Tava musste sich das nicht zweimal sagen lassen. Nach der langen Reise und den Aufregungen dieses viel zu langen Tages, brannte sie regelrecht darauf, einen Abend in geordneter Zivilisation zu verbringen. Sie hatte zwar nichts gegen die Reisen durch unbefleckte Wildnis und wucherndes Gestrüpp einzuwenden, aber selbst Tava konnte irgendwann der harte Boden, das ungezähmte Wetter und der immergleiche Proviant auf die Nerven gehen. Sie sehnte sich jetzt nach einer ordentlichen, warmen Mahlzeit und dazu auch noch ein Met, um alles runterzuspülen. Vielleicht dann auch gleich mehr, wenn sie schonmal hier war.
Malleus hatte sich sichtlich auch wieder entspannt und betrachtete Tava nicht mehr mit dem angespannten, durchdringenden Blick, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Dennoch händigte er ihren Ring nicht aus und das konnte sie wohl akzeptieren. Für einen Abend konnte sie es ja wohl noch schaffen, nichts anzufackeln.
Sie gingen direkt auf den Trubel und die dicken Menschenmassen zu, weil dort auch die Chance am größten war, etwas gutes zu essen zu bekommen. Diverse Rassen tummelten sich dort überall, laute Musik schallte aus allen Gassen hinaus und überall blitzte das Feuerrot von Adrastus auf, ein ganzer Andrang, allein zu seinen Ehren. Tava ließ sich das Spektakel gefallen und wippte dabei leicht mit dem Kopf. Damit war sie unter den dreien die einzige, denn die beiden Männer schienen nicht viel davon zu halten, ihrem Genuss Ausdruck zu verleihen. Nagut, dann eben nicht.
Sie setzten sich an ein offenes Gasthaus, das sie unter freiem Himmel bediente, und schlemmten, soweit es ihre Geldbörsen zuließen. Zur Feier des tagelangen Festes schenkten die Wirtshäuser sogenanntes Drachenbräu aus, das hoch alkoholisch war und über dessen Namen sich Tava lustig machte, bis sie einen Schluck davon probierte. Das Gemisch brannte so stark wie Feuer in der Kehle, als würden ihr gleich die Flammen herausschließen. Da hustete sie und reichte das Getränk gleich an Devon weiter, der es wiederum an Malleus delegierte. Zumindest musste der Mann auch davon husten, was Tavas Leid gleich etwas milderte. Kaum, als sie es dann geleert hatte, bestellte sie gleich ein neues.
So wie sich herausstellte, hatten alle drei dieselbe Vorstellung von feiern, zumindest insofern, wie es für sie aussehen sollte. Denn als sie nach ihrem Essen weiter durch die Straßen schlenderten und sich bei dem nächsten Gasthaus niederzulassen entschieden, blieben sie alle drei einfach sitzen. Devon saß gebeugt auf seinem augenscheinlich viel zu kleinen Platz und fixierte mit seinen Schlitzaugen immer mal wieder Passanten, die ihnen allen drei zu nahe kamen. Er schien sich damit zufrieden zu geben, an seinem Platz zu sitzen, Wasser zu trinken und einfach nur zu starren. Tava überraschte das schon gar nicht mehr, sie hatte nicht ernsthaft erwartet, dass er aufstehen und tanzen könnte. Devon und tanzen? Das war eine absolute Unmöglichkeit.
Malleus schien es aber auch zu bevorzugen, an seinem Platz zu bleiben, wo er nicht von Leuten angerempelt werden konnte und wo er aus sicherer Entfernung das Schauspiel beobachten konnte. Er trank zwar nicht nur Wasser, aber er trank alles in Maßen. Er schien es vermeiden zu wollen, seine Sinne allzu sehr zu betäuben und auch das war nichts überraschendes. Tava konnte durchaus von sich behaupten, die beiden Männer mittlerweile einigermaßen zu kennen.
Und Tava selbst...
Tava erblickte in einer tanzenden Menge eine Cervidia und zeigte begeistert auf sie.
"Ohh seht mal!"
Dann sah sie ihr mit großen, wunderlichen Augen zu.
Die Cervidia trug ein schillerndes rotes Hemd und eine Hose, die knapp unter den Knien aufhörte und sowas wie kleine Schwingen hatte, die nach außen ragten. So wie Tava waren auch ihre Hörner - die allerdings etwas kleiner als Tavas waren und sehr rundlich wirkten - mit dem modernsten Hornschmuck ausgestattet, der ebenso klingelte und raschelte, wann immer sie den Kopf zu sehr bewegte. Und das tat sie wirklich häufig, was im ersten Augenblick etwas merkwürdig mit anzusehen war. Doch wenn man sich genau auf die Musik konzentrierte und auf die drehende und wirbelnde Cervidia, die dabei ihren Kopf in ganz eigenen Bewegungen tanzen ließ, konnte man hören, wie der Rhythmus ihres Schmucks sich mit der Musik vermischte. Die beiden schienen miteinander zu verschmelzen, bis die Bewegungen der Cervidia nicht mehr so merkwürdig wirkten, sondern jetzt ganz fließend und geschmeidig waren. Die Cervidia vollführte ihren Horntanz, so wie ganz viele andere Cervidia, die auch am Tanzen waren.
Tava bevorzugte es, auf ihrem Platz sitzen zu bleiben, weil sie nicht tanzen konnte. So konnte sie aber all die Cervidia betrachten, die mit ihren ausgefallenen Bewegungen ganz die Kultur des Bergvolkes aufleben ließen.
Die nächsten Stunden wechselten sie noch ein paar Mal den Ort und die Straße, aber nicht ihre Angewohnheiten. Tava trank fast nur Drachenbräu, bis ihr davon schwummrig wurde. Malleus schien bald auch die ersten Wirkungen des Alkohols zu bemerken, vertuschte sie aber. Devon war es immernoch nicht leid, Leute finster anzustarren.
Sie saßen jetzt am Rande eines Platzes, der von Lichtern erhellt war und damit die perfekte Tanzbühne bot. Überall tummelten sich die Leute um sie herum und lachten, tranken und schwatzten. Tava beobachtete wie immer die wogende Menge, als ihr aber etwas anderes auffiel. Verdutzt sah sie zu der Stelle zurück, über die ihr Blick gerade gehuscht war.
Auf dem anderen Ende des Platzes war ein Cervidia aufgetaucht, ein großer, schlanker Mann mit einem geschwungenen, kreisförmigen Paar Hörnern. Der Mann hatte ganz gezielt einen durchdringenden Blick auf Tava gerichtet, ohne zu blinzeln; einen unmissverständlichen Blick. Er hatte den Kopf stark schief gelegt, aber auch ein wenig nach vorne geneigt. Er rührte sich nicht. Er präsentierte ihr seine Hörner, aber mit dem schief gelegten Kopf war es keine Provokation, sondern etwas gänzlich anderes.
Tavas Blick war erst nur flüchtig über ihn gehuscht, aber jetzt starrte sie ihn direkt an. Seine Haltung hatte ihre Aufmerksamkeit erregt und die ließ sich nun nicht mehr abdämpfen. Tava war es nicht gewöhnt, dass man auf Cervidia-Art mit ihr flirtete, und nicht etwa mit stumpfen Worten und lockendem Lächeln. Sie war bereits von Menschen angeflirtet worden, sicher, irgendwann war wohl jeder verzweifelt genug, um über ihre Hörner hinweg zu sehen, aber das hier war etwas anderes. Das hier war… intimer, persönlicher. Das sprach einen Teil in ihr an, den sie niemals wirklich viel Aufmerksamkeit schenkte, nachdem sie mehr oder weniger unter Menschen aufgewachsen war. Das hier war… vielversprechender.
Tava neigte den Kopf in dieselbe Richtung, ganz leicht nur, langsam, versuchsweise. Der andere reagierte einen Moment nicht, dann legte er den Kopf auf die andere Seite, zeigte ihr wieder seine Hörner. Tava tat es ihm mit weniger Intensität nach. In ihrem Bauch kribbelte es leicht nervös.
Da kam er langsam auf sie zu geschlendert, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, den Kopf noch immer geneigt, und Tava konnte seine Hörner deutlicher und deutlicher betrachten. Es waren schöne Hörner, ohne Frage, würde der Hornwuchs nicht alles zerstören. Seine Hörner waren nach unten geschwungen und wenngleich sie einen Kringel formten, hatte es doch eine beträchtlich lange Zeit in seinem Leben gegeben, in dem seine eigenen Hörner auf seinen Kopf gezeigt hatten. Das waren schlechte Gene und - in manchen cervidischen Kulturen - auch ein schlechtes Omen.
Aber abgesehen davon schienen seine Hörner stark und waren ordentlich gepflegt. Keine Risse in den Knochen, keine Spitze abgebrochen. Würde Tava von einem der kämpferischeren Cervidia-Stämme kommen, würde sie auf sowas sicher Wert legen, aber Tava pflegte ihre Hörner und so erwartete sie das auch von einem anderen. Zumindest in dieser Hinsicht schien er tadellos.
Er kam näher und blieb dann unmittelbar bei ihrem Platz stehen. Die beiden Männer bei ihr ignorierte er, schließlich waren sie nicht von seinem Volk. Sein Blick sprang jetzt selbst zu Tavas Hörnern hinauf und unweigerlich fragte sie sich, was ihm wohl durch den Kopf gehen mochte; ob ihm der kleine Schwung ihrer Hörner nach unten auffiel? Ob er Wert darauf legte, dass ihre Knochenstruktur nicht glatt, sondern geriffelt war? Ob ihm auffiel, dass ihre Spitzen abgestumpft waren, mangels regelmäßiger Benutzung?
Der Mann betrachtete ihre Hörner, dann senkte er den Kopf in ihre Richtung, Hörner zuerst, den Kopf noch immer schief gelegt. Er gewährte Tava einen vollen Blick auf seine Hörner, die aber nichts dazu sagte. Wortlos schaute sie nur.
“Schön, nicht wahr?”, schnurrte er da, seine Stimme gesenkt. Sie hatte etwas verlockendes, verbindliches. In Tavas Antwort würde unweigerlich eine eindeutige Aussage mitschwingen.
Nur verlor er sie damit; Tava würde ihm doch nicht in aller Öffentlichkeit erzählen, wie schön sie seine Hörner fand. So verzweifelt war sie dann auch wieder nicht.
Sie ließ ihren Kopf nach vorne fallen und gab die vorherige Schieflage auf. Dadurch war es jetzt volle Provokation, ihre Hörner im Gesicht zu haben. Der Cervidia nahm es wahr, ging ein bisschen Abstand, blieb dann aber wieder stehen; noch hatte er wohl nicht ganz aufgegeben.
“Willst du mal probieren?”
Und tatsächlich war sie geneigt dazu. Das Drachenbräu hatte sie aufgelockert und es war schon lange her, dass sie mit einem Cervidia gerungen hatte. Irgendwie reizte es sie, es wieder zu tun. Die Einladung weckte eine gar primitive Freude in ihr.
Also erhob sie sich und ging unweigerlich in ihre geduckte Haltung über. Der Cervidia machte es ihr gleich, aber anstatt aufeinander zu zu preschen, wie es für einen Moment den Anschein hatte, näherte er sich ihr fast vorsichtig, bis sich ihre Hörner berührten. Sie ruckten ein bisschen mit den Köpfen herum, bis ihre Hörner einen festen Griff gefunden hatten, und dann setzte erst der Druck ein. Tava stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den anderen, der es ihr gleich tat. Die Muskeln traten ihnen an den Hälsen und den Schultern hervor, als sie gegeneinander andrückten. Ihre Köpfe erstarrten fast bei dem Kräftemessen, dem sie ihre Hörner aussetzten.
Aber ernst war es nicht gemeint und wenngleich der Mann sicher stärker sein konnte, als er sich hier gab, war er doch gerade im Begriff, mit Tava zu flirten. Er hielt ihr also gar nicht lange entgegen; ein paar Sekunden nur, dann schwächelte seine Haltung bereits und er ließ sich von ihr zurückdrängen. Da wurde Tava von einem gewissen Hochgefühl gepackt, als seine Kraft nachließ, einem Triumphgefühl, das auch ein wenig Erregung mit sich brachte. Ihre Hörner waren besser als seine, ihr Druck stärker, ihre Haltung stabiler. Sie drängte den Mann weiter zurück, weil sie es konnte und weil er es zuließ, und mit jedem bisschen mehr stieg die Vorfreude. Sie erhöhte den Druck und der andere machte es ihr nach, gerade genug, um noch entgegen zu halten, nicht genug, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Das wäre eine Beleidigung gewesen.
Aber irgendwie war es dann doch nicht so erfüllend, wie Tava es sich vorgestellt hatte. Es war ganz nett, ja, und sicher könnte sie sich darauf auch vollends einlassen, indem sie einfach abbrach und ihm bestätigte, dass seine Hörner durchaus ganz hübsch waren, aber es fühlte sich nicht gerade befriedigend an. Tava hätte wetten können, dass sie fast schon enttäuscht darüber war, dass der andere ihr nicht mehr Kraft entgegenbrachte. Was, dachte er etwa, sie wäre so schwach, dass er sich jetzt schon unterwerfen musste? War sie etwa nicht mehr Aufwand wert?
Der Gedanke ließ die Erregung verfliegen und entfachte stattdessen ein anderes Feuer in Tava. Jetzt wollte sie gewinnen, ja, aber auf eine andere Weise. Sie stemmte die Füße in den Boden, senkte die Schultern, drückte den Kopf gegen ihn und riss ihn dann herum. Darauf war der andere nicht vorbereitet, es war auch keine sehr höfliche Bewegung. Er verlor nicht nur das Gleichgewicht, er wurde regelrecht von ihr zu Boden geworfen.
Dort schien er sich aber irgendwie in den Kopf zu setzen, dass er Tava doch gewonnen hatte, und riss gleich den Kopf nach hinten, brachte seine Hörner aus dem Weg und zeigte ihr die ganze Länge seines Halses, unverdeckt. Ein bisschen erregte es Tava auch, der Anblick des Mannes, der sich ihr so freiwillig präsentierte, aber für sie war der Kampf schon längst entschieden. Sie hatte keine Lust auf diesen Schwächling. Wer glaubte er schon, dass er war, um sie mit einer so jämmerlichen Vorführung zu angeln?
“Ich mag sie nicht.”
Das war Tavas verspätete Antwort auf seine erste Frage und sie traf den Cervidia sichtlich an einem wunden Punkt. Seine Miene verzog sich und er warf seinen Kopf sofort nach vorne, gab die Haltung auf, mit der er sich ihr soeben präsentiert hatte. Eilig rappelte er sich auf und Tava bekam keinen Blick mehr auf sein Gesicht oder seinen Hals gestattet. Er sagte kein Wort mehr, sondern ging schnurstracks davon, als könne er damit seine verlorene Würde irgendwie wieder aufkratzen.
Tava setzte sich wieder. Sie nahm einen Schluck von ihrem Getränk und begegnete dann grimmig den Blicken der beiden Männer.
"... Was? Er hatte doch wirklich keine schönen Hörner. Mit so jemandem geb ich mich doch nicht ab."
Das schien für sie Erklärung genug zu sein, die immerhin selbst ein Paar Hörner besaß. Dass sie damit alleine am Tisch war, daran dachte sie im Moment nicht.
Trotz des gescheiterten Flirts wollte ihr der Cervidia aber nicht mehr aus dem Kopf gehen und als Tava einige Minuten später immernoch daran dachte, wie gut es sich angefühlt hatte, als er den Kopf für sie zurückgelegt hatte, merkte sie erst, dass das Gefühl in ihrem Bauch längst nicht verflogen war. Es hatte sich wenn dann dort verfestigt und schien sich mit dem Einfluss des Alkohols nur noch weiter zu steigern. Aber Tava wollte den Mann nicht suchen gehen und sie wollte auch keinen anderen Cervidia anflirten; zu groß war ihre Sorge, auf Ablehnung zu stoßen. Nein, so würde sie hier nicht weiterkommen. Es dürstete sie nach etwas anderem.
Sie sah von der Menge zurück zu ihrem Tisch, zu Devon, der mit seinen langen Fingern seinen Kelch in der Hand hielt, und dann weiter zu Malleus. Malleus, der gerade auf etwas anderes fixiert war, der ihren Blick nicht bemerkte. Dessen dunkle Haut von dem Licht einen dämmrigen Ton verliehen bekam. Dessen Miene jetzt ganz entspannt und gar nicht mehr so aufgelöst war wie noch vor einigen Stunden.
Tava, sie wollte elegant erfragen, ob du mit Malleus schläfst, kam ihr Devons Stimme in den Sinn. Ob du mit Malleus schläfst.
Tava biss sich auf die Unterlippe, denn mit einem Mal machte sich Nervosität in ihr breit, wirklich große Nervosität. Sie sah den Mann weiterhin an, etwas eindringlich, aber ohne seine Aufmerksamkeit erhaschen zu können. Ob sie es wirklich wagen sollte? Ob es ein Versuch wert war? Wie schon der Cervidia vorhin legte auch sie jetzt den Kopf schief, aber natürlich hatte Malleus kein Gespür für sowas. Da rutschte sie vorsichtig näher an ihn heran.
"Malleus."
Die dunklen, sanften Augen richteten sich auf sie. Sie glitten über ihr ganzes Gesicht, denn Tava hielt ihren Kopf noch immer schräg und das mochte für den Menschen vermutlich ziemlich merkwürdig aussehen. Sie wusste, dass sie mit Menschen etwas direkter umgehen musste, weil sie die Körpersprache nicht verstanden, aber gerade davor drückte sie sich jetzt ein bisschen. Selbst mit dem Alkohol war sie so nervös, dass sie nur ihrem Instinkt alleine Folge leistete.
"Gefallen dir meine Hörner?"
Malleus hatte sich sichtlich auch wieder entspannt und betrachtete Tava nicht mehr mit dem angespannten, durchdringenden Blick, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Dennoch händigte er ihren Ring nicht aus und das konnte sie wohl akzeptieren. Für einen Abend konnte sie es ja wohl noch schaffen, nichts anzufackeln.
Sie gingen direkt auf den Trubel und die dicken Menschenmassen zu, weil dort auch die Chance am größten war, etwas gutes zu essen zu bekommen. Diverse Rassen tummelten sich dort überall, laute Musik schallte aus allen Gassen hinaus und überall blitzte das Feuerrot von Adrastus auf, ein ganzer Andrang, allein zu seinen Ehren. Tava ließ sich das Spektakel gefallen und wippte dabei leicht mit dem Kopf. Damit war sie unter den dreien die einzige, denn die beiden Männer schienen nicht viel davon zu halten, ihrem Genuss Ausdruck zu verleihen. Nagut, dann eben nicht.
Sie setzten sich an ein offenes Gasthaus, das sie unter freiem Himmel bediente, und schlemmten, soweit es ihre Geldbörsen zuließen. Zur Feier des tagelangen Festes schenkten die Wirtshäuser sogenanntes Drachenbräu aus, das hoch alkoholisch war und über dessen Namen sich Tava lustig machte, bis sie einen Schluck davon probierte. Das Gemisch brannte so stark wie Feuer in der Kehle, als würden ihr gleich die Flammen herausschließen. Da hustete sie und reichte das Getränk gleich an Devon weiter, der es wiederum an Malleus delegierte. Zumindest musste der Mann auch davon husten, was Tavas Leid gleich etwas milderte. Kaum, als sie es dann geleert hatte, bestellte sie gleich ein neues.
So wie sich herausstellte, hatten alle drei dieselbe Vorstellung von feiern, zumindest insofern, wie es für sie aussehen sollte. Denn als sie nach ihrem Essen weiter durch die Straßen schlenderten und sich bei dem nächsten Gasthaus niederzulassen entschieden, blieben sie alle drei einfach sitzen. Devon saß gebeugt auf seinem augenscheinlich viel zu kleinen Platz und fixierte mit seinen Schlitzaugen immer mal wieder Passanten, die ihnen allen drei zu nahe kamen. Er schien sich damit zufrieden zu geben, an seinem Platz zu sitzen, Wasser zu trinken und einfach nur zu starren. Tava überraschte das schon gar nicht mehr, sie hatte nicht ernsthaft erwartet, dass er aufstehen und tanzen könnte. Devon und tanzen? Das war eine absolute Unmöglichkeit.
Malleus schien es aber auch zu bevorzugen, an seinem Platz zu bleiben, wo er nicht von Leuten angerempelt werden konnte und wo er aus sicherer Entfernung das Schauspiel beobachten konnte. Er trank zwar nicht nur Wasser, aber er trank alles in Maßen. Er schien es vermeiden zu wollen, seine Sinne allzu sehr zu betäuben und auch das war nichts überraschendes. Tava konnte durchaus von sich behaupten, die beiden Männer mittlerweile einigermaßen zu kennen.
Und Tava selbst...
Tava erblickte in einer tanzenden Menge eine Cervidia und zeigte begeistert auf sie.
"Ohh seht mal!"
Dann sah sie ihr mit großen, wunderlichen Augen zu.
Die Cervidia trug ein schillerndes rotes Hemd und eine Hose, die knapp unter den Knien aufhörte und sowas wie kleine Schwingen hatte, die nach außen ragten. So wie Tava waren auch ihre Hörner - die allerdings etwas kleiner als Tavas waren und sehr rundlich wirkten - mit dem modernsten Hornschmuck ausgestattet, der ebenso klingelte und raschelte, wann immer sie den Kopf zu sehr bewegte. Und das tat sie wirklich häufig, was im ersten Augenblick etwas merkwürdig mit anzusehen war. Doch wenn man sich genau auf die Musik konzentrierte und auf die drehende und wirbelnde Cervidia, die dabei ihren Kopf in ganz eigenen Bewegungen tanzen ließ, konnte man hören, wie der Rhythmus ihres Schmucks sich mit der Musik vermischte. Die beiden schienen miteinander zu verschmelzen, bis die Bewegungen der Cervidia nicht mehr so merkwürdig wirkten, sondern jetzt ganz fließend und geschmeidig waren. Die Cervidia vollführte ihren Horntanz, so wie ganz viele andere Cervidia, die auch am Tanzen waren.
Tava bevorzugte es, auf ihrem Platz sitzen zu bleiben, weil sie nicht tanzen konnte. So konnte sie aber all die Cervidia betrachten, die mit ihren ausgefallenen Bewegungen ganz die Kultur des Bergvolkes aufleben ließen.
Die nächsten Stunden wechselten sie noch ein paar Mal den Ort und die Straße, aber nicht ihre Angewohnheiten. Tava trank fast nur Drachenbräu, bis ihr davon schwummrig wurde. Malleus schien bald auch die ersten Wirkungen des Alkohols zu bemerken, vertuschte sie aber. Devon war es immernoch nicht leid, Leute finster anzustarren.
Sie saßen jetzt am Rande eines Platzes, der von Lichtern erhellt war und damit die perfekte Tanzbühne bot. Überall tummelten sich die Leute um sie herum und lachten, tranken und schwatzten. Tava beobachtete wie immer die wogende Menge, als ihr aber etwas anderes auffiel. Verdutzt sah sie zu der Stelle zurück, über die ihr Blick gerade gehuscht war.
Auf dem anderen Ende des Platzes war ein Cervidia aufgetaucht, ein großer, schlanker Mann mit einem geschwungenen, kreisförmigen Paar Hörnern. Der Mann hatte ganz gezielt einen durchdringenden Blick auf Tava gerichtet, ohne zu blinzeln; einen unmissverständlichen Blick. Er hatte den Kopf stark schief gelegt, aber auch ein wenig nach vorne geneigt. Er rührte sich nicht. Er präsentierte ihr seine Hörner, aber mit dem schief gelegten Kopf war es keine Provokation, sondern etwas gänzlich anderes.
Tavas Blick war erst nur flüchtig über ihn gehuscht, aber jetzt starrte sie ihn direkt an. Seine Haltung hatte ihre Aufmerksamkeit erregt und die ließ sich nun nicht mehr abdämpfen. Tava war es nicht gewöhnt, dass man auf Cervidia-Art mit ihr flirtete, und nicht etwa mit stumpfen Worten und lockendem Lächeln. Sie war bereits von Menschen angeflirtet worden, sicher, irgendwann war wohl jeder verzweifelt genug, um über ihre Hörner hinweg zu sehen, aber das hier war etwas anderes. Das hier war… intimer, persönlicher. Das sprach einen Teil in ihr an, den sie niemals wirklich viel Aufmerksamkeit schenkte, nachdem sie mehr oder weniger unter Menschen aufgewachsen war. Das hier war… vielversprechender.
Tava neigte den Kopf in dieselbe Richtung, ganz leicht nur, langsam, versuchsweise. Der andere reagierte einen Moment nicht, dann legte er den Kopf auf die andere Seite, zeigte ihr wieder seine Hörner. Tava tat es ihm mit weniger Intensität nach. In ihrem Bauch kribbelte es leicht nervös.
Da kam er langsam auf sie zu geschlendert, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, den Kopf noch immer geneigt, und Tava konnte seine Hörner deutlicher und deutlicher betrachten. Es waren schöne Hörner, ohne Frage, würde der Hornwuchs nicht alles zerstören. Seine Hörner waren nach unten geschwungen und wenngleich sie einen Kringel formten, hatte es doch eine beträchtlich lange Zeit in seinem Leben gegeben, in dem seine eigenen Hörner auf seinen Kopf gezeigt hatten. Das waren schlechte Gene und - in manchen cervidischen Kulturen - auch ein schlechtes Omen.
Aber abgesehen davon schienen seine Hörner stark und waren ordentlich gepflegt. Keine Risse in den Knochen, keine Spitze abgebrochen. Würde Tava von einem der kämpferischeren Cervidia-Stämme kommen, würde sie auf sowas sicher Wert legen, aber Tava pflegte ihre Hörner und so erwartete sie das auch von einem anderen. Zumindest in dieser Hinsicht schien er tadellos.
Er kam näher und blieb dann unmittelbar bei ihrem Platz stehen. Die beiden Männer bei ihr ignorierte er, schließlich waren sie nicht von seinem Volk. Sein Blick sprang jetzt selbst zu Tavas Hörnern hinauf und unweigerlich fragte sie sich, was ihm wohl durch den Kopf gehen mochte; ob ihm der kleine Schwung ihrer Hörner nach unten auffiel? Ob er Wert darauf legte, dass ihre Knochenstruktur nicht glatt, sondern geriffelt war? Ob ihm auffiel, dass ihre Spitzen abgestumpft waren, mangels regelmäßiger Benutzung?
Der Mann betrachtete ihre Hörner, dann senkte er den Kopf in ihre Richtung, Hörner zuerst, den Kopf noch immer schief gelegt. Er gewährte Tava einen vollen Blick auf seine Hörner, die aber nichts dazu sagte. Wortlos schaute sie nur.
“Schön, nicht wahr?”, schnurrte er da, seine Stimme gesenkt. Sie hatte etwas verlockendes, verbindliches. In Tavas Antwort würde unweigerlich eine eindeutige Aussage mitschwingen.
Nur verlor er sie damit; Tava würde ihm doch nicht in aller Öffentlichkeit erzählen, wie schön sie seine Hörner fand. So verzweifelt war sie dann auch wieder nicht.
Sie ließ ihren Kopf nach vorne fallen und gab die vorherige Schieflage auf. Dadurch war es jetzt volle Provokation, ihre Hörner im Gesicht zu haben. Der Cervidia nahm es wahr, ging ein bisschen Abstand, blieb dann aber wieder stehen; noch hatte er wohl nicht ganz aufgegeben.
“Willst du mal probieren?”
Und tatsächlich war sie geneigt dazu. Das Drachenbräu hatte sie aufgelockert und es war schon lange her, dass sie mit einem Cervidia gerungen hatte. Irgendwie reizte es sie, es wieder zu tun. Die Einladung weckte eine gar primitive Freude in ihr.
Also erhob sie sich und ging unweigerlich in ihre geduckte Haltung über. Der Cervidia machte es ihr gleich, aber anstatt aufeinander zu zu preschen, wie es für einen Moment den Anschein hatte, näherte er sich ihr fast vorsichtig, bis sich ihre Hörner berührten. Sie ruckten ein bisschen mit den Köpfen herum, bis ihre Hörner einen festen Griff gefunden hatten, und dann setzte erst der Druck ein. Tava stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den anderen, der es ihr gleich tat. Die Muskeln traten ihnen an den Hälsen und den Schultern hervor, als sie gegeneinander andrückten. Ihre Köpfe erstarrten fast bei dem Kräftemessen, dem sie ihre Hörner aussetzten.
Aber ernst war es nicht gemeint und wenngleich der Mann sicher stärker sein konnte, als er sich hier gab, war er doch gerade im Begriff, mit Tava zu flirten. Er hielt ihr also gar nicht lange entgegen; ein paar Sekunden nur, dann schwächelte seine Haltung bereits und er ließ sich von ihr zurückdrängen. Da wurde Tava von einem gewissen Hochgefühl gepackt, als seine Kraft nachließ, einem Triumphgefühl, das auch ein wenig Erregung mit sich brachte. Ihre Hörner waren besser als seine, ihr Druck stärker, ihre Haltung stabiler. Sie drängte den Mann weiter zurück, weil sie es konnte und weil er es zuließ, und mit jedem bisschen mehr stieg die Vorfreude. Sie erhöhte den Druck und der andere machte es ihr nach, gerade genug, um noch entgegen zu halten, nicht genug, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Das wäre eine Beleidigung gewesen.
Aber irgendwie war es dann doch nicht so erfüllend, wie Tava es sich vorgestellt hatte. Es war ganz nett, ja, und sicher könnte sie sich darauf auch vollends einlassen, indem sie einfach abbrach und ihm bestätigte, dass seine Hörner durchaus ganz hübsch waren, aber es fühlte sich nicht gerade befriedigend an. Tava hätte wetten können, dass sie fast schon enttäuscht darüber war, dass der andere ihr nicht mehr Kraft entgegenbrachte. Was, dachte er etwa, sie wäre so schwach, dass er sich jetzt schon unterwerfen musste? War sie etwa nicht mehr Aufwand wert?
Der Gedanke ließ die Erregung verfliegen und entfachte stattdessen ein anderes Feuer in Tava. Jetzt wollte sie gewinnen, ja, aber auf eine andere Weise. Sie stemmte die Füße in den Boden, senkte die Schultern, drückte den Kopf gegen ihn und riss ihn dann herum. Darauf war der andere nicht vorbereitet, es war auch keine sehr höfliche Bewegung. Er verlor nicht nur das Gleichgewicht, er wurde regelrecht von ihr zu Boden geworfen.
Dort schien er sich aber irgendwie in den Kopf zu setzen, dass er Tava doch gewonnen hatte, und riss gleich den Kopf nach hinten, brachte seine Hörner aus dem Weg und zeigte ihr die ganze Länge seines Halses, unverdeckt. Ein bisschen erregte es Tava auch, der Anblick des Mannes, der sich ihr so freiwillig präsentierte, aber für sie war der Kampf schon längst entschieden. Sie hatte keine Lust auf diesen Schwächling. Wer glaubte er schon, dass er war, um sie mit einer so jämmerlichen Vorführung zu angeln?
“Ich mag sie nicht.”
Das war Tavas verspätete Antwort auf seine erste Frage und sie traf den Cervidia sichtlich an einem wunden Punkt. Seine Miene verzog sich und er warf seinen Kopf sofort nach vorne, gab die Haltung auf, mit der er sich ihr soeben präsentiert hatte. Eilig rappelte er sich auf und Tava bekam keinen Blick mehr auf sein Gesicht oder seinen Hals gestattet. Er sagte kein Wort mehr, sondern ging schnurstracks davon, als könne er damit seine verlorene Würde irgendwie wieder aufkratzen.
Tava setzte sich wieder. Sie nahm einen Schluck von ihrem Getränk und begegnete dann grimmig den Blicken der beiden Männer.
"... Was? Er hatte doch wirklich keine schönen Hörner. Mit so jemandem geb ich mich doch nicht ab."
Das schien für sie Erklärung genug zu sein, die immerhin selbst ein Paar Hörner besaß. Dass sie damit alleine am Tisch war, daran dachte sie im Moment nicht.
Trotz des gescheiterten Flirts wollte ihr der Cervidia aber nicht mehr aus dem Kopf gehen und als Tava einige Minuten später immernoch daran dachte, wie gut es sich angefühlt hatte, als er den Kopf für sie zurückgelegt hatte, merkte sie erst, dass das Gefühl in ihrem Bauch längst nicht verflogen war. Es hatte sich wenn dann dort verfestigt und schien sich mit dem Einfluss des Alkohols nur noch weiter zu steigern. Aber Tava wollte den Mann nicht suchen gehen und sie wollte auch keinen anderen Cervidia anflirten; zu groß war ihre Sorge, auf Ablehnung zu stoßen. Nein, so würde sie hier nicht weiterkommen. Es dürstete sie nach etwas anderem.
Sie sah von der Menge zurück zu ihrem Tisch, zu Devon, der mit seinen langen Fingern seinen Kelch in der Hand hielt, und dann weiter zu Malleus. Malleus, der gerade auf etwas anderes fixiert war, der ihren Blick nicht bemerkte. Dessen dunkle Haut von dem Licht einen dämmrigen Ton verliehen bekam. Dessen Miene jetzt ganz entspannt und gar nicht mehr so aufgelöst war wie noch vor einigen Stunden.
Tava, sie wollte elegant erfragen, ob du mit Malleus schläfst, kam ihr Devons Stimme in den Sinn. Ob du mit Malleus schläfst.
Tava biss sich auf die Unterlippe, denn mit einem Mal machte sich Nervosität in ihr breit, wirklich große Nervosität. Sie sah den Mann weiterhin an, etwas eindringlich, aber ohne seine Aufmerksamkeit erhaschen zu können. Ob sie es wirklich wagen sollte? Ob es ein Versuch wert war? Wie schon der Cervidia vorhin legte auch sie jetzt den Kopf schief, aber natürlich hatte Malleus kein Gespür für sowas. Da rutschte sie vorsichtig näher an ihn heran.
"Malleus."
Die dunklen, sanften Augen richteten sich auf sie. Sie glitten über ihr ganzes Gesicht, denn Tava hielt ihren Kopf noch immer schräg und das mochte für den Menschen vermutlich ziemlich merkwürdig aussehen. Sie wusste, dass sie mit Menschen etwas direkter umgehen musste, weil sie die Körpersprache nicht verstanden, aber gerade davor drückte sie sich jetzt ein bisschen. Selbst mit dem Alkohol war sie so nervös, dass sie nur ihrem Instinkt alleine Folge leistete.
"Gefallen dir meine Hörner?"
