Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

    • “Auf gar keinen Fall! Nur über meine Leiche.”, stammelte Tessa schockiert, als sie die knappen Outfits auf der Kleiderstange, zu der Chester sie führte, entdeckte.
      Eher würde sie in einen Kartoffelsack gekleidet in die Manege stolzieren, als einen dieser freizügigen Glitzerfummel, der die Bezeichnung Kleid kaum verdiente, zu tragen. Chester reagierte nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, die herumwuselnden Schneider aus dem Weg zu scheuchen. Zu ihrem Entsetzen hielt er tatsächlich zielstrebig auf eine der Kleiderstangen, die mit Albträumen aus kratzigen Pailletten beladen war.
      Der Anblick toppte sogar den straffen Zeitplan, von dem wohl alle gewusst hatten, nur Tessa nicht. Laut Owl hatte Chester es mehrmals beim Frühstück erwähnt und ebenfalls laut Owl, war Tessa wohl viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihr Herzblatt anzuschmachten, als ihm zuzuhören. Sie hatte ihm einen beherzten Stoß mit dem Ellbogen zwischen die Rippen verpasst, während Roy in schallendes Gelächter ausgebrochen war.
      “Ich habe mir etwas Schönes ausgesucht für dein erstes Mal“, verkündete Chester stolz.
      Neben ihr gluckste Owl vergnügt und verkniff sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck das Lachen. Tessa bat das Universum um ein Loch im Boden, in dem sie versinken konnte. Dieses Mal traf ihr Ellbogen seine Magengrube.
      “Halt bloß die Klappe”, zischte Tessa.
      “Also, dein erstes Mal in einer größeren Rolle, meine ich”, korrigierte sich Chester und plapperte munter weiter. Die Begeisterung über seine Idee stand ihm ins Gesicht geschrieben. Fünf Jahre? Wohl eher fünf Monate, vielleicht sechs oder mehr. Tessa war sich nicht ganz sicher. In einem magischen Zirkus verloren wohl nicht nur unsterbliche Zirkusdirektoren ihr Zeitgefühl. “Ah, sieh mal hier.“
      Mit Herzklopfen wagte Tessa einen ersten Blick auf das Kostüm seiner Wahl. Die Kleidungsstücke, die Chester ihr unter die Nase hielt, waren aus weichem und dunklem Leder. Tessa atmete hörbar auf. Vorsichtig berührten ihre Finger die dezenten, aber hübschen Verzierungen. Die Knöpfe aus glänzendem Metall fühlten sich kühl an unter ihren Fingerspitzen an. Sie zupfte an der Kapuze aus einem leichten, aber dennoch robusten, schwarzen Stoff, der dem Outfit etwas Mysteriöses gab. Eigentlich war es keine richtige Kapuze, sondern eher ein Schal, den sie sich um den Kopf wickeln konnte.
      "Es müsste dir passen. Zieh es morgen gleich an. Du wirst eine Kulisse bekommen, als wärst du in einem dieser Länder, in dem immer nur die Sonne scheint und alles heiß ist!"
      Tessa warf einen hilfesuchenden Blick zu Owl. Sie hatte keine Ahnung, wovon Chester sprach. Ihre kleine Welt hatte nie über den Rand der Stadt hinaus gereicht. War Chester schon einmal dort gewesen oder kannte er die Länder nur aus Büchern? Stammten die Erinnerungen gar aus einer Zeit vor dem Zirkus Magica. Gerade wurde Tessa bewusst, dass sie ihn nie danach gefragt hatte, ob er sich überhaupt an irgendetwas aus dieser Zeit erinnerte?
      “Tessa?”
      Owl stupste sie an.
      “W-was?”
      “Ich habe gesagt, du kannst vorher bei mir vorbeikommen. Du brauchst meine Messer für die Show. Deshalb solltest du auch mit ihnen üben.”
      Er hatte Recht. Owls Lieblinge besaßen hübsche Elfenbeingriffe mit Schnitzereien und die Klingen, die er nicht für Zielwürfe, sondern für andere Trick benutzte, waren auf verspielte Art leicht gebogen. In der Mange machten sie mehr her, als ihre schlichten Wurfmesser.

      Langsam leerte sich das große Zelt. Es war bereits spät, als Tessa an der Seite von Chester an die frische Luft trat. Über ihnen glitzerten die Sterne an einem unverhüllten Nachthimmel. Die Aufregung über eine neue Show und ein ganz neues Publikum war noch überall spürbar. Der Zirkus pulsierte mit so viel Energie und Leben, wie Tessa es seit ihrer Ankunft noch nicht erlebt hatte. Statt Fackeln, die im Winter die Wege ausgeleuchtet und auf magische Weise nie eines der Zelte in Brand gesteckt hatten, spendeten Glühbirnen an schier endlos langen Lichterketten etwas Licht in der Dunkelheit und säumten den Weg wie zu groß geratene Glühwürmchen. Mit spitzbübischen Grinsen um die Mundwinkel mogelte Tessa ihre Finger zwischen Chesters und nahm seine Hand.
      “Ich kann nicht fassen, dass du mich für eine Solo-Nummer ausgesucht hast…” sagte sie, als sie um die nächste Ecke bogen. Murmelnd fügte sie hinzu: “...in drei Tagen”
      Hier roch es bereits nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Tessa vermutete, dass die Spielbuden und Essensstände in der Nähe in einem der Zelte untergebracht waren. Nach einiger Zeit blieb der Geruch am Holz haften, aber es gab Schlimmeres als den anhaltenden Geruch von süßen Naschereien.
      “Sag mal, Chester…?”, fuhr sie fort. Das frische Gras einer neuen Umgebung, noch nicht von geschäftigen Füßen und über Wochen platt getrampelt, raschelte unter ihren Füßen. Dann sprudelten die Fragen aus ihr heraus. “...was sind das für Länder, von denen du vorhin gesprochen hast? Ich habe einmal ein Gemälde von einer Wüste gesehen. Dachtest du an sowas? Warst du schon mal da? Kannst du dich daran erinnern? Bist du vor dem Zirkus schon viel gereist?”
      Tessa stoppte sich selbst und lachte verlegen.
      “Entschuldige. Zu viele Fragen auf einmal, oder?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach der Besprechung stob die Menge wieder auseinander. Viele Darsteller würden noch an diesem Abend ihre neuen Kostüme ausprobieren und ihre Nummern gedanklich durchgehen. Es herrschte eine große Aufregung, die Chester gefiel; die Magie des Zirkusses trug wieder einmal ihre Früchte. Alle waren ganz aufgeregt für die neue Saison.
      Tessa blieb an seiner Seite, nervös und sicher genauso begeistert. Sie hatte ihr neues Kostüm mit zurückhaltender Bewunderung akzeptiert und dann kaum mehr aufgepasst. In Gedanken war sie wohl schon ihre erste richtige Aufführung durchgegangen.
      Chester lächelte in sich hinein. Es war schön, so viel Begeisterung zu sehen.
      “Ich kann nicht fassen, dass du mich für eine Solo-Nummer ausgesucht hast", sagte Tessa und verschränkte ihre Hand mit seiner. Er drückte sie ganz leicht. “...in drei Tagen.”
      "Du schaffst das schon. Ich hab dich doch gesehen, in der Manege und bei Owls Wagen, du kannst das. Es steckt dir hier drin, das Messerwerfen." Er tippte ihr mit der freien Hand gegen die Brust. "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der es so schnell und so leicht gelernt hat wie du. Und nein, so jemanden habe ich nicht vergessen."
      Sowas würde Chester niemals vergessen.
      “Sag mal, Chester…?”, sagte Tessa, "...was sind das für Länder, von denen du vorhin gesprochen hast?"
      "Meinst du -"
      "Ich habe einmal ein Gemälde von einer Wüste gesehen. Dachtest du an sowas?"
      "Ich -"
      "Warst du schon mal da?"
      "Uh -"
      "Kannst du dich daran erinnern?"
      "Also -"
      "Bist du vor dem Zirkus schon viel gereist?”
      "Vor dem Zirkus?"
      Da stoppte Tessa erst und lachte.
      “Entschuldige. Zu viele Fragen auf einmal, oder?"
      "Ich hätte zehn Münder gebraucht, um dir alle zu beantworten", sagte Chester grinsend und piekte sie in die Seite. Tessa quiekte.
      "Also, eins nach dem anderen. Der Zirkus war schon an ganz vielen Orten. Wir waren bei dir, wir waren dort, wo Malia herkommt und dort, wo Owl und Roy und all die anderen herkommen. Und dann waren wir schon am Wasser, wo du in eine Richtung nichts sehen kannst als Wasser, und wir waren in den Bergen, die viel größer sind als die hier, und wir waren auch da, wo es nur Sand gibt. Überall möchte man doch einen Zirkus sehen, es wäre schade, es manchen Leuten zu verbieten, nur, weil sie in einer anderen Gegend sind. Wir waren bei Städten, in denen so viele Menschen sind, dass dir schwindelig wird, und wir waren bei Dörfern, wo wir nur einen Abend lang aufgeführt haben, weil es nicht genug Leute gab, um die Ränke zu füllen."
      Er kicherte und führte Tessa an einem Wagen vorbei, in dem man Gläser anstoßen hörte. An diesem Abend kniff Chester für sowas ein Auge zu.
      "Wir waren schon an ganz vielen Orten. Überall nicht, denn an manchen Orten will man gar keinen Zirkus haben, das kommt schon auch vor. Aber solche Orte gibt es wenig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du sie nicht auch schon gesehen hast."
      Er lachte kurz.
      "Immerhin hast du auf der Straße gelebt, du konntest in alle Himmelsrichtungen gehen und alles ansehen. Wo warst du denn schon alles? Hast du nicht schon die ganze Welt besucht?"
    • Interessiert lauschte Tessa seinen Worten. Wie es wohl war, die ganze Welt bereits zu haben und sich nicht all die wunderbaren Einzelheiten erinnern zu können? Natürlich gehörte Vergessen zum Leben dazu. Nach fielen Jahren und gerade im Alter hatte das Gedächtnis die leidliche Angewohnheit, allmählich löchrig zu werden. Wie in vielen Dingen, sprengte Chester auch in diesem Punkt den Rahmen eines gewöhnlichen Menschen. Tessa stolperte gedanklich über die kindliche Einfachheit, mit der er Orte wie die Küste und das endlose Meer beschrieb. Sie waren Skizzen von etwas ganz Realem, aber ohne Farben und Details. Sie lächelte, nickte und behielt seine Hand fest in ihrer.
      "...Ich kann mir nicht vorstellen, dass du sie nicht auch schon gesehen hast."
      Oh, Tessa konnte das schon.
      "Immerhin hast du auf der Straße gelebt, du konntest in alle Himmelsrichtungen gehen und alles ansehen. Wo warst du denn schon alles? Hast du nicht schon die ganze Welt besucht?", fragte Chester.
      Die ehrliche Verwunderung darin verblüffte Tessa. Einen Moment lang musterte sie sein vertrautes Gesicht von der Seite. Die Ahnungslosigkeit vor der nüchternen Realität eines Lebens auf der Straße kränkte Tessa nicht. Chester hatte immer ein Zuhause gehabt. Ein magischer Zirkus, der ihn offensichtlich immer genau dorthin brachte, wohin er es wollte. Zumindest soweit seine Erinnerungen zurückreichten
      "Weißt du, um die Welt bereisen zu können, braucht es Geld", antwortete sie einfach. "Mit dem bisschen Geld, das ich mir zusammen gestohlen habe, habe ich Essen gekauft, keine Zugfahrkarten ans Meer. In meinem bisherigen Leben gab es keine Magie, die mich von Ort zu Ort bringen konnte. Meine Mutter ist mit ihrer Sippe und mir manchmal von Stadt zu Stadt gezogen, aber nie weit von dem Ort entfernt, an dem wir uns begegnet sind."
      Sie drückte seine Finger, während ihr Blick über die Berge schweifte.
      "Das hier...", sagte sie und nickte in Richtung der massiven Felswände. "Ist das erste Mal, das ich richtige Berge sehe. Es ist nur Fels, aber für mich ist er wunderschön."
      An einer Gabelung der Trampelpfade blieb sie stehen. Tessa trat vor Chester.
      "Du hast bestimmt noch viel zu tun. Liam sah gestresst aus. ich will nicht, dass er einen Herzinfarkt bekommt, weil ich die von der Arbeit ablenke. Ich sehe, ob ich noch irgendwo helfen kann und gehe dann schlafen. Schließlich muss ich fit fürs Training sein, richtig?"
      Sanft legte sie eine Hand an sein Gesicht und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen zarten Kuss auf die Wange zu geben.
      "Wir sehen uns morgen, ja?"

      Tessa erschien pünktlich zum Training in der Manege. Prüfend ließ sie die Schultern kreisen. Das Leder der neuen Montur war weich und ließ ihr genug Bewegungsfreiheit. Sie war nervös, aber auch gespannt auf die Kulisse, von der Chester gesprochen hatte. Ihr erste, eigene, große Nummer und das, obwohl sie noch gar nicht lange dabei war. Wirklich Anstoß schien daran niemand zu nehmen. Die Begrüßung an diesem Vormittag fiel herzlich aus wie immer. Ein aufmunterndes Schulterklopfen hier, ein 'Hals-und Beinbruch' da. Hin und wieder bemerkte Tessa verhaltene Blicke voller Argwohn. Der Kristallkugel-Vorfall hatte Spuren hinterlassen, aber nicht an diesem herrlichen Tag im Schatten des Bergkammes.
      Im großen Zirkuszelt ging es zu wie in einer Ameisenkolonie. Darsteller, Artisten, Bühnenbildner und Schneider strömten geschäftig hinein und hinaus. Hinein und wieder hinaus. Mit dem quietschen der Seilwinde wurde gerade hoch über ihrem Kopf das Sicherheitsnetz für die Proben der Akrobaten und Seiltänzer in die Höhe gezogen. Die Tiere sollten im Mittelpunkt stehen, aber auf eine spektakuläre Trapez-Nummer wollte wohl doch niemand verzichten. Das Schnauben der Pferde drang von der linken Seite herüber, wo sie aufgeregt auf der Stelle tänzelten. Tessa schluckte und zupfte nervös an ihrem Kragen. Pferde waren, nun ja, nicht so ihr Ding.
      Deshalb hielt sich Tessa erstmal auf der rechten Seite des weitläufigen Zeltes auf und legte den Koffer mit Owls Messern auf einem Sitz der untersten Sitzreihe ab. Während sie sich umsah, band sie sich die Haare im Nacken zusammen. Mittlerweile waren sie wieder lang genug, damit es sich lohnte. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester legte den Kopf schief, als Tessa ihn auf die Wange küsste und dann ging. Er wusste einfach nicht, was er davon halten sollte, dass Tessa die Welt noch nicht gesehen hatte. Sicher verstand er, dass man Geld für Essen brauchte, aber das war doch nicht so schwer zu kriegen, oder? Wieso hatte sie sich ihr Essen nicht anders besorgt? Was sollte denn eine Zugfahrkarte sein?
      War man denn nicht frei, wenn einen die Grenzen eines Zirkusses nicht beschränkten? Darüber dachte Chester noch nach, als er in der späten Nacht ins Bett ging.

      Am nächsten Tag war der Zirkus zu seiner üblichen Geschäftigkeit zurückgekehrt. Bühnenbildner wuselten herum, um die neue Kulisse aufzubauen; ein sanftes, warmes Licht tauchte die sandige Manege in den gelben Ton einer zu hellen Sonne und die Ränder waren mit kunstvollen Leinen geschmückt. Der Vorhang, durch den die Darsteller auf die Manege gehen würden, wurde ausgetauscht durch rasselnde Stricke und die Zuschauertribünen erhielten einen neuen Bezug. Binnen Stunden wurde das Zelt wie ausgewechselt, bis nichts mehr an die vorherige Atmosphäre erinnerte.
      Chester war halbwegs zufrieden mit dem Vorgang. Halbwegs. In seiner Welt konnte alles immer noch besser, noch schneller gemacht werden.
      "Die Heuballen da vorne beim Eingang! Ein Stück zur Seite, man soll doch noch durchkommen! Der Pferdeschmuck nach hinten, die Leinen nach vorne! Nein, die anderen Leinen! Die anderen! Ja, die! Die Musiker sollen sich schonmal setzen - wieso hat denn noch niemand gestimmt! Auf auf! Wer hat die Abdeckung für die Räder? Das soll hier vorne hin! Hier nach vorne! - Wer hat denn Frederick freigelassen?!"
      Ein kreischender Affe hüpfte über ihre Köpfe hinweg und verschwand gackernd im Gang hinten. Ein sehr gestresst wirkender Dompteur rannte ihm nach.
      "Grundgütiger! Denkt doch ein bisschen nach! Ist das Trapez schon bereit? Nein? Dann fangen wir mit etwas anderem an! Hmmm -"
      Chester sah sich in der chaotischen Manege um. Der neue Vorhang wurde gerade noch angebracht und die Pferde vorbereitet. Hector musste also noch draußen warten. Die Affen waren keine gute Idee, solange Frederick noch sein Unwesen trieb und das Trapez war auch nicht bereit. Die Musiker stimmten noch. Wie wäre es mit den Vögeln? Nein, lieber nicht, die Atmosphäre machte sie zu unruhig. Chester ließ seinen Blick schweifen, bis er bei Tessa anhielt.
      "Tessa! Dann machen wir deine Nummer zuerst! Komm in die Manege! Brandon, bring die Ziele heraus! Und die Trommeln will ich hören, jemand soll sich an die Trommeln setzen!"
      Zur Antwort bekam er einen dumpfen Trommelschlag zu hören und gab sich damit zufrieden. Er hüpfte in die Manege hinunter, wo die anderen Arbeitenden sich jetzt zurückzogen, um der Probe Platz zu machen. Chester selbst war auch zum Auftritt gekleidet; seine Haare waren makellos gegelt und er trug ein dunkelblaues, edel anmutendes Kostüm mit goldenen Knöpfen an der Seite. Die dazu passende dunkle Leggings verlieh ihm das Aussehen eines noblen Tänzers.
      Er kam zum Rand der Manege und wartete dort auf eine sichtlich nervöse Tessa. Brandon brachte die Ziele heran und stellte sie nach Liams Anweisung auf. Allerdings diesmal nicht am Rand der Manege, wie bei Owls Auftritt, sondern in der Mitte im Kreis angeordnet.
      Russell brachte ein Pferd heran.
      "Mit Owl hast du nur eine statische Show gemacht", sagte er zu Tessa, die zu ihm trat. "So nennt man das, wenn sich nichts bewegt. Also, Owl hat sich schon bewegt, aber nicht sehr. Er hat einfach nur die Messer geworfen. Das wirst du auch tun, mehr ist es schon gar nicht. Aber du wirst es von einem Pferderücken aus tun und wenn du ganz mutig bist, wirst du daraus eine kleine Show machen."
      Begeistert strahlte er sie an.
      "Bist du bereit? Dann hoch mit dir."
    • Tessa beobachtete das Chaos, das durchaus Methode besaß, wenn man näher hinsah, aus sicherer Entfernung. Zumindest stand sie niemandem im Weg bis sie an der Reihe war. Die Galgenfrist endete, als Chester auf sie zukam. Viel früher, als Tessa damit gerechnet hatte. Sie sollte den Anfang machen? Tessa schluckte schwer und ihr Herz machte beim Klang der Trommel einen Satz. Ob die Dramatik unbedingt sein musste? Für Chester stand das nicht zur Debatte.
      Chester sah...gut aus. Unverschämt gut. Tessa glaubte nicht, dass eine andere Person dieses Outfit mit so viel Eleganz und würde tragen konnte. Schon gar nicht die hautengen Leggings. Die ehemalige Straßendiebin strich sich eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr und straffte im Anschluss die Schultern. Showtime.
      Brandon schaffte die Requisiten in die Manege und so Tessas Verwunderung, war die Anordnung gänzlich anders als in ihrer Erinnerung. Skeptisch zog sie die Augenbrauen zusammen, lauschte aber geduldig Chesters Anweisungen.
      "...mehr ist es schon gar nicht."
      Sie atmete erleichtert auf.
      "Aber du wirst es von einem Pferderücken aus tun."
      Wie bitte?
      "...und wenn du ganz mutig bist, wirst du daraus eine kleine Show machen."
      Eine...Show?
      Skeptisch beäugte Tessa das tänzelnde Pferd, das Brandon in die Manege führte. Das Tier betrachtete sie mit angelegten Ohren und demselben Misstrauen. Dumpf stampfte es mit dem linken Vorderhuf auf und wirbelte scharrend den Sand auf.
      Oh, nein. Nein, nein, nein.
      "Bist du bereit? Dann hoch mit dir."
      Tessa hob abwehrend die Hände.
      "Du willst ernsthaft, dass ich mich auf dieses...dieses Biest setze?"
      Auf Kommando warf der Schimmel den Kopf in den Nacken und blähte die weichen Nüstern auf.
      Bevor Chester sie in Richtung des Pferdes schieben konnte, grub Tessa die Absätze ihrer Stiefel in den Boden.
      "Warte...", stotterte sie. "Chester, jetzt warte doch mal! Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Wenn ich da runter falle, breche ich mir das Genick! Guck mal, es sieht auch nicht besonders angetan aus von der Idee. Lass uns doch kurz darüber...Chester! Um Himmels Willen, ich kann nicht reiten!
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa hob die Hände.
      "Du willst ernsthaft, dass ich mich auf dieses...dieses Biest setze?"
      "Ganz genau!"
      Chester hätte Luna nicht zwingend als Biest bezeichnet. Die Stute hatte einen... starken Charakter, aber ein Biest war sie noch lange nicht. Höchstens temperamentvoll.
      "Komm, ich helf dir hoch."
      Er streckte die Hand nach ihr aus und im Hintergrund warf Luna den Kopf in den Nacken.
      "Warte... Chester, jetzt warte doch mal!", sagte Tessa aufgebracht. Chester hielt ein.
      "Hältst du das wirklich für eine gute Idee?"
      "Ja. Eine fantastische sogar."
      "Wenn ich da runter falle, breche ich mir das Genick!"
      "Ach nein, hier ist doch überall Sand. Höchstens das Bein, wenn du ungünstig fällst."
      "Guck mal, es sieht auch nicht besonders angetan aus von der Idee."
      Im Hintergrund hatte Luna die Ohren angelegt. Sie sah wirklich nicht angetan aus, aber egal wie zickig die Stute werden konnte, sie war doch eine gute Wahl für eine erste Show. Davon war Chester überzeugt.
      "Sie ist nur ein bisschen muffelig so früh am morgen."
      Er streckte die Hand nach dem Pferd aus, aber Luna zog den Kopf weg.
      "Lass uns doch kurz darüber..."
      "Wenn sie erstmal läuft, dann ist sie ganz zahm."
      "Chester!"
      Chester verstummte und sah wieder Tessa an.
      "Um Himmels Willen, ich kann nicht reiten!"
      Um sie herum schien es mit einem Schlag leiser geworden zu sein. Einige Artisten starrten Tessa bei ihrem Ausbruch an und Chester musste ungläubig blinzeln.
      "Du kannst nicht reiten?"
      Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Verblüfft stemmte er die Hände in die Hüfte.
      "Das habe ich ja noch nie gehört. Du kannst echt nicht reiten? Was bringt man denn den Kindern heutzutage bei?"
      Dass Tessa nicht lesen konnte war schon in Ordnung. Lesen musste man nicht zwingend können, um über die Runden zu kommen. Aber reiten? Wie sollte sie sich denn sonst fortbewegen, wenn nicht zu Pferd? Zu Fuß? Sicher nicht nur.
      Unschlüssig kratzte er sich am Kinn. Das war jetzt etwas lästig, es störte seine Pläne.
      "Tja, reiten kann ich dir nicht in drei Tagen beibringen. Nicht, wenn du auch noch Messer werfen sollst, das geht nicht. Hmm."
      Er schaute zu Luna und den Zielscheiben, die aufgestellt worden waren. Die Nummer sollte etwas mit Tieren gemeinsam haben, das war schließlich ihr Motto für diesen Aufenthalt. Owl könnte er sicher mit viel Überredungskunst dazu bringen, die Nummer selbst zu machen, aber Owl sollte lieber seinen Trick mit den Vögeln machen, das liebten die Kinder. Und was sollte Tessa machen? Gar nichts und auf eine Chance in der nächsten Saison warten?
      Sicher nicht. Sie waren ein magischer Zirkus und als solcher würden sie doch eine Lösung für dieses Problem finden.
      Chester kniff die Augen zusammen.
      "Und wenn du nicht direkt auf ihr reitest? Russell, geh und schau mit Serena, ob ihr den Streitwagen aus dem Lager bekommt. Den kleinen."
      Russell nickte kräftig und ging. Chester übernahm derweil die Zügel der Stute und hielt sie bei sich. Luna beäugte Tessa kritisch.
      "Wir probieren es mit einem Wagen", sagte er zu Tessa. "Du stellst dich einfach darauf und lässt dich von Luna ziehen. Dann musst du nicht reiten, du musst dich nur ziehen lassen. Ist ganz einfach."
      Er lächelte sie an. Irgendwie würde er Tessa schon in seine Aufführung einbauen. Mit einer größeren Rolle als nur Owls Assistentin.
      Russell kam wieder und zog den Streitwagen hinter sich her. Er war klein, gerade groß genug für eine Person, und an den Außenrädern hatte er Kappen, die den hochgeschleuderten Sand auffingen. Russell befestigte das zugehörige Geschirr an Luna.
      "Jetzt aber hoch mit dir. Mal sehen, ob wir das auch so schaffen."
    • Was man den Kindern heutzutage beibrachte? In Tessas Fall das Bestehlen unschuldiger Passanten.
      "Nein, ich kann echt nicht reiten", wiederholte sie augenrollend.
      Das war auch der Moment, in dem ihr die Blicke der anderen Artisten auffielen. Tessa zog missmutig und auch wenig beschämt über ihren Ausbruch das Kinn an die Brust. Sie hatte die leise Hoffnung, dass Chester von seiner, für Tessa, wahnwitzigen Idee absah.
      Drei Tage waren zu wenig, um ihr das Reiten beizubringen?
      Wie...schade.
      Beim nächsten Blick in sein Gesicht ahnte sie bereits Böses. Nein, den Blick kannte sie mittlerweile zu gut. Hinter seiner Stirn ratterten bereits geschäftig die Zahnrädchen seines Verstandes. Tessa schluckte. Er suchte bereits nach einer Alternative, die in seine Nummer für die Show passte. Etwas Spektakuläre, das dem Publikum jeder Menge Ahs und Ohs entlockte.
      "...ob ihr den Streitwagen aus dem Lager bekommt. Den kleinen."
      Den Streitwagen?!
      Als Russel und Serena mit dem Wagen zurückkehrten, machte Tessa große Augen. Plötzlich sah die Alternative auf dem Rücken der weißen, übellaunigen Stute zu sitzen doch nicht mehr ganz so schlimm aus. Sollte sie das Ding lenken und gleichzeitig ihre Messer werfen? An dem Geschirr waren keine Zügel befestigt.
      "...du musst dich nur ziehen lassen. Ist ganz einfach."
      "Einfach...ja klar. Ist ganz leicht", grummelte Tessa, gab sich geschlagen und stapfte auf den Streitwagen zu.
      Zugegeben, der Wagen machte schon einen recht imposanten Eindruck. Er war klein, aber für einen Zirkus wie diesen passend verziert. Die Plattform knarzte leicht, als Tessa aufstieg und den Sitz der Messer an ihrem Gürtel und den Oberschenkelgurten kontrollierten. Die Routine beruhigte sie.
      "Für die Nummer schuldest du mir was, Chester", sagte sie und endlich erschien ein zaghaftes Lächeln auf ihren Lippen.
      Wackelig wie ihr Stand auf dem Streitwagen, aber das würde schon gehen. Wie es so schön im Showgeschäft? Hals- und Beinbruch.
      Ein Ruck ging durch den Einspänner und schon setzte sich das Pferd, Luna, wie Tessa jetzt wusste, nachdem Russell der Stute gut zugeredet hatte, in Bewegung. Erst langsam, damit Tessa sich an das Geschaukel gewöhnen konnte. Auf ebenem Grund wäre es sicher leichter gewesen und für eine erste Übung definitv besser, denn im Sand ruckelte der Streitwagen munter vor sich hin. Tessa hielt sich Wagengehäuse fest. Nicht lange und Luna trottete, mehr oder minder glücklich über ihren Job, im Kreis durch die Manege. Nach ein paar Runden löste Tessa ihren Klammergriff und konzentrierte sich darauf die Balance zu halten.
      "Soll ich einen Wurf wagen?", riss sie über das dumpfe Hufgetrappel im Sand hinweg. "Aber geht in Deckung. Ich kann nicht versprechen das ich beim ersten Mal irgendetwas treffe..."
      Tessa zog eines der Messer von ihrem Oberschenkel und drehte sich halbschräg zu den Zielen in der Mitte, während sie sich mit der anderen Hand wieder festhielt. Ohje.
      "Ducken und Köpfe einziehen, ja!?", rief sie laut genug, damit es jeder auch hörte.
      Mit Schwung holte Tessa aus...und verfehlte die erste Zielscheibe grandios.
      Das Wurfmesser segelte durch die Luft und blieb mit einem dumpfen Klonk in einem der Balken am Rand der Manege stecken.
      Gerade so.
      Tessa verzog das Gesicht.
      "Ohje..."
      Das würde wohl ein wenig dauern.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Unter mehr oder eher weniger großem Tatendrang stieg Tessa in den Wagen. Chester trat an den Rand der Manege zurück und stellte sicher, dass sich niemand sonst mehr im Sandkreis befand. Russell und Serena verschwanden wieder im Gang hinter dem Zelt.
      "Für die Nummer schuldest du mir was, Chester", grummelte Tessa in Chesters Richtung, lächelte aber. Chester grinste. Letzten Endes konnte sich ja doch niemand der Aufregung der Manege entziehen.
      "Einverstanden. Musik! Ich zähle ein!"
      Er hob beide Arme, sodass der Dirigent ihn gut sehen konnte.
      "... Und fünf... sechs... sieben... acht!"
      Die Musik setzte mit einem Auftakt ein und Luna reagierte auf das antrainierte Signal. Sie zog in einem gemächlichen Trab los und der Wagen kam gleich mit dazu, ein Anblick, wie er vielleicht der Realität würdig gewesen wäre. Die goldenen Platten in Lunas Kostüm funkelten und glitzerten und der Wagen macht einen ehrwürdigen Eindruck, wie er dort am Rand der Manege vorbeizog. Chester konnte bereits die Kinder vor sich sehen, allesamt in den vordersten Reihen, wie sie mit staunenden Augen den Wagen betrachteten. Und natürlich auch seine Fahrerin, die sich noch nicht ganz so imposant an seinem Rand festhielt. Mit der Zeit würde es werden.
      "Aufrecht stehen, Tessa! Halt dich fest, aber stell dich aufrecht! Immer selbstbewusst, auch wenn du dich nicht so fühlst - du bist die einzige im ganzen Zelt, die diesen Wagen fahren darf! Freu dich, zeig den Leuten, dass du dich freust! Lächeln! Mehr Trommeln in der Musik, die Trommeln sind zu leise! Schau ins Publikum, Tessa, reib ihnen unter die Nase, wie viel Spaß du hast! Sobald du kannst, halt dich nur mit einer Hand fest!"
      Es dauerte ein paar Runden, damit Tessa einigermaßen den Griff rausbekam. Überzeugend war sie noch nicht, eher ein verloren gegangenes Mädchen, das nicht wusste, was es mit dem Wagen anfangen sollte, aber Chester blieb zuversichtlich. Tessa hatte schon mit den Messern unglaubliches Können bewiesen und das würde sie hier auch zeigen. Chester hatte es einfach im Gefühl.
      Irgendwann ließ Tessa halbwegs los und blieb aufrecht stehen.
      "Soll ich einen Wurf wagen?"
      Chester strahlte.
      "Ja! Nimm das Ziel ganz in der Mitte! Denk daran, was Owl dir beigebracht hat, es ist jetzt nicht anders!"
      "Aber geht in Deckung. Ich kann nicht versprechen das ich beim ersten Mal irgendetwas treffe..."
      "Alle weg, die hier gerade nichts machen müssen!"
      Im Hintergrund wurde herumgewuselt und die Leute zogen sich entweder zur Tribüne zurück oder zu den diversen Eingängen. Für einen Moment lagen zwei Dutzend Augenpaare auf Tessa.
      Tessa zog ihr Messer hervor. Die Musik nahm auf das Zeichen des Dirigenten zu und entwickelte Spannung. Die Atmosphäre schien sich aufzuladen, die Trommeln schlugen fast synchron mit Lunas Hufschlägen. Tessa holte aus.
      "Ducken und Köpfe einziehen, ja!?"
      "Ja!"
      Das Messer schnellte los und mit gehörigem Abstand am Ziel vorbei. Eine Seite der vorübergehenden Zuschauer hechtete erschrocken aus dem Weg, als das Messer in ihre Richtung flog. Zum Schluss wurde es von einem Stützbalken aufgefangen.
      Chester klatschte begeistert in die Hände und hüpfte auf der Stelle.
      "Fantastisch! Super! Schau nicht so - lächeln! Lächeln! Du wolltest den Balken treffen und hast ihn auch getroffen! Gleich nochmal! Es ist nur Show, Tessa, spiel den Leuten eine Show vor! Sie müssen nicht die Wahrheit wissen, sie müssen nur beeindruckt sein! Mach's gleich nochmal und diesmal will ich, egal wohin das Messer geht, dass du so stolz auf dich bist, als hättest du damit einen Faden durchschossen! Los!"
      Liam trat neben ihn, als Tessa das nächste Messer zog. Die Unsicherheit war ihr anzusehen, selbst als sie umzusetzen versuchte, was Chester ihr sagte. Sie zielte und diesmal ging das Messer nicht allzu sehr daneben - dennoch hatte sie das Ziel noch immer noch getroffen. Ein Helfer hechtete kurz in die Manege und barg das Messer, bevor er sich sofort wieder zurückzog.
      Liam neigte sich zu Chester.
      "Hältst du es für eine gute Idee, Tessa schon auf die Bühne zu lassen? Sieh sie dir an."
      Sie beide sahen zu, wie Tessa das nächste Messer zückte. Noch musste sie sich festhalten und schien von jeder Bewegung durchgerüttelt zu werden. Ein scharfer Stop und sie würde vermutlich rausfallen.
      "Sie hat noch kaum die Ausstrahlung für die Manege. Ich hätte sie noch ein, zwei Jahre bei Owl gelassen."
      "Das ist schon in Ordnung", sagte Chester fröhlich. Das dritte Messer flog wieder daneben. "Je früher sie anfängt, desto mehr kann sie lernen."
      "Schon, aber wir müssen auch an die Show denken." Liam blätterte durch sein Klemmbrett. "Wir haben Tessa als Neuling, Malia mit einer neuen Nummer, die sie auch noch lernen muss; wir haben Owl mit seinem Jonglieren - wenn das dieses Mal gut geht -, wir haben Hector, der kein Männchen mehr machen kann. Wir haben die Clowns, die mit den Affen nicht gut zurechtkommen. Die einzige Nummer, die richtig funktioniert, ist..."
      Er blätterte wieder. Chester sah dem vierten Messerwurf zu.
      "... Roy mit den Löwen. Das hat er drauf. Aber sonst ist alles mehr oder weniger... halbfertig."
      "Den Hut haben wir noch. Vergiss den Hut nicht", sagte Chester, ohne seine Augen von Tessa zu nehmen.
      "Okay, der Hut, meinetwegen. Das ist aber für ein anderthalb-stündiges Programm zu wenig. Der Hut macht zehn Minuten des Programms aus, Roy nochmal 15. Es bleibt knapp eine Stunde übrig, die, naja, sitzen muss."
      Chester wusste natürlich, was Liam meinte. Tessa war zwar nicht die einzige, die etwas neues lernen musste, aber Tessa war mit Abstand die Unerfahrenste. Sie hatte keine Übung in anderen Nummern, die sie hier hätte anwenden können. Aus einer wirtschaftlichen Perspektive wäre es besser, Tessa noch ein Jahr Owls Assistentin bleiben zu lassen.
      Nicht, dass Chester das vorgehabt hätte.
      "Wir sind ein Zirkus aus Laien", sagte Chester, den Blick noch immer auf Tessa gerichtet. "Die meisten von euch sind Laien. Ich könnte Tessa noch gut ein Jahr bei Owl bleiben lassen oder auch fünf. Deswegen wird sie trotzdem irgendwann das erste Mal alleine in der Manege sein und Malia wird trotzdem eine neue Nummer einstudieren müssen und Owl trotzdem etwas machen müssen, was er vielleicht nicht gut kann. So ist das mit Laien, das kann man nicht verhindern. Und es ist nicht schlimm. Wir werden die Magie einfach unsere Lücken füllen lassen, wo wir sie nicht selbst füllen können."
      Er sah Liam kurz an, um ihm ein überzeugendes Grinsen zu schenken. Liam sah nicht überzeugt aus.
      "Ich hoffe du weißt, was du da machst, Chester. Unser Lebensunterhalt hängt von diesen Aufführungen ab."
      "Ich weiß, mach dir darum keine Sorgen."
      An Tessa gewandt rief er:
      "Willst du es mal schneller versuchen? Wir sind noch nicht beim richtigen Tempo angelangt! Gut festhalten - und fünf, sechs, sieben, acht!"