Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "Aber ich mag sie bestimmt nicht so wie sie mich mag. Ich mag Hector - Tessa wird bestimmt nicht wollen, dass ich sie so mag wie einen Elefanten!"
      Ella klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. Das musste Chester ganz alleine herausfinden, aber die alte Frau hatte bereits eine Ahnung welche Form von Mögen ihm gerade den letzten Nerv raubte.
      "Wird mich das wirklich glücklich machen?"
      „Vielleicht“, antwortete Ella. „Vielleicht auch nicht. Das wirst du selber herausfinden müssen.“
      Sie beobachtete wie es in Chester arbeitete, wie er die Gedanken von links nach rechts wälzte. Ein paar Minuten länger und ihm wäre von all der Grübelei Rauch aus den Ohren gequollen. Das Kichern konnte Ella sich einfach nicht länger verkneifen.
      "Wieso muss es Liebe geben? Wer hat sich sowas denn nur ausgedacht?"
      Das brachte sie zum Lachen. Ella schüttelte den Kopf und ihre dünnen grauen Locken standen danach noch wilder ab als zuvor. Als Chester den Kopf in seinen Händen vergrub, tätschelte sie ihm verständnisvoll den Hinterkopf.
      „Hm, wahrscheinlich ein Frau, die es liebte ihre Männer in den Wahnsinn zu treiben.“
      Ella verabschiedete Chester.
      Sie stand im Türrahmen ihres Wagens und winkte ihm hinterher. Den gestrickten Überwurf, den sie sich gegen die Brise um die Schultern gelegt hatte, zog sie etwas enger. Ella hoffte, dass alles gut ausgehen würde. Die Gewissheit, dass Chester vielleicht Tessa an seiner Seite haben könnte - wenigstens für eine Weile - beruhigte die alte Dame. Die Diebin, die sich hartnäckig hielt und sich nicht von Chester abschrecken ließ, konnte sein Sicherheitsnetz sein wenn -
      Ella schüttelte den Kopf. Die Tickets warteten und jünger wurde sie auch nicht, wenn sie weiter hier herumstand.

      Die Vorstellung war in vollem Gange. Hinter dem Vorhang ertönte überschwänglicher Applaus und flutete auch den hinteren Teil des großen Showzelts. Im Hintergrund der Manege herrschte eine einzigartige Energie, der sich Niemand entziehen konnte. Tessa trat von einem Fuß auf den Anderen, bis Owl ihr beide Hände auf die Schultern legte.
      Dieses kleine Ritual hatten sich das ungleiche Paar bereits nach den ersten Vorstellungen angewöhnt. Im gleichen Rhythmus wie Owl zu atmen, beruhigte die aufgewühlten Nerven. Gleichzeitig wusste Tessa, dass Owl, ganz gleich was zwischen ihnen stand, ihr immer den Rücken freihielt. Sie waren ein Team. MIt den großen Händen auf den Schultern ließ sie sich zum Eingang der Manege führen. Ein paar Minuten noch, dann würde das Zelt kurz in Dunkelheit getaucht werden und sich der Vorhang für sie öffnen. Um sie herum flitzten Kostüm- und Maskenbildner kreuz und quer durch die Artisten und Darsteller. Frisuren wurden gerichtet, Kostüme zurechtgezupft, verwischte Schwinke korrigiert und-
      "Hallo Tessa."
      Sie blinzelte ihn an als hätte sie einen Geist gesehen.
      "Der Abend gestern hat mir gefallen."
      Was?
      Owls Finger auf ihren Schultern zuckten. Gut, sie hatte also vor Aufregung keine Halluzination. Der Messerwerfer sah und hörte Chester auch. Gott, Tessa wusste, dass sie starrte als wäre dem Mann ein zweiter Kopf gewachsen.
      "Ich finde, wir sollten uns nochmal gemeinsam hinsetzen und die Sache durchdenken. Was meinst du?"
      Um Tessa herum wurde es plötzlich ganz still. Nicht wirklich, aber ihr Unterbewusstein blendete den Trubel aus.
      Ganz langsam kroch ein sanftes Lächeln über ihre Lippen.
      "Ja. Klingt gut", antwortete sie. "Hol mich nach der Vorstellung am Ausgang ab."

      Tessa wartete, wie versprochen, am Hinterausgang des Zeltes, der allein für die Nutzung durch die Angestellen gedacht war und seine Pforten direkt ins Herz des Zirkus Magica öffnete. Von da aus war es weder weit zu den Ställen, noch zum Kantinenzelt oder ihren Schlafwagen. Tessa saß auf einer Kiste mit aussortierten Requisiten und ließ die Beine baumeln.
      Sie trug eine dünne Jacke, die den milden Frühlingstemperaturen entsprach und war ansonsten in ihre übliche Pulli-und-Hose-Kombi geschlüpft. Sie war doch ein wenig nervös, weshalb sie vergessen hatte das komplette Makeup zu entfernen und ihre Augen immernoch mit schwarzer Kohle umrahmt waren.
      Erschöpft aber trotzdem irgendwie aufgekratzt von der Vorstellung strömten alle Anderen an ihr vorbei. Die neugierigen Blicke ignorierte sie, so gut wie es irgendwie ging. Tessa war sich ziemlich sicher, dass Owl, die Klatschtante, geplappert hatte. Roy hielt den Daumen hoch, als er an ihr vorbei ging, was Tessa sichtlich irritierte. Malias Blick war schwer zu deuten, seit dem kleinen Vorfall am Wagen, ging die Frau ihr sowieso aus dem Weg. Owl zuckte entschuldigend mit den Schultern und trollte Malia hinterher.
      Irgendwann wurde es ruhiger bis sie nur noch das entfernte Schnauben aus den Stallzelten vernehmen konnte.
      Als Chester auftauchte, legte Tessa lächelnd den Kopf schief.
      "Hey...", begrüßte sie ihn.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach Tessas Zustimmung ließ sich die Aufführung leichter leiten, wie Chester fand. Es wäre wohl schlimm gewesen, wenn Tessa abgesagt und ihm damit insgeheim gesagt hätte, dass er seine Chance verpasst und sie gekränkt hätte. Das wäre sogar furchtbar gewesen, denn Chester hatte doch schließlich keine Ahnung, was er mit seinen Gefühlen anfangen sollte.
      Er leitete den Abend, der in einem großen Erfolg und tosenden Applaus endete, und schlüpfte dann nach draußen, um neue Bekanntschaften hinter sich zu bringen, um Hände zu schütteln, über Witze zu lachen und sich Komplimente über die Show geben zu lassen. In der Zwischenzeit war Tessa sicherlich noch wie die anderen mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, aber Chester beeilte sich trotzdem. Er wollte sie nicht zu lange warten lassen; nicht, dass sie ihre Meinung noch änderte.
      So früh wie möglich stahl er sich aus der Menge und folgte der Seite des Aufführungszeltes, bis er den Hintereingang erreicht hatte, wo er Tessa erleichtert entdeckte. Sie saß auf einer Kiste, bereits umgezogen, und sah in die Weite des Zirkusses hinaus. Ihre Haare trug sie wieder offen und Chester verspürte eine gewisse Erleichterung darüber, dass sie ganz normal wirkte. Nicht wütend oder angespannt oder irgendwas.
      Als er näherkam entdeckte sie ihn und begann zu lächeln. Ein hübsches Lächeln.
      "Hey..."
      "Hey!"
      Er grinste zurück und blieb bei ihr stehen.
      "Lass uns doch einen Tee bei mir trinken gehen. Wie wäre das?"

      Zum zweiten Mal an diesem Tag bereitete er ein Teeservice vor und brachte es dann zur Couch, wo Tessa sich bereits niedergelassen hatte. Er war nach ihrer Ankunft auch schnell in normale Klamotten geschlüpft und lächelte jetzt, als er das Service vor ihr abstellte. Es fühlte sich fast schon wie gestern Abend an und das machte das folgende Gespräch vielleicht auch erträglicher.
      Kommentarlos schenkte er ihr ein. Natürlich ihr Lieblingstee: Kamille. Danach setzte er sich zu ihr.
      "Tessa, ich freue mich, dass du hier bist. Wirklich."
      Er lächelte aufrichtig und wandte sich ihr zu. Natürlich hatte er sich schon zurechtgelegt, was er ihr sagen wollte. Er hatte ja auch den ganzen Tag dafür Zeit gehabt.
      "Ich fürchte, das kam gestern alles ein bisschen plötzlich, deswegen möchte ich noch einmal mit dir sprechen, Tessa. Über uns."
      Er lächelte noch immer, diesmal ein bisschen zaghafter. Einstudiert, natürlich, bei so einem wichtigen Gespräch wollte er nichts dem Zufall überlassen.
      "Ich freue mich, wenn du so über mich denkst, aber ich möchte, dass du dir bewusst wirst, dass ich nicht sehr normal bin, was solche Sachen angeht."
      Wieder ein Lächeln, eine Nuance anders. Perfekt aufgesetzt, um aufkeimende Sorgen gleich zu vernichten.
      "Ich mag dich, Tessa, das tue ich, aber ich werde dich niemals so mögen, wie du einen Mann magst. Ich empfinde bei einem Kuss nicht das gleiche wie du und ich werde niemals dieselben Bedürfnisse haben wie du. Ich kann nicht lieben, das geht einfach nicht. Nicht, weil ich es nicht möchte, sondern weil ich gar nicht weiß, was das sein soll."
      Er zuckte mit der Schultern, genau mit der richtigen Mischung aus Unbeholfenheit und Verzagtheit.
      "Ich denke also, wenn du danach suchst, dann solltest du dir einen netten jungen Mann suchen. Hier gibt es so viele nette, junge Männer, dir wird bestimmt einer von ihnen gefallen. Und wir können trotzdem noch Freunde bleiben. Verstehst du?"
    • Der Duft von frisch gebrühtem Kamillentee lag in der Luft. Tessa lächelte, weil Chester extra ihren Lieblingstee auswählte. Eine zuvorkommende und liebevolle Geste, die ihre Nervosität ein wenig beruhigte. Sie wusste, was das bedeutete. Ihr stand ein ernstes Gespräch bevor und nicht alles davon würde ihr gefallen. Der Tee war ein Trost. Sie sollte sich trotzdem wohl und willkommen fühlen.
      "Tessa, ich freue mich, dass du hier bist. Wirklich."
      Ein wenig förmlich, aber zumindest aufrichtig. Um seine Bemühungen zu würdigen, nahm Tessa den eingeschenkten Tee auf ihren Schoß. Sie schnupperte daran. Echte Kamillenblätter, keine dieser billigen und gestreckten Teemischungen, die kaum die Bezeichnung eines Kamillentees verdient hatten.
      "Ich fürchte, das kam gestern alles ein bisschen plötzlich, deswegen möchte ich noch einmal mit dir sprechen, Tessa. Über uns."
      Tessa nickte, damit Chester wusste, dass sie ihm zuhörte.
      Vielleicht wäre sie vor ein paar Monaten noch beleidigt gewesen, dass er dieses zaghafte aber einstudierte Lächeln aus dem Hut zauberte um sie zu besänftigen. Sie hatte längst begriffen, dass dieses Lächeln eines von vielen Sicherheitsnetzen war. Etwas, das ihm in Fleisch und Blut übergangen war.
      Er würde sie abweisen - sanft, behutsam und verständnisvoll.
      Trotzdem wurde ihr ganz warm ums Herz als Chester 'uns' sagte. Es gab ein Uns, ein Wir.
      "Ich freue mich, wenn du so über mich denkst, aber ich möchte, dass du dir bewusst wirst, dass ich nicht sehr normal bin, was solche Sachen angeht."
      Wieder nickte Tessa.
      Sie spürte, dass Chester die Worte mit Sorgfalt ausgewählt hatte.
      "Ich mag dich, Tessa, das tue ich, aber ich werde dich niemals so mögen, wie du einen Mann magst. Ich empfinde bei einem Kuss nicht das gleiche wie du und ich werde niemals dieselben Bedürfnisse haben wie du. Ich kann nicht lieben, das geht einfach nicht. Nicht, weil ich es nicht möchte, sondern weil ich gar nicht weiß, was das sein soll."
      Die Teetasse war ein kleiner Rettungsanker, an dem sich Tessa festhielt.
      Die Enttäuschung schluckte sie mit etwas Kamillentee herunter. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Gefühle diesen Moment der Offenheit ruinierten. Der Gedanke, dass sie Chester genug bedeutete um überhaupt dieses Gespräch zu führen, machte sie glücklich und traurig zugleich.
      "Ich denke also, wenn du danach suchst, dann solltest du dir einen netten jungen Mann suchen. Hier gibt es so viele nette, junge Männer, dir wird bestimmt einer von ihnen gefallen. Und wir können trotzdem noch Freunde bleiben. Verstehst du?"
      Vorsichtig stellte Tessa den Tee zurück. Das Porzellan klickte leicht auf dem Holz des Couchtisches.
      "Ich verstehe."
      Ganz wie am Abend zuvor zog Tessa die Beine auf das Sofa, faltete sie in einem bequemen Schneidersitz und drehte sich leicht herum, damit sie Chester direkt ansehen konnte. Sie hatte keinen Spiegel zur Hand um zu überprüfen, ob ihr Gesichtsausdruck so ernst war wie er sich anfühlte. Tessa pickte verlegen an ihren Fingernägeln. Jetzt wünschte sie sich doch die warme Teetasse zurück, damit ihre Hände etwas zu tun hatten. Ganz von allein fand ihr Daumen den Weg an ihr Gesicht, wo sie nervös die empfindliche Nagelhaut mit den Zähnen malträtierte.
      "Denkst Du wirklich, ich weiß, was ich tue? Ich war noch nie verliebt. Nicht so richtig", gestand sie. "Hm, ich habe schon mal jemanden geküsst und auch...du weißt schon. Das hatte nichts mit Verliebtsein zu tun. Also, eigentlich, weiß ich genauso wenig wie Du, was das sein soll."
      Nun war sie doch ein wenig rot im Gesicht geworden.
      "Ich erwarte nicht von Dir, dass du händchenhaltend mit mir durch den Zirkus spazierst oder so", murmelte sie. "...und ich will auch nicht mit einem anderen 'nette jungen Mann' händchenhaltend spazieren."
      Zugegeben, das klang jetzt doch etwas trotzig und gar nicht mehr erwachsen. Tessa seufzte und zwang sich, von ihrem Daumen abzulassen. Stattdessen schnappte sie sich eines der Sofakissen, stopfte es in ihren Schoß und begann an den Fransen in den Ecken des Bezuges zu zupfen.
      "Kann ich Dich etwas fragen, Chester?"
      Sie wartete auf seine Zustimmung.
      "Woran hast Du gedacht, als ich Dich geküsst habe?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa nahm die Sache gelassen, oder zumindest so gelassen, wie es ihr möglich war. Chester fiel dennoch auf, wie sie sich verspannte und wie sie genau in dem Moment zu ihrer Tasse gegriffen hatte, als ihre Mundwinkel gezuckt hatten. Natürlich fiel es ihm auf, denn es war genau das, womit er gerechnet hatte. Doch trotz dieses offensichtlichen Rückschlags nahm sie es gelassen.
      "Denkst Du wirklich, ich weiß, was ich tue? Ich war noch nie verliebt. Nicht so richtig. Hm, ich habe schon mal jemanden geküsst und auch...du weißt schon. Das hatte nichts mit Verliebtsein zu tun. Also, eigentlich, weiß ich genauso wenig wie Du, was das sein soll."
      Ein bisschen erleichtert lächelte Chester, denn er glaubte, dass das die Sache einfacher machte. Einfacher für ihn zum erklären.
      "Das musst du nicht - du musst nicht wissen, was du tust. Es ist gut, dass du deinem Gefühl folgst und es ist sicher auch richtig. Aber ich möchte dir die falschen Erfahrungen ersparen, denn ich bin sicher nicht richtig. Ich kann dir nicht das geben, was dir ein normaler Mann geben kann."
      "Ich erwarte nicht von Dir, dass du händchenhaltend mit mir durch den Zirkus spazierst oder so", gab Tessa zurück und zu Chesters eigener Überraschung kicherte er darüber. Denn so lächerlich es auch eigentlich sein sollte, das war durchaus etwas, was er ihr geben konnte.
      "...und ich will auch nicht mit einem anderen 'nette jungen Mann' händchenhaltend spazieren."
      Dass sie es so formulierte, ließ es gleich wie einen Vorwurf klingen, aber Chester nahm es ihr nicht übel. Sicher würde sie an seiner Stelle genau dasselbe tun, wenn sie in seinen Schuhen steckte.
      Tessa seufzte und versteckte sich als nächstes hinter einem Kissen. Die unbewusst Abweisung hätte womöglich schmerzen können, wenn Chester nicht genau darauf aus gewesen wäre.
      "Kann ich Dich etwas fragen, Chester?"
      "Natürlich." Den Gefallen konnte er ihr tun. "Immer."
      "Woran hast Du gedacht, als ich Dich geküsst habe?"
      Die Frage kam unerwartet und so hatte Chester sich nicht darauf vorbereitet. Ella hatte ihn etwas ganz ähnliches gefragt - was er gefühlt habe, als Tessa ihm gesagt hatte, dass sie ihn mochte - und für einen Augenblick überlegte er, ob Tessa mit der alten Frau nicht über ihn geredet hatte. Aber selbst wenn es so wäre, was machte das schon für einen Unterschied? Ihre Frage wollte er trotzdem beantworten und das war nicht so einfach, wie er gedacht hatte.
      "Ich habe gedacht..."
      Er hatte viel gedacht, ganz sicher. Er hatte darüber nachgedacht, dass er nachlässig wurde, dass das falsch war, dass er Tessa aufhalten sollte, er hatte über die Konsequenzen nachgedacht, über die Bedeutung, die hinter dem Kuss steckte, er hatte über seine Fehler nachgedacht, über die Möglichkeit, dass er selbst hinter alldem steckte, dass Tessa gar nicht ihrem freien Willen folgte. Das war eine Menge, die ihm in dem Moment durch den Kopf geschossen war und mit denen er Tessa jetzt unmöglich überhäufen konnte. Ganz sicher nicht.
      Er hatte auch darüber nachgedacht, dass es sich gut anfühlte, dass er den Kuss genoss, dass er es mochte, von Tessa gemocht zu werden. Er hatte auch über ihren ersten Kuss nachgedacht und darüber, wie anders Tessa geworden war. Anders, aber nicht unbedingt schlechter.
      "Hm..."
      Das war keine einfache Frage und er wusste auch, dass sehr viel davon abhing, wie er sie nun beantworten würde. Dabei hatte er auch die Möglichkeit, Tessa anzulügen, um einfach das zu erreichen, was er haben wollte. Nur wusste er eben nicht, was dieses gewisse Etwas war.
      "Ich habe gedacht, dass es schön ist", schloss er schließlich langsam. "Ein schöner Kuss. Ich habe auch gedacht, dass er falsch ist. Nicht, weil ich dich nicht küssen möchte, sondern weil du mich nicht mögen solltest - nicht auf diese Weise. Das wäre nicht gut für dich. Nein."
      Er lächelte ein bisschen und verlagerte sein Gewicht auf der unbequemen Couch. Er wusste noch immer nicht, was er wollte, wusste nicht, in welche Richtung er das hier schieben sollte. Deswegen fragte er aufrichtig:
      "Warum magst du mich denn?"
    • Chester überlegte lange. Sie hatte ihm eine unerwartete Frage gestellt und das bedeutete, dass sie Antwort bekam, über die er sich nicht den ganzen Tag den Kopf zerbrochen hatte. Ob ihm aufgefallen war, dass sie mit Absicht nach seinen Gedanken anstatt nach seinen Gefühlen? Es war ihr Versuch gewesen, es ihm leicht zu machen. Tessa umarmte das Sofakissen und drückte es leicht gegen ihre Brust. Egal wie weich es war, es konnte sie nicht vor der Antwort schützen, aber das brauchte es letztendlich auch nicht.
      "Ich habe gedacht, dass es schön ist. Ein schöner Kuss. Ich habe auch gedacht, dass er falsch ist. Nicht, weil ich dich nicht küssen möchte, sondern weil du mich nicht mögen solltest - nicht auf diese Weise. Das wäre nicht gut für dich. Nein."
      Das war nur ein Teil der Wahrheit, aber es war okay. Nicht gut, nicht schlecht. Einfach okay.
      "Warum magst du mich denn?", fragte er schließlich.
      Eine Frage für eine Frage. Das war fair, obwohl es ihr ein klein wenig peinlich war, ihm darauf eine Antwort zu geben.
      Tessa lächelte zögerlich und vergrub das Gesicht kurz in dem Kissen. Ein großer Fehler, denn alles in diesem Zelt roch ein kleines Bisschen nach Chester. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch konnte sie in diesem Moment wirklich nicht gebrauchen. Sie gab ihr Versteck auf um Chester anzusehen. Hitze kroch ihr in die Wangen.
      "Ich mag dich, weil du mich zum Lachen bringst."
      Das war einfach und ein guter Anfang.
      "Ich mag dich, weil du mich ernst nimmst. Du hörst mir zu, auch wenn du die Hälfte davon irgendwann wieder vergisst. Das macht nichts, weil du mich dabei ansiehst, als wäre gerade nichts anderes von Bedeutung. Ich mag dich, weil dir die Menschen in diesem Zirkus wirklich etwas bedeuten. Am Anfang dachte ich, wir wären alle nur ein Mittel zum Zweck. Irgendwie sind wir das auch, aber nicht nur. Wusstest du, dass Jamie mich zurecht gestutzt hat, weil ich nur ein böses Wort über dich verloren habe? Ich sehe, wie du mit Roy und Owl herumalberst, wie du jeden Tag sichergehst, dass es Ella gut geht. Ich habe gesehen, wie sehr dich Tobys Tod berührt hat."
      Sie senkte den Blick.
      "Und es tut mir immer noch leid, dass ich damals einfach so hereingeplatzt bin. Das war nicht in Ordnung."
      Tessa lockerte den Klammergriff um das Kissen.
      Sie war wieder dazu übergangen mit den Franzen herumzuspielen.
      "Du sagst, du fühlst nicht wie wir, wie normale Menschen, und ich mag dich noch ein kleines Bisschen mehr, weil du es versucht zu verstehen. Du hättest mich mit einer Lüge umschmeicheln und fortschicken können. Hast du aber nicht und das heißt, ich bedeute dir etwas. Was immer dieses etwas auch ist und das macht mich glücklich."
      Verlegen presste sie die Lippen aufeinander.
      "Seit ich hier bin, habe ich viele unterschiedliche Gesichter von dir gesehen. Du bist mehr als nur ein Leben, eine Geschichte, und ich hab sie alle gemocht. Auf die eine oder andere Art. Auch den Chester, der mir wehgetan hat. Ein bisschen verrückt, oder?"
      Sie lehnte sich ein wenig vor um Chester besser ins Gesicht sehen zu können.
      "Aber dieses hier, das Gesicht mag ich am liebsten. Erzähl es nicht nicht den Anderen."
      Um die Worte zu unterstreichen, legte sie sich einen Finger an die Lippen.
      Der kurze Moment der Leichtigkeit, löste einen Knoten in ihrer Brust.
      Sie sah ihn offen an und mit Augen voller Wärme.
      "Wovor hast du solche Angst, Chester?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa zögerte ein bisschen, aber an ihrer schnell ändernden Gesichtsfarbe konnte Chester leicht erkennen, dass sie die Antwort schon längst wusste. Sie musste sich nur noch dazu überwinden, sie in richtige Worte zu verpacken und dafür ließ er ihr mit Geduld die Zeit.
      "Ich mag dich, weil du mich zum Lachen bringst."
      Das kam so geradeheraus und stimmte so genau mit Chesters Vorliebe überein, sie zum Lachen zu bringen, dass er aus reinem Reflex heraus aufhorchte und lächelte. In diese Richtung würde das also gehen - aber das war doch wunderbar, ganz fantastisch. Sie würden nicht aneinander vorbeireden, sie würden genau dieselben Bedürfnisse etablieren. Auf so einer Grundlage konnte man die Sache sehr schnell klären und abwickeln.
      Aber da kam noch mehr.
      "Ich mag dich, weil du mich ernst nimmst. Du hörst mir zu, auch wenn du die Hälfte davon irgendwann wieder vergisst. Das macht nichts, weil du mich dabei ansiehst, als wäre gerade nichts anderes von Bedeutung."
      Chester nickte bekräftigend, auch wenn ihm von ihrer letzten Bemerkung etwas mulmig zumute wurde. Dann war es also doch seine Schuld, dass sie hier gelandet war? Er war doch unvorsichtig gewesen mit seinen Manipulationen?
      "Ich mag dich, weil dir die Menschen in diesem Zirkus wirklich etwas bedeuten."
      Doch das ließ ihn stutzen. Das war nicht Teil seiner Manipulation, das konnte es gar nicht sein. Er hatte Tessa gegenüber sicher auch niemals erwähnt, dass er sich um die Leute in seinem Zirkus sorgte, er tat es einfach. Und es war ihr aufgefallen. Sie mochte es. Er spürte ein warmes Gefühl davon.
      "Am Anfang dachte ich, wir wären alle nur ein Mittel zum Zweck. Irgendwie sind wir das auch, aber nicht nur. Wusstest du, dass Jamie mich zurecht gestutzt hat, weil ich nur ein böses Wort über dich verloren habe?"
      Nein, das wusste er nicht. Nein. Er wusste es nicht. Chesters Gesichtszüge wurden ein bisschen reglos, als er sich nicht sicher war, welches Lächeln er dafür aufsetzen sollte. Er hatte es nicht gewusst und Jamie verteidigte ihn. Der kranke, junge Jamie verbesserte eine hübsche Frau, um Chester zu verteidigen. Er hatte es nicht gewusst.
      "Ich sehe, wie du mit Roy und Owl herumalberst, wie du jeden Tag sichergehst, dass es Ella gut geht. Ich habe gesehen, wie sehr dich Tobys Tod berührt hat."
      Toby - der Gedanke versetzte ihm auch jetzt einen leichten Stich, aber die Tränen waren ausgeweint und so dachte er nicht wieder über den Mann nach. Nur hatte Tessa ihn dabei erwischt und ihm nichts als Verständnis gegenüber gebracht. Denn sie hatte gesehen, wie sehr es ihn mitnahm. Sie hatte gesehen, dass er sich um den Zirkus und seine Angestellten sorgte.
      Deswegen mochte sie ihn.
      Sie mochte ihn.
      "Du sagst, du fühlst nicht wie wir, wie normale Menschen, und ich mag dich noch ein kleines Bisschen mehr, weil du es versucht zu verstehen. Du hättest mich mit einer Lüge umschmeicheln und fortschicken können. Hast du aber nicht und das heißt, ich bedeute dir etwas. Was immer dieses etwas auch ist und das macht mich glücklich."
      Sie mochte ihn, weil... weil...
      Weil er das Gespräch nicht in eine Richtung lenkte, weil er sich dagegen entschieden hatte. Weil er die Mühe auf sich genommen hatte, sich mit jemandem auseinanderzusetzen, der in Chesters Augen nur sehr, sehr kurz in seinem Zirkus verweilen würde. Weil er die Gedanken um Tessa zu all den anderen Gedanken hinzu schob, die sich über die Jahrzehnte angehäuft hatten, anstatt das Problem jetzt gleich und schnell zu lösen. Deswegen mochte sie ihn.
      Chesters Gesichtszüge entgleisten ihm ein bisschen.
      "Seit ich hier bin, habe ich viele unterschiedliche Gesichter von dir gesehen. Du bist mehr als nur ein Leben, eine Geschichte, und ich hab sie alle gemocht. Auf die eine oder andere Art. Auch den Chester, der mir wehgetan hat. Ein bisschen verrückt, oder?"
      Ja - ja. Es war verrückt, denn Tessa wusste nichtmal den Ansatz der Wahrheit. Sie hatte keine Ahnung, konnte keine Ahnung haben, was sie ihm gerade zu erklären versuchte. Was für eine Bedeutung in ihren Worten steckte.
      "Aber dieses hier, das Gesicht mag ich am liebsten. Erzähl es nicht nicht den Anderen."
      Und damit mochte sie ihn. Sie mochte, was er zeigte, wenn er keine einstudierte Miene präsentierte. Sie mochte es zu sehen, was sich hinter seinen Masken verbarg, einen flüchtigen Blick auf das erhaschen zu können, was die Jahrhunderte mit einem Mann anstellten. Sie mochte es, Chester zu sehen. Dabei kannte sie ihn doch nicht, kannte doch nur die Person, die er seit ein paar Jahren war.
      Chester schluckte. Zum ersten Mal wusste er nichts zu antworten. Er starrte Tessa mit ihrer verletzlichen Offenheit an, die ihm anvertraute, sie nicht in tausend Teile zu zerreißen. Er versuchte zu verarbeiten, was es bedeutete, dass sie ihn mochte. Ihn.
      "Wovor hast du solche Angst, Chester?"
      Sein Name aus ihrem Mund war wie ein kleiner Messerstich. Es zeigte, wie wenig sie wusste. Wovor hatte er also Angst?
      "Ich..."
      Reglos saß er auf seinem Platz und starrte sie an. Wovor hatte er Angst, wenn sie ihn doch mochte?
      "Ich habe Angst vor dem... Leben."
      Er wusste, dass das die Wahrheit war, und doch nicht die volle Wahrheit, die Tessa verstehen würde. Das konnte sie nicht. Sie hatte doch gerade erst an der Oberfläche gekratzt.
      "Meins, deins, unseres. Alles Leben. ... Das Leben ist kurz."
      Er brachte eine Regung in seinem Gesicht zustande, wusste aber nicht, wie sie aussah. Alles in ihm fühlte sich roh an, nachdem Tessa ihn mochte. Ihn mochte.
      "Und deins wird gleich wieder vorbei sein. Es ist so kurz, dass du keine Fehler machen solltest... die ich aufhalten kann. Ich erkenne sie, weil mein Leben länger ist. Deins ist so kurz und -"
      Er schluckte. Sein Gehirn schien überladen; so viele Zirkusse, so viele Menschen, so viele Leben.
      So viele Chester. Und jeder einzelne hätte an dieser Stelle etwas anderes gesagt. Etwas grundverschiedenes.
      "- du solltest das beste davon bekommen, was noch zu haben ist."
      Das Echo seiner eigenen Worte schien ihm im Kopf zu verbleiben. So viele Chester und keiner wie der andere.
      "Da gehöre ich nicht dazu."
    • Chesters sorgfältige gewählte Masken bröckelten. Egal, ob perfektes Lächeln oder vollkommene Regungslosigkeit, für einen Moment verlor der Mann, der Herr über hundert Gesichter war, ein kostbares Stückchen seiner Kontrolle. Tessa biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe, weil er kurzzeitig fast ein wenig gequält aussah. Es war schwer zu sagen. Einen solchen Ausdruck hatte sie noch nie zuvor auf seinem Gesicht gesehen.
      "Ich habe Angst vor dem...Leben. Meins, deins, unseres. Alles Leben...Das Leben ist kurz."
      Sie traute sich kaum zu atmen, weil sie etwas losgetreten hatte, von dem sie gar nicht wusste, das es überhaupt existierte.
      Ein Chester, der sich seiner Worte nicht mehr sicher war.
      "Und deins wird gleich wieder vorbei sein. Es ist so kurz, dass du keine Fehler machen solltest... die ich aufhalten kann. Ich erkenne sie, weil mein Leben länger ist. Deins ist so kurz und -"
      Ein Chester, der sich seiner selbst nicht mehr sicher war. Sie glaubte zu sehen, wie verschiedene Versionen von Chester über sein Gesicht zuckten, als er schwer schluckte. Das war natürlich nicht möglich, aber das Flackern in blauen Augen, sprach eine Sprache, die Tessa noch nicht verstand.
      "- du solltest das beste davon bekommen, was noch zu haben ist."
      Tessa wusste, was jetzt kam.
      "Da gehöre ich nicht dazu."
      Und sie wusste die Antwort dazu. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, ihm einen Schritt voraus zu sein, weil ihr Leben kurz war. Weil sich keine Erfahrungen von Jahrhunderten in ihrem Kopf stapelten und sich in den Erinnerungen nicht ständig die gleichen Tragödien wiederholten. Sie konnte das Für und Wider nicht abwägen, weil es noch nie passiert war. Was Tessa fühlte war impulsiv, neu und aus einem Moment geboren, den es in ihrem Leben noch nie gegeben hatte und auch nie wieder geben würde.
      Weil sie nur dieses eine Leben hatte.
      Tessa schüttelte den Kopf. Sie streckte die Hand gerade weit genug aus um mit den Fingerspitzen seine Fingerknöchel zu streifen.
      "Das ist meine Entscheidung", sagte sie sanft. "Ich verstehe, dass du mich beschützen willst, aber diese eine Entscheidung darfst du mir nicht wegnehmen. Du kannst nur für dich selbst entscheiden. Nicht für mich."
      Ganz sachte hakte sich ihr kleiner Finger bei seinem kleine Finger unter.
      "Es ist meine, Chester, und ich habe mich für dich entschieden."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa schüttelte den Kopf. Sie akzeptierte Chesters Schlussfolgerung nicht, was ihr ähnlicher sah als das Gegenteil. Wenn sie sich einmal eine Meinung gebildet hatte, knickte sie nicht so schnell wieder ein.
      An diesem Punkt hätte Chester trotzdem noch die Kontrolle übernehmen können. Ihm wären genug Möglichkeiten eingefallen, um Tessa genau dorthin zu lenken, wohin er wollte, sodass sie am Schluss dachte, dass es ihre eigene Entscheidung gewesen wäre, ihm zuzustimmen und dann zu gehen. Es wäre ihm ein einfaches gewesen und viele andere Chester, die nun an seiner Stelle säßen, würden auch genau das tun, die meisten davon ohne zu zögern.
      Doch Tessa mochte ihn ohne seine Manipulation. Es war diese einfache Tatsache, die ihn dazu veranlasste, still sitzenzubleiben, während sie zaghaft seine Knöchel streifte.
      "Ich verstehe, dass du mich beschützen willst, aber diese eine Entscheidung darfst du mir nicht wegnehmen. Du kannst nur für dich selbst entscheiden. Nicht für mich."
      Doch, das konnte er. Wenn er das wollte, konnte er es. Ein Zirkus aus Marionetten, das könnte er erschaffen und es wäre nicht aufwendiger, als morgens ein Kostüm anzuziehen. Es wäre sogar sehr viel einfacher, denn über Marionetten musste man nicht nachdenken, sie füllten einem nicht den Kopf mit Dingen, die in ein paar Jahren sowieso wieder nichtig waren.
      Sie mochten einen aber auch nicht.
      Und so sah Chester auf ihre beide Hände hinab, als Tessa nach einem Ehrenwort ihre kleinen Finger miteinander verschränkte und sagte:
      "Es ist meine, Chester, und ich habe mich für dich entschieden."
      Oh, so gefährlich war es und er sollte es nicht tun. Er sollte nicht.
      Du wirst nachlässig.
      Ja, das wurde er. Aber vielleicht war heute nicht der Tag, um das zu ändern.
      Er nahm ihren kleinen Finger in seinen, verstärkte den Haken, den sie damit bildeten. Nur sehr langsam sah er ihr wieder in die Augen.
      "Dann respektiere ich das. Deine Entscheidung."
      Und diesmal brachte er ein Lächeln zustande, das sich schon sicherer anfühlte. Zumindest wusste er jetzt wieder, was seine Miene ausdrücken sollte.
      "Aber - ich möchte, dass wir es jederzeit aufgeben, wenn es notwendig ist. Wenn es einer von uns merkt, dann lassen wir es fallen. Das meine ich so und das musst du mir versprechen. Nur dann... können wir es versuchen. Schätze ich."
    • Nervosität breitete sich langsam in Tessa aus. Es war die Art von nervösem Flattern, die zurückhaltende Vorfreude begleitete. Nicht die Art von Nervosität, die sich wie eine eisige, geballte Faust langsam in die Magengrube drückte. Chester hatte noch kein Wort gesagt, aber sie spürte wie sich sein kleiner Finger an ihrem krümmte.
      "Dann respektiere ich das. Deine Entscheidung."
      Tessa begann zu lächeln, ohne den Rest überhaupt gehört zu haben. Und Chester wäre nicht Chester, wenn sein Entscheidung nicht an Bedingungen geknüpft wäre, aber das war okay. Mehr als okay.
      "Aber - ich möchte, dass wir es jederzeit aufgeben, wenn es notwendig ist. Wenn es einer von uns merkt, dann lassen wir es fallen. Das meine ich so und das musst du mir versprechen. Nur dann... können wir es versuchen. Schätze ich."
      Vielleicht hätte sie sich albern vorkommen sollen, als sie ihre Hände mit den verschränkten kleinen Fingern hochhob bis sie zwischen ihnen schwebten. Andererseits...an dieser ganzen Geschichte war nichts normal. Das war genau der Grund, warum Tessa sich nicht an der fehlenden Begeisterung von Chester störte. Der Mann sah, obwohl er lächelte, aus als hätte er gerade einen heiklen Vertragsabschluss unterschrieben - mit einem Kleine-Finger-Schwur.
      Tessa grinste. Auf eine sehr schräge Art fühlte es sich so absolut natürlich und nach Chester an, dass sie ihn am liebsten geküsst hätte.
      Gott, wie gerne würde sie ihn gerade küssen...
      "Versprochen", sagte sie stattdessen ernst.
      Und weil das Thema Küssen gerade auf wackeligen Füßen stand, löste sie ihre kleinen Finger und verschränkte stattdessen ihre Hände ineinander. Das war gut. Das kannte sie. Immerhin hatten sie sich schon unzählige Male an den Händen gehalten.
      Der Tee war längst kalt, aber das war Tessa egal.
      "Darf ich mich bei dir anlehnen? Wäre das okay?"
      Auch das hatten sie schon oft getan. Tessa die sich anlehnte, ihn umarmte. Chester, der ihr über den Kopf streichelte und den Arm um ihre Schulter legte. Das dümmliche Grinsen ließ sich trotzdem nicht vollständig abschalten, dafür war sie einfach viel zu aufgekratzt.
      "Nur einen Moment", fügte sie hinzu. "Wenn du den Rest des Abends lieber für dich willst, ist das okay. Das war gerade ziemlich...viel. Denk ich. Ich möchte nicht, dass du glaubst, dass ich jetzt irgendwelche...hm, Ansprüche stelle. Oder so."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa hob ihre beiden miteinander verschränkten Hände hoch und das war wie ein Zeichen dafür, dass es beschlossen war. Dafür brauchte Chester nicht einmal mehr das "Versprochen", das sie hinterherschob.
      Er wusste nicht, was er davon fühlen sollte. Er freute sich natürlich, irgendwie, dass Tessa bei ihm sein wollte, aber auf der anderen Seite wusste er, wie der unvermeidliche Ausgang aussehen würde. Tessa hatte noch nicht begriffen, wie wenig Chester ihr wahrlich bieten konnte und das würde sich irgendwann ändern. Sie würde es verstehen und dann - dann konnten sie diese Sache wohl beenden. Und bis dahin...
      Tessa verschränkte ihre Hände miteinander und Chester begann zu lächeln. Besser zu lächeln. Es fühlte sich gut an, seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu haben. Wieder zu wissen, welche Gefühle er wann vermitteln musste, egal, ob er sie selbst spürte oder nicht.
      "Darf ich mich bei dir anlehnen? Wäre das okay?"
      Tessa war jetzt vorsichtig mit ihm und Chester konnte es ihr nicht verdenken, aber sie hatten schon so viel mehr gemacht als sich nur aneinander anzulehnen. Ein bisschen kuscheln hatte ihn noch nie kaputt gemacht.
      "Nur einen Moment. Wenn du den Rest des Abends lieber für dich willst, ist das okay. Das war gerade ziemlich...viel. Denk ich. Ich möchte nicht, dass du glaubst, dass ich jetzt irgendwelche...hm, Ansprüche stelle. Oder so."
      Das Lächeln in Chesters Gesicht festigte sich langsam. Es fühlte sich schon ganz gut an.
      "Man lebt nur einmal. Stell deine Ansprüche und ich werde versuchen, sie zu erfüllen. Das mach ich gerne."
      Er beobachtete wie Tessa ihn beobachtete und schließlich zu dem Entschluss kommen musste, dass er die Wahrheit sprach. Denn es war die Wahrheit, auch wenn sie sich ändern konnte. So wie Chester sich ändern konnte.
      "Und jetzt komm her. Natürlich darfst du."
      Sichtlich erleichtert rutschte Tessa heran und dann unter seinem geöffneten Arm hindurch, bis sie sich etwas zaghaft an seine Seite schmiegte. Ihre Haare bargen noch den Geruch der Manege, der Chester so gefiel. Er legte den Arm um sie und ließ ihn auf ihrer Hüfte zum Ruhen kommen.
      "Ich mag dich auch, Tessa. Ich mag dich, weil du so eine mutige jung Frau bist. Du bist sehr tapfer und hast das Lachen nicht verlernt; das sind die beiden wichtigsten Eigenschaften, wie ich finde. Deswegen mag ich dich."
      Er könnte noch mehr dazu sagen; vielmehr, so wie auch Tessa mehr gesagt hatte, aber das wollte er lieber ein andermal machen, wenn er sich sicherer fühlte. Wenn Tessa ihn nicht unbedingt auf seine Grundfeste erschüttert hatte. Für den Moment wollte er damit zufrieden sein, dass Tessa bei ihm war und sich an ihn lehnte. Denn sie hatte es von sich aus so gewählt.
    • Keine Sekunde senkte Tessa den Blick, obwohl sie das Gefühl beschlich, dass sie es tun sollte. Zu beobachten wie Chester sich Stückchen für Stückchen wieder zusammenfügte, hatte etwas unglaublich Intimes an sich. Ein persönlicher Moment, der keine Zeugen haben sollte, aber Tessa lächelte weiter. Zustimmend und verständnisvoll.
      "Man lebt nur einmal. Stell deine Ansprüche und ich werde versuchen, sie zu erfüllen. Das mach ich gerne", antwortete Chester und Tessa öffnete den Mund um ihm zu sagen, dass er nichts ihr zuliebe tun sollte. Bis sie begriff, dass es vielleicht seine Art war, ihr die Zuneigung zu zeigen, die sie sich wünschte weil er nicht fühlte wie sie.
      "Und jetzt komm her. Natürlich darfst du."
      Die Zurückhaltung brach und Tessa rutschte an ihn heran. Trotzdem blieb ihre Annährung sanft. Sie wollte den Mann nicht überfordern. Lächeln schmiegte Tessa ihre Wange an seine Schulter und krümmte sich nach Nähe suchend in die Geborgenheit seines Arms, der warm um ihre Hüften lag.
      "Ich mag dich auch, Tessa. Ich mag dich, weil du so eine mutige jung Frau bist. Du bist sehr tapfer und hast das Lachen nicht verlernt; das sind die beiden wichtigsten Eigenschaften, wie ich finde. Deswegen mag ich dich."
      Tessa kicherte.
      "Ich hab dir gesagt, ich bin stärker als ich aussehe."

      Wie versprochen, war Tessa nach dem aufreibenden Gespräche und einer ausgiebigen Kuscheleinheit in ihr eigenes Bett zurückgekehrt. Die lose Bodendiele knarzten unter ihren Füßen, doch das schlechte Gewissen konnte für heute bleiben wo der Pfeffer wächst. Dafür war Tessa viel zu aufgekratzt und glücklich. Sie musste sich nicht beeilen. Sie hatte noch Zeit.
      Am nächsten Morgen schlenderte Tessa schon in aller Herrgottsfrühe durch Zeltsiedlung, die den Kern des Zirkus bildete. Ihre Schritten fühlten sich leichter und beschwingter an. Sie hielt die Hand vor die Augen, blieb kurz stehen und schaute in den strahlendblauen Himmel. Es war warm genug, dass sie ihre Jacke im Wagen gelassen hatte und weil sie Chester nicht belagern wollte, beschloss sie, dass es die beste Idee war schon zum Frühstück zugehen. Eigentlich war sie zu früh dran, aber sie hatte einfach nicht mehr einschlafen können.
      Das Kantinenzelt war noch fast leer. Nur die Frühaufsteher und alle, die schon zeitig ihren Arbeit begannen, tummelten sich an ein paar Tischen.
      Tessa winkte Jamie kurz zu und verschwand dann an die Essensausgabe. Der Morgen schrie nach einem süßen Frühstück.
      "Na, da ist heute Morgen aber jemand gut gelaunt", begrüßte sie der Koch.
      "Ist ja auch ein schöner Tag, nicht?", erwiderte Tessa und stibitzte im Vorbeigehen einen kleinen Keks, vom Blech, die eigentlich erst für den Nachmittag vorgesehen waren.
      "Hey!"
      Sie lachte und schnappte sie ein Tablett. Wenige Minuten später saß sie allein an dem großen Tisch, der sonst von Owl, Roy und den anderen belagert wurde. Heute stand Grundtraining mit Owl auf dem Plan. Eine regelmäßige Auffrischung, auf die der Mann sehr viel Wert legte. Außerdem musste ihre Ausrüstung gereinigt werden. Nicht ihre Lieblingsaufgabe, aber heute konnte ihr nichts die Laune vermiesen. Putzen statt Proben für das Messerwerfer-Duo. Lästig aber notwendig.
      Summend tunkte sie das Croissant in die Erdbeermarmelade und biss genüsslich ab. Der Zuckerschock war vorprogrammiert.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach diesem Abend versuchte Chester erstmal mit der neuen Situation klarzukommen. Eigentlich hatte sich nichts verändert, weder in seinen Abläufen, noch in seinen Gefühlen für irgendjemanden, und doch hatte Tessa mit ihren Worten etwas in ihm hinterlassen. Einen Samen, wenn man so wollte, den Chester gedanklich von allen Seiten betrachtete, während er sein nächtliches Bad nahm. Sie mochte ihn und das gefiel ihm, das konnte er ehrlich so sagen, und vielleicht, ganz vielleicht, machte ihn das auch glücklich, so wie Ella es gesagt hatte. Tat es das? Er wusste es nicht, aber er fühlte sich auch nicht dazu berufen, seine Handlungen... anzupassen. Eigentlich fühlte er sich fast wie immer, nur jetzt mit einer leichten Wärme im Bauch. Das war doch gut, nicht wahr? War das schon Liebe?
      In dieser Nacht schlief er tief und träumte von einem Zirkus, der zu jeder Jahreszeit die Fahnen hoch gehisst hatte, bevor er am Morgen ins Kantinenzelt ging, um ein Frühstück abzuholen. Er wollte in seinem Zelt essen und dann wollte er erstmal schauen, dass er die Arbeiten für den Tag erledigte und sich auf die abendliche Vorführung vorbereitete, bevor er sich mit irgendwelchen anderen Gedanken beschäftigte. Der Zirkus hatte bei Chester immernoch Vorrang, komme was wolle. Jederzeit.
      Als er aber einen Blick ins Zelt warf, während der Koch ihm ein Frühstückspaket zusammenstellte, sah er sie dort sitzen, alleine an dem großen Tisch, der um diese Uhrzeit noch völlig verlassen war. Da hielt er inne und betrachtete sie aus der sicheren Distanz.
      In einem Buch hatte er einmal gelesen, dass Liebe ein intensives Gefühl war, das alle Rationalität überstieg und den Liebenden dazu brachte, alles für den Geliebten zu tun - selbst das eigenes Leben zu geben um das andere zu schützen. In einem anderen Buch hatte Chester gelesen, dass Liebe warm war und prickelte und sich anfühlte, als würde jeden Tag die Sonne scheinen, wenn man mit seinem Geliebten war. In einem dritten hatte er gelesen, dass die Liebe der Gegensatz zum Hass war und das eine nicht ohne das andere existieren könnte. Und das waren nur ein paar Bücher, es waren nicht einmal die Meinungen von Leuten, die Chester gefragt hatte. Aber es war wohl genug, dass er sich von Liebe eine Meinung zu bilden versuchte.
      Und das, was er jetzt empfand, als er Tessa ansah, war...
      Nunja, verglichen mit seinem war ihr Leben so kurz, es würde sich nicht lohnen, seins für ihres aufzugeben. Chester wüsste ja nicht einmal wie. Und dann fühlte er sich auch nicht besonders warm - ihm war warm, aber auch nur, weil er langärmlige Kleidung trug und die Sonne bereits aufging. Das war ja wohl nicht das Warm, das damit gemeint wurde - oder? Und dann konnte Chester sicher keinen Hass mit Tessa in Verbindung bringen, eigentlich mit niemanden. Hass war ein genauso kompliziertes Gefühl, das sich nicht richtig beschreiben ließ. Chester hasste niemanden, wie könnte er auch? Sie lebten ja alle so viel kürzer als er. Chester konnte ihnen für sämtliche Fehler sehr leicht vergeben.
      Hieß das also er liebte sie nicht? Konnte man das so einfach schon sagen? Sollte das auch bedeuten, dass er gar nicht lieben konnte?
      Bevor er es sich versah, hatte er schon ein Tablett genommen und war doch auf dem Weg zu ihr, anstatt wie geplant zurück zu seinem Zelt zu gehen.
      "Einen wunderschönen guten Morgen."
      Er setzte sich auf die andere Bank und lächelte sie mit gewohnter Manier an. Wenn er ehrlich war... hatte er wirklich keine Ahnung, wie er das alles hier angehen sollte. Seine letzte Beziehung war aus körperlicher Neigung entstanden - nicht von ihm ausgehend, natürlich.
      "Hast du gut geschlafen?"
      Er schob seinen Löffel in eine Schüssel Haferflocken. Ob Tessa auf solche Weise Liebe empfand? Ob sie ihr Leben für ihn geben würde, ob ihr warm wurde, wenn sie ihn sah, ob sie hassen konnte? Irgendwie fühlten sich die Überlegungen alle nicht richtig an, aber wo sonst sollte Chester ansetzen?
    • "Einen wunderschönen guten Morgen."
      Tessa verschluckte sich beinahe an dem Bissen vom Croissant und kaschierte das Husten mit einem Schluck süßen Tee. Sie räusperte sich und schielte zu Chester hinauf, der plötzlich vor dem Tisch aufgetaucht war. Tief in Gedanken versunken, hatte sie Chester gar nicht ins Zelt kommen sehen.
      „Hey. Dir auch einen guten Morgen“, begrüßte sie ihn. „T’schuldige. Einen wunderschönen guten Morgen, natürlich.“
      Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass er sich die Zeit für eine Plauderei nahm. Tessa freut sich über die morgendliche Begegnung, aber sie wusste auch, dass gerade sein Vormittag mit Aufgaben und Verpflichtungen vollgestopft war. Alle davon nahm er sehr ernst. Immerhin, war der Zirkus Magica nicht nur sein Lebenswerk, sondern auch sein Leben. Sie würde nie an erster Stelle stehen. Dass Chester sich trotzdem einen Moment nahm um mit ihr zu Frühstücken, bedeutete ihr deshalb umso mehr.
      "Hast du gut geschlafen?"
      „Wie ein Stein. Hab nie besser geschlafen“, antwortete sie und nippte schmunzelnd an ihrem Tee. „Dasselbe gilt hoffentlich auch für dich. Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass unser ehrenwerter Zirkusdirektor mit riesigen Augenringen in der Manege steht. Was würde das für einen Eindruck machen…“
      Nicht, dass Chester jemals Augenringe gehabt hatte. Tessa gluckste, was unmissverständlich klarmachte, dass sie scherzte. Sie wollte nicht, dass Chester sich ernsthaft Gedanken darum machte. Dabei hatte sich kaum etwas verändert. Alles war beim Alten und doch irgendwie…neu.
      Zumindest sah Chester aus wie immer. Die kurzen, lockigen Haare waren perfekt zurückgekämmt, damit ihm keine Strähne in die Augen fielen. Keine Augenringe, kein Fältchen…Es war schwer zu sagen, was ihm durch den Kopf ging.
      Tessa wischte sich ein paar Krümel vom Mundwinkel.
      Sie stützte das Kinn in die Hand und sah Chester einen Augenblick einfach nur an. Die langen Wimpern, der markante Schwung seines Kinns, die hohen Wangenknochen…Chesters Gesicht anzusehen, war wie ein Gemälde zu betrachten. Es war zeitlos und wunderschön, sah aus jedem Winkel ein bisschen anders aus und es berühren zu wollen, hatte etwas Verbotenes an sich.
      „Ich kann dich denken hören.“
      Konnte sie natürlich nicht.
      Sie hatte nicht einmal eine Ahnung, ob Chester gerade überhaupt über Gestern nachdachte oder schon gedanklich schon bei der Vorführung war. Es war ein Schuss ins Blaue.
      „Du kannst mich fragen, weißt du?“, sagte sie sanft. „Egal, was es ist.“
      Das Kantinenzelt begann sich langsam zu füllen. Sie hörte Owl und Roy ins Zelt poltern, wie zwei zu großgeratene Jungs. Tessa grinste.
      „Gerade ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Oh, ganz sicher nicht. Ich schlafe jeden Tag auf weichen Schwanenfedern, da kann man gar nicht schlecht schlafen."
      Chester grinste vielsagend und schob sich den Löffel in den Mund. Er fühlte sich schon besser, jetzt wo er die Gelegenheit bekommen hatte, Tessas eigentliche Frage elegant und geschmeidig abzuwürgen. Denn zwar hatte er nicht schlecht geschlafen, aber Gedanken hatte er sich trotzdem sehr lange gemacht. Vielleicht zu lange, als gut gewesen wäre.
      Daraufhin schwiegen sie für ein paar Sekunden lang, was etwas... unangenehm war. Chester starrte ein bisschen, weil er noch herauszufinden versuchte, wie anders sich Tessa fühlte als er, und Tessa starrte auch ein bisschen, weil... das wusste er nicht. Das gab ihm nur ein weiteres Rätsel auf, was er auf die erste Frage zurückführte. Wenn sie ein besonderes Gefühl innehatte, würde sie das sicher dazu verleiten, so wie jetzt das Kinn auf den Händen aufzustützen und zu starren. So wie er immerhin auch einen Grund zum Starren hatte. Er hätte nur unglaublich gerne gewusst, was sie dabei fühlte.
      „Ich kann dich denken hören.“
      Chester blinzelte. Nur anhand der Tatsache, dass er seine Miene heute wieder unter Kontrolle wusste, konnte er erkennen, dass sie scherzte. Ansonsten hätte er sich bei so einer Bemerkung wohl Gedanken gemacht.
      "Ich werde ein bisschen leiser damit sein", gab er zurück und lächelte auf eine ungezwungene Art. Ob sie sein Lächeln mochte? Ob sie eines davon mochte? Das hatte er sie nicht gefragt.
      „Du kannst mich fragen, weißt du? Egal, was es ist.“
      Darauf zögerte Chester ein bisschen. Konnte er das so einfach? In der Theorie vermutlich schon, in der Praxis würde er sich zuerst überlegen müssen, welche Frage genau. Selbst, wenn seine Gedanken nicht schwirrten so wie seit gestern Abend, gab es immernoch viel, was er nicht ohne Konsequenzen fragen konnte. Da waren sie immerhin bei der Sache, dass er anders empfand als normale Menschen. Eine vermeintlich einfache Frage könnte sie aufregen und er würde nicht wissen wieso.
      "Hm."
      Vielleicht sollte er ja doch eine Frage stellen. Eine unverfängliche, für den Anfang. Ob sie sein Lächeln mochte, zum Beispiel - nein, das war irgendwie verfänglich. Er wüsste mit der Antwort nichts anzufangen.
      „Gerade ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt.“
      Sein Blick verließ ihr Gesicht um Roy und Owl zu erblicken, die sich brummend und kichernd an die Ausgabe drückten. Ihre Ankunft erleichterte ihn irgendwie, denn er wollte sich definitiv mehr Zeit für eine Frage nehmen als das hier. Sehr viel mehr Zeit.
      "Nein, vielleicht nicht", sagte er und lächelte dann. Er hatte gerade seinen zweiten Löffel in den Mund geschoben, da tauchten die beiden auf.
      "Tessa - so früh auf? Chester - so spät noch hier?"
      Beide fanden das urkomisch und setzten sich. Chester rollte theatralisch mit den Augen; seit Ellas Geburtstag schienen sie noch enger zusammengeschweißt zu sein. Es war eindeutig ein Fehler gewesen, sie einander vorzustellen.
      Er warf einen Blick auf seine Uhr. Kurz vor 8.
      "Es ist wirklich spät. Ich bin auch gleich wieder weg."
      "Moment mal, nicht so hastig", sagte Roy und sah zwischen beiden hin und her - zwischen Chester und Tessa. Chester glaubte, dass der Mann gleich etwas prekäres fragen würde.
      "Alsooo... hattet ihr gestern einen schönen Abend, ja?"
      Chester hob die Augenbraue, sah zu Tessa und wieder zurück. Roy wusste davon - dann hatte Owl schon fleißig geplaudert. Nicht, dass er etwas anderes erwartet hatte.
      "Ja. Das war ein schöner Abend."
      Roy grinste auf eine eindeutige Weise, dann schwieg er für einen Moment, bevor er sagte:
      "Ja und? Irgendwas... neues zu berichten?"
      Chester runzelte die Stirn.
      "Nein. Wir machen die Show wie geplant. Du weißt, dass ich es nicht mag, so kurzfristig den Ablaufplan umzuschmeißen."
      Roy gab ein leidiges Stöhnen von sich.
      "Nicht sowas neues. Was anderes neues. Was persönliches neues?"
      Chester schüttelte den Kopf und legte den Löffel ab.
      "Nein. Gar nichts neues. Ich muss jetzt auch gehen, ich bin sicher schon zehn Minuten im Verzug."
      Er stand auf, nahm sich das Tablett und stieg aus der Bank. Dann hielt er nochmal inne und drehte sich zum Tisch um.
      "Achja. Tessa und ich sind jetzt übrigens zusammen."
      Dann drehte er um und ging beschwingt davon.
    • Mit dem friedlichen Frühstück war es vorbei, als Owl und Roy den Tisch ansteuerten. Das Grinsen auf den Gesichtern der beiden Männer gefiel ihr gar nicht. Am liebsten hätte sich Tessa das Tablet und Chester geschnappt und wäre durch den Hinterausgang geflüchtet. Owl und Roy zeigten beim Grinsen viel zu viele Zähne und sahen dabei aus wie zwei Hyänen, denen ein Festmahl bevorstand.
      "Tessa - so früh auf? Chester - so spät noch hier?"
      "Hm."
      "Es ist wirklich spät. Ich bin auch gleich wieder weg."
      Bitte, bitte, bitte...
      "Moment mal, nicht so hastig. Alsooo... hattet ihr gestern einen schönen Abend, ja?"
      Tessa stopfte sich das letzte Stück Croissant in den Mund. Eigentlich war es viel zu groß für einen Happen, aber so lange sie kaute, erwartete auch niemand eine Antwort von ihr. Hoffentlich.
      "Ja. Das war ein schöner Abend."
      Unter dem Tisch stupste sie Chester mit dem Fuß an, was leider nicht den gewünschten Erfolg brachte.
      Kauend sah Tessa dabei zu, wie Roy und Owl versuchten Chester ein paar Einzelheiten aus der Nase zu ziehen. Es war frustrierend aber auch irgendwie unsagbar süß, wie er völlig ahnungslos von Antwort zu Antwort stolperte.
      "Nein. Gar nichts neues. Ich muss jetzt auch gehen, ich bin sicher schon zehn Minuten im Verzug."
      Gott sei Dank.
      "Ach ja. Tessa und ich sind jetzt übrigens zusammen."
      In Chesters Rücken passierten plötzlich ganz viele Dinge gleichzeitig. Owl spuckte prustend den Schluck Kaffee wieder aus, den er gerade genommen hatte. Tessa verschluckte sich und drohte an ihrem Croissant zu ersticken und Roy klopfte ihr kräftig auf die Schulter wobei er Chester mit offenem Mund hinterherstarrte. Während Tessa japsend nach Luft schnappte, verpasste sie beiden Männern einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein. Owl und Roy zuckten vor Schmerz zusammen, stießen mit den Knien gegen die Tischplatte, woraufhin es laut klirrte und schepperte weil das Geschirr über den Tisch hüpfte.
      "Ihr zwei...", keuchte Tessa. "...seid absolut unmöglich!"
      "...und gutaussehend? Unwiderstehlich?"
      "...die größten Hohlköpfe, die ich kenne!", schnaubte sie.
      Mit einem gequälten Gesichtsausdruck sah sie zum Zeltausgang, in dem Chester verschwunden war. Sie wollte ihr Tablet nehmen und gehen, da drückten sie zwei Hände zurück auf die Bank. Tessa senkte den Blick. Alle starrten sie an. Das war schlimmer als ihr erster Auftritt in der Manege. Mit hochrotem Kopf saß sie eingeklemmt zwischen Owl und Roy.
      "Du glaubst doch wohl nicht, dass wir dich nach der Nummer einfach gehen lassen?", flötete Owl. "Wir wollen Details. Sehr detaillierte Details."
      "Das könnt ihr vergessen. Es ist gar nichts..." verteidigte sich Tessa und schlug sofort die Hand vor den Mund.
      "Aha! Also stimmt es! Ach, komm schon, Tessa! Lass uns nicht hängen! Nicht einmal ein bisschen...?"
      Owl spitzte die Lippen und machte ein paar übertrieben schmatzende Kussgeräusche.
      "Hör auf!", zischte Tessa und presste ihm die Hand vor den Mund.
      Der Messerwerfer nuschelte etwas unverständliches in ihre Handfläche.
      "Könnt ihr noch ein bisschen lauter reden, dann weiß es gleich der ganze Zirkus Magica", flüsterte Tessa.
      So viel zum Thema, das Ganze nicht an die große Glocke zu hängen.
      "Na schön. Ich hab Chester geküsst. Seid ihr jetzt glücklich? Darf ich jetzt gehen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ja. Ich meine, nein", sagte Roy. "Glücklich sind wir, aber gehen kannst du noch nicht. Du hast doch noch gar nicht erzählt, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Und - oh! Malia stell dir vor."
      Die Frau war gerade herein gekommen und strebte den Tisch der Akrobaten an. Sie warf Roy im Vorbeigehen einen Blick zu.
      "Chester und Tessa sind zusammen."
      Da blieb sie stehen, sah Tessa an, zögerte. Dann setzte sie sich, wie schon seit Tagen nicht mehr, an ihren Tisch.
      "Wirklich? Ihr seid zusammen? So richtig?"
      "So richtig mit allem drum und dran", sagte Roy ohne jegliche Ahnung zu haben. Aber zumindest freute Owl sich, auch wenn Malia ihn gekonnt ignorierte. Ihr Blick lag dafür eindringlich auf Tessa.
      "... Warum?"
      "Nun lass doch den beiden das Glück! Freu dich ein bisschen! Liam! Chester und Tessa sind zusammen!"
      "Was?!", kam es zurück, noch ehe Liam den Tisch erreicht hatte. Er ließ sein Tablett nachlässig auf die Tischplatte fallen. "Das gibt's nicht! Echt?"
      "Richtig echt, Chester hat es selbst gesagt. Chester! Wir haben's mit eigenen Ohren gehört."
      "Das ist ja eine Sensation. Wieso das? Ist was passiert?"
      "Sie sind einfach füreinander bestimmt."
      Ab diesem Zeitpunkt dauerte es keine Stunde, bis das Gerücht sich durch den gesamten Zirkus verbreitet hatte. Chester war auf dem Weg zum Lager, da begegneten ihm grinsende Gesichter, die ihn beglückwünschten. Er wusste gar nicht, was da vor sich ging. So eine Partnerschaft war doch kein einschneidendes Ereignis.
      ... Oder doch? Er wollte Ella um Rat fragen, aber vorher musste er seine tägliche Aufgaben abarbeiten. Die Leute würden sich auch so wieder in den Griff kriegen.

      Sie kriegten sich nicht in den Griff und Chester ging auch nicht Ella fragen. Er hatte einfach keine Zeit dafür und ehe er sichs versah, war es schon wieder Abend, die Vorführung war im vollsten Gange und Tessa und er standen plötzlich alleine im Gang hinter der Manege, nachdem sie von ihrer Nummer zurückgekommen war. Owl hatte sie irgendwie dort zurückgelassen und plötzlich hatten alle irgendwo anders etwas zu tun. Chester konnte gerade noch Jack um die Ecke laufen sehen, der dabei ganz laut "Psst! Psst!" zischte. Als würde Chester das nicht hören oder die vielen Gesichter nicht sehen, die sich in den Schatten versteckten, um die beiden anzusehen und zu kichern. Meine Güte, was für ein Aufstand!
      "Das war gut", sagte er zu Tessa mit einem Lächeln, das so normal war wie immer. "Du musst noch darauf achten den Augenkontakt zu halten, manchmal siehst du Owl zu lange zu, aber der Rest war gut. Sehr gut. Möchtest du nach der Aufführung noch in mein Zelt zum üben kommen?"
    • Die Blicke und das Getuschel nahm kein Ende. Tessa fühlte sich wie auf dem Präsentierteller. Es hatte eine geschlagene Stunde gedauert, bis Owl und alle Neuankömmlinge am Tisch endlich Gnade zeigten. Mit hochrotem Kopf hatte Tessa sich davon gestohlen, wobei unter alle den lächelnden Gesichtern, ihr vor allem Malias verdutztes Gesicht in Erinnerung blieb. Den restlichen Tag über versuchte sie die Aufregung so gut es ging zu ignorieren. Tessa fühlte sich daran erinnert, dass der Zirkus Magica, so groß er auf seine Besucher wirkte, eigentlich eine ganz eigene, kleine Welt war...und der passierte nicht alle Tage etwas, dass den täglichen Rhythmus störte. Chesters saloppe Mitteilung war also für die Meisten unter ihnen eine sehr willkommene Ablenkung.
      "Das war gut", begrüßte Chester sie nach dem gelungenen Auftritt. Sie sah sich um, aber Owl hatte sich schon verdrückt. "Du musst noch darauf achten den Augenkontakt zu halten, manchmal siehst du Owl zu lange zu, aber der Rest war gut. Sehr gut. Möchtest du nach der Aufführung noch in mein Zelt zum üben kommen?"
      Im Hintergrund herrschte leises Geflüster. Der Bereich hinter der Mange war noch nie so leer gefegt gewesen. Ein kleines Grinsen konnte Tessa sich einfach nicht verkneifen. Sie waren lange nicht so unauffällig wie sie wohl dachten. Wenn sie gehofft hatten, dass sie eine Show zu sehen bekamen, würden sie wohl enttäuscht werden. Auf die Zugabe würden Owl, Roy und die Anderen leider verzichten müssen.
      "Gerne", antwortete Tessa, lächelnd und ehrlich, bis sie das Gesicht leicht verzog. "Mist. Ich bin heute fürs Aufräumen eingeteilt. Allein. Ich hab Yasmin versprochen, dass ich das auch ohne ihre Hilfe hinbekomme."
      Verschwörerisch hob sie eine Hand vors Gesicht und lehnte sich etwas zu Chester. "Sie hat ein Date."
      Sie wippte grinsend auf den Fußballen zurück.
      "Du kannst mir Gesellschaft leisten bis ich fertig bin."

      Eine Lieblingsbeschäftigung würden die Aufräumarbeiten nach einer erfolgreichen Show für Tessa wohl nie werden. Zwischen den Sitzreihen klaubte sie den Müll in große Beutel zusammen, hob heruntergefallene Sitzkissen und fegte den Boden vor den Rängen ab. Yasmin, die wohl das schlechte Gewissen plagte, hatte dabei noch geholfen, bis Tessa sie förmlich aus dem Zelt geschoben hatte.
      Mit dem Ärmel wischte sie sich über die Stirn und sah sich zu allen Seiten um. Die große Harke, der mit Zinken besetzte Kopf so breit wie ihre Arme lang waren, wenn sie sie ausstreckte, wurde mit jeder Minute schwerer. Kein Wunder, dass sich jeder davor drückte. Das war verdammt anstrengend. Als Chester nach den letzten Abschlussarbeiten in der Garderobe in die Manege schlenderte, hatte sie gerade Mal die Hälfte des Sandes wieder glatt gezogen.
      "Gib mir noch eine halbe Stunde", kam es optimistisch von Tessa. "Vielleicht auch ein Bisschen länger...wenn ich hier fertig bin, brauch ich definitiv ein Bad."
      Tessa kicherte trotz der schweren Arbeit recht vergnügt.
      Sand knirschte in ihren Stiefeln.
      "Ich sag dir, ich habe die halbe Manege in meinen Socken."
      Und da Chester von Zeit zu Zeit durchaus ein Gentleman war, schnappte er sich die zweite Harke und packte mit an. Ein Date war das nun nicht unbedingt, aber Tessa freute sich über jeden Moment, den sie mit Chester allein hatte. Er war auch sonst den ganzen Tag von Menschen umringt und heute war es noch viel schlimmer.
      "Sag mal, Chester...", fragte sie und stützte sich auf der Harke ab. "Was war das eigentlich heute Morgen? Owl und die Andren habe mich eine Stunde lang ausgequetscht, nachdem du verschwunden bist."
      Als Chester aufsah, lenkte sie ein.
      "Du hast nichts falsch gemacht. Ich hätte nur gerne vorher gewusst, dass ich mich auf ein Kreuzverhör vorbereiten muss. Mir gefällt die Vorstellung, dass alle wissen, dass ich...na ja, zu dir gehöre."
      Mit rosa Wangen senkte Tessa den Blick.
      Jetzt war ihr aus ganz anderen Gründen warm geworden.
      Nach weiteren 10 Minuten harken, stoppte Tessa, ließ die Harke in den Sand fallen und streckte die Arme ächzend über den Kopf.
      "Das gibt Rückenschmerzen...", grummelte sie.
      Dabei fiel ihr Blick auf das Hochseil.
      "Chester? Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du früher einmal selbst als Akrobat in der Mange aufgetreten bist."
      Grinsend verschränkte sie die Arme vor der Brust.
      "Also, ich finde ich habe mir eine kleine Entschädigung verdient, nachdem du mich heute Morgen mit der neugierigen Meute allein gelassen hast."
      Das Grinsen und ihr leichter Tonfall unterstrichen nochmal, dass sie dem Mann nicht böse war.
      Tatsächlich sah Tessa ganz wie die verschmitzte Diebin aus, vor deren Nase gerade der größte Klunker ihrer Diebeskarriere baumelte.
      "Wie wärs mit einer Privatvorführung?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Allein blieb Tessa beim Aufräumen nicht. Chester hätte sie ja wohl kaum noch an den Tribünen schuften lassen, während er sich in sein Zelt verzog und einen Tee trank. Dann packte er eben mit an; so schlimm war das auch nicht. Zusammen würden sie das ruckzuck erledigt haben.
      "Sag mal, Chester..."
      Tessa hielt inne und stützte sich auf ihrer Harke auf. Gut gelaunt wandte Chester ihr den Kopf zu; ihm gefiel die Arbeit. Ihm gefiel alles, was seinen Zirkus auf Vordermann brachte.
      "Ja?"
      "Was war das eigentlich heute Morgen? Owl und die Andren habe mich eine Stunde lang ausgequetscht, nachdem du verschwunden bist."
      Chester schmunzelte, weil er sich das sehr gut vorstellen konnte: Owl der gleich ganz große Augen bekam und dann auch noch Roy, der sich gar nicht mehr einkriegte. Warum hatte Chester das getan? Naja, warum nicht?
      "Du hast nichts falsch gemacht. Ich hätte nur gerne vorher gewusst, dass ich mich auf ein Kreuzverhör vorbereiten muss. Mir gefällt die Vorstellung, dass alle wissen, dass ich...na ja, zu dir gehöre."
      Ihre Wangen färbten sich in einem entzückenden Rosaton und Chester konnte gar nicht anders als zu lächeln. Es gefiel ihr also - das war eine weitere Sache, an die Chester sich zu mögen gewöhnen könnte. Sie fand gefallen an ihm, an ihrer Zweisamkeit, und das machte sie glücklich. Chester mochte alles, was Tessa dieses hübsche Lächeln entlocken konnte.
      "Nun, vielleicht war das ja mein Ziel", gab er zurück und grinste spitzbübisch. Dann zwinkerte er ihr zu. "Einer von uns musste immerhin daran glauben und ich habe die Aufgabe dir überlassen. Du hast es ihnen sicher ganz wunderbar erzählt."
      Mehr als wunderbar sogar, nachdem er von allen Seiten schon beglückwünscht worden war. Was für ein Chaos; und nur, weil zwei Menschen zusammengekommen waren. Aber um fair zu sein hielt er sich auch nie zurück, wenn es anderen Leuten geschah. Dafür genoss er es viel zu sehr.
      Darauf wandte Tessa sich auf ihre schüchterne Art gleich wieder ab. Chester konnte wohl froh sein, dass sie ihm nicht schon flüchten ging. Lächelnd wandte auch er sich wieder dem Aufräumen zu.
      "Chester?"
      "Hmm?"
      "Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du früher einmal selbst als Akrobat in der Mange aufgetreten bist."
      Chester richtete sich wieder auf. Er folgte Tessas Blick, der hinauf zum Hochseil ging.
      "Ja das bin ich. Sehr lange sogar. Man könnte sogar meinen ich war selbst mal hier im Zirkus angestellt."
      Er grinste ein freies Grinsen und Tessa grinste zurück.
      "Also, ich finde ich habe mir eine kleine Entschädigung verdient, nachdem du mich heute Morgen mit der neugierigen Meute allein gelassen hast."
      "Oh?"
      Jetzt wurde er neugierig. Tessa schien so selbstbewusst, hoffentlich war sie das in Zukunft noch häufiger.
      "Das hört sich ja fast so an, als hätte ich dich den Hyänen vorgeworfen. Sehr unhöflich von mir, das gebe ich zu."
      "Wie wärs mit einer Privatvorführung?"
      "So viel gleich? Jetzt wirst du aber gierig, nicht?"
      Tessa machte ein Gesicht, als könne sie da gar nichts dafür, und Chester musste unmittelbar an die Diebin denken, die noch immer in ihr steckte. Er kicherte und lehnte die Harke gegen einen der Sitze.
      "Nagut. Eine Privatvorführung - weil du Rede und Antwort gestanden hast."
      Er drehte sich zum Hochseil um und betrachtete es. Eine leise Vorfreude ergriff ihn, ein Echo von Glück, das ihn niemals verlassen hatte. Der Blick auf eine Tribüne von oben, alles im Halbdunkel, nur die Manege im blendenden Licht; das Gefühl von festen Seilen unter den Füßen, von kurzer Schwerelosigkeit; das Geräusch von tosendem Applaus. Die Aufführung voll im Gange und Chester mitten drin. Er liebte es, lebte dafür. Hatte sich niemals etwas besseres vorstellen können.
      Behände schwang er sich über die Sitzreihen nach vorne und hüpfte leichtfüßig in die Manege hinein. Von unten betrachtet war das Hochseil furchtbar hoch, schließlich musste es von überall gesehen werden. Je höher, desto besser. Je höher, desto mehr Kunststücke konnte man damit einbauen.
      Er streifte sich die Schuhe ab und trat an eine der vier Säulen heran, dann schwang er sich die Sprossen hinauf. Zur Aussichtsplatform, wo er auch schon mit Tessa gesessen hatte. Damals war das Seil nicht dagewesen, aber heute spannte es sich über die Tiefe bis zur anderen Platform. Der Weg maß etwa 10 Meter, genug um dort eine ganze Reihe an Akrobaten tanzen zu lassen. Wenn Chester Leute fand, die sich dafür eigneten.
      Er drehte sich damit er Tessa fand, die sich auf einen der Sitze gesetzt hatte. Aus dieser Höhe konnte er ihr Gesicht gar nicht genau erkennen, aber er spürte fast das Leuchten, das in ihren Augen lag und mit dem sie ihn betrachtete. Er winkte.
      "Sieh gut zu und lass dich verzaubern! Ich zeige dir... hm, was zeige ich dir denn?" Er wippte den Kopf ein bisschen hin und her, dann legte er sich fest. "Ich zeige dir meine Sensation aus dem Zirkus Fantasia! Fantasia war der Zirkus vor Immorta und Immorta der vor Magica! Das ist bestimmt drei Jahre her, aber ich habe damals kaum etwas anderes gemacht!"
      Begeistert grinste er, damit Tessa das auch von dort unten sehen konnte, dann wandte er sich dem Seil zu und machte die ersten, prüfenden Schritte. Für seine Nummer musste es ein bisschen locker sein, nicht allzu fest, aber auch nicht allzu locker, damit es ihm nicht im falschen Moment zur Seite rutschte. Er testete es ein bisschen aus, ging zwei Schritte, ging in die Knie, wippte mit den Beinen. Das Seil schwang unter ihm und mit ihm und er befand es als gut genug. Energetisch richtete er sich auf.
      Mit den ersten Bewegungen begann er das Seil entlang zu tanzen, ganz so, als wäre das Seil der Boden und Chester würde Tessa nur ein paar Tanzschritte zeigen. Seine Schritte waren beherrscht und leichtfüßg wie immer; selbst drei Jahre konnten ihm nicht die Gewohnheit des Hochseils nehmen. Chester hatte schon so viele Stunden, Tage, Jahre dort oben verbracht, sodass er schon gar nicht mehr mit dem Gleichgewicht zu kämpfen hatte. Beschwingt glitt er an dem Seil entlang, drehte sich herum, bewegte das Seil und ließ sich damit auch selbst bewegen. Sein Herz sprang begeistert und er warf seinen Blick über die leeren Tribünen. Vielleicht sollte er mal wieder selbst in die Manege zurückkehren.
      Ein paar einfache Kunststücke vollzog er, um warm zu werden und Tessa bei Laune zu halten, dann ging er in seine eigentliche Nummer über. Denn plötzlich ging er in einen Handstand, ein Handstand auf dem Seil, bei dem er sich für einen Moment kerzengerade hielt, bevor er sich nach unten schwingen ließ, um mit dem Schwung gleich wieder nach oben und zurück in seinen Handstand zu kommen. Das wiederholte er noch zweimal, um das Gefühl für das Seil zu bekommen, und beim dritten Mal hielt er nicht mehr inne. Er schwang sich nach unten, wieder nach oben, zweimal, dreimal, wurde immer schneller dabei und plötzlich ließ er beim Aufschwung das Seil los und katapultierte sich in die Höhe. Wie eine Spirale drehte er sich und überschlug sich dabei, sein Magen rollte sich einmal herum, die Welt drehte sich auf den Kopf, wieder normal, wieder auf den Kopf, und doch hielt er sich mit einer Disziplin in dem Winkel, den er sich vor Jahren - Jahrhunderten - einmal antrainiert hatte. Für eine geschlagene Sekunde war er ein Wirbel in der Luft, dann fiel er zurück, streckte die Hände aus - bekam das Seil zu fassen. Sein Fall wurde mit einem Schlag aufgehalten, dann sprang er auch schon wieder in die Luft, leicht wie eine Feder, elegant auf eine beängstigende Weise. Jede Bewegung saß, jeder Schwung war genau richtig und neben allem schaffte er immernoch, es aussehen zu lassen, als wäre das alles nur ein Kinderspiel. Wieder und wieder fing er sich mit dem Seil von unmöglichen Kunststücken auf und verfehlte es kein einziges Mal. Erst am Schluss, da ließ er es nicht mehr los, stattdessen drehte er sich wieder und stand im nächsten Augenblick schon wieder auf dem Seil obendrauf. Für einen kleinen Moment verlagerte er das Gewicht zu weit, aber dann hatte er auch das wieder gefangen. Schwitzend und keuchend grinste er zu Tessa hinab. Das hier würde er immer lieben.
    • Das neugierige Funkeln in seinen Augen bestätigte Tessa darin, dass sie die goldrichtige Entscheidung getroffen hatte. Anscheinend ließ sich selbst aus schnöden Aufräumarbeiten ein kleines Abenteuer zaubern. Oh, und wie es ihr gefiel, dass gerade seine ungeteilte Aufmerksamkeit ganz allein auf ihr lag. Chester brachte eine Seite an ihr zum Vorschein, die selten ans Tageslicht kam. Die schüchterne Tessa verschwand ein wenig, machte Platz für das Mädchen mit den Flausen im Kopf. Er machte es ihr leicht. Chester hatte sie nie für irgendetwas verurteilt. Sie fühlte sich sicher, geborgen und ermutigt.
      "Das hört sich ja fast so an, als hätte ich dich den Hyänen vorgeworfen. Sehr unhöflich von mir, das gebe ich zu."
      "Hast Du dir Owl und Roy mal genau angesehen, wenn sie von einer Idee nicht abzubringen sind? Der Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt", gluckste Tessa.
      "So viel gleich? Jetzt wirst du aber gierig, nicht?"
      Sie verschränkte die Arme vor der Brust, legte grinsend den Kopf schief.
      "Findest Du? Ich würde sagen, ich nutze meine Priveligien klug. Ein kleiner Bonus, weil ich mit dem Direktor zusammen bin, der zufällig sämtliche Rollen in seinem Zirkus beherrscht", antwortete sie.
      "Na gut. Eine Privatvorführung - weil du Rede und Antwort gestanden hast."
      "Deal."
      Tessa räumte die Harke weg während Chester eine der Säulen empor kletterte. Die Erinnerung an die Küsse, die sie in luftiger Höhe geteilt hatten, war nie verblasst. Ob sie nun vorgetäuscht gewesen waren oder nicht - Sie waren atemberaubend gewesen. Ihr Herz schlug selbst nach all den Monaten noch Saltos, wenn sie daran zurückdachte. Tessa flitzte durch die Sitzreihen bis sie den perfekten Platz fand. Als Chester winkte, winkte sie zurück. Es konnte manchmal wirklich so einfach sein.
      "Sieh gut zu und lass dich verzaubern! Ich zeige dir... hm, was zeige ich dir denn? Ich zeige dir meine Sensation aus dem Zirkus Fantasia! Fantasia war der Zirkus vor Immorta und Immorta der vor Magica! Das ist bestimmt drei Jahre her, aber ich habe damals kaum etwas anderes gemacht!"
      Drei Jahre? Kichernd schüttelte Tessa den Kopf. Es war bestimmt viel länger als drei Jahre her, aber Tessa sagte nichts. Chesters chaotisches Zeitgefühl gehörte zu ihm wie der Zylinder auf den Kopf des Zirkusdirektors. Sie würde Liam danach fragen. Vielleicht konnte sie in Erfahrung bringen ob Theresa in einer Zeit hier gewesen war, in dem der Zirkus den Namen Fantasia oder Immorta getragen hatte. Aber das konnte warten.
      "Dann lass mal sehen, Großer Chester!", rief sie hinauf zu Seil.
      Ein wenige bange wurde ihr dann doch, als Chester barfuß das Hochseil betrat und es unter seinem Gewicht leicht schwankte. Da half auch das Sicherheitsnetz nicht. Die Höhe erzeugte selbst bei Tessa am sicheren Boden einen Nervenkitzel. Sie lehnte sich vor und reckte das Gesicht gen Hochseil um nichts zu verpassen. Tessa würde sich nie daran satt sehen mit welcher Leidenschaft Chester all die Dinge tat, die mit dem Zirkus Magica verbunden waren. Ein Lächeln, eine einladende Geste seiner Hände...und schon war jeder der ihn ansah fasziniert und gefangen.
      Als Chester sich in die Luft katapultierte, hielt es Tessa nicht mehr auf ihrem Sitzplatz. Sie war aufgesprungen und hielt den Atem an. Wenn sie die Fantasie spielen ließ, konnte sie den Trommelwirbel aus der Ferne hören. Gerade rechtzeitig ergriff Chester wieder das zitternde Seil und bewahrte sich so vor einem Sturz in die Tiefe. Wann immer Tessa die Zeit fand den Akrobaten zuzusehen, verstand sie, warum das Publikum diese Nummern ganz besonders liebte. Es sah so leicht aus, schwerelos und ein bisschen wie Fliegen. Natürlich spielte auch die Gefahr eine Rolle, aber dafür war schließlich das Netz da.
      Am Schluss applaudierte Tessa wie es sich zum Abschluss einer waghalsigen Zirkusnummer gehörte.
      "Bravo! Bravo!", rief sie und lachte aus vollem Herzen.
      Mit der Behändigkeit einer Diebin, die eine ganze Schicht aus Wachmännern in den Irrungen und Wirrungen des Zirkus Magica abgehängt hatte, sprang sie über die Sitzreihe vor ihr und joggte gemütlich auf die Leiter zu.
      "Warte!"
      Flink kraxelte sie die Leiter hinauf. Die Höhe war nicht das Problem, aber Tessa wusste festen Boden unter den Füßen zu schätzen. Die Holzplattform am Ende reichte ihr völlig aus. Sie sah hinab und erinnerte sich an den kurzen Schreckmoment, als Chester sich über sie gebeugte und sie daneben gegriffen hatte. Ein fester Arm hatte sie davor bewahrt im freien Fall in die Tiefe zu stürzen. Sie spürte wie das Herz in ihrer Brust schneller schlug. Tessa hockte sich an den Rand der Plattform, direkt vor das Seil, und griff danach. Prüfen lehnte sie sich nach vorn und legte etwas Gewicht auf das Seil.
      "Merkwürdig, von unten sieht es aus, als würde es sich die ganze Zeit heftig hin und her bewegen, aber hier...", sagte sie und rüttelte leicht daran, was Chester kaum in seinem Stand störte. "...wirkte es ganz fest."
      Zugegeben, es war auch nicht die Mitte des gespannten Seils. Bevor Chester auf die Schnapsidee kommen konnte, sie auf das Seil zu locken, schüttelte sie schon den Kopf. Tessa rutschte an die Kante und ließ die Beine in freier Luft baumeln.
      "Oooh, nein. Das Seilhüpfen überlass ich lieber den Profi."
      Bekräftigend klopfte sie auf das Holz der Plattform. Lächeln sah sie Chester an, nur ihn. Alles Andere, das Seil und Tiefe, schien nicht mehr zu existieren. Sie liebte diesen Anblick, wenn die ordentliche Maske ein wenig verrutschte - Die Schweißerlen, die auf seiner Stirn glitzerten und wie die kurzen, blonden Locken sich nach dieser Nummer aus der sorgfältig gekämmten Frisur lösten. Sie beobachtete wie sich seine Brust unter den angestrengten Atemzügen hob, wie das Hemd sich dabei um seine Schultern spannte und längst nicht mehr in der Hose steckte. Ja, daran würde sie sich nie sattsehen.
      "Du warst also nicht immer der Große Chester, der Zirkusdirektor von Magica?", schmunzelte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Bravo! Bravo!"
      Tessa lachte und klatschte und Chester wurde davon ganz warm ums Herz. Er verbeugte sich auf dem wackelnden Seil und genoss den Applaus, der vielleicht keinesfalls so laut und dröhnend war, wie er ihn mochte, aber immernoch laut genug. Weil er von Tessa kam und nur für Chester war.
      "Warte!"
      Behände sprang sie über die Sitzreihen hinweg, nicht mit der Eleganz eines Akrobaten, aber mit einer bemerkenswerten Effizienz. Chester legte den Kopf ein bisschen schief und beobachtete, wie sie zu ihm empor geklettert kam. Vielleicht konnte er eines Tages ja sogar noch eine Akrobatin aus ihr machen.
      Kurz sah sie von der Platform hinab, als sie dort ankam, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Seil. Chester wertschätzte die Neugier, mit der sie die Halterung prüfte. Solche Eigenschaften kamen nie bei ihr zum Vorschein, wenn sie schüchtern und verschreckt war, dabei waren sie so schön. Er hätte ihr am liebsten noch viel mehr davon entlockt.
      "Merkwürdig, von unten sieht es aus, als würde es sich die ganze Zeit heftig hin und her bewegen, aber hier wirkt es ganz fest."
      Ein wissendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
      "Es ist auch fest, aber nur an den Rändern. Zur Mitte wird es lockerer, damit es schwingen kann. Aber ein Teil davon ist auch Illusion, so wie es sein soll. Wenn der Hochseiltänzer sich in großen Sprüngen bewegt, denkt man natürlich auch, dass das Seil viel schwingt."
      Er verlagerte das Gewicht ein bisschen und wippte mit den Beinen, damit das Seil zurück wippte. Dabei musste selbst er auf sein Gleichgewicht achten, was aber keine besondere Herausforderung darstellte. Nicht wie das, was er Tessa gerade gezeigt hatte.
      "Komm doch mal hier -"
      "Oooh, nein. Das Seilhüpfen überlass ich lieber den Profi."
      Er grinste, weil sie wohl genau gewusst hatte, was er sagen wollte. War er etwa so vorhersehbar?
      Tessas Blick fand den seinen und hielt ihn fest. Chester sah zurück und für einen wundervollen Moment erinnerte er sich wirklich an die Platform zurück. Die Erinnerung kam zu ihm.
      "Du warst also nicht immer der Große Chester, der Zirkusdirektor von Magica?"
      "Der Große Chester war ich schon. Darauf kannst du dich verlassen. Zirkusdirektor von Magica, von Immorta, von Fantasia."
      Er machte ein paar langsame, schlendernde Schritte auf sie zu.
      "Aber als Zirkusdirektor wird man schließlich nicht geboren. Irgendwann werde ich wohl etwas anderes als Zirkusdirektor gewesen sein und irgendwann", er machte eine dramatische Pause und kam noch ein paar Schritte auf sie zu, "war ich vielleicht auch gar nicht im Zirkus. Wer weiß das schon? Ich weiß es nicht mehr, das ist schon ein bisschen her."
      Er schmunzelte, dann kam er vor Tessa zum Stehen und streckte die Hand nach ihr aus. Er musste einfach, er konnte nicht widerstehen.
      "Ganz langsam, versprochen. Ich halte dich auch sicher fest."