Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "Morgen, Sonnenschein." Tessa musste einfach lächeln. Die Mundwinkel bewegten sich von ganz allein.
      Mit einer solchen Begrüßung hatte die Diebin nun wirklich nicht gerechnet. Weder mit dem strahlenden Lächeln, dass die Sonne vor Neid erblasste, noch mit den unzähligen Küssen, von denen der schlaftrunkenen Tessa noch ganz schwindelig war. Es kribbelte und summte unter ihrer Haut. Überall, wo Chesters Lippen sie berührt hatten und darüber hinaus. Vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen fühlte sie nichts als Wärme.
      Da war es nicht verwunderlich, dass sich ihre Lippen zu einem Schmollen verzogen, als Chester von ihr abließ und es sich stattdessen auf der Seite gemütlich machte. Tessa widerstand dem Drang unter Protest die Wangen aufzuplustern, weil es wagte, sie dieser Zärtlichkeiten zu berauben.
      "Wie geht es dir?"
      Es würde ihr besser gehen, wenn er sie wieder küssen würde.
      Chesters Küsse ließen Tessa schnell vergessen, dass sie Dank ihrer absoluten Gedankenlosigkeit vermutlich dem Tod haarscharf von der Schippe gesprungen waren und für sie wären die Konsequenzen endgültig gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass sie alle im Zirkus in Gefahr gebracht hatte. Tessa blieb ihm vorerst eine Antwort schuldig und ließ den Kopf zurück ins Kissen fallen. Ja, wie ging es ihr?
      "Nichts gehört in der Nacht? Was macht die Hand?"
      Tessa schüttelte den Kopf.
      Vorsichtig zog sie die Hand von seinem Rücken und hielt das Ungetüm von Schiene, das er ihr gerade mal erlaubte die Finger leicht zu krümmen, zwischen ihnen hoch.
      "Noch dran", war die verschmitzte Antwort.
      Schlaftrunken, eingelullt von der verbliebenden Wärme des Feuers und Chester war es zu leicht, die Welt außerhalb des Zeltes auszublenden. Behutsam streichelte sie über seine Wange. Tessa ließ die Finger in das kurze, blonde Haar gleiten.
      "Nein, da war nichts", bestätigte sie ihm trotzdem noch. "Was ist mir Dir? Du konntest Dich gestern Abend kaum noch auf den Beinen halten..."
      Dabei sah Chester bereits wieder aus wie aus dem Ei gepellt, aber es war der Gedanke, der zählte.
      Sie hatte es nie als selbstverständlich genommen, dass der Mann neben ihr im Bett schier unverwüstlich war.
      Einen Moment lang sahen sie sich stumm an.
      "Es geht mir gut, Chester. Ich bin noch hier."
      Tessa stützte sich auf ihrem gesunden Arm auf und brachte sich damit ganz nah an Chesters Gesicht.
      Sie küsste ihn. Kurz, aber nachdrücklich um das wunderschöne Kribbeln noch einmal zu spüren, dass er in ihr auslöste.
      "Dank Dir", flüsterte sie gegen seine Lippen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa hielt die geschiente Hand zwischen ihnen, kein sehr schöner Anblick, aber dafür ein vielversprechender. Die Finger konnte sie noch ein bisschen bewegen und wenn es ihr nichts ausmachte, die Hand auch vorsichtig zu nutzen, machte auch Chester sich keine Sorgen darüber.
      "Noch dran", sagte sie frech.
      "Zum Glück, sonst hätte ich sie noch suchen müssen. Wer weiß, wo sie in der Zwischenzeit alles hingekrabbelt wäre."
      Chester grinste zurück. Blöde Sprüche hatte er definitiv auch drauf.
      Tessa ließ daraufhin die gesunde Hand durch seine Haare gleiten.
      "Da war nichts", bestätigte sie. "Was ist mir Dir? Du konntest Dich gestern Abend kaum noch auf den Beinen halten..."
      "Oh, es geht mir prächtig. Ich könnte noch einen ganzen Tag lang schlafen, aber das ist nicht so wichtig. Um mich musst du dir keine Sorgen machen."
      Auf die unterschwellige Nachricht darin ging Tessa erstmal nicht ein - dass sie sich lieber Sorgen um sich selbst machen sollte. Dafür sah sie ihn mit ihren klugen Augen an, ein Blick, bei dem Chester das Gefühl hatte, dass sie ihn ganz besonders verstehen wollte. Unbewegt lächelte er zurück und ließ sie sehen, was auch immer es zu sehen gab - denn viel war es sowieso nicht. Ein paar Tage noch und er hätte die Geschehnisse in der Kugel schon wieder ganz vergessen.
      "Es geht mir gut, Chester", sagte sie schließlich. "Ich bin noch hier."
      Da merkte er erst, dass er sie die ganze Zeit über wieder an sich gehalten hatte. Er ließ locker und lehnte sich in den kurzen Kuss hinein.
      "Dank Dir."
      Den Worten folgte eine Wärme, die sich schnell durch Chesters Magen ausbreitete. Er lächelte breiter, während er in dem Stolz schwelgte, der sich unweigerlich in ihm festigte. Ja, wegen ihm ging es ihr gut und sie war noch hier. Er hatte sehr erfolgreich ein Leben verlängert und vielleicht sogar mehr als eins. Dafür hatte er zwar viel mehr verkürzte Leben zu verantworten, aber es waren die kleinen Schritte. Jetzt gerade freute es ihn einfach nur, dass seine Mühen gewertschätzt wurden.
      "Mhh ich rette dich so oft, wie es nötig ist", schnurrte er zurück und küsste sie wieder, beugte sich dabei über sie. Der Kuss dauerte diesmal länger an, aber Chester war verspielt und verschmitzt und so schwelgte er Tessa nur in Sicherheit, bevor er plötzlich wieder auf ihr war und die kitzligsten Stellen ihres Halses mit federleichten Küssen bedeckte. Dabei nutzte er ihr handicap schamlos aus, bis er sie zum Zucken und Lachen gebracht hatte. Denn das war es, was Chester unter all den Dingen immernoch am liebsten hörte: Tessas unbeschwertes, losgelöstes Lachen.
    • Tessa brachte es nicht übers Herz, die auffällig gute Laune zu hinterfragen. Sie fürchtete sich vor der Antwort und deshalb begrüßte sie sogar die schlechten Witze mit offenen Armen. Falls Chester ihr eine Schonfrist gewährte, würde sie keine Sekunde davon verschwenden.
      "...aber das ist nicht so wichtig. Um mich musst du dir keine Sorgen machen."
      Die Streicheleinheiten in dem kurzen Haarschopf stockten für eine Sekunde, ehe Tessa die Tätigkeit wieder aufnahm. Tessa war zu feige, um ihn direkt auf die Warnung anzusprechen. Sie hatte nichts dagegen das Gespräch, bei dem sie stotternd eine erbärmliche Erklärung und noch erbärmlichere Entschuldigung von sich gab, noch ein Weilchen zu verschieben. Vielleicht bescherte ihr die Tatsache, dass sie dem Tod durch die Finger geschlüpft war, diesen schönen Morgen. Als Chester sich bewegte, hätte sie gerne fester zugepackt, aber die dumme Schiene ließ ihr nur wenig Spielraum.
      Dennoch musste sie wohl die richtigen Worte gewählt haben, denn sein Lächeln wurde breiter und strahlender.
      "Mhh ich rette dich so oft, wie es nötig ist."
      Vor Scham konnte sie kaum hinsehen und ergab sich deshalb auch dankbar der neuen Kitzelattacke. Zumindest hatte sie so nicht das Gefühl, dass Chester ihr den Verrat an der Nasenspitze ansehen konnte. Der Gedanke kam ihr albern und dumm vor. Er wusste es doch schon längst. Er musste wissen, was die Kugel geöffnet hatte, nicht wahr?
      Tessa nutzte aus, dass Chester sich über sie beugte und schlang beide Arme um seine Schultern, damit er an Ort und Stelle blieb. Sie lachte und wandt sich unter ihm, versuchte ihm zu entkommen und spielte mit, weil es Chester glücklich machte und sie noch nicht bereit war ihn wieder gehen zu lassen. Als das Pochen unter der Schiene zu stark wurde, ließ sie den Arm fallen und bettete ihn über ihrem Kopf im weichen Kissen und außerhalb der Gefahrenzone.
      Atemlos drückte sie schließlich mit der flachen Hand gegen seine Brust.
      "Auf-aufhören. Komm schon, Chester. Ich be-bekomme keine L-Luft mehr!", protestierte Tessa.
      Und weil sie keinen anderen Ausweg sah, legte sie die Hand an seinen Kiefer und drückte sein Kinn nach oben. Ein zittriger Atemzug ließ ihre Nasenflügel erbeben, als sie die Lippen gegen Chesters presste. Dabei blieb es nicht. Tessa schob die Hand in seinen Nacken und was als Ablenkung begonnen hatte, verwandelte sich in einen sehnsüchtigen Kuss.
      Mit rasendem Herzschlag schmiegte sich Tessa an seine Brust. Sie glaubte, es müsste aus ihrer Brust springen, als sie mutig seine Unterlippe mit den Zähnen streifte. Gerade genug, damit es nicht wie ein Zufall anfühlte. Tessa erinnerte sich daran, dass Chester das einmal bei ihr gemacht hatte. Von der Erinnerung wurde ihr heute noch ganz warm. Sie spürte das Kribbeln am ganzen Körper, vom Scheiter bis in die Zehenspitzen, die sich im Laken krümmten.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester machte so lange weiter, bis Tessa die Luft ausblieb, und selbst dann küsste er sie noch weiter, bis sie ein japsendes "Auf-aufhören. Komm schon, Chester. Ich be-bekomme keine L-Luft mehr!" von sich gab. Da ließ er grinsend von ihr ab, nur um in einen süßen, verheißungsvollen Kuss gezogen zu werden, der nach Freiheit, Vergnügen und Hingabe schmeckte. Chester küsste zurück, seine Lippen bewegten sich gegen Tessas, und als er Zähne spürte, die sachte über seine Unterlippe kratzten, ergriff ihn ein Schauer. Er sah Tessa in die Augen, suchte nach den Gefühlen, die diesen Kuss hervorriefen, und war angetan von dem, was er dort vorfand. Eine angenehme Wärme sprudelte durch seinen Körper und er lächelte, als er die Arme um Tessas Körper schlang und sie ein bisschen näher zu sich zog, ein bisschen fester. Er mochte diesen Kuss, die Unanständigkeit davon, wie er die Macht dazu hatte, die Welt hinter Chesters Zeltwände zu verbannen. Wenn sie doch nur jeden Morgen so küssen könnten - wenn es doch nur jeden Morgen einen Grund gäbe, so zu küssen.
      Mit leiser Nüchternheit erinnerte Chester sich an die Kugel, die ihm doch tatsächlich für einen Moment entglitten war. Er atmete aus der Nase aus und löste sich von Tessa. Die Welt zu vergessen war zwar schön und gut, aber nicht, wenn es davon langwierige Konsequenzen geben könnte.
      "Ich sollte den Spezialisten kontaktieren. Für die Kugel."
      Er setzte sich auf.
      "Wenn wir Glück haben, kommt er noch diesen Monat. Dann kann er uns vielleicht sagen, warum sie aufgegangen ist. Wenn sie endgültig kaputt ist, muss ich sie entsorgen lassen; grundgütiger, wo bekomme ich nur eine neue Kugel her? Soll ich Jude etwa wieder Karten lesen lassen?"
      Er schnaubte missbilligend bei der Vorstellung. Karten - das war doch nichts für den Zirkus Magica!
    • "Ich sollte den Spezialisten kontaktieren. Für die Kugel."
      Die unbarmherzige Realität flutete das Zelt, begleitet von einem Paukenschlag. Der Zauber, den der Kuss gewoben hatte, verblasste zu einer Erinnerung, die sich bereits nach Sekunden viel zu weit weg anfühlte. Tessa, die mit einem Murren schamlos gegen den Rückzug des Mannes protestiert hatte, setzte sich ebenfalls langsam auf. Vorsichtig stützte sich Tessa mit der gesunden Hand ab. Der braune Haarschopf stand herrlich zerzaust von ihrem Kopf ab und die Röte auf ihren Wangen leuchtete bis zu ihrem Hals herunter. Obwohl ihr heiß war, bildete sich ein eiskalter Knoten in ihrem Magen. Der Zirkus hatte absolute Priorität für Chester. Sie wusste das, aber gegen den Unmut konnte sie trotzdem nicht machen. Dabei hatte sie nicht einmal das Recht dazu. Immerhin war es ihre Schuld, dass die Kugel kaputt war. Also presste Tessa die Lippen fest aufeinander.
      „Es gibt dafür Spezialisten?“, hauchte sie erstaunt.
      Tessa strampelte die schwere Daunendecke von ihren Beinen und rutschte zaghaft hinter Chester. Seufzend lehnte sie sich gegen seinen Rücken und schmiegte die glühende Wange zwischen seinen Schulterblättern an den warmen Stoff seines Hemdes.
      Das missbilligende Schnauben presste ihre Wangen noch fester gegen seinen Rücken.
      "…Dann kann er uns vielleicht sagen, warum sie aufgegangen ist. Wenn sie endgültig kaputt ist, muss ich sie entsorgen lassen; grundgütiger, wo bekomme ich nur eine neue Kugel her? Soll ich Jude etwa wieder Karten lesen lassen?"
      „Chester?“, murmelte Tessa kleinlaut. „…ich…ich weiß, warum die Kugel aufgegangen ist.“
      Ihre Finger krallten sich in seine Seiten, als könnte sie ihn damit ernsthaft davon abhalten, aufzuspringen, wenn Chester sich einmal dazu entschloss. Das schlechte Gewissen und die Angst vor seiner Reaktion erdrückten Tessa.
      „Aber ich hab‘ das nicht gewollt! Das musst du mir glauben“, schniefte sie und obwohl es dank des Ofens angenehm warm im Zelt war, zitterte Tessa wie Espenlaub. Das war's, der Anfang vom Ende noch bevor es richtig begonnen hatte. „I-Ich hatte das Messer dabei, als ich zu Jude gegangen bin, aber ich wusste nicht, dass so etwas passieren kann. Davon stand nichts in ihrem Buch.“
      Totenstille breitete sich aus.
      Selbst der Ofen schien das Knistern einzustellen.
      Tessa schlang ihre Arme um Chester, fester und fester um das Unvermeidliche ein paar Sekunden hinauszuzögern.
      "Ich habe Theresas Tagebuch gefunden."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Es gibt dafür Spezialisten?“
      "Mh-hm. Das sind lukrative Geschäfte. Jemand, der nicht weiß, wie ein Artefakt funktioniert, macht etwas damit falsch und bezahlt dann jemanden, um es wieder aufzuräumen. Wie..."
      Chester blinzelte.
      "... mir fällt kein Vergleich ein. Aber das machen sie."
      Was nicht bedeutete, dass Chester den Spezialisten gerne um sich hatte. Oder gar das Geld aufbringen wollte, um seine Dienste zu bezahlen. So viel würde er mit Wahrsagerei nicht wiedergutmachen können.
      Mit einem Seufzen griff er hinter sich und legte die Hand auf Tessas Bein, die sich mit ihm aufgesetzt hatte. In seinem Rücken bewegte sie sich und presste sich an ihn, als hätte sie Angst, ihn verlieren zu können.
      „Chester?“
      "Ja?"
      „…ich…ich weiß, warum die Kugel aufgegangen ist.“
      Überrascht wollte Chester sich umdrehen und kam durch Tessa nur halb so weit. So versuchte er sie aus dem Augenwinkel anzusehen.
      "Du weißt es?"
      „Aber ich hab‘ das nicht gewollt! Das musst du mir glauben.“
      Ein Schaudern ging durch ihren Körper und alarmierte Chester mindestens genauso sehr wie ihre Worte. Sie hatte was nicht gewollt? Was war passiert? Wieso verhielt Tessa sich so merkwürdig?
      "Was meinst du? Was ist passiert?"
      „I-Ich hatte das Messer dabei, als ich zu Jude gegangen bin, aber ich wusste nicht, dass so etwas passieren kann. Davon stand nichts in ihrem Buch.“
      Das Messer - Owls Messer. Das Artefakt. Er musste es ihr gegeben haben. Aber das Buch... welches Buch? Welches Buch?!
      Tessa verfestigte ihren Griff, als habe sie seine Gedanken rasen gehört.
      "Ich habe Theresas Tagebuch gefunden."
      "Du hast was?!"
      Plötzlich war alles andere wie fortgewischt. Tessa hatte Theresas Tagebuch gefunden! Chester sprang auf - oder jedenfalls versuchte er es, aber Tessas Griff war so steif, dass sie beide für einen Moment merkwürdig schlingerten, bevor ihre Finger sich lösten. Er schnellte auf die Beine und wirbelte herum, so schnell, dass alles bis auf Tessa kurz verwischte. Entsetzt starrte er sie an, zornig, aufgebracht. Tessa hatte Theresas Tagebuch gefunden!
      "Wo ist es? Wo hast du es hingetan?!"
      Er griff nach ihr, bekam ihre Schultern zu fassen und schüttelte sie.
      "Was steht dort drin?! Was hast du gelesen?!"
      Und dann traf ihn ein Gedanke, der schon fast wehtat. Chesters Augen weiteten sich.
      "Du kannst lesen?! Du hast mich angelogen!!"
    • Das Unheil nahm seinen Lauf. Selbst Arme aus Stein hätten Chester nicht aufgehalten. Beim zornigen Blick zuckte Tessa beschämt zusammen und wünschte sich ein Artefakt, mit dem sie die Zeit zurückdrehen konnte damit sie Gelegenheit bekam ihren Mund zu halten.
      "Wo ist es? Wo hast du es hingetan?!"
      "An einem sicheren Ort", würgte Tessa hervor, obwohl sich über die Aussage streiten ließ. Das Versteck unter den Dielen ihres Wagens war weder einfallsreich noch unerreichbar. Die Gedanken verschwammen, als Chester ihre Schultern packte. Nicht sanft, nicht liebevoll sondern voller aufflammendem Ärger. "Au. Chester, stopp. Du tust mir weh!"
      "Was steht dort drin?! Was hast du gelesen?!"
      Schnaubend schüttelte Tessa die plötzlich groben Hände ab, die sie zuvor noch so zärtlich im Arm gehalten hatten.
      "Ich...Theresa hat sich den Artefakten gewidmet und..."
      "Du kannst lesen?! Du hast mich angelogen!!"
      Etwas zerriss in Tessa. Mit neu erwachtem Feuer sprang sie auf die Beine und prallte dabei fast mit der Nase gegen Chester.
      Funkelnde Augen starrten zu ihm empor, als sie den Kopf in den Nacken legte und das schüchterne Reh hinter alter Wut und Enttäuschung verschwand.
      "Hab ich nicht!", widersprach Tessa mit Nachdruck. "Toby hat es mir beigebracht und du hast nie gefragt, womit wir unsere Zeit verbracht haben. Du warst zu der Zeit sehr beschäftigt damit, mich zu ignorieren und mir aus dem Weg zu gehen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa gab keine richtige Antwort. Stattdessen sagte sie nur:
      "An einem sicheren Ort."
      "Wo, Tessa?!"
      "Au. Chester, stopp. Du tust mir weh!"
      Er tat ihr nicht weh. Er tat ihr ganz sicher nicht weh, denn wenn das so wäre, würde es sehr viel anders aussehen.
      Deswegen stoppte Chester auch nicht, aber Tessa schüttelte seine Hände trotzdem ab. Und dann sprang auch sie auf und aus ihren funkelnden Augen konnte Chester alles nötige lesen, was er wissen musste: Sie hatte das Tagebuch absichtlich vor ihm versteckt und geheim halten und jetzt befand sie sich auf dem selben hirnlosen Trip wie Theresa und alle anderen vor ihr. Chester wünschte sich dafür, dass die Frau doppelt verstorben wäre.
      "Toby hat es mir beigebracht und du hast nie gefragt, womit wir unsere Zeit verbracht haben. Du warst zu der Zeit sehr beschäftigt damit, mich zu ignorieren und mir aus dem Weg zu gehen."
      "Du hast es mir nicht erzählt!", donnerte Chester zurück, der nicht glauben konnte, dass ihm so etwas entgangen sein mochte. In seinem Zirkus! Er wusste immer, was vor sich ging, hatte immer einen Überblick über alle seine Angestellten und was sie gerade trieben. Tessa hatte es ihm verheimlicht! Absichtlich!
      "Tessa, ich verbiete dir, dieses Buch zu lesen! Sieh was es angerichtet hat - du hättest sterben können! Sehr viel mehr Menschen hätten sterben können und für was?! Für irgendwelche... Lügen, die sich eine einsame, verzweifelte Frau einmal ausgedacht hat?! Nein, das verbiete ich! Das und all die anderen Bücher, die mit diesem Schund zusammenhängen! Wo hast du es gefunden?!"
    • "Du hast es mir nicht erzählt!", fuhr Chester sie an.
      Tessa zuckte ein Stückchen zurück, als er die Stimme gegen sie erhob. Sie bewegte sich auf dünnem Eis, das bereits erhebliche Risse bekommen hatte. Dickköpfig reckte Tessa das Kinn höher, weil sie sich weigerte, vor ihm zu kauern wir ein kleines Kind. Hunderte von Jahren des Altersunterschieds hin oder her.
      "Du hast nie gefragt!", warf sie trotzig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Dabei hatte sie eigentlich nichts lieber tun wollen, als ihm davon zu erzählen, was sie gelernt hatte. Sie war so stolz auf sich gewesen, als sie die ersten Sätze eigenständig entziffert hatte, aber zu der Zeit hatte eisiges Schweigen zwischen ihnen geherrscht und danach...Tessa fiel keine Entschuldigung dafür ein. Bei dem Gedanken knirschte sie mit den Zähnen.
      "Ich wusste nicht, dass du der Einzige in diesem Zirkus sein darfst, der Geheimnisse hat!", knurrte sie.
      "Tessa, ich verbiete dir, dieses Buch zu lesen!"
      Sie schnaubte.
      "Ich bin kein kleines Kind, dem du..."
      "Sieh was es angerichtet hat - du hättest sterben können!"
      Tessa blinzelte, weil ihr Herz trotz des Streits einen Hüpfer machte.
      "Sehr viel mehr Menschen hätten sterben können und für was?! Für irgendwelche... Lügen, die sich eine einsame, verzweifelte Frau einmal ausgedacht hat?! Nein, das verbiete ich! Das und all die anderen Bücher, die mit diesem Schund zusammenhängen! Wo hast du es gefunden?!"
      "Nein!", protestierte Tessa. "Nicht bevor Du mir gesagt hast, was das für Dinger in der Kugel waren? Was waren das für Fratzen, die ich gesehen haben?! Was lauert da im Nebel?! Warum ist die Kugel überhaupt hier, wenn sie so gefährlich ist!?"
      Ihre Augen wurden ganz schmal.
      "Warum hatte Theresa solche Angst vor Dir, bevor sie ihr Buch versteckt hat? Wie nah war sie dran? Hatte das auch mit der Kugel zu tun? Ich will sie nicht verteidigen, ich weiß, was diese schreckliche Frau Dir angetan hat, aber..."
      Jetzt wurden ihre Augen ganz weit vor Schreck.
      Mit der Hand schlug sie sich auf den Mund, als könnte sie die Worte damit zurücknehmen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Nein!", rief Tessa voller Trotz. Wann war sie Chester so außer Kontrolle geraten? "Nicht bevor Du mir gesagt hast, was das für Dinger in der Kugel waren? Was waren das für Fratzen, die ich gesehen haben?! Was lauert da im Nebel?! Warum ist die Kugel überhaupt hier, wenn sie so gefährlich ist!?"
      "Das ist meine Sache - meine und die des Zirkus! Du würdest es nicht verstehen, es würde dir Angst machen, aber verstehen würdest du es trotzdem nicht!"
      "Warum hatte Theresa solche Angst vor Dir, bevor sie ihr Buch versteckt hat? Wie nah war sie dran?"
      "Leute fürchten sich nunmal vor dem, was sie nicht verstehen! Was, denkst du etwa, niemand hat sich bislang vor mir gefürchtet?!"
      "Hatte das auch mit der Kugel zu tun?"
      Chester hätte am Liebsten Tessas Kopf genommen und alle diese Gedanken rausgeschmissen. Das hatte er nun davon - einmal nicht aufgepasst und schon trug sie irgendwelche Hirngespenster mit sich rum!
      "Nein!"
      "Ich will sie nicht verteidigen, ich weiß, was diese schreckliche Frau Dir angetan hat, aber..."
      Schlagartig verstummte Tessa. Ihre Augen weiteten sich und sie schlug sich die Hand auf den Mund, ertappt. Sprachlos starrte sie ihn an.
      Chester starrte zurück. In der plötzlichen Stille, die sich ausbreitete, tickte seine Uhr leise vor sich hin. Das Blut in Chesters Adern war eiskalt.
      "Du weißt, was sie mir angetan hat."
      Das Buch. Dieses verfluchte, verdammte Buch. Chester hätte wissen müssen, dass er nicht alle diese Bücher damals erwischt hatte.
      Eindringlich starrte er sie an.
      "Du willst sie nicht verteidigen, aber?", fragte er, ruhig. Kühl.
      "Tessa, was stand in diesem Buch?"
    • Der eiskalte Ausdruck in seinen Augen machte ihr schon lange keine Angst mehr. Über das Gefühl von stinknormaler Angst war Tessa seit den Ereignissen der Nacht weit hinaus. Sie hatte sich zuvor gefürchtet. Vor einem zu kalten Winter, vor dem Hunger und davor erwischt zu werden. Tessa hatte sich vor dem Zirkus Magica gefürchtet, vor diesem Ort und den Geheimnissen, die in ihrem Augenwinkel lauerten. Sie hatte sich vor Chester gefürchtet. Aber jetzt nicht mehr. Die Todesangst und die blanke Verzweiflung der vergangenen Stunden ließen alle anderen Dinge, die ihr einmal Angst eingejagt hatten, in einem gräulichen und kalten Licht verblassen. Festentschlossen blieb sie stehen und hätte ihre Fersen in den Boden gerammt, wenn sie denn auf offenem Feld gewesen wären.
      "Tessa, was stand in diesem Buch?"
      Sie schaffte es tatsächlich, nicht zu zucken obwohl sich Chester mit kühler, unterdrückter Wut vor ihr aufbaute. Früher wäre sie unter diesem starren, kalten und eindringlichen Blick zusammengeschrumpft. Tessa trat einen letzten Schritt nach vorn, bis ihre Oberkörper fast aneinanderstießen.
      „Hör auf damit. Du machst mir keine Angst mehr, Chester“, sagte sie mit fester Stimme. „Nicht nachdem ich so viele Gesichter von dir gesehen habe.“
      Für einen Moment wurde ihr Blick unwillkürlich ganz weich. Gott verdammt! Tessa wollte einfach nur zurück in dieses lächerlich, pompöse Himmelbett und sich an Chesters Brust zusammenrollen. Sie wollte ihn packen, ihn küssen und sich in seinem Bett und seinen Armen verlieren bis die Kälte aus ihren Knochen verschwand. Bis nur noch Chesters Lippen auf ihrer Haut und sein Atem an ihrem Ohr existierte. Tessa schnaubte aufgebracht. Konnte seine dumme Uhr nicht einmal nützlich sein und die Zeit um ein paar Minuten zurückdrehen?
      „Nicht nach den Dingen, die mich in der Kugel heimgesucht haben. Du willst wissen, was in dem Buch steht? Theresa hat über die Artefakte geschrieben. Sie seien verbunden. Manche beeinflussen sich. Theresa hat versucht deine verdammte Uhr zu verstehen, aber da erzähle ich dir sicherlich nichts Neues. Sie war sich sicher, dass die Lösung in der Glaskugel liegt…bis sie plötzlich einen Rückzieher gemacht hat. Wegen Dir. Was hast du mit ihr gemacht? Machst du jetzt das Gleiche mit mir? Was war das in der Kugel, verdammt nochmal!?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Hör auf damit. Du machst mir keine Angst mehr, Chester“, sagte Tessa mit nicht dem Hauch von Angst in ihrer Stimme. In ihren Augen brannte ein Feuer.
      „Nicht nachdem ich so viele Gesichter von dir gesehen habe.“
      "Nichts hast du gesehen", knurrte Chester und hatte doch für einen Moment den Drang, ihr es zu beweisen. Was zu beweisen? Wie zu beweisen? Er musste den Gedanken runterschlucken, damit er sich nicht zu etwas formte, das sich nicht mehr aufhalten ließ.
      „Nicht nach den Dingen, die mich in der Kugel heimgesucht haben. Du willst wissen, was in dem Buch steht?"
      "Ja."
      "Theresa hat über die Artefakte geschrieben. Sie seien verbunden. Manche beeinflussen sich."
      Chesters Miene wurde düsterer.
      "Theresa hat versucht deine verdammte Uhr zu verstehen, aber da erzähle ich dir sicherlich nichts Neues. Sie war sich sicher, dass die Lösung in der Glaskugel liegt…bis sie plötzlich einen Rückzieher gemacht hat. Wegen Dir. Was hast du mit ihr gemacht? Machst du jetzt das Gleiche mit mir? Was war das in der Kugel, verdammt nochmal!?“
      "Diese verdammte Frau!"
      Chester warf die Arme in die Luft.
      "Verflucht soll sie sein! Selbst im Tod kann sie mich nicht in Frieden lassen!"
      Er raufte sich die Haare, dann zog er die Hände abrupt wieder zurück. Er funkelte Tessa an.
      "Du willst wissen, was ich mit ihr gemacht habe? Diesen ganzen Humbug habe ich ihr ausgetrieben! Jeden noch so kleinen Gedanken an diese vermaledeite Uhr und was man mit ihr tun könnte! Es funktioniert nicht - wann begreift ihr das?! Die Uhr kann nicht gestoppt werden! Theresa war so starrköpfig, dass es sie den Verstand gekostet hat! Das habe ich mit ihr getan, Tessa! Das! Nichtmal die Hälfte von dem, was sie mir angetan hat, für Träumereien, die gar nicht funktionieren!"
      Er holte Luft. Sein Blut kochte und er konnte die Uhr hören, wie sie mit jedem Ticken auf sein Trommelfell einschlug.
      "Du willst wissen, was in der Kugel war?", sagte er ruhiger, eindringlicher. "Ich sage es dir. Ich sage dir alles. Die Kugel ist verflucht, ich habe sie bereits verflucht bekommen. Sie zeigt dir nicht nur die Zukunft, sie zeigt dir alles. Alles, was du dir jemals wünschen kannst. Sie braucht nur ein Bezugsobjekt und schon zeigt sie dir, was du haben willst. Die drei Fragen, die du ihr beantwortest, das ist dein Pakt mit ihr. Sie bekommt deine Gedanken und du bekommst etwas von ihr gezeigt. Aber sie ist verflucht, deswegen gibt sie sich mit deinen Gedanken nicht mehr zufrieden - sie will dich haben. Das ist, was du dort drinnen gesehen hast - Menschen, die zu weit gegangen sind. Die von der Kugel verschluckt wurden, weil sie sich ihr zu weit geöffnet haben. Du hast der Kugel dein Inneres gezeigt und im Gegenzug hat sie fast deine Seele bekommen. Bist du jetzt glücklich? Denkst du jetzt, es war eine gute Idee, einem Buch zu vertrauen?"
      Er spuckte das Wort geradezu aus.
      "Die Kugel ist gefährlich, wenn man sie nicht kontrolliert. Ich kontrolliere sie, indem ich sie daran hindere, mehr als die Zukunft zu zeigen. Nur drei Fragen, nur dieselben Fragen, nur ein Raum, in dem sich nichts ausbreiten kann, in dem es keinen Weg nach draußen gibt. Dann funktioniert sie und ist harmlos - außer irgenjdemand kommt heran und bringt ein Artefakt mit sich."
      Wieder funkelte er Tessa an.
      "Artefakte sind zu mächtig, um sie mit einem reinen Raum zu beschränken. Ich kann also nichts dagegen tun, wenn jemand eins benutzen will. War es das wert? Hat dir die Kugel wenigstens etwas gezeigt, was das alles wert gewesen ist?"
    • Ausgetrieben. Dickköpfig behielt Tessa das Kinn oben und verbot sich, Chesters Blick auszuweichen, doch ein eiskalter Schauer rann ihr über den Rücken. Die Suche nach einer Lösung hatte Theresa den Verstand gekostet und sie ins Unglück gestürzt. So wütend hatte Tessa ihn noch nie erlebt. Es ließ sie für einen Augenblick vergessen, dass er eine der Fragen nicht beantwortet hatte. Vielleicht wollte sie die Antwort auch gar nicht mehr wissen. Tessa öffnete zögerlich den Mund, doch Chesters Stimme dröhnte bereits mit unterdrückter Wut und Enttäuschung wieder durch das Zelt.
      „...Du hast der Kugel dein Inneres gezeigt und im Gegenzug hat sie fast deine Seele bekommen. Bist du jetzt glücklich? Denkst du jetzt, es war eine gute Idee, einem Buch zu vertrauen?"
      Sie hätte keinem Buch vertrauen müssen, wenn Chester ihr die Wahrheit von Anfang an gesagt hätte. Allerdings war es nicht Tessa selbst gewesen, die unter einem sternenklaren Himmelszelt geschworen hatte, dass sie seine Geheimnisse respektieren würde? Am Ende, war sie nicht besser oder schlechter als Chester. Sie hatte viel gelernt an diesem Ort voller Illusionen, Geheimnisse und…Lügen.
      „Hättest Du mir die Wahrheit gesagt, wenn ich Dich gefragt hätte? Warum hat die Kugel mir dann keine Fremden gezeigt, sondern meine Mutter, Rose und…?“, murmelte sie leise, doch Chester war noch nicht fertig.
      „..Dann funktioniert sie und ist harmlos - außer irgendjemand kommt heran und bringt ein Artefakt mit sich."
      „Warum gerade andere Artefakte? Theresa hat die Theorie aufgestellt, dass alle Artefakte von einem…Schöpfer konstruiert wurden? Liegt es daran? Und wer ist dieser…“, bohrte Tessa nach.
      Aber Chester war immer noch nicht fertig.
      „...War es das wert? Hat dir die Kugel wenigstens etwas gezeigt, was das alles wert gewesen ist?"
      „Nein“, antwortete Tessa gepresst und dachte an die Vision von Tanz, Musik und warmen Lippen und Fingerspitzen an ihrem Hals. „Nur eine unmögliche Zukunft, die niemals eintritt, weil ich diesen Ort hier nie verlassen werden. Ich verstehe jetzt, warum die Kugel die Menschen anzieht. Es ist dieser kleine Funken an Hoffnung. Deswegen kommen die Leute immer wieder zurück. Für mehr. Für ein was wäre wenn?“
      Tessa drehte den Kopf, ließ den Blick durch das Zelt schweifen. Nachdenklich kräuselte sie die Nase.
      „…Irgendwas in der Kugel wollte mich warnen. Bei meinem ersten Besuch. Sie hat es mir gezeigt. Das Messer, die Gesichter, den Nebel…Das macht keinen Sinn.“
      Erschöpft und mit Kopfschmerzen fuhr sich Tessa über das blasse Gesicht. Ganz langsam trat sie vor Chester zurück und setzte sich aufs Bett, das Gesicht in den Händen vergraben.
      „Was wirst Du jetzt mit mir machen?“, wisperte sie und das erste Mal seit Beginn der Auseinandersetzung schlich sich Angst in ihre Stimme. Tessa wollte ihm alles sagen. Sie wollte ihm von dem Schlüssel erzählen, von dem Armband und davon, wie sie sich heimlich in sein Zelt geschlichen hatte, aber ihre Zunge klebte bleischwer am Gaumen fest.
      Sie hatte alles ruiniert. Für Nichts.
      Das war alles, was am Ende von den Träumen der Glaskugel übrigblieb. Nichts.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Nein. Nur eine unmögliche Zukunft, die niemals eintritt, weil ich diesen Ort hier nie verlassen werden”, sagte Tessa und endlich, endlich war es ein Eingeständnis, so klein es auch sein mochte. So sehr es auch schmerzen mochte. Denn obwohl Chester das hatte hören wollen, musste er doch der Wahrheit ins Auge sehen: Der Blick in die Kugel war Tessas Beinahetod nicht wert gewesen und er würde es niemals wert sein, denn Tessa würde den Zirkus nicht wieder verlassen. Sie war so wie alle anderen dazu verdammt, bis zum Ende ihres Lebens hier zu bleiben.
      “Ich verstehe jetzt, warum die Kugel die Menschen anzieht. Es ist dieser kleine Funken an Hoffnung. Deswegen kommen die Leute immer wieder zurück. Für mehr. Für ein was wäre wenn?“
      Ja”, sagte Chester grimmig. “Die Kugel weiß, was sie zeigen muss. Dafür die Fragen.
      “... Irgendwas in der Kugel wollte mich warnen. Bei meinem ersten Besuch. Sie hat es mir gezeigt. Das Messer, die Gesichter, den Nebel…Das macht keinen Sinn.“
      Manche Dinge passieren eben, Tessa. Und das selbst hier im Zirkus. Es ist nichts neues.
      Tessa ließ sich zurück auf das Bett sinken, plötzlich erschöpft von dem Gespräch. Sie fuhr sich über das Gesicht und sah Chester mit einem neuen Ausdruck an, nicht mit der Streitlust, die sie soeben noch an den Tag gelegt hatte. Chester hatte ihr die Antworten gegeben, nach denen sie verlangt hatte, und jetzt musste sie sie wohl erstmal verdauen. Als sie wieder sprach, hörte er bereits an ihrer Stimme, dass sie zu einem Schluss gekommen war.
      “Was wirst Du jetzt mit mir machen?“
      Chester starrte sie an. Mit sorgenvollen Augen blickte sie zu ihm auf, erfüllt von einer Angst, die Chester nur zu gut kannte. Sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Unbekannten, das Unbekannte hatte sie längst begriffen. Jetzt hatte sie Angst vor dem, was vor ihren Augen lag.
      Chester atmete tief ein, dann wieder aus. Er zwang sein Herz zur Ruhe und seine Gedanken gleich mit dazu. Es brachte nichts, jetzt übereilt zu handeln. Wenn er etwas mit ihr hätte machen wollen…
      Nichts. Nichts mache ich mit dir.” Seine Stimme war kühl. “Was hast du dir vorgestellt? Dass ich dich in einem Käfig einsperre, dass ich dir wehtue? Dass ich dich bestrafe?
      Er wollte keine Antwort auf diese Fragen bekommen, die las er schon allzu deutlich von Tessas Gesicht ab. Er wollte, dass sie sich dieser Antworten selbst bewusst wurde.
      Er trat zurück und lehnte sich gegen seine Kommode. Die Erschöpfung seines Alters holte zu ihm auf.
      Ich kann nicht rückgängig machen, dass du gelesen hast, was du gelesen hast. Ich kann aber verhindern, dass du so naiv bleibst und dem Buch weiter glaubst. Menschen hätten sterben können, Tessa. Möchtest du dafür verantwortlich sein, wenn es noch einmal passiert? Denn wenn es so wäre, würde ich es wirklich bereuen, dich damals für die Uhr gewählt zu haben.
    • Nichts. Nichts mache ich mit dir.” Tessa hob verwundert und gleichzeitig beschämt den Kopf, weil sie insgeheim tatsächlich mit einer Strafe gerechnet hatte. Zögerlich öffnete sie den Mund und schloss ihn sofort wieder. “Was hast du dir vorgestellt? Dass ich dich in einem Käfig einsperre, dass ich dir wehtue? Dass ich dich bestrafe?
      Ja. Ja, genau das. Vielleicht von allem ein Bisschen. Tessa schämte sich in Grund und Boden, dass sie überhaupt daran dachte. Dass sie Chester, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, wirklich zugetraut hatte, ihr weh zu tun. Ein leises Knarzen lenkte ihren Blick zurück zu Chester, der ungewohnt erschöpft an der Kommode lehnte und damit soweit wie möglich von ihr entfernt.
      Tessa runzelte die Stirn, zog die Nase kraus und schluckte letztendlich die Frage auf ihrer Zunge herunter. Das Letzte, was er bestimmt gerade wollte, war ihre Sorge. Tessa hatte ihn enttäuscht, vielleicht sogar mit ihrem Verhalten verletzt. Es war schwer zusagen, was hinter der kühlen Fassade vor sich ging. Unbehaglich verschränkte Tessa die Finger in ihrem Schoß.
      Ich kann nicht rückgängig machen, dass du gelesen hast, was du gelesen hast. Ich kann aber verhindern, dass du so naiv bleibst und dem Buch weiter glaubst."
      Nicht alles in dem Buch konnte gelogen sein. Das durfte einfach nicht sein. Theresa hatte Recht gehabt. Die Artefakte reagieren, aber sie hatte mit keinem Wort das Risiko erwähnt. Hatte sie es mit Absicht verschwiegen um nachfolgende Generationen nicht zu verschrecken? Hatte sie absichtlich gelogen, obwohl sie die Konsequenzen kannte? Warum hatte ihr letzter Eintrag so merkwürdig geklungen? Hatte sie Angst gesehen, wo keine gewesen war?
      Log Chester gerade?
      "Menschen hätten sterben können, Tessa."
      Sie zuckte unter dem Gewicht der Worte zusammen.
      Dass er sie noch Tessa nannte, war ein schwacher Trost. Das musste etwas bedeuten, oder? Oder?
      "Möchtest du dafür verantwortlich sein, wenn es noch einmal passiert?"
      "Nein, natürlich nicht...", flüsterte so leise, dass Chester sie vermutlich gar nicht erst hörte.
      "Denn wenn es so wäre, würde ich es wirklich bereuen, dich damals für die Uhr gewählt zu haben."
      Tessas Augen brannten.
      "Es tut mir leid", wiederholte sie betreten. Ein zittriger Atemzug folgte, danach ein abgehacktes Schnauben. Tessa presste die Handballen gegen ihre Augen. "Ich wollte helfen - und ja, ich weiß wie lächerlich das klingt. Nach Toby...Ich wollte nicht, dass sowas noch einmal passiert. Hätte ich seine Hilfe an Silvester nicht abgelehnt, wäre das vielleicht nicht passiert. Anstatt bei ihm zu sein, habe ich mich lieber mit dir gestritten. Und dann kam der Tag, an dem ich dich hinter den Zeltwänden gefunden habe. Du warst so verängstigt, so traurig. Ich wollte diese dämliche Uhr dafür gegen die Wand werfen. Für all das, was du und Generationen dieses Zikrus wegen ihr durchmachen mussten. Wusstest Du, dass ich immer noch von diesem Tag träume?"
      Sie biss sich auf die bebende Unterlippen.
      "Ich wollte einfach nur helfen, Chester."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessas Augen wurden feucht, dann murmelte sie schließlich ein:
      "Es tut mir leid."
      Es war aufrichtig gemeint, Chester erkannte es an all den Zeichen. Doch obwohl er Befriedigung davon verspüren müsste, Tessa wieder in die richtige Spur gelenkt zu haben, verspürte er doch nichts dergleichen, als er sah, wie sie mit ihrer Fassung rang. Sein Wutausbruch hatte gesessen, doch Vergnügen bereitete es ihm nicht. Nichts davon war noch dazu ausgelegt gewesen, Tessa so zu manipulieren, wie er es haben wollte.
      "Ich wollte helfen - und ja, ich weiß wie lächerlich das klingt. Nach Toby...Ich wollte nicht, dass sowas noch einmal passiert."
      Innerlich verzog Chester das Gesicht. Er erinnerte sich an Toby. Es mochte drei Jahrzehnte her sein, aber er erinnerte sich. In dieser Hinsicht vergaß er nicht.
      "Hätte ich seine Hilfe an Silvester nicht abgelehnt, wäre das vielleicht nicht passiert. Anstatt bei ihm zu sein, habe ich mich lieber mit dir gestritten. Und dann kam der Tag, an dem ich dich hinter den Zeltwänden gefunden habe. Du warst so verängstigt, so traurig. Ich wollte diese dämliche Uhr dafür gegen die Wand werfen. Für all das, was du und Generationen dieses Zirkusses wegen ihr durchmachen mussten. Wusstest Du, dass ich immer noch von diesem Tag träume?"
      Nein, das hatte er nicht gewusst. Denn an den Tag erinnerte Chester sich gar nicht mehr - nur an die Stimme. An die Stimme und alles, was damit einhergegangen war.
      Aber es erklärte, weshalb Tessa zu helfen versucht hatte. Sie hatte wirklich, aus reiner Überzeugung geglaubt, etwas bewirken zu können.
      Dafür konnte Chester ihr wirklich nicht böse bleiben.
      "Ich wollte einfach nur helfen, Chester."
      "Ich weiß."
      Mit bebender Lippe sah sie zu ihm auf. Chester sah zurück, dann seufzte er und kam zurück, um sich neben sie zu setzen, um ihr die Scham zu ersparen, ihn weiter direkt ansehen zu müssen. Um ihr etwas Sicherheit zurückzugeben.
      "Es gibt nichts, was du tun kannst, Tessa. Die Uhr kann nicht aufgehalten werden, durch nichts. Wenn ich es schon in 100 Jahren geschafft habe, dann wirst du es auch nicht in 10 schaffen. Oder in... in 50. So wie Theresa es nicht geschafft hat und so wie alle anderen es auch nicht geschafft haben. Kein Leben kann lang genug sein, um die Uhr zu knacken."
      Er legte vorsichtig die Hand über ihre.
      "Also tu mir den Gefallen und beschäftige dich einfach nicht damit. Die Uhr existiert und sie fordert ihre Opfer, aber sie ist nicht... böse. Es geht dir gut hier, es geht allen gut. Ich wähle Leute, deren Leben ich besser machen kann, indem ich sie an den Zirkus binde. Es könnte viel schlimmer als das sein und das ist es nicht. Sei einfach glücklich, dass du am Leben bist und hier sein darfst. Bring dich nicht in Gefahr für etwas, was sich eh nicht ändern lässt."
    • "Ich weiß." Das machte es nicht besser. Es drehte die Zeit nicht zurück.
      Tessa wusste nicht, was sie mit dem Seufzen anfangen sollte. Bekümmert presste sie die Lippen aufeinander und wartete, dass Chester sein Urteil fällte. Als er sich von der Kommode abstieß, setzte ihr Herz beinahe aus. Entgegen ihrer Erwartungen forderte Chester sie nicht auf, sein Schlafzimmer zu verlassen geschweige denn das Zelt. Die Matratze sank ein wenig ein, als er sich neben ihr niederließ.
      "Es gibt nichts, was du tun kannst, Tessa. Die Uhr kann nicht aufgehalten werden, durch nichts."
      Eine niederschmetternde Offenbarung, die sich nicht das erste Mal hörte und die trotzdem zuvor stets auf taube Ohren getroffen war. Wieso, lag es ihr auf der Zunge, doch sie brachte keinen Ton hervor. Sie hörte zu, dieses Mal wirklich.
      "Kein Leben kann lang genug sein, um die Uhr zu knacken."
      Statt einer Antwort legte sich eine Hand über ihre. Warm und vertraut. Tessa senkte den Blick, starrte auf die große Hand, die ihre berührte aber nicht umschloss. Irgendwie tröstlich und doch tonnenschwer.
      "Also tu mir den Gefallen und beschäftige dich einfach nicht damit. Die Uhr existiert und sie fordert ihre Opfer, aber sie ist nicht... böse."
      Nicht böse? Wie konnte das Leid, dass sie während ihrer andauernden Existenz verursachte, nicht böse sein?
      "Es geht dir gut hier, es geht allen gut."
      Nicht Toby.
      Hatte Chester ihm das auch gesagt?
      "Es könnte viel schlimmer als das sein und das ist es nicht."
      Sie hätte diesen Winter erfrieren können, ja.
      "Sei einfach glücklich, dass du am Leben bist und hier sein darfst. Bring dich nicht in Gefahr für etwas, was sich eh nicht ändern lässt."
      "Du meinst, ich soll andere nicht in Gefahr bringen", antwortete sie. Schuldbewusst senkte Tessa den Blick von den der Hand zu ihren Füßen, die in einem Paar von Ellas selbstgestrickten Wollsocken steckten. "Wird Owls Bein wieder?"
      Sie rang sich ein müdes Lächeln ab.
      "Jetzt hab' ich eine ganze Nummer ruiniert."
      Um ihre Worte zu unterstreichen, hob sie ihr geschientes Handgelenk an.
      Tessa traute sich nicht, Chester ins Gesicht zu sehen, als sie ganz langsam ihre Hand unter seiner drehte. Zögerlich umschloss sie seine Finger.
      "Hast du es jemals versucht? Die Uhr anzuhalten, meine ich", murmelte sie. Wollte er das überhaupt?
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Du meinst, ich soll andere nicht in Gefahr bringen", stellte Tessa fest und Chester konnte nicht anders als knapp zu lächeln.
      "Dich meine ich und andere auch. Ja."
      Daraufhin sah Tessa auf den Boden. Es folgten ein paar Sekunden des Schweigens, in denen ihre Gedanken arbeiteten, dann fragte sie:
      "Wird Owls Bein wieder?"
      "Wenn unsere Ärztin das hinbekommt, ja. Aber Owl ist ein zäher Junge, er schafft das schon."
      "Jetzt hab' ich eine ganze Nummer ruiniert."
      "Nicht doch. Beim Messerwerfen braucht er sein Bein nicht - oh."
      Tessa hielt ihm ihr Handgelenk vor, der eigentliche Ruin der Nummer. Owl mochte nicht so sehr auf sein Bein angewiesen sein wie ein Akrobat, aber Tessa war sehr wohl auf ihr Handgelenk angewiesen. Und Brüche heilten bekannterweise sehr viel langsamer als Fleischwunden.
      Chester lächelte mitfühlend.
      "Du kannst ihm immernoch assistieren mit deiner gesunden Hand. Oder du lernst, mit ihr zu werfen. Das dauert zwar alles länger, aber nichts ist unmöglich. Wenigstens kündige ich dich deswegen nicht, hm?"
      Sein Aufmunterungsversuch scheiterte. Tessa hatte gerade mal ein kümmerliches Lächeln für ihn übrig, aber nicht mehr. Sie sah wieder zu ihren beiden Händen und drehte die ihre, bis sie vorsichtig die Finger um seine legen konnte.
      "Hast du es jemals versucht?"
      "Mit der anderen Hand zu werfen?"
      "Die Uhr anzuhalten, meine ich."
      "Achso."
      Natürlich. Tessa hatte das Thema immer noch nicht losgelassen. Aber Chester würde es ihr auch nicht enthalten, wenn sie so danach fragte.
      "Ja, habe ich. Oft. Ich habe versucht, sie zu zerstören, wie ich es euch gezeigt habe, und ich habe versucht, sie mit einem Artefakt zu vernichten. Manche der Artefakte hier habe ich nur, um sie an der Uhr zu testen. Aber hätte ich Erfolg gehabt, wären wir jetzt beide nicht hier."
      Er sah auf ihre beiden Hände hinunter, rührte sich aber nicht.
      "Ich habe auch versucht, die Uhr einfach nicht zu füttern, aber es war schrecklich. Ich werde das nie wieder tun. Und ich habe... etwas anderes versucht."
      Er zögerte, dann entzog er sich Tessas Berührung und stand auf. Er ging zu seiner Kiste hinüber, deren Inhalt er Tessa bislang verschwiegen hatte, hockte sich davor und schloss sie auf. Unter dem ganzen Bücherhaufen suchte er sich ein Exemplar heraus, das nicht das Älteste war, aber am meisten gebraucht schien. Seine Ecken und Kanten waren eingefressen, die Rückseite fehlte komplett, Seiten waren eingerissen und dunkle Flecke verunstalteten die helle Farbe. Er schloss die Kiste wieder, blätterte durch das Buch und kam wieder zurück.
      "Die Uhr ist an mich gebunden, so wie ich an sie gebunden bin. Also habe ich auch versucht... die Bindung zu lösen."
      Er fand die Seite, setzte sich und legte Tessa das aufgeschlagene Buch auf den Schoß. Sein Magen zog sich zusammen, als er die verunstaltete Schrift auch nur erblickte.
      "Was auch nicht funktioniert hat. Sonst wäre ich nicht mehr hier."
      Die Doppelseite wurde von einer Liste dominiert. Die einzelnen Punkte waren alle durchgestrichen und unsauber geschrieben, als wären sie in größter Hast verfasst worden. Hier war das Alter des Buches am Schlimmsten zu beobachten: Die Seiten waren aufgeplustert von Feuchtigkeit, fleckig und eingerissen, an manchen Stellen war die Schrift sogar verwischt. Aber jeder Punkt war noch zu entziffern.

      - Ertrinken
      - Ersticken
      - Verbluten
      - Erfrieren
      - Verhungern
      - Verdursten
      - Gift
      - Enthaupten
      - Genickbruch
      - Erdolchen
      - Erwürgen
      - Erhängen
      - Schlafentzug

      Chester beobachtete Tessa, während sie las. Und als er glaubte, dass sie geendet hatte, sagte er tonlos:
      "Wenn dir noch etwas einfällt, dann sag es mir. Ich probier es aus."
    • Regungslos wie Statue saß Chester auf dem Bett. Nur seine Lippen bewegten sich und den flüchtigen Blick hinab zu ihren verschränkten Händen wäre Tessa fast entgangen. Ein Blinzeln hätte dafür völlig gereicht. Gebannt lauschte sie seinen Worten und Enttäuschung machte sich breit. Wenn Chester die Wahrheit sagte, gab es nichts, was sie tun könnte. Aber Tessa wollte beim besten Willen kein Grund einfallen, warum er in diesem Moment lügen sollte. Er hatte schließlich Recht. Sie hatte sich und alle Anderen völlig umsonst in Gefahr gebracht.
      "Ich habe auch versucht, die Uhr einfach nicht zu füttern, aber es war schrecklich. Ich werde das nie wieder tun. Und ich habe... etwas anderes versucht."
      Tessa erschauderte. Die Uhr füttern.
      Es bereitete ihr nach wie vor Unbehagen, sobald er von der Taschenuhr sprach, als sei sie ein lebendiges und atmendes Wesen. Das Zögern in seiner Stimme ließ sie aufschauen. Chester zögerte selten. Bei Tag und unter den schillernden Lichtern der Manage erschien sein Selbstbewusstsein ungebrochen. Dass sie diese andere Seite an ihm zu sehen bekam, wärmte ihr Herz und gleichzeitig fraß es ein Loch in ihre Brust als er die Truhe öffnete. Chester wusste noch nicht alles und sie hatte nicht den Mut, es ihm sagen.
      "Die Uhr ist an mich gebunden, so wie ich an sie gebunden bin. Also habe ich auch versucht... die Bindung zu lösen."
      Das Buch in seinen Händen war alt. Sehr alt. Entweder das oder es war so oft benutzt worden, so oft durch seine Hände gegangen, dass es bereits auseinander fiel. Nachdenklich und eher für sich selbst schüttelte Tessa den Kopf. Keine Hände richtete einen solchen Schaden an einem Buch an, nur Zeit. Viel Zeit.
      Ein ungutes Gefühl befiel sie, als Chester das Buch beinahe sanft in ihren Schoß legte. Tessa traute sich kaum es zu berühren. Feuchtigkeit hatte das Papier ruiniert. Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, woher die dunklen Flecken stammten. Schimmel und Stockflecken waren ihr als erstbeste Erklärung lieber, als...Blut. Haftete Blut an den Seiten? Zögerlich fuhr sie mit dem Zeigefinger über das aufgequollene Papier.
      Über die gesamte Spannweite des Buches hatte jemand mit eiliger, unsauberer Handschrift eine Liste verfasst. Die Punkte durchgestrichen und verworfen. Tessa starrte auf die Buchstaben. Mit jedem Punkt der Liste verschwamm ihr Sichtfeld ein wenig mehr.
      "Wenn dir noch etwas einfällt, dann sag es mir. Ich probier es aus."
      Ihr zitternder Zeigefinger schwebte über dem letzten Punkt.
      Tessa presste sich eine Hand vor den Mund. Der Geruch von Salbe stieg ihr in die Nase. Er kam aus dem Verband um ihr Handgelenk. Chesters Stimme war bar jeglicher Emotion und das sagte so viel mehr aus, als Tessa mit ihren wenigen Lebensjahren begreifen konnte. Sie würde niemals verstehen wie es sich anfühlte, wenn Zeit am eigenen Geist nagte und nicht einmal der Tod die Erlösung brachte. Wie groß Verzweiflung sein musste, um eine solche Liste anzufertigen. Sie kam sich dumm vor. So unendlich dumm. Wie hatte sie glauben können den Fluch innerhalb von Wochen oder Monaten zu knacken, obwohl Chester bereits alles versucht hatte? Wirklich alles.
      Mit einem gewaltigen Kloß im Hals schloss Tessa ganz bedächtig das Buch.
      "Chester...ich", wisperte sie mit dünner Stimme. "Wenn ich das gewusst hätte...ich..."
      Aber sie hatte es nicht gewusst, weil sie nie gefragt hatte.
      Weil sie einfach davon ausgegangen war, dass er ihr sowieso nichts erzählen würde.
      So dumm.
      Die Worte blieben Tessa im Hals stecken. Sie traute sich nicht, darüber nachzudenken, ob diese Liste zu den Dingen gehörte, an die er sich erinnerte. Langsam erhob sich Tessa von ihrem Platz, sie ging an Chester vorbei und legte das Buch auf die Kommode, nicht in die Truhe, die wie ein Mahnmal für ihren Verrat mit weit geöffnetem Deckel da stand. Genauso langsam ging, drehte sich Tessa um und ging zurück zu Chester. Mit feuchten Augen sah sie zum ihm auf.
      Was sollte sie sagen? Das es ihr leid tat? Dass es schrecklich, grausam und herzzerreißend zugleich war? Niemand wusste das besser als Chester und nichts, was sie sagen konnte, würde auch nur einen einzigen Punkt auf dieser Liste ungeschehen machen.
      Tessa nahm allen Mut zusammen und schlang ihre Arme um Chester. Sie drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. Ein wenig zu fest, weil sich ihre Nase in sein Brustbein bohrte und doch fühlte es sich an, als wäre es nicht genug. Ihre Finger fanden seinen Rücken, gruben sich sein Hemd. Er stand stocksteif da, doch Tessa rührte sich nicht.
      Ein Umarmung würde ihn nicht davon abhalten, sie von sich zustoßen. Sie konnte Chester nicht zusammen halten. Sie konnte ihn nicht reparieren und ihm die Teile zurückgeben, die er irgendwo auf diesen zwei Buchseiten verloren hatte. Das Ticken der Taschenuhr verhöhnte Tessa, die ihre Arme noch fester um Chester schlang.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa führte langsam die Hand vor den Mund. Sie war totenbleich im Gesicht geworden und starrte die aufgeschlagenen Seiten an, als könnte ein Monster aus ihnen springen. Ein Monster der ganz eigenen Art.
      Chester hatte diese Seiten schon lange nicht mehr gelesen. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal einen Punkt ausprobiert hatte oder ihm etwas neues eingefallen war. Das alles war für ihn wie ein Leben, das er gar nicht gelebt hatte, mit dem kleinen Unterschied, dass es dennoch geschehen war. Eines Tages war Chester aufgestanden und hatte sich vorgenommen, sich sehr fest vorgenommen, sich umzubringen, das wusste er. Dass diese Idee der Uhr entsprungen war, das bezweifelte er stark.
      Doch für Tessa war dies ein ganz anderer Blick auf die Vergangenheit. Ihrer Reaktion war abzulesen, dass sie nicht daran gedacht hatte, oder es bisher verleugnet hatte. Dass sie nur darüber nachgedacht hatte, was während ihres Lebens passiert war und unmittelbar davor, nicht aber davor und davor und davor und davor, sehr viel weiter zurück, als sie vermutlich denken konnte. Die Seiten hielten es ihr vor Augen. Das, und dass es an Chester Seiten gab, die sie noch nicht erahnt hatte. Er konnte noch nicht einschätzen, ob das eine gute oder schlechte Entdeckung war.
      Schweigend blieb er neben ihr sitzen und ließ sie lesen, schaute dabei zu, wie ihr wackelnder Finger den Buchstaben folgte. Er hätte es ihr nicht zeigen müssen - sie könnte danach fragen, auch die anderen Bücher in seiner Truhe zu lesen - doch noch bereute er es nicht. Noch konnte er nichts schlimmes daran erkennen.
      "Chester...ich", brachte sie hervor, "Wenn ich das gewusst hätte...ich..."
      "Es hätte nichts geändert. Aber jetzt weißt du es."
      Jetzt wusste sie etwas, längst nicht alles. Doch für Chester war dieses Etwas schon genug. Er wollte sein Leben nicht vor ihr ausschütten, wollte sie nicht füllen mit dem Haufen seiner Jahre, die er selbst sowieso schon längst vergessen hatte. Doch diese eine Sache... er wusste es auch nicht. Vielleicht war sie ihm wichtig gewesen.
      Tessa schloss das Buch, dann stand sie auf und legte es auf der Kommode ab, sehr vorsichtig, als könne es sie beißen. Langsam drehte sie sich wieder um und kam zurück zu ihm. In ihren Augen standen Tränen.
      Chester schaute ausdruckslos zurück. Er wartete ab und ließ Schweigen die Lücken füllen, die Wörter sonst zerstört hätten. Es wirkte, doch nicht so, wie er erwartet hatte. Tessa ging den letzten Schritt zu ihm und schlang die Arme um ihn.
      Chester verharrte mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch. Er starrte auf ihren Kopf hinab, der sich gegen seine Brust drückte. Tessa hielt ihn fest, wo er doch gar nicht das Bedürfnis gehabt hatte, festgehalten werden zu wollen.
      Doch nach und nach gewöhnte er sich daran. Lange genug dauerte es, bis er schließlich doch noch die Arme um Tessa legte und sie dann lose an sich hielt. Das Gefühl in seinem Bauch verstärkte sich.
      "Ich erinnere mich nicht mehr", sagte er zwar tonlos, aber seine Stimme war von selbst etwas aufgeweicht. "An nichts davon. Ich erkenne das Buch und meine Handschrift und ich weiß, dass ich es getan habe, weil ich mich selbst kenne. Aber erinnern tu ich mich nicht. Deswegen ist das alles nicht so schlimm."
      Die Worte verklangen merkwürdig hohl im Raum. Das Ticken der Uhr war penetrant und laut. Chester glaubte, seinen eigenen Atem zu hören.
      Schließlich legte er nach und nach den Kopf auf Tessas ab.
      "Die Uhr lässt sich nicht aufhalten. Wenn schon, hätte ich es herausgefunden. Auf die eine oder andere Weise."