The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Wyatt

      "Du kannst sie ja darum bitten. So interessiert, wie Kaia gefragt hat, ob was zwischen euch laufen könnte, hat sie bestimmt nichts dagegen, sich einzumischen." Wyatt würde seine Fingerchen derweil definitiv bei sich behalten. Wenn Jude schon selbst zugab, dass er nichts Langfristiges auf die Beine bringen konnte, wollte er am Ende nicht der Verantwortliche für alles sein, der Emma in die Beziehung gequatscht hatte. Aber shoppen gehen würde sie wahrscheinlich. Zumindest war Emma bisher immer ziemlich enthusiastisch gewesen, wenn es um Schminke und Klamotten ging - etwas, was Wyatt nie nachvollziehen konnte. Er kaufte Kleidung meistens, weil er sie brauchte und nicht, weil er noch unbedingt fünf Pullover haben musste, nur weil sie cool aussahen. Ganz davon abgesehen, dass es sich wie ein Albtraum anhörte, mit anderen Leuten shoppen zu gehen. Nach eigener Kleidung zu suchen, während man seinen Freunden beratend zur Seite stand klang furchtbar.
      "Willst du Emma dann zu deinem Abschlussball einladen?", schlussfolgerte er, während er die Decke zurecht zog. Immerhin würde das irgendwie Sinn ergeben, nicht? Dann hätte Kaia direkt einen Grund, um mit ihr Shoppen zu fahren und ein gutes Wort für Jude einzulegen. Ugh, Wy würde selbst auch einen Anzug brauchen, oder? Was auch wieder einen Einkaufstripp beinhalten würde, auf den er jetzt schon keine Lust hatte. Aber vielleicht war es das am Ende ja wert. Er würde sich ein paar Tutorials zu Standardtänzen anschauen, Kaia auf die Tanzfläche ziehen und vielleicht noch seinen nächsten Kuss bekommen. Das klang...ziemlich kitschig, aber nicht vollkommen verkehrt.
      "Danke übrigens für die Ablenkung", schob er hinterher, während er Jude sanft mit dem Fuß in die Seite stieß. Irgendwie hatte das mehr geholfen, als er gedacht hatte. Sein Bein fühlte sich wieder wundervoll nicht-existent an und die Müdigkeit von eben meldete sich langsam wieder. Es musste wirklich spät sein. Morgen würde sie sich wahrscheinlich wie gerädert fühlen. Vielleicht wäre Jude doch besser bei Emerys Virenparty geblieben. Ab und an von einem Husten oder Niesen geweckt zu werden kam Wy irgendwie netter vor, als ein schmerzhaftes Schreien und eine anschließende Unterhaltung.
    • Jude

      „Das ist schlau, Wyatt“, flüsterte Jude bereits völlig im Plan versunken. Klar, wenn er Emma einlud, wollte sie sich bestimmt auch ein Kleid kaufen, oder so. Und dann könnte Kaia sein Wingman sein. Wingwoman? Aber nur, wenn er ihr einen Gefallen tat, da war er sich ziemlich sicher. Vielleicht wollte sie ja, dass er Wingman für sie spielte, mit Wyatt. Wingman-ception.
      „Ich ruf sie morgen an“, stellte Jude fest. Er musste das mit Emma klären solange sie noch das geringste Interesse an ihm hatte und sich erinnerte wie er aussah. Was ihm hoffentlich in die Karten spielte und seine Chancen nicht verringerte. Aber das mit der Akupunktur war bei der Party doch gut angekommen, oder? Zumindest musste er irgendeinen Eindruck hinterlassen haben. Solange der noch frisch war, sollte er sich schnell ein Date klären.
      Er wurde von Wyatt fast ein wenig aus seinen Gedanken gerissen. „Oh“, sagte er. „Klar. Ich bin das mit dem Nachts von Schmerzen aufwachen auch gewohnt. Nur nicht weil mir ein Körperteil fehlt. Obwohl… Haut ist auch irgendwie ein Körperteil. Jedenfalls hat‘s mir immer geholfen, wenn Emery mich über Skateboard Tricks zulabert“, erklärte er leise. „Und ich konnte damals sicher ein halbes Jahr nicht alleine schlafen, also… Ich meine, wir teilen uns immernoch ein Zimmer, obwohl ein Arbeitszimmer mehr oder weniger unbenutzt ist. Man gewöhnt sich irgendwie dran“ War das zu viel Information? Normalerweise erzählte er Leuten einfach, dass sie in der Wohnung zu wenig Platz hatten für einzelne Zimmer, wenn jemand fragte. Emery und er hingen vielleicht echt ein wenig zu sehr aneinander, aber Jude konnte sich nicht mehr vorstellen, sein Zimmer nicht zu teilen. Wahrscheinlich müsste er für den Rest seines Lebens in einer WG wohnen damit ihm nicht langweilig und irgendwie einsam wurde.
      „Hoffe du stehst auf Kuscheln, ich beweg’ mich nämlich keinen Millimeter mehr zu der Matratze da unten“, murmelte Jude schläfrig. Aber was er tat, war den Arm auszustrecken und die Lampe zu erwischen, um sie auszuschalten.
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    • Wyatt

      "Eigentlich ist die Haut ein Organ", merkte Wyatt vollkommen automatisch an, weil das das einzige war, was sein Kopf gerade verarbeiten konnte. Irgendwie war es seltsam zu hören, dass Jude so mit ihm mitfühlen konnte, auch, wenn es rückblickend irgendwie logisch war. Jude hatte ein ähnliches Schicksal, wie er. Wenn jemand nachvollziehen konnte, wie es ihm ging, dann Jude.
      "Alleine sein fühlt sich irgendwie immer seltsam an. Ich hasse es, wenn ich abends alleine bin. Das Haus knarrt und ich hab das Gefühl, dass meine Eltern immer noch da wären. Wenn Milo hier ist, kann ich die ganzen Geräusche wenigstens irgendwie auf ihn schieben", erklärte er, während er ein wenig zur Seite rutschte, um Jude Platz zu machen. Manchmal wünscht er sich fast, dass er in Milos kleine Wohnung gezogen wäre, statt anders herum, auch, wenn der Gedanke, das Haus zu verlassen, weh tat. So, als wolle er seine Eltern vergessen. Irgendwie konnte er einfach nicht gegen seinen eigenen Kopf gewinnen, egal, was er tat.
      "Träumst du auch manchmal davon?", fragte er in die Dunkelheit hinein. "Von dem Brand, meine ich?" Er konnte sich nicht sonderlich gut an den Anschlag erinnern. Seine Erinnerungen hörten bei dem Punkt auf, an dem er sich mit einem Freund in die letzte Reihe der Kirchenbänke gesetzt hatte, um heimlich während des Gottesdienstes abzuhauen - was sie nicht mehr geschafft hatten - und setzten erst wieder im Krankenhaus ein. Er konnte sich grob erinnern, was dazwischen passiert war, aber er war sich bei den meisten Gedankenfetzen nicht ganz sicher, ob sie wirklich real waren, oder ob sein Kopf einfach verzweifelt versuchte, die Lücke mit irgendwas zu füllen, was einigermaßen realistisch wäre. Was ihn nicht davon abhielt, davon zu träumen. Manchmal sah er seine Eltern, manchmal schaffte er es sogar, sie früh genug zu warnen. Hin und wieder starb er selbst. Die ersten Tage, nachdem er sein Bewusstsein wieder erlangt hatte, hatte er es gehasst zu schlafen. Mittlerweile ging es. Die Träume wurden seltener. Offenbar schienen die Phantomschmerzen dafür zuzunehmen. Wundervoller Tausch, nicht?
    • Jude

      Jude öffnete den Mund kurz und schloss ihn wieder, bevor er antwortete. Er war ehrlich gesagt schon drauf und dran einzuschlafen und deshalbt war der plötzlich düstere Gesprächswechsel ein wenig gewöhnungsbedürftig. So viel zur Ablenkung.
      „Ähm. Ja“, sagte er trotzdem. „Nicht mehr so extrem oft, aber ganz weg ist es nicht“ Der Brand war damals in der Nacht ausgebrochen. Die Schreie seiner Eltern und die der Nachbarn hatten ihn aufgeweckt. Sie hatten wohl in der Panik noch kurz versucht, das Feuer zu löschen, oder so, zumindest hatte Jude eine Weile in seinem Bett gesessen und sich sein T-Shirt über die Nase gezogen, weil er nicht durch die Türe hinaus konnte. Sein Vater hatte ihn später durch eine Wand aus Feuer aus dem Haus getragen. Wahrscheinlich waren es nur Sekunden gewesen, die er gewartet hatte, aber in seiner Erinnerung war es immernoch ziemlich lang. Davon hatte er am öftesten geträumt. Dass sie ihn dort vergessen hatten, in seinem Zimmer, weil er sich damals ziemlich alleine gefühlt hatte. Oder dass sein Vater ihn schnappte und sie beide im Feuer verbrannten. Das waren die Träume, die er gehabt hatte, wenn er von den Schmerzen wach geworden war. Mittlerweile träumte er weniger vom Brand und mehr von anderen Momenten mit seinen Eltern. Manchmal waren die Träume auch schön.
      „Wenn Milo nicht da ist, kannst du zu uns kommen“, schlug Jude vor. Er hatte selbst immer den Vorteil gehabt, dass er nie alleine gewesen war. Selbst, wenn Emery‘s Eltern nicht da waren, war immerhin Emery da und der ging sowieso kaum raus, wenn es nicht mit Jude war. Dass Wyatt andauernd alleine in diesem verdammt riesigen Haus war, war ziemlich unfair. Gut, die meisten in ihrem Alter würden sich wahrscheinlich darüber freuen, aber Jude konnte verstehen, was Wyatt‘s Problem damit war. Wenn er selbst noch in seiner alten Wohnung wohnen müsste, nur ohne seiner Eltern, würde er wahrscheinlich total an den schlechten Erinnerungen festhängen. Man musste sich davon abgrenzen. Das war zumindest Jude Weg, um damit umzugehen.
      „Ich hab ‘ne extra Matratze unter meinem Bett, und im Büro ist ein Schlafsofa“, sagte er. Obwohl Wyatt bestimmt andere Freunde hatte, die ihm dasselbe anboten. Ob er Jude aus genau dem Grund heute angerufen und gefragt hatte, ob er hier schlafen wollte? Naja. Damit hätte er auch kein Problem.
      „Ich geh jetzt schlafen, Wy“, murmelte Jude, der seine Augen schon längst geschlossen hatte, trotz des Redens. „Wenn draußen irgendwas knarzt, musst du es halt auf einen Geist schieben“ Zumindest war man dann auch nie allein.
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    • Wyatt

      Irgendwie fühlte es sich seltsam gut an, über das alles zu reden. Wyatt wünschte sich, dass er wacher wäre, nicht ganz so angetrunken und weniger an die Phantomschmerzen denken müsste, aber es war ja zum Glück nicht so, als ob er das ganze Thema mit Jude totschweigen müsste. Vielleicht konnten sie nochmal darüber reden, wenn sie etwas klarer im Kopf waren. Aber es fühlte sich jetzt schon seltsam erleichternd an zu wissen, dass er mit der ganzen Scheiße nicht alleine war. Er war nicht seltsam. Das war alles normal. Blöd und frustrierend, aber normal.
      Er stieß ein kleines "Mhm" aus, als Jude anmerkte, dass er jetzt schlafen würde. Er hatte seine Augen selbst schon längst geschlossen und kämpfte gegen die Müdigkeit. Einen Kampf, den er jetzt wohl endlich aufgeben konnte, oder?

      Milo

      Es fühlte sich immer noch seltsam gut an, neben Aaron aufzuwachen. Milo konnte es nicht ganz beschreiben, aber es war, als würde der morgen direkt etwas heller und freundlicher starten. Was das Wachwerden an sich nicht unbedingt gut machte, aber wenigstens schöner. Es half, dass er den Blonden direkt an sich ziehen und mit ein paar Küssen ebenfalls aufwecken konnte. Wenigstens musste er so nicht alleine den morgen vor der ersten Tasse Kaffee überleben, sondern hatte jemanden, der mit ihm leiden musste.
      "Morgen", grüßte er nach einem Kuss auf Aarons Schulter. Er hatte beide Arme um ihn gelegt, als wäre sein Freund ein übergroßer Teddybär. Sein übergroßer Teddybär. Irgendwie konnte Milo immer noch nicht ganz fassen, dass sie es tatsächlich geschafft hatten, in einer Beziehung zu landen, nachdem sich fast alle ihre Dates als mittelmäßige Katastrophen entpuppt hatten. Aber das musste etwas heißen, oder? Der ganze Stress, die wenige Zeit, die sie miteinander hatten und trotzdem hatte Milo das Bedürfnis, Aaron das Frühstück ans Bett zu bringen und dann den ganzen Tag mit ihm liegen zu bleiben. Was leider aus mehreren Gründen vollkommen unmöglich war. Wyatt hatte gestern irgendwann nicht mehr auf seine Nachrichten geantwortet und auch wenn Milo sich sicher war, dass nichts Schlimmes passiert war, konnte er die kleine Panik, die in ihm aufstieg und ihm ins Ohr flüsterte, möglichst schnell nach Hause zu kommen, nicht ignorieren. Egal, wie unfassbar hübsch Aaron morgens auch aussah.
      "Hast du gut geschlafen?", schob er leise hinterher, während er eine Hand hob, um Aaron eine blonde Strähne aus dem Gesicht zu streichen. Am liebsten würde er ihn einfach mitnehmen, aber er hatte die dumpfe Ahnung, dass das keine sonderlich gute Idee wäre. Wyatt hatte gestern schon schnippisch-knapp auf seine Nachrichten geantwortet und er wollte keinen Streit provozieren. Nicht, wenn Aaron und er ihr Beziehung gerade erst auf die nächste Stufe gehoben hatten. Gott, er wünschte sich wirklich, dass er sich weniger Sorgen um das alles machen müsste. Diese Beziehung könnte so viel einfacher sein, wenn er nicht ständig seinen Bruder in die Gleichung einbeziehen müsste.
    • Aaron

      Wachgeküsst zu werden hatte wohl nicht nur im Märchen was an sich. Aaron machte ein paar frustrierte müde Laute bevor er Milos Stimme hörte und sich in seinen Armen widerfand. Ihm fiel mit dem Aufwachen langsam wieder ein, was gestern passiert war. Er hatte sich Milo echt geschnappt… War das schon der Zeitpunkt wo er vor seiner Familie angeben konnte? Weil er nicht mehr der einzige Single war?
      Naja, aber wenn er sich seine Situation hier so ansah, hatte er garkeine Lust, anzugeben, und dafür das Bett zu verlassen. Er lächelte und legte seinen Arm unter der Bettdecke über Milo und strich ihm über den Rücken. Er hatte sich jemanden geschnappt, der ihn nicht nur wachküsste und unfassbar aufmerksam war, sondern auch noch verlockend heiß neben ihm im Bett lag und sein erster Anblick des Tages war.
      „Wie ein Stein, ehrlich gesagt. Ich muss mich erstmal orientieren“, schmunzelte Aaron. Er hätte beinahe vergessen, wo und wer er war, so tief hatte er geschlafen. „Ich hoffe du auch. Wenn es wie nach Plan gelaufen ist, sollte sich das für dich ein bisschen wie ein Kurzurlaub angefühlt haben. Ich hab sogar einen Karamellsirup für den Kaffee gekauft, falls du den willst. Und beim nächsten Mal leg ich dir kleine Schokoladen auf die Kissen, okay?“ Seinetwegen konnte Milo ja auch gleich einziehen, aber was wusste er schon. Jetzt, wo sie offiziell zusammen waren, hatte Aaron erschreckend wenige Bedenken mehr, was ein ‚zu schnell‘ anging.
      Er hielt sich davon ab, Milo zu küssen, und setzte sich langsam auf. „Ich geh mir die Zähneputzen und mache Kaffee. Bleib liegen, solange du kannst und lass dich nicht gleich wieder von irgendetwas stressen, es ist immerhin Sonntag“ Er stand auf und hob am Weg seine restlichen Klamotten von gestern auf, um sie in den Wäschekorb zu werfen. Er wusste, dass Milo relativ bald nachhause fahren würde, nachdem er gestern Abend schon etwas unsicher gewesen zu sein schien, was das Übernachten anging. Trotzdem wollte Aaron sich schnell soweit fertig machen, dass er jede Sekunde mit ihm noch voll auskosten konnte. Wer wusste schon, wann sie sich wieder sahen.
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    • Milo

      Für einen Moment hatte Milo das Verlangen, Aaron wieder zurück ins Bett zu ziehen, an sich zu drücken und einfach liegen zu bleiben. Wie ein Hotel hatte sich der Abend nicht wirklich angefühlt, dafür aber einfach normal, was um Welten besser war. Kein Stress, keine anderen Menschen, dafür ein kompletter Abend mit jemandem, der ihm wichtig war. Ob sie das schon viel früher gehabt hätten, wenn Milos Eltern noch leben würden? Er wollte eigentlich gar nicht wirklich darüber nachdenken. Es wäre unfair, für alle.
      Milo griff nach seiner Brille und sah Aaron hinterher, als dieser die Kleidung vom Vortag einsammelte, in die Wäsche warf und dann das Zimmer verließ, um im Bad zu verschwinden. Er blieb tatsächlich noch einen Moment lang liegen, bevor er sich nach seinem Handy streckte, um kurz zu prüfen, ob Wyatt ihm nochmal geschrieben hatte, was nicht der Fall war. Er hatte ein paar Nachrichten und Mails, aber nichts von seinem Bruder. Also stand das Haus hoffentlich noch. Wahrscheinlich hatte er sich wirklich einfach einen netten Abend mit Jude gemacht und Milo machte sich zu viele Sorgen. Irgendwie musste er sich das abgewöhnen.
      Er klickte sich durch die Mails - größtenteils Werbung - bis Aaron aus dem Bad raus war und er dafür kurz reinspringen konnte. Aaron hatte ihm gestern eine Zahnbürste gegeben, die hoffentlich ein bisschen länger bei ihm im Bad stehen bleiben und öfter genutzt werden würde. Abgesehen davon machte er sich nur kurz frisch. In Ermangelung von Alternativen musste er eh wieder in seinen Pullover von gestern schlüpfen. Vielleicht sollten sie sich bei ihren nächsten Dates am Abend angewöhnen, Kleidung zum Wechseln mitzubringen. Irgendwie fühlte sich die Beziehung dadurch fast ein bisschen realer an.
      "Kann ich dir noch irgendwie zur Hand gehen?", fragte Milo, als er einen Moment später zu Aaron in die Küche kam. Er drückte ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die Schläfe, bevor er kurz überlegte, wie er seinem Freund noch irgendwie helfen könnte. Der Kaffee schien bereits aufgesetzt zu sein, der Tisch zum Frühstück gedeckt und eigentlich kannte er sich in Aarons Wohnung auch gar nicht genug aus, um effektiv helfen zu können.
      "Langsam ist das weniger Hotel-Feeling und mehr so ein Gefühl der vollkommenen Nutzlosigkeit." Wie lange war es her, dass Milo zuletzt morgens in die Küche gekommen und schon alles vorbereitet gewesen war? Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.
    • Aaron

      "Das ist nicht mein Problem. Setz dich hin", sagte Aaron und warf Milo ein kurzes Lächeln über die Schulter zu. Er nahm die Milch und das restliche Tiramisu von gestern aus dem Kühlschrank und setzte sich damit schließlich selbst zum Tisch. Aaron wollte sich einfach ein wenig um Milo kümmern, solange er noch hier war, und wenn ihn das am Ende noch mehr motivierte, mehr Zeit mit Aaron zu verbringen, war das einfach ein netter Nebeneffekt. Aber anscheinend musste Aaron ihm erstmal antrainieren, dass er nicht ständig irgendetwas tun musste sondern auch mal einfach sitzen konnte.
      "Was frühstückst du normalerweise?", fragte er und schenkte sich einen Schluck Milch in die Kaffeetasse ein. "Bei mir variiert das, je nachdem auf was ich Lust habe, und wenn zufällig Kuchen oder sowas da ist, überlebt der nicht lange. Dein Tiramisu ist bis spätestens heute Abend weg" Er lächelte und trank einen Schluck. Sie hatten zwar ausgeschlafen, aber sehr spät war es trotzdem noch nicht. Aber wenn etwas zuhause passiert wäre, hätte Milo sicher schon Alarm geschlagen. Aaron verstand die Angst aber irgendwie. Wyatt schien ihn nicht sonderlich zu mögen, und dann blieb sein Bruder auch noch über Nacht hier, und er hatte eh schon einen Hang dazu, irgendetwas anzustellen… Wenn Aaron das richtig verstanden hatte, dann war Jude auch noch vorbeigekommen. Ehrlich gesagt hätte Aaron an dem Punkt nicht erwartet, dass Milo wirklich noch hier blieb. Nicht nach der Sache, die im Museum passiert war.
      "Oh, vergiss übrigens nicht, mich noch anzurufen und mir zu erzählen, wie es mit deinem Kollegen und seinem geschiedenen Patienten weitergeht. Und mit Kaia. Lass mich nicht ja hängen"
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    • Milo

      "Das ist...ein bisschen bedenklich. Zum Glück bin ich kein Zahnarzt", kommentierte Milo trocken, als Aaron ihm seine Frühstücksgewohnheiten aufzählte. So früh schon so süß zu essen klang ziemlich grauenvoll. Obwohl er sich da wahrscheinlich kein Urteil erlauben durfte. "Ich trinke meistens nur Kaffee, weil ich lieber länger schlafe, als was zu essen. Dafür an den Wochenenden dann Brot und was auch immer ich gerade im Kühlschrank habe." Was deutlich mehr war, seit er wieder mit Wyatt zusammenwohnte. Sein Single-Kühlschrank hatte ziemlich dürftig ausgesehen. Meistens war er nach der Arbeit noch einkaufen gefahren und hatte schlicht geholt, was er für die nächsten ein bis zwei Tage benötigte. Seit dem Tod seiner Eltern hatte er plötzlich angefangen, die Woche durchzuplanen. Die Großeinkäufe seiner Mutter ergaben plötzlich durchaus Sinn.
      "Mhm, nein, ich bleibe dabei - wenn du Updates willst, dann nur persönlich auf dem nächsten Date", neckte er, als Aaron schließlich aufzählte, was für Infos er in den nächsten Tagen noch benötigte. Offenbar schien der Zucker bereits zu wirken. Aaron schien morgens deutlich aufgedrehter zu sein, als Milo, der meistens erst nach dem zweiten Kaffee in der Praxis richtig wach wurde. Es war einfach, sich das frühe Aufstehen anzugewöhnen, aber irgendwie merkte man am Ende doch immer, dass man gegen seinen Willen wach war.

      Offenbar schien es Wyatt und Jude da ähnlich zu gehen. Nachdem Milo sich mit einem letzten leidenschaftlichen Kuss von Aaron verabschiedet hatte, fand er sein Elternhaus eine kurze Fahrt später seltsam still vor, was bedeutete, dass die beiden entweder noch schliefen, oder schon längst nicht mehr da waren. Er tippte auf ersteres, als er vorsichtig die Treppen hoch zu Wys Zimmer ging und leise die Tür öffnete. Jepp. Die beiden waren definitiv noch am Schlafen, auch, wenn Milo beim besten Willen nicht sagen konnte, wie. Sie lagen vollkommen chaotisch verknotet in Wys Bett. Wenn sich die Hautfarben von Wy und Jude nicht unterscheiden würden, hätte er unmöglich sagen können, wo der eine begann und der andere aufhörte. Milo musste sich ein kleines Lachen verkneifen, als er sein Handy zückte, ein Bild von den beiden machte und es mit einem kleinen "Teaser" an Aaron schickte.
      Er ließ sie schlafen - vorerst. Warum die Tore zur Hölle öffnen, wenn man die Ruhe noch ein wenig genießen konnte? Milo steuerte zunächst die Dusche an, zog sich frische Kleidung an und ging anschließend wieder nach unten, um kurz sicher zu gehen, dass er keinen Brandherd oder ähnliches übersehen hatte. Es standen mehrere Flaschen Alkohol auf dem Wohnzimmertisch, was...irgendwie kaum überraschend war, aber sonst sah es seltsam okay aus. Das erklärte wahrscheinlich auch den tiefen Schlaf. Aber das war gut, oder? Er war einen ganzen Abend nicht hier gewesen und das Haus stand noch. Es war nichts schlimmes passiert. Wy hatte - hoffentlich - Spaß gehabt. Vielleicht waren weitere Abende bei Aaron gar nicht so unwahrscheinlich, wie er gedacht hatte!
      Milo atmete kurz durch, um sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen, bevor er die Kaffeemaschine anwarf und sich wieder auf den Weg nach oben machte. Diesmal deutlich weniger darum bemüht, leise zu sein. Als älteres Geschwisterkind hatte er immerhin Pflichten, nicht?
      "Jungs, Frühstück ist fertig", verkündete er, während er unzeremoniell das Licht in Wyatts Zimmer anschaltete. Wyatt schrie kurz überrascht auf, trat Jude unfreiwillig in die Rippen und versuchte irgendwie, sich aufzurappeln, bevor er einfach liegen blieb und kurz abwinkend die Hand hob.
      "Kommen gleich. Penner."
      Manchmal waren Brüder vielleicht doch richtig super.
    • Jude

      Jude gab einen dumpfen, schmerzerfüllten Laut von sich und krümmte sich etwas, während er langsam realisierte, wo er war, wer er war, und was ihn gerade voller Wucht getreten hatte.
      „Ugh… Kann man hier nicht normal aufwachen?“, raunte er und rieb sich über die Rippen, die Augen halb zugekniffen, um irgendwie mit dem plötzlichen Lichtstrahl des Todes klarzukommen. Milo war wohl zuhause.
      Jude bekam es kaum gebacken, sich überhaupt aufzusetzen, und fiel letztendlich eher aus dem Bett, nur um auf der Boden-Matratze nochmal kurz liegen zu bleiben.
      „… Haben wir gestern irgendetwas weggeräumt?“, murmelte er in einem plötzlich Moment der Erleuchtung. Er konnte sich einigermaßen erinnern, dass er die Treppen eher hoch schlafgewandelt war, als sonst was. Vom Alkohol hatte er jedenfalls keine Erinnerungslücken, Kopfschmerzen aber schon ein wenig. Wenn Milo nochmal so rumschrie würden sich die wahrscheinlich auch signifikant verschlimmern. Und was war aus seinem Plan gewesen, früh abzuhauen, um sich keinen Ärger einzufangen? Ob er die Rumflasche schon gesehen hatte…?
      Jude drehte sich auf den Rücken und blinzelt mit gerunzelter Stirn gen Decke. „Sei ehrlich, wie stehen die Chancen, dass Milo mich jemals wieder ins Haus lässt nachdem wir uns drei von drei Mal betrunken haben“ Er tippte nicht auf besonders gut. Und vielleicht sollte er mal sein Handy checken um zu sehen ob er in sein tatsächlich Zuhause noch reindurfte, nachdem er sich nichtmal mit einer Info gemeldet hatte, wann er zurück kam. Oh, und Emma.
      Jude drehte sich in einem plötzlichen Motivationsschub herum und griff nach seinem Handy. Ein paar Benachrichtigungen… Fast alles von Instagram. Oh, ja, das Foto. Jude entsperrte sein Handy und scrollte durch die Likes und Kommentare. Hehe. Zumindest folgte Emma ihm jetzt auch.
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    • Wyatt

      Oh Scheiße. Wy hatte eigentlich schon wieder die Augen geschlossen, bemüht, trotz der hellen Lampe zumindest noch ein paar Minuten Schlaf zu bekommen, riss selbige aber wieder auf, als ihm bewusst wurde, dass sie tatsächlich absolut nichts weggeräumt hatten, die Flaschen mit dem Alk noch im Wohnzimmer standen und er sich nur semi-sicher war, dass sie überhaupt den Fernseher ausgemacht hatten. Zum Glück hatten sie keine Kerzen angemacht, oder so. Aber jetzt war es eh zu spät. Milo, der mittlerweile wieder die Treppen nach unten ging, war sicher schon im Wohnzimmer gewesen und hatte gesehen, dass sie getrunken hatten. Sämtliche Ausreden waren also vollkommen zwecklos.
      "Wahrscheinlich setzt er mich gleich direkt mit dir vor die Tür", murmelte er mit einem genervten Seufzen, während er sich aus der Bettdecke entknotete und sich aufsetzte. "Sorry für den Tritt", schob er hinterher. Vielleicht würde Emery ja noch etwas Platz im Zimmer machen, wenn Wy direkt mit Jude rausgeworfen wurde. Obwohl das hier theoretisch immer noch sein Haus war. Milo verwaltete es nur, bis er volljährig war. Irgendwie hatte Wy nur nicht das Gefühl, dass ihn diese Tatsache davon abhalten würde, ihn rauszuwerfen.
      Er huschte mit einer Mischung aus Müdigkeit und Anspannung - und einer kleinen Portion Übelkeit durch den Kater - durch das Bad, bevor er mit Jude runter in die Küche ging. Milo lehnte mit einer Tasse Kaffee in der Hand an der Küchentheke und sah von seinem Handy auf, als sie reinkamen. Er wirkte beinahe besorgniserregend ruhig. Der Tisch war sporadisch gedeckt und der kleine Timer am Kühlschrank zählte wohl die letzte Minute der Aufbackbrötchen im Ofen runter.
      "Und? Wie war es gestern?" Milo schob sein Handy in seine Tasche und stellte den Kaffee auf einen der leeren Plätze am Küchentisch ab, bevor er sich wieder an der Theke positionierte, wohl, um auf die Brötchen zu warten.
      "Richtig gut", antwortete Wyatt vage. Er wollte nicht vor Jude über das Date sprechen und den Alkohol würde er ignorieren, so lange es ging. "Wir haben Avatar geschaut."
      "Der mit den Elementen?"
      "Der Blaue."
      "Oh." Milo zog kurz irritiert die Augenbrauen zusammen. "Ich glaube, den hab ich vor Jahren das letzte mal gesehen."
      "Die Reihe ist ganz gut", merkte Wyatt an. Er hatte keine Erinnerung daran, wie sie sich überhaupt für die Filme entschieden hatten. Er wusste noch, dass sie einen Film schauen wollten, aber irgendwie Fehlte der Sprung von der Entscheidung zur Umsetzung. "War das eigentlich deine Idee?", fragte er Jude.
    • Jude

      Okay, jetzt hielt sich die Hoffnung in Grenzen. Milo würde sie bestimmt beide anschreien. Aber Jude war es irgendwie gewohnt, von den Eltern seiner Freunde immer direkt mit ausgeschimpft zu werden. Das Ding war nur, das ihm das von Emery‘s Eltern echt schon reichte. Und was sollte das überhaupt? Da hatte er schon keine eigenen Eltern mehr und plötzlich machten es sich die Eltern aller anderen Menschen auf der Welt zur Aufgabe, it ihm zu schimpfen. Es gab echt keinen einzigen Vorteil an dieser Sache.
      Jude kämpfte sich etwas unmotiviert in seine Jeans und die Shirt-Hemd-Kombi von gestern und putzte sich die Zähne. Und damit war seine Morgenroutine eigentlich erledigt. Weiter zum Ausschimpfen.
      Er folgte Wyatt die Treppen hinunter und brüstete sich bereits für die bösen Blicke und heute bestenfalls noch für ein ‚Das war alles deine Idee, oder?!‘. Jude konnte sich vage erinnern, dass er gestern Abend etwas in die Richtung vorausgesehen hatte. Er war halt derjenige, der es besser wissen sollte, oder so. Auch wenn absolut nichts passiert war und, soweit er wusste, war auch nichts kaputt gegangen. Nur Wyatts Schreianfall kam ihm kurz in den Sinn.
      Dass Milo absolut gechillt in der Küche seinen Kaffee trank und ihm keine bösen Blicke zuwarf, war fast schockierender als anders herum.
      „Entspannt“, antwortete Jude synchron mit Wyatts ‚richtig gut‘. Sie schienen hier die selbe Taktik zu verfolgen.
      Jude musste tatsächlich überlegen, wessen Idee die Filme waren, aber letztlich gab er mit dem Überlegen auf und nickte einfach. „Aber den Elemente-Typ kenn ich auch“, fügte er hinzu. Er warf Wyatt einen skeptischen kurzen Blick zu. Kam die Explosion noch oder war Milo einfach flachgelegt worden und deshalb so gut drauf? Besser er sprach das nicht laut aus.
      „Ähm… Oh, Brötchen“, lenkte Jude die Aufmerksamkeit auf das Offensichtliche. „Kann ich auch ‘nen Kaffee haben?“, fragte er. Er korrigierte sich nach einer Sekunde. „Ich meine, darf ich? Bitte?“
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    • Wyatt

      Jude so übertrieben höflich zu hören war fast ein wenig beängstigend. Auch, wenn es insgesamt seltsam beruhigend war zu wissen, dass Wyatt wohl nicht der einzige war, dem das ganze irgendwie komisch vorkam. Milo war zu ruhig dafür, dass er ihm sonst immer direkt jeden kleinen Fehler vorhielt. Vielleicht hatten sie einfach Glück. Vielleicht wollte Milo vor Jude keine Szene machen. Was bedeutete, dass er Jude möglichst lange hier behalten musste, egal ob er hier sein wollte, oder nicht.
      Milo stellte wortlos die Thermoskanne mit dem Kaffee auf den Tisch, bevor der Timer anschlug und er die Brötchen aus dem Ofen holte. "Braucht einer von euch eine Kopfschmerztablette dazu?", fragte er schließlich und warf Wyatt einen Blick zu, der ziemlich deutlich vermittelte, dass er den Alkohol im Wohnzimmer durchaus gesehen hatte. Wyatt hatte kurz das Gefühl auf seinem Stuhl zu schrumpfen. Wenigstens blieben weitere bissige Kommentare aus. Er schüttelte trotzdem den Kopf.
      "Wir haben nicht so viel getrunken", versuchte er sich zu verteidigen. Eigentlich hatte er keinen Plan, wie viel sie getrunken hatten. Er hatte eigentlich vorgehabt, die Flaschen nicht ganz leerzutrinken, damit sie nicht so auffielen - es war einfacher, Milo einzureden, dass die halbleere Flasche immer schon halb leer gewesen war, statt zu behaupten, dass eine Flasche generell nie existiert hatte - hatte aber irgendwann selbst die Übersicht verloren.
      "Das hab ich gesehen", antwortete Milo sarkastisch, während er sich zu ihnen an den Tisch setze. "Ich habe die Flaschen stehen gelassen, weil ich mir sicher war, dass euch gleich die Lust packt, das Wohnzimmer aufzuräumen."
      "Du...klingst so seltsam ruhig", merkte Wyatt vorsichtig an. Er hatte mit deutlich mehr gerechnet, als einfach nur kurz das Wohnzimmer auf Vordermann zu bringen. Wenigstens eine Predigt.
      Milo blinzelte ihm kurz über den Rand seiner Kaffeetasse entgegen, bevor er mit den Schultern zuckte. "Ich hab damit gerechnet, dass das passiert. Enttäuscht, aber nicht überrascht und so." Damit konnte Wyatt zum Glück wunderbar leben. "Was nicht heißt, dass ich es gutheiße", fuhr Milo fort. "Aber lieber hier, als wenn ihr draußen unterwegs seid und dann nicht mehr wisst, wie ihr nach Hause kommt."
      "Das stimmt", pflichtete Wyatt ihm bei, bevor Milo doch noch seine Meinung ändern könnte. Er griff nach einem Brötchen, um irgendwas zu tun zu haben. "Und wir haben absolut Lust, gleich das Wohnzimmer aufzuräumen. Eigentlich freuen wir uns da seit gestern Abend drauf, nicht?", fragte er und sah Jude erwartungsvoll an.
    • Jude

      Yup. Er hätte noch vor Morgengrauen abhauen sollen. Jude erwiderte Wyatt‘s Blick einen langen Moment lang wortlos, und gab sich schließlich geschlagen. Okay, irgendwie war das Ganze auch seine Idee gewesen.
      „Yup. Ich finde das Aufräumen ist immer der beste Part an allem“, antwortete er monoton und griff nach der Kaffeekanne. Gut, auf die Liste an Leuten die ihm Strafarbeit aufdrückten, kamen jetzt auch Geschwister. Normalerweise räumte jedenfalls der Gastgeber auf, so lief das bei Parties.
      „Ich muss nur meine Mom anrufen und ihr sagen, dass ich noch meine Lieblingsaktivität mache, bevor ich nachhause komme“, teilte er mit. Er pausierte. „Also Emery‘s Mom“ Irgendwie hatte er sich angewöhnt, Emery‘s Eltern nichtmal mehr seine Adoptiveltern oder sonst etwas zu nennen, sondern Mom und Dad, wenn er mit Leuten redete, die nichts über seine Familienkonstellation wussten. War meistens irgendwie einfacher als mittem im Gespräch den ‚Meine Eltern sind tot‘ Dämpfer reinzuhauen. Ab und zu verwirrte er sich damit aber selbst.
      Jude trank einen Schluck Kaffee und sprang vom Tisch auf. Er zog sich das Handy aus der Tasche und ging ins Wohnzimmer, um sich beim Telefonieren auch gleich ein Bild davon zu machen, wie lange er bleiben würde. So richtig konnte er sich auch nicht erinnern, ob nicht vielleicht irgendwas auf dem Teppich ausgelaufen war.
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    • Ezra / Caleb

      “Ich habe Richard noch eine Chance gegeben. Wir daten wieder.” Caleb war selbst überrascht, wie einfach ihm die Worte über die Lippen kamen, nachdem er sie so lange vor sich hergeschoben hatte. Er konnte sehen, wie Ezra die neue Information verarbeitete, während er ihm entgegen starrte, die Hände immer noch um die Tasse Tee vor ihm gelegt. Sie saßen in Calebs Wohnung, Ezra auf dem Sofa und Caleb in einem der Sessel schräg davor. Bis gerade hatten sich die Gespräche noch um die letzten Wochen gedreht. Die Kinder, Andrew. Ezra hatte einen deutlich höheren Redeanteil gehabt, aber das war immer schon so gewesen. Ezra redete gerne und Caleb war froh um jedes Wort, das er sich sparen konnte. Er hatte ihn noch nie so lange sprachlos erlebt.
      “Nein. Tust du nicht”, antwortete Ezra schließlich vorsichtig. Er hatte schon seltsam lange nicht mehr geblinzelt. “Das ist ein Scherz, oder?”
      Caleb presste seine Lippen aufeinander, während die Irritation in Ezras Gesicht in eine Mischung aus Wut und Entsetzen umschlug. Es gab nichts mehr, was er sagen konnte. Er konnte das, was er gesagt und getan hatte nicht mehr rückgängig machen und…eigentlich wollte er das auch nicht. Richard zu verlieren hatte sich schlimmer angefühlt, als das hier und das war ein Zeichen, dass er das Richtige tat, oder? Es musste ein Zeichen sein!
      “Warum?”, fragte Ezra. Er strahlte die Art von Ruhe aus, die meistens in einer Explosion endete. Das Alles fühlte sich einfach zu surreal an. Ja, Caleb und er hatten immer schon ihre Auseinandersetzungen gehabt, aber er hatte ihm trotzdem ein bisschen mehr Verstand zugetraut. “Warum er? Cal, du hast wen Besseres verdient! Der Typ ist furchtbar! Er hat Andrew belästigt, er hat mich manipuliert - was möchtest du mit diesem Arschloch?”
      “Ich weiß. Und ich kann das nicht ungeschehen machen, aber wenn man ihn besser kennt, dann ist er-” Caleb zögerte.
      “Dann ist er was, Cal? Süß und lieb und fürsorglich?” Ezra lachte sarkastisch auf. Die Vorstellung, dass Richard auch nur irgendwas anderes als selbstverliebt und überheblich war, fühlte sich lächerlich an. Warum konnte der Typ nicht einfach…auswandern, oder so? Sich in Luft auflösen. Warum musste er sich so an Caleb klammern?
      “Er gibt mir das Gefühl, nicht einfach nur zweitrangig zu sein”, antwortete Caleb lauter als gewollt. Aber das war es, was von Anfang an für Richard gesprochen hatte - er wollte Cal. Er tat nicht so, als ob Caleb nur da war, nur funktionieren musste, keine eigenständige Person wäre. Und das war genug, nicht? Das war alles, was er je gewollt hatte. Einmal die Priorität sein, statt immer nur das Anhängsel. Richard schaffte es so leicht, ihm das Gefühl zu geben, dass er zählte, egal, wie gespielt es auch war. Caleb konnte einfach nicht darauf verzichten.
      “Das ist Blödsinn und das weißt du.” Ezra riss verzweifelt die Arme hoch und kippte dabei beinahe die Teetasse vor ihm zur Seite, ohne es selbst zu bemerken. Irgendwie musste er doch zu ihm durchdringen, oder? “Denkst du wirklich, dass ihm was an dir liegt? Du bist schlauer als das! Am Ende geht es ihm doch immer nur um sich selbst. Er lässt dich fallen, sobald es ihm passt.”
      “Tut er nicht.” Caleb hatte keine Ahnung, wo er diese Gewissheit hernahm, aber er wollte nicht einknicken. Ihre Beziehung war vielleicht nicht märchenbuch-würdig, aber Richard hatte auf Knien darum gebettelt, dass er ihm noch eine Chance gab. Er würde ihn nicht nochmal verlassen. “Und selbst wenn, wäre es mein Problem und nicht deins. Ich verlange ja nicht, dass ihr beste Freunde werdet, aber ich hatte gehofft, dass ihr es wenigstens schafft, euch zusammenzureißen und zivil miteinander umzugehen.”
      “Ernsthaft?!” Ezras Ausruf wurde von einem leisen “Plopp” untermauert, als die Tasse endgültig auf dem Teppich landete.
      “Ja. Ernsthaft. Weißt du eigentlich, wie viel ich in den letzten Jahren für dich gemacht habe? Das ist das einzige, was ich von dir verlange und nicht mal das schaffst du?” Caleb presste die Lippen aufeinander, während er sich kerzengerade in seinem Sessel aufsetzte.
      "Oh, ich bitte dich!” Ezra verdrehte genervt die Augen. “Wir haben uns einen Großteil der letzten Jahre ja nicht mal gesehen. Außerdem-”
      “Weil ich mich aktiv dafür entschieden habe, dich in Ruhe zu lassen”, schnitt Caleb Ezra das Wort ab. “Es war wirklich verdammt einfach herauszufinden, wo du wohnst. Hast du dich nie gewundert, warum Mom und Dad so überhaupt nicht nach dir suchen? Weil ich von Anfang an jede kleine Spur zu dir verwischt habe. Weißt du, wie unfassbar aufwendig das war? Bitte, gib ihm nur-”
      “Ich hab dich nie auch nur ansatzweise darum gebeten, irgendwas davon für mich zu tun.” Ezras Wangen waren ein wenig blass. Er hatte in den letzten Jahren tatsächlich ziemlich wenig Gedanken an seine Eltern verschwendet. Die ständige Panik davor, wieder zu seinen Eltern zurück gezerrt zu werden, war mit den Jahren einfach verblasst. “Weißt du was? Date Richard. Vielleicht habt ihr euch ja doch irgendwie verdient. Aber denke nicht, dass ich noch irgendwas mit dir zu tun haben will.”
      “Oh.” Caleb blinzelte kurz, die Augen glasig. “Schön. Vielleicht wäre es besser, wenn du jetzt gehst.”

      Ezra

      Der Streit verfolgte Ezra den Rest des Tages. Er spielte ihn wieder und wieder in seinem Kopf durch, bis er sich nicht mehr sicher war, ob er überhaupt stattgefunden, oder ob er nicht doch nur alles halluziniert hatte. Seine Gedanken schienen sich wieder und wieder zu überschlagen. Hätte er etwas anderes sagen können? War er zu streng? Nicht streng genug? Die Bitte, Richard noch eine zweite Chance zu geben, oder darüber hinweg zu sehen, dass Caleb die mit Abstand schlimmste Person der Welt datete, wirkte absolut lächerlich, egal, wie er es drehte und wendete.
      “Ich weiß einfach nicht, wie er sich das vorgestellt hat”, erklärte er immer noch aufgebracht, während er zu Andrew sah. Sie saßen zusammen in der Küche, während Niko und Max im Wohnzimmer spielten. Elli saß auf Ezras Schoß und sabberte hochkonzentriert ein Stück Gurke voll, während er sie an sich drückte, als wäre sie ein Stofftier. Ezra war sich ziemlich sicher, dass Andrew nur die Hälfte seiner Zusammenfassung verstanden hatte, was nicht an Andrew lag, sondern daran, dass er seine eigenen Gedanken kaum ordnen konnte.
      “Denkt er wirklich, dass wir das einfach ignorieren würden?” Elli stieß ein kleines, glückliches Quietschen aus, als er sie auf seinen Knien hoch und runter wippte. Hoffentlich würde sie nie jemanden daten, den ihre Brüder nicht mochten. Oder generell gar nicht daten, das wäre noch für alle am einfachsten, nicht?
    • Andrew

      Andrew war in seinem Leben selten mit etwas überfordert gewesen, weil er selten etwas getan hatte, das er nicht gewohnt war. Er hatte den Großteil seines Lebens nach dem selben Muster gelebt, sich nicht sonderlich um andere Menschen gesorgt und seine Energie in die Dinge gesteckt, die er mochte, und die er gut konnte. Das letzte halbe Jahr war dagegen aufregender gewesen, als die ganzen neun Jahre, in denen er als Held gearbeitet hatte, oder die Zeit davor, als er die Ausbildung gemacht hatte, und auf eigenen Beinen stehen musste. Es hatte schwierigere Phasen gegeben, aber er konnte immer zu den Dingen zurückkehren, die ihm Stabilität gaben. Davon war nun wenig übrig. Es gab nur eine Sache, eine Person, die ihm Stabilität gab, und das war seltsamerweise die instabilste Person, die er kannte. Und heute war Ezra besonders instabil.
      Andrew versuchte irgendwie der überwältigenden Menge an Information zu folgen, während Ezra sich aufregte. Das Gespräch hatte ihn quasi schon im Türstock überfallen. Er hatte im Büro heute einen Berg an Arbeit erledigt, ohne sich ganz sicher zu sein, ob er davon irgendetwas richtig gemacht hatte, weil Harald als Supervisor einfach grauenvoll war. Es war, als würde man erwarten, dass irgendein x-beliebiger Kerl aus dem Altenheim einem beibrachte, wie man Spion wurde. Besser sogar: Wie man eine geheime, internationale Sicherheits-organisation leitete. Andrew hatte nicht viel Zeit gehabt, um eine Ansprache oder ähnliches für den nächsten Tag vorzubereiten, um seine Übernahme anzukündigen. Er würde sich aufs Wichtigste fokussieren und improvisieren müssen. Was ebenfalls leichter gedacht war, als getan, weil er es auch als ziemlich wichtig empfand, ein Haus zu finden. Sie konnten hier nicht länger wohnen und sich beinahe jede Nacht zu Fünft ein Bett teilen. Außerdem mussten sie sich nach einer Schule umsehen für Max, sich um Nikos Einschulung kümmern und einen Kindergarten für Elli finden. Eigentlich wollte Andrew Ezra noch unbedingt fragen, ob er heute einkaufen war, aber-
      "Nein, ignorieren können wir das wohl nicht", murmelte Andrew etwas geistig abwesend, als ihm klar wurde, dass Caleb also kaum mehr für MLO arbeiten wollen würde, geschweige denn einen finanziellen Beitrag zu ihrem Umzug leisten würde. Für seine… Nichte und seine Neffen, natürlich. Aber es schien so, als hätten die drei jetzt einen Onkel weniger. Aber abseits davon…
      "Denkst du nicht, dass es irgendwie trotzdem besser so ist? Ich meine, Richard ist offensichtlich beschäftigt und wird uns ins Ruhe lassen. Und du hattest in den letzten Jahren keinen Kontakt mit Caleb, also wird sich nicht viel ändern, oder?" Andrew sah mehr Positives als Negatives an dieser Situation, wenn er ehrlich war. Auch, wenn es Ezra ziemlich zu belasten schien, aber dann war es ja noch besser, wenn er keinen Kontakt mehr mit Caleb hatte. Er konnte darüber hinwegkommen und musste sich nicht mehr auf jemanden verlassen, auf den man sich ganz offensichtlich nicht verlassen konnte. Logisch betrachtet stiegen sie aus der Situation ziemlich gut aus. Ezra schien das nur ein wenig anders zu sehen.
      "Oh, wie sieht Niamh das eigentlich? Zählt sie zu dem… Kontaktabbruch eigentlich dazu oder kann sie diese Woche noch Babysitten, wenn wir die Hausbesichtigung haben?" Wenn nicht, mussten sie schließlich schnellstmöglich einen Plan B finden. Sie mussten wirklich umziehen.
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    • Ezra

      “Besser?”, fragte Ezra in einem Tonfall der ziemlich eindeutig vermittelte, dass ‘Besser’ nicht mal annähernd zu den Worten gehörte, die er gewählt hätte, um diese Situation zu beschreiben. Andrew hatte natürlich Recht damit, dass Caleb und er die letzten Jahre keinen Kontakt gehabt hatten und ihre Kindheit war auch alles andere als rosig gewesen, aber irgendwie war es trotzdem seltsam nett gewesen, ihn wieder zurück in seinem Leben zu haben. Er hatte gehofft, dass sie sich als Erwachsene besser verstehen würden, aber offenbar fielen sie am Ende doch immer wieder in ihre alten Rollen zurück - Caleb, der sich nicht zwischen seinen Rollen als Tonangeber oder Oper entscheiden konnte und Ezra, der keine Meinung besitzen durfte. Es fühlte sich trotzdem nicht richtig an, Caleb für ein bisschen Ruhe vor Richard zu opfern. Zumal Ezra diese Denkweise ziemlich optimistisch fand. Zum einen traute er es Richard durchaus zu, multitaskingfähig genug zu sein, um sowohl Caleb um den Finger zu wickeln, als auch ihnen auf die Nerven zu gehen, zum anderen hatte er immer noch keine Ahnung, wie ernst Richard es überhaupt meinte. Was, wenn er sich nur an Caleb gehangen hatte, um irgendwie in Andrews Leben zu bleiben? Ein bisschen abwegig vielleicht, aber vollkommen irre klang es auch nicht, oder?
      "Ich denke nicht, dass es so besser ist, aber wir können jetzt sowieso nichts mehr daran ändern, also werden wir es wohl zwangsweise herausfinden", antwortete er und atmete tief durch, um möglichst ruhig zu bleiben. Elli hielt ihm das Stück Gurke entgegen, das Ezra mit spitzen Fingern entgegen nahm und auf ein Stück Küchenrolle legte, dass er sich ein weiser Voraussicht auf den Tisch gelegt hatte. Elli sah dem Stück Gurke kurz hinterher, als ob sie erwartet hätte, dass Ezra den Rest essen würde, bevor sie ihre Hände nach Andrew ausstreckte. Offenbar hatte Ezra die Emotional-Support-Gurke verschmäht, oder so. Er reichte Elli an seinen Freund weiter.
      "Niamh ist historisch betrachtet immer ekelhaft neutral, oder auf der Seite desjenigen, der ihr mehr bringt", antwortete er. "Ich denke nicht dass sie ein Problem damit haben wird zu babysitten." Wenn Caleb sich nicht sonderlich geändert hatte, hatte Niamh es wahrscheinlich auch nicht. Sonst müssten sie Thomas und Steve nochmal nerven. Oder die Kinder mitnehmen. Irgendwas würde ihnen schon einfallen. Ezra spielte gedankenverloren mit dem Ring, den Andrew ihm geschenkt hatte. Es fühlte sich an, als ob seit dem Jahre vergangen wären.
      "Ich verstehe einfach nicht, was er in ihm sieht", fing er wieder an, unwillig, das Thema fallen zu lassen. "Wenn es wenigstens noch eine nette, offene Person wäre, aber wer bricht mit seiner Familie für Richard?"
    • Andrew

      Oh, gut, dann war zumindest ein weiteres Problem abgewandt. Andrew hatte nämlich noch was gut bei Niamh, und das war nicht das Babysitten, sondern die Tatsache, dass sie ihren Umzug bezahlen würde, weil Andrew für sie in ein Haus eingebrochen war. Gott, er wurde mit Ezras Familie nicht warm. Passte Richard da nicht irgendwie sowieso perfekt rein?
      Andrew nickte. Das Wort 'besser' würde er also nicht mehr benutzen. Schade. Er nahm Elli auf seinen Schoß und wischte ihr mit dem Ärmel seines Hemds den Sabber aus dem Gesicht, was ihm noch immer einen kleinen Schauer über den Rücken jagte.
      "Er sieht gut aus", warf Andrew in den Topf der Möglichkeiten, was Caleb in Richard sehen können. Er hatte auch Geld, aber das war Caleb wahrscheinlich eher egal. Dass er Held und MLO Agent war, war beides vermutlich auch eher ein Grund ihn nicht zu daten, aus Calebs Sicht. "Vielleicht hat Caleb Daddy Issues und will deshalb mit einem Arsch zusammen sein", war die nächste Wahl. In jedem Fall hatten die beiden sich doch gefunden, oder? Andrew verstand das Problem nicht so richtig. Hielt Ezra seinen älteren Bruder für einen Heiligen?
      "Ich hab übrigens noch eine Besichtigung ausgemacht. Das Haus ist ein bisschen über dem Budget und es ist relativ viel zu machen, aber das Grundstück ist echt groß, das Haus auch, und irgendeinen Vorteil muss es mir doch irgendwann bringen, eine eigene Organisation zu haben" Kein sehr eleganter Themenwechsel, aber in Andrews Kopf schwirrte diese unordentliche To-do-Liste mit Aufgaben, die sich über die nächsten Monate erstreckten. Er hatte auch noch vor, Ezra einen Antrag zu machen… Und keine Ahnung, wie er das angehen sollte. Aber er wusste, dass ihre Beziehung in jedem Fall irgendwann eingehen würde, wenn sie nie wieder ein eigenes Bett hatten. Also musste er eine Prioritätenliste haben. Die To-do-Liste war nach Prioritäten und Datum geordnet.
      "Und… Caleb hat seltsame moralische Einstellungen, deshalb überrascht es mich, dass es dich überrascht, dass er Richard mag. Aber ist es wirklich dein Problem? Ich verstehe schon, dass du ihm nichts Schlechtes wünscht, aber er wünscht sich selbst offenbar Schlechtes. Du solltest ihm seinen Willen lassen. Er ist erwachsen und kann seine eigenen fragwürdigen Entscheidungen treffen, so wie wir unsere eigenen fragwürdigen Entscheidungen treffen" Und damit hob Andrew Elli kurz hoch und stellte ihre kleinen Füße auf seinen Oberschenkeln ab. "Oder? Fragwürdige, aber sehr süße Entscheidungen", murmelte er und gab ihr einen Kuss auf die nicht mehr angesabberte Wange.
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    • Ezra

      "Ew." Irgendwie war Andrew nicht sonderlich hilfreich. Sich Caleb mit Daddy-Issues vorzustellen war nicht unbedingt etwas, was er tun wollte. Er brauchte dringend jemanden, der mitlästern würde, aber Ada war zu befangen und die einzige andere Person in seinem Leben, die sich gerne in Drama stürzte, hatte sich ja dazu entschieden, selbst das Drama zu werden. Er musste unbedingt seinen Freundeskreis erweitern. Oder darauf hoffen, dass sich wenigstens Steve dazu hinreißen lassen würde, etwas Kritik zu äußern. Außerdem musste er dringend jemanden finden, der Richard nicht heiß fand. Das aus Andrews Mund zu hören, fühlte sich fast wie Verrat an.
      Aber das musste wohl warten. Andrew erinnerte ihn zumindest, wenn auch etwas unelegant, daran, dass sie eigentlich noch dringendere und, vor allem, lösbare Probleme hatten, als er erneut ihre anstehenden Hausbesichtigungen ansprach. Bis heute morgen hatte Ezra selbst kaum ein anderes Thema gekannt. Ihm kam sein Leben ab und an immer noch wie ein Traum vor. Er hatte Andrew, sie hatten drei wundervolle Kinder und sie würden sich zusammen ein nettes Haus aussuchen. Es fehlten noch ein, zwei Schritte, aber gemessen daran, dass sie das alles innerhalb eines halben Jahres hinbekommen hatten, war es vielleicht ganz gut, mal einen Gang runter zu schalten. Nicht, dass Ezra nicht absolut begeistert wäre, Andrew sofort zu heiraten, noch einen Hund zu adoptieren und einen Pool im Garten zu bauen - sofern das Haus, das sie sich aussuchen würden nicht schon einen hatte - aber vielleicht sollte er sich sein Glück langsam einteilen. Er wünschte wirklich, dass Caleb wenigstens ein etwas besseres Gefühl fürs Timing gehabt hätte.
      "Oh. Das klingt gut. Vielleicht ist so ein kleines Renovierungsprojekt jetzt genau das Richtige." Entweder das, oder es wäre das Schlimmste, was sie sich bei all dem Stress, den sie eh schon hatten, antun könnten. Die Adoption war noch nicht ganz durch, Andrew würde sich irgendwie in seine neue Rolle als Leiter von MLO einfinden müssen und...irgendwie musste sich generell ihr kompletter Alltag noch einspielen. Aber das würde sich alles irgendwie finden. Hauptsache, die Kinder hatten endlich ihre eigenen Zimmer.
      "Weil Caleb immer schon die Art Mensch war, die durchgehend Bestätigung von Außen gebraucht hat und Richard nicht unbedingt den passenden Vibe hat", erklärte er seine Überraschung, als Andrew - überraschenderweise - von sich aus auf das Thema zurückkam. "Außerdem finde ich unsere Entscheidungen überhaupt nicht fragwürdig. Höchstens ein bisschen chaotisch", merkte er schließlich mit einem Lächeln an, während er seine Arme ausstreckte, um Elli ein wenig zu kitzeln. Sie stieß ein schrilles Lachen aus, während sie mit ihren kleinen Händchen nach Ezras Fingern griff, um ihn zu stoppen. Kleine, immer noch ziemlich angesabberte Händchen, aber damit musste er wohl leben. Er würde Andrew und die Kinder auf keinen Fall je wieder hergeben. Wer hätte gedacht, dass Andrew so ein unfassbar attraktiver Dad sein würde?
      "Was machen wir mit deinem Kinderzimmer?", fragte er Elli. "Alles stereotyp in rosa? Beige? Vielleicht finden wir ja eine süße Motiv-Tapete. Oder irgendwas mit Glitzer. Oder du bekommst auch Dinos."
    • Andrew

      "Bestätigung muss nicht unbedingt verbal sein", murmelte Andrew, noch unsicher ob er wollte, dass Ezra das hörte oder nicht. Über die Daddy Issues Sache schien er ja auch nicht sehr erfreut zu sein. Aber ob Ezra es wollte oder nicht, Andrew wusste, dass man nicht unbedingt ein Meister der Worte sein musste, um eine Beziehung zu führen. Auch wenn sie dann vielleicht nicht sehr lange hielt. Das bezweifelte sogar Andrew. Die beiden würden sowieso bald Schluss machen, und dann war dieses ganze Thema völlig sinnlos gewesen.
      Und sie trafen alle fragwürdige Entscheidungen, dabei blieb er. Es war nicht die intelligenteste Sache gewesen, die er im Leben getan hatte, drei russische Kleinkinder zu adoptieren. Er war vielleicht glücklich darüber, sich nicht mehr von den Kindern trennen zu müssen, aber wahrscheinlich wäre es besser gewesen, sie nie zu treffen. Dann hätte er mindestens sechsundzwanzig Probleme weniger, vermutlich mehr. Er konnte trotzdem nicht anders, als zu lächeln, als Ezra Elli mit Zimmerdeko zuquatschte.
      "Ich überlasse das Einrichten dir, wenn du mir versprichst, keine komischen Sachen beim Renovieren zu machen. Damit meine ich: lebensgefährliche Sachen. Ich brauche dieses Jahr keinen einzigen Krankenhausbesuch mehr", sagte er nachdrücklich. "Ansonsten, ja, Renovieren wäre okay, aber dann dauert eben alles länger. Vielleicht finden wir irgendein Zwischending, wo nicht zu viel zu machen ist" Der Zeitdruck war immerhin auch der Grund, warum sie ihr Budget höher angesetzt hatten, als es vielleicht gut war. Ein wenig Wunschdenken war bestimmt auch hinein geflossen.
      "Apropos. Ich würde gerne irgendwas schnelles kochen, die Kinder ins Bett bringen und mir noch ein paar Sachen für morgen ansehen. Ich muss eine Reihenfolge finden, in der ich die Änderungen bei MLO anspreche, die irgendwie schonend rüberkommt. Aber die Liste ist lang", seufzte er. Außerdem hatte er heute wirklich die Hoffnung, mehr Schlaf zu bekommen. Die Kinder hatten deutlich zu oft Alpträume oder krochen aus schlichter Langeweile zu ihnen ins Bett und abseits davon, dass sie ihn aufweckten, merkte Andrew, dass er Morgens ab und zu verspannt war, weil sein Unterbewusstsein ihn wie ein Brett schlafen ließ, wenn ein Kind im Bett lag. Er brauchte seine Bewegungsfreiheit und die Sicherheit, dass er niemanden umbrachte, wenn er sich zur Seite rollte.
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