Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "Ich erinnere mich nicht mehr." Der Kloß in ihrem Hals drohte, sie zu ersticken. Tessa drehte den Kopf. Es machte das Atmen nicht leichter. Mit geschlossenen Augen schmiegte sie die Wange gegen seine Brust. Nah an ihrem Ohr pochte sein Herz und etwas tiefer tickte die Uhr im Gleichklang. Chester blieb still in ihrem Griff, das Ticken grausam in seiner Beständigkeit, doch seine Arme um Tessa waren vertraut und warm.
      "An nichts davon. Ich erkenne das Buch und meine Handschrift und ich weiß, dass ich es getan habe, weil ich mich selbst kenne. Aber erinnern tu ich mich nicht. Deswegen ist das alles nicht so schlimm."
      Tessa schüttelte den Kopf in einer einseitigen Seitwärtsbewegung, weil sie sich weigerte, den Kopf von seiner Brust zu heben. Sie wollte ihm widersprechen. Der Protest lag ihr bereits auf der Zunge, doch Tessa blieb stumm. Sie wartete, um diesen kostbaren und flüchtigen Moment, in dem Chester sich dazu entschied, sich ein klein wenig zu öffnen und diese Seite von sich zu teilen, nicht zu zerstören.
      Die Andeutung eines Lächelns schlich sich auf ihre Lippen, als sie das Gewicht seines Kopfes auf ihrem Scheitel spürte. Es war traurig und mitfühlend. Ein kleines, kümmerliches Heben ihrer Mundwinkel, aber nichtsdestotrotz ein Lächeln.
      "Die Uhr lässt sich nicht aufhalten. Wenn schon, hätte ich es herausgefunden. Auf die eine oder andere Weise."
      "...ich hätte zu dir kommen sollen, als mir diesen bescheuerten Plan auszudenken...", murmelte Tessa nach einer gefühlten Ewigkeit.
      Die verkrampften Finger hatte sich in der Zwischenzeit gelöst und strichen sanft über seinen Rücken. Als wäre das Gewicht der Schiene plötzlich viel zu schwer geworden, senkte Tessa die Hand und legte sie über seiner Hüfte ab. Die Wärme seiner Haut drang durch den dünnen Stoff, wärmte ihre Hände und ihre Wange.
      "Versuch...", begann Tessa und stockte. Sie zog die Stirn kraus, weil sie nach den richtigen Worten suchte. "Versuch sowas nicht nochmal solange ich hier bin. Versprich es mir."
      Sie regte sich in seinen Armen und hob den Kopf an, das Kinn auf seiner Brust gebettet. Die Tessa, die letzten Jahr im späten Sommer in den Zirkus Magica gestolpert war, hätte das Versprechen, es nie wieder zu tun, abgeknüpft. Das Konzept von Zeit war nicht leicht zu greifen und wenn sie Chester in die Gleichung einbezog, sogar schier unmöglich. Die Tessa, die ihn gerade ansah und so nah war, dass sie die verschiedenen Farben der Tupfen in seiner Iris benennen konnte, wusste das. Und die Ewigkeit war eine lange Zeit um eine andere Person über den eigenen Tod hinaus an ein Versprechen zu ketten.
      "Ich weiß, du magst keine Versprechen, aber es keine lange Verpflichtung. Ich kann dich nicht mehr im Auge behalten, wenn ich...wenn ich nicht mehr hier bin."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "...ich hätte zu dir kommen sollen, als mir diesen bescheuerten Plan auszudenken...", sagte Tessa irgendwann und es war wie ein Eingeständnis. Sie sah ein, dass es ein Fehler gewesen war, und mit dieser Reue würde sie ihn nicht noch einmal tun. Nur fand Chester gerade nichts in sich, um sich darüber zu freuen. Er war einfach nur... er wusste es auch nicht.
      "Versuch...", setzte Tessa an und zögerte. Suchte nach den richtigen Worten. Chester ließ die Stille zwischen ihnen verweilen. "Versuch sowas nicht nochmal solange ich hier bin. Versprich es mir."
      Jetzt zögerte Chester selbst, denn das war nicht, was er erwartet hatte. Sicher, Tessa hatte ihn bereits sterben gesehen, das wollte sie nicht noch einmal erleben, aber ihre Stimme verriet ihm, dass es viel tiefer ging als nur das. Sie wollte nicht, dass er es noch einmal versuchte ihretwillen - sie wollte es für ihn selbst. Es ging ihr darum, was Chester... was er... worum ging es ihr?
      Sie hob den Kopf an und sah ihm in die Augen. Chester sah zurück, aber er konnte nicht lesen, was er dort in ihrem Blick erkannte. Konnte oder wollte nicht.
      "Ich weiß, du magst keine Versprechen, aber es keine lange Verpflichtung. Ich kann dich nicht mehr im Auge behalten, wenn ich...wenn ich nicht mehr hier bin."
      Dann war es doch aus Eigennutz - sicher. Aber irgendwie... auch nicht.
      Chester sah sie lange an, in Gedanken viele Szenarien durchführend. Schließlich nickte er leicht.
      "Ich versprech's - nicht, solange du hier bist. ... Wenn du versprichst, dass du das Buch nicht wieder anfassen wirst."
      Seine Mundwinkel zuckten in der Andeutung eines Lächelns, von dem er sich noch nicht sicher war, welches es werden sollte.
      "Nicht, solange ich hier bin."
    • "Ich versprech's - nicht, solange du hier bist“, gab Chester letztendlich nach.
      Tessa atmete erleichtert aus. Ein langes beinahe endloses Ausatmen, als hätte sie die ganze Zeit über die Luft angehalten. Vorsichtig hob sie sich auf die Zehenspitzen bis sie ihre Stirn gegen Chesters lehnen konnte. Braue an Braue, Nase an Nase und geteilter Atem in der Stille des Zeltes.
      „Vergiss es nicht“, wisperte sie leise. Die Worte klangen wie ein Befehl, eine Bitte und ein Herzenswunsch zugleich.
      „...Wenn du versprichst, dass du das Buch nicht wieder anfassen wirst."
      Langsam nickte Tessa und sog die Nähe auf, die Chester ihr gestattete. Wer wusste schon, was geschehen würde, sobald die Morgensonne endgültig die Nacht besiegt hatte.
      „Versprochen“, murmelte Tessa.
      "Nicht, solange ich hier bin."
      „Ich verspreche es“, bekräftigte sie und lächelte ebenso unsicher wie der Mann in ihren Armen. „Obwohl es ein kleines Bisschen unfair ist. Ich bin bis an mein Lebensende an mein Wort gebunden, du nicht.“
      Tessa machte Chester keinen Vorwurf. Es war die Art von Galgenhumor, die es nur in einem magischen Zirkus mit einem unsterblichen Zirkusdirektor, tödlichen Glaskugeln und einer seelenfressenden Uhr gab.
      „Ich bring Dir das Buch.“
      Dann konnte Chester es zusammen mit seinen Tagebüchern wegschließen…und dieses Mal wissentlich. Kein Schloss konnte den verfluchten Schlüssel, der für so viel Leid, das mittlerweile weit über den Tod den Rose hinausging, verantwortlich war, aufhalten. Tessa glaubte nicht, dass sie ihn noch einmal benutzen würde um die Truhe zu öffnen. Nicht nach dem, was sie heute gelesen hatte. Sie war froh darüber, dass ihr nicht dieses Notizbuch zuerst in die Hände gefallen war. Nie im Leben hätte sie Chester ins Gesicht sehen und dieses Wissen verheimlichen können.
      „Aber…“, begann sie zögerlich, leckte sich unsicher über die Lippen. „…ich möchte wissen, was mit Theresa passiert ist. Irgendwann. Ich habe immer noch Fragen, aber ich möchte nicht noch einmal auf der Suche nach Antworten so ein Chaos anrichten.“
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    • Tessa nickte langsam und in ihren Augen konnte Chester erkennen, dass sie es ernst meinte. Sie würde sich mit dem Buch nicht wieder befassen und damit fiel ein Teil der Last von Chesters Schultern - aber nur ein Teil davon. Denn wenngleich Tessa die Finger davon lassen würde, existierte das verfluchte Ding noch immer irgendwo und könnte gleich dem nächsten in die Hände fallen. Chester würde es sofort vernichten, sobald er es bekommen hatte. Er würde diesen ganzen Unfug sofort unterbinden.
      „Ich verspreche es." Sie lächelte ein bisschen. „Obwohl es ein kleines Bisschen unfair ist. Ich bin bis an mein Lebensende an mein Wort gebunden, du nicht.“
      "Wir sind beide bis an dein Lebensende an unser Wort gebunden", erwiderte Chester sanfter. "Das ist dieselbe Zeitspanne. Es ist sogar sehr fair."
      „Ich bring Dir das Buch.“
      "Danke."
      Chester erlaubte sich aufzuatmen. Es hätte schlimmer kommen können; all das hätte viel schlimmer enden können. Er hoffte, dass es ein gutes Zeichen war, dass es nicht so geendet hatte.
      „Aber… ich möchte wissen, was mit Theresa passiert ist. Irgendwann. Ich habe immer noch Fragen, aber ich möchte nicht noch einmal auf der Suche nach Antworten so ein Chaos anrichten.“
      Chester zog die Augenbrauen zusammen, genug, um sein Missfallen auszudrücken. Theresa konnte ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Selbst so lange nach ihrem Tod gelang es ihr immernoch, ihn aufzuregen.
      "Ich erzähle dir von ihr. Aber nicht mehr heute. Wir haben schon genug mit ihr zu tun gehabt."
      Er sah zu der offenen Kiste, aus der er sein Tagebuch genommen hatte. Er wollte nicht mehr darüber nachdenken, nicht über Theresa und auch nicht über... alles andere. Dieser Tag hatte so schön angefangen und jetzt war er doch wieder in die Abgründe des Zirkus' verstrickt worden. Wann würde das ein Ende nehmen? Wann würde es endlich vorbei sein?
      Seufzend löste er sich aus Tessas Armen, nahm er sein Buch und brachte es zurück in die Kiste. Er ließ das Schloss zuschnappen und kam wieder, um Tessa und das Bett anzuschauen. Sie sah aus, als wäre sie gerade auf dem Weg nach draußen - noch eine Sache, die ihm nicht gefiel. Theresa hatte ihm den ganzen Morgen zerstört.
      "Komm." Er schlug einen versöhnlichen Tonfall an. "Wir legen uns nochmal hin. Nur ein paar Minuten. Nur bis Liam aufkreuzt."
      Er kroch zurück ins Bett mit einer unsicheren Tessa, die genauso wenig entspannt war wie er. Vorhin hatten sie noch die Gemütlichkeit des Betts genießen können, jetzt lagen sie unter einer lauwarmen Decke, die nichtmal halb so einladend war wie zuvor. Sie kuschelten nicht mehr, lagen nur steif nebeneinander, unentspannt, den eigenen Gedanken nachhängend. Chester hasste das. Er wollte diese Atmosphäre nicht hier haben, nicht nach dem gestrigen Tag, nicht nachdem Tessa zum ersten Mal bei ihm schlief. Mit ihm bei ihm schlief. Nicht nachdem alles viel schöner sein könnte.
      Unzufrieden starrte er die Decke an, dann rollte er sich auf die Seite und stützte den Kopf mit der Hand ab. Er sah Tessa an und versuchte dabei ungezwungen zu sein, wie es die Situation zuließ.
      "Du kannst also lesen, ja? Und Toby hat es dir beigebracht?"
      Er lächelte ein wenig, was schon wieder natürlicher kam.
      "Das hast du ganz schön schnell gelernt für... eine Woche. Welche Bücher habt ihr gelesen?"
    • Der Wunsch, den Tessa nur zögerlich äußerste, missfiel Chester. Sie hatte nichts anderes erwartet. Dabei war ihre Bitte nicht verwunderlich, nicht in ihren Augen Augen. Sie wollte verstehen. War das so falsch?
      "Ich erzähle dir von ihr. Aber nicht mehr heute. Wir haben schon genug mit ihr zu tun gehabt."
      Damit ließ auch Tessa die Vergangenheit ruhen während der Tag weiter voranschritt. Die Zeit nahm keine Rücksicht auf sie. Bald war es spät genug, dass der Alltag sie rief. Tage, die noch eine ganze Weile von den Ereignissen der letzten Stunden überschattet wurden. Daran zweifelte Tessa nicht. Schon bald wieder vor das Zelt zu treten, behagte ihr nicht. Bisher hatte sie den meisten Fragen aus dem Weg gehen können. Am liebsten hätte sich Tessa irgendwo in diesem Zelt versteckt und wäre nie wieder herausgekommen. Es schien, als sei nach ihrer Aufnahme in den Zirkus der Frieden gestört. Alles nur, weil sie ihre Nase in Dinge stecken musste, die sie nichts angingen.
      Ohne Chesters Arme kroch die Kälte zurück unter ihre Kleidung. Sie konnte das Feuer im Nebenraum entzünden und dort auf dem Sofa noch ein paar Stunden schlafen. Die Auseinandersetzung mit Chester hatte sie erschöpft.
      "Komm. Wir legen uns nochmal hin. Nur ein paar Minuten. Nur bis Liam aufkreuzt."
      Irritiert sah sie Chester an.
      Sie hatte nicht daran gedacht, dass neben dem Sofa noch eine andere Option zur Auswahl stand. Dass Chester sie zurück in seinem Bett haben wollte, hatte sie komplett ausgeschlossen. Deshalb setzte sich Tessa auch nur zögerlich in Bewegung. Erst als Chester bereits unter die Decke schlüpfte, war sie überhaupt soweit sich auf die Bettkante zu setzen. Unsicher betrachtete sie ihre Füße und gab sich schließlich einen Ruck. Er hätte es nicht angeboten, wenn er es nicht wollte. Vorsichtig kroch sie unter die Decke. Die Stille, die folgte, war furchtbar. Tessa wäre beinahe wieder aus dem Bett gestiegen, da drehte sich Chester zu ihr um.
      "Du kannst also lesen, ja? Und Toby hat es dir beigebracht?"
      Fragend drehte sie den Kopf zu Seite.
      Er wollte jetzt darüber reden?
      "Mhmh...", murmelte Tessa und nickte. Es raschelte leise, als sie sich zu Chester umdrehte. Auf die Seite wie er und bettete ihren Kopf auf den angewinkelten Armen. "Am Anfang hat Toby mir leid getan. Es war nicht so, dass er keine Freunde hatte. Aber es war auch nicht zu übersehen, dass die Meisten ihm aus dem Weg gegangen sind. Irgendwie...hatte ich das Gefühl, wir sind uns ähnlich. Weißt du? Außenseiter? Ich war noch neu, nicht ganz angekommen und er wirkte...verloren? Es auszusprechen klingt irgendwie dumm. Naiv? Ich weiß nicht. Als ich ihm gesagt habe, dass ich nie Lesen und Schreiben gelernt habe, hat er gelächelt und mir den Unterricht angeboten. Er hat gelächelt. Da konnte ich unmöglich Nein sagen. Ich hab ihn wirklich gemocht. A-Als Freund."
      Tessa vergrub das verlegene, wackelige Grinsen halb im Kissen.
      "Das hast du ganz schön schnell gelernt für... eine Woche. Welche Bücher habt ihr gelesen?"
      "Monate", korrigierte Tessa dieses Mal, aber nur, weil sie stolz auf ihren Fortschritt war. Lesen lernen in einer Woche war unmöglich. Aber in wenigen Monaten bereits Bücher einigermaßen lesen zu können, war schon eine beachtliche Leistung. "Kindergeschichte, alte Zeitungen...aber hauptsächlich Märchenbücher. Toby hat sie ausgesucht, weil sie einfach gehalten sind. Das letzte Buch war Alice im Wunderland. Das ist bisher mein Lieblingsbuch."
      Sie schloss die Augen und atmete hörbar durch die Nase ein.
      "Toby hat mir seine Ausgabe geschenkt."
      Und die hatte sie zusammen mit seinen mit seinen Überresten verbrannt.
      "Aber ich hab' sie nicht mehr", erzählte Tessa leise. "Das Buch hat uns verbunden. Ich wollte, dass er es mitnimmt. Ich hab' es ins Feuer geworfen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa nickte, dann drehte sie sich langsam auch zu Chester um. Die unangenehme Stille wich dem Rascheln des Bettes.
      "Am Anfang hat Toby mir leid getan. Irgendwie...hatte ich das Gefühl, wir sind uns ähnlich. Weißt du? Außenseiter?"
      Chester hätte Tessa nicht als Außenseiterin angesehen. Niemals. Er hatte von Anfang an für das Gegenteil gesorgt, hatte sie den Leuten vorgestellt, hatte Malia dazu abgesetzt, ein bisschen über Tessa zu wachen, hatte sie zu Ella gebracht. Tessa hatte sich schnell eingefunden. Aber das war sicher auch nicht die ganze Wahrheit, die dahinter steckte, denn egal, wie viel Bekanntschaften Tessa hier gemacht hatte, sie war noch immer von draußen gekommen, von der Straße. Und selbst jetzt, all die Jahre danach, hatte sie ihr altes Leben noch immer nicht ganz abgelegt. Und dort draußen, da war sie sicherlich eine Außenseiterin gewesen.
      Also nickte Chester, denn er begriff, was sie ihm eigentlich sagte.
      "Ich war noch neu, nicht ganz angekommen und er wirkte...verloren? Es auszusprechen klingt irgendwie dumm. Naiv? Ich weiß nicht."
      Chester sagte nichts. Verloren war leider ein passendes Wort.
      "Als ich ihm gesagt habe, dass ich nie Lesen und Schreiben gelernt habe, hat er gelächelt und mir den Unterricht angeboten. Er hat gelächelt. Da konnte ich unmöglich Nein sagen. Ich hab ihn wirklich gemocht."
      Chester lächelte.
      "A-Als Freund."
      "Sicher."
      Toby hatte sicherlich seinen Charme gehabt - früher. Chester hatte es sehr bildhaft im Kopf, wie Tobys Gesicht erstrahlte, wenn er lächelte. Er konnte sich gut vorstellen, wie sich Tessa gefühlt haben mochte, wenn Toby ihr ein solches Lächeln geschenkt hatte. Wenn es denn dasselbe gewesen war.
      Tessa vergrub ihr Lächeln im Kissen und Chester war sich sicher, dass es dasselbe gewesen war.
      Als Chester sie weiter nach den Büchern fragte, korrigierte sie seine angenommenen Wochen. Aber selbst in Monaten war der Fortschritt schon enorm - bei ihrer Ankunft hatte sie noch gar nichts lesen können.
      "Kindergeschichten, alte Zeitungen...aber hauptsächlich Märchenbücher. Toby hat sie ausgesucht, weil sie einfach gehalten sind. Das letzte Buch war Alice im Wunderland. Das ist bisher mein Lieblingsbuch."
      "Ah."
      Chester lächelte fester.
      "Das ist ein schönes Buch, ja."
      "Toby hat mir seine Ausgabe geschenkt."
      "Welche war es? Weißt du das noch?"
      "Ich hab' sie nicht mehr", sagte Tessa leise. "Das Buch hat uns verbunden. Ich wollte, dass er es mitnimmt. Ich hab' es ins Feuer geworfen."
      "Oh."
      Darüber dachte Chester einen Augenblick nach.
      "Das ist eine schöne Geste. Sie hätte ihm sicherlich gefallen."
      Schweigen kam auf, als Toby ihre gemeinsamen Gedanken beherrschte. Doch es war nicht so unangenehm, wie es hätte sein können; in gewisser Weise hatte Toby sein Vermächtnis hinterlassen. Tessa hatte durch ihn schreiben gelernt und sie und Chester erinnerten sich sehr bildhaft an sein schönes Lächeln. Das war ein schönes Vermächtnis, das Chester zu hüten dachte.
      "Ich glaube, ich habe hier noch irgendwo den Erstentwurf. Er wurde für das Buch später nochmal ausgearbeitet. Lewis hat sich ein bisschen schwer getan, weil er so unsicher war, durch sein Stottern. Das habe ich ihm versucht auszureden."
      Chesters Augen funkelten verschmitzt.
      "Aber siehst du, selbst ein Stotterer kann Lesen und Schreiben lernen. Hat Toby dir das auch beigebracht? Das Schreiben?"
    • Das Schweigen hätte beklemmend sein können und doch hüllte es Tessa ein wie ein warme Decke. Die Erinnerungen schmerzten weniger, wenn sie geteilt wurden. Je länger die Stille anhielt, umso schwerer wurden ihre Augenlider. Die Anspannung fiel für den Moment endgültig von ihr ab und ihr Kopf sank immer schwerer in das Kissen. Tessa lauschte der sanften Stimme, verlor sich in dem Gefühl von warmen Atem, der über ihre Wange streichelte.
      "Ich glaube, ich habe hier noch irgendwo den Erstentwurf. Er wurde für das Buch später nochmal ausgearbeitet. Lewis hat sich ein bisschen schwer getan, weil er so unsicher war, durch sein Stottern. Das habe ich ihm versucht auszureden."
      "Hmm...", murmelte Tessa zustimmen.
      "Aber siehst du, selbst ein Stotterer kann Lesen und Schreiben lernen. Hat Toby dir das auch beigebracht? Das Schreiben?"
      Sachte schüttelte Tessa den Kopf, braune Strähnen verirrten sich in ihre Stirn.
      "Nein, ich habe irgendwann versucht, die Wörter aus den Büchern nachzuschreiben. Zum Üben und..."
      Sie verstummte, dann blinzelte sie mehrmals schnell hintereinander. Die Müdigkeit wich schlagartig aus ihren Augen. Das Bett erzitterte, als sich Tessa schwungvoll auf den Händen hochstemmte. Das weiche Kissen und dessen Anziehungskraft völlig vergessen, starrte sie Chester mit großen Augen an und geöffnetem Mund an.
      "Du...Du kanntest Lewis Carroll!?"
      Tessa setzte sich weiter auf.
      "Nicht Dein Ernst!? Den Lewis Carroll? Und du hast seinen Erstentwurf?"
      Abgesehen davon, dass ein solches Manuskript ein Vermögen wert war, war die Tatsache, dass Chester bei der Entstehung mit gewirkt hatte, so verrückt, dass sie damit hätte rechnen müssen. Der Gedanke brachte Tessa zum Lachen.
      Ohne darüber nachzudenken, griff sie nach Chesters Hand.
      "Du musst mir den Entwurf unbedingt zeigen. Das wird mir niemand glauben."
      Nicht, dass es tatsächlich Menschen von Außerhalb gab, denen sie davon berichten konnte.
      Der Gedanke stach weniger, als er es zu Anfang vielleicht getan hätte. Jetzt war es viel mehr eine Sache, die Chester mit ihr verband und dieser Gedanke machte sie sehr glücklich.
      "Oh, jetzt wird mir einiges klar", gluckste sie. "Wusste Carroll von..." Tessa machte eine ausschweifende, wedelnde Geste mit der freien Hand. "...all dem hier? Moment. Ach, du meine Güte! Sag mir bitte nicht, dass er sich von Zirkus Magica inspiriert gefühlt hat!? Weißt du, dass ich Toby mal aus Spaß gesagt habe, dass ich mich wie Alice gefühlt habe, als ich hier angekommen bin?"
      Kaum waren die Worte raus, war Tessa auch schon gleich verlegen. Hatte sich das dumm angehört?
      Konnte sich Chester überhaupt an den Inhalt der Geschichte erinnern?
      Tessa grinste unsicher und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
      "I-Ich bin zwar nicht durch einen Kaninchenbau gefallen, sondern über einen Zaun geklettert aber...na ja, als ich mich damals in den große Zelt geschlichen habe, fühlte es sich auch ein bisschen so an, als hätte ich eine andere Welt betreten. Es war magisch und...du weißt schon."
      Sie musste rot angelaufen sein, denn ihre Wangen glühten.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Nein, ich habe irgendwann versucht, die Wörter aus den Büchern nachzuschreiben. Zum Üben und..."
      Tessa verstummte schlagartig und blinzelte mit den Augen. Chester zog die Augenbrauen hoch. Da stahl sich ein sichtbares Erkennen auf Tessas Gesicht und von jetzt auf gleich war ihre vorherige Müdigkeit völlig verschwunden. Sie setzte sich auf, so schnell, dass das Bett davon wackelte.
      "Du...Du kanntest Lewis Carroll!?"
      Chester kicherte, als er begriff.
      "Ja. Er war öfter hier im Zirkus. Jeder liebt den Zirkus."
      "Nicht Dein Ernst!? Den Lewis Carroll? Und du hast seinen Erstentwurf?"
      "Den Lewis Carroll, ja", sagte Chester und kicherte wieder. "Er war gerne hier. Ihm hat die Magie in der Manege besonders zugesagt. Und als er seinen Entwurf geschrieben hat, hat er ihn hergebracht, damit ich ihn durchlesen kann."
      Das brachte Tessa zum Lachen und lockerte damit Chesters Schultern auf. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sehr er dieses Geräusch vermisst hatte. Es lud dazu ein, gleich mitzulachen.
      Aufgeregt ergriff sie seine Hand.
      "Du musst mir den Entwurf unbedingt zeigen. Das wird mir niemand glauben."
      Ihre Begeisterung freute Chester. Wer konnte schon erahnen, dass eine so einfache Bekanntschaft so viel ausmachte?
      "Natürlich, wenn du möchtest. Aber ich warne dich, es ist längst nicht so ausgereift wie das eigentliche Buch."
      "Oh, jetzt wird mir einiges klar", sagte Tessa und kicherte wieder, ein himmlisches Geräusch. "Wusste Carroll von all dem hier?"
      Chester öffnete den Mund um zu antworten, aber Tessa kam ihm zuvor.
      "Moment. Ach, du meine Güte! Sag mir bitte nicht, dass er sich von Zirkus Magica inspiriert gefühlt hat!?
      Chester antwortete nicht, aber sein Grinsen sprach für sich. Wie niedlich es war, Tessa bei dieser Aufregung zu beobachten.
      "Weißt du, dass ich Toby mal aus Spaß gesagt habe, dass ich mich wie Alice gefühlt habe, als ich hier angekommen bin?"
      "Oh wirklich?"
      Jetzt war es Chester, der lachen musste. Das war eine zu surrile Vorstellung, um sie nicht genießen zu können. Tessa, die in den Kaninchenbau stolperte - sie hätte die Charaktere vermutlich mit Messern beworfen.
      "I-Ich bin zwar nicht durch einen Kaninchenbau gefallen, sondern über einen Zaun geklettert", sagte Tessa verlegen, als hätte sie Chesters Gedanken gehört, "aber...na ja, als ich mich damals in den große Zelt geschlichen habe, fühlte es sich auch ein bisschen so an, als hätte ich eine andere Welt betreten. Es war magisch und...du weißt schon."
      "Ich weiß ganz genau", sagte er noch immer grinsend. Dann stand er auf und ging hinüber in den Wohnbereich, während er weiter laut mit ihr sprach.
      "Wenn ich mich recht erinnere - und das kann durchaus falsch sein - hatten wir zu seiner Zeit eine Lichtershow in unserem Programm. Unsere Tiere waren nämlich schön und gut, aber jeder Zirkus hat Tiere und ich musste mir wieder etwas einfallen lassen, um uns von anderen abzuheben. Wo habe ich es denn...?"
      Er kramte in ein paar Schränken herum und zog weiter.
      "Also habe ich mir eine Lichtershow überlegt, mit lauter anderen Tieren. Dafür hatte ich damals so eine Art... eine Art Zauberstab, sage ich mal, mit dem ich Formen erschaffen konnte. Das war höllisch kompliziert und das Ding ist irgendwann auch noch kaputt gegangen, deswegen gibt es das nicht mehr. Aber in der Lichtershow, da habe ich Tiere über das Publikum fliegen lassen, ich glaube Giraffen und... diese großen Vögel und... irgendwas, aber auch noch Großkatzen. Ja. Und Lewis war begeistert davon."
      Er ging in sein Arbeitszimmer und kramte sich dort durch ein paar Schubladen, bis sein Blick auf den Hut in seiner Vitrine fiel und er sich an die Stirn fasste. Natürlich.
      "Im Buch gibt es doch auch eine Katze, oder?", sagte er, während er wieder hinüber ging und die Vitrine aufschloss. Er nahm sich den Zylinder heraus. "Ich kann mich an die Geschichte nicht erinnern. Geschichten bleiben mir nicht, die vergesse ich sofort wieder. Aber ich glaube, da war eine Katze. Hier muss es irgendwo sein."
      Er drehte den Zylinder um, steckte seine Hand hinein und griff tiefer. Und tiefer. Und noch tiefer. So tief, bis seine Schulter halb in dem Hut steckte. Dann wurschtelte er dort drinnen herum; er musste dringend mal wieder aufräumen. Das Chaos war ja schlimm.
      "Irgendwo habe ich es bestimmt... hier... oder vielleicht... welches Jahrhundert war das denn noch gleich..."
      Er kramte und rief irgendwann ein aha! bevor er den Arm wieder herauszog. In seiner Hand hielt er ein schmales Büchlein, die Seiten hauptsächlich per Hand zusammengebunden. Er stellte den Zylinder zurück in die Vitrine und kam zurück ins Schlafzimmer, um Tessa das Werk feierlich zu übergeben.
      "Sei vorsichtig damit, es fällt so schon fast auseinander. Und sei nicht allzu enttäuscht, dass es deinem Buch nicht ähnelt; es war der erste Entwurf. Dafür ist es wirklich gut gelungen."
    • Im Zirkus Magica steckte so viel von Chesters Herzblut, dass Tessa dabei zusehen konnte, wie bei der Erwähnung seines Lebenswerkes sich das Grinsen noch tiefer in seinen Gesichtszügen verewigte. Es war so wunderschön, dass sie die eigene Aufregung für einen Moment vergaß. Das Bett wackelte leicht, als Chester aufstand und in den angrenzenden Raum schlenderte. Seine Stimme drang dennoch klar und deutlich zu ihr herüber.
      "Wenn ich mich recht erinnere - und das kann durchaus falsch sein -"
      Tessa kicherte leise während Chester unbeirrt weitersprach und den Geräuschen nach zu urteilen die Schränke durchwühlte. Was immer er dort nebenan trieb, klang fast abenteuerlich. Sie nutzte die Gelegenheit um sich richtig hinzusetzen. Den Rücken gegen das Kopfteil des Bettes und die kalten Füße unter der warmen Decke. Tessa streckte die Hand zu der kleinen Lampe auf dem Nachtisch aus und zog an der Perlenkette unter dem Lampenschirm. Die Glühbirne erwachte zum Leben und stahl dem Feuer im Ofen doch nichts von seiner Gemütlichkeit.
      "Im Buch gibt es doch auch eine Katze, oder?"
      "Richtig", bestätigte Tessa laut genug, damit er die Antwort auch hörte.
      "Ich kann mich an die Geschichte nicht erinnern. Geschichten bleiben mir nicht, die vergesse ich sofort wieder. Aber ich glaube, da war eine Katze."
      "Die Grinsekatze und ich kann Dir die Geschichte so oft erzählen bis sie die zum Hals raushängt. Dann wirst du froh sein, dass du sie wieder vergessen kannst. Obwohl du das wahrscheinlich auch gleich wieder vergisst...", scherzte Tessa. Und als Scherz war es auch gemeint.
      "Irgendwo habe ich es bestimmt... hier... oder vielleicht... welches Jahrhundert war das denn noch gleich...Aha!"
      Davon hatte sie jetzt kaum ein Wort verstanden, aber offensichtlich war Chester fündig geworden.
      "Sei vorsichtig damit, es fällt so schon fast auseinander. Und sei nicht allzu enttäuscht, dass es deinem Buch nicht ähnelt; es war der erste Entwurf. Dafür ist es wirklich gut gelungen."
      Als Chester zurückkam, hatte er ein handgebundenes Buch in den Händen. Beinahe ehrfürchtig streckte Tessa die Hände aus. Wobei Buch eine großzügige Beschreibung wie sie schnell feststellte. Dem Werk fehlte ein klassischer Einband. Die Handschrift glich eiligen Notizen. Beim Blättern konnte sie durchgestrichene und korrigierte Passagen entdecken. Umsichtig schlug sie die Seiten um und ihre Augen glänzten, als hielte sie den kostbarsten Schatz der Welt in den Händen. Für andere war es nur Papier, aber für Tessa viel mehr als das. Nur die krakelige Schrift bereitete ihr ein wenig Probleme.
      "Gott sei Dank wurde der Buchdruck erfunden. Ich sag's nur ungern, aber Lewis Carroll hatte eine ziemliche Sauklaue", schnaubte Tessa. "Was sollen diese Schnörkel darstellen? Ein kleines W? Ein kleines M?", kommentierte Tessa und zog die Augenbrauen zusammen. Konzentriert, aber nicht unzufrieden. Das Leuchten in ihren Augen glitzerte immer noch.
      "Oh! Die Stelle erkenne ich wieder", sagte sie und folgte ein paar Zeilen mit der Spitze ihres Zeigefingers. Dabei berührte sie niemals die Seite aus Angst die alte Tinte könnte doch noch verschmieren. Hatte sie schwitzige Hände? Vorsichthalber wischte sie sich die Hände am Laken ab.

      „Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus nehmen soll?“ „Das hängt ganz davon ab, wohin du möchtest“, erwiderte die Katze. „Es ist mir eigentlich egal, wohin…“, sagte Alice. „Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst“, sagte die Katze.

      "Manchmal sieht ist von der Grinsekatze nur das Grinsen zu sehen. Ein Grinsen, das allein in der Luft schwebt! Ich könnte Dir hunderte Stellen raussuchen, die mir gefallen und es wären doch nicht alle." Tessa drehte den Kopf zu Chester und strahlte bis über beide Ohren. "Das hier..." Sie streichelte mit den Fingerspitzen über Seitenkanten. "...ist wundervoll. Danke, dass du es mir zeigst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa studierte das Büchlein mit einer Ehrfurcht, die Chester belächeln konnte. Es war deutlich zu sehen, dass die Notizen für die Frau eine ganz andere Bedeutung hatten als für ihn. Und das war ein schöner Anblick - Chester genoss, wie viel Wichtigkeit einem so wertlosen Stück Papier zugeschrieben wurde. Das war etwas, was er selbst schon lange verlernt hatte.
      "Gott sei Dank wurde der Buchdruck erfunden. Ich sag's nur ungern, aber Lewis Carroll hatte eine ziemliche Sauklaue", sagte Tessa und beide schnaubten. "Was sollen diese Schnörkel darstellen? Ein kleines W? Ein kleines M?"
      "Ich glaube sogar, das soll ein r sein. Lewis hatte es wohl nicht so mit Schönschrift", sagte Chester und sah lächelnd dabei zu, wie Tessa mit dem Finger die Zeile Text nachfuhr. Sie war sofort in den Text vertieft.
      "Oh! Die Stelle erkenne ich wieder."
      Chester lehnte sich zu ihr heran, um ihr über die Schulter zu lesen. Ein Satz ohne irgendwelchen Kontext - aber da war wirklich eine Katze! Chester wusste doch, dass er sich richtig erinnert hatte.
      "Manchmal ist von der Grinsekatze nur das Grinsen zu sehen. Ein Grinsen, das allein in der Luft schwebt!"
      "Oh ja, das klingt nach Lewis", sagte Chester und kicherte.
      "Ich könnte Dir hunderte Stellen raussuchen, die mir gefallen und es wären doch nicht alle."
      Den Gedanken fand Chester gar nicht so schlecht, wenn die vielen Stellen von dem Leuchten in Tessas Augen begleitet würden. Chester gefiel das alles; er lächelte, als Tessa ihn anstrahlte.
      "Das hier ist wundervoll. Danke, dass du es mir zeigst."
      "Wofür hätte ich es denn, um es nicht herzuzeigen?", sagte Chester fröhlich. Er rutschte auf dem Bett ein Stück zurück und legte sich wieder hin, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
      "Erzähl mir die Geschichte. Du hast mich ja ganz neugierig gemacht mit deiner ganzen Aufregung, jetzt will ich sie auch wissen. Nein", sagte Chester schnell, als Tessa Anstalten machte, durch das Buch zu blättern, "erzähl sie mir mit deinen Worten. Lesen kann ich sie ja selbst, ich will wissen, wie du sie erzählst."
    • "Wofür hätte ich es denn, um es nicht herzuzeigen?" In den Worten lag eine Selbstverständlichkeit, die Tessa nachdenklich stimmte.
      Für sie, die viele Jahre nicht einmal ein richtiges Dach über dem Kopf besessen hatte, war die banale Vorstellung etwas zu besitzen, nur um den Zeigens Willen, befremdlich. Auch all die Monate im Zirkus hatten nichts daran geändert. Sie hütete alles, das ihr gegeben wurde, wie einen kleinen Schatz. Von den selbstgestrickten Socken bis zu ihren heißgeliebten Wurfmessern. Trotzdem hatte sie all das beinahe ruiniert. Chester lächelte, als hätte er den Streit längst vergessen und obwohl Tessa strahlte, blieb der kleine Gedanke zurück, dass sie diesen unverhofften Moment des Glücks nicht verdient hatte.
      Tessa hielt das Manuskript behutsam in den Händen, während Chester langsam das Bett herunter rutschte und es sich wieder bequem machte. Das Ding mit Chester war, dass seine Laune ansteckend war. Die Wut war verpufft und Tessa sog all die lieben Worten und das Lächeln dankbar auf, obwohl sich diese Absolution nicht vollkommen richtig anfühlte. Der Chester, der sie in den Zirkus geholt hatte und ihr nach dem schlimmsten Tag ihres Lebens die Wahrheit offenbart hatte, war ihr nicht sehr versöhnlich vorgekommen. Aber wer kannte Chester schon wirklich?
      Sie war schwach, wenn es um ihn ging und so scheuchte sie die Gedanken davon.
      Erzähl mir die Geschichte. Du hast mich ja ganz neugierig gemacht mit deiner ganzen Aufregung, jetzt will ich sie auch wissen. Nein."
      "Nein?", fragte sie verwirrt, ihre Hände erstarrten an den Buchseiten.
      "Erzähl sie mir mit deinen Worten. Lesen kann ich sie ja selbst, ich will wissen, wie du sie erzählst."
      "O-okay", erwiderte sie und legte das Buch vorsichtig auf dem Nachttisch ab.
      Ein Moment verging, bevor sich Tessa ebenfalls hinlegte und ausstreckte. Sie faltete die Hände auf dem Bauch und sah zu Decke des Zeltes empor. Ein verstohlener Blick wanderte zu Chester, der nur wenige Zentimeter von ihr entfernt lag.
      "Lass mich überlegen...", murmelte Tessa und schloss die Augen.
      Während sie nach den richtigen Worten für den Anfang suchte, schob sie ihren Fuß in seine Richtung und hakte ganz unschuldig ihren Knöchel über Chesters. Dann begann Tessa zu erzählen.
      Von der kleine Alice, die zu viel Fantasie für ihre spießbürgerliche Familie besaß, die einem weißen Kaninchen mit Taschenuhr und panischem "Ich komm zu spät, ich komm zu spät" durch einen Kaninchenbau ins Wunderland folgte. Von einer Katze mit Grinsen und einem Grinsen ohne Katze, das in der Luft schwebte. Von einer rauchenden Raupe namens Absolem und einem Meer von sprechenden Blumen. Von Tränken, die dich größer oder kleiner machten. Von der roten Königin, ihren Spielkartensoldaten und ihrem berühmten "Ab mit ihrem Kopf!". Tessa erzählte von dem verrückten Hutmacher und seiner Tee-Party. Er trug eine Uhr, die nicht die Uhrzeit sondern den Tag anzeigte. Von der Schlafmaus, die immer müde war und gähnte, und dem Märzhasen, der mit Tassen um sich warf und "Du kommst zu spät zum Tee!" rief.
      Tessa gluckste.
      "Manchmal erinnert er mich an Dich. Den verrückten Hutmacher", unterbrach Tessa ihre Erzählung. "Jetzt, wo ich weißt, dass du Carroll beim Schreiben seiner Geschichte über die Schulter gesehen hast, macht es sogar Sinn. Die Uhr. Natürlich. Die Art, wie Carroll den Hutmacher sprechen lässt. Es ist so...Du. Irgendwie."
      Sie tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen die Unterlippe und dann zitierte sie, als hätte sie das Buch auswendig gelernt:
      „Ich habe ja überhaupt noch keinen [Tee] getrunken“, erwiderte Alice gekränkt, „also kann ich gar nicht noch mehr trinken.“ „Du meinst, du kannst nicht noch weniger trinken“, sagte der Hutmacher; „es ist sehr leicht, mehr als nichts zu trinken.“"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester lehnte sich zurück und genoss die Geschichte. Sie war keinesfalls perfekt; Tessa erzählte, woran sie sich erinnern konnte, und las nicht von den Seiten selbst vor. So erzählte ihr, was ihr gerade einfiel, und wenn sie etwas vergessen hatte, schob sie es noch schnell nach. Doch Chester hörte so auch einer zweiten Geschichte zu: Was Tessa gefühlt hatte, als sie die Geschichte gelesen hatte. Wie sie von einer anderen, verrückten Welt in den Bann gezogen worden war, wie fasziniert sie von den Charakteren war, wie lustig sie manche fand und wie gruselig andere. Chester hörte ihren Unterton heraus, die Belustigung, das Wunder. An die Geschichte selbst würde er sich nicht erinnern können, aber das hier, das würde er behalten können. In gewisser Weise war es so, als würde Chester das Buch selbst lesen - durch Tessas Gefühle und Eindrücke hindurch. Er genoss es in vollsten Zügen und kicherte mit, wenn Tessa von einer besonders komischen Stelle erzählte.
      "Manchmal erinnert er mich an Dich. Den verrückten Hutmacher", sagte sie einmal zwischendurch und Chester musste grinsen.
      "Ja wirklich?"
      "Jetzt, wo ich weißt, dass du Carroll beim Schreiben seiner Geschichte über die Schulter gesehen hast, macht es sogar Sinn. Die Uhr. Natürlich. Die Art, wie Carroll den Hutmacher sprechen lässt. Es ist so...Du. Irgendwie."
      Chester drehte sich auf die Seite und stützte den Kopf mit der Hand auf.
      "So ich irgendwie?" Er konnte sich nicht vorstellen, sein Ich in irgendeiner Weise auf Papier bringen zu können. Aber Tessa schien überzeugt und begann sogar zu zitieren.
      „Ich habe ja überhaupt noch keinen Tee getrunken“, erwiderte Alice gekränkt, „also kann ich gar nicht noch mehr trinken.“ „Du meinst, du kannst nicht noch weniger trinken“, sagte der Hutmacher; „es ist sehr leicht, mehr als nichts zu trinken.“"
      Chester kicherte. Das faszinierte ihn irgendwie.
      "Das hört sich wirklich nach mir an. Weißt du noch eine Stelle? Ich will noch ein Zitat hören."
      Tessa musste einiges überlegen, kam dann aber auf noch ein Zitat des Hutmachers. Das zweite war sogar noch besser und Chester kicherte wieder, bevor er Tessa halbwegs ernst ansah.
      "Bin ich wirklich so? So..."
      Er suchte nach dem richtigen Wort, eines, das nicht unbedingt "menschlich" war.
      "Echt?"
    • Der Bitte kam Tessa begeistert nach. Ein wenig ins Grübeln kam sie dabei schon und es wurde auch nicht einfacher, weil Chester sie dabei eingehend, aber mit einem sanften und warmen Blick beobachtete. In der kleinen, gemütlichen Welt seines Schlafzimmers gab es nicht viel, dass sie von dem Mann ablenkte. Nachdenklich tippte sich Tessa gegen die Unterlippe. Dabei warf sie zwischendurch immer wieder einen Blick zu Chester. Blinzelte der Mann überhaupt? Kurz blieb ihr Blick an seinen unverschämt langen und geschwungenen Wimpern hängen, als wartete sie auf eine Bestätigung. Als Tessa bemerkte, dass sie seit einigen Momente starrte, ohne etwas zu sagen, schluckte sie ertappt und ließ den Blick wieder durch den Raum schweifen. Sie war kurz davor, Chester ein Kissen ins Gesicht zu drücken. Wenn er sie so ansah, fiel das Konzentrieren schwer.
      "'Du könntest ja genauso gut behaupten, dass „ich sehe, was ich esse“ dasselbe ist wie „ich esse, was ich sehe!'", zitierte sie. Die Worte purzelten hastig über Lippen, als befürchtete Tessa, sie bereits in der nächsten Sekunde wieder zu vergessen. Weil Chester daraufhin kicherte, verzieh sie ihm auch die Ablenkung, für die er eigentlich nichts konnte.
      "Bin ich wirklich so? So..."
      "Hm?"
      Etwas Ernstes hatte sich in seinen Blick geschlichen. Tessa zog fragend die Augenbrauen zusammen, wartete aber geduldig.
      "Echt?"
      Die Frage traf sie unvorbereitet und trotzdem hatte sie sofort eine Antwort parat.
      "Natürlich!", bekräftigte sie ganz selbstverständlich.
      Obwohl sie den Hauch von Verwirrung über die Frage nicht ganz verbergen konnte, ließ ihr Ton keinerlei Zweifel zu. Tessa drehte sich zu Chester um, bettete die Wange in ihrer Hand und betrachtete ihn mit einem warmen Lächeln.
      "Natürlich bist Du echt", wiederholte sie. Dieses Mal war ihre Stimme leiser und besonnener. "Genauso echt wie der Chester, der den Zirkus geführt hat bevor ich überhaupt geboren wurde. Und der Chester davor. Und der davor. Alle Versionen von dir waren auf ihre Art echt in der Zeit, in der sie gebraucht wurden."
      Tessa kicherte verlegen.
      "Aber davon war keiner mein Chester." Jetzt wurde sie rot. Schnell schob sie die nächsten Worte hinterher. "Denk mal kurz drüber nach. Ich bin auch nicht mehr die Tessa, die ich vor zwei Tagen noch war. Oder vor einem Monat, oder einem Jahr. Waren sie deshalb weniger echt? Wir alle verändern uns. Ein Leben lang, richtig? Du...hast Dich nur viel öfter verändert als alle anderen. Ergibt das Sinn? Ich rede Blödsinn oder?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Natürlich!", sagte Tessa gleich mit einer Überzeugung, die Chester eigentlich schon Antwort genug gewesen wäre. Er lächelte, erleichtert darüber, dass Tessa wohl verstand, was er meinte.
      "Natürlich bist Du echt. Genauso echt wie der Chester, der den Zirkus geführt hat, bevor ich überhaupt geboren wurde. Und der Chester davor. Und der davor. Alle Versionen von dir waren auf ihre Art echt in der Zeit, in der sie gebraucht wurden."
      Chester studierte aufmerksam den Blick, der in Tessas Augen lag. Konnte es wirklich so eine einfache, offensichtliche Antwort sein? Tessa kannte ihn doch nicht einmal richtig, geschweige denn all die Chester, die einst gelebt hatten. Wie konnte sie da mit einer solchen Überzeugung sprechen? Aber egal wie lange Chester suchte, er fand nichts als Ehrlichkeit in ihren Augen.
      Dann kicherte sie auch noch.
      "Aber davon war keiner mein Chester."
      Verblüfft hob Chester die Augenbrauen. Hatte sie sich wirklich gerade getraut, so etwas zu sagen? Tessas Gesicht färbte sich langsam in einem hellen Rotton und bevor er etwas dazu erwidern konnte, sagte sie schnell:
      "Denk mal kurz drüber nach. Ich bin auch nicht mehr die Tessa, die ich vor zwei Tagen noch war. Oder vor einem Monat, oder einem Jahr. Waren sie deshalb weniger echt?"
      Chester schluckte seine Antwort hinunter und legte stattdessen den Kopf schief.
      "Wir alle verändern uns. Ein Leben lang, richtig? Du...hast Dich nur viel öfter verändert als alle anderen. Ergibt das Sinn? Ich rede Blödsinn oder?"
      Das ergab sogar Sinn. Einen verquerten, sehr komischen Sinn, aber Chester konnte ihr durchaus folgen. Tessa hatte sich seit ihrer Ankunft weiterentwickelt und Chester hatte das... auch. Nur sehr viel häufiger. Und sehr viel drastischer.
      Einen Augenblick dachte er darüber nach, dann sagte er:
      "Das ergibt schon Sinn. Glaube ich. Wenn ich mich erinnern könnte, könnte ich es dir besser sagen."
      Er lächelte.
      "Ich dachte nur..." Er wurde eine Spur nachdenklicher. "Wenn man sich so oft verändert hat, dann ist man irgendwann nicht mehr... echt. Weißt du? Wie wenn... wenn du deine Haare machst! Wenn du sie in eine andere Frisur bringst und das wieder und wieder und wieder, bis du irgendwann vergessen hast, wie deine Haare eigentlich aussehen. Und wenn du dann jemanden fragst, wie deine Frisur aussieht, dann erwartest du nicht, dass er dir davon ein Bild zeichnen kann. Oder ein Buch schreiben kann." Er lächelte kurz. "Du erwartest eher, dass er sagt... hmmm..."
      Er rieb sich am Kinn.
      "Dass er nicht weiß, wo da die Frisur sein soll bei dem, was entstanden ist. Macht das denn einen Sinn?"
    • Chester lächelte und Tessa rückte ganz von selbst noch ein kleines Stückchen an ihn heran. Aufmerksam sah sie ihn an, doch innerlich lachte sie. Ungehört und ungesehen. Falls jemand ein gespitztes Ohr gegen die Zeltwand drückte und ihr Gespräch belauschte, würde diese Person sie zweifellos als verrückt erklären. Was für Fremde verrückt klang, komplett wirr und unbegreiflich, machte in der kleinen Welt, die Chesters Bett gerade darstellte, nur für die beiden Menschen darin Sinn.
      "Ich dachte nur..."
      "Hm? Was denn?", flüsterte Tessa leise. Beinahe verschwörerisch, als teilten sie ein Geheimnis.
      "Wenn man sich so oft verändert hat, dann ist man irgendwann nicht mehr... echt. Weißt du?"
      Tessa grübelte kurz, nickte aber schließlich.
      Sie verstand es. Auf eine merkwürdige Art, aber sie verstand es wirklich.
      Mit wachen Augen lauschte sie seiner Stimme während der Tag außerhalb des Zeltes langsam zum Leben erwachte. Von weither drangen dumpfe Stimmen herüber. Die ersten Namen ihre Arbeit auf, aber sie hatten noch Zeit bis die Ersten sich auf den Weg zum Frühstück machten. Tessa verfolgte lieber die Bewegung seiner Finger. Wie er sich über das Kinn strich und nach den richtigen Worten suchte. Es war selten, dass Chester überhaupt nach Worten suchte. Der Anblick hatte etwas unfassbar Menschliches. Liebenswert in einer Weise, die Tessa in Erinnerung bleiben würde, wenn der Mann, der so viele Leben auf den Schultern trug, es längst wieder vergessen hatte.
      "Dass er nicht weiß, wo da die Frisur sein soll bei dem, was entstanden ist. Macht das denn einen Sinn?"
      "Auf einer verwirrende und verrückte Art, ja", antwortete Tessa ehrlich. Ihre Stimme wurde noch leiser, als sie weitersprach mit einem unendlich warmen Lächeln auf den Lippen. "Ist das wichtig?"
      Es raschelte leise, weil Tessa sich noch näher an Chester heranschob und behutsam eine Hand an seine warme Wange legte. Der Daumen zog zarte Kreise über seinem Wangenknochen, unter dem Auge entlang, das sie blinzelnd ansah.
      "Für mich wirst Du immer echt sein, Chester."
      Tessa überbrückte die letzten Zentimeter und lehnte ihre Stirn an seine. Die Hand verschwand von seiner Wange. Fingerspitzen wanderte, federleicht über seine Schläfe nach hinten bis ihre Hand sanft an seinem Hinterkopf ruhte. Weiche, blonde Strähnen kitzelten ihre Fingerspitzen.
      "Das hier ist echt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Neu

      "Auf einer verwirrende und verrückte Art, ja", sagte Tessa ehrlich. "Ist das wichtig?"
      "Ja", sagte Chester prompt. "Es muss wichtig sein."
      Wie sonst sollte er wissen, wie er sich zu verhalten hatte? Wie er sich richtig verhielt und wie er sich schlecht verhielt? Wie sollte er den Menschen... nahe sein? Nein, wie sollten sie ihm nahe sein?
      Tessa rutschte raschelnd heran und legte in einer fürsorglichen Geste die Hand an seine Wange. Chester sah ihr in die hellen Augen, ihre Hand ganz warm auf seiner Haut.
      "Für mich wirst Du immer echt sein, Chester."
      Er sah zwischen ihren Augen hin und her. Wie konnte sie so etwas sagen und es auch noch ernst meinen? Wenn sie ihn doch gar nicht kannte?
      "Aber -"
      Er brach ab, als Tessa sich zu ihm beugte und die Stirn an seine legte. Ihre Hand wanderte an seinen Hinterkopf und ihre Finger schoben sich in seine Haare. Er dachte, sie würde ihn küssen.
      "Das hier ist echt."
      Es war echt. So echt wie die Erkenntnis, dass er nur verstummt war, weil er sie küssen wollte. Er wollte es und das war echt. Oder? Es musste echt sein. Wenn es sich so anfühlte, als bräuchte er es, um einen Moment länger zu leben, dann musste es echt sein.
      Behutsam neigte er den Kopf und küsste sie federleicht. Die Spitze ihrer Lippen berührten sich in einer hauchzarten Geste und es war echt, wie er es noch einmal wollte. Wie er mehr wollte. Er legte den Arm um sie und hielt sie an sich, als er sie wieder küsste, auf die vollen Lippen, mit Nachdruck. Die Berührung fühlte sich gut an, fühlte sich... richtig an. Echt an. War das wichtig, wenn Chester es tat, weil er es selbst wollte? Nicht um jemand anderes Willen?
      Er küsste sie noch einmal fordernder, schob sich über sie, langsam, bis sie sich auf den Rücken zurück legte, bis ihr Kopf in einem Winkel lag, in dem sie sich noch besser küssen ließ. Chester zog ihr nach und tauchte ein in ihre Wärme. Er mochte das Kribbeln in seinem Bauch, das ihre Lippen hervorriefen. Er wollte eigentlich gar nicht, dass es jemals wieder aufhörte.
    • Neu

      Der Moment war perfekt, zumindest in der verschrobenen Welt des Zirkus Magica. Schmetterlinge im Bauch mussten sich genauso anfühlen. Tessa hatte die blumigen und herzergreifenden Beschreibungen in Ellas kitschigen Liebesromanen, in die sie hin und wieder heimlich ein Blick geworfen hatte, für maßlos übertrieben gehalten. Sie wollte Chester küssen, aber nachdem ihr Verrat ans Licht gekommen war und ein Teil der Wahrheit noch immer im Verborgenen lag, wusste Tessa nicht, ob sie das Recht auf diesen Wunsch überhaupt hatte.
      Chester, den sie äußerst selten sprachlos erlebte, benantwortete die Frage auf die schönste Art, die Tessa sich ausmalen konnte. Das Seufzen, das ihre Lippen verließ, klang so erleichtert, dass es ihr peinlich war. Für den Augenblick war alles in Ordnung, mehr als das. Tessa schmolz in seinem Arm, ließ sich heranziehen und bewegen, wie es Chester beliebte. Sie hatte keinerlei Einwände, so lange er sie auf diese Weise küsste.
      Der Kuss fühlte sich anders an.
      Nicht besser, nicht schlechter, nicht weltverändernder als die Küsse zuvor, aber bedeutsamer für das kleine Universum, das nur aus Chester und Tessa bestand. Bevor sie den Finger darauf legen konnte, was es war, schob sich Chester bereits über sie. Eine unendliche Wärme, die nicht länger nur vom Feuer stammte, hüllte sie ein.
      Mit den Fingern fuhr sie durch die längeren Strähnen seiner ohnehin ruinierten Frisur, mit dem Daumen über die kürzeren Haare an der Seite seines Kopfes. In einer kleinen Atempause betrachtete sie das Chaos auf seinem Kopf mit einem liebevollen Funkeln in den Augen. Tessa grinste selbstzufrieden ehe Chesters Lippen bereits wieder auf ihren lagen. Sein Gewicht drückte sie ins Bett und mit einem leisen Ächzen entwirrte Tessa ihre Beine und ließ Chester dazwischen rutschten. Noch näher, noch wärmer bis ihr davon schwindelig wurde.
      Er stahl ihr die Luft zu Atmen.
      "Lass mich kurz atmen. Ich bin nicht unsterblich, falls du das vergessen hast", kicherte Tessa zwischen zwei Küssen. Dann flüsterte sie leise weiter: "...so hast Du mich vorher noch nie geküsst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”