Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Tava musste sich das nicht zweimal sagen lassen. Nach der langen Reise und den Aufregungen dieses viel zu langen Tages, brannte sie regelrecht darauf, einen Abend in geordneter Zivilisation zu verbringen. Sie hatte zwar nichts gegen die Reisen durch unbefleckte Wildnis und wucherndes Gestrüpp einzuwenden, aber selbst Tava konnte irgendwann der harte Boden, das ungezähmte Wetter und der immergleiche Proviant auf die Nerven gehen. Sie sehnte sich jetzt nach einer ordentlichen, warmen Mahlzeit und dazu auch noch ein Met, um alles runterzuspülen. Vielleicht dann auch gleich mehr, wenn sie schonmal hier war.
      Malleus hatte sich sichtlich auch wieder entspannt und betrachtete Tava nicht mehr mit dem angespannten, durchdringenden Blick, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Dennoch händigte er ihren Ring nicht aus und das konnte sie wohl akzeptieren. Für einen Abend konnte sie es ja wohl noch schaffen, nichts anzufackeln.
      Sie gingen direkt auf den Trubel und die dicken Menschenmassen zu, weil dort auch die Chance am größten war, etwas gutes zu essen zu bekommen. Diverse Rassen tummelten sich dort überall, laute Musik schallte aus allen Gassen hinaus und überall blitzte das Feuerrot von Adrastus auf, ein ganzer Andrang, allein zu seinen Ehren. Tava ließ sich das Spektakel gefallen und wippte dabei leicht mit dem Kopf. Damit war sie unter den dreien die einzige, denn die beiden Männer schienen nicht viel davon zu halten, ihrem Genuss Ausdruck zu verleihen. Nagut, dann eben nicht.
      Sie setzten sich an ein offenes Gasthaus, das sie unter freiem Himmel bediente, und schlemmten, soweit es ihre Geldbörsen zuließen. Zur Feier des tagelangen Festes schenkten die Wirtshäuser sogenanntes Drachenbräu aus, das hoch alkoholisch war und über dessen Namen sich Tava lustig machte, bis sie einen Schluck davon probierte. Das Gemisch brannte so stark wie Feuer in der Kehle, als würden ihr gleich die Flammen herausschließen. Da hustete sie und reichte das Getränk gleich an Devon weiter, der es wiederum an Malleus delegierte. Zumindest musste der Mann auch davon husten, was Tavas Leid gleich etwas milderte. Kaum, als sie es dann geleert hatte, bestellte sie gleich ein neues.
      So wie sich herausstellte, hatten alle drei dieselbe Vorstellung von feiern, zumindest insofern, wie es für sie aussehen sollte. Denn als sie nach ihrem Essen weiter durch die Straßen schlenderten und sich bei dem nächsten Gasthaus niederzulassen entschieden, blieben sie alle drei einfach sitzen. Devon saß gebeugt auf seinem augenscheinlich viel zu kleinen Platz und fixierte mit seinen Schlitzaugen immer mal wieder Passanten, die ihnen allen drei zu nahe kamen. Er schien sich damit zufrieden zu geben, an seinem Platz zu sitzen, Wasser zu trinken und einfach nur zu starren. Tava überraschte das schon gar nicht mehr, sie hatte nicht ernsthaft erwartet, dass er aufstehen und tanzen könnte. Devon und tanzen? Das war eine absolute Unmöglichkeit.
      Malleus schien es aber auch zu bevorzugen, an seinem Platz zu bleiben, wo er nicht von Leuten angerempelt werden konnte und wo er aus sicherer Entfernung das Schauspiel beobachten konnte. Er trank zwar nicht nur Wasser, aber er trank alles in Maßen. Er schien es vermeiden zu wollen, seine Sinne allzu sehr zu betäuben und auch das war nichts überraschendes. Tava konnte durchaus von sich behaupten, die beiden Männer mittlerweile einigermaßen zu kennen.
      Und Tava selbst...
      Tava erblickte in einer tanzenden Menge eine Cervidia und zeigte begeistert auf sie.
      "Ohh seht mal!"
      Dann sah sie ihr mit großen, wunderlichen Augen zu.
      Die Cervidia trug ein schillerndes rotes Hemd und eine Hose, die knapp unter den Knien aufhörte und sowas wie kleine Schwingen hatte, die nach außen ragten. So wie Tava waren auch ihre Hörner - die allerdings etwas kleiner als Tavas waren und sehr rundlich wirkten - mit dem modernsten Hornschmuck ausgestattet, der ebenso klingelte und raschelte, wann immer sie den Kopf zu sehr bewegte. Und das tat sie wirklich häufig, was im ersten Augenblick etwas merkwürdig mit anzusehen war. Doch wenn man sich genau auf die Musik konzentrierte und auf die drehende und wirbelnde Cervidia, die dabei ihren Kopf in ganz eigenen Bewegungen tanzen ließ, konnte man hören, wie der Rhythmus ihres Schmucks sich mit der Musik vermischte. Die beiden schienen miteinander zu verschmelzen, bis die Bewegungen der Cervidia nicht mehr so merkwürdig wirkten, sondern jetzt ganz fließend und geschmeidig waren. Die Cervidia vollführte ihren Horntanz, so wie ganz viele andere Cervidia, die auch am Tanzen waren.
      Tava bevorzugte es, auf ihrem Platz sitzen zu bleiben, weil sie nicht tanzen konnte. So konnte sie aber all die Cervidia betrachten, die mit ihren ausgefallenen Bewegungen ganz die Kultur des Bergvolkes aufleben ließen.

      Die nächsten Stunden wechselten sie noch ein paar Mal den Ort und die Straße, aber nicht ihre Angewohnheiten. Tava trank fast nur Drachenbräu, bis ihr davon schwummrig wurde. Malleus schien bald auch die ersten Wirkungen des Alkohols zu bemerken, vertuschte sie aber. Devon war es immernoch nicht leid, Leute finster anzustarren.
      Sie saßen jetzt am Rande eines Platzes, der von Lichtern erhellt war und damit die perfekte Tanzbühne bot. Überall tummelten sich die Leute um sie herum und lachten, tranken und schwatzten. Tava beobachtete wie immer die wogende Menge, als ihr aber etwas anderes auffiel. Verdutzt sah sie zu der Stelle zurück, über die ihr Blick gerade gehuscht war.
      Auf dem anderen Ende des Platzes war ein Cervidia aufgetaucht, ein großer, schlanker Mann mit einem geschwungenen, kreisförmigen Paar Hörnern. Der Mann hatte ganz gezielt einen durchdringenden Blick auf Tava gerichtet, ohne zu blinzeln; einen unmissverständlichen Blick. Er hatte den Kopf stark schief gelegt, aber auch ein wenig nach vorne geneigt. Er rührte sich nicht. Er präsentierte ihr seine Hörner, aber mit dem schief gelegten Kopf war es keine Provokation, sondern etwas gänzlich anderes.

      Tavas Blick war erst nur flüchtig über ihn gehuscht, aber jetzt starrte sie ihn direkt an. Seine Haltung hatte ihre Aufmerksamkeit erregt und die ließ sich nun nicht mehr abdämpfen. Tava war es nicht gewöhnt, dass man auf Cervidia-Art mit ihr flirtete, und nicht etwa mit stumpfen Worten und lockendem Lächeln. Sie war bereits von Menschen angeflirtet worden, sicher, irgendwann war wohl jeder verzweifelt genug, um über ihre Hörner hinweg zu sehen, aber das hier war etwas anderes. Das hier war… intimer, persönlicher. Das sprach einen Teil in ihr an, den sie niemals wirklich viel Aufmerksamkeit schenkte, nachdem sie mehr oder weniger unter Menschen aufgewachsen war. Das hier war… vielversprechender.
      Tava neigte den Kopf in dieselbe Richtung, ganz leicht nur, langsam, versuchsweise. Der andere reagierte einen Moment nicht, dann legte er den Kopf auf die andere Seite, zeigte ihr wieder seine Hörner. Tava tat es ihm mit weniger Intensität nach. In ihrem Bauch kribbelte es leicht nervös.
      Da kam er langsam auf sie zu geschlendert, den Blick unverwandt auf sie gerichtet, den Kopf noch immer geneigt, und Tava konnte seine Hörner deutlicher und deutlicher betrachten. Es waren schöne Hörner, ohne Frage, würde der Hornwuchs nicht alles zerstören. Seine Hörner waren nach unten geschwungen und wenngleich sie einen Kringel formten, hatte es doch eine beträchtlich lange Zeit in seinem Leben gegeben, in dem seine eigenen Hörner auf seinen Kopf gezeigt hatten. Das waren schlechte Gene und - in manchen cervidischen Kulturen - auch ein schlechtes Omen.
      Aber abgesehen davon schienen seine Hörner stark und waren ordentlich gepflegt. Keine Risse in den Knochen, keine Spitze abgebrochen. Würde Tava von einem der kämpferischeren Cervidia-Stämme kommen, würde sie auf sowas sicher Wert legen, aber Tava pflegte ihre Hörner und so erwartete sie das auch von einem anderen. Zumindest in dieser Hinsicht schien er tadellos.
      Er kam näher und blieb dann unmittelbar bei ihrem Platz stehen. Die beiden Männer bei ihr ignorierte er, schließlich waren sie nicht von seinem Volk. Sein Blick sprang jetzt selbst zu Tavas Hörnern hinauf und unweigerlich fragte sie sich, was ihm wohl durch den Kopf gehen mochte; ob ihm der kleine Schwung ihrer Hörner nach unten auffiel? Ob er Wert darauf legte, dass ihre Knochenstruktur nicht glatt, sondern geriffelt war? Ob ihm auffiel, dass ihre Spitzen abgestumpft waren, mangels regelmäßiger Benutzung?
      Der Mann betrachtete ihre Hörner, dann senkte er den Kopf in ihre Richtung, Hörner zuerst, den Kopf noch immer schief gelegt. Er gewährte Tava einen vollen Blick auf seine Hörner, die aber nichts dazu sagte. Wortlos schaute sie nur.
      “Schön, nicht wahr?”, schnurrte er da, seine Stimme gesenkt. Sie hatte etwas verlockendes, verbindliches. In Tavas Antwort würde unweigerlich eine eindeutige Aussage mitschwingen.
      Nur verlor er sie damit; Tava würde ihm doch nicht in aller Öffentlichkeit erzählen, wie schön sie seine Hörner fand. So verzweifelt war sie dann auch wieder nicht.
      Sie ließ ihren Kopf nach vorne fallen und gab die vorherige Schieflage auf. Dadurch war es jetzt volle Provokation, ihre Hörner im Gesicht zu haben. Der Cervidia nahm es wahr, ging ein bisschen Abstand, blieb dann aber wieder stehen; noch hatte er wohl nicht ganz aufgegeben.
      “Willst du mal probieren?”
      Und tatsächlich war sie geneigt dazu. Das Drachenbräu hatte sie aufgelockert und es war schon lange her, dass sie mit einem Cervidia gerungen hatte. Irgendwie reizte es sie, es wieder zu tun. Die Einladung weckte eine gar primitive Freude in ihr.
      Also erhob sie sich und ging unweigerlich in ihre geduckte Haltung über. Der Cervidia machte es ihr gleich, aber anstatt aufeinander zu zu preschen, wie es für einen Moment den Anschein hatte, näherte er sich ihr fast vorsichtig, bis sich ihre Hörner berührten. Sie ruckten ein bisschen mit den Köpfen herum, bis ihre Hörner einen festen Griff gefunden hatten, und dann setzte erst der Druck ein. Tava stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den anderen, der es ihr gleich tat. Die Muskeln traten ihnen an den Hälsen und den Schultern hervor, als sie gegeneinander andrückten. Ihre Köpfe erstarrten fast bei dem Kräftemessen, dem sie ihre Hörner aussetzten.
      Aber ernst war es nicht gemeint und wenngleich der Mann sicher stärker sein konnte, als er sich hier gab, war er doch gerade im Begriff, mit Tava zu flirten. Er hielt ihr also gar nicht lange entgegen; ein paar Sekunden nur, dann schwächelte seine Haltung bereits und er ließ sich von ihr zurückdrängen. Da wurde Tava von einem gewissen Hochgefühl gepackt, als seine Kraft nachließ, einem Triumphgefühl, das auch ein wenig Erregung mit sich brachte. Ihre Hörner waren besser als seine, ihr Druck stärker, ihre Haltung stabiler. Sie drängte den Mann weiter zurück, weil sie es konnte und weil er es zuließ, und mit jedem bisschen mehr stieg die Vorfreude. Sie erhöhte den Druck und der andere machte es ihr nach, gerade genug, um noch entgegen zu halten, nicht genug, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Das wäre eine Beleidigung gewesen.
      Aber irgendwie war es dann doch nicht so erfüllend, wie Tava es sich vorgestellt hatte. Es war ganz nett, ja, und sicher könnte sie sich darauf auch vollends einlassen, indem sie einfach abbrach und ihm bestätigte, dass seine Hörner durchaus ganz hübsch waren, aber es fühlte sich nicht gerade befriedigend an. Tava hätte wetten können, dass sie fast schon enttäuscht darüber war, dass der andere ihr nicht mehr Kraft entgegenbrachte. Was, dachte er etwa, sie wäre so schwach, dass er sich jetzt schon unterwerfen musste? War sie etwa nicht mehr Aufwand wert?
      Der Gedanke ließ die Erregung verfliegen und entfachte stattdessen ein anderes Feuer in Tava. Jetzt wollte sie gewinnen, ja, aber auf eine andere Weise. Sie stemmte die Füße in den Boden, senkte die Schultern, drückte den Kopf gegen ihn und riss ihn dann herum. Darauf war der andere nicht vorbereitet, es war auch keine sehr höfliche Bewegung. Er verlor nicht nur das Gleichgewicht, er wurde regelrecht von ihr zu Boden geworfen.
      Dort schien er sich aber irgendwie in den Kopf zu setzen, dass er Tava doch gewonnen hatte, und riss gleich den Kopf nach hinten, brachte seine Hörner aus dem Weg und zeigte ihr die ganze Länge seines Halses, unverdeckt. Ein bisschen erregte es Tava auch, der Anblick des Mannes, der sich ihr so freiwillig präsentierte, aber für sie war der Kampf schon längst entschieden. Sie hatte keine Lust auf diesen Schwächling. Wer glaubte er schon, dass er war, um sie mit einer so jämmerlichen Vorführung zu angeln?
      Ich mag sie nicht.
      Das war Tavas verspätete Antwort auf seine erste Frage und sie traf den Cervidia sichtlich an einem wunden Punkt. Seine Miene verzog sich und er warf seinen Kopf sofort nach vorne, gab die Haltung auf, mit der er sich ihr soeben präsentiert hatte. Eilig rappelte er sich auf und Tava bekam keinen Blick mehr auf sein Gesicht oder seinen Hals gestattet. Er sagte kein Wort mehr, sondern ging schnurstracks davon, als könne er damit seine verlorene Würde irgendwie wieder aufkratzen.
      Tava setzte sich wieder. Sie nahm einen Schluck von ihrem Getränk und begegnete dann grimmig den Blicken der beiden Männer.
      "... Was? Er hatte doch wirklich keine schönen Hörner. Mit so jemandem geb ich mich doch nicht ab."
      Das schien für sie Erklärung genug zu sein, die immerhin selbst ein Paar Hörner besaß. Dass sie damit alleine am Tisch war, daran dachte sie im Moment nicht.

      Trotz des gescheiterten Flirts wollte ihr der Cervidia aber nicht mehr aus dem Kopf gehen und als Tava einige Minuten später immernoch daran dachte, wie gut es sich angefühlt hatte, als er den Kopf für sie zurückgelegt hatte, merkte sie erst, dass das Gefühl in ihrem Bauch längst nicht verflogen war. Es hatte sich wenn dann dort verfestigt und schien sich mit dem Einfluss des Alkohols nur noch weiter zu steigern. Aber Tava wollte den Mann nicht suchen gehen und sie wollte auch keinen anderen Cervidia anflirten; zu groß war ihre Sorge, auf Ablehnung zu stoßen. Nein, so würde sie hier nicht weiterkommen. Es dürstete sie nach etwas anderem.
      Sie sah von der Menge zurück zu ihrem Tisch, zu Devon, der mit seinen langen Fingern seinen Kelch in der Hand hielt, und dann weiter zu Malleus. Malleus, der gerade auf etwas anderes fixiert war, der ihren Blick nicht bemerkte. Dessen dunkle Haut von dem Licht einen dämmrigen Ton verliehen bekam. Dessen Miene jetzt ganz entspannt und gar nicht mehr so aufgelöst war wie noch vor einigen Stunden.
      Tava, sie wollte elegant erfragen, ob du mit Malleus schläfst, kam ihr Devons Stimme in den Sinn. Ob du mit Malleus schläfst.
      Tava biss sich auf die Unterlippe, denn mit einem Mal machte sich Nervosität in ihr breit, wirklich große Nervosität. Sie sah den Mann weiterhin an, etwas eindringlich, aber ohne seine Aufmerksamkeit erhaschen zu können. Ob sie es wirklich wagen sollte? Ob es ein Versuch wert war? Wie schon der Cervidia vorhin legte auch sie jetzt den Kopf schief, aber natürlich hatte Malleus kein Gespür für sowas. Da rutschte sie vorsichtig näher an ihn heran.
      "Malleus."
      Die dunklen, sanften Augen richteten sich auf sie. Sie glitten über ihr ganzes Gesicht, denn Tava hielt ihren Kopf noch immer schräg und das mochte für den Menschen vermutlich ziemlich merkwürdig aussehen. Sie wusste, dass sie mit Menschen etwas direkter umgehen musste, weil sie die Körpersprache nicht verstanden, aber gerade davor drückte sie sich jetzt ein bisschen. Selbst mit dem Alkohol war sie so nervös, dass sie nur ihrem Instinkt alleine Folge leistete.
      "Gefallen dir meine Hörner?"
    • "Schön, nicht wahr?" Etwas in der geschnurrten beinahe schmeichelnden Tonart in der Stimme des fremden, männlichen Cervidia ließ Malleus hellhörig werden.
      Das erinnerte ganze und gar nicht an eine simple, höfliche Begrüßung oder gar eine unschuldige Kontaktaufnahme. In der gesenkten Stimme schwang eine eindeutige Intention mit, ganz direkt und völlig unverfroren ohne jegliche Mühe es zu verbergen. Ein wenig zu intensiv lag die Aufmerksamkeit des Cervidia auf Tava, die auf einmal sichtlich interessiert wirkte und die kreisrunde, geschwungene Form der Hörner ihres Gegenüber ein wenig zu lange betrachte. Unwillkürlich schoss eine von Malleus' Augenbrauen in die Höhe. Vermutlich hätte er seine Studien über die Verhaltensweisen und Eigenarten anderer Völkchen nicht dermaßen vernachlässigen sollen, dann hätte er dem merkwürdigen Schauspiel besser folgen können. Amentia hätte ihm ganz zweifellos einen entsprechenden Vortrag darüber halten können. Allerdings musste kein Experte für die Körpersprache der Cervidia zu sein, um zu wissen, dass es gerade nicht um eine Einladung zum Tee ging.
      Malleus nippte an dem gut gefüllten Becher mit süßem, vollmundigen Wein, gegen den er das fragwürdige Drachenbräu eingetauscht hatte. Die Spezialität, die anscheinend zu Ehren des großen Adrastus eigenes für das Fest kreiert wurde, stieg ihm eindeutig zu schnell zu Kopf. Er war wirklich nicht erpicht darauf die Nach am Feuer zu wiederholen. Er lenkte den Blick zurück auf die tanzenden Besucher und ließ der Dinge ihren Lauf. Nicht, das es ihn etwas anging.
      Aus dem Augenwinkel schielte er zurück zu Tava und dem fremden Cervidia, der...nun, immer noch da war. Tava präsentierte ihm gerade formvollendet ihre Hörner, was sie bisher nur getan hatte, um Devon in die Schranken zu weisen. Hinter dem Becherrand zuckten Malleus' Mundwinkel eigenartig zufrieden ein wenig nach oben. Was ihn allerdings schwer irritierte, war der Umstand, dass der Cervidia einfach nicht ging. Der Fremde hatte sich zwar ein Stück zurückgezogen, zeigte sich aber nicht sonderlich gekränkt darüber, dass seine Verführungskunst nicht sofort fruchtete.
      “Willst du mal probieren?”
      Bitte was?
      Was sich dann direkt vor seinen Augen abspielte, hatte Malleus auch dann noch nicht wirklich begriffen, als Tava ihren...Verehrer? Kontrahenten?...auf die nicht vorhandene Matte schickte. Mit einem kräftigen Ruck riss sie den Mann von den Füßen. Auch davon ließ der Cervidia sich ganz eindeutig nicht abschrecken, denn er zog immer noch nicht ab. Stattdessen präsentierte er Tava die ganze Länge seines Halses und Tava...starrte darauf? Er glaubte ein verräterisches, hitziges Glühen in ihren Augen zu bemerken. Malleus' Finger zuckte um den Weinbecher. Der Kerl verstand offensichtlich keine Abfuhr, auch wenn Tava ihm diese auf seine Silbertablett servierte, doch sie starrte einfach weiter bis...
      Ich mag sie nicht.
      Bei dem Feuer von Adrastus...
      Das schien zu helfen, denn der Cervidia rappelte sich auf und stolzierte gekränkt davon in die Menge.
      "... Was? Er hatte doch wirklich keine schönen Hörner. Mit so jemandem geb ich mich doch nicht ab."
      Malleus blinzelte, schüttelte den Kopf als müsste er einen Gedanken vertreiben und leerte den Becher in einem Zug.
      Ah, natürlich.

      Eine dezente Wärme durchzog seinen Körper. Ein Wirkung, die Alkohol in Maßen bewirkte, nicht in Massen. Im Gegensatz zu Tavas selbst gebranntem Fusel ließ die Wirkung des Weins sich wesentlich besser abschätzen. Er befand sich in der angenehmen Schwebe, in der sich der Kopf ein wenig leichter anfühlte und der Körper sich entspannte ohne wesentlich an Reaktion einzubüßen. Die ständig präsente Anspannung war aus seinen Gesichtszügen verschwunden. Der Ausdruck um seine Augen war beinahe weich, fast zugänglich, während er sich offensichtlich wunderbar dabei vergnügte einfach die Menschen, Cervidia und Felitas vor sich zu beobachten. Die zuvor präzisen und makellosen Goldakzente um seine Augen hatte ein wenig an Kontur verloren und waren durch einen achtlose Berührung seinerseits etwas verwischt. Malleus lehnte sich in einer, selten in der Öffentlichkeit präsentieren, vollkommen entspannten Haltung zurück gegen den Tisch. Er stellte den leeren Becher zur Seite und stützte sich mit den Ellbogen auf die Tischplatte auf.
      "Malleus."
      "Hm?"
      Er wartete, dass Tava ihre Frage stellte. An der Art wie sie die Silben seines Namens formte, zurückhaltend und seltsamerweise nervös, wusste er, dass sie eine Frage für ihn hatte. Der verletzte Anblick in ihrem Gesicht hatte dem Kultisten gar nicht gefallen, aber er hatte eine Grenze für seine Gutmütigkeit gegenüber der Cervidia ziehen müssen. Es war eigentlich nur Papier. Nur Seide. Nur Holz. Es war niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, außer sein Geldbeutel. Verärgert über die zerstörten, seltenen Schriftstücke war er trotzdem. Sie hatte sich entschuldigt und hoffentlich ihre Lektion gelernt.
      Als seinem Namen keine Frage folgte, legte Malleus leicht den Kopf zurück in den Nacken und neigte ihn ein wenig zur Seite, damit er Tava aus seiner angelehnten Haltung besser ansehen konnte...und wäre fast etwas zurückgezuckt. Fast.
      Hinter seiner Stirn begann es arbeiten. Irgendwas war ihm entgangen und er grübelte fieberhaft darüber, was es war. Ah. Tava saß näher. Viel näher. So nah, dass er ihre langen, geschwungenen Wimpern fast zählen konnte. So nah, dass er das sanfte Klimpern ihres Hornschmuckes deutlich hörte, egal wie sanft das Metall klingelte und sein Blick unwillkürlich über das schimmernde Gold zuckte.
      So nah, dass, wenn sie noch ein bisschen weiter nach vorne rückte, kurz davor war ihm auf den Schoß zu krabbeln.
      "Gefallen dir meine Hörner?"
      Bitte was?
      Malleus blinzelte.
      Seine Wirbelsäule spannte sich an, wie sie es kurz vor einem Sprung tun würde.
      Er dachte erneut daran, wie ihm diese großen, enttäuschten Augen nicht gefallen hatte.
      Es musste am Wein liegen.
      "Der traditionelle Hornschmuck steht dir wirklich ausgezeichnet, Tava."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wie erhofft war Malleus nicht mehr so geladen wie zuvor. Als Devon mit Tava ihn am Abend wieder aufsuchte, wirkte der Kultist sichtlich entspannter, wenn auch nicht ganz frei von Vorurteilen. Immerhin gab er ihr nicht ihren Ring zurück, den sie schmerzlich vermisste. Das hatte Devon deutlich gesehen, weil sie immer wieder an ihrem Finger herum nestelte, da etwas fehlte. Jedenfalls reichte es, damit sie alle auf das Fest gehen konnten, welches der Lacerta am liebsten gemieden hätte.

      Das Fest war… voll. Vollgestopft mit Leuten, mit Musik, mit Lichtern, mit Gerüchen. Praktisch allem, was Devons Sinne in irgendeiner Art ansprechen konnte und er musste sich ernsthaft konzentrieren, um nicht vollends die Orientierung beizugeben. Er fand schließlich einen Weg, indem er die Häuserwände fixierte und sich an ihnen orientierte. Er war ja groß genug, um über die meisten Leute hinweg schauen zu können. Seine Gestalt bildete den Schatten von Malleus und Tava, damit ihnen von hinten zumindest keiner irgendetwas stibitzen konnte. Oder was auch immer hier rumkreuchte.
      Devon lehnte die ersten Getränke bei ihrem Zwischenstopp ab. Dafür ließ er seinen Blick schweifen. Ihm entging dabei, wie Malleus nun doch angerempelt wurde (war ja auch von vorn) und der Mann kurz gegen ihn prallte. Missmutig blickte der Jäger dem Stümper hinterher, der sich schnellstens trollte. Ein Blick auf Malleus bedeutete ihm jedoch, dass das kein Stümper gewesen war, sondern ein Bote.
      „Du lässt dir Zeug aus deinen Archiven klauen?“, fragte Devon nach, ging aber nicht weiter auf das Thema ein als er merkte, dass Malleus alles andere als begeistert von dem Fakt war. „Tja, die anderen Fanatiker sind wohl auch nicht besser als ihr.“
      Dann kam es zu einem kurzen Blickaustausch zwischen Malleus und Tava. Schließlich sprach Malleus Worte des Waffenstillstandes, und damit konnte der Lacerta prima leben.

      Nachdem sich die drei eine ordentliche Basis zugelegt hatten, begann das, womit Devon ehrlicherweise Sorge hatte. Tava organisierte sich den ersten Krug mit… Bier? Spirituosen? Devon wusste es nicht. Nach einem Schüttler reichte Tava ihm den Krug und er musste nur eine Nase voll nehmen um sicher zu sein: Nein, das würde er ganz bestimmt nicht trinken.
      Also reichte er den Krug an Malleus weiter, der anstandshalber nippte und sich ebenfalls schüttelte. Es ging wieder zurück zu Tava, die sich hemmungslos an dem Getränk verlor. Devon sagte dazu nichts. Er war zufrieden damit, sich in eine Ecke setzen und starren zu können. Immerhin wusste man nie, was noch passieren konnte.
      Ihm fiel dadurch allerdings auch die Cervidia auf, auf die Tava zeigte. Er fand sie leicht, weil ihr Hemd schillerte und Cervidia allgemein leichter zu erspähen waren. Zugegeben, diese Cervidia konnte durchaus tanzen, wobei sich Devon an den Stil erst mal gewöhnen musste. Es dauerte, bis er verstand, dass diese seltsam anmutenden Kopfbewegungen zu der Musik passten. Erst dann ergab alles ein Bild und er fragte sich, warum Tava, die deutlich mit wippte, nicht auch tanzen ging.

      Devon verlor so langsam den Spaß an der Veranstaltung. Wenn man weder trank, noch Leute aufriss, noch tanzen ging, war man auf solchen Festen absolut fehl am Platz. Genau das war jetzt sein Job: fehl am Platz sein. Malleus und Tava zuliebe sagte er allerdings nichts, und solange ihm niemand blöd kam oder er anders in Bredouille geriet, war das schon in Ordnung. Dann konnte er wenigstens die Menge im Auge behalten und verdächtige Dinge wahrnehmen.
      So wie Tava, die plötzlich ganz regungslos wurde. Sie starrte, fast so, wie Devon starren konnte. Er war verdutzt, dass sie so was überhaupt konnte. Er versuchte, ihrem Blick zu folgen, war sich aber zunächst nicht ganz sicher, was sie sah. Dann fiel ihm auf, wie Tava ihren Kopf schräg neigte. Leicht, aber mit voller Absicht. Erneut folgte Devons Blick ihrer Blickrichtung und dann entdeckte er endlich einen anderen Cervidia, der genauso steif dastand. Auch er hatte den Kopf schräg gelegt, aber wesentlich stärker als sie.
      Oh, dachte Devon. Daher weht also der Wind.
      Schlagartig war Devon nicht mehr langweilig. Er fand es immer spannend, wenn sich zwei Leute der gleichen Rasse in die Haare kriegten. Was auch immer Tava für Probleme mit dem Kerl hatte, der jetzt langsam über die Tanzfläche zu ihnen stieß – eine angetrunkene Tava war definitiv für eine Unterhaltung zu haben.
      Während Devon sich jetzt aufrichtete und unter seinem Schal zufrieden grinste, bekam Malleus von dem Ganzen nur halb was mit. Jedenfalls bis zu dem Augenblick, als der Cervidia zu sprechen anfing, nachdem er auch Tavas Hörner eingehend gemustert hatte. Jap, bei denen ging alles über die Hörner. Vermutlich war das eine Egosache. Vielleicht hatte Tava ihn schon gekannt und irgendwann einfach wegen seiner kleineren Hörner gemobbt oder beleidigt. Abwegig war das immerhin nicht. Noch immer schwiegen ALLE Parteien und irgendwie wurde Devon das Gefühl nicht los, dass es hier nicht zu einer Schlägerei kommen würde.
      „Schön, nicht wahr?“
      Devon riss seine Augen auf und erschauderte bei dem Tonfall des Cervidia. Er saß zu nah an Tava dran und hatte immer noch sein geschärftes Gehör, was ihm leider jedes Wort direkt ans Ohr trug. Um Gottes Willen, der Kerl riss Tava gerade auf. Devon grinste breit, als er sich seinen Schal vom Mund wegzog, um den Wasserbecher vor seine Lippen zu führen. Na, dann hatte wenigstens eine heute ihren Spaß.
      Tava reagierte mit der Protesthaltung, die Devon nur allzu gut kannte. Hm, oder da kam eben niemand auf seine Kosten.
      Nur verschwand der Kerl einfach nicht. Hartnäckiges Kerlchen… „Willst du mal probieren?“
      Devon verschluckte sich an seinem Wasser. Was wollten die hier jetzt probieren?! Ob ihre Physiologie zueinander passte?! Devon sah fast schon erschrocken zu Tava.
      Und Tava stand von ihrem Platz auf.
      Devon teilte einen vielsagenden Blick mit Malleus, der das Schauspiel auch sichtlich interessiert beobachtete. Devon hatte keine Lust, live dabei zuzusehen, wie sich zwei Ziegen begatteten.
      Devons törichte Annahme wurde in den Sekunden darauf komplett revidiert. Was sich da zwischen Tava und dem Kerl entfaltete, hatte beinahe etwas Künstlerisches an sich. Es erinnerte Devon an die Stammestänze, die die Lacerta zu verschiedenen Anlässen aufführten. Es fühlte sich zeitgleich neu und vertraut an, weshalb Devon sichtlich entspannter wurde und sich den Becher nicht mehr als Tarnung vor das Gesicht halten musste. Dieses Hin und Her zwischen Tava und dem Kerl konnte man schon als faszinierend beschreiben. So etwas hatte Devon auf seinen Reisen noch nicht beobachten können. Wobei er ja auch Feste meistens mied, zu seiner Verteidigung.
      Aber irgendwas lief komisch. Da kamen plötzlich Spannungen auf, andere, wie noch kurz zuvor. Devon konnte es nicht recht deuten, denn dann ging es sehr schnell. Er bemerkte noch, wie sie ihren Stand ausbaute und dann riss sie den armen Verehrer einfach von den Füßen und zu Boden.
      Devon lachte – überhaupt nicht geplant – und schlug sich sogleich die Hand vor den Mund. Das war ja fast noch besser als ein stumpfes Aufeinander losgehen. Er lachte noch immer gedämpft, als Tava ihren Verehrer mit vernichtenden Worten auf die Bretter schickte und sich der Kerl endlich trollte. Bevor sich Tava aber wieder setzen konnte, hatte Devon sich das Grinsen aus dem Gesicht gewischt und starrte dem gebrochenen Cervidia hinterher. Den konnte er wenigstens ohne Lachen anschauen.

      Eigentlich, so dachte Devon, war das der Höhepunkt des Abends gewesen. Tava, wie sie einen Kerl in Cervidiasprache kastrierte. Damit hätte er zufrieden die Segel gestrichen, aber sie wollte noch länger bleiben und Malleus hatte sich gerade einen neuen Wein bestellt.
      Apropos Malleus. Der schien mittlerweile auch betagt zu sein, so wie der auf dem Tisch lungerte. Jetzt hatte Devon schon zwei angetrunkene Leute, die er später sicher durch die Straßen zurück bugsieren durfte. Noch ein Grund, warum eine Gruppe meist eine Last war. Irgendwann machte man sich Gedanken um die einzelnen Mitglieder.
      Nur aus Vergnügen folgte er immer wieder Tavas Blickrichtung, ob sie dieses Flirtverhalten nochmal an den Tag legte. Immer wieder tat er das, bis ihr Blick auf einmal auf ihm lag. Er hielt inne, starrte Tava an und entspannte sich, als ihr Blick weiterging zum nächsten Ziel: Malleus.
      Devons Augen wurden groß. Das war jetzt ja wohl nicht ihr Ernst? War sie so verzweifelt, dass sie jetzt gar in Erwägung zog, es mit Malleus…?
      Tava starrte Malleus an. Stocksteif, so wie eben auch mit dem Cervidia.
      Doch, das war ihr voller Ernst.
      Devon stellte seinen Becher ab und setzte beide Füße auf dem Boden auf. Er fühlte sich jäh an den Abend am Feuer erinnert, der hart eskaliert war. Auch da gab es Alkohol, auch da kam man sich zu nahe. Auch da war die Lage eskaliert, und das konnte hier nun niemand gebrauchen. Vorteil: Dieses Mal war Devon Herr seiner Sinne.
      „Malleus.“
      Sie war verdammt nah an ihn dran gerückt. So nah, dass es am Alkohol liegen musste, dass er es nicht eher bemerkt hatte. Die Stimme, mit der sie sprach, war leicht zittrig, nervöser Natur, die selbst Malleus nicht entging. Doch sehr zu Devons Schock tat der Mann genau das Gleiche wie der Cervidia zuvor. Er kippte den Kopf, schräg, so wie der Kerl vorhin auch und sprach damit eine Sprache, die er nicht verstand. Devons Beine spannten sich schon an. „Hm?“
      „Gefallen dir meine Hörner?“
      Das war das Signal für Devon. Er stieß sich mit beiden Händen vom Tisch ab, um aufzustehen, aber Tava ließ sich nicht beirren. Ebenso Malleus, der blinzelte und dann Luft holte, um eine Antwort zu sprechen.
      Junge, mach’s nicht, dachte Devon nur und hätte beinahe aufgestöhnt, als er es doch machte.
      „Der traditionelle Hornschmuck steht dir wirklich ausgezeichnet, Tava.“
      „Sooo, das reicht dann auch hier“, verkündete Devon, der sich hinter Tava aufgebaut hatte und über ihren Kopf hinweg Malleus mit einem vielsagenden Blick bedachte.
      Entschlossen schob er Tava seinen Arm um die Taille und zog sie weg von Malleus und dem Boden gleich mit, ran mit ihrem Rücken an seine Brust. Dieses Mal hatte er sie nicht an den Hörnern gehoben, aber erstaunt war er dennoch. Tava war noch leichter als letztes Mal, ganz zu Beginn, als er sie einst hochgehoben hatte. Fast so, als hätte sie abgenommen und würde bei zu starkem Zudrücken einfach durchbrechen. „Malleus möchte nicht spielen“, sagte er zu ihr, während er um den Tisch zurück zu seinem Platz ging, damit er Tava neben sich und weg von Malleus setzen konnte.
      Ganz soweit kam er nicht, denn Tava war nun mal… Tava. Sie fing an zu strampeln und zu bocken, sie klimperte wie ein Glockenspiel dabei, und als er sie immer noch nicht losließ warf sie wieder ihren Kopf nach hinten und prellte sein Schlüsselbein. Devon zischte leise, stolperte einen Schritt und verfehlte Tavas neuen Platz. Er fing sich mit seiner freien Hand am Tisch ab, sodass er gerade noch so auf seinem eigenen Stuhl zum Sitzen kam. Tava, die einfach mitgerissen wurde, weil er sie nicht losgelassen hatte, fand dabei ihren neuen Sitzplatz auf Devons Oberschenkel.
      Schön, dann hatte er sie wenigstens hier unter Kontrolle. Er warf einen Blick zu Malleus und dann zu dem Gebräu. „Wärst du so gut und schiebst das mal rüber?“
      Noch immer hatte Devon seinen Arm um Tavas Taille gelegt und machte keine Anstalten, sie freizugeben. So rollig wie sie gerade war, konnte man sie nicht einfach freilassen. Außer, sie wollten sie über die Nacht verlieren oder sie riskierte ein Theater mit Malleus. Also schluckte Devon die bittere Medizin und bestimmte einen neuen Sündenbock.
      „Frag mich doch auch mal“, raunte er ihr ins Ohr, als er sich zu ihrem Ohr beugte und all dem Geklimpere ausweichen musste. Das war ein minimaler Fehler gewesen, denn die nicht mehr vorhandene Distanz sorgte dafür, dass er die geballte Ladung ihrer Pheromone nun abbekam. Er holte unweigerlich tief Luft und riss sich von ihr zurück. Den Blick zum Himmel gerichtet fügte er hinzu: „Du hast nämlich ganz ansehnliche Hörner.“
      Damit hatte er vermutlich den Vertrag mit dem Teufel unterschrieben. Aber er musste sie ja nur hier halten. Tava mochte ihn gar nicht, hatte sie noch nie. Immer präsentierte sie ihm ihre Hörner, und solange sie seine Haltung nicht sehen konnte, hatte er auch nichts zu befürchten. Wenn da nur nicht diese verdammten Gerüche wären… Düfte, die durch die Feierlichkeiten außerhalb seines Fokus gewandert waren.
      Ohne darüber nachzudenken fächerte er die Hand, die seitlich an Tavas Flanke lag, auf. Sie war so schmal… so zart. Sie würde brechen, wenn er jemals auf die Idee kam, sie zu nehmen. Er musste diese Gedanken loswerden, er musste reden.
      Doch er bewegte sich kein Stück. Nur sein Kinn senkte sich wieder, da er nicht ständig in den Himmel starren konnte. „Gar nicht mal schlecht, wie du den Kerl eben zu Boden geschickt hast. Hat überhaupt nicht damit gerechnet. Du fandest seine Hörner nicht schön? Wie haben denn schöne Hörner auszusehen?“
      Dass er dabei schon wieder etliche Nuancen in seiner Stimme dunkler geworden war, bemerkte er nicht. Auch nicht, dass seine Pupillen sich leicht verengt hatten und dass sich seine Nase geradewegs auf den Weg zu ihren Haaren zu machen schien. Als es ihn an seiner Nasenspitze kitzelte, besann er sich und rückte ein Stück von ihr ab. Abermals.
      Devons Blick ging wieder zu Malleus. „Wie lange harren wir hier noch aus? Oder wie lange soll ich auf das Mädchen aufpassen?“
      Aufpassen… Ja… Ja! Aufpassen war das richtige Stichwort. Aufpassen war richtig, aufrichtig, unverfälscht. Harmlos. Aufpassen war jetzt sein Job und nichts anderes. Am besten gab er Tava einfach mehr von ihrem Gebräu, damit sie irgendwann die Besinnung verlor. Dann konnte er sie einfach in die Unterkunft tragen… Das war ein harmloser Weg…
    • Unwillkürlich änderte Tava die Schieflage ihres Kopfes in die andere Richtung, um sich Malleus anzupassen. Sicher war es nur ein Zufall, dass der Mann seinen Kopf so neigte, weil sie ihn bisher noch nie dabei erlebt hatte, wie er ihre Gesten aufgefasst und zurückgegeben hatte, aber Tava konnte einfach nicht das Kribbeln in ihrem Bauch ignorieren, das sich bei dieser Geste einstellte. Es stimmte zwar nicht ganz, es war nicht ganz die richtige... Neigung, aber für Tava war es genug. Für einen Menschen war es schon mehr, als sie wohl erwarten konnte. Ihr Körper sprang trotzdem darauf an.
      Sein Blick zuckte nach oben zu ihren Hörnern und Tava neigte daraufhin den Kopf noch mehr, präsentierte sie ihm und wurde dabei schon ganz aufgeregt und nervös, als er sich Zeit mit seiner Antwort ließ. Aus seiner Kopfhaltung würde sie nicht viel herauslesen können, daher erhoffte sie sich ein Lächeln oder... was auch immer sonst angebracht war. Irgendwas gutes. Tava hatte schöne Hörner und das musste ihm doch sicher auffallen! Oder?
      "Der traditionelle Hornschmuck steht dir wirklich ausgezeichnet, Tava."
      Da spürte sie das Blut in ihren Adern regelrecht gefrieren und erstarrte. Der… Hornschmuck stand ihr ausgezeichnet? Sie blinzelte, als sie versuchte, mit all ihrer Analysekraft herauszufiltern, was diese Antwort bedeuten sollte. Steckte da irgendwas dahinter? Übersah sie irgendwas? Aber das war doch lächerlich - sie hatte extra Rücksicht auf den Menschen genommen, sie hatte absichtlich eine Frage gestellt, die kaum missverstanden werden konnte! Gefielen ihm ihre Hörner, Ja Nein? Wie kam er denn auf ihren Hornschmuck?!
      Völlig verdattert starrte sie ihn an und öffnete schon den Mund, um ihre Frage etwas deutlicher zu wiederholen.
      „Sooo, das reicht dann auch hier“, kam es von hinten und Tava blieb gerade genug Zeit sich zu fragen, woher Devon denn jetzt auf einmal aufgetaucht war, als sich ein Arm um ihre Taille schob und sie mit einem Ruck hochhob. Hochhob. Sie verlor die Bank und den Boden unter sich und gab einen empörten und erschrockenen Laut von sich. Wagte dieser Kerl es jetzt wirklich, sie wieder hochzuheben? Gerade jetzt?!
      „Malleus möchte nicht spielen.”
      Vor Empörung verschlug es ihr kurz die Sprache. Aber nur kurz.
      Was geht dich das an?! Misch dich nicht ein, lass mich los! Lass mich runter!!
      Erniedrigung brannte heiß in ihrem Magen, als er sie wie ein Kind von Malleus wegbrachte, der immer noch keine deutliche Antwort gegeben hatte. Jetzt hatte sie sich schon getraut, ihn nach ihren Hörnern zu fragen, dann hatte sie keine richtige Antwort bekommen und jetzt sowas. All die Frustration entlud sie mit einem Kopfstoß nach hinten, der Devon hoffentlich ordentlich schmerzen würde. Das hatte er verdient, nachdem er sich jetzt auch noch in ihr Liebesleben einmischte. Als ob sie nicht sein Lachen gehört hätte, als sie den Cervidia zu Boden geschickt hatte!
      Aber der Lacerta ließ sich nicht beirren, allerhöchstens ein wenig aus dem Gleichgewicht bringen. Als er dann auf seinen Platz stolperte, riss er Tava dadurch gleich mit sich. Sie spürte seinen knochigen Oberschenkel unter sich und nahm sich vor, beim nächsten Mal seine Beine anzuvisieren. Das wäre sicher viel effektiver.
      Jetzt saß sie aber vorerst dort, der Arm noch immer um ihre Taille, um sie auch auf ihrem Platz zu halten, und sie musste sich entscheiden, wie sie ihren Kopf zu halten hatte, da Malleus jetzt vor ihr saß. Sie wollte ihn nicht abweisen, weil er das gar nicht verdient hätte, sie wollte es nicht noch einmal probieren, weil sie sich jetzt schon so sehr dafür schämte, und sie hatte auch keinen Grund, den Kopf unnötig zurück zu legen. Außerdem war da noch Devon hinter ihr, für den sie sich noch überlegen musste, wie sie ihm den Kopf abschlagen konnte. Dummer Lacerta, der sich hier einmischen musste! Sie sollte ihm die Schuppen mit ihren Hornspitzen zerkratzen!
      „Wärst du so gut und schiebst das mal rüber?“
      Sie schnaubte, als sie ihren Kelch zurück bekam. Den nahm sie in die Hände und bereitete sich darauf vor, den Inhalt über ihre Schulter hinweg in Devons Gesicht zu schleudern. Das wäre noch zurückhaltend für diesen Kerl.
      “Frag mich doch auch mal.”
      Die geraunte Stimme in ihrem Ohr ließ sie plötzlich erschaudern. Sie erstarrte auf halbem Weg und riss ungläubig die Augen auf.
      „Du hast nämlich ganz ansehnliche Hörner.“
      Und da war es, so plötzlich und unerwartet, dass Tava Luft einsog. Das Kribbeln in ihrem Leib erblühte plötzlich zu einer Hitze, die ihr bis in den Kopf stieg und jeden hintersten Winkel ihres Körpers auszufüllen schien. Von jetzt auf gleich war ihr so heiß, dass sie auf Devons Schenkel herumrutschte in einem Versuch, sich abzukühlen. Es war Devon, der das gesagt hatte! Sie hatte ihn noch nicht einmal gefragt! Was sie von Malleus hatte hören wollen, bekam sie jetzt plötzlich von dem Lacerta.
      Weil er sie nichtmal ansatzweise losließ, musste Tava sich jetzt verrenken, um einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Sie musste sehen, ob er das ernst meinte oder genauso lachte wie vorhin. Sie musste sehen, ob er es richtig gesagt hatte, wovor sie sich genauso sehr fürchtete. Sie fürchtete, was es mit ihr machen könnte, den Lacerta hinter ihr sitzen zu sehen, den Kopf so schief gelegt wie der Cervidia oder vielleicht auch nur wie Malleus. Wie ihr Körper darauf reagieren könnte.
      Sein Kopf war aber ganz gerade, wenngleich er zumindest nicht lächelte wie vorhin. Seine schmalen Augen bohrten sich förmlich in ihre rein.
      ... Wirklich?
      Sie bereute die Frage gleich wieder, als sie sie gestellt hatte. Bitte antworte nicht, bitte antworte nicht, bitte antworte nicht.
      “Gar nicht mal schlecht, wie du den Kerl eben zu Boden geschickt hast. Hat überhaupt nicht damit gerechnet. Du fandest seine Hörner nicht schön? Wie haben denn schöne Hörner auszusehen?”
      Jetzt besaß Tavas Gesicht die absolute Frechheit, auch noch rot anzulaufen. Sie hätte Devon jetzt ihre Hörner so sehr ins Gesicht gedrückt, dass er davon Abdrücke davontragen würde, aber weil er hinter ihr saß, konnte sie nicht viel mehr tun als den Kopf einzuziehen. Sich klein machen und darauf hoffen, dass Malleus diese absolut peinliche Frage nicht gehört hatte.
      Das… Das fragt man nicht einfach so!”, zischte sie aufgebracht zurück und unternahm noch einen Versuch, sich loszuwinden. Er scheiterte.
      Jetzt konnte sie Malleus nicht ins Gesicht sehen und sie konnte Devon nicht ins Gesicht sehen und sie war frustriert und verwirrt. Verwirrt, weil Devon ihr gerade gesagt hatte, dass er ihre Hörner ansehnlich war. Ihr wurde immernoch unangenehm warm dabei.
    • Verwirrung zeichnete sich im Gesicht der Cervidia ab. Malleus zog ebenfalls fragend die Augenbrauen zusammen bis sich grüblerische Falten über seine Nasenwurzel bildeten. Es war kaum zu übersehen, dass es hinter ihrer Stirn arbeitete während sie seine Worte sorgfältig abwog. Für einen Augenblick glaubte Malleus etwas Falsches gesagt zu haben, da schlang sich ein kräftiger Arm beherzt um die schlanke Taille und Devon hob Tava mit Leichtigkeit von der Bank...und außer Reichweite von Malleus. Er hatte nicht registriert, dass der Lacerta geradezu alarmiert von seinem Platz aufgesprungen war und sich aus irgendwelchen Gründen dazu entschieden hatte, die eigenartige Situation aufzulösen. Die Erkenntnis, das er gerade ganz knapp an einer Eskalation der besonderen Art vorbei geschlittert war, wurde Malleus erst wenige Sekunden später bewusst.
      „Sooo, das reicht dann auch hier“, verkündete Devon und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. "Malleus will nicht spielen."
      “Was geht dich das an?! Misch dich nicht ein, lass mich los! Lass mich runter!”, fauchte Tava prompt.
      Als hätte sich um Malleus eine unsichtbare Blase aufgetan, verkam der Lärm der Festes, das Lachen der Feiernden und die angeheizte Musik, zu einem dumpfen Hintergrundgeräusch.
      Um Malleus' Augenwinkel zuckte es verdächtig und der Mann richtete sich aus seiner entspannten Sitzposition auf. Unwillkürlich folgte sein gesamter Körper der zappelnden Tava und dem davon unbeeindruckten Devon. Selbst der schwungvolle Treffer mit den Hörnern, die unaufhörlich in ihrer ganze eigenen Melodie klimperten, brachte ihn zwar aus dem Gleichgewicht aber zeigte ansonsten keinerlei Wirkung. Langsam und - trotz des benebelnden Effekts des Weines - geschmeidig wechselte Malleus seine Position und schwang seine Beine über die Bank und drehte sich zu seinen Gefährten herum. Er verpasste keine Sekunde davon, wie Devon strauchelte und Tava unbeabsichtigt in seinem Schoß landete. Sein Blickfeld schrumpfte auf den Mann und die Frau zusammen, die beide von dem neuen Sitzarragement ganz ohne Zweifel genauso überrumpelt waren.
      Tava wirkte unglaublich zierlich und zerbrechlich in dem festen Griff des Lacerta. Sein Blick glitt über den sanften Schwung ihrer Taille, um die sich der kunstvoll und leuchten roten Seidenstoff schmiegte, bis zu dem angespannten Unterarm, dessen Muskeln sich kaum merklich unter dem störenden Hemdsärmel abzeichneten. Beinahe augenblicklich schrumpfte sein gesamter Fokus auf Devons Hand zusammen. Seine Hand schmiegte sich um Tavas Flanke und Malleus stellte sich vor, dass er die zarte Wärme ihrer Haut durch die dünne Seide unter seinen gespreizten Fingern fühlen konnte...
      „Wärst du so gut und schiebst das mal rüber?“
      Er blinzelte und ein kurzer Augenblick der Starre verging bis Malleus der Bitte nachkam. Kaum hatte er den Becher freigeben, war die Hand an Tavas Flanke nicht mehr das Ziel seiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Gemächlich beugte sich Devon das ihr Ohr und Malleus wusste, das sein heißer Atem die zarte Haut streifte, als die weichen und gekräuselten Haarsträhnen hinter ihrem Ohr erzitterten. Der Kultist neigte sich ganz von selbst ein wenig vor und fühlte wie die angespannten Muskeln in seinem Hals zuckten.
      "Frag mich doch mal. Du hast nämlich ganz ansehnliche Hörner", raunte Devon mit tiefer Stimme, die jedes Ohr umschmeichelt hätte.
      Malleus spürte das vertraute aber seltene Gefühl von heißglühender Glut, die zwischen seinen Schulterblättern begann und sich zäh seine Wirbelsäule hinabbewegte. Von dort aus breitete sich die Hitze in seinem gesamten Nervensystem aus. Sein Blick zuckte zu Tava, die aufgrund der Worte unruhig auf Devons Oberschenkel hin und her rutschte, als könnte sie keine Sekunde länger still sitzen.
      Das hübsche Gesicht der Cervidia war tiefrot angelaufen. Der Gedanke, dass nicht allein die Schamesröte daran Schuld war, sondern die glühende Hitze ihrer Wangen noch einen gänzlich anderen Ursprung hatte, traf ihn völlig unvorbereitet. Dass Devon sich wie magisch angezogen vorbeugte und sich in letzter Sekunde davon abhalten konnte, die Nase in Tavas Haarschopf zu vergraben, tat sein Übriges dazu.
      Im Bruchteil seiner Sekunden zogen sich Malleus' Pupillen auf die Größe von Stechnadelköpfen zusammen um gleich darauf beinahe die gesamte, dunkelbraune Iris zu verschlucken.
      „Wie lange harren wir hier noch aus? Oder wie lange soll ich auf das Mädchen aufpassen?“, fragte Devon.
      Malleus, der mit einer Hand nun den Wein umfasste und das Kinn auf den Handrücken der anderen abgelegt hatte, ließ seinen Blick betont langsam über Devon und Tava wandern. Als er sich endlich dazu entschloss Devon eine Antwort zu geben, hatte seine Stimme eine solche Tiefe erreicht, dass er die Vibration der Silben in seinem Brustkorb spüren konnte.
      "Du willst gehen? Dabei habt ihr es euch gerade so gemütlich gemacht, mein Freund...", antwortete Malleus mit der perfekten Imitation einer Unschuldsmiene obwohl der Klang seiner Stimme nicht weiter davon entfernt hätte sein können. Die Pupillen zuckten, wurden erst klein, dann wieder gewaltig groß.
      Gemächlich glitt sein Blick von Devon zu Tava, die gerade versuchte vor Scham im Boden zu versinken und jedem Blickkontakt konsequent vermied.
      "Tava, sieh mich an", verlangte Malleus mit einem fordernden Unterton.
      Die Glut tröpfelte zäh wie heißes Kerzenwachs nun von seinem Brustkorb immer tiefer, Tropfen für Tropfen. Ein schmales, aber zweifellos amüsiertes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, dass er versuchte Tava aufzuziehen. Ganz im Gegenteil.
      "Versuchen ein Spiel mit mir zu beginnen ohne mir die Spielregeln erklären. Ein unfairer Vorteil, denkst du nicht? Tava, Tava, Tava...", murmelte und klickte mit der Zunge. Die dunklen Augen glühten im schwummrigen Licht des Festes.
      "Was für eine gerissene, junge Frau du doch bist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als Malleus antwortete, war seine Stimme eine ganze Oktave tiefer gerutscht. Tief und rauchig brummte sie in seiner Brust und ergatterte Tavas ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie war fordernd, aber nicht harsch; sie verlangte von Tava und gleichzeitig rief sie in ihr das Bedürfnis hervor, unbedingt zu geben und zu gehorchen. Sie hatte Malleus nicht ansehen wollen, aus Angst, die falsche Antwort auf ihre Frage in seinem Gesicht ablesen zu können, aber dieser Stimme konnte sie nichts entgegen halten.
      "Tava, sieh mich an."
      Unweigerlich sah sie wieder zurück zu ihm - und was sie erblickte, ließ zumindest die Zweifel über ihre Hörner gänzlich verschwinden. Malleus sah nicht so aus, als würde er ihre Hörner abweisen; im Gegenteil. Er hatte seine vorherige Haltung aufgegeben, mit der er den Trubel auf dem Platz beobachtet hatte, und sich stattdessen voll und ganz auf Devon und Tava ausgerichtet. Seine Miene war noch immer gänzlich entspannt, aber doch lag dort ein ganz anderer Ausdruck darin. Es schien Tava wie das menschliche Äquivalent zu sein, den Kopf schief zu legen, um die Hörner zu präsentieren. Nur ganz leicht nur, vorsichtig. Versuchsweise.
      Seine Augen waren so groß und dunkel, dass sie Tava zu verschlucken drohten.
      "Versuchen ein Spiel mit mir zu beginnen ohne mir die Spielregeln erklären. Ein unfairer Vorteil, denkst du nicht? Tava, Tava, Tava..."
      Unweigerlich hob sie ihren Kopf an. Es war nur ein bisschen, nicht so ausgeprägt wie der Cervidia, der seinen Kopf gleich ganz nach hinten gerissen hatte, aber es ging in die Richtung. Es war unmissverständlich. Tava hätte nur gern eine Antwort auf ihre Frage gehabt, so so gerne...
      "Es ist kein Spiel, nur eine Frage. Dafür musst du nichts wissen", entgegnete sie, aber zugegeben, selbst in ihren Ohren hörte sich das ein wenig schwach an. Sie hatte ja nicht Malleus gezielt "überlisten" wollen, sie wusste ja nur, dass Menschen mit einer deutlicheren Sprache umgingen als Cervidia. Sie hatte ja nur auszugleichen versuchen, was er ihr durch seinen Kopf nicht zeigen konnte.
      "Was für eine gerissene, junge Frau du doch bist."
      Da wurde Tava gleich ganz still. Es war zwar nicht die Antwort, die sie sich erhofft hatte, aber... bei den vier Feuern, es machte doch etwas mit ihr. Diese Stimme, dieser Blick, dieses sanfte Kompliment von dem Mann, vor dem sie auch sonst zu spuren versuchte... mit einem Schlag wurde Tava klar, dass sie mehr davon haben wollte. Viel mehr. Sie konnte ja vielleicht doch darauf verzichten, was er über ihre Hörner zu sagen hatte.
      Unweigerlich griff sie zu der Hand auf ihrer Hüfte, die sie bis dahin als störend empfunden hatte, die aber mit einem Mal ihre Nervenenden befeuerte. Schwer lag sie dort und hielt sie fest, gar nicht so unangenehm, eigentlich sogar etwas, was sie haben wollte. Jetzt sträubte sie sich auch nicht mehr, sie sah Malleus nur mit großen Augen an, den Kopf angehoben. Sie hoffte darauf, dass sie diese Stimme wieder zu hören bekommen würde.
    • Wie erhofft hatte Tava auf seine Frage hin aufgehört zu zappeln. Wie ihr Gesichtsausdruck dabei aussah, konnte er nur erahnen, aber seine Vermutung war von der Realität gar nicht so weit ab. Dann fing sie doch wieder an zu zappeln und versuchte sich auf seinem Schoß zu drehen, was ihr halbwegs gelang und sie dadurch einen Blick auf sein mühsam stoisch gehaltenes Gesicht bekam. Gott sei Danke entschied sie sich dagegen, ihn länger anzusehen, denn sonst wären ihm vielleicht noch andere, brillante Ideen in den Kopf geschossen.
      Solche, wie die Frage nach den Hörnern des anderen. Eigentlich hatte er angenommen, dass Tava auf das Kompliment davor reagierte, aber stattdessen ging sie nur auf den letzten Teil ein. Scheinbar musste die Sache mit den Hörnern ja noch größere Brisanz haben, als der Lacerta annahm. Das schien nicht so recht nach ihrem Geschmack zu sein, denn das aufmüpfige Zicklein war wieder zurück, zischte ihn an und versuchte sich abermals, aus seinem festen Griff zu lösen.
      Devon hatte im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun. So sehr, dass ihm gewisse Signale vom Dritten des Bundes gar nicht aufgefallen waren. Erst, nachdem er ihn fragte, wie lange er hier noch den Sitter spielen sollte, richtete sich der Fokus des Jägers neu aus.
      Und wie ihm etwas entgangen war.
      Noch immer zappelte Tava um ihr Leben, doch Devon war zur Salzsäule erstarrt. Er kannte diesen Ausdruck in den Augen von Männern. Das war eine Sprache, die übergreifend gesprochen wurde und die keinerlei Erklärung bedurfte. Selbst in diesem gedämpften Licht erkannte Devon, dass Malleus Pupille sich ständig weitete und wieder schrumpfte. Wie bei einer Katze, die etwas sah, das ihr gefiel. Mit einem Mal fühlte sich der Jäger wie auf dem Präsentierteller und stellte fest, dass ihm das so gar nicht gefiel. Malleus hatte seine Haltung geändert, lungerte nicht mehr halb auf dem Tisch herum, sondern hatte sich ihnen ganz gezielt zugewandt, eine Hand am Becher, die andere als Stütze für sein Kinn aufgestellt. Er beobachtete eine Show. Ihre Show.
      „Du willst gehen?“, fragte Malleus, dessen Stimme so tief geworden war, dass es selbst dem Jäger einen Schauer über den Rücken schickte. Wenn es die Augen nicht verraten hätten, dann war es zweifellos die Stimme, die der Mann jetzt nutzte. Das hier ließ Devons Annahme, dass sich Malleus für sowas gar nicht interessierte, sehr stark ins Wanken geraten. „Dabei habt ihr es euch gerade so gemütlich gemacht, mein Freund…“
      Devon biss die Zähne zusammen. „Sieht das nach gemütlich aus?“
      Denn Tava versuchte immer noch, sich aus seinen Fängen zu befreien. Und ehrlich gesagt, war Devon geneigt, sie einfach gehen zu lassen. Dann war Malleus‘ Fokus weg von ihm und scheinbar schwebten beide gerade auf derselben Wellenlänge. Er wäre nichts als ein Beisteher, der sich viel zu nah an die Sonne wagte und dann verbrannte.
      „Tava, sieh mich an.“
      Ja, lenk ihren Fokus auf dich und konzentrier dich auf sie, dachte Devon schließlich. Interessier dich für die Frau.
      Tatsächlich schien sich sein Fokus komplett auf die Cervidia zu richten, die er mit seinen Worten in die Falle lockte. Devon machte gedanklich drei Kreuze, dass Malleus nicht auf die glorreiche Idee kam, ihn ähnlich zu locken. Der Lacerta konnte nicht verstehen, wieso Tava nicht längst die Reißleine zog, als Malleus ein doch sehr eindeutiges Lächeln am Rande seines Mundwinkels tanzen ließ.
      Oh, Moment. Konnte er doch. Alkohol und doch eine gewisse Zugetragenheit. Das reichte ja schon vollends aus.
      „Was für eine gerissene, junge Frau du doch bist“, fügte Malleus noch hinzu und Devon fluchte innerlich laut auf.
      Da, wo vorher noch eine dezente Note Angst in der Luft gelegen hatte, machte sich nun ein anderer Duft breit. Schwer und samtig, der drohte, auch Devon einzuhüllen. Bemüht beiläufig versuchte Devon sich so weit es nur ging von Tava weg zu lehnen und drehte den Kopf zur Seite in der Hoffnung, einen günstigeren Luftzug zu erwischen. Doch dann legte sich eine Hand auf jene, die sich an Tavas Flanke geschmiegt hatte, und die Cervidia stellte jegliche Gegenwehr ein. Nur änderte das nichts an dem Punkt, dass sich hier gerade etwas zwischen dem Menschen und der Cervidia anbahnte. Nichts, wo ein Lacerta etwas zu suchen hatte. Wären da diese lästigen Düfte nicht gewesen, hätte er auch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, Tava als das wahrzunehmen, was sie war: eine Frau.
      Der Arm um Tavas Taille lockerte sich. Die Hand an ihrer Flanke löste sich und entzog sich der kleineren Frauenhand. Noch immer war seine Kiefermuskulatur angespannt, während er seinen Blick konsequent abgewandt hielt. Er wollte keinen Grund liefern, dass sich Malleus‘ Fokus ein weiteres Mal verschob.
      „Viel Spaß, Tava. Hab ich mich getäuscht. Malleus will doch spielen“, sagte er knapp und ließ die Arme zur Seite sinken.
    • Die Hand unter Tavas bewegte sich und einen Augenblick später verließ sie ihre Hüfte. Devon war hinter ihr ähnlich unbewegt geworden wie sie, aber dann hatte er sich zur Seite gelehnt, als wäre ihm ihr zusätzliches Gewicht mit einem Mal unangenehm geworden. Tava fragte sich, ob er vielleicht beleidigt war, weil sie sein Kompliment nicht erwidert hatte. Vielleicht legten Lacerta ja einen Wert auf... ihre Schuppen oder so etwas. So wie Menschen einen besonderen Wert drauf legten, dass man ihre Geschlechtsteile komplimentierten.
      „Viel Spaß, Tava. Hab ich mich getäuscht. Malleus will doch spielen.“
      Tava warf Devon einen kurzen Blick über die Schulter hinweg zu, ob sich jetzt etwas aus seiner Miene herauslesen ließ, aber der Mann starrte einfach genauso stoisch zurück. Er schien es ernst zu meinen und dabei schien er nicht außerordentlich eingeschnappt zu sein. Zumindest konnte Tava bei ihm das nicht herauslesen.
      Also fragte sie nicht noch einmal nach. Sie rutschte von seinem Schoß und in Windeseile war sie wieder bei Malleus und glitt auf die Bank neben ihn. Er schien sich unweigerlich zu versteifen, als sie ihm wieder so nahe kam, aber er ging nicht. Sowas wäre ein eindeutiges Zeichen gewesen.
      Jetzt legte Tava wieder den Kopf schief, ganz das Spiel, das sie vorher unterbrochen hatten. Ihr Unterleib brannte von der Erwartung, endlich eine Antwort bekommen zu können.
      "Und? Du kannst sie auch berühren, wenn du willst. Sie sind ganz stark, versprochen."
    • „Sieht das nach gemütlich aus?“, murrte Devon.
      Ein dunkles, tiefes Rumpeln erklang in seiner Kehle. Über die Musik, die zu später Stunde mit aufgeladenen und betörenden Klängen lockte, ging der seltene Klang beinahe unter. Es gab nicht viele Personen, die jemals Zeuge davon geworden waren, dass Malleus mit einem aufrichtigen Lachen aufwartete. Vielleicht befand sich Devon tatsächlich in einer unangenehmen Situation, deren Auswirkungen auf sich selbst er nicht bedacht hatte, doch er entzog sich ihr auch nicht. Es wäre ein Leichtes für Devon gewesen, Tava wieder von seinem Schoß zu heben. Malleus wusste die Geste, als das was sie war, zu schätzen. Nachdem das letzte physische Aufeinandertreffen zwischen ihm und dem Lacerta etwas aus dem Ruder gelaufen war, konnte er ihm die Vorsicht und Weitsicht nicht übel nehmen. Er hatte Devon in den vergangenen Minuten genug Anlass dazu gegeben, seiner Kontrolle zu misstrauen.
      Seine Worte hatten die erwartete Wirkung, wenn auch um ein Vieles stärker als angenommen, auf die Cervidia. Ganz sachte hob sie das Kinn an und präsentierte ihm die dünne, verletzliche Haut ihres Halses. Im Vergleich zu dem fremden Cervidia von zuvor, war die Bewegung fast subtil, aber nun erkannte Malleus das Muster...und den leichtfertigen Fehler in seiner Körperhaltung, die er zuvor an den Tag gelegt hatte. Danach wurde Tava ganz still auf Devons Schoß und sah ihn mit großen Augen an. Das deutlichste Bestätigung bekam er allerdings von Devon, der offenbar versuchte sich möglichst viel Abstand zwischen sich und die Frau zu bringen, ohne dabei seinen Griff um ihre Hüfte aufgeben zu müssen. Als er den Kopf drehte und seine Nasenflügel bebten, war sich Malleus absolut sicher.
      „Viel Spaß, Tava. Hab ich mich getäuscht. Malleus will doch spielen."
      Das kam unerwartet.
      Malleus beobachtete wie die gewünschte Balance der Situation unerwartete zu einer Seite kippte. Devon zog plötzlich den Arm zurück und Tavas Hand rutschte von ihrem neuen Platz auf seinem Handrücken. Wieder klickte Malleus mit der Zunge an seinem Gaumen, so, wie er es zuvor bei Tava getan hatte, als würde er einen Tadel aussprechen wollen. Er widerstand dem Reflex die Worte, die sich langsam in seiner Kehle formten, laut auszusprechen und versuchte noch den Blick des Lacerta aufzufangen, aber dann...
      Tava rührte sich und warf einen kurzen Blick über ihre Schulter, doch offensichtlich fand sie nicht das, wonach sie suchte. Die Cervidia glitt von Devons Schoß und umrundete zielstrebig den Tisch um ihren alten Sitzplatz einzunehmen. Über das Gesicht des Kultisten huschte ein flüchtiger Schatten der Enttäuschung. In seinen Worten hatte mehr Gewicht gelegen, als beabsichtigt.
      Also drehte er sich wieder zu Tava.
      Dieses Mal neigte er ganz bewusst den Kopf in die gleiche Richtung wie Tava. Als würde er ihr Angebot, ihre Hörner zu berühren in Erwägung ziehen, glitt sein Blick über deren geschwungene Form, die ganze Länge entlang.
      "Deine Hörner sind wunderschön, Tava", raunte er, doch seine Mimik veränderte sich. "Schön und stark."
      Das weiche Lächeln, dass er für Tava bestimmt hatte, bekam einen ernsten Zug, erstarb jedoch nicht. Noch bevor das erste Zucken ihren Körper erfasste, das Malleus verkündete, dass sie im Begriff war sich zu bewegen, hob er seine Hand zwischen ihnen. Die Geste hatte eine solche Präsenz, dass er ihre Aufmerksamkeit selbst ohne Worte auf den schwarzen Lederhandschuh lenkte um ihre etwas ehr Wichtiges in Erinnerung zu rufen.
      "Ich weiß, was du von mir erwartest, aber ich kann dir nicht geben, wonach du dich sehnst. Nicht das", wisperte er, laut genug, dass auch die feinen Ohren des Lacerta jedes Wort verstehen konnten.
      Quälend langsam streckte Malleus die Hand in ihre Richtung aus, bis seine Fingerspitzen fast ihr Kinn berührte, doch sie schwebten nur für den Bruchteil einer Sekunde vor ihrem Ziel. Als Tava sich instinktiv vorlehnte, zog er die Hand zurück. Ein winziges Stückchen, genug um sich ihr zu entziehen. Dieses Hin und Her wiederholte sich innerhalb eines Wimpernschlages.
      "Ich werde dich nicht berühren. Ich kann dich nicht berühren. Nicht so, wie du es dir wünscht. Es gibt Grenzen und die kann ich nicht übertreten. Auch nicht für dich, Tava. Nicht jetzt", fuhr er fort.
      Erst als sie vollkommen still hielt, streckte er die Hand erneut aus und dieses Mal berührte das von seiner Körpertemperatur erwärmte Leder den zarten Schwung ihres Kiefers, als wollte er sie dafür belohnen, dass sie sich nicht bewegte. Er brummte zufrieden tief in seiner Brust.
      "Das, ist alles, was ich dir im Augenblick geben kann", murmelte, fasziniert von dem schwarzen Leder, das über ihre Haut glitt.
      Dann neigte sich Malleus vor, näherte sich mit seinem Lippen ihrem Ohr und kam ihr, selbst für seine Verhältnisse gefährlich nah. Das alles geschah ohne das er Tavas Körper berührte, außer an der Stelle, an der er es erlaubte. An diesem winzigen Punkt, an dem seine Fingerspitze über die Wölbung ihrer Ohrmuschel strich.
      Obwohl keinerlei Zittern oder Unebenheit seine Stimme trübte und seine Bewegungen leicht und fließend wirkten, standen sämtliche seiner Muskeln unverkennbar unter einer zehrenden Spannung. Hin und wieder zuckten ganz subtil seine angespannten Kiefermuskeln.
      Mit seinem Zeigefinger schob er eine Locke ihres Haare von ihrem Ohr zurück und aus dem Augenwinkel sah er zu Devon, die Pupillen unglaublich weit und dunkel.
      "Aber ich kenne jemanden, der es kann...", wisperte er in ihr Ohr.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Diesmal erwiderte Malleus auch die Neigung des Kopfes und Tava spürte ihr Herz aufblühen von ekstatischer Vorfreude. So ähnlich musste sich auch der Cervidia gefühlt haben, als Tava ihn entdeckt und seine Geste erwidert hatte. Doch was sonst ein geziemter Flirt war, war nun regelrecht überwältigend nach dem, was Tava von Malleus bereits bekommen hatte. Noch dazu, weil er es als Mensch ganz bewusst tat. Irgendwie fühlte sich das ganze damit viel intensiver an.
      Malleus ließ sich Zeit, ihre Hörner zu betrachten, und Tava spürte mit jeder verstreichenden Sekunde ihr Herz schneller schlagen. Sie hielt still, ganz still, so wie es ihr körperlich nur irgendwie möglich war, während sie Malleus alles ansehen ließ. Und dann:
      "Deine Hörner sind wunderschön, Tava. Schön und stark."
      Das Kompliment floss wie siedendes Feuer durch ihren Körper, kribbelte in ihren Händen und ließ ihr Herz einen Sprung machen. Mit einem Mal gab es nichts anderes mehr für Tava als Malleus selbst, als seinen verschlingenden Blick auf ihr, seine dunkle Haut, die ihr so nahe war, sein Hals, den er noch immer offen hielt. Sie sog die Luft scharf ein und vergaß sich selbst. Sie vergaß, dass sie einen Menschen vor sich hatte, dass sie sich zurückhalten musste, dass das hier anders ablief. Zu stark war das Bedürfnis, das Verlangen, das Angebot jetzt sofort anzunehmen. Es war kein Angebot gewesen, es war doch ein Mensch! Ganz egal, Tava war schon längst darüber hinaus.
      Hätte er sie in dieser Sekunde nicht davon abgehalten, indem Malleus die Hände hob, wäre Tava das letzte, lächerliche Stück zu ihm gerutscht, hätte den Arm um die Hüfte des schlanken Mannes geschlungen, ihn zu sich gezogen und genommen, was er ihr angeboten hatte. Was sie damit längst angenommen hatte. Ihm gegeben, was sie ihm angeboten hatte. Sie hätte sie beide miteinander verschmelzen lassen.
      Aber seine Geste hielt sie davon ab. So einfach war sie und so mächtig war sie doch, um Tava selbst ohne Worte zurückzuhalten.
      "Ich weiß, was du von mir erwartest, aber ich kann dir nicht geben, wonach du dich sehnst. Nicht das."
      Tava verzog das Gesicht, ungeduldig, flehend. Wenn er sie doch wollte, warum dann noch die Zeit mit belanglosen Worten verschwenden?
      "Das kannst du. Klar kannst du das."
      Natürlich wusste sie, was er meinte, aber sicher gab es doch Ausnahmen für ihn. Sicher konnte er doch jetzt irgendwie eine Ausnahme schaffen?!
      Langsam hob er die Hand an ihr Gesicht, wie um unterbewusst ihre Gedanken zu bestätigen. Tava fühlte sich mittlerweile so ungeduldig, so an ihrem eigenen Feuer verschmorend, dass sie selbst diese kleine Berührung ersehnt hätte. Alles - nur irgendwas! Jetzt war sie schon so weit gekommen; wieso wollte er sie denn nicht, wenn er doch ihre Hörner mochte?!
      Aber er berührte sie nicht. Nichtmal ein bisschen.
      "Ich werde dich nicht berühren. Ich kann dich nicht berühren. Nicht so, wie du es dir wünscht. Es gibt Grenzen und die kann ich nicht übertreten. Auch nicht für dich, Tava. Nicht jetzt."
      "Warum nicht?"
      Jetzt war sie regelrecht verzweifelt. Verzweifelt und frustriert.
      "Nur dieses eine mal? Oder nicht so viel?"
      Wieder hob er seine Hand und diesmal widerstand sie ihrem Drang, sich sofort wieder auf den Mann zu stürzen, und hielt still, als wolle sie ein scheues Tier nicht verscheuchen. Diesmal kam die Berührung, aber so sanft sie doch war, so enttäuschend war sie auch.
      Dafür war das Brummen tief aus seiner Kehle sehr viel befriedigender. Sobald Tava es einmal gehört hatte, wollte sie es am liebsten gleich nochmal hören. Und nochmal und nochmal. Ganz absichtlich hielt sie noch immer so still.
      "Das, ist alles, was ich dir im Augenblick geben kann."
      Die Enttäuschung stand Tava vermutlich auf dem Gesicht geschrieben. Es war nicht so schlimm wie von Malleus gesagt zu bekommen, dass er ihre Hörner nicht mochte, aber es ging schon in eine derartige Richtung. Jetzt doch niedergelassen zu werden, nachdem sie es doch noch so weit geschafft hatte - das war unglaublich ernüchternd. Dabei wollte sie jetzt nichts sehnlicher als diesen Mann wenigstens zu küssen, wenn sie ihn schon nicht anfassen konnte, wenn er es schon auch nicht tun konnte. Es war doch nicht zu viel verlangt? Nur ein Kuss, nur um das Feuer in ihrem Inneren ein wenig zu stillen!
      Da beugte sich Malleus zu ihr vor und Tava schöpfte doch noch Hoffnung, bis er allerdings an ihrem unbewegten Kopf vorbeizog und eine Strähne beiseite strich. Unwillkürlich neigte Tava den Kopf weg von ihm, ganz aus instinktivem Drang heraus. Genauso sehr wollte sich der Rest ihres Körpers an ihn schmiegen, aber sie hielt sich mit Willenskraft alleine zurück. Wie lange sie das allerdings noch aushalten würde, das war höchst fraglich.
      Da spürte sie allerdings schon seinen Atem an ihrem Ohr.
      "Aber ich kenne jemanden, der es kann..."
      Seine Stimme drang ihr durch den ganzen Körper. Und als hätte er es ihr befohlen, richtete Tava den Blick auf Devon.
      Der Lacerta saß ganz unbewegt, hatte sich nicht gerührt, seit Tava ihn verlassen hatte. Sein Blick lag auf ihnen beiden, unleserlich und doch mit einer Intensität, die Tava nicht deuten konnte. Das hätte sie auch nicht nüchtern geschafft.
      Für sich selbst betrachtet hätte Tava niemals verstanden, worauf Malleus hinaus wollte, wo er doch derjenige war, den sie haben wollte. Den sie berühren wollte. Der ihre Hörner gefielen.
      Aber Devon gefielen sie auch. Er hatte sie ansehnlich gefunden, noch bevor Malleus es gesagt hatte. Tava hatte ihn zwar nicht explizit gefragt, aber der Lacerta war von Haus aus eine eher rohe Natur. Tava konnte ihm das noch verzeihen.
      Jetzt starrte er sie an und Tava... nun, Tava konnte die Lage doch noch einmal überdenken. Sie hatte Devon nicht einmal eine richtige Chance gegeben. Das war doch unfair, jetzt da Malleus offen abgelehnt hatte. Dabei hatte der Lacerta sicher nur auf seine Art versucht, mit ihr zu flirten. Immerhin wusste sie über das Echsenvolk wesentlich weniger als über die Menschen, vielleicht war das auch einfach nur sein Versuch gewesen, ihr ein Angebot zu machen.
      Also entschied sie sich und machte kurzen Prozess aus dem Dilemma. Wieder stand sie auf, wieder umrundete sie den Tisch, aber diesmal ließ sie sich nicht neben Devon nieder so wie bei Malleus. Devon war bereits einen Schritt weitergegangen. Tava rutschte dafür ganz gezielt zurück auf seinen Schoß.
      Bei Malleus schien es der Position geschuldet zu sein, aber bei Devon, der jetzt direkt vor ihr aufragte, wurde es deutlich, dass Tava es mit Absicht tat. Sie näherte sich von unten herauf, bis sie sich richtig aufsetzte. Ihr Rücken drückte sich dabei durch wie bei einer Katze.
      Jetzt hatte auch sie den Kopf schief gelegt, als sie Devon so direkt anstarrte. Und das wirklich direkt. Natürlich hatte sie sich mit dem Gesicht zu ihm auf ihn gesetzt, damit ihr jetzt keine Regung entgehen würde, damit sie wirklich genau beobachten konnte, was er sagte. So wie bei Malleus.
      Eindringlich starrte sie in die reptilienartigen Schlitzaugen.
      "Sie gefallen dir, ja? Du magst sie?", fragte sie, die Stimme gesenkt. Jetzt wollte sie das Ja auch von Devon hören, wollte sehen, wie er ihre Hörner musterte. Hoffentlich sah Malleus noch immer dabei zu, sah, was er selbst nicht tun konnte.
    • Es war nicht mal ein Zögern dabei, als sich Tava von Devons Schoß aufrichtete, kaum hatte er sie freigegeben. Eine Spur Erleichterung flutete ihn als er begriff, dass er eine drohende Katastrophe für zwei Fraktionen abgewendet hatte. Jetzt war auch der erste Moment gekommen, wo er sich nach vorn beugen und sein Wasser zur Hand nehmen konnte, um diesen furchtbar trockenen Hals zu befeuchten. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, die zwei Hauptakteure vor ihm weiterhin im Blick zu behalten, während er jetzt wieder die Umgebung ein bisschen besser im Blick halten konnte. Ablenken war die Devise. Solange die zwei es nicht vor seinen Augen auf dem Tisch trieben, war ihm der Rest relativ egal.
      Relativ, weil ihm erst etliche Sekunden später etwas auffiel. Da war ein komisches Geräusch gewesen. Nur einmal, ganz kurz. Ein scharfes Geräusch, ein Klicken? Devons Blick richtete sich auf Malleus, der einen Augenblick zu spät wegsah und Devon damit etwas verriet, was dieser nur mit Skepsis betrachten konnte. War Malleus… enttäuscht?
      Bevor sich Devon darüber den Kopf zerbrechen konnte, sprach Malleus die verheerenden Worte und Devon hob allen Ernstes eine Augenbraue. Nachdem, was da am Feuer passiert war, konnte der Kerl so einfach über sein Trauma hinwegsehen? Mit ein bisschen Alkohol und einer brunftigen Cervidia? Das war alles, was es dafür brauchte? Jetzt war Devon ein bisschen enttäuscht von Malleus.
      Wie sich herausstellen würde, war dieser Abend voll von hin und her schwankenden Emotionen. Die Enttäuschung verpuffte schlagartig, als Malleus mit einer deutlichen Geste Tava auf Abstand hielt, die ganz und gar nicht darüber begeistert war. Nun, der Cervidia vorhin war mit Sicherheit auch nicht begeistert gewesen über die Abfuhr und die Bloßstellung. Also geschah ihr das nur recht. Darauf genehmigte sich der Lacerta einen Schluck langweilig schmeckendes Wasser. Die wörtliche Bestätigung folgte kurz darauf, leise, aber gerade so noch hörbar für den Jäger. Trotzdem beobachtete er interessiert, wie der Kultist eine behandschuhte Hand nach Tava ausstreckte und irgendein Spiel mit ihr spielte, das Devon nicht ganz nachvollziehen konnte. Jedenfalls anfangs nicht, weil Malleus Tava somit eigentlich lockte, statt von sich abwies. War das eine Taktik? Damit die Enttäuschung dann richtig saß? Reichte ihm nicht, dass sie ihn schon regelrecht anbettelte, sie zu nehmen? Der Kerl musste ein WIRKLICH tiefsitzendes Trauma haben, um eine willige junge Frau so einfach abzuweisen.
      Dachte Devon jedenfalls, als die Situation schon wieder einen neuen Dreh bekam. Jetzt wurde sie beinahe intim, sodass er genötigt war, sein Wasser doch wieder abzustellen und sich wieder weit nach hinten zu lehnen. Wäre er jetzt mit ihnen in einem geschlossenen Raum, hätte es eine Katastrophe gegeben. So konnte er sich in den Gerüchen des Festes verlieren. Alkohol, Feuer und Schweiß. Ja, damit konnte man arbeiten. Jetzt fing er sich allmählich wieder, die Entspannung kehrte in seine Glieder zurück und er konnte sich in Ruhe wieder dem Starren auf die Menge wid-
      ……
      „Aber ich kenne jemanden, der es kann…“
      Devon musste sich verhört haben. Hatte er aber nicht. Leider hatte er das nicht. Zum Glück hatte er es nicht? Er wusste es nicht. Alles, was gerade in seinem Fokus lag, waren diese Worte und dann dieser Seitenblick. Wer zur Hölle benutzte denn so einen Seitenblick?!
      Oh.
      Devon verstand. Er verstand nicht nur, was der Blick sollte oder was die Worte bedeuteten. Er verstand die gesamte Situation so glasklar, dass er sich scholt, wie ihm das vorhin schon entgangen sein konnte! Es ging hier gar nicht darum, dass sich Malleus von Tava nicht angesprochen fühlte. Es ging viel weiter darüber hinaus. Der Mann hatte ein Trauma und einen Weg gefunden, sich damit zu arrangieren. Auf Kosten von Devon, wie er jetzt fast schon entsetzt feststellte. Entsprechend weiteten sich seine Augen bei der Erkenntnis. Sie rang mit der Gewissheit, dass Tava nicht so einfach von Malleus ablassen würde. Dafür hatte sie ihr Ziel auf den Menschen fixiert und nicht auf ihn. Der Lacerta war sicher vor der Cervidia. Immerhin hatte sie ihn eben ja sogar noch gekopfnusst.
      Dann lag plötzlich Tavas Blick auf ihm und er war sich mit seiner Zuversicht nun doch nicht mehr ganz so sicher. Jetzt starrte er Tava mit einem undeutbaren Blick an, der nur versteckte, was sich in seinem Inneren gerade abspielte. Eine gefühlte Ewigkeit starrten sie einander an, dann ging Bewegung durch den Körper der Cervidia.
      Sie stand auf. Zu Devons aufrichtigem Schock stand Tava tatsächlich auf und kam wieder zurück zu ihm. Er versteifte sich. Hätte die Lehne mit Sicherheit gesprengt, wenn diese Bank irgendwelche Lehnen gehabt hätte, an denen er sich hätte festkrallen können. „Hey, Tava, warte mal einen Moment“, versuchte er sie zum Einlenken zu bringen, aber sie hörte ihm nicht zu. Er hatte sich kurz zuvor mit einer einzigen Aussage selbst ein Strick gedreht, wie ihm schmerzlich bewusst wurde. Dabei sollte es doch nur Ablenkung sein. Nur eine… Ablenkung.
      Gerade noch setzte sich Devon richtig hin, damit er sich einfach schnell von der Bank werfen konnte, da hatte Tava ihn schon unterbunden. Sie war mit unvergleichbarer Geschmeidigkeit wieder auf seinen Schoß zurückgekehrt, rittlings, und noch näher als zuvor. Sie blockte einen gehörigen Ausblick auf Malleus, der sich jetzt sicherlich wie ein Schneiderlein freute. Devon verteufelte den Kerl dafür. Jetzt hielt der Lacerta nur dafür hin, dass der Kerl keine Leute anfassen konnte. Er war jetzt nur als Ausweichmittel gedacht, weil es sonst niemanden gab. Das hier… war manipulativ erreicht worden und nicht, weil Tava wirklich etwas von ihm, von einem Lacerta, wollte.
      Er schaffte es nicht, sie grob von sich zu schieben. So sehr er es wollte, er konnte jetzt nicht den rabiaten, unwirschen Jäger auspacken, denn der hätte Tava garantiert so hart von sich gestoßen, dass sie zu Boden gegangen wäre. Nur waren sich sein Wille und sein Instinkt uneins, was sie gnadenlos ausnutze und so nah an ihn heranrutschte, dass er nicht einmal mehr weiter nach hinten ausweichen konnte. Er spürte ihr Gewicht auf seinen Oberschenkeln, wie die Wärme langsam durch die Stoffschichten sickerte. Sie hatte wieder ihren Kopf schiefgelegt und Devon würde sich hüten, es ihr gleichzutun. Aber diese großen, runden Augen galten jetzt nur ihm und wo er sonst IMMER Abneigung in den Blicken der Damen gelesen hatte, wenn sie in seine Augen sahen, war davon nun keine Spur.
      „Sie gefallen dir, ja? Du magst sie?“
      Da war schließlich die Frage, auf die Devon gewartet hatte. Jetzt befand er sich an einem Scheideweg. Er konnte es einfach bestätigen und sich treiben lassen. Er war sich sicher, dass er dann mit Tava im Bett landen würde. Aber wollte er das überhaupt? Nachdem sie hier nur saß und fragte, weil Malleus sie dahingehend manipuliert hatte? Er konnte auch verneinen und dadurch das bisschen Vertrauen, dass sie erarbeitet hatten, zerstören. Dann wäre alles wie zuvor, wenn nicht sogar noch schlimmer. Einen Mittelweg, wie Malleus ihn fand, konnte er nicht wählen. Dafür war er einfach… nicht ausgefuchst genug.
      Die Sehnen an Devons Hals traten hervor, als er offensichtlich mit den Worten rang. Dabei erhaschte er einen Blick auf Malleus in Tavas Rücken, der sie beide wieder mit diesen alles verschlingenden Augen ansah. Gut, das war schlimmer, als sich mit Tava zu beschäftigen. In diese Augen dieses Kultisten wollte er nicht länger als unbedingt nötig sehen. Also sah er wieder zu Tava und wählte eine Geste vor Worten als Antwort.
      Devon hob seine Hand und näherte sie langsam Tavas Gesicht. Mit jeder Sekunde, die sie länger bei ihm saß, wurde ihm klarer, wie sehr sie Malleus hatte haben wollen und wie tief die Enttäuschung darüber lag. Er konnte es riechen und mit jeder weiteren Sekunde wurden seine Pupillen etwas schmaler. Seine Finger strichen in unerklärlicher Zärtlichkeit über ihre Wange, zu ihrem Ohr und dann weg von ihrem Gesicht, hoch zu ihren Hörnern. Er ließ seine Finger über die Riffelungen gleiten, spürte die Ebenmäßigkeit der Hörner, bei denen nichts abgesplittert oder rau waren. Er folgte der Linie bis ungefähr zur Hälfte, dann schlossen sich seine Finger um das Horn und sein Griff wurde fester. Er zog Tavas Kopf an ihrem Horn nach hinten, langsam, bedächtig, bis sie ihm etwas mehr von ihrem Hals offenbarte. Dann legte er ihr seinen anderen Arm um den unteren Rücken und lehnte sich vor, um sein Gesicht nah an ihre linke Halsseite zu bringen.
      „Das Problem ist“, raunte er leise und war sich durchaus bewusst, dass seine Lippen bei jedem Wort schon über ihre Haut tanzten, „dass du wen anders willst und nicht mich. Wenn ich dir jetzt sage, wie glatt und formvollendet deine Hörner sind, dann vergisst du, dass du den Menschen und keinen Lacerta willst.“
      Er musste die Augen zusammenkneifen, um die Worte richtig zu bilden und sich nicht von den Pheromonen blenden zu lassen, die aus jeder ihrer Poren triefte. Was eigentlich ein erledigtes Seufzen werden sollte, kam als tiefes, animalisches Zischen hervor, das ihn selbst kurz erschreckte. Er musste den Schlussstrich ziehen. Jetzt. Wenn er ihre Haut ein einziges Mal richtig berührte, konnte er für nichts mehr garantieren. Das spürte er überdeutlich.
      Als gab Devon Tava abermals frei, riss sich mit all seiner Beherrschung, die er hatte, von ihr zurück und legte die Hände auf die Sitzflächen zu seinen Seiten ab. Er fesselte Tavas Blick mit unglaublicher Intensität, als er die Wahl ließ: „Ich will nicht das Trostpflaster sein, Tava.“
    • Ein erwartungsvoller Nervenkitzel vibrierte durch sämtliche Winkel seines Körpers. Malleus' Nervenenden standen sprichwörtlich in Flammen während er sich auf dem schmalen Grad zwischen Katastrophe und der Befriedung seiner Wünsche bewegte. Die Spannung, die sie alle umspannte und sich wie eine Schlinge immer fester zog, befeuerte die fesselnde Vorstellung eines reizvollen Was-Wäre-Wenn?. Malleus war sich zu jeder Sekunde bewusst, das er ein gefährliches Spiel mit dem Feuer trieb. Mit einer Flamme, die mehr Zerstörungswut entfesseln konnte, als jedes bekannte Feuer des gesamten Kontinents und sie konnte das Ende ihrer kleinen Zweckgemeinschaft einläuten. Die Verlockung war einfach zu groß. Malleus erinnerte sich nicht, wann er das letzten Mal ein derartiges Verlangen verspürt hatte. Eine Begierde, die sich tief in seinem Körper einnistete und sich bis in seine Knochen hineinfraß.
      Malleus' Aufmerksamkeit ruhte in diesen wenigen Sekunden, in denen sich ihre Blicke kreuzten, ganz allein auf Devon. Etwas in der Mimik des Lacerta spiegelte eine Erkenntnis wieder. Es arbeitete in dem Mann, der gerade erst begann zu begreifen. Ob er tatsächlich die richtigen Schlüsse zog, vermochte Malleus nicht zu sagen. Tava bewegte langsam den Kopf und richtete ihren Blick nun auch auf Devon, der auf den Kultis wirkte, als würde er bereits im nächsten Moment ruckartig aufspringen und schnellstens das Weite suchen. Als die Cervidia sich auch noch wie auf Kommando erhob, spannten sich die Muskeln unter der Tunika des Lacerta an. Malleus hatte den Anstoß gegeben, griff nach dem verwaisten Weinglas und sah nun fasziniert zu, wie sich sein Werk entfaltete. Er beobachtete, wie Devon sich weiter aufrichtete, doch es war zu spät um dem Unvermeidlichen zu entkommen und das kam in Gestalt einer höchsterregten Tava, die rittlings und ohne weiteren Widerstand auf seine Schoß glitt. Er fing Devons Blick über die zierlichen Schultern der Cervidia auf, über ihren Rücken der sich einladend wölbte, als sie sich weiter in seinen Schoß schob.
      Das lockende, weiche Lächeln - Tavas Lächeln - war aus seinem Gesicht verschwunden.
      Dieses Lächeln, das nun seine Mundwinkel umspielte, harmonierte perfekt mit dem alles verschlingenden Verlangen in seinen dunklen, glühenden Augen. Der Ausdruck hatte etwas Ursprüngliches an sich, einen beinahe primitiven und animalischen Hunger, und Malleus ließ Devon alle Facetten davon sehen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass sein Begehren nicht allein der hübschen Cervidia galt.
      Was für eine Verschwendung, dass weder Devon noch Tava begriffen, wie exquisit das Bild war, das sie Malleus präsentierten. Die herrlichen Kontraste, die ihre Körper bildeten...
      Malleus hatte sich wieder ein wenig vor gelehnt, als wollte er einen besseren Blick auf den Weg bekommen, den Devons Fingerspitzen zärtlich über Tavas Gesicht wählten. Ein zustimmendes Brummen vibrierte in seiner Kehle, als sie über eines der geschwungenen Hörner glitten. Bei den Feuern von Adrastus...Dieser Anblick. Die Berührung, diese zarte Liebkosung des Horns, barg eine beinahe verbotene Sinnlichkeit und erreichte einen ebenso überraschenden Höhepunkt, als der Lacerta Tava mit dem festen Griff um das Horn dazu brachte den Kopf in den Nacken zu legen um den langen, schlanken Hals zu entblößen. Malleus richtete seinen Blick auf die dünne, verletzliche Hautpartie auf der die Schatten der tanzenden Menge flackerten. Als Devon sich vorlehnte und gefährlich nahe über der Seite ihres Halses schwebten, fragte sich Malleus, wie sich die weiche und unberührte Haut sich wohl seinen Lippen anfühlen würde.
      „Das Problem ist, dass du wen anders willst und nicht mich. Wenn ich dir jetzt sage, wie glatt und formvollendet deine Hörner sind, dann vergisst du, dass du den Menschen und keinen Lacerta willst.“
      Er unterdrückte ein Seufzen.
      Das hatte er befürchtet.
      „Ich will nicht das Trostpflaster sein, Tava.“
      Diese Wahrheit konnte selbst Malleus nicht zu seinem Vorteil verdrehen. Ein gewöhnlicher Mann hätte die Intentionen einer hübschen Frau, die sich willig und angetrunken an ihn schmiegte, wohl nicht hinterfragt. Malleus vermochte nicht zu sagen, ob Devon das Ehrgefühl packte, die Kränkung ihn abhielt oder er ihn dafür verurteilte, dass er Tavas Verlangen ohne Gewissensbisse befeuerte. Hatte der Lacerta denn immer noch nicht begriffen?
      Sorgfältig, damit nichts zu Bruch ging, stellte Mal das Weinglas ab und überließ den letzten Rest der tiefroten Flüssigkeit achtlos sich selbst. Mit einer einzigen und fließenden Bewegung, als hätte er den ganzen Abend keinen Alkohol getrunken, erhob sich Malleus von seinem Platz. Seine Schritten waren zielgerichtet ohne jegliche Hast, als er den Tisch umrundete. Seine verhüllten Fingerspitzen glitten über das spröde Holz des Tisches, befühlten die Unebenheiten und abgesplitterten Kanten. Malleus näherte sich Devon und Tava wie ein eleganter Räuber, der alle Zeit der Welt besaß weil seine Beute fest in der Schlinge saß. Er ließ sich Zeit, damit der Lacerta seine Intention genau verfolgen konnte und blieb unmittelbar in seinem Rücken stehen.
      Eine lächerlich kurze Pause war alles, was Malleus dem Lacerta gewährte, dann trat er einen kalkulierten Schritt nach vorn.
      Malleus trat so nah an Devon heran, dass der Jäger seine Körperwärme selbst durch die vielen Schichten aus feingewebtem Leinen und Seide spüren musste. So nah, dass ein zu tiefer Atemzug drohte, seinen Rücken gegen den Körper des Kultisten zu drücken. Vorsichtig neigte Malleus den Kopf, aber er machte keine Anstalten dem Mann lockend ins Ohr zu flüstern, dennoch erklang seine Stimme gefährlich nah.
      "Ist es das, was du denkst, Devon? Ein Trostpflaster? So, ein hässliches Wort...Bedauerlich, dass du dich nicht durch meine Augen sehen kannst. Dass du euch beide nicht mit meinen Augen sehen kannst. Ich lüge nicht, wenn ich dir sage, das ich diesen Ausgang nicht vorhergesehen haben. Das ist keine ausgeklügelte Falle, in die ich Tava oder dich locken möchte, aber ich bin nicht gewillt, mir diese Gelegenheit durch die Finger gleiten zu lassen", raunte Malleus begleitet von einem dunklen, amüsierten Rumpeln in seiner Kehle.
      "Atme tief ein, Devon, und dann sag mir ob ich lüge."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Devons Antwort dauerte lange - länger als üblich. Wo er vorhin noch so unverfroren über Hörner geredet hatte, schien er jetzt genau nachdenken zu müssen, wie er Tavas Frage beantworten sollte. Dabei hatte er sie schon beantwortet und das sehr eindeutig. Tava hatte ihn nur nicht gefragt.
      Vielleicht war es gar keine Krankheit der Menschen, dass sie mit solchen Fragen nicht umgehen konnten. Vielleicht lag es einfach an diesen beiden Männern, dass ein solch simpel formulierter Satz sie so überfordern konnte.
      Allerdings verblieb Devon antwortlos. Wie schon Malleus zuvor hob auch er seine Hand und führte sie langsam auf Tavas Gesicht zu. Sie brach den Augenkontakt kein einziges Mal, nicht, wenn sie nur den Moment erhaschen wollte, in dem der Lacerta auch nur ein klein wenig beigeben und den Kopf neigen würde. Er musste es doch auch wollen, wenn er sie so sah. Es war ihr ein Unverständnis, wie man auf eine solche Geste nicht entsprechend antworten wollte.
      Malleus hatte seine Hand wieder weggezogen, Devon ging weiter, bis er die Finger an Tavas Wange legte. Dafür, dass der Jäger sonst so grob und rabiat war, war es eine erstaunlich zärtliche Geste, die von einer ganz anderen Seite des Mannes sprach. Noch war Tava aber nicht sicher, was sie davon halten sollte; es war nichts, was sie von ihm erwartet hätte. Devon schien ihr in Sachen wie diesen direkt und unverfroren zu sein, nicht wie Malleus, dem eine gewisse Grenze aufgesetzt war. Es lag kein erkennbarer Grund darin, Tava zu berühren, als wäre sie etwas wertvolles, das er nicht zerstören wollte.
      Seine Hand blieb aber nicht stehen, sie wanderte weiter und verlor den spürbaren Kontakt zu Tava, bis sie den leichten Gegendruck von ihren Hörnern spürte. Das war nun ganz eindeutig etwas, das Devons Art entsprach und mit dem Tava auch hätte rechnen können. Nur war die Sache trotzdem nicht so einfach; sie spürte, wie der Druck sich auf ihren Kopf übertrug, wie sie auf Widerstand stieß, wenn sie ihn bewegen wollte. Es war nicht so fest und nicht so überdeutlich als ihre erste Begegnung, als er sie an den Hörnern hochgehoben hatte, aber das Gefühl war da. Es war kein besonders schönes Gefühl. Tava spannte sich unweigerlich an und setzte ihr ganzes Vertrauen, ihre ganze bisherige Erfahrung mit dem Lacerta darauf, dass er ihre Hörner nicht herumreißen würde. Sie wusste nicht, was sie dann getan hätte. Vermutlich hätte sie sich von der Gruppe abgekapselt und in der Menge Zuflucht gesucht.
      Seine Bewegung war aber langsam und ach so zärtlich, dass Tava sogleich die sanfte Berührung an ihrer Wange in ihr wiedererkannte. Er zog ihren Kopf schon nach hinten, aber er tat es nicht mit viel Druck und so bedächtig, als würde er genau darauf achten, wie ihre Schenkel an seinen Hüften sich abwechselnd spannten und wieder entspannten. Tava gewährte es ihm, dass er ihren Kopf leitete. Sie schenkte ihm ein Vertrauen, dessen er sich vermutlich gar nicht bewusst war und das er sich nichtmal zwingend verdient hatte. Sie tat es trotzdem.
      Ein Arm schloss sich sanft um ihren unteren Rücken und ihr Körper schmiegte sich von selbst an den Lacerta. Sie spürte seine Muskeln unter sich bewegen und ihre Hände kamen zu seinen Schultern empor und griffen in den Stoff seines Hemdes, als sie seinen Atem an ihrem Hals fühlte. Er löste eine wohlige Gänsehaut in ihr aus, die sich bis in ihr innerstes ausbreitete.
      „Das Problem ist, dass du wen anders willst und nicht mich."
      Seine Lippen kitzelten sie. Viel von Tavas Anspannung löste sich als Reaktion darauf auf und sie seufzte lautlos. Das könnte ein angemessener Ersatz dafür werden, dass sie ihre Frage nicht beantwortet bekam.
      "Wenn ich dir jetzt sage, wie glatt und formvollendet deine Hörner sind..."
      Da sog sie doch die Luft ein. Es war nicht so intensiv, nicht so überwältigend wie bei Malleus, der sie regelrecht damit umgeworfen hatte, aber es war genug. Mehr als genug. Ihr innerstes erglühte und Tava wurde weich in Devons Arm.
      "... dann vergisst du, dass du den Menschen und keinen Lacerta willst.“
      Wenn sie ehrlich war, dann hätte sie jetzt nicht so schnell wieder Devons Schoß verlassen, ganz besonders nicht, wenn er weiter so an ihren Hals hauchte. Malleus hatte recht gehabt, denn das hier würde er ihr sicher nicht geben können. Aber Devon war dazu in der Lage. Und vielleicht brauchte Tava gerade mehr jemanden, der sie berühren würde, als jemanden, der nur ihre Hörner komplimentierte.
      Devon gab ein Zischen von sich, das sehr stark dem einer Schlange ähnelte, und Tava legte instinktiv den Kopf weiter in den Nacken. Fast wie ein Beutetier, das sich dem Raubtier unterwarf. Fast.
      „Ich will nicht das Trostpflaster sein, Tava.“
      Diese Bemerkung kam für Tava nun aber aus dem Nichts, nachdem sie zuvor schon kaum zugehört hatte. Irgendetwas musste sie verpasst haben, denn Devon ließ ihre Hörner los und sie ließ augenblicklich den Kopf wieder nach unten fallen. In seinem Gesicht war nichts zu lesen außer... Devon. Da hatte sie sich schon Gedanken darüber gemacht, dass sie die Kultur der Lacerta nicht gut kannte und musste nun feststellen, dass sie die Kultur von Devon nicht gut kannte. Das hier war die Sprache, die ihr fehlte.
      Ihr Gehirn versuchte sich zurechtzulegen, wie sie diese Situation noch retten konnte, denn das wollte sie wirklich. Sie wollte jetzt nicht mehr von Devons Schoß, wenn er ihr doch schon entgegen gekommen war, wenn sie doch schon so kurz davor war zu bekommen, was sie haben wollte. Wieso musste er denn da gerade an Malleus denken? Malleus hatte doch klar gemacht, dass er nicht das tun konnte, was Tava von ihm wünschte, wieso musste er es dann aufbringen? Konnte er nicht... den Moment genießen? Vielleicht mehr an ihren Hörnern ziehen? Das schien ihm immerhin Spaß zu machen.
      "Darum geht es doch gar nicht", gab sie schwach zurück, als Devons Augen zur Seite blitzten - seine Pupillen waren wirklich unglaublich schnell, wie Tava aus der Nähe beobachten konnte - und eine Bewegung beobachteten. Tava hob jetzt auch den Blick als sie sah, dass Malleus den Tisch umrundete und sich ihnen näherte. Aus Devons Rücken, was ihr irgendwie gefährlich vorkam. Devons Körper arbeitete auch unter ihr, schien die lässige Haltung aufzugeben, die er hier abgegeben hatte, aber er rührte sich doch nicht vom Fleck. Hinter ihm blieb Malleus stehen und neigte den Kopf. Unweigerlich wünschte Tava sich, er würde näher kommen. Viel, viel näher. Nahe genug, um die dunklen Lippen zu kosten.
      "Ich lüge nicht, wenn ich dir sage, das ich diesen Ausgang nicht vorhergesehen haben. Das ist keine ausgeklügelte Falle, in die ich Tava oder dich locken möchte, aber ich bin nicht gewillt, mir diese Gelegenheit durch die Finger gleiten zu lassen."
      Seine Stimme hinterließ ein warmes Gefühl in Tava, aber genauso sehr seine Worte. Sie begriff, was er hier gerade versuchte, wessen Seite er eingenommen hatte. Er tat, was Tava unfähig war zu tun.
      "Atme tief ein, Devon, und dann sag mir ob ich lüge."
      Aber er war nicht derjenige, der auf Devons Schoß saß - Tava war es. Und so nutzte sie diese Position, um Malleus' Worte mit Taten zu bekräftigen.
      "Nicht wegschauen, Devon. Das ist unhöflich. Schau mich an."
      Die stechenden Schlitzaugen durchbohrten sie. Seine Nasenflügel bebten, diesmal konnte Tava es genau beobachten.
      Wäre sie alleine mit ihm gewesen, hätte sie sich bei diesem Blick vermutlich nicht getraut, was sie jetzt tat. Aber Malleus war so nahe und Tava schöpfte Mut aus seiner Präsenz.
      Sie löste eine Hand von seiner Schulter, hob sie unter sein Kinn und legte den Daumen darauf. Ähnlich zärtlich wie er zuvor, drückte sie sein Kinn nach oben, wenig nur. Genug, dass ihr gefiel, wie er den Kopf leicht in den Nacken legte. Genug, dass die ungewollte Geste ihre Fantasie anregte.
      Als sie sich seinem Kopf näherte, bis sich ihre Nasenspitzen fast berühren, neigte sie den Kopf noch mehr. Diesmal aber aus einem bekannten Grund.
      Über seinen Lippen verharrte sie.
      "Sag's. Du weißt es doch."

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    • Im Nachgang betrachtet hätte Devon Tava vermutlich vor vollendete Tatsachen stellen müssen und sie wirklich von seinem Schoß schieben sollen. Aber ganz so sicher steuerte ihn sein Verstand durch diese Situation dann doch nicht mehr, sodass er sein Zeitfenster dafür verpasste. Kaum hatte er Tava gesagt, dass er nicht das Trostpflaster sein würde, bewegte sich Malleus und stand auf. Jetzt konnte Devon wieder einen unverdeckten Ausblick auf den Mann genießen, der sich daran machte, den Tisch zu umrunden.
      „Darum geht es doch gar nicht.“
      Der Lacerta bewegte sich keinen Zentimeter, nur seine Augen hatten sich an dem Kultisten festgefressen, bis dieser im Rücken des Lacerta aus dessen Blickfeld verschwand. Unweigerlich versteifte sich der Jäger, der es unter anderen Umständen problemlos ertragen hätte, den Menschen in seinem Rücken zu wissen. Aber so, mit diesen dunklen, gierigen Augen, war die Leichtigkeit dahin. Er konnte nicht anders, als doch die Augen so weit in den Außenwinkel zu zwängen wie nur möglich, um Malleus vielleicht noch doch zu sehen, ohne sich den Hals zu verrenken. Musste er schließlich auch nicht mehr, denn der Mann trat für seine Verhältnisse unverschämt nah an den Lacerta heran, der sich seine verdammte Lederrüstung zurückwünschte. Jetzt hatte er nicht nur vor sich Tava, sondern noch Malleus in seinem Rücken. Sie engten ihn ein, zwängten ihn in einen Käfig aus Körperwäre und Fleisch. Er hatte sich aus den Körpern von Drachen geschnitten und gehauen. Durch allerlei biologisches Hindernis gewühlt. Aber diese Konstellation hier, diese zwei Körper erschienen ihm wie eine undurchdringbare Mauer.
      Sein ganzer Körper erstarrte, als es hinter ihm raschelte und Devon merkte, dass sich Malleus vorlehnte. Das hier war eine Geduldsprobe. Sie testeten gerade beide seine Grenzen aus, und er war nicht gewillt, sie so einfach passieren zu lassen. Der Lacerta schloss die Augen, versuchte sich nur auf seine eigene, sehr flache Atmung zu konzentrieren und den Rest auszublenden.
      „Ist es das, was du denkst, Devon? Ein Trostpflaster?“, sagte Malleus und Devon zog eine Grimasse, als der Mann ihm buchstäblich ins Ohr schrie. So sehr gespitzt waren die Sinne des Jägers. Der Rest des Süßholzgeraspels drang viel zu klar zu ihm durch. Devon wusste doch, wie es aussah, wenn sich ein Pärchen gefunden hatte. Er konnte nur sich selbst nicht in dieser Gleichung sehen, da er sämtliche Vorbilder sprengte. Dass Malleus diesen Ausgang nicht vorhergesehen hatte, war Devon völlig klar. Dafür war der Lacerta in seinen Verhaltensweisen einfach noch viel zu unberechenbar. Und dass das hier keine Falle sein konnte, war ihm ebenfalls bewusst. Dafür hätte Tava aktiv sich mit dran beteiligen müssen und da sie ihn ursprünglich gar nicht gewollt hatte… Der Gedanke verflüchtigte sich, als er ein neuartiges Geräusch hörte, und es als Lachen von Malleus entdeckte. Seine Härchen am Körper richteten sich auf.
      „Atme tief ein, Devon, und dann sag mir ob ich lüge.“
      Kaum merklich schüttelte Devon den Kopf. Nein, den Gefallen würde er Malleus nicht tun. Er musste nicht atmen, um zu wissen, dass das keine Lüge war. So viel Verstand hatte er noch bei sich. Das konnte jeder aus den letzten Minuten herauslesen. Er würde einfach abwarten und stillsitzen. Sie verloren irgendwann das Interesse an dem passiven Lacerta, der scheinbar unerbittlich war.
      „Nicht wegschauen, Devon. Das ist unhöflich. Schau mich an“, forderte Tava dann plötzlich und irgendetwas ritt ihn, die Lider einen spaltbreit zu öffnen. Seine Hände drückten sich so flach auf die Sitzfläche, dass sie allmählich schon die Farbe verloren. Tava war ihm noch immer erschreckend nahe und das flache Atmen verlor allmählich seinen Effekt. Devon schwebte nahezu in einer Wolke aus Düften, gegen die die festlichen Düfte keine Chance mehr hatten. Noch immer war Devon so angespannt, dass irgendetwas zu reißen drohte. Noch immer hoffte er, dass sie ihn einfach in Ruhe ließen. Er war so sehr konzentriert gewesen, dass ihm nicht aufgefallen war, wie Tava sich schon an seinen Schultern gehalten hatte. Erst als sie eine Hand löste, realisierte er das so richtig. Sie hatte ihn angefasst. OHNE ihn dabei von sich zu stoßen.
      Seine Lippen zuckten jedoch verräterisch, als Tava weiterging und sein Kinn berührte. Er folgte dem Impuls, den Kopf ein wenig in den Nacken zu legen, ohne Weiteres. Aus den kaum geöffneten Augen waren wieder vollgeöffnete geworden, die, wie aufgetragen, vollkommen auf Tava ruhten. Er zog sie Finger an, als sich die Cervidia seinem Gesicht näherte und er ihren Atem auf seinen eigenen Lippen spürte. Da kniff er doch wieder die Augen zusammen. Jetzt half auch flaches Atmen nicht mehr – Tava wollte es. So sehr, dass es ihn beinahe schmerzte.
      „Sag’s. Du weißt es doch.“
      Ja, wusste er und ja, seine Lippen zuckten als er fast Worte gebildet hätte. Aber nur fast; sein Wille hielt sich eisern an einem einzigen Faden fest, während er selbst schon längst gefallen war. Er musste nur schweigen. Nur eine Minute vielleicht, dann wäre Tava angepisst und er wäre frei…
      Devon riss die Augen auf und hörte auf zu atmen.
      Er hatte Malleus vergessen. Er hatte den Mann in seinem Rücken vergessen, der jetzt derjenige war, der Devons Schicksal wohl besiegelte. Die Berührung, die der Lacerta an seinem Rücken spürte, war so dezent, dass er sie mit seinem Wams wohl nicht wahrgenommen hätte. Aber die dünnen Stoffschichten boten keinen Schutz, sodass er ganz genau nachvollziehen konnte, wie Malleus ihn berührte. Keine Hand, keine großflächige Berührung. Nicht sanft, wie Fingerspitzen, sondern härter, eher wie etwas knöchernes. Ganz langsam wanderte das Gefühl von oben nach unten und dann musste Devon nach Luft schnappen, weil seine Lungen schrien.
      Sein Kopf füllte sich mit Düften. Süß und einhüllend, verlockend und heiß. Das war von Tava, die noch immer über ihm schwebte. Herb und drückend, nachdrücklich und heiß. Das war von Malleus. Beide hatten das Gleiche in Aussicht, aber beide hatten andere Auslöser dafür gehabt. Welche es waren, hinterfragte Devon nicht mehr. Der Faden war gerissen.
      Devon war nicht der Mann der großen Worte. Die Spannung aus seinem Körper entlud sich schlagartig, als sich sein linker Arm wieder um Tavas unten Rücken schlang und seine rechte Hand zu ihrem Hinterkopf schoss. Seine Finger vergruben sich in ihrem weichen Haar, als er ihr die Freiheit nahm und die Luft zwischen ihren Lippen verschluckte. Seine Lippen trafen auf ihre, nicht sanft und zärtlich, sondern ungestüm und wild. Er schmeckte das Bräu auf ihren Lippen, er schmeckte sie und es rumorte in seiner Brust. Mittels seiner Zunge verschaffte er sich Einlass zu ihrem Mund und grinste, als Tava feststellte, dass seine Zunge gespalten war und überrascht drauf reagierte. Sie wich ein wenig vor ihm zurück, seine Hand rutschte in ihren Nacken und hinderte sie daran, sich allzu weit zu entfernen. Alles an seinem Körper schien entflammt zu sein und die Umgebung war nur noch auf diesen Tisch und ihre Konstellation zusammengeschrumpft.
      „Ja, ich mag sie“, kam es schließlich doch über seine Lippen. „Sie sind stark genug, um mir standzuhalten.“ Wie um es zu unterstreichen ließ er von ihrem Nacken ab und erklomm wieder eines ihrer Hörner, doch dieses Mal legte er nur seine große Hand um die Windungen und folgte damit der Form.
    • Devon rührte sich nicht. Er blinzelte auch nicht, während er mit geweiteten Augen Tava anstarrte. Es war unmöglich, seine Gedanken zu bestimmen, unmöglich aus dem Zucken seiner Mundwinkel zu lesen. Devon gab niemals viel von ihm preis und gerade jetzt schien er sich davor behüten zu wollen, sich die Blöße zu geben. Und doch schien es an irgendetwas zu scheitern. Doch konnte Tava unter ihren Fingern spüren, wie die Muskeln seines Kiefers arbeiteten.
      Er antwortete nicht sofort, aber es waren die Nuancen seines Körpers, die offenbarten, dass es in seinem Kopf arbeitete. Seine Pupillen zuckten ein wenig. Im einen Moment war sein Atem versiegt, im nächsten sog er die Luft so stark ein, dass Tava den Zug spüren konnte.
      Dann ging alles mit einem Mal schnell und übereilt, als blieben ihnen beiden nicht mehr genug Zeit. Der Arm war wieder da, fing Tava ein und akzeptierte ihre Position, der andere Arm schoss nach oben. Sie fürchtete schon, dass er wieder ihre Hörner in Aussicht hatte, aber kurz darauf schoben sich lange Finger in ihre Haare. Er gab ihr eine Stütze, damit sie der Wucht standhielt, mit dem seine Lippen auf ihre prallten.
      Der Kuss war von einer unvergleichlichen Wildheit geprägt, von etwas primitivem, das Tava zu verschlingen versuchte. Seine Lippen waren hart, unnachgiebig, kämpferisch. Es war nicht ganz dasselbe wie das Ritual, mit dem die Cervidia ihre Hörner miteinander maßen, aber es hatte einen Geschmack davon. Es schmeckte nach der Kraft, mit der Devon seinen Kopf gegen Tava drückte und dessen Druck sie sofort erwiderte. Es schmeckte nach dem Verlangen, nach der Begierde nach ihr, die Devon vorhin schon so plump ausgedrückt hatte. Es schmeckte danach, wenn man den Kopf hob und der andere sich in die Mulde des Halses schmiegte.
      Das alles paarte sich mit einem gänzlich anderen Gefühl, als Tava die Lippen für die Zunge öffnete, die sich ihren Zugang erkämpfte, nur damit es plötzlich zwei wurden. Devons Zunge spaltete sich und Tava keuchte auf, als sie plötzlich überall war, als sie ihren Verstand zum Einfrieren brachte, weil sie plötzlich in ihrem ganzen Mund tobte. Tava konnte kaum mithalten. Sie schlang die Arme um Devons kräftigen Nacken und krallte die Finger in das Hemd auf seinem Rücken. Sie hielt sich an ihm fest, damit er sie mit seiner Zunge alleine nicht völlig überwältigte.
      Und dann kam es schließlich doch noch.
      „Ja, ich mag sie. Sie sind stark genug, um mir standzuhalten.“
      Ohhhhh. Was für ein berauschendes, befreiendes Gefühl das war. Tava stöhnte ungebremst auf, als siedende Glut durch ihren Rücken schoss und alles an ihrem Körper sich mit einem Schlag nach Devon verzehrte. Es war so anders und doch auf eine Weise betörend, dass sie ganz überwältigt davon war. Devon sagte ihr nicht, wie schön ihre Hörner waren, er erwiderte auch nicht ihre Gesten. Er kämpfte mit ihr und belohnte sie dafür, dass sie ihm standhalten konnte.
      Und das konnte sie wahrhaftig. Es fehlte Tava nichts an Schwung und Nachdruck, als sie ihre Lippen erneut aufeinander krachen ließ, als sie sich die Zunge wieder holte, die er sie hatte kosten lassen. Sie spürte Devon jetzt mit jeder Faser ihres Körpers, spürte überdeutlich, dass seine Hand um ihre Hörner gleiten mussten, dass sein Arm schwer um ihre Hüfte lag, dass seine Finger sich in ihren eigenen Stoff gruben. Sie spürte seine Schenkel unter sich, spürte seine straffe Hüfte, sein Geschlecht, das sich an sie drückte. Sie spürte alles und sie wollte alles. Devon war kein Trostpflaster. Devon war der ganze Hauptgewinn.
      Mit einem obszönen Schmatzen lösten sie sich einen Moment später erneut, damit Tava nach Atem ringen konnte. Sie hatte nicht vor, Devons Schoß zu verlassen - zu sehr unterlag sie dem Drang, dem Lacerta noch näher zu sein - aber ihr Blick glitt wie von selbst zu Malleus, der sie mit dunklen Augen beobachtete. Er hatte sich die ganze Zeit über nicht bewegt, aber es war klar, dass er den Bewegungen mit scharfen Augen gefolgt war. Sein Blick glitt auch jetzt über Devons und Tavas verschlungene Gestalt.
      Tava leckte sich das Phantom von Devon von den Lippen.
      "Wir sollten gehen."
      Sie sah zurück zu Devon hinab. Sie war nicht sehr viel größer auf seinem Schoß, aber es war genug, dass der Lacerta den Kopf ein wenig zurücklegen musste, um sie anzusehen. Tava starrte ihn mit geweiteten Pupillen an und küsste ihn wieder, hart und fordernd. Wenn er nur wüsste, wie unglaublich verlockend er aussah, wenn er den Kopf so hob.
      "Zurückgehen. Ins Zimmer gehen. Gemeinsam."
    • Oh, Tava. Mit einem Gefühl tiefster Befriedung folgte Malleus der zärtlichen und gleichzeitig bestimmenden Geste, mit der Tava den Lacerta nach ihren Wünschen lenkte. Ob sie bereits begriffen hatte, dass er gänzlich andere Intentionen verfolgte als lediglich eine Widergutmachung zu leisten dafür, dass er sie in ihrem bereitwilligen Zustand verschmäht hatte? Malleus hatte sie dafür getadelt, dass Tava ihm die Spielregeln nicht erklärt hatte und nun war es der Kultist selbst, der seine Absichten vernebelte bis der richtige Augenblick in greifbarer Nähe war.
      Es war wirklich bedauerlich, dass er keinen guten Blick auf das Gesicht des Mannes erhaschen konnte, der sekündlich mehr Schwierigkeiten bekam, sich an seiner eisernen und wirklich unerwünschten Selbstbeherrschung fest zu krallen. Malleus senkte den Blick und den Weg, den seine Augen über den gestreckten Hals des Jägers beschrieben, glichen einer erwartungsvollen Liebkosung. Unweigerlich beflügelte die Vorstellung, wie sie die zuckenden und angespannten Muskelstränge unter seinen Fingern, gar seinen Lippen, anfühlen mochten, seine Fantasie. Das Blut in seinen Adern verwandelte sich in zähe, flüssige Lava. Malleus beschlich der Gedanke, dass ein letzter Funken fehlte und das siedend heiße Blut würde augenblicklich und zischend aus den bleiche Vernarbungen an seinem Körper hervorquellen.
      Tava forderte mit einer Geduld, die Malleus ihr nicht mehr zugetraut hätte, den versteinerten Lacerta erneut dazu auf, ihr endlich die erlösenden Worte zu sagen. Sie schwebte über seinen Lippen, so kurz vor ihrem Ziel. Es fehlte nur ein kleines Bisschen, ein winziger Schubs.
      Malleus ließ den Blick über die völlig versteiften Schultern gleiten gleiten, verfolgte die gerade Linie der durchgedrückten Wirbelsäule hinab, dort, wo er ihren Verlauf erahnte. Er wog mit rasenden Gedanken ab, wie weit er die Grenzen ausdehnen konnte, bevor Devon zuschnappte. Sollte er es wagen, seine komplette Handfläche auf Devons Schulter zu legen? Wie reagierte der Lacerta, sollten seine Fingerspitzen zufällig die schillernden Schuppen berühren, die er vor neugierigen Augen verbarg? Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass Devon den Kopf zurückschleuderte und ihm damit das Nasenbein brach?
      Langsam krümmte Malleus die Finger seiner rechten Hand.
      Die Berührung war subtil, nicht mehr als ein Hauch über der weichen Struktur der Tunika. Mit den Knöcheln wiederholte er den Weg, den zuvor seine Augen genommen hatte. Zwischen den Schulterblättern setzte Malleus an und erschauderte, obwohl lediglich Leder auf Stoff traf. Er erhöhte minimal den Druck bis er die ersten, feinen Ansätze der knöchernen Wirbel spürte. Es hatte einen verbotenen Reiz, Devon zu berühren. Der Lacerta war stets so unberechenbar, dass Malleus' Adrenalin entfacht von Begierde und Alarmbereitschaft ins Unermessliche schoss. Ein belebendes Gefühl, das er unter der Monotonie seiner Masken mehr als nur willkommen hieß.
      Ein kleiner Schubs...Devon schnappte hörbar nach Luft und Malleus fühlte es unter seinen Knöcheln, als er endlich nachgab.
      Cervidia und Lacerta prallten in einem alles verschlingenden Kuss aufeinander und bei Malleus stellte sich ein lang vermisstes Hochgefühl ein. Beinahe gierig glitt sein Blick übe die zuckenden Kiefermuskeln, die angespannten Sehnen in Devons Hals, Tavas zierliche Arme wie sie sich um den starken Nacken klammerten...und er lauschte. Malleus sog selbst den kleinsten noch so unbedeutenden Laut förmlich auf. Jedes Zischen, jedes Stöhnen, jedes winzige Stocken im Rhythmus ihrer Atmung...Er war dankbar nicht die feinen Sinne des Lacerta zu besitzen.
      Hypnotisiert verfolgte er Tavas Zunge, die vorwitzig über die eigenen Lippen glitt um den Geschmack des Mannes vollkommen auszukosten. Malleus öffnete den Mund, doch statt eloquenter Worte, löste sich ein dunkles, leises und beinahe animalisches Grollen aus seiner Kehle. Unwillkürlich streckten sich seine Finger zwischen Devons Schulterblättern um mehr zu spüren.
      "Wir sollten gehen."
      Malleus richtete sich langsam auf und schmunzelte bei den nächsten Worte. Sie hatte doch mehr begriffen, als er angenommen hatte.
      "Zurückgehen. Ins Zimmer gehen. Gemeinsam."
      Es dauerte einen Moment bis Malleus sich dazu bringen konnte, den Kontakt zu Devon zu unterbrechen. Jetzt, wo er diesen Punkt erreicht hatte, hätte er lieber den Platz geräumt, als sich zu entfernen. Ganz langsam ließ er die Hand sinken und kostete die letzten Berührungspunkte mit den Fingerspitzen aus. Für neugierige Augen mochte die Berührung wenig Bedeutung haben, doch nicht für Malleus.
      Bedächtig machte er einen Schritt zur Seite und wusste mit einem Blick, wie eilig sie das Fest verlassen sollten. Ein Herzschlag verging, dann streckte Malleus eine Hand in Richtung Tava aus um der Cervidia diese anzubieten. Er hatte die Handfläche nach oben gekehrt und krümmte fordernd und gleichzeitig einladend die Finger. Sie war so gut, so wunderbar, so gehorsam für ihn gewesen, dass er ihre dieses kleine Privileg gewährte. Als die zierliche Hand sie ungewöhnlich bedächtig in seine legte, schloss er die Finger darum und half ihr von Devons Schoß herunter. Prüfen, tastend und unendlich leicht glitt sein Daumen über ihren Handrücken, dann gab er sie genauso schnell wieder frei, als er das Eis spürte, dass seine Wirbelsäule emporkroch.
      "Ich kenne einen Ort...", wisperte er.

      Das unscheinbare Gasthaus lag versteckt in einer schmalen Seitengasse. Wenige Öllampen an den Häuserwänden tauchten die Gasse in ein schwummriges Licht und auf dem alten, holprigen Kopfsteinpflaster herrschte trotz der ausschweifenden Feierlichkeiten wenig Betrieb. Zwischendurch warf Malleus einen prüfenden Seitenblick über die Schulter, doch mit jedem Meter, den sie sich von dem überfüllten Festplatz entfernten, beruhigten sich auch die erhitzten Gemüter wieder. Zielstrebig schritt Malleus voran ohne dabei zu übereilt zu wirken. Devon konnte er die Ruhe kaum vorspielen, der Mann konnte zweifellos wittern, wie sich seine Erregung weiter nach oben schraubte, als die schlichte Front des Gasthauses in Sichtweite kam. Ja, Devon...Wieder warf Malleus einen Blick zurück und bemerkte wie der Jäger bei jedem Schritt ein wenig mehr Abstand zwischen sich und Tava brachte.
      Der Lacerta wirkte...ernüchtert.
      Das gesamte Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe zeigte sich, nachdem sie die alten und knarzenden Treppenstufen erklommen hatten, die in das Dachgeschoss führte. Malleus hatte dem Gastwirt unauffällig eine großzügige Entlohnung zugeschoben. Auch hier erkaufte er sich mit Münzen das dringend benötigte Schweigen. Oratis mochte vor Glaubensanhängern überquellen, doch für genügend Münzen gab sich jeder der Bestechung hin und warf sein Seelenheil über Bord.
      Das Zimmer im Dachgeschoss war klein aber die Höhe ausreichend genug, damit selbst Devon mit seiner beeindruckenden Größe nicht mit dem Kopf gegen die Balken des Spitzdaches stieß. Am Kopf des Raumes befand sich ein rundes Fenster, durch das die Lichter des Festes hineindrangen. Malleus betrat den Raum als letztes und warf einen flüchtigen Blick auf das Bett, dass jemand direkt unter das Fenster geschoben hatte. Es war nicht das beste Gasthaus in Oratis, eher im Gegenteil. Das Essen war miserabel aber zumindest wusste er, dass sie hier keine Bettwanzen oder anderes Ungeziefer hinausschleppen würden.
      Malleus schwieg, als er Devon und Tava mit ungebrochener Begierde ansah. Er war sich der Situation vollends bewusst und sicher, aber er bekam den Eindruck, dass gerade der Lacerta auf dem kurzen Weg hier her an seiner Entscheidung zweifelte. Bedächtig führte Malleus seine Finger an den hochgeschlossenen Kragen seiner Tunika um die ersten Knöpfe zu lösen während seine zweite Hand auf der Türklinke lag. Er hatte die Tür noch nicht geschlossen. Ein spaltbreit Licht fiel aus dem Flut hinein und sein Blick glitt vom Türspalt zu Devon und wieder zurück.
      Er beschloss es einfach auszudrücken.
      "Ich werde dich nicht berühren, wenn dich das beunruhigt. Nicht mehr als vorhin auf dem Fest oder gar nicht, wenn du das bevorzugst. Ein Spiel braucht Regeln. Mein Spiel braucht Regeln...und dafür müssen wir die Grenzen kennen, aber für die meiste Zeit werde ich zusehen. Nicht mehr", raunte er, falls Devons Vorlieben sich allein auf das weiche, weibliche Geschlecht konzentrierten. Er öffnete den nächsten Knopf und stoppte, als sich der Beginn seines Brustbeines abzeichnete. Das genügte. Unwillkürlich fuhr sich Malleus mit der Zungenspitze über die Unterlippe.
      "Und ihr werdet mich nicht berühren, sofern ich es nicht ausdrücklich erlaube."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Die Spannung, die Devons Körper hart wie Stein hatte werden lassen, lockerte sich, als Tava es ihm gleich tat und nach seinem Mund suchte. Für einen Augenblick dachte er, seine Zunge hätte sie verschreckt, aber sie holte sie mit so einer Inbrunst wieder ein, dass er den Gedanken verwarf. Seine Hand an ihrem unteren Rücken wanderte tiefer, fast zu ihrem Steiß, während er sich in dem Kuss verlor und wohlig brummte.
      Doch irgendwann genügte die Luft nicht mehr und sie mussten sich lösen. Devons Aufmerksamkeit lag ungebrochen auf der Cervidia, die, wie er jetzt bemerkte, an ihm vorbei zu Malleus sehen musste. Ein Funken Ärger entflammte in dem Jäger, der sich dadurch kurzzeitig bedroht fühlte.
      „Wir sollten gehen.“
      Gehen? Devons Verstand kam nicht ganz mit. Wieso wollte sie jetzt gehen? Sie musste nur ihre Hose loswerden, er seine aufknöpfen und dann stünde doch nichts mehr im Wege. Er runzelte die Stirn, dann waren ihre heißen Lippen wieder bei ihm und löschten auch diese Gedanken aus.
      „Zurückgehen. Ins Zimmer gehen. Gemeinsam.“
      Wieder löste sich Tava und Devon folgte ihr, bekam sie jedoch nicht mehr zu fassen. Ihr Horn hatte er losgelassen und seine Hand auf ihre Schulter gelegt, die gerade dabei war, nach vorn auf ihre Brust zu wandern. Doch dann tauchte eine dunkle Hand in seinem Blickfeld auf und Devon schluckte. Schlagartig kehrte die Umwelt zum Lacerta zurück, die Geräusche der feiernden Bevölkerung, das Feuer in seiner Nase, das Bewusstsein, dass sie sich gerade in der Öffentlichkeit befanden. Mit einem Schlucken versuchte er, sich noch mehr zu erden, da verlor sich das angenehme Gewicht auf seinem Schoß und Tava war verschwunden. Sein Blick folgte dem Verschwinden der Cervidia und er bemerkte, wie sie von Malleus‘ Hand gerade geführt wurde.
      Irgendetwas in ihm zog sich da schon wieder zusammen. Warum er das jetzt fühlte, konnte er nicht sagen. Leider auch nicht, ob es ein gutes oder ein schlechtes Gefühl gewesen war, mit dem er nun selbst schwerfällig von der Bank aufstand und seine Sachen richtete.

      Für Devon hätte es nichts Besseres als diesen kleinen Spaziergang geben können. Er bekam auf ihrem Weg frischen Wind um die Nase, konnte das Adrenalin abbauen und seinen Verstand wieder auf die richtige Bahn lenken. Anfangs hatte sich die Gruppe recht nah beieinander bewegt, den Kultisten als Führer vorweg, doch langsam und stetig hatte sich der Jäger etwas Abstand erkämpft. Gedanklich führte er gerade eine Debatte darüber, ob es wirklich die beste Idee gewesen war, Tava UND Malleus auf so schlechte Ideen zu bringen, oder ob es sich bei Tava ja nur um eine Cervidia handelte. Er konnte Malleus ausschließen und sich einfach mit Tava vergnügen und dann davon ausgehen, dass sie ihn sowieso angewidert ansah, sobald er seine Klamotten gänzlich abgelegt hatte. Auch das war keine Seltenheit in Devons Leben gewesen. Immer mehr dieser Gedanken kreisten darum, dass es doch sicherer für sein Gemüt war, einfach einen Schlussstrich zu ziehen, da kam die Gruppe an einem Gasthaus an, wo kaum Bürger ein- und ausgingen.
      Devon hinterfragte nicht, wo Malleus das ganze Geld bei sich getragen hatte. Er fragte auch nicht nach, wieso so viel Geld den Besitzer wechselte. Und er fragte auch nicht nach, wieso es ausgerechnet dieses Gasthaus sein musste. Dafür zählte er fast wie in Trance die Treppenstufen, die nach oben unters Dach führten. Was zur Hölle hatte er da gerade vor? Er war ein verdammter Jäger und niemand, der sich um das fleischliche Wohl kümmerte! Nicht hier!
      Oben angekommen stand Devon nur ein paar Schritt von der Tür entfernt nah der Wand. Er starrte das Bett an – das einzige Bett – unter dem Fenster wortlos an. Er konnte jetzt noch umdrehen. Er konnte einfach gehen und dann hatte Tava eben Spaß mit Malleus. Dem ersten Impuls folgend drehte sich Devon halb zur Tür und begegnete dabei Malleus‘ Blick, der noch immer eine eindeutige Sprache sprach. Und nicht nur das. Während sich Tava auch ein bisschen abgekühlt hatte, brannte in dem Mann das Feuer nur noch stärker. Es war die Vorfreude, die ihn antrieb und jetzt dazu brachte, die ersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Ohne es zu wollen weiteten sich Devons Pupillen und er begann wieder nur noch flach zu atmen. Die Lichtstrahlen, die durch den Spalt in der Tür drangen, waren das Versprechen darauf, die Situation unbehelligt verlassen zu können. Devon sah das Licht wie seinen Erlöser an und dann….
      Schloss Malleus einfach die Tür. „Ich werde dich nicht berühren, wenn dich das beunruhigt. Nicht mehr als vorhin auf dem Fest oder gar nicht, wenn du das bevorzugst.“
      „Wie gütig“, erwiderte Devon trocken und sein Blick sprang zu Tava, die offensichtlich weniger Probleme mit der Situation hatte als Devon.
      „Ein Spiel braucht Regeln.“ Dem stimmte Devon sofort zu. „MEIN Spiel braucht Regeln…“ Das war offensichtlich. „… und dafür müssen wir die Grenzen kennen, aber für die meiste Zeit werde ich zusehen. Nicht mehr.“
      Devons Fokus richtete sich wieder auf den Menschen. Er konnte sich sagen, ob es genau dieser Punkt war, der ihm in dieser Konstellation mehr Sorge bereitete. Wenn jemand vollkommen involviert mit ihm war, dann hatte derjenige meist weniger Zeit, sich seinen Körper in Ruhe anzusehen. Aber wenn Malleus genau das als Hauptkomponente ansah… „Was, wenn ich nicht will, dass du nur zusiehst?“
      Malleus ließ sich nicht beirren und knöpfte sich weiter auf, bis er den Ansatz seines Brustbeines enthüllte. Die Male, die er verteilt auf seinem Körper trug, hoben sich in dem schlechten Licht fast gar nicht ab, aber es reichte, damit Devon es sehen konnte. Das wenige Licht reichte für seine verbesserte Sicht aus, damit er den Linien folgen konnte, damit er wusste, dass ein weiterer Knopf mehr freilegen würde als beim letzten Mal am Feuer. Genauso fatal war es, dass das Licht ausreichte, damit Devon sah, wie sich Malleus über die Lippen leckte. Das war eine unterbewusste Geste, die der Jäger zweifellos verstand. Fast zeitgleich traf ihn wieder eine Wolke aus maskulinen Düften, die ihn dazu zwangen, den Kopf völlig sinnfrei wegzudrehen. Das half nicht. Es half nur, sich aus dem Raum zu verabschieden.
      „Und ihr werdet mich nicht berühren, sofern ich es nicht ausdrücklich erlaube.“
      „Ach? Meinst du, wir haben Lust, den Abend am Feuer zu wiederholen?“, fragte Devon schnippisch und zuckte leicht zusammen, weil das zu viel über seinen Gemütszustand verriet. Sein Puls war jetzt schon wahnwitzig beschleunigt und er machte drei Kreuze, dass niemand ihn hören konnte. Unwillkürlich war er einen weiteren Schritt zurückgewichen, bis er die sichere Wand in seinem Rücken spürte. Es war nicht so, als dass all das hier Devon nicht ansprach; er war sich nur ab dem Zeitpunkt wo es ernst wurde, nicht mehr sicher. Weil in seiner Kultur Sex nicht als Unterhaltung galt. Weil sein Körper so anders war. Weil so viele sich angewidert von ihm abgewandt hatten.
      Scheinbar schien das nur bei ihm so zu sein. Während Malleus zu kalkulieren schien, was der beste Zug war, kam Tava unverwandt auf Devon zu. Sie streckte eine Hand nach ihm aus und er reagierte ohne nachzudenken und drehte sich von ihr weg, um auszuweichen. Er sah sie an und fand in ihrem Blick Verwunderung, Lust und aufkeimende Unsicherheit. Er biss die Zähne zusammen. Sie sollte nicht unsicher sein, das stand ihr nicht. Irgendetwas davon musste sich in seinem Gesicht abzeichnen, denn Tava näherte sie ihm rigoros wieder, während Devon vor ihr zurückwich. Die Rollen des Jägers und der Beute hatten sich vertauscht.
      Bis Devon ins Stolpern geriet, weil das Bett gegen seine Waden stieß. Er taumelte zurück und fing sich noch, setzte sich auf das Bett und war jetzt fast auf Augenhöhe mit der Cervidia. Eine zähe, süße Wolke umfing ich und Erinnerungen an ihre Lippen und ihren Geschmack wurden wieder wach.
      Devon schluckte. „Willst du… willst du nicht Malleus fragen, ob du ihn jetzt doch anfassen kannst?...“
    • Zu Tavas größter Überraschung streckte Malleus ihr kurz darauf seine Hand entgegen. Gerade dieser Mann, der Tava sogar ein Minimum an Berührung untersagte, bot ihr nun die Hand an. Sie beäugte das Angebot mit einem eigenartigen Ehrgefühl und nahm es dann vorsichtig an. Die Berührung dauerte nicht lange an und war hauchzart und doch fühlte es sich für Tava so an, als hätte Malleus ihr soeben sein Innerstes offenbart.
      Sie sah ihn mit großen, von Lust umwölkten Augen an. Dann drehte sie sich um und sah Devon mit demselben Blick an, nachdem der Lacerta sich zu seiner vollen Größe von der Bank erhob. Zum ersten Mal zeigte sie ihm dabei nicht ihre Hörner.
      Sie marschierten durch die Gassen, relativ zügig angemessen an dem vielen Trubel, aber immernoch so langsam, viel zu langsam. Tava musste sich gerade noch dazu beherrschen, Malleus nicht dazu zu drängen, schneller zu gehen, wobei ihr auffiel, dass sich Devon mit der Zeit mehr von ihnen entfernte. Sie warf ihm immer mal wieder einen Blick zu, konnte aber in seiner Miene nichts lesen. Zum ersten Mal hätte sie gewollt, dass der Lacerta bei ihr ging, aber er tat es nicht von sich aus und Tava wusste nicht, wie sie danach fragen sollte. Sie hatte das Gefühl, dass sie damit eine unsichtbare Grenze überschreiten könnte.
      Das Zimmer, das sie bekamen, war groß genug für ihre Zwecke, aber nicht mehr. Kaum als sie die Türschwelle überschritten hatten, steigerte sich wieder die Vorfreude in Tava, nachdem Devon jetzt nicht mehr auf Abstand gehen konnte. Aber ihre Freude wandelte sich genauso schnell in Unsicherheit, als er trotzdem einen Weg fand, die Distanz zwischen ihnen aufrecht zu erhalten. Er stellte sich einfach nahe an die Wand und damit so weit wie möglich von Tava entfernt.
      Wenn sie vor wenigen Minuten nicht noch eng miteinander umschlungen auf der Bank gesessen hätten - was Tava jetzt schon mehr wie Wunschdenken vorkam - hätte sie ernsthafte Zweifel daran gehegt, ob Devon das wirklich wollte. Ob er sie wirklich wollte. Immerhin bestand eine nicht geringe Möglichkeit, dass er ihr einfach gesagt hätte, was sie von ihm hören wollte, ohne es dabei ernst zu meinen. Denn das würde Sinn machen, weshalb er sich jetzt so zurückzog.
      Bevor sie diesen Gedanken allerdings aussprechen konnte, war es gerade Malleus, der den ersten Schritt übernahm und seine Hand an seinen Kragen führte. Tavas Aufmerksamkeit schnappte unweigerlich zu dem Mann zurück, um zu beobachten, wie er seinen ersten Knopf öffnete. Dann den zweiten. Den dritten. Tavas jubelierender Verstand machte sie darauf aufmerksam, dass der Mann sich vor ihren Augen ausziehen würde. Er mochte vielleicht nicht berührt werden wollen, aber anscheinend hatte er kein Problem damit, seinen Körper zu offenbaren.
      Doch auch jetzt schien Devon wenig überzeugt davon. Er hatte etwas von seinem alten Schneid zurück und das passte nun überhaupt nicht in diese Situation, die sie alle drei bald genießen dürften. Devons alter Schneid war es gewesen, durch den Tava ihn immer ihre Hörner zu sehen bekommen gelassen hatte.
      „Ach? Meinst du, wir haben Lust, den Abend am Feuer zu wiederholen?“
      Jetzt sah Tava doch wieder zu dem Lacerta zurück. Er war jetzt an die Wand gewichen und starrte sie beide mit einem neutralen Gesichtszug an, als würde ihn das gar nicht so interessieren. Nur wusste Tava es besser. Immerhin hatten sie sich geküsst und die Cervidia hatte genau gespürt, wie in Devons Körper etwas umgeschwenkt war.
      Sie hatte es erreichen können. Sie würde es auch jetzt erreichen. Das nahm sie sich fest vor.
      Ohne eine weitere Verzögerung kam sie auf Devon zu, den Kopf gerade ausgerichtet, die Haltung aufrecht. Es war untypisch für Tava, mit einem derart menschlich anmutenden Stolz zu gehen, was in ihrer Kultur etwas ganz anderes bedeutete. Zugegeben war es auch untypisch für sie, gleich zwei Männer zu bekommen. Zwei von denen sie wusste - oder auch eher hoffte - dass sie sie auch wollten.
      In ihr glühte noch immer das Feuer von vorhin und das musste für den Lacerta genauso gelten, dessen war sie sich sicher. So sicher. Aber als sie ihre Hand nach ihm ausstreckte, um dort weiterzumachen, wo sie vorhin aufgehört hatten, drehte er sich weg von ihr.
      Ihre Hand blieb in der Luft stehen, ohne etwas zu fassen bekommen zu haben. Mit einem Mal war sie nicht mehr so sicher, gar nicht sicher. Überhaupt nicht mehr. Sie hatten sich geküsst, ja, intensiv sogar, aber das musste noch gar nichts heißen. Ihm gefielen ihre Hörner; aber was, wenn er das Kompliment jetzt wieder zurücknahm? Wenn er es nur so dahergesagt hatte?
      Tava war sich nicht sicher, ob sie das ertragen könnte. Sie war keine unsichere Person, aber mit ihrem Lebensstil hatte sie nicht oft den Luxus, Intimität zu genießen. Und wenn sie es doch einmal tat...
      Sie biss sich auf die Lippe. Sie versuchte, ihre aufkeimenden Zweifel zu ignorieren und zog Devon noch einmal nach. Er wollte sie und sie wollte ihn, es sollte zustande kommen. Diesmal wich er ihr deutlicher aus, wurde aber vom Bett aufgefangen. Er fiel und als er einmal saß, sah der große, bedrohliche Lacerta nicht mehr halb so groß und bedrohlich aus. Auch nicht mehr halb so überzeugt.
      Tava trat an ihn heran, bis sie direkt vor ihm stand. Sein Hals bewegte sich, als er schluckte.
      „Willst du… willst du nicht Malleus fragen, ob du ihn jetzt doch anfassen kannst?...“
      Tava blinzelte, denn... was war das denn für eine Frage? Und hatte der Lacerta gerade wirklich so etwas wie gestottert? Der Lacerta? Und stottern?
      Konnte es sein, dass der Mann unsicherer war als sie? Das schien ihr geradezu unmöglich zu sein.
      "Warum sollte ich ihn das fragen? Er möchte doch hierbleiben. Ich kann auch erst dich anfassen und ihn dann fragen, oder?"
      Mit langsamen Bewegungen begann sie auf seinen Schoß zu klettern. Sie war noch immer unsicher, aber sie versuchte es zu kaschieren. Solange er nicht seine Worte von vorhin zurücknehmen würde, würde sie sich daran klammern, dass sie wahr waren.
      Der Lacerta war unter ihr wieder unglaublich steif. Diesmal konnte sie den Unterschied erkennen, denn bei ihrem Kuss war er aufgetaut, wenn auch nur für die wenigen Sekunden des Kusses. Jetzt waren seine Muskeln aber wieder hart und sie schienen zu überlegen, ob sie sich gegen Tava wehren sollten, als sie sich weiter und immer weiter über ihn schob. Wenn er keinen zweiten Kuss riskieren wollte, musste Devon sich zurücklehnen.
      "Willst du mich noch? Denn ich will dich."
      Sie konnte Malleus' Blick auf ihnen beiden spüren, wie er sich regelrecht in sie hinein fraß. Tava wollte auch Malleus, aber in einem Ausmaß, das er ihr nicht zustehen würde.
      So konzentrierte sie sich ganz auf Devon.
      "Auch wenn ich es dir nicht zeigen kann, weil du keine Hörner hast. Ich bin mir sicher, dass du wunderschöne Hörner hättest, wenn sie dir wachsen würden. So lang, wie dein Körper auch lang ist, so stark, wie deine Muskeln auch stark sind. Sie würden sicher nur nach oben wachsen, ganz steil nach oben."
      Jetzt gab es für Devon auch keinen Platz mehr, nach hinten auszuweichen. Tava kniete über ihm, saß auf ihm, so wenig nur, wie es nötig war, und hielt wie schon vorhin dicht vor seinen Lippen an. Diesmal konnte sie sich gleich vorstellen, wie sie schmeckten. Auch diesmal wollte sie ihm den letzten Schritt überlassen.
      "Sie wären so schön wie deine Schuppen es sind", raunte sie jetzt eindrücklich. "Stark und unnachgiebig. Kräftig. Du hast sehr schöne Schuppen, Devon."
    • Warum Tava Malleus das fragen sollte? Damit sie ihren Fokus von Devon nahm, natürlich! Gegen ihre Logik konnte der Lacerta nichts sagen und sah atemlos dabei zu, wie Tava ihn wortwörtlich wieder bestieg. Er ging wieder auf Abstand, lehnte sich zurück, hoffte, dass sie dadurch abgetörnt war und sich Malleus zuwandte…
      Devon schluckte abermals. Das war eine Lüge. Eigentlich wusste er ganz genau, was sein Körper jetzt wollte, aber sein Verstand wehrte sich dagegen. Seine Erfahrungen wehrten sich dagegen und er lehnte sich soweit zurück, bis er seine Spannung nicht mehr halten konnte und auf dem Rücken zum Liegen kam.
      „Willst du mich noch?“
      Devon biss sich auf die Zunge.
      „Denn ich will dich.“
      Das konnte er sehen, riechen, fühlen. Hier ohne Ablenkung atmete er noch deutlicher ihren Duft ein, hörte den Puls, der sich aufgrund der Lust und Unsicherheit beschleunigt hatte. Das hier ging über ihre Grenzen hinaus – das verstand der Jäger in diesem Augenblick. Er hatte in diesem Moment nur Augen für die Cervidia über ihm und nicht den Mann im Hintergrund, der mit der Dunkelheit zu verschmelzen schien.
      Die Hände zu seinen Seiten hatte Devon in der Decke vergraben. Als Tava ihm ausmalte, wie er als jemand… ANDERES hätte sein können, berührte das einen toten Teil in dem Lacerta. Er blinzelte, seine Hände entspannten sich und auch der Krampf in seinem Rücken ließ nach. Ihre Worte verwandelten sich vor seinem geistigen Auge in ein Bild. Einen Jäger ohne Schuppen und deformierten Schulterblättern. Einen Jäger in normaler Größe, ohne die Augen der Bestien, die ganze Stammbäume und Landschaften ausradierten.
      Es brauchte keine weitere Erklärung mehr, als Tava seine Schuppen kommentierte. Er verstand die Sprache der Cervidia selbstverständlich nicht zur Gänze, aber diesen Teilbereich hatte er dank ihrer Vorstellung durchaus übersetzen können. Nur hatte sie seit ihrem ersten Zusammentreffen nichts mehr von seinem Körper gesehen. Weder seinen Rücken noch… Ja, was würde sie zu den neuen Veränderungen sagen?
      „… sind nicht so schön natürlich wie deine Hörner“, murmelte er an ihren Lippen und gab ein kleines bisschen nach.
      Er verschmolz fast mit dem Bett als er seine Beine aufstellte und damit verhinderte, dass Tava über sie wieder zurückwich. Er hielt sie in der Nähe seiner Körpermitte, eine Hand legte sich in altbekannter Geste an ihren Kopf und zog sie zu sich hinab. Durch ihre Unsicherheit und seine Zurückhaltung eskalierte dieser Kuss nicht so sehr wie auf dem Fest, aber der Nachdruck war derselbe, als er dieses Mal in den Kuss hinein seufzte. Seine andere Hand berührte ihre Seite, schob sich hoch zu ihrer Wirbelsäule, dann abwärts bis zu ihrem Hosenbund. Seine Finger mogelten sich unter den Saum ihres Oberteils. Seine kühleren Finger trafen auf ihre schier brennende Haut und er atmete tief durch. Alles, was er roch, war diese verdammte, schwere Süße, die sie auszuatmen schien. Er gab ihren Kopf wieder frei, seine Hand fiel kraftlos auf das Bett.
      „Du… willst mich nicht ohne Kleidung sehen“, formulierte er schließlich umständlich und leise.
    • Malleus blieb zunächst seelenruhig im Hintergrund. Für ihn war das Warten auf den einen, den richtigen Moment ein Teil des reizvollen Spieles und was für ein verheißungsvoller Anblick sich seinen Augen bot. Devon gelang es nicht, sich Tava zu entziehen. Der mutige, kampferprobte Lacerta trat einen Schritt zurück, dann noch einen und noch einen...Er floh regelrecht vor der kleinen und zierlichen Cervidia, die sich talentierte Jägerin entpuppte und das Ziel ihrer Begierde quer durch den Raum bugsierte. Ein wenig Mitgefühl hatte Malleus dennoch mit dem armen Devon.
      Die untypisch schnippischen Antworten stießen bei Malleus auf milde Belustigung. Auf eine andere Art genoss er es aber auch, wie der Lacerta sich hin und her wandte. Jeder Muskel und jedes Zucken seines Körper brüllte ihm entgegen, dass er nichts sehnlicher wollte, als die kleine Dachkammer zu verlassen. Allerdings machte ihm das Bett einen Strich durch die Rechnung...und dass er offensichtlich die Enttäuschung in Tavas Blick nicht ertrug. Nun, da hatten sie schon einmal etwas gemeinsam.
      Malleus musste aufpassen, dass Tava ihn, der stets die Zügel in der Hand hielt, am Ende nicht vollends um ihren kleinen Finger wickelte.
      "Willst du mich noch? Denn ich will dich."
      Ein schwächerer Mann hätte Tava gepackt und auf das Bett geworfen. Ein einfacherer Mann, der kein Geheimnis mit sich herumtrug. Ein Mann, der nicht eine Geschichte von Abweisung und Beschimpfungen auf seinen Schultern trug. Malleus hatte nicht vergessen, was Devon ihm in den stillen Minuten am See anvertraut hatte.
      Monster. So hatten sie ihn genannt.
      Er verspürte eine neue, intensivere Hitze tief in seiner Magengrube, die seine Eingeweide verbrühte und ihn völlig unerwartet traf.
      Malleus blinzelte und lenkte seine Gedanken zurück zu seinen Gefährten. Das Wort klang selbst unausgesprochen, nur in seinen tiefsten Gedanken, immer noch unwirklich und fremd. Gab es überhaupt eine adäquate Bezeichnung für eine Konstellation wie diese, die so frisch, neu und unerprobt war?
      "Auch wenn ich es dir nicht zeigen kann, weil du keine Hörner hast. Ich bin mir sicher, dass du wunderschöne Hörner hättest, wenn sie dir wachsen würden. So lang, wie dein Körper auch lang ist, so stark, wie deine Muskeln auch stark sind. Sie würden sicher nur nach oben wachsen, ganz steil nach oben."
      Tavas Aufmerksamkeit galt allein dem Jäger, der unter ihren Worten zum zweiten Mal an diesem Abend ganz weich wurde. Die vorangegangene, brennende Leidenschaft hatte an Intensität verloren, aber etwas Neues und Unschätzbares hinzugewonnen. Es war der Grund warum Malleus sich im Hintergrund hielt. Dieser Augenblick war so delikat, so zerbrechlich, dass seine Präsenz mehr Schaden als Nutzen verursachen würde. Tava balancierte ihre Körper mit der Leichtigkeit der Cervidia auf der nachgebenden, viel zu weichen Matratze. Sein Blick wanderte über die grazile Wölbung ihres Rückens, als sie sich zu Devon beugte und ihm weitere, sanfte Worte zuflüsterte.
      "Sie wären so schön wie deine Schuppen es sind. Stark und unnachgiebig. Kräftig. Du hast sehr schöne Schuppen, Devon."
      Wer hätte das gedacht?
      Tava, die ein unbeschreibliches Talent dafür besaß, Grenzen zu missachten und Leute vor den Kopf zu stoßen, bot mit einer Einfühlsamkeit auf, die er ihr nicht zugetraut hätte.
      „… sind nicht so schön natürlich wie deine Hörner“, kam die gemurmelte Antwort.
      Malleus nestelte beiläufig an seinen Handgelenken und rollte erst den einen Ärmel, dann den anderen Ärmel bis zum Ellbogen hinauf. Er betrachtete die Brandmale, die auch seine Unterarme ringsherum zierten. Er hatte keine Schuppen, keine verformten Knochen, aber er hatte das hier. Malleus erinnerte sich nicht, wann ihn das letzte Mal jemand komplett nackt gesehen hatte und er wusste, wie sich das Bedürfnis anfühlte, sich verstecken zu müssen.
      „Du… willst mich nicht ohne Kleidung sehen“, hörte er Devon sagen und richtete den Blick wieder nach vorn.
      Devon sprach so leise, dass ihm die Worte beinahe entgangen waren.
      War das Unsicherheit?
      Scham?
      Er senkte den Blick und gewährte Devon und Tava einen Augenblick der Privatsphäre, sofern es mit ihm in einem Raum ging. Seine Erregung flachte etwas ab. Der Abend nahm nun eine Wendung, die ihn noch mehr überraschte als die Erste. Malleus schmunzelte still. Und das er zweimal an einem Abend unvorbereitet in eine Situation hineinschlitterte, das war wirklich überraschend. Ein paar Herzschläge vergingen bevor Malleus sich rührte. Er setzte seine Schritte ein wenig zu fest auf dem Dielenboden auf, um seine Näherkommen anzukündigen. Am Bett angekommen, blieb er nicht stehen um Devon und Tava aus seine erhöhten Position zu betrachten. Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, als er sich auf die Bettkante setzte, nur so weit, dass er nicht sofort wieder herunter rutschte.
      Mit einem ungewohnt offenen Gesichtsausdruck hob Malleus den rechten Unterarm vor seine Brust und gewährte den beiden freien Blick auf die Male, die ihn für immer zeichneten. Manche würden sagen entstellten. Sie kannten das Ausmaß nicht, und er konnte nicht vorhersagen, ob sie es jemals sehen würden. Er schenkte Tava ein Lächeln in der unerwarteten Ruhe, die sie alle nun umgab.
      Die Ruhe vor einem Sturm oder das Ende einer Geschichte, bevor sie begonnen hatte.
      Sein Blick wanderte zurück zu Devon.
      Malleus versuchte den Blick des Lacerta einzufangen, der zunächst nicht gewillt war, dem nachzugeben.
      "Devon. Sieh mich an...", wisperte er in einem ungewohnt, sanften Ton, den er zuvor noch nie bei Devon benutzt hatte.
      Er wartete.
      Wartete.
      Bis er endlich einen Blick in auf die geschlitzten Pupillen erhaschen konnte.
      So gern er zusah wie Devon sich wandte und ihn damit aufzog, war das der wohl schlechteste Moment dafür.
      "Ich werde deine Gefühle nicht herabwürdigen, in dem ich dir sage, das ich weiß, wie du dich fühlst", sprach er leise, bedächtig. "Aber ich weiß, wie es ist, sich verstecken zu müssen und außerhalb dieses Zimmers, außerhalb dieses kleinen Kreises, gibt es nur eine Person, die noch davon weiß. Und was in diesem Raum geschieht, wird diesen Raum nie verlassen."
      Er machte eine kleine Pause und ließ den Arm auf seine Oberschenkel fallen.
      "Tava hat Recht. Sie sind schön, deine Schuppen. Sie sind außergewöhnlich und daran gibt es nicht Verwerfliches. Man hat mich schon oft einen manipulativen Bastard genannt, aber das hier ist kein Trick. Kein Spiel. Keine Lüge."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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