Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Tava hatte zwar gesehen, wie Amentia auf die Spuren reagiert hatte, aber ganz verstanden hatte sie es nicht. Es war doch nicht so, als würde der Kult auch noch kontrollieren, mit wem Malleus sein Bett teilte - oder? Wenn ja, wäre diese Einrichtung hier noch viel verrückter, als sie es sich ohnehin schon vorstellte.
      Aber das war es nicht, worüber Malleus mit ihr reden wollte, und als er einen Moment später ihren Ring zutage förderte, waren ihre Gedanken an Amentia sowieso vollkommen verflogen. Ihr Ring! Sie hatte ihn bereits sehnlichst vermisst - nicht gar so sehr, um sich die Nacht zu ruinieren, aber genug, dass sie bei seinem Anblick ganz begeistert wurde. Es wurde mal wieder Zeit, dass sie ein Feuer legte, ohne sich mit Konsequenzen herumschlagen zu müssen. Am besten eins, das ganz, ganz weit entfernt von der Kultstätte hier ausbrach.
      Aber sie griff noch nicht danach, so wie Malleus ihn nur auf den Tisch vor sich gelegt hatte. Dafür schätzte sie den Mann zu sehr, um sich einfach darauf zu stürzen; dafür saß ihr seine gestrige Schimpftirade noch zu sehr in den Knochen. Daher blieb sie auf - für sie - sehr ruhige und geduldige Art sitzen.
      Bis er ihn allerdings doch wieder an sich nahm. Ihre Bestürzung darüber war so groß, dass sie gerade noch den Mund aufklappte, ehe sie sich selbst ermahnen konnte. Sie hatte gedacht, er würde ihn ihr zurückgeben - jetzt doch nicht? Würde er ihn behalten; gar zerstören? Sie könnte sich zwar einen neuen bauen, aber es ging ums Prinzip. Irgendwie würde ihr das mehr zusetzen als sein gestriger Zorn.
      "Komm her."
      Ihr Blick schoss hoch in sein Gesicht, in die warmen, dunklen Augen. Keine Spur von Verärgerung war zu sehen, höchstens freundliche Neutralität. Unsicher stand sie auf und trat um den Tisch herum auf ihn zu. Zu ihrer Überraschung streckte er die Hand nach ihr aus und zog sie auch nicht wieder zurück, als Tava die ihre hinein legte. Ein Schauer durchlief sie bei der Erinnerung an das kühle Leder auf ihrer Haut. Die Erinnerung war ein Grund mehr für die große Geduld, die sie für ihn aufbrachte.
      "Ich bin nicht glücklich über die verbrannten Manuskripte…"
      Sofort überkamen sie wieder Schuldgefühle. Natürlich konnte eine Nacht den gestrigen Tag nicht ungeschehen machen. Auch nichts, was Tava sagte, konnte es wieder umkehren.
      Umso erstaunter war sie, als er von sich aus weitersprach.
      "…aber ich hatte kein Recht ihn dir wegzunehmen. Ich war verärgert."
      Die Implikation ließ ihr Herz höher schlagen. Er würde ihn ihr doch zurückgeben. Er würde ihn nicht zerstören, er würde ihn zurückgeben.
      Irgendwie bedeutete Tava das mehr als die simple Berührung von ihm.
      Diesmal wähnte er sie auch nicht in falschen Hoffnungen; sofort legte er den Ring in ihre Handfläche und schloss ihre Faust darum. Tava lächelte bei dem vertrauten Gefühl in ihrer Hand, aber auch bei der Geste, die er ihr damit zeigte. Sie hob den Kopf für ihn ein wenig mehr an.
      "Willst du mir nicht erzählen, was gestern passiert ist?"
      "Ähm..."
      Sie sah erst Malleus an und dann den versteckten Ring in ihrer Hand. Sie könnte es ihm erzählen, sicher. Sie hatte es schließlich schon Devon erzählt. Aber Devon war nicht Teil des Kultes und Malleus und Amentia waren sich nahe, das hatte Tava deutlich begriffen von der Art und Weise, wie sich die Frau über die Bisse aufgeregt hatte. Sie wollte die Frau nicht einfach in die Pfanne hauen.
      Oder... nein, darum ging es gar nicht. Mit so etwas hätte Tava kein Problem gehabt, aber die Frage war, wem Malleus Glauben schenken wollte: Tava, mit der er bisher nur für Drachen unterwegs gewesen war, oder Amentia, seine langjährige... was auch immer sie für ihn war. Vielleicht hatte Amentia sie ja schon in die Pfanne gehauen und Malleus wollte nur die Bestätigung von Tava hören. Vielleicht hatte er sich schon längst ein Bild von der Situation gemacht.
      Unruhig verlagerte sie das Gewicht vom einen Bein aufs andere.
      "Ich hab nur ein bisschen... gezündelt", versuchte sie es schwach und begegnete dabei Malleus' offenem Blick. Wenn sie gehofft hatte, er würde hier schon einhaken und ihr die Geschichte ersparen, hatte sie sich getäuscht. Er sagte nichts und betrachtete sie mit einem ganz eigenen Ausdruck.
      "Ähm... also, Amentia hat die vielen Leute mit den ganzen Stoffen bringen lassen und... da war auch Seide dabei! Ganz viel sogar - aber ich habe nichts gemacht, wirklich nicht! Sie hat mich einkleiden lassen und das hat eine Ewigkeit gedauert, aber ich habe echt gar nichts gemacht, die ganze Zeit nicht. Und dann haben wir geredet und sie meinte..."
      Tava spielte ein bisschen mit dem Ring in ihrer Hand.
      "Naja, also, wir haben ein bisschen darüber geredet, woher wir dich kennen, und dann meinte sie... also, sie dachte vermutlich... oder so... dass sie - oder ich, dass ich, äh, jetzt auch dazu gehöre? Weil, sie hat nach meinem Zeichen gefragt und ich wusste ja nicht, was du ihr erzählt hast, da dachte ich... also, da dachte ich, dass sie dachte, dass ich..."
      Schuldbewusst drehte sie den Ring umher.
      "Und da bin ich gegangen und hab vielleicht ein ganz kleines bisschen rumgezündelt - aber es sollten echt nur die Stoffe werden! Ich weiß doch, dass du - mit deinen Büchern und so... da sollte es echt nur die Seide werden! Und es hätte auch gar nicht so schlimm werden sollen, aber erst hat es irgendwie keiner bemerkt und dann sind alle nur rumgestanden, als sie den ersten Rauch gesehen haben, und dann hat es sich natürlich ausgebreitet. Ich wollte ja nicht... es war ja nur so viel Stoff, wie hätte ich es denn nicht tun sollen, wenn mir alle ständig im Gesicht damit herumwedeln?"
      Unsicher sah sie Malleus an.
    • "Ich hab nur ein bisschen... gezündelt", murmelte Tava. Wirklich wohl fühlte sich die Cervidia bei der Frage nicht, das konnte Malleus deutlich sehen, aber er zog den Hut davor, dass sie ihm dabei immerhin fest in die Augen sah. Es war keine direkte Lüge, aber auch nur eine magere Version der Wahrheit. Malleus lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück, ließ ihre Hand aus seinen Fingern gleiten und bedachte Tava mit einem Gesichtsausdruck, der nichts Anderes hieß als: Wirklich?
      Sein beharrliches Schweigen veranlasste Tava dazu ihre dünne Erklärung selbst zu korrigieren und sie startete zögerlich mit einem zweiten Versuch. Dieses Mal bekam Malleus schon etwas mehr an Informationen und er konnte damit beginnen, sich ein Bild davon zusammen zu setzen, was an diesem Nachmittag unter diesem Dach passiert war. Tava erwähnte die Seide, als erklärte die bloße Existenz des Stoffes einfach alles. Und Malleus konnte sich mittlerweile denken, warum: Seide brannte sicherlich ganz hervorragend. Amentia hatte ihr die bildliche Karotte vor die Nase gehalten ohne es zu wissen.
      "...und das hat eine Ewigkeit gedauert, aber ich habe echt gar nichts gemacht, die ganze Zeit nicht."
      "Langsam, Tava. Ich glaube dir."
      "Und dann haben wir geredet und sie meinte..."
      "Was meinte Amentia?"
      So recht wollte Tava wohl an dieser Stelle nicht mit der Sprache rausrücken, aber Malleus musste wissen, wo das Problem lag. Nur so ließ sich eine Situation wie die Gestrige in Zukunft vermeiden. Nicht nur zum Wohl seiner kostbaren Bücher und Manuskripte. Oder seines Geldbeutels. Oder seiner Nerven. Tava spielte unruhig mit dem Ring und druckste dabei herum.
      "...also, sie dachte vermutlich... oder so... dass sie - oder ich, dass ich, äh, jetzt auch dazu gehöre? Weil, sie hat nach meinem Zeichen gefragt und ich wusste ja nicht, was du ihr erzählt hast, da dachte ich... also, da dachte ich, dass sie dachte, dass ich..."
      Malleus seufzte leise.
      Er hätte Tava nicht einfach bei Amentia lassen dürfen. Er hätte wissen müssen, dass sie versuchen würde Informationen aus der Cervidia zuquetschen. Dafür konnte er Amentia nicht einmal böse sein. Er hätte es an ihrer Stelle nicht anders gemacht. Der Grund mochte dabei auseinandergehen, aber auch er hätte einen Fremden oder eine Fremde genauer unter die Lupe genommen. Amentia hatte die arme Tava komplett reizüberflutet damit sie sich durch Ablenkung und unter Druck verplapperte mit...was auch immer Amentia gehofft hatte zu hören.
      "...Ich wollte ja nicht... es war ja nur so viel Stoff, wie hätte ich es denn nicht tun sollen, wenn mir alle ständig im Gesicht damit herumwedeln?"
      "Ich glaube dir", wiederholte Malleus, weil er sich nicht sicher war, dass die aufgeregte Frau es beim ersten Mal gehört hatte.
      Nur kurz nahm er die Augen von Tava und räumte ein wenig Platz auf seinem Schreibtisch frei, von dem sträflich vernachlässigten Früstückstablett zog er eine kleine Silberkannte und zwei Becher heran. In einen davon goß er eine dampfende Flüssigkeit, die nach reichthaltigen Kräutern duftete.
      "Hier." Er reichte ihr den Tee vor allem als kurze Ablenkung damit sie kurz durchatmen konnte. "Hat dich der Gedanke beeunruhigt, ich oder irgendjemand hier könnte von dir verlangen das Zeichen zu tragen? Hat es dir Angst gemacht? Haben die Vorstellung und Amentias Fragen dich so sehr unter Druck gesetzt, dass du nicht anders konntest?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Malleus wiederholte noch einmal, dass er ihr glaubte, und irgendwie sickerte es da erst bei Tava ein. Er glaubte ihr wirklich - warum? Sie wusste selbst, wie verrückt sich das alles anhörte und wie wenig Verständnis man dafür aufbringen konnte. Immerhin war es letzten Endes einfach nur ein Schnippen ihres Ringes gewesen, das so einfach hätte verhindert werden können. Niemand, den Feuer so sehr faszinierte wie Tava - und davon hatte sie wirklich noch keinen getroffen - konnte den Reiz verstehen, ein vernichtendes Flammeninferno ausbrechen zu sehen. Da war Malleus keine Ausnahme; für ihn hätte sie ihre Erzählung auch auf ein paar einfache Sätze herunter brechen können: "Ich wollte die Seide anbrennen und habe mich nicht davon abgehalten". Aber Malleus glaubte den Wirrwarr, den sie da von sich gab, und dabei lag es vielleicht in seinem warmen Blick, dass ihr Misstrauen dabei nach und nach verschwand. Er glaubte ihr wirklich. Irgendwie war das beruhigend.
      In einer versöhnlichen Geste schenkte er ihnen beiden Tee ein und Tava nahm die Tasse nur zu bereitwillig entgegen und nippte daran. Sie war froh, dass er sie nicht hinterfragte, sondern ihre Geschichte so hinnahm. Sie mochte das Gefühl, das er ihr damit gab.
      "Hat dich der Gedanke beunruhigt, ich oder irgendjemand hier könnte von dir verlangen das Zeichen zu tragen?"
      "Vielleicht ein bisschen. Ich mag Feuer in seiner Rohform, aber nicht mehr als glühendes Eisen."
      "Hat es dir Angst gemacht?"
      "Ähm..."
      Tava tippte ein wenig unruhig gegen die Tasse.
      "... Vielleicht? Also..."
      Sie musterte Malleus eingehend. War das eine Fangfrage? Andererseits hätte er wohl kaum so viel Verständnis mit ihrer Geschichte gezeigt, wenn er sich dann doch noch daran aufhängen würde.
      "Ja..."
      "Haben die Vorstellung und Amentias Fragen dich so sehr unter Druck gesetzt, dass du nicht anders konntest?"
      Wie? Tava stutzte aufrichtig, als sie Malleus' Wortlaut hörte und ihn sich im Anschluss auch noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Aus seinem Mund klang das ja fast schon, als wäre... sie das Opfer in der ganzen Sache gewesen, und nicht etwa der Täter. Das meinte er doch nicht - oder? Er musste es irgendwie anders meinen, denn Tava fand es unvorstellbar, dass jemand sie nicht vollständig für so einen Vorfall verantwortlich machte. Schließlich war es letzten Endes ja auch ihr Ring gewesen und kein Druck oder irgendetwas, der das Feuer ausgelöst hatte!
      "Ich... ich konnte schon anders. Ich hätte es ja einfach... nicht machen können."
      Sie kniff die Augen zusammen.
      "Oder?"
      Sie stellte die Frage aufrichtig, als könne nur Malleus sie jetzt wahrlich beantworten.
      "Ich meine... sie wusste ja nichts davon, dass ich gerne... zündel... und..."
      Sie sah auf ihre Tasse hinab. Sie sah auf den Tisch. Auf Malleus. Wieder auf ihre Tasse. Er hatte ja schon irgendwie recht, oder nicht? Der Drang war zu groß gewesen, um ihm zu widerstehen - aber sie hätte ja auch einfach... trotzdem widerstehen können. Es war ja nicht so, dass sie das Feuer zum leben brauchte! Aber in dem Moment hatte sie sich wohl auch ziemlich unter Druck gefühlt, mit der ganzen Seide und dann auch noch Amentias verfängliche Fragen. Ob die Frau die ganzen Tücher weggewunken hätte, wenn Tava ehrlich zu ihr gewesen wäre und ihr gesagt hätte, dass sie sich auf Feuer spezialisierte? Das konnte sie ehrlicherweise nicht beantworten. Aber trotzdem war es... viel gewesen. Zu viel auf einmal.
      "Ich konnte sicher... anders... aber es war schon ziemlich... ähm... stressig. Ja, so würde ich das sagen. Stressig. Aber das tut doch nichts zur Sache, oder?"

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    • Malleus lehnte sich entspannt zurück während sich sein kleiner Denkanstoß verselbstständigte. Bestimmt hätte er die emsigen Zahrädchen hinter ihrer Stirn hören können, wenn er alles andere in diesem Raum ausgeblendet hätte. Er sah zu, wie sich ihr hübschen Gesicht sich verzog und dabei immer aufs Neue andere Ausdrücke zu Tage förderte, die Malleus mehr verrieten als Tava sich vielleicht bewusst war. In diesem Moment war die Cervidia ein offnes Buch für ihn und mit jedem unsicheren Wort näherte sich Tava ein wenig mehr dem Punkt, an dem Malleus sie haben wollte. Er hätte ihr seine Theorie auf einem Silbertablett servieren können, aber das wäre bei Weitem nicht so wirkungsvoll gewesen.
      "Ich konnte sicher... anders... aber es war schon ziemlich... ähm... stressig. Ja, so würde ich das sagen. Stressig. Aber das tut doch nichts zur Sache, oder?"
      Ein zufriedenes Lächeln kräuselte sich ganz dezent um seiner Mundwinkel.
      "Das würde ich so nicht sagen, Tava", antwortete Malleus und tippte sich grübelnd mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. "Aber bevor ich näher darauf eingehe, möchte ich, dass du Eines weißt und niemals Zweifel daran hegst: Ich werde nie von dir verlangen, das Zeichen der Signa Ignius zu tragen sofern es nicht dein eigener Wunsch ist. Sollte der Tag kommen, wird niemand außer mir es wagen dich zu berühren."
      Er stellte Tava nicht die Frage, ob sie nach allem, was sie über ihn wusste und nachdem sie seinen Körper gesehen hatte, ihm eine andere Vorgehensweise zutrauen würde. Dass er anderen unter Zwang diesen Schmerz und diese Verpflichtung aufbürdete. Die Antwort darauf kannte er bereits, er konnte sie sich selbst geben und leider war sie erschreckend einfach: Ja.
      Stattdessen forderte er Tava erneut mit gekrümmten Fingern auf ihre Hand in seiner Handfläche zu legen und dieses Mal führte er ihre Knöchel vor sein Gesicht. Es war nur der Hauch einer Berührung als seine Lippen über ihre Knöchel streiften. Dunkle Augen sahen sie aufmerksam an um keine Regung in ihrem Gesicht zu verpassen.
      "Und es wäre mir eine Ehre."
      Beinahe augenblicklich gab er Tava wieder frei.
      "Stress oder starke Emotionen löst bei dem Meisten eine Ausgleichsreaktion hevor. Etwas um den Druck, der damit einhergeht zu...kompensieren. Sie lachen, weinen und schreien. Andere überkommt der Wunsch etwas kaputt zu machen, zum Beispiel etwas gegen die Wand zu werfen...oder sie wählen den Weg nach vorn und greifen an", schmunzelte Malleus und trotzdem war seine Miene ernst, damit Tava nicht dachte, er würde sich einen Spaß auf ihre Kosten erlauben.
      "Seit heute Morgen bin ich mir sehr sicher, dass Feuer genau das für dich tut. Deine erste Reaktion mit deiner Wut umzugehen, war aus dem Raum zu stürmen und etwas in Brand zu stecken. Wie fühlt es sich an, wenn du in einem dieser Moment etwas anzünden kannst? Beruhigt es dich? Ist es Erleichterung? Freude?"
      Malleus' Stimme fehlte der abfällige Tonfall, es versteckte sich auch nichts Hämisches darin. Nur aufrichtiges Interesse.
      "Das nächste Mal, wenn du dich so fühlst, wie gestern Nachmittag, möchte ich, dass du es mir sagst. Wir finden bestimmt eine Möglichkeit dir in dem Punkt etwas...Erleichterung zu verschaffen."
      “We all change, when you think about it.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava betrachtete Malleus mit großen Augen. Er ließ sich einfach darauf ein und sagte nichts von wegen, dass es doch ihre alleinige Schuld war, gezündelt zu haben. Er konnte es doch nicht ernst meinen, oder? Daran hatte sie noch immer zu kauen, als er ihr schließlich versicherte, ihr niemals ein Zeichen aufbürden zu wollen und selbst wenn, dann ganz bestimmt nicht von jemand anderem als Malleus selbst. Tava dachte unweigerlich an Amentias kurze Aussage, die sie einer anderen Anhängerin gegeben hatte. Ganz anscheinend war es eine besondere Ehre, von Malleus persönlich gebrandmarkt zu werden, die längst nicht jedem zuteil wurde. Ob Tava das auch so besonders fand?
      Da krümmte Malleus die Finger. Tava ließ den Gedanken ziehen, sah auf seine Hand hinab und legte ohne nachzudenken ihre Hand in seine. Sie rechnete schon damit, dass er sie ähnlich halten würde wie zuvor, aber da hob er ihre Hand weiter an. Mit immer größer werdenden Augen beobachtete sie, wie er ihre Knöchel zu seinem Gesicht führte und seine Lippen als Phantom eines Kusses ihre Haut streiften. Sein dunkler Blick lag auf ihr, als Tava unhörbar nach Luft schnappte. Es war so eine kleine Berührung, fast nicht spürbar, so kurz, wie sie gewesen war, und doch sandte die Vorstellung alleine einen wohligen Schauer durch Tavas ganzen Körper. Der dunkle Blick regte ein Kribbeln in ihr, das sie sofort an letzte Nacht erinnerte. Und dann erst seine Stimme.
      “Und es wäre mir eine Ehre.”
      Mit einem Mal fand Tava die Vorstellung, so ein Mal zu bekommen, doch gar nicht so schlecht. Was war da schon dabei, ein bisschen Schmerzen, ein kleines Zeichen auf ihrer Haut, das war doch gar nichts. Jedenfalls nichts im Vergleich zu diesem Blick, der auf ihr lag.
      Da ließ er sie unmittelbar wieder los. Tava blieb der Mund offen stehen.
      “Stress oder starke Emotionen löst bei dem Meisten eine Ausgleichsreaktion hevor. Etwas um den Druck, der damit einhergeht zu...kompensieren.”
      … Was? Worum ging es jetzt denn? Tava konnte ihm gar nicht folgen, zu sehr war sie noch von dem seichten Handkuss überwältigt. Sie konnte gar nicht richtig nachdenken.
      “Seit heute Morgen bin ich mir sehr sicher, dass Feuer genau das für dich tut. Deine erste Reaktion mit deiner Wut umzugehen, war aus dem Raum zu stürmen und etwas in Brand zu stecken. Wie fühlt es sich an, wenn du in einem dieser Moment etwas anzünden kannst? Beruhigt es dich? Ist es Erleichterung? Freude?”
      Tava blinzelte. Vielleicht lag es ja genau an dem Handkuss, dass sie einfach antwortete, ohne es weiter zu überdenken.
      Es fühlt sich richtig an. Wenn das Feuer da ist, dann kann ich mich auf etwas konzentrieren und dann fühle ich mich nicht, als würde ich irgendwo festsitzen oder sowas. Das Feuer muss da sein, ohne dem Feuer fehlt was. Je größer desto besser.
      Malleus sah sie aufrichtig an. Er schien ihre Worte ernst zu nehmen und das machte Tava ganz wirr im Kopf. Erst wollte er ihre Schuld abladen, dann schaffte er es irgendwie, dass sie ein Zeichen haben wollte, und jetzt nahm er ihre Aussage völlig ernst und machte sich nicht etwa darüber lustig. Bald verstand sie die Welt nicht mehr.
      “Das nächste Mal, wenn du dich so fühlst, wie gestern Nachmittag, möchte ich, dass du es mir sagst. Wir finden bestimmt eine Möglichkeit dir in dem Punkt etwas...Erleichterung zu verschaffen.”
      Tava starrte noch immer aufrichtig verwirrt. Jetzt wollte er auch noch nach einer Alternative suchen? Wie viel mehr Verwirrung konnte der Mann an einem einzigen Gespräch noch säen?
      Okay… ja, klar. Das ist sehr nett von… euch.
      Wusste Devon davon auch Bescheid? Würde Malleus ihn einweihen? Es war irgendwie merkwürdig, sich darüber im Klaren zu sein, dass ihr beide helfen wollten. Wo sie doch vor wenigen Stunden noch gedacht hatte, dass es doch vorbei sein würde.
      Dann… bist du mir nicht mehr böse wegen… allem?
    • Eigentlich, rumorte es in Malleus‘ Kopf, hätte er das nicht tun dürfen. Eigentlich. Er hatte sich von einem übermütigen Impuls verleiten lassen und doch hatte er der Gelegenheit nicht widerstehen können. Die Geste war zu vertraulich und implizierte mehr, als Malleus wirklich zu offenbaren gedachte. Die erstaunliche Wahrheit war, dass Malleus seit dem gestrigen Abend viel zu viel Gefallen an der Vorstellung fand, diesen speziellen und zarten Rotschimmer auf die Wangen der Cervidia zu locken. Er wollte noch einmal sehen, wie sie ihn mit diesen großen Augen ansah und sich ihre Pupillen in unmissverständlicher Art weitete und drohten die Iris zu verschlucken. Mit halbgeschlossenen Augen hatte er den leichten Ruck gespürt, der durch Tavas Leib gegangen war bis er als Echo eines Nachbebens in ihren Fingerspitzen angekommen war. Es war gefährlich, weshalb er sich wieder ganz auf den eigentlichen Kern der Unterhaltung beschränkte und sich entschlossen vornahm, dieser Verlockung nicht noch einmal nachzugeben. Tava lieferte ihm die perfekte Ablenkung, als sie – dieses Mal ohne große Zurückhaltung – auf seine Fragen einging.
      Es fühlt sich richtig an. Wenn das Feuer da ist, dann kann ich mich auf etwas konzentrieren und dann fühle ich mich nicht, als würde ich irgendwo festsitzen oder sowas. Das Feuer muss da sein, ohne dem Feuer fehlt was. Je größer desto besser.
      Tava sah ihn immer noch ungläubig an, als hätte er gerade einen Drachen aus seiner Schublade gezaubert. Er konnte nur erahnen, wie man der Cervidia und ihrer Besessenheit zu Feier in der Vergangenheit begegnet war. Mit Verständnis und einem offenen Ohr hatte es definitiv noch niemand versuchst. Wobei Malleus es dieses Narren kaum verdenken konnte. Ein unkontrolliertes Feuer besaß nicht nur eine enorme Zerstörungswut, sondern war obendrein noch tödlicher Natur. Malleus wusste das, hatte er es doch mehr als einmal in seinem Leben am eigenen Leib erfahren.
      Okay… ja, klar. Das ist sehr nett von… euch.
      Euch? Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe.
      „Soso“, säuselte Malleus wissend. „Du hast mit Devon noch vor mir gesprochen…Mein Stolz ist ein wenig angeschlagen, muss ich gestehen.“
      Eine Tatsache, die anhand seines Wutausbruchs, sicherlich nicht verwunderlich war. Er nippte an seinem eigenen Tee und beobachtete die Cervidia dabei verstohlen aus dem Augenwinkel. Malleus verbarg ein Schmunzeln hinter dem Rand seiner Tasse während die verschiedensten Gesichtsausdrücke im rasanten Tempo über Tavas Gesicht flimmerten. Erst als eine gewisse Besorgnis, dass er deswegen ernsthaft böses sein konnte, den Anblick dominierte, löste Malleus den Moment auf.
      „Tava…“, sagte er und stellte die Tasse ab. „So habe ich das nicht gemeint. Du kannst sprechen mit wem du willst.“
      Dann… bist du mir nicht mehr böse wegen… allem?
      „Nein, bin ich nicht. Es ist alles gut zwischen uns. Und nun…Lächle, Tava. Du hast deinen Ring wieder und ich habe dir nicht den Kopf abgerissen. Das ist doch was.“
      Malleus erhob sich aus seinem Stuhl, strich den hohen Kragen seines neuen Hemdes glatt, der genügend von den Bissspuren verdeckte, damit sie einem unaufmerksamen Auge auch entgingen. Für die warmen Temperaturen und Oratis war das Kleidungsstück wahrlich ungeeignet, aber da Malleus es gewöhnt war, zu jedem Zeitpunkt des Tages so wenig wie möglich von seiner Haut zu präsentieren, hielt sich das Gefühl in seiner eigenen Kleidung eingeengt zu sein in Grenzen.
      „Jetzt brauche ich deine und Devons Hilfe bei einem Problem…“ verkündete er. Sowohl Devon als auch Tava hatten ihr gutes Auge für Spuren oft genug unter Beweis gestellt. „…und mir wollen beim besten Willen keine besseren Fährtenleser für die Aufgabe einfallen.“
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    • Devon und der Zuber würden keine wirklichen Freunde werden.
      Er erkannte die Mühe der Kultisten durchaus an, ihm das größte Becken zu bringen, welches sie auftreiben konnte. Aber selbst das fasste den großgewachsenen Mann nicht ordentlich. Seine Beine hätte er eng anziehen müssen und ab Brust aufwärts wäre er noch immer außerhalb des Wassers gewesen. Also machte er es wie immer und wusch sich wenigstens in Teilschritten. Ein bisschen paranoid sah er immer wieder zur Tür, nachdem er sich ausgezogen hatte, und vergewisserte sich, dass niemand einfach hereinspazierte. Leider hatte er hier auch nicht die Ruhe und die Muße, um seine Arme nähergehend zu inspizieren. Scheinbar hatte der Auswuchs der Schuppen ihr aktuelles Endmaß erreicht, aber wenn es so weiterginge, dann würde es irgendwann schwierig werden, sie zu kaschieren. Er konnte von Glück sprechen, dass sein Gesicht oder seine Hände noch nicht befallen waren. Früher oder später würde das vermutlich jedoch der Fall sein. Sofern er dann noch lebte.

      Man ließ den Lacerta vollkommen in Ruhe und als er in das Schlafzimmer zurückkehrte, war Tava noch immer verschwunden. Nichts von ihr war zu sehen, aber ihr Rucksack und ihre Gläschen standen noch im Raum. Vorhin hatte Devon nicht viel dazu sagen können, als sie ihren Trunk angemischt und ihm versichert hatte, dass keine Frucht aus der Nacht entstehen würde. Er setzte darauf, dass die Cervidia ihr Handwerk verstand und es wirklich der Wahrheit entsprach. An sich hatte Devon nichts gegen Kinder, er mochte sie eigentlich sogar, aber sich selbst sah er nicht als Vater. Nicht bei seinem Vorhaben.
      Es klopfte und Devon warf einen Blick über die Schulter zur Tür. „Ja?“
      Die Tür wurde geöffnet und Amentia erschien im Rahmen. „Malleus wünscht den Diebstahl im Archiv näher zu untersuchen. Ich habe den Zeugen einberufen, er befindet sich im Eingangsbereich. Dort finden sich gleich auch Malleus und Tava ein. Ihr seid natürlich auch erwünscht zu kommen.“
      Devon rümpfte ein bisschen die Nase. Die Frau verströmte ein leicht saures Aroma. Sie war vor kurzer Zeit erzürnt gewesen und das hatte sich mit Enttäuschung gemischt. Zumindest glaubte er das, aber Amentias Mimik gab nichts darüber preis. „Gut.“
      Der Lacerta verließ das Zimmer und folgte der kleinen Frau zurück in den Eingangsbereich. Noch immer waren Adepten hier, die an Tischen Unterlagen wälzten oder sich mit etwas anderem beschäftigten. An einem der Tische saß ein Knabe in einer Robe, die nur einen goldenen Aufnäher trug und sonst sehr unspektakulär aussah. Seine Augen wurden groß, als er Devon erblickte und sich seiner Größe bewusstwurde.
      Auf der anderen Seite, aus Richtung des Studierzimmers, kamen Malleus und Tava. Devon konnte nicht anders als einen nachdenklichen Blick den Beiden zu zuwerfen. Von Malleus ging wie üblich fast nichts aus, keine besonderen Düfte, keine Hinweise, keine Mimik. Tava hingegen… Sie hatte noch immer einen einschlägigen Duft an ihr haften, den ihre Tinktur nicht überdecken konnte. Wüsste er es nicht besser, hätte er ihr unterstellt, die Nacht von gestern noch einmal aufgefrischt zu haben. Dadurch vertieften sich die nachdenklichen Falten auf Devons Stirn nur. Hatte Malleus sie deswegen zu sich zitiert? NUR deswegen und NUR sie?
      Der Knabe sprang von seinem Sitzplatz auf, kaum hatte er Malleus gesehen, und flüsterte ehrfurchtsam seinen Namen. Es vollführte irgendwelche Gesten vor seiner Brust, die annähernd so aussahen, als bekreuzige er sich selbst. Scheinbar war das eine Art der Glaubensbekennung, befand Devon.
      "Herr, ich schwöre, niemand hat seinen Wachposten vernachlässigt“, begann er sich sofort zu erklären, hielt den Kopf aber konstant andächtig gesenkt. Aufgeregt war er dennoch. Er war so jung, dass er Malleus vielleicht das erste Mal in seinem Leben überhaupt traf. „Manche von ihnen seien einfach eingeschlafen! Man hat ihnen etwas in die Becher gemischt, das muss es wohl gewesen sein. Es war eine Gruppe aus drei Leuten, allesamt verkleidet. Ob es Frauen oder Männern waren, ist schwer zu sagen, aber ihre Mäntel waren königsblau gewesen. Deshalb müssen sie dem Einen zugehörig sein. Ich begleite Euch gern zu den Archiven.“
    • Malleus führte Tava zurück in den Eingangsbereich. Obwohl alle Anwesenden mit ihren Nasen in aufgeschlagenen Büchern und Manuskripten steckten, fleißig Schreibfedern über Papier kratzten, wusste Malleus, dass zumindest ihre Ohren aufmerksam dem Geschehen im Raum folgten. Aufdringliche Blicke suchte er allerdings - zu seiner Zufriedenheit - vergebens. Lediglich die großen Augen des Knaben, beinahe noch ein halbes Kind in seinen Augen, starrte mit unverhohlener Neugierde die Neuankömmlinge an. Allerdings galt dieser Blick nicht Tava oder gar Malleus sondern der imposanten Erscheinung des Lacerta, der sich aus seinem Zimmer bemüht hatte. Malleus konnte es ihm unmöglich verübeln, denn der Junge hatte in seinem bisherigen, kurzen Leben wohl noch nie einen Mann von dieser beeindruckenden Größe gesehen.
      Malleus' Blick begegnete Devons.
      Der Ausdruck in seinen Augen war selbst für den Kultistenführer schwierig zu deuten. Etwas, dass seinen Reiz noch immer nicht verloren hatte und die übliche Frustration darüber in Schach hielt. Kurz zuckte seine Augenbraue nach oben, als wollte er Devon stumm fragen, was diese grüblerische Miene zu bedeuten hatte. Malleus' Gesicht glättete sich bereits im Bruchteil einer Sekunde wieder, als sei nichts gewesen. Erst als Devon auch Tava ansah und erneut zu ihm zurück, dämmerte es ihm langsam. Glaubte er etwa, dass...? War das der Grund, warum der Lacerta sie auf diese Weise betrachtete?
      Der Blickkontakt riss ab, als der Knabe plötzlich von seinem Platz aufsprang und eilig aber respektvoll auf Malleus zueilte. Die Unsicherheit und die Nervosität war an seiner gesamten Körperhaltung abzulesen. An den hektischen, unsauberen Gesten und den leuchtenden Augen...Er war so jung und doch war Malleus noch jünger gewesen, als sie ihn in den Schoß des Kultes geholt hatten. Wie viele Anhänger es doch gab, die Malleus nie gesehen hatten und doch dem Weg der Signa Ignius folgten. Sie folgten einem Mann, einer Geschichte, einem Schatten, dessen Gesicht sie nicht einmal kannten.
      "Herr, ich schwöre, niemand hat seinen Wachposten vernachlässigt."
      "Ich glaube dir", nickte Malleus ungesehen und lauschte dem Zeugenbericht.
      Ein Raunen ging durch den Raum, als Malleus sich auf ein Knie herabließ um mit dem Knaben auf Augenhöhe zu sein. Es dauerte eine Weile bis der Junge sich traute, das Kinn etwas anzuheben. Malleus' Stimme war freundlich und schlug dabei eine beruhigende Note an um dem Jungen die Aufregung ein wenig zu nehmen. Je ruhiger er war, umso weniger Details gingen verloren.
      "Du hast ein wirklich gutes Auge", lobte er. "Was du gesehen hast, wird uns einen großen Dienst erweisen. Das hast du sehr gut gemacht."
      Der Junge lächelte daraufhin so breit und so stolz - er konnte gar nicht anders trotz der Zurückhaltung - dass Malleus Zahnlücke zwischen seinen Schneidezähnen sehen konnte. Er wandte den Kopf zur Seite und sah Amentia eindringlich an.
      "Die Kontrollen müssen verstärkt werden. Wir müssen zu jeder Zeit wissen, wer unser Quartier betritt und verlässt. Wenn wirklich etwas gezielt in die Becher gemischt wurde, muss sich ein Eindringling in unserer Mitte befunden haben. Das darf nicht noch einmal passieren."
      Mit einem weicheren Blick sah er wieder zu dem Jungen.
      "Es wäre für uns eine große Hilfe, wenn du uns begleitest. Vielleicht benötigten wir noch einmal dein aufmerksames Auge", raunte er. "Wie ist dein Name, Bursche?"
      "Balian."
      "Nun gut, Balian. Geh vor. Zeig uns den Weg."
      Malleus kannte den Weg ganz genau.
      Auch in Jahren der Arbeit konnte Amentia unmöglich die gesamte Architektur verändert haben. Jetzt aber er sah mit undurchsichtiger Miene zu, wie Balian das Kinn etwas mehr reckte, die Schultern gerade zog und ein wenig aufrechter in Richtung des zentralen Gartens eilte, der alle Teile des Gebäudes miteinander verband.

      Die persönliche und offensichtlich wertvolle Sammlung befand sich im westlichen Teil des Hauptquartiers. Die bodentiefen Fenster ließen genug Licht hinein um sich dem Studium zu widmen. Offene Flammen als Lichtquelle suchten die Wissbegierigen vergebens. Malleus warf Tava einen flüchtigen und beruhigenden Blick zu. Das Fehlen jeglicher Kerzen und Laternen hatte nichts mit ihrer Anwesenheit zu tun. Es war schlichtweg immer so gewesen, um das angehäufte Wissen zu beschützen. In den deckenhohen Regalen und Schränken befanden sich nicht nur alte Manuskripte, Inventarlisten und schwere Ledereinbände. Durch dünne Vorhänge vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützt, verwahrte der Kult seine Chroniken, Verträge und Bündnispapiere, verbotene Lektüre und allerlei andere Schriften, die in den falschen Händen möglicherweise eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes anrichten konnten. Malleus ließ den Blick über ein Regel mit fleckigen Einbänden und allerlei Gläschen und Fläschchen wandern, die sich hinter Glas befanden und mit einem schweren Schloss gesichert waren. Der Staub auf dem Schloss war fortgewischt und es schien vor kurzem geöffnet worden zu sein. Allerdings war nichts entnommen, sondern dazugestellt worden. Womit die Wachen auch betäubt worden waren, es stammte nicht aus diesem Schrank. Verkorkte Fläschchen, neu und vollkommen staubfrei, waren penibel darin aufgereiht worden. Die schwarze Flüssigkeit darin blubberte still vor sich hin. Malleus ließ sich seine Zufriedenheit darüber nicht anmerken, sondern folgte Balian durch den Raum.
      Der Knabe führte sie in die Mitte des Raumes mit einem einzelnen Schreibtisch und einem Stuhl.
      Während seiner Jahre in Oratis war dieses Archiv sein persönliches Reich gewesen. Er hatte das Wissen in sich aufgesorgen und hätte sogar die Mahlzeiten vernachlässigt, hätte Amentia nicht penibel darauf geachtet, dass der Mann ab und an auch etwas aß.
      Alles in Allem sah der Raum vollkommen unberührt aus, wäre der penetrante Luftzug nicht gewesen, der ein paar lose Blätter auf dem Schreibtisch aufwirbelte. Er wusste, dass Amentia diesen Raum in seiner Abwesenheit nutzte. Die Erlaubnis und die Hoheit über dieses Archiv hatte er ihr gegeben, als sie Celestia und damit seine Seite verlassen hatte.
      Malleus warf der Frau einen kurzen Blick zu ehe Balian ihn an dem Tisch vorbei führte zum dem Regal direkt dahinter.
      Eine Lücke in den penibel aufgereihten Büchern schrie ihm förmlich das Versagen entgegen.
      "Sie sind durch das Fenster gekommen, Herr..." teilte Balian, nun wieder etwas schüchterner, mit.
      Er deutete auf eines der langen Fenster, dessen Vorhänge sich leicht im Wind hin undher wogen. Das Fenster war notdürftig mit Brettern vernagelt worden. Wie Amentia versprochen hatte, war zunächst nichts verändert worden. Glassplitter führten sie eine Spur aus Brotkrümeln vom Fenster direkt hinter den Schreibtisch. Die Eindringlinge mussten mit ihren langen Roben und Mänteln die Scherben den ganzen Weg mitgeschleift haben.
      "Seht ihr das? Sie sind zielstrebig vom Fenster direkt in die Mitte des Raumes. Entweder hatten diese Einfallspinsel unverschämtes Glück oder sie wussten genau wonach sie suchen müssen. Letzteres würde bedeuten, dass sie einen Informaten haben...", raunte Malleus und der Unmut triefte geradezu aus jeder Silbe heraus. Wer ganz genau hinsah, konnte beinahe erkennen, wie Malleus vor Missfallen geradezu vibrierte. "Sucht nach allem, was nützlich sein könnte. Wenn auch nur an der winzigsten Scherbe ein Tröpfchen Blut klebt, will ich das wissen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Amentia versteifte sich kaum merklich, als Malleus auf ein Knie sank, um mit dem Jungen auf Augenhöhe zu sein. Devon, der weiter hinten möglichst außerhalb stand, beobachtete die Szenerie, die sich zwischen Malleus und dem Kind abspielte. Dass Amentia so ziemlich wie alle anderen hier im Raum auf die scheinbar skandalöse Handlung reagierte, wunderte ihn nicht mehr. Tava hingegen wirkte mindestens genauso irritiert von dieser Denkweise wie Devon auch.
      „Die Kontrollen müssen verstärkt werden. Wir müssen zu jeder Zeit wissen, wer unser Quartier betritt und verlässt. Wenn wirklich etwas gezielt in die Becher gemischt wurde, muss sich ein Eindringling in unserer Mitte befunden haben. Das darf nicht noch einmal passieren“, trug der Kultist seiner rechten Hand auf, die dem Blick fast gleichgültig begegnete und bestimmt nickte.
      „Das wird umgehend veranlasst.“ Mehr sagte sie dazu jedoch nicht.
      Malleus hatte den Jungen fertig verzaubert und ließ ihn los. Der Lacerta sah ihm hinterher, wie er nach draußen flitzte und sich scheinbar einer sehr wichtigen Aufgabe gegenübersah. Tava hüpfte ihm fast augenblicklich hinterher, offensichtlich froh aus der Hölle voller Stoffe und Bücher zu entfliehen, die sie nicht anzünden durfte. Devon folgte Malleus mit weniger Euphorie. Jetzt ging es eigentlich schon wieder in den nächsten Ort, wo ein falscher Handgriff mehr Schaden bewirkte als alles andere. Aber sie brauchten Hinweise zum Verbleib des Manuskripts. Denn wenn sie es nicht hatten, würden sich ihnen wertvolle Informationen auf ewig verwehren.

      Das Archiv war genau so, wie sich der Jäger es vorgestellt hatte: Ein unermesslicher Haufen an Bücher und Schriftrollen. Es roch nicht muffig, aber eindeutig nach altem Papier und Lederwerk und bei genauerer Betrachtung fiel ihm auf, dass die meisten Einbände entsprechend gepflegt worden waren. Passend dazu gab es keine Feuerquellen, dafür aber tiefe Fenster, die allerdings auch nichts gegen den Einbruch der Nacht unternehmen konnten und damit verbunden einen Abbruch von Studien mit sich brachten. Für Tava musste es die nächste Hölle sein, wie er nüchtern feststellen musste.
      Der Ort des Verbrechens war schnell gefunden. Ein Sonderbereich, der nicht ganz so alt roch und gerade von einem Windzug gespült wurde. Devons Blick fiel umgehend auf das Fenster, das man eingeworfen hatte. Eine wenig geschmackvolle Art, wieder zu verschwinden. So viel Mühe hatten sie sich gegeben, herein zu kommen, nur um so wieder zu verschwinden. Wer so etwas geplant hatte, hatte auch einen besseren Abgang geplant, befand Devon und spazierte schon zum Fenster hin, während Malleus sich des Offensichtlichen bewusstwurde. Auch ihm fielen die Scherben auf, die man vom Fenster aus scheinbar bis zu dem Tisch getragen hatte. Da stutze Devon bereits. Er dachte, die Einbrecher wären frontal hereingekommen und nicht über da Fenster hinein und wieder heraus. Das machte doch viel zu viel Lärm mit dem Fenster…
      „Sucht nach allem, was nützlich sein könnte. Wenn auch nur an der winzigsten Scherbe ein Tröpfchen Blut klebt, will ich das wissen“, raunte Malleus und Devon brauchte nicht einmal seine Nase zu belasten um zu merken, wie ungehalten der Mann gerade war. Immerhin waren sie in sein Heiligtum eingedrungen.
      Also begannen sie zu suchen. Devon inspizierte die Holzbretter und die verbliebenen Teile des Glases im Rahmen, ohne einen nennenswerten Fund. Tava versuchte sich auch im Suchen, aber sie ließ sich immer wieder von anderen Dingen ablenken, denen Devon jetzt einfach keine Aufmerksamkeit schenkte. Er wollte hier möglichst schnell weiter. Ein ungutes Gefühl meldete sich mit jedem Tag, den sie hier verbrachten, stärker.
      Weder am Fenster noch an den Scherben auf den Boden konnte der Jäger etwas Auffälliges finden. Er hockte vor den Scherben am Boden und versuchte zu rekapitulieren, welchen Weg die Einbrecher eingeschlagen hatte, da fiel sein Blick auf etwas, das unter dem nächsten Regal geweht worden war. Er kraxelte dahin, um mit langen Fingern etwas aus dem Schatten hervor zu ziehen und hoch ins Licht zu halten. Zwischen seinen Fingern hing ein etwa daumengroßer Abriss eines Stoffes. Die Farbe war ungewöhnlich tief blau in einer Nuance, die Devon so noch nicht gesehen hatte. Dieses Färbeverfahren musste gar einzigartig gewesen sein. Sofern es denn überhaupt einfacher Stoff war.
      „Malleus?“, fragte er und richtete sich auf, wobei er seinen Fund mit langen Fingern von sich hielt. „Wer trägt denn hier so ein Blau?“
    • Etwas an Malleus' veranlasste alle Anwesenden im Raum dazu sofort mit der Suche zu beginnen. Mochte es sein Blick, seine Körperhaltung oder die blanke Verärgerung in seiner Stimme gewesen sein. Malleus war das vollkommen gleich. Hauptsache sie fanden eine nützliche Spur, die die Übeltäter schnellstmöglich entlarvte. Nichts blieb unberührt, keine Scherbe und kein Buch auf dem möglichen Weg der Eindringlinge an Ort und Stelle. Sein Blick glitt hinüber zu Tava, die mit eindeutigem Ausdruck in ihren Augen die vielen Bücher, die Möbel aus massiven und trockenen Holz betrachtete und sich doch ordentlich am Riemen riss. Er vertraute darauf, dass seine Worte nicht völlig wirkungslos verhallten und die Cervidia sich ein Herz nahm, sollte sie die Versuchung zu unwiderstehlich werden. Ein Brand in diesen Räumlichkeiten wäre nun wirklich eine Katastrophe.
      "Malleus?"
      Angesprochener fuhr herum. Für eine Sekunde glitt sein Blick über die ernste Miene des Lacerta, ein wenig zu lange vielleicht, doch er schnappte im nächsten Moment sofort zu dessen Hand. Zwischen den kräftigen Fingern hielt Devon ein zunächst unscheinbares Stückchen Stoff. Mit wenigen aber eiligen und ausladenden Schritten war Malleus bereits bei ihm und nahm ihm den Fetzen aus der Hand. Augenblicklich verdüsterte sich seine Miene und doch zuckte ein triumphierendes Grinsen um seine Mundwinkel, das sich rasch ausbreitete, als hätte Devon einen Schatz von unvorstellbarem Wert gefunden. Die Kombination aus Beidem wirkte mehr als unheimlich doch vor allem...bedrohlich. Die Farbe...Der gepanzerte Ritter, den er am Vortag in der Menge erspäht hatte...
      "Blaumäntel...", zischte Malleus.
      Der Boten hatte also keine falschen Nachrichten überbracht. Diese dreisten Hurensöhne hatten es tatsächlich gewagt, soweit in das Herz der Signa Ignius in Oratis einzudringen. Amentia benötigte keine weitere Erklärung, doch Tava und Devon sahen ihr mehr oder minder fragend an. Malleus betrachtete den blauen Stofffetzen mit solcher Intensität, als wollte er ihn allein mit seinem Blick in Brand stecken.
      "Die Anhänger des Einen Gottes tragen Mäntel in diesem Blau", erklärte er. "Niemand sonst in ganz Oratis färbt seine Umhänge und Schärpen mit dieser speziellen Farbe. Die Blume die sie dafür verwenden, sind in dieser Gegend nicht heimisch sondern stammen aus viel kälteren und lichtärmeren Regionen. Die Blaumäntel nennen sie Cealunis - die blauen Mondblüten. Um daraus genügend Farbe herzustellen, braucht es Unmengen dieser Blüten. Sie kultivieren die Pflanzen in einem aufwendigen und kostspieligen Verfahren in eigens dafür gebauten Gewächshäusern in ihrem Heiligtum."
      Mit dem Fetzen in der Hand schritt Malleus zu einer der Glasvitrinen.
      Schweigend streckte er Amentia die Hand hin, die daraufhin einen kleinen und unscheinbaren Schlüssel in seine Handfläche legte. Damit öffnete er eines der Schlösser und zog eine dünne, gläserne Phiole aus dem Schrank hervor. Die Flüssigkeit darin war zäh und wirkte selbst im Sonnenlicht fast Schwarz. Fast, denn sie war in ihrer konzentrierten Form eher ein sehr dunkles Blau. Mit beidem zusammen wandte sich Malleus an Tava.
      "Kannst du bestimmen, ob zur Färbung dieses Stoffes die gleiche Farbe wie aus der Phiole verwendet wurde?"
      Der Orden des Einen war nicht die einzige Glaubensfraktion in Oratis die Spione mit äußerst flinken Fingern bezahlte, was ihm vor ein paar Jahren eine Probe des seltenen Färbemittels beschert hatte.
      "Wir haben hier ein Labor, dass du für deine Arbeit benutzen kannst. Wenn dir etwas fehlt, sag es nur und du sollst es bekommen. Wenn wir das Färbemittel nachweisen können, kann auch dieser Orden aus Stümpern den Diebstahl nicht abstreiten."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der einzige Zeuge des Einbruchs war ein junger Mann, der sehr viel mehr eingeschüchtert über Malleus' Anwesenheit schien, um groß von Wert zu sein. Trotzdem, er bemühte sich, sofort seine Antworten zu liefern und Malleus glaubte ihm auch gleich. Woran das liegen mochte, wusste Tava auch nicht so genau, aber sie schätzte, dass der Mann genug Menschenkenntnis hatte, um Lügen von Wahrheiten zu unterscheiden. Und ganz anscheinend konnte man dem jungen Mann trauen.
      Tava blieb mit Devon im Hintergrund, bis sie alle fünf in die Archive gingen. Da blieb Tava dann mit offenem Mund alleine im Hintergrund.
      Das Archiv war ein hoher Raum mit genauso hohen Regalen, die voll waren mit sämtlichen Arten von Schriften, die es in dieser Welt nur geben mochte. Bodentiefe Fenster gewährten tagsüber genug Licht für Studien, aber die Manuskripte selbst waren mit dünnen Vorhängen bedeckt, um nicht von der Sonne angegriffen zu werden. In der Luft waberte der Staub von vermutlich vergangenen Jahrhunderten.
      Und alles. War. Voller. Brennstoff.
      Die Bücher. Die Papiere. Das morsche Holz. Die ledernen Einbände. Die geschnürten Manuskripte. Die Stoffvorhänge. Der trockene Staub, der überall war - in der Luft, auf dem Boden, in den Regalen. Alles war voll unendlicher Brennquellen.
      Tava gaffte mit großen Augen und noch größerem Mund.
      "Ohh..."
      Devon marschierte vor ihr bereits hinein, ignorant gegenüber der Tatsache, dass jeder seiner Schritte von einem Flammeninferno gespickt sein könnte. Malleus war ihm dichtauf, warf aber Tava noch einen Blick zu. Sie wusste, was der Blick bedeutete. Deswegen war sie auch am Eingang wie angewurzelt stehen geblieben.
      „Sucht nach allem, was nützlich sein könnte. Wenn auch nur an der winzigsten Scherbe ein Tröpfchen Blut klebt, will ich das wissen.“
      Okay. Ja klar. Sie fing dann mal... dort vorne irgendwo an. Bei allen vier Feuern, wenn sie hier auch nur einen falschen Schritt machte, war es aus.
      Schweigend suchten sie, jeder auf seine Weise. Devon suchte den Boden ab, Malleus ließ den Blick über das große und ganze schweifen und Tava sah dorthin, wo niemand hinsah. Zugegeben, wo sie vielleicht auch nichts finden würde, außer mehr Ideen, wie sie das ganze Archiv in riesigen, gewaltigen Flammen aufgehen lassen könnte. Aber nein - sie musste sich konzentrieren. Sie waren hier, um Spuren zu finden, und nicht Malleus' Geduld auf die Probe zu stellen. Noch einmal.
      "Malleus?"
      Der Angesprochene und Tava drehten sich zeitgleich zu Devon um. Er hielt ein blaues Stoffstück in die Luft, das sehr wenig in den Raum zu passen schien - konnte man meinen. Tava fand aber, dass es sich hier ganz hervorragend machte. Mehr brennbarer Stoff.
      „Wer trägt denn hier so ein Blau?“
      Malleus nahm es ihm ab und an seiner Miene war bereits zu erkennen, dass eine Frage beantwortet zu sein schien. Nur Tava konnte wenig damit anfangen, dass ein blaues Stoffstück herumlag.
      "Blaumäntel..."
      Nach seiner Erklärung wurde es auch Tava bewusst: Die andere Sekte der Stadt trug die Uniform blau. Nun, das war natürlich eine richtige Spur. Sicherlich hätte ein solcher Blaumantel schon lange nicht mehr hier unten sein dürfen. Wenn er überhaupt jemals da war.
      Malleus hielt jetzt mit seinem Fund zielgerichtet auf eine der Vitrinen zu. Amentia überreichte ihm eine Phiole mit blauem Inhalt und damit wandte er sich überraschenderweise Tava zu.
      "Kannst du bestimmen, ob zur Färbung dieses Stoffes die gleiche Farbe wie aus der Phiole verwendet wurde?"
      Tava sah vom einen zum anderen und wieder zurück. Ihr Hirn schaltete sofort um; sie musste zwar noch immer darum kämpfen, den ganzen Raum nicht abzufackeln, aber jetzt meldete sich der wissenschaftliche Eifer in ihr, der die Frage ebenfalls sofort beantworten wollte. Es zog sie geradezu dahin, sich ins nächste Labor aufzumachen. Das war auch nicht so schlecht, denn da würde sie sich sicher nicht aktiv davon abhalten müssen, ihren Ring zu aktivieren. Das war nämlich wesentlich schwieriger, als es aussehen mochte.
      "Natürlich. Gib mir eine Stunde und ich hab eine Antwort für dich. Je nachdem, wie gut ausgerüstet euer Labor ist."
      Und es war gut ausgerüstet.

      Das Labor der Signa Ignius war nichts, was Tava jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Schließlich beschränkten ihre Labore sich aufs Minimum, wenn sie denn überhaupt an eins geriet und nicht etwa über dem Lagerfeuer mischen musste. So musste es sich sicherlich anfühlen, wenn man wirklich ein Siegel besaß, dachte sie voller Aufregung, als sie die hochmodernen, teuren Gerätschaften bestaunte. Es gab hier alles, wovon man nur träumen konnte, und noch viel mehr, nachdem das Lager des Labors auch noch gefüllt war. Ganze Regale mit Mixturen standen im Hintergrund und gleich daneben war das Zutatenlager, voll ausgestattet. Tava hätte nur an eine Zutat denken müssen und hätte sie sicherlich drüben gefunden.
      So gesehen war es sogar eine Verschwendung, diese teure Einrichtung für so etwas simples wie einen Farbvergleich zu verwenden, aber Tava wollte sich nicht beschweren. Wäre die Farbe nicht gewesen, hätte sie womöglich niemals erfahren, dass der Kult ein Labor besaß.
      Malleus vergewisserte sich, dass sie alles hatte, Amentia schien unzufrieden damit, die Cervidia in dem kostbaren Labor zurückzulassen, und Devon sah sowieso nicht sehr angetan aus von den vielen Schläuchen, den Kesseln und den dutzenden Glaskolben. Tava wurde sehr schnell alleine gelassen.
      Da pfiff sie vergnügt, tänzelte zu einem der Tische und begann sich auszubreiten. Ein Farbvergleich war eigentlich gar nicht schwierig; zuerst löste sie einen Faden des Stoffes in einer Säurelösung auf, die den Stoff verätzte, aber die Tinktur der Farbe erhielt. Tava kannte die richtige Mischung dafür auswendig, nachdem sie sie nicht auf den Regalen gefunden hatte. Danach musste sie in diesem besonderen Fall nach Spuren der Cealunis suchen und sie mit der vorhandenen Farbe vergleichen. Wonach sie dabei Ausschau halten musste, sagte ihr ein dicker Wälzer aus den bestückten Schränken, der sich mit Samenpflanzen beschäftigte. Dass Cealunis eine Samenpflanze war, wusste Tava auswendig, nachdem sie früher einmal brav ihre Hausaufgaben gemacht hatte. Andernfalls hätte sie erstmal eine Weile lang suchen müssen, was denn Cealunis überhaupt genau war.
      Das hieß, sie musste die Bestandteile der Farbe voneinander trennen, ohne sie aufzulösen. Das war vielleicht der kniffligste Teil an dem ganzen Vorgang, aber nichts, womit Tava nicht zurechtkäme. Sie hatte schon früh gemerkt, dass sie ein ganz natürliches Verständnis von chemischen Zusammensetzungen hatte und bereits erahnte, zu welchen Anteilen sie ihre Substanzen mischen musste, etwas, was andere erst ausrechnen oder im schlimmsten Fall sogar durch Experimentieren herausfinden mussten. Tava wusste das von vornherein. Nicht immer natürlich, aber so ein Farbvergleich war nunmal so einfach.
      So tauchte sie sogar schon nach 50 Minuten wieder bei Malleus auf, fröhlich und zufrieden mit sich. Sie hatte den Stofffetzen nicht mehr dabei, aber dafür stellte sie jetzt zwei Phiolen mit derselben blauen Farbe, die sie als Vergleich bekommen hatte, vor Malleus ab. Sie hatte den Kopf erhoben und sah voller Befriedigung dabei zu, wie Malleus die beiden Farben miteinander verglich.
      "Ist dasselbe. Eins zu eins."
      Sie stutzte ein wenig.
      "Ist das jetzt gut? Oder schlecht?"
    • Malleus hüllte sich in Schweigen. Allein das Echo seiner Schritte hallte von dem kalten Mauerwerk des Gewölbes wieder, in dem sich die Laboratorien des Kultes befanden. Tageslicht suchte man hier vergebens. Die einzigen Lichtquellen bildeten mit Bedacht verteilte Lampen an den Wänden, die den gesamten Raum perfekt ausleuchteten. Es war hell genug um der nötigen Arbeit nachzugehen und die Kellergewölbe weniger erdrückend erscheinen zu lassen. Diskretion spielte auch in diesem Teil des Gebäudes eine entscheidende Rolle. Schränke, Vitrinen und Regale quollen über mit Gläsern, Tiegeln und allerlei Gerätschaften für das tägliche Handwerk eines Alchemisten. Konservierte Zutaten, Gläschen mit Pulvern und Fläschchen mit den verschiedensten Flüssigkeiten waren ordentlich sortiert und feinsäuberlich beschriftet. Bei der Ausstattung hatte der Kult weder Kosten noch Mühen gescheut. Und zwischen all dem ging Malleus auf und ab. Die Schultern gerade und angespannt während der Blick seiner Augen, die sich merklich schmälerten, stetig zu Tava huschten. Seine Kiefermuskeln arbeiteten unaufhörlich und welche Gedanken sich auch immer hinter den dunklen, im Flammenschein beinahe tiefschwarzen Augen zusammenbrauten, er ließ niemanden der Anwesenden daran teilhaben.
      "Ist dasselbe. Eins zu eins."
      Ein flüchtiges Zucken durchlief seine verhärteten Gesichtszüge, als hätten ihn seine Gedanken so sehr eingenommen, dass er die Cervidia und die anderen glatt für einen Augenblick vergessen hatte. Mit einem leisen Klicken stellte Tava die Proben vor ihm ab. Malleus nahm beide in die Hände, hielt sie gegen den Kerzenschein um den Inhalt zu begutachten.
      "Ist das jetzt gut? Oder schlecht?"
      "Das hängt davon ab für wen...", murmelte Malleus.
      Es dauerte einen Moment, da regte sich etwas in der kühlen Mimik. Die Mundwinkel zuckten leicht, verzogen sich zu einem dezenten aber triumphierenden Grinsen. In Amentias Anwesenheit gab es keinerlei Grund, seine Gefühle hinterm Berg zu halten. Was Devon und Tava betraf, sie hatten bereits so viel von ihm gesehen, dass er in ihrer Anwesenheit kein Übel sah. Du wirst nachlässig, pochte es hinter seiner Stirn, aber anstatt dem Impuls nachzugeben, ließ er mit einem dumpfen Brummen in seinem Brustkorb die Phiolen in seine Taschen wandern.
      "Amentia", begann er nur um gleich eine Pause zu machen. Sein Blick wanderte durch den Raum, der schwer nach Kräutern und allerlei Tinkturen roch. "Lass den Blaumänteln eine Botschaft zukommen und verlange die Herausgabe der Manuskripte. Höflich, aber bestimmt. Und kündige meinen Besuch an."
      Er seufzte kaum hörbar.
      "Sag ihnen, dass ich persönlich erscheine, um die Manuskripte und eine Entschuldigung in Empfang zu nehmen. Sag ihnen, dass das Oberhaupt der Signa Ignius ihren heiligen Halle seine Aufwartung macht. Es wird Zeit für eine Unterredung."
      Bedächtig schritt Malleus zu dem großen Tisch, an dem Tava zuvor noch gearbeitet hatte. Er zog eine kleine, bauchige Flasche zu sich und einen Dolch aus seinem Ärmel. Es war derselbe Dolch, dessen kalte Klinge er an Devons Kehle gepresst hatte. Derselbe Dolche, dessen tödliche Schneide Tava vom Hals des Lacerta ferngehalten hatte. Malleus blinzelte einmal, zweimal, bevor er den Handschuh von seiner linken Hand zog, auf dem Tisch ablegte und die rasiermesserscharfe Klinge gegen seine Handinnenfläche drückte. Es benötigte nicht viel Druck bis das Blut aus einem feinen Schnitt hervorquoll. Er ballte die linke Hand zur Faust und hielt sie über die Öffnung der Falsche. Langsam aber stetig tröpfelte ein dünnes Blutrinnsal hinein. Einhändig nahm er einen bereitgelegten Stopfen und verkorkte die Falsche sorgfältig. Mit immer noch geballter Faust reichte er die Falsche an Amentia.
      Ein Blutopfer.
      Für die glühenden Kohleschalen im Heiligsten der Signa Ignius.
      In seinen Erinnerungen lauschte er bereits dem vertrauten Zischen von frischem Blut, dass auf die heißen Kohlen tropfte.
      "Wenn du die Botschaft auf den Weg gebracht hast, geh ins Heiligtum und übergib das den Flammen. Den Segen Adrastus zu erbitten, erscheint mir in dieser Lage mehr als angebracht."
      Malleus drehte sich nun endlich wieder zu Devon und Tava um.
      Obwohl er ihnen ins Gesicht sah, vermied er den direkten Blickkontakt.
      "Ich gehe allein."

      ______________________________________________________________

      Malleus verließ das Quartier der Signa Ignius ohne Begleitung und mit dunklen Schatten über seinen Gesichtszügen, als zöge er in den Krieg. Die gänzlich schwarze Kluft verlieh ihm etwas Bedrohliches. Keinerlei goldene Ornamente zierten die maßgeschneiderten Kleidungsstücke. Kein Rot und kein Gold brachte etwas Licht in seine Aufmachung. Die fließenden, weichen Stoffe waren festerem Material gewichen, die seine hochgewachsene und muskulöse, aber nicht bullige, Erscheinung zur Geltung brachten. Das schwarze Hemd spannte um seine Schulter und verhüllte seinen Torso vom Hals bis zu den Handgelenken. Kein unnötiges Fleckchen seiner dunklen Haut war zu sehen. Allein um seine Augen zeigten sich elegante, goldene Linien. Dieses Mal verliehen sie dem eindringlichen Blick keinen Hauch von Weichheit oder Eleganz. Die Konturen waren scharf und präzise, mit einem dezenten Hauch von blutroter Farbe untermalt. Es verlieh Malleus einen stechenden und alles durchdringenden Blick, während seine Augen dunkel in ihren Höhlen zu glühen schienen. Sorgfältig hatte er die goldenen Schmuckringe in seinen Haaren neu geordnet und alle verirrten Strähnen streng nach hinten aus seinem Gesicht verbannt.
      Balian, schmächtig und in der schlichten Leinenrobe der Anwärter, verweilte leichenblass an seiner Seite. Zwischendurch befürchtete Malleus bereits, dass der Junge vor Nervosität schlichtweg umkippte. Ein starke, verhüllte Hand auf der knochigen Schultern, genügte aber um ihn Stückchen für Stückchen zum weitergehen zu bewegen.
      Ein Blick reichte völlig aus, um jeglichen Protest über diesen Alleingang, der sich allerdings in Grenzen hielt, im Keim zu ersticken. Malleus war ein Mann mit einer Mission, von der er sich nicht abbringen ließ. Er konnte nicht, denn die Lage zwang ihn dazu Stärke zu zeigen. Ein gestohlenes Buch mochte in vielen Augen eine Lappalie sein, aber wenn er jetzt nicht einschritt, blieb es nicht bei harmlosen Einbrüchen einiger halbstarker Anwärter.
      Der Weg ins Herz der Diener des Einen Gottes war gesäumt von den vertrauten und gleichsam verhassten, blauen Mänteln. Breits nach wenigen Straßenecken tauchten die ersten in seinem unmittelbaren Sichtfeld auf und folgten ihm ein paar Meter bis der nächste Blaumantel übernahm. Sie gaben sich nicht einmal Mühe sich in der Menge zu verbergen. Die glänzenden Rüstungen mit dem imposanten Helmen und den geschlossenen Visieren machten es auch ganz und gar unmöglich. Sie behielten ihn und den Jungen den ganzen Weg über im Auge, als brächte er das Feuer des großen Drachen persönlich in ihre Mitte. Malleus hielt das Kinn stolz erhoben. Von solchen Spielereien ließ sich das Oberhaupt der Signa Ignius, die erwählte Feuergeißel, nicht einschüchtern. Die kleine Machdemonstration war mehr als lächerlich.
      Der Sitz des Einen war mit seinen Türmen, die sich in den Himmel empor schraubten, nicht zu übersehen. Es war ein Relikt aus alter Zeit und aus Stein und Materialien erbaut, die es schon seit Ewigkeiten in Oratis nicht mehr gab. Imposante Buntglasfenster mit dicken Eisenstreben zierten die Front und säumten im Zentrum ein schweres Portal aus dunklem Holz. Sobald Malleus und Balian den geschlängelten Weg durch den gepflegten Vorhof mit seinen Blumenbeeten und Ziersträuchern betraten, gesellten sich zwei Männer in schweren Rüstungen zu ihnen. Flankiert von den stummen Bewachern näherten sich Malleus und sein Zögling den steinernen Stufen, die es zu erklimmen galt. Aus dem Augenwinkel erspähte er die Reflexionen der gläsernen Bauwerke, in denen die Blaumäntel die Cealunis kultivierten. Wie genau sie das anstellten, war selbst ihm ein Rätsel. Aber Malleus brüstete sich auch nicht damit Botaniker zu sein.
      Das Tor öffnete sich von Geisterhand mit einem knarrenden Stöhnen.
      Im Inneren erwartete Malleus ein hohes Gewölbe, in dem deutlicher kühler war, als in den Straßen von Oratis. Licht spendeten die beinahe deckenhohen Buntglasfenster und Fackeln, die die Wände säumten. Aber das war nicht alles, dass den langen Gang zum Kopf der Kirche, wie sie es nannten, säumte. Malleus schritt wie ein lebendiger Schatten durch die Reihen von Blaumänteln, die zu beiden Seiten Spalier standen. Schwer bewaffnet und bereit, doch niemand machte Anstalten ihn nach Waffen zu durchsuchen. Sie fühlten sich sicher in ihren schieren Anzahl und im Herzen ihres Ordens. Balian schloss stolpernd zu ihm auf und die Nervosität machte mit jedem Schritt der Furcht ein wenig mehr Platz. Am Ende thronte der Epsisimos auf einem Podest, an seiner Seite zwei blutjunge, hübsche Priesterinnen, die mit undurchsichtiger Miene dem unerwünschten Besuch entgegen sahen.
      Malleus stoppte erst, als die zwei Ritter am Kopf des Spaliers zwei Lanzen in seinem Weg kreuzten. Das war offensichtlich nah genug. Balian konnte gerade noch rechtzeitig abbremsen um seinem Herrn und Meister nicht in den Rücken zu laufen. Es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. So still, dass er die hektischen Atemzüge des Jungen hinter sich spürte. Ein Blinder hätte gesehen, dass sich Balian mehr als unwohl in seiner Haut fühlte. Eine Verbeugung wurde vergebens erwartet ebenso wie ein andächtig gesenkter Blick. Stattdessen begegnete Malleus ganz direkt dem Blick des Epsisimos.
      "Ich danke Euch, dass Ihr mich trotz des unerfreulichen Anlasses so kurzfristig empfangt. Und es ist wirklich unerfreulich, dass wir uns kurz nach meiner Rückkehr bereits mit einem solchen Ärgernis befassen müssen."
      Die Floskel glitt mit samtiger aber kühler Stimme über seine Lippen. Die rauen Silben schienen selbst mit gedämpfter Lautstärke gesprochen von den hohen Decken wieder zu hallen. Malleus ließ betont den Blick durch die Reihen schweifen.
      "Mein Bote hat Ruch rechtzeitig erreicht, wie ich sehe. Ich war so frei meinen Zeugen, unseren jungen Balian, und das Beweisstück der Anklage vorzubringen um uns weitere, zeitraubende Unannehmlichkeiten zu ersparen. Wir sind beide zweifellos vielbeschäftigte Männer, die sich um wichtigere Belange als einen dummen Jungenstreich zu kümmern haben. Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass ich mein Eigentum nirgendwo sehen kann, noch die reuevollen Mienen Eurer Zöglinge, die für das...Abhandenkommen verantwortlich sind."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Der Epsisimos war alt.
      Selbst für die Verhältnisse hatte dieser Mann seinen Zenit sichtbar überschritten. Sein Gesicht war von Falten komplett verzogen und wenn er einst Haare gehabt haben mochte, dann versteckte er die kläglichen Reste davon unter einer großen Haube, die in Blau gefärbt und mit Silberfäden bestickt worden war. Seine Robe trug das gleiche Blau, war aber mit reinweißen Seidenbahnen unterbrochen und aufgelockert, sodass man seine Beine schlichtweg nicht mehr sah. Der ganze Mann ging in den Schichten an Kleidung förmlich unter und es war eindeutig, dass er nicht zu denjenigen gehörte, die sich mittels Kampfkunst an die Spitze gebracht hatten. Dieser Mann war wegen seines Verstandes an der Spitze der Glaubensgemeinschaft gesetzt worden und sein hohes Alter bezeugte, dass er mit Grund dort oben saß.
      Neben seinem Sitz war ein Beistelltisch aufgestellt worden, auf dem ein löchriges Gefäß mit einer leichten Kette abgestellt worden war. Auf den ersten Blick lag dort weder Buch noch Schrift – es wäre ja auch zu einfach gewesen. Mit trägem Blinzeln verfolgte der Epsisimos Malleus‘ Weg den Gang entlang. Er hatte all die Kreuzritter nur deshalb sich aufstellen lassen, um seine neu errungene Kampfkraft zu demonstrieren. Schließlich wusste er es besser, als dass er um einen Angriff des Führers der Signa fürchten musste. Trotzdem zeigte sich Missbilligung in seinem Blick, als Malleus einfach nicht stoppte und erst durch die letzten beiden Speerritter dazu angehalten wurde. Der Junge hinter ihm stolperte dabei fast in seinen Rücken und zog sich mit eingezogenem Kopf umgehend zurück.
      Was unter anderen Umständen eine immense Verletzung der Ehrerweisung gewesen wäre, war unter dem Epsisimos und Malleus schlichtweg nicht nötig. Der alte Mann hielt sich nicht damit auf, dem Jungspund Manieren beizubringen. Die Kinder der Flammen, wie er sie nannte, verfügten nicht über die Weitsicht und das Taktgefühl, welches der Umgang mit erfahreneren Menschen anging. Das machte sich sofort bemerkbar, als Malleus ohne Umschweife das Wort ergriff und jeder, der sich zumindest ein wenig mit dem Führer der Signa Ignius befasst hatte, das Ungehaltene aus diesen Worten ablesen konnte.
      "Eine Kirche hat ihre Hallen für Jedermann geöffnet. Selbst Ketzer können sich hier von ihren Sünden reinigen lassen. Warum sollte ich Euch dann Einlass verwehren?“, sagte der Epsisimos mit dünner Stimme, die allerdings jegliche Autorität abverlangte. Er hob zwei Finger und die Priesterin zu seiner Linken wandte sich kurz ab, um etwas aus dem hinteren Teil zu holen. Sie kehrte mit zwei weißen Tüchern zurück und kam das letzte Stück des Podests herab, um vor Malleus und Balian zu halten. Sie reichte erst dem Jungen ein Tuch, der es hastig annahm, und dann Malleus. Wie erwartet reagierte er zunächst nicht, doch die Priesterin bleib hartnäckig vor ihm stehen. Es war lediglich ein heiß gedampftes Leinentuch – damit man sich Hände und Gesicht erfrischen konnte. Dass beides bei Malleus keinen Anklang finden würde, wusste der Epsisimos natürlich. Aber so, wie er Malleus ohne Umschweife empfangen hatte, so erzwang er hier Gehorsam, indem der Ketzer eines der Tücher annahm, selbst ohne es zu benutzen. Nachdem die Priesterin das Tuch übergeben hatte, kehrte sie an die Seite des Oberhauptes zurück.
      „Mir wurde knapp unterbreitet, um was es geht. Aufzeichnungen, die aus Euren eigenen privaten Archiven stammen, wie ich hörte? Wie anstrengend, dass schon ein Jungenstreich genügte, um sich Eintritt zu verschaffen“, sinnierte der Epsisimos und strich sich dabei Falten seines Gewandes glatt. „Vielmehr würde mich interessieren, welche Beweise Ihr vorzuführen gedenkt, die meine Jünger belasten? Solange der Junge hinter Euch weder genau die Gesichter beschreiben noch Namen nennen kann, kann seiner Aussage kein Wert geschenkt werden. Der Beweis soll ein Farbabgleich gewesen sein?“
      Der Mann blickte auf Malleus hinab, dann glitt sein Blick kurz zu Balian und wieder zurück.
      „Es sind Eure Archive gewesen. Euer Raum, zu dem niemand außer Angehörige Eures Kultes Zutritt haben. Wie wollt Ihr beweisen, dass Ihr das Stück Stoff nicht eigenmächtig besorgt habt? Wie ich hörte, seid Ihr in Begleitung in die Stadt gereist. Wo sind denn Eure Begleiter? Das hätten Eure unbefangenen Zeugen sein können. Ihr seid doch sonst nicht für solche Verfehlungen bekannt.“
    • Malleus spürte es in der Luft. Das Machtgefüge, das sich über die wenigen Meter, die ihn von dem Epsisimos trennten, aufbaute. Wie es sich neigte, verschob und unablässig aufblähte bis es an den höchsten Punkt des altehrwürdigen Gemäuers reichte. Er sah es im gesichtslosen Antlitz der Ritter, die ihre Gesichter hinter den Visieren ihrer Helme versteckten. Er sah es in den unbewegten Mienen der Priesterin, die ihm das Tuch anbot. Er spürte es, als Balian unter dem Blick des Epsisimos schrumpfte und versuchte sich mehr oder weniger erfolgreich in seinem Rücken zu verkriechen. Er bezweifelte nicht, dass Devon die Angst des Jungen hätte schmecken können.
      Notgedrungen nahm er der Priesterin das Tuch ab ohne es dabei auch nur eines Blickes zu würdigen. Dieser Brauch war an ihn verschenkte Liebensmüh, aber er ahnte bereits, dass nicht Tradition allein die Blaumäntel zu dieser Geste veranlasste. Alles in diesem Gebäude war eine Prüfung. Das Tuch und die lieblichen Gesichter der Priesterinnen, die lächerliche Machtdemonstration durch die Ritter und ihre protzigen Rüstungen. Die Worte, die der Epsisimos weise auswählte, um ihn aus der Reserve zu locken. Malleus' Finger krümmten sich um das dampfende Tuch, dessen Wärme durch das weiche Leder sickerte...und ließ es vollkommen ungenutzt sinken.
      "Ich bin nicht hergekommen um nach Vergebung zu suchen, ehrwürdiger Epsisimos, sondern damit Recht gesprochen wird", antwortete Malleus beinahe gleichgültig. Er hatte viele schlimme Dinge getan, vielleicht verdiente er den Titel eines Sünders, aber nicht in den Augen des großen Feuerdrachen. Das Urteil der Blaumäntel hatte für ihn keinerlei Gewicht. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Balian das Kinn auf die Brust presste und es kaum wagte die Augen vom Boden zu lösen. Wenn Malleus es nicht besser wüsste, würde er sagen der Junge sah äußerst schuldbewusst aus.
      "Der junge Balian hat überzeugend die Aufmachung der Eindringlinge beschrieben. Blaue Mäntel, wie sie Eure Gläubigen tragen. Dass wir einen Fetzen dieses Stoffes in meinen Archiven fanden, untermalt seine Aussage. Korrekt, es waren meine Archive. Sie haben sich ein mein Haus geschlichen, haben meine Getreuen betäubt und haben mein Eigentum entwendet. Das ist inakzeptabel. Entsprechen solche Torheiten etwa den Prinzipien Eures hohen Hauses? Billigt ihr etwa Langfinger und Störenfriede unter Euren Novizen?"
      Malleus' Stimme verlor alle Weichheit und der beinahe freundliche Plauderton wenige Augenblicke zuvor war vollkommen verschwunden.
      Es zuckte um seine Augenwinkel, als der Epsisimos Devon und Tava, wenn auch nicht namentlich, zu Sprache brachte. Es bestand kein Zweifel daran, wen er mit Malleus' Begleitung meinte. Natürlich hatte man ihn seit seiner Ankunft in Oratis beschatten lassen. Die Frage war nur: Wie viel der Epsisimos wirklich wusste? Wie lange und wohin waren die Spitzel ihm gefolgt. Malleus beschloss in diesem Moment, dass es klüger war, sich nicht auf die Provokation einzulassen.
      "Meine Begleiter, die für Euch nicht von Belang sind, waren zum Zeitpunkt der Tat nicht zugegen und sind damit als Zeugen ungeeignet."
      Einen Augenblick verging, in dem Malleus einen langsam Atemzug nahm.
      "Wird es wirklich notwendig sein, dass wir diesen Vorfall vor den Rat von Oratis bringen?", bohrte Malleus nach. "Soweit mir zu Ohren gekommen ist, suchen die hohen Herren und Damen händeringend nach Gründen um die Macht der Glaubenshäuser einzuschränken. Und dabei sollen sie nicht besonders wählerisch sein."
      Malleus hatte Amentias Bücher studiert.
      Durch die Feste der Signa Ignius, dem Zustrom von Kultisten und Reliktjägern aller Himmelsrichtungen floss regelmäßig ein kleines Vermögen in die Kasse. Oratis florierte. Auch die Schwarzmärkte warfen genug Schutz- und Schweigegeld ab, dass auf Umwegen direkt in die Taschen der hohen Herrschaften gespült wurde. Gier war ein fantastischer Hebel.
      "Bedauerlich für Euer Haus, wenn sich das hartnäckige Gerücht über Diebe in Euren Reihen in Oratis verbreitet wie ein...Lauffeuer."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Epsisimos verzog keine Miene, auch wenn er die Finger in seinem Schoß miteinander verschränkte. „Vergebung? Niemand sprach von Vergebung, denn auch Ketzern wird nicht vergeben.“ Es wirkte beinahe so, als blickte der Mann an Malleus vorbei und sah etwas, das sich ihrer aller Blicke entzog.
      „Aber Recht soll gesprochen werden, dem stimme ich Euch zu. Nur, wo wären wir denn, wenn wir ein jedes Wort, gesprochen von jungen Zungen, glauben würden? Wer beweist, dass es wirklich meine Jünger waren? Sicher, wir kultivieren Cealunis, aber wenn Ihr in der Lage seid, einen Farbabgleich zu veranlassen, wird es bestimmt auch andere geben, die unsere Mäntel nachahmen können. Daher fragte ich nach Euren Begleitern.“
      Die zahllosen Kreuzritter verharrten noch immer. Die Platten der Rüstungen klickten nicht einmal, so als würden die darin verborgenen Männer nicht einmal atmen. Dafür war der Atem von Balian, der sich noch immer in Malleus‘ Schatten kauerte, umso deutlicher hörbar.
      „Wie auch in Euren Reihen werden hier keine Störenfriede geduldet. Sie erwartet eine entsprechende Konsequenz, sollte sich zeigen, dass sie die eigene Glaubensgemeinschaft sabotieren“, fügte er Epsisimos hinzu und klang dabei immer noch sehr gefasst. Aber Malleus hatte seinen Rang nicht ohne Weiteres beziehen können. Er hörte eine unterschwellige, kaum vorhandene Wut heraus, die dem ungeschulten Ohr entgangen wäre.
      „Meine Begleiter, die für Euch nicht von Belang sind, waren zum Zeitpunkt der Tat nicht zugegen und sind damit als Zeugen ungeeignet“, beschloss Malleus.
      Der Epsisimos gab sich nicht damit zufrieden. „Ihr seid doch sonst so gut vorbereitet. Warum habt Ihr ausgerechnet dieses Mal niemanden als Zeugen abgestellt, der Euren Fund quittieren kann?“
      Eine Pause entstand. Dann setzte Malleus nach. „Wird es notwendig sein, dass wir diesen Vorfall vor den Rat von Oratis bringen? Soweit mir zu Ohren gekommen ist, suchen die hohen Herren und Damen händeringend nach Gründen um die macht der Glaubenshäuser einzuschränken. Und dabei sollen sie nicht besonders wählerisch sein.“
      Erst da verengten sich auch sichtbar für alle anderen die Augen des Epsisimos. Er stierte mit getrübten Augen den Kultführer nieder und dachte offensichtlich nach. Als er sprach, ließ sich davon wenig in seiner Stimme vernehmen. „Richtig…. Sie sind dabei nicht wählerisch. Und wie gerissen wäre ein Schachzug, in dem man nicht nur eine Gemeinschaft, sondern gleich zwei mit einem Streich schwächt?“ Wenn sich die beiden größten Gemeinden in den öffentlichen Disput warfen, trügen beide Schaden davon. Auf die eine oder andere Art und Weise. „Dann gäbe es kein Heim mehr für diejenigen, die sich Schutz ersuchen würden… und wir müssten rabiat diejenigen aussieben, die unseres Vertrauens nicht würdig sind. Angefangen von den ganz… kleinen… Rädchen.“
      Der Epsisimos hatte gerade die letzte Silbe gesprochen, da sackte Balian plötzlich hinter Malleus auf die Knie. Er beugte sich vorn über, die Stirn berührte dabei fast den teuren Läufer, der bis zum Podest ausgerollt worden war. „Ich schwöre beim Einen, dass ich niemals etwas Unwahres gesagt habe!“
      Wieder entstand eine Stille, als sich Malleus über die Schulter nach Balian umsah. Der Junge zitterte, bewegte sich aber kein Stück. „Niemand hätte herausfinden dürfen, wer es gewesen ist! Aber dieser riesige Mann hat wie aus dem Nichts einen Fetzen gefunden, und dann…“
      Deutlich sah man, wie der Epsisimos auf diese Details reagierte und das Trübe aus seinem Blick gemildert wurde. Er nahm die Hände auseinander und einer der Kreuzritter gab seine Starre auf. „Niemand hat dir aufgetragen, etwas zu entwenden, du Narr. Wo sind die Aufzeichnungen? Du hast sie hier nie ausgeliefert.“
      Das war eine Information, die auch für Malleus neu war. Mindestens genauso beeindruckend war die Tatsache, dass der Epsisimos offensichtlich nicht log. „Ich weiß es nicht!“, bekräftigte Balian panisch. „Ich weiß es wirklich nicht! Sie haben mir entsprechend Geld versprochen, wenn ich ihnen die Wachen vom Halse halte! Ich… Wir brauchen das Geld, Herr!...“
    • Malleus bezog die nutzlose Stellung eines stummen Zeugen als die ursprüngliche Ausgangslage eine unerwartete Wendung nahm. Die verdächtige Ruhe des Epsisimos löste ein unerwünschtes Unbehagen aus. Ihn beschlich das ungute Gefühl, etwas übersehen zu haben. Niemand rührte sich während der Epsisimos ihn belehrte, als wäre er nicht mehr als ein übereifriger Anfänger, der die Spielregeln noch nicht richtig begriffen hatte. Der bittere Beigeschmack, der sich schwer auf seine Zunge legte, schürte die ersten Zweifel...und er verabscheute diese Unsicherheit. Mit jeder Silbe aus dem Mund des alten Mannes verstärkte sich das Prickeln in seinem Nacken.
      "...Angefangen von den ganz...kleinen...Rädchen."
      Unwillkürlich zuckte Malleus' Blick zu Balian. Schneller, als sein Verstand in diesem Augenblick arbeitete. Er hatte seinen Fehler erkannt, bevor ihm der Gedanke in den Kopf schoss. Keine Sekunde später warf sich Balian zu Boden und kauerte sich ehrfürchtig gleichzeitig angsterfüllt auf dem Teppich zusammen. Malleus' Hände ballten sich zu Fäusten, so fest, dass das Leder seiner Handschuhe unter dem Druck knirschte. Die Schmach darüber legte sich heiß über sein Gesicht. Er hatte sich von einem Jungen täuschen lassen. Von einem Kind! Die Demütigung durch den Epsisimos vor all diesen stummen Zeugen würde nicht ohne Folge bleiben. Zu viele Augen hatten verfolgt, wie das höchste Mitglied des einst gefürchteten Signa Ignius vorgeführt wurde wie ein grünschnäbliger Anwärter.
      Balian zitterte zu seinen Füßen, doch er fürchtete nicht den Zorn des Mannes, der ihn hier her gebracht hatte. Nein, alle Rechtfertigungen waren in Richtung des alten Epsisimos gestellt, der Malleus mit Argusaugen beobachtete und zweifellos jegliche Entgleisung genoss, die über das Gesicht des Mannes huschte. Malleus' Augenwinkel zuckten, seine Nasenflügel bebten und die Muskeln in seinen Kiefern hüpften vor Anspannung.
      "...Aber dieser riesige Mann hat wie aus dem Nichts einen Fetzen gefunden, und dann…", stammelte Balian.
      "Halt den Mund, du dummer Junge...", schnitt Malleus dem Jungen zischend das Wort ab.
      Die Silben waren über seine Lippen entkommen bevor er ihnen Einhalt gebieten konnte. Der große Malleus, die selbsternannte Feuergeißel, fuhr angesichts der Torheit eines Bengels aus der Haut. Wieder tappte er wie ein Anfänger in eine Falle und angesichts seiner scharfen Worte schien nun auch Bewegung in die erstarrten Ritter zu kommen. Zumindest einer rührte sich, als sein Herr und Meister die entspannte Haltung seiner knorrigen, faltigen Hände aufgab.
      „Niemand hat dir aufgetragen, etwas zu entwenden, du Narr. Wo sind die Aufzeichnungen? Du hast sie hier nie ausgeliefert.“
      Die Aufzeichnungen...zum Teufel mit den vermaledeiten Aufzeichnungen.
      Seine Arroganz hatte ihn blind und taub gemacht.
      Sein Zorn machte es nur schlimmer.
      „Ich weiß es nicht! Ich weiß es wirklich nicht! Sie haben mir entsprechend Geld versprochen, wenn ich ihnen die Wachen vom Halse halte! Ich… Wir brauchen das Geld, Herr!...“
      "Wer?", donnerte Malleus. "Wer hat dir Geld versprochen!? "
      Balian antwortete nicht. Offensichtlich hatte er seine Zunge verschluckt, doch Malleus wusste es besser. Der Junge gehorchte ihm nicht, weil seine Loyalität bereits jemand anderem galt. Dem Epsisimos warf er sein Geständnis dagegen augenblicklich vor die Füße.
      Gab es noch mehr Verräter? Wem konnte er trauen? War bereits eine ganze Verschwörung im Gange? Was wusste Amentia darüber? Sie gehörte doch nicht etwas...? Seine Gedanken überschlugen sich und bevor Malleus einen Schritt auf Balian zu machen konnte, streifte ein weiteres Mal eine Speerspitze seine Kehle. Sie durchschnitt den hohen Kragen seiner Tunika und hinterließ einen hauchdünnen Schnitt unter seinem Kehlkopf. Er spürte es kaum, denn Malleus bebte vor Zorn. Der Speer brachte wenigstens etwas Gutes mit sich. Eine unheimlich Ruhe flutete über den Mann hinweg, dessen beinahe schwarze Augen sich nun in den Nacken des winselnden Verräters bohrten.
      "Ich entbinde dich von deinem Eid, Balian", sprach er kalt und der Bursche erschauderte. Malleus erahnte, dass sein hilfesuchender Blick dem Epsisimos galt. Nur wusste Malleus es besser. Sie würden den Jungen, den sie als Werkzeug missbraucht hatten, auf die Straße vor der Kathedrale werfen sobald er den Raum verlassen hatte. Niemand wünschte einen Verräter in seinen Reihen. Malleus' Verständnis war bereits erloschen. "Du bist nicht länger willkommen. Möge dir dein Verrat von deinem zukünftigen Herrn verziehen werden, denn ich werde es nicht."
      Malleus machte auf dem Absatz kehrt und verließ ohne ein weiteres Wort die Kathedrale.
      Niemand stellte sich dem Mann in den Weg.
      Er war gedemütigt genug.
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      Die Tage in Oratis verstrichen ohne weitere Vorkommnisse. Die treuen Anhänger der Signa Ignius hatten alle Hände voll mit den letzten Vorbereitungen zum diesjährigen Höhepunkt des Festes zu tun. Unermüdlich verrichteten sie die notwendigen Arbeiten, verzichteten auf erholsamen Schlaf um das prunkvollste Ereignis des gesamten Jahres auszuschmücken. Schiere Unmengen an Holz wurde von den nahenden Sägemühlen den Fluss herunter herangeschafft. Ganze Wagenladungen an Ölfässern und trockenen Strohbündeln rollten durch die Straßen von Oratis zum Tor hinaus. Bereits am Morgen des ersehnten Tages war der Weg zu heiligsten Stätte des Kultes mit üppigen Blumengirlanden geschmückt. Unzählige Fackeln säumten den Weg, der sich den Fluss heraufschlängelte, und warteten nur auf ihren Einsatz. All das überragte eine Gebilde am Flussufer. Zusammengeschnürt aus Holz, Stroh und Seilen überblickte ein Riese die Wege in die Stadt. Das Abbild eines Mannes bildete das Zentrum des Festplatzes, sein Torso gefüllt mit Opfergaben aus erlesenem Wein, Teilen der Ernten, Schmuck und Geschmeide, kostbarem Stoffen und Räucherwerken. Glyphen, die verdächtig den Zeichnungen auf Malleus' Händen ähnelten, waren mit dunkelroter, ungewöhnlich zäher Farbe über die gesamte Holzstatue verteilt.
      Malleus selbst überwachte die Vorbereitungen und erlaubte lediglich Amentia in seiner unmittelbaren Nähe. Nach seiner Rückkehr ein paar Tage zuvor und der schmerzhaften Demütigung durch den Epsisimos hatte der Mann eine Wandlung durchlaufen. Niemand sprach darüber, wie Malleus in das Quartier der Signa Ignius gerauscht war und mit unterkühlter Mimik in seiner Schreibstube verschwunden war. Niemand sprach über das Poltern und Krachen, dass hinter der Tür erklang oder von dem Chaos, dass später sorgfältig beseitigt wurden. Von dem umgeworfenen Bücherregal. Von den dutzenden Pergamentrollen, Büchern und Papieren, die im Raum verstreut waren als wäre ein Wirbelsturm durch den Raum gefegt. Ein Blick von Amentia hatte gereicht um Schweigen einzufordern.
      Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen starrte Malleus die tiefen Kuhlen im Flussbett an. Betrachtete man das Gebilde von Weitem bildeten die Senken im Boden den gewaltigen Prankenabdruck einer großen Echse - eines Drachen. Eine unglaubliche Hitze hatte den Sand um den Abdruck herum geschmolzen und das plätschernde Wasser hatte für eine schnelle Aushärtung gesorgt. Adrastus selbst hatte von diesem Hügel seinen glühenden Blick auf Oratis geworfen. Malleus ging galant in die Hocke, warf den Saum seines Umhanges, den er trug, dabei zurück und drückte die Handfläche gegen das glatte, geschmolzene Gestein.
      "Herr? Wir sind soweit."
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      Die Signa Ignius bildeten einen beeindruckenden Zirkel um die errichtete Statue, die mit ihren leeren Augen und weitgeöffnetem Mund auf sie herabsah. Rhythmische Trommeln hallten bis in den letzten Winkel von Oratis und lockten nicht nur Gläubige aus allen Himmelsrichtungen zum Spektakel. Unter den Scharen seiner Anhänger bewegten sich genügend Schaulustige, die sich im hypnotischen Klang der Trommelschläge wie in Trance wogen. Es mangelte weder an verlockenden Köstlichkeiten noch an süßem Wein. Das Gelage war geradezu opulent und Malleus in allen Farben und Formen zuwider. Die mitreißende Atmosphäre ließ den Anführer des Kultes kalt. Dennoch schritt er durch die Menge, tauschte hier und dort ein paar Worte aus, segnete Neulinge mit seiner Anwesenheit und ließ selbst die ein oder andere Berührung über sich ergehen. All das um die Illusion von Nahbarkeit aufrecht zu erhalten. Amentia wich ihm dabei nicht von der Seite und scheuchte von Zeit zu Zeit zu neugierige Augen und forsche Hände eifrig davon. Trotz ihres Disputes war Malleus dankbar für ihre Anwesenheit. Amentias Nähe hatte es stets vermocht sein Gemüt in die richtigen Bahnen zu lenken.
      Stille kehrte erst in die Feiernden ein, als Malleus das Podest zu Füßen des Holzriesen betrat und gebieterisch die Hände hob. Die Trommeln verstummten und alle drehten sich zu Malleus um, wie die Motten zum Licht. Erwartungsvolle, große Augen sahen zu ihm hinauf und warteten gespannt darauf, was der Mann ihnen zu verkünden hatte. Es war das erste Mal, seit das große Fest zu ehren Adrastus ins Leben gerufen worden war, dass Malleus höchstpersönlich zu ihnen sprach.
      "Meine treuen Freunde, Verbündete des wahren Glaubens, meine Kinder des großer Flamme, es ehrt mich heute zu euch sprechen zu können. Mein Besuch in Oratis könnte unter keinem besseren Stern stehen. Wir haben uns heute an diesem heiligen Ort versammelt, um unserem Erlöser zu huldigen. Möge euch das Licht des Flamme segnen. Mögt ihr der Versuchung und dem Verrat widerstehen, der euch auf Irrwege führen will. Möge euer Glaube euch zur Erlösung tragen. Mögt ihr auf dem brennenden Schwingen des großen Adrastus die neue Welt erblicken."
      Jubel brach in der Menge aus, doch Malleus unterbrach diesen mit einem erhobenen Zeigefinger.
      "Bevor ich die Nacht an euch übergebe, erlaubt mir, euch etwas zu verkünden, dass mir wahrlich schwer auf dem Herzen lastet."
      Zur Bekräftigung legte er eine Hand über sein Herz.
      "Bei all der Freude, die ich bei meiner Rückkehr empfand, musste ich auch eine herbe Enttäuschung erleben. Wir haben es versäumt, meine Kinder, die Jüngsten und Hilflosesten unter uns zu erreichen. Oratis mag das Herz unserer Gemeinschaft sein, aber es ist nicht frei von von Zweifel und Versuchung."
      Selbst das letzten Gemurmel erstarb, als zwei in dunklen Roben gekleidete, maskierte Männer ein zappelndes Bündel auf das Podest zerrten. Wenige Schritte dahinter folgten zwei junge Mädchen mit einer großen, runden Tonschale in der weißglühende Kohlen glommen.
      "Ich möchte euch an diesem Tag daran erinnern, dass es einst Zeiten gab, in denen unsere Gemeinschaft der Signa Ignius nicht lediglich respektiert sondern auch gefürchtet wurde. Die Menschen haben unsere Namen ehrfürchtig geflüstert und die Häupter in den Straßen vor uns geneigt. Die Furcht liegt hinter uns. Die Dunkelheit liegt hinter uns, denn die Flamme erhellte uns."
      Malleus senkte die Stimme.
      "Doch ich kann und werde Verrat nicht dulden. Nicht unter meinem Dach."
      Langsam schritt er zu der kauernden Gestalt am Boden, stellte sich hinter sie und riss mit einem kräftigen Ruck die Kapuze zurück. Mit geröteten Augen voller Angst starrte der junge Balian die Menschen an, mit denen er bis vor wenigen Tagen noch unter einem Dach gelebt hatte. Malleus legte scheinbar wohlwollend seine Hand auf das Haupt des Jungen, der augenblicklich versuchte von dem Mann wegzukommen.
      "Es schmerzt mich zu sehen, dass der Verrat bereits in den Herzen unserer Jüngsten herrscht. In den Herzen all jener, die unsere Zukunft sein sollten. Balians kindliches Herz hat sich verleiten lassen durch die Narren, die den Einen Gott anbeten. Er hat mit euch am Tisch gegessen, mit euch gelernt und gebetet. Dennoch hat er sich der Verschwörung schuldig gemacht, hat seine Brüder und Schwestern verraten und uns damit einen Dolch in den Rücken getrieben. Er ließ Novizen der Kirche des Einen hinter unsere Mauern, mischte seinen Brüdern etwas in den Abendtrunk und bestahl seine Familie."
      "Nein, nein, nein...", wimmerte Balian.
      "Und das dulde ich nicht."
      Malleus winkte die Mädchen mit dem Kohlebecken zu sich ehe er sich so tief vorbeugte, bis seine Lippen unmittelbar neben Balians Ohr schwebte. Der Junge wimmerte erneut herzzerreißend, als die Hitze der glühenden Kohlen ihm ins Gesicht schlug. Malleus griff blind aber zielsicher zu einer Art Schürhaken, der aus dem Behältnis ragte.
      "Schhh,...lass mich dir helfen deine Zweifel auszuräumen. Ich mache dir die Entscheidung einfach. Jeder, der dir fortan ins Gesicht sieht, wird um deine Loyalität wissen. Lass mich dir helfen feinen Platz zu finden."
      Beinahe tröstlich strich er dem Jungen über das Haupt ehe er den dessen Kopf meinem Ruck zurück in den Nacken riss.
      Dann drückte Malleus dem Jungen das Ende des glühenden Eisen gegen die Wange. Das Zischen, als Haut unter heißem Metall verbrannte, erfüllte seine Ohren und erst Sekunden später durschnitt ein schmerzerfüllter, kläglicher Schrei die Stille. Balian wand sich mit aller Kraft gegen den Griff, doch ohne Erfolg. Tränen rannen ihm über Wange, verdampften bei Berührung mit dem heißen Eisen. Der Geruch von verbrannter Haut flutete Malleus' Lungen und schnürte ihm die Luft ab. Als er endlich von dem Jungen abließ und das Brandeisen zurückzog, fiel Balian schluchzend und gekrümmt zur Seite. Auf seiner Wange prangte ein rotes, pochendes Kreuz.
      Malleus brachte seine schwere Atmung unter Kontrolle, die kaum genug Sauerstoff in seine Lungen pumpte. Das kaum merkliche Zittern in seiner Stimme ging im Zischeln der Kohlen und dem Wimmern von Balian unter.
      "Schafft ihn weg."
      Damit wurde Balian erneut vom Boden aufgeklaubt und fortgebracht.
      Malleus richtete sich mit einer ruhigen Haltung an die Menge, als wäre nichts dergleichen passiert.
      "Kein Glaube existiert ohne Opfer", begann er. "Das hat uns unsere Geschichte gelehrt und heute hat sie uns schmerzlich daran erinnert. Lasst uns in Demut unser Haupt senken."
      Stille.
      "Doch das soll nicht den Grund überschatten, warum wir heute hier sind. Vielmehr soll es uns ein Ansporn sein. Ich möchte das ihr eure Stimmen erhebt. Lasst die ganze Küste, das ganze Tal bis zu Celestia in den Bergen hören wie unerschütterlich euer Glaube ist. Der Erdboden soll unter euch erbeben und euer Licht bis zu den Sternen erstrahlen. Lasst euer Feuer lodern, damit die ganze Welt sich daran erinnert, wer wir sind! Wir sind die, die aus der Asche wiedergeboren werden! Wir sind die Kinder einer neuen Welt! Wir sind die Gezeichneten! Die Kinder der Flamme!"
      Die Menge explodierte und stimmte wie im Chor in den Ruf von Malleus ein während die Trommeln ihren Takt wieder aufnahmen.
      Mit ausgebreiteten Armen winkte er Tava zu sich, die im Hintergrund gewartet hatte. Er hatte sein Wort gehalten, er hatte ihr eine Gelegenheit verschafft ihr Bedürfnis nach allesverschlingendem Feuer zu stillen. Sie war der Ehrengast in diesem Spektakel, auch wenn die Tatsache Amentia nicht gefiel - milde ausgedrückt. Malleus vermied es Tava ins Gesicht zu sehen und überreichte ihr lediglich zeremoniell die Fackel, deren Feuer aus dem Heiligtum in Oratis gespeist war. Er deutete auf die hölzerne Statue. Den Rest der Zeremonie überließ er in den zuverlässigen Händen von Amentia. Er hatte Devon nicht gesehen seit sie den Platz betreten hatten und er war dankbar dafür auch dem Lacerta in diesem Moment nicht in die Augen sehen zu müssen.
      Malleus zog sich zurück und war bereits verschwunden noch bevor die Flammen den Kopf der Statue erreichten.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Seit Malleus von den Blaumänteln zurückgekehrt war, hatte sich etwas verändert. Was auch immer bei diesen Blaumänteln geschehen war, es hatte einen Schalter in Malleus umgelegt, von dem Tava nicht einmal gewusst hatte, dass er existierte. Von jetzt auf gleich war etwas irreversibles geschehen.
      Das offensichtlichste Anzeichen dafür war Malleus selbst. Tava hatte seine Rückkehr nicht einmal mitbekommen, sie hatte erst davon erfahren, als sie zwei Kultisten beim Flüstern belauscht hatte. Es war schon merkwürdig genug, dass der Mann ohne ein Wort zurückkam und sofort in seinem Zimmer verschwand, aber das merkwürdigste sollte erst geschehen, als Tava zu diesem Zimmer kam. Sie hörte Rascheln und dumpfes Scheppern von drinnen, was ganz darauf hindeutete, dass er nach etwas suchte, doch als sie die Hand zum Klopfen hob, krachte es drinnen richtig. Sie glaubte sogar die Dielenbretter unter ihren Sohlen vibrieren zu fühlen. Das war nun höchstgradig besorgniserregend, aber das merkwürdigste daran war noch immer, dass er ihr nicht antwortete, als sie vorsichtig nach ihm rief. Vielleicht hatte er sie nicht gehört - das redete sie sich zumindest ein, als sie schließlich wieder abzog - aber merkwürdig war es trotzdem. Malleus war kein Mann für Wutausbrüche und doch schien genau das gerade in seinem Zimmer vonstatten gegangen zu sein. Zwar war Tava sich dessen alles andere als sicher, aber sie konnte das Gefühl einfach nicht ablegen.
      Devon teilte ihre Bedenken nicht. Der Lacerta sah die ganze Sache gänzlich pragmatisch, was für Tava unmöglich war. Er hörte ihr zwar zu, während sie ihn mit ihren Bedenken zu schüttete, aber nachvollziehen konnte er sie nicht. Sicher, die Argumente schienen auch an den Haaren herbeigezogen, aber Tava konnte dieses Gefühl einfach nicht abschütteln. Irgendwas war geschehen und es war schlimm. Es traf Malleus auf eine ganz persönliche Weise.
      Die weniger offensichtlichen Anzeichen kamen vom Kult selbst. Tava spürte die dicke Luft, die überall herrschte, konnte die Spannung fühlen, die über den Köpfen der Kultisten schwebte, als würde sie alle ein furchtbares Geheimnis verbinden. Amentia war dabei am schlimmsten, aber vielleicht bildete Tava sich das auch nur aufgrund ihrer unangenehmen Unterhaltung ein. In jedem Fall fühlte sie sich unter den Signa Ignius in diesen Tagen noch viel deutlicher als Außenseiter. Als habe sie eine wichtige Ankündigung verpasst, die alle anderen miteinander verband.
      Dann kam das Fest, Malleus zeigte sich wieder in der Öffentlichkeit und Tava verdrängte sämtliche Sorgen und Gedanken mit der Hoffnung, dass es wieder so wie früher werden könnte. So wie früher vor dem Gasthaus oder danach? Ganz egal, Malleus war wieder da, schien so normal wie immer und Devon hatte sich auch dazu überreden lassen, zumindest einen Fuß in die Festlichkeiten zu setzen. Tava war frohen Gemüts, als sie sich ein Getränk spendierte und dann mit funkelnden Augen die aufgestellte Statue betrachtete. So. Viel. Holz. In ihren Fingern kribbelte es richtig vor erwartungsvoller Aufregung und das war ein gutes Zeichen. Sowas war normal, nicht das, was sich in den letzten Tagen zugetragen hatte. Die Zeit der Anspannung schien vorüber zu sein.
      “Meine treuen Freunde.”
      Malleus’ wohlklingende Stimme erklang über den ganzen Platz. Irrtümlicherweise dachte Tava, er würde zu ihr und Devon sprechen, und drehte sich gleich zu ihm um. Erst da fiel ihr auf, dass die ganze Versammlung still geworden war und jeder jetzt zu Malleus aufsah.
      “Verbündete des wahren Glaubens, meine Kinder des großer Flamme, es ehrt mich heute zu euch sprechen zu können. Mein Besuch in Oratis könnte unter keinem besseren Stern stehen.”
      Mit jedem weiteren Wort verfestigte sich mehr das Bild des Kultisten Malleus, das Tava gewohnt war und das sie in diesen Ausmaßen sogar noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Das hier war der normale Malleus, dessen war sie sich ganz sicher, während sie sich von seinen Worten verzaubern ließ. Wie so viele andere sah sie mit leuchtenden Augen zu ihm auf und hing förmlich an seinen Lippen. An jenen, die sie selbst schon hatte kosten dürfen.
      “Oratis mag das Herz unserer Gemeinschaft sein, aber es ist nicht frei von Zweifel und Versuchung."
      Tava war noch immer gänzlich auf Malleus fixiert, weshalb sie nicht bemerkte, dass drei neue Gestalten den Platz betreten hatten. Sie drehte sich allerdings um, als Devon sich neben ihr versteifte. Mit neuem Interesse beobachtete sie das Schauspiel, das dort vor ihnen stattfand.
      “Die Furcht liegt hinter uns. Die Dunkelheit liegt hinter uns, denn die Flamme erhellte uns. Doch ich kann und werde Verrat nicht dulden. Nicht unter meinem Dach.”
      Gedämpftes Geflüster begleitete Malleus’ Schritte, als er auf das Trio zukam. Und da war es schon wieder, die Spannung, die seit Tagen schon in der Luft gehangen hatte, spürbar genug, dass es sogar Tava aufgefallen war. Jetzt haftete sie sogar Malleus an, säumte jeden seiner Schritte, mit dem er sich den Gestalten näherte. Unmittelbar musste sie wieder an den Krach denken, der an dem einen Tag aus Malleus’ Zimmer gedrungen war, und es gefiel ihr ganz und gar nicht, sowas auch jetzt zu spüren.
      Da riss er dem knienden die Kapuze vom Kopf und entblößte ihn als den Jungen, der ihnen vom Archiv berichtet hatte.
      “Er hat mit euch am Tisch gegessen, mit euch gelernt und gebetet. Dennoch hat er sich der Verschwörung schuldig gemacht, hat seine Brüder und Schwestern verraten und uns damit einen Dolch in den Rücken getrieben. Er ließ Novizen der Kirche des Einen hinter unsere Mauern, mischte seinen Brüdern etwas in den Abendtrunk und bestahl seine Familie."
      Der Junge wimmerte. Tava neigte leicht den Kopf und beobachtete, wie ein paar Mädchen ein glühendes Kohlebecken brachten. Sie war so sehr von der Szenerie in den Bann gezogen, dass sie um Devon neben sich völlig vergaß.
      “Lass mich dir helfen, deinen Platz zu finden."
      Ohne weitere Umschweife riss Malleus den Kopf des Jungen zurück und presste ihm das glühende Eisen gegen die Wange.
      Tava war eine der wenigen, die körperlich davon zusammenzuckte. Mit einem Schlag schien sich die ganze Spannung der Tage entladen zu haben, aber auf eine Weise, die sie so niemals hätte vorhersehen können. Auf eine irreversible Weise. Was bewog Malleus dazu, derart grausame Schritte zu tun? Was bewog den sonst so friedliebenden Menschen dazu, jemanden zu foltern? Denn was anderes war es nicht, und noch während Tava diesem Spektakel zusah, wie der Junge sich wandte und zuckte und brüllte, da konnte sie nicht anders, als sich vorzustellen, wie es Malleus war, der sich dort wandte und zuckte und brüllte. Nur war er nun derjenige, der den Schürhaken hielt und nicht andersrum, und irgendwie… irgendwie passte das nicht. Realität und Vorstellung schienen in diesem Augenblick zu verschmelzen und ein Bild zu schaffen, das Tava eine Gänsehaut vermittelte. So war Malleus nicht. Es war derselbe, merkwürdige Moment wie schon an seiner Zimmertür.
      Der Moment dauerte an, viele grauenvolle, schmerzerfüllte Sekunden, bis Malleus das Eisen wegnahm und der Junge zusammensackte, als hätte ihn seine ganze Kraft verlassen. Tava sah zu, wie er unter den Augen von dutzenden Kultisten fortgeschleift wurde, benommen und zu nicht viel mehr in der Lage als dünnen Schluchzern. Dafür war Malleus’ Blick kalt und entrückt, als er sich wieder der Menge zuwandte.
      "Doch das soll nicht den Grund überschatten, warum wir heute hier sind. Vielmehr soll es uns ein Ansporn sein.”
      Und wieder hing Tava an seinen Lippen, so wie auch alle anderen. Als wäre der Vorfall gar nicht geschehen.
      “Wir sind die Kinder einer neuen Welt! Wir sind die Gezeichneten! Die Kinder der Flamme!"
      Um sie herum tobte es. Doch auch, wenn Tava bei der Erwähnung von Flammen durchaus aufmerksam wurde, war ihr Bild doch getrübt von dem Geruch verbrannten Fleisches und dem kalten Blick, den Malleus zu verstecken versuchte. Sie schrie nicht mit. Sie stand unbewegt auf ihrem Fleck und sah den Mann an, der ihr nun eine dritte Seite von sich offenbart hatte. Eine dunkle Seite.
      Die Trommeln fingen wieder an zu schlagen und wie auf ein Zeichen begegnete Malleus ihrem Blick und winkte sie zu sich. Tava folgte seinem Ruf, ohne weiter darüber nachzudenken, aber ihre Miene war verklemmt, als sie ihm gegenüber trat. Viel lieber hätte sie mit ihm darüber geredet, oder hätte ihn eher zur Rede gestellt, aber das war unter der johlenden Meute gerade nicht möglich. Stattdessen nahm sie die von ihm überreichte Fackel entgegen, ohne einen Blick in sein Gesicht haschen zu können. Ja, irgendetwas war mit Malleus geschehen und womöglich würde sich das nie wieder rückgängig machen können. Vielleicht war die Hoffnung, dass alles wieder werden könnte wie früher, etwas, von dem Tava sich verabschieden musste.
      Dann sah sie in die züngelnden Flammen und im Anschluss auf die haushose Statue aus purem Holz, die sich vor ihr in die Luft erstreckte. Die wilden Rufe um sie herum spornten sie an und hätte Tava vielleicht einen stärkeren Willen besessen, hätte sie sich von der Zeremonie abgewandt, um sich mit den wirklichen Dingen zu beschäftigen. Welchen Sinn hatten solche Zeremonien, wenn es ihrem Freund ganz eindeutig nicht gut ging? Aber Tava fühlte eine stärkere Anziehungskraft von der Statue ausgehend, als von irgendwo her sonst aus dieser Welt, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als die letzten paar Schritte zu gehen und am Fuß des Gebildes die Fackel anzuheben. Das Licht des Feuers spiegelte sich in ihren Augen und wurde untermalt von den rhythmischen Trommeln, die sie zu ihrer nächsten Aktion anleiteten. Sie dachte an Malleus und den Jungen, als ihr Instinkt sie von ganz alleine dazu verleitete, die Flamme an den ersten unteren Ansatz der Statue zu halten und die Zungen zum Übergreifen zu bringen. Sie dachte auch immernoch an ihn, als sie die Ekstase packte, die pure Vorfreude, während sie beobachten konnte, wie die Flammen sich ausbreiteten und bereits schnell weiterhüpfte, um die nächste Stelle anzuzünden. Und die nächste und die nächste. Sie dachte auch dann an ihn, als sie zuletzt die Fackel warf und mehrere Schritte zurücktrat, um unter dem Geschrei und dem Gejubel der Versammelten das Feuer zu betrachten, das sich ausbreitete und ausbreitete, immer höher und immer höher, bis es bald ihr ganzes Gesichtsfeld vereinnahmte.
      Und während sie das Kribbeln in ihrem Bauch spürte und die pure Euphorie im Angesichts dieses wahnsinnig brennenden Gebildes, musste sie sich unweigerlich fragen, ob der Junge dasselbe gespürt hatte, kurz bevor das Eisen seine Haut verbrannt hatte.
    • Im Gegensatz zu Tava hielt sich Devon fast ausschließlich im Haus der Signa auf. Er wollte auf den Straßen möglichst wenig Zeit verbringen, da er noch immer nicht den Menschen traute, die mit großen Augen Dinge bemerken konnten, die er lieber verborgen hielt.
      Daher kam er auch in den Genuss von Malleus‘ Rückkehr. Er hatte sich mit Amentia über seine Malachitklinge unterhalten, als die Tür aufgestoßen worden war und der Führer der Signa wie ein Derwisch hereinrauschte. Seine Augen hatten sich auf den Mann geheftet, der allein durch sein Gangbild schon als höchst erregt zu beschreiben war. Nur einen flüchtigen Blick erhaschte er auf das angespannte Gesicht, auf die zusammengezogenen Augenbrauen, doch das genügte, damit sich Devon aufrichtete und er die Veränderung im Raume wahrnahm. Amentia schaltete sogar noch einen Gang schneller und war schon aufgesprungen, um Malleus in sein Arbeitszimmer zu folgen.
      Devon selbst war am Tisch zurückgeblieben. Denn ihm war aufgefallen, dass Malleus allein zurückgekehrt war.
      Tava suchte ihn kurze Zeit später auf und teilte ihm ihre Bedenken mit. Er hatte nicht mitbekommen, wie Malleus wohl in dessen Zimmer gewütet haben musste. Dafür hatte er aber genug gesehen und erschließen können. Dass dieser Ausbruch für den Mann befremdlich auf Tava wirkte, verstand der Lacerta zu einem gewissen Grad. Jedoch wusste er auch, dass gerade Menschen in gewissen Positionen leichter über Misserfolge oder Widersetzlichkeiten die Fassung verloren. Tava hatte nicht bemerkt, dass Malleus ohne Balian zurückgekehrt war und Devon war sich sicher, dass der Vorfall mit dem Jungen zutun haben musste. Vielleicht hatte die Kirche den Jungen unter Zwang bei sich behalten und nutzten ihn nun als Druckmittel. Einen eigenen Jünger so zu verlieren und dann auch noch ein Kind konnte das Schlimmste in einem Führer ans Licht bringen. Wut war etwas, das kurz und heftig brannte, aber lange schwelen konnte. Er war sich sicher, dass die Zeit in Malleus‘ Fall Wunder wirken würde und riet Tava dazu, ihre Füße still zu halten.
      Dass sich etwas auszudehnen schien, fiel Devon erst später auf. Wohin er auch ging, die Luft wirkte wie statisch aufgeladen und wo auch immer Malleus erschien, wurden die Köpfe noch tiefer gesenkt und das Flüstern erstarb noch schneller als sonst. Devon fühlte sich, als ob er etwas nicht mitbekommen hatte und in einer Blase aus Unwissenheit schwebte. Aber er war ein Jäger und die übten sich in Geduld.
      Also wartete Devon ab, bis sich das Thema von allein lösen würde.


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      Das hoch erwartete Fest der Stadt traf nicht wirklich auf Devons Geschmack. Dafür waren viel zu viele Leute außerhalb der Stadt versammelt, um der riesigen Figur, die man aus allerlei brennbarem Material errichtet hatte, ihre Anerkennung zu zollen. Die Stände aus der Innenstadt hatte man nach draußen vor die Mauern verlegt und der Geruch von würzigem Gebräu und deftigem Fleisch lag in der Luft. An Ruhe war nicht mehr zu denken, denn Trommeln und Gesänge brachten selbst die ganz Faulen dazu, ihre Beine zu schwingen oder wenigstens mit zu wippen. Die Hauptattraktion des Festes gipfelte erst, wenn die Dunkelheit ihren Einzug gehalten hatte, und somit konnte sich der Lacerta mit seiner gestellten Verkleidung halbwegs angemessen unter die Leute mischen. Doch im Gegensatz zu Tava, die deutlich von Malleus zu verstehen bekommen hatte, sich in der unmittelbaren Nähe der großen Figur aufzuhalten, respektierte man Devons Wunsch nach Abstand.
      Seinen Posten bezog der Lacerta am Rande der Feierwütigen. Dazu hatte er sich auf den Boden gesetzt, um mit seiner Größe nicht alle anderen zu überragen, und befand sich gerade noch im Einzugsbereich derjenigen, die der Verkündung auf dem Podest vor dem Feuermal beiwohnen wollten.
      Devon zog sich die Maske weiter ins Gesicht und kontrollierte die Kapuze ehe er sich ein bisschen weiter streckte, um Malleus, der gerade die Hände gebieterisch zur Seite ausstreckte, auf dem Podest sehen zu können. Diese eine Handlung genügte, damit die Feierlaune erstarb und einer gespannten Stille wich. Wohin der Lacerta auch blickte, überall sah er nur leuchtende, gebannte Augen, die sich nach jedem Wort des Kultistenführers verzehrten. Dass es sich hierbei nicht nur um seine Anhänger handelte, stand außer Frage. Und doch konnte er nicht verhindern, dass er bei diesem Anblick der Ehrfurcht eine gewisse Beklemmung verspürte. So viele Leute waren diesem einen Menschen gehörig. Malleus musste sie alle nur gezielt auf einen Ort ansetzen und er hätte gar eine kleine Armee an kampfeswilligen Menschen gehabt. Und das alles vermochte der Mann nur mittels Worten anzurichten, was Devon wieder bewies, dass diese Waffe genauso gefährlich wie Klingen und Gifte war.
      Als Malleus zu reden anfing, achtete Devon weniger auf seine genauen Worte. Er betrachtete lieber den Mann, der seine Maske von jeglichen Kratzern und Rissen befreit hatte. Nun stand er wieder selbstbewusst da vor all seinen Jüngern und säuselte ihren Seelen zu. Nicht ein Hauch von ungewollter Emotion fand der Jäger in der vollen Stimme, die über den ganzen Platz schallte. Als hätte es diesen Zwischenfall niemals gegeben. Also hatte sich Devons Voraussage als wahr erwiesen. Zeit war in diesem Falle wirklich das beste Mittel gewesen.
      „Bevor ich die Nacht an euch übergebe, erlaubt mir, euch etwas zu verkünden, das mir wahrlich schwer auf dem Herzen lastet.“
      Das dachte er jedenfalls bis jetzt. Jetzt wurde er hellhörig und achtete fortan nun doch auf jedes einzelne Wort. Er runzelte die Stirn bei all diesen verschrobenen und geschönten Worten. Das war der Grund, warum er solchen Predigten in der Regel nie zuhörte. Man verlor sich zu schnell in den Worten, die irgendwann kaum noch einen Sinn ergaben. Deswegen verstand Devon auch nicht ganz die Mitteilung, die Malleus seinen Jüngern überbrachte.
      Dafür schnellte der Blick des Jägers sofort zum Fuße des Podests, dort, wo zwei große und eine kleine Gestalt miteinander rangen. Genauso schnell gingen diverse Alarmglocken in Devons Kopf los. Zwei Männer zerrten das zappelnde Bündel, das sich mit Leibeskräften wehrte, hoch auf das Podest. Dahinter folgten Kinder, Mädchen um genau zu sein, die etwas in den Händen trugen. Devon reckte den Hals noch weiter und dann machten seine scharfen Augen das Glimmen aus. Rauch, der sanft von den Schalen aufstieg. Schüreisen, die aus den Schalen ragten. Die Mädchen trugen Kohlebecken und postierten sich nebst Malleus.
      „Doch ich kann und werde Verrat nicht dulden. Nicht unter meinem Dach.“
      Devons Augen weiteten sich noch bevor Malleus dem gekauerten Bündel die Kapuze vom Kopf riss. Plötzlich ergaben viele kleine Informationen ein gesammeltes Bild und eine dunkle Vorahnung überkam ihn. Malleus war allein zurückgekehrt. Das Bündel dort war von der Größe eines Kindes. Er sprach von Verrat. Er hatte in Malleus‘ Studierzimmer damals einen säuerlichen Geruch wahrgenommen, aber er hatte gedacht, das rührte noch von den Einbrechern. Aber er hätte wissen müssen, dass er durch das zerschlagene Fenster keine so alten Pheromone mehr hätte wahrnehmen können – außer, sie waren nicht alt gewesen.
      Devon ballte die Fäuste, als Malleus Balian enthüllte. Selbst von dieser Entfernung sah der Lacerta die pure Panik im Gesicht des Jungen. Sein gehetzter Blick glitt über die Menge, auch in Devons Richtung, und der Jäger versteifte sich. Das Gefühl, dem Blick des Jungen zu begegnen, bohrte sich tief in seine Eingeweide und ließ seine Fingerknöchel weiß hervortreten. Malleus‘ Hand legte sich auf den Kopf des Jungen und ein Ruck ging bereits durch Devon. Malleus würde ein Exempel statuieren. Auf Kosten dieses Kindes.
      Devon zog bereits die Beine unter sich, ohne darüber nachzudenken. Es war so still auf dem Platz, dass das Wimmern Balians bis an seine Ohren drang und er eine Grimasse schnitt. Schon immer war er ruchlos gewesen, tötete auch Menschen, wenn es sein musste. Ein Gewissen in diesem Sinne hatte er sich abtrainiert, aber Kinder… Kinder waren in seinen Augen etwas anderes. Kinder waren zu jung, um wirklich so verdorben zu sein wie es Erwachsene waren. Kinder waren das Ergebnis ihrer Eltern und Erziehung, von den Umständen in denen sie aufwuchsen. Jedes Kind konnte in seinen Augen wieder zu seinem Ursprung zurückkehren, solange man es ließ. Kinder waren die Art von Lebewesen, die es zu schützen galt, weil sie es selbst nicht konnten oder besser wussten. Devon würde dafür sorgen, dass Malleus, egal, was sie beiden bisher durchgemacht hatten, dafür bezahlte, wenn er ein Kind tötete vor den Augen einer bluthungrigen Schar.
      Deutlich sah Devon, wie Malleus zur Schale griff und einen der Schürhaken zog. Doch statt einer Spitze befand sich etwas anderes am Ende des glühenden Stahlstückes und er fühlte, wie ihm nun doch noch kalt wurde. Er hatte Recht damit, dass ein Exempel an Balian statuiert werden würde. Aber er lag falsch in der Annahme, dass Malleus ihn töten würde. Nein, soweit ging er nicht. Stattdessen zog er etwas anderes vor, was Devon von ihm niemals erwartet hätte.
      Als Malleus Balians Kopf in den Nacken riss, hielt es Devon nicht mehr auf seinem Platz. Er war zeitgleich aufgesprungen, eine gewaltige Gestalt, die die Menschen ringsherum überragte. Sein Fokus lag einzig und allein auf dem Podest, auf Malleus, der stumme Blick einzig mit der Bitte „Wag es nicht“. Die Leute um ihn herum erschraken und wichen vor ihm zurück, vor der Gestalt, die pure Vergeltung zu atmen schien.
      Bei Balians Schrei tat Devon bereits einen Schritt vorwärts. Er würde sich durch die Menge pflügen und das Podest stürmen. Er würde Malleus das Eisen aus der Hand reißen und ihm seine eigene Vergangenheit ein neues Mal auf die Haut pressen. Er würde jede Sekunde, die dieses Kind gerade Qualen erlitt, ihm dreifach zurückzahlen. Er würde –
      Vorne rechts bewegte sich etwas Blau-Silbernes und Devon wurde abgelenkt. Ein Kreuzritter, einer von wenigen die sich unter die Menge gemischt hatten, war auf ihn aufmerksam geworden und hatte sich ihm bereits zugewandt. Widerwillig und mit zusammengebissenen Zähnen ließ sich Devon wieder auf den Boden sinken, Balians Schreie zerrissen ihm förmlich das Trommelfell. Wut, Abscheu und Fassungslosigkeit bündelten sich in ihm und mischten sich zu einem verheerenden Cocktail.
      Dann schaffte man den Jungen vom Podest unter Devons stechendem Blick. Malleus kehrte in seine Rolle zurück und begann seine Verkündung fortzuführen, doch alles was Devon hörte, waren Lügen und leere Worte. Der Mann, der da auf dem Podest stand und sprach, hatte nichts mit demjenigen zu tun, den er vor Tagen zu sehen gelernt hatte. Das hier war nicht der Mann, der unter seiner Vergangenheit litt und aus den Fehlern anderer gelernt hatte. Dieser Mann führte diese Fehler gnadenlos weiter und sorgte dafür, dass Devon den Mann unter der Maske nur noch als Lüge einstufte.
      Das Ganze bekam die Krone aufgesetzt, als Malleus Tava zu sich winkte und sie praktisch aus seinem Schatten trat. Er überreichte ihr die Fackel – gab praktisch seine Lehre an sie weiter und Tava nahm sie mit verhaltenem Blick entgegen. Da begann Devon langsam und fassungslos den Kopf zu schütteln. Sie hatte dabei gestanden. Sie war in direkter Nähe gewesen und doch hatte sie nichts unternommen. Sie hatte dabei zugesehen, wie sich die Lüge entwickelte und am Ende ein wehrloses Kind besudelte. Soweit hatte Malleus die Cervidia schon manipuliert bekommen. So leicht war sie zu beeinflussen gewesen. Aber nicht er. Nicht Devon. Er hatte recht daran getan, dem Mann stetig mit Misstrauen zu begegnen. Keinem Wort wirklich zu glauben.
      Er hatte Recht behalten.
      Dann wurde die Figur in Brand gesteckt und die Flammenzungen labten sich an der Figur. Verspeisten sie von den Füßen an und würden nichts außer Asche zurücklassen. Vor dem Inferno stand Tava, den Rücken zur Menge gedreht, ihr Haar bildete eine Einheit mit den wilden Flammen. Doch Malleus hatte andere Pläne. Nachdem er die Feierlichkeiten wieder in Gang gesetzt hatte, wandte er sich ab und verschwand von der Bühne in die Menge der Leute.
      Allerdings nicht, ohne die wachsamen Augen eines Jägers auf sich zu haben.



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      Vor dem Heiligtum der Signa hielt Devon das erste Mal an.
      Er war nach dem Verschwinden Malleus‘ ihm gefolgt bis klar war, dass sich der Mann in das Heiligtum der Signa Ignius zurückgezogen hatte. Erst danach hatte er sich abgewandt und war zurück zum Haupthaus gegangen, um sich vorzubereiten.
      Jetzt stand er ausgerüstet mit Beutel und der Malachitklinge an seiner Hüfte vor dem Eingang. Zwei Jünger des Kultes bemerkten die große Gestalt schon von Weitem, die ohne Umschweife auf den Eingang zuhielt. Vor ihnen stoppte Devon, der noch immer seine Verkleidung trug, und hob die Hand ganz langsam an. Er zog sich die Maske vom Gesicht und gewährte den beiden Jüngern einen ungeschönten Blick auf sein Gesicht und die geschlitzten, roten Augen. Sofort wichen die beiden Jünger zurück und Devon begrüßte diese Angst seit Langem wieder, während er sich in wieder in Bewegung setzte und das Heiligtum betrat.
      Vor ihm lag eine absolut stille, geschlossene Halle. Der Weg war mit einem Teppich ausgelegt, der auf das Zentrum hin ausgerollt worden war. Feuerschalen säumten den Weg und tauchten die Halle in ein dämmriges Licht. Die Decke war hoch ausgelegt worden und hatte ein Kuppeldach, damit der Regen dort ablief. Das Mauerwerk bestand nicht aus dem üblichen Sandstein, sondern reflektierte das Licht des Feuers beinahe so, als sei der Stein mit Glas überzogen worden. Gegen Ende der Halle befand sich der Altar. Errichtet aus schwarzem Stein, den Devon nicht kannte, lag ein Objekt aufgebahrt darauf und bildete das Herzstück. Um den Altar war ein halbrunder Graben geschlagen und mit Kohlen gefüllt worden, die das rauchige Aroma und die Schwaden erklärten, die den Raum füllten.
      Vor Devon, etwa auf halbem Weg vom Eingang bis zum Altar, lag eine Kutte achtlos beiseite geworfen. Der Lacerta machte sich nicht einmal die Mühe, über die Kutte zu steigen, sondern trat genauso achtlos auf den Stoff, der nicht einmal raschelte, und ging weiter. Sein Fokus lag auf der Gestalt, die vor dem Altar kniete, die Hände flach auf den Boden gelegt und das Haupt gesenkt. Aber alles, was dort in Devons Augen kniete, war ein Heuchler und nichts anderes.
      Devons Gang war langsam und pirschend, ganz der Jäger, der er war. Aber selbst die unaufmerksamste Beute würde ihn fühlen können, denn seine gesamte Aura strahlte Zorn und Ablehnung aus. Das musste es gewesen sein, weshalb Malleus seinen Kopf schon anhob ehe der Jäger auch nur ein einziges Wort verloren hatte. Bevor der Lacerta dem Blick des Menschen begegnete, überflogen seine Augen das Objekt, das auf dem Altar aufgebahrt worden war. Eine Kralle, eine verhältnismäßig kleine und darüber hinaus extrem massiv und von erdiger Farbe.
      „Du hast ein Kind für den Rest seines Lebens entstellt.“ Devons Stimme war so viel tiefer als sonst, so viel rauer. Geplagt von dem unterdrückten Zorn und der Enttäuschung, die er Malleus nun noch entgegenbrachte. Sie hallte in der absoluten Stille von den Wänden wider und verlieh ihr einen unheimlichen Klang.
      Da neigte Malleus den Kopf und sah über seine Schulter hin zu Devon, der nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. Der Lacerte nahm ausladende Schritte, nahm sich einfach den Raum, wie es seine Größe zuließ und hielt es kurz vor dem Menschen an. Die Art, wie Malleus ihm nicht einmal seine Front zudrehte, zeugte schon von genug Ablehnung. In Malleus‘ Augen war Devon nicht WÜRDIG, um mehr als diesen Schulterblick zu bekommen.
      Devons äußere Augenwinkel begannen zu zucken. „Fast hättest du mich soweit gehabt, dass ich deinen Worten glaubte. Deine Vorstellung am Feuer im Wald war sehr eindrucksvoll gewesen. Das habe ich dir sogar abgekauft. Hat mein Misstrauen gemildert. Und wofür?“
      Malleus‘ Blick war außergewöhnlich teilnahmslos. Das befeuerte den Zorn in Devon nur noch mehr, der geistesabwesend die Hand auf den Griff seines Schwertes legte. „Damit du vor deinen Fanatikern den großen Anführer mimst, der ein fehlgeleitetes, wehrloses Kind vorführt und ihm genau das antut, was er selbst ertragen musste.“
      Jedes Wort, dass Devons Lippen verließ, war wie Gift, das seine Zuhörer vergifteten. Ein langsames, tödliches Gift, das sich mit jedem Herzschlag im Organismus ausbreitete. Seine Erscheinung wirkte angespannt, so als riss er sich selbst noch am Riemen. Es half nicht, dass Teile von Malleus‘ Schmuck wahllos verstreut auf dem Boden lagen. Oder dass der sonst so Wort gewandte Mensch nicht direkt die Sprache fand.
      „Du hast dich im Spiegelbild nicht erkannt, selbst als du ihm ins Auge geblickt hast“, grollte Devon, die Beherrschung zum zerreißen gespannt. „Erst sorgst du dafür, dass wir drei zusammenbleiben. Erzählst uns von dir. Dann ignorierst du uns und nimmst wieder deine Rolle. Wer zur Hölle willst du eigentlich sein?“
      Da bewegte sich Malleus‘ Mund zum ersten Mal und Worte drangen hervor. „Devon, ich –„
      GENUG DAVON!“, unterbrach Devon Malleus mit einem für ihn völlig ungewohnten Ausbruch. „Du bist genauso falsch wie diese Kralle!“
      Völlig aus dem Nichts schnellte Devons Hand nach vorn. Er packte Malleus am Kragen und riss ihn einhändig vom Boden hoch. Mit ungeahnter Kraft warf er den Menschen zur Seite. Malleus flog ein beträchtliches Stück durch die Luft, ehe er krachend unter einer Feuerschale aufschlug und das Gefäß gefährlich zitterte. Schwarze Asche rieselte von oben herab und legte sich auf das schwarze Haar des Kultistenführers. Das alles geschah in einer aberwitzigen Geschwindigkeit, die kaum jemanden Zeit zum Reagieren gelassen hätte.
      Devon stand noch immer in der Pose dar, wie er Malleus geworfen hatte. Sein Beutel baumelte ihm über die Schulter, sein Atem ging schwer. Die Nasenflügel blähten sich und die Augen glommen beinahe so lebhaft wie die Kohlen, die die Mädchen in ihren Becken getragen hatten. „Ich werde mir kein weiteres deiner verseuchten Worte anhören. Eigentlich hätte ich dir die Besinnung einprügeln müssen, aber so dreckig will ich mir meine Fäuste nicht machen.“
      Er richtete sich auf und korrigierte den Sitz seines Beutels. Dann wandte er sich einfach von Malleus ab. „Selbst Tava ist dir auf den Leim gegangen.“
      Sonst wäre sie nicht zu Devon gekommen und hätte ihm ihre Bedenken geklagt. Sonst hätte sie nicht alles getan, um Malleus‘ Gunst wieder zu bekommen. Sonst wäre sie nicht auf dem Fest auf ihn angesprungen. Wie sonst hätte sie da auf dem Podest stehen und beiwohnen können, wie einem Kind ausgerechnet von Malleus dies angetan worden ist?
      Devon gab ein abfälliges Zischen von sich und strebte den Rückzug aus dem Heiligtum an. Der Teppich schluckte viel von seinen energischen Schritten, aber nichts von seiner Sprache, als er in der Sprache der Lacerta einen letzten Satz – einen Fluch – an Malleus aussprach.
      „ጠöኗቿክ ዕጎርዘ ዕጎቿ ቿሠጎኗቿክ ጋäኗቿዪ ዪጎርዘፕቿክ.“
      Damit verschwand Devon aus dem Heiligtum, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen. Er verschwand aus dem Sichtfeld all jener, die in Oratis wohnten. Weg von all dem hier, weshalb er schon immer gewusst hatte, warum alleine reisen besser war.
      Bei Tagesanbruch würde Oratis Devon schon längst vergessen haben.
    • Tava war noch eine ganze Weile lang von dem Brand vereinnahmt, auch wenn ihre Gedanken um andere Dinge schwirrten. Sie sah zu, wie das Feuer bis an die Spitze loderte und noch weit darüber hinaus, wie die ganze Form der Statue nach und nach von den umförmigen Feuerzungen verschlungen wurde. Sie sah zu, wie der Kopf der Statue bald nur noch ein riesiger Feuerball war, der alleine schon dafür gesorgt hätte, den ganzen Platz zu verschlingen. Das Feuer, das sie sah, spiegelte dabei sehr gut das Feuer in ihrem Inneren wieder, das sie spürte.
      Aber sie war eben nicht bei der Sache und als sie letztendlich doch den Blick das erste Mal abwandte, um ihn über die Menge schweifen zu lassen, bemerkte sie, dass ihr auch etwas anderes fehlte. Das Feuer hatte ihren Feuerdurst zwar nicht gesättigt - das würde es wohl nie, solange es nicht von Adrastus persönlich käme - aber es hatte zumindest ihren ersten Drang befriedigt. Jetzt konnte sie sich in seinem flackernden Schein den anderen Dingen widmen.
      Die Menge an Feiernden hatte sich unlängst von den Flammen abgewandt und beschäftigte sich wieder laut redend und lachend mit sich selbst. Von Malleus war keine Spur zu sehen, das erkannte sie auf einen Blick, so, wie die Menge sich nicht mehr um einen Punkt zentralisierte. Tava bahnte sich also ihren Weg durch die Strömung hindurch, bis sie den Platz erreicht hatte, an dem sie Devon zurückgelassen hatte, der sich mit seiner Größe hingesetzt hatte. Aber auch von dem Lacerta war nichts mehr übrig und ein schneller Blick genügte ebenfalls, um seine Anwesenheit auf dem Platz auszuschließen. Er musste sie vorzeitig verlassen haben. Eine Frage an die nächstbeste Frau ergab, dass niemand einen auffällig großen, dünnen Mann mit Schleier um den Kopf gesehen hatte.
      "Und was ist mit Malleus?"
      Die Frau und mehrere andere Umstehende stierten Tava an, als hätte sie soeben ihre Mutter, ihren Vater und ihre ganze Blutlinie auf einmal beleidigt. Reflexartig ließ Tava den Kopf nach vorne fallen, bevor ihr Gehirn aufholen konnte.
      "Ich meine - die Feuergeißel. Wo ist sie?"
      Die Blicke waren noch immer mehr als feindselig, aber zumindest ließ die Frau sich zu einer Antwort hinab.
      "Er hat sich zurückgezogen."
      "Aha. Und wohin?"
      "An einem Tag wie diesem gibt es nur einen Ort, an dem die Feuergeißel sich aufhalten könnte. Aber dort darf er nicht gestört werden."
      Dieses ganze Gespräch war ziemlich anstrengend, aber zumindest konnte Tava im Hintergrund noch immer die brennende Statue sehen und hatte daher nicht das größte Bedürfnis, im Gegenzug ein bisschen von dem teuren Stoff um sie herum in Flammen zu setzen. Stattdessen konnte sie sich zusammenreißen und der Frau herausquetschen, dass Malleus vermutlich im Heiligtum war. Wo auch immer das sein sollte.
      Damit machte Tava sich auf den Weg, die Erinnerung an Malleus' Gesicht vor ihren Augen, die Schreie des Jungen in ihren Ohren. Sie konnte nicht ganz fassen, was geschehen war, aber auch nur, weil Malleus es getan hatte. War Malleus nicht so sehr dagegen, dass anderen Leuten angetan wurde, was ihm widerfahren war? Und trotzdem hatte er diese ganze Zeremonie so geplant? Das schien einfach nicht zusammenzupassen, egal wie lange Tava auch darüber nachdachte, und deswegen musste sie ihn auch suchen gehen. Mit Malleus stimmte etwas nicht und sie wollte herausfinden, was.
      Das Heiligtum wurde von zwei Kultisten bewacht, die sie vehement davon abhielten, den geweihten Boden zu betreten. Tava überlegte, ob sie die beiden mit ein bisschen Schwarzpulver von ihren Posten jagen sollte, aber das würde Malleus nicht gefallen und nach diesem Abend wollte sie die vorherrschende Spannung nicht noch mehr aufladen. Es gelang ihr daher, die beiden zu überreden, indem sie ihnen groß und breit erzählte, dass sie von Amentia kam und Malleus unbedingt eine Nachricht zukommen lassen musste, die nicht warten durfte, bis das Fest vorüber war. Schließlich wurde sie durchgelassen.

      Das Heiligtum sah erstaunlich unspektakulär aus. Viel zu wenig Feuerschalen gaben viel zu wenig Licht ab und viel zu viel Stein lud dazu ein, Flammen vorzeitig ermüden zu lassen. Ganz persönlich hatten Tava da die Archive mehr gefallen, aber sie konnte zumindest den ästhetischen Anreiz verstehen. Wenn man so in dieser riesigen Halle stand, kam es einem so vor, als wäre sie für etwas großes und mächtiges erbaut worden - nicht aber für einen selbst. Tavas Anwesenheit war in diesem Raum gänzlich unbedeutend.
      Ganz vorne stand ein Altar, der merkwürdig verlassen wirkte, so einsam, wie er dort stand. Tava beschleunigte ihre Schritte etwas, bis sie Malleus endlich entdeckte, zusammengesunken auf der Seite unter einer Feuerschale. Tavas Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihn dort so sitzen sah.
      Malleus rührte sich nicht, als sie in seine Reichweite trat. Er kauerte auf dem Boden, den Arm um seinen Oberkörper geschlungen, sein Blick abwesend. Als würde er zwar körperlich hier sein, aber nicht geistig.
      "Hey."
      Besorgt musterte sie ihn. Seine jetzige Gestalt war kaum mit dem aufragenden Kultisten zu vergleichen, den er vor wenigen Minuten noch abgegeben hatte. Jetzt sah er viel eher wieder wie der Mann aus, der ihnen am Lagerfeuer berichtet hatte, wie er zu seinen Narben gekommen war. Auf perfide Weise sah er wieder mehr wie Malleus selbst aus.
      Tava wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Mit diesem Anblick hatte sie nicht gerechnet, genauso wenig, wie sie mit der Zeremonie gerechnet hatte. Ihre Gedanken sponnen sich in viele verschiedene Richtungen und sie wusste nicht, welcher sie sich zuerst widmen sollte.
      "Bist du in Ordnung?"
      Er sah ihr auch jetzt nicht ins Gesicht. Sein Blick glitt an ihr vorbei, als könne er sie mit reinem Willen zum Verschwinden bringen. Oder vielleicht auch sich selbst.
      Tava ging einen vorsichtigen Schritt näher, bevor sie sich daran erinnerte, besser nicht zu nahe zu treten. Langsam ließ sie sich vor ihm auf dem Boden nieder, den Kopf auf die Seite gekippt.
      "Malleus?"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren () aus folgendem Grund: Angepasst ab "Ganz vorne stand ein Altar"

    • Er fühlte ihn, bevor er ihn hörte. Devons Zorn übertönte die andächtige Stille des Heiligtums wie ein Donnergrollen. Erst leise und schleichend, dann mit der Wucht eines Paukenschlages. Malleus hob das Kinn von seiner Brust, richtete den Blick auf die heilige Reliquie und ließ die erste Welle der Verachtung über sich hinwegspülen.
      „Du hast ein Kind für den Rest seines Lebens entstellt.“
      Mit dem anhaltenden Schweigen gab sich der Lacerta jedoch nicht zufrieden. Die schiere Präsenz des Jägers überlagerte die gesamte Atmosphäre dieser heiligen Hallen und Malleus spürte eine unmissverständliche Bewegung in seinem Rücken. Devon trat noch näher an ihn heran bis sich sein Schatten beinahe bedrohlich über Malleus warf. Er konnte den bohrenden Blick nicht länger ignorieren, der in seinem Nacken brannte. Langsam, als wäre er darauf bedacht keine ruckartigen Bewegungen in Gegenwart einer lauernden Gefahr zu riskieren, drehte Malleus den Kopf zur Seite. Es war gerade genug um einen flüchtigen Blick in das versteinerte Gesicht des Lacerta zu werfen. Enttäuschung und Wut schlugen ihm entgegen, lösten sich von Devon in Wellen und prallten erbarmungslos gegen Malleus stoische Maske.
      „Fast hättest du mich soweit gehabt, dass ich deinen Worten glaubte. Deine Vorstellung am Feuer im Wald war sehr eindrucksvoll gewesen. Das habe ich dir sogar abgekauft. Hat mein Misstrauen gemildert. Und wofür?“
      Der Mann am Boden senkte den Blick wieder in Richtung des Bodens und zwang seine gesamte Mimik zur Regungslosigkeit.
      „Damit du vor deinen Fanatikern den großen Anführer mimst, der ein fehlgeleitetes, wehrloses Kind vorführt und ihm genau das antut, was er selbst ertragen musste", fuhr Devon fort.
      Teilnahmslos neigte Malleus das Haupt bis das schwarze Haar genug nach vorn fiel um seinen schutzlosen Nacken zu entblößen. Ein säuerlicher Geschmack flutete seinen Mund und schien ihm langsam die Kehle zu verätzen. Doch die Hand, die sich geistesabwesend auf das Heft der Malachitklinge legte, löste keinerlei Furcht auf. Nein, eine tiefgreifende Ruhe hatte Malleus erfasst. Devon hatte sein Urteil gefällt, noch bevor er das Heiligtum betrat. Mit unerwartet Klarheit begriff Malleus, das nichts, rein gar nichts, das er sagen konnte, etwas daran ändern würde. Seine Worte versagten ihm den Dienst. Der Schaden war angerichtet und dieses Mal, zu seinem tiefen und erschütternden Bedauern, irreparabel.
      „Du hast dich im Spiegelbild nicht erkannt, selbst als du ihm ins Auge geblickt hast. Erst sorgst du dafür, dass wir drei zusammenbleiben. Erzählst uns von dir. Dann ignorierst du uns und nimmst wieder deine Rolle. Wer zur Hölle willst du eigentlich sein?“
      Devon spie pures Gift in seiner Richtung und für einen Mann, der kein Freund geschickter Wortverdreherei war, traf ihn jedes Einzelne davon mit außerordentlicher Präzision. Ein kaum merkliches Zucken ging durch Malleus. Worte waren eine gefährliche Waffe. Einmal ausgesprochen, konnten sie nicht zurückgenommen werden und nun erfuhr Malleus am eigenen Leib, wie schmerzlich ein Tiefschlag mit dieser unblutigen Waffe sein konnte. Der Epsisimos hatte Recht. Er wurde nachlässig. Er hatte sich verwundbar gemacht und mit all seiner hochtrabenden Arroganz tatsächlich angenommen, dass er trotzdem unantastbar blieb.
      "Devon, ich..."
      Die Worte entkamen ihm bevor sein Verstand überhaupt folgen konnte. Den Fehler erkannte er viel, viel zu spät.
      "GENUG DAVON! Du bist genauso falsch wie diese Kralle!"
      Dieses Mal zuckte Malleus mit seinem ganze Körper zusammen. Danach ging alles ganz schnell. Mit einem kräftigen Griff packte Devon ihn am Kragen und schleuderte ihn wie eine Strohpuppe zur Seite. Ächzend schlug Malleus auf dem polierten Steinboden auf. Ein Krachen ertönte in seinem Brustkorb, drückte ihm die Luft aus den Lungen und klingelte in seinen Ohren. Über ihm ertönte das protestierende Kreischen von Metall, als die Feuerschale in ihrer Halterung gefährlich schwankte. Malleus zwang einen Arm unter seinen Torso und drückte sich mühevoll auf dem Ellenbogen nach oben. Sein atemloses Keuchen mischte sich mit den lauten, wutentbrannten Atemzügen des Lacerta, der ihn erbarmungslos niederstarrte.
      „Ich werde mir kein weiteres deiner verseuchten Worte anhören. Eigentlich hätte ich dir die Besinnung einprügeln müssen, aber so dreckig will ich mir meine Fäuste nicht machen.“ Malleus hielt dem Blick keine Sekunde länger stand. Er ließ das Kinn zurück gegen seine Brust fallen. „Selbst Tava ist dir auf den Leim gegangen.“
      Malleus nahm einen zittrigen, pfeifenden Atemzug. Die Antwort war ein abfälliges Zischen und in der nächsten Sekunde war er mehr als erleichtert, dass er die Sprache der Lacerta nicht verstand. Er wusste nicht, ob er einen weiteren Hieb mit seiner eigenen Waffe ertragen hätte. Devon verschwand aus dem Heiligtum und in die Nacht ohne ihn eines letzten Blickes zu würdigen. Und vielleicht war das letztendlich noch schwerer zu ertragen.

      ________________________________________________________


      Malleus' gesamter Körper stand unter Spannung, als sich erneut Schritte näherten. Für den Bruchteil einer Sekunde beschlich ihn der irrwitzige Gedanke, dass Devon es sich anders überlegt hatte und nun doch Gebrauch von seiner Malachitklinge machen würde. Doch die Schrittlänge war zu kurz für den Lacerta und das Gewicht der Auftritte viel zu leicht für einen Mann seiner Größe.
      "Hey." Tava. "Bist du in Ordnung?"
      Ein Teil von Malleus wollte die Cervidia mit aller Macht augenblicklich aus dem Heiligtum werfen. Niemand sollte ihn so sehen. Die bösen Worte, die Tava zweifellos in die Flucht schlagen würden, lagen ihm bereits auf der Zunge. Gift und Galle wollte er spucken, damit sie aufhörte in diesem besorgten und mitfühlenden Ton mit ihm zu sprechen. Das Letzte, das er verdiente, war ihr Mitgefühl. Ein anderer und verkümmerter Teil verspürte eine tiefgreifende Erleichterung ihre Stimme zu hören ohne dabei dieselbe Verachtung zu erfahren, die Devon ihm entgegen gebracht hatte. Dieser Teil gierte förmlich danach und das irritierte Malleus umso mehr. Er brauchte das nicht.
      "Malleus?", versuchte es Tava erneut.
      Endlich kehrte etwas Gefühl in seine steifen Glieder zurück, die noch mit den Nachwehen des Aufschlages kämpften. Er musste eine ganze Zeit lang unbewegt auf dem kalten Steinboden ausgeharrt haben. Malleus hob den Kopf um Tava im schwummrigen Licht des Heiligtums auszumachen und ein Muskel in seinem Kiefer zuckte überrascht, als er sie bereits in der Hocke direkt vor sich fand. Tava hatte den Kopf leicht zur Seite gekippt und musterte ihn mit einem Ausdruck, der Malleus befremdlich vorkam. Seine Antwort war ein kurzangebundenes, schwerfällig Schnauben als er sich ungelenk in eine sitzende Position hievte. Asche rieselte aus seinen Haare und nun spürte er auch die Hitze der Feuerschale über seinem Scheitel. Wie Devon reichte auch Tava das eiserne Schweigen nicht, denn sie rührte sich nicht vom Fleck. Malleus' Kiefermuskeln arbeiteten unablässig, während er den Arm schützend um seine Seite geschlungen hielt.
      "Es geht mir...", setzte er ungehalten und ungewöhnlich gereizt an, aber er brach mitten im Satz ab. Fassungslos schüttelte Malleus den Kopf, als könnte er selbst nicht glauben, was er als Nächstes von sich gab. "Nein, ist es nicht."
      Abwartend sah Tava ihn weiterhin einfach nur an und schien darauf zu warten, dass er seine Antwort weiter ausführte. Es war zermürbend. Tavas Blick, das Pochen in seinem Schädel, der viel zu schnelle Schlag seines Herzens und der eisige, tonnenschwere Stein in seiner Magengrube. Wie sollte er ihr etwas begreiflich machen, dass er selbst nicht verstand?
      Anstatt den Versuch zu unternehmen, endlich vom Boden aufzustehen, krümmte sich Malleus leicht nach vorn um den Druck von seiner Seite zu nehmen. Vielleicht, wenn er noch ein wenig wartete, würde es besser werden. Er würde allein nicht aufstehen können, aber noch immer brachte er es nicht über die Lippen um Hilfe zu bitten. Ein Teil von ihm wollte Tava davon jagen, bevor sie dieselben hässlichen Worte wie Devon in seine Richtung schleuderte. Der andere Teile wollte nach der Frau greifen, die sich offensichtlich genug um ihn scherte um ihn mit diesen großen, beunruhigten Augen anzusehen.
      "...aber das wird es wieder", raunte Malleus und da sah er Tava das erste Mal wieder direkt in die Augen.
      Er seufzte leise, resigniert. "Warum bist du hier, Tava?" - bei mir.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

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