Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Tessa lachte leise.
      "Der Große Chester war ich schon. Darauf kannst du dich verlassen. Zirkusdirektor von Magica, von Immorta, von Fantasia", verkündete Chester beinahe feierlich. Sie erwartete fast, dass er ausladend beide Arme zur Seite ausstreckte um seine Worte zu unterstreichen. Stattdessen schlenderte er gemütlich über das Seil zurück.
      "Aber als Zirkusdirektor wird man schließlich nicht geboren. Irgendwann werde ich wohl etwas anderes als Zirkusdirektor gewesen sein und irgendwann...", fuhr er fort.
      Sie hielt gespannt den Atem an. Tessa schämte sich nicht dafür, dass sie förmlich an seinen Lippen hing.
      "...war ich vielleicht auch gar nicht im Zirkus. Wer weiß das schon? Ich weiß es nicht mehr, das ist schon ein bisschen her."
      "Ich kann mir dich ohne Zirkus gar nicht vorstellen", gestand sie und schmunzelte dann. "Und auch keinen Zirkus ohne dich."
      Dabei hatte sie noch nie einen anderen Zirkus gesehen außer Magica.
      Vielleicht war sie also ein kleines Bisschen voreingenommen. Wie verliebt sie Chester gerade anlächelte, konnte sie nur erraten.
      Misstrauisch zog sie die Augenbrauen hoch und beäugte seine Hand. Dieser gerissene...Tessa schüttelte sachte den Kopf.
      "Ganz langsam, versprochen. Ich halte dich auch sicher fest."
      Der Widerstand hielt genau eine Sekunde.
      Tessa seufzte langgezogen und verdrehte dramatisch die Augen.
      "Das ist gemein", murrte sie und rappelte sich mit seiner Hilfe bereits auf. "Du weißt, dass ich nicht Nein sagen kann, wenn du mich so ansiehst."
      Sie erkaufte sich noch einen Augenblick, in dem sie ihre Hände völlig sinnlos an der Hose abklopfte.
      "Schuhe aus?"
      Chester bejahte und Tessa trat ihre Schuhe mit den Zehen aus, die Socken gleich mit.
      Sie sah nicht überzeugt aus, als sie beide seiner Hände ergriff und einen Fuß auf das Seil setzte. Plötzlich erschien ihr das Hochseil gar nicht mehr so dick und unbeweglich. Als sie den zweiten Fuß vorschob und den festen Boden der Plattform verließ, überschlug sich ihr Magen. Den Blick auf ihre Füße und damit auf das Netz darunter fixiert, klammerte sich Tessa an seine Hände.
      Nein, nein...auf einem wackeligen, schwingenden Seil zu balancieren fühlte sich merkwürdig an.
      Dabei stand sie noch auf dem stabilen Ende und hatte schon das Gefühl seekrank zu werden.
      "Scheiße ist das hoch...", fluchte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester kicherte diebisch, wobei er viel zu vergnügt war, um sich ernsthafte Sorgen wegen seiner Manipulation zu machen. Manchmal war es in Ordnung, die Leute ein bisschen zu lenken. Sie in eine Richtung schieben, in der sie selbst glücklich werden würden.
      "Schuhe aus?"
      "Ja. Auch die Socken."
      Tessa tat wie geheißen und ergriff dann seine beiden Hände. Vertrauensvoll hielt sie sich an ihm fest und wagte dann einen ersten, vorsichtigen Schritt auf die Halterung. Chester beobachtete, wie Tessa den Boden beobachtete. Er hielt ihre Hände ganz fest in seinen und lenkte gefühlvoll dagegen, wenn sich ihr Gleichgewicht verschob. Der zweite Schritt brachte sie schon auf das richtige Seil hinaus.
      "Scheiße ist das hoch..."
      "Schau nicht nach unten. Das macht deinen Kopf ganz verrückt."
      Tessa zwang sich sichtlich, gegen ihren Instinkt zu handeln und aufzusehen. Als sie Chester ansah, lächelte er.
      "So ist's besser. Und jetzt stell deine Füße ein bisschen schief, nicht gerade. Die Ballen auf einer Seite, die Zehen auf der anderen vom Seil. So, wie du auch mit den Händen ein Seil greifen würdest. Das gibt dir eine bessere Balance."
      Er wartete mit größter Geduld, bis Tessa sich neu ausgerichtet hatte. Wann immer sie sich bewegte, lächelte er ermutigend.
      "Schon viel besser. Und jetzt ganz langsam. Konzentrier dich auf das Gefühl. Wenn dein vorderer Fuß richtig sitzt, kannst du den hinteren ganz wegnehmen. Balancier auf dem einen Fuß, dann hast du genügend Zeit, den nächsten auch richtig zu setzen. Ich halte dich, keine Sorge. Dir kann nichts passieren."
    • Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Schritt für Schritt wagte sich Tessa auf das Seil. Ohne Chester hätte sie kaum einen halben Meter geschafft. Konzentrierte Falten gruben sich zwischen ihre Augenbrauen. Das Seil bot ihr kaum die nötige Stabilität, die sie gewöhnt war. Es schlackerte und bog sich unter ihren zögerlichen Schritten durch. Die Bewegung war minimal, von unten mit bloßem Auge wohl kaum zu sehen, aber Tessa glaubte, davon seekrank werden zu können.
      "Schau nicht nach unten. Das macht deinen Kopf ganz verrückt."
      "Du hast leicht reden", knirschte sie mit den Zähnen und meinte es gar nicht böse. Trotzdem hob sie tapfer das Kinn und löste den Blick von dem Sprungnetz, das ihr meilenweit entfernt erschien. Tessa suchte seinen Blick. Die Augen, die ihr Mut zusprachen, noch bevor er ein weiteres Wort verlor. Sie schenkte ihm ein Lächeln, ehrlich aber genauso wackelig wie ihr Stand auf dem Hochseil.
      Die nächsten Minuten verbrachte Tessa mit einer wichtigen Aufgabe: Nicht daneben treten. Es war gar nicht so leicht, obwohl Chester sich große Mühe gab und ihre Wackler ausglich. Jedes Mal, wenn sie mit einem Bein in der Luft auf dem Seil stand, erklang ein beunruhigtes "Ohje, Ohje...", bis Tessa den Fuß wieder absetzte. Chester schien sich prächtig zu amüsieren, ohne Tessa das Gefühl zu geben, dass er sich über sie lustig machte.
      "Mit den Zehen am Seil festhalten, sagt her...", grummelte Tessa und stieß ein überraschten Quietschen aus, als sie kurz mit dem Fußballen abrutschte und sich gefährlich zur linken Seite neigte. Hätte Chester sie nicht so fest gepackt, hätte sie sicherlich ganz beeindruckend mit den Armen gerudert.
      Schritt für Schritt wagte sich Tessa über das Seil bis ihre Knie von der ungewohnten Anstrengung ganz weich wurden. Je mehr sich das Duo von der Plattform entfernte, umso stärker bog sich das Seil durch. Das Zittern ihrer Beine schien sich sofort auf das Seil zu übertragen, auf dem Chester ganz mühelos und elegant stand.
      "Meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding", sagte Tessa ganz atemlos. Sie stand jetzt schon seit geschlagenen zwei Minuten auf derselben Stelle und versuchte das Gleichgewicht zu finden. Ganz langsam löste sie die Finger von Chesters rechter Hand, ein Finger nach dem Anderen. Sie versuchte zu ignorieren, wie tief es herunter ging. Tessa hatte nur Augen für Chester, der wie immer einen ungeahnten Mut aus ihr herauskitzelte. Vielleicht wollte sie ihn auch einfach ein kleines Bisschen beeindrucken...
      Triumphierend grinste sie ihn an, weil sie es schaffte auf dem Seil zu stehen und dabei mutig ihren freien Arm zur Seite ausstreckte.
      "Siehst du das! Mit eine Hand!", lachte Tessa.
      Und brachte sich damit aus dem Gleichgewicht.
      "Nein, nein, nein...Ah!"
      Tessa verlor den Halt, schwankte und rutschte mit den Füßen vom Seil.
      Für einen Augenblick stand die Zeit still. Tessa schwebte in der Luft, braunes Haar wirbelte um ihr Gesicht und das Letzte, dass sie sah, war Chesters lächelndes Gesicht bevor sie die Augen zusammenkniff. Sie vergaß zu atmen mit nichts als dem eigenen Herzschlag im Ohr.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schritt für Schritt ging es zur Mitte des Seiles. Chester gab sich dabei die größte Mühe, Tessa so sehr zu stützen, wie er nur konnte, aber letzten Endes waren es doch ihre eigenen Beine und ihr Oberkörper, der das Gleichgewicht finden und halten musste. Die Bewegung auf dem Seil war eine gänzlich andere als auf dem Boden, denn jede Verlagerung brachte eine Gegenbewegung, die ausgeglichen werden musste, wenn man nicht fallen wollte. Hier war der ganze Körper im Einsatz, was einer der Gründe war, weshalb Laien das Seiltanzen nicht einfach so lernen konnten. Man musste erst einmal die dafür benötigten Muskeln aufbauen.
      Aber Tessa tat sich dabei gar nicht so schlecht. Ein bisschen wackelig natürlich, ein bisschen unsicher, aber nicht übel. Sie schaffte es sogar, ungefähr bei der Mitte eine Hand von ihm zu lösen und sie zur Seite auszustrecken.
      "Siehst du das! Mit eine Hand!", sagte sie und lachte, als könne sie es selbst kaum glauben. Chester grinste und hätte geklatscht, wenn er die Hände dazu frei gehabt hätte.
      "Fantastisch!", sagte er lobend und meinte das auch so. Tessa mochte nicht annähernd so gut sein wie er, aber für ihre Verhältnisse war das wirklich gut. Er war so stolz auf sie, dass sie es gewagt und dann auch noch geschafft hatte.
      Doch dann verlor sie das Gleichgewicht.
      Chester hätte es mit seinem Feingefühl und seiner Aufmerksamkeit merken müssen, aber er war so auf Tessas wunderschönes Lachen konzentriert gewesen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, wie sich ihre andere Hand nach und nach von ihm löste. Und dann stürzte sie plötzlich in die Tiefe.
      "Nein, nein, nein...Ah!"
      "Tessa!"
      Ohne zu zögern stürzte er nach vorne und griff nach ihr, nur um sie mit seinem eigenen Schwung vom Seil wegzustoßen. Dann war sie auch schon vorbei und außerhalb seiner Reichweite. Ihre großen, aufgerissenen Augen starrten zu ihm auf, als warfen sie ihm vor, sie doch nicht vor dem Sturz bewahrt zu haben. Sein Versprechen gebrochen zu haben.
      Chester warf sich ihr gleich nach. Er kümmerte sich nicht um den Sturz in die Tiefe, der selbst nach all den Jahren noch sehr unangenehm war, weil man sich einfach nicht daran gewöhnen konnte. Er hatte nur Augen für Tessa, die viel zu schnell flog. Ihre Haare peitschten ihr um das Gesicht und versteckten ihren Ausdruck. Wenn Chester in diesem Moment ein Artefakt gebraucht hätte, dann eins, um die Zeit zurückzudrehen.
      Sie fiel in das Netz und Chester kam hinter ihr auf. Er rollte sich sofort herum, an den leichten Schwung gewöhnt, mit dem das Netz einen hüpfen ließ, und bekam nun endlich ihren Arm zu fassen. Blitzschnell hatte er sich selbst um sie gewickelt und dann fielen sie auch schon gemeinsam wieder in den gespannten Auffang.
      Etwas außer Atem löste er sich von ihr, gerade soweit, um ihr erst ins Gesicht zu sehen und ihr dann die vielen Haare wegzustreichen. Tessa sah ganz blass aus, was nach einem Sturz wohl verständlich war, doch er fragte trotzdem voll ehrlicher Besorgnis:
      "Tessa? Alles in Ordnung? Alle Gliedmaßen noch dran? Hast du dir was getan?"
    • "Tessa!"
      Mit weitaufgerissenen Augen blickte Tessa hoch und sah, wie Chester ihr ohne Zögern in die Tiefe hinterhersprang. Seltsam, irgendwie sah er besorgt aus. Ein wenig panisch, wenn sie die Augen zusammenkniff und ganz genau hinsah. Tessa bekam keine Luft, während sie auf den Aufprall wartete und einen Sekundenbruchteil später tatsächlich im Netz aufkam. Der Rückstoß katapultierte sie zurück in die Luft. Sie drehte sich und verlor zwischen Zeltdach, Hochseil, Netz und Chester die Orientierung. Aus reinem Reflex, den sie sich bei riskanten Sprüngen zwischen den Häusern angewöhnt hatte, igelte sich Tessa ein und zog die Unterarme schützen um den Kopf.
      Uff!
      Etwas Festes war gegen sie geprallt. Chester.
      Er wickelte sich um sie, ihre Wange gegen seine Brust gedrückt als sie zurück in das Netz fielen. Die Maschen ächzten und verbogen sich während das Bündel aus Armen und Beinen ins Zentrum kugelte.
      "Tessa? Alles in Ordnung? Alle Gliedmaßen noch dran? Hast du dir was getan?"
      Die Haare verschwanden aus ihren Augen und aus ihrem Mund, als warme Hände über ihre Gesicht strichen. Tessa blinzelte Chester ein wenig orientierungslos an. Vor Schreck und Aufregung ging ihr Atem ganz schnell und sie war ein wenig blass um die Nase.
      „Nein, Nein. Es geht mir gut. Alles noch dran“, keuchte sie atemlos.
      Sie fing Chesters Hände behutsam mit zitternden Fingern ein und drückte sie leicht. Tessa hatte das Gefühl ihn genauso wie sich selbst beruhigen zu müssen. Bei all dem Herzklopfen ließ der Schreck langsam nach und hinterließ eine euphorische Leichtigkeit in ihrem Kopf. Zu viel Adrenalin rauschte durch ihre Adern, dass Tessa nicht anders konnte, als zu lachen um den Druck zu mildern. Eine irrwitzige ihres bebenden Körper, der von Chester ins Netz gedrückt wurde und es fühlte sich gut an.
      "Alles Bestens, wirklich, aber ich glaube das Hochseil ist nichts für mich. Zu wackelig", gluckste sie.
      Tessa ließ seine Hände los und tat es ihm gleich, in dem sie mit seiner Hand sanft die verirrten, leicht gelockten Ponysträhnen aus seiner Stirn schob. Langsam beruhigte sich ihre Atmung, doch sie konnte den Blick nicht von Chester abwenden. Sie streichelte ihm federleicht über die Wange.
      "Wieso fällt mir jetzt erst auf, dass du mich wieder Tessa nennst?", murmelte sie kopfschüttelnd und verwundert, dass es ihr vorher gar nicht richtig aufgefallen war. Sie war froh, sie wollte nicht mehr mit demselben Namen angesprochen werden, wie die Frau, die Chester diese schrecklichen Dinge angetan hatte. Tessa sah Chester mit großen Augen an, voller Vertrauen und Zuneigung. Behutsam umrahmte sie sein Gesicht mit den Händen.
      Tessa dacht nicht nach als sie Chester sanft auf den Mund küsste.
      Warmer Atem kitzelte ihr Gesicht und seine Lippen waren warm und weich unter ihren, aber vollkommen still.Sie löste sich von Chester, doch ihre Daumen geisterten weiterhin über seine Wangen und Tessa versuchte sich zu entspannen. Chesters Gewicht war sie sich plötzlich überdeutlich bewusst. Der Drück auf ihren Hüften und ihren Rippen, wie sich ihr Brustkorb gegen ihn schmiegte und ein Bein zwischen ihnen eingeklemmt.
      "Oh!", flüsterte sie leise. "Tut mir leid. War wohl alles ein bisschen zu aufregend."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Nein, Nein. Es geht mir gut. Alles noch dran“, keuchte Tessa und Chester war froh, dass sie ihm eine recht normale Antwort gab. Alles in Ordnung. Er atmete auf und lockerte seinen Griff etwas um sie. Mit ganzem Körpereinsatz hatte er sie festgehalten.
      Tessa umfasste seine Hände mit zittrigen Fingern und dann lachte sie. Es war das nervöseste, aufgeregteste Lachen, das Chester je von ihr gehört hatte, aber sie lachte und das brachte Chester automatisch auch zum Lächeln. Wenn etwas nicht gut war, dann hätte sie wohl kaum gelacht.
      "Alles Bestens, wirklich, aber ich glaube das Hochseil ist nichts für mich. Zu wackelig."
      "Nach fünf Minuten kannst du das kaum entscheiden. Aber ich will dich zu nichts zwingen. Der Sturz hat dir bestimmt Angst gemacht."
      Es fühlte sich auch grauenvoll an, so frei zu fallen, und wenn das zum ersten Mal geschah... Nun, zum Glück war nichts passiert. Zum Glück war Chester nicht risikofreudig genug, ohne das Sicherheitsnetz hinauf zu gehen.
      Er verlagerte das Gewicht ein wenig zur Seite, damit er nicht ganz auf Tessa liegenblieb. Das Netz wackelte leicht unter ihm und in Tessas Augen veränderte sich etwas. Sie hob die Hand und strich ihm in einer eigentümlich vertrauensvollen Geste eine entflohene Lockensträhne aus der Stirn. Chester Herz machte dabei einen nicht unangenehmen kleinen Hüpfer; irgendwie mochte er diesen Ausdruck in Tessas Augen. Er fühlte sich so persönlich an, nachdem Chester wusste, dass sie ihn mochte. Ihn mochte.
      "Wieso fällt mir jetzt erst auf, dass du mich wieder Tessa nennst?"
      Chester legte den Kopf schief.
      So ist doch dein Name, nicht? Alle Freunde nennen dich Tessa. Du musst denken, dass ich ein Freund bin.
      Da lehnte sich Tessa vor und küsste ihn.
      Chester hörte auf sich zu rühren. Er blinzelte, als sich ein angenehmes Prickeln von seinen Lippen in seinen Körper ausbreitete und sich dort festsetzte. Tessa hatte ihn ein wenig damit überrascht und so hatte er keine Zeit sich darauf vorzubereiten, wie… anders dieser Kuss war. Nicht wie auf der Platform zum Zweck seiner Manipulation, mehr wie in seinem Zelt. Schöner. Angenehmer. Sie küsste ihn und das machte diesen Moment vielleicht so besonders. Weil sie ihn schließlich mochte.
      Der Kuss hüllte ihn ein mit seiner Zärtlichkeit und dann verließ er ihn auch wieder. Tessa sah ihn mit großen, warmen Rehaugen an.
      “Oh! Tut mir leid. War wohl alles ein bisschen zu aufregend.”
      Zu aufregend. Bei diesen Worten bekam Chester gleich das impulsive Bedürfnis, Tessa noch einmal mit aufs Hochseil zu nehmen, wenn das der Ausgang davon war.
      Hmm.
      Er zog das Bein ein bisschen an und verschob den Arm. Das Netz war sein Freund, denn jetzt lag er auf ihr, ohne sich Gedanken um sein Gewicht machen zu müssen. Dafür konnte er sich um andere Dinge Gedanken machen.
      Küss mich nochmal”, schnurrte er und beugte sich zu ihr hinab. Tessa wurde bei dieser direkten Aufforderung rot im Gesicht, aber sie kam ihm entgegen und küsste ihn. Und diesmal küsste Chester sie zurück mit der gleichen Zärtlichkeit, die sie ihm soeben entgegen gebracht hatte. Ihre Lippen bewegten sich gegen seine und als er den Winkel nur leicht änderte und den Druck nur leicht anpasste, spürte er, wie sie in seinen Armen weich wurde und sich an ihn schmiegte. So vertrauensvoll, so fordernd. So wunderschön. Er genoss das Gefühl gänzlich und ließ die Hand über ihre Seite streichen, um ihre Bewegungen zu erfühlen. Um zu spüren, wie sie auf ihn reagierte. Um sich mehr davon zu holen, dass sie ihn mochte.
    • Tessa fühlte sich wie die gerissenste Diebin der Welt, weil sie Chester einen Kuss gestohlen hatte. Sie sah nicht halb so schuldbewusst aus wie sie sollte. Immerhin hatte sie darüber gesprochen und obwohl sie versuchte etwas aus seinem Gesichtsausdruck herauszulesen, blieb es genau dabei, bei einem Versuch. Mit der Stille kam die Nervosität, etwas falsch gemacht zu haben. Langsam löste Tessa die Hände von seinen Wangen und zog sie zurück an ihre Brust. Chester beobachtete sie mit einem intensiven Blick, den Tessa am ganzen Leib spürte, vom stolpernden Herzklopfen bis zu dem Kribbeln ihrer weichen Knie. Ein zarter Rotschimmer legte sich über ihre Wangen und sie atmete zunehmend flacher durch halbgeöffnete Lippen. Tessa versuchte nicht darüber nachzudenken, dass der Mann über ihr, der sich elegant und leichtfüßig im Netz bewegte, ihre Körpersprache beherrschte als wäre es seine Muttersprache. Chester hatte über Jahrhunderte hinweg gelernt, die Menschen um sich herum zu lesen. Es gab nichts, dass Tessa vor ihm verstecken konnte. Zumindest nicht in diesem Augenblick, in dem ihr Körper das sprechen übernommen hatte.
      Hmm.
      Das Netz um Tessa bewegte sich und plötzlich bestand ihre Welt allein aus Chester. Ganz sanft sank sein Gewicht erneut auf sie herab und doch fühlte er sich leichter an. Sie hatte kaum gemerkt, dass er die Maschen des Netzes in genau der richtigen Art und Weise manipulierte. Tessa erinnerte sich an die kleinen, raffinierten Zaubertricks, mit denen Chester ihr ganz zu Anfang immer ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hatte.
      Küss mich nochmal”, schnurrte Chester und Tessa blieb der Atem weg.
      Allein seine Stimme sorgte dafür, dass sich die feinen Härchen in ihrem Nacken unter einem heißkalten Schauer aufstellten. Tessa musste kaum das Kinn anheben, da war er schon bei ihr. Sie vergrub die Finger im Kragen seines Hemdes und überbrückte das letzte, winzige Stückchen um ihn ein zweites Mal zu küssen und dieses Mal erwachten Chesters Lippen unter ihren zum Leben. Ein Seufzen glitt über ihre Lippen, floss in den Kuss und wurde von weiteren zärtlichen Küssen verschluckt. Tessa schälte die Hände aus seinem Hemdkragen um sie in seinen Nacken zu schieben.
      Die Hand auf ihrer Seite fühlte sich heiß an, selbst durch T-Shirt und Pullover hindurch. Tessa wölbte sich der Hand entgegen, so weit, wie das Netz es zuließ. Jeder Bewegung schien sie tiefer in die Maschen gleiten zu lassen.
      Einen Unsterblichen mit unedlichem Erfahrungsschatz - auch wenn dieser nicht zwangsläufig immer in der richtigen, zeitlichen Reihenfolge war - zu küssen, hatte den Nachteil, dass Chester es binnen weniger Minuten schaffte, dass sie wie Wachs unter ihm zerfloss. Ein Nachteil, den Tessa mit Vergnügen verschmerzte. Sie hatte keine Zeit über ihre Unsicherheiten nachzudenken. Über die Narben in ihrem Gesicht, die Chester eigentlich nie gestört hatten. Über die eher drahtige Figur, die sich unter Schichten aus Kleidung verbarg und sie an schlechten Tagen von Weitem wie einen Jungen mit zu langen Haaren wirken ließ. Das Alles küsste Chester einfach weg bis Tessa nicht mehr wusste, wo eigentlich oben und unten war.
      Atemlos unterbrach Tessa den Kuss, hin und her gerissen, ob sie wirklich Atmen musste oder es noch einen Moment aushielt. Liebevoll und mit wunderlichen Ausdruck in blassgrünen Augen, berührten ihre Fingerspitzen sein Kinn und den Schwung seiner Unterlippe. Sie sah aus, als könnte sie nicht recht glauben, was gerade passierte.
      Vielleicht fiel sie noch.
      Jedenfalls fühlte es sich ein bisschen so an.
      „Ist das wirklich okay für Dich?“, flüsterte Tessa und biss sich unschlüssig auf die Unterlippe.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Chester versank in dem Gefühl von Tessa unter sich, wie sie sich gegen ihn drückte, als könne sie ihm nie nah genug sein, wie sie von seinen Küssen weich wurde, als könne ein Traum in Erfüllung gehen. Sie war so schön, wie sie dort unter ihm verging, und das alles nur, weil sie gerade Chester so nahe sein wollte. Nicht wegen seinem Aussehen, nicht wegen seinem Status, nicht wegen seiner Unsterblichkeit, oder der Magie, mit der er sich umgab - wegen Chester. Weil sie ihn so mochte.
      Chester wusste zwar noch immer nicht, was Liebe bedeutete, aber wenn sie sich so anfühlte, dann war sie ein wirklich schönes Gefühl. Dann verdiente sie vielleicht nicht den ganzen Aufruhr, den sie ständig mit sich brachte, aber dann war sie durchaus etwas, an das er sich gewöhnen könnte. Darüber lächelte er in sich hinein.
      Tessa löste sich mit einem Atemzug von ihm und für einen Moment jagte er dem Gefühl ihres Kusses nach. Ihre Augen waren weit geöffnet und sie betrachtete ihn mit einem Ausdruck von Wunder, während sie mit den Fingern über sein Kinn geisterte. Chester hielt dem Blick stand und lächelte warm. Dieser Ausdruck gefiel ihm an ihrer Miene mitunter am meisten.
      „Ist das wirklich okay für Dich?“, flüsterte sie, als könne sie sich vor der Antwort fürchten. Chester sah auf ihre Lippe hinab, über die ihre Zähne in einer verführerischen Art und Weise strichen.
      "Ich würde es nicht zulassen, wenn es nicht so wäre", gab er mit einem warmen Lächeln zurück. Ihre Sorge war verständlich bei allem, was sie bislang durchgemacht hatten. Und wenn Chester seine Gefühle nicht einmal benennen konnte, wie könnte es dann Tessa für ihn tun?
      "Es gefällt mir. Du gefällst mir."
      Er beugte sich wieder hinab und küsste sanft ihren Mundwinkel.
      "Küss mich. Ich mag das."
      Und sie küsste ihn und gab ihm, was er haben wollte. Dabei ging Chester nie weiter als das, forderte niemals mehr, als er wusste, was Tessa ihm zu geben bereit war. Denn in diesem Augenblick wusste er, dass er das, was sie hier hatten, nicht so schnell wieder aufgeben wollte.

      Sie waren so lange im Netz, bis sie beide keine Ahnung mehr hatten, wie spät es eigentlich war, bis Chester sich ganz von Tessa löste. Er half ihr, in dem Netz auf die Füße zu kommen und dann mit wackeligen Schritten zur Säule zu balancieren, wo sie wieder nach unten klettern konnten. Erst mit festem Boden unter den Füßen wandte Chester sich Tessa lächelnd zu, ihre Hand in seiner.
      "Hat dir die Privatvorstellung gefallen, Madame?"
    • "Ich würde es nicht zulassen, wenn es nicht so wäre." Die Antwort begleitete ein warmes Lächeln, das die Schmetterlinge in ihrem Bauch aufscheuchte. Tessa wollte mehr davon. Sie wollte alles, was Chester zugeben bereit war und alles, wofür sie noch nicht bereit war. Es war so viel geschehen und langsam fühlte sich gerade sehr gut und richtig an.
      "Es gefällt mir. Du gefällst mir", raunte Chester. Peinlich berührt zog Tessa das Kinn auf die Brust. Das hatte ihr noch nie jemand gesagt; nicht mit Aufrichtigkeit, nicht mit einer solchen Wärme. Das Gefühl durchströmte Tessa, breitete sich aus, berührte einen geheimen Ort in ihrem Herzen, der allein für Chester bestimmt war. Was sie fühlte, war unbeschreiblich. Es existierte keine Sprache auf dieser Welt, die dieses Gefühl in sinnvolle Buchstaben verpacken konnte. Liebevoll küsste er sie auf den Mundwinkel, lockte Tessa behutsam aus ihrem kleinen Schneckenhaus hervor.
      "Küss mich. Ich mag das", flüsterte er und ließ Tessa die Verlegenheit augenblicklich vergessen. Chester mochte, dass sie ihn küsste. Sie gefiel ihm. Die ungebildete Diebin mit den Narben im Gesicht gefiel ihm. Das nervöse und schüchterne Straßenmädchen gefiel ihm. Das Herz in ihrer Brust hüpfte glücklich, schlug einen holprigen Salto bei allen Schlägen, die an diesem Abend noch kommen sollten.
      "Gut," wisperte sie zurück. "Ich mag das nämlich auch."
      Tessa schob die Hände zurück in sein Haar und küsste ihn. Tiefer, immer tiefer, sank Tessa in das Netz, in dem Kokon aus Zärtlichkeit und Wärme. In der kleine Welt, ein paar Meter über dem Boden, die nur ihnen gehörte. Sie sank noch tiefer und zog Chester mit sich - zu sich, auf sich - um auch ganz in ihm und seinen Armen zu versinken.

      Den Abstieg brachte Tessa mit wackeligen Beinen hinter sich. Dieses Mal war weder ein Fall aus schwindelerregender Höhe noch das unvertraute Gefühl eines schwankenden Netzes unter ihren Füßen schuld. Nein, das war ganz allein Chesters kleines Meisterwerk. Sie hatten sich so lange eng umschlungen geküsst bis ihre Lippen davon kribbelten. Mit rot geküssten Lippen und einem allgegenwärtigen, verträumten Lächeln hüpfte Tessa die letzte Sprosse übermütig herunter. Der Sand der Manege gab etwas nach, doch sie blieb sicher auf den Füßen. Dank der Hand, die ihre festhielt. Tessa fühlte sich, als könnte sie die ganze Welt erobern.
      "Hat dir die Privatvorstellung gefallen, Madame?"
      "Hmhm...", murmelte Tessa. "...könnte mich daran gewöhnen, aber..."
      Sie trat nah an Chester heran, stellte sich auf die Zehenspitzen, was im Sand schon ein Kunststück war, und stahl einen flüchtigen aber zärtlichen Kuss. Ein verschmitztes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht. Der schüchterne Blick in Richtung des aufgewühlten Sandes zu ihren Füßen, untergrub das Selbstbewusstsein, dass sich Tessa mühevoll zusammengekratzt hatte. Sie war knallrot bis zu den Ohren bevor sie überhaupt ein Wort sagen konnte.
      "...ich glaube, ich habe da zwischendurch einen kleinen Wackler gesehen. Wir sollten das wiederholen um sicherzugehen, dass du nicht doch aus der Übung bist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Hmhm… könnte mich daran gewöhnen, aber…”
      Chester runzelte fragend die Stirn und sah zu, wie Tessa zu ihm trat und ihm einen Kuss auf die Lippen drückte. Ihre Beine waren noch ein bisschen unsicher auf dem festen Boden, aber das hinderte sie nicht daran, mit einem frechen Glitzern in den Augen zu ihm aufzusehen. Dann wurde sie allerdings auch schon knallrot, als hätte Chester etwas viel schlimmeres verlangt als einen Kuss, und er zog beide Augenbrauen nach oben, als sie schnell wieder wegsah. Was kam denn jetzt?
      “...ich glaube, ich habe da zwischendurch einen kleinen Wackler gesehen.”
      WAS! Chester sog scharf die Luft ein und griff sich in einer Geste völliger, abgrundtiefer Erschütterung an die Brust. Ein Wackler - bei ihm?! Niemals.
      “Wir sollten das wiederholen um sicherzugehen, dass du nicht doch aus der Übung bist.”
      Willst du mich etwa ausnutzen du kleiner Schlingel?”, fragte Chester in einer theatralischen Empörung, die ihm wirklich gut gelang.
      So undankbar bist du. Na warte, dir werd' ich das schon austreiben. Komm her, du. Komm schon her!
      Chester machte einen Satz nach vorne und Tessa einen kreischenden nach hinten. Er jagte sie durch die halbe Manege, bis er sie zu fassen bekam und in seine grausamen Arme schlang, wo er sie kitzelte, bis sie lachte und sich wand. Das gab er nicht auf, eine ganze Weile lang nicht, bis er sie soweit gebracht hatte, dass sie unter lachenden Tränen zugab, doch keinen Wackler gesehen zu haben. Na also; das war doch viel besser. Da erlöste er sie von ihrem Schicksal, grinste zufrieden und küsste ihre Tränen weg. Chester und ein Wackler - nie im Leben!

      Ein paar Wochen später war Chester ganz aufgeregt, als er auf Tessas abendlichen Besuch wartete. Ihre gemeinsame Tanzstunde stand an, was sich mittlerweile routiniert hatte, aber dieses Mal hatte Chester eine Überraschung parat. Er fühlte sich schon ganz hibbelig und konnte kaum auf dem Sofa sitzenbleiben, als er auch schon Tessa am Zelteingang hörte.
      "Komm nur rein, komm rein!", rief er, noch bevor sie sich erkenntlich gemacht hatte, und sprang von seinem Platz auf. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht begegnete er Tessa, die sich unter seiner Zeltplane hindurch duckte.
      "Tessa! Komm mit und sieh dir das an - ich habe etwas ganz wundervolles gefunden. Das musst du einfach mit eigenen Augen sehen. Na komm schon!"
      Aufgeregt hüpfte er ins Schlafzimmer hinüber und drehte sich mit einem mysteriösen Grinsen zu ihr um, um zu sehen, ob sie ihm auch wirklich folgte. Dann riss er seinen Kleiderschrank auf.
      "Ich bin gestern durch das Lager gegangen, weil ich eigentlich schauen wollte, ob wir irgendwo die alten Podest-Stützen noch haben - Hector wird ganz schön schwer mit seinem Alter. Und da habe ich das hier gefunden - bist du bereit?"
      Er warf ihr über die Schulter einen Blick zu, dann zog er ein Kleiderbündel aus dem Schrank hervor und entfaltete es mit größter Vorsicht. Zum Vorschein kam nach und nach ein mit silbernen Pailletten besetztes, wunderschönes Kleid, das an seinem Saum in lauter Mustern aufging. Die Pailletten wirkten trüb und der Stoff zeugte von hohem Alter, genauso wie der altertümliche Schnitt, aber es hatte eine Besonderheit, die man in keinem anderen Kostüm wiedererkennen konnte. Etwas sehr individuelles.
      "Ein Mondkleid. Ein originales", hauchte Chester und ließ voller Ehrfurcht die Fingerspitzen über den Stoff gleiten. Als er es gefunden hatte, hatte er es zuerst nicht glauben wollen; Kleider hielten sich hier nichtmal so lange wie manche Menschen und Chester wusste aus dem Gefühl heraus, dass der letzte Mondtanz schon sehr, sehr lange her war. Doch hier war es, in seinen Armen, und er wagte es kaum, es richtig zu berühren, aus Angst, es könnte ihm doch noch zu Staub verfallen. Mit funkelnden Augen sah er zu Tessa auf.
      "Das hat der weibliche Part getragen, ich weiß es. Ich konnte mich an sie erinnern, als ich das Kleid gefunden habe. Ihre Haut war schneeweiß und wenn ihr Kleid im Mondlicht gefunkelt hat, sah sie aus wie ein... Nebelschwaden, der durch die Manege glitt. So wunderschön. Ich hatte einst so wunderschöne Visionen."
      Sein Blick entglitt ihm kurz, zurück an eine Zeit, die er selbst gar nicht benennen konnte, dann sprangen seine Augen ins Hier und Jetzt zurück. Er lächelte Tessa an, dann hielt er ihr das Kleid hin.
      "Hmm... Ich habe mir schon fast gedacht, dass es nichts für deine Figur ist. Es ist auch zu groß, glaube ich. Aber zieh es trotzdem an. Ich will sehen, ob es zumindest in die richtige Richtung geht."
    • Tessa schlenderte gut gelaunt durch das verschlungene Labyrinth aus Buden und Zelten des Zirkus Magica. Das Lächeln in ihrem Gesicht war ein vertrauter Anblick für alle geworden. Sie war auf dem Weg zu Chester. Die Neuigkeit über die frische Beziehung hatte gemischte Gefühle ausgelöst. Es war von Allem ein Bisschen dabei. Die Laune ließ sich Tessa dadurch nicht verderben. Wenn sie vorher schon geglaubt hatte, endlich ein wenig Glück mit dem Zirkusleben gefunden haben, trotz des des etwas holprigen Starts, platzte sie dieser Tage vor Glück. Tessa ließ sich mitreißen. Von Chester und den gestohlenen Stunden zu Zweit. Von den flüchtigen Berührungen, obwohl die Pflicht rief. Der Alltag nahm auch auf eine verliebte Tessa keine Rücksicht. Das war okay, denn mindestens einmal in der Woche gehörte Chester nur ihr alleine.
      "Komm nur rein, komm rein!", hörte sie Chester noch bevor sie den Vorhang vor seinem Zelt berühren konnte. Ein Glöckchen hatte Chester zwar nicht angebracht, dachte sie schmunzelnd, aber seit dem Bade-Vorfall war Tessa auch nie wieder unangekündigt in sein Zelt geplatzt. Chester sprang aufgeregt auf, da hatte sie gerade den Kopf durch den Eingang gesteckt.
      "Tessa! Komm mit und sieh dir das an - ich habe etwas ganz wundervolles gefunden. Das musst du einfach mit eigenen Augen sehen. Na komm schon!"
      Mittlerweile war das Lächeln so breit, das es in den Wangen wehtat. Völlig aus dem Häuschen hüpfte Chester an ihr vorbei und Tessa lachte leise hinter vorgehaltener Hand. Beim dem Anblick wurde ihr ganz warm um Herz. Brav trottete Tessa ihm hinterher, ein amüsiertes Glitzern in den Augen.
      "Da hat aber jemand gute Laune."
      "Ich bin gestern durch das Lager gegangen, weil ich eigentlich schauen wollte, ob wir irgendwo die alten Podest-Stützen noch haben - Hector wird ganz schön schwer mit seinem Alter. Und da habe ich das hier gefunden - bist du bereit?"
      Behutsam entfaltete Chester einen Traum aus silbrigen Pailletten und zartem Stoff, der wie Seide durch seine Finger floss. Obwohl das Silber an Glanz verloren hatten, reflektierte es das Licht mit einem atemberaubenden Funkeln. Tessa konnte sich vage vorstellen, wie es vor langer, langer Zeit bei der kleinsten Bewegung märchenhaft gefunkelt hatte.
      "Ein Mondkleid. Ein originales."
      "Nicht dein Ernst?"
      Mit großen Augen glitt ihr Blick über das Kleid. Sie trat zu Chester um das Mondkleid aus der Nähe zu bewundern, behielt ihre diebischen Finger aber artig bei sich. Das Kleid musste unsagbar kostbar sein. Tessa kam sich ein wenig wie eine Elster vor, hypnotisiert vom silbrigen Schillern eingetrübter Pailletten.
      "Das hat der weibliche Part getragen, ich weiß es. Ich konnte mich an sie erinnern, als ich das Kleid gefunden habe. Ihre Haut war schneeweiß und wenn ihr Kleid im Mondlicht gefunkelt hat, sah sie aus wie ein... Nebelschwaden, der durch die Manege glitt. So wunderschön. Ich hatte einst so wunderschöne Visionen."
      Sie sah Chester neugierig an, aber blieb ganz still als sie den Ausdruck in seinen Augen bemerkte. Ein Erinnerung schob sich in sein Bewusstsein, flüchtig wie die beschriebenen Nebelschwaden. Tessa erinnerte sich noch gut daran, wie sie dieser Blick am Anfang verwirrt hatte. Nun lächelte sie sanft und wartete bis Chester zurück in der Gegenwart war.
      Tessa nickte.
      "Sie muss sehr schön und elegant gewesen sein um dieses Kleid zu tragen."
      Eifersucht verspürte Tessa bei der Vorstellung nicht. Sie wusste, dass sie eher schlicht anzusehen war. Fragend runzelte Tessa die Stirn, als Chester ihr das Kleid offensichtlich anreichen wollte.
      "Hmm... Ich habe mir schon fast gedacht, dass es nichts für deine Figur ist. Es ist auch zu groß, glaube ich. Aber zieh es trotzdem an. Ich will sehen, ob es zumindest in die richtige Richtung geht."
      "Was?", fragte sie verdattert. "Du...möchtest, dass ich das Kleid anziehe? Oh, nein. Nein, nein. Das geht nicht, Chester. Wenn ich etwas kaputt mache..."
      Sie sah zu Chester auf und fluchte im Stillen.
      Der Blick, mit dem er sie jetzt ansah, war einfach nicht fair. Dazu konnte niemand Nein sagen.
      "Na schön, hör auf mich mit deinen großen Welpenaugen anzusehen. Ich zieh's ja an."
      Vorsichtig nahm Tessa ihm das Mondkleid aus der Hand.
      "Und jetzt, raus mir dir."
      Damit schob sie Chester lachend aus seinem eigenen Schlafzimmer.

      Chester hatte Recht. Das Mondkleid war ihr zu groß. Tessa füllte weder das elegante, herzförmige Dekolleté noch den seidigen, fließen Stoff um die Hüften richtig aus. Es hang an der zierlichen Diebin. Ganz wohl fühlte sich Tessa dabei nicht. Chester hatte zwar gesagt, dass sie ihm gefiel, aber beim Anblick ihres Spiegelbildes und den vielen Falten, die das Kleid an ihrem zierlichen Körper warf, trat sie verunsichert von einem Fuß auf den Anderen.
      "Bin gleich soweit", rief sie in Wohnzimmer herüber.
      Jetzt wurde es knifflig. Mit einer Hand hielt Tessa das Mondkleid vorsichtig am Pailletten besetzten Ausschnitt fest, damit es nicht herunterrutschte. Der Verschluss aus kleinen Perlmuttknöpfen befand sich Gott sei Dank an der Seite, aber die Knöpfe machten es ihr mit einer Hand wirklich nich leicht. Nach drei Anläufen hatte sie alle Knöpfe erwischt und strich den Stoff darüber glatt. Tessa sah zu ihren Füßen und seufzte. Zu lang war es auch noch. Sie bückte sich um den Saum des Kleides vom Boden aufzuklauben, da fiel ihr eine Kleinigkeit im Augenwinkel auf.
      Roter Samt.
      Derselbe rote Samt wie an Theresas Notiz. Tessa fiel es wie Schuppen von den Augen. Die alte Truhe, in der Chester seine Tagebücher aufbewahrte und unter dem Truhendeckel lugte ein schmaler Rand aus rotem Samt hervor. Behutsam raffte sie den Saum des Kleides und tapste auf Zehenspitzen zur Truhe herüber. Kurz ließ sie das Kleid los und befühlte mit den Fingerspitzen den roten Stoff. Ihr Herz raste. Wie hatte sie das bloß vergessen können?
      Über die Schulter sah Tessa zurück. Sie konnte Chester im Wohnzimmer auf und ab gehen hören. Vorfreudig und aufgeregt, während Tessa ganz schlecht wurde. Warum war sie nur in dieses Zimmer gegangen? Warum hatte sie nicht einfach weggesehen?
      Tessa atmete tief durch, warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel.
      "Wehe du lachst!", rief sie etwas nervös und mit wackeliger Stimme. Ja, das klang gut. Es klang nicht verdächtig.
      Mit einem letzten Blick über die Schulter zur Truhe, verließ Tessa den Raum. Möglichst rücksichtvoll klammerte sie sich am Mondkleid fest, damit es ihr bei den zögerlichen Schritten nicht abhanden kam.
      "Ist...vielleicht wirklich ein Bisschen groß."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Du...möchtest, dass ich das Kleid anziehe? Oh, nein. Nein, nein. Das geht nicht, Chester. Wenn ich etwas kaputt mache..."
      Chester musste gar nichts sagen. Er öffnete die Augen, machte sie ganz breit und riesig und sah Tessa dann mit einem flehentlichen Ausdruck an, der ganz sicher in die höchste Kategorie an Manipulation fiel, die Chester zu bieten hatte. Aber in diesem Fall war das okay, er wollte sie ja nur dazu bringen, ein Kleid anzuziehen.
      "Na schön, hör auf mich mit deinen großen Welpenaugen anzusehen. Ich zieh's ja an."
      Triumphierend grinste Chester und klatschte in die Hände. "Wunderbar!"
      "Und jetzt, raus mir dir."
      Das konnte er zumindest tun. Er tat es sogar sehr bereitwillig und landete in seinem Wohnzimmer, wo er vor Aufregung gar nicht stillhalten konnte. Er hatte wirklich ein Mondkleid gefunden und jetzt hatte er auch noch die Gelegenheit, es wieder zu beleben. Besser konnte der Tag gar nicht werden! Sein Grinsen war strahlend und echt und er marschierte mit seiner ganzen Energie in seinem Zimmer auf und ab, bei jedem zweiten Schritt nach dem Schlafzimmer umdrehend. In seinen Gedanken sah er es bereits wieder vor sich, das Mondlicht in der Manege, die beiden Tänzer, die eleganten Bewegungen, die Musik, die Geschichte...
      Verträumt seufzte er, dann sah er wieder zum Schlafzimmer.
      "Alles in Ordnung da drin?"
      "Bin gleich soweit!"
      Wieder ging es auf und ab und die Sekunden zogen sich, zogen sich ins Unendliche, bis Chester irgendwann dachte, es gar nicht mehr aushalten zu können. Wieso brauchte sie nur so lang? Da rief Tessa aber: "Wehe du lachst!" und Chester blieb sofort stehen.
      "Das würde ich niemals machen! Das verspreche ich hoch und heilig!"
      Kurz darauf ging der Vorhang beiseite und Tessa trat herein.
      Chester blieb die Luft weg. Vor seinem inneren Auge entfaltete sich die Erinnerung an reflektiertes Mondlicht, an nichts als die Manege, an geschmeidige Körper, an Geschichten, die niemals in etwas anderem als Bewegungen erzählt werden würden. Er sah es genau vor sich, wusste in diesem Augenblick, dass er es wieder haben wollte, um jeden Preis. Und jetzt, jetzt war es Tessa, die seine Mondtänzerin verkörperte. Und auch ihre Haut schien in dem Kleid hell, fast silbrig.
      "Wow", hauchte er und trat vor sie. Sein Blick wanderte bewundernd über ihre Gestalt und Tessa sah peinlich berührt zur Seite.
      "Ist...vielleicht wirklich ein bisschen groß."
      "Ist es. Aber das macht nichts, nicht heute", flüsterte er und streckte seine Hand aus. Tessa sah sie an und zögerte, schließlich brauchte sie ihre Hand, um das Kleid an Ort und Stelle zu halten. Aber dann ließ sie es vorsichtig los und legte ihre Hand in seine, wie sie es schon so oft zum Tanzen getan hatten. Nur diesmal ging Chester nur langsam um sie herum und drehte sie dabei mit sich, während er beobachtete, wie sich das Kleid und die Pailletten darauf bewegten. Er hörte die Musik schon in seinen Ohren, konnte schon das Mondlicht auf dem Sand sehen, konnte schon fühlen, wie sich die Geschichten ihren Weg aus seinem Unterbewusstsein bahnten. Es war nicht perfekt, nein, aber es war schön, so wunderschön. Tessa war wunderschön. Er lächelte und dann ließ er sie eine langsame Pirouette machen, um sie von allen Seiten zu bewundern. Es war sagenhaft. Sein Herz sehnte sich danach, nach dem Mondtanz, den er so lange nicht mehr hatte aufführen lassen.
      "Wundervoll", sagte er und ließ Tessa schließlich stehenbleiben. Das Kleid rutschte schon und sie fing es schnell mit den Händen auf, bevor es noch ganz auseinandergefallen wäre.
      "Es passt nicht, aber das macht nichts. Ich werde ein neues Mondkleid für dich finden. Du wirst wunderschön sein, Tessa. Du wirst eine wunderschöne Mondtänzerin sein."
    • Tessa wartete nervös auf sein Urteil. Je länger sie wartete, desto unruhiger wurde. Chester wirkte wie erstarrt. Sie zupfte unsicher der Pailletten besetzten Seide, strich widerspenstige Falten glatt und konzentrierte sich darauf, nicht auf den etwas zu langen Saum des Mondkleides zu treten. Die Seide umschmeichelte ihren Leib bei jedem vorsichtigen Schritt. Sie lag kühl auf ihrer erhitzten Haut und war so leicht, beinahe schwerelos, dass es sich anfühlte, als wäre sie nackt.
      Sag endlich was, dachte Tessa und versuchte gleichzeitig nicht die verschlossene Truhe zu denken. Sie besaß das richtige Werkzeug, aber nun, da sie endlich eine neue Spur gefunden hatte, wusste sie nicht mehr, ob sie dieses Werkzeug noch einmal benutzen wollte.
      "Wow."
      Verlegen schlug Tessa den Blick nieder und seine andächtige Stimme, nicht mehr als ein Hauch, zauberte eine Gänsehaut auf ihre nackten Arme. Bei der Art, wie Chester sie mit leuchtenden Augen ansah, fühlte sie sich tatsächlich ein wenig entblößt.
      "Ist es. Aber das macht nichts, nicht heute.“
      Chester nahm ihre Hand um sie von allen Seiten zu betrachten. Sie fand einen sehnsüchtigen Ausdruck in seinen Augen, den sie nicht ganz verstand. Tessa tänzelte behutsam auf den Zehenspitzen, als sie für Chester eine langsame Pirouette machte. Der Saum raschelte leise, umspielte ihre Füße wie flüssiges Silber und Tessa fand ihr Lachen wieder, als Chester sie immer wieder gemächlich um die eigene Achse drehte.
      "Wundervoll.“
      Tessa zupfte das Mondkleid zurecht.
      "Es passt nicht, aber das macht nichts. Ich werde ein neues Mondkleid für dich finden. Du wirst wunderschön sein, Tessa. Du wirst eine wunderschöne Mondtänzerin sein."
      Ein überraschter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Sie hatten darüber gesprochen, ja. Aber es war eine Sache über eine Möglichkeit zu sprechen, als sie wirklich in die Tat umzusetzen.
      „Du willst die Nummer wirklich aufführen? Mit mir?“
      Er meinte es tatsächlich ernst. Alles. Ganz ergriffen vom Moment, in dem sie Teil seiner Vision wurde, nahm sie seine Hand.
      "Halt das mal für mich..."
      Behutsam führte sie die Hand an ihre Hüfte, damit er den gerafften Rocksaum für sie festhielt.
      "Hast du? Ganz sicher?...Okay."
      Mutig entließ sie den Ausschnitt des Mondkleides aus ihrem Klammergriff. Sie vertraute darauf, dass das Kleid dortblieb, wo es hingehörte. Tessa überbrückte die Distanz und trat nah an Chester heran, wie es für einen Tanz üblich war. Jeder Atemzug brachte sie noch näher zusammen. Mit einem verliebten Lächeln glitt ihre Hand über seinen Arm und herauf bis zur Schulter. Die andere Hand hielt sie vertrauensvoll und einladend zwischen ihnen hoch.
      „Tanz mit mir.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Du willst die Nummer wirklich aufführen? Mit mir?“
      Tessa sprach es aus, als könnte sie es noch gar nicht richtig fassen, als könnte Chester jeden Moment sagen "Reingefallen! Mit dir tanze ich gar nichts". Ihre ehrliche Überraschung entzückte ihn, denn das war eines der Dinge, die ihm an Tessa gut gefielen. Sie hatte sich nämlich noch längst nicht an die Geschenke der Welt gewöhnt und rutschte immer wieder in ihr vorsichtiges, verstecktes Ich zurück.
      "Ja. Mit dir", sagte er zärtlich und legte dabei eine ganz besondere Betonung darauf, dass es Tessa war, um die es ging. Denn natürlich gäbe es bessere Kandidaten für den Mondtanz, aber die wollte Chester nicht haben. Er wollte gerade Tessa haben.
      "Mit dir will ich mir die Mühe wieder machen."
      Sie betrachtete ihn mit einem Ausdruck ehrlichen Erstaunens, dann ergriff sie seine Hand. In ihren Gedanken schien etwas umgeschaltet zu haben.
      "Halt das mal für mich..."
      Er ließ zu, dass sie seine Hand führte, bis er den Stoff des Kleides zu fassen bekam. Behutsam nahm er ihn zwischen die Finger, gerade so fest, wie es absolut notwendig war. Das Gewebe war schon alt und längst nicht mehr so geschmeidig wie damals; es fühlte sich an, als hätte Chester es niemals in den Händen gehalten.
      "Hast du?"
      "Ja."
      "Ganz sicher?"
      "Ganz sicher."
      "... Okay."
      Sehr zögerlich ließ Tessa den Rest des Kleides los und dann war es nur noch Chester, der es ihr am Körper hielt. Würde er loslassen, war er sich sicher, würde es mit der nächsten kleinen Bewegung zu Boden rascheln würde. Aber dafür hatte er sowieso nicht viel Aufmerksamkeit übrig, denn jetzt trat Tessa an ihn heran und hielt ihm die Hand hin, so wie er es ihr gelernt hatte.
      "Tanz mit mir."
      Chester lächelte über diese schönen Worte, die sein ganzes Sein verzauberten. Er nahm ihre Hand entgegen und deutete eine kleine, zärtliche Verbeugung an.
      "Langsam."
      Und sie tanzten, langsam, das Kleid ein Ankerpunkt zwischen ihnen, eine Verbindung, die weit über das körperliche hinaus ging. Chester führte Tessa in kleinen Ellipsen durch sein Wohnzimmer, seine liebreizende, wunderschöne Tessa, die für ihn in einem Licht erstrahlte, das er lange nicht mehr bewundert hatte. Das Wohnzimmer wurde zu ihrer Manege, das Licht zu ihrem Mond und Chester tanzte mit ihr durch einen silbrigen Ozean, der von ihrem Kleid aufgefangen und reflektiert wurde, tanzte eine Geschichte, die niemals in Worte verfasst werden könnte. Er bewegte sich langsam mit ihr, für das Kleid und auch für Tessa, eine stille Würdigung an das Original, das für die Menschheit verschollen war, nicht aber für Chester. Niemals für Chester. Und es würde Chester sein, der dieses Original zurück zum Leben erweckte und eine Seele einhauchte - die Seele des Mondtanzes.
      Chester und Tessa.
    • Ein paar Tage später…

      Die Melodie des Mondtanzes erfüllte die kleine Umkleide hinter der Manage, in der die Kostüme sorgfältig auf den Kleiderbügeln hingen. Tessa schlüpfte in die Alltagskleidung und blieb noch eine Weile in der Stille zurück, die sie mit ihrem Summen füllte. Verträumt glitten ihre Finger über schimmernde Seide und bunten Tüll. Sie ließ sich absichtlich Zeit, war als Letzte zum Umziehen erschienen. Das Lächeln auf ihren Lippen verblasste mit den verstreichenden Sekunden. Heute war der Tag gekommen, sie konnte es unmöglich weiter aufschieben. Das Herz in ihrer Brust, dieses verräterische, kleine Ding in ihrer Brust, zog sich bei dem Gedanken zusammen. Die letzten Noten des Mondtanzes verstummten, als Tessa den kleinen Vorhang beiseite schob und hinter die Kulissen der großen Manege blickte. Die letzten Artisten, Maskenbilder und Kostümschneider verließen gerade das Zelt um den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Owl war sie nach dem gemeinsamen Auftritt aus dem Weg gegangen, damit sie sich keine Notlüge ausdenken musste. Außerdem wollte sie ihren Mentor und Freund aus der ganzen Geschichte raushalten. Je weniger sie andere involvierte, umso besser.
      Tessa verließ ungesehen aus der Umkleide, umrundete den Hauptausgang der Zirkusangestellten und schlüpfte durch eine kleine, geheime Öffnung in der Zeltwand. Der Riss war ihr schon vor ein paar Tagen aufgefallen. Bevor jemand ihn entdecken konnte, hatte sie Kisten und Kleiderstände heimlich davorgeschoben. Sie schwor sich, morgen Bescheid zusagen.
      Flink huschte Tessa über den kleinen Weg in Richtung der Stallungen und Zelte für die Zirkustiere. Leise trat sie ein, um die Tiere nicht zu erschrecken. Konzentriert zählte sie die Schritte in ihrem Kopf. Bedächtig glitt ihre Hand über die grobe, dicke Zeltwand bis sie unter ihren Fingern nachgab. Ein Windzug streifte ihre Fingerspitzen. Vorsichtig schielte sie erst zur einen Seite dann zur anderen Seite. Als Tessa sich vollkommen sicher war, unbeobachtet zu sein, schlüpfte sie in den verborgenen Geheimgang.
      Es war nicht leicht gewesen, die geheimen Wege hinter den Zelten auszukundschaften. Ständig begleitete Tessa die Angst, Chester über den Weg zu laufen. Die Erklärungsnot hätte ihr vermutlich einen Herzstillstand beschert. Sie hatte ein paar Tage gebraucht, um den richtigen Pfad zu finden. Tessa kletterte über Stützpfeiler, wischte Spinnweben fort und duckte sich unter Abspannseilen der Zelte hindurch. Es gab nur eine Chance unbemerkt in Chesters Zelt zu gelangen. Einen Zeitpunkt, an dem er garantiert zu beschäftigt war um plötzlich in seinem Schlafzimmer zustehen. Der Empfang nach der Show gehörte zu den wichtigen Aufgaben eines Zirkusdirektors. Um ihnen Honig um den Bart zu schmieren, hatte sie einmal gesagt.
      Wenige Minuten vergingen bis Tessa einen Fuß in Chesters Zelt setzte. Die Öffnung versteckte sich hinter dem breiten Kopfteil des Bettes. Tessa ging mucksmäuschenstill in die Hocke und spähte um das Bett herum ins Schlafzimmer. Niemand war da. Trotzdem…Tessa schloss für einen Augenblick die Augen. Es blieb still. Sie hatte befürchtet doch das unheilvolle Ticken der Taschenuhr zu hören, dass genauso zu Chester gehörte wie sein warmes Lachen. Bestärkt in der Gewissheit, dass sie ganz allein war, wagte sich Tessa aus ihrem Versteck. Zeit ließ sie sich ab diesem Punkt nicht mehr. Flink huschte sie über den weichen Teppich und zog dabei bereits den abgegriffenen, rostigen Messingschlüssel aus ihrer Hosentasche. Er klimperte einladend an seiner Kette und Tessa spürte den befremdlichen, verführerischen Zug ihn zu benutzen. Die Magie kribbelte in ihren Fingern. Wieder ließ sie sich in die Hocke fallen und hielt den Schlüssel an das alte Truhenschloss. Kaum schwebte der Schlüssel davor, veränderte er seine Form. Er war immer noch alt, aber größer als zuvor und aus demselben Material wie die Beschläge der Truhe. Tessa zuckte leicht, als ein stechender aber kurzer Schmerz durch ihren Schädel zuckte. Er dauerte lediglich einen Wimpernschlag an, da hatte sie den kurzen Moment fast schon wieder vergessen.
      Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Truhe.
      Der vertraute Anblick alter Notizbücher begrüßte die Diebin, die nicht vorhatte eines der Bücher zu stehlen sondern die Erinnerungen darin. Erinnerungen, die nicht ihr gehörten. Tessa holte die gefundene Tagebuchseite von Theresa hervor. Sie hatte das Papier mit aller Behutsamkeit, die sie aufbringen konnte, gefaltet und hoffte, dass es den unsanften Transport unbeschadet überstanden hatte. Wenn Theresa die einst leere Seite aus einem der Notizbücher gerissen hatte, vielleicht in Eile - so wie Tessa es jetzt war - konnte sie an der Abrisskante vielleicht das richtige Buch finden. Der Plan ging nur auf, wenn Theresa sich erdreistet hatte, in Chesters Notizbüchern eigene Zeilen zu hinterlasen. Vielleicht gab es mehr davon. Vielleicht hatte sie Hinweise in den Büchern verteilt, wir Brotkrumen auf einem Weg.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa wühlte sich durch den Haufen alter Bücher, die ganz eindeutig nicht zu der abgerissenen Seite passten. Keines passte dazu, denn Theresas Seite war neu und nicht vergilbt, sie war noch nicht angegriffen vom Lauf der Zeit wie all seine Artgenossen in der Truhe. Sie passte einfach nicht dazu und doch musste sie von dort kommen, denn der Stoff war unvergleichbar. Es konnte nur Chesters Truhe sein.
      Eine geraume Zeit lang suchte sie in dem Gewühl an Büchern, bis sie mit der spitzfindigen Aufmerksamkeit einer Diebin auf eine kleine Naht im Stoff des Deckels stieß, die sich sachte von den anderen abhob. Ein anderer hätte sie womöglich gar nicht erst gesehen, doch Tessa erfasste sie mit der Erfahrung ihres früheren Lebens und zog mit spitzen Fingern an dem Faden. Er löste sich, viel zu leicht für eine so stabile Truhe, und offenbarte eine kleine Tasche innerhalb des Futters. Und dort, mittendrin, lag ein Buch.
      Tessa zog es hervor und verglich die Seite damit. Sie musste nicht lange suchen; es war der vorletzte Eintrag, dem eine Seite fehlte. Es war wirklich Theresas Tagebuch. Als Tessa die Seite heranhielt, offenbarte sich ihr das, was Theresa für wichtig genug erachtet hatte, um es verstecken zu wollen.

      Es bringt nichts. Chester ist nicht so kooperativ, wie ich gedacht hatte. Ich habe das Gefühl, dass er sich seit dem Abendessen in den Kopf gesetzt hat, mich unbedingt von meinen Forschungen abhalten zu wollen. Warum? Was versteckt er? Ist er doch nicht so unwissend, wie er uns alle glauben macht? Er lässt mich jetzt nicht einmal mehr die Artefakte begutachten, sagt immer, dass sie gerade in Gebrauch sind, dass er sie nicht in unfähige Hände geben will, dass er keine Zeit hat, um sich um mich zu kümmern. Ich kann es nicht auf sich beruhen lassen. Ich brauche Antworten, denn die Uhr hat mir mein Leben genommen und ich beabsichtige, es mir zurückzunehmen. Komme, was wolle.

      Ich habe drastische Maßnahmen ergriffen, um Chester von seinen Artefakten wegzulocken. Rückblickend betrachtet möchte ich loswerden: Es tut mir leid. Es tut mir leid um das Chaos, das ich verursacht habe, und um Chester, der alles auf sich genommen hat in dem Versuch, es zu verhindern. Er ist eine gute Seele, das weiß ich, auch wenn er seine Geheimnisse hütet. Er hat nicht verdient, was ich ihm angetan habe, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, ihn außer Gefecht zu setzen. Er hat ein unheimliches Gespür dafür entwickelt, wann ich mich in sein Zelt schleiche, und scheint immer dort aufzutauchen, wo ich ihn gerade nicht haben will. Ich muss wissen, wo er ist und wann er es ist und dafür habe ich keine andere Möglichkeit gesehen. Chester lässt nicht mit sich reden. Was für Geheimnisse er auch hüten mag, sie müssen furchtbar sein, wenn er dafür eine solche Behandlung in Kauf nimmt. Chester, es tut mir leid, aber du hast mir keine Wahl gelassen.

      Die Artefakte sind miteinander verbunden."
      Die Stelle war in aufgeregter Handschrift mehrfach unterstrichen.
      "Ich kann es jetzt mit Sicherheit sagen, basierend auf den Theorien von Mary und Selen. Sie interagieren nicht miteinander, aber sie haben dieselbe Quelle, denselben Fluss, denselben Ursprung. So, wie ich mit meinen Geschwistern - Gott möge sie behüten - verbunden bin: Wir teilen das gleiche Blut, aber wir sind voneinander unabhängig. Die Artefakte wurden geschaffen und der Schmied hat für alle dasselbe Eisen genutzt. Ich bin auf ein Experiment gestoßen, dass diese Theorie bekräftigt. Ich habe es als Ergänzung im Buch niedergeschrieben.
      Die wesentliche Erkenntnis, die ich dadurch erlangt habe, ist, dass die Artefakte aufeinander Einfluss nehmen können - können, aber nicht müssen. Für viele ist eine Interaktion unmöglich; ich kann niemals die Würfel so werfen, dass sie dem Hut sagen, welchen Gegenstand er als nächstes hervor zaubern soll, und der Mantel kann auch niemals so angelegt werden, um die Handschuhe zu beeinflussen. Aber einige können es. Setze ich die Brille auf und werfe die Würfel, dann zeigen sie niemals das, was sie sonst getan hätten. Schreibe ich mit dem Stift auf den Mantel, vergeht seine Schrift. Greife ich mit den Handschuhen in den Hut, so bekomme ich eine Stange zu fassen, die sich niemals herausziehen lässt. Artefakte nehmen Einfluss aufeinander.
      Was bringt dann also eine Uhr zum stoppen? Besitzt Chester überhaupt ein solches Artefakt? Bringt es überhaupt etwas, die Uhr zum Stoppen zu bringen? Er hat uns gezeigt, wie sie weitertickt; wir sollten alle die Uhr stückweise auseinandernehmen, bis alles kaputt und zertreten war, aber sie hat immernoch getickt, hat nicht aufgehört damit. Was ist es dann also? Hat es etwas mit dem Blut zu tun, das sie aufnimmt?

      Mir geht die Zeit aus. Ich halte Chester zu lange hin und ich fürchte seinen Zorn, wenn er die Geduld verlieren könnte. Kein Käfig der Welt kann ihn auf ewig halten und das wissen wir beide. Ich bin erstaunt, dass er noch nicht ausgebrochen ist. Ich habe seine Entfesslungskünste gesehen und weiß, dass ein gewöhnlicher Käfig kein Hindernis darstellt. Führt er vielleicht etwas im Schilde? Ein Grund mehr, mich zu beeilen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr lange leben werde. Ich habe nur diese einzige Chance und ich will sie nutzen; wenn schon nicht für mich selbst, dann für alle anderen in diesem Zirkus. Für die junge, naive Ella, die sich von ihm völlig den Kopf verdrehen gelassen hat, so wie alle dummen Frauen, die ihm über den Weg laufen. Wenn ich es nicht schaffe, wer dann?

      Ich habe keinen Zugang zur Uhr, egal was ich auch versuche. Sie ist immer bei Chester und selbst, wenn ich sie ihm klaue, sobald er mal eingeschlafen ist, verschwindet sie plötzlich, wenn sie zu weit von ihm entfernt ist, und taucht wieder an seiner Seite auf, als wäre nichts geschehen. So kann ich nicht arbeiten, es ist mir unmöglich. Ich muss es in der Theorie zu greifen versuchen - so wie alle meine Vorgänger auch. Bislang habe ich das Buch für großen Humbug gehalten, aber jetzt verstehe ich. Sie waren alle nur auf die Theorie angewiesen, Chester hat keinem von ihnen weitergeholfen. Warum nicht? Das ist nur eine weitere Frage, mit der ich mich vor meinem Tod zu beschäftigen versuche. Aber sie hat keine Priorität.
      Ich habe mich noch einmal auf die Artefakte konzentriert, die nicht von ihm weggeschlossen oder aufbewahrt werden. Unter dem neuen Gesichtspunkt"
      An dieser Stelle war die nächste Seite abgerissen. Tessa hielt ihre mitgebrachte hin.
      "habe ich verschiedene Kombinationen ausprobiert, um eine Änderung in ihrem Verhalten zu provozieren und am Interessantesten fand ich bislang die Kugel. Zuerst dachte ich, sie würde nicht funktionieren, weil ich sie mit den Handschuhen angefasst habe, aber dann habe ich eine ganz merkwürdige Vision gesehen, die ich nicht einordnen kann. Es war allerdings alles undeutlich und verwaschen und ich werde das Gefühl nicht los, dass es nicht so sein soll. Mein Bauch sagt mir, dass ich ein klares Bild bekommen sollte, aber es funktioniert nicht. Warum nicht? Die Aufzeichnungen sagen nichts über die Kugel, jedenfalls nichts, was mir neu gewesen wäre, und niemand erwähnt in seinen Theorien, dass etwas mit der Kugel sein soll. Aber ich bin mir sicher. Die Kugel zeigt die Zukunft für jeden Menschen, aber sie zeigt auch irgendwas mit einem Artefakt. Ich habe es probiert, mit den Handschuhen, mit der Brille, mit dem Hut. Es war immer alles nicht richtig. Was mache ich falsch? Es geht nicht anders, ich muss Chester fragen. Ich muss.

      Das Rascheln der Zeltplane hinderte Tessa daran, zum letzten Eintrag umzublättern. Chester kam nachhause.
      Müde aber glücklich von der Vorstellung kam er herein, warf seinen Hut mit einer schwungvollen Bewegung auf die Garderobe und schlenderte zu seinem Teeservice. Er setzte sich einen neuen Tee auf - süße Beeren - und summte ein bisschen das Lied zum Mondtanz, während er sich umdrehte und zu seinem Schlafzimmer ging. Er hatte Tessa nach der Vorstellung nicht mehr getroffen, sie war beinahe wie vom Erdboden verschluckt, aber vielleicht würde sie noch zum Tanzen vorbeikommen. Sie hatten zwar nichts ausgemacht, aber das hatte die kleine Diebin auch sonst nicht davon abgehalten, zu seinem Zelt zu kommen. In jedem Fall würde Chester sich über ihren Besuch freuen. Besser er wartete mit dem Bad noch einen Moment, bis er sich sicher war, aber umziehen konnte er sich wenigstens schonmal.
      Vergnügt summend trat er in sein Schlafzimmer.
    • Tessa unterdrückte ein Jubeln. Der aberwitzige Zufall, an den sie nicht glaubte, spielte ihr in die Hände. Eine winzige, lose Naht brachte die Ereignisse ins Rollen. Mit spitzen Fingern befreite sie das verborgene Notizbuch aus seinem vergessenen Versteck. Sie hatte tatsächlich Recht behalten. Theresa hatte die wichtigen Aufzeichnungen, an dem einzigen Ort versteckt, an dem Chester niemals nach einem Anzeichen von Verrat gesucht hätte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie die Seiten durchblätterte und die Stelle der herausgetrennten Seite entdeckte. Sie passte haargenau hinein, biss auf den letzten Fetzen. Die Einträge, penibel mit einem Datum versehen, verrieten, dass es sich um ein Tagebuch handelte. Theresa hatte etwas hinterlassen, in der Hoffnung, dass eines Tages eine Person danach suchen würde. Es war ihr letztes Vermächtnis an die Zukunft. Tessa kniff die Augen zusammen und begann zu lesen. Mühselig, viel zu langsam, aber nach und nach offenbarten die Seiten ihr Wissen.
      Das Erste, das Tessa völlig überraschte, war die Reue in den Worten ihrer Namensvetterin. Sie betrachtete Chester nicht als einen schlechtes Menschen, obwohl er ihr die Freiheit gestohlen hatten. Ein bittere Gemeinsamkeit, obwohl Tessa nichts mit der Frau gemein haben wollte, die Chester wie ein Tier in einen Käfig gesperrt hatte. Erst ein paar Einträge weiter, sollte Tessa begreifen, dass Verzweiflung die Frau aus der Vergangenheit des Zirkus Magica antrieb. Ihr lief die Zeit davon, aber warum? War es dir Furcht, dass Chester sich irgendwann befreien würde, wenn er der Spielereien überdrüssig geworden war? War es der Tod, von dem sie sprach? War er bereits nah? Wie alt war sie gewesen? Theresa war nicht auf dem Foto gewesen, aber sie schrieb von Ella. Sie hatten sich gekannt...
      Völlig unpassend erschien ein Grinsen auf ihren Lippen, als sie las.
      Sie hatte herausgefunden, warum Chester immer zu richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchte. Wenn er ihr misstraut hatte und Theresa nichts von den Geheimgängen wusste, wäre es kinderleicht für Chester gewesen, ihr unbemerkt zu folgen. Sie zu beobachten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie sah sich zu allen Seiten um. Konnte es sein, dass...? Tessa schüttelte den Kopf. Nein, Chester hätte niemals zugelassen, dass sie die Truhe öffnete.
      Auf das ungute Gefühl, beobachtet zu werden, wuchs Enttäuschung. Offenbar hatte Theresa das Geheimnis der Uhr nicht lüften können. Was Theresa beschrieb, war auch ihr schon passiert. Eine in ihre Einzelteile zerlegte Uhr, die niemals aufhörte zu ticken. Theresa wusste nicht, wie man die Uhr stoppte. Ob es überhaupt möglich war und die Lösung war. Das brachte Tessa nicht weiter.
      Die Artefakte sind miteinander verbunden."
      Tessa versuchte, sich die Details einzuprägen. Würfel, Mantel, Brille, Handschuhe, Stift...Sie warf einen Blick über die Schulter. Waren sie alle hier? Direkt vor ihrer Nase in den Vitrinen? Sie war bereits zu demselben Schluss gekommen wie Theresa. Etwas stimmte mit den Visionen der Kugel nicht sobald ein anderes Artefakt im Spiel war. Bei der Erinnerung an die wispernden Schatten erschauderte sie. Sie dachte an das blaue Armband, die kleine Ella aus der Vergangenheit. Da war sie ihrer Namensvetterin einen Schritt voraus.
      Die Glaskugel hatte ihr eine Szene aus früheren Jahren gezeigt, aber nur widerwillig.
      Das hieß...wenn Chesters Geheimnisse weit in der Zeit zurücklagen, musste sie die Artefakte, nein, das richtige Artefakt zur Glaskugel schaffen um die Geschichte des Zirkus Magica zu sehen. Der Schlüssel lag im Ursprung der Artefakte und in der Stunde, in der dieser Zirkus als Seelenfänger wiedergeboren wurde. Wenn alles mit der Uhr begonnen hatte...Nein, Theresa hatte es bereits versucht. Die Uhr von Chester zu trennen und zur Kugel zu bringen, würde nicht funktionieren. Und überhaupt, wie sollte sie Chester die Uhr stehlen? Sie war eine gute Diebin, aber nicht so gut, dass sie uralte Magie übers Ohr hauen konnte.
      Vielleicht musste sie es anders probieren. Wenn sie die Uhr nicht stehlen konnte, musste sie vielleicht die anderen Artefakte zur Uhr bringen um herausfinden, ob eines davon mit der Taschenuhr reagierte. Aber wie sollte das gehen, ohne dass Chester es merkte?
      Sie seufzte frustriert und las weiter.
      "...Es war immer alles nicht richtig. Was mache ich falsch? Es geht nicht anders, ich muss Chester fragen. Ich muss.”, murmelte Tessa die letzte Zeile der Seite, begierig umzublättern und mehr zu erfahren.
      Eines konnte Tessa jedoch nicht verdrängen, so gerne sie es wollte. Theresa hatte sich von Verzweiflung und Zeitnot treiben lassen, aber da war noch mehr zwischen den Zeilen. Da war Angst und Tessa musste sich fragen, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, ob Chester dieser andere Theresa etwas angetan hatte.

      Ein Rascheln versetzte Tessa in Alarmbereitschaft, aber erst das Summen brachte die Panik. Chester kam zurück.
      Panisch glitt ihr Blick über die geöffnete Naht. Über den klaffenden, roten Samt, der das lang verborgene Versteck preisgab. Was sollte sie tun? Es in Windeseile wieder zunähen? Sie hatte doch keine Nadel dabei! Sollte sie das Buch einfach mitnehmen? Was, wenn Chester es in ihrem Besitz fand? Sie wollte diesen verletzten Ausdruck purer Enttäuschung nicht auf seinem Gesicht sehen, aber vielleicht war auch das unvermeidlich. Aber noch nicht jetzt, dachte Tessa. Sie wollte doch nur noch ein bisschen Zeit. Sie wollte Chester bis ihr kleiner Traum unweigerlich eines Tages in tausend Stücke zersprang.
      Aber noch nicht jetzt. Noch nicht.
      Tessa schob das Tagebuch zurück in den Deckel der Truhe und stopfte den losen Samt so gut es ging in den Ecken fest. Für mehr blieb keine Zeit. Leise aber flinke schloss sie den Truhendeckel, drehte den Schlüssel herum, stopfte alle übrigen Anzeichen ihres Verrates zurück in ihre Hosentasche und krabbelte auf allen Vieren wieder hinter das Kopfteil des Bettes. Keinen Moment zu früh, denn Chester betrat in dem Augenblick, in dem sie ihren zweiten Fuß geschwind nachzog, das Schlafzimmer. Tessa drückte sich die Hände über Mund und Nase um keinen Mucks von sich zugeben. Chester begann in den Schränken zu wühlen. Ihr Herz schlug so unglaublich laut, dass sie sich dafür fürchtete, Chester könnte es sofort hören.
      Sie starb tausend Tode und wartete auf den passenden Moment um durch den Geheimgang in Sicherheit zu schlüpfen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Weiter vor sich hin summend schlenderte Chester einmal quer durch das Schlafzimmer, an der Truhe vorbei und zu seinem wuchtigen Kleiderschrank. Er suchte sich etwas bequemeres zum Anziehen, falls Tessa doch noch kommen würde, und strich dabei zärtlich über das Mondkleid, das er hier aufbewahrte. So ein hübsches Kleid, so ein hübscher Tanz. So eine hübsche Tessa. Er wurde noch immer ganz aufgeregt, wenn er daran dachte, den Mondtanz wieder in der Manege aufführen zu können. Das würde ein Highlight werden für die nächsten... 200 Jahre. Ja, ganz sicher.
      Er nahm sich ein paar Sachen, richtete sich auf und warf einen Blick in den Spiegel auf der Innenseite der Tür. Er kontrollierte, ob seine Haare noch saßen, dann schloss er die Tür wieder und machte sich auf den Weg nach draußen - bevor er doch wieder stehenblieb. Sein Summen verblasste auf seinen Lippen und er hob den Kopf, sah sich um. Warf einen Blick auf all die Schatten, die sich in seinem Schlafzimmer bewegten.
      Er wurde beobachtet. Er wusste es ganz sicher. Seine Nackenhaare stellten sich auf und seine Haut prickelte. Er konnte das Paar Augen auf sich fühlen, so sicher wie ein Paar Hände. Jemand war mit ihm in diesem Raum.
      Die Frage war nur wer. Oder warum.
      Chester ließ seinen Blick kurz schweifen, dann sah er auf die Kleider in seinem Arm hinab. Er dachte nach. Früher einmal war er besser darin, sowas zu erkennen, aber heutzutage hatte er in solchen Dingen nachgelassen. Du wirst nachlässig. Deswegen musste er stattdessen nachdenken.
      Er hatte heute nichts besonderes getan. Es war ein Abend wie jeder andere gewesen, eine Aufführung wie jede andere auch. Er hatte nichts weiteres mehr vor und ein Artefakt benutzte er gerade auch nicht. Also warum wurde er beobachtet?
      "Was willst du?", fragte er halblaut ins Zimmer hinein. Natürlich bekam er davon keine Antwort - die bekam er sehr selten - aber er wollte, dass der andere wusste, dass er seine Anwesenheit wahrnahm. Chester mochte es nicht, beobachtet zu werden. Hatte er nie.
      Er warf sich die Kleider über die Schulter und drehte sich dem Vorhang zu.
      "Ich hoffe, dass du das bist, Chester, und wenn nicht, dann hoffe ich, dass er es herausfindet. Ich mag das nicht. Jetzt nicht und werde ich auch nie."
      Damit ging er nach draußen ins Wohnzimmer und hoffte, dass er seinen Beobachter dabei zurückließ. Solche Momente waren die unangenehmsten, denn solche Besucher waren die einzigen, die er nicht aus seinem Zelt verbannen konnte. Aber wenn er schauen wollte, dann konnte er auch. Chester würde jetzt erst einmal seinen Tee genießen.
    • "Was willst du?" Tessa hielt den Atem an. Zur Salzsäule erstarrt, kauerte sie hinter dem Bett. Er wusste, dass sie dort war! Angsterfüllt wartete Tessa auf Schritte, die sich dem dürftigen Versteck näherten. Nichts dergleichen geschah, trotzdem kniff sie die Augen zusammen und schickte ein Stoßgebet an einen Gott, an den sie nicht glaubte. Misstrauisch harrte sie in der Stille aus, die ihr keinen Trost spendete, sondern ihre Panik in unbekannte Höhen trieb.
      "Ich hoffe, dass du das bist, Chester, und wenn nicht, dann hoffe ich, dass er es herausfindet. Ich mag das nicht. Jetzt nicht und werde ich auch nie", ließ Chester den Eindringling wissen und Tessa traute sich kaum, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Ein Mucks und alles war vorbei. Was Chester sagte, ergab keinen Sinn und jagte ihr obendrein noch eine Heidenangst ein. Es als unheimlich zu beschreiben, war die Unterreibung des Jahrhunderts. Wie konnte Chester der Eindringling sein, wenn er doch genau dort, wenige Meter von ihr entfernt, stand? Die Drohung, die in den Worten mitschwang, erschütterte Tessa bis ins Mark und zerrte einen Gedanken prominent und erbarmungslos zurück an die Oberfläche.
      Wovor hatte Theresa solche Angst gehabt und was hatte Chester ihr etwas angetan?
      Schritte entfernten sich, bis Tessa sie kaum noch hören konnte. Sie traute sich erst aus ihrem Versteck, als das vertraute Klimpern von Porzellan aus dem Nebenzimmer zu hören war. Keine Sekunde länger hielt sie es hinter dem Bett aus. Tessa atmete bedächtig, langsam und leise durch die Nase aus und wieder ein. Nicht zu laut, niemals zu hektisch, solange die Gefahr noch in der Nähe war. Die Gefahr. Sie hatte Chester verflucht und gemieden, war zornig gewesen und hatte sich von ihm in die Irre führen lassen. Sie hatte Trost aus seiner Anwesenheit geschöpft, hatte sich auf ihn gestützt, bewunderte und, ja, liebte ihn. Aber sie hatte niemals Angst vor ihm gehabt. Bis jetzt.
      Tessa schlüpfte zurück in den Geheimgang und ergriff die Flucht. Sie sah nicht ein einziges Mal über ihre Schulter zurück, weil sie sich davor fürchtete, was sie möglicherweise sah. Weil die Panik sie vorantrieb, dass jemand oder etwas bereits die Verfolgung aufnahm.

      Am nächsten Morgen zwang sich Tessa zum Frühstück ins Kantinenzelt. Für einen kurzen Moment hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich bei Liam krank zu melden und sich für den Rest des Tages in ihrem Wohnwagen zu verstecken. Mit einem mulmigen Gefühl hatte sich Tessa dagegen entschieden. Es wäre zu auffällig gewesen und hätte Chester nicht davon abgehalten, nach ihr zu sehen. Als wäre nichts geschehen, lauschte sie den Gesprächen am Tisch, überredete ihre Lippen hier und da sogar zu einem Lächeln. Tessa schleppte sich zu den Proben, führte brav ihre Nummer mit Owl vor bis Chester zufrieden war. Ihm ein Lächeln zu schenken, fühlte sich natürlich und grotesk zugleich an. Es brachte die Schmetterling in ihrem Bauch dazu, wild mit den kleinen Flügeln zuschlagen und gleichzeitig den quälenden Wunsch hervor, sich vor seinem Blick zu verstecken. Wenn er etwas ahnte, bemerkte Tessa es nicht. Aber wann bemerkte man schon, was Chester wirklich dachte?
      Die abendliche Vorführung war ein Drahtseilakt für ihre Nerven und als sie Stunden später vor Chesters Zelt auftauchte, um die eine feste, wöchentliche Verabredung wahrzunehmen, war Tessa innerlich bereits tauend Tode gestorben. Die letzten Worte, die Chester in die Leere seines Schlafzimmers gesagt hatte, ließen sie einfach nicht los. Sie zögerte. Vielleicht sollte sie umdrehen, sich von Owl entschuldigen lassen, aber das brachte sie nur zu dem Problem zurück, das sie am Morgen schon ins Kantinenzelt getrieben hatte. Chester keinen Verdacht schöpfen. Tessa schob sich die braunen Haare hinter die Ohren, zupfte ihre Kleidung zurecht und als es nichts mehr gab, womit sie Zeit schinden konnte, griff sie nach dem Vorhang des Zelteingangs.
      "Chester?", kündigte sie sich an und trat ins Zelt ein, dass ihr jetzt ein wenig düsterer vorkam. Chester wartete sie mit einem Lächeln, das Eis zum schmelzen bringen konnte und ihre Knie weich werden ließ. Es verwirrte Tessa, dass sie gleichzeitig den Rückzug antreten und ihn küssen wollte bis sie keine Luft mehr bekam. Eines fühlte sie allerdings glasklar: Sie konnte nicht in diesem Zelt bleiben. Es fühlte sich falsch und bedrohlich an.
      "Hey...", grüßte sie und ging auf Chester, stellte sich auf die Zehnspitzen und drückte einen sanften Kuss auf seine Wange. Das hatte sie die letzten Male immer so gemacht, wenn sie zum Tanzen kam. Tessa lächelte ihn verliebt an. Sie musste es gar nicht vortäuschen, das Lächeln kam von ganz allein. Sie nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. "Hör mal, ich habe da eine klitzekleine Idee. Heute ist Vollmond und der Himmel ist sternenklar. Können wir draußen üben? Es ist auch gar nicht mehr so kalt und was wäre authentischer als den Mondtanz unter einem Vollmond zu üben? Was sagst du?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa war an diesem Abend nicht mehr gekommen und obwohl Chester sich Gedanken darüber machte, ob bei ihr alles in Ordnung war - sie war bei den Proben ein bisschen zu steif gewesen und hatte ein bisschen zu oft in Chesters Richtung geblinzelt - warf er das alles wieder über den Haufen, als sie ihre nächste Verabredung einhielt. Sicher hätte Chester es bemerkt, wenn etwas vor sich gehen würde, und wenn nicht, dann würde sie es ihm sicher sagen.
      "Chester?"
      "Komm herein!"
      Tessa kam herein und Chester begrüßte sie mit einem strahlenden, vorfreudigen Lächeln. Selbst wenn sie nicht den Mondtanz üben würden, er würde sich noch immer über Tessas Anwesenheit freuen. Er mochte es ganz unabhängig, Zeit mit ihr zu verbringen.
      "Da ist sie ja, meine tanzende Schönheit."
      "Hey..."
      Sie kam auf ihn zu und drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange. Ein wunderbar warmes Gefühl umhüllte Chester und er schloss für einen Moment die Arme um sie. Diese Zweisamkeit, die sie teilten, gefiel ihm. Er würde sie so lange genießen, wie er sie haben konnte.
      "Hör mal, ich habe da eine klitzekleine Idee. Heute ist Vollmond und der Himmel ist sternenklar. Können wir draußen üben? Es ist auch gar nicht mehr so kalt und was wäre authentischer als den Mondtanz unter einem Vollmond zu üben? Was sagst du?"
      Chesters Augen weiteten sich ein bisschen, dann strahlte er erneut.
      "Das ist eine wunderbare Idee! Ja, das machen wir, das ist gut. Komm."
      Er nahm sie bei der Hand und führte sie direkt nach draußen. Noch war es nicht dunkel genug für das Mondlicht, aber das würde es sicher bald sein. Chester spürte die Vorfreude bereits in sich, als er Tessas Hände ergriff.
      "Bereit? Wir tanzen den Auftakt, nur bis zur Einführung. Auf mein Zeichen."
      Und ohne weiter große Reden zu schwingen, begann Chester den Auftakt, sie beide bald schon nur noch tanzende Silhouetten in dem seichten Licht des Vorplatzes. Er führte sie durch die eleganten, noch langsamen Bewegungen, stets eine Hand auf ihr, ihre Körper in harmonischem Einklang. Und um sie herum das silberne Licht des Mondes.
      "Der Mond", raunte Chester ihr zu, als ihre Köpfe aneinander kamen. "Achte auf den Mond. Wir tanzen mit ihm."
      Dann ließ er sie in seinen Armen drehen, fing sie auf, als sie sich in einer Streckbewegung nach hinten beugte und dann war er dort plötzlich: Nicht Chester, sondern der Mond, direkt am Himmel, genau dort, wo Chester ihr so viele Male eingebläut hatte, hinzusehen. Jetzt erfüllte er ihr Blickfeld und mit ihm sein silbriges Licht, das ihre Haut zum leuchten brachte. Sie tanzten mit ihm. Er war stets da, sein silbriges Leuchten wie eine Gestalt, die sich immer mit ihnen bewegte, die immer in ihren Augenwinkeln lag, um sie in ihren Bewegungen zu begleiten. Chester lächelte. Sie waren zwar noch lange nicht so weit, den ganzen Mondtanz zu tanzen, aber schon jetzt spürte er seine Anziehungskraft, die Macht der Entfaltung einer Geschichte, die sie damit zu erzählen versuchten. Und der Mond war ein wichtiger Teil davon.
      "Spürst du es?"
      Er wirbelte Tessa im Takt seiner Uhr herum und fing sie auch gleich mit einem Arm an ihrer Taille wieder auf.
      "Spürst du, wie er uns begleitet?"