The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Caleb

      Mittlerweile konnte er seine Zimmerdecke sehen, wenn er seine Augen schloss. Caleb hatte sich, abgesehen von gelegentlichen Trips ins Bad, immer noch nicht bewegt. Pure Logik sagte ihm, dass das wohl das Schlimmste war, was er sich gerade selbst antun konnte. Er musste seine Kleidung wechseln, was essen, wenigstens endlich daran denken, das Kabel für sein Handy mitzubringen, aber er schaffte einfach nichts davon. Das Kabel lag nicht auf dem Weg zum Bad. Seine Kleidung zu wechseln würde zu viel Bewegung bedeuten. Bei dem Gedanken an Essen wurde ihm übel.
      Die Sonne vor seinem Fenster kam und ging. Es wurde langsam wieder Abend. Niamh würde ihn hassen. Sie musste mittlerweile mitbekommen haben, dass er ihren täglichen Reminder für seine Medikamente nicht erhalten hatte und verdammt sauer sein, dass er sich nicht meldete. Aber das war okay. Irgendwann würde sie schon an seiner Tür auftauchen um zu sehen, ob er noch lebte und dann hätte er wenigstens einen Grund, um aufzustehen und eine weitere Beziehung, die er zerstören konnte. Das schien sein Ding zu sein, nicht?
      Er hätte es gar nicht so weit kommen lassen sollen. Er hätte seine Gefühle einfach unterdrücken sollen, so wie er es jahrelang getan hatte. Es war immer so einfach gewesen. Richard hatte es ihm so schwer gemacht. Es war dieses Gefühl gewesen, dass sie sich irgendwie ähnlich waren. Dass Richard ihn verstehen würde. Jetzt fühlte es sich nur noch so an, als ob ihm jemand ein Messer ins Herz gestoßen hätte.

      Es war die Türklingel, die ihn schlussendlich aus der Trance riss. Caleb seufzte, während er überlegte, ob er aufstehen sollte, oder nicht. Er erwartete keine Pakete und garantiert keinen Besuch. Niamh hatte einen Haustürschlüssel und würde von selbst reinkommen. Es könnte höchstens mal wieder ein Paket für die Nachbarn sein, oder irgendjemand, der ihm irgendeinen Stromvertrag oder eine Religion andrehen wollte. Nichts wichtiges. Nichts, was ihn aus seinem Selbsthass ziehen könnte. Andererseits könnte er auf dem Rückweg endlich das Stromkabel mitnehmen und vielleicht die Flasche Wein. Er war so fertig damit, sich schlecht zu fühlen. Mit Alkohol würde er wenigstens einfach gar nichts fühlen. Das war deutlich besser. Aber er hatte eh schon zu lange überlegt, nicht? Wer auch immer draußen stand musste schon gegangen sein, oder bei jemand anderen geklingelt haben.
      Caleb zuckte zusammen, als es erneut klingelte. Ein Impuls, der ihn tatsächlich auf die Beine brachte. Er wankte beinahe mechanisch durch seine Wohnung zur Tür, vorbei an dem Spiegel im Flur. Gott, er sah furchtbar aus. Dunkle Ringe unter den verheulten Augen, die Haare durcheinander, der Pullover zerknittert. Alles was fehlte, war der Becher mit dem Eis in der Hand und er wäre die perfekte Hollywood-Blondine mit Trennungsschmerz. Aber es half nichts. Jetzt stand er schon an der Tür.
      Er bereute seine Entscheidung in der Sekunde, in der er Richard sah. Es fühlte sich an, als ob man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hätte.
      Caleb stieß ein sanftes "Oh" aus, als er ihn sah. Was wollte er hier? Eine zweite Runde an Anschuldigungen? Oder nur- "Du hast deine Jacke vergessen", erklärte er ein wenig verloren, weil es das erste war, was ihm in den Sinn kam. Calebs Stimme war rau genug, um ihn selbst zu überraschen. Er realisierte jetzt erst, dass er die letzten zwei Tage außer dem durchgehenden Schluchzen nicht geredet hatte. Dafür wollte jetzt irgendwie alles auf einmal aus ihm heraus.
      "Es tut mir so leid. Ich hab nicht- Ich wollte nicht-" Caleb griff nach der Jacke, mit der vollen Intention, sie Richard entgegen zu halten. Stattdessen hielt er sie umklammert wie einen Rettungsring. "Ich hab Scheiße gebaut." Seine Gedanken überschlugen sich. "Es tut mir leid." Gott, es war so laut in seinem Kopf.
    • Richard

      Richard überlegte, sturmzuklingeln, als Caleb glücklicherweise beim zweiten Mal öffnete. Er stieg in den Aufzug, dann wurde ihm plötzlich seltsam heiß. Was, wenn sein Gaslighting-Versuch nicht klappen würde und Caleb ihn diesmal nicht zurücknahm? Mit ein paar Dates würde Richard sich kaum nochmal reinschummeln können. Er hatte irgendwie noch nicht so richtig über diese Möglichkeit nachgedacht. Er war zu wütend gewesen. Aber vielleicht hatte Caleb ihn jetzt satt. Und wie oft konnte man sowas schon ohne Konsequenzen abziehen? Richard knirschte mit den Zähnen, bis er endlich bei Calebs Geschoß ankam und zu seiner Tür trottete. Seltsamerweise hatte er trotzdem das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, auch wenn Caleb erstmal sauer war. Richard zupfte etwas an seiner Sportjacke, und räusperte sich, aber die Stimme blieb ihm vor Überraschung schließlich im Hals stecken, als er Caleb sah. Er hatte geplant, mit einem ‚Vielleicht hab ich gestern ein bisschen übertrieben‘ zu starten, aber der Satz fiel ihm gerade nichtmal mehr ein. Caleb sah aus, als hätte man ihn kopfüber durch eine Mülldeponie gezerrt. Hatte er dasselbe an, wie gestern? War zur Hölle war in den letzten 30 Stunden passiert, dass er- Oh. Nein. Oder?
      Das schlechte Gewissen fraß sich durch Richards ganzen Körper wie ein Parasit. Er hatte ein bisschen übertrieben, ja, aber er hatte auch vergessen, dass Caleb dazu tendierte, wegen allem sofort seinen Lebenswillen zu verlieren. Das sah Richard ihm allerdings zum ersten Mal erst so richtig an.
      Er stand eine Weile da und sah mit zusammengezogenen Brauen dabei zu, wie Caleb nach seiner vergessenen Jacke griff und sie umklammerte, während er irgendwas vor sich hin stammelte, das niemanden interessierte.
      „Okay, okay“, unterbrach Richard ihn. Er hatte Scheiße gebaut, ja? Es tat ihm leid, ja? War er nicht selbst hergekommen, um sich zu entschuldigen?
      Richard sah kurz zur Seite bevor er beschloss, dass er nicht weiter im Gang stehen wollte und Caleb nicht genügend bei Sinnen war, um ihn entweder wegzuschicken oder reinzubitten. Er schob den Blonden sanft zur Seite, schloss die Tür und zog seine Schuhe aus. Er musterte Caleb einen Moment lang. Urgh. Er sah aus, als wäre er gestern nurnoch ins Bett gekippt und hätte sich in den Schlaf geheult. In seiner Jeans.
      Richard zog Caleb seine Jacke zwischen den klammernden Fingern hervor und warf sie in eine Ecke, weil das echt keinen Unterschied mehr machte.
      „Mir tut es leid. Ich hab übertrieben“, sagte er schließlich seinen Satz. Da war ja was. Aber es sah nicht aus, als könnten sie gerade ein sehr produktives Gespräch führen. Was… Richard tatsächlich garnicht so unrecht war, er hatte sich schließlich nicht sehr viel mehr überlegt.
      „Hattest du das gestern nicht schon an?“, fragte er. Er wusste nicht so recht, wo man anfangen sollte, wenn jemand so tief im Loch steckte.
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    • Caleb

      Sein Herz schlug zu schnell. Caleb konnte wieder Panik in sich aufsteigen fühlen. Er hatte wahrscheinlich nur diesen einen Versuch, um sich irgendwie bei Richard zu entschuldigen und er bekam es nicht mal hin, einen vernünftigen Satz zu formulieren. Richard war ohne ihn wahrscheinlich besser dran. Er hatte irgendjemanden verdient, der psychisch stabil war. Jemand, der-
      Die Zeit schien kurz stehen zu bleiben, als Richard sich an ihm vorbei in die Wohnung schob und die Schuhe auszog. Caleb ließ sie Jacke los, als Richard danach griff, mehr aus Irritation, als wirklich bewusst. Er hatte keine Ahnung, was gerade passierte. Irgendwie hatte er einfach fest damit gerechnet, dass Richard hier war, um sich die Jacke zu holen und ihm nochmal zu sagen, wie froh er war, ihn los zu sein, bevor er wieder gehen würde. Stattdessen entschuldigte er sich und brachte Calebs Kopf damit zu einem kompletten Stillstand.
      "Nein, du hattest recht. Ich hätte es dir sagen sollen. Ich-" Caleb sah kurz an sich hinab, als Richard ihn auf seine Kleidung ansprach, gerade so, als ob er selbst nicht mehr wusste, was er trug. Er musste wirklich erbärmlich aussehen, mhm? Er zupfte ein wenig an seinem Pullover, als ob es das besser machen würde. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welchen Tag wir haben. Oder wie viel Uhr es ist. Also...ja?" Wozu lügen? Es war ziemlich offensichtlich, dass er sich nicht umgezogen hatte. Jetzt etwas anderes zu behaupten würde ihn nur noch hilfloser wirken lassen.
      Er hatte das dringende Bedürfnis, Richard an sich zu ziehen und sich selbst einzureden, dass alles gut werden würde. Caleb war sich nicht ganz sicher, woher es kam. Es war dämlich. Stattdessen schlang er seine Arme um sich selbst. Er musste Richard irgendwie davon überzeugen, dass es ihm leid tat. Das war seine Priorität. Er wollte sich später keine Vorwürfe machen, diese Chance verpasst zu haben.
      "Ich hätte dir das mit der Beförderung erzählen sollen. Ezra hatte es mir erzählt, als wir- nach Russland." Caleb schluckte. Er wollte ihre erste Trennung nicht ansprechen. Er hatte die furchtbare Gewissheit, dass er dadurch nur in Tränen ausbrechen würde. "Als wir wieder gedated haben wollte ich einfach nicht mehr an die beiden denken und das war verdammt dämlich. Es tut mir so leid." Er wiederholte sich. Aber was sollte er anderes sagen?
    • Richard

      Es war auf unterschiedlichen Ebenen seltsam unangenehm, Caleb anzusehen. Es konfrontierte Richard ein wenig damit, wie bescheuert er war. Es interessierte ihn normalerweise nicht sehr, was es mit Leuten machte, die er beleidigte, weil sie es jedesmal absolut verdient hatten. Und auch wenn es in Calebs Fall nicht 100% unverdient gewesen war, wolltw Richard alles zurücknehmen, damit er nicht so aussah, wie er jetzt aussah. Als hätte Richard ihn mit seinen Worten verprügelt, oder so. Als Caleb die Arme um sich selbst schlung, widerstand Richard nur knapp den Drang, sie ihm wieder loszureißen.
      „Es ist Donnerstag“, antwortete er monoton und warf einen Blick auf seine Digitaluhr. „18:13 Uhr“ Es war nicht viel Zeit vergangen, aber offensichtlich hätte Richard gestern Früh doch gleich wieder umdrehen sollen. Caleb hatte, wie es aussah, jede Sekunde genutzt, um sich in eine Zombieversion von sich selbst zu verwandeln.
      Als Caleb seine Entschuldigung erneut ansetzte, hörte Richard doch zu. Irgendwie hatte er es wohl doch gebraucht, das zu hören. Er realisierte grade live, dass Entschuldigungen nicht nur leeres Gefasel waren. Manchmal.
      „Du hättest es mir erzählen sollen“, stimmte Richard zu. „Aber es ist nachvollziehbar, dass du nicht an die beiden denken willst. Ich wünschte ich wäre so gut im Verdrängen, wie du“ Richard würde Andrew und Ezra aus seinen Erinnerungen löschen, wenn er könnte.
      Er seufzte ein wenig und verschränkte einen Moment lang die Arme, während er überlegte, was sie jetzt tun sollten. Vielleicht Caleb wieder in einen normalen Zustand bringen. Damit Richard ihn ansehen konnte, ohne selbst gleich aus dem Fenster zu springen. Er mochte das nicht. Dieses schlechtes Gewissen. Das war fast schlimmer, als die Übelkeit und die Gewissheit, dass er eine absolute Pussy war.
      „Okay. Du kannst so nicht leben“, stellte er trocken fest. „Ich weiß, dass dich das gestern wahrscheinlich geschockt hat, das war meine Schuld, aber dir wird es immer nur schlechter gehen, wenn du dich so gehen lässt“ Das war ein Fakt. Richard ging es auch von Sekunde zu Sekunde schlechter, je länger er sich das ansehen musste. „Das gilt für jede Lebenssituation. Also… lässt du mich dir helfen?“, fragte er. Es fühlte sich falsch an, nicht zu fragen. Irgendwie waren sie gerade noch mitten in einem Streit gewesen.
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    • Caleb

      "Ich brauche keine Hilfe." Die Antwort kam zu schnell und zu panisch. Caleb hatte sie über Jahre hinweg so gut eingeübt, dass sie zum Reflex geworden war. Er glaubte sich fast selbst. Er brauchte keine Hilfe. Er war ein selbstständiger Erwachsener und kein Kind. Er war nicht so nutzlos, wie alle offenbar dachten. Er konnte sich durchaus um sich selbst kümmern. Er brauchte kein Mitleid. Er konnte sein Leben selbst in den Griff bekommen.
      Er stand in seinem Hausflur in Kleidung, die er seit zwei Tagen trug, hatte nichts gegessen und kaum geschlafen. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er jeden Moment in sich zusammenfallen und einfach liegen bleiben würde. Alles nur, weil er sich mit Richard gestritten hatte. Vielleicht brauchte er doch langsam Hilfe. Er wollte Hilfe. Er hatte eigentlich immer Hilfe gewollt, aber das zuzugeben war nie gut ausgegangen. Allerdings hatte ihm auch noch nie jemand so offen Hilfe angeboten, wie Richard es gerade tat. Caleb atmete zitternd durch.
      "Nein. Warte. Du hast- Ich will dir keine Umstände machen. Ich sollte wahrscheinlich duschen, mir was anderes anziehen. Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen." Und er war wirklich müde. Aber das würde er aufschieben, so lange es ging. Er wollte diesen kleinen Frieden mit Richard so lange auskosten, bis er einfach vor Müdigkeit zusammenbrechen würde. Alles war besser, als ins Bett zu gehen und morgen ohne ihn aufzuwachen.
      "Kannst du-" Caleb zögerte. Das hier fühlte sich fast schwerer an, als die Entschuldigung. Die war wenigstens einfach aus ihm herausgesprudelt. Das hier war eine bewusste Entscheidung. "Kannst du irgendwas kochen? Der Kühlschrank müsste relativ voll sein." Das war okay, oder? Richard hatte unzählige male von sich aus angeboten, etwas zu kochen. Caleb erinnerte sich dunkel daran, dass er es sogar als einen der großen Vorteile ihn zu daten aufgezählt hatte. Die Frage machte ihn trotzdem nervös. Aber Richard hatte es angeboten und Caleb wusste nicht, wie er ihm sonst helfen könnte.
    • Richard

      Warum hatte er eigentlich gefragt? Richard runzelte die Stirn. Klar… es sah definitiv so aus, als bräuchte Caleb keine Hilfe. Richard wollte gerade widersprechen und argumentieren, dass er sowieso schon hier war und nicht länger in diesem Chaos stehen wollte, als Caleb einknickte. Gut, wenigstens sah er es ein. Wäre auch ein bisschen verrückt, wenn nicht. Offenbar war es aber schlimmer, als Richard gedacht hatte. Er hatte nichts gegessen?
      „Ja, kann ich“, sagte er bloß, als Caleb ihn fragte, ob er etwas kochen konnte. Das hätte er sowieso gemacht. Solange Caleb ihn nicht rauswarf.
      Er drehte sich gerade halb um, als er beinahe über ein paar Schuhe fiel. Ein Schritt noch und er wäre direkt auf der Fresse gelandet. Er seufzte. Er würde nicht nur kochen. Er sah Caleb wieder an.
      „Du hast eine Badewanne?“, fragte er, auch wenn es eher eine Feststellung war, immerhin wusste er, dass es Calebs Wohnung an absolut nichts fehlte. Er nickte in Richtung Bad. „Komm mit“, murmelte und schnappte sich schließlich Calebs Arm, um ihn mit sich zu ziehen. Im Badezimmer stöpselte er die Badewanne und stellte das warme Wasser ein. Er wusste selbst nicht so genau, wieso er Caleb nicht einfach etwas kochte und ihn in Ruhe ließ, nachdem er das scheinbar so wollte, aber Richard konnte ihn einfach nicht sich selbst überlassen. Er müsste ihn schon unter die Dusche zerren um sicherzugehen, dass er das nicht bloß so sagte, und da kam ihm ein Bad sicherer vor. Weniger allgemeines Genickbruchrisiko und höherer Komfort. Die Augenringe waren Richard nicht entgangen. Caleb sah aus als wäre er seit gestern drei Mal gestorben.
      Er scannte die Umgebung nach einem Schaumbad, ließ davon etwas ins Wasser träufeln und drehte sich wieder herum, um Caleb den Pullover über den Kopf zu ziehen. „Zieh dich aus, setz dich da rein, ich mach dir was zu Essen und während du badest, kümmer ich mich um den Saustall. Das mache ich sowieso jedes Mal, wenn ich hier bin. Widersprich mir nicht. Ich will nicht, dass du im Stehen einpennst und umfällst, und keine Sorge, ich traue dir auch zu in einer Wanne zu ertrinken, also lasse ich dich nicht in Ruhe. Leb damit“, murmelte er und zog Caleb das Shirt direkt anschließend über den Kopf, ohne ihn reden zu lassen. „Du siehst scheiße aus“ Er war sich nicht sicher, ob der richtige Zeitpunkt war, um Caleb einen Kuss zu geben, also ließ er es bleiben. Er sah sowieso schon relativ überfordert mit der Gesamtsituation aus.
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    • Caleb

      Das war definitiv zu viel. Richard musste sich seinetwegen nicht so viel Mühe machen. Aber er ließ ihn wieder nicht zu Wort kommen, also blieb Caleb nicht viel mehr über als im Bad zu stehen, ihn etwas überfordert anzustarren und kurz zu nicken. “Okay.” Er stand wieder kurz davor zu heulen. Die seltsame Mischung aus Erleichterung und Überforderung tat ihm nicht gut. Er zwang sich zu atmen, während Richard ging. Die Situation kam ihm irgendwie unwirklich vor.
      Das Bad war ein furchtbarer Fehler gewesen. Caleb hatte sich zwar sofort entspannter gefühlt, als er ins das warme Wasser stieg, allerdings war auch die Müdigkeit schlimmer geworden. Er war sich ziemlich sicher, dass er zwischen Shampoo und Spülung kurz eingenickt war. Außerdem hatte er wieder Zeit zum Nachdenken, was nie gut war.
      Wie standen Richard und er jetzt zueinander? Seine Worte gestern hatten sich ziemlich final angehört. Richard hatte eindeutig nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und jetzt stand er hier und kümmerte sich um ihn. Caleb hatte sich bis vor wenigen Minuten noch selbst dafür gehasst, so an dieser Beziehung zu hängen und jetzt war er wieder dabei, sich zu wünschen, dass Richard bleiben würde. Waren sie noch zusammen? Er war sich nicht sicher, ob er die Antwort auf die Frage hören wollte.

      Caleb schaltete den Föhn aus und atmete tief durch. Er fühlte sich tatsächlich fast wieder menschlich. An den dunklen Schatten unter seinen Augen hatte sich nichts geändert, aber wenigstens sah er nicht mehr ganz so…zerknittert aus. Er fuhr sich ein letztes mal kurz durch die Haare, bevor er, ein Handtuch um die Hüften gebunden, vom Bad ins Schlafzimmer ging, um sich anzuziehen. Es sah tatsächlich ein wenig aufgeräumter aus, als vorhin noch. Caleb versuchte, das schlechte Gewissen herunterzuschlucken, während er sich eine Jogginghose und ein T-Shirt aus dem Schrank zog. So hatte er sich die Beziehung nicht vorgestellt. Er musste sich wirklich zusammenreißen.
      Er fand Richard in der Küche. Caleb griff an ihm vorbei nach seinen Tabletten - besser spät, als nie - und einer Wasserflasche, bevor er sich wieder zu Richard drehte, immer noch ohne zu wissen, was er sagen sollte. Sollte er sich nochmal wegen gestern entschuldigen? Sich dafür entschuldigen, dass Richard wegen ihm so viel Arbeit hatte?
      “Danke.” Caleb zögerte kurz, bevor er Richard in eine Umarmung zog, die wahrscheinlich nicht mal ansatzweise das widerspiegelte, was gerade in seinem Kopf abging. Egal, was momentan ihr Beziehungsstatus war, er war wirklich einfach froh, Richard gerade hier zu haben.
    • Richard

      Richard überließ Caleb sich selbst, für etwa fünf Minuten, in denen er den ersten Blick in den Kühlschrank warf und sich auf Pasta in einer Gemüsesauce festlegte. Er begann damit, die Nudeln zu kochen und einen Wäscherundgang zu machen, was ihn schließlich wieder ins Badezimmer brachte. Caleb sah aus, als würde er jede Sekunde einschlafen. Vielleicht hatte Richard die Gefahr noch unterschätzt. Also kam er alle drei Minuten wieder, um sicherzugehen, dass Caleb noch lebte. Richard war ein wenig zu nervös, um es nicht zu tun.
      Bis Caleb aus dem Badezimmer kam, war das Essen beinahe fertig und die ganze Kleidung vom Boden geräumt, das Bett frisch überzogen und die gesamte Wohnung gesaugt und durchgelüftet, bis Richard fast kalt wurde. Es sah… akzeptabel aus. Er konnte nicht wirklich aufräumen, solange er nicht wusste, was wo hingehörte. Im Endeffekt hatte er einiges einfach zusammen geschoben, um die Flächen frei aussehen zu lassen.
      Er mischte die Sauce zu den Nudeln, als Caleb zu ihm in die Küche kam und Tabletten nahm. Was auch immer das war. Irgendetwas gegen… all das hier? Richard versuchte sich das Äußere der Dose und den Namen einzuprägen.
      „Nimmst du das jeden Tag?“, fragte er und nickte zu den Tabletten, legte den Kochlöffel ab und drehte sich zu dem Blonden herum, als dieser ihn auf einmal umarmte.
      „Oh…“, sagte Richard und legte die Arme langsam um Caleb. Er sah wirklich gleich etwas besser aus, in frischen Klamotten.
      „Klar… ich kann schlecht wegsehen, wenn du so lebst“, murmelte er. Er drückte Caleb etwas fester an sich, hauptsächlich damit er nicht sah, wie stur Richard dagegen ankämpfte, rot zu werden und sich über diese lächerliche Umarmung zu freuen. Was war er, zwölf?
      Er ließ Caleb los, räusperte sich und schnappte sich die Schüsseln für die Pasta. Als würde es irgendeinen Unterschied machen, garnierte er die Portionen mit ein bisschen Basilikum, und trug beide ins Wohnzimmer. Er sah die Notwendigkeit nicht, an einem Tisch zu essen. Sie konnten genauso gut auf der Couch sitzen, wenn Caleb nach dem Essen wahrscheinlich eh ins Koma fallen würde.
      „Komm mit“, sagte er zu ihm und nickte zum Wohnzimmer.
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    • Caleb

      “Citalopram. Täglich 20 mg. Zwei, wenn es ganz schlimm wird. Eigentlich nehme ich sie immer morgens”, erklärte Caleb, während er Richard die kleine Packung entgegen schob. “Niamh schreibt mir morgens immer eine kurze SMS um mich dran zu erinnern.” Oh fuck. Er musste sein Handy noch aufladen, bevor Niamh in seiner Wohnung stehen würde. Andererseits musste er sich keine Sorgen mehr um seine Depressionen machen, wenn Niamh ihn erwürgen würde. Er wusste gar nicht, warum ihr überhaupt so viel daran lag, dass er seine Antidepressiva nahm.
      “Ich komme sofort.” Caleb bemühte sich um ein kleines Lächeln, was ihm noch nicht so richtig gelang und ging durch das Wohnzimmer ins Schlafzimmer, um sein Handy zu holen. Er steckte es kurz an das Ladekabel, bevor er sich im Schneidersitz auf das Sofa setzte und einen Teller mit Nudeln annahm. Nach dem gestrigen Abend fühlte er sich für den Moment seltsam ruhig. Der Geruch des Essens ließ ihn sogar ein wenig hungrig werden. Er hatte zwei Bissen gegessen, bevor er wieder zum Reden ansetzte.
      “Ich habe mit Ezra geredet. Vorgestern.” Er schob gedankenverloren eine Nudel auf dem Teller von rechts nach links. Es war witzig, irgendwie. Er hatte geplant, es Richard beim Essen zu erzählen. In seinem Plan waren die Umstände nur vollkommen anders gewesen. Er war deutlich glücklicher gewesen und hatte nicht geredet, als ob er Angst hätte, etwas falsches zu sagen. “Er war nicht sonderlich begeistert, also denke ich nicht, dass wir uns noch großartig mit ihm auseinandersetzen müssen. Außerhalb der Arbeit, halt.” Was sich seltsamerweise immer noch irreal anfühlte.
      Er zögerte erneut, bevor er zu Richard aufsah. “Ist das noch relevant?” Das war die Frage, die ihm eigentlich im Kopf herumschwirrte. Wo stand ihre Beziehung? War es ein Fehler gewesen, über den sie hinweg kommen würden, oder würde Richard gleich entscheiden, dass er das alles hier nicht wollte, weil Caleb ihm zu hilfsbedürftig war? Bei dem Gedanken daran wurde ihm fast wieder übel. “Sind wir noch…?” Er schaffte es nicht, die Frage auszusprechen.
    • Richard

      'Eigentlich'. Das hieß ja wohl, dass er es heute vergessen hatte. Ob das öfter passierte? Anscheinend, wenn seine Schwester ihm Erinnerungen schreiben musste. Wie sehr konnte man sich selbst eigentlich vernachlässigen? Wenn man schon Medikamente nahm, sollte man das wenigstens durchziehen.
      Richard wartete auf der Couch auf Caleb, der erst sein Handy ansteckte, bevor er sich setzte. Jetzt wussten sie auch, warum er die Medikamente vergessen hatte. Richard beobachtete das alles nur mit leichter Abneigung. Was brachte es Caleb denn, wenn er Erinnerungsnachrichten bekam, aber sein Handy nicht auflud? Und wieso lagen die Medikamente nicht direkt neben seinem Bett, wenn er oft genug nichts anderes tat, als im Bett zu vergammeln? Fragen über Fragen. Am Ende musste Richard jeden Morgen hier vorbeikommen und Caleb seine Medikamente in den Mund schieben. Was sich zeitlich vermutlich ausgehen würde, meistens trainierte er nämlich ohnehin morgens vor der Arbeit. Dann müsste er eben fünfzehn Minuten mehr einplanen. Oder er nahm Caleb mit zu sich nachhause. Oder er zog hier ein? Nein, das war ein bisschen übertrieben. Oder war es das? Wenn Richard ihm so dabei zusah, wie er seine Nudeln über den Teller rollte, kam es ihm plötzlich ziemlich notwendig vor.
      Er sah ihm stirnrunzelnd dabei zu, wie er aß – nämlich ungefähr so wie eine winzige Ameise – und war fast abgelenkt, als Caleb ihn ansprach. Moment. Er hatte was? Richard ließ seine Gabel kurz in der Luft schweben. Er hatte Ezra also endlich von seiner Beziehung erzählt. Es klang nicht so, als wäre das gut gelaufen, was zu erwarten war. Aber Richard hatte wochenlang darauf gewartet. Auf diese Grenze, die Caleb früher oder später einfach hatte ziehen müssen. Nur hatte ihr Gespräch gestern dann ja offensichtlich wirklich schlechtes Timing gehabt.
      Richard wollte gerade fragen, wie es Caleb damit ging, als wäre es nicht völlig offensichtlich, als er ihm eine Frage stellte, die ein bisschen schmerzte. Caleb sah aus, als würde er gleich in sich zusammen fallen.
      "Ja. Ich hab doch gesagt, ich hab übertrieben. Tut mir leid" Er entschuldigte sich jetzt zum dritten Mal dafür, was eindeutig ein Rekord war. Und er brachte es nicht zustande, weiter zu essen, wenn Caleb ihn so ansah. Er stellte seinen Teller auf den Couchtisch und legte einen Arm um Calebs Schultern und zog ihn an sich. Er drückte ihm einen viel zu sentimentalen Kuss auf den Kopf und strich ihm durch die Haare.
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    • Caleb

      “Oh.” Caleb stellte seinen Teller zur Seite und legte seine Arme stattdessen erneut um Richard. “Ich war mir nicht sicher, ob- Ich wusste nicht-” Er stockte, während sich erneut Tränen in seinen Augen bildeten. Erleichterung, Überforderung. Er wollte nicht vor Richard heulen. Nicht nochmal. Er wollte ihm keinen Grund geben doch zu beschließen, dass Caleb ihm zu viel Arbeit war. Aber es war so verdammt schwer.
      Es war der Kuss, der ihn brach. Caleb schnappte kurz verzweifelt nach Luft, bevor die ersten Tränen über seine Wangen liefen. Fuck. Er klammerte seine Finger in Richards Shirt, während er erfolglos versuchte, sich irgendwie wieder zu fangen.
      “Es tut mir leid”, schluchzte er. “Es geht gleich wieder.” Auch, wenn es sich nicht so anfühlte. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, sich gerade noch mehr in das alles reinzusteigern, ohne es aufhalten zu können. “Ich hatte so Angst, dich zu verlieren.” Hatte er immer noch. Würde er immer haben. Weil er es nie schaffte, diese armselige Seite an sich abzulegen. Weil er nie gut genug für irgendwas war. Weil Beziehungen bei ihm früher oder später immer in die Brüche gingen. Ezra, seine Eltern, Richard. All die anderen Leute, die zwischendurch gekommen und gegangen waren. Es war immer das selbe deprimierende Muster.
      Es fühlte sich an, als ob er ertrinken würde. Alles, was ihm blieb, war Richard und die flüchtige Hoffnung, dass Ezra sich irgendwann einbekommen und vielleicht doch nachgeben würde. Was wohl nie passieren würde. Dafür kannte er seinen Bruder gut genug. Warum mussten die einzigen beiden Menschen, zu denen er überhaupt irgendeine Art von Beziehung hatte, sich so unbedingt gegenseitig ausschließen? Warum musste er sich immer entscheiden? Ezra jetzt zu verlieren tat noch mehr weh, als beim ersten Mal. Richard zu verlieren würde sich anfühlen, als würde er sterben. Er konnte nicht gewinnen. Aber Richard war hier, bei ihm und hielt ihn fest und das machte es fast okay.
    • Richard

      "Okay", entkam es Richard etwas überrascht, als Caleb sich an ihn klammerte und anfing, herzzerreißend zu heulen. Er strich dem Blonden weiterhin über den Kopf und sah sich die beiden viel zu vollen Teller mit Nudeln an. Er würde Caleb zwingen, das aufzuessen, sobald er sich wieder beruhigt hatte. Aber sie verstanden wahrscheinlich unterschiedliche Dinge unter 'gleich'.
      "Ich bin hier", versuchte er Caleb zu versichern, auch wenn er das gestern Vormittag selbst noch nicht so genau gewusst hatte. Aber er war sich mittlerweile sicher, dass er Caleb sogar lieber heulend an sich kleben hatte, als von ihm getrennt zu sein. Und Richard war wirklich, wirklich furchtbar darin, Menschen zu trösten. Es kam auch sehr selten dazu, dass er das musste. Wer würde sich schon so in seiner Nähe verhalten außer Caleb? Der Heulkrampf war vielleicht nicht ganz freiwillig, das Klammern aber schon. Richard würde zwar nicht behaupten, dass er sich in solchen Situationen außerordentlich wohl fühlte, aber es war seltsam nett zu wissen, dass Caleb doch an ihm hing. Und sich für ihn interessierte. Und nur einen, für ihn kleinen, Fehler gemacht hatte, von dem er nicht gewusst hatte, was er auslösen würde. Richard hätte nicht einfach Gehen sollen.
      "Ist schon okay. Ich gehe nirgendwo hin" Das hatte er selbstbewusster ausgesprochen, als erwartet. Und wenn er so darüber nachdachte… "Ich muss die Woche nichtmal mehr arbeiten, also kannst du meinetwegen bis Sonntag an mir klammern" Er schmunzelte und legte seinen Kopf auf Calebs ab und ignorierte das unangenehme, dumpfe Gefühl, dass sie sich viel zu nah standen, und sie langsam zu tief drin steckten, als dass es ein Zurück gäbe.
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    • Caleb

      Er war hier. Noch. Nein. Für den Rest der Woche. Das war es, woran er festhalten musste. Caleb wusste nicht, wie lange er so dasaß, an Richard gekuschelt, heulend, während er ihm über den Kopf strich. Es konnten fünf Minuten gewesen sein, oder eine halbe Stunde. Er blieb an Richard gelehnt sitzen, als die Tränen nachließen.
      “Ich werde ohnmächtig, wenn ich in einen unserer Läden gehe.” Caleb vermied es, Richard anzusehen, während er sprach. Er hielt seinen Blick stur geradeaus. “Die Steine, die wir verkaufen, liegen im ganzen Laden aus, wie bei einem Juwelier. Das soll dazu führen, dass- Image. Marketing.” Üblicherweise hatten Läden, die mit Steinen handelten, diese sicher verwahrt in einem Hinterzimmer. Man stellte sich an die Kasse, beschrieb, was für eine Art Stein man benötigte und hoffte auf das Beste. So wurden Einbrüche vermieden. Kein Einbrecher würde für die bloße Chance auf einen guten Stein in einen gut gesicherten Laden einsteigen. Sein Vater hatte relativ schnell mit der Tradition gebrochen. Es war eine Machtdemonstration gewesen. Niemand würde bei einer Familie stehlen, die dafür bekannt war, ihre Abschussliste ziemlich gewissenhaft abzuarbeiten. Außerdem hatte es den netten Effekt, dass Kunden mehr nach Optik, als Funktion kauften und es war ein Alleinstellungsmerkmal.
      “Es sind zu viele Steine auf einmal. Offenbar überlastet das einfach meine Sinne und ich klappe zusammen. Meine Eltern haben mich zur Leitung gemacht, weil sie mich hassen.” Sie interessierten sich schon lange nicht mehr für die Läden. Sie waren immer nur eine Front gewesen, um die Spuren der anderen Steine, die sie stahlen, zu verwischen. Es war ihnen egal, wenn Caleb auch sie vor die Wand fuhr, solange er es nicht schaffte, sie komplett in die Insolvenz zu stürzen.
      “Es ist ein beschissener Job. Ständig möchte irgendjemand was von dir, du hast niemanden, über den du selbst schimpfen kannst und alles, was sinnvoll ist, wird kategorisch abgelehnt.” Aber er war verdammt gut darin geworden, das Steuergesetz so auszulegen, wie es ihm passte. Er hatte sich generell bemüht, in der dämlichen Hoffnung, damit irgendwas zu beweisen. Es hatte viel zu lange gedauert bis er realisiert hatte, dass seine Eltern seine Bemühungen nicht mal belächelten.
      “Ich bin nicht davon ausgegangen, dass irgendjemand das freiwillig machen wollen würde. Das war ziemlich…egoistisch von mir.” Caleb seufzte. “Du hättest den Job kriegen sollen. Ich glaube du bist jemand, der wirklich was bewegen könnte und du hast dich reingehangen. Es tut mir leid, dass das offenbar nicht jeder so sieht.”
    • Richard

      Richard hörte zu und nickte irgendwann langsam. Er wusste, dass Calebs Eltern Psychopathen sein mussten, und die ganze Geschichte überraschte ihn nicht sonderlich, immerhin erwartete man von reichen Kriminellen nicht unbedingt dass sie liebevolle Eltern waren. Richard kannte sich allerdings damit aus, wie es war, wenn man von der eigenen Familie verachtet wurde, und seiner Erfahrung nach war es die beste Lösung, jede Verbindung zu kappen. Er verstand nicht, wieso Caleb nicht alles daran setzte, sich von seiner Familie abzugrenzen. Er machte es sich nur noch schwerer.
      „Ich meine, zum einen werde ich nicht ohnmächtig, wenn ich ins Büro gehe, und zum anderen will ich das Geld. Und ich hab wirklich viel Arbeit reingesteckt, um die Position zu bekommen. Andrew schafft es nur immer wieder, mir den ersten Platz wegzuschnappen, seit ich ihn kenne. Es ist so erbärmlich, dass es beinahe wieder lustig ist“, murmelte er ruhig. „Und ich habe schon deutlich mehr Verantwortung übernommen, als es notwendig gewesen wäre. Der Titel wäre die Belohnung gewesen“ Richard wollte es nicht so richtig zugeben, aber er hatte sich definitiv auch selbst etwas beweisen wollen. Das wollte er immer. Nur, weil er einen anderen Weg gegangen war, als seine Eltern wollten, hieß das nicht, dass es der falsche Weg war. Seiner Meinung nach war es der bessere. Der anstrengendere. Der Weg, wo man wirklich stolz auf sich sein konnte, wenn man es schaffte. Und er hatte einiges geschafft, aber das reichte eben nicht.
      „Vielleicht wäre ich sowieso nicht zufrieden gewesen“, sagte er leise. „Man will immer irgendwohin, und wenn man dort ist, hat man schon wieder ein neues Ziel“ Vielleicht würde er bis ans Ende seines Lebens das Gefühl haben, dass es nie ganz reichte.
      Richard riss sich aus seinem eigenartigen Anflug von Selbstmitleid und richtete sich leicht auf. „Kannst du weiter essen? Ich hab das nicht gekocht, damit du trotzdem von den Knochen fällst“, sagte er und griff nach dem Teller.
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    • Caleb

      “Oh Gott. Sorry.” Essen. Da war ja was. Caleb hatte es fast schon wieder vergessen, setzte sich aber sofort wieder auf, als Richard es ansprach. Er hatte recht. Caleb hatte ihn nicht dazu genötigt zu kochen, nur um es dann stehen zu lassen. Der Teller war zumindest noch lauwarm, als er ihn wieder an sich nahm. Also hatte sein kleiner emotionaler Ausbruch eben wohl doch nicht so lange gedauert. Seltsamerweise fühlte er sich gerade irgendwie tatsächlich besser.
      “Falls Andrew nicht durchhält findest du vielleicht noch heraus, ob du damit zufrieden wärst.” Caleb war sich nicht ganz sicher, ob und wie lange Andrew die Stelle aushalten würde. Die paar Male, die sie sich getroffen hatten war er ihm nie sonderlich sympathisch gewesen, aber das musste nichts über die Qualität seiner Arbeit aussagen. Wer Ezra ertrug, schaffte es wahrscheinlich auch, sich mit der kompletten Belegschaft einer Firma auseinanderzusetzen. Vor allem mit Ezra an seiner Seite. Wenn Ezra eines war, dann extrovertiert. Wahrscheinlich würde er die halbe Belegschaft zu Tode quatschen, bevor sie auch nur eine Beschwerde formulieren konnten.
      "Und sonst findest du vielleicht auch einfach so ein anderes Ziel", schob er zögernd hinterher. Ein furchtbar schwacher Trost, das wusste er selbst. Man arbeitete nicht jahrelang auf etwas hin nur um dann freudestrahlend direkt eine Alternative zu finden, wenn es nicht funktionierte. Obwohl er nicht so tun konnte, als ob ihm das alles nicht auch irgendwie ein wenig entgegen kam.
      "Ich muss in den nächsten Tagen wohl irgendwann wieder zurück nach Dublin", setzte er vorsichtig an, unsicher, wie er seine Gedanken formulieren sollte. "Ich hatte eigentlich einen kompletten Plan, dich irgendwie dahingehend zu manipulieren, dass du mit kommst, aber...vielleicht täte es dir wirklich gut, ein bisschen Abstand zu alledem zu haben." Es war das Dümmste, was Caleb tun konnte. Sobald sie nach Dublin kämen, würden seine Eltern realisieren, dass er mit jemandem zusammen war und er hatte die unschöne Vorahnung, dass sie nicht unbedingt begeistert über Richard waren - nicht, dass er ihn ihnen jemals offiziell vorstellen würde. Aber ihm würde irgendwas einfallen. Er hatte es jahrelang geschafft, Ezra praktisch unauffindbar zu machen, wieso sollte ihm das nicht nochmal gelingen? Zumal Ezra seine Hilfe sowieso ausgeschlagen hatte, also war mehr Zeit für andere Menschen da.
      "Ich hab einen Reinigungsdienst für die Wohnung in Dublin, also würdest du da auch nicht so von allem erschlagen werden", schob er mit einem kleinen, beinahe hoffnungsvollen, Lächeln hinterher.
    • Richard

      „Mh. Wenn er mich bis dahin nicht gefeuert hat. Du kannst dich vielleicht erinnern, dass er mich nicht besonders leiden kann“, fügte Richard hinzu und nahm sich ebenfalls seinen Teller wieder. Lauwarme Pasta. Geil.
      Das Nicht-Mögen konnte jederzeit in Hass umschlagen, falls es das noch nicht hatte, und beruhte mittlerweile ziemlich auf Gegenseitigkeit. Ehrlich gesagt fand Richard Andrew beinahe unausstehlich. Er hatte seinen Charme. Die Kompetenz, die Direktheit. Er war abartig heiß und wusste genau, was er wollte. Perverserweise hatte er aber nicht gegen Caleb. Gut, Caleb versank regelmäßig in seiner psychischen Krankheit und parallel in seinem eigenen Müll, und er klammerte und durchnässte Richards Shirt ab und zu und vielleicht wusste er auch nicht, was er wollte, oder war sonderlich kompetent. Er sah Ezra auch ein wenig zu ähnlich. Aber er war direkt. Wenn er einen nicht bestahl oder anlog. Obwohl sogar das in gewisserweise ziemlich direkt durchgeführt wurde. Er war jedenfalls kein guter Lügner oder Dieb.
      Richard warf Caleb einen Seitenblick zu und musste fast über sich selbst lachen. Okay, man konnte die beiden absolut nicht vergleichen, das würde nur ein Idiot tun, der er offensichtlich war. Caleb gab ihm das Gefühl, wichtig zu sein. Und er hatte für ihn seine ungesunde Obsession mit Ezras Meinung überwunden.
      „Mhm. Wieso nicht“, antwortete er auf Calebs Vorschlag ihn nach Dublin zu begleiten. „Wenn ich meinen Job am Montag noch habe, findet sich sicher irgendein Grund für eine Geschäftsreise. Ich mache das sowieso meistens. Vernetzungstreffen. Es ist gut, dass du in der Hauptstadt wohnst, und Dublin ist nah genug, dass mir hoffentlich kein ganzes Team aufgeschwatzt wird. Solange Ezra nicht davon erfährt, nehme ich an. Der könnte jetzt uns beiden eins auswischen wollen“ Aber vielleicht dachte Andrew garnicht so weit und Richard könnte das alles relativ geschmeidig über Steve erledigen. Auch wenn der in letzter Zeit ebenfalls ziemlich seltsam zu ihm gewesen war. Das musste alles Karma sein, oder so.
      „Und wenn ich ihn nicht mehr habe, ziehe ich am besten gleich mit dir nach Irland“, murmelte er zu sich, meinte das… aber nicht ernst. Vermutlich.
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    • Caleb

      Das war einfacher gewesen, als er gedacht hatte. Caleb lächelte ein wenig in seine Pasta hinein, als Richard davon sprach, direkt mit ihm umzuziehen, falls er seinen Job los war. Das wäre wohl das nächste Problem in ihrer Beziehung. Die Entfernung. Es funktionierte aktuell, aber Caleb wusste nicht wirklich, wie sie das Thema langfristig lösen sollten. Aber es war sinnlos, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen. Eine Krise nach der anderen.
      "Ich weiß, dass du ihn nicht leiden kannst, aber Ezra ist nicht der Typ Mensch, der anderen eins auswischt. Ich denke, er wird eher froh darum sein, uns los zu sein, egal ob zusammen, oder getrennt." Wenigstens konnten sie ihm und Andrew so nicht mehr auf die Nerven gehen und das war wahrscheinlich wichtiger, als irgendeine blöde Racheaktion nur, weil Caleb jemanden datete, den er nicht mochte. Sowas würde er eher Niamh zutrauen, die sich zum Glück noch nie um sein Liebesleben gekümmert hatte.
      "Dublin ist schön. Man kann von meiner Wohnung aus aufs Meer sehen." Zwar ohne Strand, aber meistens war es eh zu kalt zum Schwimmen. Dafür war das Rauschen seltsam beruhigend und die Sonnenaufgänge wunderschön. Niamh hatte ihr Elternhaus übernommen, das etwas weiter süd-westlich, eher im Stadtinneren. Ihre Eltern pendelten meist zwischen einem kleineren Haus in Niamhs Nähe und einem deutlich größeren Haus in Manchester hin und her - immer abhängig davon, wo die erweiterte Familie ihnen gerade weniger auf den Geist ging.
      "Ich will dich nur vorwarnen. In Dublin fängt für mich die Arbeit wieder an. Ich weiß nicht, wie sehr Niamh mich einspannt." Alles, was mit den Läden zu tun hatte, konnte Caleb eigentlich bequem von zuhause aus erledigen. Seine Familie war im Gegensatz dazu eine einzige Wild-Card. Niamh arbeitete hart, ununterbrochen und ohne Ankündigung. Caleb hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie ihn schon mitten in der Nacht wachgeklingelt hatte, weil sie irgendetwas von ihm brauchte. London war für ihn immer Urlaub gewesen. Dafür hatte er in Dublin seine Neffen, die er schon viel zu lange nicht gesehen hatte.
      Caleb stockte mitten in der Bewegung, die Gabel zum Mund zu führen und sah zu Richard, als ihm noch etwas vollkommen anderes einfiel. "Hatte ich dir eigentlich erzählt, dass Andrew und Ezra Kinder adoptiert haben? Bevor das auch noch zum Streitpunkt wird?"
    • Richard

      Ja. Das kaufte er Caleb nicht ab. Ezra war bestimmt mehr als fähig, um Rache auszuüben. Richard nickte als Caleb ihm von der Wohnung erzählte. Das machte es tatsächlich besser, aber am glücklichsten war er über die Reinigungsfirma.
      „Okay. Viel Spaß“, kommentierte Richard bloß, als Caleb seine Arbeit erwähnte. „Du kennst meine Meinung dazu, aber ich gebe langsam auf, dir irgendwas auszureden. Ich tue so, als wüsste ich von nichts. Aber du musst irgendwie damit klarkommen, dass ich Urlaub mache“ Er lächelte. Er konnte nicht anders, als Caleb immer ein wenig zu provozieren, wenn er seine Arbeit erwähnte. Er würde sich den Spaß dadurch aber nicht nehmen lassen, das war seine Auszeit. Nachdem er sich Urlaub dieses Jahr sowieso schlecht leisten konnte, nahm er, was er kriegen konnte. Eine gratis Unterkunft war ein netter Anfang und Caleb würde nicht rund um die Uhr arbeiten, oder?
      Bei Calebs nächster Aussage runzelte Richard erst die Stirn und sah ihn an, als hätte er ihm gerade von den Kinks seiner Eltern erzählt. Noch mehr Anwiderung konnte er unmöglich zeigen. Dann verarbeitete er das Gesagte kurz und fing an zu lachen. „Das war ein Witz, oder? Du meinst sicher diese russischen Kinder… War das ein Witz? Du weißt, dass sie sich um die nur temporär kümmern?“ Richards Gesicht verlor jeglichen Ausdruck. „Sie adoptieren die russischen Kinder? Wieso?!“ Die Anwiderung war zurück. Andrew adoptierte… Kinder?! Welche Sicherung war bei ihm diesmal durchgebrannt? Er adoptierte Kinder mit einem Kriminellen, mit dem er seit ein paar Monaten zusammen war? Russische Weisenkinder? Lebten sie in einem Paralleluniversum? Das konnte alles nicht mehr normal sein.
      „Und ich hab mich schon gefragt, wieso er dieses Baby wochenlang mit sich herum schleppt. Dann behält er es wohl“, murmelte Richard und konnte sich das Ganze trotzdem nicht so richtig vorstellen. Er erinnerte sich noch, Ezra erzählt zu haben, dass Andrew nicht der Typ für feste Beziehungen war, und schon garnicht für ein kitschiges Familienleben. Ja, sie lebten eindeutig in einem Paralleluniversum. Vielleicht wurde einfach immer das Gegenteil von dem wahr, was er sagte? Sollte er anfangen, sein eigenes Versagen zu manifestieren?
      „Mein Beileid an die Kinder, nehme ich an“, sagte er bevor er sich die Gabel in den Mund schob. Wobei ihm Kinder selten leid taten. Sie waren nervig und ekelhaft. Trotzdem hatten sie meistens nichts getan, um etwas derartiges zu verdienen. Andrew als Vater von drei Kindern…? Die Chance, dass er MLO in unter einem Jahr in den Ruin trieb, stieg stetig.
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    • Caleb

      Richards Entsetzen war fast unterhaltsam. Caleb selbst war ja auch irritiert gewesen, als Ezra es ihm erzählt hatte, was aber wohl mehr daran gelegen hatte, dass Ezra in seinem Kopf manchmal einfach immer noch 15 war und versuchte eine Rampe zu bauen, mit der er mit dem Fahrrad über den Pool springen konnte. Was nie funktioniert und zwei Fahrräder ruiniert hatte. Als Ezra gegangen war, war er wahrscheinlich zu jung gewesen, um sich überhaupt Gedanken um solche Sachen zu machen. Caleb selbst hatte sich auch nie wirklich mit dem Kinder Thema beschäftigt, bis Niamh freundlicherweise ziemlich schnell dafür gesorgt hatte, dass er tatsächlich nie Kinder haben wollte.
      "Ich war auch ziemlich überrascht. Offenbar sind die drei ihnen ans Herz gewachsen, als sie sich temporär um sie gekümmert haben. Sie sind ganz niedlich, aber das alles kam ein bisschen aus dem Nichts. Ich glaube, sie passen trotzdem ganz gut in die Familie." Was ungefähr so viel bedeutete wie 'Sie haben wahrscheinlich alle einen Knall'. Damit kannte Caleb sich zumindest bestens aus. Ansonsten war es ihm unmöglich einzuschätzen, wie gut die drei es bei Andrew und Ezra haben würden. Er würde es offenbar auch nicht herausfinden, außer Niamh würde etwas erzählen.
      "Ich möchte nur nochmal betonen, dass ich weg bin, wenn du sowas abziehst", schob er hinterher, während er mit seiner Gabel bedrohlich in Richards Richtung deutete. "Kinder sind nett, solange man sie zurückgeben kann. Wenn MLO dir je Kinder zur Pflege andrehen will, lehnst du ab." Wenigstens konnte er sich sicher sein, dass sie da auf einer Linie waren. Wenn Richard in der Hinsicht nicht vielleicht sogar etwas radikaler war, als er. Wenigstens ein Diskussionsthema weniger. Er würde Richard wahrscheinlich irgendwann noch von einem Haustier überzeugen müssen, aber er hatte noch genug Zeit, um sich eine dazu passende Taktik einfallen zu lassen.
    • Richard

      Niedlich? Familie?! Richard bekam diese Information einfach nicht richtig in den Kopf. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie Andrew mit seinen eigenen Kindern umgehen würde. Redete er überhaupt mit denen? Obwohl sich das Problem wahrscheinlich erübrigte weil sie kein Englisch sprachen.
      „Das sagst du mir?“, fragte Richard ungläubig, als Caleb meinte, er würde ihn wegen so einer Aktion verlassen. Auch wenn es mutig war, dass er das jetzt sagte, nachdem er sich eben noch heulend an ihn gekrallt hatte.
      „Ich lasse mich bei sowas nicht einspannen. Ich hätte mir an deren Stelle sofort jemand anderen gesucht, der die Kinder nach London bringt, ich meine, das war total bescheuert. Ezra lag im Koma und Andrew hat sich um ihn und um drei Kinder gekümmert, weil er nicht Nein sagen kann. Weiß der Kerl eigentlich, dass er in seinem eigenen Leben nicht Beifahrer sein muss? Jedenfalls würde ich mich eher umbringen, als ein Kind in meine Wohnung zu lassen. Den ganzen Sabber und Dreck bekommt man wahrscheinlich in millionen Jahren nicht mehr weg. Und ich glaube, ich würde es in einen Schrank sperren, wenn es mich nervt. Und dann landet es sowieso im Waisenhaus und ich im Knast“ Er stellte seinen leeren Teller wieder auf dem Tisch ab. Es war nicht so, dass er Kinder hasste, aber er wollte sie einfach um keinen Preis in seinem Leben haben. Das galt auch für Teenager. Klar hatte er als Held ab und zu mal mit diesen Wesen zu tun, aber das bewies ihm ja gerade, wie nervig sie waren. Kinder verstanden kein Wort und heulten ständig und Teenager waren alle vollkommen unerzogen und machten Ärger. Gut, er war selbst ein furchtbares Kind gewesen, aber das bestätigte nur, dass man allgemein aufhören sollte, sie in die Welt zu setzen, weil es keine Ausnahmen gab.
      „Ein Vorteil an dieser Beziehung ist, dass du nicht unabsichtlich schwanger werden kannst. Stell dir das mal vor. Ich würde mir sofort einen Termin für eine Vasektomie machen, wenn ich mit einer Frau in einer Beziehung wäre. So weit kommt‘s noch“, murmelte er. Das war sein persönliches Horrorszenario.
      Plötzlich warf er Caleb einen skeptischen Blick zu. „Du kannst doch… nicht unabsichtlich schwanger werden, oder?“, fragte er etwas gestresst.
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