The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Ezra

      Wenn es vorher schon nicht so offensichtlich gewesen wäre, wäre Ezra wohl spätestens jetzt aufgegangen, wie sehr sie ihren kleinen Pflichtmittwoch brauchten. Ezra versuchte immer noch ein wenig mit der Sensation von Andrews Fingern in seinen Haaren klar zu kommen, die nicht mehr da waren, als er sich aufsetzte, während er nach einem Kissen griff, um es unter Andrews Hüften zu schieben. Irgendwie hätte er gerne etwas super tiefgründiges gesagt, oder Andrew versichert, dass er das hier haben konnte, wann immer sie die Zeit dafür fanden, oder zumindest eine kleine Beschwerde darüber, dass sein gebrochener Arm offenbar bemitleidenswert und nicht unfassbar sexy und verwegen gewesen war, aber seine Gedanken waren dazu zu unsortiert. Er konnte nicht anders, als sich kurz nach vorne zu lehnen und Andrew ein "Ich liebe dich" ins Ohr zu hauchen, bevor er in ihn eindrang. Offensichtlich zu langsam für Andrews Geschmack.
      Ezra stieß ein Geräusch aus, das irgendwo zwischen einem Stöhnen und einem Lachen lag, stützte sich auf die Unterarme und verteilte die nächsten Küsse auf Andrews Hals und Schultern. "Geduld, Baby. Wir haben Zeit und wir wollen das alles doch ein bisschen auskosten", versprach er, während er sanft mit jedem Stoß seiner Hüften tiefer in ihn glitt. Ob es unprofessionell war, einen Knutschfleck an seinem Hals zu hinterlassen? Wie viele Tage musste man als Chef gearbeitet haben, bis man mit Knutschflecken ins Büro kommen durfte? Ezra entschied sich dafür, nichts zu riskieren, fokussierte seine Küsse stattdessen auf Andrews Lippen und zog sein Tempo an. Andrews Stöhnen turnte ihn so an, wie nichts anderes auf der Welt, während die pulsierende Muskulatur um seine Erektion ihm den Atem nahm.
      "Zieh nochmal an meinen Haaren", raunte er, während er den Winkel seiner Hüften anpasste. Fuck, das alles fühlte sich zu gut an!
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      Andrew

      „Das wollte ich auch“, antwortete er atemlos auf Ezras Aussage, dass sie alles ein bisschen auskosten mussten. Andrew hatte eben selbst noch versucht, entspannt zu sein und möglichst stressfrei zu improvisieren, aber das war bevor er unglaublich angeturnt gewesen war.
      „Jetzt nicht mehr. Jetzt… mhm…“
      Er hob den Kopf und ließ ihn im selben Moment schon wieder zurück fallen, als Ezra aus einem anderen Winkel in ihn stieß. Andrew konnte seinen Satz nicht einmal vernünftig zuende sprechen, also gab er einfach komplett auf. Ezra würde ihn schon verstanden haben. Oder auch nicht.
      Andrew folgte abwesend der Anforderung und griff mit einer Hand etwas zu stürmisch nach Ezras Kopf, ohne hinzusehen. Er war zu fokussiert darauf was gerade in seinem eigenen Körper passierte. Trotzdem packte er zu und drückte Ezra in ihren Küssen noch mehr an sich, bis ihm selbst die Luft ausging. Ezra schien seinem Wunsch nur langsam nachkommen zu wollen, auch wenn er mittlerweile etwas schneller wurde, also ging Andrew der Sache instinktiv selbst nach und umschloss mit der anderen Hand seine eigene Erektion. Er stöhnte in ihre Küsse. So viel dazu, sich Zeit zu lassen und es ruhig angehen zu lassen. Wie hatte er sich das vorgestellt? Er hatte das Gefühl, dass er erstmal zehn Runden mit Ezra brauchte bis er ausgelaugt genug war um irgendetwas ruhig anzugehen.
      „Vergiss tiefer. Härter“, brachte er zwischen Küssen und sporadischen Atemzügen heraus. Er wollte Ezra trotzdem nicht loslassen. Er wollte lieber alles gleichzeitig. Obwohl er die letzten Wochen völlig an seine Grenzen gegangen war, wollte er jetzt gerade nur mehr. Gott, hatte er es vermisst, dass sein Freund sich bewegen konnte. Zwei Arme zur Verfügung hatte. Er liebte es, wenn Ezra resilient war und Andrew nicht nachdenken musste, bevor er mit voller Wucht nach seinen Haaren griff, ihn an sich zog, oder mit seinen eigen Hüften gegen ihn stieß.
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      Ezra

      Andrew schien genau zu wissen, was er wollte. Ezra konnte nicht anders, als zu grinsen. Seinen Freund so vollkommen in seiner eigenen Lust gefangen zu sehen, war verdammt erotisch. Besser als das Strahlen das er hatte, wen er sich mit etwas beschäftigte, was ihn interessierte. Besser als ihn schlafend neben sich liegen zu haben. Ezra stöhnte auf, als Andrew, vielleicht etwas zu enthusiastisch, wieder nach seinen Haaren griff und daran zog. Er hatte nie wirklich darüber nachgedacht, aber es fühlte sich seltsam gut an, Andrews Fingernägel über seine Kopfhaut kratzen zu fühlen. Ezra merkte, wie sein eigener Atem immer schwerer wurde, während er jeden Zentimeter von Andrews Haut abküsste, den er erreichen konnte. Wie konnte er seinem Freund unter all diesen Voraussetzungen je irgendeinen Wunsch abschlagen? Er drückte Andrew einen kleinen Kuss auf die Lippen, als dieser wollte, dass er härter wurde und zog sich komplett aus ihm raus.
      "Umdrehen, Darling." Er setzte sich ein bisschen auf, um Andrew Platz zum Bewegen zu geben und seine Arme für einen Moment zu entlasten, bevor er sich hinter Andrew positionierte und seine Beine so weit auseinander schob, dass sein Freund mehr auf dem Bauch lag, als kniete. Er erlaubte sich zumindest einen kurzen Moment, den Anblick zu genießen, bevor er wieder in ihn eindrang, hart und tief. Er konnte sein eigenes Stöhnen kaum zurückhalten, als er sich nach vorne lehnte und beide Hände auf Andrews Rücken stützte, um ihn in die Matratze zu drücken.
      "Du bist so verdammt heiß." Ezra hatte das Gefühl, dass er kaum noch genug Luft zum Reden hatte, während er schneller und härter wurde. Er merkte selbst, dass er aus dem Takt kam, seinem eigenen Höhepunkt schon viel zu nah war. Am liebsten würde er das hier einfach endlos fortsetzen. Es gab kein besseres Gefühl.
      "Ich bin so froh, dass ich dich habe." Er lehnte sich hinab und verteilte Küsse in Andrews Nacken, bis er es nicht mehr aushielt. Er setzte sich ein wenig auf und zog Andrews Hüften hoch, bis er um sie herum nach seiner Erektion greifen konnte. Wenn Andrew am Ende keine Sterne sah, hatte er was falsch gemacht.
      "Halt dich nicht zurück", wies er atemlos an, während er sich von seinem eigenen Takt verabschiedete und merkte, dass er geradewegs auf seinen eigenen Orgasmus zusteuerte.
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      Andrew

      Andrew war in den meisten Fällen wirklich gut in der Lage, sich selbst, und vor allem seine Stimme, unter Kontrolle zu haben, wenn er toppte. Was wahrscheinlich daran lag, dass er dadurch allgemein meistens die Kontrolle über die Situation hatte. Das hier war etwas anderes. Er hatte keine Ahnung, wie laut er tatsächlich war, und er wollte auch nicht darüber nachdenken. Er konnte es auch kaum. Es hatte seine Vorzüge, wenn man die Kontrolle abgab und zum allgemeinen Vergnügen noch der leichte Überraschungseffekt bei jeder Bewegung hinzu kam. Er genoss es, Ezra machen zu lassen, auch, weil es einfach heiß war.
      Trotz allem schockierte es ihn fast, als Ezra herauszog und ihn aus der Ekstase heraus riss, die sich gerade immer weiter aufgebaut hatte. Bei den Worten konnte er sich aber nicht beschweren. Er unterdrückte ein Grinsen und drehte sich herum, dann stieß er doch ein kleines Lachen aus, als Ezra plötzlich seine Beine auseinander zog. Okay, das war heiß. Er spähte kurz über die Schulter und sah Ezra, wie er offensichtlich kurz eine Pause einlegte um sich die Aussicht einzuprägen. Andrew lächelte in sich hinein. Unter anderen Umständen wäre ihm das Ganze wahrscheinlich auch noch irgendwie peinlich. Jetzt gerade wollte er nur-
      Ugh. Genau das. Nicht nur stieß Ezra in ihn, er presste derartig auf seinen Rücken herunter, dass sich das wie ein All-Inclusive Massage-Package anzufühlen begann. Ezra drückte ihm fast die Luft aus den Lungen, und Andrew war so angeturnt, dass er kurz dachte, dass er ein wenig gekommen war. Er bereute schlagartig, seine Hände unter das Kissen geschoben zu haben anstatt sie unter sich zu lassen. Er wollte sich selbst berühren.
      „Oh, fuck“, stöhnte er beim nächsten Stoß ins Kissen, und hätte eine Gänsehaut bekommen, als er Ezras Stimme hörte, wenn ihm von dem Tempo nicht schon unheimlich heiß gewesen wäre. Die Küsse in seinem Nacken hinterließen ein elektrisches Kribbeln, das sich langsam auch in anderen Regionen ankündigte. Als Ezra dann plötzlich nach seiner Erektion griff, gerade als er nur einen Moment davor war, zu kommen, hatte er das Gefühl, dass ihm schwarz vor Augen werden könnte. Der Höhepunkt überkam Andrew fast explosionsartig und ließ sein nachhallendes Stöhnen zittrig werden. Er bewegte sich danach erstmal keinen Millimeter und versuchte bloß zu Atem zu kommen.
      Irgendwann rutschten seine Beine dann aber doch gänzlich auf die Matratze und er blieb liegen, noch immer schwer atmend und ein bisschen verwirrt.
      „Was war das…?“, fragte er schockiert. Seine Beine fühlten sich an wie Pudding. „Das war total verrückt, was ist los mit dir?“ Er seufzte angestrengt. Was zur Hölle hatte sich da in ihnen angestaut? Er war sich beinahe sicher, dass er zwei Mal knapp hintereinander gekommen war.
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      Ezra

      Andrews Schock brachte Ezra ungewollt zum Lachen. Er hatte sich von ihm runtergerollt und lag neben ihm auf dem Rücken, bemüht, irgendwie mit dem Echo seines eigenen Orgasmus’ klarzukommen. Sein eigener Hals fühlte sich nach dem Stöhnen, als er gekommen war, ein bisschen rau an, sein Kopf war wie in Watte gepackt. Er war insgesamt seltsam entspannt, auch wenn sein Herz wie verrückt in seiner Brust schlug. Sobald das Adrenalin abnahm, würde er wahrscheinlich im Stehen einschlafen, aber gerade fühlte er sich, als wäre er unter Strom. Aufgekratzt und mit dem Drang, sich zu bewegen. Wenn er sich Andrew so ansah, schien er wirklich alles richtig gemacht zu haben.
      “Alles okay bei dir? Du siehst…fertig aus. Steht dir.” Ezra lächelte, während er eine Hand ausstreckte, um durch Andrews verschwitzte Haare zu streichen. Fuck, er sah so heiß aus. Ezra griff nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger. Am liebsten wollte er Andrew an sich ziehen, aber er war sich nicht ganz sicher, ob das ihn nicht einfach noch mehr überfordern würde. Also wartete er, bis Andrew nicht mehr so klang, als ob er gerade einen Marathon gelaufen wäre und hielt einfach seine Hand, während er versuchte, den verführerischen Gedanken zu vertreiben, sich einfach an ihn zu kuscheln und bis morgen liegen zu bleiben. Aber sie mussten aufstehen, duschen, das Bett neu beziehen und drei Kinder sehr, sehr glücklich machen. Und Ada vom Babysitten befreien. Vielleicht sollte das sogar die Priorität sein.
      Er schaffte es trotzdem nicht, sich zu bewegen. Er sollte. Sie hatten eventuell nicht so viel Zeit, wie er Andrew versprochen hatte, aber wer wusste schon, wann sie das nächste Mal wieder Zeit für das hier hätten? Plötzlich schien Andrews Idee von dem Stein, durch den man nicht mehr schlafen musste, gar nicht mehr so abwegig. Vielleicht gab es ja auch einen Stein, der die Woche um einen Tag verlängern würde.
      “Brauchst du Hilfe beim Duschen?”, fragte Ezra, während sein Blick wieder zu Andrew wanderte. Wahrscheinlich würden sie eher noch mehr Zeit verlieren, wenn sie zusammen duschen würden, aber daran wollte er nicht denken.
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      Andrew

      Fertig… Er hatte einen Tag hinter sich, der sich gerade nicht in Worte fassen ließ und eigentlich jetzt enden sollte. Andrew war bereit, sich keinen Millimeter mehr zu bewegen und einzuschlafen. Was ihn wach hielt, war die To-do Liste, die ständig und unermüdlich in seinem Hinterkopf schrie. Okay, eben hatte das Schreien für eine Weile aufgehört. Es kam zurück, als Ezra ihn ans Duschen erinnerte. Die Frage war allerdings charmant.
      „Ich würde gerne Ja sagen, einfach nur damit du mitkommst“, murmelte er noch mit geschlossenen Augen. Schließlich blinzelte er Ezra an. „Wie spät ist es?“
      Er ging einmal kurz innerlich jeden Muskel in seinem Körper durch und versuchte abzuwägen, ob er gerade die Energie hatte, sich aufzusetzen, oder ob er noch fünf Minuten hier liegen wollte wie ein Waschlappen. Leider wusste er ganz genau, dass er vermutlich nichtmal die Zeit hatte, sich diese Frage zu stellen. Er stützte sich angestrengt auf seine Unterarme und setzte sich auf.
      „Gott, ich will mich nie wieder bewegen. War das schon immer so anstrengend?“, fragte er etwas irritiert. Nein, Sex war nicht immer so anstrengend. Er hatte sich einfach seltsam ausgepowert. Vielleicht war er auch einfach schon ziemlich schwach, weil er seit Wochen im Dauerstress war. Oder vielleicht holte ihn die Müdigkeit gerade ein, nachdem er unabsichtlich mal zu locker gelassen hatte.
      „Ich denke, wenn du mich jeden Abend so flachlegst, wird mich das zum entspanntesten Menschen der Welt machen“ Er dehnte etwas seinen Rücken als er seine Beine vom Bett schob und schließlich über die Schulter zu Ezra sah. Der noch immer zum Anbeißen aussah. Andrew biss sich leicht auf die Lippe und ließ sich dann nochmal dazu verleiten, eine Hand nach Ezras Haaren auszustrecken. „Überleg dir das… mir jedem Abend…“, meinte er und zog ein wenig an seinen blonden Strähnen. „Und jetzt komm mit, ich brauch dringend deine Hilfe beim Duschen“ Er grinste leicht.
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      Ezra

      Ezra drehte auf die Frage nach der Zeit hin den Kopf zu dem kleinen Wecker auf seinem Nachttisch und entschied sich spontan dafür, dass Andrew die Antwort nicht wissen wollte. "Wir haben noch locker 20 Minuten, denke ich", schätzte er großzügig. Ada hatte sicher alles im Griff. Sie musste wissen, dass sie mittlerweile wieder zuhause waren und wenn es einen Notfall geben würde, hätte sie sicher geklopft. Es war vielleicht nicht ideal, seine beste Freundin so auszunutzen, aber das eine mal würde es ja wohl erlaubt sein, oder? Sie mussten ja nur noch duschen, danach würden sie sich wieder um die Kinder kümmern. Er war jahrelang Liz' Nachmittagsbetreuung gewesen. Sie hatte als Baby schon ab und an bei ihm geschlafen, damit Ada durchschlafen konnte. Die Betreuungszeit hatte er sich wirklich rausgearbeitet und er nutzte sie, um noch ein bisschen Andrew anzustarren.
      "Mhm? Oh!" Ezra blinzelte kurz als er realisierte, dass Andrew mit ihm gesprochen hatte. Er hatte ihn schon gehört und verstanden, war aber zu sehr von den Muskeln in seinem Rücken abgelenkt gewesen, um das Gesagte irgendwie zu verarbeiten und zu antworten. Vor allem, als Andrew zusätzlich noch an seinen Haaren zog. "Ich denke wir könnten diese Theorie testen, wenn wir endlich ein größeres Haus haben." Was unrealistisch war, aber Ezra wollte sich gerade bewusst nicht mit der Realität beschäftigen. Nicht, wenn Andrew ihn so unglaublich hübsch entgegengrinste.

      Sie benötigten tatsächlich nicht länger als 20 Minuten, was größtenteils wohl an ihrem schlechten Gewissen lag, was sich - zumindest bei Ezra - zum Glück nach und nach ein wenig in Vorfreude wandelte wenn er darüber nachdenken würde, wie begeistert ihre Kinder über die Donuts sein würden. Die Donuts, die sie vorsortiert hatten. Ab wann rutschte man eigentlich offiziell in die 'Rabeneltern' Kategorie? Ezra hatte das Gefühl dass sein eigenes Urteilsvermögen in der Hinsicht ein wenig verschoben war.
      Aber Vorsortierung hin oder her - Nikos Augen wurden groß wie Untertassen, als sie ihm die Donuts entgegenhielten und ihm erklärten, dass er sich einen aussuchen durfte. So intensiv, wie er die verschiedenen Donuts anstarrte, hatte Ezra fast ein wenig das Gefühl, dass das hier gerade die schwierigste Entscheidung war, die der Junge in seinem bisher noch recht kurzen Leben je hatte treffen müssen, was bei näherem Nachdenken wahrscheinlich genau der Fall war. Max sah so aus, als ob er sich schon längst einen Donut ausgesucht hätte, Niko aber den Vortritt lassen wollte, so wie immer. Liz hatte derweil Stellung neben Niko bezogen, offenbar bemüht ihn irgendwie beratend zur Seite zu stehen, auch wenn keiner ihrer Tipps wirklich nützlich war. Elli saß wieder auf ihrem Stammplatz - Andrews Schoß - und sah ihren Geschwistern mit großen Augen zu.
      Sie saßen im Garten, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages mitzunehmen. Der Rasen war übersät mit Spielzeugen, die achtlos liegengelassen worden sind, als Ezra und Andrew dazugekommen sind. Offenbar war der Tag komplett an der frischen Luft verbracht worden. Niko hatte Grasflecken auf der Hose, die Ezra die Lust auf die nächste Wäsche verdarb.
      "Die drei werden einen Zuckerschock bekommen", prophezeite Ada amüsiert, ihren Blick fest auf die Kinder gerichtet. "Die rennen uns bis Mitternacht durch den Garten."
      "Naja, sie haben die Wohnungsschlüssel. Sie müssen ja nur leise sein, wenn sie dann reinkommen", antwortete Ezra, während er sich wieder zu ihr und Andrew setzte und die drei ihrem Schicksal überließ.
      Ada stieß ein zustimmendes Summen aus, bevor sie zurück zu Ezra und Andrew sah. "Und? Wie war Tag eins?" Sie wusste nicht alles, aber Ezra hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr gar nichts zu erzählen. Es reichte ja wenn sie wusste, dass sie bei einer geheimen Organisation arbeiteten und Andrew die Leitung übernommen hatte. Keine weiteren Details von Nöten. Der Rest war sowieso fast gleich zu jedem anderen Job - seltsame Kollegen, Beschwerden über alles und jeden. Dazu musste man nicht unbedingt nach Steinen jagen.
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      Andrew

      Vielleicht sollte er mal darüber nachdenken, ob es irgendwie unfair war, aber Andrew war völlig verliebt in Elli. Sie liebte es, bei ihm zu sitzen und auf ihm einzuschlafen, und er liebte es, ihr Favorit zu sein. Andrew war oft so abgelenkt von ihrem kleinen, versabberten Gesicht, dass er keine Ahnung hatte, was um ihn herum geredet wurde. Er wischte ihr regelmäßig übers Gesicht, hielt ihr Kauspielzeug in der Hand und strich durch ihre dünnen Haare, die langsam aber sicher mehr, und deutlich dichter wurden. Andrew konnte bereits vorhersagen, dass sie genauso dichte, dunkle Wellen bekommen würde, wie ihre Brüder. Ob sie ihre Haare lang wachsen lassen sollten? Er hatte keine Ahnung, wie man sich um lange Haare kümmerte. War es Pflicht, sie zusammenzubinden, ab einer gewissen Länge? Er musste sich mal erkundigen. Aber er konnte sich schon vorstellen, wie niedlich Elli mit ein paar Zöpfen und Haarspangen aussehen würde. Andrew ließ seine Finger eine Weile durch ihre Haare gleiten während er überlegte, was sie damit wohl anstellen sollten.
      Er hob erst etwas irritiert den Kopf, als er direkt angesprochen wurde. Nach einem kleinen Kontrollblick zu seinen anderen Kindern — nur um zu sehen, ob sie nach seiner geistigen Abwesenheit eh noch alle lebten — dachte er über die Frage nach.
      „Oh. Es war ein bisschen mehr zu tun, als erwartet, obwohl ich dachte, dass ich schon mit allem gerechnet habe. Aber der Nachmittag war… erfrischend“, sagte er und sah wieder zu Elli. Er hatte das Bedürfnis, sie zumindest ein bisschen was von Füllung einer der Donuts probieren zu lassen. Einfach, weil Max und Niko derartig auf Zucker standen, dass Elli vermutlich auch strahlen würde. Aber im ersten Lebensjahr gab es keinen Zucker für sie. Also hob Andrew sie hoch und küsste routinemäßig ihr Gesicht ab, so wie jedes Mal, wenn sie zu lange auf seinem Schoß gesessen hatte. Solange Niko mit seinem Donut beschäftigt war, würde er auch nicht eifersüchtig werden. Außer Elli lachte noch etwas lauter und zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich.
      „Wie war es mit den Kindern?“, fragte Andrew an Ada gerichtet, setzte Elli wieder ab und wippte mit seinem Bein. Er fragte immer. Hauptsächlich wegen Max. Andrew hatte das Gefühl, dass sich die Angst, von seinen Geschwistern getrennt zu sein, langsam auch auf Ezra und ihn ausweitete. Was… zumindest bedeutete, dass er ihnen vertraute und sie um sich haben wollte, aber auch nicht besonders vorteilhaft war.
      „Vielleicht machen wir morgen ein paar Anrufe wegen Psychologen?“, machte er einen völligen Gedankensprung und sah Ezra an.
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      Ezra

      "Ruhiger, als gedacht", beantwortete Ada die Frage nach ihrem Tag mit den Kindern. "Niko und Liz powern sich problemlos gegenseitig aus und Max ist im Vergleich so ruhig, dass es fast gruselig ist. Elli ist die einzige, um die man sich kümmern muss und ich denke, dass Liz meine Toleranz bei Babys damals so weit gepushed hat, dass mich nichts mehr schockieren kann." Ada zuckte mit den Schultern, während sie zu den Kindern sah, die sich offenbar mittlerweile auf die Donuts geeinigt hatten. Niko war zumindest gerade dabei, einen in der Mitte auseinander zu reißen, was...Teil eines Plans zu sein schien?
      Wenigstens war Ezras leichtes schlechtes Gewissen Ada gegenüber damit komplett verschwunden. Ada war nicht die Art Mensch, die anderen zuliebe irgendetwas schöner redete, als es war. Nicht mehr. Sie würden auf lange Sicht natürlich nicht um mindestens einen weiteren Babysitter herumkommen, aber es war wenigstens ein bisschen entspannend zu wissen, dass Ada kurzfristig einspringen könnte.
      "So schlimm war der Vormittag jetzt auch nicht", merkte Ada amüsiert an, als Andrew übergangslos vom Babysitten auf den Psychologen zu sprechen kam. Ezra überdeckte ein Auflachen mit einem kleinen Husten.
      "Wir hatten uns gedacht, dass es vielleicht ganz gut wäre, die Kinder nach dem ganzen Tumult wenigstens einmal durchchecken zu lassen", erklärte Ezra mit einem kleinen Lächeln und gesenkter Stimme, damit die Kinder, die immer noch damit beschäftigt waren, die Donuts zu teilen, sie nicht hören könnten. Offenbar hatten sie beschlossen, die Donuts alle durch drei zu teilen, damit jeder jeden probieren konnte, was ziemlich niedlich war. Zumindest bist der erste Streit ums größte Stück ausbrechen würde.
      "Das wäre vielleicht nicht schlecht", stimmte Ada zu. "Max war die ganze Zeit ziemlich angespannt und hat ständig auf die Uhr geschaut, wenn Niko und Liz gerade mit etwas anderen beschäftigt waren." Sie verzog kurz ein wenig besorgt das Gesicht. "Habt ihr da Ansprechpartner über eure Organisation, oder soll ich mich mal bei den anderen Eltern in Liz' Klasse umhören, ob sie jemanden empfehlen können?"
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      Andrew

      Andrew nickte. Das hatte er sich fast gedacht. Besser, sie kümmerten sich um Max Verlustängste bevor er mit der Schule startete und definitiv Probleme bekommen würde, weil er lange alleine sein musste.
      „Wenn du eine Empfehlung bekommst, wäre es hilfreich“, meinte Andrew mit einem leichten Schulterzucken. Er wusste selbst jedenfalls nicht, wie man so etwas anging. Im schlimmsten Fall kämen sie noch an jemanden, der seine Kinder verstörte oder einfach furchtbar in seinem Job war. Es gab zwar Leute, die mit MLO zusammenarbeiteten um sich um die Mitarbeiter zu kümmern, aber Andrew kannte diese Psychologen nicht und wollte die Kinder auch nicht weiter unnötig dort hineinziehen und… außerdem waren die schließlich eher auf Erwachsene spezialisiert, die durch ihre Arbeit belastet waren, nicht? Ein Psychologe, der sich mit Kindern in Max Alter auskannte, wäre sicher eine bessere Idee.
      „Danke, Adeline“, sagte er. Sie würden sich darum besser so schnell wie möglich kümmern.

      Als es zu dunkel wurde, um länger draußen zu sitzen, packten sie ihre Kinder ein und machten alle bettfertig. Andrew hatte das Gefühl, dass Niko ausnahmweise mal einigermaßen ausgelastet war, und fragte sich plötzlich, ob es so eine gute Idee war, von Ada und Liz wegzuziehen. Den Luxus hätten sie später schließlich nicht mehr. Mit etwas Glück hatten sie aber… ähnlich überdrehte Kinder als Nachbarn, oder so. Aber ob sie das wirklich wollten? So ganz sicher war Andrew sich da nicht. Vielleicht half es ja auch schon, wenn Niko endlich im Kindergarten war. Auch, wenn Andrew bei sich selbst ähnliche Probleme wie bei Max entdeckte, wenn er darüber zu viel nachdachte. Er konnte Elli auch nicht mehr ständig mit zur Arbeit nehmen…
      Zurück im Bett, in frischen Laken und mit mittlerweile wirklich müden Muskeln, drehte Andrew sich sofort zu Ezra herum. Wenn er heute etwas gelernt hatte, dann war es, keine Sekunde zu verschwenden.
      „Ezra…“, murmelte er. Vorhin war ihm etwas eingefallen, als Ada MLO Psychologen erwähnt hatte. „Es gibt eine ganze Liste mit Kontakten für MLO. Darunter auch unterschiedliche Ärzte und definitiv Psychologen, aber eher keine Kinderpsychologen wenn ich raten müsste. Aber… es gibt sie definitiv für Mitarbeiter, die irgendetwas Traumatisches bei der Arbeit erlebt haben. Also, willst du… vielleicht zu jemandem gehen?" Andrew blinzelte. "Nicht, weil ich denke, dass du es brauchst. Ich meine, du wirklich das Rückgrat in diesem Haus, denke ich. Aber nur, falls du es willst, dann… würde ich dir die Nummer vielleicht doch raussuchen, unabhängig von Max. Wenn du willst" Wiederholte er sich?
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      Ezra

      Der Abend war immer schon Ezras liebste Zeit gewesen. Früher war die Dunkelheit perfekt für Einbrüche gewesen, heute war es die Zeit, in der das Haus ausnahmsweise still war und Andrew und er wenigstens regelmäßig einen kurzen Moment für sich hatten. Er ließ sich mit einem kleinen Seufzen ins Bett fallen, vollkommen bereit, sich an Andrew zu kuscheln und die Augen zu schließen, als Andrew ein Thema ansprach, das Ezra kurz blinzeln ließ. In dieser Hinsicht waren die Kinder immer seine Priorität gewesen. Ihnen musste es gut gehen, der Rest war egal. Er hatte außerdem nicht das Gefühl, dass ihn die letzten Monate psychisch sonderlich verfolgten. Ja, er war etwas vorsichtiger geworden und er erwartete irgendwie immer noch, dass Nadia sie irgendwann im Schlaf überfallen würde, aber das war ein sehr reales Problem, bei dem ihnen ein Psychologe wohl auch nicht helfen könnte, wenn er nicht gerade 2 Meter groß und Kampfsportler war. Und trotzdem - wahrscheinlich sind seine Eltern auch davon ausgegangen, dass bei ihnen alles psychisch okay war.
      “Das klingt nach einer guten Idee”, stimmte er zu, während er näher an Andrew heran rutschte, um so viel Körperkontakt wie möglich zu bekommen, bevor sich ihre Kinder oder der Wecker zwischen sie drängen konnten. “Vielleicht sollten wir beide mindestens ein mal zu einem Psychologen gehen. Nur um sicher zu gehen, dass auch wirklich alles okay ist.” Er legte einen Arm um Andrew und drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe.
      “Es war viel los in den letzten Monaten”, schob er schließlich hinterher, was wahrscheinlich die Untertreibung des Jahrhunderts war. Er war mehrfach fast gestorben und der einzige Vorteil, den er hatte war, dass er sich größtenteils nicht im Detail daran erinnern konnte. Andrew schon. Andrew hatte mit dem Rauchen aufgehört, als Nadia versucht hatte, Ezra mit Rauch zu ersticken. Andrew hatte wochenlang darauf bestanden, überall hinzugehen, wo Ezra war und ihn kaum alleine gelassen. Andrew brauchte den Termin wahrscheinlich dringender als Ezra selbst und irgendwie machte das ihm fast ein schlechtes Gewissen.
      “Lieber jetzt ein einzelner Termin, als später Monate in der Familientherapie.” Wer konnte schon sagen, wie sich ihr Verhalten auf die Kinder auswirken würde? Ezra wollte zumindest nicht, dass Max den Rest seiner Kindheit nervös und mit Verlustängsten durchleben musste, nur, weil Andrew und er sich falsch verhielten.
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      Andrew

      Er lächelte etwas, fast erleichtert, als Ezra seinen Vorschlag eine gute Idee nannte. Andrew hatte zwar nicht erwartet, dass Ezra jemand war, der sich deshalb angegriffen fühlen würde, aber Andrew wusste nie, wie seine Worte letztlich rüberkamen. Er machte sich bloß Sorgen. Aber… war er selbst jemand, der sich deshalb angegriffen fühlte? Zumindest brauchte er einen Moment, um zuzustimmen. Ezra hatte eigentlich vollkommen recht. Sie sollten jede Hilfe in Anspruch nehmen, um ihre Kinder zu unterstützen. Auch, wenn sie dafür selbst klären mussten, ob bei ihnen alles okay war. Andrew war sich nur ziemlich sicher, dass bei ihm alles okay war. Er war nur etwas gestresst in letzter Zeit und nach seinem Nervenzusammenbruch vor ein paar Wochen war es kein Wunder, dass Ezra ihm vorschlug, auch zum Psychologen zu gehen. Also beschloss er, das so hinzunehmen. Er nickte und gab Ezra einen Kuss.
      "Stimmt", sagte er und zog Ezra näher an sich. Auch wenn er sich sicher war, dass es keine Familientherapie brauchen würde. Sie mussten sich nur einspielen. Und Erwachsenen konnte Therapie sowieso nie so viel bringen, wie Kindern. Kinder waren formbar und reflektierten ihr Verhalten nicht wirklich. Sie konnten sich als Erwachsene am besten selbst helfen, solange es nichts Traumatisches zum aufarbeiten gab, das man vielleicht nicht alleine machen sollte. Deshalb war es für Ezra gut, mit jemand Professionellen zu sprechen, zumindest ein Mal… Und Andrew würde ihm den Gefallen tun, das auch zu machen. Vielleicht konnte er sich ja ein paar Tips holen, wie sie mit dem Adoptionsprozess besser umgehen könnten?


      Richard

      14 Stunden zuvor

      Woher hätte er es wissen sollen? Nachdem er Ezras Worte überhört hatte, brach die Frage ständig hinter Richards blinder Wut hervor. Er hatte eine Weile heftig atmend vor seinem Auto in der Garage stehen müssen, bevor er sich selbst zugetraut hatte, einzusteigen und nachhause zu fahren. Er wollte nicht nachhause, er wollte aber auch keinesfalls in diesem gottverdammten Laden bleiben. Er musste kündigen, nicht? Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation sonst klarkommen sollte.
      Richard biss seine Zähne auf der Heimfahrt so fest zusammen, dass sein Kiefer nach einer Weile zu schmerzen begann. Besser das, als ein Autounfall. Gerade als er bei seinem eigenen Wohnhaus angekommen war, schaffte er es jedoch nicht, auszusteigen. Er wollte noch immer nicht nachhause. Er sollte arbeiten. Auf diese Position hinarbeiten, die ihm gerade vor der Nase weggeschnappt worden war, von jemandem, der es am wenigsten verdiente. Was hatte… was hatte Andrew getan, um das zu verdienen? Wie hätte… Richard damit rechnen sollen? Woher hätte er das wissen können?
      Richard lockerte seine Finger, als er merkte, dass er sein Lenkrad noch immer verkrampft festhielt. Er fuhr sich gestresst mit den Händen übers Gesicht. Okay. Er konnte jetzt nicht in seine Wohnung gehen und sich einen entspannten Tag vor dem Fernseher machen. Wer würde das können?! Nein, er musste entweder arbeiten, oder-
      Er startete das Auto erneut. Er wusste, wo er hin wollte. Auch, wenn er nicht hinterfragen wollte, wieso.

      Zwanzig Minuten vergingen bis Richard in eine weitere vertraute Einfahrt abbog. Heute war ein Tag, an dem es schwer war, einfach so aus dem Auto zu steigen, wie es aussah. Er blieb noch eine Weile sitzen, mittlerweile ein wenig entspannter als noch vor einer halben Stunde, und zog schließlich sein Handy aus der Tasche. Er wählte Calebs Kontakt und tippte ihm eine kleine Nachricht. "Ich stehe vor deiner Tür. Komme jetzt hoch". Nur eine Vorwarnung, wenn sie ehrlich fragen, denn Richard kam zwar nie unangekündigt vorbei, würde sich das heute aber auch nicht verbieten lassen. Er war bereits hier. Und… er wusste nicht wirklich, wo er sonst hin sollte. Selbst spontan eine Schicht im Dezernat zu übernehmen würde ihn gerade nur daran erinnern, was er verloren hatte. Wobei er verloren hatte. Ohne zu wissen, dass es einen Wettkampf gab.
      Richard stieg aus seinem Auto und machte sich zielstrebig auf den Weg in Calebs Wohnung, ohne so richtig zu wissen, was er hier wollte. Es war irgendwie einfach der einzige Ort, der sich gerade sinnvoll anfühlte. Außerdem war Caleb ständig zuhause also wäre er bestimmt sowieso dankbar über jede Gesellschaft. Oder auch nicht. Wie auch immer das halt funktionierte bei Depressionen.
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      Caleb

      Es war seltsam. Irgendwie hatte Caleb damit gerechnet, dass sein gestriger Streit mit Ezra ihn mehr runterziehen würde, aber bisher hielt es sich in Grenzen. Vielleicht, weil er immer noch nicht richtig verstehen wollte, was passiert war. Irgendwie hatte er immer noch das Gefühl, jeden Moment eine Nachricht von ihm zu bekommen. Irgendetwas gewohnt sinnfreies. Ein Meme, oder eine dämliche Frage, oder sowas. Es war fast ein wenig die damals, als Ezra in einer Nacht- und Nebelaktion weggelaufen war. Es hatte Monate gedauert, bis Caleb das Gefühl los geworden war, dass er einfach nur in Ezras Zimmer gehen musste, um ihn zu sehen. Aber Ezra war weg gewesen und er würde auch jetzt keine Nachricht schicken. Der einzige Unterschied war Richard. Caleb war alleine gewesen, als Ezra gegangen war. Dieses mal war er es nicht. Außerdem konnte ihm niemand etwas vorwerfen. Er konnte keine Familie zerstören, die schon längst zerbrochen war. Er musste sich vor niemandem rechtfertigen, außer vor sich selbst und sein Kopf tat immer noch so, als ob alles in bester Ordnung war, also…würde er die Selbstvorwürfe vor sich herschieben, so lange er konnte.
      Caleb zuckte zusammen, als sein Handy vibrierte und ihn damit aus seiner Konzentration riss. Er hatte heute nicht sonderlich viel gemacht. Nach seinem Treffen mit Ezra gestern hatte er nicht das Verlangen gehabt, irgendwas zu tun. Nicht mit der ständigen Sorge im Hinterkopf, dass die Realität ihn jeden Moment einholen könnte und er einfach zusammenklappte. Also hatte er von zuhause aus das Nötigste erledigt und sich anschließend seine Violine geschnappt. Das Instrument war hoffnungslos verstimmt gewesen und hatte ihm fast ein schlechteres Gewissen gemacht, als Ezra. Er spielte hier zu selten. Die Violine, die in seiner Wohnung in Dublin stand, hatte er deutlich öfter in der Hand. Aber das war irgendwie eine willkommene Abwechslung gewesen. Caleb hatte sie neu gestimmt, kontrolliert, dass sonst alles in Ordnung war und sich irgendein altes Liederheft rausgesucht, das unter einem Stapel mit Dokumenten geklemmt hatte. Mit einem Blick auf sein Handy musse er erschrocken feststellen, dass er es so wohl geschafft hatte, sich die letzten zwei Stunden in Trance zu versetzen. Er hatte keine Ahnung, ob er überhaupt das Lied gespielt hatte, das vor ihm aufgeschlagen gewesen war, oder ob seine Finger irgendwann automatisch eines der Lieder angestimmt hatten, die er auswendig kannte, als er mit den Gedanken langsam auf Abwege geraten war. Er wusste nur, dass es ziemlich lange her war, dass er zuletzt eine Seite im Notenheft umgeschlagen hatte.
      Richards Text schaffte es zumindest vollends, ihn aus seiner Starre zu reißen. Er war hier? Wieso? Caleb schob das Handy in seine Tasche und sah sich kurz in seiner Wohnung um. Mittlerweile sollte Richard das nicht endenwollende Chaos gewöhnt sein, also machte er sich darüber keine Sorgen. Er hatte nur gedacht, dass er mehr Zeit hätte, selbst mit der Situation klar zu kommen, bevor er Richard von seinem Treffen mit Ezra erzählte. Oh, Richard würde wahrscheinlich begeistert sein und sich strahlend über Ezra auslassen, da war Caleb sich sicher. Er hatte nur gehofft, dieses kleine Hoch nutzen zu können um Richard daran zu erinnern, dass er nicht dauerhaft in London bleiben konnte, eigentlich dringend nach Dublin zurück musse und…er vielleicht mit könnte. Die Antwort auf diese Frage beschäftigte Caleb deutlich stärker. Er hatte gehofft, Richard das alles irgendwie über ein nettes Abendessen zu erzählen, vielleicht, wenn sie anschließend im Bett gelandet waren und Richard zustimmen würde, ohne darüber nachzudenken. Was war eine Beziehung schon ohne ein wenig emotionale Manipulation?
      Caleb legte die Violine aufs Sofa, stand auf und ging zur Tür, um darauf zu warten, dass Richard hoch kam. Vielleicht war sein Plan ja noch nicht vollkommen im Eimer. Er musste nur umdenken! Dass Richard überhaupt mittags aus dem Nichts auftauchte war ungewöhnlich. Entweder brauchte er was von ihm, oder er wollte mit ihm schlafen. Caleb biss sich auf die Unterlippe während er versuchte abzuschätzen, was wahrscheinlicher war. Er würde beides für sich nutzen können, oder? Er musste nur die einzelnen Schritte in seinem eh schon sehr fadenscheinigen Plan umstellen. Jetzt war es eh zu spät, um sich Gedanken zu machen.
      “Hey!” Das kleine Lächeln, das auf Calebs Lippen erschienen war, als Richard in sein Sichtfeld getreten war, erlosch, als er sah, in was für einer Stimmung er offenbar war. Richard sah wütend aus, was absolut kein gutes Zeichen war. “Alles okay?”, fragte er vorsichtig, während er einen Schritt zur Seite trat, um Richard reinzulassen. Er spürte, wie sein Puls an Geschwindigkeit zunahm. Hatte er irgendwas falsch gemacht?
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      Richard

      Als er Caleb sah, überlegte er für einen Bruchteil einer Sekunde, ob es überhaupt notwendig war, wütend zu sein. Sie konnten noch immer auswandern und alles hinter sich lassen. Zumindest dachte er das ganz kurz, bis ihm Ezra einfiel, und Calebs bescheuertes Pflichtbewusstsein, das eigentlich das einzige war, das sie hier hielt, oder? Richards Job war es jedenfalls nicht, das sie aufhielt. Nope. Nichts hielt ihn hier.
      Er lächelte ein wenig, als Caleb ihn fragte ob alles okay war. Hauptsächlich, weil diese Frage so unheimlich bizarr war und zwischen ihnen meistens anders herum gestellt wurde. Er versuchte nicht zu lachen.
      „Klar. Ich hab gerade die größte Karrierechance meines Lebens verloren, aber sonst ist alles in Ordnung. Bestens, eigentlich. Vielleicht mach ich Urlaub“ Er schritt mit einem Grinsen in die Wohnung und zog seine Jacke aus. Eigentlich fühlte er sich etwas erbärmlich, dass er sich darüber bei Caleb aufregte. Er gab nicht gerne zu, wenn etwas nicht nach Plan lief. Aber mit sowas Gigantischem hatte er bisher noch nicht klarkommen müssen. Er konnte sein eigenes Verhalten in den letzten Wochen allerdings sowieso nicht erklären.
      „Andrew. Andrew, der wirklich keinen verdammten Funken Führungsqualität besitzt und nicht mit Menschen kooperieren, oder überhaupt reden kann, der seine erste und einzige Mission bei MLO vollkommen verschissen hat und nichts über diese Organisation weiß… ist seit heute Morgen mein Boss. Mein. Boss. Hörst du, wie verrückt das klingt?“ Er stieß noch einen kleines Lachen aus, bevor er Caleb todernst ansah. „Ich muss kündigen. Vielleicht sollte ich meine eigene Organisation gründen. Dann habe ich zwar Jahre meines Lebens damit verschwendet, Godwin in den Arsch zu kriechen, aber weißt du was? Die Welt wird eine andere Option brauchen, weil Andrew keine Ahnung hat, was er tut“
      Richard stand noch immer im Vorraum. Er konnte sich nicht so recht von der Stelle bewegen. „Und dein… liebenswürdiger Bruder hat die Eier, zu sagen, dass ich das doch wissen hätte müssen“ Er gestikulierte wild. „Woher? Ich hätte wissen sollen, dass jemand, der seit einem Monat hier arbeitet, plötzlich zum Boss wird? Ja? Weil ich Hellsehen kann?“ Er warf die Arme in die Luft. Dann schwieg er kurz und ließ sie wieder fallen. Caleb hatte wahrscheinlich keine Ahnung, was er da redete. Wie sich das anfühlte. Das war Richards Chance, etwas zu erreichen und jemand zu sein, und sie war ihm genommen worden von… Andrew. Caleb dagegen hatte wahrscheinlich den geerbten Titel von einer Art Mafiaboss in seiner Zukunft. Sogar das würde Richards gerade eher nehmen.
      „Ich bin wütend. Tut mir leid. Ich will garnicht länger darüber reden. Lenk mich ab?“, fragte er und zuckte mit den Schultern. Es gab nicht viel, das ihn von so etwas ablenken könnte, aber dafür war er bei Caleb wahrscheinlich richtig.
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      Caleb

      “Oh. Ich glaube, Ezra hatte mal was in die Richtung erwähnt.” Oder war es Andrew selbst gewesen? Caleb wusste es nicht mehr ganz genau. Er hatte damals größere Probleme gehabt und sich nicht sonderlich für die Karriere seines Schwagers in Spe interessiert. Eigentlich war er irgendwie davon ausgegangen, dass Andrew den Posten schon längst übernommen hatte. Das Gespräch musste Monate her sein. Vielleicht hatten die Kinder das alles verschoben, oder so. MLO war ziemlich schnell in einer der hintersten Ecken von Calebs Kopf gelandet. Er hatte genug eigene Probleme, irgendwo musste man Grenzen setzen.
      “Es ist nur ein Titel. Nimm es dir nicht so zu Herzen.” Caleb zuckte kurz mit den Schultern. Er musste es wissen. Auf dem Papier war er die Geschäftsführung der Läden seiner Eltern. Ein Job, den er nie wollte, den er allerdings überraschend interessant fand und der ihm lag - was nichts daran änderte, dass er meistens zu beschäftigt war, um ihn tatsächlich im vollen Umfang auszuführen. Am Ende mussten alle Entscheidungen und Änderungen von ihm abgewunken werden, er war derjenige, der haftete, aber er wusste genau so gut, dass keine einzige Person in seinem Team zu ihm aufsah. Er hatte den Job nicht verdient. Es gab Kollegen, die deutlich erfahrener waren, als er und mehr Zeit geopfert hatten und genau diese Kollegen waren immer die ersten Ansprechpartner für alle anderen gewesen. Caleb selbst war nicht mehr als ein Maskottchen. Er existierte nur für seine Unterschrift und um das Risiko zu tragen. Bei Andrew und Richard würde es wahrscheinlich nicht anders aussehen. Wenn Andrew sich in dem Job nicht durchsetzen konnte, würden die Leute automatisch eher auf Richard zugehen. Die Arbeit lohnte sich durchaus, nur vielleicht nicht so, wie Richard es sich erwartet hatte.
      “Wenn er so schlecht in dem Job ist, wie du sagst, wird er es eh nicht lange machen”, schloss er das Thema pragmatisch an, bevor er in die Richtung seiner Küche deutete. Entweder war das genau der richtige, oder der schlimmste Zeitpunkt, an dem er Dublin ansprechen könnte. Caleb wusste es nicht ganz. “Ich hab noch was Wein kaltgestellt, falls du willst. Ich denke uns fällt schon was ein, um dich abzulenken.”
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      Richard

      Er hatte… was? Richard verarbeitete den Satz erst nach ein paar Sekunden richtig. Hatte Caleb eben gesagt, dass Ezra ihm davon erzählt hatte?
      „Was…“, murmelte er. Er war nicht auf die Idee gekommen, das Richard zu erzählen? Seit wann hatte er es gewusst? Richard schüttelte kurz etwas schockiert den Kopf, als Caleb meinte, er solle sich das nicht zu Herzen nehmen. Tickte er noch richtig? Halluzinierten sie beide?
      „Ist das dein Ernst?", fragte er und wusste nicht, wo er anfangen sollte. „Es ist nur ein Titel? Was- Nein, vergiss das, wieso hast du mir nichts erzählt, wenn du schon davon wusstest?“ Er machte einen Schritt zurück, als könnte er damit die Zeit pausieren und sich mehr Zeit geben, seine Gedanken zu ordnen. Das hatte Ezra also gemeint. Er hätte es längst wissen sollen. Sogar… dieses Arschloch von einem Kriminellen wusste, dass das etwas war, das man erzählte.
      Richard runzelte die Stirn. Er war so irritiert, dass er nichtmal richtig wütend werden konnte. Oder vielleicht war es so, dass er den ganzen Morgen schon wütend genug war, um jetzt keine Veränderung mehr zu spüren. Calebs Gleichgültigkeit ließ dafür eine seltsame Übelkeit in ihm aufsteigen, die er nicht kannte. Richard stieß irritiert Luft aus, als er ihm Wein anbot. Er drehte sich kurz gen Küche, dann wieder zu Caleb. Er wusste nicht wirklich, wie er darauf antworten sollte. „Schieb dir deinen Wein in den Arsch“, sagte er schließlich kühl. Yup, das war ein wenig befriedigend. Er war doch wütend auf Caleb.
      „Du willst mir sagen, dass es dir nicht in den Sinn gekommen ist, mir davon zu erzählen? Dir? Mr. „Lernen wir uns besser kennen“, der vielleicht mitbekommen haben könnte, dass mir an dieser Sache etwas liegt? ‚Nur ein Titel‘… Du hast gut Reden, du musstest für deinen Job und dein Geld keinen Finger krümmen“ Richard war nicht nur wütend. Er war verwirrt. Oder enttäuscht? Er konnte es nicht genau sagen, weil er diese Übelkeit nicht richtig einzuordnen wusste. Er verstand nicht, wieso er hierher kommen wollte, anstatt nachhause zu fahren, und was Caleb an der Situation hätte besser machen können, aber er bereute es unheimlich. Er hatte es tatsächlich geschafft, es irgendwie schlimmer zu machen, was… wirklich eine Leistung war.
      „Du hast kein Recht, mir zu sagen, dass ich mir das ‚nicht zu Herzen nehmen‘ soll“ Richard überlegte, ob er dieses Gespräch überhaupt noch fortführen wollte. So, wie er eben noch unbedingt herkommen hatte wollen, wollte er jetzt lieber überall anders sein als hier. Wieso hatte er eigentlich erwartet, dass Caleb ihn aufmuntern würde? Ihn interessierte ganz offensichtlich nichts, außer ihn selbst. Er bestand auf den ganzen Date-Scheiß, Kitsch und Gespräche und konnte dann nicht einmal eine simple Information weitergeben, weil er dachte, es war irrelevant. Dass es nicht so wichtig war. Es sich nicht lohnte, sich darüber aufzuregen, oder anscheinend, es überhaupt zu wissen. Eigentlich hätte Richard sich von Anfang an darauf einstellen müssen. Natürlich ging es ihm nur um sich selbst. Alle verdammten Bedingungen für diese Beziehung waren auf Calebs Mist gewachsen. Richard hatte sich angepasst, weil er dachte, dass es das wert wäre, und dann offensichtlich sowas wie ‚Erwartungen‘ entwickelt. Und jetzt war er angepisst. Unglaublich angepisst.
      „Weißt du was? Es ist meine Schuld, dass ich dir irgendwas zugemutet habe. Du bist offensichtlich nicht in der Lage, dich an deine eigenen beschissenen Spielregeln zu halten. Wenn du Ansprüche hast, solltest du vielleicht erstmal checken, ob du sie selbst erfüllen kannst. Ich dachte, ich bin kein Beziehungsmensch, aber du hast einfach nur eine große Klappe. Vielleicht findest du ja irgendwann jemanden, der sich glücklich von dir verarschen lässt“
      Mehr hatte Richard nicht zu sagen. Also drehte er um und machte ein paar große Schritte aus der Tür und ließ sie hinter sich zufallen. Es war seltsam, dass das Geräusch kurz an seinem Herz zog. Er musste einen Moment stehen bleiben und sichergehen, dass er keinen spontanen Herzinfarkt hatte. Nein. Es ging ihm gut. Aber ‚gut’ war relativ.
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      Caleb

      Oh. Oh nein.
      Caleb fühlte, wie sich alles in ihm zusammenzog, als er realisierte, dass Richard das Ganze offenbar nicht annähernd so locker sah, wie er. Scheiße.
      “Richard-”, versuchte er, ihn zu unterbrechen, die Stimme nicht ganz so fest, wie er es sich gewünscht hatte. Das alles lief vollkommen falsch. Das war nicht das, was er gewollt hatte. “Nein- Bitte-” Richard hatte sich zu sehr in Rage gesprochen, um ihm noch zuzuhören. Er hob ein wenig nutzlos die Hand. Was wollte er tun? Richard zurückhalten? Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als Richard ihm vorwarf, dass er sich für sein Leben nicht hatte anstrengen müssen. Nicht das erste mal, dass man ihm das vorwarf, aber es tat weh, es ausgerechnet von Richard zu hören. Alles, was er sagte, tat weh. Jeder Schuss ein Treffer. Caleb presste die Lippen aufeinander, während er sich aktiv bemühen musste, stehen zu bleiben. Seine Beine fühlten sich an wie Pudding. Er spürte, wie sich Tränen in seinen Augenwinkeln sammelten, während sein Kopf zum zweiten mal innerhalb von 24 Stunden in den Panikmodus schaltete. Zu viel. Er wusste nicht, was er sagen, tun oder denken sollte.
      “Es tut mir leid- Warte- Bitte-” Richard ging und Caleb hatte das Gefühl, dass er die komplette Luft im Raum mit sich genommen hatte. Er atmete, aber die Luft schien nicht in seinen Lungen ankommen zu wollen. Ihm wurde leicht schwindelig.
      Richard hatte seine Jacke hängen gelassen. Caleb wusste nicht, warum ihm das Detail so ins Auge fiel. Es war egal. Selbst wenn er ihm die Jacke hinterher tragen wollen würde - Caleb hatte das Gefühl, sich nicht bewegen zu können. Er stand mitten in seinem Wohnungsflur und starrte die Jacke an, die an seiner Garderobe hing. Eine Minute, zwei. Und dann kam mit einem Schlag die Erkenntnis, dass er gerade alles verloren hatte, was ihm wichtig war.
      Caleb stieß unfreiwillig ein kleines, ersticktes Wimmern aus und presste seine Hand auf seinen Mund, während ihm die Tränen über die Wangen flossen. Wie hatte er so unendlich dumm sein können? Ezra hatte ihn noch gewarnt. Das war alles seine eigene Schuld. Richard hatte Recht. Man konnte ihm nichts zumuten. Molly, Ezra, Richard - alles, was er anfasste, ging früher oder später kaputt. Es war dumm gewesen zu denken, dass es diesmal anders sein würde. Es war nie anders. Sein Leben folgte seit Jahren immer wieder dem selben Schema.
      Bewegen. Er musste sich bewegen. Er konnte nicht hier stehen bleiben und Richards Jacke anstarren, als ob ihn das zurückbringen würde. Und atmen. Caleb sog zitternd Luft ein, während er das Schlafzimmer ansteuerte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Er fühlte sich wie ein Kind, das dringend einen Erwachsenen brauchte der ihm sagte, was er tun sollte.
      Er hatte gedacht, dass sie auf einem wirklich guten Weg gewesen waren. Die Beziehung mochte ein paar Schwierigkeiten gehabt haben, aber Caleb hatte gedacht, dass Richard und er wenigstens auf einer Wellenlänge gewesen sind. Seine Schuld. Er hatte sich viel zu sehr in das alles reingesteigert. Es war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, nicht? Ezra hatte es vorhergesagt. Und jetzt war ihm keiner von beiden geblieben.
      Caleb rollte sich auf seinem Bett zusammen, die Arme um sich selbst geschlungen, nicht mehr bemüht, die Tränen und das Schluchzen zurückzuhalten. Wie hatte alles so schnell so schief laufen können?
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      Richard

      Richard hatte eine ganze Autofahrt lang Zeit, um seine Wut durchs offene Fenster mit dem Fahrtwind wegwehen zu lassen. Er fuhr in Stille, merkte nach etwa zwei Minuten, dass ihm relativ kalt war und er seine Jacke vergessen hatte. Brillant. Er war aus dieser Wohnung gestürmt ohne sich umzudrehen. Es gefiel ihm nicht, dass ihm das gerade auffiel. Er hatte nicht gestoppt. Er hatte geredet und geredet und war gegangen. Machte er das immer so? War das eine Angewohnheit, die er hatte? Ununterbrochen zu reden und dann so dramatisch abzuhauen, dass er nie im Leben nochmal umdrehen konnte, ohne dass es absolut peinlich war?
      Er biss die Zähne zusammen und legte seinen Arm ans Autofenster. Er musste dringend aussteigen und eine Runde laufen, er konnte nicht nachhause fahren. Also bog er irgendwann ab und fuhr in den nächsten Park, der ihm einfiel. Dass er absolut nicht für Sport gekleidet war, war ihm erstmal egal. Er musste die Energie loswerden und sich davon ablenken, dass er Caleb nicht ausreden hatte lassen. Was… irgendwie bescheuert war, weil Richard sich ziemlich sicher war, dass er keine gute Erklärung gehabt hätte. Sie hatten sich in den letzten Wochen so oft gesehen, dass alles dafür sprach, dass Caleb sich für die Information nicht genug interessiert hatte, um sie Richard weiterzuleiten. Fairerweise hätte es nichts an den Tatsachen geändert, aber wenigstens hätte Richard das Gefühl gehabt, dass Caleb sich ansatzweise für sein Leben interessierte. Aber er schien sich nur dafür zu interessieren, Richards Aufmerksamkeit zu haben. Verständlich. Er würde seine eigene Aufmerksamkeit auch gerne ungeteilt haben. Warum ihn das alles so störte, wollte er kaum wahrhaben, aber… er war zu enttäuscht um zu leugnen, dass er diese Beziehung nicht auch irgendwie gewollt hatte. Klar ging es ihm hauptsächlich um den Sex und darum, dass er mit Caleb wunderbar alles andere ausblenden konnte und sie Spaß zusammen hatten. Aber ihre Beziehung stand und fiel mehr oder weniger mit Calebs Verknalltheit. Wenn die wegfiel, was blieb ihnen dann? Ein Tauschgeschäft von Sex gegen Aufmerksamkeit?
      Richard parkte, stieg aus, und spazierte erstmal eine Weile durch den Park. Es war zu hell, zu warm und zu ruhig, um seine schlechte Laune nicht noch unangenehmer zu machen. Verdammt. Hatte er das richtige getan? Vielleicht war es Caleb einfach entfallen und hatte sich irgendwo in die Tiefen seines Gehirns verabschiedet. Was es kaum besser machte. Und wieso versuchte Richard Ausreden für ihn zu finden?!
      Er ließ sich mit einem Seufzen auf die nächste Parkbank fallen und merkte, dass diese Energie, die er eben noch hatte loswerden wollen, durch das ganze Denken sowieso schon beinahe aufgebraucht war. Er hatte nicht gedacht, dass es ein derartiges Gefühl in ihm hinterlassen würde, mit Caleb schlusszumachen. Er hatte doch schlussgemacht, oder? So genau hatte er die Worte auch nicht ausgesprochen. Bei ihrem letzten Auseinandergehen hatte ihn jedenfalls hauptsächlich seine Langeweile belastet. Jetzt hatte er eher das Gefühl, eine Tonne Kieselsteine gegessen zu haben. Richard wusste, dass er ein Arschloch sein konnte, aber gespürt hatte er es selten. Und dabei lag er eigentlich im Recht. Nichts von dem, was er zu Cal gesagt hatte, war falsch gewesen. Okay, vielleicht mit Ausnahme davon, dass er sich noch nie für etwas anstrengen hatte müssen. Und vielleicht war das mit dem Verarschen eine impulsive Aussage gewesen. Richard stemmte sein Gesicht in seine Hände. Die ganze Rede war vielleicht ein bisschen impulsiv gewesen. Aber was sollte er davon halten? Caleb bestand so sehr auf Gefühlsduselei und Aufmerksamkeit und dachte nicht, dass es nett wäre, Richard ein Heads-up zu geben bevor er die Chance darauf verlor, jemand zu sein? Er hatte immer darauf hingearbeitet, der Beste zu sein, irgendwann ganz Oben zu stehen und… Ja, was eigentlich? Sich besser zu fühlen, weil er kein Verlierer war? Er hatte in diesem Meeting heute Morgen das Gefühl gehabt, als hätte ihn ein LKW überfahren. Hätte er das Ganze zumindest nicht im Büro erfahren müssen, gemeinsam mit allen anderen Angestellten, hätte er sich vielleicht darauf einstellen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich bei Andrew für den Schlag in sein Gesicht rächte, war heute besonders hoch gewesen.
      Richard seufzte. Vielleicht sollte er doch nachhause fahren. Eine Runde schlafen.
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      Caleb

      Caleb hatte jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Er wusste nicht, wie lange er schon im Bett lag, gefangen in einem widerlichen Kreislauf aus kurzer Ruhe und furchtbaren Heulkrämpfen. Immer wenn er dachte, dass er sich langsam mit allem abgefunden hatte und durchatmen konnte, präsentierte sein Kopf ihm einen wunderbaren neuen Grund, um einfach einschlafen und nie mehr aufwachen zu wollen. Das Handy hatte geholfen. Irgendwann hatte er begonnen, ziellos durch TikTok und Youtube zu scrollen, um die Stille zu vertreiben, aber sein Akku hatte aufgegeben. Das Aufladekabel lag im Wohnzimmer. Caleb kam der Weg unendlich weit vor. Das Handy landete auf dem Nachttisch, als es sich selbst ausschaltete und Caleb wieder mit seinen Gedanken alleine lies.
      Er musste eingeschlafen sein, zwischendurch irgendwann. Es war dunkel, als Caleb die Augen öffnete. Er konnte nicht sonderlich lange geschlafen haben. Es fühlte sich an, als wäre er jetzt noch müder, als vorher. Er wusste, dass er aufstehen und zumindest Pullover und Jeans gegen Schlafsachen tauschen sollte, aber jede Bewegung kam ihm zu viel vor. Egal, wie oft er versuchte, sich einen Ruck zu geben, egal, wie sehr er sein Handy vermisste, sein Körper wollte sich nicht bewegen. Er wollte am liebsten einfach aufhören zu existieren, sich keine Gedanken mehr um irgendwas machen müssen. Wahrscheinlich wäre das für alle anderen auch besser, oder?
      Vielleicht hätte er es andersherum machen sollen. Richard alles erzählen und Ezra gar nichts. Auf kurz oder lang hätte das wahrscheinlich auch zu Problemen geführt, aber er hätte wenigstens eine der beiden Beziehungen retten können. Dafür war es jetzt wohl eh zu spät, nicht? Jetzt blieben ihm nur Niamh und seine Eltern. Er war wieder am Ausgangspunkt angekommen. Wieder zurück in dem kleinen Hamsterrad, aus dem er in den letzten Monaten so erfolgreich Stück für Stück ausgebrochen war.
      Er sollte Richard anrufen. Oder ihm zumindest schreiben. Caleb war sich ziemlich sicher, dass Richard nicht abheben würde, wenn er seine Nummer im Display sehen würde und es würde wahrscheinlich sowieso nichts ändern, aber er hatte den Drang, sich zumindest zu entschuldigen. Aber dafür müsste er das Aufladekabel holen. Nicht mal das schaffte er. Caleb war sich seltsam bewusst, dass er im Selbstmitleid ertrank, aber er konnte irgendwie nichts dagegen tun.
      Richard fehlte. Unter anderen Umständen hätte Caleb ihn wahrscheinlich längst gefragt, ob er rüberkommen wollte. Er war seltsam effektiv darin gewesen, seine Laune zu heben. Offenbar war das etwas gegenseitiges gewesen, bevor Caleb es erfolgreich ruiniert hatte. Richard hatte ihn darum gebeten, ihn abzulenken und er hatte es verschlimmert. Alles, weil er nicht nachgedacht hatte. Weil Richards Job ihn so wenig interessiert hatte, dass er nicht bemerkt hatte, wie sehr er daran hing. Weil er nie nachdachte. Weil er seine eigenen Bedürfnisse immer über die der anderen stellte. Weil er sich zu wenig um andere Menschen bemühte. Caleb konnte den nächsten Anfall von Tränen spüren. Er hatte die kleine sinnlose Hoffnung, vorher wieder einzuschlafen.
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      Richard

      Schlafen war nicht die Lösung. Richard lag gegen Mittag bereits eine halbe Stunde in seinem Bett und starrte gen Decke. Er war noch nie besonders gut darin gewesen, untertags zu schlafen. Powernaps waren auch nicht seins. Er hatte üblicherweise genug Power um durch den Tag zu kommen.
      Er fand sich mit seinem Schicksal ab und setzte sich wieder auf. Er konnte nicht kündigen, was? Sonst müsste er vollzeit als Held arbeiten und das wollte er nur über seine Leiche tun. Er hatte eigentlich geplant wieder vollzeit zu MLO zu gehen. Da hatte er aber auch noch damit gerechnet, demnächst der Chef zu sein. Gott, jedesmal wenn er daran dachte, wurde er wieder wütend. Die verdammte Übelkeit übertrumpfte die Wut nur ständig. Er konnte nicht aufhören, sich dämliche Ausreden zu überlegen, wieso Caleb ihm nichts von Andrews Übernahme erzählt hatte. Vielleicht waren die Depressionen schuld, dass er sich nichts merken konnte. Vielleicht war er jedesmal, wenn sie sich sahen, so überwältigt von Richard, dass er an nichts anderes denken konnte. Aber was auch immer Richard sich einfallen ließ, er kam über das Gefühl nicht hinweg. Langsam dachte er, dass ihm bloß schlecht war, weil er gerade realisierte, was für eine Pussy er war. Caleb hatte sein kleines Herz gebrochen, weil er ihm etwas nicht erzählt hatte, hm? Urgh. Er könnte kotzen. Wie um alles in der Welt konnte ihn das so aus der Ruhe bringen? Es war fast so, als wäre er derjenige, der um Dates und Liebe gebettelt hatte.
      Richards Gedanken drehten sich im Kreis. Sein Körper ebenfalls. Er lief einige Runden durch seine Wohnung, völlig planlos, was er tun sollte. Sollte er morgen auch nicht arbeiten? Sollte er zum Dezernat fahren? Heute noch? Oder erst morgen? Das hätte sich alles wundervoll gelöst, wenn er den Rest der Woche einfach bei Caleb verbringen hätte können. Den Stein hatte er sich irgendwie selbst in den Weg gelegt. Und seit wann wusste er sich nicht selbst zu beschäftigen? Nein… das war nicht das Problem. Es gab etliche Dinge, die er gerade tun könnte. Ihm fiel eine ganze Liste ein. Er hatte nur keine Lust. Er wollte jetzt nicht kochen oder ins Fitnessstudio oder sich mit jemandem auf Drinks verabreden. Es wäre auch mal wieder an der Zeit, zu einer Autowaschanlage zu fahren. Oder die Wäsche zu machen. Er hatte seine drei Pflanzen die Woche auch noch nicht gegossen. Oh… darauf hatte er Lust.
      Richard stellte sein Langeweile-Müsli ab, mit dem er eine Weile wie ein alter Mann vorm Fenster gestanden hatte, und machte einen Rundgang um seine Pflanzen zu gießen, die allesamt ein unpersönliches Geschenk von irgendjemandem gewesen waren. Dann nahm er sein Müsli wieder und stand weiter am Fenster. So konnte das nicht weitergehen.

      Es ging so weiter. Die einzige Ausnahme war, dass er am Abend ein Mail abschickte, um sich krankzumelden. Er hatte beschlossen, die Woche wirklich nicht mehr zu arbeiten. Ein wenig aus Trotz. Keiner hatte es verdient, sich von ihm helfen zu lassen.
      Am nächsten Morgen sah Richard sich mit dieser Realität erneut konfrontiert. Er hatte nicht nichts zu tun. Er wollte nur nichts tun. Caleb schwirrte in seinen Gedanken, bis er die Wut auf Andrew und MLO und den Rest der Welt fast völlig verdrängte. Sollte Richard sich entschuldigen? Aber er war noch immer… beleidigt. Ja, beleidigt wie ein stures kleines Kind. Was zur Hölle stimmte nicht mit ihm? Caleb machte ihn zu einem Waschlappen. Er hatte gute Laune, wenn er Zeit mit ihm verbrachte. Genau deshalb hatte Richard ihn besuchen wollen, statt lieber alleine zu sein. Und vielleicht, weil er ein bisschen Mitleid von Caleb hatte haben wollen. Ein bisschen ‚Oh nein, das muss schlimm für dich sein‘. Ein bisschen ‚Lass mich deine Schultern massieren bis es dir besser geht‘. Es ekelte ihn an, dass es das war, was er gewollt hatte, und gleichzeitig war er noch immer wütend, dass er es nicht bekommen hatte. Aber die Wahrscheinlichkeit wäre wesentlich höher gewesen, wenn er nicht aus der Wohnung gestürmt wäre wie das sture kleine Kind das er eben war.
      Richard verbrachte Stunden über Stunden vollkommen gelangweilt, vollkommen in Gedanken versunken, ohne jegliche Ablenkung in Sicht. Bis er irgendwann aufsprang. Es reichte. Er hatte fast zwei ganze Tage in seiner Wohnung verschwendet, und wenn es so weiter ging, würde er sich erschießen. Was ihn spontan auf einen unschönen Gedanken und wieder auf Caleb brachte, und der Grund für sein Aufspringen war. Er hatte sich mit der Peinlichkeit von gestern so ziemlich abgefunden. Ein wenig. Okay, nicht wirklich. Aber es führte nichts daran, seine Jacke zu holen und sich zu entschuldigen. Wenigsten hatte er die Worte ‚Ich mache Schluss mit dir‘ nicht richtig ausgesprochen, also konnte er immernoch so tun, als hätte Caleb ihn falsch verstanden und er hatte nur Zeit gebraucht, um runterzukommen.
      Glücklicherweise war er längst angezogen, seit Stunden, so als hätte er irgendetwas geplant gehabt, was absolut nicht der Fall gewesen war. Zumindest war er so schneller in seinem Auto. Er beschloss Caleb wieder nicht Bescheid zu sagen, dass er kam. Heute standen die Chancen noch schlechter, dass er nichts dagegen hatte, also würde Richard sich diesem Problem garnicht erst stellen. Caleb musste nur die Tür öffnen. Es war früher Abend, also musste er doch zuhause sein, nicht?
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