The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Ezra

      "Ich hoffe, dass er im Moment einfach etwas überfordert ist und sich das alles noch einpendelt. Am Ende des Tages sind sie gerade immer noch bei zwei fremden Menschen in einem fremden Land, mit wenig Sprachkenntnissen. Würdest du da offen und frei mit ihnen reden?" Er warf Andrew einen kurzen Blick zu. "Gut, okay, ich schon, aber ich rede generell mit jedem gerne, also gilt das nicht. Vielleicht sollten wir ihm einfach noch etwas Zeit geben und ihn dann drauf ansprechen." Ezra lehnte sich an Andrew und sah zu Max, der wieder auf dem Sofa saß, diesmal mit einem der Kinderbücher in der Hand, die Niamh ihm mitgebracht hatte. Ezra ging zwar nicht davon aus, dass er schon lesen konnte, aber Max sah zumindest angestrengt so aus, als würde er es versuchen.
      "Ich glaube, er hat im Waisenhaus mit mir geredet", merkte er an. "Ich weiß nur wirklich nicht mehr was, oder auf welcher Sprache. Es ist immer noch alles ein bisschen durcheinander." Ezra wusste immer noch nicht so richtig, was er über seine bruchstückhaften Erinnerungen denken sollte. Einerseits war es bestimmt irgendwie gut, dass er sich nicht mehr im Detail an seinen Unfall erinnerte, andererseits wüsste er irgendwie schon gerne, was genau passiert war, einfach, um damit abschließen zu können.
      "Das Babyphone war eine gute Idee", merkte er nach einer kurzen Pause an. Wenigstens schien er nicht der einzige zu sein, der sich vielleicht ein bisschen zu sehr in die Kinder reinsteigerte. Obwohl Andrew immer ein bisschen übervorbereitet war und das wahrscheinlich nichts zu heißen hatte. Wenn er ihm morgen einen Hamster in die Hand drücken würde, wäre er spätestens gegen Nachmittag ein Hamster-Experte, aber das musste nicht bedeuten, dass er sich bis zum Ende seines Lebens um Hamster kümmern wollte.
      "Wir haben übrigens noch Reste um Kühlschrank, falls du noch Hunger hast. Max hat geholfen die Kartoffeln zu schälen." Er lächelte, während er sich seltsam stolz fühlte. Wenigstens hatte er Max dazu bekommen, sich ein wenig zu integrieren. Das mit dem Reden würde sich sicherlich schon von alleine ergeben. "Und wenn du willst, kannst du dich auch hinlegen und ich mache am Laptop für dich weiter. Ich war heute eh noch nicht sonderlich produktiv." Außerdem wollte er keine Gelegenheit auslassen, Andrew vielleicht doch noch zumindest ein bisschen auf die moralisch-fragwürdige Seite des Lebens zu ziehen, auch wenn es nur um Arbeitszeitbetrug ging.
    • Andrew

      So wirklich hatte Andrew wohl nicht darüber nachgedacht, weil er Niko als Maßstab genommen hatte. Aber das wäre wohl so, als würde man Ezra als Maßstab nehmen. Dämlich. „Ich würde an seiner Stelle auch mit keinem reden“, murmelte Andrew. Dass Ezra sich langsam an den Unfall zu erinnern begann und meinte, Max hätte mit ihm geredet, unterstrich nur, dass der Sechsjährige vermutlich absichtlich so tat, als würde er sie nicht verstehen. Irgendwie war das ja fast witzig. So leicht konnte man sich von einem kleinen Kind reinlegen lassen?
      „Denk nicht zu viel darüber nach, an manche Sachen will man sich nicht erinnern“, sagte er und gab Ezra einen Kuss auf die Wange, dann stand er auf. „Essen klingt gut, ich bin nicht richtig dazu gekommen, weil Elli quasi die ganze Mitarbeiterküche vollgespuckt hat, anstatt irgendetwas runterzuschlucken“ Andrew hatte Glück, dass Ezra das Babyphone nicht hinterfragte und sich allgemein mit der ganzen Situation sehr bereitwillig zufrieden gegeben hatte. Und in Momenten wie jetzt gerade, fiel Andrew auch auf, wie angenehm es war, sich nicht alleine mit all dem herumschlagen zu müssen. Es gab was zu essen und er konnte sich kurz hinlegen… Das klang wie ein Traum. Er konnte sich nicht erinnern, ob er die ganzen letzten zwei Wochen auch nur ein paar Minuten Pause gehabt hatte. Irgendwie hatte er die dauerhafte Verantwortung für alles gehabt.
      „Weißt du… Ich sollte zwar lernen, das ganze Zeug für Harald zu machen, aber du würdest mir echt einen Gefallen tun“, sagte er also ehrlich. „Ich esse was und leg mich dann zu den Kindern. Vielleicht kriegst du in der Zeit aus Max noch ein paar Interessen raus, die sich als Theme für die Schulsachen eignen“
      Er streckte sich und ging in die Küche, dann kam er mit dem aufgewärmten Essen zurück und sah sich mit den beiden die russische Dinosaurier-Doku an, die überraschend spannend war. Wenn er nicht so unglaublich müde wäre, wäre er wohl unabsichtlich noch sitzen geblieben und hätte sich das Ganze bis zum Ende mit Max angesehen. Er schaffte es dann aber trotzdem, sich loszureißen, schlüpfte in ein T-Shirt und eine Jogginghose von Ezra, die ihm etwas zu kurz war — er sollte sich mal eine eigene besorgen, jetzt wo er auf den Geschmack von Naps gekommen war — und stahl sich leise ins Schlafzimmer, wo er sich neben Niko aufs Bett legte. Noch perfekter wäre es, wenn Ezra auch bei ihm liegen würde, aber Andrew war dankbar, dass er sich um Max kümmerte und ihm eine Auszeit gab. Er wusste garnicht, wie er seine Energie die letzten Tage so lange aufrecht erhalten hatte.
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    • Ezra

      Er fühlte sich beinahe ein bisschen schlecht. Am liebsten hätte er Andrew viel mehr Arbeit abgenommen. Es musste hart sein, mit der Beförderung, den Kindern und einem angeschlagenen Freund klarzukommen, auch wenn sich Andrew außer der Müdigkeit nichts anmerken ließ. Wenn es möglich wäre, hätte Ezra ihr Leben einfach irgendwie pausiert, bis es ihm besser ging und sie zu zweit wieder in ihren alten Alltag zurückkehren könnten, wenn auch mit Kindern. Viel Arbeit machten die drei sowieso nicht - Elli war als Baby etwas fordernd, aber Niko schien sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen zu können und Max war so still, dass Ezra manchmal fürchtete, der Junge hätte sich einfach in Luft aufgelöst.
      War es eigentlich normal, dass Kinder so sehr an Dokumentationen klebten? Ezra selbst war in dem Alter deutlich lieber aktiv unterwegs gewesen, obwohl er wahrscheinlich lieber keine Rückschlüsse aus seiner eigenen verkorksten Kindheit ziehen sollte. Max wirkte auf jeden Fall absolut begeistert. Oder, naja, so begeistert, wie ein kleines, viel zu ernstes Kind eben aussehen konnte. Ezra nutzte den Rest der Doku, um seine eigenen Mails durchzugehen, bevor er sich, als der Abspann lief, zu Max drehte.
      “Max?” Ezra überlegte kurz, ob er sich einfach darauf verlassen sollte, dass er ihn tatsächlich verstand, entschied sich dann aber doch dafür, den Weg über die App zu gehen. Sicher war sicher und Max würde schon seine Gründe haben, nicht englisch reden zu wollen. “Wir wollen dir gleich schon mal ein paar Schulsachen kaufen gehen. Tasche und Mäppchen und so. Sollen wir nach irgendwas Ausschau halten, oder möchtest du gleich einfach auf das zeigen, was du willst?”
      Max sah ihm beinahe etwas panisch entgegen, bevor er zögernd auf den Fernseher deutete.
      “Dinos haben wir uns schon gemerkt”, interpretierte Ezra den Deut amüsiert.
      Max nickte kurz nachdenklich, bevor er mit den Schultern zuckte.
      “Aber für irgendwas musst du dich doch interessieren”, lenkte Ezra sanft ein, bevor ihm sein eigener Fehler auffiel. “Oh, warte. Ich suche einfach generell nach Dokus und du zeigst dann, was du magst, okay?”
      Der Blick, den er von Max zurück bekam, war äußerst kritisch. Trotzdem sah der Junge auf den Fernseher, als Ezra einfach generell nach Kinder-Dokus suchte. Für einen schrecklichen Moment dachte Ezra, dass Max einfach stur sitzen bleiben und starren würde, aber der Junge stand nach einem kurzen Zögern auf, um zum Fernseher zu gehen. Ezra schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass er nicht auf eines der furchtbar abstrakten Themen deuten würde - wie sollte man schon einen Schulranzen im Biologiethema finden? - und wurde offenbar erhört. Max deutete unsicher auf eine Doku, die kleine, gezeichnete Planeten im Vorschaubild hatte.
      “Weltall?”, schlussfolgerte Ezra mit einem Lächeln. Max nickte ein wenig unsicher. “Willst du die Doku sehen?” Das Nicken wurde deutlich energischer. “Okay.” Ezra musste ein kleines Lachen zurückhalten, während er die Doku startete und Max wieder neben ihm aufs Sofa kletterte. Wenigstens hatten sie jetzt schon mal zwei Themen, mit denen sie ihr kleines Sorgenkind irgendwie glücklich machen konnten. Ezra ließ den Jungen kurz alleine sitzen, um sich Stift und Zettel zu holen und sich zumindest kurz zu notieren, was sie noch für welches Kind brauchten. Vielleicht färbte Andrew in der Hinsicht doch langsam irgendwie auf ihn ab.
    • Andrew

      Niko und Elli waren wunderbare Wecker, die ihn nach einer Stunde aus dem Schlaf rissen, indem sie beide über ihn kletterten und irgendwann ein Fuß in Andrews Gesicht landete. Das war das Stichwort um aufzustehen. Andrew fühlte sich immernoch müde, vermutlich weil er jetzt schon seine To-Do-Liste wieder im Hinterkopf hatte. Er bräuchte wohl eher einen Urlaub statt Schlaf. Ein Gedanke, den er zuvor noch nie gehabt hatte.
      Andrew setzte sich auf. "Gut geschlafen?", fragte er Niko, der über seine Beine kugelte. "Wir gehen jetzt gleich für Max einkaufen" Als er den Namen seines Bruders hörte, sah Niko auf. "Mhm. Einkaufen, für die Schule. Vielleicht finden wir auch spontan was Nettes zum Anziehen, damit ihr nicht mehr alle zwei Tage die Kleidung rotieren müsst" Das Ende des Satzes murmelte Andrew eher zu sich selbst, während er aufstand und Elli mit ins Wohnzimmer nahm, wo Niko ihm gleich hinterher lief. Andrew gähnte beinahe gleichzeitig mit dem Kleinkind, als sie sich zu Ezra und Max aufs Sofa setzten.
      "Oho. Weltall?", fragte Andrew. "Kommt das auf die Interessenliste?" Listen waren wirklich in jedem Lebensszenario sehr praktisch. Andrew hatte ebenfalls auf seinem Handy bereits eine Ezra-Interessen-Liste, mit der er sich über den Antrag den Kopf zerbrach.
      "Hat er gesagt, dass er das anschauen will?", murmelte Andrew leise zu Ezra. Wenn Andrew es jemandem zutraute, ein introvertiertes, schweigsames Kind irgendwie zum Reden zu bringen, war es sein Freund. Er hatte im Prinzip nichts anderes bei Andrew selbst geschafft.
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    • Ezra

      Ezra nickte kurz bestätigend, als Andrew fragte, ob das Weltall zu Max’ Interessen zählte. Der Junge sah die ziemlich niedliche, kindgerecht aufbereitete Doku schweigend an und hatte nur ab und an auf den Fernseher gedeutet, wenn die Sonne, oder die Erde gezeigt war, was Ezra meist nur mit einem ‘Wow’ oder ‘Ziemlich cool, mhm?’ kommentiert hatte, in der Hoffnung, dass Max durch den Fingerzeig Begeisterung ausdrückte. Nicht, dass er sich auch nur für einen einzigen von Ezras Kommentaren interessiert hätte. Er ignorierte Andrew jetzt ebenfalls, deutete dafür aber Niko an, sich zu ihm zu setzen, wohl, um die Freuden des Universums mit ihm zu teilen.
      “Gesagt hat er es nicht direkt”, erklärte Ezra leise, während er etwas näher an Andrew heran rutschte. “Ich hab ihm eine Auswahl gegeben und einfach das angeklickt, auf das er gezeigt hat. Da er sich nicht beschwert hat, denke ich, dass es kein ‘Alles außer das’ Deut war, also…scheint er zumindest gewillt zu ein, irgendwie zu kommunizieren.” Er lehnte sich gegen Andrew, während er Max dabei zusah, wie er auf Niko einredete. Es tat gut, nach dem ganzen Schweigen seine Stimme zu hören. Wahrscheinlich fasste er ihm gerade zusammen, was er in der ersten Hälfte der Show verpasst hatte.
      “Wenn wir gleich einkaufen gehen, müssen wir mal schauen, ob wir eine Jogginghose für dich finden. Ich komme mir immer so klein vor, wenn du meine trägst. Außerdem sieht dein Hintern darin netter aus, als meiner und das finde ich unfair.” Ezra strich eine Strähne von Andrews Haar hinter sein Ohr und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. “Hat das Schlafen geholfen? Wir können das Einkaufen auch verschieben, wenn du willst.” Sie würden wohl beide ziemlich ramponiert aussehen, aber irgendwie missfiel ihm der Gedanke, irgendwas aufzuschieben, wenn es um die Kinder ging. Es würde wahrscheinlich nicht lange dauern, bis sie sie wieder abgeben müssten und er wollte nicht, dass er sich später Vorwürfe machte, weil sie irgendwas verpasst hatten.
      “Oh und wir müssen Ellis Bett noch zusammenbauen. Also…du musst. Ich bin ja leider gerade keine große Hilfe. Ich könnte höchstens Ada fragen, ob sie dir unter die Arme greift, aber dann musst du damit leben, dass sie sich in einer Tour über deine mangelnden handwerklerischen Fähigkeiten beschwert. Hat sie bei mir zumindest durchgehend gemacht. Das Regal da drüben ist unter strenger psychologischer Kriegsführung und haufenweisen Tränen entstanden.” Er nickte kurz zu seinem Bücherregal. Irgendwie würden sie den Tag schon rumbekommen, egal, was sie machten.
    • Andrew

      Andrew nickte. Dann mussten sie nach dem selben Zeige-System wohl auch beim Einkaufen gehen. Zumindest hatten sie schon eine ungefähre Richtung, nach der sie schauen konnten.
      Andrew schmunzelte. „Ich soll mir also eine Hose kaufen, in der mein Hintern schlecht aussieht, damit du dich besser fühlst?“, fragte Andrew. „Aber… mein Hintern ist dein Hintern. Sei doch dankbar“ Er küsste Ezra. Ah, am liebsten würde er sich jetzt quer über die Couch schmeißen und Ezra eng an sich ziehen. Aber alleine schon der gebrochene Arm stellte eine Kuschel-Hürde dar. Das Leben konnte so unfair sein.
      „Mir geht‘s gut“, versicherte Andrew. Und wichtiger war, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten, wenn es darum ging, diese Kinder auszustatten. Seine eigene Überzeugung, dass es ihm gut ging, schwand zwar etwas, als Ezra ihn an das Kinderbett erinnerte, aber er würde eins nach dem anderen schon hinbekommen. „Okay… gehen wir zuerst einkaufen, aber wir sollten nicht zu lange brauchen, damit ich genug Zeit hab um das Bett aufzubauen“ Andrew stand wieder auf, er hatte das Gefühl, seine Knie müssten langsam geölt werden. „Ich würde gerne nach ein paar Klamotten für die Kinder suchen, weil die Auswahl derzeit sehr mickrig ist“, murmelte er noch, bevor er Niko kurzerhand schnappte und damit anfing, dem Kleinen im Vorraum schonmal die Schuhe anzuziehen. „Schals und Hauben zum Beispiel“, rief Andrew dann noch, da ihm das nun spontan einfiel. „Und… alles andere“ Es gab eigene Kleidungsgeschäfte für Kinder, oder? Hoffentlich.
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    • Ezra

      "Wir müssten sie eigentlich generell einmal komplett neu einkleiden. Unterwäsche, Socken, Jacken, Schlafanzüge." Ezra seufzte kurz. Eigentlich würde das alles verdammt viel Spaß machen, wenn er nicht abschätzen müsste, wie lange er stehen konnte und wenn er beide Hände nutzen könnte. Kindersachen zu kaufen kam mit dem wundersamen kleinen Bonus, sich kleine Schuhe anzuschauen und irgendwie zu verarbeiten, dass man selbst mal klein genug gewesen war, um in sie hinein zu passen.
      Er prüfte kurz, wie lang die Dokumentation noch brauchte, bevor er Max für die letzten paar Minuten sitzen ließ und sich selbst anzog. Obwohl Max merklich von Niko abgelenkt war, der im Gegensatz zu ihm ja schon Schuhe anhatte. Es dauerte entsprechend nicht sonderlich lange, bis sie bereit waren, los zu gehen.
      Dadurch, dass sie etwas früher unterwegs waren, als die meisten anderen, war nicht allzuviel los. Sie hatten die generelle Stadtmitte gemieden und waren in einer der Einkaufsstraßen am Rand der Fußgängerzonen gelandet, bei der sich Ezra vage an ein Kaufhaus erinnern konnte, das sicher der richtige Startpunkt für Schulausrüstung war. Es war ihm einfacher vorgekommen, sich vorerst nur um Max zu kümmern und anschließend Kleidung für alle drei Kinder gleichzeitig zu suchen, obwohl er sich nicht mehr ganz so sicher war, ob er Recht hatte, als sie den Laden betraten. Max starrte unsicher in die Gänge und schien nicht sonderlich gewillt zu sein, sich überhaupt irgendwas auszusuchen. Er stand in einem sicheren Abstand - weit genug weg, um zu demonstrieren, dass er immer noch nicht mit ihnen reden wollte, aber nah genug, um seine Geschwister im Blick zu haben - vor ihnen und sah sich überfordert um, bis Ezra die kleine Distanz überbrückte und sich zu ihm runter lehnte.
      "Wir machen einen Schritt nach dem anderen, okay?", fragte er, während er ihm seine Hand anbot. "Sollen wir mit den Taschen anfangen?"
      Max ignorierte die angebotene Hand, nickte aber kurz, was...sämtliche Zweifel, dass er sie nicht verstand beiseite schob. Ezra lächelte leicht, bevor er in die Richtung der Taschen deutete. "Zeig einfach auf die, die du gut findest und dann suchen wir uns aus, welche davon die Beste ist."
      Es dauerte ein bisschen, bis Max sich mit der Idee anfreunden konnte, aber am Ende entschieden sie sich für einen dunkelgrünen Schulranzen mit hellgrünen Details, Dino-Fußabdrücken und einem Dino auf der Verschlusslasche, den Max nach kurzem Zögern als "Stegosaurus" identifizierte. Ezra hielt ihn fest und schickte Max zu den Stiftemäppchen, während er selbst wieder zu Andrew sah, der sich freiwillig um Elli und unfreiwillig um Niko kümmerte, der immer noch an ihm klebte, wie eine Klette.
      "Sollten wir uns Gedanken darüber machen, dass er den ganzen Tag nichts sagt und dann den Mund öffnet, um mich zu belehren, was für ein Dino das ist?", fragte Ezra scherzhaft. "Und ist es moralisch verwerflich, wenn er jetzt mit einem Mäppchen zurück kommt, auf dem Planeten drauf sind? Ich meine...Dinos sind immerhin von einem Kometen ausgelöscht worden. Muss man da irgendwie ethisch korrekt sein?" Er grinste leicht, während er dabei zusah, wie Max etwas enthusiastischer, als eben noch, durch die verschiedenen Mäppchen durchging, um das Perfekte zu finden. Ezra warf sich die Schultasche über die Schulter und griff nach Andrews freier Hand. "Soll ich dir Elli gleich mal abnehmen, oder geht es noch?"
    • Andrew

      Andrew war noch nie ein Fan von Shopping Centern gewesen. Zu viele Menschen, zu viel Zeug — teures Zeug — und deutlich zu viel Lärm. Er war ganz glücklich, das Ezra ihren Weg zu kennen schien, sodass Andrew, als wäre er ein weiteres, viertes Kind, einfach nur planlos hinterher laufen konnte. Elli hatte er in seiner wundersamen Babytrage um den Bauch gebunden und Niko hing an seiner Hand fest, auch wenn Andrew irgendwie kein Fan davon gewesen war, den Kinderwagen im Auto zu lassen. Aber Ezra konnte ihn nicht schieben und die zwei Kinder, für die er gedacht war, klebten sowieso lieber an Andrew und machten ihn großflächig bewegungsunfähig. Das war wieder eine dieser Situationen, die ihm furchtbar ungewohnt und unangenehm vorkamen. In der Öffentlichkeit mit Ezra und drei Kindern unterwegs zu sein und physisch davon so eingeschränkt zu sein, dass er eine plötzliche Messerattacke nicht abwehren könnte. Vielleicht dachte er in letzter Zeit auch zu viel über Messerattacken — oder andere Attacken aller Art nach. Unvertretbar oft, tatsächlich. Aber jetzt machte es ihn etwas nervös und Niko, der smehr hüpfte als ging, machte seine Sorgen nicht geringer, weil Andrew seine kleine Hand auf keinen Fall loslassen durfte, da er jede Sekunde Kopf voraus in die Fliesen hämmern würde.
      „Ah, schon okay“, sagte Andrew und lächelte nervös. „Du solltest nichts tragen. Ich würde dir ja die Schultasche abnehmen, aber… Oh, warte“ Andrew kontrollierte, ob Niko sicher auf zwei Beinen stand, bevor er Ezra den kleinen Dinosaurier-Rucksack abnahm und sich über eine Schulter hing, dann schnappte er sich wieder Nikos Hand. Perfekt, jetzt hatte er wenigstens einen kleinen Schutzpolster im Rücken, falls Niko ihn noch mit zu Boden riss.
      „Oh, sieht aus, als wäre dein Alptraum wahrgeworden“, sagte er kurzerhand, als er Max mit einem Federmäppchen zurücklaufen sah, auf dem das Sonnensystem abgebildet war. Gut, damit war sein Job mehr oder weniger erledigt und Andrew und Ezra waren an der Reihe, sich zu erinnern, was sie eigentlich früher alles gebraucht hatten, als sie in die Grundschule gegangen waren.
      „Gut, dann… Buntstifte, Bleistifte, Lineal, Klebstoff und sowas, hm?“, schlussfolgerte Andrew und ging bereits zum nächsten Regal. Eine Hand hatte er ja noch frei. Und dann war es so weit, Andrew spürte tatsächlich einen Ruck am rechten Arm, den er sofort hochzog und Niko damit beinahe unabsichtlich in die Luft hob. Naja, besser, als dass er auf dem Boden lag. „Ups, sorry“, sagte Andrew etwas verlegen und ließ den Jungen wieder sein Gleichgewicht finden. Gut, dass er sich nicht genug erschrocken hatte, um loszuweinen.
      „Ezra, ich brauch danach… fünf Minuten Pause, bevor wir zur Kleidung gehen, sonst setz ich mich auf den Boden und streike, weiterzuleben“, rutschte es ihm nun doch raus. Er konnte die leichte Verzweiflung in seinem Blick nicht verstecken.
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    • Ezra

      “Es gibt hier ein paar Cafés. Wir können gleich kurz Pause machen und was trinken, wenn du willst”, schlug Ezra mit einem mitfühlenden Lächeln vor. Wenn Max nicht so extrem an seinen Geschwistern hängen würde, hätte er ihn und Andrew am besten alleine losgeschickt - beide schienen ähnlich überfordert zu sein und hätten wenigstens einen ähnlichen ‘Umsehen/Ausruhen’ Rhythmus gehabt. Obwohl er sich selbst langsam auch setzen könnte.
      Ezra bemühte sich, die restlichen Einkäufe recht schnell durchzuziehen. Es folgten Stifte, ein Lineal und eine Kinderschere. Ezra übersprang Hefte und Schnellhefter - hier gab es sowieso keine große Auswahlmöglichkeit, also konnten sie diesen Job dem Waisenhaus überlassen - konnte sich aber nicht zurückhalten, einen kurzen Umweg durch die Bastelabteilung zu machen, um einen Farbmalkasten und einen Block mitzunehmen. Nach kurzer Rückfrage folgten noch ein paar Wachsmal- und Buntstifte, sowie je ein Ausmalbuch für Max und Niko, damit die beiden zuhause etwas zu tun hatten.
      Am Ende bestand Max mit einem fordernden Handzeichen darauf, seinen eigenen Rucksack zu tragen. Das Lächeln, das auf dem kleinen Kindergesicht erschien, als Andrew ihm die Tasche gab, war den Einkauf auf jeden Fall wert. Hoffentlich würde sich das Lächeln durch die Schulzeit durchziehen.

      “Okay”, setzte Ezra wenig später an, als sie alle an einem kleinen Ecktisch in einem der Cafés auf der Straße saßen. Eine Kellnerin, die auf den ersten Blick direkt vernarrt in Elli gewesen war, hatte ihnen einen Hochstuhl für das Baby rangeschoben. Ezra hatte Niko auf seinen Schoß gezogen, um Andrew etwas mehr Freiraum zu geben, während Max zwischen ihnen auf der cremefarbenen Eckbank saß.
      “Sollen wir gleich mit Elli anfangen, weil ihr eh egal ist, was sie anzieht und wir uns alles frei aussuchen können, oder fangen wir mit den Jungs an und stürzen uns direkt ins Chaos?” Ezra nahm Niko die Gabel aus der Hand, um ihm bei dem Stück Kuchen zu helfen, das vor ihm stand. “Und wie stehst du dazu, Geschwister gleich anzuziehen?”, fuhr er mit Blick auf Andrew fort. “Ich finde es irgendwie süß, aber ich weiß, dass Niamh und Caleb es damals gehasst haben. Was…zugegebenermaßen auch andere Gründe gehabt haben kann. Würdest du das gleiche anziehen, wie Niko?” Sein Blick glitt von Andrew zu Max, der stumm zurück starrte. Ezra seufzte, bevor er wieder zu Andrew aufsah. “Würdest du das als ‘nein’ interpretieren?”
    • Andrew

      Kaffee würde sich Andrew niemals entgehen lassen. Dazu ein Stück Kuchen und sein Energietank dürfte nach der kleinen Pause wieder voll sein. Max schien ebenfalls ganz zufrieden, dass sie sich hinsetzen konnten, weil er sich sein neues Federmäppchen jetzt umso genauer ansehen konnte. Gesprächiger war er aber nicht geworden.
      Andrew zuckte schmunzelnd mit den Schultern. "Vielleicht heißt es auch 'dazu hab ich keine Meinung', weil er Sechs ist und noch nie dasselbe anhatte, wie seine Geschwister?", schlug Andrew vor. Aber woher sollte er schon wissen, was in dem kleinen Kopf abging. "Mir ist es egal. Wenn du irgendetwas findest, dass es in allen Größen gibt, dann lass dich nicht aufhalten" Andrew hatte keine Geschwister und er hatte sich, vermutlich wie Max, nie eine Meinung dazu gebildet, ob er den Partnerlook als Kind gemocht hätte. Jetzt käme es ihm dämlich vor. Außer es wäre ein Jogginganzug, den er mit Ezra matchte. Dann war er wieder dafür.
      Andrew bestellte sich einen doppelten Espresso, weil er ihn dringend brauchte, und die Kinder bekamen Kakao und durften einen Kuchen teilen. Hauptsächlich deshalb teilen, weil Andrew befürchtete, dass sein Konto leer geräumt war, bevor sie die ganzen Klamotten eingekauft hatten. Er hob zwar alle Rechnungen auf, um sie später Harald unter die Nase zu halten, aber es wäre trotzdem nett, noch nicht ins Minus zu kommen.
      "Ich hab noch nie Babykleidung gekauft", gab Andrew zu. "Ich war für die ganzen Babyparties und so nie in Liverpool, darum hab ich die Kinder auch nie gesehen und für Babykleidung war's dann sowieso immer zu spät, weil die das Zeug anscheinend nur für ein paar Wochen tragen, bevor es wieder zu klein ist. Sag mal, habt ihr nicht von Liz irgendetwas aufgehoben, das Ada… zufällig herschenken wollen würde? Oder hängt sie sehr daran? Ich meine nur, weil es mir so verschwenderisch vorkommt, das ganze Prinzip von Babykleidung. Nicht, dass sie was dafür können, dass sie so schnell wachsen, aber… ist doch scheiße oder? Oh, äh… blöd, mein ich" Er nahm schnell einen Schluck von seinem Kaffee, als könnte das verbergen, dass er nicht gut darin war, auf seine Wortwahl zu achten.
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    • Ezra

      "Ich hatte sie schon gefragt, aber sie hat relativ viel in die Altkleiderkiste geworfen und den Rest umgenäht." Was Ezra nicht unbedingt störte. Er verstand, wo Andrews Gedankengang her kam und am Ende des Tages waren die drei eben nicht ihre Kinder und sie sollten wahrscheinlich nicht ihr ganzes Geld für sie ausgeben, aber...irgendwie wollte er trotzdem, dass Elli komplett neue, eigene Kleidung hatte. Das kleine Mädchen saß in ihrem Hochstuhl und war voll und ganz darauf konzentriert, eine Serviette zu zerpflücken. Ezra traf die plötzliche Erkenntnis, dass er sie nie wirklich hochheben und drücken könnte - sie würden die Kinder abgeben, bevor der Gips an seinem Arm abgenommen wurde. Eine Realisation, die furchtbar weh tat.
      Zum Glück entschied sich Niko in diesem Moment dafür, Ezra die Gabel zuzuschieben, wohl in der Absicht, dass Ezra ebenfalls den Kuchen probierte, was ihn aus seinen Gedanken zerrte. Weniger, weil er keinen Kuchen wollte und mehr, weil die Vorstellung, von Nikos angesabberter Gabel zu essen ihn wohl in seine Albträume verfolgen würde. Er presste die Lippen aufeinander und schüttelte mit einem "Mhm-mhm", das etwas panischer klang, als er beabsichtigt hatte, den Kopf. "Das ist alles für dich und Max. Ich will dir ja nichts wegessen", erklärte er, was ihm einen weiteren kritischen Blick von Max einbrachte. Niko schien sich zum Glück nicht weiter darüber beschweren zu wollen.
      "Wir könnten Ellis Kleidung einfach etwas zu groß holen", schlug er vor, während er sich wieder Andrew zuwandte. "Ada könnte Einnäher machen, dann müsste man nur die Nähe lösen, wenn sie älter wird und könnte die Sachen weiter nutzen. Hilft uns zwar jetzt nicht so, aber...Umwelt und so." Er zuckte kurz mit den Schultern. "Aber wenn wir heute alles schaffen, können wir morgen einfach zuhause hängen und nichts tun. Abgesehen von deinem Homeoffice, natürlich. Vielleicht können wir uns mal am Kochen versuchen." Das hatten sie sich verdient, oder? Gut, Ezra vielleicht nicht, er hatte die letzten Tage nichts anderes getan, als rumzuliegen, aber Andrew und die Kinder konnten einen Tag voller nichts-tun bestimmt gut vertragen. Und wenn es zu laut wurde, konnte er Max und Niko immer noch mit zum nächsten Spielplatz nehmen, damit Andrew zumindest ein bisschen Ruhe hatte.
    • Andrew

      Andrew nickte nachdenklich. "Das klingt gut. Aber bist du sicher, dass sie sich die Mühe machen will? Ich hab das Gefühl, Ada kann mich noch immer nicht wirklich leiden und irgendwie… hab ich die Kinder ja mitgebracht. Auch wenn sie ihre Abneigung gegen mich sicher nicht an Kindern auslassen würde" Zumindest dachte Andrew das. Irgendwie konnte er sie absolut nicht einschätzen. "Aber, naja, wir können auch einfach mal sehen, wie weit wir mit meiner Kreditkarte kommen und dann bekomme ich Ende des Jahres bestimmt eh alles wieder zurück. Vielleicht sind da mehr Outfits in unterschiedlichen Größen drin, als wir denken" So eine richtige Vorstellung davon, was Kinderkleidung kostete, hatte er ja nicht, aber er war sich sicher, dass sie teuer war. So wie alles teuer war, das man dringend brauchte.
      Andrew nahm eine Serviette und beugte sich über den Tisch, um Niko den Kuchen aus dem Gesicht zu wischen. Er schien mit der Gabel irgendwie nur bei jedem zweiten Bissen zu treffen. Wie aufs Stichwort schmiss Elli den kleinen Becher mit Milch um. Andrew stieß ein kleines gestresstes Seufzen aus, bevor er die Serviette direkt auf den Hochstuhl legte, um die Milch aufzusaugen, die aber bereits auf den Boden tropfte. "Okay, also wir fangen wir definitiv mit der Babykleidung an", stellte er fest und wischte Elli mit Max Serviette über ihren Pullover, womit er nun alle vorhandenen Servietten aufgebraucht hatte. Super.

      Der Rest der kleinen Pause verlief dank der netten Kellnerin ganz ruhig, und Ezra und er hatten Zeit, um sich nochmal durch den Kopf gehen zu lassen, was sie als erstes kaufen sollten. Das Wichtigste hatte Vorrang, also Unterwäsche, T-Shirts, Pullover und ein Haufen Zeug für Elli, das sie warm hielt. Es war noch deutlich zu kalt draußen, um den Kindern keine Wintersachen mehr anzudrehen. Außerdem… Schuhe. Die zwei schäbigen Garnituren, die jedes Kind bekommen hatte, war aus Fundsachen zusammengestellt worden und mehr schlecht als recht.
      Als sie in der ersten Kinderabteilung ankamen, war Andrew kurz überfordert. Kindergrößen waren… anders. Er konnte sich nicht mehr richtig erinnern, was zu welchem Alter passen könnte, also musste er auf Ezras Augenmaß hoffen. Abgesehen von dem Stress, immer nach der richtigen Kleidergröße suchen zu müssen, war Andrew allerdings nur gedankenverloren dabei, die winzig kleinen Pyjama Sets anzusehen, die quasi das unwichtigste waren, dass er sich ansehen konnte. Aber sie waren einfach so… klein. Und die passenden Socken? So groß wie sein Daumen. Dafür, dass Elli so klein war und schrecklich zerbrechlich aussah, hatte sie schon ziemlich viel überlebt.
      Andrew versuchte sich von dem hellbraunen Pyjama mit kleinen, plüschigen Bärchen loszureißen, nur damit ihm leuchtend grüne Schuhe mit Froschaugen auffielen, und er schon wieder viel zu lange an etwas viel zu unwichtigem fest hing.
      "Glaubst du, die Schuhe passen?", fragte er unschuldig und drehte sich mit dem Paar zu Ezra herum. Er sollte vermutlich nicht einfach aussuchen, was ihm gefiel, sondern was praktisch war. Vor allem, weil er es sowieso… nicht mehr lange zu Gesicht bekommen würde… Aber er konnte sich einfach nicht davon abbringen.
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    • Ezra

      "Ach, sie kann dich sehr wohl leiden. Das bildest du dir ein", beschwichtigte Ezra, selbst wenig überzeugt. Ada war ein dermaßen fester Bestandteil in seinem Leben, dass er ab und an vollkommen verdrängte, wie kühl sie sein konnte, wenn sie wollte. Obwohl sie wahrscheinlich die letzte war, die irgendjemanden wegen Kindern verurteilen würde. "Sie- Oh." Ezra reichte Andrew die letzte Serviette, als Elli erfolgreich ihre Milch umstieß. Jepp. Sein Freund hatte sich definitiv einen sorgenfreien Tag verdient.

      Kleidung für Kinder zu kaufen war definitiv anstrengender, als er es in Erinnerung gehabt hatte. Bei Elli konnten sie noch ungefähr nach den Monatsangaben gehen und schlicht das kaufen, was ihnen gefiel, weil sie sich eh nicht wehren konnte, aber spätestens wenn Max und Niko an der Reihe wären, war das Chaos vorprogrammiert. Ezra hielt sich den freien Tag morgen vor Augen, während er die Strampler für Elli durchforstete, Niko immer irgendwie am Rande seines Blickfelds.
      Er machte erst eine kurze Pause, als Andrew ihn ansprach und ihm ein unfassbar niedliches Schuhpaar entgegenhielt, was er ihm irgendwie nicht zugetraut hatte. "Wir können ausprobieren, ob sie passen und wenn ja, nehmen wir sie mit", schlug Ezra vor, bemüht, nicht allzu begeistert zu klingen. Er reichte die übrigen Babyklamotten zum Festhalten an Andrew weiter, strich Elli kurz durch die Haare und flüsterte ihr ein leises "Du wirst das modischste Baby überhaupt" zu, bevor er erst ihr einen Kuss auf den Kopf drückte, und dann Andrew einen auf die Lippen. "Melde dich, wenn es zu viel wird, okay?", bat er nochmal eindringlich, bevor sie sich zurück in den Klamotten-Kampf stürzten.
      Er entschied sich am Ende gegen passende Outfits für Max und Niko, größtenteils, weil die beiden Jungs zu vollkommen unterschiedlichen Shirts und Hosen tendierten. Niko schien generell von allem angezogen zu werden, was irgendwie bunt und grell war, während Max keiner wirklich festen Logik zu folgen schien. Er starrte die Kleidung größtenteils einfach an, bevor irgendwas in seinem Kopf zu klicken schien und er nach seiner Größe suchte. Ezra musste zwei Vetos einlegen, aber die restliche Kleidung, die der Junge sich aussuchte, war relativ okay. Max sah furchtbar erleichtert aus, als Ezra ihm sagte, dass er mit Kleidung durch wäre und drehte sich sofort um, um sich an Andrews Jackenzipfel zu klammern. Sie mussten den armen Jungen ziemlich geschafft haben, wenn er schon von sich aus Nähe suchte, was Ezra dazu veranlasste, Niko ein wenig zur Eile zu ermahnen.
      Am Ende war er überraschend zufrieden mit ihrer Auswahl. Es gab immer noch ein-zwei Shirts, die er gerne noch mitgenommen hätte, aber Andrew hatte wahrscheinlich recht dabei, dass sie ihre Finanzen etwas im Blick behalten sollten. Max hatte irgendwann wieder darauf bestanden, seine Sachen selbst zu tragen, weshalb Ezra ihn ein wenig vor sich her schob, als sie die Kasse ansteuerten.
      Der Kassierer war noch ein Teenager, unmöglich älter als 18. Er stand relativ gelangweilt hinter das Kasse, bemühte sich allerdings um ein einigermaßen freundliches Lächeln und ein "Hallo", als sie näher kamen und sah zu Max, als er sich auf die Zehenspitzen stellte, um seine Kleidung auf den Tresen zu hieven. "Ist das alles für dich?", fragte der Teenager, während er die Kleidung an sich heran zog und begann, sie zu scannen.
      Max sah dem Kassierer stumm entgegen. Ezra seufzte kurz. "Sorry. Das liegt nicht an Ihnen. Er redet nicht viel. Eigentlich gar nicht."
      Der Kassierer, der laut dem etwas zerkratzten Namensschild an seinem dunklen Pullover wohl 'Lucas' hieß, zuckte kurz mit den Schultern. "Das ist okay. Mein Bruder ist taubstumm, der redet auch nie mit mir", antwortete er so trocken, dass Ezras Mundwinkel kurz ungewollt nach oben zuckten. "Gebärdensprache?", fragte Lucas mit einem kleinen Zeichen, das Max wenig überraschend mit weiterem Starren beantwortete.
      "Nein", antwortete Ezra für ihn und legte die restlichen Kleider auf den Tresen. "Aber das wäre eine ziemlich gute Überlegung", schob er mit Blick auf Max hinterher. Wenigstens würde das klären, ob er einfach ungerne sprach, oder spezifisch nicht mit ihnen reden wollte.
      Lucas stieß ein kleines, neutrales "Mhm" aus, womit die Konversation für ihn offenbar auch beendet war. Dafür sah er unfassbar erleichtert aus, als Ezra Andrew zum Bezahlen nach vorne schickte. Er wollte nicht wissen, wie viele Familien der junge Mann erlebte, die ihren Kindern aus Niedlichkeit heraus das Geld in die Hand drückten und sie 'zahlen ließen', vollkommen ungeachtet der Schlange, die sich hinter ihnen bildete, wenn die Kinder sich nicht trauten, das Geld wieder abzugeben.
      Sie wünschten sich gegenseitig einen schönen Tag, bevor Ezra die anderen endlich wieder mit nach draußen zog. "Denkst du, es gibt Dokus über Gebärdensprache?", fragte Ezra, während er sich bei Andrew unterhakte. Max ging ein paar Schritte vor ihnen, seinen Rucksack auf dem Rücken und Niko an der Hand. "Es ist einen Versuch wert, oder?"
    • Andrew

      Max Geschmack bei Kleidung amüsierte Andrew mit jedem Stück, dass er mitnehmen wollte. Gedeckte Farben, teilweise völlig neutral ohne Aufdruck, mal irgendetwas mit Streifen oder einem Dinosaurier drauf, aber es war untypisch für ein Kind, so einen guten Geschmack zu haben. Zumindest fand Andrew das. Niko dagegen schien sich nicht wirklich für Farbschemen zu interessieren, sondern wollte alles, das bunt und bestmöglich nicht zu kombinieren war. Wie konnten die zwei so unterschiedlich sein? War es das Alter? Irgendwie wollte Andrew wissen, in welche Richtung Elli später eher neigen würde. Jetzt hatte sie ja keine Meinung zu Klamotten, aber irgendwann… Aber das würden sie wohl nie erfahren, was?
      Andrew ignorierte das Gefühl der Unzufriedenheit mit dieser Antwort und beschloss, für seinen eigenen Seelenfrieden, dass sie bestimmt eine Mischung aus ihren Brüdern wäre. Das machte Sinn.
      Sie bezahlten und als sie endlich wieder auf dem Weg zum Auto waren, könnte Andrew fast losheulen. Er würde nie ein Fan von Shopping Trips werden.
      „Gebärdensprache? Vielleicht. Aber denkst du, er will noch eine Sprache lernen?“, fragte Andrew skeptisch. Außerdem gab es russische und englische Gebärdensprache. Es war wohl klar, dass es die englische werden müsste, aber war es nicht irgendwie ätzend für die Kinder, wenn sie ihre Muttersprache irgendwann völlig verlernen würden? In der Schule gab es nicht einfach so Russisch Unterricht und Andrew bezweifelte, dass sich ein Waisenhaus die Mühe machen würde, Fremdsprachen zu fördern. Wenn es nach ihm ginge, würde er selbst Russisch lernen, bis Max Englisch reden wollte. Aber… ein paar Tage reichten definitiv nicht aus, um eine ganze Sprache zu lernen und es ging ja schließlich nicht nach ihm. Es ging nicht nach ihm.
      „Denkst du, im Waisenhaus kann jemand Gebärdensprache?“, murmelte Andrew deprimiert. Das war alles wirklicht nicht fair. Warum hatte die Psychotante genau ein Waisenhaus überfallen müssen? Wie herzlos konnte man nur sein? Zugegeben, Andrew hatte Kinder bis vor einer Weile genauso wie jeden anderen Menschen betrachtet. Aber jetzt… es war unfair. Kinder hatten überhaupt keine Macht über die Entscheidungen, die ihr Leben betrafen.
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    • Ezra

      “Besser so, als wenn er weiterhin auf alles zeigt und man irgendwie interpretieren muss, was er will.” Am besten wäre es natürlich, wenn Max einfach anfangen würde, mit ihnen zu reden, egal, auf welcher Sprache, aber Ezra hatte nicht das Gefühl, dass sie diesen Meilenstein noch erreichen würden, bevor sie die Kinder abgeben mussten.
      “Ich denke doch, dass es mindestens immer eine Person geben wird, die Gebärdensprache beherrscht, oder? Es kann ja eigentlich immer sein, dass ein hörgeschädigtes Kind im Heim landet.” Oder gab es in solchen Fällen gesonderte Heime? Müssten die drei doch getrennt werden? Nein. Max würde schon den Mund aufmachen, bevor man ihn irgendwie von Niko und Elli trennen konnte. Wäre es sehr unmoralisch, ihm zu sagen, dass es manchmal okay war, Menschen zu beißen, wenn er dafür mit seinen Geschwistern zusammenbleiben konnte? Aber er wollte gar nicht weiter darüber nachdenken. Sie hatten eh keinen Einfluss mehr darauf, was passieren würde, sobald die Kinder weg waren. Was direkt neue Ängste heraufbeschwor, die er direkt unterdrückte, um sich stattdessen einem seiner liebsten Hobbys zuzuwenden.
      "Bist du eigentlich sicher, dass dich niemand angeflirtet hat? Wenn du Elli trägst siehst du direkt so kompetent, aber trotzdem nahbar aus. Ich glaube, wenn du sie bei einer unserer Verfolgungsjagden dabei gehabt hättest, wäre ich direkt stehen geblieben um dir klar zu machen, dass die Flirts ernst gemeint sind." Er grinste, während er Andrews Arm los ließ, um stattdessen nach seiner Hand zu greifen. "Das hätte ich schon mal fast gemacht, als ich uns damals versehentlich in diesen Pool reingezogen habe, falls du dich erinnerst. Da sahst du plötzlich auch so super heiß und einfach menschlich aus, dass ich fast freiwillig stehen geblieben wäre. Und dann hast du versucht, mich zu ertränken, wenn ich mich richtig erinnere." Er seufzte kurz theatralisch, während er ihre Arme leicht vor und zurück schwang. "Irgendwie schwer zu glauben, dass das alles passiert ist."
    • Andrew

      „Schwer zu glauben, weil du dir das einbildest. Ich hab definitiv nicht versucht dich zu ertränken, sondern dich festzunehmen, aber irgendwie muss man dich ja mal ruhigstellen. Ohnmacht war mein letzter Ausweg. Aber überlebt hättest du es trotzdem“, widersprach Andrew. Dann lächelte er und küsste Ezras Wange im Gehen. Elli schrie begeistert auf, als Andrew sich zur Seite beugte. Sie schien genauso glücklich über die Babytrage zu sein, wie Ezra es war, auch wenn Andrew sich fragte, ob Ezra sich vielleicht zu viele Hoffnungen machte, Andrew nochmal mit einem Baby zu sehen. Es war ein wenig verrückt, was für eine Wendung sie gemacht hatten. Aber… machte Ezra sich wirklich zu viele Hoffnungen? In den letzten zwei Wochen waren ihm die Kinder viel zu sehr ans Herz gewachsen. Er hatte immernoch das Gefühl, völlig ungeeignet als Erziehungsberechtiger von irgendjemand oder irgendetwas zu sein, ob er äußerlich nun kompetent wirkte, oder nicht. Nur weil die drei noch lebten, hieß das nicht, dass Andrew alles richtig machte. Aber… zumindest musste er sich eingestehen, dass man sich durchaus daran gewöhnen konnte, sich um Kinder zu kümmern, und dass der ganze Stress und das ganze Geld es irgendwie wert waren, wenn man dafür sah, dass sie glücklich waren. Dass das wirklich eine Belohnung sein konnte, war Andrew vorher nicht in den Sinn gekommen. Mal musste wohl erstmal selbst für ein Kind verantwortlich sein, um das zu erleben. Vielleicht konnte er sich mit dem Gedanken an Kinder doch irgendwann anfreunden. Zumindest, solange Ezra da war. Ohne ihn würde Andrew sich das alles nie zutrauen.
      Aber… ob alle Kinder so waren, wie die hier? Vielleicht würde Andrew mit anderen Kindern garnicht so gut zurecht kommen. Vielleicht… brauchte das alles noch deutlich mehr Überlegung. Er durfte Ezra jedenfalls keine Hoffnungen machen, wenn er ihn dann enttäuschen musste.
      „Ich bin mir relativ sicher, dass ich nicht angeflirtet wurde, aber es ist nie zu spät für dich, noch ein paar schlechte Anmachsprüche rauszuhauen“, erwiderte er schmunzelnd. Andrew platzierte alle Kinder in ihren Kindersitzen, bevor er zu Ezra ins Auto stieg. „Apropos Flirten. Da wir jetzt ein Kinderbett haben… Naja, ich muss es noch aufbauen. Aber das heißt, wir könnten… rein theoretisch das Bett für uns haben, oder? Zumindest solange, bis jemand einen Alptraum hat oder jemand Hunger hat oder… einfach zu schreien beginnt. Elli“, begann er vorsichtig. Aussprechen, was er damit sagen wollte, traute er sich nun nicht mehr so ganz, seit er wusste, dass Max sehr wohl verstand, was sie sagten. Und selbst wenn, Ezras Arm war immernoch gebrochen. Okay, das sollte kein großes Hindernis darstellen. Aber… okay, vielleicht sollte Andrew sich einfach mal kurz einkriegen, schließlich waren sie nur etwa zwei Wochen gezwungen gewesen, so zu tun, als wären sie beste Freunde oder sowas.
      „Ah… vergiss das, auf irgendeinem der Medikamenten-Beipackzettel steht sicher drauf ‚do not exercise‘“, murmelte Andrew und fuhr aus der Tiefgarage. So schnell konnte er seine eigenen Träume vernichten.
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    • Ezra

      Diesmal war Ezra wohl an der Reihe, ein wenig zu starren. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, aber trotzdem überraschend sprachlos lehnte er sich zu Andrew rüber, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken, bevor er sich zu sehr auf die Straße konzentrieren musste. "Wir können auch einfach schauen, wie weit wir gehen können und ich melde mich einfach, wenn es nicht mehr geht. Kommunikation. Wie bei normalen Menschen halt." Er lehnte sich ein bisschen nach vorne, damit Andrew seinen amüsierten Blick auf jeden Fall zumindest im Augenwinkel sehen konnte. Irgendwie hatte er mit allem gerechnet, außer...dem hier. Er war davon ausgegangen, dass Andrew sich genötigt fühlen würde, ihn die nächsten Wochen wie ein Porzellanpüppchen zu behandeln und nur mit Samthandschuhen anzufassen. Aber momentan tat ihm eh alles weh, also könnte er dabei wenigstens ein bisschen Spaß haben. Was er Andrew eindeutig nicht sagen würde, weil das wahrscheinlich das schlimmste Argument für Sex überhaupt wäre.
      "Ich würde dir wirklich gerne beim Aufbauen helfen", lenkte er das Gespräch zurück zu einem deutlich kinderfreundlicherem Thema. "Ich mache sowas eigentlich echt gerne, wenn Ada mich nicht dabei anschnauzt, aber ich glaube, ich kann höchstens mal was festhalten, oder eine Schraube reindrehen." Er lehnte sich wieder auf seinem Sitz zurück. "Aber ich feuer dich an. Oder beschäftige Niko etwas in der Zeit. Oder wir machen beides. Denkst du, Niko schafft es zu verstehen, was eine La-Ola-Welle ist?" Er hob seine Arme ein bisschen hoch, um zu demonstrieren, was er meinte, bevor er wieder realisierte, dass er nur einen Arm nutzen konnte. "Oh. Warte. Ich glaube, wir müssen einfach...klatschen kann ich auch nicht. Warum braucht man zum anfeuern immer seine Hände? Das ist doch super nervig." Er sah kurz über seine Schulter zurück zu den Kindern, die wieder verdächtig ruhig waren.
      Max hatte seinen Rucksack an sich gedrückt, als ob er ein Stofftier wäre. Niko hatte die Augen zu und schlief, während Elli ihre kleinen Ärmchen von sich streckte, um nach irgendwas zu greifen, was außer ihr wohl niemand sehen konnte. Es war ein süßer Anblick. Entweder hatten sie massives Glück mit den dreien, oder Liz war einfach ein extrem hyperaktives Kind. Mit ihr war nie Ruhe aufgekommen.
      "Warst du ein lautes Kind?", Ezra sah wieder zu Andrew. "Falls deine Eltern je mit dir über deine Kindheit geredet haben. Irgendwie gehe ich immer davon aus, dass du schon mit der Heldenuniform geboren worden bist."
    • Andrew

      Oh. Andrew wagte noch einen überraschten Blick zu Ezra, bevor er das Auto um die nächste Straßenecke lenkte. Dann war die Idee… also doch nicht so blöd gewesen. „Okay“, sagte Andrew und presste die Lippen aufeinander, um ein Grinsen zu verstecken, weil er nicht wie ein übereifriger Teenager rüberkommen wollte. Er hatte sich eben noch selbst dafür verurteilt, den Vorschlag gemacht zu haben. Hoffentlich traute Ezra sich auch nicht zu viel zu, aber er musste sich ja nicht notwendigerweise viel bewegen…
      „Solange du auch wirklich sagst, wenn es nicht geht“, musste er noch hinterher schmeißen. Nur zur Sicherheit. Wenn Sex der Grund war, wieso Ezra nochmal im Krankenhaus landete, hatten sie definitiv was falsch gemacht.
      „Du kannst übrigens schnippen, das macht man beim Poetry Slam“, sagte er. „Also, statt zu klatschen. Frag mich nicht, wieso ich das weiß“ Man hatte ihn für ein erstes Date mal zu einem Poetry Slam Auftritt geschleppt. „Aber das Aufbauen wird schon klappen, einer Anleitung kann ich auch alleine folgen. Du kannst mir die Schrauben sortieren, oder so. Oder Max sagen, er soll die Schrauben sortieren“ Seltsamerweise hatte Andrew das Gefühl, dass das der perfekte Job für den Sechsjährigen war.
      Er überlegte kurz, als Ezra fragte, wie er selbst als Kind gewesen war. Es gab ein Fotoalbum, das er zuhause hatte, und ein paar Aufnahmen, die er damals vom Computer seines Vaters auf einen USB Stick heruntergezogen hatte. Und sie hatten manchmal mit ihm darüber geredet, wie er als Kind war, aber hauptsächlich wenn sie damit vor Freunden angeben mussten, wie brav er gewesen war.
      „Meine Mutter hat gern damit angegeben, dass ich sehr ruhig war, aber mein Vater hat sich oft beschwert, dass ich nicht darauf höre, was man mir sagt“, erzählte er. „Ich weiß nicht, was man sich daraus vorstellen kann. Vermutlich war ich einfach brav, solange es einigermaßen nach mir ging. Das zieht sich ja irgendwie durch mein Leben“ Er lächelte. „Ich kann mir vorstellen, dass du auch schwer zu kontrollieren warst“ Eine Mutmaßung, aber Ezra konnte unmöglich ein schweigsames, entspanntes Kind gewesen sein.
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    • Ezra

      Ja, so ungefähr hatte er sich Kind-Andrew vorgestellt. Wahrscheinlich ein wenig wie Max, nur nicht ganz so extrem abweisend. Bei der Gegenfrage legte Ezra dramatisch seine Hand auf seine Brust. "Entschuldigung? Ich war, und bin noch immer, ein kleiner Engel!" Er hielt die Pose ungefähr zwei Sekunden, bevor er selbst lachen musste. "Okay, nein, nicht ganz. Aber ich glaube, ich war tatsächlich weitaus einfacher zu kontrollieren, als du es dir vorstellst. Ich hab meine Eltern selten hinterfragt. Sie hatten das Talent, jeden kleine Kleinigkeit, vom Diebstahl bis zum Zähneputzen, irgendwie zu einem Spiel zu machen und das fand ich super. Ich glaube, ich war ein ziemlich aktives Kind und genau das hatten sie gebraucht. Wenn ich mich mit jemandem angelegt habe, dann meistens nur mit Niamh oder Caleb. Hin und wieder mit Molly, aber die war eh jünger als ich und musste nach Geschwisterregeln das machen, was ich sage, also hat sich das in Grenzen gehalten." Er musste bei der Erinnerung selbst ein wenig Lächeln. Es war nicht alles schlecht gewesen. Nur...das meiste, irgendwie. Aber auch nur rückblickend, was...nichts einfacher machte.
      "Aber ich hab wohl schon als Kleinkind die ganze Zeit vor mich her geredet. Das scheint also angeboren zu sein. Außerdem wollte meine Mom unbedingt einen Jungen haben, also konnte ich sowieso nichts falsch machen." Was er selten bewusst ausgenutzt hatte, auch wenn er nicht behaupten konnte, nie eine gewisse Sonderbehandlung bemerkt zu haben. Sie war immerhin Anlass der meisten Streitigkeiten mit Caleb gewesen. Das und die Tatsache, dass sein Bruder irgendwann dazu übergegangen war, sich ungefragt an seinem Kleiderschrank zu bedienen, was deutlich schlimmer gewesen war, als passende Geschwister-Outfits zu kaufen.
      "Obwohl ich meinen Eltern wahrscheinlich dankbar sein sollte. Stell dir vor, ich wäre vollkommen normal. Dann hätten wir uns ja nie kennen gelernt. Oder ich hätte mir irgendwas ausdenken müssen, damit du jede Woche in den selben Club kommst, bis du endlich einsiehst, dass ich auf dich stehe, oder so. Das wäre richtig anstrengend gewesen."
    • Andrew

      „Du hättest mich auch einfach mal auf einen Kaffee einladen können, das wäre schneller“, fügte Andrew hinzu. „Aber wahrscheinlich hätte ich dann sowieso zu viel zu tun gehabt für ein zweites Date. Ich glaube dein Geflirte hätte mich auch abgeschreckt, wenn ich dich nicht gezwungenermaßen näher kennengelernt hätte“ Andrew warf Ezra ein kleines Lächeln zu. Er meinte es nicht böse. Die Chancen, dass sie hier ankamen, wo sie jetzt waren, waren nur so astronomisch gering gewesen. Es war wirklich witzig. Wenn etwas bestimmt war, musste es wohl trotz milliarden Hürden so kommen.
      „Ich finde es übrigens bedenklich, dass ein Diebstahl für dich in dieselbe Kleinigkeiten-Kategorie fällt, wie Zähneputzen, aber ich tu so, als hätte ich das nicht gehört, bevor ich dir einen Vortrag über die ganze Papierarbeit halte“

      Irgendwie war das Ein- und Aussteigen aus einem Auto mit drei kleinen Kindern viel anstrengender, als es sein sollte. Alle mussten abgeschnallt und aus ihren Kindersitzen gehoben werden — okay, außer Max, der war motorisch schon etwas besser dran. Trotzdem war es eine Liste, die man abarbeitete. Niko, dann Elli, währender aufpassen, dass Niko nicht wegrannte, dann nachsehen, ob Max eh da war, weil er so still war, und dann die Einkäufe aus dem Auto heben. Zum Glück konnte Niko alleine laufen, sonst müssten sie den Weg in die Wohnung zweimal gehen. Oben angekommen wurden alle wieder im Wohnzimmer bei ihrem Spielzeug abgeladen und Andrew machte sich daran, die Etiketten von der Kleidung zu schneiden, damit sie mit der ersten von hundert Waschmaschinen loslegen konnten. Außerdem… stand nicht nur das Kinderbett, sondern auch Kochen noch heute Abend auf der Liste. Es war jetzt fünf, das hieß, die Kinder (also Niko) würden nach dem Ausflug demnächst Hunger bekommen und Andrew wusste nicht, ob er überhaupt ein nicht-toxisches Abendessen zustande bekommen würde.
      „Ezra“, rief Andrew während er die Waschmaschine einlud und gedanklich in einer Abwärtsspirale versank. Zeit, um nach emotionaler Unterstützung zu rufen. „Was sollen wir zu essen machen? Irgendwas mit… Kartoffeln? Ich hab gestern Kartoffeln weggeräumt. Was macht man dazu? Gemüse? Gemüse und Kartoffeln in einer Pfanne, oder sowas?“ Reichte das? Er hatte sein halbes Leben nur Nudeln, Toast und Reis gegessen, aber Kinder brauchten vermutlich… Nährstoffe oder so.
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