Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Offensichtlich war die Idee goldrichtig gewesen. Chester strahlte über das ganze Gesicht und vertrieb damit die düsteren Schatten aus ihre Gedanken. Vielleicht sollte sich Tessa dafür schämen, dass sie bei dem Anblick alle Sorgen über Bord warf.
      Die Begeisterung sprang auf die ehemalige Diebin über, die Chester mit Vorfreude aus dem Zelt zog als könnte er kaum abwarten im Mondlicht zu tanzen. Tessa stolperte hinter ihm her und fand dabei ihr Lachen wieder, das sich ungezügelt mit der abendlichen Geräuschkulisse des Zirkus Magica vermischte.
      "Bereit? Wir tanzen den Auftakt, nur bis zur Einführung. Auf mein Zeichen."
      Entfernt von neugierigem Publikum wirbelte Chester zu ihr herum und zog Tessa lächelnd an sich. Mittlerweile war es das Natürlichste der Welt, die Hand auf seine Schulter zu legen und sich eng gegen seine Brust zu schmiegen, bis kein Blatt mehr zwischen ihre Körper passte. Wie sie es von ihm gelernt hatte, nahm Tessa die Tanzhaltung an. Es fühlte sich immer noch ein wenig zu steif an, aber das gab sich mit den ersten Tanzschritten.
      Wie in einem Traum schwebten sie über den kleinen Platz, das silbrige Mondlicht mit den verstreichenden Sekunden kühl und doch vertraut auf ihren sich wiegenden Gestalten. Tessa ließ sich von dem Zauber verführen, den Chester aus Tanz und Mondlicht um sie wob. Die sanfte Melodie der Musik fehlte, doch Tessa hatte den Rhythmus und die lieblichen Klänge bereits so verinnerlicht, dass sie sich einbildete, die Noten trotzdem zu hören. Chester zog sie nah an sich heran.
      "Der Mond." Sein Atem streift ihr Gesicht, streichelte über ihre Wangen und ihre Lippen. "Achte auf den Mond. Wir tanzen mit ihm."
      Ein atemloses Nicken war alles, das sie zustande brachte.
      Der Zirkus Magica, die kleine Welt, die nur ihnen gehörte, drehte sich in einem Strudel aus silbernem Licht und Chester, der sie sicher und fest an den Händen hielt. Ein Arm schlang sich um ihre Taille, als sie sich vertrauensvoll nach hinten fallen ließ. Nicht plump wie ein Mehlsack, sondern in einem eleganten Halbbogen, wie sie es geübt hatten - zumindest hoffte Tessa, dass es halbwegs grazil und leicht aussah. Als sie den Blick hob, war dort nicht Chester, sondern der Vollmond in all seiner Pracht und er blieb von da an ständig in ihrer Nähe. Chester schaffte es bei jeder Drehung, jeder Pirouette und jedem Richtungswechsel den Mond wie einen dritten Tanzpartner in ihrem Blickfeld zu halten. Er drehte, wirbelte und tanzte mit ihnen unter einem glitzernden Sternenhimmel.
      "Spürst du es?"
      Andächtig nickte Tessa und fand sich mit wild pochendem Herzen in seinem Arm wieder.
      "Spürst du, wie er uns begleitet?"
      "Ja...", hauchte sie. Hypnotisiert von seinen Augen, die ihn sanft ansahen, brach Tessa die Tanzfigur des Mondtanzes auf.
      Es gehörte definitiv nicht zur Choreographie, dass sie die Hand in seine weichen, blonden Haare schob. Es gehörte nicht zum Tanz, dass sie einen Schritt aus der Reihe machte und damit den Rhythmus des Tanzes unterbrach, wenn auch das Ticken der Taschenuhr davon unbeeindruckt blieb. Der vertraute Takt mischte sich mit ihrem flatternden Puls, dem strauchelnden Herzen und haderte nicht in seinem unbarmherzigen Tick-Tack, als Tessa die Lücke zwischen ihren Gesichtern schloss und Chester auf die Lippen küsste. Der Kuss war kurz, aber nachdrücklich. All die aufgestauten Sorgen und der Schrecken, all das Gute und die Sehnsucht, floss in einer einzigen Berührung über ihre Lippen während der Mond ihr Zeuge war.
      Tessa löste sich nur kurz um einen unsicheren Blick in Chesters Gesicht zu werfen. Sie suchte nach Abneigung, weil sie ihn frech überfiel. Sie suchte nach Ärger, weil sie das Training unterbrach. Nach irgendetwas, dass ihr ein schlechtes Gefühl gab. Sie suchte nach dem Chester, dem diese kalte und unheilvolle Stimme gehörte. Als sie nichts davon fand, schlang sie beide Arme um seinen Nacken und zog ihn zurück an ihre Lippen.
      Sie nahm allen Mut zusammen und küsste Chester, wie er sie im Netz geküsst hatte. Mit heißem Atem, geöffnete Lippen, vielleicht ein wenig zu viel Zähne. Ein wenig ungeschickt, ohne Finesse aber mit Leidenschaft. Als ihre brennenden Lungen nach Luft verlangten, brachte es Tessa kaum übers Herz sich auch nur einen Zentimeter von Chester zu trennen. Sie klammerte sich an ihn, als drohte er jeden Augenblick zu verschwinden - und vielleicht war es genau das, wovor Tessa sich am meisten fürchtete.
      "Ja...ich kann es fühlen...", flüsterte sie und sah Chester tief in die Augen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa sah den Mond und er spiegelte sich in ihren hellen Augen wieder. Chester beobachtete sie, wie sie die Schönheit des Mondtanzes zu begreifen begann, wenn der Mond mit ihnen tanzte und ihre Geschichte sponn. Sie sah den Mond und durch sie konnte auch Chester ihn sehen, musste dafür nur in ihre Augen blicken, um das Spiegelbild zu beobachten. Es war wunderschön. Zwar hatten sie den Mondtanz noch nicht vollendet - es war lediglich der Anfang einer Geschichte - aber schon jetzt war es atemberaubend. Chester wusste gar nicht, wieso er ihn so lange nicht mehr aufgeführt hatte. Kaum etwas in der Welt konnte besser sein als der Mondtanz.
      Dann brach Tessa aus der Figur aus und Chester wurde ins Hier und Jetzt zurückgeholt, als sie ihn damit aus dem Takt brachte. Er drehte sich zu ihr um, bereits auf halbem Weg, die Übung abzubrechen. Zwar hatte er ihr gesagt, den ganzen Auftakt zu tanzen, aber anscheinend musste etwas anderes wichtiger als das sein. Warum sonst sollte man den Tanz unterbrechen?
      Tessa schob ihre Hand in seine Haare und trat nahe heran zu ihm. Chester verschwendete einen flüchtigen Gedanken darauf, dass sie seine Frisur zerstörte, bevor mit ihrem Kuss alles überflüssige aus seinem Kopf wich. Überrascht hob er die Augenbrauen, als Tessa mit einem einzigen Kuss eine derartige Wärme übertrug, dass sie selbst die Magie des Mondtanzes in ihren Schatten stellte. Verblüfft sah er sie an, als sie sich nur kurz darauf wieder löste und ihn scheu musterte, auf der Suche nach einem Grund zu flüchten. Aber Chester gab ihr keinen. Chester mochte vielleicht etwas irritiert darüber sein, dass sie das Training einfach so unterbrochen hatte - ein ehrgeiziger Teil von ihm war sogar regelrecht erbost - aber er scheuchte sie nicht von sich.
      Stattdessen breitete sich auf seinen Lippen ein entzücktes Lächeln aus, das sie direkt zurück in seine Arme holte. Diesmal stand er auch nicht einfach so tatenlos rum, diesmal küsste er sie zurück, küsste sie mit derselben Intensität, die sie ihm entgegenbrachte, küsste sie auf eine Weise, von der er noch nicht so recht begriffen hatte, welche sie sein sollte. Tessa war sicher nicht jemand, der sich von dem Geschlecht zwischen ihren Beinen leiten ließ, und doch ließen ihre Küsse Funken empor springen, von denen Chester selbst ganz heiß wurde. Er schloss die Arme um sie, zog sie ein bisschen näher an sich, zog sie ein bisschen fester an sich und küsste sie so, wonach es ihr verlangte. Denn wenn es eine Sache gab, die er wahrlich genießen konnte, dann war es Tessa, die in ihren Gefühlen aufging.
      "Ja...ich kann es fühlen...", flüsterte sie zwischen ihren Küssen und ihre Augen legten sich mit einer Intensität auf Chesters, dass ihm davon ein Schauer über den Rücken lief. Plötzlich rückte auch für ihn das Training in den Hintergrund und er fand sich mit dem überraschenden Bedürfnis wieder, Tessa noch einmal zu küssen, länger, fester, schneller. Aus ihrem Mund, an ihrem Körper zu sehen, wie sehr es ihr gefiel. Er hatte das unbeschreibliche Bedürfnis, sie genießen zu lassen.
      "Du..."
      Vielleicht hatte sie ihn verzaubert, vielleicht konnte Tessa sowas. Im Moment war es ihm aber egal, im Moment zählte nur, dass er ein neues Ziel hatte, worauf er hinarbeiten konnte.
      Diesmal küsste er sie zuerst und das mit einem gar hungernden Eifer. Er schob die Hand in ihre Haare, hielt ihren Kopf, ihren ganzen Körper dicht bei sich, bewegte seine Lippen gegen ihre. Er forderte, ohne sie dabei zu verdrängen, ließ ihre ungeschickten Bewegungen vergehen und lockte sie dafür mit all den Küssen, die ihr gelangen. Bald hatte er selbst schon den Mondtanz fast vergessen und war von einer überwältigenden Intensität von Tessa überschwemmt, die all seine Fasern zu ergreifen schien. Ihm gefiel das hier nicht nur, er wollte sogar mehr davon - er wollte mehr, und das von sich aus. Ja, vielleicht hatte sie ihn wirklich verhext, aber Chester hätte im Augenblick nichts mehr egal sein können. Er konnte nur noch daran denken, wie gut es sich anfühlte, Tessa zu wollen.
    • Tessa hatte als Kind einen Beutel mit Dominosteinen besessen. Sie waren nichts Besonderes gewesen. Abgegriffene, kleine Dinger aus hellem Holz, auf die der Vorbesitzer die schwarzen Punkte gemalt hatte. Bei dem unsteten Leben, das Isadora Penhallow und ihre Sippe führten, musste das Gepäck leicht sein. Die schlanken Holzklötzchen allein für sich waren schlicht und langweilig, aber sobald Tessa sie richtig anordnete, ließen sich beeindruckende Muster damit legen. Das Highlight verbarg sich allerdings hinter einem unscheinbaren Fingerschnippen, das den ersten Dominostein zu Fall brachte und damit eine spektakulräre Kettenreaktion auslöste. Die Steine kippten wahnsinnig schnell. Viel schneller, als die angehende Diebin sie aufhalten konnte - wenn sie es denn gewollt hätte.
      Der Kuss war wie dieses Fingerschnippen und Tessa fiel geradewegs in Chesters Arme.
      Sie dachte noch...Nein, eigentlich dachte Tessa an gar nichts mehr. Der Kopf wie leer gefegt, dutzende Schmetterlinge im Bauch und eine Wärme, die sie nie wieder vermissen wollte. Seufzend schmiegte sich Tessa an seine Brust und der Laut schien Chester zu gefallen. Mit einem unstillbaren, nachdrücklichen Hunger presste er seine Lippen gegen ihre, jagte diesem wohligen Seufzen nach und Tessa enttäuschte ihn nicht. Der Kuss verschluckte ihre Stimme, nahm ihr den Atem und drohte sie bei dieser Geschwindigkeit zu verglühen.
      Fest umschlungen von seinen Arme wagte sie es den Klammergriff um seinen Nacken zu lösen. Suchend glitten ihre Fingerspitzen über seinen Hals, folgten der eleganten Linie seines Kiefers bis zum Kinn und wanderten über seine Wangen empor. Sanft umfasste Tessa sein Gesicht. Mit den Daumen streichelte sie über den markanten Schwung seiner Wangenknochen.
      Leise wisperte sie seinen Namen zwischen den Küssen anstatt Luft zu holen, als gäbe es nichts Wichtigeres als den Klang seines Namens.
      "Chester. Chester. Chester..." flüsterte sie.

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      Das allgegenwärtigen Ticken der Taschenuhr erinnerte Tessa daran, dass es tatsächlich noch soetwas wie Zeit im Zirkus Magica gab. Trotzdem konnte sie unmöglich sagen, wie lange sie küssend auf der Wiese hinter den Zelten gestanden und sich geküsst hatten. Die Erinnerung, obwohl es kaum Minuten her sein konnte, entlockte ihr ein heiteres und verträumtes Kichern. Chester und Tessa hielten sich nicht an den Händen. Gerade Tessa versuchte möglichst unschuldig auszusehen, wann immer ihnen eine der Nachteulen des Zirkus begegnete. Zerzauste Haare, zerknitterte Kleidungsstücke und allem voran die rotgeküssten Lippen machten alle Bemühungen zunichte. Es wusste ohnehin schon der gesamte Zirkus Magica.
      Verstohlen warf sie Chester einen Seitenblick zu und streifte, ganz beiläufig, natürlich, seinen Arm mit ihrer Schulter. Knöchel geisterten sanft über ihren Handrücken. Sie fühlte sich wie das kleine Mädchen, dass zum erstem Mal heimlich einen Jungen geküsst hatte. Eigenartig, es war nicht der erste Kuss gewesen, aber er hatte sich anders angefühlt. Ganz anders. Als hätte Chester es auch gewollt. Es war nicht so, dass Tessa ihm insgeheim vorwarf, ihr etwas vorzuspielen, aber Chester war...na ja, eben Chester. Deswegen hatten sie darüber gesprochen, aber es war so anders gewesen.
      Tessa wusste, dass sie den Mann an ihrer Seite wollte. Sie wusste es, von den Haar- bis in die Zehenspitzen.
      Deshalb konnte sie auch gar nicht anders, als erneut Chesters Gesicht zärtlich zwischen ihren Händen zu halten während sie bereits auf die erste Stufe ihres Wohnwagens trat. Sie drückte seinen Kopf sanft nach hinten und beugte sich zu ihm herunter. In dem Kuss lag ihre ganze Sehnsucht, einfach alles, was sie sich wünschte.
      "Bleib?", murmelte sie an seine Lippen und zwang sich in seine Augen sehen, obwohl sie viel lieber etwas anderes tun würde. Sie lächelte beruhigend, wissend und viel erwachsener, als sie sich fühlte. "Schlaf hier, bei mir. Nur Schlafen. Das ist alles, was es sein muss. Ich hätte dich gerne noch ein bisschen länger für mich allein, bis du wieder Zirkusdirektor sein musst."
      Lächelnd lehnte sie die Stirn gegen seine und warf ihm ihren besten Hundeblick zu.
      Sie hatte nunmal vom Meister gelernt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester küsste Tessa mit einer Inbrunst, die ihr den Atem raubte. Und als sie ihm so gänzlich verfiel, als sie atemlos nach seinen Lippen forderte und ihre Hände über seine Wangen gleiten ließ, als sie immer wieder flüsterte "Chester. Chester. Chester...", da spürte er etwas in sich klicken, eine Erinnerung, die von einer neuen ersetzt wurde. Eine Theresa, die einer neuen Theresa wich. Ein Gefühl, das sich in seinem Gedächtnis niederließ, aufdass dieser Moment eines Tages vergessen sein würde, aber nicht das Gefühl, niemals das Gefühl. Chester spürte, wie Tessa sich in ihm verewigte.
      Der Tanz war vergessen, als sie sich in einer unbekannten Zukunft voneinander trennten. Chester strahlte mit dem Gefühl zu leben, in diesem Moment zu sein und zu wissen, dass er ihm bleiben würde, dass er ihn nicht an den Lauf der Zeit verlieren würde. Das war Tessas Verdienst, dessen war er sich ganz sicher. Keine andere Frau hatte sich jemals auf diese Weise in seiner Erinnerung niedergelassen.
      Mittlerweile war es dunkel und kühl und Chester begleitete sie zu ihrem Wagen wie zwei junge, trunkene verliebte. Sie hatte seinen Arm um ihre Schultern gezogen und er hatte sie im Gegensatz ganz fest an sich gedrückt, als müsse sie sich auf ihn stützen. Er mochte es so, er liebte es sogar. Er mochte das Gefühl gänzlichen Glücks, das in seiner Brust schwelte.
      Auf den Stufen ihres Wagens drehte sie sich wieder zu ihm um und küsste ihn. In ihren warmen Händen sah er zu seiner ganzen Zukunft empor.
      "Bleib?"
      Sie lächelte und er lächelte zurück. Wusste sie, was sie bei ihm ausgelöst hatte? Wie leicht sie sich in sein Herz schleichen konnte?
      "Schlaf hier, bei mir. Nur Schlafen. Das ist alles, was es sein muss. Ich hätte dich gerne noch ein bisschen länger für mich allein, bis du wieder Zirkusdirektor sein musst."
      Er kicherte, weil sie so bezaubernd war und ihn so einfach um ihren Finger wickelte - ihn! Dabei hätte sie wissen müssen, dass Chester ihr liebend gern sämtliche Wünsche erfüllte, wenn der Zirkus schlief und ihn nicht benötigte. Was machte es schon für einen Unterschied, wenn er in seinem Zelt schlief oder in ihrem Wagen?
      "Okay - aber du musst aufhören, mich so anzusehen", sagte er lachend. "Du erinnerst mich viel zu sehr an Owl, der was ausheckt. Tust du doch nicht, oder? Oder?"
      Er piekste ihr grinsend in die Seite und Tessa quietschte, bevor sie von ihm wegsprang. So jagte Chester sie in ihren Wagen hinein, wo er hinter sich die Tür schloss und seine Verfolgung aufgab.
      "Wir können das Fenster auflassen. Ich beschütze dich auch vor allen Mücken."
      Er lächelte und sie schlüpften in Tessas enges Bett. Eigentlich wäre sein Bett hierfür besser gewesen - wieso waren sie nicht dorthin gegangen? Aber Tessa hatte ihn so selbstverständlich mit zu ihrem Wagen genommen, Chester hatte gar nicht darüber nachgedacht. Dafür musste er sie nun umso fester in die Arme nehmen, damit sie beide dorthin passten.
      Er vergrub das Gesicht in ihren Haaren. Der Geruch von Zirkus empfing ihn und Chester musste lächeln. Hier so mit Tessa zu liegen, das hatte etwas schönes an sich. Etwas sehr schönes.
      "Mmmh. Ich bin gerne hier", schnurrte er in ihr Haar hinein.
    • Ob sie etwas ausheckte? Tessas armes Herz setzte einen Schlag aus. Chester grinste, piekste sie verspielt in die Seite und amüsierte sich prächtig. Dabei war er sich nicht einmal bewusst, wie nah er an der Wahrheit vorbei schlitterte. Als der Herzschlag seinen Takt wieder aufnahm, schlug er doppelt so schnell. Vor Aufregung, weil Chester es sich ganz selbstverständlich in ihrem Bett gemütlich machte, als gehörte er schon immer dorthin. Vor Glück, weil er sie in seine Arme zog und ihr das Gefühl gab, gewollt und geliebt zu werden. Vor Angst, weil Tessa nichts mehr fürchtete als die Wahrheit, die irgendwann zwischen den bunten Zelten das Tageslicht erblicken würde - seien es nun ihr Geheimnis oder eines der unzähligen Geheimnisse, die Chester hütete, als hinge sein unsterbliches Leben davon ab.
      "Mmmh. Ich bin gerne hier", brummte Chester an ihrem Scheitel.
      Tessa wurde ganz warm und sie schob einfach alles, was diesen Moment bedrohte, rigoros von sich weg. Das waren Sorgen und Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen konnte, sobald sie allein war. Vielleicht sollte sie Ella einen Besuch abstatten. Sie dachte an das Armband, mit seinen hübschen, blauen Perlen. Es war mehr als eine nette Spielerei. Ella hatte ihr dieses Artefakt aus einem bestimmten Grund geschenkt. Aber...zuerst würde sie das Buch holen und ihre Spuren verwischen.
      Mit einem wohligen Seufzen zog Tessa die Decke über sich und Chester, fing die Wärme ein und verbannte Kälte und Sorgen aus dem kleinen Kokon. Sie schmiegte ihre Wange an seine Brust, vergrub die Nase in seinem Hemd und machte sich gedanklich eine Notiz, dass Chester eigene Sachen in ihrem Wagen brachte, wenn die Übernachtungen zur Gewohnheit wurden. Tessa lächelte glücklich.
      Morgen. Morgen war auch noch ein Tag.

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      Aus dem Morgen wurde eine ganze Woche bis sich Tessa wieder heimlich durch die Geheimwege in Chesters Zelt traute.
      Gelegenheiten hatte es gegeben, aber die gruselige 'Begegnung' mit Chester hatte sich, ebenso wie die offenen Fragen, in ihr Gedächtnis eingebrannt. Manchmal, während der Proben oder der Mahlzeiten, erwischte sich Tessa dabei wie sei darüber grübelte, ihre Nachforschungen einfach fallen zu lassen. Sie könnte die Zeit mit Freunden, ihrer neuen Familie genießen. Glücklich sein mit Chester, so lange sie es konnte. Aber dann wanderten ihre Gedanken zu Toby, zu den schlimmen und grausamen Dingen, die Chester ihr an den Kopf geworfen hatte. Sie dachte an einen anderen Chester, der bereits viel zu lange lebte und der sich dabei irgendwie selbst verloren hatte. Sie dachte an Rosie, an Jake und an all die Geheimnisse, die den Zirkus Magica überschatteten.
      All die Grübelei führte Tessa zurück zur Truhe mit den verbotenen Tagebüchern. Dieses Mal war es ganz leicht, das Notizbuch von Theresa aus seinem Versteck zu befreien. Sie hatte den Abend abgepasst, an dem Chester mit neuen Sponsoren alle Hände voll zu tun hatte. Bald würden sie ihre Zelte hier abbrechen und sich zu einer neuen Stadt aufmachen, die Winterpause war immerhin schon lange vorbei. Tessa spürte, wie sich die Atmosphäre im Zirkus veränderte. Eine erwartungsvolle Aufregung lag in der Luft, als wüsste keiner so genau, wohin es als Nächstes ging.
      Tessa steckte sich das Notizbuch in den Hosenbund und machte sich eilig daran, die offnete Nah des Samtbezuges zu flicken. Der Faden passte nicht ganz. Er war zu neu, ein wenig zu hell, aber im schwummrigen Licht eines Schlafzimmer sollte es nicht zu arg auffallen. Wenige Minuten später hing kein liebloser Fetzen mehr vom Truhendeckel herunter, sobald er geöffnet wurde. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über die Naht. Etwas zu schief, etwas zu grob, aber besser bekam sie es nunmal nicht hin. Sorgfältig und mit einem leisen Klicken schloss sie den Deckel der Truhe. Sie zog ihren kleinen Schlüssel zurück und legte sich das Artefakt um den Hals. Für einen Moment hielt sie inne. Ihr war schwindelig, ein wenig übel sogar. Ein unbestimmbarer Druck presste auf ihre Brust, machte ihr das Atmen schwer. Die Aufregung und der Stress schloss langsam zu Tessa auf.
      Genauso schnell wie Tessa durch die Öffnung hinter dem Bett hinein gehuscht war, huschte sie auch wieder hinaus.

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      Als Tessa endlich zum Wagen zurückkehrte, war es bereits stockdunkel. Vorsichtig spähte Tessa durch die Fenster hinaus, doch bis auf das beleuchtete Showzelt regte sich kein Lebenzeichen in der Dunkelheit. Sie zog alle Vorhänge an den Fenstern zu und traute sich lediglich ein paar der alten Stumpkerzen anzuzünden. Tessa zog das Notizbuch aus ihrem Hosenbund und legte es auf den Tisch. Bedächtig fuhr sie mit der Hand über den alten Einband. Wollte sie das wirklich? Eigentlich hatte sie das Buch weder holen noch in ihrer Nähe haben wollen. Seufzen ging sie in die Hocken, streifte den magischen Schlüssel über den Kopf und verstaute in mit all ihren Geheimnissen wieder unter der losen Bodendiele.
      Die heiße Schokolade, die sie über dem kleinen Ofen zubereitete, vertrieb die Kälte nicht. Seit sie Chesters Zelt durch die Geheimgänge verlassen hatte, fröstelte sie. Tessa ließ sich auf einen Stuhl sinken und zog das Notizbuch langsam zu sich heran. Zögerlich schlug sie den Einband auf und blätterte zu der Stelle, an der Chesters Erscheinen sie unterbrochen hatte.
      Tessa nahm einen tiefen Atemzug und ihr Finger glitt über das beschriebene Papier, als sie zu lesen begann...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ich beende meine Forschungen. Ich sehe schlicht keinen Wert mehr darin. Anfangs wollte ich das Leben aller retten und sie - einschließlich mich selbst - befreien, aber jetzt sehe ich nicht mehr den Sinn dahinter. Wieso sollte ich auch, wenn ich hier alles habe, was ich brauche? Es geht mir gut, ich beschäftige mich, ich erhalte einen Lohn, ich gehe jede Woche in die Stadt, ich tue alles, was ich auch sonst tun würde. Warum es kaputt machen? Erstaunlicherweise war Chester nicht so wütend, wie ich gedacht hatte, als ich meine Scharade beendet habe. Er war sogar sehr verständnisvoll und jetzt interessiert mich das Thema nicht mehr. Soll sich doch jemand anderes darum kümmern, jemand jüngeres, der mehr zu verlieren hat, wenn er in diesem Zirkus sitzt. Mir geht es gut. Meine Abenteuertage sind vorbei und dabei werde ich es belassen. Ich hatte ein gutes Leben.

      Ich hinterlasse meine Memoiren nach der Tradition des heute genannten Zirkus Magica meinem Nachfolger. “Die Theorien der Uhr” habe ich an einem Ort versteckt, den Magie und Sonne nicht erreichen. Nur, wer wahrlich gewillt ist, den Klang der Uhr zu dämpfen, wird ihn finden. Alle weiteren Vorgehensweisen sind im Buch beschrieben. Meine persönliche Anmerkung: Wer auch immer du sein wirst, hüte dich vor Chester. Er ist nicht dein Feind, aber er ist auch nicht dein Freund. Wir unterschätzen, was Unsterblichkeit bedeutet, und viele von uns mussten einen bitteren Preis dafür zahlen. Chester kennt den Anfang und es würde mich nicht wundern, wenn er auch das Ende kennt. Pass auf, dass er dich nicht auf den Weg schickt, der ihm am nützlichsten ist, sondern dass du auf dem Weg bleibst, den du einschlagen willst. Wir mögen die Unsterblichkeit unterschätzen, aber Chester unterschätzt die Sterblichkeit.

      Chester war an diesem Tag besonders gut aufgelegt. Die Saison war wieder einmal zum Erfolg geworden; er hatte neue Bekanntschaften geschlossen und neue Verträge gesichert, die den Zirkus Magica auch weiterhin finanziell am Laufen halten würden. Liam würde das gefallen, es könnte sogar eine Lohnerhöhung geben. Sie sollten das feiern! ... Hatten sie nicht vor kurzem erst gefeiert? Auch egal. Liam würde schon wissen, ob sie sich das leisten konnten.
      Vor sich hin pfeifend schlenderte Chester in sein Zelt zurück. Hinter seinem Schreibtisch ließ er sich noch einmal durch den Kopf gehen, wohin es jetzt gehen sollte, was die günstigste Lage für die nächste Saison wäre. Für ihn würde es keinen Unterschied machen, denn er bekam sowieso nichts zu sehen außer den Zirkus, aber für die Besucher und auch für die Angestellten war es wichtig. Chester hatte schon vor Jahren mal etabliert, dass es gut war, die Leute zurück in ihren Heimatstätten zu bringen, wo er sie auch aufgegabelt hatte. Das wollte er diesmal wieder machen, weshalb er glücklicherweise nicht mehr allzu viel Auswahl zur Verfügung hatte. Chester hasste es, wählen zu müssen. Vielleicht sollte er dafür auch jemanden einstellen?
      Er machte sich ein paar Notizen, dann schnappte er sich seinen Schlüssel und tänzelte ins Schlafzimmer hinüber. Es war ein guter Zeitpunkt für einen Eintrag, wie er fand, als er vor der Kiste in die Hocke ging und sie öffnete. Er würde etwas gutes schreiben, etwas, worüber er sich hinterher auch mal freuen konnte. Die meisten Einträge waren ja so düster, er wollte sie gar nicht mehr so genau lesen.
      Er nahm sich den aktuellen Band heraus und wollte gerade die Kiste schließen, als ihm eine Veränderung in seinem lebenslangen Zelt ins Auge stach. Er stockte und ließ den Blick wieder schweifen. Sein Zimmer hatte sich noch nie verändert, aber irgendwo -
      Doch. Sein Blick blieb auf der Truhe hängen und er öffnete sie wieder. Seine Augen fokussierten sich und richteten sich mit steigender Intensität auf die kleine Veränderung in seinem Leben.
      Da. Da war eine Naht. Da war noch nie eine Naht gewesen. Chester wusste es zwar nicht, aber seine Augen wussten es. Es wäre ihnen niemals aufgefallen, wenn Chester daran gewöhnt wäre. Er war es nicht und daher war diese Naht neu. Relativ. War er es selbst gewesen?
      Vorsichtig fuhr er mit dem Finger darüber. Der Stoff passte nicht ganz und die Löcher waren furchtbar gesetzt. Es fehlte jeder Sinn von Perfektion und Professionalität, was Chester diese Frage sehr, sehr leicht beantwortete.
      Er war das nicht gewesen.
      Jemand war an seiner Truhe gewesen.
      Ein plötzliches Gefühl der Kälte machte sich in ihm breit, das sämtliche Emotionen aus ihm herauswusch. Chester richtete sich auf, jetzt gänzlich rational im Kopf, befreit von lästiger Sentimentalität. Er starrte auf seine Truhe hinab, die seit jeher seine Geheimnisse zu hüten vermochte und die nun verändert war. Aus dem Inneren heraus.
      Jemand war an seiner Truhe gewesen. Seine Bücher - jemand war an seinen Büchern gewesen.
      Du wirst nachlässig.
      Nein, jetzt nicht mehr.
      Nie wieder.
    • - am nächsten Tag -

      Im Kantinenzelt summte und brummte es wie in einem Bienenstock. Um diese Uhrzeit waren beinahe alle Tische restlos besetzt. Viele der Anwesenden hatten ihre täglichen Pflichten erledigt und würden sich nach einem Plausch beim Mittagsessen geradewegs in die Probem stürzten. Tessa saß zwischen Owl und Roy am Tisch. Die Männer steckten verschwörerisch über die kleinere Diebe hinweg die Köpfe zusammen. Sie wogen gerade ab, wie sie Chester am besten verkaufen konnte, dass die Nummer der Messerwerfer noch ein bisschen Feuer vertragen konnte.
      Eine brennende, rotierende Zielscheibe würde beim Publikum sicherlich für Schweißausbrüche sorgen, aber nach der Aktion mit einer halbbetrunken Tessa als lebendiger Teil der Zielscheibe, hatte Owl die Wörter Zielscheibe und Tessa nie wieder in einem Kontext zusammen benutzt. Bei der Vorstellung flatterte ihr Herzschlag ganz aufgeregt. Sie wäre vermutlich sofort dabei, aber sie wollte den Männern keine falschen Hoffnungen machen. Sie konnte sich Chesters Gesicht bei der Standpauke, die darauf folgen würde, haarklein vorstellen.
      Lustlos schob Tessa die Bratkartoffeln über den Teller. Sie hatte das Kinn in die Handfläche gestützt und dachte an das kleine, unscheinbare Notizbuch, das sich in diesem Moment ebenfalls unter der losen Holzdiele in ihrem Wagen versteckte. Der letzte Eintrag war ernüchternd und enttäuschend gewesen, aber vor allem nicht hilfreich. Da stimmte etwas nicht. Theresa war so versessen darauf gewesen, hinter das Geheimnis der Uhr zu kommen und gab dann plötzlich einfach auf? Die Frau war geradezu besessen von der Uhr gewesen. Das machte keinen Sinn. Tessa stoppte damit, die Bratkartoffeln auf ihrem Teller sinnlos zu malträtieren und kniff die Augen zusammen. Was, wenn Chester Theresa erwischt hatte und sie dazu gebracht hatte diese Zeilen zu schreiben? Nein, in dem Fall hätte Theresa keine kryptischen Hinweise auf den Verbleib über die "Theorien der Uhr" hinterlassen - aber Chester hatte sie erwischt, daran bestand für Tessa kein Zweifel mehr.
      Würde ihr das gleiche Schicksal blühen?
      Was immer es auch war...
      Tessa erschauderte.
      "Tess? Hey? Hörst du noch zu?"
      Erschrocken zuckte Tessa zusammen und die Zinken der Gabel kratzten knirschend über das Porzellan. Alle am Tisch verzogen das Gesicht.
      "T'schuldige...", murmelte sie.
      Für das Geräusch und ihre Unaufmerksamkeit.
      Wie lange würde sie dieses doppelte Spiel noch aufrecht halten können? Es wurde von Tag zu Tag anstrengender. Sie konnte mit niemandem darüber reden. Selbst mit Owl nicht. Der war ohnehin mehr damit beschäftigt, Malias Aufmerksamkeit wieder zu bekommen.
      "Du bist plötzlich so blass geworden. Stimmt was mit dem Essen nicht?", hakte Owl nach und beäugte sein Mittagessen skeptisch.
      "Nein, nein, alles in bester Ordnung. Ich...", stockte Tessa. Was sollte sie sagen? "...es fühlt sich komisch an, dass wir bald von hier weg ziehen. Ich habe an diesem Ort gelebt, seit ich denken kann. Es war nicht leicht, aber trotzdem mein Zuhause. Weißt du, was ich meine?"
      "Hmhm, irgendwie schon", brummte Owl.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester betrat das Kantinenzelt.
      Sein Gesicht war bar jeglicher Emotionen. Zu lange hatte er sich etwas vorgemacht, hatte sich belogen, indem er geglaubt hatte, dass alles gut lief, wenn er nur Verständnis zeigte, wenn er Gefühle in sich suchte, die es doch gar nicht gab. Damit musste jetzt Schluss sein. Jemand hatte bei ihm eingebrochen und ihm gezeigt, dass alles für Nichts war. Mit seiner Nachlässigkeit war es jetzt vorbei.
      Er holte sich sein Frühstück und kam an den Tisch. Die anderen grüßten ihn, aber er grüßte nicht zurück. Er setzte sich und ließ den Blick schweifen.
      All diese bekannten Gesichter, all diese Leute, die er eines Tages ausgewählt hatte, um ihn zu begleiten. Tatsächlich empfand er keine Reue darüber, wie er sie ausgewählt hatte, auch wenn das nun ein Teil des Problems war. Er bereute es, wie viel Vertrauen er ihnen geschenkt hatte. Sie hatten es alle ausgenutzt.
      Einer von ihnen musste es gewesen sein. Einer oder sogar mehrere, auch wenn der Gedanke daran ein ganz anderes Feuer in Chester erweckte. Mit einem könnte er vielleicht noch klarkommen, aber mit einem ganzen Aufstand? Wieder? Wo der letzte doch... erst vor kurzem war? Wo es doch wieder, wieder und wieder geschah, ganz egal, was er unternahm?
      Langsam konnte er nicht mehr. Langsam stieß er an seine Grenzen, welche das auch immer sein mochten. Wie lange noch das alles? Wie lange bis -
      "Hey Chester."
      Liam. Chester sah ihn an; war er es? Konnte er es gewesen sein, einer seiner engsten Freunde? Er hoffte nicht. Für das Wohl aller hoffte er es nicht.
      "Hast du dich schon entschieden, wo es hingeht?"
      Der Tisch wurde wieder still. Chester ließ den Blick erneut schweifen und blieb bei Tessa hängen.
      "Elbel."
      Liam nickte, aber Roy und Owl stöhnten gleichzeitig auf. Chester warf ihnen einen scharfen Blick zu, den sie nicht bemerkten.
      "Da gibt es schlechten Schnaps. Wirklich, wirklich schlechten", beschwerte Roy sich.
      "Wir sind auch ein Zirkus und nicht zum Trinken hier", herrschte Chester sie ungewohnt scharf an. Beide verstummten wieder, erschrocken über Chesters schlechte Stimmung. Gestern war er noch so normal gewesen und heute...
      "Schlecht drauf?", fragte Liam ruhig. Chester sah ihn wieder an; war das sarkastisch gemeint? Wusste Liam schon Bescheid - war er es doch gewesen?
      Er rammte seinen Löffel mit einer ruppigen Geste in seine Haferflocken.
      "Bei mir wurde eingebrochen."
      Alle starrten ihn an. Chester war halbwegs befriedigt darüber, dass er echte Überraschung von den Blicken spüren konnte. Wenigstens waren sie nicht alle beteiligt - soweit er es beurteilen konnte.
      "Eingebrochen? Wann?"
      "Weiß ich noch nicht."
      "Was wurde denn gestohlen?"
      "Nichts."
      "Nichts? Aber wie weißt du d-"
      "Ich weiß es", unterbrach Chester ihn knapp. Er schob sich den Löffel mit einer energischen Bewegung in den Mund.
      "Ich weiß es ganz genau und ich werde denjenigen nicht laufen lassen. Meine Geduld hat eine Grenze und hier ist sie erreicht. Ich lasse nicht mit mir spielen."
    • Tessa wusste bereits, dass etwas nicht stimmte, bevor sie den Blick zu Chester anhob. Ein eiskalter Hauch kitzelte sie im Nacken, als sie seine versteinerte Miene bemerkte. Er hatte es bemerkt! Eine Nacht und er schöpfte bereits Verdacht. Es war ein Wunder, dass Tessa nicht alle Gesichtszüge entgleisten. Stattdessen zog sie fragend eine Augenbraue in die Höhe, als Chester sie weiter geradezu anstarrte, nachdem er ihr nächsten Ziel verkündet hatte, und schob sie eine Gabel mit Bratkartoffeln in den Mund. Was? - schien die stumme Frage zwischen ihnen zu stehen während sie bedächtig, möglichst nicht zu hastig, kaute.
      "Wir sind auch ein Zirkus und nicht zum Trinken hier", fuhr Chester die beiden Männer an und Tessa zuckte kollektiv mit allen am Tisch zusammen. Sofort sackte ihr das Herz bis in die Stiefel bis ihr auffiel, dass gerade alle am Tisch aussahen wie erschrockene Rehe, die in den Lauf einer Flinte starrten.
      "Bei mir wurde eingebrochen."
      Tessa senkte den Blick. Sie konnte nichts dagegen unternehmen. Scham legte sich bitter auf ihre Zunge.
      Nach Scham folgte aufkeimende Panik. So betreten wie sie auf ihren Teller starrte, konnte sie nur verdächtig wirken. Sie würde sich selbst verraten, alle würden sie hassen, vor allem Chester. Berechtigt, aber darüber wollte sie sich gerade nicht den Kopf zebrechen. Tessa zwang sich den Blick wieder zu heben...
      "Ich weiß es ganz genau und ich werde denjenigen nicht laufen lassen. Meine Geduld hat eine Grenze und hier ist sie erreicht. Ich lasse nicht mit mir spielen."
      ...und sah in mehrere Augenpaare, die alle auf sie gerichtet waren.
      Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Das wars. Millionen Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie musste etwas sagen. Jetzt.
      "Echt jetzt?", murmelte Tessa leise und hoffte, dass sie dabei fassungslos und erstaunt genug klang. Etwas lauter schob sie hinterher: "Ist das wirklich euer Ernst?"
      Chester schien sie zu mustern und Tessa kratzte allen Mumm zusammen. "Du auch? Fan-tas-tisch."
      Die Entrüstung in ihrer Stimme klang wohl glaubwürdig, weil ein paar der Anwesenden am Tisch sich ganz konzentriert wieder ihrem Mittagessen widmeten. Geräuschvoll legte Tessa das Besteck auf ihrem Tablett ab.
      "...ich fass es nicht. Na klar, verdächtigen wir die Diebin. Kein Ding. Versteh schon, ich bin immernoch die Neue. Als ob ich die einzige Person mit krimineller Karriere in diesem beschissen Zelt bin."
      Ruckartig erhob sich Tessa und hätte sich für ihre Darbietung am liebsten selbst auf die Schulter geklopft. In jedem Schauspiel steckte ein Körnchen Wahrheit. Mindestens einer an diesem Tisch musste an diese Möglichkeit gedacht haben und Tessa reagierete genauso, wie sie es wohl auch unter normalen Umständen getan hätte - enttäuscht und verletzt.
      "Tess, komm schon. Setz dich wieder und iss erstmal auf. Niemand hat gesagt, dass..", versuchte es Owl, doch als der Mann nach ihrem Ellbogen fasste, befreitete sie sich barsch an seinem Griff. Schüttelte seine Hand ab, wie eine lästige Fliege. Der Ausdruck inm Gesicht ihres Mentors versetzte ihr einen Stich.
      "Danke. Mir ist der Appetit vergangen."
      Tessa schnappte sich das kleine Lederetui mit ihren Wurfmessern von der Bank und verließ das Kantinenzelt unter neugierigem Gemurmel. Erst als sie außer Sichtweite und um die nächste Ecke gebogen war, blieb sie stehen und griff nach dem nächstbesten Eckpfeiler eines Zeltes um sich mit rasendem Herzen daran zu lehnen. Tränen der Scham brannten in ihren Augen, die sie mit dem Handrücken sofort am Fallen hinderte. Unwirsch rieb sie sich über die Augen.
      Nichts ließ sich rückgangig machen, obwohl sie sich gerade genau das wünschte. Was sollte sie jetzt machen?
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wie ein Kollektiv richteten sich alle Augen auf Tessa. Auch Chester starrte sie an, denn so sehr es seinen gefühlvollen Teil schmerzte - gerade herrschte die Rationalität und die sagte ihm, dass Tessa allen Grund hatte, verdächtig zu sein. Sie war am meisten in seinem Zelt, sie war frisch im Zirkus, sie hatte eine Vergangenheit als Diebin. Wäre das alles Teil ihres Plans gewesen, die ganze Beziehung? Unterstellte er ihr einen ähnlichen Vertrauensbruch, wie er bei Liam zu erkennen versuchte?
      Tessa war sehr bleich geworden. Schuldbewusst. Chester dachte mit einem unfassbar hässlichen Triumphgefühl, dass die Suche nach dem Täter nicht so lange gedauert hatte wie angenommen.
      "Echt jetzt?", fragte sie leise und begegnete dabei allen Blicken. "Ist das wirklich euer Ernst?"
      Dann sah sie zu Chester und ein Stich durchfuhr ihn, als die Rationalität mit seinen Gefühlen rang. Er scholt sich dafür, jemals nach seiner Menschlichkeit gesucht zu haben, denn jetzt stand sie seinem Wissen und seiner Erfahrung gänzlich im Weg. Er wusste, dass es Tessa war. Alle Anzeichen deuteten darauf hin.
      "Du auch? Fan-tas-tisch."
      ... Aber - wenn sie es nicht war? Wenn sie es wirklich nicht war? Irgendwann würde das hier geregelt sein und Chester hätte einen Täter, aber wollte er dann auch einen Freund weniger haben? War ihm das wert?
      Ja, das war es. Natürlich war es das. Es ging um Gerechtigkeit, um seinen Zirkus, um seine Privatsphäre. Sein Leben. Alles sollte es wert sein, ein Mindestmaß an Ordnung zu erhalten.
      War das Leben wirklich so lebenswert ohne die vielen Freunde, die er gemacht hatte? Wollte er wirklich mit diesem Gut, das er sich in keiner Währung erkaufen konnte, um sich werfen? Was brachte es ihm, den Täter zu erfahren, wenn er dadurch seine Menschlichkeit verlor?
      Er konnte an ihm ein Exempel statuieren.
      Er würde wieder alleine sein.
      Einsamkeit hatte ihm noch nie geschadet, wenn der Zirkus lief.
      Im Zirkus zu leben war es das nicht wert ohne Freunde und Gefühle. Ohne Menschlichkeit.
      Chester presste die Lippen aufeinander. In seinem inneren Kampf sagte er nichts, was für Tessa wohl Worte genug waren. Sie knallte ihr Besteck auf den Tisch.
      "...ich fass es nicht. Na klar, verdächtigen wir die Diebin. Kein Ding. Versteh schon, ich bin immernoch die Neue. Als ob ich die einzige Person mit krimineller Karriere in diesem beschissenen Zelt bin."
      Genau richtig.
      Sie war seine Freundin.
      Vielleicht war es geplant.
      Und wenn es das nicht war?
      Tessa stand auf. Auf ihrer Miene stand unsagbare Enttäuschung geschrieben, die die Kluft in Chester nur noch weiter vergrößerte. Er wollte etwas sagen und fand nicht die richtigen Worte, die beide Seiten befriedigte. Er konnte sie nur anstarren auf der Suche nach etwas, das seine Kluft schließen würde.
      "Tess, komm schon", sagte Owl und Chesters Blick schoss zu ihm. Die Fragen gingen von neuem los. Er starrte den Mann prüfend an. "Setz dich wieder und iss erstmal auf. Niemand hat gesagt, dass.."
      "Danke. Mir ist der Appetit vergangen."
      Sie ging ohne einen weiteren Blick zurück. Ihr Abgang wurde von verdeckten Blicken begleitet.
      Chester sah in die Runde zurück. Er hatte noch immer nicht die richtigen Worte gefunden, wo er doch sonst immer wusste, was er sagen musste. Aber das hier war auch etwas anderes, das betraf nur ihn selbst. Er und seine hinderliche Sentimentalität; es gab schon einen Grund, weshalb er sie abgeschafft hatte.
      Alle anderen sahen wahlweise betreten auf ihr Essen oder zu Chester. Als er noch immer nichts sagte, versuchte es Roy vorsichtig mit:
      "Vielleicht war es jemand ganz anderes. Ein Besucher zum Beispiel. Ist vielleicht einfach durchgekommen."
      Andere nickten zur Bestätigung, denn niemand schien sich selbst oder seinen Nachbarn beschuldigen zu wollen. Da war es wieder, diese furchtbare Sentimentalität, der Zusammenhalt der Sterblichen. Es würde ihnen allen noch den Ruin bringen.
      Chester schwieg noch immer, schlang sein Essen hinunter und stand dann auf. Er verließ das Zelt, ohne noch einmal ein Wort gewechselt zu haben. Darüber musste er erst nachdenken.

      Zwei Tage lang zog er sich zurück und brütete über den Einbruch. Seine beiden Hälften führten tagein, tagaus Diskussionen mit sich, die für Chester so einnehmlich waren, dass er die Aufführungen schwänzte - ein Umstand, der ihm mehr schmerzte als der Einbruch. In der Zwischenzeit suchte er allerdings sein gesamtes Zelt ab, sogar die Geheimgänge hinter der Wand, nur um herauszufinden, dass es keinerlei Spuren gab. Es hätte wirklich jeder sein können; jeder, der Zugang zu seinem Schlüssel hatte, denn anders konnte man diese Truhe gar nicht öffnen. Sie war ein Artefakt und nur Chester hatte den einzig passenden Schlüssel. Man konnte ihn auch nicht nachstellen.
      Stundenlang ging er auf und ab, in Gedanken gefangen in seinem Für und Wider. Schließlich traf er seine Entscheidung und verließ das Zelt. Die zwei Tage hatten sich für ihn angefühlt wie fünf Minuten.
      Er fand sie beim Messerwerfen bei Owls Stand. Die Tore waren noch nicht geöffnet und die Besucher noch nicht da, so konnten die Messerwerfer noch ein bisschen üben. Als er ankam, versenkte sie gerade einen Dolch in einer Zielscheibe.
      "Tessa."
      Sie hatte ihn nicht kommen sehen, aber jetzt drehte sie sich zu ihm um. Chester war froh, dass ihm die Worte nicht mehr fehlten, auch wenn seine Miene noch immer stoisch war.
      "Beantworte mir eine Frage: Hast du dir oder hast du dir keinen verbotenen Zugang zu meinem Zelt verschafft, um etwas anzusehen, was nicht dir gehört?"
    • "Tessa."
      Zwei Tage. Ganze, zwei verdammte Tage der Funkstille und nun tauchte Chester ohne Ankündigung an Owls Stand auf. Tessa musste langsam den Verstand verlieren. Anders ließ sich nicht erklären, warum sie beim Klang seiner Stimme das nagende, hässliche Gefühl der Enttäuschung zurückkehrte. Herrgott, Chester hatte allen Grund ihr zu misstrauen und wusste es möglicherweise nicht einmal. Lüge und Wahrheit...Es entzog sich ihrem Verstand wie diese zwei Dinge gleichzeitig möglich waren. Tessa schnüffelte in seinen privaten, höchstpersönlichen Schriftstücken herum und belog dabei selbst den Meister der Lügen, um den Bann der teuflischen Uhr zu brechen. Und doch waren ihre Gefühle für Chester so echt, wie die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie waren real. Immer da, auch wenn sich ihnen schwere, graue Wolken in den Weg schoben.
      Tessa steckte das letzte Messer weg, straffe die Schultern und drehte sich zu Chester um. Es tat weh in sein Gesicht zu sehen. Wie sehr hatte sie ihn vermisst. Diesen einen Chester, von dem nun keine Spur mehr zu sehen war.
      "Beantworte mir eine Frage: Hast du dir oder hast du dir keinen verbotenen Zugang zu meinem Zelt verschafft, um etwas anzusehen, was nicht dir gehört?"
      Die Worte waren ein Schlag ins Gesicht, aber Tessa zuckte nicht einmal. Sie stand nur dort, mucksmäuschenstill und hielt dem forschenden Blick stand, der Verrat in ihrer Mimik suchte. Nach einer gefühlten Ewigkeit stieß Tessa ein schweres Seufzen aus. Ihr ganzes Leben lang hatte Tessa sich nicht für eine gute Lügnerin gehalten, aber das Geflüster und die Ränkeschmiederei innerhalb des Zirkus Magica schien ihr den ein oder anderen Trick beigebracht zu haben. In jeder guten Lüge, steckte ein Körnchen Wahrheit.
      Das Tagebuch von Theresa gehörte ihr nicht, aber Chester genauso wenig. Da die beiden Frauen über die Jahrzehnte hinweg jedoch die gleichen Fragen beschäftigten und damit mehr teilten, als nur ihren Namen, nahm Tessa an, dass Theresa nicht dagegen hätte, wenn sie das Tagebuch an sich nahm.
      Der Sand des Vorplatzes knirschte unter ihren Stiefeln, als sie langsam Chester gegenüber trat bis sie das Kinn etwas heben musste um ihm weiter in die Augen sehen zu können. Sie wandte den Blick keine Sekunde lang ab, als ihre Finger vorsichtig und blind nach seiner Hand tasteten. Zögerlich glitten ihre Fingerspitzen über seinen Handrücken. Wer auch immer gerade Zeuge dieser Begegnung wurde, hielt den Atem an.
      "Nein. Ich habe mir keinen verbotenen Zugang zu deinem Zelt verschafft, um mir etwas anzusehen, das dir gehört."
      Obwohl der Ernst der Lage greifbar in der Luft zwischen ihnen hing, zuckten Tessas Mundwinkel beim Aufblitzen einer Erinnerung.
      "Ich hab' meine Lektion gelernt nach dem Badewannen-Vorfall."
      Tessa lächelte zaghaft.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa begegnete stoisch Chesters Blick. Sie rührte sich kein bisschen, ganz so, als hätte sie mit der Frage gerechnet - oder als gäbe es nichts zu verheimlichen. Chester starrte ihr entgegen, suchte unbewusst nach jedem noch so kleinen Zucken, nach dem Weiten oder Schmälern ihrer Pupillen. Er wusste nicht, was er haben wollte; den Täter finden oder Tessa zurück bekommen. Was auch immer der Ausgang sein würde, es würde eine maßgebliche Änderung mit sich führen. Chester würde nie wieder zu dem leichtfertigen, gefühlvollen Mann zurückkehren können, den er zu verkörpern versuchte. Ein neuer Chester würde geboren werden, ganz abhängig von Tessas Antwort.
      Deswegen hielt er die Luft an. Wäre Chester gläubig gewesen, hätte er an alle möglichen Götter gebetet, um ihm das richtige zu geben.
      Schließlich seufzte Tessa. Chesters Gedanken rasten, als sie diesem Seufzen sämtliche Bedeutungen zuschrieben, ohne eine davon beweisen zu können. Das war auch der Grund, weshalb er hergekommen war: Dieses Problem konnte er längst nicht mehr alleine lösen. Er brauchte jemanden, der es in die Hand nahm.
      Tessa kam auf ihn zu. Sie sah mit unveränderlichem Blick zu ihm auf. Chester starrte reglos zurück, als sie zurückhaltend seinen Handrücken berührte. Sein Herz und sein Gehirn fochten einen mühsamen Kampf aus.
      "Nein. Ich habe mir keinen verbotenen Zugang zu deinem Zelt verschafft, um mir etwas anzusehen, das dir gehört."
      Chester sah keine Lüge und er hörte sie auch nicht. Tessa sagte die Wahrheit: Sie war es nicht gewesen. Sein Atem entglitt ihm.
      "Ich hab' meine Lektion gelernt nach dem Badewannen-Vorfall", fügte sie mit einem seichten Lächeln hinzu, das Chester nur noch in seiner Überzeugung stärkte. Tessa verstellte sich nicht vor ihm. Sie meinte es ganz ehrlich.
      Ein Teil von ihm schien wie abzufallen, die Mauern, die er die letzten Tage vor lauter Grübelei aufgezogen hatte. Seine Gedanken waren sich wieder allesamt einig und er erwiderte Tessas Lächeln mit einer Erleichterung, die ihm aus der Brust strahlte. Kein neuer Chester. Das Problem war zwar nicht gelöst, aber... es würde schon gut werden. Solange er Tessa hatte, es würde sich schon wieder alles regeln.
      "Okay. Ich glaube dir."
      Sein Lächeln wurde ein bisschen breiter, fühlte sich schon wieder ganz vertraut an. Chester hatte schon Angst bekommen, er würde ein neues Lächeln lernen müssen.
      "Tut mir leid, ich musste es einfach wissen. Roy hat recht, es hätte jeder sein können. Ich hab dich nicht mehr verdächtigt, als alle anderen auch."
      Er schmunzelte, was ihm mit jeder verstreichenden Sekunde leichter viel.
      "Was sich sicher gemein anhört. Aber du weißt, wie das ist. Ich bin manchmal ein bisschen zimperlich, was meinen Zirkus betrifft."
      Er lächelte ein bisschen mehr, breitete die Arme aus und schloss Tessa kurz darauf in eine Umarmung. Mit einem erleichterten Seufzen legte er den Kopf an ihrer Halsbeuge ab. Ihre Haare hatten den vertrauten Duft von Owls Messeröl.
      "Danke", murmelte er. "Das hat mir geholfen. Mehr, als du denkst."
    • Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen, wäre nicht das allgegenwärtige Ticken der goldenen Taschenuhr gewesen. Tessa musste sich zwingen, zu atmen. Unter dem wachsamen Blick von Chester war das keine leichten Angelegenheit. Jede Sekunde befürchtete sie, das Lächeln könnte ihr entgleiten. Ein falsches Zucken der Augenwinkel, einmal zu hektisch geblinzelt und Chester würde augenblicklich die Lüge, den schrecklichen Betrug, in der Wahrheit entdecken. Als er sein Urteil fällte, bekam ihr Herz einen schmerzhaften Sprung.
      "Okay. Ich glaube dir."
      Die erwartete Erleichterung blieb aus. Tessa fühlte sich schlecht. Sie fühlte sich miserabel. Fühlte es sich so für Chester an, wenn er der Welt eine seiner vielen Masken präsentierte? Die lächelnde Fassade saß zu eng, machte ihr das Atmen schwer und doch schüttelte Tessa verständnisvoll den Kopf um der kleinen Heuchelei die Krone aufzusetzen.
      Tessa glaubte, in der Umarmung zerspringen zu müssen. Mit einem tonnenschweren Gewicht ruhte sein Kopf an ihrer Halsbeuge, schmiegte sich seine Wange gegen ihren Hals. Behutsam schlang Tessa die Arme um ihn, legte ihre Hände auf den weichen, kühlen Stoff seines Hemdes, das sich über seinen Schulterblättern spannte. Ihre Daumen zog rastlose Kreise auf seinem Rücken.
      Das hatte Chester nicht verdient, nicht von ihr.
      "Du musst Dich nicht entschuldigen.", antwortete sie leise. "...und ich hätte daraus vor Allen keine Szene machen dürfen. Es ist nur...der Zirkus ist jetzt mein Zuhause. Ich hatte Angst, Chester. Für einen Moment hatte ich solche Angst, dass ich all das wieder verlieren könnte."
      Tessa schluckte die Tränen des Elends und der Zerrissenheit herunter.
      "Ich will dich nicht verlieren."
      Sie würde ihn verlieren, sobald die Wahrheit ans Licht kam. Tessa, die Einzige von der Chester nie geglaubt hatte, dass sie überhaupt zu einem Verrat fähig wäre, würde ihm das Messer in den Rücken stoßen. Aber dafür war es zu früh, sie hatten noch nicht genug Zeit gehabt. Von ganz allein gruben sich seine Finger in sein Hemd. Tessa hielt ihn nah bei sich, schmiegte sich in seine Arme. So lange Chester sie festhielt, bestand auch keine Gefahr, dass er letztendlich nicht doch die schmerzliche Lüge in ihrem Gesicht las.
      "...hab dich vermisst", gestand sie und es war die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • “Du musst Dich nicht entschuldigen”, sagte Tessa ganz leise, ganz zimperlich. Sie war steif in Chesters Umarmung, mit einer erzwungenen Entspannung, die ihm in jeder Nuance auffiel. Doch wer wäre in einer solchen Situation auch nicht steif? Immerhin hatte er sie völlig unzurecht des Einbruchs und Diebstahls bezichtigt und jetzt versuchte er, das alles wieder gut zu machen. An ihrer Stelle hätte er sich mehr als betrogen gefühlt.
      So wählte er, ihre Nervosität zu ignorieren und sie stattdessen ganz offen in seinen Armen ruhen zu lassen.
      “...und ich hätte daraus vor allen keine Szene machen dürfen. Es ist nur...der Zirkus ist jetzt mein Zuhause. Ich hatte Angst, Chester. Für einen Moment hatte ich solche Angst, dass ich all das wieder verlieren könnte.”
      Nein. Nein, nicht doch.
      Betroffen löste er sich von ihr, um ihr die Hände an die Wangen zu legen und ernst in die Augen zu sehen. Er konnte dort ein verräterisches Funkeln entdecken, das Tessa gleich wieder wegzublinzeln versuchte. Das stärkte ihn aber nur in den Worten, die er an sie richtete.
      Du musst keine Angst haben. Das hier ist jetzt dein Zuhause, Tessa, genauso sehr wie meins und wie all der anderen auch. Du wirst es nicht verlieren, niemals. Niemand wird es dir je wegnehmen. Du hättest die größte Szene machen können, die es nur gibt.
      “Ich will dich nicht verlieren.”
      Die Worte kamen in einer solch rohen Form, dass es Chester schon schmerzte. Wie könnte er nur - wie könnte er auch nur darüber nachdenken, Tessa zu beschuldigen, in all ihrer offensichtlichen Unschuld, in ihrer Naivität, der er sich schon einmal bedient hatte. Hier stand sie und eröffnete ihm, dass er einen besonderen Platz in ihrem Herzen hatte, und er wollte ihr dafür Verbrechen unterstellen? Ganz sicher nicht.
      Das wirst du nicht. Ich verspreche es dir, das wirst du nicht. Denk gar nicht darüber nach; ich werde immer bei dir sein. Solange du mich haben willst.
      Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, mit dem er sie wieder in seine Arme zog. Sanft küsste er ihre Stirn und hielt sie wieder nur, eine erste Entschuldigung für das, was er ihr angetan hatte. Und diesmal spürte er sogar, wie sie etwas aufweichte.
      “...hab dich vermisst.”
      Leise kicherte er.
      Ich hab dich auch vermisst. Das war ein einsames Jahr ohne dich.
      Er löste sich wieder ein bisschen von ihr, um sie anschauen zu können.
      Zum Abendessen wird es Pudding geben. Möchtest du mit mir die Soße klauen gehen?
    • Das schlechte Gewissen fraß Tessa auf. Als Chester unsagbar sanft ihr Gesicht umfasste, wäre die junge Frau am liebsten in Tränen ausgebrochen. Der betroffene Blick war kaum zu ertragen. Für einen Sekundenbruchteil wollte sie nichts sehnlicher, als ihm alles zu gestehen. Sie wollte diesen Abgrund, der sich langsam aber gnadenlos zwischen ihnen auftat, aufhalten bevor es zu spät war. Dabei war es das doch längst. Zu spät.
      Das wirst du nicht. Ich verspreche es dir, das wirst du nicht. Denk gar nicht darüber nach; ich werde immer bei dir sein. Solange du mich haben willst", sagte Chester mit voller Überzeugung.
      Tessa brachte ein Nicken und ein tapferes Lächeln zustande, das mit einem Lächeln belohnt wurde.
      "Und wenn ich Dich nie wieder hergeben will?", murmelte sie.
      Während sich ihre Kehle zuschnürte, küsste Chester zärtlich ihre Stirn. Haltsuchend umfasste Tessa seine Unterarme. Sie tastete sich bis zu seinen Handgelenken vor, Fingerspitzen glitten über seine Handrücken bis sich ihre Finger zwischen Chesters schoben. Seine Hände waren warm, tröstlich.
      Das Kichern wirkte für einen Moment derart fehlplatziert, dass Tessa erstaunt blinzelte.
      Ich hab dich auch vermisst. Das war ein einsames Jahr ohne dich.
      Tessa schniefte. Sie kicherte. Beides gleichzeitig.
      "Zwei Tage, Chester", korrigierte sie in dieses Mal sanft und drückte seine Hände. "...aber es hat sich wie ein Jahr angefühlt."
      Zum Abendessen wird es Pudding geben. Möchtest du mit mir die Soße klauen gehen?
      Das Grinsen wurde breiter. Das schlechte Gewissen wurde zwar nicht weniger, aber es stiller.
      Sie hatten noch etwas Zeit und die würde Tessa nicht vergeuden.
      "Oh, darauf kannst du wetten."

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      Owls Messer in die Finger zu bekommen, war leichter gewesen als Tessa angenommen hatte. Sie war zwar nicht dran gewesen, sich um die Pflege der Ausrüstung zu kümmern, aber Owl hatte nicht protestiert als Tessa ihm angeboten hatte, seine Aufgaben zu übernehmen damit er den Abend mit Malia verbringen konnte. Sorgfältig hatte sie den Übungsplatz aufgeräumt, kleinere Schäden der Übungswürfe repariert wie Owl es ihr gezeigt hatte. Der ahnungslose Mentor, dem nun ebenfalls ein Betrug bevorstand, hatte sich freudestrahlend auf den Weg zu Malia gemacht. Die Beziehung war noch immer etwas eisig, aber Tessas Überraschungsauftritt bei den Wagen schien die ernste Frau ihm allmählich zu verzeihen.
      Die Pflege der Wurfmesser stand dabei an oberster Stelle und als Tessa alle Klingen einsammelte, um sie zum Schärfen zu bringen, hatte sie Owls Artefakt, ein Messer, dessen Klinge nie stumpf wurde und durch alle Materialien schnitt wenn es der Träger verlangte, ganz beiläufig mit eingesteckt. Wenn es auffielen, konnte sie es immer noch als Versehen tarnen. Soweit so gut. Sie gab alle Messer bei dem Mann ab, der die Wurfbude am Hauptplatz betrieb und der Owl hin und wieder unter die Arme gegriffen hatte bevor Tessa dazugekommen war. Nur das Artefakt verschwand dabei mit großer Vorsicht im Ärmel ihres Pullovers. Sie musste aufpassen, damit sie sich mit der Klinge nicht verletzte. Zur Sicherheit umwickelte sie die Schneide mit ein paar Lederstreifen kurz bevor sie an die Tür der Wahrsagerin klopfte.
      "Jude? Bist Du da? Ella hat mir ein paar ihrer berühmten Zuckerplätzchen zugesteckt. Ich dachte, ich könnte mich damit für den Tee und die Kekse vom letzten Mal revanchieren. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil Chester und ich den Nachtisch beim Abendessen verdorben haben..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude war zuverlässig wie die Uhr in ihrem Wagen anzutreffen - und genauso sicher war das freudige Strahlen, mit dem sie Tessa die Tür öffnete.
      "Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du mit Süßigkeiten kommst. Wird das etwa zu einem Ritual? Herein mit dir!"
      Sie ließ Tessa mit großen, lebhaften Gesten herein.
      "Und wie war das mit dem Nachtisch? Ich habe mir schon gedacht, dass Schokopudding ohne Soße merkwürdig ist. Ich hätte mir doch denken können, dass eine Diebin dahinter steckt."
      Sie lachte ihr gackerndes Lachen und tischte wie beim letzten Mal mit ihrem Teeservice auf. Ohne große Aufmachung hatte sie den kleinen Wagen in ein gemütliches Teepläuschchen verwandelt.
      "Dann gib mal her. Ella macht immer die besten Plätzchen, zu schade, dass sie die nicht häufiger macht."
      Mit spitzen Fingern nahm sie eines von Tessa entgegen, die Augen groß und gierig, bevor sie ausgiebig hineinbiss. Genussvoll rollte sie mit den Augen und einen Moment später war das ganze Plätzchen auch schon hinter ihren Lippen verschwunden.
      "Toll sind die. Wirklich toll. Ella will mir nie das Rezept geben, weißt du das? Vielleicht kannst du sie mal ein bisschen... überreden?"
      Sie zwinkerte Tessa zu, dann überschlug sie die Beine neben dem Tisch.
      "Und nun sag schon: Was willst du diesmal in der Kugel sehen? Oh -"
      Sie lachte, als sie Tessas ertappten Gesichtsausdruck sah.
      "Nur keine falsche Scheu! Ich nehm es dir gar nicht übel, ich gehöre nunmal zu dem alten, langweiligen Ständchen-Volk und nicht zu den aufregenden Darstellern, da kommt man sich sonst einfach nicht in die Quere. Ich weiß natürlich, dass du nicht nur aus reiner Nettigkeit gekommen ist. Die Kugel hat es mir gesagt, weißt du?"
      Verschwörerisch grinste sie, ohne weiter darauf einzugehen.
      "Und nun sag es mir. Ist es wieder wegen dem unbekannten Liebhaber?"
    • "Ich werde mir die größte Mühe geben", kicherte Tessa, die bereits auf ihrem neuen Stammplatz saß.
      Der guten Ella ein Backrezept zu entlocken, machte ihre Lügen zwar nicht ungeschehen, aber es war eine Kleinigkeit, die sie gerne für Jude machte. Die Herzlichkeit, mit der Jude sie überschüttete, hatte sie ebenso wenig verdient, wie Chesters Trost und Verständnis. Tessa würde sie zwangläufig alle enttäuschen. Es war nur eine Frage der Zeit.
      Ertappt senkte Tessa den Blick und fühlte sich sofort wieder beruhigt, als die Wahrsagerin ihr ein Lachen schenkte. Ob die Kugel der lieben Jude tatsächlich ihren Besuch angekündigt hatte, würde wohl das Geheimnis der alten Frau bleiben. Aber einmal Schaustellerin, immer Schaustellerin. Zumindest das hatte Tessa von ihrer Familie gelernt. Im Prinzip waren die Penhallows ein wenig wie die Leute des Zirkus Magica. Sie waren Schauspieler, Unterhalter und, vor allem Anderen, Trickser. In den letzten Tagen hatte Tessa öfters darüber nachgedacht, dass sie wohl mehr von ihrer Familientradition im Blut hatte, als ihr bewusst gewesen war. Einmal eine Penhallow, immer eine Penhallow.
      "Und nun sag es mir. Ist es wieder wegen dem unbekannten Liebhaber?", fragte Jude.
      "Hm, nichts ganz. Aber es geht um einen jungen Mann, ja", gestand Tessa.
      Jake als Vorwand zu benutzen fühlte sich falsch an, aber sie konnte nicht immer mit derselben Nummer bei Jude auf der Matte stehen.
      "Bevor...", begann Tessa und stockte. Sie runzelte nachdenklich dir Stirn. "...bei dem Überfall, der...du weißt schon...da war ein Junge mit dabei. Jake. Ich möchte wissen, was mit ihm passiert ist. Kann die Kugel das?"
      Sie würden es wohl auf einen Versuch ankommen lassen.
      Deshalb legte Tessa in vertrauter Geste ihre Hände auf das kalte Glas der Kugel. Der Nebel waberte träge unter ihren Fingern und sogleich spürte sie den hypnotisch Sog, der sie einlud einen Blick hineinzuwerfen. Bei der routinierten Frage nach den drei berühmten Fragen, nickte Tessa. Gedanklich formulierte sie ihre Antworten und konzentrierte sich doch auf den kalten Stahl, der sich durch kleine Lücken im Leder an ihren Unterarm presste. Sie konnte nur hoffen, das es ausreichte, um von der Kugel eine Reaktion zu bekommen. Wenn dieser Versuch sie nicht weiterbrachte, kam sich nicht darum herum, ein Artefakt aus Chesters persönlichem Besitz zu stehlen und dafür hatte sie noch keine Lösung gefunden. Abgesehen davon, dass sie ihren Verrat nicht noch einen weiteren Punkt hinzufügen wollte.
      Nervös rutschte Tessa auf ihrem Stuhl hin und her.
      Die Erinnerung an die geisterhaften Schatten waren keine schönen Bilder. Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter, noch bevor Jude ihre knorrigen Hände auflegte.
      "Bereit", murmelte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude nickte zum Zeichen, dass sie zuhörte, wobei ihre Augen ganz wissbegierig funkelten. Sicher dachte sie schon, dass Jake doch derjenige sein könnte, den Tessa schon das letzte Mal gesehen hatte, und hatte schon entsprechende Vorstellungen. Zumindest war sie genauso eifrig, die Kugel herbeizuholen und Tessas Hände unter ihren auf das kühle Glas zu drücken.

      Die Klinge von Owls Messer blitzte durch den dichten Nebel, aber es war nicht Owls Hand, die sie führte. Eine kurze Lücke in den wabernden Formen gab den Blick auf einen Mann mit kurz geschorenem Haar frei, der in der Dunkelheit die Augen weit aufgerissen hatte. Das Bild war verzerrt, unscharf und verschwand sogleich auch wieder, um von undeutlichen Zelten und Kisten abgelöst zu werden. Jemand sprach, irgendwo, aber seine Stimme drang nicht durch das beständige, leise Rauschen hindurch, das überall zu herrschen schien. Die wabernden Formen bewegten sich und wie beim letzten Mal schien es, als würden sich daraus Gestalten bilden.
      "... bleibt er?"
      Wieder der Mann, das Messer fest im Griff. Undeutliche Geräusche erhoben sich unter dem Rauschen, wie ein fernes Flüstern körperloser Gestalten. Der Mann reagierte nicht darauf, sondern sah fest geradeaus. Neben ihm bewegte sich etwas; er war nicht alleine.
      "... gleich... wenn... schnell..."
      Er nickte knapp und verschwand wieder hinter dichten Formen. Das Rauschen wurde lauter.
      Plötzlich ein dumpfer Schlag. Ein Handgemenge, ferne Stimmen, undeutliches Geflüster, eine Hand, die einen Arm gepackt hielt. Das Messer, funkelnd und immerzu scharf, die Hand, die es führte. Worte, die keine Wörter waren, ein Gemurmel ohne Stimmen, wieder ein dumpfer Schlag. Das Messer, die Klinge, die nun zur Hälfte verschwunden war. Rot funkelte es an den Rändern.

      Die Kerzen in Judes Wagen flackerten. Die alte Hellseherin sah sich nach dem Luftzug um, der nicht existierte, denn sie hatte sicherlich alle Fenster fest geschlossen. Viel konnte sie sowieso nicht erkennen, denn irgendwie war es im Wagen dunkler geworden. Oder bildete sie sich das nur ein? Hatte sie nicht genug Kerzen entzündet?

      Der Nebel verdichtete sich. Die sowieso schon verzerrten Bilder wurden nun noch unförmiger, nur noch Andeutungen, die man erahnen musste. Der Mann kauerte auf dem Boden, vielleicht war es aber auch ein Fass, vor ihm ein roter Klecks, der verschwand und dann wieder auftauchte, schrumpfte und dann wieder größer wurde. Owls Messer war im Nebel verschwunden und das Rauschen war nun auf Zimmerlautstärke, laut genug, um selbst klare Worte zu verschlucken. Es wurde gesprochen, es wurde geflüstert, jemand bewegte sich. Das Rot tauchte wieder auf, größer diesmal, in der Form eines unförmigen Klumpens, glitzernd als wäre es nass. Eine menschliche Gestalt, die sich aufrichtete, der Nebel, der sie verschluckte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es aus, als schwebe dort im Nebel ein Gesicht.

      Jude erschrak und sprang auf, ohne die Hände von Tessas zu lösen. Verständnislos starrte sie auf den dunklen Nebel, der sich unter Tessas Händen von der Kugel löste und dickflüssig auf den Tisch tropfte, um dort weiterzuwabern. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Der Nebel in der Kugel hatte sich noch nie einen Weg nach draußen verschafft, konnte es gar nicht. Die Kugel war in einem Stück aus Glas, es gab keine Ritze, kein Loch, durch das etwas durchgekommen wäre.
      Und trotzdem lief die Kugel aus.
      "Tessa."
      Jude sah voll entsetzter Faszination zu, wie der Nebel über den Tisch floss und auf den Boden troff. Es war nun dunkel im Wagen, so dunkel, dass das Licht der Kerzen kaum mehr als kleine Punkte waren. Jude hatte sich in ihrer Beobachtung nicht getäuscht und doch nahm sie die Hände nicht von Tessa. Sie hielt sich jetzt mehr denn je strikt an die Regeln, die Chester ihr bezüglich der Kugel auferlegt hatte.
      "Tessa. Komm zurück."

      Das Rauschen wurde lauter, laut genug, dass man meinen konnte, darin wieder Geflüster zu hören. Die Szenerie veränderte sich, wurde heller. Das Gefühl von Menschenmassen, ohne sie wirklich zu sehen. Orte verschoben sich, Menschen mit ihnen. Owls Messer zwischendrin, blitzblank, ohne das Rot von vorhin. Eine schlanke Hand, die es locker festhielt.
      Aus dem Nebel formten sich zwei Augen, zwei dunkle, sich weitende Höhlen, die sich aus dem Nebel bildeten wie unter einer nicht brechenden Wasseroberfläche. Ein Mund ohne Lippen, den Schlund aufgerissen in einem Schrei, der nicht lauter als das Rauschen sein konnte. Eine Gesichtsform, ein Kinn, eine Nase, zwei Ohren, keine Haar. Der Mund wurde größer und größer, die Augen breiter und breiter. Sie verzogen sich in Qual und der Mund schrie einen tonlosen Schrei. Das Rauschen wurde laut, unangenehm. Es schien in den Ohren zu brennen und alle anderen Geräusche zu verdrängen, bis nur noch das Rauschen übrig war. Kein Bild mehr, keine Geräusche, nur noch Rauschen. Rauschen und der Nebel.
      Ein zweites Gesicht neben dem ersten, Augen, die auf Tessa gerichtet waren, ohne jemals zu blinzeln. Ein Mund, zu einem sanften Lächeln geformt, zwei tiefschwarze Löcher als Nase. Nebelschwaden, die sich verdickten, überall und die ganze Zeit. Irgendwo ein Flüstern, unhörbare Wörter für taube Ohren. Das Lächeln wurde breiter.
      Ein drittes Gesicht, der Mund in einer grotesken Position geöffnet, als gäbe es keinen Kiefer. Ein viertes Gesicht, die Augen geschlossen. Ein fünftes Gesicht, verkehrt herum, ein sechstes Gesicht, ein siebstes, ein achtes, mehr Gesichter, noch mehr, mehr und mehr, der ganze Nebel davon voll, nur noch Gesichter in dem Nebel, der Nebel und nur noch die Gesichter, das Rauschen, ohrenbetäubend wie ein Wasserfall, überall zu jeder Zeit, lauter als das Flüstern, das Flüstern, die Worte, wo waren sie, die Worte, die Gesichter und der Nebel, so viele Gesichter, so viel Nebel, kein Platz mehr, kein Platz mehr für irgendwas, voll, alles voll, alles weg, weg und nie wieder da, nur noch Nebel, für immer verlassen, ohne Mund und ohne Atem, habe keinen Atem, keinen Atem zum Schreien, möchte, wenn es so weitergeht, möchte nur einmal

      "Tessa!"
      Die Nebelschwaden bedeckten den Boden. Sie waberten ihnen um die Knöchel und die Kugel war unter ihren Händen eiskalt geworden. Sie strahlte eine Kälte aus, die ihre Finger taub machte.
      "Tessa, komm zurück!"
    • "Tessa, kommt zurück."
      Ja, sie wollte zurückkommen. Nichts wollte Tessa in diesem Augenblick lieber. Sie kauerte irgendwo am Boden, umgeben von dichtem Nebel und dutzenden Gesichtern, die sie umrundeten wie ein Rudel hungriger Wölfe. Jedes Gesicht bot einen neuen Horrer, der ihr Furcht einflößte und Tessa einen Schauer nach dem Anderen über den Rücken jagte. So viele Gesichter, die auf ihre Art einzigartig waren. Verkehrtherum, gespiegelt, verzerrt, glasklar, freundlich, boshaft, stumm, laut, traurig, glücklich...Sie nahmen kein Ende. Jedes Mal, sobald Tessa gegen den trüben Nebel anblinzelte, erschien ein neues Antlitz in den grauen Schlieren der Vision.
      Der Kreis um Tessa wurde enger, bedrohlicher und voller bis kein Fleckchen übrig war ohne dabei in unheimliche Augen blicken zu können. Leer, schwarz, geschlossen, weitaufgerissen...Sie waren so unterschiedlich, wie die Gesichter, zu denen sie gehörten. Tessa wurde schlecht während die Gesichter sie umkreisten und dabei immer näher rückten. Der Nebel und das Flüstern kam mit ihnen, wurde lauter und unerträglich. Sie konnte nicht atmen, Judes Stimme kaum noch hören. Kein Wort im stetig anschwellenden Chor ergab einen Sinn. Silben, die zu einem allgegenwärtigen Rauschen mutierten bis sie dermaßen laut wurden, dass Tessa sich die Hände auf die Ohren pressen wollte.
      "Tessa!"
      Das Messer. Das Blut. Die Gesichter. Die Schatten. Die Stimmen.
      Sie konnte sich nicht bewegen und ihr Schädel drohte zu bersten. Der eiskalte Nebel griff nach ihren Knöcheln, kroch ihre Beine empor. Er legte sich auf ihre Brust und die Kälte sog ihr Luft direkt aus den Lungen. Tessa schnappte nach Luft.
      "Tessa, kommt zurück!"
      Der Chor schwoll an. Lauter, eindringlicher, näher. Immer näher. Immer lauter. Tessa riss die Hände hoch, presste taube und eisige Finger gegen ihre Ohren. Es half nicht. Die Diebin wimmerte leise. Sie hatte Angst, große Angst.


      "Tessa, kommt zurück!"
      Mit totenbleichem Gesicht fixierte Tessa die Glaskugel. Die Diebin war zur Salzsäule erstarrt, hatte sieh minutenlang nicht bewegt. Sie atmete zu schnell, geradezu panisch. Judes letzter Aufruf schien das Mädchen endlich in der Vision zu erreichen, die sie umklammert hielt. Ruckartig riss Tessa die Hände fort, presste sich die Handflächen fest gegen die Ohren. Das Flüstern hörte einfach nicht auf.
      "Es soll aufhören!", wimmerte Tessa. "Das Flüstern. Es soll aufhören!"
      Tessa hob den Blick und starrte nun Judes angsterfüllt an.
      "Kannst du sie nicht hören?", flüsterte Tessa. "Kannst du sie nicht sehen? Sie sind überall!"
      Die Diebin zuckte zusammen. Offenbar war das, was sie hinter Jude zu sehen glaubte, schlimmer als das ominöse Flüstern. Mit einem spitzen Aufschrei presste sich Tessa tiefer in ihren Stuhl und schlug die Hände vors Gesicht. Sie waren immer noch hier, hinter Jude, in den Schatten ihres Wohnwagens. In den kleinen, versteckten Winkeln, die nicht vom Kerzenschein erhellt wurden.
      Vorsichtig spreizte Tessa die Finger.
      Ein Gesicht mit weit aufgerissenem Mund flimmerte vor ihr in der Luft.
      Dieses Mal hielt Tessa nichts auf ihrem Stuhl. Sie sprang vom Tisch zurück und stolperte zur Tür. Klirrend fiel Owls Messer aus ihrem Ärmel und blieb trotz Vorsichtmaßnahmen mit der Spitze in den Holzdielen stecken. Das Messer! Tessa stürzte sich auf die Klinge. Das Heft lag tröstend in ihrer Hand, doch die Tür wollte sich nicht für sie öffnen. Mit den zitternden Händen bekam sie den Türknauf kaum zu fassen. Irgendwann gab Tessa einfach auf und kauerte an der verschlossenen Tür. Die Stirn gegen das Holz gepresste, mit den Händen auf den Ohren, das Messer umklammernd und dem Rücken zu Jude.
      "Geht weg. Geht weg. Geht weg...!"
      Schritte, eine flüchtige Berührung an ihrer Schulter...Tessa wirbelte herum, Owls Messer glitt durch die Luft und der Schatten wich zurück. Von neuer Panik ergriffen, rüttelte sie am Türknauf. Endlich gab das Schloss nach und Tessa stürzte hinaus in die Nacht.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa kam zurück, aber wie sie es tat. Plötzlich war sie da, riss die Hände zurück und zuckte vor der Kugel weg, als hätte sie sie geschlagen.
      "Es soll aufhören! Das Flüstern. Es soll aufhören!"
      "Welches Flüstern?! Tessa, sieh mich an!", sagte Jude panisch, die noch nie etwas derartiges erlebt hatte. Alles war gut gegangen, und dann plötzlich war es merkwürdig geworden, mit dem Nebel und mit Tessas bleichem Gesicht...
      Auch jetzt wanden sich die dunklen Schwaden noch immer auf dem Boden, getrieben von einem Wind, den keine von beiden spüren konnte.
      "Kannst du sie nicht hören?", fragte Tessa zurück und etwas an ihrem Blick, an ihrer entsetzten Stimme, machte Jude unfassbare Angst. Sie wich zurück, vor Tessa gleichermaßen wie vor der Kugel.
      "Was hören? Was?"
      "Kannst du sie nicht sehen? Sie sind überall!"
      "Wo? Wer? Tessa, sprich mit mir!"
      Tessa zuckte zusammen. Ihre Augen wurden größer, unfassbar gewaltig, ihre Augäpfel quollen hervor und dann schrie sie auf, ein Geräusch, das Jude durch Mark und Bein ging, bevor sie die Hände vor dem Gesicht zusammenschlug. Jude wirbelte herum, das Herz rasend, in aller Erwartung, einen Geist hinter sich zu erblicken, nur dass dort Schatten und wenig Licht war. Der dunkle Nebel wallte träge über den Boden.
      Ein Poltern ließ sie wieder herumwirbeln, schnell genug, um zu sehen, wie Tessa sich ganzkörperlich vom Stuhl warf und zur Tür preschte. Ein Messer fiel ihr aus dem Ärmel und war das einzige, was ihre übereilte Flucht herauszögerte, doch dann war sie bei der Tür und kauerte sich dort mit einer animalischer Furcht zusammen, bei der es Jude eiskalt über den Rücken lief. Vor angesteckter Panik war sie wie festgefroren.
      "Geht weg. Geht weg. Geht weg...!"
      "Tessa... Tessa, sprich mit mir!"
      Jetzt stolperte Jude doch nach vorne und von dem Geräusch ihrer Schuhe auf dem Holz wirbelte Tessa herum. Jude kreischte, als das Messer durch die Luft schnitt und für einen Moment die Nebelschwaden zerteilte. Sie wich zurück und war damit nicht schnell genug, um Tessa aufzuhalten, als sie aus der Tür rannte.
      "Tessa!"
      Jude rannte ihr nach. Draußen war es schon dunkel, aber nicht dunkel genug. Laternen spendeten ihnen Licht und zeigten Tessas Gestalt, wie sie durch den Zirkus davon hetzte. Jude hatte keine Möglichkeit, die schnelle Frau einzuholen, und blieb stehen.
      "Tessa!"
      Hinter ihr quoll der Nebel in trägen Schüben aus dem Wagen heraus, tropfte auf die Holzstufen und schien zuletzt im Boden zu versickern. Und dann hörte Jude es auch: Ein fernes Wispern, wie eine leise Stimme im Wind. Sie drehte sich nach dem Geräusch um und bei dem Anblick des Nebels stockte ihr der Atem.
      "Oh Gott."
      Denn da floss noch mehr aus dem Wagen. Wie ein Wasserfall ergoss es sich mittlerweile über die Stufen, um dann im Boden zu verschwinden.