Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Hitze pulsierte unter seiner Haut. Das änderte sich auch nicht, als Devon ihn erschreckend leicht auf die Kommode beförderte, die unter der erneuten Belastung lautstark protestierte. Malleus besaß nicht die Energie pikiert über die Behandlung auszusehen. Vom Boden aufgehoben zu werden wie ein Kind gehörte sich für den Anführer eines berüchtigten Kultes nicht. Allerdings gehörte es auch sicherlich auch nicht sämtliche Pflichten über Bord zu werfen und sich auf eine Stelldichein mit einem Lacerta und einer Cervidia einzulassen. Träge schüttelte Malleus den Kopf. Ihm fehlte auch die nötige Energie um seine Entscheidung zu hinterfragen. Sein Verstand fühlte sich herrlich leicht an und das Glühen seiner Haut ähnelte eher einer behaglichen Wärme als dem beißenden Brennen eines Eisens.
      Malleus durchzog ein Zittern, als die Devon jegliche Berührung abbrach und ein Hauch kühler Luft über seinen schweißnassen Oberkörper streifte. Der Bruch kam plötzlich wenn auch nicht unerwartet, nur...zu früh. Es dauerte einen Moment bis Malleus' Verstand zu seinem Körper aufschloss. Für das Zittern war nicht allein die Kälte verantwortlich, denn in der Sekunde als der Lacerta zurücktrat, fiel auf einen Schlag sämtliche Anspannung von ihm ab. Während sein Blick dem Mann folgte, der nun Tava vom Boden aufhalf und ihr sanft das Haar zurückstrich, kehrte der Schmerz zurück. Den nächsten Atemzug begleitete ein leises, pfeifendes Geräusch.
      Alles tat weh.
      Trotzdem normalisierte sich Malleus' Gesichtsausdruck. Der Nebel über seinen Augen lichtete sich, der fiebrige Ausdruck darin kühlte langsam ab. Er schenkte Tava ein warmes Lächeln und ließ sich im Anschloss von ihr zurück in sein Hemd helfen. Devon gesellte sich zu ihnen und half ihm gemeinsam mit Tava zurück in seine Kleidung. Malleus schlug für den Bruchteil einer Sekunde den Blick nieder. Es berührte ihn auf eine unerwartete und befremdliche Art, wie sich beide rücksichtsvoll um ihn kümmerten. Grenzen bröckelten, Linien verwischten und doch verlangte niemand das Unmögliche über Nacht. Für den Respekt und die Rücksicht die Tava und Devon ihm entgegenbrachten, fand er keine Worte.
      „Wir sind nicht auf der Flucht. Ihr könnt hierbleiben und Malleus ausheilen lassen, während ich nach Tel’Aquera gehe. Das dürfte… genug Zeit sein, schätze ich."
      Malleus hielt inne. Er war gerade dabei sich seinen zweiten Handschuhe überzustreifen, der seinen Weg zurück zu ihm gefunden hatte. Die Erleichterung, die er dabei empfand, schlug in milde Frustration um. Devon wollte das jetzt besprechen?
      "Du willst das jetzt ausdiskutieren?", sprach er seine Gedanken laut aus.
      "Manchmal möchte ich dich rammen, Devon."
      Das ist mein Mädchen, dachte Malleus.
      Doch die Belustigung hielt nicht lange an.
      "...Wir werden nicht hier warten und uns ausruhen, während du nach Tel'Aquera gehst. Wir sind doch ein Team, oder?"
      Er verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Tava hat Recht. Ich dachte, wir waren uns in dem Punkt einig."
      Weniger elegant als er sich wünschte, glitt Malleus von der Kommode während Tava weitersprach und wenig angetan von Devons Idee war. Sie sprach ihm damit von der Seele. Langsam näherte sich Malleus und blieb beinahe exakt mittig zwischen Lacerta und Cervidia stehen. Er ließ sich Zeit, als er von links nach rechts und wieder zurücksah.
      Zuerst sah er Tava an.
      "Ich denke nicht, dass Devon gleich heute Nacht verschwinden will, Tava. Wenn Tel'Aquera so gefährlich ist, wie er sagt, wird seine Kräfte brauchen", versuchte er Tava zu beschwichtigen.
      Sein Kopf dröhnte. Es war der denkbar falsche Moment um erneut ihre Dynamik auszudiskutieren. Malleus drehte den Kopf in Richtung Devon und ein dezentes Zucken in seinem Kiefer verriet, dass er den Biss bei der kleinen Berührung allzu deutlich spürte.
      "Wir sind dir einmal gefolgt und haben dich gefunden. Das können wir wieder. Aber Tel'Aquera ist keine Menschensiedlung und der Dschungel kein gezähmtes Land. Wir sind sicherer, wenn wir zusammen bleiben. Alleingänge haben uns in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gebracht."
      Bevor Devon protestieren konnte, neigte Devon leicht das Kinn auf seine Brust und schüttelte den Kopf.
      "Es geht mir hier nicht um die Frage der Schuld, Devon. Ich hätte euch in Oratis nicht mit Schweigen strafen und im Ungewissen über mein Vorhaben lassen dürfen, weil mein Stolz verletzt war. Tava hätte uns sagen müssen, dass es ihr nicht gut geht, bevor sie fast das halbe Hauptquartier meiner Leute abfackelt. Wir haben uns alle nicht mit Ruhm bekleckert."
      Malleus' Stimme verlor zu keinem Zeitpunkt seine Ruhe.
      Der noch angeschlagene, kratzig Unterton nahm ihm zu seinem eigenen Bedauern ein wenig die Nachdrücklichkeit.
      Er sah wieder abwechselnd zu Devon und Tava.
      "Was ich sagen will: Wir alle brauchen einen Moment zum Durchatmen", sagte Malleus nun fast sanft. "Zum Trauern. Um Zweifel auszuräumen. Um zur Ruhe zu kommen. Um zu begreifen was wir sind und sein wollen. Sobald wir diesen Hof verlassen, befürchte ich, ist diese Gelegenheit vorbei. Und sie kommt nicht so schnell zurück."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Du willst das jetzt ausdiskutieren?“
      Wann denn sonst? Noch nie war Devon der Typus gewesen, der Notwendigkeiten länger als nötig aufschob. Es wäre leichter gewesen, einfach zu gehen, aber das hielt er in ihrer Konstellation nicht mehr für richtig. Er würde den beiden klarmachen müssen, weshalb sie nicht mit nach Tel’Aquera kommen würden und das, indem er das Pflaster so schnell abriss wie nur möglich.
      „Manchmal möchte ich dich rammen, Devon.“
      „Das lässt du schön bleiben“, funkelte der Jäger die Cervidia an, ehe sie fortfuhr und von ihrem Teamdasein sprach. Ein Team… Für einen kurzen Moment dissoziierte Devons Blick, bevor sich die übliche Resolution in ihrem breit machte. Gedehnt seufzte er, als sich Malleus vom Schrank gleiten ließ und sich schließlich zwischen Tava und Devon platzierte. Dem Seufzer folgte ein Schnauben; er erachtete es als übertrieben, sich als eine Art Blockade zwischen ihr und ihm aufzubauen. Da brodelte keine Wut oder Frust in seiner Brust. Die vergangenen Minuten sorgten auch bei ihm für einen eher ausgeglicheneren emotionalen Zustand.
      „Ich will nicht jetzt und sofort gehen. Das habe ich auch schon gesagt. Wenn ich da so auftauche, dann kann ich mich nicht gut genug zur Wehr setzen. Ich sammele mich und dann werde ich gehen. Ohne euch, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich von euch weg will, sondern dass ihr nicht da sein dürft“, sagte Devon und schüttelte dabei sachte den Kopf.
      „Wir sind dir einmal gefolgt und haben dich gefunden. Das können wir wieder. Aber Tel'Aquera ist keine Menschensiedlung und der Dschungel kein gezähmtes Land. Wir sind sicherer, wenn wir zusammenbleiben. Alleingänge haben uns in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gebracht."
      Da ließ der Jäger nun doch die Zähne knirschen. Dass sie ihn gefunden hatten, selbst auf dieser offenen Strecke, war bemerkenswert gewesen. Aber in Tel’Aquera ging es nicht darum, ihn zu finden. Es ging darum, nicht gefunden zu werden. Nicht umsonst war der Wald nicht kartografiert und erkundet. Nicht umsonst hielten die Menschen, Cervidia und Felitas Abstand von dem mit Drachen verseuchten Wald. Hatten die zwei so wenig Selbsterhaltungstrieb, dass sie alle Warnungen einfach über Bord warfen? Selbst, nachdem der Lacerta selbst gesagt hatte, welche potenzielle Gefahr auf ihn warten würde?
      Ungehindert fuhr Malleus fort und ließ Devon damit keinen Freiraum, um etwas zu erwidern. Dafür bekam er nun endlich erklärt, dass es eine Sache des Stolzes war, weshalb Malleus sich in Oratis so aufgeführt hatte. Und dass es Tava scheinbar nicht gut gegangen war. Zwei Sachen, die ihm nicht aufgefallen waren. Vermutlich, weil er den Blick bewusst abgewendet hatte.
      "Was ich sagen will: Wir alle brauchen einen Moment zum Durchatmen", sagte Malleus nun fast sanft. "Zum Trauern. Um Zweifel auszuräumen. Um zur Ruhe zu kommen. Um zu begreifen was wir sind und sein wollen. Sobald wir diesen Hof verlassen, befürchte ich, ist diese Gelegenheit vorbei. Und sie kommt nicht so schnell zurück."
      In diesen Sätzen steckten allerdings ein paar Wahrheiten, mit denen sich der Jäger ungern auseinandersetzen wollte. Unangenehme Themen, die man leichter beiseiteschieben konnte als sich wirklich mit ihnen zu beschäftigen. Deswegen wandte sich Devon schließlich auch einfach ab und kehrte ins Zimmer mit dem achtlos stehengelassenen Essen zurück. Die Tür ließ er auf, sodass seine Stimme problemlos durch sämtliche Räume schallte. „Ich sag’s nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn ich euch mitnehme, dann sterbt ihr.“ Es war nicht unbedingt fair den zweien gegenüber, diese Worte nicht in ihre Gesichter zu sagen, aber vielleicht war das besser, damit Tava ihn nicht wirklich rammte. „Als Ausgestoßener kann es sein, dass sie selbst mich nicht nochmal gehen lassen. Aber wenn ich jetzt eine Cervidia und dann noch einen Menschen mit ins Herz des Stammes nehme, werten sie es als direkten Angriff. Man wird euch auf der Stelle enthaupten und das werde ich nicht zulassen. Deswegen kommt ihr nicht mit.“
      Devon hatte sich vor den Kessel gehockt, um etwas Holz nachzulegen, damit der unglaublich langweilige Eintopf wieder warm wurde. Das, was in ihren Tellern war, war unlängst erkaltet. Mit tiefen Atemzügen pustete er Luft in die Glut, um das Feuer wieder in Gang zu bringen. Es herrschte einige Herzschläge lang Stille, dann setzte er wesentlich sanfter hinterher: „Wenn’s soweit ist, dass ich gehen sollte, dann sprechen wir da noch einmal drüber. Ich erzähl euch dann alles, was ihr wissen wollt, aber bitte seht es mir nach, dass ich euch nicht wissentlich direkt in den Tod laufen lassen kann, ja?...“
    • „Wir sind dir einmal gefolgt und haben dich gefunden. Das können wir wieder. Aber Tel'Aquera ist keine Menschensiedlung und der Dschungel kein gezähmtes Land. Wir sind sicherer, wenn wir zusammenbleiben. Alleingänge haben uns in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gebracht."
      Tava nickte bekräftigend, denn besser hätte sie es selbst auch nicht ausdrücken können. Wenn Devon sie wirklich davon abhalten wollte, mit ihm zu gehen, konnte er das ja machen, aber dann hatte er auch die Verantwortung zu tragen, was mit Malleus und Tava alleine auf dem Weg geschehen könnte. Und von seinen knirschenden Zähnen zu schließen, konnte er das nicht mit sich vereinbaren. Nun, es war sein Dilemma, das er hier ausfechten musste; für Malleus und Tava war die Sache ganz klar. Da gab es nichts weiter zu diskutieren.
      Unwirsch drehte Devon sich um und marschierte aus dem Raum hinaus. Eine deutliche Niederlage für ihn und ein Sieg für Malleus und Tava, die ihm zufrieden mit erhobenem Kopf folgte. Sollte er ruhig noch einmal versuchen, es ihnen auszureden, sie würden sich seinem Willen nicht beugen.
      „Ich sag’s nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn ich euch mitnehme, dann sterbt ihr.“
      "Auch nicht mehr als sonst", gab Tava zurück.
      „Als Ausgestoßener kann es sein, dass sie selbst mich nicht nochmal gehen lassen. Aber wenn ich jetzt eine Cervidia und dann noch einen Menschen mit ins Herz des Stammes nehme, werten sie es als direkten Angriff. Man wird euch auf der Stelle enthaupten und das werde ich nicht zulassen. Deswegen kommt ihr nicht mit.“
      Das war ein unangenehmes Bild, das Devon da für sie schuf, aber Tava war dennoch der Überzeugung, mit ihm zu gehen. Sicher spitzte er die ganze Lage nur ein wenig zu, um sie letzten Endes doch noch zum Hierbleiben zu überreden.
      "Wir werden eine Lösung finden, in der niemand enthauptet oder festgehalten wird. Okay?"
      Sie sah sich zur Bestätigung nach Malleus um, der hinter ihr aus dem Badezimmer schlich. Wenn es denn überhaupt eine solche Lösung gab - aber wenn schon, würden sie sie finden. Bei allen vier Feuern, sie hatten sich doch schon mit zwei Drachen abgemüht und hatten gewonnen und jetzt sollten sie an Lacerta scheitern, mit denen man reden und verhandeln konnte? Ganz sicher nicht. Da konnte Devon noch so viel behaupten, wie er nur wollte.
      „Wenn’s soweit ist, dass ich gehen sollte", sagte Devon etwas sanfter, "dann sprechen wir da noch einmal drüber. Ich erzähl euch dann alles, was ihr wissen wollt, aber bitte seht es mir nach, dass ich euch nicht wissentlich direkt in den Tod laufen lassen kann, ja?...“
      Das war dann noch eher akzeptabel und Tava gewährte es ihm. Wenn es soweit war, würde Malleus sicher die richtigen Worte finden, um Devon davon zu überzeugen. Ganz bestimmt.
      Noch einmal setzten sie sich an den Tisch, um ihr Abendessen zu beenden. Die Luft schien noch etwas unter Spannung zu stehen, sie alle an die bevorstehende Reise erinnert, aber es war auch spürbar gemütlicher. Tava jedenfalls fühlte sich ganz großartig, entspannt wie sie war und völlig losgelöst von allen ihren Problemen. Sie hatte ein warmes Essen, sie hatte ein warmes Haus, ein hübsches Feuer, einen tollen Orgasmus und zwei Männer, die ihr Gesellschaft leisteten. Sie fühlte sich großartig. Tel'Aquera konnte ruhig kommen, Tava würde für alles vorbereitet sein. Ob Lacerta feuerfest waren?

      In dieser Nacht schliefen sie alle zusammen zum ersten Mal nach all den Monaten gemeinsam in einem Bett. Nicht ohne Probleme natürlich: Malleus bestand erst darauf, dass er viel lieber vor dem Kamin schlafen würde und Devon breitete seinen langen Körper so über das Bett aus, dass nichts mehr darauf Platz hatte. Tava diskutierte mit Devon, dass er den Kopf einzog, damit sie sich um ihn rollen konnte, und Malleus verdonnerte sie dazu, auch im Bett zu schlafen. Es benötigte ein paar überzeugende Argumente - größtenteils in Hornform - um beiden Männern ihren Willen aufzuzwingen, aber schließlich zwängten sie sich alle auf das Doppelbett. Das stimmte Tava unglaublich glücklich. Sie schmiegte sich an Devons langen Körper, der unter ihr ganz steif wurde, und passte auf, Malleus mit den Händen und Beinen nicht zu nahe zu kommen. Es war vielleicht nicht ganz bequem, aber das machte nichts; die Gemeinsamkeit machte jede Unbequemlichkeit wieder weg. Sie hätte das gemütlichste Bett der Welt eingetauscht gegen den gemeinsamen Haufen, den sie jetzt bildeten. Zufrieden kuschelte sie sich an Devon und ließ sich von seiner Nähe in den Schlaf lullen.
      Dafür zahlten es ihr am Morgen ein steifer Rücken, schmerzende Schultern und ein unangenehmer Nacken heim, aber Tavas Glückseligkeit hielt an. Wie hätte es auch nicht sein können, wenn sie in diesem Bett aufwachte, Devon neben ihr, Malleus in Reichweite daneben? Sie hätte die Welt küssen können, so zufrieden fühlte Tava sich. Ob das noch an ihrem Orgasmus lag? Sie würde das in einem Selbstexperiment einmal nachprüfen müssen. Malleus und Devon würden ihr dabei sicher tatkräftig zur Seite stehen.
      Mit den ersten Sonnenstrahlen stand sie auf, pünktlich wie immer, sammelte ihre Klamotten ein und tapste leise nach draußen. Das Haus war erstaunlich ruhig und friedlich, so leise wie es war und so wenig Geräusche von draußen herein kamen. Für Tava war es ungewohnt; sie übernachtete kaum woanders als in Gasthäusern und in dem vergangenen Jahr hatte sie nur durch Malleus in einem Haus geschlafen, das dafür aber auch von Kultisten gewimmelt hatte. Sie war es schlicht nicht gewohnt, so viel Freiheit und Ruhe zu haben, aber das war auch nichts schlechtes. Im Gegenteil, Tava würde viele Dinge finden, die sich mit einer kleinen Küche und einem unbewohnten Haus anstellen ließen. Die beiden Männer konnten da ruhig noch ein paar Stunden weiterschlafen.
      Zufrieden vor sich hin summend beschaffte sie genug Wasser vom Bach, um den wieder vollen Kessel über das entfachte Feuer zu hängen. Während sie auf das zu kochende Wasser wartete, wühlte sie in ihrem Rucksack und begann ihre Ausrüstung vom Rucksack auf den Tisch zu räumen. Dabei stieß sie auf ihre morgendliche Phiole und leerte den letzten Rest in einem Zug. Es schmeckte unangenehm, aber was tat das schon nicht? Tava hatte sich unlängst an den Geschmack gewöhnt und verzog nur ein bisschen das Gesicht, als sie die jetzt leere Phiole auf den Tisch stellte. Sie würde sie auswaschen müssen, aber am besten nicht in den Bach kippen. Nur zur Sicherheit. Vielleicht in ein Erdloch? Sie dachte fröhlich darüber nach, kramte dabei nach ihrem Buch, zog es hervor und schlug es auf. Wo schüttete sie sowas denn sonst immer hin? Eine Phiole hielt immer gefühlte Ewigkeiten und die letzte hatte sie sogar vor Celestia leer gemacht. Konnte man das eigentlich wegbrennen? Wahrscheinlich nicht zuverlässig. Leise summend suchte sie die betreffende Seite und setzte einen Strich zu den vielen, bereits vorhandenen Strichen. Danach suchte sie nach der nächsten Phiole, um die Korken zu wechseln. Das tat sie aus reinen Ordnungsgründen.
      Ah, natürlich, sie trank den verdünnten Rest einfach selbst. Dann brauchte sie aber reines Wasser, damit das Zeug nicht versehentlich auf irgendwas reagierte. Kein Problem, sie hatte ja schon Wasser zum Kochen aufgesetzt. Als hätte sie sowas schon vorausgeahnt. Vergnügt kippte Tava den Kopf nach hinten. Heute war einfach so ein guter Tag.
      Wo war jetzt diese andere Phiole?
      Sie suchte weiter und packte dabei ihre Essensrationen aus. Sie würde zum Frühstück etwas zusammenwerfen können und wenn Devon wach war, konnte er ja vielleicht einen Hasen erlegen gehen. Oder ein Reh oder… was man hier eben so fangen konnte. Wo war jetzt diese dumme Phiole? Tava runzelte die Stirn und beugte sich über ihren Rucksack.
      Sie stellte das letzte Instrument auf den Tisch, dann streckte sie ihre Hand hinein und wühlte nach weiterem Glas herum. Ein leises Gefühl der Besorgnis machte sich in ihr breit, als sie nichts mehr fasste. Hatte sie verpasst zu brauen? Hatte sie es nicht vorbereitet? Sie bereitete ihre Phiolen immer vor, mindestens für ein gesamtes Jahr, denn sowas konnte sie nicht einfach mit ein paar Kolben und Flaschen zusammenwerfen, dafür brauchte sie ein Labor. Ein echtes Labor. Und Tava kam nunmal nicht häufig in Labore, das wusste sie. Deswegen bereitete sie ja so viel vor.
      Wo war dann diese dumme, verbrannte Phiole?
      Sie kramte weiter, dann packte sie kurzerhand ihren Rucksack und stülpte ihn auf den Kopf. Kleider ergossen sich auf den Boden, kleine, lederne Beutel, Kräuter und Gewürze, weiterer Kleinkram, den sie in der Wildnis fand. Keine Phiole. Keine Phiole! Sorge machte sich in ihr breit.
      Wo war in dieser Wildnis das nächste Labor? Würde sie in Tel'Aquera eins finden, gab es da sowas wie Alchemisten? Wo sollte sie sonst eins finden? Sicher nicht in der nächste Gegend und jetzt woanders hin zu reisen, während Devon zu seinem Stamm ging, kam auch nicht in Frage. Sie hatte einfach kein Labor zur Hand. Sie konnte nicht brauen.
      Außer…
      Moment.
      Tava riss den Kopf herum, dann stürzte sie sich mit einer neuen Eingebung auf ihr Buch und riss es an sich. Ihr Blick fiel auf die Ansammlung an Strichen, jeweils Vierergruppen mit einem Querstrich, alle auf der unteren Hälfte der Seite, 5, 10, 15, 20… 30, 50… 70… 82. Da waren 82.
      Sie hatte soeben den 82. Strich gesetzt.
      Es war wieder Stichtag.
      Aufregung explodierte in ihr, Vorfreude, die sich nicht dämpfen ließ. Anspannung, die sich nicht abschütteln ließ, Sorge davor, ein weiteres Mal zu versagen. Und wenn es noch immer nicht funktionierte? Was konnte sie ändern, dass es klappte? Was konnte sie jetzt noch, nach all den Jahren, anpassen?
      Aber erst einmal egal - sie musste es versuchen. Es war Stichtag. Wenn es nicht klappte, dann… dann würde sie sich eben damit beschäftigen, wenn es soweit war.

      Ihr Blick schoss durch den Raum und setzte sich auf dem Küchenfeuer fest. Plötzlich war es gut, dass sie alleine und ungestört war, denn beim Anblick des Feuers wurde sie so nervös, dass sie sich nicht noch um Zuschauer hätte kümmern wollen. Das hier war ihr Beweis dafür, ob sie erfolgreich war oder nicht. Tava hätte die Demütigung eines Misserfolgs nicht tragen können. Nicht schon wieder.
      Vorsichtig, gar zögernd näherte sie sich dem Feuer, dem wunderschönen Wesen, das sie schon vergötterte, seit sie überhaupt denken konnte. Es flackerte friedlich in seiner kleinen Schale, knackte vor sich hin und streckte seine Zungen nach dem Kessel aus. Seine Wärme ergriff sie und mit seiner Wärme trat Nervosität auf. Als ob sie sich nicht schon tausendmal nahe genug an ein Feuer gesetzt hätte, um sich fast davon verbrennen zu lassen! Aber dieses mal war es eben anders. Dieses mal war es persönlicher.
      Sie nahm einen tiefen Atemzug, dann ging sie vor dem Feuer in die Knie. Ihr Blick war fest darauf gerichtet, während sie sich gedanklich zu stählen versuchte. Das letzte mal war… unangenehm gewesen. Es hatte ihrer Beziehung zum Feuer nicht geschadet, aber es war eben auch… einfach etwas unangenehm gewesen.
      Jetzt zögerte sie genau deswegen davor, aber sie wusste, dass sie es durchziehen musste. Sie musste einfach. Sie würde sich nicht von ihrem Platz wegbewegen, bis sie es nicht getan hatte. Ihre Neugier war letzten Endes stärker als alles andere auf der Welt.
      Mit einem weiteren, tiefen Atemzug hob sie die Hand -
      und mit einem Schlag stieß sie sie mitten in die Flammen.
      Die Hitze explodierte förmlich um ihre Haut herum und Tava zuckte, auf ihr Scheitern gefasst, darauf gefasst, dass sie sich ordentlich verbrennen und dabei wehtun würde. Ihre Hand steckte mitten in den Flammen und die Hitze war unfassbar, ballte sich mit aller Macht um sie herum und drohte, ihre Grenzen zu erreichen. Der Kern eines Feuers war heißer, als es der cervidische Verstand je begreifen könnte. Es brannte und es war feurig und es war vernichtend.
      Doch es verbrannte sie nicht.
      Es verbrannte sie nicht.
      Die Hitze war unvorstellbar und Tava fühlte Schweiß auf ihrer Handfläche ausbrechen, aber der erwartete Schmerz blieb aus. Eigentlich… eigentlich fühlte sie sogar gar keinen Schmerz. Es war unsagbar heiß, natürlich, aber irgendwie war es mehr wie ein zu heißes Bad, an das man sich erst anpassen musste. Es war nicht… glühend. Einfach nur sehr, sehr heiß.
      Ihr Herz setzte einen Schlag aus und Tava riss die Hand zurück, bevor sie einen Schritt zurück stolperte. Sie hielt sie hoch, direkt vor ihr Gesicht, hielt ihre Hand ins hereinfallende Morgenlicht und starrte sie an, starrte jeden einzelnen Fleck an, jede Stelle Haut ihrer eigenen Hand. Aber sie war unversehrt. Gänzlich, vollkommen unversehrt.
      Oh, ihr Feuer…”, murmelte sie und schlug sich unvermittelt die andere Hand auf den Mund. Ihr Herz raste jetzt wie wild und Tava fühlte sich fast schwindelig. Oh, ihr vier Feuer. Es hatte funktioniert. ES HATTE FUNKTIONIERT!

      Plötzlich konnte nichts mehr ihre Begeisterung aufhalten. Tava riss den Kopf so weit zurück, dass sie davon fast nach hinten fiel und lachte, lachte ihre Freude und ihre Begeisterung heraus. Es hatte funktioniert, es hatte wirklich funktioniert! Unglaublich! Sie hatte das Rezept gefunden, sie hatte es!!! Jetzt war sie Adrastus’ Feuer näher als jemals zuvor! Begeistert sprang sie auf der Stelle, begutachtete ihre Hand, lachte wieder. Sie riss ihre andere Hand empor, drehte ihren Ring um und betätigte den Knopf, sodass die Flamme über ihre Handfläche streichelte. Es verbrannte sie nicht. Sie lachte und sprang wie wild, denn es verbrannte sie nicht! Jetzt fiel ihr auch ein, wie ihr im Herrenhaus die Phiole noch in der Hand explodiert war, wie sie trotzdem noch unbeschadet davongekommen war. Sie hatte es wirklich geschafft!!
      Aber Moment - das konnte sie noch mehr testen. Viel mehr testen. Nur eine Hand und nur eine kleine Flamme, das war doch nichts, gar nichts! Sie brauchte ein größeres Feuer, größer und stärker! Höher! Begeistert fuhr Tava herum und rannte dann ins Wohnzimmer hinüber. Die kümmerlichen Aschereste hatte sie schnell beiseite gefegt und mindestens genauso schnell ein ordentliches Feuer entfacht, das sich bis in den Schacht erhob. Grinsend und voller Aufregung schob sich Tava beide Ärmel zurück und streckte beide Arme in die Flammen.
      Die Hitze ballte sich um sie herum und größtenteils war es unangenehm, aber ihre Hand hatte sich schon ein bisschen daran gewöhnt und so erkannte Tava begeistert, dass sie nicht nur unverletzt blieb, sondern dass sie sich tatsächlich auch an die Hitze gewöhnen konnte. Ein bisschen zumindest und sicher nur vorübergehend, aber es war machbar. Es war alles machbar. Die ganze Welt lag ihr zu Füßen mit einem Rezept wie diesem! Tava war der absolute Durchbruch gelungen, etwas, was kein einziger Alchemist vor ihr geschafft hatte!
      Sie brauchte mehr Feuer! Noch mehr Feuer!! Da dachte sie schlagartig an Malleus und Devon, die noch immer oben lagen und sie stürmte die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal nehmend, um oben durch die Tür zu brechen.
      Malleus! Devon! Ich muss euch was zeigen, unbedingt!! Draußen - nach draußen! Ich zeig euch was, jetzt sofort!
      Sie wartete nicht auf die schläfrigen Antworten, sie wirbelte auf der Stelle herum und raste wieder die Treppe hinab. Ein noch größeres Feuer, noch größer und noch mehr! Sie hatte genau die richtige Idee und so schälte sie sich auf dem Weg aus ihren Kleidern und schnappte sich beim rausfliegen ihren Alchemistengürtel.

      Der Morgen hatte eine kühle, feuchte Note in der Luft hinterlassen, aber die Sonne zeigte sich bereits hinter den Wolken und versprach einen warmen Tag. Tava sah sich aufgeregt um, dann wählte sie einen Platz neben dem Bach, wo das Gras schön wuchs. Ja, da war Platz genug, das war ausgezeichnet. Sie rannte hinüber.
      Als die Tür beim Haus aufging, hatte Tava bereits ihre Flasche vom Gürtel gelöst, eine einfache Flasche Öl, das sich auch gut zum Kochen verwenden ließ. Sie nahm sich die Flasche, entkorkte sie und goss sich den gesamten Inhalt über den Kopf, bevor sie sie wegwarf. Flüssiges Öl rann ihr über die Haare, über die Schultern und dann über den Körper, tropfte auch schon sogleich von ihren Armen auf den Boden. Mit einem wilden Grinsen wandte sie sich ihren beiden Männern zu.
      Seid ihr bereit?!
      Und dann betätigte sie ohne weiteres ihren Ring.
      Das Feuer kam mit einer explosionsartigen Wucht, die Tava die Luft aus den Lungen presste. Im einen Moment sah sie noch Malleus’ und Devons verständnislose Gesichter, im nächsten ergoss sich ihre gesamte Welt in gleißende, rote Flammen, die sämtliches Gefühl für alles andere vernichteten. Die Hitze entfaltete sich mit einer Kraft, als würde sie ihr die Faust in den Magen rammen und Tava keuchte auf, als sie das Gefühl hatte, in siedendes Öl zu fallen und letzten Endes doch verbrannt zu werden. Ihre Nervenenden schienen in Flammen zu stehen und ihr gesamter Körper wurde von gewaltiger Hitze ersetzt, die ihr gesamtes Gespür vereinnahmte. Tava bestand aus all den Flammen und sie riss entsetzt die Augen auf als sie dachte, sie hätte sich doch übernommen, dass das hier das eine mal gewesen wäre, an dem ihr Feuer mal zu hoch gewesen wäre. Selbst ihre Augen schmerzten, schienen sich kaum darauf einstellen zu können, in lebendige Flammen zu starren, die direkt vor ihr tanzten. Die überall tanzten. Der Himmel war voll von Flammen. Sie spürte, wie sich Schweiß auf ihrer Haut bildete und in der gewaltigen Hitze sofort wieder verpuffte. Panik breitete sich in ihr aus.
      Doch dann gewöhnte sie sich langsam an das unglaubliche Gefühl und Tava erkannte, dass sie doch nicht verbrannt worden war, dass sie noch immer stand und dass alles gut war, dass die Flammen auf ihr lebten und ihre Haut unversehrt blieb. Sie hob beide Arme vor ihr Gesicht und starrte mit bewundernder Faszination auf ihre unversehrte Haut unter der Schicht der Flammen. Es hatte funktioniert.
      Sie hatte es wirklich geschafft.
      Ihre Panik verflog und wurde ersetzt durch grenzenlose Freude. Sie hatte es wirklich geschafft, ihr ganzer Körper hielt ihren Flammen stand! Sie griff nach ihren Hörnern und dann griff sie auch nach ihren Haaren und es war so, als würde nichts vor sich gehen, als stünde sie nicht ganzkörperlich in Flammen, die sich an dem Öl labten. Sie war ganz unversehrt. Selbst ihre Augen hielten der Hitze stand, wenn auch mit einiger Mühe.
      Sie hatte es geschafft! Tava öffnete den Mund um zu lachen und zu singen und zu tanzen bei der grenzenlosen Freude, die sie erfüllte. Sie hatte es geschafft!!

      Da drang bei ihrem ersten Atemzug Rauch in ihre Lunge.

      Anstatt der Luft, die sie geholt hatte, füllte Rauch ihren Hals und Tava warf den Kopf auf die Seite, um zu husten. Sie hustete und zwischendurch schnappte sie nach Luft - nur, dass es keine Luft gab. Da war keine Luft, die sie hätte atmen können, nur Rauch und Flammen, die ihr in den Mund züngelten und ein komisches Gefühl hinterließen. Sie versuchte es noch einmal und atmete noch mehr Rauch und hustete davon noch mehr. Sie krümmte sich zusammen, als ihre Lunge anfing zu schmerzen.
      Es gab keine Luft, da war schlichtweg nichts, was sie hätte atmen können. Die Flammen nährten sich an ihrer ganzen Umgebung und das war neben Tavas Öl auch all die Luft, die sie vertrieben. Die Flammenzungen strichen ihr über Wange, Stirn und Mund und wenn sie atmete, dann bekam sie entweder Feuer in die Nase oder ihren Rauch. Keine Luft.
      Plötzlich war alles so viel schlimmer als gedacht. Das Feuer verbrannte sie zwar nicht, aber es saugte sie ab, stahl sich all die Luft aus ihren Lungen und gab sie nicht wieder. Tava konnte nicht atmen. Ihre Lunge schrie nach Luft. Sie hatte mit ihren Experimenten so viel bedacht, aber das hatte sie nicht bedacht. Sie konnte nicht atmen.
      Ihre Brust krampfte sich zusammen und Tava stieß ein röchelndes Geräusch aus, während sie sich über den Mund und die Nase wischte. Sie versuchte, die Flammen fortzuwischen, aber ihre Hand und ihr Arm standen ebenfalls in Flammen und es brachte gar nichts. Ihr war unfassbar heiß. Sie konnte nicht atmen und doch schnappte sie immer wieder verzweifelt nach Luft.
      Ihr Gesichtsfeld zog sich zusammen. Sehr schnell wurde ihr sehr schwummrig und Tava taumelte, während sie noch immer hustete. Doch bald gab es auch keine Luft mehr, die sie hätte aushusten können, und so verblieb sie mit einem erstickten Geräusch, während sie ihre Lunge zu säubern versuchte. Es funktionierte nicht. Ihre Brust schmerzte und brannte und ihre Lunge fühlte sich an, als würde sie gleich in tausend Einzelteile zerfallen und es funktionierte nicht. Tava bekam keine Luft. Sie ging röchelnd in die Knie.
    • Es hatte ein wenig Verhandlungsspielraum bedurft, um drei Personen in ein gewöhnliches Bett zu bugsieren. Devon, der eigentlich zu lang für das Bett war, hatte sich in die Mitte gelegt und notgedrungen zugelassen, dass Tava sich wieder so seltsam um seinen Kopf wickelte. Das tat er primär für Malleus, der nach Devons Meinung durchaus zum Kamin hätte gehen dürfen, Tava dies aber verneint hatte. So musste sich der arme Mann mit dem spärlichen Platz zufriedengeben, den Devon noch übrig lassen konnte ohne zu riskieren, dass sich die Cervidia an ihn schlang. Der Jäger selbst schlief am Ende einfach auf dem Rücken ein, wohl bedacht, dem Kultisten nicht auch noch auf die Pelle zu rücken. Am Ende war er so weggetreten, dass er am Morgen nicht einmal mitbekam, wie sich das Wickel um seinen Kopf löste und Tava verschwunden war.

      “Malleus! Devon! Ich muss euch was zeigen, unbedingt!! Draußen - nach draußen! Ich zeig euch was, jetzt sofort!”
      Das Gepoltere und die laute Stimme zwangen Devon dazu, seine Augen träge zu öffnen. Ohne Feuer und einer ausreichend großen Decke war es relativ kühl, sodass sein Körper etwas länger brauchte, um in die Gänge zu kommen. Ganz anders Malleus, der offensichtlich eh nur gedöst hatte und schon aus dem Bett gerollt war, kaum hatte Tava die Tür aufgestoßen.
      „Wenn sie jetzt einen Scheiterhaufen gebaut hat…“, grummelte Devon entnervt und schob die langen Beine vom Bett auf den Boden. So früh am Morgen war er für ihre Energie noch nicht zu gebrauchen. Sein Rücken fühlte sich dankbarerweise nicht mehr allzu schlimm an und er wusste, dass bunte Flecken die einst tiefen Verletzungen bezeugen würden. Nicht mehr lang und dann würde er mit Escholons Überresten zurückkehren. Wenigstens eine Tat berichtigen können.
      Mit beiden Händen rieb sich der Jäger über das Gesicht ehe er Malleus anschielte, der sich schon an der Tür postiert hatte. „Ihr solltet beide etwas gegen eure Schlafgewohnheiten tun.“
      Mit einem tiefen Seufzen erhob er sich und zog sich seine Stiefel an.
      Über die Nacht hatten sich die Temperaturen weiter abgekühlt, sodass Devon sich eine der Decken um die Schultern geworfen hatte, bevor er Malleus nach draußen folgte. Während er ihm folgte, hörte er genauer auf das Schleifen in jedem Atemzug des Mannes. Sorge, dass sie am gestrigen Tag vielleicht doch übertrieben hatten, schlich sich in Devons Miene, die der Kultist glücklicherweise nicht sah. Er würde vermehrt darauf achten müssen, dass die Rippen nichts punktiert hatten. Sollte Malleus nur ein einziges Tröpfchen Blut husten, dann wäre er schneller beim nächsten Heiler als er gucken konnte.
      Fast wäre Devon in Malleus‘ Rücken gelaufen, so abrupt hatte der Mann angehalten. Fragend blickte der Lacerta an ihm vorbei und entdeckte Tava, die praktisch nur noch Unterwäsche anhatte und mit einer Flasche hantierte. „Ist sie durchgedreht?“, fragte er Malleus ganz leise, da kippte sich Tava das Zeug über und noch mehr Verwunderung erschien auf seinem Gesicht. Er war noch zu weit weg um riechen zu können, womit sie sich gerade eindeckte, aber irgendwas stimmte hier nicht. Skeptisch trat er neben den anderen Mann, da fragte Tava die zwei irgendetwas, was durch die folgende Aktion komplett in Vergessenheit geriet.
      Das leise Klicken des Ringes an Tavas Finger würde in Zukunft wie ein absolutes Alarmsignal in Devons Wahrnehmung sein.
      Tava ging in einem einzigen Feuerball unter. Sowohl Devon als auch Malleus starrten die menschliche Fackel entsetzt für einige Sekunden lang an. Der Lacerta verstand die Welt nicht mehr. Wieso bei den drei Jägern sollte sie sich plötzlich anstecken?! Was hatten sie verbrochen, damit sie das tat?! Und wieso zur Hölle klang sie dabei auch noch so euphorisch?!?
      Doch dann veränderte sich die Lage schlagartig. Die soeben noch ekstatisch wirkende Cervidia begann zu husten, erst normal, dann immer abgehackter. Aus dem Husten wurde ein Röcheln, ihre hell brennende Gestalt krümmte sich zusammen. Kein Geruch von verbranntem Fleisch drang in Devons Nase, nicht mal das eines verbrannten Haares. Wie lange sollten sie noch zusehen? War das alles Teil von dem, was sie ihnen zeigen wollte? War sie sauer, wenn er jetzt doch etwas unternahm? Hörte er das richtig, dass sie keine Luft mehr bekam?
      Wann war genug genug?
      Da taumelte Tava und Devon ließ sich nicht länger von lästigen Gedanken aufhalten. Er schoss Malleus einen warnenden Blick, ja auf Abstand zu bleiben, dann stürzte er vorwärts. Vor ihm ging Tava in die Knie und er legte noch mehr Kraft in seine Sätze, sodass seine Füße ganzes Erdreich von sich traten. Drei solcher monströser Sätze, die Meter an Strecke gut machten, brauchte er, um die Cervidia zu erreichen. Devon trug seine Ausrüstung nicht, weder Handschuhe noch Rüstung, als er nach ihrer Taille griff und sie regelrecht vom Boden wegriss. Von der Bewegung völlig unberührt tanzten die Flammen weiter, die nun statt Öl auch neuen Zunder zum Fressen bekamen. Die alte Decke fing fast augenblicklich Feuer, während der Lacerta zum Bach sprintete und die Zähne bleckte, kaum erhitzten die Flammen seine Schuppen, seine Haut, seine eigenen Atemwege. In Momenten wie diesen nahm er die sonst so willkommen geheißene Wärme nicht als Freund, sondern als Feind wahr, der nichts als Schaden anrichten konnte.
      Mit einem beherzten Sprung katapultierte Devon Tava und sich selbst in den Bach, der so flach war, dass die Cervidia selbst auf dem Rücken liegend noch oberhalb der Wasseroberfläche war. Als sie das Wasser trafen, hatte Devon schon damit gerechnet, dass es eiskalt sein würde. So kalt, dass Tava reflexartig nach Luft schnappte, es aber noch immer nichts davon gab. Nur eine Sekunde später war Devon da; er deckte ihren Mund mit seinem ab und pustete ihr Luft ein. Das Feuer, dass sich am Öl festgefressen hatte, ließ nur spärlich nach. Dafür brannte es auf Devons Rücken mit zunehmender Stärke. Ruckartig warf er sich mit Tava herum, sodass er nun mit dem Rücken im Wasser lag und die Flammen prompt erstickten. Wieder suchte er dabei ihren Mund und pustete ihr Luft zu, die sie sofort wieder aushustete. Ein zweites Mal warf er sich mit ihr durch den Bach, nun wieder mit Tava auf dem Rücken zum Grund.
      Schwer atmend stieß sich Devon vom gerölligen Flussbett ab und setzte sich auf. Wasser perlte von seiner geröteten Haut während er Tava entgeistert anstarrte. „Was, bei allen guten Geistern, sollte das werden?!“, schrie er sie an und zog sie an ihrem Oberarm hoch. Das arme Ding hustete sich noch immer das Leben aus dem Leib, aber sie lebte. Das war das Wichtige. „Was haben wir getan, dass du dich umbringen willst, Tava?!“
      Das, was sich in Devons Stimme im ersten Augenblick nach Zorn anhörte, rührte aus Angst. Sein gesamtes Gesicht war dermaßen verzerrt, dass sich eine schaurige Grimasse gebildet hatte. Die Augen weit aufgerissen fehlte ihm seine übliche einschüchternde Art, die ihn sonst immer so unnahbar machte.
    • Ruckartig schreckte Malleus aus dem Schlaf hoch. Ganz von allein schob er die Hand unter sein Kopfkissen und tastete fahrig nach dem Dolch, den er dort versteckte, doch seine Finger griffen ins Leere. Da war kein Dolch. Sein Herzschlag begann zu rasen, als er verstand, dass er unbewaffnet und damit völlig schutzlos war. Eilig setzte Malleus sich auf, schwang die Beine aus dem Bett und bereute die Bewegung sofort. Ein stechender Schmerz in seiner Seite trieb ihm die Luft aus den Lungen. Es klingelte regelrecht in seinen Ohren, während er einen zittrigen Atemzug machte um seine verkrampften Muskeln zu entspannen. Der Druck und der Schmerz ließen nach, doch erst als das Klingeln verstummte, nahm er eine Stimme neben sich war.
      „Wenn sie jetzt einen Scheiterhaufen gebaut hat…", grummelte eine träge und eindeutig genervte Stimme.
      Devon.
      Malleus blinzelte und nahm das erste Mal, seit die Aufregung ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, seine Umgebung richtig wahr. Behutsam fuhr er über seine verletzten Rippen. Er war in dem alten Bauernhaus mit Devon und Tava. Sie waren nicht Oratis. Nicht in Celestia. Nicht in dem winzigen Gasthaus in Touvanen mit einer Truppe von Blaumäntel direkt auf ihren Fersen. Sie waren in Sicherheit. Langsam sickerte zu ihm durch, dass die Stimme, die ihn geweckt hatte, nicht panisch um Hilfe geschrien hatte. Tava war aufgeregt gewesen, aber nicht in Gefahr. Trotzdem erhob sich Malleus vorsichtig und es fehlte seine übliche Geschmeidigkeit als er sich schleppend zur Tür bewegte. Als er hinaus sah, erkannte er Spur aus Kleidungsstücken, die Tava hinterlassen hatte.
      Ein flüchtiger Blick glitt über seine Schulter hinweg zu Devon, der sich träge aufsetzte und sich offensichtlich nicht von der Decke trennen konnte. Der Lacerta schien nichts von der Panik mitbekommen zuhaben. Es musste daran liegen, dass der Mann morgens einfach länger brauchte um 'warm' zu werden.
      "Ihr solltet beide etwas gegen eure Schlafgewohnheiten tun", beschwerte sich Devon.
      "Ja, sicher", antwortete Mal trocken, aber um seine Mundwinkel tanzte ein verräterisches Zucken. "Erinnere mich beim nächsten Mal bevor wir in Bett gehen daran, meinem Kindheitstrauma zu sagen, es soll sich gefälligst verziehen..."
      Gemeinsam mit Devon folgte er den verstreuten Kleidungsstücken nach draußen, wo Malleus seine Augen mit einer Hand gegen die Sonne abschirmte. Es war kühler geworden, aber es war kein Wölkchen am Himmel. Er blieb plötzlich stehen, als er Tava entdeckte.
      Tava, die sich beinahe vollständig nackt eine Flüssigkeit über den Kopf kippte und dabei wild grinste.
      "Ist sie durchgedreht?"
      "Irgendwie habe ich bei der Sache kein gutes Gefühl...", brummte Malleus und fuhr sich über die Augen. "Es ist zu früh für..."
      Klick.
      Malleus riss die Augen weit auf, als Tava wortwörtlich in Flammen aufging.
      In der Vergangenheit hatte er viele Menschen gesehen, die bei lebendigem Leib verbrannt waren. Sie hatten gefleht, geweint und gebetet. Das anfängliche Schluchzen und darauffolgenden Schreie hatten sich in seine Erinnerungen eingebrannt. Malleus erinnerte sich die weitaufgerissenen Augen und offenen Münder, an den Gestank von verbrannter Haut und Haaren. Die Qual langsam von den Flammen verzehrt zu werden, zeichnete sich auf grausame Art in den Gesichtern ab. Die Machtlosigkeit und das Leid war sogar noch in den verkohlten Fratzen erkennbar gewesen, sobald das Feuer erloschen war. Dennoch war Tavas Anblick verstörender für Malleus, als all die Opfer, die er je bezeugt hatte. Malleus war wie erstarrt und Tava...
      Tava lachte.
      Euphorisch und triumphierend.
      Bis sie es plötzlich nicht mehr tat und ins Straucheln geriet. Neben ihm hechtete Devon mit wenigen, langen Schritten nach vorn, packte die immer noch brennende Tava und warf sich mit ihr in den seichten Bach. Langsamer als es ihm lieb war, heftete sich Malleus augenblicklich an die Fersen des Lacertas ohne etwas auf dessen mahnenden Blick zu geben. Flüchtig war er einen Blick auf das verkohlte teils noch glühende Gras an der Stelle, an der Tava noch Sekunden zuvor lichterloh gebrannt hatte. Es zischte und dampfte während Devon sich mit der Frau in seinem Arm im Wasser hin und her warf, um alle Flammen zu löschen.
      "Was, bei allen guten Geistern, sollte das werden?! Was haben wir getan, dass du dich umbringen willst, Tava?!", schrie Devon und verlieh damit auch der Panik und Sorge des Kultisten eine Stimme. Das Atmen bereitete Malleus Probleme und der Sprint war sicherlich nicht die beste Idee gewesen, aber nichts zählte in diesem Augenblick mehr als Tava und Devon. Ohne Zögern watete Malleus in den kalten Bachlauf. Es benötigte nur wenige Schritte dann war Malleus bei ihnen und ließ sich auf die Knie ins Wasser sinken. Ein Arm streifte Devons, als er die Hände hob. Hastig nahm er das Gesicht der Cervidia, verzerrt durch das krampfhafte Husten und mit tränenden Augen, aber auf wundersame Weise völlig heil und unversehrt, in seine Hände. In Malleus' Miene spiegelte sich eine rohe Angst wieder.
      Er war lange Zeit bereit gewesen, den Flammen alles zu geben, was sie verlangten.
      Doch Tava und Devon von Flammen umgeben zu sehen, rüttelte eine ursprüngliche Furcht wach, dass Malleus' Hände und Stimme zitterten. Behutsam aber bestimmend drehte er Tavas Kopf in seine Richtung, nötigte sie dazu ihn blinzelnd anzusehen.
      "Sieh mich an, Tava. Konzentrier dich. Atmen. Ein...", verlangte Malleus. Er hätte gefasst klingen können, wenn ihn das Zittern und die weit aufgerissenen, dunklen Augen nicht verraten hätten."...und wieder aus. Nochmal."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das grauenhafte Gefühl zu sterben machte sich langsam in ihr breit.
      Tava war bisher dem Tod noch nie nahe genug gekommen, um seinen fauligen Atem riechen zu können. Einmal hatte sie ihn gesehen, hatte seine dunkle, Unheil verkündende Gestalt in dem verblassenden Licht des brennenden Himmels gesehen, war sich sogar ziemlich sicher gewesen, dass er dort bei ihr geblieben war, während sie all die Tage auf Rettung gehofft hatte. Dieses einzige Mal. Aber selbst dann war er ihr nicht so nahe gekommen wie jetzt.
      Ihre Lunge drohte zu bersten. Ihre Brust zog sich zusammen mit der krampfhaften Entschlossenheit lebenslanger Gewohnheit, nur dass die erwartete Luft nicht kam. Sie kam einfach nicht, dabei war sie nichtmal eine Handweite von ihr entfernt, nur dort draußen, hinter dem fast undurchdringlichen Vorhang der Flammen. Nur dort draußen und doch so fern, als wäre sie gar nicht da. Tava erstickte. Sie konnte es kaum glauben - sie hatte doch gerade erst den Durchbruch erlangt, wieso sollte sie denn jetzt noch daran sterben? - aber sie erstickte. Es war ein fürchterliches, grauenvolles Gefühl. Instinktive, reine Panik beherrschte ihren Verstand.
      Dann war da plötzlich Druck an ihrer Hüfte und Tava verlor den Boden unter den Füßen. Sie verstand das nicht, das war nicht Teil ihres Plans. Oder etwa doch? Mit jedem weiteren vergeblichen Atemzug schrumpfte ihre Wahrnehmung noch weiter zusammen, schien ihr Gehirn aufzusaugen und sämtliche ihre Sinne. Sie bemühte sich um Konzentration, was dort draußen, in der Welt hinter den Flammen, vor sich ging, aber ihre ganze Aufmerksamkeit war von dem brüllenden Schmerz in ihrer Brust vereinnahmt, der mit jedem Pulsschlag in ihr Hirn ausstrahlte. Sie bewegte sich; oder? Dunkle Flecke tanzten vor ihren Augen und verdichteten sich und derweil versuchte Tava zu begreifen. Was passierte mit ihr, innerhalb all ihrer Flammen? War das nun Teil ihres Plans?
      Ein Ruck ging durch ihren Körper, ihr Magen drehte sich für einen Moment um und dann war dort neuer Schmerz, der durch ihren Rücken strömte - dicht gefolgt von einer Kälte, die in dem erhitzten Kokon aus Flammen unwirklich, ja geradezu monströs schien. Rein reflexartig schnappte Tava nach Luft und ihre Lungen schienen in tausend Einzelteile zu zerspringen. Nach diesem Schmerz fühlte sie gar nichts mehr. Ihre Welt versank in Schwarz.
      Und dann kam plötzlich doch Luft.
      Tavas Lungen rissen sie mit Wucht ins Leben zurück, als sie sich mit dem erlösenden Gut füllten. Ihr Körper zog sich zusammen und sogleich setzte das Husten wieder ein, so stark, dass sie sich alleine davon glatt wieder in die Bewusstlosigkeit befördert hätte. Aber dann war da noch mehr Luft und Tava bekam zum ersten Mal seit einer Ewigkeit einen ordentlichen Atemzug hin. Und mit ihm rauschten alle Sinneseindrücke mit einem Schlag auf sie ein.
      Tava schnappte hektisch nach Luft und warf sich in dem eiskalten Etwas, in dem sie lag, herum. Die Kälte sickerte ihr durch die Haut bis in die Knochen hinein, schien sie von unten her auszuhöhlen und ihren Platz einzunehmen. Noch nie war etwas so kalt gewesen wie das hier - Schnee schien lauwarm im Vergleich. Wie kleine Nadeln stach es ihr durch Arme, Beine und ihren Oberkörper und Tava strampelte, um sich daraus zu befreien. Wasser schwappte ihr für einen Moment über Mund und Nase und eiskalte Panik durchfuhr sie. Wasser. Sie konnte nicht atmen - sie musste atmen. Sie strampelte noch viel mehr, verzweifelt die köstliche Luft einsaugend, da legte sich etwas starkes, unnachgiebiges um ihren Oberarm. Ein kräftiger Zug beförderte sie mit einer Bewegung nach oben und Tava sog glücklich alle Luft ein, die sie haben konnte.
      „Was, bei allen guten Geistern, sollte das werden?!“, donnerte eine Stimme neben ihr und Tava sah auf. Devon. Sie konnte ihn wieder sehen; wo waren ihre Flammen geblieben? Waren sie nicht vor einem Moment noch da gewesen?
      „Was haben wir getan, dass du dich umbringen willst, Tava?!“
      Umbringen? Aber - das stimmte nicht. Sie hatte sich nicht umbringen wollen, sie hatte…
      Sie hatte ihren Erfolg beweisen wollen. Das hatte sie gemacht - und sie hatte es geschafft. Unfassbar, sie hatte es wirklich geschafft!
      Der Versuch, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen, scheiterte an einem neuen Hustanfall. Tava legte die Hand auf die schmerzende Brust, wie um sie zusammenzuhalten, da plätscherte es neben ihr und Malleus tauchte auf, Malleus, der ohne Umschweife die Hände an ihr Gesicht legte. Seine Handschuhe waren unfassbar warm in der furchtbaren Kälte, aber als sie seinen Blick sah, wurde auch diese Berührung eiskalt auf ihr. Da stand eine solche Angst in seinen Augen geschrieben, dass sie mehr schmerzte als ihre verkrampfte Lunge. Angst - um sie? Wovor Angst? Ihr Blick ging zur Seite und da bemerkte sie, dass auch Devon einen Ausdruck im Gesicht trug, der alles andere als entspannt war. So hatte sie die beiden Männer noch nie gesehen und es hemmte ihre Freude gewaltig. Wieso waren sie nicht so begeistert wie sie? Tava hatte es geschafft - sie hatte geschafft, was noch niemand anderem gelungen war! Warum sahen sie so drein?
      "Sieh mich an, Tava", sagte Malleus drängend und Tava folgte seinen Worten, noch während ihre Gedanken mit anderem beschäftigt war. Sie versuchte für einen Moment ihr Husten zu unterdrücken, was alles nur noch ein bisschen schlimmer machte.
      "Konzentrier dich. Atmen. Ein... und wieder aus."
      Sie tat es und ihre Lunge blähte sich spürbar ein Stück aus. Sie hustete wieder.
      "Nochmal."
      Beim zweiten Mal ging es ein bisschen leichter und beim dritten Mal konnte Tava endlich das Husten niederkämpfen. Sie rang noch immer um Luft, aber was Malleus ihr vormachte half. Trotzdem, sie musste diesen Blick aus seinen Augen wischen, diesen Blick, der ihr selbst schon Angst einjagte.
      "Ich... wollte... mich... nicht... umbringen", keuchte sie und hob beide Hände nach oben. Sie waren unversehrt - natürlich. Ihre Arme waren ebenfalls unversehrt und als Tava an sich hinab sah, erkannte sie, dass auch ihr restlicher Körper unversehrt war. Sie hatte keine Leiden, bis auf ihre schmerzende Lunge und die furchtbare Kälte, die ihr durch die Eingeweide kroch. Sie begann zu zittern, aber bei der erneut aufkommenden Euphorie wusste sie nicht, ob wegen der Kälte oder wegen der Freude.
      "Seht... ihr... nicht?"
      Sie wackelte mit den Fingern vor Malleus' Gesicht und ein Grinsen breitete sich erneut auf ihrem Gesicht aus.
      "Ich... hab's... geschafft - ich... hab'... das... Rezept... gefunden!"
      Sie grinste noch viel breiter. Es war unglaublich, unfassbar. Vor Jahren noch hatte sie an sich selbst gezweifelt, an ihrer ganzen Forschung gezweifelt, ob es sie je irgendwo hin bringen würde, und jetzt hatte sie den Durchbruch erlangt. Endlich. Mit 25 Jahren, einem Alter, in dem sich viele Alchemisten noch hinter ihren Büchern verkrochen, zu naiv, um sich an wirkliche Experimente zu wagen. Experimente, die Tava dorthin gebracht hatten, wo sie jetzt war. Tava hatte es geschafft!
      Die Kälte stach ihr wie Messerstiche durch die Beine und langsam glaubte sie, das Gefühl in ihren Zehen zu verlieren. So kalt war es vorhin nicht gewesen, dessen war sie sich sicher, und sie sehnte sich schon jetzt wieder nach ihren Flammen. Aber das Öl war leer und so konnte Tava nichts anderes tun als die Arme um sich zu schlingen, als sie anfing zu schlottern.
      "M-Mir... ist... k-kalt... Malleus."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren () aus folgendem Grund: Handschuhe

    • Malleus glaubte Tava. Sie benahm sich nicht wie eine Person, die ihr Leben bewusst wegwarf. Tava war leichtsinnig und risikofreudig, aber wohl kaum ihres Lebens überdrüssig. Dennoch überwog die Fassungslosigkeit, denn aus welchem anderen plausiblen Grund sollte sich die Cervidia sonst selbst in Brand stecken? Unverständnis zeichnete sich in seinem Blick ab, als sie mit fasziniert ihre Hände von allen Seiten betrachtete, dann ihre Arme und den Rest ihres Körpers. Erst jetzt wurde sich Malleus wirklich bewusst, dass nicht ein Haar auf ihrem Kopf verkohlt war. Er fand keine verbrannte Haut, die Blasen schlug und sich von ihrem Körper schälte. Bis auf die geröteten Augen schien die Cervidia völlig unversehrt.
      "Seht... ihr... nicht?"
      Finger, makellos und heil, schoben sich in sein Blickfeld. Aus purem Reflex griff Malleus nach ihrem Handgelenk und zwang Tava still zu halten. Er sah es, aber sein Verstand konnte es noch nicht glauben. Keines der feinen Härchen auf ihrem Arm war angesengt. Es war, als hätten die Flammen sie nie verschluckt. Es war ein Wunder. Wie war das möglich?
      "Ich... hab's... geschafft - ich... hab'... das... Rezept... gefunden!"
      Rezept? Zur der Angst und Fassungslosigkeit mischte sich ein neues Gefühl, dem er nur mühevoll Herr wurde. Es brodelte in seiner Brust und breitete sich schleichend aus. Er bildete sich ein, dass die Luft um sie herum zu flirren begann, so sehr brannte es unter seiner Haut. Die plötzliche Erkenntnis, dass Tava für einen Selbstversuch ihre Leben aufs Spiel gesetzt hatte, traf ihn wie ein Schlag mitten in die Magengrube. Hinter seinen Augen spielte er die unzähligen Szenarien ab, was hätte schief gehen können. Was beinahe schief gegangen wäre. Tava hätte ersticken können. Die sengende Hitze hätte ihre Lungen verbrühen können und sämtliche Versuche von Devon wären umsonst gewesen. Devon...
      Was immer Tava getan hatte, schloss den Lacerta nicht mit ein. Die Haut über seiner Brust, seinen Schultern und das Gesicht waren von der glühenden Hitze rot. Malleus ließ den Blick sinken und sog scharf die Luft ein.
      "Devon. Dein Arm."
      Das Feuer hatte deutliche Spuren hinterlassen und der Anblick trieb ihm die Galle in die Kehle. Verbranntes, verkohltes Fleisch...Etwas flackerte im Blick des Kultisten, der zügig den Blick abwandte und sich bemühte, den typischen Geruch zu ignorieren.
      Malleus ließ erst los, als das Zittern der Cervidia so stark wurde, das es sich auf seinen Arm übertrug. Steif lockerte er seine Finger und sah zu, wie die blutleeren Stellen auf ihrer Haut langsam wieder eine normale Färbung annahmen. So fest hatte er ihr Handgelenk umklammert. Das rauschen in seinen Ohren nahm weiter zu.
      "Du hast das...für ein Experiment getan", flüsterte Malleus entgeistert und der Ärger erhob sich gemeinsam mit seiner Stimme. "Hast du auch nur eine Sekunde lang darüber nachgedacht was...!"
      "M-Mir... ist... k-kalt... Malleus."
      Mit einem hörbaren Klicken schlugen seine Zähne aufeinander als er den Mund wieder schloss. Tava zitterte wie Espenlaub und auf ihren Lippen zeichnete sich ein leichter, bläulicher Schimmer ab. Kälte und Sauerstoffmangel zeigten ihre Spuren. Malleus senkte langsam die Arme und sah Tava mit einem Blick an, der nur noch schwer zu deuten war. Zu viel spiegelte sich auf dem Gesicht, dass in den vergangenen Tagen mehr Emotionen gezeigt hatte als in den ersten 30 Jahren seines Lebens.
      "Ja, das kann ich sehen."
      Er warf Devon einen kurzen Seitenblick und ignorierte jeglichen Protest, als er seine Arme um Tavas Rücken und unter ihre Kniekehlen schob. Malleus ächzte unterdrückt und hievte Tava aus dem Wasser. Sein Stand war nicht so fest, wie er sich gewünscht hätte, aber sie drohte keine Sekunde lang zu fallen. Ihr Körper drückte gegen seine Rippen und doch, vielleicht auch gerade deswegen, verstärkte sich der Griff um die Cervidia als Lichter am Rand seines Blickfeldes zuckten. Er würde sie nicht fallen lassen. Wasser durchtränkte seine Kleidung und Schritt für Schritt stampfte er aus dem Bach heraus.
      Zu dem Rauschen in seinen Ohren gesellte sich ein rhythmisches Pochen, das sich durch seinen gesamten Oberkörper ausbreitete. Malleus presste die Zähne so fest zusammen, dass die Kiefer unter den dunklen Haut hervortraten. Er verlor kein Wort während er Tava zurück zum Haus trug und sich dabei dem Gefühl ihres Körpers an seinem überdeutlich bewusst war. Er musste nur lange genug durchhalten bis er Tava wieder abgesetzt hatte.
      "Devon. Kamin", würgte er hervor, weil er zu mehr nicht imstande war.
      Es ging nicht nur darum Tava aufzuwärmen. Niemand wusste wie sauber das Wasser im Bach war. Jemand musste Wasser abkochen, sich um Devons Arm kümmern. Malleus war vollkommen gleich wie schnell der Lacerta heilte. Es war ihm gelinde gesagt scheißegal.
      Wenn das hier geklärt war, würde er sich hinlegen und für Tage nicht mehr aufstehen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ungewohnt heftig rang Devon nach Atem. Nicht, weil ihm das feuer wie in Tavas Fall die Luft zum Atmen genommen hatte, sondern weil Kälte, Schmerz und Emotionen ihm das Leben schwer machten. Noch immer saß er in dem kalten Wasser, das mit jeder Welle seinem Körper weitere Wärme entzog und nur milde über das heiße Brennen hinweg tröstete, das sich über Schulter, Brust und Arm zog. Er konnte Tava nicht noch einmal anfassen. Musste er auch nicht, weil Malleus schon da war und ihr Gesicht in seine Hände nahm.
      Devon hingegen wandte den Blick ab, sein Kiefer hart und angespannt.
      "Ich... wollte... mich... nicht... umbringen", keuchte Tava und hob dabei die Hände, die komplett unversehrt waren. Das konnte Devon nicht einmal aus seinem flüchtigen Seitenblick leugnen, aber die Fassungslosigkeit saß zu tief, um den Fakt dahinter wirklich zu würdigen. Was auch immer sie gemacht hatte – scheinbar konnte sie keine Brandwunden mehr erleiden. "Ich... hab's... geschafft - ich... hab'... das... Rezept... gefunden!"
      Er konnte das enthusiastische Lächeln nicht ertragen. Der Fakt, dass sie ohne sein beherztes Eingreifen schlichtweg erstick wäre und jetzt schon wieder grinste, trieb ihm die Magensäure hoch. Jedes Wort, das er nun verlieren würde, wäre ein Wort zu viel, und so biss er sich auf die Zunge und robbte etwas weiter weg, um wenigstens seinen Unterarm in den Bach zu halten und damit das Brennen durch Taubheit zu ersetzen. Die Schuppen waren dem Feuer nicht zum Opfer gefallen, sein von normaler Haut bedeckter Unterarm hingegen schon. Auf Malleus‘ Hinweis hin hätte er fast einen bissigen Kommentar gelassen, aber das Brennen nahm sekündlich zu und er wusste nicht, ob es nur Schmerz oder auch Wut war. Vielleicht beides.
      Er sagte nichts, als Malleus Tava aus dem Bach hob. Er stand nicht auf, als sie zurück zur Hütte gingen. Stattdessen wartete er, bis sie außer Hör- und Sichtweite waren, um mit beiden Händen tief in das Flussbett zu greifen. Mit einem wütenden Brüllen warf er den Schlick und die Steine in seinen geballten Händen mit allem, was er konnte, von sich. Ein zweites Mal griff er sich Steine und warf sie. Es folgte ein drittes Mal. Für das vierte Mal reichte seine Wut nicht mehr aus, als er auf allen Vieren im Bach kauerte und die Taubheit sich in tausend Nadelstiche verwandelt hatte. Er fühlte seine Extremitäten nicht mehr, als sein heißer Atem gegen das friedlich fließende Wasser schlug. Schwer atmend starrte er das Wasser an, das unaufhörlich weiter floss und seine Wärme gleich mit sich nah. Leere begann sich in seinem Kopf zu sammeln und seine Empfindungen stumpften ab. Der Eindruck, dass das Wasser durch seine Haut in seinen Körper drang, fing an sich zu bilden. Millionen kleinster Löcher, die dem Wasser Zugang gewährten, befanden sich auf seiner Haut. Immer mehr Wasser kroch in ihn hinein, mischte sich mit dem Blut, das durch seine Adern floss. Verdrängte es am Ende sogar und nun regierte die Kälte auch von Innen heraus. Devons Augen weiteten sich. Die Kälte war weder bedrohlich noch ein Feind. Sein Körper entspannte sich bei dem Gedanken daran, dass Wasser durch seine Adern trieb und kein Blut mehr. Es fühlte sich… anders an. Natürlich. Ruhig.
      Mächtig.
      Devon schreckte aus seiner Trance hoch. Als hätte er etwas Widerliches an den Armen riss er sie aus dem Wasser und rieb sie sich hektisch ab, bevor er steif und ungelenk aus dem Bach kraxelte. Dabei stolperte er einmal und fluchte lautstark, als er sich mit dem angebrannten Arm abfing. Es dauerte eine Ewigkeit ehe er am Haus ankam und durch die noch offene Tür stakste, die Malleus schlichtweg ignoriert hatte.
      Drinnen erwartete Malleus den Jäger, der ihn harsch mit erhobener Hand abwies. „Jetzt. Nicht.“ Mit zittrigen und klammen Fingern schälte er sich im Zeitlupentempo aus seinen Sachen, bevor er vor dem Kamin in die Knie ging und dankbar war über das Holz, welches er am Vortag noch gesammelt hatte. „Geh Tava. Kann das jetzt nicht“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
    • Malleus' ängstlicher Blick wich aus seinen Augen, aber was ihn stattdessen ersetzt, jagte Tava nackte Angst über den Rücken. Sie sah es quasi vor ihren eigenen Augen geschehen, sah wie sich eine dicke Wand in Malleus' Blick erhob und sie ausschloss. Ein Blick, mit dem er sie bereits erbarmungslos niedergestarrt hatte, als sie in Oratis ein paar Bücher angezündet hatte. Ein Blick, der ihr ohne Zweifel bedeutete, dass sie etwas falsch gemacht hatte.
      Tava verstand das nicht. Noch immer ekstatisch von ihrem Durchbruch konnte sie nicht begreifen, auf was Malleus sauer sein könnte - nicht auf sie, doch sicherlich nicht sie. Sie hatte ihr Rezept gefunden, sie hatte es geschafft, wieso sollte er da sauer auf sie sein? Wie konnte er einfach so die Beweise beiseite schieben, die ihren Erfolg untermalten? Wie konnte er - und eigentlich auch Devon - nicht vor Freude und Begeisterung lachen, wie sie es getan hatte?
      "Ja, das kann ich sehen", sagte er schroff und unangenehme Panik mixte sich mit ihrer Freude. Ihre Lunge brannte noch immer mit jedem Atemzug und ihr Magen zog sich zusammen bei dem zweideutigen Adrenalin, das ihr durch den Körper schoss. Sie hatte es geschafft, aber sie hatte Malleus enttäuscht. Sie hatte Erfolg gehabt, aber sie hatte irgendetwas getan, um Malleus zu missfallen.
      Für den Moment fielen ihr keine weitere Worte mehr ein. Die Kälte war zu entsetzlich - kalt, wirklich eiskalt - und ihre Gedanken sprangen beständig von Jubel zu Sorge, wieder hinauf zu Begeisterung und hinab zu Beklommenheit. Sie wusste nicht mehr wirklich, was los war. Vielleicht hatte ihnen der Beweis nicht gereicht? Aber was hätte sie mehr tun können, als sich mit Öl zu übergießen und anzuzünden?
      Auch Malleus sagte nicht mehr und beugte sich mit einer kurzen Bewegung hinab. Starke Arme schoben sich hinter ihren Rücken und ihre Kniekehle und Tava ließ zu, dass er sie hochhob, zu verunsichert, um auch noch zu widersprechen. Etwas unsicher auf den Beinen trug er sie zurück zum Haus, ein angestrengtes Atmen an ihrem Ohr, das ihr eigenes schon fast übertönte. Er sollte sie nicht so tragen, nicht mit seinen Verletzungen, aber ein kurzer Blick zu seinem Gesicht ließ sie weiterhin schweigen. Vielleicht sollte sie ihnen zeigen, wie sie die Hand ins Kaminfeuer hielt? Vielleicht würde sie ja das überzeugen?
      Auf warmen Holzboden setzte er sie erst ab und Tava schlang sofort die Arme um sich. Drinnen war es schon wärmer, aber noch immer nicht warm genug. Sie wollte ein Feuer haben und hätte sich schon fast in Bewegung gesetzt, hätte Malleus nicht gesagt:
      "Devon. Kamin."
      Seiner Stimme fehlte die übliche Sicherheit, was der einzige Grund war, weshalb Tava sich dann doch nicht rührte. Ihr Blick wanderte unsicher von Malleus zu Devon hinüber, der kurz darauf hinter ihnen hinein kam, das Gesicht mindestens genauso verbissen, mindestens genauso hart.
      "Nicht. Jetzt."
      Tavas Augen weiteten sich, als sie da rote Brandblasen entdeckte, abschälende, schwelende Haut, die sich über seinen gesamten Arm erstreckte und erst zur Schulter hin abschwächte. Auch seine Kleidung war durchgetränkt, allerdings war von seinem eh schon zerrissenen Hemd jetzt nicht mehr viel übrig. Das Feuer hatte wohl den Rest getan.
      Feuer. Devon war in Feuer geraten und diese Tatsache dämmerte Tava erst jetzt so richtig. Devon hatte sie gerettet, natürlich. Sie hatte nicht plötzlich wie durch ein Wunder wieder Luft bekommen, weil die Flammen sich zurückgezogen hätten - Devon hatte sie gerettet. Er hatte sie in den Bach gestoßen, denn andernfalls wäre sie erstickt. Sie hatte sich nicht selbst helfen können. Alles, was Tava hatte machen können, war um Luft ringen und über ihr Gesicht wischen.
      Devon hatte sie gerettet und im Gegenzug hatte sie ihn verletzt. Sie hatte ihn mit ihren Flammen verletzt und diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Tava hatte eigentlich keine Bedenken, andere Personen Feuer auszusetzen, denn Feuer war nunmal wild und unberechenbar, aber doch nicht Devon. Doch nicht Devon oder Malleus! Pures Grauen breitete sich in ihr aus.
      "Ich - Ich h-hab... vielleicht noch..."
      Sie wirbelte herum, die Kälte in ihren Eingeweiden fast vergessen. Ihre Sachen lagen noch immer im Flur und der Küche verstreut, ihre Kleidung auf der Treppe, ihre Ausrüstung auf dem Esstisch ausgebreitet. Sie musste nicht einmal hingehen, sie konnte von dort aus sehen, was sie an Tränken und Mixturen auf Vorrat hatte. Und keine Brandsalbe war dabei. Wieso war keine Brandsalbe dabei? Aber sicher, Tava war so versessen darauf, alle ihre Stoffe so explosiv wie nur möglich zu gestalten, dass sie sich nicht mit der anderen Seite beschäftigte. Sie hatte schlichtweg keine Brandsalbe parat, dabei hätte Devon genau das jetzt am meisten gebraucht. Ganz besonders, nachdem sie selbst für die Flammen verantwortlich war.
      "Ähm..."
      Das machte die Sache nur schlimmer, so viel schlimmer. Panisch drehte sie sich zum Wohnzimmer um, wo Devon sich steif vor den Kamin fallen ließ. Er hielt seinen Arm in einer schützenden Position und beschäftigte sich damit, sich selbst zu versorgen. Würde er wollen, dass sie ihm half? Er hatte nicht freundlich geklungen, genauso wenig wie Malleus, zu dem ihr Blick weiter wanderte. Malleus ging es scheinbar gut, aber seinem harten Blick nach zu schließen, war auch er nicht über Tavas Anwesenheit glücklich. Ängstlich neigte sie den Kopf nach hinten.
      "Malleus...?"
    • Behutsam setzte er Tava ab. Malleus wusste, dass sie nicht verstand, warum ihre Begleiter dermaßen außer sich waren. Sie verstand es wirklich nicht. Der nächste Atemzug blieb ihm auf halbem Weg im Hals stecken, als er sich aufrichtete und zu fühlen glaubte, wie sich die Rippen unter seiner Haut verschoben. Das Einzige, das ihn wirklich beruhigte, war die Tatsache, dass er noch kein Blut spuckte. Ohne ein Wort machte Malleus auf dem Absatz kehrt und stapfte schwerfällig die Stufen unters Dach empor. Im Schlafzimmer angekommen, blieb er mitten im Raum wie angewurzelt stehen und ließ zu, wie sich sein Körper vornüber krümmte. Ein beherzter Griff um das Fußteil des Bettrahmens bewahrte ihn davor auf ein Knie herabzusinken. Er bekam kaum Luft. Die Enge in seiner Brust war so allgegenwärtig, dass ihm aus Atemnot die Tränen in die Augen stiegen. Stoßweise verließ der hektische Atem seine Lippen bis er den außer Kontrolle geratenen Rhythmus endlich in den Griff bekam. Als er sich in den Nacken fasste, war dieser klamm vor Schweiß.
      Ziellos zuckte sein Blick durch den Raum. Über zerwühlte Laken und vergessene Kleidung bis er mit bebenden Fingern nach einer der Decken fasste. Er ließ sich einen Moment der Zeit, dann trat er den Rückweg an. Malleus erkaufte sich ein paar Sekunden mehr, da er auf dem Weg Tavas verstreute Kleidung einsammelte. Die Stufen knirschten unter seinen Stiefeln und ließ vorsichtshalber eine Hand immer nah an der Wand entlang gleiten.
      Devon und Tava waren noch genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Der Lacerta starrte mit finsterem Blick ins Feuer und Tava bibberte noch immer am ganzen Leib. Nur war die Freude aus ihren Augen gewichen und sie sah nun genauso panisch und aufgewühlt aus wie die Männer. Jetzt verstand sie es, aber Malleus verschaffte das keine Genugtuung. Das reichte nicht. Er ließ Tavas Kleidung im Vorbeigehen auf einen Stuhl fallen und näherte sich der Cervidia mit langen Schritten.
      "Malleus...?"
      Es gefiel ihm nicht wie sie ängstlich den Kopf zurücklehnte um ihn zu besänftigen, obwohl er die Geste unter anderen Umständen als unbestreitbar reizvoll empfand. Für ihn fühlte es sich nicht richtig an, dass sie Angst vor ihm hatte. Aber konnte das Bild von Tava im Feuer nicht vergessen. Er blieb so nah vor ihr stehen, dass sie den Kopf noch weiter in den Nacken legen musste, wenn sie ihm weiterhin ins Gesicht sehen wollte. Ungewöhnlich still breitete er die mitgebrachte Decke über ihren Schultern aus und wickelte sie darin ein. Er ging sorgsam dabei vor, verzichtete aber auf überflüssige Zärtlichkeiten.
      "Hast du den Verstand verloren? Du kannst so etwas nicht machen, Tava", brach er die Stille. "Wir dachten du...Was glaubst du, was wir dachten? Du hast dich ohne Erklärung vor unseren Augen angezündet! Wir dachten du verbrennst! Und wofür? Um eine deiner Kreationen zu testen? Ein Experiment? Ist das dein Ernst? Bei den großen Drachen, du hättest dich verletzen können. Du hättest sterben können, hätte Devon nicht so schnell reagiert! Sieh dir seinen Arm an!"
      Mit jedem Wort war der Kultist lauter geworden bis er deutlich hörbar und rasselnd Luft holte. Er schlang den Arm um seine Seite und hielt Tava mit einem einzigen strengen Blick auf Abstand. Malleus zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf sinken. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, über den Hals und in den Nacken.
      "Ich habe dir gesagt, du sollst mit uns reden. Keine Alleingänge, schon vergessen? Das gilt für uns alle", fuhr er fort, augenscheinlich ruhig, doch wer genau horchte, konnte die unterdrückte Vibration in den Silben hören. Malleus war wütend. "Du kannst nicht, du darfst uns nicht so einen Schrecken einjagen!"
      Malleus lehnte sich zurück und stieß ein langes Seufzen aus.
      Ihm begann ein weiteres Mal zu dämmern, warum er vor langer Zeit beschlossen hatte, sich von Verbindungen dieser Art fernzuhalten. Von Verbindungen, die an Emotionen geknüpft waren. Er rieb sich mit dem Handballen über sein Brustbein, als könnte die Bewegung sein Verspannung lösen.
      "Was hast du dir nur dabei gedacht?", verlangte Malleus fassungslos eine Antwort.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ohne ein weiteres Wort verschwand Malleus nach oben und als er wiederkam, war Tava gänzlich aufgelöst. Die Ruhe setzte ihr zu, die ins Haus eingekehrt war, dabei war sie ihr vorhin noch so friedlich erschienen. Jetzt war es aber ganz so, als wäre der ganze Raum voller unsichtbarem Öl, das sich mit dem nächsten Funken der angespannten Luft entflammen könnte. Nur, dass Tava dann keine Resistenz mehr besaß und am lebendigen Leib verbrennen würde - so wie Malleus und Devon auch.
      Als Malleus wieder herunterkam, stand Tava so mucksmäuschenstill auf ihrem Fleck, dass sie kaum einmal mehr zu atmen wagte, um bloß nicht diesen Funken herbeizubeschwören, den sie sich vorstellte. Für den Moment schien es auch zu funktionieren, denn Malleus legte ihr vorsichtig die Decke um die Schultern - vorsichtig, aber nicht unbedingt fürsorglich. Tava wickelte sich schnell darin ein, aber die erhoffte Wärme kam nicht. Stattdessen sah sie Malleus mit geweiteten Augen war, der im Augenblick der einzige war, der sie hätte aufwärmen können.
      Nur, dass er es nicht tat.
      "Hast du den Verstand verloren?"
      Da kam der Funken und alles explodierte. Tava zuckte von seinen Worten zusammen. Oratis schoss ihr in den Kopf, gefolgt von weiteren Vorfällen in der Vergangenheit, ehemalige Bekannte, Begleiter, sogar Freunde, die in ganz ähnlichen Situationen ganz ähnliche Dinge zu ihr sagten. Altbekannte Verzweiflung machte sich in ihr breit. Jetzt hatte sie auch noch Malleus verloren.
      "Du kannst so etwas nicht machen, Tava. Wir dachten du...Was glaubst du, was wir dachten? Du hast dich ohne Erklärung vor unseren Augen angezündet!"
      Sie neigte den Kopf ein bisschen weiter, um Malleus zu beschwichtigen, aber es brachte nichts. Seine Stimme wurde lauter und mit jedem weiteren Wort wurde Tava noch kleiner.
      "Wir dachten du verbrennst! Und wofür? Um eine deiner Kreationen zu testen?"
      Bei diesem Wort zuckte sie noch einmal zusammen. Tränen schossen ihr in die Augen, begleitet von Wut. Das hier war keine... Kreation. Was sollte das überhaupt heißen, Kreation? Aber ihre unsagbare Verzweiflung war groß genug, um ihre Wut zu verschlucken, kaum als Malleus weitersprach.
      "Ein Experiment? Ist das dein Ernst? Bei den großen Drachen, du hättest dich verletzen können. Du hättest sterben können, hätte Devon nicht so schnell reagiert! Sieh dir seinen Arm an!"
      Wieder zuckte sie und ihr Blick schoss automatisch zu Devon hinüber, selbst jetzt unfähig, Malleus' Aufforderung zu widerstehen. Oh, war das schlimm. Sie hatte Malleus verloren und Devon war verletzt und es war so viel schlimmer als alles andere zuvor. Dabei hatte sie es schon so oft erlebt, genau solche Situationen wie jetzt, dass sie sie kaum an beiden Händen abzählen konnte. Aber das hier war trotzdem viel schlimmer. Am liebsten wollte sie weinen oder vielleicht auch weglaufen oder beides, und das alles, obwohl sie es doch geschafft hatte. Sie hatte es geschafft! Aber ihre Begeisterung über ihren Durchbruch war schon längst verflogen, der Erfolg jetzt nur noch ein kümmerlicher Hintergedanke. Wieso sollte sie das freuen, wenn sie Malleus verloren hatte?
      Malleus holte tief und hörbar Luft und Tavas Bick schnappte wieder zu ihm zurück. Er hatte noch immer Schmerzen von seinen Verletzungen und obwohl das nicht Tavas Schuld gewesen war, wies sie es sich doch jetzt auch zu. Wenn sie immerhin nicht gewesen wäre, dann hätten sich Malleus und Devon vielleicht nie zusammengetan. Oder... die Zeremonie wäre anders vonstatten gegangen. Oder...
      Irgendetwas halt. Aber sicher war das auch ihre Schuld. An allem war sie schuld. Früher oder später lief es mit all ihren Bekanntschaften gleich.
      "Ich habe dir gesagt, du sollst mit uns reden", fuhr Malleus fort, seine Stimme wieder leiser. Aber sämtliche Wärme war daraus verbannt, sodass es fast noch schlimmer war, als hätte er sie angeschrien. Tava konnte die Tränen nicht aufhalten, die ihr über die Wangen rollten. Sie war dumm, so verdammt dumm! Konnte sie nicht einmal etwas schönes genießen, wenn sie es hatte? Musste sie wirklich alles in Flammen aufgehen lassen - wortwörtlich?
      "Keine Alleingänge, schon vergessen? Das gilt für uns alle. Du kannst nicht, du darfst uns nicht so einen Schrecken einjagen!"
      Malleus wurde wieder lauter und Tava zuckte davon doch noch zusammen. Sie schluckte und versuchte nur leise zu schniefen. Mittlerweile hatte sie den Kopf so weit hinten, dass sie davon nur noch heulen wollte.
      "Was hast du dir nur dabei gedacht?", fragte Malleus fassungslos und als er nicht sofort weitersprach, begriff Tava, dass er ihr die Gelegenheit gab, sich zu verteidigen. Das war dann doch etwas Neues und traf sie damit so unvorbereitet, dass die Wörter zusammen mit ihren Tränen nur so heraus sprudelten.
      "Ich dachte nur weil - ich wollte euch ü-überraschen weil - nein, eigentlich wollte ich nur - weil heute morgen hab ich ges... gesehen, dass heute S-Stichtag ist und - ich hab's probiert! Wir-wirklich, ich hab's erst probiert und es hat funktioniert und dann dachte ich mi-mir, weil ich ja - ich muss das testen, weißt du? Ich kann ja nicht einfach be-behaupten, dass es klappt, also dachte ich mir, ihr wollt das bestimmt sehen, dass ich - dass ich es gesch- weil ich -"
      Die restlichen Worte gingen in einem Schluchzen unter, das Tava einfach nicht aufhalten konnte. Das hier war so, so viel schlimmer als sämtliche Demütigungen ihrer Misserfolge in der Vergangenheit. Denn das hier war kein Misserfolg, kein "oh seht mal, Tava hat die Hand ins Feuer gesteckt und sich verbrannt, was für eine Dummheit", es war ihr gelungen! Aber Malleus war wütend auf sie, Devon war verletzt und Tava wusste einfach nicht mehr, was sie denken sollte. Blödes Feuer. Blödes, dummes, verbranntes Feuer!
      "Ich w-wollte euch ni-nicht erschreck-en und ich wollte auch ni-nicht, dass Devon sich ver-verbrennt. Es tut mir l-leid, Devon! Ich hab kein - oh, ich hab keine B-Brandsalbe!"
      Der Gedanke daran brachte nur noch mehr Tränen zu Tage und Tava hätte sich am liebsten irgendwo fest eingerollt. Erst wäre sie weggelaufen, dann hätte sie sich irgendwo eingerollt und vielleicht auch noch ihre Umgebung in Brand gesetzt. Aber - nein, kein Brand! Es war doch immer das Feuer, das an allem Schuld war. Aber so sehr Tava es auch wollte, sie konnte einfach nicht verhindern, dass sie sich nach den Flammen mindestens genauso sehr sehnte wie nach Malleus sanften, beruhigenden Worten. Oder nach Devons Nettigkeit, die er ihr gestern noch gezeigt hatte. Alles vertan und verbrannt für... für nichts!
      "Es tut mir le-leid, wirklich! Ich mach's nie w-wieder, ich werd' nie wieder F-Feuer entzünden! Wirklich, ich versprech's! Ich fass n-nie wieder Feuer an! Hier -"
      Fahrig zog sie sich den Ring vom Finger und hielt ihn Malleus entgegen. Wenn es das einzige war, was sie daran hindern würden sie auszustoßen, würde sie es machen.
      "Ni-Nimm ihn! Ich versprech's! Ich wollte euch nicht we-weh tun!"
    • "Du wolltest uns überraschen?", murmelte Malleus verständnislos.
      Es folgten mehr Worte und noch mehr Tränen, die über Tavas Wangen kullerten und der Strom schien einfach kein Ende zu nehmen. Er konnte sich auf das Gesagte einfach keinen Reim machen. Tava schluchzte so herzzerreißend, dass Malleus am liebsten den Blick abgewandt hätte. Das Ganze erinnerte ihn zu sehr an Oratis. Ein Rückzieher war dennoch völlig ausgeschlossen. Also blieb Malleus' Haltung unnachgiebig und sein Blick hart. Tava hatte längst begriffen, dass sie etwas falsch gemacht hatte, aber einem Teil von ihm reichte das immer noch nicht. Sein Blick haftete an ihrem tränenüberströmten Gesicht, obwohl ihre Worte ihn beinahe dazu verleitete, über die unversehrte Haut an ihrem Hals zu gleiten. Er weigerte sich noch beharrlich diesem Erfolg auch nur die geringste Anerkennung zu schenken.
      Dass sie Devon nicht helfen konnte, förderte noch mehr Tränen zu Tage und Malleus begann sich ernsthaft zu Sorgen, dass sie sich an ihren eigenen Silben verschluckte und doch noch erstickte. Tava kam kaum dazu zwischen den Sätzen wirklich Luft zu holen. Malleus knirschte mit den Zähnen und rührte sich keinen Zentimeter. Sein Schweigen erwies sich als noch schlimmer, vielleicht als härteste Bestrafung, für Tava. Die Entschuldigungen purzelten nur so aus ihrem Mund und bargen dabei eine so große Furcht in sich, das diese sich wie Säure über seine bewegungslose Zunge legte. Er trieb Tava allein mit seinem Mangel an Reaktionen immer weiter, forderte stumm mehr und mehr Tränen.
      Malleus war verärgert und hatte Tava damit zum Weinen gebracht. Wie in Oratis blieb die Befriedigung darüber aus. Er fühlte sich nicht gut, nicht mächtig dabei und das ärgerte ihn noch mehr. Erst als Tava ihm den Ring unter die Nase hielt, kam der Sturm in seinem Kopf zu einem plötzlichen Halt. Sie bot ihm an, was so unendlich wichtig für sie war, um sich sein Wohlwollen wieder zu erkaufen. Immerhin hatte er sie schon einmal damit bestraft, doch Malleus warf nur einen flüchtigen Blick auf den Ring.
      "Ich will deinen Ring nicht, Tava", lehnte er ab und verzog die Lippen beim Klang seines harschen Tonfalls.
      Er sah zu wie Tavas Miene noch mehr wackelte als zuvor. Die Cervidia sah aus, als hätte er sie mit den Worten bereits vor die Tür gesetzt. Malleus seufzte zum unzähligen Mal innerhalb der letzten Minuten und löste sich endlich aus seiner Starre. Er nahm ihre Hand und steckte den Ring zurück auf ihren Finger. Dort, wo er hin gehörte. Anschließend fuhren seine Fingerspitzen über ihren unverbrannten Handrücken, ihr Handgelenk und über die Innenseite ihres Armes. Über Zentimeter um Zentimeter heile Haut.
      "Ich will dich nicht bestrafen und ich kann nicht glauben, dass das aus meinem Mund kommt, aber es bereitet mir keine Freude", fuhr er fort. "Ich sehe, dass es dir leid tut. Niemand unterstellt dir, dass du einen von uns verletzen wolltest, aber es ist passiert. Hätte es aber nicht, wenn du uns in Ruhe gesagt hättest, was dich heute Morgen so aufgeregt hat. Niemand freut sich darüber, wenn sich eine Person spontan in Brand steckt. Wir sind wütend, weil du uns wichtig bist, Tava."
      Er bedeutete Tava einen Schritt zurückzugehen, damit er aufstehen konnte und als er weitersprach, klang er noch immer distanziert.
      "Und wenn du einem von uns als Beweis wirklich deinen Ring anbieten willst, dann nicht mir."
      Malleus sah zu Devon und sagte an Tava gewandt: "Aber warte damit lieber noch ein wenig. Ich bin nicht der, der durch dein Feuer verbrannt wurde."
      Nicht körperlich, aber das Bild hatte sich in seine Netzhaut eingebrannt.
      "Vor allem schuldest du uns eine Erklärung. Eine, die wir verstehen. Also, amtete tief durch, wisch dir die Tränen aus dem Gesicht und versuch es noch einmal. Langsam."
      Vorsichtig näherte sich Malleus dem Lacerta, der noch immer kein Feuer entzündet hatte. Die Verbrennung und die anhaltende Kälte forderten ihren Tribut. Er ging neben Devon in die Hocke, nahm die Feuersteine an sich und schlug beide aneinander bis Funken flogen. Der Lacerta war zu starr, zu ruhig, und genau dieser Ruhe traute er nicht. Mit der Hand fächerte er der kläglichen Glut etwas Luft zu, sich herunter zu beugen um das Gleiche mit seinem Atem zu tun, dagegen sperrten sich seine Muskeln dank der Brüche.
      Er machte dabei nicht den Fehler, Devon zu nahe zu kommen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ein Holzscheit…
      Darüber ein zweiter und noch ein dritter…
      Ein wenig trocknere Rinde in die Hohlräume stopfen…
      Feuerstahl… Wo hatten sie den Feuerstahl hingelegt….
      … „Wir dachten, du verbrennst!“…
      Ja, das stimmte… Für grausige, lange Sekunden hatte Devon ernsthaft geglaubt, dass sich Tava wie eine Gestörte selbst anzündete, um vor den Augen beider Männer ins jenseits über zuwandern. Völlig aus der Luft gegriffen, ohne dass er auch nur eine Idee gehabt haben könnte, wieso sie so etwas tat. Nachdem er akzeptieren musste, dass sie ihm gefolgt und schließlich auch aus seinem Verließ befreit hatten, war diese ganze Situation einfach dermaßen unwirklich gewesen, dass er für einen Moment gedacht hatte, aus der Realität gefallen zu sein. Es war fast so absurd wie die Tatsache, dass sein bester Freund nichts weiteres mehr war als eine Rolle trockenes Leder in seiner Tasche. Eine ehemalige Person, reduziert auf eine Rolle. Fast wäre Tava reduziert worden auf einen verkohlten, leblosen Körper.
      „Sieh dir seinen Arm an!“
      Darüber rümpfte Devon die Nase. Der Geruch von verkohlter Haut war nie ein sonderlich angenehmer Geruch, aber er biss nicht so sehr wie die Wut, die am Rande seines Bewusstseins brodelte. Seinen Arm bewegte er so wenig wie möglich, während er einhändig versuchte, den Feuerstahl zu entzünden. Jeder Ratscher, den er machte, brachte nicht den gewünschten Funken, und Schmerz und Kälte setzten dem Jäger spürbar weiter zu. Mit jedem missglückten Versuch stieg der Frust in ihm weiter an.
      … “… dass heute S-Stichtag ist und - ich hab's probiert!“…
      Devon biss die Zähne zusammen. Wieso bekam er denn keinen Funken aus diesem vermaledeiten Stahl?! Sonst ging ihm das Feuer auch so einfach von der Hand! Mit immer stärker klopfendem Herzen setzte er sich um, Frust forderte Unruhe. Vielleicht doch noch ein Scheit drauf packen. Vielleicht waren die anderen einfach noch nicht trocken genug.
      "Ich w-wollte euch ni-nicht erschreck-en und ich wollte auch ni-nicht, dass Devon sich ver-verbrennt. Es tut mir l-leid, Devon! Ich hab kein - oh, ich hab keine B-Brandsalbe!"
      Als ob er sich ein weiteres Mal verbrannt hätte, kniff Devon seine Augen zu schlitzen zusammen. Er brauchte keine Bestätigung, dass es Tava leidtat. Keine Beweise oder Bekundungen, er wusste, dass sie nicht daran gedacht hatte, dass er sich verletzen könnte. Sie hatte nur auf ihren Mikrokosmos geachtet und nicht über den Tellerrand geschaut. Er wusste das alles und trotzdem machte es ihn fast rasend.
      „Ich fass n-nie wieder Feuer an! Hier –„
      Das wiederum glaubte Devon ihr weniger. Er hatte verstanden, dass das Feuer ein nicht zu geringer Teil von der Cervidia war. Es war nicht nur eine manische Obsession, es war mehr als das. So wie Malleus eine seltsame Beziehung zu Adrastus hegte und er selbst Herzkristalle fraß, so war das Feuer ein Teil von Tavas Persönlichkeit. Und den legte man nicht so einfach ab. Das hatte sie ihm eindrucksvoll bewiesen, als sie trotz Flammen in Euphorie verfallen war.
      Wieder kein Funke. Ein Holzscheit fiel vom Haufen und Devon setzte ihn mit vor Frust und Kälte zittrigen Fingern wieder zurück oben auf. Wieso brauchte dieses Feuer...!!!?
      Ihm riss der Geduldsfaden endgültig. Mit einem kurzschwelligen Brüllen riss der Lacerta den obersten Scheit vom Haufen und warf ihn mit seiner gesunden Hand quer durch den Raum. Das Holz zersplitterte an der Wand und es regnete Splitter. Die ganze Aggression waberte in einer Wolke um den Jäger, der dem zersplitterten Scheit nachsah und nicht recht drauf reagierte, als Malleus neben ihm in die Hocke ging. Ohne sich zu bewegen oder etwas zu erwidern ließ Devon den anderen Mann das vollenden, was seine Hände aktuell nicht schafften. Vermutlich sah der Ausdruck auf seinem Gesicht gerade so aus, als würde er gleich jemanden den Kopf abreißen. Oder wirklich, wirklich schlimme Schmerzen leiden. Erst, als er seinen Ausbruch wieder unter Kontrolle hatte, versuchte er, durchzuatmen. Das Feuer, das sich ganz langsam bildete, war alles andere als kräftig. Dennoch reichte das bisschen Wärme aus, um auf seiner gereizten Haut wie neues Feuer zu brennen. Mit einem undeutlichen Laut drehte er der Feuerstelle den Rücken zu, wo es weniger brannte. Sein angesengter Arm ruhte prominent auf seinen Beinen.
      „Sie ist feuerfest“, malmte Devon und starrte die schluchzende Cervidia an. „Sie wollte uns einfach zeigen, dass sie verdammt nochmal feuerfest ist. Wieso ist mir scheißegal, aber es ist mir nicht egal, wie du das zeigst, Tava. Das mit meinem Arm ist scheiße.“ Er zuckte mit dem angesengten Arm, wobei seine Mundwinkel sich angespannten nach unten verzogen. „Aber weißt du, was noch beschissener ist? Dass mein scheiß Bruder nichts weiter als eine verfickte Rolle ist, die ich mit mir rumschleppe! Du hast dafür gesorgt, dass ich ihm nicht folge und dann stehst du einfach morgens da und steckst dich an!“
      Die Kontrolle entglitt ihm ein weiteres Mal und er bemerkte nicht einmal, dass er kontinuierlich lauter wurde. Er spuckte hier und da sogar kleine Tröpfchen Speichel, während er sich wieder in Rage redete. Aufgebracht und abgehackt warf er seinen gesunden Arm in die Luft, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen.
      „Du hättest jetzt ein verkohlter, kalter Körper sein können! Dann hätte ich nicht nur Escholons Verlust zu verkraften, sondern deinen auch noch! Das ist es, wieso ich Gruppen und Bindungen so hasse! Ich will diesen ganzen Scheiß nicht fühlen, Tava!“
    • "Ich will deinen Ring nicht, Tava", sagte Malleus schroff und Tava spürte, wie ihr Herz in tausend Einzelteile zersprang. Der Schmerz war noch viel schlimmer als die Nahtoderfahrung noch vor wenigen Minuten, so viel unerträglicher bei der entsetzlichen Verzweiflung, die sie dabei verspürte. Malleus wollte ihn nicht! Es war ihm egal, wie sehr Tava es leid tat, wie sehr sie sich verändern könnte, wie sehr sie an sich arbeitete; er wollte den Ring nicht mehr haben. Es war aus, vorbei mit ihnen. Gleich würde er sagen "Geh jetzt" oder vielleicht würde er sowas sagen wie "Ich möchte, dass du deine Sachen packst", denn Malleus war ein netter Mann, ein guter Mann, der niemals sowas wie "Verzieh dich" zu ihr sagen würde. Aber der Sinn würde derselbe sein und deswegen weinte Tava noch heftiger. Sie wollte ihn nicht verlieren, sie wollte Devon nicht verlieren. Sie mochte die Konstellation, die sie drei hatten. Wieso musste sie es nur immer kaputt machen? Wieso konnte sie einfach nicht lernen?
      "Dann - dann, soll ich - aber ich - ich will - bitte schmeiß mich nicht raus! Bi-Bitte Malleus, ich kann mich ä-ändern, wirklich! Ich will - will nicht -"
      Sie verschluckte sich an ihrem eigenen Schluchzen und Malleus stieß ein Seufzen aus. Er setzte sich auf und gerade, als Tava noch einmal zu betteln ansetzte, erstickte er ihre Worte im Keim, als er ihren Ring vorsichtig zurück auf ihren Finger steckte. Dort fühlte er sich gut und vertraut an, aber Tava hätte ihn am liebsten trotzdem von sich geworfen. Sie konnte es nicht ertragen, diese abgrundtiefe Verzweiflung, die sie über den Verlust spürte. Wieso hätte sie es nicht anders machen können!
      "Ich will dich nicht bestrafen und ich kann nicht glauben, dass das aus meinem Mund kommt, aber es bereitet mir keine Freude", sagte Malleus und Tava schniefte ein paar Mal. Er wollte sie nicht bestrafen - also was? Dann was anderes? Sah er Verbannung nicht als Strafe an?
      "Ich sehe, dass es dir leid tut. Niemand unterstellt dir, dass du einen von uns verletzen wolltest, aber es ist passiert. Hätte es aber nicht, wenn du uns in Ruhe gesagt hättest, was dich heute Morgen so aufgeregt hat. Niemand freut sich darüber, wenn sich eine Person spontan in Brand steckt. Wir sind wütend, weil du uns wichtig bist, Tava."
      Weil du uns wichtig bist.
      Tava war so verwirrt von dieser Bemerkung, dass sie sie im ersten Moment gar nicht verstand. Sollte Malleus nicht sauer sein? Aber doch, er war sauer, nur war er nicht sauer, weil Tava... ihn in Gefahr brachte? Er war sauer, weil sie... sich selbst im Gefahr brachte? Weil sie ihm wichtig war?
      "Ich -" Sie schniefte. "Ich versteh nicht -"
      "Und wenn du einem von uns als Beweis wirklich deinen Ring anbieten willst, dann nicht mir."
      Malleus stand auf. Tava drehte den Kopf zu Devon herum; ja, wenn einer ihren Ring haben sollte, dann wohl Devon. Immerhin hatte sie ihn verletzt - mit ihren eigenen Flammen verletzt - und jetzt hatte sie nichtmal ein Mittel dagegen. Und wenn Malleus nun nicht für sie beide gesprochen hatte? Wenn Devon eine ganz andere Meinung zu der ganzen Sache hatte?
      Da wirbelte der Lacerta plötzlich herum, wie von ihrem Gedankenstoß explodiert, und knallte mit einem wütenden Brüllen den Holzscheit gegen die Wand. Tava zuckte zurück, als wäre sie davon getroffen worden, und spürte ihre Knie weich werden. Sie hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, wie es sein könnte, wenn Devon mal wütend wäre, denn wirklich, was konnte den Mann je aus der Fassung bringen? Aber in Touvanen hatte sie gesehen, dass es durchaus möglich war, und jetzt zog sie für den Bruchteil einer Sekunde in Betracht, dass Devons Ausbruch in Touvanen sich auch gegen sie richten könnte. Malleus zerriss ihr das Herz und Devon zerriss ihr den Kopf, wäre das nicht perfekt? Wäre das nicht die ultimative Auflösung ihres Teams, kein einfacher Rauswurf, sondern Tava vorher noch in Stücke gerissen? Und hätte sie das nicht verdient? Wäre das nicht genauso fair gewesen, wie ein sanftes "Du solltest jetzt gehen" von Malleus?
      Aber so sehr Tava auch versuchte, Frieden mit der Erkenntnis zu schließen, dass es jetzt aus und vorbei war, konnte sie es nicht. Sie konnte nicht abschließen mit Malleus und Devon, wegen dem sie jetzt wieder mehr weinte, nachdem Malleus ihr solche Hoffnung gemacht hatte. Sie konnte einfach nicht. Würde denn Devon wenigstens ihren Ring akzeptieren? Den Ring übergeben, anstatt den Kopf abgerissen zu bekommen?
      Neben Tava blieb Malleus nach außenhin ganz ruhig, als er an ihr vorbei ging und das Feuer im Kamin entzündete. Tava presste schluchzend ihren Ring so fest in ihre Hand, dass es ihr weh tat. Doch sie wollte sich Devon nicht nähern, hatte Angst, ihn noch einmal mit ihrer schieren Anwesenheit explodieren zu lassen, und so blieb sie an Ort und Stelle. Der Feigling, der sie doch letzten Endes war.
      Devon atmete nach einem Moment sichtlich angestrengt durch, dann sagte er wütend:
      „Sie ist feuerfest. Sie wollte uns einfach zeigen, dass sie verdammt nochmal feuerfest ist. Wieso ist mir scheißegal, aber es ist mir nicht egal, wie du das zeigst, Tava. Das mit meinem Arm ist scheiße. Aber weißt du, was noch beschissener ist? Dass mein scheiß Bruder nichts weiter als eine verfickte Rolle ist, die ich mit mir rumschleppe! Du hast dafür gesorgt, dass ich ihm nicht folge und dann stehst du einfach morgens da und steckst dich an!“
      Seine Worte hatten eine ähnlich verwirrende Wirkung auf Tava wie schon Malleus', aber es war Devons wütender Tonfall, der ihre Tränen weiter befeuerte, bevor sie sie richtig verstehen konnte. Was hatte das hier mit der Haut zu tun? Der Lacerta war doch nicht verbrannt worden und Tava auch nicht, also was...?
      „Du hättest jetzt ein verkohlter, kalter Körper sein können! Dann hätte ich nicht nur Escholons Verlust zu verkraften, sondern deinen auch noch! Das ist es, wieso ich Gruppen und Bindungen so hasse! Ich will diesen ganzen Scheiß nicht fühlen, Tava!“
      Weil du uns wichtig bist, Tava. War es etwa derselbe Grund, der auch Malleus so zugesetzt hatte? War Devons Wutausbruch derselbe wie Malleus'? Und wenn das so war, was sollte das bedeuten? Was bedeutete das für Tava, was bedeutete das für alle drei? Hieß das etwa... sie wollten sie doch nicht loswerden? Dass sie sie bei sich haben wollten?
      Der Hoffnungsschimmer von soeben flammte wieder auf und Tava hielt dem Druck endgültig nicht mehr stand, dem ständigen Auf und Nieder, dem Schmerz in ihrer Brust, der sicher viel mehr von ihrem Herzen, als von ihrer Lunge kam. Sie stieß ein Heulen aus, dann rannte sie zu dem Lacerta, warf sich ihm um den Hals und achtete darauf, seinem Arm nicht zu nahe zu kommen. Malleus konnte sie mit diesem Gefühlsausbruch nicht überfallen, aber Devon stieß sie nicht von sich und das war vielleicht auch schlimm, denn hätte er sie weggestoßen, wäre es ein eindeutiges Zeichen gewesen, eins, das Tava endlich einmal zuordnen konnte. Aber er tat es nicht und Tava klammerte sich an ihn, drückte sich gegen seinen Hals und weinte in die Reste seines Hemdes hinein.
      "Es tut mir leid! Es tut mir l-leid um Esch-olon, es tut mir so leid! Er hat das ni-nicht verdient und ich w-wollte nicht so enden. Wi-Wirklich nicht! Bitte sei nicht s-sauer Devon, bitte nicht! Ich änder mich, ich mach's! Es tut mir le-leid!"
      Sie weinte seinen Hals voll und konnte es einfach nicht aufhalten. Dabei hätte sie diejenige sein müssen, die Devon tröstet oder ihm zumindest seine Brandsalbe mixte! Aber Tava konnte ihren Griff nicht von ihm lösen, wollte ihn nicht lösen, denn wenn sie das einmal tat, dann würde er sie sicher nie wieder anfassen, dann wäre alles vorbei. Aber sie war ihm vielleicht auch wichtig und - oh, wie schlimm das nur war!
      "Nimm meinen Ring, du kannst ihn ha-haben! Behalt ihn, aber bi-bitte verlass mich nicht!"
    • Als Tava sich plötzlich in Bewegung setzte, richtete Devon sich auf und versteifte sich. Wenn jemand sich dermaßen nach vorne warf, dann war es ein Angriff. Ein Angriff ohne Rücksicht auf Verluste und vermutlich war es das, was Tava übrigblieb. Die Flucht nach vorn, nachdem Devon sie mit seinem Ausbruch aus der Ecke gezerrt und an den Rand einer bodenlosen Klippe gestellt hatte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als die Cervidia immer näherkam. Es geschah so langsam, dass er den Eindruck gewann, die Zeit habe eine neue Definition erhalten. Ihm wurde genug Zeit geschenkt, Tavas Gesicht in spärlichen Frakturen der Zeit zu sehen, fernab von Hass und Zorn oder gar schierer Panik und Verzweiflung. Was auch immer da auf ihrem Gesicht lag, verstand Devon nicht ganz. Wie auch, wenn er sein eigenes Gesicht bislang nur in Konzentration oder ausdruckslos gesehen hatte?
      Schließlich erreichte Tava den Lacerta und warf sich kurzerhand in dessen Arme. Devon zog gerade noch rechtzeitig seinen Arm weg, da klammerte sich die Cervidia förmlich an ihn. Die fassungslose Wut konnte sie jedoch nicht mit ihren Schluchzern besänftigen, die ihn davon abhielt, ihr die Arme um den Körper zu legen. Er blieb dort einfach sitzen und schob die Wut langsam zurück in die Schublade, die vollgestopft war mit zu vielen unbearbeiteten Gefühlen.
      "Es tut mir leid! Es tut mir l-leid um Esch-olon, es tut mir so leid! Er hat das ni-nicht verdient und ich w-wollte nicht so enden. Wi-Wirklich nicht! Bitte sei nicht s-sauer Devon, bitte nicht! Ich änder mich, ich mach's! Es tut mir le-leid!"
      Devons Blick blieb weiterhin nach vorn gerichtet. Natürlich konnte Tava nicht wissen, was Escholon verdient hatte und was nicht. Sie sagte es nur aus Mitgefühl, das, dessen Fehlen er ihr immer unterstellt hatte. Niemand von ihnen, weder Tava noch Malleus, konnten wahrlich nachvollziehen, welchen Stellenwert Escholon ins Devons Leben eingenommen hatte. Immerhin hatte er ihn nie bei diesem Namen genannt, den er allen anderen Leuten nannte.
      "Nimm meinen Ring, du kannst ihn ha-haben! Behalt ihn, aber bi-bitte verlass mich nicht!"
      Sie tat das Gleiche wie bei Malleus auch. Nur, dass der Lacerta nicht wie der Mensch tickte. Mit seiner gesunden Hand griff er blindlinks nach Tavas Schulter und zog sie sanft, aber bestimmt, von sich. Ihre Augen waren groß, gläsern und vom Weinen und Rauch gerötet. Ein paar wenige Herzschläge lang musterte er sie, dann hielt er seine geöffnete Hand fordernd zwischen sie beide. Es mochte unfair klingen, ihr dieses wichtige Stück abzunehmen. Immerhin hatte er in Oratis schon gesehen, wie sie auf das Fehlen des Ringes reagierte. Aber wenn sie es wirklich bereute und sich ändern wollte, dann musste sie auch diesen Weg bestreiten, den sie vorschlug. Also wartete er wortlos ab, wie Tava sich den Ring vom Finger zog und ihn mit zittrigen Händen in seine Handfläche platzierte. Die langen, kräftigen Finger schlossen sich um das kleine Stück Metall und verbargen es hinter Fleisch und Knochen.
      „Ich habe ihn“, versicherte Devon ihr, der Zorn war endlich ein merkliches Stück abgeklungen. „Was heißt, dass ich nicht gehen werde.“
      Es war ein wortloses Versprechen. Solange er ihren Ring bei sich trug, hatte sie eine Versicherung, dass er sie nicht verlassen würde. Selbst wenn er allein nach Tel’Aquera ging – er würde zurückkommen müssen, um ihr den Ring wiederzugeben. Vielleicht verstand sie es irgendwann auch ohne eine Erklärung. Das wusste er nicht. Was Devon dafür wusste, war, dass es so etwas mit Malleus nicht gab. Für ihn wurde klar, dass nur zwei von ihnen nicht längerfristig miteinander aushalten würden. Es war das Dreiergespann, diese Konstellation aus ihnen, die dafür sorgte, dass sie funktionierte. Fehlte ein Teil, brach das gesamte Konstrukt auseinander.
      Devon ließ die Hand mit dem Metall, das seine Körpertemperatur bereits angenommen hatte, sinken. „Kannst dich erkenntlich zeigen und ein bisschen sitzenbleiben, bis mir nicht mehr so scheißkalt ist.“
    • Für Malleus war es das natürlichste der Welt in die Rolle des aufmerksamen Beobachters zu schlüpften. Er konnte es tun ohne dabei zu starren und so verfolgte Malleus die angespannte Interaktion aus dem Augenwinkel, während er dem Feuer im Kamin allmählich Leben einhauchte. Eine gewisse Körperspannung hielt er ungebrochen aufrecht. Malleus war an dem heiklen Punkt angekommen, an dem er nicht länger zweifelfrei seine Hand für Devons bemerkenswerte Selbstbeherrschung ins Feuer legen würde. Er unterstellte ihm keine Sekunde lang Böswilligkeit oder den Wunsch, Tava zu verletzen, aber es kam immer der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Malleus kam mit der Brutalität besser zurecht als die Cervidia. Er war mehr als bereit einen weiteren Knochenbruch zu riskieren falls es nötig war. Doch erstmal geschah nichts und als das Zugeständnis, auf das er gewartet hatte, endlich kam, atmete der Kultist sehr leise aber erleichtert aus.
      „Ich habe ihn. Was heißt, dass ich nicht gehen werde.“
      Devon nahm den Ring entgegen und knüpfte die Geste an ein Versprechen. Malleus lächelte hinter einem Vorhang dichter, schwarze Haare.
      Vorsichtig richtete sich Malleus in eine aufrechte, sitzende Position auf. Sein Blick glitt über den breiten Rücken des Lacerta und wären die Hörner nicht gewesen, wäre Tava gänzlich hinter dem Mann verschwunden. So sah er nur ein hübsches Paar gedrehter Hörner, die über Devon hinweg ragten. Anstatt aufzustehen, lehnte Malleus sich mit dem Rücken gegen den zerschlissenen Ohrensessel, der neben dem Kamin stand. Er sagte nichts, aber die Aufregung saß ihm noch in den Knochen und er glaubte nicht, dass er alleine auf die Beine kam ohne sich dabei vor Schmerzen zu krümmen. Das Letzte, das er noch tat, bevor seinem Körper ein wenig Ruhe gönnte, war eine Decke von der Armlehne des Sessels zu ziehen und sie zu Devon zu schieben. Sofern er sie auf seinen geröteten und glühenden Hautpartien überhaupt ertrug oder sich gerade keine Decke mit Tava teilen wollte, aber die Geste zählte für Malleus.
      „Kannst dich erkenntlich zeigen und ein bisschen sitzenbleiben, bis mir nicht mehr so scheißkalt ist“, murrte Devon und beantwortete damit Malleus‘ stille Grübelei.
      Die Wärme des Feuers durchdrang ganz allmählich auch seine nasse Kleidung.
      Innerhalb von 24 Stunden zweimal tropfnass durchtränkt zu werden, musste erstmal reichen. Er hoffte nicht, dass es zur Gewohnheit wurde, dass sie sich entweder ins Feuer oder ins Wasser warfen. Glühend heiß oder eiskalt. Extreme, die sich in der Beziehung zwischen Lacerta, Cervidia und Mensch widerspiegelten. Harmonien und Disharmonien, die übereinander gelegt trotzdem eine Melodie ergaben. Malleus unterdrückte ein feines Lächeln, dass ihm angesichts der Situation ebenso unangemessen erschien wie das drängende Interesse an Tavas Feuerfestigkeit. Nur Malleus konnte es fertig bringen in dem morgigen Desaster etwas Poetisches zu entdecken.
      „Und während Devon sich aufwärmt, könntest du mir erklären, wie du das gemacht hast, Tava. Das übersteigt meines Wissens nach gewöhnliche Alchemiekunst. Selbstexperimente durchzuführen gehört eigentlich nicht zum Standartunterricht für Lehrlinge“, hakte Malleus möglichst neutral, aber mit einem dezenten Hauch von unangebrachtem Wissensdurst, nach. Sie hatten nie wieder explizit darüber gesprochen, aber er glaubte nach wie vor nicht an die Geschichte mit dem verlorenen Siegel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon schob Tava schließlich bestimmt von sich und Tava sah ängstlich zu ihm auf. Hinter den Tränen konnte sie seinen Gesichtsausdruck kaum lesen, aber sie hätte ihn mit dem riesigen Knoten in ihrem Magen sowieso nicht richtig deuten können. Sie hatte so große Angst, dass sich nun Devon von ihr abwenden könnte, dass es ihr die ganze Wahrnehmung verzerrte. Wollte er ihr mit dem Abstand klar machen, dass es jetzt vorbei war? Stand dort Zorn in seinen angespannten Augen? Legte er sich mit seinem Zögern nur die Worte richtig hin, um sie aus dem Haus zu werfen? Tava zitterte schon, so sehr fürchtete sie sich davor. Bitte, alles, nur das nicht. Bitte.
      Devon streckte schließlich seine Hand aus. Als hätten sie es längst abgemacht, legte Tava sofort ihren Ring auf seine Handfläche und zog die Hand zurück. Das würde ihn besänftigen, oder? Und wenn nicht? Malleus hatte ihn nicht haben wollen - und wenn es bei Devon nicht funktionierte?
      "Ich habe ihn. Was heißt, dass ich nicht gehen werde", sagte der Lacerta ruhiger.
      Diesmal hätte Tava vor Erleichterung glatt wieder heulen können. Seine Worte waren unmissverständlich, oder? Er schickte sie nicht fort und er ging auch selbst nicht, auch wenn er es nicht so direkt wie Malleus aussprach. Das bedeutete, es war für den Moment alles gesichert, oder? Sie wurde nicht rausgeschmissen, die Gruppe löste sich nicht auf, sie wurde nicht nochmal angeschrien, oder beschimpft, bestraft, was auch immer hätte kommen können. Sie hätte alles davon verdient, das wusste sie selbst, aber die Hoffnung war wieder da und damit die Erleichterung, die ihr fast schon körperlich schmerzte. Weinerlich schniefte sie und versuchte sich mit eisernem Willen davon abzuhalten, neue Tränen zu vergießen.
      "O-Okay."
      „Kannst dich erkenntlich zeigen und ein bisschen sitzenbleiben, bis mir nicht mehr so scheißkalt ist.“
      Devons Tonfall war noch immer schroff und unangenehm, aber er warf nicht mehr mit Holzscheiten um sich und er tolerierte Tavas Anwesenheit, was vielleicht im Moment mehr war, als sie verdient hatte. So nickte sie nur, erleichtert, dass ihr Albtraum doch nicht eingetroffen war, und ließ sich langsam auf die Couch sinken, die Decke immernoch fest um sich geschlungen. Das Zittern hielt an und auch ihr Wunsch, sich wahlweise fest einzurollen oder mit der nächsten Salve an Tränen ihre Entschuldigungen kund zu tun, aber sie schluckte es beides herunter, um ihr Privileg nicht zu zerstören, jetzt hier sitzen zu dürfen. Dabei war es wirklich kalt, obwohl sie sich sicher war, dass Devon größtenteils aufgrund seiner Natur es als scheißkalt bezeichnet hatte. Aber es war wirklich scheißkalt. War es vorhin hier auch schon so kalt gewesen? Hatte sie sich etwa an die Hitze der Flammen gewöhnt? Aber so lange war sie gar nicht in Flammen gestanden, höchstens eine Minute. So schnell konnte das nicht gehen.
      "Und während Devon sich aufwärmt, könntest du mir erklären, wie du das gemacht hast, Tava", sagte Malleus vom Kamin aus. "Das übersteigt meines Wissens nach gewöhnliche Alchemiekunst. Selbstexperimente durchzuführen gehört eigentlich nicht zum Standardunterricht für Lehrlinge."
      "Ich bin auch kein Lehrling mehr", entgegnete Tava nach einem kurzen Schlucken und versuchte sich an einem Lächeln, das ihr vollständig misslang. Das Thema Alchemie war risikofrei, oder? Niemand wollte sie anschreien wegen Alchemie, nicht wahr? Außer natürlich es ging um Feuer, Feuer war ein Tabu-Thema. Tava war fest entschlossen, Devon nicht zu enttäuschen und sich mit ihrem Wahn zu bessern, da wollte sie ihm nicht das Gefühl geben, dass sie es keine drei Sekunden aushielt. Aber wie sollte sie jetzt von ihrem Experiment erzählen, ohne dabei auf das Feuer einzugehen?
      "Ich habe ein paar Jahre daran gearbeitet, dass ich... ähm... es war eigentlich mehr ein Hobby", sagte sie langsam und sah dabei kurz zu Devon und wieder zurück. Ihr Finger fühlte sich unangenehm nackt an ohne den Ring, schon wieder. Sie schniefte knapp.
      "Ich wollte sehen, ob ich..." Adrastus' Feuer beherrschen kann. "... Nein, also eigentlich habe ich mich gefragt, ob es eine Verbindung gibt zwischen", den Feuern, "Stoffen, die feuerresistent sind, aber nicht in die selbe Kategorie fallen. Steine brennen nicht, natürlich nicht, aber Gysoper auch nicht, zumindest nicht der Stängel. Glas brennt nicht, Wasser auch nicht. Warum nicht? Was haben Wasser, Stein und Gysoper gemeinsam, was Holz nicht hat? ... Was Lebewesen nicht haben?"
      Ihr Blick flackerte noch einmal zu Devon hinüber. Sie musste ja nicht... naja... alles erklären.
      "Also habe ich ein bisschen..." Gezündelt. "... Rumprobiert und die These aufgestellt, dass, äh, Feuer Futter braucht, um zu leben."
      Das wurde jetzt gefährlich grenzwertig für ein Thema, dass sie eigentlich umschiffen wollte. Unwohl rutschte Tava auf dem Platz herum.
      "Wie gesagt, es war nur ein bisschen... nur ein Hobby. Quasi. Es ist nicht so wild. Ich - Ich zeig's dir."
      Sie stand auf, froh, dass sie sich nicht weiter im Thema verheddern konnte, und holte ihr Buch aus dem Nebenraum. Sie schlug es auf und blätterte; ihr Blick streifte die aufgestellte Mischung, die funktioniert hatte, und ihr Herz machte einen Sprung. Aber nein, sie würde sich von Feuer fernhalten. Keine Experimente, kein Zündeln, auch nichts was indirekt damit zu tun hatte. Sie würde sich für Devon bessern - und natürlich auch für Malleus.
      "Ich habe erst - oh, nein das nicht."
      Sie übersprang schnell die Notizen, bei denen sie an Eidechsen experimentiert hatte. Unfassbar, wie lange das schon her war. Aber Devon würde davon sicher nichts hören wollen.
      "Also, ich habe - hier. Ich habe mich mit der Idee auseinander geschlagen, Stoffe zu verändern. Damit... also, damit ein Brennstoff, der Feuer das Futter gibt, dieses Futter verliert. Hier habe ich es zum ersten Mal geschafft, Wolle so zu verdichten, dass sie nicht mehr brennt. Es war dann natürlich auch nicht mehr wirklich... zum Tragen geeignet."
      Sie überreichte Malleus das Buch und damit die darin aufgeschlagene Seite. Beide Seiten waren hauptsächlich mit einer Sache gefüllt: Zahlen. Zahlen, überall mit kleinen Abkürzungen daneben und Anmerkungen, die noch mehr Abkürzungen enthielten. Tabellen, unschön aufgezeichnet, die aber einer bestimmten Struktur folgten, krakelige Zeichnungen, die hauptsächlich Formen und noch mehr Abkürzungen und Zahlen beinhalteten. Tava wurde sich plötzlich bewusst, dass sie nie ordentlich gelernt hatte, wie richtige Alchemisten ihre Notizen gliederten und schämte sich ein bisschen für ihr Gekritzel. Jetzt mehr denn je kam ihr die ganze Sache wie eine Dummheit vor; erst das Feuer und dann das. Was dachte sie, das sie hier tat? Wirklich Adrastus' Feuer näherkommen? Das war doch lächerlich.
      "Ähm... Und dann, wenn du weiterblätterst, da habe ich ein paar Lösungen hergestellt, die selbst feuerrestitent sind. Dann habe ich das nur... äh... verbunden."
      Dieses "nur verbinden" erstreckte sich über die Hälfte des dicken Buches und trug noch mehr Formeln mit sich. Es gab einen deutlich erkennbaren Richtungspfad, bei dem Tava erst versucht hatte, diverse Stoffe mit der feuerfesten Lösung zu beschmieren, um sie vor Feuer zu schützen, bevor sie durch ihre Experimente darauf gekommen war, dass es einen höheren Erfolg brachte, die Stoffe von innen heraus zu verändern. Das hatte sie erst mit Pflanzen getan, dann mit Eidechsen, dann mit Hasen - und dann mit sich selbst. Zwischen den aktuellsten Seiten waren zusätzliche Blätter geklebt mit der cervidischen Anatomie. Es hatte keine wissenschaftliche Tiefe, aber für den Trank hatte es gereicht.
      Zögerlich trat Tava von einem Fuß auf den anderen. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Tabu-Thema nicht vielleicht doch überschritten hatte.
      "Jedenfalls... hat es funktioniert. Jetzt weiß ich es. Vielleicht kann man das Rezept..." Sie sah knapp zu Devon. "... Verkaufen... oder so..."

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    • "Ich bin auch kein Lehrling mehr", schniefte Tava.
      "Ich weiß“, antwortete Malleus knapp. ‚Du bist brillant. Auf eine verstörende, eigensinnige Art und Weise absolut brillant.‘
      Es gab auf dem gesamten Kontinent keinen Alchemisten, der etwas Vergleichbares erreicht hatte. Nicht, dass er wüsste und ein jüngerer Malleus hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt um eine solche Substanz in die Finger zu bekommen, wenn er davon erfahren hätte. Ein geflüstertes Gerücht wäre genug für ihn gewesen um den ganzen Kontinent danach umzugraben. Die Möglichkeiten, die sich ihm geboten hätten, überstiegen seine kühnsten Träume. Die Lüge, die sein Leben bestimmte, wäre mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Er, der Auserwählte des großen Adrastus, hätte alle Zweifler verstummen lassen und nie wieder das Feuer fürchten müssen. Der Malleus, der nun viele Jahre später mit steifer Miene in einem gottverlassenen Bauernhaus im Nirgendwo hockte, wusste, dass nie Feuer selbst das Problem gewesen war. Es waren die Erinnerungen, die mit den Flammen kamen und die er mehr als alles andere fürchtete. Dagegen halfen kein Trank, keine Pflanze, keine Substanz und keine Tinktur.
      Malleus blieb ganz still während Tava sprach. Nicht alles davon ergab für ihn sofort einen Sinn, doch langsam dämmerte ihm, worauf die Cervidia hinauswollte. Als Tava ihm ihre Notizen reichte, nahm er das Buch – ein ganzes verdammtes Buch - mit der größten Umsicht entgegen. Malleus wusste den Wert niedergeschriebenen Wissens zu würdigen. Behutsam glitten seine Fingerspitzen über die Seiten, fuhren die unordentlichen Kritzeleien, die im ersten Moment völlig willkürlich erschienen, entlang. Nach und nach ergab sich ein Gesamtbild, das Malleus mit größter Faszination betrachtete.
      "Also, ich habe - hier. Ich habe mich mit der Idee auseinandergeschlagen, Stoffe zu verändern. Damit... also, damit ein Brennstoff, der Feuer das Futter gibt, dieses Futter verliert. Hier habe ich es zum ersten Mal geschafft, Wolle so zu verdichten, dass sie nicht mehr brennt. Es war dann natürlich auch nicht mehr wirklich... zum Tragen geeignet."
      Was für Außenstehende wie pures Chaos aussah, offenbarte dem Kultisten ein System. Er hielt Jahre voller harter Arbeit in seinen Händen. Es war ein Manuskript über versagen und nicht aufgeben. Theorie über Theorie stapelte sich in den Seiten, widerlegt und neu aufgestellt, nur um ein weiteres Mal zu scheitern und neu anzufangen. Was Malleus als Ehrgeiz bewunderte, grenzte an Besessenheit.
      "Ähm... Und dann, wenn du weiterblätterst, da habe ich ein paar Lösungen hergestellt, die selbst feuerresistent sind. Dann habe ich das nur... äh... verbunden."
      Nur. Malleus machte ein undefinierbares Geräusch, dass wohl einem ungläubigen Schnauben am ähnlichsten war. Dabei verstand er nicht einmal die Hälfte der Kritzeleien, dafür reichte sein theoretisches Wissen über die Kunst der Alchemie einfach nicht aus. Er blieb etwas länger an den hinzugefügten Seiten mit anatomischen Zeichnungen hängen. Mit genügend Recherche über die Cervidia könnte er Tava viel akkuratere Schaubilder fertigen, doch sie hatte seine Hilfe gar nicht nötig. Tava hatte überhaupt keine Hilfe gebraucht. Er wusste, dass die Cervidia trotz ihrer Manie, was Feuer betraf, talentiert war. Er hatte sich selbst in den vergangenen Wochen mehrfach auf ihr Talent gestützt und es gelobt, aber das hier…Malleus hatte Tava maßlos unterschätzt.
      "Jedenfalls... hat es funktioniert. Jetzt weiß ich es. Vielleicht kann man das Rezept...Verkaufen... oder so..."
      „Ich habe sowas noch nie gesehen. Es ist unorthodox, gefährlich und anmaßend“, raunte Malleus nach langem Schweigen.
      Seine Mundwinkel aber zuckten leicht in die Höhe „Und es ist brillant, Tava. Du hast all das ganz allein bewerkstelligt?“
      Malleus drehte den Kopf zu Devon, dessen Blick er plötzlich sehr eindringlich im Nacken spürte. Er war sich des Schmerzes bewusst, mit dem Devon kämpfte. Ganz langsam streckte er die Hand aus und griffen nach dem Einzigen von Devon, dass er aus seiner Position erreichen konnte. Seine Finger bekamen das durchnässte Hosenbein zu fassen und legten sich warm um Devons Fußgelenk. Zeige- und Mittelfinger stahlen sich unter den klammen Stoff und drückten sich sanft und bruhigend - besänftigend traf es in Malleus Gedanken wohl eher - in die kleine Mulde zwischen Gelenk und Achillessehne.
      „Ich habe nicht gesagt, dass ich gutheiße, was da gerade passiert ist. Ich bin verägert. Aber es ist brillant.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Malleus studierte Tavas Notizen so intensiv, dass sie langsam nervös wurde. Unruhig verlagerte sie das Gewicht vom einen Bein auf das andere, während sie seinen konzentrierten Gesichtsausdruck zu deuten versuchte. War es gute Arbeit, die sie geleistet hatte? Natürlich konnte Malleus nicht das Resultat infrage stellen, wenn er es doch mit eigenen Augen gesehen hatte, aber befürwortete er ihre Arbeit? Würde er sie zu schätzen wissen, die Jahre an geleisteter Arbeit, an Forschungen, die nur an gescheiterten Experimenten und brennenden Strukturen geendet waren? Würde er es gutheißen, dass Tava ohne ein Siegel - natürlich hatte sie eins, es war ja nur verloren - ein Rezept gefunden hatte, das noch niemand anderes überhaupt gewagt hatte? Würde es ihm gefallen?
      Aus seinem Gesichtsausdruck war kaum etwas zu lesen, um all diese Fragen zu beantworten, und Tava traute sich auch nicht, danach zu fragen. Ihr Blick glitt nervös zu Devon hinüber, der ihren Ring noch immer hatte und sie beide ausdruckslos beobachtete. Würde es Malleus gefallen oder würde er aufbrausen, wie Devon es getan hatte?
      „Ich habe sowas noch nie gesehen. Es ist unorthodox, gefährlich und anmaßend“, sagte Malleus schließlich und Enttäuschung machte sich unmittelbar in Tava breit. Ja, es war gefährlich, nicht wahr? Und anmaßend. Wer glaubte sie schließlich, der sie war, eine richtige Alchemistin? Eine Forscherin?
      „Und es ist brillant, Tava. Du hast all das ganz allein bewerkstelligt?“
      Verblüfft blinzelte sie auf ihn hinab. Malleus hob den Kopf und blickte zu Devon hinüber, der sie noch immer reglos beobachtete. Auf dem Gesicht des Kultisten fehlte jede Art von Empörung, stattdessen stand ein offenes Glitzern in seinen Augen. Tavas Herz machte sogleich einen Sprung in die andere Richtung; es war brillant? Er hielt es für brillant? Schnell nickte sie, bevor sie noch vergessen hätte zu antworten.
      "Ja - ich meine, ganz allein war es nicht, ganz allein ist es nie. Ich stütze mich ja nur auf andere, ähm, Forschungen, aber die Idee und die Umsetzung, das war ich. Ja."
      Malleus streckte die Hand aus und legte sie über Devons Knöchel, als wollte er ihn in dieses Gespräch mit einbeziehen. Devon starrte dafür nur.
      „Ich habe nicht gesagt, dass ich gutheiße, was da gerade passiert ist. Ich bin verägert. Aber es ist brillant.“
      Ein leichtes Lächeln breitete sich über Tavas Gesicht aus. Damit konnte sie leben, das war erträglich. Malleus hielt ihre Arbeit für brillant; unter der Erkenntnis schwellte sie vor Stolz gleich wieder auf.
      "Danke. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Wenn es jetzt nicht funktioniert hätte, wären mir die Ideen ausgegangen."
      Sie beugte sich hinab und nahm ihr Buch vorsichtig wieder entgegen, wobei sie die Decke festhielt, damit sie ihr nicht von den Schultern rutschte. Fürsorglich hielt sie das Buch gegen ihre Brust.
      "Dabei wollte ich ursprünglich eigentlich gar nicht, ähm, feuerresistent werden. Ich habe an etwas anderem geforscht und bin dabei, sage ich mal, darüber gestolpert. Aber..."
      Sie warf Devon wieder einen Blick zu, oder eher ihrem Ring, der noch immer in seiner Hand lag. Nein, darüber zu sprechen war jetzt ein Tabu-Thema. Sie wollte sich ändern und sie würde sich ändern und damit würde sie sich jetzt einfach damit zufrieden geben, dass sie in der einen Sache Erfolg erzielt hatte und in der anderen nicht. So wichtig war es dann ja wohl auch nicht. Sie durfte sich glücklich schätzen, dass sie überhaupt einen derartigen Durchbruch erlebt hatte und sollte jetzt nicht gierig werden. Bescheiden sollte sie sein, ja genau, einfach nehmen, was sie hatte, und es darauf beruhen lassen. Natürlich ging es hier trotzdem um eine Sensation, aber bescheiden konnte sie dennoch sein.
      "Nicht so wichtig. Ich habe es geschafft, das ist alles, was ich wollte."
      Sie lächelte die beiden Männer an, ihre wütende Stimmung schon fast wieder verflogen, oder zumindest vergessen.
      "Ich denke, man könnte das Rezept dem Alchemistenkreis vorstellen. Dann würde, ähm..."
      Gedankenverloren sah sie auf ihr Buch hinunter.
      "Dann würde man es wohl veröffentlichen, glaube ich. Und dann würde ich, weil es meins ist..."
      Tava würde reich werden, wenn dieses Rezept bekannt würde und in Umlauf geriet. Aber was ihr viel eher durch den Kopf wanderte, war das Siegel, das sie bekommen würde. Endlich das verdammte Siegel, das sie als vollwertige Alchemistin ausweisen würde.
      Sofern der Kreis das Rezept genehmigte. Sofern sie vergessen hatten, was beim letzten Mal geschehen war, als Tava ihr Siegel beantragt hatte.
      "... Oder man könnte es gleich verkaufen. Ja, ich denke, das ist besser. Du kennst doch sicher einen Alchemisten, der es mir abnehmen würde, oder, Malleus?"
    • Devon wurde eiskalt am Feuer sitzend zurückgelassen. Unter anderen Umständen wäre es ihm egal gewesen, jetzt aber misste er die Wärme, die Tava mit sich gebracht hatte. Der Ring in seiner Hand verlor langsam an Wärme, als er seine Hand um ihn schloss und sie in seinen Schoß sinken ließ. Sein Arm brannte noch immer, ebenso wie Teile seiner Brust. Nur der Rücken bekam etwas vom Feuer ab, was nicht nur schmerzvoll war.
      Als Malleus sich interessierter darin zeigte, wieso Tava eigentlich feuerfest geworden war, beschränkte sich der Lacerta darauf, zuzuhören. Mit dem vielen Gestammele und der Uhrzeit geschuldet brauchte er, bis seine Gedanken zu dem aufgeholt hatte, was sie erzählte. Ihm selbst war nie in den Sinn gekommen zu hinterfragen, wieso manche Stoffe fürs Befeuern gut waren und andere nicht. Es war einfach eine Tatsache, die man lernte, die so war von der Natur aus und das war’s. Sich über alles den Kopf zu zerbrechen brach am Ende den Kopf selbst, befand Devon.
      Außer natürlich, man hatte eine manische Beziehung zum Thema.
      "Wie gesagt, es war nur ein bisschen... nur ein Hobby. Quasi. Es ist nicht so wild. Ich - Ich zeig's dir."
      Tava verschwand und kam mit einem Notizbuch zurück, durch das sie eilig blätterte, Seiten interessiert mustert und dann doch weiterblätterte. Schließlich reichte sie das Buch an Malleus und Devon war damit mehr als einverstanden. Alles, was er daraus hätte ableiten können, wären die Skizzen gewesen. Als Lacerta hatte man ihm weder das Lesen noch das Schreiben beigebracht. Nur seinen gewählten Namen konnte er schreiben – das Mindeste, um Verträge abzuschließen, die das öffentliche Siegel der Jägergilde aufwiesen.
      Devon runzelte die Stirn, als Tavas flüchtiger Blick ihn streifte. Sie wollte diese Erkenntnis verkaufen? Wenn er das richtig mitbekommen hatte, glich diese Entwicklung einer bahnbrechenden Neuerung. Ob er es nun guthieß, resistent gegenüber Feuer zu sein, oder nicht, war eine Sache. Aber man verkaufte doch nicht etwas, woran man sein Leben lang gearbeitet hatte? Das wäre so, als würde er seine Malachitklinge verkaufen. Dass Malleus Tava darüber hinaus als brillant bezeichnete, sorgte für einen recht einschneidenden Blick seitens des Jägers. In dem Bereich der Alchemie besaß Devon nun wirklich null Expertise – also musste er sich da auf Malleus stützen und seinem Urteil glauben. Es war also ein großes Ding, was sie da abgezogen hatte.
      Resignierend richtete er seinen Kopf wieder vorwärts aus und schloss die Augen. Es war zu früh für Aufregung, bahnbrechende Erkenntnisse und insbesondere Schmerzen. Die, wie er mit wachsendem Unmut zugeben musste, langsam penetrant wurden. Dabei gestört wurde er von einer Berührung an seinem Sprunggelenk. Durch einen Spalt seiner Lider hindurch erspähte er eine behandschuhte Hand, die sich um sein Gelenk legte. Nichts Feindseliges oder Einschränkendes lag in dieser Handlung, weswegen Devon sie stillschweigend akzeptierte. Früher oder später musste er die nassen Kleider loswerden.
      "Dabei wollte ich ursprünglich eigentlich gar nicht, ähm, feuerresistent werden. Ich habe an etwas anderem geforscht und bin dabei, sage ich mal, darüber gestolpert. Aber..." Tava unterbrach sich selbst und als Devon die Augen aufschlug, um sie anzusehen, fing er ihren unsteten Blick auf. Er kannte diesen Blick, wenn auch in anderen Zusammenhängen. Menschen sahen ihn so an, wenn sie genötigt waren, mit ihm zu sprechen und ihm eine Unterkunft verwehren wollten. Unbehagen. Unliebsame Themen. Alles, was negative Reaktionen auslösen konnte und er ahnte, dass Tava eigentlich wirklich nur die Zusammenhänge von Flammen untersucht haben könnte. Nicht mit dem Ziel, eine Resistenz zu entwickeln.
      "Nicht so wichtig. Ich habe es geschafft, das ist alles, was ich wollte."
      Devon zog die Stirn kraus. Nicht so wichtig? Sie vertuschte da doch schon wieder etwas.
      "Ich denke, man könnte das Rezept dem Alchemistenkreis vorstellen. Dann würde, ähm... Dann würde man es wohl veröffentlichen, glaube ich. Und dann würde ich, weil es meins ist... Oder man könnte es gleich verkaufen. Ja, ich denke, das ist besser. Du kennst doch sicher einen Alchemisten, der es mir abnehmen würde, oder, Malleus?"
      Devons Kopf ruckte von seiner Brust hoch. „Wieso willst du es verkaufen? Wenn du es verkaufst, kann der Käufer es als seins ausgeben. Wie soll jemand nachweisen können, dass es von dir stammt?“ Er dachte, er hörte nicht recht. Malleus sagte, es war eine bahnbrechende Erkenntnis. Eine große Sache, selbst in Alchemistenkreisen. Das war das Bild auf ihrer Haut, welches sich Tava verdient hatte. Sie konnte es doch nicht einfach wieder unkenntlich machen! „Du willst die Anerkennung dafür. Wir haben beide gesehen, wie euphorisch du gewesen bist. Und wenn ich mich schon bei vollem Bewusstsein grillen lasse, dann nicht, um die Erkenntnis nur zu verkaufen.“
      Er rümpfte die Nase und hätte am liebsten die Arme verschränkt. Soweit kam’s noch.
      „Spätestens dafür sollten sie dir dein neues… Stempel oder wie das hieß, geben. Du hast dein Altes doch verloren und wenn du ihnen das vorlegst können sie gar nicht anders.“
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