschlüsseln.
      Erst als Hände an seinen Armen zogen um die geschwärzten Linien seiner Handrücken und Finger betrachten zu können, gab Malleus die Regungslosigkeit auf. Mit neu entflammter Vehemenz zog er die Grenze des Erträglichen und sperrte sich gegen die rabiate Behandlung. Ein tiefes Grollen löste sich aus Malleus' Kehle. Wütend, verzweifelt und dabei unendlich menschlich. Ein weiteres Mal landete er mit dem Rücken im Staub. Kräftige Finger schlossen sich um seine Handgelenke, aber Malleus hielt dagegen bis er glaubte, die Knochen müssten brechen. An diesem Punkt befand sein Verstand die Möglichkeit, wie ein verwundetes Tier um sich zu beißen, nicht länger als entwürdigend sondern als verlockend und angemessen.
      Ein Schrei zerriss die dramatische Szenerie, dann war alles unheimlich still.
      Das Kampfgetümmel und die Jubelrufe erstarben, das wilde Geflüster und Zischen in Malleus' Ohren verstummte und die Hände verschwanden. Die aufgestachelten Lacerta teilten sich für einen Mann, dessen Anwesenheit von allen Respekt einforderte. Malleus rollte sich auf die Seite, vergrub die Hände in aufgewühlter Erde und stemmte sich hoch. Mit gesenktem Blick verfolgte er den ergrauten Lacerta, der die Unruhe mit knappen und ruppigen Worten beendete. Die von Furcht umnebelten Gedanken hielten Malleus nicht davon ab, mit geschultem Ohr die Ruhe, die Weisheit des Alters mit sich brachte, aus den harschen Zischlauten herauszuhören. Der alte Mann musste der Älteste des Stammes und vielleicht der einzige vernunftbegabte Lacerta neben Devon im ganzen Dorf sein, der ihnen sein Gehör schenken würde.
      Mit Tava im Schlepptau kehrte Devon zurück. Ein trügerischer Frieden begleitete sie, der Malleus' Gemüt nicht beruhigte. Er hatte sich genug gesammelt um der Cervidia, die förmlich an Devon klebte, einen besorgten Blick zu schenken. Erst aus der Nähe fiel ihm auf, wie mitgenommen Tava wirklich aussah. Malleus verspürte das unstillbare Bedürfnis sich persönlich zu vergewissern, dass sie halbwegs unbeschadet aus dem Chaos hervorgegangen war. Dass es schlimmer aussah, als es war. Er wollte er Zuversicht und Mut zusprechen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Malleus war verstummt und als Devon ihn ungefragt vom Boden hob, senkte der Kultist beschämt den Blick. Wie erbärmlich musste er auf seine Gefährten wirken...Steif wie ein Brett verharrte er in den Armen des Lacerta, der mit Blut und Schweiß für ihre Dummheit bezahlt hatte.

      „Ich hatte doch gesagt, ihr sollt nicht in den Wald kommen!" Devons Wut zerschnitt die Luft wie ein Messer. „Ihr hättet tot sein können! Ihr seid getrennt worden, wie lange hat es gedauert, bis meine Leute euch gefunden haben, hm? Stunden? Sicherlich keinen Tag. Malleus, die wollen dir die Haut abziehen, weil sie so was wie deine noch nie gesehen haben.“
      Bei lebendigem Leib gehäutet zu werden, war eine grauenhafte Vorstellung und trotzdem brachte Malleus kaum ein halbherziges Zucken zustande. Ihm fehlte schlicht und ergreifend die Kraft dafür, schockiert zu sein. Das übernahm Tava, die sich auch Devon als Erste stellte, für ihn.
      „Und Taschoren? Der will dich beanspruchen. Der will dich besteigen und wenn du einen Aufruhr veranstaltest, tötet er dich und behält deine Hörner als Trophäe!", setzte Devon gnadenlos nach. "Es ist ein Wunder, dass ich noch atme und dann soll ich euch zeitgleich auch noch sicher halten? Ich kann nicht alles zeitgleich!“
      "Tut mir leid. Das... haben wir nicht gewollt."
      Malleus' Blick glitt zu Tava herüber, die am ganzen Leib zitterte wie Espenlaub, aber in Tel’Aquera gab es keinen Platz für Trost, für Sanftheit. Tatenlos richtete Malleus die dunklen Augen wieder gen Boden. Ganz langsam senkte er die Hände in seinen Schoß, die unaufhörlich und möglicherweise noch stärker zitterten als die Cervidia. Er wäre nicht einmal dazu in der Lage, einen seiner heißgeliebten Kohlestifte zu halten. Der Schock saß tief, darüber täuschte auch Malleus' versteinerte Miene nicht hinweg.
      „Was passiert ist, ist passierst. Wir leben noch und damit es so bleibt, halten wir die Köpfe unten", würgte er die Worte hervor. Der samtweiche, melodische Singsang war gänzlich aus seiner Stimme verschwunden. Malleus' Worte klangen roh, aufgerieben und brüchig.
      „Ich bezweifle, dass ich uns den Weg hier herausreden kann, selbst wenn Du für mich übersetzt Devon. Deine Leute geben einen Dreck auf das Wort eines Menschen", fügte er leiser hinzu, verärgert über den Missklang seiner eigenen Stimme.
      Mit unsteten Fingern tastete Malleus über die Stiefel, über das einzige Kleidungsstück, dass die Attacke unversehrt überstanden hatte. Eine gefühlte Ewigkeit kämpfte er mit den Schnürsenkeln. Dabei schenkte er Tava einen flüchtigen Blick, der einen Bruchteil der vertrauten Weichheit erahnen ließ.
      "Bist du in Ordnung?", murmelte er versöhnlich. Er hoffte, dass Tava es war, zumindest soweit es ging.
      Devons Worte ließen zwar darauf schließen, dass der andere Jäger noch nichts getan hatte, aber Malleus musste es hören.
      Ächzend streifte Malleus den ersten Stiefel ab und langte hinein. Als er die Hand hervorzog, kam eines der versteckten Messer hervor. Ohne eine Erklärung abzugeben, rammte Malleus die Klinge in den Boden der Hütte und begann ein Loch zu graben. Er hielt lediglich kurz inne, um Devon anzusehen. Der Lacerta war über und über mit alten und neuen Blessuren übersät.
      "Ich würde Dich dasselbe fragen, obwohl ich die Antwort schon kenne", raunte Malleus mit einem unangebrachten Zucken seiner Mundwinkel. Unter Devons stechendem Blick seufzte er lang und schwer. Er musste es hören. Drei Tage waren eine lange Zeit, in der viel geschehen konnte. Die Schnitte auf seinem Rücken brannten, doch Malleus hieß das Gefühl willkommen. "Trotzdem...[i][/i]bist du in Ordnung?"
      Das Loch im Boden war mittlerweile groß genug, dass Malleus das Messer hineinlegen konnte. Er verscharrte das Messer kurzerhand in dem notdürftigen Versteck. Die Klinge konnten sie ihm nicht mehr abnehmen und wer wusste schon, wozu das noch einmal gut war. Alles andere hatten sie ihm schon genommen, inklusive seiner Würde.
      Nachdenklich begann er, seine Finger zu kneten. Dreck haftete unter den säuberlich, gestutzten Nägel und verkrustete die kleinen Fältchen der Fingergelenke. Vielleicht gab der Lacerta-Stamm nichts auf die Worte eines Menschen, aber vielleicht existierte eine andere Möglichkeit. Sie mussten Devon an den Neuankömmlingen bereits bei Ankunft gewittert haben. Vermutlich mehr an Tava als an ihm selbst, aber Malleus hatte die verblassenden Bissabdrücke getragen. Er dachte an Devon, der vor dem Ältesten kniete und an den Morgen, an dem Devon ihn aufgefordert hatte, dasselbe zu tun um seine Worte zu bekräftigen. Kaum klarte sein Verstand auf, stürzte sich Malleus die Fakten, die ihm zur Verfügung standen. Er ging all die kleinen Momente in seinem Kopf durch. Es besänftigte den unaufhörlichen Strudel aus Erinnerungen und doch half es nicht gegen das Zittern seiner Hände.
      „Die Wahrheit, Devon. Wie stehen unsere Chancen, dass sie uns alle Drei gehen lassen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Tut mir leid. Das… haben wir nicht gewollt.“
      Selbstverständlich hatte niemand gewollt, dass die gesamte Situation so ausartete. Es war reines Glück für Tava und Malleus, dass man Devon beim Eintreffen im Dorf nicht direkt enthauptet hatte. Ohne ihn wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen in der Sekunde, in der ein einziger Lacerta seine Hand auf ihre Körper gelegt hatte. So war es nun ein Kräftemessen zwischen Devon und dem Rest seines Volkes. „Das ist mir klar“, entsprechend schroff fiel seine Antwort darauf aus.
      Als sich Malleus dazu äußerte, schnaubte der Jäger. „Die Köpfe unten halten wird euch nicht viel bringen. Sie wissen, dass ihr hier seid. Wie ein Fremdkörper. Dabei hatten sie durch mich schon einen.“ Er konnte nicht weiter herumstehen. Seine Füße bewegten sich bevor er daran dachte und ließen ihn den Raum auf und ab wandern. Immer wieder, pausenlos. Dabei flog sein Blick zwischendurch zu Malleus und Tava, die beide mehr als erschüttert waren. Er selbst war es auch, ihm brannten Muskeln und Knochen. Wenn er jetzt auch noch durchblicken ließ, wie ihn die Lage mitnahm, dann gäbe es kaum noch einen Hoffnungsschimmer. Die gesamte verdammte Hütte stank nach Angst und Adrenalin. Es war erdrückend.
      „Ich würde dich dasselbe fragen, obwohl ich die Antwort schon kenne“, raunte Malleus, während Devon weiterhin marschierte. Hin und wieder hielt der große Mann, um einen Blick durch das halb verhangene Fenster nach draußen zu werfen, ehe er seinen Weg fortsetzte. „Trotzdem… bist du in Ordnung?“
      „Als ich kam, ist eine Panik ausgebrochen. Sie sind mit bestimmt zwanzig Mann auf mich eingestürzt und haben mir alles entrissen.“ Der Gedanke daran war unrühmlich. Schließlich hatte er es mit Drachen aufgenommen, dutzenden Menschen und anderem Gesocks. Aus allem war er siegreich hervorgegangen, aber unter dieser Masse an Lacertas hatte er sich geschlagen geben müssen. Als man ihm die Haut abnahm und sie entrollte, war eine Totenstille eingekehrt, bevor die richtige Hölle losbrach. „Ich bin’s nicht mehr gewohnt, auf Augenhöhe zu kämpfen. Daher die ganzen Blessuren.“ Die wenigen Kleider sorgten dafür, dass er keinen Fleck und keine Wunde wirklich kaschieren konnte. Stammeslacerta taten dies gar nicht, sein Versuch wäre als Zeichen der Schwäche gewertet worden.
      Schatten zogen am Fenster vorbei, Devon versteifte sich, den Kopf leicht gesenkt. Als nach ein paar Sekunden nichts geschah, setzte er seinen Weg fort.
      „Die Wahrheit, Devon. Wie stehen unsere Chancen, dass sie uns alle Drei gehen lassen?“
      Devon blieb stehen und richtete den Blick auf den Mann am Boden. Von der üblichen Eleganz, wie sich der Kultist gab und sprach, war nichts mehr übrig. Schon einmal hatte Devon erlebt, wie sehr sich Malleus‘ Verhalten und Ausstrahlung wandeln konnte, aber das hier übertraf alles bei Weitem. Es vergingen etliche Sekunden. Dann beantwortete er die Frage: „Schlecht. Mich dulden sie nur, weil ich Escholons Haut und die Erklärung gebracht habe, was mit den Kindern passiert ist. Und das auch nur, weil der Älteste es so forderte. Aber ihr? Als Mensch hätten sie dich eigentlich schon an Ort und Stelle aufspießen müssen. Haben sie aber nicht, weil du nach mir riechst.“ Als Veranschaulichung tippte sich der Lacerta gegen die eigene Nase. „Ähnliches gilt für Tava. Ihr habt das Dorf gesehen und wisst, wo es liegt. Das ist Wissen, welches sie nicht preisgeben werden. Ich muss für Malleus darum kämpfen, dass sie ihn nicht umbringen und für Tava, damit kein anderer Kerl sie beansprucht.“
      Er zog die Nase kraus, als widere der Gedanke allein ihn an. Es reichte, damit er seinen Pfad verließ und zu Tava ging, die noch immer einfach zitternd da stand und nicht wusste, wohin mit sich. Trotz seiner Flecken, Schrammen und Blessuren schlang er einen Arm um sie und zog sie fest an sich. Vielleicht eine Spur zu fest, aber der Gedanke an Taschoren war noch zu frisch. Wie er sie angefasst hatte. Die Gedanken, die man in seinen Augen hatte lesen können. Devon musste sich einfach zu Tava hinabbeugen und seine Nase in ihrem verfilzten Haar vergraben. Blut, Schweiß, Angst, Erleichterung, sich selbst – der martialische Duftcocktail ließ ihn zeitweise ein wenig seiner Unruhe vergessen.
      „Es werden Nachfragen wegen deiner Brandmale kommen, Malleus. Wenn du eine Chance darauf haben willst, zu gehen, dann spiel mit und bezahl den Preis, wenn sie einen fordern. Tava wird vermutlich auch einen gestellt bekommen, aber nur, wenn ich sie gegen alle anderen Interessierten verteidigen kann.“
    • Malleus' Blick folgte Devon. Wie der Lacerta durch die eigene Hütte streifte, ging über Wachsamkeit hinaus. Kultist und Jäger hatten an diesem wilden, bedrohlichen Ort die Rollen getauscht. Malleus verstand das Bedürfnis, Augen an allen Türen und Fensterns gleichzeitig zu besitzen. Obwohl er Devon vertraute, stellte sich angesichts ihrer Lage kein Gefühl von Sicherheit ein.
      „Als ich kam, ist eine Panik ausgebrochen. Sie sind mit bestimmt zwanzig Mann auf mich eingestürzt und haben mir alles entrissen. „Ich bin’s nicht mehr gewohnt, auf Augenhöhe zu kämpfen. Daher die ganzen Blessuren", antwortete Devon und Malleus nickte verstehend.
      Eine Bewegung am Fenster lenkte Devon ab. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft in Tel’Aquera, dass er Devon wirklich ansah ohne das Echo dutzender Hände auf seiner Haut, die seine Wahrnehmung in Stücke rissen. Der Jäger sah schlecht aus, aber er atmete noch. An einem Ort wie diesem, dachte Malleus, war das eine Menge wert. Es war alles, was zählte.
      Als Devon sich umdrehte und seinen Blick erwiderte, flackerte etwas in den dunklen Augen des Kultisten. Ein flüchtiger Ausdruck von Verständnis und gleichzeitig abgrundtiefer Niedergeschlagenheit durchzuckte die Schwärze seiner Augen, die alles Licht verschluckte, dann senkte Malleus den Blick zu Boden und unterband den Blickkontakt. Er kannte die Antwort, bevor Devon den Mund aufmachte.
      'Schlecht.'
      'Mich dulden sie nur.'
      'Als Mensch hätten sie dich eigentlich schon an Ort und Stelle aufspießen müssen.'

      Ein grimmiger Zug zerrte an Malleus' Lippen.
      "...haben sie aber nicht, weil du nach mir riechst. Ähnliches gilt für Tava. Ihr habt das Dorf gesehen und wisst, wo es liegt. Das ist Wissen, welches sie nicht preisgeben werden. Ich muss für Malleus darum kämpfen, dass sie ihn nicht umbringen und für Tava, damit kein anderer Kerl sie beansprucht.“
      Mit zitternden Fingern zerrieb Malleus den Dreck unter seinen Fingerspitzen.
      "Du kannst uns nicht immer im Auge behalten und wir können uns nicht bis zum Rest unserer Tage in deiner Hütte verstecken." Es war keine Frage sondern eine Feststellung. Leises Gemurmel folgen. Für eine Sekunde schien Malleus die Worte an niemand bestimmten im Raum zu richten, außer an sich selbst und der Stimme in seinem Kopf. "Sie werden versuchen uns wieder zu trennen und es gibt nicht viel, was wir dagegen unternehmen könnten."
      Seufzend fuhr er sich über das schweißnasse Gesicht und rieb sich die Augen, die von Rauch und Staub brannten.
      „Es werden Nachfragen wegen deiner Brandmale kommen, Malleus. Wenn du eine Chance darauf haben willst, zu gehen, dann spiel mit und bezahl den Preis, wenn sie einen fordern. Tava wird vermutlich auch einen gestellt bekommen, aber nur, wenn ich sie gegen alle anderen Interessierten verteidigen kann.“
      Er knirschte mit den Zähnen.
      "Wenn deine Leute wüssten, wer ich bin, würden sie mir die Zunge herausschneiden", raunte Malleus mit angeschlagener Stimme. "Aber dann müssten sie mir auch die Hände abschlagen, damit ich niemandem eine Karte zu diesem Ort zeichnen kann. Sie müssten mir die Augen ausstechen, damit ich den Weg nicht zurückfinde. Was bleibt, dann noch übrig, Devon?"
      Malleus sah zu dem Mann auf, der Tava fest an sich drückte. Stille hüllte den Kultisten ein wie eine schwere Decke, drückte seine Schultern und seinen Kopf herunter bis er den Blick wieder abwenden musste.
      "Sollen sie fragen. Sollen sie ihren Preis fordern. Ich bin bereit zu sterben, seit ich aus den brennenden Trümmern meines Heims gekrochen bin. Mein Leben gehört seit diesem Tag nicht mehr mir, vielleicht ist es Zeit, dass ich die geliehene Zeit zurückgebe."
      Wieder ein langer Atemzug, dann...
      "Wenn sie dich vor die Wahl stellen, auf irgendeine Weise, beschütz Tava. Das kannst du für mich tun, oder Devon?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Das ist mir klar, dass ich nicht ständig aufpassen kann. Deswegen habe ich gesagt, dass ihr wegbleiben sollt“, zischte Devon hörbar angesäuert. So hart seine Stimme klingen mochte, Tava litt nicht unter seinem bestimmten Griff. Am liebsten hätte er sie nicht mehr losgelassen, da er wusste, dass da draußen nur Tiere auf sie warteten. „Ihr könnt euch nicht mit ihnen unterhalten, also müsst ihr über Körpersprache reagieren. Ich werde euch das Wichtigste erklären und was ihr tunlichst unterlassen solltet.“
      Die Ausgangslage war alles andere als gut. Sie bewegten sich auf geliehener Zeit und es rumorte in Devons Kopf, wie zur Hölle er Tava und Malleus wieder hier heraus bekommen sollte. Sein eigenes Urteil war noch nicht einmal gesprochen und jetzt waren die Zwei auch noch hier. Zu viele Baustellen mit zu großer Brisanz, als dass er sich um alle gleichzeitig kümmern konnte.
      „Wenn deine Leute wüssten, wer ich bin, würden sie mir die Zunge herausschneiden“, raunte Malleus schließlich und Devon lächelte ungesehen düster.
      „Ich fürchte, du schreibst dir selbst zu viel zu. Die kennen die Sagen von Adrastus und deinen Kult hier nicht. Hier dringt kaum etwas von außen rein. Du betest einen Drachen an? Schön, dann bist du eben durchgeknallt.“
      „Aber dann müssten sie mir auch die Hände abschlagen, damit ich niemandem eine Karte zu diesem Ort zeichnen kann. Sie müssten mir die Augen ausstechen, damit ich den Weg nicht zurückfinde. Was bleibt dann noch übrig, Devon?“
      „Genau da liegt das Problem.“ Devon hob den Kopf aus Tavas Haarschopf und begann, Blätter, Äste und verirrte Strähnen heraus zu zupfen. „Entweder sie fordern deinen Tod und lassen dich nicht gehen oder ihnen fällt etwas anderes ein. Unterschätz den Ältesten nicht.“
      Immerhin hatte er veranlasst, die Malachitklinge bei sich aufzubewahren. Und ihn nicht direkt zu enthaupten. Der Älteste hatte sich Devons Bericht anhören wollen und verlangt, dass er sich behauptete, um überhaupt ein Anrecht auf Bedenkzeit zu gewinnen. Das hatte er geschafft und nun wartete er, bis seine Zeit abgelaufen war. So langsam setzte sich die wilde Gedankenwelt des Lacertas, während er mantragleich an Tavas Haar werkelte. Ihm würde schon etwas einfallen. Tat es schließlich immer.
      Und dann war es Malleus, der die ruhigen Gedanken wieder in ein komplettes Desaster verwarf. „Sollen sie fragen. Sollen sie ihren Preis fordern. Ich bin bereit zu sterben, seit ich aus den brennenden Trümmern meines Heims gekrochen bin. Mein Leben gehört seit diesem Tag nicht mehr mir, vielleicht ist es Zeit, dass ich die geliehene Zeit zurückgebe.“
      Devon stellte die Bewegungen seiner Hand ein und wurde kaum merklich größer. Ganz langsam drehte er den Kopf über seine Schulter, bis er Malleus ins Blickfeld fassen konnte.
      „Wenn sie dich vor die Wahl stellen, auf irgendeine Weise, beschütz Tava. Das kannst du für mich tun, oder, Devon?“
      Seine Gedanken überschlugen sich, als sämtliche Emotionen aus seinem Gesicht abfielen. Mit geweiteten Augen starrte er den am Boden sitzenden Mann nieder, der kaum noch etwas am leibe trug. Steife Arme gaben Tava frei, als er sich Schritt um Schritt in Malleus‘ Richtung kämpfte. Noch während des Gehens streckte er den Arm nach hinten aus und zeigte auf die Cervidia in seinem Rücken. „Hast du sie gefragt? Einen Gedanken an sie verschwendet?“
      Devon stieg über Malleus‘ Beine und hockte sich vor den Mann. Hemmungslos umschlangen seine Finger die Kehle des Kultisten, hielten ihn an Ort und Stelle und zwangen ihn zeitgleich dazu, zu dem Jäger aufzusehen. Dessen rote Augen schienen im Schatten nahezu zu glühen, mit solch einer Intensität bedachte er den Menschen. „Du wirst dein Leben nicht verwirken. Du willst geliehene Zeit zurückgeben? Dann reiß ich sie eben an mich. Keiner von meinen Stammesleuten wird mir etwas nehmen, das mir gehört. Hast du das verstanden?“
      Er warf einen eindringlichen Blick über die Schulter zu Tava.
      „Habt ihr das verstanden?“
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