“Auf gar keinen Fall! Nur über meine Leiche.”, stammelte Tessa schockiert, als sie die knappen Outfits auf der Kleiderstange, zu der Chester sie führte, entdeckte.
Eher würde sie in einen Kartoffelsack gekleidet in die Manege stolzieren, als einen dieser freizügigen Glitzerfummel, der die Bezeichnung Kleid kaum verdiente, zu tragen. Chester reagierte nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, die herumwuselnden Schneider aus dem Weg zu scheuchen. Zu ihrem Entsetzen hielt er tatsächlich zielstrebig auf eine der Kleiderstangen, die mit Albträumen aus kratzigen Pailletten beladen war.
Der Anblick toppte sogar den straffen Zeitplan, von dem wohl alle gewusst hatten, nur Tessa nicht. Laut Owl hatte Chester es mehrmals beim Frühstück erwähnt und ebenfalls laut Owl, war Tessa wohl viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihr Herzblatt anzuschmachten, als ihm zuzuhören. Sie hatte ihm einen beherzten Stoß mit dem Ellbogen zwischen die Rippen verpasst, während Roy in schallendes Gelächter ausgebrochen war.
“Ich habe mir etwas Schönes ausgesucht für dein erstes Mal“, verkündete Chester stolz.
Neben ihr gluckste Owl vergnügt und verkniff sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck das Lachen. Tessa bat das Universum um ein Loch im Boden, in dem sie versinken konnte. Dieses Mal traf ihr Ellbogen seine Magengrube.
“Halt bloß die Klappe”, zischte Tessa.
“Also, dein erstes Mal in einer größeren Rolle, meine ich”, korrigierte sich Chester und plapperte munter weiter. Die Begeisterung über seine Idee stand ihm ins Gesicht geschrieben. Fünf Jahre? Wohl eher fünf Monate, vielleicht sechs oder mehr. Tessa war sich nicht ganz sicher. In einem magischen Zirkus verloren wohl nicht nur unsterbliche Zirkusdirektoren ihr Zeitgefühl. “Ah, sieh mal hier.“
Mit Herzklopfen wagte Tessa einen ersten Blick auf das Kostüm seiner Wahl. Die Kleidungsstücke, die Chester ihr unter die Nase hielt, waren aus weichem und dunklem Leder. Tessa atmete hörbar auf. Vorsichtig berührten ihre Finger die dezenten, aber hübschen Verzierungen. Die Knöpfe aus glänzendem Metall fühlten sich kühl an unter ihren Fingerspitzen an. Sie zupfte an der Kapuze aus einem leichten, aber dennoch robusten, schwarzen Stoff, der dem Outfit etwas Mysteriöses gab. Eigentlich war es keine richtige Kapuze, sondern eher ein Schal, den sie sich um den Kopf wickeln konnte.
"Es müsste dir passen. Zieh es morgen gleich an. Du wirst eine Kulisse bekommen, als wärst du in einem dieser Länder, in dem immer nur die Sonne scheint und alles heiß ist!"
Tessa warf einen hilfesuchenden Blick zu Owl. Sie hatte keine Ahnung, wovon Chester sprach. Ihre kleine Welt hatte nie über den Rand der Stadt hinaus gereicht. War Chester schon einmal dort gewesen oder kannte er die Länder nur aus Büchern? Stammten die Erinnerungen gar aus einer Zeit vor dem Zirkus Magica. Gerade wurde Tessa bewusst, dass sie ihn nie danach gefragt hatte, ob er sich überhaupt an irgendetwas aus dieser Zeit erinnerte?
“Tessa?”
Owl stupste sie an.
“W-was?”
“Ich habe gesagt, du kannst vorher bei mir vorbeikommen. Du brauchst meine Messer für die Show. Deshalb solltest du auch mit ihnen üben.”
Er hatte Recht. Owls Lieblinge besaßen hübsche Elfenbeingriffe mit Schnitzereien und die Klingen, die er nicht für Zielwürfe, sondern für andere Trick benutzte, waren auf verspielte Art leicht gebogen. In der Mange machten sie mehr her, als ihre schlichten Wurfmesser.
Langsam leerte sich das große Zelt. Es war bereits spät, als Tessa an der Seite von Chester an die frische Luft trat. Über ihnen glitzerten die Sterne an einem unverhüllten Nachthimmel. Die Aufregung über eine neue Show und ein ganz neues Publikum war noch überall spürbar. Der Zirkus pulsierte mit so viel Energie und Leben, wie Tessa es seit ihrer Ankunft noch nicht erlebt hatte. Statt Fackeln, die im Winter die Wege ausgeleuchtet und auf magische Weise nie eines der Zelte in Brand gesteckt hatten, spendeten Glühbirnen an schier endlos langen Lichterketten etwas Licht in der Dunkelheit und säumten den Weg wie zu groß geratene Glühwürmchen. Mit spitzbübischen Grinsen um die Mundwinkel mogelte Tessa ihre Finger zwischen Chesters und nahm seine Hand.
“Ich kann nicht fassen, dass du mich für eine Solo-Nummer ausgesucht hast…” sagte sie, als sie um die nächste Ecke bogen. Murmelnd fügte sie hinzu: “...in drei Tagen”
Hier roch es bereits nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Tessa vermutete, dass die Spielbuden und Essensstände in der Nähe in einem der Zelte untergebracht waren. Nach einiger Zeit blieb der Geruch am Holz haften, aber es gab Schlimmeres als den anhaltenden Geruch von süßen Naschereien.
“Sag mal, Chester…?”, fuhr sie fort. Das frische Gras einer neuen Umgebung, noch nicht von geschäftigen Füßen und über Wochen platt getrampelt, raschelte unter ihren Füßen. Dann sprudelten die Fragen aus ihr heraus. “...was sind das für Länder, von denen du vorhin gesprochen hast? Ich habe einmal ein Gemälde von einer Wüste gesehen. Dachtest du an sowas? Warst du schon mal da? Kannst du dich daran erinnern? Bist du vor dem Zirkus schon viel gereist?”
Tessa stoppte sich selbst und lachte verlegen.
“Entschuldige. Zu viele Fragen auf einmal, oder?"
Eher würde sie in einen Kartoffelsack gekleidet in die Manege stolzieren, als einen dieser freizügigen Glitzerfummel, der die Bezeichnung Kleid kaum verdiente, zu tragen. Chester reagierte nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, die herumwuselnden Schneider aus dem Weg zu scheuchen. Zu ihrem Entsetzen hielt er tatsächlich zielstrebig auf eine der Kleiderstangen, die mit Albträumen aus kratzigen Pailletten beladen war.
Der Anblick toppte sogar den straffen Zeitplan, von dem wohl alle gewusst hatten, nur Tessa nicht. Laut Owl hatte Chester es mehrmals beim Frühstück erwähnt und ebenfalls laut Owl, war Tessa wohl viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihr Herzblatt anzuschmachten, als ihm zuzuhören. Sie hatte ihm einen beherzten Stoß mit dem Ellbogen zwischen die Rippen verpasst, während Roy in schallendes Gelächter ausgebrochen war.
“Ich habe mir etwas Schönes ausgesucht für dein erstes Mal“, verkündete Chester stolz.
Neben ihr gluckste Owl vergnügt und verkniff sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck das Lachen. Tessa bat das Universum um ein Loch im Boden, in dem sie versinken konnte. Dieses Mal traf ihr Ellbogen seine Magengrube.
“Halt bloß die Klappe”, zischte Tessa.
“Also, dein erstes Mal in einer größeren Rolle, meine ich”, korrigierte sich Chester und plapperte munter weiter. Die Begeisterung über seine Idee stand ihm ins Gesicht geschrieben. Fünf Jahre? Wohl eher fünf Monate, vielleicht sechs oder mehr. Tessa war sich nicht ganz sicher. In einem magischen Zirkus verloren wohl nicht nur unsterbliche Zirkusdirektoren ihr Zeitgefühl. “Ah, sieh mal hier.“
Mit Herzklopfen wagte Tessa einen ersten Blick auf das Kostüm seiner Wahl. Die Kleidungsstücke, die Chester ihr unter die Nase hielt, waren aus weichem und dunklem Leder. Tessa atmete hörbar auf. Vorsichtig berührten ihre Finger die dezenten, aber hübschen Verzierungen. Die Knöpfe aus glänzendem Metall fühlten sich kühl an unter ihren Fingerspitzen an. Sie zupfte an der Kapuze aus einem leichten, aber dennoch robusten, schwarzen Stoff, der dem Outfit etwas Mysteriöses gab. Eigentlich war es keine richtige Kapuze, sondern eher ein Schal, den sie sich um den Kopf wickeln konnte.
"Es müsste dir passen. Zieh es morgen gleich an. Du wirst eine Kulisse bekommen, als wärst du in einem dieser Länder, in dem immer nur die Sonne scheint und alles heiß ist!"
Tessa warf einen hilfesuchenden Blick zu Owl. Sie hatte keine Ahnung, wovon Chester sprach. Ihre kleine Welt hatte nie über den Rand der Stadt hinaus gereicht. War Chester schon einmal dort gewesen oder kannte er die Länder nur aus Büchern? Stammten die Erinnerungen gar aus einer Zeit vor dem Zirkus Magica. Gerade wurde Tessa bewusst, dass sie ihn nie danach gefragt hatte, ob er sich überhaupt an irgendetwas aus dieser Zeit erinnerte?
“Tessa?”
Owl stupste sie an.
“W-was?”
“Ich habe gesagt, du kannst vorher bei mir vorbeikommen. Du brauchst meine Messer für die Show. Deshalb solltest du auch mit ihnen üben.”
Er hatte Recht. Owls Lieblinge besaßen hübsche Elfenbeingriffe mit Schnitzereien und die Klingen, die er nicht für Zielwürfe, sondern für andere Trick benutzte, waren auf verspielte Art leicht gebogen. In der Mange machten sie mehr her, als ihre schlichten Wurfmesser.
Langsam leerte sich das große Zelt. Es war bereits spät, als Tessa an der Seite von Chester an die frische Luft trat. Über ihnen glitzerten die Sterne an einem unverhüllten Nachthimmel. Die Aufregung über eine neue Show und ein ganz neues Publikum war noch überall spürbar. Der Zirkus pulsierte mit so viel Energie und Leben, wie Tessa es seit ihrer Ankunft noch nicht erlebt hatte. Statt Fackeln, die im Winter die Wege ausgeleuchtet und auf magische Weise nie eines der Zelte in Brand gesteckt hatten, spendeten Glühbirnen an schier endlos langen Lichterketten etwas Licht in der Dunkelheit und säumten den Weg wie zu groß geratene Glühwürmchen. Mit spitzbübischen Grinsen um die Mundwinkel mogelte Tessa ihre Finger zwischen Chesters und nahm seine Hand.
“Ich kann nicht fassen, dass du mich für eine Solo-Nummer ausgesucht hast…” sagte sie, als sie um die nächste Ecke bogen. Murmelnd fügte sie hinzu: “...in drei Tagen”
Hier roch es bereits nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Tessa vermutete, dass die Spielbuden und Essensstände in der Nähe in einem der Zelte untergebracht waren. Nach einiger Zeit blieb der Geruch am Holz haften, aber es gab Schlimmeres als den anhaltenden Geruch von süßen Naschereien.
“Sag mal, Chester…?”, fuhr sie fort. Das frische Gras einer neuen Umgebung, noch nicht von geschäftigen Füßen und über Wochen platt getrampelt, raschelte unter ihren Füßen. Dann sprudelten die Fragen aus ihr heraus. “...was sind das für Länder, von denen du vorhin gesprochen hast? Ich habe einmal ein Gemälde von einer Wüste gesehen. Dachtest du an sowas? Warst du schon mal da? Kannst du dich daran erinnern? Bist du vor dem Zirkus schon viel gereist?”
Tessa stoppte sich selbst und lachte verlegen.
“Entschuldige. Zu viele Fragen auf einmal, oder?"
“We all change, when you think about it.
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
