In your debt [Kiba x Yumia]

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    • Wenn ich Zeit und Geld hatte, konnte ich mir gut vorstellen, gelegentlich hierherzukommen – vorausgesetzt, das Essen schmeckte mir. Doch da dieser Ort für Edward eine besondere Bedeutung zu haben schien, war ich unsicher, ob es angemessen wäre, ihn einfach so aufzusuchen. Sicherlich hätte er nichts dagegen, so wie er es formuliert hatte, und doch spürte ich ein Zögern in mir.
      Lange konnte ich darüber jedoch nicht nachdenken, denn Mrs. Brown kam an unseren Tisch, um unsere Bestellung aufzunehmen. Kaum hatte sie sich alles notiert, verschwand sie auch schon wieder mit derselben schnellen, routinierten Art, mit der sie gekommen war.
      Gerade wollte ich meinen Blick durch das Restaurant schweifen lassen, als Edward mir eine Frage stellte, mit der ich nicht gerechnet hatte. Einen Moment lang sah ich ihn perplex an, unsicher, was ihn plötzlich auf dieses Thema brachte. Doch ich fing mich schnell wieder, räusperte mich leicht und überlegte.
      „Um ehrlich zu sein, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht“, gab ich schließlich zu. „Ich bin ja nicht einmal ansatzweise dabei, meine Schulden abzubezahlen.“ Ich zuckte mit den Schultern und dachte laut nach: „Vermutlich würde ich einfach in meinen alten Alltag zurückkehren.“
      Denn wie sollte mein Leben sonst aussehen? Ich war nur vorübergehend in Edwards Firma angestellt – solange, bis meine Schulden beglichen waren. Danach müsste ich mich wieder auf dem Arbeitsmarkt beweisen, wo ein abgeschlossenes Studium oder entsprechende Nachweise gefragt waren.
      Oder aber ich würde versuchen, meinen eigentlichen Traum zu verwirklichen: ein Hundecafé zu eröffnen. Doch ob dieser Traum jemals Realität werden würde, war eine ganz andere Frage.
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    • Ich hatte ihn wohl eiskalt erwischt. Er sah nicht so aus, als hätte er irgendwie damit gerechnet. Ich verschränkte die Arme und hörte ihm weiter zu. Sein Charakter ließ mir interessante Züge zeigen. Ich hatte schon den Eindruck, dass er versuchte, alle um sich herum glücklich zu machen. Sich um sie zu kümmern und vorallem jedem so gut es ging das Leben zu erleichtern. Doch dabei vergaß er da leider sich selbst dabei total und ich überlegte, wie ich das ändern könnte. Ihm klar zu machen, dass er ruhig auch mal an sich selbst denken könnte und auch egoistisch sein durfte. Dass er nicht mal ansatzweise dabei war, alles abzubezahlen, war mir klar. Er war ja noch nicht lange hier. Aber für diese kurze Zeit hatte er schon vieler meiner Seiten gesehen, die ich sonst niemanden zeigte. Ob das eine gute Idee war, ihn ins Haus zu lassen? Ich mochte ihn. Man durfte mich nicht falsch verstehen. Aber ich glaube genau das war letzenendes das Problem. Er lockte Seiten in mir hervor, die ich lange erfolgreich verstecken konnte. Ich wollte nicht angreifbar werden. Denn das würde auch die Firma in Gefahr bringen und somit auch tausende von Mitarbeitern. Doch nun war es eh zu spät. Ich konnte ihn schlecht aus meinem Haus schmeißen. Außerdem brauchte ich ihn. Er machte seinen Hob mehr als gut.
      "Was würdest du sagen, wenn du offiziell bei uns arbeiten könntest? Nachdem das Ganze vorbei ist, versteht sich. Ich würde einen Arbeitsvertrag fertig machen und du würdest mit nur einem Job so viel verdienen, dass du mehr als davon leben könntest. Denk mal drüber nach. Es hat eh noch sehr viel Zeit. Aber die Stelle wäre dann eh frei."
    • Edward überraschte mich nicht nur einmal an diesem Abend, sondern gleich ein zweites Mal. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mir anbot, auch nach der vollständigen Rückzahlung meiner Schulden weiterhin in der Firma zu arbeiten. Es war ein großartiges Angebot – der Job zahlte weitaus besser als meine bisherigen, und obendrein hatte ich mehr Freizeit.
      Doch so, wie ich es heraushörte, existierte die Stelle, die er mir vorschlug, eigentlich gar nicht. Sie würde extra für mich geschaffen werden – genau wie die Position, die ich momentan innehatte. Warum würde Edward so weit gehen? Es wäre für ihn doch wesentlich einfacher, wenn er es nicht tun müsste. Natürlich zeigte es mir, dass ich meine Arbeit offenbar nicht schlecht machte, doch dass er mir sogar eine feste Anstellung anbot, war weit mehr, als ich erwartet hatte.
      Mit diesem Gehalt könnte ich meinem Ziel sogar deutlich näher kommen. „Das ist wirklich großzügig von dir. Ich werde darüber nachdenken“, sagte ich dankbar und nickte ihm zu. In Wahrheit hätte ich das Angebot am liebsten sofort angenommen, doch ich wollte keine voreilige Entscheidung treffen. Wer wusste schon, was in Zukunft noch auf uns zukommen würde? Dennoch beruhigte es mich zu wissen, dass Edward dieser Idee nicht abgeneigt war – und dass er es sogar selbst vorgeschlagen hatte.
      Währenddessen kam Mrs. Brown mit zwei Gläsern Wasser an unseren Tisch. Sie schenkte mir ein kurzes Lächeln, bevor ihr Blick zu Edward wanderte. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber es schien, als würde ihr Blick ein wenig länger auf ihm verweilen, ehe sie sich wieder den anderen Gästen zuwandte.
      Ich ließ meinen Blick erneut durch das gemütliche Restaurant schweifen und nahm die Atmosphäre in mich auf. Nach einer Weile stand ich auf. „Ich muss kurz ins Bad“, informierte ich Edward, bevor ich mich in Richtung der Toiletten begab. Die Beschilderung machte es leicht, den Weg zu finden, sodass ich nicht lange suchen musste.
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    • Der überraschte Blick von Casiel überraschte auch mich selbst. Immerhin war er ein toller Mitarbeiter in der Firma und seine Kollegen mochten ihn. Generell hatte ich die Termine immer selbst gemacht, aber dass es jemanden gab, der sich mit drum kümmerte und ein Auge drauf hatte war wirklich erleichternd. Natürlich gab man so jemanden nicht einfach wieder weg. Allerdings machte es mich doch etwas stutzig, dass er drüber nachdenken wollte. Hatte er andere Pläne? Hatte ich seine Pläne durchkreuzt? Andererseits würde es eh noch Jahre dauern, bis er alles bezahlt hatte. Vielleicht wollte er es nicht übereilen.
      Wenig später wurde uns schon unser Wasser gebracht und nahm mir einen Schluck. Es war wirklich nötig. Mein Hals fühlte sich trocken an. Und irgendwie war nun der Wurm drin. Hätte ich es lassen sollen? Vielleicht war ich zu früh mit allem. Schließlich war er noch nicht so lange bei mir. Und da ich kein Smalltalker war, hatte ich auch nichts mehr zu sagen. Und zu allen Übel floh er auch noch zur Toilette. Ich nickte ihm zu, ehe ich ihm hinterher sah und mich dann ebenfalls im Restaurant umsah. Inzwischen sind noch andere Gäste gekommen, trotzdem blieb es recht leise im Raum. Ich seufzte leise und lehnte mich in den Stuhl zurück. Unwillkürlich schloss ich die Augen und genoss es einen kurzen Moment, nichts sehen zu müssen. Nirgends muss ich nachdenken, ich muss nichts sagen und nichts hören. Es war wunderbar. Doch dann kam Mrs Brown und unterbrach meine innere Stille, als sie das Essen brachte.
      "Vielen Dank, Mrs Brown. Castiel ist grad ins Bad.... er kommt gleich wieder."
    • AAuch das Bad war, genau wie der Rest des Restaurants, geschmackvoll und gemütlich eingerichtet. Anstatt mich zu beeilen, ließ ich mir Zeit, drehte das warme Wasser auf und wusch mir die Hände ausgiebig. Meine Fingerspitzen glitten über das kühle Porzellan des Waschbeckens, während ich mein eigenes Verhalten hinterfragte. Warum zögerte ich den Moment hinaus? Vielleicht hoffte ich insgeheim, dass das Essen bereits auf dem Tisch stand, wenn ich zurückkam. Oder vielleicht war es etwas anderes.
      Das Gespräch über die mögliche Anstellung in Edwards Firma hatte mich ins Grübeln gebracht. Ich wusste nicht genau, warum, doch ein vager Unmut lag mir schwer auf der Brust – die Angst, dass er mein Zögern missverstehen könnte. Es war ein großzügiges Angebot, eines, das ich eigentlich kaum ablehnen konnte. Und doch…
      Mit einem leisen Seufzen wischte ich mir die Hände an einem weichen Handtuch ab, öffnete die Tür und machte mich auf den Rückweg. Auf halbem Weg begegnete mir Mrs. Brown, die mit ihrem gewohnt herzlichen Lächeln an mir vorbeihuschte.
      Als ich mich wieder setzte, fiel mein Blick auf den Tisch – zwei Teller, akkurat angerichtet, dampfend und einladend. Die Spaghetti glänzten in einem satten Grün, durchzogen von feinen Kräutern und goldenen Nüssen. Es sah köstlich aus, doch da ich noch nie Spaghetti mit Pesto gegessen hatte, wusste ich nicht, was mich erwartete. Vorsichtig drehte ich die Gabel in die Nudeln, nahm den ersten Bissen – und war überrascht.
      Ein sanftes Nicken entkam mir, kaum merklich, während ich den Geschmack auf meiner Zunge zergehen ließ. Die frische Basilikumnote vermischte sich harmonisch mit dem herzhaften Aroma von Parmesan und Pinienkernen. „Es schmeckt gut“, sagte ich schließlich, meine Stimme leicht erstaunt.
      Die grüne Farbe hätte vielleicht den einen oder anderen abgeschreckt, doch für mich war es eine kleine Entdeckung. Ich wusste nichts über die Zubereitung, über die feinen Nuancen des Kochens – doch das spielte keine Rolle. Edwards Empfehlung war eine gute gewesen.
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    • Ich fühlte mich zum ersten Mal seit langem ziemlich verloren. Ich wusste immer, was ich zu sagen hatte und war stehts professionell. Doch diesmal.... fehlte mir alles. Ich sah die Nudeln an, die mich mehr als anlächelten, doch wartete ich aus Höflichkeit, weil Castiel noch nicht wieder da war. Nochmal trank ich einen Schluck, als ich ihn aus der Tür kommen sah, während Mrs Brown ihm ein Lächeln schenkte. Für jeden sah es nach einem ganz normalen Lächeln aus, was sie den Gästen zuwarf. Doch für mich, der früher fast jeden Tag hier war und das ein bisschen beobachten konnten, sah das nach was ganz anderem aus. Allerdings konnte ich nicht deuten, warum. Irgendwas blitzte in ihren Augen auf. Mich machte es schon neugierig, was sie wohl dachte. Leider war ich Beziehungstechnisch echt eine Niete. Ich konnte Talente und Arbeitswilligkeit erkennen. Aber Gefühle waren für mich eine andere Welt, in der ich nicht zurecht kam. Leider war ich dann mit vielen Dingen überfordert, was auch einer der Gründe war, weshalb ich nie mit jemanden zu Mittag oder überhaupt zum Essen ging. Vielleicht war auch dieses hier ein Fehler und ich hätte ihn mit seinen Kollegen schicken sollen.
      Castiel setzte sich wieder an den Tisch und begutachtete sein Essen, ehe er es probierte.
      "Schmeckt es dir?", fragte ich leise und nahm auch etwas auf die Gabel, um es kurz darauf in den Mund zu stecken. Es schmeckte noch genauso wie früher. Einfach wundervoll.
    • Auch Edward schien die Nudeln zu schmecken. Da er kein Kommentar zum Essen abgab, nahm ich an, dass sie immer noch so schmeckten wie damals, als er regelmäßig hierhergekommen war. Es wäre sinnlos gewesen, zwanghaft eine Unterhaltung aufrechtzuerhalten, also konzentrierte ich mich auf mein Essen und ließ mich von den Aromen und meiner Umgebung ablenken.
      Ich wusste ohnehin, dass Edward kein großer Fan von bedeutungslosem Small Talk war – ebenso wenig wie ich. Und da ich nicht den Eindruck erweckte, als sei mir die Situation unangenehm, machte ich mir keine Gedanken darüber, krampfhaft ein Gesprächsthema zu finden.
      So genossen wir unser Essen in mehr oder weniger angenehmer Stille, während mit der Zeit immer mehr Gäste das Restaurant betraten. Ihre Gespräche vermischten sich zu einem dezenten Hintergrundrauschen. Ich empfand die Atmosphäre als ruhig und entspannt – eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag, fernab von Stress und Verpflichtungen.
      Nicht nur hatte ich heute etwas Neues über Edward erfahren, sondern ich hatte auch ein Gericht probiert, das ich vorher noch nicht kannte. Natürlich hätte ich das Gespräch in Richtung Arbeit lenken können, doch ich wusste, wie intensiv Edward in seinem Job aufging. Also gab ich ihm den Raum, um für einen Moment abzuschalten und an etwas anderes zu denken. Vielleicht war es genau das, was er gerade brauchte.
      Nachdem ich etwa die Hälfte meines Tellers geleert hatte, lehnte ich mich zurück, griff nach meinem Glas und ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen.
      Wer hätte gedacht, dass ich einmal in einem Restaurant sitzen würde – in einem Anzug, mit meinem Chef mir gegenüber? Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass es so kommen würde, hätte ich ihn vermutlich irritiert angesehen und mich gefragt, ob ihm etwas auf den Kopf gefallen war. Und doch saß ich nun hier – alles nur, weil ich eine viel zu teure Vase umgeworfen hatte.
      Glück im Unglück, würde ich behaupten. Doch wer wusste schon, was die Zukunft noch für mich bereithielt?
      Während ich weiter in Gedanken versank, erinnerte ich mich an das, was Edward mir im Aufzug erzählt hatte. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt, um nachzuhaken.
      „Du hattest vorhin gesagt, dass du bereits in der Firma gearbeitet hast, als dein Vater sie noch geleitet hat.“ Ich sah zu ihm hinüber. „Wie lange war das, bis du übernommen hast? Wolltest du das schon immer tun? Also, die Firma übernehmen?“
      Kaum waren die Worte ausgesprochen, fragte ich mich, ob das zu persönlich war. Doch die Neugier ließ sich nicht mehr zurücknehmen.
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    • Ich hatte inzwischen meine Nudeln aufgegessen und hatte nur noch etwas Wasser in meinem Glas. Die letzten Minuten seit das Essen auf unserem Tisch stand, hatten wir eher im stillem Schweigen verbracht, als irgendwas zu sagen. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, ich hatte Castiel mit meinem Angebot eingeschüchtert und hätte er die Vase nicht zerbrochen wäre er wahrscheinlich abgehauen. So wie die vielen Frauen, die unbedingt eine Beziehung mit mir führen wollten. Oder die Vater wollte..... Allerdings trauerte ich ihnen nicht nach. Sie waren eh auf das Geld aus und benutzten mich, um reich zu werden. Niemand von denen hatte je versucht, mich kennenzulernen. Also konnte ich gut auf sowas verzichten.
      Jedoch sah ich überrascht auf, als Castiel nun derjenige war, der ein Gespräch anfing. Und dann auch noch über etwas, was ich nur kurz nebenbei erwähnt hatte. Der Junge hörte wirklich gut zu. Nur fragte ich mich, warum er das unbedingt wissen wollte. Das war jetzt nicht wirklich spannend.
      "Du interessiert dich für mein Karriereleben? Hm... die Firma ist seit jahrzehnten in der Familie und wird von Sohn zu Sohn weitergereicht. Es ist also eine Art Tradition und die verlangt, dass der nächste seine Ausbildung in dieser Firma bekommt. Das bedeutet also, dass auch ich hier erst alles lernen musste, um später alles leiten zu können. Ich kenne nichts anderes und bin von Kind auf mit der Firma vertraut gewesen und mein Vater hatte mir alles beigebracht. Eigentlich sollte erst mit 30 die Firma übernehmen, doch mein Vater wurde krank und musste etwas früher in Rente. Somit wurde mir das aufgetragen. Da es von Anfang an klar war und ich so aufgezogen wurde, kam mir nie was anderes in den Sinn. Und ich schätze, was anderes würde auch nicht zu mir passen.", erzählte ich, da er dieses langweilige Geschwafel ja unbedingt wissen wollte. Doch zum ersten Mal interessierte sich jemand scheinbar wirklich dafür und so konnte Castiel vielleicht verstehen, was das alles für mich bedeutete, die Firma meiner Familie weiter zu führen.
    • Ich war ein wenig überrascht, als Edward plötzlich zu erzählen begann. Bisher hatte er stets den Eindruck vermittelt, nicht gern über persönliche Dinge zu sprechen – was ich vollkommen nachvollziehen konnte. Gerade deshalb war ich im Umgang mit solchen Themen immer vorsichtig gewesen. Ich wollte ihn nicht bedrängen oder überfordern. Doch nun schien sich etwas verändert zu haben – eine unerwartet positive Wendung, die mich neugierig machte.
      Aufmerksam lauschte ich seinen Worten, während ich weiter aß. Es beeindruckte mich, welch tief verwurzelte Tradition in seiner Familie bestand – und ebenso, dass Edward diesen Weg fortgeführt hatte. Ich wusste nicht genau, in welchem Alter er die Position seines Vaters übernommen hatte, doch es musste ein gewaltiger Schritt gewesen sein.
      Eine Frage ließ mich nicht los:
      „Gab es Momente, in denen du dich gefragt hast, wie es wäre, einen anderen Beruf auszuüben? Oder dir gewünscht hast, etwas völlig Neues auszuprobieren?“
      Es hatte durchaus seine Vorteile, wenn einem der Lebensweg schon früh vorgegeben wurde – klare Strukturen, Sicherheit, vielleicht sogar Stolz. Doch für mich klang es zugleich nach Enge, nach einer fehlenden Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen. Der Gedanke, gezwungen zu sein, einen vorgezeichneten Pfad zu gehen, den man nicht selbst gewählt hatte, war für mich nur schwer vorstellbar. Was, wenn man nach zwei Jahren feststellt, dass die Arbeit einen nicht erfüllt?
      Doch ich schätzte Edward nicht als jemanden ein, der einfach so einen anderen Weg einschlagen würde. Dafür war er zu gewissenhaft, zu pflichtbewusst. Ich hatte oft genug gesehen, wie viel Herzblut und Einsatz er in seine Arbeit steckte.
      Ich selbst hatte auch einen Traum – einen, den ich schon in meiner Jugend in mir trug. Doch fehlendes Geld hatte ihn unerreichbar gemacht. Anders als Edward hatte ich keine Beziehungen, keine finanziellen Mittel, um mir meine Wünsche zu erfüllen.
      Und dennoch konnte ich mir Edward in einem anderen Beruf nur schwer vorstellen – vielleicht, weil ich ihn einfach noch nicht gut genug kannte. Ich wusste kaum etwas über seine Hobbys, seine Vorlieben oder was ihm Freude bereitete, abseits der Arbeit. Er gehörte einer völlig anderen Welt an als ich, einer Welt, die mir fremd war.
      Gerade deshalb weckte sie meine Neugier – nicht aus Neid, sondern aus echtem Interesse. Denn ich war mir sicher, auch in seiner Welt gab es Herausforderungen, Unsicherheiten und Grenzen, die man von außen nicht gleich erkennen konnte.
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    • Als ich fertig war mit erzählen, folgte gleich darauf noch eine Frage seinerseits und innerlich grinste. Leichte Belustigung fand sich in meinen Augen wieder, ehe ich mich nach hinten lehnte und die Arme verschränkte.
      "Wird das ein Verhör oder wolltest du eine Reportage schreiben?", witzelte ich, doch war ich nicht sicher, ob es überhaupt bei Castiel ankam. Immerhin witzelte ich sonst nicht und auch so war mir selten dazu zumute. Andererseits amüsierte er mich. Was hatte ihn dazu gebracht, diese Neugier zu meinem Leben zu entwickeln? Es faszinierte mich, wie sich unsere Beziehung, was auch immer das war, entwickelte. Ich selbst wurde neugierig, zu was das alles führte. Er fragte mich viele Sachen, aber von sich gab er nichts preis. Allerdings hatte ich auch noch nicht näher nachgehakt.
      "Jedenfalls war für mich schon immer klar, dass ich in die Firma ging. Ich bin so erzogen worden. Deshalb hab ich nie drüber nachgedacht, was anderes zu machen. Ich bin wohl durch und durch Bürohengst.", antwortete ich auf seine Frage. Ich lehnte mich nach vorne und sah ihm in die Augen.
      "Jetzt wird der Spieß umgedreht. Ich bin dran. Was ist mit dir? Was hättest du lieber anders gemacht, um nicht eben diesen Haufen Jobs zu erledigen, die du vor dem Vasenbruch alles hattest?"
    • Meine Augen weiteten sich leicht überrascht, als ich seine Worte hörte. Lag da etwa ein Hauch von Belustigung in seiner Stimme? Ich war mir nicht ganz sicher – bisher hatte ich ihn nie in diesem Tonfall sprechen hören, geschweige denn einen Scherz machen. Doch es stellte sich schnell heraus, dass er tatsächlich gewitzelt hatte.
      Auch wenn er mir versicherte, dass er nie ernsthaft darüber nachgedacht habe, einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen, empfand ich das beinahe als schade. Nicht, weil sein Lebensweg falsch gewesen wäre – im Gegenteil, er hatte Beeindruckendes erreicht –, sondern weil es wirkte, als hätte er seine eigenen Wünsche nie wirklich in den Vordergrund gestellt.
      Doch wer war ich, ihm da etwas anderes einreden zu wollen? Wir standen einander nicht so nahe, als dass mir das zustehen würde. Außerdem war er alles andere als jemand, der sich nicht selbst entscheiden konnte. Also ließ ich seinen Kommentar unkommentiert stehen und widmete mich meinem Teller, während ich gedankenverloren die Gabel drehte.
      Als er mir dann die gleiche Frage stellte, hielt ich kurz inne. Die Gabel drehte sich weiter, aber mein Kopf war plötzlich leer. Es war mir... ein wenig peinlich. Nicht, weil mein Wunsch an sich mir unangenehm war – sondern weil er so klein wirkte, so unbedeutend im Vergleich zu dem, was Edward bereits erreicht hatte.
      Ich rang mit mir, druckste ein wenig herum, ehe ich schließlich den Mut fand, den Mund zu öffnen.
      „Ich wollte schon immer ein Café eröffnen. Ein Hunde-Café“, murmelte ich leise.
      Meine Stimme wurde beim Sprechen unsicherer, beinahe flüsternd. Ich vermied seinen Blick.
      Es war etwas so Persönliches, dass ich es bisher niemandem erzählt hatte. Der Wunsch war klein, ja, vielleicht sogar unscheinbar – aber für mich war er bedeutungsvoll. Vielleicht war es genau das, was ihn so verletzlich machte.

      Ich spürte, wie sich Wärme in mein Gesicht stahl, ganz leicht, aber deutlich. Und trotzdem war es schön, diesen Gedanken laut ausgesprochen zu haben – auch wenn es nur ein ganz leiser Traum war.
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    • Ich hatte nie darüber nachgedacht, ob ich auch was anderes hätte machen können. Nein, können war der falsche Ausdruck. Es war nicht so, dass ich mir was aussuchen konnte. Von Anfang an hatte mir mein Vater erklärt, dass ich bald diese Firma leiten würde. Von klein auf an war ich von der Presse als Nachfolger gesehen. Es existierten Berichte und Fotos, wie das Kind der Familie Lewis in die Öffentlichkeit trat als der CEO schlecht hin. Es war so ähnlich wie eine Lebensaufgabe geworden, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Der ganze Stolz meiner Familie. Ja, es hatte viele gute Seiten, aber eben auch viele schlechte. Und ich musste zugeben, ich war etwas überrascht, wie Castiel es schaffte, ein paar von mir versteckte Seiten aus mir herraus kitzelte.
      Als ich nun ihm die Frage stellte, hielt er kurz inne. Ich fragte mich, warum er so herum druckste und ob es irgendwas Unangenehmes oder Peinliches wäre. Was könnte denn schon so schlimm sein, dass er es nocht so einfach verraten würde?
      Es verging etwas Zeit und ich wollte schon abwinken, dass er es mir nicht unbedingt erzählen brauchte, als er dann doch mit der Sprache rausrückte. Ein Café. Das würde auch seine Reaktion erklären, weshalb er bei dem Jobangebot nicht sofort zugesagt hat.
      "Das ist doch toll. Ich..... bin zwar kein Haustiermensch, doch wenn es dein Wunsch ist, ist das doch völlig in Ordnung. Was hat dich davon abgehalten, es mir gleich zu erzählen? Das erklärt jedenfalls deine Antwort, als ich dir den Job bei uns angeboten habe. Es ist zwar schade, dass du nicht bei uns bleibst, aber man sollte eh immer das machen, was zu einem passt.", sagte ich ihm, in der Hoffnung, er nahm es mir nicht krumm.
    • Er schien meinen Wunsch tatsächlich ernst zu nehmen. Nicht, dass ich ihn je für jemanden gehalten hätte, der über die Träume anderer lacht – ganz im Gegenteil. Und doch fühlte sich mein Wunsch im Vergleich zu dem, was Edward bereits erreicht hatte, fast lächerlich klein an.
      Ich wurde stutzig, als ich merkte, dass Edward mich offenbar missverstanden hatte. Eilig schüttelte ich den Kopf und hob beschwichtigend die Hände. „Nein, das ist nicht der Grund“, korrigierte ich ihn schnell.
      Ich öffnete den Mund, um ihm meine eigentlichen Gedanken mitzuteilen, doch in diesem Moment schien mein Kopf wie leergefegt zu sein. Ich hielt kurz inne, suchte nach den richtigen Worten, bevor ich weitersprach.
      „Ich habe abgelehnt, weil... weil wir beide nicht wissen, wie sich das in der Zukunft entwickeln wird. Und wer weiß – vielleicht änderst du deine Meinung. Ich möchte dich nicht an etwas binden, was du später vielleicht bereuen würdest“, sagte ich hastig, ein wenig verunsichert.

      Vielleicht klang das alles zu wirr, vielleicht überstürzte ich mich in meiner Erklärung. Aber in meinem Innersten fühlte es sich richtig an. Ich wollte einfach Missverständnisse vermeiden. Schon immer hatte ich das Bedürfnis, mich zu erklären – nicht, um mich zu rechtfertigen, sondern um verstanden zu werden.
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    • Ich hörte ihn an, wie er sich zu erklären versuchte und fragte mich, was er schon alles durchgemacht haben könnte, dass er so antwortete. Ich verschränkte die Arme und lehnte mich nach hinten, während ich ihn weiter ansah. Ja, vielleicht war die Entscheidung früh, denn er musste ja erstmal seine Schulden bei mir abbezahlen. Trotzdem habe ich gerne meine Nachwuchstalente schon bei mir, ehe sie sich was anderes suchen. Denn so gute Mitarbeiter wie Castiel werde ich nicht oft finden. Und es gibt genug Leute, die bald noch in Rente wollen und diese Stellen muss ich dann wieder besetzen. Der Markt ist leider nicht allzugroß.
      "Castiel..... ich weiß, dass ich sehr schnell entschieden habe, aber ich weiß auch, wann Menschen, die mir gegenüber sitzen, in die Firma passen. Ich weiß jetzt, dass du einen Traum hast, den du dir gerne erfüllen willst, aber ich bin auch ein Mann, der sich holt, was er will. Und ich werde dich nicht leichtfertig gehen lassen, wenn du bei mir einen guten Job machst. Das Angebot bleibt also. Überleg es dir nochmal.", sagte ich eindringlich und stand auf. Ich ließ etwas Geld liegen, was unser Essen, sowie die beiden Getränke abdeckte und winkte ihn zu mir.
      "Na komm schon. Lass uns gehen. Wir haben noch zu tun.", sagte ich leise, aber nicht in einem strengen Ton und trat zur Tür.
    • Ich fand keine Worte, die ich ihm in diesem Moment hätte sagen können. Also nickte ich nur stumm und verständnisvoll. Es war beruhigend, dass er keine sofortige Antwort erwartete und mir die Zeit gab, die ich brauchte, um über alles nachzudenken. Bis der Moment kam, an dem ich wirklich eine Entscheidung treffen müsste, würde ohnehin noch einiges an Zeit vergehen. Wer wusste schon, was bis dahin alles passieren würde? Und bevor ich mir überhaupt Gedanken über die Eröffnung eines Hundecafés machen konnte, brauchte ich erst einmal das nötige Geld.
      Ich beobachtete, wie er das Geld auf den Tisch legte. Auch wenn ich gern angeboten hätte, zumindest meinen Anteil zu übernehmen – ich hatte schlichtweg nicht die Mittel dazu. Als er mich aufforderte, ihm zu folgen, nickte ich erneut und erhob mich. Gemeinsam verließen wir das Restaurant, und ich schenkte der Dame am Tresen noch ein kleines, dankbares Lächeln für das gute Essen.
      Draußen atmete ich die frische Luft tief ein. Gesättigt und zufrieden mit dieser kleinen, unerwarteten Umleitung des Tages, hatte ich das Gefühl, Edward ein Stück besser kennengelernt zu haben. Ich hatte etwas Neues über ihn erfahren – eine weitere Facette meines Vorgesetzten entdeckt. Vielleicht waren es nur kleine Details, die er mit mir geteilt hatte, doch für mich hatten selbst diese Kleinigkeiten Bedeutung. Sie ließen mich ein wenig tiefer in sein Wesen blicken.
      Schweigend machten wir uns gemeinsam auf den Rückweg. Manchmal musste man nicht viel sagen – Stille hatte ihre ganz eigene Sprache. Viel zu schnell standen wir wieder vor dem Gebäude, das Edward gehörte. Im Eingangsbereich waren einige Menschen zu sehen, doch ich schenkte möglichen Blicken keine Aufmerksamkeit. Wenn jemand uns zusammen sah, konnte man genauso gut denken, wir kämen von einem geschäftlichen Termin. Wahrscheinlich machte ich mir einfach zu viele Gedanken.

      An Edwards Seite betrat ich den Aufzug, der uns in unsere Etage brachte. Einige Kollegen waren bereits aus ihrer Mittagspause zurückgekehrt. Ich verabschiedete mich mit einem kurzen Nicken von Edward und begab mich zurück an meinen Schreibtisch. Offenbar hatte kaum jemand bemerkt, dass ich überhaupt weg gewesen war.
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    • Zusammen gingen wir wieder zurück zur Firma, doch keiner von uns beiden sagte etwas. Ich war auch nicht wirklich traurig drum. Es tat gut, einfach mal stillschweigend nebeneinander herziehen, während viele Frauen, die mit mir zusammen sein wollten, ständig am Reden waren. Castiel schien immer genau zu wissen, wann man sich unterhalten konnte und es angebracht war und wann man einfach die Stille genoss. Es tat gut, so jemanden neben mir zu haben. Man konnte seinen Gedanken nachgehen, auch wenn ich kein Mann war, der viel über etwas nachdachte. Aber eben auch kein Mann, der viel redete und das durfte man nicht falsch verstehen, wenn man in meiner Nähe war. Ich weiß, dass ich auf viele Menschen wohl eher bedrohlich wirkte.
      In der Firma angekommen gingen wir zum Fahrstuhl und ich drückte den Knopf nach oben. Langsam schlossen sich die Türen und meine Füße spürten, wie sich der Kasten bewegte. Ein leises Summen war zu hören, als ich unbewusst aber auch unauffällig zu Castiel rüberschielte. Er war ein hübscher Kerl, das war mir schon aufgefallen. Aber so manchmal konnte man nicht erkennen, was in seinem Kopf vorging und ich war neugierig darauf, was er so manches Mal dachte. Trotzdem blieb er immer freundlich und immer darauf bedacht, niemanden Ärger zu bereiten und es allen Recht wie möglich zu machen. Ich hoffte nur, dass ihm das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Bei dem Gedanken kam ein leichter Beschützerinstinkt in mir hoch. Doch er war nur ein Mitarbeiter. Es ging mich also absolut nichts an.
      Mit einem kleinen Klingeln öffnete sich die Tür und wir stiegen aus. Jeder begab sich wieder an seinen Arbeitsplatz und machte da weiter, wo wir aufgehört hatten.

      Währenddessen kam Mister Andrews in Castiels Büro und legte ihm ein paar Unterlagen hin.
      "Castiel? Würdest du mir einen Gefallen tun und könntest das hier in Diagramme umwandeln und einen Bericht dazu schreiben? Ich muss noch so viel andere Arbeit machen und wenn Lewis sieht, dass du das gemacht hast, wird er sicher glücklich darüber sein. Machst du es? Bitte?"
    • Als ich an meinem Arbeitsplatz ankam, konnte ich gerade noch einen Blick auf Edward erhaschen, bevor er in seinem Büro verschwand. Gesättigt und zufrieden mit der Mittagspause – und stolz darauf, es geschafft zu haben, dass Edward ausnahmsweise nicht in seinem Büro aß – setzte ich mich auf meinen Stuhl und loggte mich in meinen Computer ein.
      Doch allein blieb ich nicht lange. Ein Kollege gesellte sich zu mir, dessen Gesicht mir durchaus bekannt vorkam. Seine Bitte ließ mich kurz innehalten. Einerseits fühlte ich mich beinahe geehrt, dass er ausgerechnet mich um Hilfe bat, obwohl ich noch ziemlich neu hier war. Hatte ich tatsächlich den Eindruck vermittelt, dass ich mich gut anstellte? Dass ich kompetent genug war, um andere zu unterstützen? Der Gedanke erfreute mich. Zwar verstand ich nicht ganz, was er mit seiner Bemerkung über Edward meinte, doch ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken. Stattdessen überwog die Freude darüber, dass man mich um Unterstützung bat, und ich konnte nicht anders, als zuzustimmen.
      „Ich werde mein Bestes geben“, versprach ich. Er würde mir sicher keine Aufgaben überlassen, die mich überforderten – schließlich wusste er, dass ich noch neu im Unternehmen war. Wahrscheinlich handelte es sich einfach um eine Zusammenfassung oder ein paar einfache Diagramme.
      „Du bist echt mein Retter“, lächelte er verschmitzt und rieb sich verlegen den Nacken. „Ich würde es ja selbst machen, aber der Chef hat mich mit Aufgaben überschüttet. Und das, was ich dir gebe, ist halt auch wichtig.“
      Ich verstand seine Lage. Als Teil des Teams war es selbstverständlich für mich, ihm zu helfen. Außerdem bot sich mir so die Gelegenheit, mich intensiver mit der täglichen Arbeit auseinanderzusetzen und Neues zu lernen.
      Nachdem er einen Stapel Papier und mehrere Hefter auf meinem Tisch ablegte, verabschiedete er sich: „Wenn du Fragen hast, meld dich ruhig.“
      Es war tatsächlich einiges an Material, doch ich war zuversichtlich, dass ich es bewältigen konnte.
      Da ich an diesem Tag ansonsten nicht allzu viele eigene Aufgaben hatte, verbrachte ich die meiste Zeit damit, die heutigen Meeting-Dokumente zu reflektieren und die Termine für morgen vorzubereiten – damit ich auf mögliche Rückfragen von Edward vorbereitet wäre.
      Im Hinterkopf behielt ich dabei die Gala, die am Abend bevorstand. Auch wenn Edward mir gesagt hatte, ich solle mir darüber keine Gedanken machen, sorgte ich mich doch um mögliche spontane Fragen, auf die ich keine Antwort haben könnte.
      Nachdem ich diese Aufgaben abgeschlossen hatte, begann ich damit, die übergebenen Dokumente zu überfliegen. Zu meinem Schrecken entdeckte ich viele Begriffe, die mir vollkommen fremd waren, und oft verstand ich den Kontext nicht. Mit einem leisen Seufzer fuhr ich mir durch die Haare.
      Ich hatte bereits zugestimmt zu helfen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Also nahm ich mir vor, die Sache ruhig anzugehen: Ich würde wohl den Rest des Tages damit verbringen, die Unterlagen gründlich zu lesen, Begriffe zu notieren und mich intensiv einzuarbeiten, um ein besseres Verständnis für die Themen zu entwickeln.
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    • Als Workaholic verließ ich selten meinen Arbeitsplatz und da ich es gewohnt war, im Büro meine Pause zu verbringen, war es für mich umso merkwürdiger, nach einem Mittagessen außerhalb, wieder ins Büro reinzukommen. Ich hatte sonst immer einen gewissen Drang, die Sachen zu beenden, die ich angefangen hatte. Deshalb verbrachte ich manchmal das Mittagessen hier. Ich wusste immer noch nicht, was mich dazu gerissen hatte, mit Castiel mitzugehen. Es war ziemlich untypisch vorallem mit einem Kollegen zusammen mitzugehen. Ich hoffte, Castiel würde sich dadurch keinen Ärger einheimsen. Aber es hat auf eine eigenartige Weise gut getan, den Kopf komplett abzuschalten und an was anderes zu denken. Man kam etwas erholter wieder und kann sich dann wieder in die Arbeit stürzen. Andererseits musste man auch erstmal wieder Anschluss finden und überlegen, welchen Gedanken man zuletzt hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es nicht besser war, wenn das eine einmalige Sache war. Ich wollte auch nicht, dass Castiel irgendwelche Schwierigkeiten bekam. Ich konnte schlecht für ihn Partei ergreifen, denn ich musste für alle sein.
      Ich seufzte leise und sah zur Uhr an meinem Handgelenk, nur um festzustellen, dass bald noch die Telefonkonferenz anstand. Auch die war sehr wichtig um weitere Punkte zu besprechen, wie wir vorgehen und was wir ändern wollen.
      Und dann war da noch die Gala heute abend, zu der wir beide mehr als pünktlich von der Firma weg mussten. Das würde ein harter Tag für uns beide werden. Ein Blick auf dem Kalender verriet mir, dass morgen auch Wochenende war. Immerhin konnte mein Mitbewohner morgen frei machen und den Tag genießen. Das würde er sicherlich nach dem heutigen Abend brauchen.
    • Je mehr ich las, desto schwerer fiel es mir, das Gesamtbild zu erfassen und mir einen Überblick über die vielen Fachbegriffe und unbekannten Wörter zu verschaffen. Ich hatte schließlich kein BWL Studium oder ähnliches absolviert, das alles war für mich ein einziges Mysterium. Besonders die zahlreichen Zahlenkolonnen bereiteten mir Mühe, während ich versuchte, ihren Zusammenhang zu verstehen. Die Dokumente lagen in einem ordentlichen Stapel vor mir, und während ich mich hindurcharbeitete, machte ich mir stetig Notizen.
      Völlig vertieft in meine Arbeit bemerkte ich kaum, wie schnell die Zeit verging. Erst als ich wieder aufsah, fiel mir auf, wie leer das Büro inzwischen geworden war. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es langsam Zeit war, aufzubrechen. Ich sortierte die Unterlagen sorgfältig zusammen und beschloss, sie mit nach Hause zu nehmen, um sie in meiner Freizeit weiterzulesen. Wer wusste schon, wie lange ich noch brauchen würde, um sie vollständig zu verstehen und schließlich die erbetene Zusammenfassung anzufertigen?
      Viel mehr als das Lesen bereitete mir der Gedanke Sorgen, den Bericht am Ende schreiben zu müssen. Ich war nicht gerade selbstbewusst, was meinen Schreibstil betraf. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mir an manchen Stellen Fehler unterliefen oder Informationen fehlten. Am Ende schob ich diese Unsicherheit auf meine Unerfahrenheit, oder, wie ich es selbstkritisch dachte, auf meine Unwissenheit.
      Da ich nicht wusste, wann genau Edward zur Gala aufbrechen wollte, behielt ich seine Bürotür im Auge. Gleichzeitig hielt ich meinen Schreibtisch soweit aufgeräumt, dass ich bei seinem Signal nur noch meine Sachen nehmen und sofort losgehen konnte. Durch meine Konzentration auf die Dokumente hatte ich bisher kaum einen Gedanken an die Gala selbst verschwendet. Ich fühlte mich mental ausgelaugt und sehnte mich eigentlich nur nach meinem Bett, doch ich hatte eine Verantwortung gegenüber Edward.
      Gedanklich versuchte ich, mich selbst zu motivieren, und streckte mich kurz. Vielleicht würde es ja doch nicht so schlimm werden, wie ich es mir ausmalte, auch wenn sich meine Bedenken immer wieder in den Vordergrund drängten. Um mich ein wenig abzulenken und von der Arbeit loszukommen, richtete ich meinen Blick aus dem Fenster. Obwohl es inzwischen dunkler geworden war, leuchteten die Lichter rund um das Firmengebäude jede Ecke aus, die mein Blick erfassen konnte. Eine Aussicht, an die ich nicht gewöhnt war. Sie hatte etwas zugleich Beruhigendes und Faszinierendes an sich, schwer in Worte zu fassen.
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    • Inzwischen war es abends geworden und ich sah auf die Uhr. Ich hab gar nicht bemerkt, wie spät es geworden war. Die Telefonkonferenz hatte länger gedauert als erwartet und somit musste ich noch einiges an Arbeit nachholen. Allerdings verstand ich nicht, warum Castiel nicht schon längst was gesagt hatte.
      Ich packte alles zusammen und fuhr den PC runter, ehe meine sieben Sachen schnappte und zu ihm ins Büro ging. Die Firma war inzwischen fast leer. Alle hatten längst Feierabend gemacht. Sanft klopfte ich an Castiels Bürotür, ehe ich vorsichtig eintrat.
      "Wir machen Feierabend. Wir werden kurz nach Hause fahren und uns umziehen. Danach geht es zur Gala.", erklärte ich und sah zu ihm rüber. Allerdings war ich froh, wenn wir endlich ganz Zuhause waren und ich kurz die Augen zu machen konnte. Doch das musste leider noch warten. Die Gala war eine wichtige Veranstaltung für die Firma und somit unverzichtbar.
      Der Weg führte wieder zum Fahrstuhl, der uns zur Tiefgarage brachte und wir dort ins Auto steigen konnten. Ich schnallte mich an, wartete noch auf meinen Mitbewohner, ehe ich den Motor startete und los fuhr. Ich war nicht nervös, weil ich wusste, was auf mich zu kam und ich geübt in meinem Job war. Immer das Pokerface aufgesetzt haben und den Leuten smart und professionell entgegen treten. Mit den richtigen Worten konnten das dann ganz schnell neue Partner für das Geschäft werden.
      Kurz Zuhause angekommen, zog ich mich wirklich nur kurz um und kam schick und elegant wieder aus meinem Schlafzimmer. Jetzt fehlte nur noch Castiel.