The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Caleb

      Wenn Caleb seinem Kopf einfach wieder vorschreiben könnte, was genau er zu denken hatte, wäre sein Leben deutlich einfacher. Leider war das nur irgendwie nicht so einfach. Angetrunken fiel wenigstens die ständige Sorge etwas weg. Richards Erklärung, dass er merken würde, wenn er ihn hassen sollte, kam ihm jetzt deutlich sinnvoller und beruhigender vor, als sie es wahrscheinlich morgen tun würde, wenn er nüchtern genug war, um alles nochmal durch seinen Kopf gehen zu lassen. Und nochmal und nochmal, bis er wieder jedes einzelne Wort zerpflückt und dreimal gewendet hatte. Bis sein Kopf wieder beschloss, irgendwas in die Worte zu interpretieren, was nicht da war.
      Wenigstens tat der Kuss überraschend gut. Es war ein wenig seltsam, Richard zu küssen, wenn sie nicht gerade auf dem Weg zum nächsten Bett waren, aber irgendwie auf eine überraschend gute Art und Weise. Caleb konnte sein Herz angenehm schnell schlagen fühlen, während er sich fast darüber beschweren wollte, dass Richard nach dem ersten Kuss stoppte, nur um das Gefühl zu haben, unter seinen Fingern zu schmelzen, als er ihn erneut küsste. Irgendwie wollte sein Kopf immer noch nicht ganz verarbeiten, dass das wirklich alles so wundervoll einfach sein könnte.
      Er lehnte sich ihm leicht entgegen, stützte sich mit einer Hand auf dem Sofa ab und legte die andere in Richards Nacken. Ein kleines Lächeln stahl sich beinahe automatisch zurück auf seine Lippen, als Richard seine Wange küsste. Es war wirklich verführerisch einfach, sich dem ganzen einfach hinzugeben und sämtliche ausgedachte Regeln in den Wind zu schießen. Wahrscheinlich war es besser, dass Richard den Kuss in diesem Moment beendete.
      “Es tut mir leid, dass ich das alles so unnötig kompliziert mache”, entschuldigte er sich leise, während er seine Hand sinken ließ. Zugegeben, er würde sich selbst wahrscheinlich nicht daten. Nicht wegen dem fehlenden Sex, mehr wegen dem generellen Aufwand. In der Hinsicht war Richard wirklich Fluch und Segen zugleich.
      “Was für ein neues Thema schwebt dir vor?”, fragte er, während er sich seitlich an die Rückenlehne lehnte, um Richard weiterhin ansehen zu können. “Möchtest du mir verraten, was dein Lieblingsfilm ist, oder sollen wir über den Einfluss des Waschbärens als invasive Spezies in England reden? Ich glaube, für Letzteres bin ich etwas zu angetrunken. Obwohl das die Diskussion besser machen könnte.” Er stieß ein kleines Lachen aus. Wahrscheinlich könnten sie sich wirklich über beide Themen unterhalten. Vielleicht nicht fachmännisch, aber darum ging es ja auch nicht, oder?
      “Falls du nichts für Waschbären über hast, könnten wir sonst auch schon mal nachschauen, was man alles auf Sizilien anstellen kann. Nicht, dass wir uns am Ende so sehr am Strand langweilen, dass wir doch über Waschbären reden müssen.”
    • Richard

      „Ich glaube, wenn man aus Gelegenheitssex etwas ernstes macht, ist alles darauf folgende kompliziert“, murmelte Richard. Gut, Caleb schien sich deutlich mehr Gedanken zu all dem zu machen, als Richard. Aber das würden sicher die meisten. Auch wenn es eigentlich ganz simpel war. Aber warum einfach, wenn man sich den Scheiß auch kompliziert denken konnte? Die meisten Leute schienen das als Lebensmotto zu haben und Caleb würde er das hoffentlich noch abtrainieren. Zumindest, wenn es um ihre Beziehung ging. Es musste nicht kompliziert sein.
      Richard runzelte irritiert die Stirn, als Caleb von Waschbären anfing, und fragte sich, ob er immer so schnell angetrunken wurde. „Nein, danke. Das klingt zwar wahnsinnig interessant aber ich verzichte. Mein Lieblingsfilm ist wahrscheinlich… Alien oder Indiana Jones oder sowas, hab noch nie so genau darüber nachgedacht. Und ich weiß nicht, wie Hitzebeständig du bist, aber wir können im August in Sizilien wahrscheinlich vorrangig die Strände abklappern und Abends Essen und in Bars gehen. Auch wenn eine Stadttour bei 40 Grad… traumhaft klingt“ Nicht. Auch wenn Richard sich das schon antun würde, wenn es denn sein musste, aber Caleb verkraftete das vermutlich weniger als er, wenn er ständig von nördlichen Ländern und schwärmte und allgemein wahrscheinlich seltener Wüstenwanderungen gemacht hatte. Zumindest, wenn der Teil mit dem Buchhalter-Job stimmte.
      „Aber wir können nachts schwimmen gehen, das wäre eine Idee“, schlug er ehrlich vor. „Skinny Dipping“ Er sah Caleb an und zwinkerte. „Vielleicht finden wir ja ein Ferienhaus mit Pool oder Jacuzzi, wenn du nicht ins Meer willst, aber das Adrenalin macht es irgendwie aus“ Er grinste. „Wegen den Details, wohin genau es geht, kann ich noch unseren persönlichen Reiseberater fragen. Steve ist eigentlich Sekretär, oder sowas, aber er hat auch unser Wellness Resort mit Sauna gebucht, wofür er vielleicht noch ein Danke verdient hat“ Richard zuckte leicht mit den Schultern.
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    • Caleb

      “Solide Wahl, aber ein bisschen basic”, kommentierte Caleb Richards Filmwahl mit einem kleinen Grinsen, auch, wenn er fast schon ein bisschen enttäuscht war, dass Waschbären es offenbar nicht auf ihre Unterhaltungsliste schaffen würden. Dabei waren die mit ihren kleinen Händchen ziemlich niedlich. Vielleicht spielten sie auch einfach zu sehr in Richards Hundetrauma rein.
      “Ich bin kein sonderlich großer Fan davon, nackt in der Öffentlichkeit zu sein”, merkte er zögernd an, weil das wahrscheinlich wieder eine der Sachen war, die er unnötig kompliziert machte. Er mochte es nicht mal sonderlich, nackt alleine in seinen eigenen vier Wänden zu sein. Wenn Richard ihn nicht gerade meisterhaft davon ablenkte, fing er bei zu wenig Kleidung automatisch an, sich selbst zu kritisieren und er brauchte definitiv kein zusätzliches Feedback von außerhalb. “Aber ich denke, ich könnte mich mit dem Ferienhaus mit Pool anfreunden.” Eigentlich klang es auch tatsächlich ganz nett, nachts mit Richard im Pool zu hängen, egal ob mit, oder ohne Kleidung.
      “Oh, dann scheint er tatsächlich ein Händchen für Hotels zu haben.” Caleb zückte trotzdem sein Handy, um zu schauen, was auf ihn zukommen könnte. “Du kannst ihn ja fragen, wo er schon mit seinem Freund war. Vielleicht können wir uns ja noch ein paar Tipps für die nächsten Urlaube abholen.” Obwohl Caleb keine Ahnung hatte, ob Steve und Thomas den selben Anspruch an einen Urlaub haben würden, wie sie. Er hatte die beiden bisher nur zwei mal gesehen und bei beiden Gelegenheiten kaum mit ihnen gesprochen. Nachdem die beiden den kompletten Fall Out zwischen Ezra und ihm mitbekommen hatten, wäre er generell überrascht, wenn sie noch mit ihm reden würden.
      “Offensichtlich scheint Sizilien größtenteils aus Stränden, Bergen und Tempeln zu bestehen”, merkte er an, während er sich durch den erstbesten Artikel scrollte, den Google ihm vorschlug. “Vielleicht haben wir ja Glück mit dem Wetter und können uns zumindest ein kleines bisschen Kultur antun.” Ein Wanderurlaub würde es so oder so nicht werden, aber wenn man schon mal die Gelegenheit dazu hatte, verfallene Burgen gegen zusammengefallene Tempel zu tauschen konnte man sie auch nutzen, oder?
    • Richard

      „Aber vielleicht bin ich ein Fan davon, wenn du nackt in der Öffentlichkeit bist. Und vielleicht bist du ein Fan davon, wenn ich nackt in der Öffentlichkeit bin. Ich würde Nachts schwimmen im Meer außerdem auch nicht unbedingt mit einer U-Bahn oder einem Einkaufszentrum gleichsetzen. Öffentlichkeit hat… Abstufungen. Nichtmal ich würde dich richtig sehen, ich hab keine gute Nachtsicht“ Er blinzelte unschuldig, was man ihm wahrscheinlich sowieso nie abkaufen würde. Ja, er hatte irgendwo im Hinterkopf, dass Cal nichtmal ein großer Fan vom Schwimmen allgemein war, oder von Saunas, das hatte er zu dem Zeitpunkt oder irgendwann danach jedenfalls erwähnt, weil Richard sich schwach erinnern konnte. Was… ein bisschen verrückt und ein bisschen unverständlich war, aber nur aus seiner Perspektive. Wenn man sich zwangsouten musste, war es wahrscheinlich nicht mehr so verrückt. Richard wäre es zwar auch vollkommen egal, ob Cal letztendlich im T-Shirt am Strand lag, aber dafür, dass seine Narben sowieso ziemlich verblasst und aus Richards Sicht kaum wahrnehmbar waren, waren die grauenvollen T-Shirt Tan-Lines wahrscheinlich das Risiko wert, mal kurz angestarrt zu werden, oder? Außerdem war Richard zuversichtlich dass er die meisten Blicke selbst einsammeln würde, sobald er eine Badehose trug.
      „Schön, dann bestehe ich bei Steve halt auf den Privatpool“, gab er nach. Und dann kniff er skeptisch die Augen zusammen. „Freund? Woher wüsstest du, dass Steve einen Freund hat?“, fragte er. Die eine spärliche Mission konnte doch nicht zu einem so persönlichen Gespräch geführt haben, oder? Richard kannte ehrlicherweise nichtmal Steves Nachnamen. Wieso auch? Er war eine der wenigen Personen, bei der ein Nachname vollkommen irrelevant war. So wie bei Thomas ungefähr. Unterschiedliche Büros, selbe Position. Vielleicht arbeiteten sie nicht wirklich das gleiche, aber in Richards Kopf waren sie ein und dieselbe Person, nur dass der eine mehr in Richtung Reiseberater lehnte und der andere Richtung Barista. Und Richard konnte sich nicht erinnern, mit einem von beiden jemals ein Wort gewechselt zu haben, das sich nicht auf dir Arbeit bezog, weil ein gutes Verhältnis zu einem der beiden in keinster Weise seine Arbeit positiv beeinflussen würde. Ganz im Gegensatz zu Gesprächen mit Kollegen, die mit ihm Außendienst hatten, oder Leuten, die fürs Business gut waren. Warum zur Hölle redete Caleb mit Steve?
      „Okay, was auch immer. Ich bin nicht gerade auf freundschaftlicher Basis mit ihm also frage ich bestimmt nicht, wo er mit seinem Freund war, aber wir können uns gerne ein paar Tempel ansehen, wenn das auf deiner Bucket Liste steht“ Ein Gespräch über das Privatleben irgendeines Zahnrädchens war jedenfalls nicht auf Richards Bucket Liste.
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    • Caleb

      "Sicher", antwortete Caleb knapp und nicht sonderlich überzeugt, aber mit Richard über irgendwas in Richtung 'Schamgefühl' oder 'Selbstwahrnehmungsstörung' zu diskutieren konnte er wahrscheinlich wirklich vergessen, oder zumindest getrost bis zu ihrem Urlaub verschieben. Falls sie es überhaupt bis dahin schaffen würden, aber Caleb zwang sich, positiv zu denken. Es war ja nur noch ein halbes Jahr, Richard hatte allen Grund, ihn bis dahin furchtbar nervig zu finden und Cals halbe Familie hasste ihn eh, also...was sollte schon schief gehen, außer praktisch alles? Mit sehr viel Glück würden sie es bis in den Flieger schaffen und sich dann da streiten.
      "Naja, ganz einfach eigentlich- Steve ist mit Ezra und Andrew befreundet. Ich glaube sein Freund war vorher auch schon mit Andrew befreundet, aber so neugierig war ich dann doch nicht. Thomas heißt er. Unauffälliger Typ, schmal, blond, sieht immer ein wenig so aus, als ob er gerade lieber woanders wäre, was ich absolut nachvollziehen kann. Ezra hatte zu Neujahr eine Party geschmissen, da hatte ich die beiden zwischendurch mal gesehen und dann wieder-" Caleb stockte, als ihm ein vollkommen anderes, viel wichtigeres Detail bewusst wurde. "Nach Russland", ergänzte er langsam, während sein Blick wieder auf sein leeres Weinglas fiel. Vielleicht hätte er Richard doch darum bitten sollen, es wieder aufzufüllen.
      "Ähm. Vielleicht solltest du dich vollkommen grundlos sehr vorsichtig daran herantasten, Steve um einen persönlichen Gefallen zu bitten. Sein Freund und er könnten hypothetisch dabeigewesen sein, als ich Ezra beichten musste, dass was zwischen uns gelaufen ist und Andrew sich ausgeheult hat. Eventuell." Und Caleb hatte keine Ahnung, wie viel Rückgrat Steve besaß. Obwohl das wahrscheinlich irgendwie auch wieder bedeutete, dass er Ezra und Andrew von seiner neuen alten Beziehung erzählen musste, bevor das alles irgendwie durch Richard und Steve auf Abwege geriet. Da kontrolliere er diesmal wirklich lieber selbst, wann und wie er es seinem Bruder erzählte. Vorzugsweise diesmal ohne Zuhörer.
      Sein Blick wanderte wieder zurück zu Richard, während er sich krampfhaft um ein Lächeln bemühte. "Es war eventuell ein bisschen chaotisch."
    • Richard

      Richard setzte sich auf, um ein wütendes: „Was?!“ auszuspucken, als Caleb ihm seine Beichte vortrug. „Wie passiert sowas?!“
      Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und schloss kurz die Augen während er frustriert seufzte. Gut, nachdem er nicht einmal gewusst hatte, dass seine Kollegen, denn Thomas war anscheinend dieser Thomas, offenbar erschreckend persönliche Details über sein Leben kannten — und Andrews Geschichtenerzähler-Skills nach zu folge dachten, dass er Spaß daran hatte, sich anderen aufzudrängen — waren sie ziemlich gut darin gewesen, so zu tun, als wüssten sie von nichts. Und wenn es dabei blieb und sich nicht irgendwelche dummen Gerüchte lauffeuermäßig verbreiteten, konnte es ihm wohl egal sein. Was nicht hieß, dass er Ezra und Andrew nicht noch mehr hasste, als vorher. Wie kam man auf die Idee, solche Gespräche in einem Raum mit komplett Unbeteiligten zu führen?
      Richard lehnte sich weiter zum Tisch und schenkte seinem Glas Wein nach, dann nahm er einen großen Schluck und lehnte sich wieder zurück. „Ich gebe dir jetzt mal den Vertrauensvorschuss und rechne damit, dass es absolut unmöglich war, das Gespräch nicht vor meinen Kollegen zu führen, die ich fast jeden Tag sehe und mit zumindest einem der beiden ich jahrelang professionell arbeiten konnte, ohne auch nur ein persönliches Detail fallen zu lassen“, grummelte er. Das musste alles wirklich ein verdammt seltsamer Zufall gewesen sein. Und das war auch das einzige, was ihn gerade davor bewahrte, sauer auf Caleb zu sein. Obwohl dieses dämliche Verlangen, sich bei allem vor Ezra zu rechtfertigen, ja irgendwie der Untergrund war, auf dem dieser Mist wachsen konnte. Zumindest war Richard sich hundertprozentig sicher, dass Andrew nicht über solche Dinge mit seinen Kollegen reden würde. War es vielleicht etwas zu unrealistisch gewesen, zu denken, dass sie ihre Beziehung komplett von Ezra und Andrew trennen konnten? Eigentlich hatte Richard das als Selbstverständlichkeit gesehen, aber sie schienen ja doch immer wieder verwickelt zu werden.
      „Neuer Themenwechsel, erzähl mir von der Waschbäreninvasion“, murrte er und trank einen weiteren Schluck Wein.
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    • Caleb

      Das lief ungefähr so gut, wie er es sich vorgestellt hatte. Caleb zuckte kurz unfreiwillig zusammen, als Richard sich aufsetzte, um sich vollkommen zurecht aufzuregen. "Wie gesagt, es war...chaotisch", wiederholte er, auch, wenn das eine furchtbar schlechte Ausrede war. Eigentlich war es wahrscheinlich schon irgendwie seine Schuld gewesen. Er hätte Ezra deutlich früher sagen können, dass er was mit Richard gehabt hatte. Er hatte nur abwarten wollen, bis sie wieder in England waren, damit er nicht alleine zurückfliegen, oder Ezra in Russland zurücklassen musste. Er hätte stärker darauf bestehen können, dass Ezra und er irgendwo alleine sprachen, oder darauf warten können, dass Steve und Thomas wieder weg waren und wenn er ganz ehrlich war, hatte er sich zu dem Zeitpunkt mehr Sorgen um sein eigenes Image gemacht, als um das von Richard.
      Vielleicht hätte Andrew auch eingesehen, dass es ein schlechter Zeitpunkt gewesen war und hätte ihm doch noch einen Tag Zeit gegeben, wenn er nochmal mit ihm geredet hätte. Aber für all das war es jetzt sowieso zu spät. Ganz davon abgesehen, dass er das selbe Gespräch nochmal vor sich hatte, wahrscheinlich nur deutlich schlimmer. Caleb lehnte sich doch nach vorne und schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein. Heute war definitiv kein Tag, um mit Verzicht anzufangen. Und offensichtlich war heute auch nicht der Tag, um weiter auf dieses Thema einzugehen.
      Cal öffnete kurz den Mund, als Richard einen Themenwechsel vorschlug und schloss ihn dann wieder. Darauf einzugehen war wahrscheinlich deutlich klüger, als weiter auf dem Fakt rumzureiten, dass Richards Kollegen ihn dank Caleb wahrscheinlich deutlich weniger leiden konnten.
      "Offensichtlich sind Wissenschaftler besorgt, dass wir zu viele Waschbären in Zoos und Privathaushalten haben, die ausbrechen könnten und dann zur Plage werden. Ist aber noch nicht passiert, was ich schade finde, weil die irgendwie niedlich sind."

      Das Waschbärthema hielt sich nicht sonderlich lange, aber zum Glück rutschten sie schlicht von einem lockeren, problemlosen Gespräch ins nächste, ohne wieder auf Ezra und Andrew zurückzukommen. Zwischendurch wurde die zweite Flasche Wein geöffnet und irgendwann hatte Caleb sich getraut, noch etwas näher an Richard heran zu rutschen. Langsam wurde ihm etwas warm, während seine Sorgen zu einem angenehmen Hintergrundrauschen in seinem Kopf verblasst waren. Eigentlich war mittlerweile wohl der Zeitpunkt erreicht, an dem er langsam gehen sollte. Er war schon viel zu lange hier. Aber er wollte nicht. Er hatte seit Ewigkeiten keinen Abend mehr gehabt, an dem er sich so entspannt gefühlt hatte, wie jetzt und er hatte ein wenig Sorge, dass alles in sich zusammenfallen würde, wenn er jetzt aufstand und sich ein Taxi rief.
      "Ich bin irgendwie echt froh, dass du um eine zweite Chance gebettelt hast", merkte Caleb an, während er sein Glas wieder auf den Couchtisch stellte. Egal, wie sehr er noch bleiben wollte, irgendwann musste er gehen. "Das war eine wirklich gute Date-Idee. Ich glaube, ich wäre wirklich fertig gewesen, wenn ich das verpasst hätte." Er grinste leicht, bevor er sich Richard entgegenlehnte, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken und nach einer kurzen Pause einen auf seine Lippen nachsetzte. Davon konnte er sowieso nicht genug bekommen. Warum sollte er sich den Abschied also nicht noch ein bisschen schwerer machen?
    • Richard

      Es war einfacher, unangenehme Themen hinter sich zu lassen, wenn man sich ohne schlechtes Gewissen ein Glas Wein nach dem nächsten in den Hals leerte, und wenn man gedanklich mehr damit beschäftigt war, nicht über jemanden herzufallen. Caleb legte es darauf an. Er rutschte immer weiter zu Richard, sie war beide leicht angetrunken — Caleb womöglich mehr als leicht — und eigentlich war der Moment perfekt, um rumzumachen und die Sache ins Schlafzimmer zu verlegen. Oder auch nicht. Der Boden würde Richard an diesem Punkt wahrscheinlich auch schon reichen.
      „Gerngeschehen“, sagte Richard einfach grinsend, weil er sich nicht rechtfertigen würde, wenn Caleb nur Tatsachen aussprach. Er hatte gebettelt. Und er würde es nochmal tun. Das hier war auf verschrobene Art genau was er gewollt hatte. Er verstand es selbst nicht so ganz. Sogar das Zurückhalten, wenn man es eigentlich auf der Stelle treiben wollte, war Teil des Spaßes. Und er fühlte sich gut. So, als müsste er sich keine Gedanken machen, dass der Abend jemals enden würde.
      Aber Caleb bewies ihm, dass er das vielleicht sollte. Richard lehnte sich ihm für den Kuss weiter entgegen, von dem er sich sicher war, dass es ein Abschiedskuss war, bis er an Intensität etwas zunahm, und es an Richard lag, ihn zu unterbrechen. Er ließ sich ein bisschen Zeit, legte Cal eine Hand in den Nacken und zog ihn weiter zu sich, aber dann ließ er los. Sie saßen hier sowieso schon viel zu lange und eine dritte Flasche Wein zu zweit zu öffnen wäre vielleicht ein bisschen verrückt.
      „Glücklicherweise kannst du meine Kochkünste noch so oft ausnutzen, wie du willst“, antwortete Richard also verspätet und stand auf. Er reichte Caleb die Hand um ihn zu sich hoch zu ziehen, etwas zu ruckartig, und legte kurz seine Arme locker um seine Taille, bevor er ihn herumdrehte und zwischen Couch und Tisch aus dem Wohnzimmer manövrierte. „Du rufst dir ein Taxi, okay?“, sagte er noch sicherheitshalber, damit Caleb nicht auf die Idee kam in sein Auto zu steigen, falls er damit hergefahren war.
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    • Caleb

      "Werde ich", versprach Caleb, als Richard seine Kochkünste anbot, auch, wenn er das Angebot nur halb mitbekommen hatte. Er starrte immer noch auf Richards Lippen. Jetzt zu gehen fühlte sich einfach falsch an, so, als ob er aus einem viel zu schönen Traum aufwachen würde und feststellen musste, dass es Montag morgen war und er arbeiten musste. Er würde viel lieber hierbleiben. Die Regeln vergessen, die er selbst aufgestellt hatte und die vollkommen sinnlos waren. Die Beziehung noch ein bisschen auskosten.
      Er ließ sich von Richard bis in den Flur manövrieren, zog seine Schuhe an und stoppte. Irgendwas in ihm sagte ihm, dass es wirklich besser wäre, sich zu verabschieden und zu gehen, aber es war schwer, das objektiv richtige zu tun, wenn der Alkohol seine Vernunft so wunderbar im Griff hatte und alles so seltsam einfach scheinen ließ.
      "Was, wenn ich mir kein Taxi rufe?", fragte Caleb, während er sich wieder zu Richard drehte und ihm seine Arme um den Hals legte. "Wenn ich einfach...hierbleibe?" Er stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm den nächsten Kuss auf die Lippen. Er hatte leichte Flashbacks zum Hotel. Das selbe Gefühl, alles aus dem einen Tag herausholen zu müssen, was er konnte, bevor er die Gelegenheit dazu verstreichen ließ. "Die Regeln waren doch sowieso eine dämliche Idee",fuhr er fort, während er Richards Hals entlang küsste und eine Hand zu den Knöpfen seines Hemds wandern ließ. Richard fühlte sich seltsam vertraut unter seinen Fingerspitzen an. Gut, sie hatten den Großteil ihrer Zeit im Bett verbracht, wahrscheinlich sollte er sich da nicht wundern, dass er Richard Muskeln langsam blind zeichnen könnte. Hatte Richard ihm nicht eben noch gesagt, dass er sich ihm nicht betrunken an den Hals werfen sollte? Er hatte irgendwas in der Richtung im Kopf, auch, wenn er den genauen Wortlaut nicht mehr kannte. Aber es war eh egal. Alles war gerade irgendwie egal. Er hatte morgen früh noch genug Zeit sich selbst hierfür zu hassen, da konnten sie die Nacht wenigstens noch nutzen, oder?
    • Richard

      „Dann rufe ich dir eins“, sagte Richard bereits und wollte sein Handy aus der Hosentasche kramen, weil er Caleb sicher nicht heute Nacht Selbstmord begehen ließ, aber dann hatte ihm dieser bereits die Arme um den Hals gelegt. Er brauchte einen Moment, um Caleb zu folgen, beugte sich aber ein Stück zu ihm herunter, um ihm den Kuss zu ermöglichen, bevor er sich verrenkte, und er dachte einfach währenddessen noch kurz nach. Caleb bot also an, doch noch mit ihm zu schlafen? Am zweiten Date. Nein, das ging nicht. Drei Dates waren das Minimum.
      Gott, Richard hasste sich selbst dafür, wie sehr er den Schwachsinn verinnerlicht hatte. Welcher Idiot hielt sich an sowas? Außerdem wäre es nicht seine Schuld, wenn Caleb morgen alles bereute, weil er schließlich brav gewesen war und nicht den ersten Schritt gemacht hatte. Die Frage war… War es günstig, wenn Caleb überhaupt bereute, wenn sie Sex hatten? Nicht wirklich.
      Auf der anderen Seite mochte Richard das Gefühl, wenn Caleb sich so an ihn schmiss, um seine Lippen zu erreichen, und wenn er seinen Hals küsste und offensichtlich sehr zielorientiert war, weil er mit dem Ausziehen anfing. Richard legte eine Hand auf Calebs, um das Knöpfe-Öffnen zu pausieren, und küsste ihn noch einen Moment. Er wollte auch nicht, dass das endete. Verdammt, er dachte kaum an etwas anderes, wenn er ehrlich war. Wie lange war es jetzt her? Eigentlich war es garnicht so lange. Wahrscheinlich ein Monat. Aber es fühlt sich nach einer Ewigkeit an. Vor allem für Körperteile, die die ganze Reibung abbekamen, wenn Caleb sich so an seinem Hals festkrallte während er offensichtliche zwei Köpfe kleiner war als Richard.
      „Okay, okay“, stoppte Richard, auch wenn Caleb sich schwer abschütteln ließ. Was wahrscheinlich zum Großteil daran lag, dass Richard gegen seinen eigenen Willen arbeitete. „Die Regeln sind absolut dämlich, da stimme ich dir zu“, murmelte er und versuchte sich nicht zu sehr daran aufzuhängen, wie heiß Caleb aussah, wenn er betrunken und aufgegeilt war. Richard ließ sich dummerweise hinreißen und küsste den Blonden wieder, und dann wieder, bevor er sich nochmal zwang, von ihm abzulassen.
      „Das hier ist echt mein schlechtes Karma. Bitte fahr nachhause?“, sagte er leise und wenig überzeugend.
      Vor ein paar Wochen wäre Richard mit der guten Portion Selbsthass auf Calebs Teller ganz gut klargekommen, solange es hieß, dass sie miteinander schlafen konnten, und er war sich auch sehr sicher gewesen, dass dieser Selbsthass Erstens nichts daran ändern würde, dass Caleb immer wieder zu ihm zurückkam, und es ihn Zweitens auch nicht so sehr stören würde, wenn Caleb doch nicht mehr zurückkam. Aber diese Option war offensichtlich real und Richard musste jetzt wohl Entscheidungen für Caleb treffen, damit er ihre Beziehung nicht für sich selbst zunichte machte. Und Richard hätte damit anfangen sollen, die zweite Flasche Wein nicht zu öffnen.
      Das wäre alles einfacher, wenn er nicht selbst angetrunken wäre und sein Körper auf Küsse schon reagierte, als hätte er ihn darauf trainiert, dass danach natürlich der Sex kam. Das passierte, wenn man wochenlang genau das durchzog. Richard war sich ziemlich sicher, dass sie sich kein einziges Mal geküsst hatten, ohne danach im Bett zu landen.
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    • Caleb

      Caleb erstarrte für einen Moment, als Richard seine Hand umschloss und ihn daran hinderte, sein Hemd aufzuknöpfen. Nicht, dass er damit sonderlich erfolgreich gewesen wäre - er war gerade deutlich zu unkoordiniert, um die Knöpfe mit einer Hand zu öffnen, aber irgendwie fühle sich das seltsam an. Er hatte mit einer komplett anderen Reaktion gerechnet. Die Küsse waren weiterhin fast ein wenig berauschend, aber er hatte mit mehr Enthusiasmus gerechnet. Mehr Freude und weniger Zögern.
      “Bist du dir sicher?” Caleb zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Richard klang zumindest nicht sonderlich sicher. War er nicht irgendwie genau deshalb hier? Weil Richard mit ihm schlafen wollte? Jetzt hatte er sein Ziel erreicht, oder nicht? Ihm konnte doch vollkommen egal sein, ob Caleb das alles morgen früh bereuen würde. Er wusste ja selbst nicht mal, was er morgen darüber denken sollte und es war ja nicht so, als ob Richard sich hier irgendwie aufdrängte. Richard hatte mehrfach betont, wie wichtig Sex für ihn war und Caleb war bereit nachzueben. Wo war das Problem? Oder hatte er die Situation vollkommen falsch eingeschätzt? Hatte sein Kopf ihn wieder von irgendetwas überzeugt, was gar nicht stimmte? Irgendwie fühlte sich der Gedanke seltsam überwältigend an. Außerdem wurde das Verlangen, Richard ins Schlafzimmer zu zerren, dadurch nur noch größer, was alles andere als hilfreich war.
      “Es würde mir wirklich nichts ausmachen.” Caleb blinzelte und zog Richard für den nächsten Kuss nach unten. Das alles fühlte sich herrlich vertraut an. Sicher, irgendwie. “Wir haben doch eh die Hälfte des Dates über Sex geredet. Wie du schon sagtest - es gehört dazu. Ich will ja keine bloße Freundschaft.” Er grinste leicht, während er seine Finger von Richards Nacken zu seinen Haaren wandern ließ. Das Date war gut gewesen, Richard war unfassbar heiß und Cal eindeutig zu angetrunken, um sich überhaupt noch irgendwelche Sorgen zu machen. “War das nicht sowieso irgendwie deine Hauptmotivation, um nach einer zweiten Chance zu fragen?”

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    • Richard

      Natürlich war er sich nicht sicher. Welcher normale Mensch schickte jemanden in dem Zustand nachhause? Caleb hatte recht, sie haten die ganze Zeit darüber gesprochen, Richard hasste die aufgestellten Regeln und es war zumindest eine seiner Motivationen gewesen, um wieder zusammen zu kommen, weil… genau deshalb! Caleb sah aus, als wollte er sich unbedingt auf der Stelle ausziehen. Richard wollte echt nicht Nein sagen. Er wollte ihn vielmehr dazu motivieren. Aber…
      „Dir würde es etwas ausmachen“, widersprach er und begann, sich selbst furchtbar zu nerven. Er ließ sich trotzdem in den nächsten Kuss ziehen und wusste plötzlich nicht mehr, was er mit seinen Händen tun sollte. Falsch, er wüsste ganz genau, was er damit tun sollte, aber sein Gehirn machte seltsame Sprünge und ließ es ihn nicht tun. Die Wärme, die von Caleb ausging, war viel zu berauschend. Die Finger in seinen Haaren und die Lippen, die sich viel zu hastig über seine hermachten. Stopp.
      Richard zog den Kopf zurück und stellte sich bewusst kerzengerade auf während er über seinen Kopf griff und die Hände von seinem Nacken löste. „Du kannst nicht andauernd davon reden, dass du mehr als Sex willst, und dann beim ersten Tropfen Alkohol deine ganzen Werte aus dem Fenster schmeißen“, sagte er streng. Auf einmal rutschte er in die seltsame Rolle, Caleb zu belehren. Richard drückte ihn sanft von sich und Calebs Klamotten etwas zurecht, bevor er ihm den Mantel in die Hände drückte und ihn Richtung Tür schob. „Ruf dir ein Taxi“, befahl er und zog die Augenbrauen drohend hoch. „Sonst rufe ich eins. Wehe du fährst heute noch irgendein Kraftfahrzeug“ Er zögerte einen Moment, dann gab er nach und drückte Caleb einen Kuss auf, bevor er ihn leicht in den Gang schubste. „Gute Nacht“
      Und damit zwang Richard sich die Wohnungstüre zu schließen, bevor er Cal in den Gang nachlief und draußen mit ihm rummachte. Das war alles so verdammt kompliziert. Er wartete wochenlang auf genau das hier und dann setzte er Caleb vor die Tür? Was war aus ihm geworden?
      Richard seufzte genervt und knöpfte schließlich sein Hemd auf, um zu duschen und entweder seinen Kopf zu klären oder, wenn das nicht klappte, mal wieder darüber nachzudenken, Caleb auszuziehen, während er — aus eigenem Verschulden — alleine in seiner Dusche stand.
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    • Caleb

      Huch? Caleb blinzelte, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel und er plötzlich alleine im Flur stand, statt sich in die Richtung von Richards Schlafzimmer zu bewegen. Er zögerte einen Moment, bevor er sich seinen Mantel anzog und in seinen Taschen nach seinem Handy kramte. Natürlich würde er sich ein Taxi rufen. Er war nicht ganz so lebensmüde, wie Richard vielleicht dachte.
      Das war unerwartet gewesen. Zeitgleich furchtbar unbefriedigend und überraschend nett. Widererwartend schlich sich ein kleines Lächeln auf Calebs Lippen, als er die Nummer des nächsten Taxiunternehmens wählte. Vielleicht würde diese Beziehung doch deutlich besser werden, als er gedacht hatte.


      April

      Professionalität war beschissen. April seufzte, während sie ihr Outfit zurecht rückte und ihre Brille richtete. Die weiße Bluse und der beige Blazer, die sie sich auf ihrem letzten Shoppingtripp gegönnt hatten, sahen nett aus, waren aber nichts, was sie privat tragen würde. Aber es war wahrscheinlich kein guter Schachzug, bei einem Gerichtstermin in Jeans und einem ausgeleiherten Pullover zu erscheinen. Ein weiterer guter Grund, sich bei ihren tatsächlichen Diebstählen nicht erwischen zu lassen. Das alles wollte sie definitiv nicht nochmal durchmachen. Ihre nächsten Einkäufe sollten wieder für Parties und Dates sein. Was tatsächlich irgendwie ihr einziger Lichtblick war.
      Die londoner Nachtszene war ein wenig seltsam. April hatte sich in den letzten Tagen auf die ein oder andere Party geschmuggelt und die Nächte durchgefeiert, um sich nicht zu Tode zu langweilen, aber wirklich warm wurde sie mit den Clubs nicht. Vielleicht, weil sie bisher immer alleine unterwegs und damit gezwungen war, immer Fremde anzusprechen. Aber das schien sich langsam zu ändern - als sie Caleb gestern zum gefühlt hundertsten Mal gefragt hatte, ob er nicht mit feiern kommen wollte, hatte er tatsächlich zugesagt.
      April hatte keine Ahnung, ob sie den Blonden mittlerweile so sehr auf die Nerven gegangen war, dass er es für einfacher hielt, endlich nachzugeben und seine Ruhe zu haben, oder ob er einfach betrunken gewesen und deshalb zugesagt hatte, aber sie war mit der positiven Rückmeldung dermaßen überfordert gewesen, dass sie keine Ahnung gehabt hatte, wie genau sie reagieren sollte. Am Ende war ihre Antwort wahrscheinlich ein bisschen zu enthusiastisch ausgefallen. Cal hatte ihr nur noch geschrieben, dass er wohl den Typen mitbringen würde, durch den sie an Mays Kontakt gekommen war und sie danach wieder geghosted. Was bedeutete, dass April wahrscheinlich die meiste Zeit wieder irgendwie alleine unterwegs sein durfte. Aber wenigstens hatte sie so noch zwei andere Leute bei, die darauf achten könnten, dass ihr niemand was in den Drink kippte.
      Ihre Stimmung war also nicht vollkommen katastrophal, als sie an dem kleinen Gebäude ankam, in dem ihr Gerichtstermin stattfinden würde. Sie war angemessen zu früh, vollkommen davon überzeugt, dass May es schon irgendwie hinbekommen würde, sie alle davon zu überzeugen, dass April tatsächlich unschuldig war und ein kleines bisschen hungrig, aber das würde sie aushalten. Jetzt galte es wohl zuerst, ihre hübsche Anwältin überhaupt zu finden und wiedermal zu testen, wie lange sie mit ihr flirten musste, bis May schnallte, dass sie angeflirtet wurde. Aprils persönliches Lieblingsspiel.
    • May

      May machte sich keine Sorgen. Der Gerichtstermin am heutigen Tag war dermaßen standardmäßig, dass es nichts gab, auf das sie nicht vorbereitet wäre. Sie hatte die Akte eingesehen und abseits von Aprils Besitz der Edelsteine, gab es nichts, das sie mit den Tätern in Verbindung brachte. Leider gab es nur Überwachungskameras außerhalb des Hauses, darum konnte man nicht sehen, wie April etwas zugesteckt wurde, aber man sah, wie sie alleine ankam und es gab Hinweise auf die tatsächlichen Täter, die noch gefasst und angeklagt werden mussten. May war zuversichtlich, dass sie davon überzeugen konnte, dass April unschuldig war und nur Pech gehabt hatte. Sie hatte ihr zu einem einfärbigen, professionellen Outfit geraten, war mit ihr den Ablauf im Gerichtssaal durchgegangen und May war sich sogar recht sicher, dass die Anklage eingestellt werden würde, wenn sie den heutigen Termin hinter sich hatten. Wenn es keine Hinweise auf die Tätergruppe gäbe, wäre sie besorgter. Aber so hatten sie nichts zu befürchten. Selbst, wenn es zur Hauptverhandlung kam, bestand die Chance, dass die Täter bis dahin gefunden waren und man feststellen konnte, dass April absolut keine Verbindung zu ihnen hatte.
      „Da bist du“, sagte sie und lief zu April, als sie sie im Flur entdeckte. Sie steckte die Akte unter ihren Arm und zupfte reflexartig Aprils Kragen zurecht. Sie sah gut aus, das Kostüm ließ sie gleich noch zehn Mal unaufällig wirken, was ideal war. In letzter Zeit hatte May irgendwie das Gefühl, viel zu freundschaftlich mit ihrer Mandantin umzugehen, aber es war beinahe unmöglich, das nicht zu tun. Sie ließ von ihr ab und strich über ihren eigenen grauen Rock, bevor sie die Akte wieder in die Hand nahm und kurz auf ihr Handy sah, das sie mit der freien Hand aus ihrer kleinen schwarzen Tasche zog.
      „Willst du noch etwas zu trinken holen, bevor wir reingehen? Wir haben noch Zeit“, schlug sie vor. Irgendwo am Weg war ihr ein Kaffeeautomat ins Auge gefallen. „Ich denke übrigens, dass wir in maximal zwei Stunden hier raus sind“, sagte sie noch zur Beruhigung. Im besten Fall war der Fall damit auch erledigt. Seltsamerweise hatte sie wie bei anderen Fällen das Bedürfnis, April zu entspannen. Vielleicht war es auch garnicht so seltsam, aber normalerweise hatten Opfer es sehr viel nötiger, beruhigt zu werden, weil sie nervös waren, dass die Person, die ihnen irgendetwas getan hatte, keine Strafe erfuhr. April dagegen war Angeklagte und viele Täter hatte eine gute Stressresistenz. Trotzdem hatte May irgendwie mehr das Gefühl, dass sie gerade wie sonst auch Opferanwältin war. Immerhin wurde April gegen ihren Willen in diese Situation reingezogen und musste jetzt mit dem Stress umgehen. Auch, wenn sie nicht sonderlich gestresst aussah. Was auch Sinn machte, da sie schließlich unschuldig war.
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    • April

      Aww. So beschissen Professionalität auch war - May war es fast wert, angeklagt zu werden. April musste automatisch grinsen, als die Anwältin ihr den Kragen richtete. Gab es einen juristisch korrekten Weg, ihr zu sagen, dass sie sie wirklich gerne mal küssen würde? Oder zumindest mit ihr ausgehen wollte? Bestimmt, aber dafür war April wahrscheinlich nicht gebildet genug. Also blieb ihr nur ihr ganz eigener Weg, der bisher zwar nicht sonderlich erfolgreich gewesen war, aber sie würde so einfach nicht aufgeben.
      “Kaffee wäre wundervoll”, stimmte sie zu und nickte pflichtbewusst, als May ihr erklärte, dass sie wohl nur noch zwei Stunden aushalten musste. Hoffentlich würde die Anklage danach einfach fallen gelassen und sie wäre aus der Verpflichtung raus, hier zu bleiben. Oder wie auch immer das funktionierte. Dann könnte sie sich langsam ihren Weg zurück nach Irland suchen, oder zumindest weg von hier. Obwohl es sie irgendwie störte, London zurückzulassen, ohne zu wissen, ob sie bei May eventuell doch eine Chance hatte. Aber leider wirkte es ja nicht so, als ob May nach dem Fall sofort mit ihr ins Bett springen würde, so schön die Vorstellung auch war.
      “Zwei Stunden klingt machbar”, stimmte sie zu, während sie May den Gang entlang folgte, hoffentlich in die Richtung eines Kaffeeautomatens. “Hey, ich habe meinen Freund überzeugen können, am Freitag mit mir feiern zu gehen. Er wollte den Typen mitbringen, der mich an dich verwiesen hatte. Komm doch auch.” April setzte ihr fröhlichstes Lächeln auf, in der Hoffnung, dass sie einfach so begeistert aussehen würde, dass May ein schlechtes Gewissen hatte, wenn sie ablehnen würde. “Vielleicht ja schon als kleine Feier für den erfolgreichen Fall, oder so? Ich gehe fest davon aus, dass sich am Ende von den zwei Stunden alle einig sind, dass ich die unschuldigste Person auf dem Planeten bin und es keinen Sinn macht, das alles weiter zu verfolgen. Ich meine, keinen Druck und so, aber ich bin überzeugt, dass du das schon alles ordentlich aufgearbeitet hast und wundervoll präsentieren kannst.” Das Lächeln wurde noch einen kleinen Ticken breiter. “Da ist es doch das Mindeste, dich als Dankeschön zu einem Drink einzuladen, oder?” Oder, naja, sich von Caleb auf einen Drink einladen zu lassen. April selbst hatte ihr Konto bis auf den letzten Pfund und den letzten Euro hinabgewirtschaftet.
    • May

      Ihre Absätze klackerten fröhlich nebeneinander her, während Aprils Lächeln ebenso fröhlich in Mays Richtung strahlte.
      „Richard?“, fragte sie irritiert, als sie meinte, dass ihr Freund die Person mitbrachte, die May empfohlen hatte. Also hatte Richard doch Freunde. Trotzdem war der Gedanke etwas merkwürdig, dass sie alle zusammen zu einer Party gingen. Nicht, wegen Richard, sondern wegen April. Was für eine Art Party sollte das überhaupt sein? Irgendwie fühlte sie sich zu alt für solche überlaufenen Studentenparties. Obwohl April nicht viel jünger war, als sie, also hatte sie vielleicht nur eine verzerrte Vorstellung von dem Wort Party, vor allem nachdem sie sich die Kameraufnahmen des Vorgartens von besagter Party angesehen hatte, die heute Thema war.
      „Oh… also…“, fing sie an, während sie immernoch überlegte. Wenn der Fall abgeschlossen war, arbeitete sie nicht für April und dann konnten sie sich wie Freundinnen treffen. May mochte sie ganz gerne, sie war irgendwie ständig am grinsen und etwas überdreht aber ziemlich nett und offenbar begeistert, rauszugehen und etwas zu erleben. Solche Freunde hatte May nicht und vielleicht brauchte sie das mal, um ihren starren Alltag ein bisschen aufzurütteln, oder? Eine Party war wahrscheinlich keine schlechte Idee. Sie würden heute zwar nicht erfahren, ob die Anklage fallen gelassen wurde, aber May war sich der Sache ziemlich sicher.
      „Okay, gerne“, stimmte sie schließlich zu. Es war ja nicht so, als könnte sie irgendetwas verlieren. Wenn es keinen Spaß machte, konnte sie ganz einfach nachhause gehen. „Wir werden Freitag nur wahrscheinlich noch nicht wissen, ob es zur Hauptverhandlung kommt, aber… vielleicht manifestieren wir es mit einer Feier ja“ Sie lächelte leicht. May stoppte an dem Kaffeeautomaten, den sie vorhin erblickt hatte und ließ April den Vortritt.
      „Was für eine Party ist das? Ich dachte, du kennst außer dem einen Freund in London niemanden. Ist es eine öffentliche Veranstaltung? Gibt es einen Dress Code?“ Während sie Fragen stellte, rutschte sie in eine Gedankenspirale. Vielleicht hatte sie sich unter dem Wort Party auch etwas viel zu lockeres vorgestellt. Vielleicht war es eine Benefizveranstaltung oder ein… Ball? Obwohl… Richard würde zu sowas kaum in seiner Freizeit gehen, wenn er nicht musste, oder? Aber würde er zu einer Studentenparty gehen? Da kam May eine Benefizveranstaltung sogar noch logischer vor.
      „Oh, äh, es wäre nur wichtig, weiterhin… potenziell gefährlicheren Situationen fernzubleiben, damit wir den Fall nicht gefährden“, fügte sie schnell hinzu, falls es sich um eine Art… Gang-Party handelte. Gab es sowas? Vermutlich. „Am besten wir halten uns fern von allem Illegalen“ Was irgendwie logisch war, nicht? Hoffentlich war es logisch. May hatte April auch geraten, die Zeit zwischen ihren Terminen möglichst ruhig und unauffällig zu verbringen. Besonders, damit keiner der tatsächlichen Diebe auf sie aufmerksam wurde und sie bedrohte, oder so, weil sie davon ausgingen, dass April die Steine noch hatte.
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    • April

      Das war deutlich einfacher, als sie gedacht hatte. Entweder unterschätzte April ihren eigenen Charme, oder sie war irgendwie in einem Paralleluniversum gelandet, in dem Menschen tatsächlich gerne feiern gingen. Was auch immer es war, sie wollte sich nicht beschweren. Es lief wirklich einfach viel zu gut für sie! Bei dem ganzen Glück erwartete sie fast, dass sie zum Ausgleich doch für schuldig befunden wurde, oder so. Obwohl sie das wirklich nicht heraufbeschwören wollte.
      "Ach, das wird schon", merkte sie an, als May erwähnte, dass sie doch noch nicht sicher sein konnten, ob der Fall schon fallen gelassen wurde. Sie hatte ja nichts getan. Diesmal zumindest. Es müsste schon einiges schief gehen, damit sie plötzlich doch weiterhin verdächtigt wurde. April stoppte an dem Automaten und tippte auf die Taste mit dem Kaffee. Das Ding begann zu summen, als ob es schon ewig hier stehen würde, was...wahrscheinlich auch der Fall war, weshalb sie sich ein wenig konzentrieren musste, um May zu hören.
      "Es ist nur eine ganz normale End-of-the-Week Party, bei der man feiert, dass man die Woche überlebt hat. In nem Club unweit von meinem Hotel. Es gibt keinen wirklichen Dresscode. Zieh einfach was an, in dem du dich wohlfühlst, du siehst eh immer super aus." Sie grinste May fröhlich entgegen, während sie ihren Kaffee an sich nahm und zur Seite trat, um sie an die Maschine zu lassen. "Ich habe nicht vor, da irgendwas anzustellen. Ich glaube angeklagt zu werden wird nicht unbedingt zu meinem Hobby, auch wenn man wirklich interessante Leute dabei trifft." Sie zwinkerte ihr kurz zu.
      "Ich hab da letzte Woche schon mal reingeschaut, weil ich irgendwie sonst nichts zu tun hatte und da hat es echt nett gewirkt. Guter DJ, relativ voll, coole Leute." Sie zuckte kurz mit den Schultern. Sie war nicht sonderlich lange geblieben. Nachdem sie es erfolgreich geschafft hatte, sich zwei Drinks ausgeben zu lassen, war ihr das alles alleine plötzlich überraschend erstickend vorgekommen. Kein Gefühl, das sie normalerweise hatte, wenn sie alleine feiern ging, aber sie hatte gelernt, sich auf ihre Instinkte zu verlassen und war stattdessen zurück in ihr Hotel gegangen, um sich irgendeinen blöden Film anzuschauen.
      "Was hättest du sonst Freitagabend so gemacht?", fragte sie fröhlich. Große Pläne konnte sie ja nicht gehabt haben, aber es war irgendwie interessant, ein wenig in das Leben von May hinein zu schauen.
    • May

      „Hm“, machte May lächelnd und drückte die Taste am Kaffeeautomaten. „Danke! Ich kann nur schlecht im Blazer in einem Club auftauchen, oder?“, meinte sie amüsiert. Sie konnte sich tatsächlich nicht erinnern, jemals in einem Club gewesen zu sein. Kleine Hausparties waren in ihrem Freundeskreis früher beliebt gewesen, vor allem Mädels-Abende, wo sie etwa vor Weihnachten zusammen Punsch gemacht hatten. Sehr harmloses Zeug jedenfalls, völlig ohne Drogen, weil sie fast alle Jura studiert hatten, und es hatte höchstens mal wer auf dem Sofa rumgeknutscht. Clubs waren eher… laute Musik und tanzen. Das klang auch nett. Vielleicht hatte sie ja die ganze Zeit über etwas verpasst, weil sie nie hingegangen war.
      „Ah, ich hätte wahrscheinlich an irgendeinem Fall gearbeitet. Ich hab meistens keine andere Wahl, als Überstunden zu machen oder mal den ganzen Freitag im Büro zu sitzen. Am Wochenende hab ich noch Pläne mit… mit meiner Mutter, tatsächlich. Also kommt mir die Ablenkung ganz gelegen“, antwortete sie, bis der Kaffee fertig war, sie ihn schnappte, den Deckel drauf drückte und mit April wieder zurück spazierte. Vielleicht war dieses erzwungene Treffen mit ihrer Mutter auch ein Grund, warum sie der Party so schnell zugesagt hatte. Sie würde ungern nur herumsitzen und in einer gedanklichen Abwärtsspirale darauf warten, sich wieder anhören zu dürfen, dass ihr Job zu nichts führte. May versuchte, die Treffen knapp und sporadisch zu halten. Trotzdem war ihre Mutter hartnäckig, wenn es um ein gelegentliches gemeinsames Mittagessen ging, für das sie immer dieselbe Rede vorbereitete. Es war ein bisschen gemein, weil es sich für May Bruder nicht lohnen würde, nur für ein Essen hierher zu kommen, um sie seelisch zu unterstützen, aber wahrscheinlich legte ihre Mutter es auch genau darauf an. Und May brachte es nicht über sich, direkt mit ihr zu sein.
      „Du gehst gerne feiern, nicht?“, fragte sie. „Geht es dir um das Tanzen oder darum, Leute kennenzulernen, oder… was reizt dich daran?“ Vielleicht konnte May das ja auch als Hobby für sich entdecken und ihrer Mutter zukünftig absagen, weil sie im Club war. Wenn sie betrunken genug war, konnte sie ihr das vielleicht sogar per Anruf sagen, stat ihr eine ausweichende SMS zu schicken.
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    • April

      April warf May einen mitfühlenden Blick zu, als sie von ihrer Mutter sprach. Familie konnte man sich halt nicht aussuchen, man hatte sie und musste irgendwie schauen, was man mit ihr anstellte. April selbst hatte sich für den einfachsten Weg entschieden und einfach den Kontakt abgebrochen. Kein Drama mehr. Keine seltsamen Gefallen. Kein 'aber wir sind doch eine Familie!'. Es ging ihr besser so. Wenn sie sich mit jemandem streiten wollte, hatte sie ja immer noch ihre Freunde und die konnten ihr wenigstens nicht vorwerfen, sie jahrelang großgezogen zu haben. Parties waren definitiv ein schöneres Thema, als Familie.
      "Beides." April lächelte breit. "Es kommt immer auf meine generelle Stimmung an, aber ich liebe es manchmal einfach, mit wildfremden Leuten zu tanzen und Lieder mitzusingen. Ich lerne gerne neue Leute kennen und manchmal beobachte ich einfach gerne, was auf der Tanzfläche passiert. Ich finde einfach immer irgendwas, was ich machen kann, wenn genug Leute um mich herum sind." Sie zuckte kurz mit den Schultern. "Und wenn ich jemanden dabei habe, ist das Feiern meistens eh nur eine wundervolle überbrückung für die Nacht. Keine Ahnung, wie ich es erklären soll und wahrscheinlich macht es absolut keinen Sinn, aber ich finde diese Zeit, wenn die Party aus ist und man mit seinen Freunden immer noch lachend nach Hause geht, richtig magisch. Je nachdem, mit wem ich unterwegs bin, lande ich danach oft noch bei McDonalds, oder so und das ist meistens so die Uhrzeit, zu der alles irgendwie viel witziger scheint, als es eigentlich ist." Die soziale Komponente war auf jeden Fall immer irgendwie der Mittelpunkt gewesen. Logisch, eigentlich, sonst würde sie ihre Nachmittage wohl eher zuhause verbringen.
      "Was reizt dich am Arbeiten? Ist das eher so ein 'es muss halt noch gemacht werden', oder beißt du dich an den Fällen fest und kannst einfach nicht schlafen, bis du nicht alles abgearbeitet hast?" Sie legte fragend den Kopf schief, während sie von ihrem Kaffee trank. Für die leicht ramponierte Maschine schmeckte er schockierend gut.
    • May

      Das klang nett. Sowas hatte May schon ewig nicht mehr erlebt. Wenn sie mit Kollegen trinken ging, war die Stimmung weit entfernt von magisch. Klar, war es manchmal lustig, aber meistens beschwerten sie sich nur beieinander darüber, wie anstrengend alles war. Und wenn es um Opferanwälte ging, konnte man sowieso ganze Wochenenden mit Komasaufen füllen, um irgendwelche schwerwiegenden Fälle so weit in den Hinterkopf zu schieben, wie irgend möglich.
      „Es ist nicht so, dass ich gern meine ganze Zeit mit Arbeit verbringe“, stellte May klar. „Aber meisten ist der Job so aufwendig, dass man nicht wirklich eine Pause bekommt. Ich kann nicht gerade sagen ‚Sorry, ich war zu müde, darum hab ich nichts ausgearbeitet und dein Täter läuft wieder frei herum‘. Ich hab eine Verantwortung, genau zu arbeiten und immer mit allem so schnell wie möglich fertig zu werden. Aber wenn ich damit überhaupt nicht leben könnte, würde ich meinen Job einfach kündigen und irgendetwas stressfreies machen. Zum Beispiel… Justizverwaltung, oder so. Irgendwas würde ich schon finden. Ich glaube, die Option zu kennen, ist auch Grund dafür, warum ich mich nicht überfordert fühle. Ich kann schließlich jederzeit etwas anderes machen“
      Und genau das war auch der Grund, warum May niemals für ihre Mutter arbeiten könnte. Da gab es nur ein Rein und kein Raus mehr. Sie würde sie wahrscheinlich auf ewig Heimsuchen, wenn sie nicht bei der Kanzlei blieb. Und so… Naja, ihre Mutter war ohnehin schon unzufrieden und enttäuscht genug, also hatte May kein allzu großes Problem damit, es noch ein klein wenig schlimmer zu machen. Es war schwierig, aber das war eine Grenze, die sie für sich setzen musste.
      „Aber… ich stehe ja irgendwie erst am Anfang und hoffe schon, dass ich noch vielen Leuten helfen kann“, fügte sie hinzu. War das nicht bereits wieder deutlich zu persönlich für ein Gespräch mit einer Mandantin? Naja, mittlerweile wollte May April schon eher als Bekannte oder Freundin sehen. Anders würde sie sich ziemlich seltsam fühlen, bei all dem Zeug, dass April mittlerweile über sie wusste.
      „Hast du Pläne, wenn du die Anklage hinter dir hast? Idealerweise wäre es ja nichtmal dazu gekommen und du hättest schon zurück nachhause fliegen können. Oder machst du anschließend noch einen Urlaub um die verlorene Zeit in London auszugleichen?“ May lächelte und trank einen Schluck von dem für ihren Geschmack zu süßen Kaffee. Sie hatte sich beinder Zucker-Taste verschätzt.
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