The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Wyatt

      “Ich…was?” Wyatt sah irritiert hoch zu seinen Hemden, die sich in dem fahlen Licht kaum voneinander abhoben, aber tatsächlich seltsam verdreht aussahen. Mit einem kleinen Seufzen hob er die Arme, um den ersten Knoten zu lösen. Das war offenbar Lucas’ Part in diesem kleinen Racheplan. Wenn sich der Schrank nicht drehen würde, müsste er fast darüber lachen.
      “Milo kann chillig sein, wenn er will. Er will es nur nicht oft. Ich glaube, er gibt heute nur nach, weil ich Geburtstag feiere.” Obwohl er auch mit deutlich mehr Gegenwind gerechnet hatte. Die ersten Wochen, die sie zusammen gelebt hatten, hatte Milo ihn ein wenig so behandelt, als wäre er ein sehr zerbrechlicher Fünfjähriger, was ziemlich bescheuert gewesen war und irgendwie überhaupt nicht zu ihm gepasst hatte. Sie hatten sich davor nicht oft gesehen, aber wenn, hatte er immer unterhaltsame ältere Geschwister Vibes gehabt und Sachen mit ihm gemacht, die ihre Eltern gehasst haben. Horrorfilme im Kino, Konzerte, all der Kram. Wyatt hasste es, wie sehr sich ihre Dynamik verändert hatte, seit Milo plötzlich die Verantwortung für ihn trug.
      “Ich war mir nur nicht sicher, ob er Emma als einziges Mädchen auf der Party zulassen würde. Deshalb hab ich Jia und dich eingeladen. Weil du wahrscheinlich nicht hier wärst, wenn Jia nicht hier wäre und Jia wäre nicht hier, wenn du und Aaron nicht hier wären”, fuhr er fort, während er den Knoten im Hemd erfolgreich fester zog. “Was jetzt voll kompliziert klingt, aber richtig viel Sinn macht, wenn ich nüchtern bin.” Er ließ von dem Hemd ab, als er realisierte, dass es wahrscheinlich besser war, es zu entknoten, wenn er sehen konnte, was er tat.
      “Was jetzt nicht heißt, dass ich dich nicht gerne hier habe. Du bist cool.” Er lächelte leicht in die Dunkelheit hinein. Wenigstens schienen sie alle Spaß zu haben und das war die Hauptsache. Außerdem musste er sich sowieso einen neuen Freundeskreis zusammensammeln und Kaia schien wirklich keine schlechte Ergänzung zu sein. Mit Jia würde er wohl nie warm werden, aber sie mussten sich ja zum Glück nicht dauernd sehen. Vielleicht würde Kaia auch irgendwann mal ohne sie vorbeischauen, oder Teil seiner Gaming-Nachmittage mit Emma und Lucas werden, zu denen er Jude auch noch unbedingt einladen musste. Das wäre zumindest ein Anfang, oder?
    • Kaia

      Da hatte Wyatt vermutlich irgendwie recht. Also, Kaia wäre vielleicht auch ohne Jia hergekommen, einfach, weil sie wissen wollte, was sie sonst verpasst hätte. Jia wäre allerdings niemals hier, wenn es nicht zumindest Aaron zur Liebe war und… Kaia konnte Wyatt irgendwie trotzdem nicht ganz folgen, weil sie keine Ahnung hatte, warum Aaron hier war. Er war ja nicht Jias Familie, oder so, sondern nur ein random Typ, den sie seit ein paar Monaten kannte, und an dem sie halt ziemlich klebte, wenn sie im Jugendzentrum war. Kaia verstand selbst nicht ganz, wie Jia oft lieber mit ihm als Gleichaltrigen Zeit verbringen wollte, aber… auf der anderen Seite konnte Kaia auch nicht nachvollziehen, wie es war, Arschlöcher als Eltern zu haben. Oder garkeine Eltern zu haben, oder Adoptiveltern. Von dem was sie mitbekam konnte sie aber sagen, dass sie ihre Familie jetzt umso mehr liebte. Das Jugendzentrum hatte sie mit den ein oder anderen Horrorgeschichten bekannt gemacht und manchmal kamen die Kinder da auch nicht ganz dicht raus. Jia und Jude waren nett, Wyatt auch, aber den konnte sie noch nicht hundertprozentig einschätzen. Es gab aber genug Leute, die einen völligen Knacks von sowas bekommen hatten.
      Kaia stockte kurz, als Wyatt sie cool nannte. Nicht, weil das Kompliment sie überraschte, oder sie es nicht nachvollziehen konnte. Sie war cool. Ihre Freundinnen sagten ihr das andauernd. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Herz kurz zwei Schläge machte, in der Zeit, in der es nur einen hätte machen sollen. Das überspielte sie lieber schnell.
      „Achja? Pass auf, dass du dich nicht echt in mich verknallst, und der Streich an Jia plötzlich real wird“, grinste sie und stupste Wyatts Bein mit ihrem Fuß an. Nur bereute sie dann gleich wieder ein bisschen, das gesagt zu haben. Warum sagte sie sowas? Verdammter Alkohol.
      „Ähm… was wollen wir eigentlich nachher machen, so ohne Straf-Alkohol? Wir können kaum weiter Pflicht oder Pflicht ohne Ausweg spielen. Das endet nur damit, dass irgendwer heult. Aaron und Milo haben nen Film geguckt“, schlug sie vorsichtig vor. Bestenfalls würde es irgendwas sein, wo sie sitzen konnte, damit sie nicht umfiel, und wo sie sich allgemein nicht mehr bewegen musste. Und am laufenden Band Wasser trinken konnte. Das klang sinnvoll.
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    • Wyatt

      “Pff. Ich glaube, jetzt überschätzt du dich selbst”, antwortete Wyatt mit einem kleinen Lachen, während er sich etwas gerader aufsetzte und mit dem Finger auf Kaias Stirn tippte. Zumindest versuchte er das. Bei der Dunkelheit und dem Alkohol in seinem Blut war er schon froh, dass er nicht ihr Auge erwischt hatte. Zugegeben, Kaia wäre wahrscheinlich nicht die schlechteste Person zum verlieben. Vollkommen bescheuerter Gedanke natürlich, aber er hatte es ernst gemeint - sie war cool! Sie wirkte locker, selbstbewusst und nicht so verklemmt und bis jetzt hatte sie ihm noch keinen Vortrag über True Crime gehalten, so wie Emma es immer tat, was alle von Wys vielleicht etwas niedrigen Ansprüchen erfüllte. Er hoffte zumindest wirklich, dass die Freundschaft halten würde. Er brauchte so jemanden wie sie in seinem Freundeskreis.
      “Oh, ich hatte nichts fest geplant”, beantwortete er ihre Frage. Eigentlich hatte er ja nicht mal das Flaschendrehen geplant. Irgendwie gehörte es einfach zu einer Party dazu, nicht? “Wir können gerne einen Film einlegen, oder wir mogeln und bei Milo und Aaron ein, je nachdem, was die gucken.” Eigentlich gefiel ihm die Idee fast besser. So konnte er immerhin zeitgleich noch ihr kleines Date ein wenig sprengen. Sie sollten sich ja nicht zu sehr entspannen.
      "Was für Filme schaust du normalerweise gerne?", fragte er, während er mit seinem Knie gegen ihre tippte. Der Schrank war überraschenderweise nicht ganz so unbequem, wie er gedacht hatte. Nicht schön und er war froh, wenn die Zeit gleich um war und sie raus konnten, aber es hätte schlimmer sein können. Wenigstens brauchte er jetzt kein Mitleid mit Jude und Lucas zu haben. Obwohl sich das wahrscheinlich eh gleich erledigt hatte. Jude würde den Schrank bestimmt nicht unkommentiert lassen, immerhin hatte er sie hier rein gesteckt. Ob er ihnen glauben würde wenn sie ihm sagten, dass nichts spannendes passiert war? Ugh, irgendwie wollte er jetzt doch hier drinnen bleiben.
    • Kaia

      Sie überschätzte sich? Mal abgesehen davon, dass sie einen Scherz gemacht hatte, hörte sie das nicht gerne als Antwort. Vielleicht auch deshalb, weil Wyatts Zeigefinger, der gerade knapp ihr Auge verfehlt hatte, irgendwie süß gewesen war, und weil sie beide absolut aneinander klebten und ihr Gehirn völlig vernebelt von Alkohol war und sie gerade einen Herzschrittmacher bräuchte, aber die Antwort nervte. "Oder du unterschätzt mich", wehrte sie sich mit einem leisen Murmeln, das eigentlich eher ein Gedanke hätte bleiben sollen, aber jetzt hatte sie es doch ausgesprochen.
      Wieso war es so unrealistisch, dass sich jemand in sie verliebte? Okay, das hatte Wyatt nicht gesagt. Außerdem hatte sie schon zwei Geständnisse bekommen im letzten Jahr und sie dürfte irgendeinen dahergelaufenen Jungen sowieso nicht ernst genug nehmen, um auch nur einen Gedanken an so eine Aussage zu verschwenden, aber- Mal ehrlich, Kaia hätte sich vermutlich auch nicht geweigert, wenn Wyatt die sieben Minuten hier genutzt hätte, um sich an sie ranzumachen. Dass ihm die Idee so fremd vorkam, war ein wenig... frustrierend. Wahrscheinlich hatte Jia einfach recht und sie war deutlich zu schnell damit, sich auf irgendjemanden einzulassen. Ihre Crushes wechselten quasi monatlich und sie hatte sich sofort darauf eingelassen, Jia vorzuführen, weil es halt nach Spaß geklungen hatte, so zu tun, als würde sie auf Wyatt stehen. Sie war zu fokussiert auf all das. Komplimente und Beziehungen und... Jungs. Aber sie würde trotzdem nicht hinnehmen, dass sie sich "überschätzte".
      Kaia nahm sich mit einem Mal vor, keine dämlichen Erwartungen mehr zu haben. Sie stützte sich auf und machte sich in dem minimalen Platz, der sich ihr bot, breit, um sich auf die Knie zu setzen. Ihre Knie lagen auf Wyatts Füßen, weil es zu eng war, aber das machte nichts, weil sie kurzerhand die Arme verschränkte und auf Wyatts Knie legte, dann stützte sie ihr darauf Kinn ab. Sie sah Wyatts Gesichtszüge ganz schwach, aber der Kontrast zu dem Lichtstrahl, der genau vor ihr an die hintere Kastenwand fiel, machte es schwerer, etwas zu erkennen.
      "Okay, aber ich dachte, du willst netter zu Aaron sein. Und es wäre irgendwie awkward, sich da einzumischen", murmelte sie. "Ich mag Zombie Filme. Oder wir gucken etwas mit Geburtstags-Theme" Das war es aber nicht, was sie sagen wollte.
      "Weißt du, theoretisch hätten wir das Spiel ernst nehmen können. Küssen macht auch Spaß, ohne Gefühle für jemanden zu haben" Zumindest hatte sie das gehört. "Ich hätte es okay gefunden. Aber dann eben nicht. Die sieben Minuten sind wahrscheinlich sowieso fast vorbei" Hoffentlich würde Wyatt zumindest kurz Mal darüber nachdenken, dann hatte sie, was sie wollte. Wenn sie sich so sehr überschätzte, hatte er ja eh nichts zu bereuen.
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    • Wyatt

      Wyatts erster Reflex, als Kaia sich bewegte, war es, einen Arm auszustrecken und sie irgendwie zu stabilisieren. Der Platz war begrenzt, sie hatten beide getrunken und die Sache mit dem Schrank war schon so blöd genug - sie musste nicht noch zusätzlich aus ihm heraus fallen, nur weil sie ihr Gleichgewicht verlor. Er ließ ihren Arm erst wieder los, als sie plötzlich anfing, übers Küssen zu reden. Der Kommentar mit der Überschätzung hatte sie wahrscheinlich tiefer getroffen, als Wyatt gewollt hatte. Was vollkommen irrelevant war, weil er seinen eigenen Herzschlag plötzlich viel zu genau wahrnahm, was kein gutes Zeichen sein konnte.
      "Ich glaube, der perfekte Mix aus 'Geburtstag' und 'Zombie' ist Happy Death Day", antwortet er ein wenig panisch, weil das das einzige war, worauf er sich in seinem vollkommen überforderten Zustand konzentrieren konnte. War das eine Aufforderung gewesen? Wollte Kaia, dass er sie küsste? Warum? Er war davon ausgegangen, dass sie ihn einigermaßen gut leiden konnte. Vielleicht ein bisschen weniger, seit er sie dazu überredet hatte so zu tun, als ob sie auf ihn stehen würde, damit sie Jia nerven konnten. Küssen ohne Gefühle hörte sich seltsam an. Wy hatte noch nie wirklich das Verlangen danach gehabt, jemanden zu küssen, gerade weil es nichts bedeuten würde. Auch, wenn er das gerade hinterfragte. Aber Kaia hatte recht - die Zeit war gleich eh um und die Stille zwischen ihnen zog sich gerade viel zu lange, während er versuchte, in der Dunkelheit ihren Gesichtsausdruck zu deuten.
      "Ich hab noch nie jemanden geküsst. So richtig meine ich. Jude zählt nicht", gestand er schließlich leise und bereute es sofort. Ob sie lachen würde? Er hätte wirklich weniger trinken sollen. Nüchtern hätte er sich bestimmt einfach irgendeine Story über eine Beziehung ausgedacht um so zu wirken, als ob er mehr Erfahrung hätte, als er eigentlich vorweisen konnte und...dann hätte er wahrscheinlich immer noch nicht so wirklich gewusst, was er jetzt machen sollte. Warum drehte sich an seinem Geburtstag irgendwie alles ums Küssen? Kaia war so nah vor ihm, dass er sich nur etwas nach vorne lehnen müsste, damit sich ihre Lippen berührten. Und sie war, naja, cool, auch, wenn er das Argument deutlich zu oft wiederholte und je länger er darüber nachdachte, desto eher wollte er sie irgendwie küssen.
      Er lehnte sich ihr leicht entgegen, bevor er stockte. "Nur, wenn es wirklich okay für dich ist?"
    • Kaia

      Moment. Der Plan war gewesen, Wyatt später vielleicht kurz bereuen zu lassen, dass er die Chance nicht genutzt hatte. Kaia hätte auch noch damit gerechnet, dass es ihm völlig egal war und sie sich lächerlich machte, aber das machte ihr eigentlich nichts aus. Der Plan war nicht gewesen, dass Wyatt sie doch noch küssen wollte.
      Ihre Augen weiteten sich, als Wyatt sich spürbar zu ihr nach vorne lehnte. Sie hatte damit gerechnet, in der letzten Minute noch ein paar Zombie Filme durchzugehen. Und gerade hatte sie noch amüsiert gelächelt, als Wyatt klarstellen musste, dass sein Kuss mit Jude nicht zählte. Sie hatte doch selbst auch niemanden geküsst, der zählte! Niemand, den sie oberflächlich gemocht hatte, hatte sie zurück gemocht, oder hatte überhaupt die Chance bekommen, zu wissen, dass Kaia ihn mochte, weil sie das normalerweise nur ihren Freundinnen erzählte und überhaupt nicht richtig wollte, dass es real wurde. Niemand, der sie nach einem Date gefragt hatte, hatte eins bekommen, weil sie eben nicht wollte, dass es real wurde. Es war unterhaltsam, über all das nachzudenken, mit anderen darüber zu reden, Jungs auf einer Skala einzuordnen und Pro/Con Listen zu führen, aber sie wollte doch nicht wirklich… Es war etwas anderes, seine Freunde platonisch auf den Mund zu küssen, und bei irgendwelchen Trinkspielen mitzumachen, als in einem dunklen Raum zu sitzen und sich tatsächlich in vollem Ernst zu küssen. Jedes Fünkchen ‚cool‘ verließ gerade ihren Körper. Sie war verdammt gut darin, so zu tun, als wäre ihr alles nicht so wichtig und als hätte nichts eine Bedeutung, aber… ihr Herz sprang gleich aus ihrer Brust heraus, direkt gegen Wyatts Schienbeine.
      Trotzdem. Kaia schluckte, und nickte. „Sonst hätte ich es nicht gesagt“, murmelte sie. Falsch. Sie hatte es einfach nur gesagt, um Wyatt darüber nachdenken zu lassen, sie zu küssen, und nicht, um es wirklich zu tun. Sie lehnte sich nach kurzem Zögern das verbleibende Stück in Wyatts Richtung und küsste ihn. Seine Lippen waren weich und eine seiner Haarsträhnen kitzelte Kaias Stirn. Sie vergaß total, dass sie ihr ganzes Gewicht auf ihre Knie stützte, die auf Wyatts Füßen lagen. Und plötzlich, eine Sekunde später, hörte sie am unteren Rand der Kastentüren von draußen den Klingelton von Lucas Handy, die erbarmungslos laute Vibration auf dem Parkettboden und hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Sie zuckte zurück und starrte kurz in die Dunkelheit, bevor sie sich etwas aufstützte und zurück lehnte. Was war das denn für ein grauenvolles Timing? Ihr Herz machte dreißig Schläge pro Sekunde. Das Blut rauschte vor Schock in ihren Ohren und sie war sich kurz nicht sicher, ob sie lieber Lucas Handy zertrampeln oder die Zeit zurück drehen wollte. Sie wusste auch garnicht, was sie sagen sollte.
      „Ihr könnt rauskommen“, drang Judes Stimme durch die Tür, mit einem leicht irritierten Unterton, den Kaia sich vielleicht bloß paranoid einbildete.
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    • Wyatt

      Okay. Wow. Kaias Lippen waren warm und sie roch nach Erdbeeren und Schokolade, was eine absolut fantastische Kombination war. Außerdem ließ der Kuss sein Herz schneller schlagen, als ihm lieb war, während er wieder eine Hand an Kaias Oberarm legte, um sie zusätzlich zu stützen. Wyatt wusste nicht so wirklich, was genau er tat. Er küsste zurück, während er seine freie Hand hob, um Kaia irgendwie näher an sich zu ziehen, was wahrscheinlich viel zu viel gewesen wäre, weshalb es verdammt gut war, dass Lucas' Handy sie unterbracht. Er blinzelte kurz in die Dunkelheit hinein, während Kaia sich wieder aufsetzte. Sollte er was sagen? Was genau sagte man überhaupt in so einer Situation? 'Danke für den Kuss' kam ihm ziemlich albern vor.
      Er überlegte kurz, ob er wenigstens irgendwas anderes nettes sagen konnte, bevor er sich auf ein schlichtes "Achtung" beschränkte und den Schrank aufstieß, nur, um sofort ein kleines "Ew" auszustoßen und gegen das Licht der Deckenlampe anzublinzeln. In dem Schrank war es wirklich abartig dunkel gewesen.
      "Hat ein bisschen was von einer Leuchtgranate aus nem Videospiel, oder?", hörte er Lucas belustigt fragen, während er die Augen kurz zusammenkniff und sie schließlich wieder öffnete. "Spürst du deine Beine noch?"
      "Eines zumindest", antwortete Wyatt flach, während er aus dem Schrank krabbelte, aufstand und Kaia wieder eine Hand entgegen hielt, um ihr auf zu helfen.
      "Oh, shit, ich wollte nicht-"
      "Chill, Luce." Wyatt grinste kurz in seine Richtung, während er sich etwas schwankend zurück zu den anderen setzte. Das Zusammenspiel zwischen dem plötzlichen Aufstehen, dem Licht, dem Alkohol und dem Fakt, dass Kaia das Blut in seinem noch existenten Bein abgequetscht hatte, war tödlich.
      "Und? Habt ihr die Zeit effektiv genutzt? Ihr seid plötzlich so still geworden", fragte Emma mit einem vielsagenden Grinsen auf den Lippen, während sie ihren Becher anhob, offenbar enttäuscht realisierte, dass er leer war und ihn wieder hinstellte.
      "Wir haben überlegt, was wir als nächstes machen sollen", antwortete Wyatt bemüht ruhig, in der Hoffnung, dass Kaia den Kuss nicht erwähnen würde. Er wusste selbst nicht so richtig, was er darüber denken sollte - er brauchte wirklich nicht den zusätzlichen Input seiner Freunde. "Wie sieht es mit einem Film aus?"
    • Kaia

      Kaia hatte plötzlich das Gefühl, vollkommen nüchtern zu sein. Das Licht der Zimmerlampe ließ sie beinahe erblinden und die Stimmen der anderen holten sie in genickbrechender Geschwindigkeiten zurück auf den Boden der Tatsachen. Das war ein toller Kuss gewesen. Sie spürte noch immer ganz deutlich Wyatts Hand auf ihrem Arm. Verdammt.
      Sie riss sich am Riemen und ließ sich von Wyatt aus dem Schrank helfen, auch wenn sie beide so schrecklich wackelig auf den Beinen waren, dass sie genauso gut umfallen könnten. Und da merkte Kaia auch wieder, dass die kurzfristige Ausnüchterung völlig eingebildet gewesen war. Sie ging zurück an ihren Platz zwischen Jude und Jia und hatte irritierenderweise den direkten Blick auf Wyatt. Der zum Glück so tat, als wäre garnichts passiert. Oder war es zum Glück? Kaia würde selbst nichts anderes tun, aber sie hatte definitiv Schwierigkeiten, ihre Miene zu kontrollieren.
      „Wir haben festgestellt, dass ‚Happy Death Day‘ eine gute Kombi aus Geburtstag und Horror wäre, aber Horror war nur meine Präferenz, also…“, wog sie ein.
      „Ich bin für Horror“, sagte Jude, der sich zurück gegen die Schranktüre hievte. „Oder… was auch immer Wyatt aussucht, weil es sein Geburtstag ist“, korrigierte er.
      Kaia warf Jia einen kleinen Seitenblick zu. Vielleicht, weil sie seltsamerweise Angst bekam, dass sie ihre Gedanken lesen konnte, aber Jia erwiderte ihren Blick nur mit einem Lächeln, bevor ihre Augenbrauen skeptisch zuckten und Kaia ebenfalls lächelte und lockerer ließ.
      „Hat irgendwer was gegen Horror?“, fragte sie schnell in die Runde, um Jia nicht noch skeptischer zu machen. Das Mädchen schüttelte nur den Kopf, auch wenn Kaia wusste, dass es eine Lüge war.
      „Ich finde, Horrorfilme und Übernachtungsparties sind wie Erdbeeren und Schokolade“, meinte Jude leicht abwesend, weil sie wohl alle etwas ausnüchtern mussten. „Passt perfekt zusammen, halt“
      Kaia nickte leicht. „Klar… äh… ich denke, ich zieh mich vorher aber um“, meinte sie dann. Es wurde schon recht spät und sie war sich relativ sicher, dass sie sonst in ihrer Jeans am Boden schlafen würde. Wenigstens hatte sie vor ein paar Stunden erst geduscht, bevor sie hergekommen war, also musste sie sich nur abschminken.
      „Oh, gute Idee, mache ich auch“, stimmte Jia ihr zu. Dann… konnten sie ja zusammen ins Badezimmer und Kaia für die nächsten zehn Minuten die Aufgabe erteilen, irgendwie über alles außer Wyatt zu reden. Yay. Langsam bereute sie die Entscheidung, ein Spiel daraus zu machen, Jia vorzuspielen, an Wyatt interessiert zu sein. Das war lustig, solange es nicht wahr war, und gerade war sie etwas verwirrt.
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    • Wyatt

      "Happy Death Day ist ja nicht so extrem Horror. Es ist ein bisschen Comedy dabei", lenkte Wyatt ein, als Emma ein wenig das Gesicht verzog. Für jemand, der True Crime zum schlafen hörte, war sie nicht sonderlich belastbar, wenn es um Jumpscares ging. Oder Monster. Oder sonst irgendwas dunkles. Sie nickte kurz, bevor sie zu Kaia und Jia rüber sah.
      "Oh, das klingt nach einer wirklich guten Idee. Vielleicht sollten wir alle schon unsere Pyjamas anziehen. Für den vollen Übernachtunsparty Vibe halt", schlug sie vor und zuckte leicht zusammen, als Wy und Lucas zeitgleich mit einem "Alle außer Jude" und "Zuerst brauchen wir eine Jogginghose für Jude" antworteten. Sie zog kurz die Nase kraus.
      "Oh. Stimmt. Die andere Art von Horror." Emma lachte kurz, bevor sie Jude die Zunge rausstreckte, wackelig aufstand und nach ihrer Tasche griff. "Naja, ich geh mich umziehen. Kommt mit dem Hosen-Problem alleine klar. Oh, und Jia?" Sie deutete kurz vielsagend auf das Mädchen. "Ich will unbedingt noch deine Haare flechten. Kommt ihr?" Sie lächelte Jia und Kaia kurz entgegen, bevor sie sich umdrehte und aus dem Raum ging.
      "Ich hab ein paar Jogginghosen", merkte Wyatt an, während er aufstand und - nervigerweise - wieder zurück zum Schrank ging, diesmal allerdings eine andere Tür öffnete. "Ich weiß aber nicht, ob die lang genug für dich sind. Im Zweifelsfall musst du doch Milo fragen. Oder Aaron, falls der Ersatz bei hat." Er zog wahllos eine der Hosen aus dem Stapel und warf die Jude zu, bevor er darauf wartete, dass Kaia und Jia gingen und er sich selbst umziehen konnte. Die Idee mit den Pyjamas war wirklich nicht schlecht. Er war jetzt schon verdammt müde und würde entweder bei dem Film einschlafen, oder danach keine großartige Lust haben, sich noch umzuziehen. Also tauschte er Pulli und Jeans gegen einen schlichten Schlafanzug in dunkelblau mit T-Shirt und kurzer Hose.
      "Schläfst du eigentlich mit der Prothese?", fragte Lucas von der Seite, während er Jude Stück für Stück seine Klamotten zurück gab und in seinen eigenen Schlafanzug - ein verwaschenes Shirt und eine Jogginghose - schlüpfte.
      "Nein." Wyatt schüttelte kurz den Kopf. "Die wird zum Schlafen ausgezogen und morgens halt wieder an. Fühlt sich ein bisschen weird an, aber man gewöhnt sich dran." Er stockte kurz, bevor ihm was ganz anderes einfiel. "Hast du eigentlich meine Hemden verknotet?"
      Lucas lächelte leicht. "Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Auf so eine Idee würde ich nie kommen. Jude kann für mich bürgen, nicht?" Er sah kurz zu Jude, bevor er sich erneut zu seine Tasche runterlehnte, um eines seiner Shirts rauszuziehen und es Jude entgegen zu halten. "Wir haben uns auch nur unterhalten und nichts gemacht."
    • Kaia

      Emma, ihre Rettung. Wenn sie alle zusammen waren, würde Jia das Thema schon nicht ansprechen. Kaia stand wackelig auf, wobei Jia sie reflexartig am Arm packte, damit sie nicht umfiel, was sie… wahrscheinlich wäre. Sie nahm ihre Tasche und ging mit den Mädchen ins Badezimmer nebenan, wo sie als aller erstes ein Täschchen auspackte, aus dem sie ihre Abschminktücher fischte. Sie reichte Jia eins, die ihres Wissens nach immernoch jeden Tag Wimperntusche trug, nachdem sie das Wunder von dramatischen Wimpern bei Kaia zuhause entdeckt hatte. Die Mascara hatte sie dann auch behalten.
      Sie standen nebeneinander vor dem Spiegel, als Jia fragte: „Sag mal… ihr habt… im Schrank aber nichts gemacht, oder?“
      Kaia fror kurz ein, dann rieb sie sich weiter mit dem Tuch übers Auge. „Nope“ Sie hatte keine Lust mehr, die Wette aufrecht zu erhalten. Allerdings sah sie im Spiegel, wie Jia sie anstarrte und ihr nicht glaubte. Fair, nachdem Kaia wie versprochen immer wieder mal von Wyatt geschwärmt hatte, um sie auf Trab zu halten.
      Die Brünette seufzte kurz. „Okay, ich meine, es ist deine Sache. Du kannst es mir erzählen, auch wenn ich Wyatt nicht mag. Oder mochte. Fühlt sich hart an, das an seinem Geburtstag zu sagen. Er war ja auch den ganzen Tag nett zu mir. Also, ähm… ich fände es nur… blöd, wenn du mir nichts erzählst. Ich verspreche auch, dass ich dich nicht kritisiere oder so“, murmelte Jia vor sich hin, während sie durch ihre Haare bürstete.
      Kaia wurde unsicher. Jia war so ziemlich ihre beste Freundin mittlerweile. Anfangs hatte sie sie nur ein wenig unter ihre Fittiche nehmen wollen, damit sie jemanden hatte. Damit sie nicht einsam war, oder so. Aber Jia war der liebste Mensch, den sie kannte, und in solchen Momenten merkte Kaia wieder, dass sie bloß ihre Freundin sein wollte, und sie fühlte sich fast schon schlecht dafür, sich manchmal einen Spaß daraus zu machen, dass sie einem alles vergab. Und irgendwie war es halt lustig, sie mal wütend zu sehen, weil sie es nie war. Und sie war ja nicht wirklich wütend auf Kaia, sondern auf Wyatt, darum war es okay. Aber vermutlich war es garnicht… okay.
      „Sicher?“, fragte Kaia und sah kurz zu Emma durch den Spiegel.
      Jia nickte. „Ich meins ernst, ich sag nichts nerviges“
      Kaia seufzte gestresst. „Na schön“ Sie drehte sich zu den beiden Mädchen herum und lehnte sich ans Waschbecken. Emma wurde jetzt wohl einfach mit reingezogen. Hoffentlich erzählte sie Wyatt einfach nicht, dass Kaia ihr es erzählt hatte. „Wir haben uns geküsst“, gab sie zu.
      Jias Gesicht hatte Untertitel. Sie sagte vielleicht nichts kritisches, aber sie hatte ihre aufgerissenen Augen nicht unter Kontrolle. „Huh? Wolltest du es auch?“, fragte sie.
      „J-ja“, sagte sie schnell, auch wenn sie selbst etwas unsicher klang. „Ich meine, ich hab ihn fast schon dazu provoziert, ich dachte nur nicht, dass er es dann echt macht, aber es war… eigentlich echt gut“ Ugh, es war fast noch schlimmer, es auszusprechen. Sie wollte doch nicht wirklich einen Crush entwickeln auf den Typen, den ihre beste Freundin hasste.
      „Oh…“ Das war alles, was sie von Jia gerade dazu bekam. Kaia war sich immernoch nicht ganz sicher, was Wyatt getan oder gesagt haben konnte, dass sie so gestört hatte. Aber er hatte sie auch ganz offensichtlich den ganzen Abend ignoriert, was Kaia selbst auch genervt hätte. Also war die Reaktion wohl verständlich.
      „Das ändert aber überhaupt nichts, Jia“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, um sie hoffentlich etwas zu beruhigen. „Ich weiß, ihr versteht euch nicht, aber das hat auch alles nichts mit dir zu tun. Dich mag ich trotzdem lieber. Immer“ Sie nickte und griff kurz nach Jias Hand, sah sie kurz an und machte sich dann wieder daran, mit einem sauberen Abschminktuch nochmal über ihr ganzes Gesicht zu wischen, bevor sie sich umzog. Und auch, wenn sie Jia das gerade gesagt hatte, — weil sie halt nicht verstand, wie verwirrend es war jemanden zu küssen, und plötzlich anders über die Person zu denken — war sie sich selbst nicht sicher, ob das überhaupt der Rede wert war. Vielleicht war sie auch einfach nur überrascht. Klar, Wyatt war nett und er sah gut aus und er war ganz offensichtlich ein riesen Nerd, der cool aussehen wollte, und Kaia mochte das viel zu sehr, aber sie ihn mochte? So sehr? Genug, um ihn zu küssen? Sie war sich nicht sicher, ob es das war, oder einfach die ganz normale Überraschung nachdem ma seinen ersten richtigen Kuss in einem verdammten Schrank hatte.
      Nachdem Jia kurz in der Duschkabine verschwunden war und jetzt in ihrem samtigen hellrosa Pyjama steckte, schien sie das Thema kurzzeitig verarbeitet zu haben, drehte sich zu Emma und fragte: „Willst du mir echt die Haare flechten?“

      Jude

      Jude stand auf. Es nervte ihn noch immer etwas, dass er keine Chance bekommen hatte, die Schranksache mit Emma zu machen. Zumindest sah Wyatt aus, als hätte es bei ihm funktioniert. Jude seuzfte und begann sich auszuziehen, während er Lucas Kleidung auf Wyatts Bett stapelte, sich umdrehte und absolut unbekümmert seine Unterwäsche austauschte. Er hatte heute Morgen geduscht, aber der dezente Geruch von Alkohol und Pizza gehörte für ihn auch irgendwie zu Parties dazu, und würde ihn halt die ganze Nacht begleiten, so wie sie alle. Boxershorts waren Nachts trotzdem bequemer, als Trunks.
      Er fuhr sich mit der Hand einige Male durch seine mittlerweile etwas zerzausten Haare und wartete, bis er von Wyatt und Lucas sein Outfit zusammengestellt bekam. Ein altes T-Shirt und eine graue Jogginghose, die ihm tatsächlich zu klein war. Wie konnte das sein? Waren Wyatts Beine so viel kürzer? Oder sein Bein?
      Jude seufzte. „Okay, ich geh mal runter und frage nach ner Hose“, sagte er und zog die Jogginghose wieder aus. Er würde definitiv nicht schlafen können, wenn seine untere Körperhälfte sich wie in einem Gefängnis anfühlte. Da schlief er lieber bloß in Boxershorts.
      „Bin gleich wieder da“, sagte er und lief aus dem Zimmer, runter zu Milo und Aaron, die seit vorhin noch immer auf dem Sofa kuschelten. Man konnte fast neidisch werden. Auf der anderen Seite waren sie mit ihrem Date auf ner Geburtstagparty.
      „Hey, kann ich vielleicht-“, fing er an, als er ins Wohnzimmer kam.
      „Ich leih dir meine zweite Pyjama Hose, guck in meinen Rucksack am Eingang. Mittleres Fach, weiße Stoffhose mit Teddybären“, unterbrach Aaron ihn sofort unbekümmert, ohne den Film zu stoppen. Jude nickte kurz etwas überfordert und tat wie ihm gesagt wurde.
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    • Emma

      Emma bereute ihren Vorschlag beinahe sofort, als sie realisierte, dass umziehen bedeutete, dass sie mit Kaia und Jia alleine war, ohne einen ihrer eigenen Freunde. Sie kam sich schon wie das dritte Rad am Wagen vor, bevor die beiden überhaupt den Mund aufmachten. Genau deshalb klebte sie so an Lucas - es war beinahe unmöglich, sich irgendwie in eine bestehende Freundschaft zu integrieren. Mit Lucas verstand sie sich mittlerweile im Gegensatz dazu fast blind und Wyatt war eine nette Ergänzung zu ihrer Freundesgruppe gewesen, weil er in diesem Fall die einzelne Person gewesen war, die sie in ihren Kreis aufgenommen hatten. Obwohl Freundschaften mit Männern irgendwie immer einfacher waren. Nicht im Pick-Me Sinne, weil Emma sich irgendwie anders, als alle anderen Mädchen sah, oder dachte, dass alle Mädchen außer ihr komplizierte Zicken waren, sondern einfach, weil sie sich bei Männern nicht so viel Mühe geben musste. Ihr war es egal, ob irgendein Typ über ihren Witz lachte, oder nicht, aber sobald sie irgendein Mädchen sah, das sie mochte, hatte sie das Gefühl, ihr komplett gefallen zu müssen. Jeder Witz musste landen, jedes Kompliment sie zum Lächeln bringen. Es war furchtbar.
      Sie beschränkte sich auf ein kleines "Oh", als Kaia zugab, Wyatt geküsst zu haben und konzentrierte sich voll und ganz aufs Abschminken. Jia schien weitaus weniger begeistert zu sein, was sie vielleicht nicht so überraschen sollte. Wy hatte oft genug betont, wie nervig sie war, was Emma so nicht unterschreiben konnte, aber darum ging es hier ja nicht. Es war ne Party. Küssen gehörte irgendwie dazu, genau so, wie kleinere Partys in Badezimmern, während man draußen noch die größere Party hören konnte. Außerdem gab es weitaus schlimmere Typen, die man küssen könnte.
      Emma schwieg, während sie ihren Schlafanzug aus ihrer Tasche kramte - ein weißes Oversize Shirt mit ein paar Orangen drauf und eine passende, knallorangene lange Hose - und sich umzog, was dank ihres Alkoholpegels eine überraschende Herausforderung war. Sie musste sich zwischendurch am Waschbecken abstützen, um nicht einfach zur Seite zu kippen und wäre fast weggerutscht, als Jia sie wieder ansprach.
      "Natürlich!", antwortete sie sofort und deutete kurz auf den Toilettendeckel. "Setz dich! Ich glaube, ich bin nicht mehr koordiniert genug, um was aufwändiges hinzubekommen, aber flechten sollte gehen!" Sie bemühte sich um ein Lächeln, das weitaus selbstbewusster aussah, als sie sich fühlte, während sie nach ihrer Bürste griff und hinter Jia trat. "Eine meiner Pflegefamilien hatte selbst eine Tochter, dir mir mal super viele Frisuren gezeigt hat", erklärte sie, einfach, um irgendwas zu sagen, während sie drei Strähnen aus der oberen Haarschicht teilte und sich unter Zunahme von weiteren Haaren langsam nach unten flechtete. "Ich bin immer so mega genervt, wenn mir die Haare ins Gesicht fallen, aber ich glaube kurze Haare stehen mir nicht, also binde ich sie einfach immer irgendwie zusammen", fuhr sie fort, während ihre Finger komplett mit Muscle-Memory arbeiteten. Es dauerte nicht lange, bis sie die Haarspitzen erreicht hatte und sich kurz zum Waschbecken drehte, wo sie immer ihre Haargummies hinpfefferte. Was...hier nicht der Fall war. Logisch.
      "Ugh. Mänenerhaushalt", murmelte sie kurz frustriert, bevor sie nach kurzem Zögern einfach eines ihrer eigenen Haargummies aus ihren Haaren zog, um Jias Zopf zusammen zu binden, einen Schritt zurück trat und ein begeistertes "Ta-Da!" ausstieß.
      "Wir sind jetzt wohl Haargummi-Zwillinge", kommentierte sie lächeln, während sie den zweiten ihrer eigenen Zöpfe ebenfalls löste, ihre Haare ausschüttelte und sich daran machte, sie wieder zu einem Zopf zusammen zu binden. Was wahrscheinlich das cringieste war, was sie sagen konnte. Wundervoll.


      Lucas

      Es tat wirklich gut, Judes Sachen gegen Kleider mit seinem eigenen Waschmittelgeruch tauschen zu können. Was nicht so gut war, war Jude beim Umziehen zuzusehen, weil das wieder Dinge in Lucas aufsteigen ließ, die er lieber verdrängen wollte. Er sah zur Seite, fest darauf konzentriert, seine eigenen Sachen einzupacken, ohne auf irgendwas anderes zu achten und war tatsächlich ein bisschen erleichtert, als Jude den Raum verließ. Vielleicht war es doch an der Zeit, sich mehr mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aber nicht jetzt. Nicht, wenn er betrunken war und sie sich irgendeinen Film anschauen wollten.
      Es dauerte nicht lange, bis die anderen wieder zurück ins Zimmer kamen. Sie hatten beschlossen, Milo und Aaron nicht weiter zu stören und stattdessen den Fernseher in Wyatts Zimmer zu nutzen. Er hatte ihm gerade noch geholfen, die Gästematratze vors Bett zu schieben, damit alle irgendwo sitzen konnten, bevor er sich selbst neben Wyatt auf sein Bett setzte.
      "Ich hoffe, der Film macht wach", kommentierte Emma, die vor ihm auf der Gästematratze auf dem Boden Platz genommen hatte. "Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt schon einschlafen könnte." Sie ließ ihren Kopf nach hinten gegen das Bett kippen und sah kurz zu Lucas hoch. "Und wehe, du versuchst zwischendrin, mich zu erschrecke. Ich schlage."
      Lucas musste kurz auflachen. "Versprochen. Ich will nicht in einem von deinen True Crime Podcasts landen."
      Emma lächelte kurz zurück. "Das würde ich nicht so ankündigen. Die erste Regel beim Mord ist immerhin, dass niemand anderes davon weiß. Oh. Nebenbei. Sexy Hose, Jude. Teddybären stehen dir."
      "Ich hätte meinen Geburtstag gerne mordfrei, wenn ihr nichts dagegen habt", kommentierte Wy trocken, während er nach der Fernbedienung griff. "Alle bereit?"
    • Jia

      Das war alles super seltsam. Jia hatte bisher gedacht, dass Kaia nur so tat, als würde sie auf Wyatt stehen, um sie zu ärgern. Sie hatte so offensichtlich schwärmendes Zeug vor sich hingeredet, dass auf absolut jeden x-beliebigen Typen hätte zutreffen können, dass Jia sie nicht richtig ernst nehmen konnte, auch wenn es nervig war, ständig Wyatts Namen zu hören. Sie war sich ihrer Theorie noch sicherer gewesen, als Wyatt und Kaia den ganzen Abend völlig normal miteinander umgegangen waren. Kein seltsames Stottern oder aneinander kleben. Aber dann, als sie aus dem Schrank gekommen waren, hatte Kaia kurz so aufgewühlt ausgesehen, dass Jia sich schon irgendwie Sorgen gemacht hatte. Und das war der Grund? Hatte sie sich das mit ihrer Theorie alles eingeredet? Tatsächlich war Kaia normalerweise ganz gut darin, ihre Gefühle zu verstecken. Zumindest hatte Jia sie noch nie wirklich traurig gesehen oder wütend oder überglücklich. Sie war immer ziemlich neutral drauf, und manchmal redete sie viel und lachte über irgendetwas, das nicht lustig war.
      „Oh, wow“, sagte Jia als sie sich im Spiegel etwas zur Seite drehte und ihre geflochtenen Haare ansah. Sie lächelte Emma an. „Danke, das sieht super aus, so hab ich das bisher noch nicht hinbekommen“, meinte sie. Ihre Haare waren im letzten Jahr um einiges länger geworden, aber so lang wie die der Blonden waren sie leider noch nicht. Trotzdem sah der Zopf gut aus. Es löste ein seltsam zufriedenes Kribbeln in ihrem Bauch aus, dass Emma sie Haargummi-Zwillinge nannte. Sie hatte nicht viele Freundinnen. Aber vielleicht konnte sie Emma ja irgendwie dazu zählen.

      Kaia

      Vielleicht hätte sie nichts sagen sollen. Emma hatte garnichts zu allem gesagt und Jia hatte sie nun zusammengefasst einfach nur irritiert angesehen und „Oh“ gesagt. Irgendwie fühlte sie sich schlecht. Und das nachdem ihr Ziel gewesen war, sich nicht mehr so sehr auf Jungs zu fokussieren. Sie wollte nicht, dass ihre beste Freundin wegen sowas sauer auf sie war. Irgendwie war es auch unfair, oder? Sie hatte nichts falsch gemacht, oder?
      Kaia zog sich fertig um und räumte ihre Sachen wieder weg, dann fuhr sie kurz Jias Zopf entlang und grinste. „Woahh, steht dir. Schade, dass es nur zum Schlafen ist“ Und damit war ihr Versuch Jia auf ihre Seite zu ziehen auch wieder beendet und sie ging mit den anderen zurück ins Schlafzimmer, wo sie sich auf die Matratze am Boden setzte, auf die anderen Seite von Wyatt gesehen, direkt unter Jude, um sich nicht auch noch während dem Film ablenken zu lassen.
      „Ich weiß“, antwortete Jude auf Emmas ironisches Kompliment. „Sexy ist das richtige Wort“ Kaia schmunzelte. Wenigstens war Jude der unkomplizierteste Freund, den man haben konnte. Allerdings wusste Kaia auch, dass Jia sich viel mehr um sie sorgte, und diese ganze Sache wahrscheinlich nur darauf zurücklief, dass sie nicht wollte, dass Kaia verletzt wurde und/oder Jia im Stich ließ. Ugh, verdammt. Warum musste Wyatt auch so ein Arsch zu ihr gewesen sein? Kaia war sich sicher, dass Jias Ärger gerechtfertigt war.
      Sie rutschte etwas an ihre Freundin heran, bevor sie die den Film starteten. „Stört es dich echt so sehr?“, flüsterte sie in ihr Ohr.
      Jia zuckte leicht mit den Schultern. „Ich kann dir ja nicht vorschreiben, was du tust“
      Kaia runzelte frustriert die Stirn. „Aber ich will nicht, dass du sauer auf mich bist“
      Jetzt sah die Jüngere sie doch an. „Bin ich nicht. Ich bin sauer auf Wyatt, weil er irgendwelche Rituale durchgeführt und dich verhext hat“, murmelte sie.
      Kaia stieß belustigt Luft aus. Naja, das sah sie trotzdem als Gewinn.
      „Hey, Ruhe auf den billigen Plätzen“, sagte Jude hinter ihr und tippte plötzlich mit seinem Fuß auf Kaias Kopf.
      Sie drehte sich ruckartig zu ihm herum. „Mach das noch einmal, komm“, drohte sie ihm und Jude kicherte.
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    • Milo

      Die Party schien gut zu laufen. Sie hatten schon die erste Person, der eine Hose fehlte und langsam wurde es leise über ihnen. Milo musste ein wenig an sich halten nicht zu lachen, als Aaron Jude seine Hose mit Teddybären andrehte, die der Junge hoffentlich gut verkraftete. Seine Freunde hätten ihn damals erbarmungslos damit aufgezogen, wenn Milo sowas getragen hätte. Mittlerweile waren sie wahrscheinlich alle Schlimmeres gewöhnt.
      Sein Date mit Aaron lief ähnlich gut. Der Film war gut und die Unterhaltung fiel ihm wundervoll einfach. Er hatte nicht das Gefühl, sich großartig Gedanken darüber machen zu müssen, was er sagte. Aaron ließ sich wunderbar aufziehen, sie lachten, sie kommentierten den Film. Es war wirklich entspannend. Am Ende musste Milo sich bemühen, bei dem fehlenden Stress nicht einfach einzuschlafen. Als die Credits liefen, schob er kurz seine Brille hoch, um über seine Augen zu wischen. Die Aufregung der letzten Tage machte sich doch bemerkbar.
      "Ich glaube, noch einen Film schaffe ich nicht", merkte er an. Aaron lehnte wieder an ihm, ihre Hände waren zwischen ihnen verschränkt. Er wurde immer noch nicht dieses seltsame Gefühl los, als ob sie bereits in einer Beziehung stecken würden, ohne es zu wissen. Es störte ihn aber auch irgendwie nicht. Aaron gehörte irgendwie einfach zu ihm.
      "Sollen wir langsam ins Bett?", fragte er, während er sich vorsichtig aufsetzte, um zu vermeiden, dass Aaron durch den fehlenden Support zur Seite kippte. "Seit du Jude deine Hose angeboten hast, bin ich doch ein bisschen drauf gespannt, wie dein anderer Schlafanzug aussieht." Er grinste leicht, während er seine Brille wieder richtete. Irgendwie war ihm gerade wieder viel zu bewusst, dass Aaron und er im selben Bett schlafen würden, was immer noch keine große Sache war, aber der Gedanke, ihn noch länger näher bei sich zu haben, brachte seinen Herzrhythmus durcheinander. Auf eine gute, medizinisch unbedenkliche Art.
    • Aaron

      "Er hat den Plan B Pyjama bekommen. Den hatte ich nur mit, falls ich spontan meine Meinung ändere. Meine erste Wahl ist noch deutlich niedlicher", sagte er und setzte sich mit Milo auf. Ehrlich gesagt war er selbst schon fast eingeschlafen. Filmabende waren bei ihm derzeit etwas gefährlich, weil er die ganze Woche so übermüdet war, dass er so etwas kaum durchhielt, wenn es nicht gerade ein Horrorfilm war, und selbst da war er schon eingeschlafen. Milos regelmäßiger Atem und die Wärme unter ihrer Decke hatten es nicht einfacher gemacht. Dafür wurde er nun doch wieder etwas aufgeregter, als er sich das 'Sollen wir ins Bett?' nochmal durch den Kopf gehen ließ. Bett Einzahl. Klar. Im Prinzip hatten sie den ganzen Abend aneinander geklebt, aber es war nochmal was anderes, im Bett aneinander zu kleben. Schließlich waren sie eben keine Kinder, und Erwachsene machten selten aktiv unschuldige Übernachtungsparties, zumindest wenn man einander eigentlich datete. Die Nervosität schwang automatisch mit.
      Aaron schlug die Decke zur Seite und verkniff sich ein Zittern dank des kalten Windzugs. "Ich gehe schnell duschen, wenn du mir sagst, wo das Badezimmer ist", sagte er lächelnd, stand auf und schnappte sich seine leere Teetasse. Er hatte heute Morgen geduscht, einen Haufen Zeug erledigt und dann nochmal geduscht, bevor er hergekommen war, und jetzt würde er nochmal duschen, weil es ihm widerstrebte, nach Pizza zu riechen, wenn er seinen sauberen, frisch gewaschen Pyjama anzog und neben Milo im Bett lag. So unordentlich seine Wohnung von Zeit zu Zeit auch war, er sorgte dafür, selbst das Gegenteil zu sein. Es gab eben auch nicht vieles, das ihn mehr störte, als nicht super penibel auf sein Äußeres achten zu können. Deshalb hatte er auch einen umproportional vollen Rucksack dabei.
      Den Rucksack nahm er auch gleich mit, nachdem er Milo beim Wegräumen geholfen hatte, und oben verschwand er - nachdem er kurz im Gang stehen geblieben und vor Wyatts Tür gelauscht und festgestellt hatte, dass da drin ein Film lief - im Badezimmer. Er legte eine schnelle fünf Minuten Dusche hin, wusch sich die Haare und riss auf der Suche nach einem Föhn jede mögliche Schublade auf, die ihm ins Auge fiel, alles nur, weil er unbedingt wollte, dass seine Haare absolut himmlisch rochen und Milo keine verdammte Sekunde an Pizza erinnert werde würde. Nur an… Vanille, Sandelholz und Karamell. So, dass er ihn aufessen wollte, aber niemals in seinem gesamten Leben Aaron mit Pizza in Verbindung bringen würde.
      Er machte einen Schnelldurchlauf durch seine Gesichtspflege, Zähneputzen, Zahnseide und rieb sich für den extra Glanz eine winzige Portion Haaröl mit Rosenduft in die Haare und machte dann peinlich viele Halbdrehungen vor dem Spiegel, bevor er zum dritten Mal durch seine nun super weichen Haare kämmte und sich endlich aus dem Badezimmer traute. Er sah süß aus. Der weiße Pyjama mit den kleinen, roten Herzen war noch das gewisse Etwas. Wahrscheinlich würde er morgen Früh aufwachen und sich fragen, was das ganze Theater eigentlich gesollt hatte, aber er musste ja irgendwie mit seiner Nervosität umgehen. Er konnte einen Kerl, den er zum dritten Mal traf, nicht denken lassen, dass er irgendetwas anderes als ein Engel war, wenn er ins Bett ging. Und wenn Milo morgen aufwachte und ihn sah, hatte die Augencreme hoffentlich auch ihr Übriges getan, um den Glow aufrecht zu erhalten und Aaron nicht über Nacht zum Zombie zu machen. Eine Übernachtung am zweiten Date war echt irgendwie eine Tortur.
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    • Milo

      Milo hatte keine Ahnung, wie Aaron noch genug Energie finden konnte, um zu duschen. Er selbst wollte wirklich einfach nur noch schlafen. Er erklärte ihm kurz den Weg zum Bad im ersten Stock, bevor er selbst das kleinere Bad im Erdgeschoss nutzte. Früher war es das ganz normale Bad seiner Eltern gewesen. Jetzt war es mehr eine Zwischenlösung, wenn man die Treppen nicht hoch gehen wollte. Es hatte keine Badewanne, sondern nur eine Dusche in der Ecke und war ein wenig renovierungsbedürftig, so wie fast jeder Raum in diesem Haus. Das Schlafzimmer seiner Eltern war auch keine Ausnahme.
      Als Wyatt die Übernachtungsparty vorgeschlagen hatte, hatte Milo kurz überlegt, die Mädchen ins Elternschlafzimmer zu stecken. Irgendwie kam es ihm immer noch seltsam falsch vor, im Bett seiner Eltern zu liegen, aber er hatte es immer noch nicht über sich gebracht, die alten Möbel los zu werden und seinen eigenen Raum daraus zu machen. Vor allem, weil er keine Ahnung hatte, wie Wy reagieren würde, wenn er plötzlich anfing, die Sachen ihrer Eltern in den Sperrmüll zu werfen. Also hätte er einfach mit Aaron das Gästezimmer genommen. Die Zimmer doch zu tauschen war irgendwie eine Last-Minute-Entscheidung gewesen. Das Elternschlafzimmer lag im Erdgeschoss, also wäre die kleine Party ziemlich getrennt worden und Aaron und er hätten mit dem Lärm aus dem Nebenzimmer klar kommen müssen. So konnten sie zumindest schlafen, ohne von gelegentlichem Lachen wachgemacht zu werden. Wenn sie überhaupt schlafen konnten.
      Aaron sah wirklich niedlich aus, als er in seinem Schlafanzug zurück kam. Milo konnte nicht anders, als zu lächeln. Sein eigener Schlafanzug war mit seiner grün-blau-weiß karierten Hose und dem blauen Shirt im Vergleich furchtbar schlicht. Obwohl man gegen Aaron wahrscheinlich eh nur verlieren konnte. Der Mann hatte einfach eine Ausstrahlung, die man nicht überbieten konnte.
      "Du siehst niedlich aus", kommentierte er, während er Aaron eine Hand entgegenstreckte und ihn einmal um sich selbst drehte, um ihn am Ende in seine Arme zu ziehen. Das Material von seinem Schlafanzug fühlte sich angenehm weich unter seinen Fingern an."Nur schade, dass ich den Teddy-Schlafanzug jetzt nicht im Vergleich sehen kann. Vielleicht musst du einfach öfter hier übernachten." Er grinste ihm entgegen, bevor er realisierte, dass flirten vielleicht keine so gute Idee war, wenn sie sich irgendwie ein Bett teilen wollten, ohne, dass es seltsam werden würde.
      "Ich bin wirklich froh, dass bis jetzt alles so gut gelaufen ist", fuhr er also fort und ließ Aaron mit einem weiteren Kuss auf die Schläfe los. "Wenn sich bis morgen früh niemand übergibt, hab ich mein Ziel für die Party erreicht." Wenigstens würden sie es nicht hören, wenn sich oben jemand im Bad die Seele aus dem Laib würgen würde.
    • Aaron

      Sieg. Er ließ sich grinsend von Milo herumdrehen und legte sanft seine Arme um ihn. Es war fatal, dass jedes einzelne Wort aus Milos Mund ihm eine kleine Gänsehaut verpasste. Das hier fühlte sich langsam an, als würden sie zusammen wohnen und in ein paar Tagen heiraten, oder so. Flitterwochen-Feeling bekam er zumindest, auch wenn er sich die eher auf einer griechischen Insel vorstellte.
      "Nächstes Mal", stimmte Aaron schmunzelnd zu. "Ich kann Jude nicht ohne Hose lassen"
      Natürlich würde er nochmal hier übernachten. Oder Milo bei ihm. Er war zuversichtlich, dass das zwischen ihnen etwas festes wurde. Immerhin hatte Aaron schon jetzt keine Augen mehr für irgendjemand anderen. Da war es nur selbstverständlich, auch ganz selbstverständlich über zukünftige Übernachtungen zu reden, und Aaron würde mit Freude alle seine Pyjamas vorführen. Bis dahin versuchte er seinen Herzschlag wegen des kleines Kusses unter Kontrolle zu behalten. Und nicht zu sabbern, oder so. Die karierten Stoffhosen waren ein Klassiker. Seltsamerweise machten sie Männer, die sie trugen, noch zehn Mal heißer. Was natürlich Aarons subjektive Meinung sein könnte, aber er würde darauf wetten, dass nicht nur er das so sah. Und Milo sah zu gut aus. So gut, dass Aaron sich auf ihn werfen und erdrücken wollte. Aber diese freakige, ab und zu überwältigende Seite seiner Persönlichkeit steckte er noch ganz vorsichtig weg.
      "Sie haben alle ziemlich dicht gewirkt, als sie die Muffins geholt haben, aber so viel, wie sie alle gegessen haben, sollte das nicht lange anhalten. Hoffentlich haben sie zwischendurch auch mal Wasser getrunken", meinte er und setzte sich aufs Bett, bevor er seine Beine unter die Bettdecke schob. Er saß noch an die Wand gelehnt da und weigerte sich irgendwie, sofort zu schlafen. Man musste sich auf Übernachtungsparties doch gegenseitig in den Schlaf quatschen, oder? Auch wenn er selbst das Gefühl hatte, heute überwiegend nur noch Müll von sich geben zu können. Blöderweise hatte er auch nicht das Gefühl, jetzt einschlafen zu können. Wenn er wusste, dass Milo neben ihm lag. Und war es okay, sich wieder an ihn zu kuscheln? War das zu viel? Aaron konnte die Situation nicht ganz einschätzen. Er sah nur Milos sexy Pyjamahose und seine schokoladenfarbenen Arme und wie er sich neben ihn ins Bett legte und aussah, als wäre es ein Verbrechen, sich nicht an ihn zu kuscheln.
      "Ich hatte Spaß heute, mein Ziel für die Party ist also erreicht", sagte er leise und lächelte. "Ich frage mich, wie toll es wäre, mal mit dir in ein Restaurant zu gehen oder ins Kino. Irgendwohin, wo wir alles andere ausblenden können. Wenn ein Date auf einem Kindergeburtstag schon ein Erfolg war, und so…" Mitten in seinem Satz fiel Aaron auf, dass er ein Date erst dann vollen Erfolg nennen würde, wenn es einen Abschiedskuss gab. Gab es Abschiedsküsse auch ohne Abschied?
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    • Milo

      "Es freut mich, dass es dir gefallen hat. Ich hatte es mir deutlich stressiger vorgestellt, wenn ich ehrlich bin." Milo lächelte leicht, während er neben Aaron ins Bett rutschte und...nicht mehr so richtig wusste, was er machen sollte. Sie konnten unmöglich einfach das Licht ausmachen und schlafen. Wer wusste schon, wann sie nochmal Zeit haben würden, um sich zu sehen? Zumindest in naher Zukunft und nicht erst in ein paar Monaten. Sie mussten doch irgendwie jede Minute nutzen! Milo lehnte sich ebenfalls an die Wand, die Beine ein wenig angezogen.
      "Wir dürfen nicht vergessen, unsere Terminkalender nebeneinander zu legen, bevor du morgen wieder gehst", erinnerte er Aaron. Ob er ihn wieder an sich ziehen konnte? Sie hatten den ganzen Tag mit Kuscheln verbracht, also dürfte es eigentlich kein Problem sein, oder? Außerdem sah Aaron ebenfalls so aus, als ob er nur auf eine Gelegenheit warten würde, näher an ihn heran rutschen zu können. Milo gab sich einen Ruck und legte wieder seine Arme um den Blonden, um ihn an sich zu ziehen. Es war vollkommen irrational, dass sich das alles intimer anfühlte, als auf dem Sofa, einfach, weil sie jetzt auf einem Bett saßen, aber er konnte das Gefühl trotzdem nicht ganz unterdrücken.
      "Feierst du eigentlich deinen Geburtstag? Oder bist du eher so jemand, der das unter den Tisch fallen lässt?", fragte er und lehnte seinen Kopf gegen Aarons weiche Haare. Als er die Schlafoptionen durchgegangen war, hatte er darauf gehofft, dass sich das alles wie eine der Übernachtungsparty anfühlen würde, die man früher mit Freunden gehabt hatte und weniger wie ein Pärchen, das nach einem normalen Tag ins Bett ging. Es war ziemlich offensichtlich gewesen, in welche Richtung ihre Beziehung gehen würde, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er sich so schnell an Aaron gewöhnen würde. Sie hatten sich ja noch nicht mal richtig geküsst.
    • Aaron

      Das hier war vermutlich das Beste am Dating. Neben der Tatsache, dass man vielleicht jemanden gefunden hatte, mit dem man sein langweiliges Leben zu zweit verbringen konnte. Aber Aarons Lieblingsteil waren die Schmetterlinge im Bauch. Das nicht wissen, wie weit man gehen konnte und was die andere Person mochte oder was noch irgendwie akzeptabel war. Milo und er waren Profis darin, sich in seltsame, undefinierbare Situationen zu stürzen, zu denen man im Internet keinen Ratgeber finden würde. War es okay, am zweiten Date bei einem Kindergeburtstag im selben Bett zu schlafen und zu kuscheln? Bei sowas musste man wohl einfach irgendwie raten. Und auch wenn Aaron gerne erste Schritte machte, war er ziemlich froh, dass er das gerade nicht musste, sondern Milo einfach seine Gedanken las, oder so. Wobei er hoffentlich nicht alle Gedanken las, weil das ein wenig peinlich werden würde.
      Er rutschte näher an Milo heran, als er seinen Arm um ihn legte, und legte seine Hand auf Milos Oberschenkel, einfach weil er konnte, und weil die Karohose ihn ein bisschen wahnsinnig machte. "Mhm, ich feiere immer. Zu meinem 27. im Oktober haben wir eine Karaokebar gemietet. Ich hab ein paar Leute aus dem Studium eingeladen, Kollegen, Freunde und mein Bruder war auch da, wie immer. Es war lustig. Genug Leute um es tatsächlich als Party abzustempeln und am Ende haben alle nur noch schief gesungen. Ich glaube, weil meine Mum uns immer Geburtstagsparties geschmissen hat, ist das einfach geblieben. Wann hast du Geburtstag?", fragte er sanft und ließ seine Finger fast nebensächlich über den Stoff von Milos Hose tanzen. Es war verlockend, mitansehen zu können, wie sein Brustkorb sich mit jedem Atemzug hob und senkte und die Falten in seinem T-Shirt lebendig machte. Die Welt schien mal wieder still zu stehen, damit sie inmitten von dem ganzen Chaos ihre Ruhe haben konnten. Eigentlich müsste Aaron nur seinen Kopf drehen, um Milo endlich zu küssen, nachdem er sich seit ihrem ersten Treffen fragte, wie sich das wohl anfühlte. Ihm die Brille von der Nasenspitze nehmen und nichtmal Platz für Luft zwischen ihnen zu lassen. So schnell, wie Aarons Gedanken in eine noch intimere Richtung rasten, müsste er sich schon zurückhalten, damit es dabei blieb. Das war wahrscheinlich das Schicksal, das man erlitt, wenn man jemanden datete, den man nur angesprochen hatte, weil er heiß war. Und einen belasteten, müden Hundeblick draufhatte, der ihn noch heißer machte. Dass Milo so süß und zuvorkommend war, machte es nur deutlich schwerer, ihm fernzubleiben.
      "Lädst du mich zu deinem Geburtstag ein?", fragte er leise. Wann auch immer der war. Und wenn Milo nur alle paar Schaltjahre Geburtstag hatte, war es noch besser, weil sie nächsten Jahre zusammen bleiben mussten um seinen Geburtstag zusammen zu feiern. "Magst du Geschenke?" Aaron drehte seinen Kopf ganz leicht zu Milo, bis er den Rahmen seiner Brille sehen konnte.
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    • Milo

      "Ich hab am 24. Juni Geburtstag. Du kannst dir das schon mal im Kalender notieren", antwortete Milo, während er versuchte, sich nicht von Aarons Fingern an seinem Oberschenkel ablenken zu lassen, was verdammt schwer war. Wenn ihr Haus nicht voll mit Teenagern wäre, wüsste er genau, was er mit ihm anstellen würde. Er hatte seine eigene Wohnung noch nie so sehr vermisst, wie jetzt gerade.
      "Wenn du die Zeit dafür findest, lade ich dich generell auf alles ein, was mir so einfällt. Auch ohne Geschenk. Es reicht vollkommen, wenn du da bist, dafür ist mir jeder Vorwand recht", antwortete er ebenso leise, wie Aaron die Frage gestellt hatte. Er lächelte und zog mit den Fingern des Arms, den er um Aaron gelegt hatte, kleine Kreise über seine Rippen. Aaron würde ihn irgendwann ins Grab bringen. Er war berauschender als jede Droge mit einer furchtbar ansteckenden, optimistischen Ader. So viel Positivität konnte nicht gesund sein.
      Das Schlimmste an Aaron war, dass Milo ihn küssen wollte. Wenn das hier ein vollkommen normales Date in einem Kino, oder einem netten Restaurant wäre, hätte er es wahrscheinlich schon längst getan. Sie hatten schon den Punkt erreicht, an dem sie sich kleine Küsse auf die Wange gaben und wenn er jetzt nicht vollkommen falsch lag, sprach Aarons Körpersprache nicht unbedingt gegen mehr. Das einzige Problem bei der Sache war, dass Aaron bei einem normalen Date jederzeit nach Hause gehen konnte, wenn Milo sich doch geirrt haben sollte. Konnte er jetzt zwar auch, aber es wäre deutlich unangenehmer. Wahrscheinlich machte er sich viel zu viele Gedanken, aber er wollte Aaron wirklich nicht verlieren. Also blieb eigentlich nur der direkte Weg, nicht?
      Milo ließ Aaron los und setzte sich ein wenig auf, bevor er sich zu ihm lehnte, um ihm direkt ins Ohr flüstern zu können. "Darf ich dich küssen? Es ist nicht schlimm, wenn du nein sagst."
    • Aaron

      „Heh, das mache ich definitiv“, antwortete Aaron begeistert. Und es war süß, dass Milo ständig betonte, wie unglaublich gerne er Zeit mit ihm verbrachte. Dass er ihn mit jeder Ausrede zu irgendetwas einladen würde. Aber für einen Geburtstag brauchte man keine Ausrede und Aaron würde definitiv mit Geschenken kommen. Er liebte es, Geschenke zu machen. Einkaufen zu gehen, nur um sich bei jeder Sache zu fragen, ob es in seinem Umfeld jemandem gefallen könnte und die, die ihm am nächsten waren, am besten völlig überhäufen. Aaron mochte es viel lieber, anderen eine Freude zu machen, als selbst beschenkt zu werden, und er würde sich so einen Anlass niemals entgehen lassen. Vielleicht konnte er dem Ganzen auch einen persönlichen Touch verleihen und eine Karte basteln. Zugegeben, er war handwerklich alles andere als begabt und sehr gut zeichnen konnte er wirklich nicht, aber er hatte Glitzerstifte zuhause und Scheren, die in Mustern schnitten, und das würde reichen. Und mit Stickern konnte man sicher auch nichts falsch machen.
      Während Aaron innerlich schon Milos Geburtstagsgeschenk durchplante, weil er ja nur noch zwei Monate dafür Zeit hatte, überraschte Milos plötzliches Aufrichten ihn. Er lächelte ihn an, gedanklich noch bei der Heißklebepistole, die er irgendwo verlegt haben musste, und merkte dann, wie furchtbar leicht er eigentlich abzulenken war. Als Milo sich zu seinem Ohr neigte und flüsterte, konnte er im selben Moment spüren, wie sein Herz zu rasen begann. Oh, vor zwei Minuten hatte er noch über genau dasselbe nachgedacht, bevor er zu Bastelutensilien abgedriftet war. Ob Milo hören konnte, wie sein Herz hämmerte? Und wie sich unweigerlich sein Atem etwas beschleunigte?
      „Oh- JA“ Er hatte nicht vorgehabt, fast zu schreien, und sein erster Instinkt war, sich die Hand auf den Mund zu klatschen. Jetzt wollte er irgendwie lieber im Boden versinken. Den Enthusiasmus hätte er auch kurz runterschrauben können.
      Er sah Milo kurz etwas schockiert von sich selbst mit der Hand im Gesicht an, bevor er leicht lachen musste. „Mir fällt dafür gerade garkeine Verteidigung ein, sorry“, lachte er. Zu sagen, dass er den ganzen Tag schon ständig daran gedacht hatte, Milo zu küssen, machte es für ihn nur peinlicher, also musste er den Aufschrei wohl unkommentiert lassen.
      „Ähm… ich… fände das gut“, sagte er in einer akzeptableren Lautstärke und drehte sich etwas mehr zu Milo. Er legte ihm seine Hand in den Nacken, um ihn etwas zu sich zu ziehen.
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