The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • April

      Ugh, das klang nach wirklich viel Stress und einem Lebensstil, den April absolut nicht nachvollziehen konnte. Sie nickte trotzdem höflich, als May dazu ansetzen, ihren Job zu erklären und war für den Bruchteil einer Sekunde irritiert, als sie stoppte, bis sie ihrem Blick zu der Kellnerin folgte. Es war zu spät, um noch irgendwie zu reagieren. Die junge Kellnerin stolperte und Tassen und Gläser flogen durch die Luft. April zuckte instinktiv zusammen und drehte sich zur Seite, was absolut nicht nötig gewesen wäre. Ein paar Tropfen Kaffee erwischten sie zwar, aber der Großteil landete auf May.
      Für einen Moment konnte April nicht mehr tun, als zu sitzen und irritiert zu blinzeln, während ihr Kopf noch verarbeitete, was gerade passiert war, dann schob sie ihren Stuhl zurück, um May zu helfen. Obwohl es nicht viel gab, bei dem sie helfen könnte. Die Kellnerin war schon dabei, ihren Fehler irgendwie zu beheben, oder zu verschlimmbessern und offensichtlich war May der Meinung, ihr kleines Work-Date beenden zu müssen. Was absolut nicht akzeptabel war.
      “Warte”, sie griff kurz nach Mays Handgelenk, um sie aufzuhalten, bevor sie mit der Kellnerin abhauen konnte. “Mein Hotel ist nur eine Haltestelle entfernt. Kaffeegeruch am morgen ist zwar nett und so, aber als Parfum dann doch etwas übertrieben. Du kannst bei mir duschen. Vielleicht habe ich sogar ein paar Klamotten, die ich dir leihen könnte, die etwas mehr hergeben, als…was auch immer du gleich angedreht bekommst.” Auch wenn das unwahrscheinlich war, immerhin war May ein gutes Stück größer als sie, was bedeutete, dass April höchstens mit oversized Kleidung dienen konnte. Anzüge besaß sie sowieso nicht. Aber das war besser, als wieder alleine im Hotel zu sitzen und sich zu langweilen. Außerdem wollte sie May nicht mit einem fünf Minuten Gespräch davonkommen lassen. Nicht, wenn sie das Gefühl hatte, dass die Anwältin langsam angefangen hatte, ein bisschen mehr über ihr Privatleben zu erzählen.
      “Kannst du eigentlich von zuhause aus arbeiten? Ich könnte kurz in dein Büro reinspringen und deinen Laptop holen, oder so. Dann kannst du dir das hin und her fahren sparen.”
    • May

      Dass April in der Situation nicht lieber nachhause gehen wollte und sich stattdessen mit diesem Chaos beschäftigte, rührte May irgendwie fast. Und ehrlicherweise hatte der Schock ihr wohl die Fähigkeit genommen, Lösungen zu finden, denn sie war für Aprils Vorschlag sehr dankbar.
      „Du… hast recht, ich kann von zuhause arbeiten. Ich hab heute keine Termine mehr außerhalb“, murmelte sie, während sie im Kopf ihre To-Do Liste durchging. „Ich hab meinen Laptop in meiner Tasche, mehr brauch ich nicht“ Sie nickte. Sie fühlte sich ein wenig hilflos. Wie ein nasser Hund, der bei jedem Schritt alles um ihn antropfte.
      Nachdem dieser kleine Unfall sehr unerwartet gekommen war, war May auch deutlich offener für die Hilfestellung. Nachhause bräuchte sie sowieso eine Weile, und müsste sich so oder so ein Taxi nehmen. Vielleicht war das erträglicher, wenn sie nicht alleine war. Bestimmt sogar.
      „Na dann. Wo ist das Hotel?“, fragte sie mit einem kleinen Lächeln, wischte ihre Tasche einmal mit einer sauberen Serviette ab und war sehr gewillt, diesen Tatort hinter sich zu lassen. Die Kellnerin erklärte ihr selbstverständlich, dass sie nicht bezahlen mussten und zwang ihr für den Weg doch noch ein kleines, sauberes Handtuch auf. May zog sich eher widerwillig ihren Mantel an und hoffte einfach, dass die Waschmaschine alles retten konnte.
      „Tut mir leid, du hast sicher besseres zu tun“, entschuldigte sie sich beim Verlassen des Cafés, auch wenn April sich eben noch über ihre Langeweile beschwert hatte, und May im Prinzip garkeine Schuld an der Sache trug. Aber Langeweile war noch immer besser, als eine plötzlich, unangenehme Rettungssituation. Sie hatten sich gerade zum zweiten Mal getroffen und es fühlte sich absolut falsch an, irgendeinen Gefallen anzunehmen.
      „Kommen wir zufuß ins Hotel oder brauchen wir Taxi?“
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    • April

      "Erstens hab ich ganz sicher nichts besseres zu tun und zweitens hilft doch jeder gerne einer jungen Frau in Nöten, nicht?" April schenkte May ein weiteres Lächeln, während sie ihre Lederjacke überzog. Wenigstens musste sie sich jetzt, da ihnen die Rechnung erlassen worden war, keine Sorgen mehr über ihren Notgroschen machen. Glück im Unglück und so. Obwohl das wahrscheinlich nicht lange halten würde. Normalerweise fand sie laufend irgendwelche Sachen, die sie interessierten, auch, wenn sie durch ihre Lebensumstände meistens nicht viele Sachen mitnehmen konnte. Kleidung wurde regelmäßig ausgewechselt, alles andere wurde eingetauscht, verkauft oder verschenkt. Sie hatte sich einen Koffer und einen Rucksack gegönnt und wenn beides voll war, musste sie halt Ballast loswerden.
      "Wir können die U-Bahn nehmen, oder wir laufen ein kleines Stück. Aber in der Bahn sollte jetzt nicht zu viel los sein und du willst dich sicher nicht erkälten indem du mit nassen Sachen durch die Gegend läufst, also würde ich die U-Bahn vorschlagen." Sie hakte sich bei May unter, während sie den Kaffeegeruch ignorierte und sie mit sich zog. Ihr Arm fühlte sich ein wenig feucht an. April hoffte wirklich, dass man den Kaffee wieder aus den Sachen raus bekam. Alleine der Mantel fühlte sich schon recht teuer an.

      April schaffte es, May bis in ihr Hotelzimmer zu manövrieren, ohne erneut von irgendwas abgeworfen zu werden. Obwohl es darauf wahrscheinlich auch nicht mehr ankam. Ihr Hotelzimmer war recht klein. Ein Bett, ein Schrank und ein schmaler Schreibtisch waren hineingequetscht worden. Ein Fernseher hing an der Wand. Das Bad war direkt zu ihrer rechten, als sie hinein kamen. Als April zum ersten mal hereingekommen war, war sie unglaublich froh gewesen, dass es ein vollkommen normales Bad war und nichts, was man in diesen seltsamen modernen Hotels sah, in denen die Wände zum Bad aus Glas waren, oder die Dusche mitten im Raum stand. Solche Duschen konnten zwar recht interessant sein, wenn man mit einem One Night Stand, oder einer Beziehung unterwegs war, sonst waren sie allerdings in jeder Hinsicht absolut furchtbar.
      "Shampoo, Duschgel und so steht in der Dusche", erklärte sie, als sie May los ließ und die Tür zum Bad öffnete. "Die zusammengelegten Handtücher auf dem Waschtisch sind unbenutzt. Lass dir Zeit und melde dich, falls du noch irgendwas brauchst. Ich schau in der Zwischenzeit mal, welche von meinen Sachen dir passen könnten."
    • May

      Eine junge Frau in Nöten, pah. Das war nichts, das May gerne hörte, aber gerade war sie ziemlich dankbar für Aprils Hilfe. Außerdem war sie sich nun sehr sicher, dass April ein auffallend, gar untypisch freundlicher Mensch war. Gut gelaunt und optimistisch und hilfsbereit und alles, was May definitiv nicht gewohnt war.
      Als sie im Hotel ankamen, war ein großer Teil der nassen Flecken auf ihrer Kleidung durch den Wind bereits getrocknet, und sie spürte, wie der Stoff an ihrer Haut festklebte. Sie ließ sich nicht zweimal bitten, eine Dusche zu nehmen. Egal wie… eigenartig die Situation auch war, in Aprils Hotelzimmer zu stehen. Sich in der Unterkunft ihrer Klientin auszuziehen. Sie hatte schon entspannendere Duschen erlebt, jetzt gerade wollte sie nur den Geruch loswerden und schnellstmöglich zurück nachhause. Und sich anschließend überlegen, wie sie sich bei April revanchieren konnte, ganz unabhängig davon, dass es jetzt völlig außer Frage stand, ihren Fall zu gewinnen.
      May legte ihre Kleidung nichtsdestotrotz sorgfältig zusammen und stapelte sie in einer Ecke im kleinen Badezimmer, bevor sie unter die Dusche sprang. Dann war sie für etwa fünf Minuten zu 50% entspannter, als vorher.
      Sie akzeptierte ihr Schicksal, auf Makeup verzichten zu müssen und mit nassen Haaren sowie nur einem Handtuch um den Körper gewickelt, die Tür zu öffnen, um von April irgendwelche Klamotten entgegen zu nehmen. Sie war nicht wählerisch. Jetzt nicht mehr. Noch verletzlicher konnte sie sich in einem professionellen Umfeld kaum geben, somit gab sie das ‚professionelle‘ erstmal auf. April war nun offiziell auch eine… Bekannte. Wenn sie sie im Handtuch gesehen hatte, war es für Mays Seelenfrieden besser, sie nicht nur als Klientin zu betrachten.
      „Mir ist wirklich alles recht“, kommentierte sie in Bezug auf die Kleidung, während sie noch halb im Türrahmen stand, unwillig herauszukommen. „Wenn wir uns das nächste Mal sehen, kriegst du alles gewaschen zurück“
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    • April

      April schwor hoch und heilig, dass sie sich Mühe gegeben hatte, irgendetwas zu finden, was Mays Kleinungsstil entsprach. Sie hatte sich bestimmt drei Minuten lang richtig angestrengt, etwas zu finden, bevor sie aufgegeben hatte. Ihr Stil war am Ende doch etwas bequemer, als Blusen, oder einfach direkt auf Partys ausgelegt. Das einzige 'professionellere' Oberteil, das sie besaß, würde May deutlich zu klein sein. Sie zog stattdessen einen dunkelroten Pullover aus ihrem Koffer, der sowieso auf Oversize geschnitten war und kombinierte ihn mit einer dicken Leggin, die Mays Hintern - hoffentlich - ganz nett in Szene setzen würde. Wenn sie das Hotel verließ würde May zwar ein wenig so aussehen, als ob sie auf dem Weg zu einem Yoga-Kurs wäre, aber es gab bestimmt deutlich schlimmeres im Leben.
      "Hier. Mach dir keinen Stress." Sie hielt May die Kleidung entgegen. "Ich hoffe es passt und steht dir nicht besser, als mir, sonst werde ich neidisch." Sie lachte ein wenig über ihren eigenen Scherz. May war wirklich hübsch. Irgendwie gefiel April der ungeschminkte Handtuch-Look besser, als das professionelle Auftreten, das May sonst an den Tag legte. Nicht mal im sexuellen Sinne. May sah so irgendwie einfach menschlicher aus. Weniger, wie eine Statistin, die nur für ihren Job existierte, sondern mehr so wie ein richtiger Mensch, den man Nachmittags zufällig beim Einkaufen treffen könnte.
      "Darf ich deine Haare machen?", fragte sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. "Ich liebe es, andere Leute ein bisschen zu stylen und ich hatte schon so lange nicht mehr die Gelegenheit dazu. Ich hab sogar einen Föhn hier." Sie deutete kurz auf ihren Föhn, der halb aus ihrem Koffer hing. Sie hatte als Kind schon immer mit ihren Freundinnen zusammen Frisuren und Make Up ausprobiert, aber über die Jahre war das irgendwie verloren gegangen und sonst hatte es sich nie ergeben, einfach zusammenhanglos anzubieten, jemandem die Haare zu föhnen. Wenn sie bei Freunden war, duschten diese selten, wenn sie noch da war und bei One Night Stands wäre die Frage irgendwie komisch. May war zwar auch nicht unbedingt ihre Freundin, aber wenigstens war die Situation passend. Sie deutete kurz auf den Stuhl, der vor dem schmalen Schreibtisch stand, über dem der Fernseher hing. "Setz dich."
    • May

      May lachte etwas und nahm die Kleidung entgegen, bevor sie wieder im Badezimmer verschwand und sich dankbar den Pullover überzog. Es war nur deshalb nicht ihr Stil, weil sie kaum für etwas anderes als ihren Job das Haus verließ, aber in der Uni hatte sie ständig Pullover getragen. Für ihr Vorstellungsgespräch damals hatte sie sich zum ersten Mal einen Blazer leisten müssen. In jedem Fall war sie froh, dass April ihr nicht die nächste weiße Bluse in die Hand gedrückt hatte, weil Mays BH dem Kaffee zum Opfer gefallen war.
      Sie sah sich belustigt selbst im Spiegel an während sie ihre Haare nochmal mit dem Handtuch trocken knetete. Mit Leggings konnte sie noch nie etwas anfangen. Wenn ihre Kleidung jede Kurve ihres Körpers nachzeichnete, wieso trug sie dann überhaupt noch etwas? Damit konnte sie sich nicht ganz anfreunden, aber besser als Kaffeeflecken war es allemal und... sie ging davon aus, dass sie Aprils Jeans nur mit einem Gewaltakt anbekommen würde.
      May nahm ihre zusammengelegten Klamotten mit, als sie wieder ins Schlafzimmer kam. Es war wirklich eigenartig, sich hier aufzuhalten, wenn es nur Schlaf- und Badezimmer gab.
      Sie legte den Stapel Kleidung neben ihre Tasche und sah April dann etwas perplex an, als sie ihr einen Vorschlag machte. Aber konnte sie es ihr wirklich ausschlagen? Wenn sie so begeistert darüber scheinte. Wenn sie nicht aufpassten, drifteten sie noch in Richtung Übernachtungsparty, aber ehrlich gesagt hatte May garkeine Lust, den Rest des Tages noch sonderlich ernst zu nehmen. Dafür war er sowieso schon viel zu mies verlaufen. Besser sie entspannte sich etwas.
      "Na schön, aber hinterlass ja keine Knoten", antwortete sie lächelnd und setzte sich geschlagen an den Schreibtisch. Sie hatte bloß gescherzt, aber May war tatsächlich ein wenig pingelig, was ihre Haare anging. Seit Jahren ging sie zum selben Friseur und ließ regelmäßig ihre Spitzen schneiden, um denselben Schnitt beizubehalten, den sie immer hatte, und ihre Haare gesund zu halten. Es war definitiv der Einfluss ihrer Mutter, aber sie investierte immer in teure Pflegeprodukte und legte viel Wert darauf, dass alles immer ordentlich aussah und perfekt saß. Sie war vielleicht schon ein wenig obsessiv, wenn es darum ging, Änderungen zuzulassen. Aber April würde ihr schon die Haare nicht ausreißen oder plötzlich mit Blondierung und Schere ankommen.
      "Hast du Geschwister oder hast du früher deinen Freunden die Haare gemacht?", fragte sie interessiert. Selbst hatte sie auch entfernte Erinnerungen, sich mit Freundinnen in der Schule gegenseitig die Haare geflochten zu haben, oder sowas, aber zuhause hatte sie eher Angst haben müssen, dass man ihr im Schlaf als Scherz die Haare abrasierte.
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    • April

      Jepp, May sah in der Leggings genau so gut aus, wie April es sich vorgestellt hatte. Fast ein bisschen unverschämt. April zwang sich, den Blick nicht zu lange auf ihren Hintern zu richten und drehte sich stattdessen weg, um Föhn, Bürste und Klammern aus ihrem Koffer zu sammeln. Wenigstens hatte sie jetzt was zu tun und sie konnte noch ein bisschen mehr Zeit damit verbringen herauszufinden, ob hinter der professionellen Anwältin ein ganz normaler Mensch steckte, oder ob May einfach durch und durch steif war.
      "Freundinnen", antwortete sie auf die Frage, während sie die dunklen Haare ihrer neusten Stylingpuppe teilte. "Ich hab zwar ein paar Halbgeschwister, aber ich stehe ihnen nicht sonderlich nahe." Sie legte die Sachen auf den Schreibtisch, vorsichtig balanciert, damit nichts herunterfallen konnte, bevor sie ins Bad verschwand und mit Hitzeschutzspray zurück kam. "Wir haben damals immer Salon gespielt. Gegenseitig frisieren, schminken, Nägel machen. Am Ende haben wir dann ganz viele Fotos gemacht, weil wir überzeugt waren, dass wir super aussehen." Sie verteilte das Spray auf den Haaren, bevor sie nach dem Föhn griff und ihn in die Steckdose steckte. "Wir waren 12, hatten uns vorher noch nie wirklich geschminkt und sahen entsprechend aus, aber als Kind nimmt man das wahrscheinlich einfach anders war." Sie lachte und machte sich ans Werk, die untere Schicht Haare ein wenig wellig anzuföhnen.
      "Ich glaube, wir sind uns einfach sehr erwachsen vorgekommen und fanden das cool. Ab und an haben wir die Highheels unserer Mütter geklaut, um noch mehr wie Models auszusehen." Es war vollkommen bizarr, wenn sie so darüber nachdachte. Als Kind hatte sie immer auf Absätzen laufen wollen. Es hatte toll ausgesehen, erwachsen und elegant. Ihre Mutter war immer dagegen gewesen, ihr zu früh Schuhe mit Absätzen zu kaufen und jetzt, wo sie theoretisch tagtäglich in welchen durch die Gegend laufen könnte, bevorzugte sie Sneaker und verstand nicht, wie man so versessen darauf sein konnte, mit schmerzenden Füßen feiern zu gehen.
      "Hast du Geschwister?", fragte sie über den Föhn hinweg. "Vielleicht noch einen Arzt in der Familie, oder so?" Sie grinste, während sie kurz aufsah, um im Spiegel Mays Blick einzufangen. Ob es zu viel wäre, wenn sie sie fragen würde, noch für einen Film zu bleiben, oder so? Wahrscheinlich schon. Was sie nicht aufhalten würde, es trotzdem zu versuchen.
    • May

      May erwiderte Aprils Blick im Spiegel und es vergingen einige Sekunden, bevor sie antworten konnte. "Es ist unheimlich, dass du das erraten hast", gab sie zu. "Mein Bruder ist Arzt" Bei zwei Geschwistern musste eben jeder in die Fußstapfen eines Elternteils treten, oder so. Es war ein wenig armselig, dass sie keine eigenen Interessen zu haben schienen, aber... es war zum Teil auch Zufall. May hätte sich nicht ins Jura Studium zwingen lassen, wenn es sie überhaupt nicht interessiert hätte, und geschafft hätte sie es dann auch nicht. Dasselbe galt sicher für ihren Bruder und Medizin, auch wenn es ein wenig seltsam war, dass ihr Vater ebenfalls Arzt war. Aber es musste bei ihnen beiden so kommen, dass sie zwar denselben, aber doch einen anderen Weg als ihre Eltern einschlugen.
      "Jedenfalls gab es bei uns keine Styling Parties, das hätte bei mir nur mit einer Glatze geendet. Vielleicht hat sich das Interesse daran, Leute aufzuschneiden, schon als Kind mit der Faszination von Scheren gezeigt" Sie zuckte ganz leicht mit den Schultern, um Aprils Arbeit nicht zu zerstören.
      Ihr Bruder lebte in Oxford, weshalb sie sich nicht oft sahen, was May nicht unbedingt störte, aber wenn es mal zu seltenen Familientreffen kam, war sie sehr froh, ihn zu haben. Anders würde sie ihre Eltern kaum aushalten. Auch wenn sie immernoch ein schlechtes Gewissen darüber begleitete, ihre gesamte Kindheit so abhängig von ihrem Bruder gewesen zu sein, weil ihre Eltern nicht die fürsorglichsten gewesen waren, musste sie zugeben, dass sie in diesen Situationen noch immer nicht auf ihn verzichten konnte, auch wenn sie mittlerweile in ihren Dreißigern war. Über manche Dinge wuchs man wohl nie hinaus. Obwohl sie in jedem anderen Lebensbereich durchaus selbstständig war und die Abwesenheit ihres Bruders sie kaum beeinflusste. Wenn sie zu zweit waren, gingen sie einander sowieso nur auf die Nerven.
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    • April

      April musste unfreiwillig auflachen, als May ihre Vermutung bestätigte. Eigentlich nicht mal eine Vermutung, sondern einfach etwas, was sie so dahin gesagt hatte. Von Mays Auftreten ausgehend hatte ein anderer hochtrabender Job einfach irgendwie in das Bild gepasst, das April von Mays Familie hatte. Ein sehr schwaches Bild, weil sie faktisch nichts über ihre Familie wusste, aber offenbar war sie trotzdem nicht so weit weg von der Realität gewesen. Für eine Sekunde war sie versucht zu fragen, ob eines von Mays Elternteilen Professor oder Professorin für irgendwas war, aber sie wollte ihr Glück nicht zu sehr strapazieren.
      "Arzt könnte ich nicht sein", antwortete April. "Alleine der Gedanke daran, jemanden aufzuschneiden, oder eine Spritze setzen zu müssen. Ugh." Sie schüttelte sich kurz vor Horror. Die Vorstellung reichte schon, dass ihr fast ein bisschen übel wurde. "Oh und dann noch der durchgehende Kundenkontakt und die ganzen Leute, die nach einer Googelsuche überzeugt sind, dass sie sterben müssen. Dein Bruder muss Nerven aus Stahl haben." Sie zog die Klammer aus Mays Haaren und machte sich daran, die obere Schicht zu föhnen.
      May hatte unglaublich schöne Haare, gepflegt, glänzend und weich zwischen den Fingern, als sie die Bürste zur Seite legte, um sie kurz ein wenig mit der Hand aufzulockern. Der Gedanke, wie schön es sich anfühlen musste, mit den Fingern durch diese Haare zu streichen, während sie May küsste, kam fast automatisch und wehrte sich dagegen, wieder zu verschwinden. Sie griff wieder nach der Bürste. "Stammt die Vorliebe für deinen Job auch aus deiner Kindheit? Hast du früher schon Kuscheltiere verteidigt? Oder deinen Bruder vor deinen Eltern?" Sie lachte kurz, während sie die Luft des Föhns runterkühlte, um die Wellen, die sie in Mays Haare gezaubert hatte, ein wenig haltbarer zu machen. Einen Moment später schaltete sie den Föhn ganz aus und trat einen Schritt zurück, um ihr Kunstwerk zu betrachten. Wenn sie sich näher stehen würden, hätte sie wahrscheinlich direkt mit einer Frisur weitergemacht, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass das ein wenig übertrieben wäre.
      Stattdessen grinste sie, während sie von hinten ihre Arme um Mays Schultern legte und zu ihrem Spiegelbild sah. "Fertig! Du siehst super aus!"
    • May

      May lachte unfreiwillig laut auf, als April ihrem Bruder Nerven aus Stahl zusprach. Sie bekam sich erst langsam wieder ein, dann sagte sie: "Schön wär's. Er hat vielleicht im OP genug Geduld, aber ich kenne niemanden, der so schnell die Ruhe verliert. Ich glaube, er hat seine Wut einfach jahrelang aufgestaut und rastet deshalb jetzt wegen jeder Kleinigkeit aus. Es ist aber irgendwie lustig, ihm dabei zuzusehen" Es machte ihre Familientreffen ehrlicherweise nicht entspannter, dafür aber weitaus unterhaltsamer. Alles, was May gegenüber ihrer Eltern nicht aussprechen würde, schrie er sich nach höchstens fünfzehn Minuten schon vom Leib. Sowas passierte wohl, wenn man realisierte, dass man kein Stück mehr abhängig war und eigentlich nichts verlieren konnte. May war das zwar irgendwie auch bewusst, aber sie hatte immer das Gefühl, ihren Eltern etwas zu schulden. Und das würde sich kaum ändern, solange sie in einem Apartment lebte und ein Auto fuhr, das ihre Mutter bezahlt hatte.
      "Ich glaube, ich war generell immer ein bisschen rationaler als er, und wir sind... Lach jetzt bloß nicht. Wir sind mit den Berufen aufgewachsen. Meine Mutter ist Anwältin, mein Vater ist Arzt. Wenn auch nicht dieselbe Spate, aber es hat uns wohl trotzdem genug beeinflusst. Aber im Endeffekt haben wir uns einfach zwei verschiedene Jobs ausgesucht, mit denen man Menschen helfen kann. Als Psychiater hätte er wahrscheinlich mehr Schaden als Gutes angerichtet und ich auch. Ich sag mal, es waren die besten Optionen" Bei weitem. Medizinische Berufe waren nichts für May und alles was emotionales Feingefühl brauchte war nichts für ihren Bruder. Sie bemittleidete ja seine Patientin ab und zu.
      May schluckte ihre Überraschung über die halbe Umarmung herunter und senkte kurz lachend den Blick. "Ganz dein Verdienst. Vielleicht solltest du über eine Karriere als Friseurin nachdenken", erwiderte sie. "Ich bleib gerne Kundin" Sie drehte den Kopf etwas zur Seite, dann teilte sie ihre Haare und legte sie nach vorne über die Brust, um die Wellen zu betrachten. Sie lächelte. Es war wirklich ganz hübsch, und sie würde sich überlegen, ihre Haare öfter zu wellen, aber dazu hatte sie wohl am Ende zu große Angst vor Hitzeschäden.
      "Was arbeitest du eigentlich?", fragte sie plötzlich, als ihr einfiel, dass April es ihr nie gesagt hatte. May wusste, dass sie viel herumreiste und sich treiben ließ, aber dafür musste man ja auch das Geld haben, nicht? Oder hatte sie auch Eltern, die ihr ungefragt alles bezahlen wollten?
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    • April

      Mays Familie schien nicht sonderlich viel für Kreativität übrig zu haben, wenn sogar die Berufe vererbt wurden. Obwohl es irgendwie witzig war sich vorzustellen, wie sie zu viert am Tisch saßen, die Kinder die perfekten jüngeren Klone ihrer Eltern. Vielleicht könnte man das ganze in einen Psycho-Thriller packen. Sollte May selbst mal Kinder haben, hoffte April auf jeden Fall darauf, dass sie mehr Freiheit hatten, als nur eine Karriere als Anwalt.
      "Ich bin nicht sonderlich wählerisch bei dem, was ich tue. Ich mache irgendwie immer einfach das, wo gerade jemand zum Anpacken gesucht wird. So lange, bis es mich zu weit in die Ferne treibt, als dass ich noch gemütlich zur Arbeit kommen könnte und ich mir was neues suche." Was nicht gelogen war. Ihr Leben war nicht nur von Kriminalität durchzogen. Sie hatte durchaus auch schon vollkommen normale Aushilfsjobs hinter sich gebracht. Sie ließ von May ab und setzte sich auf ihr Bett. "Ich hab zuletzt als Statistin in einem kleinen Film gearbeitet. Ein paar Stunden an einem Café Tisch sitzen und so tun, als ob man sich mit seinem Gegenüber unterhält und schon hat man genug Geld, um eine Woche über die Runden zu kommen. Gut, es ist nicht ganz so gewinnbringend, aber ich glaube ein geregelter Job wäre viel zu langweilig für mich. Außerdem hätte ich als Friseuse ja auch nicht nur so wundervolle Kunden, wie dich. Ich glaube bei ein paar würde ich mich deinem Bruder anschließen und auch einfach eine Glatze schneiden." Sie kannte zumindest genug Leute, die das verdient hätten. May gehörte nicht dazu. Ihre Familie mochte ein bisschen weird sein, aber sie selbst war definitiv jemand, den April ein wenig besser kennen lernen wollte. Vor allem jetzt, wo sie wusste, wie gut die Anwältin in Leggings aussah.
      "Willst du noch einen Film gucken, oder so? Im Zimmer ist Netflix enthalten." Sie hatte in den letzten Tagen gefühlt zwar schon irgendwie alles durchgeguckt, was Netflix zu bieten hatte, aber zu zweit sah man Filme ja immer nochmal ganz anders, oder?
    • May

      May hätte sich nicht vorstellen können, dass Aprils Lebensstil noch unsicherer sein konnte, als sie bisher dachte, aber scheinbar überließ sie sogar ihre Finanzen eher dem Glück. Es würde May unglaublich stressen, kein fixes Einkommen zu besitzen mit dem Vorausplanen konnte. Aber April schien ja ohnehin kein Freund von Plänen zu sein.
      „Oh, echt?“, fragte sie etwas perplex, erst, weil sie von der Idee überrascht war, dann weil sie kaum glauben konnte, dass hier Netflix inklusive war. „Ich meine…“ Sie dachte nach. Irgendwie… hatte sie Lust dazu. Auf der anderen Seite sollte sie eigentlich arbeiten. „Ich sollte eigentlich arbeiten“, sagte sie also ehrlich, aber damit war die Frage für sie noch nicht abgehakt. Sie hatte sich bei ihrem Boss bereits gemeldet und den Rest des Tages Home Office eingeplant, da sie sowieso keine Termine mehr hatte. Und die Arbeit, die sie erledigen musste, konnte sie sich prinzipiell einteilen, wie sie wollte, also…
      „Ich arbeite einfach heute Abend etwas länger“, gab sie nach und lächelte leicht, bevor sie aufstand und sich etwas steif ganz an den Rand von Aprils Bett setzte. Es war ja nicht ihr Bett… Sie fühlte sich irgendwie unwohl, es sich zu gemütlich zu machen.
      „Und… was willst du ansehen?“ April musste wirklich unglaublich langweilig sein, wenn sie sich einen Film mit ihrer Anwältin reinziehen wollte, aber May hatte ja auch keine gute Verteidigung. Es war völlig dämlich, hier länger zu bleiben und ihre Arbeit zu vernachlässigen. Und wieso? Weil sie sich in einem Hotel einen Film ansah, am hellichten Tag. Es wurde heute immer seltsamer. Vermutlich musste sie einfach aufhören, irgendetwas zu hinterfragen. Sie leistete eben einer gelangweilten, einsamen Bekannten ein wenig Gesellschaft. Soziale Kontakte hatten auch Priorität! Auch mittags an einem Wochentag.
      May hatte plötzlich noch einen Einfall, der sie immer tiefer in das Übernachtungsparty Gefühl reitete. „Es gibt hier sicher Zimmerservice, oder?“, fragte sie und sah sich um, ob sie eine Menükarte im Zimmer fand. Sie war vorhin nicht dazu gekommen, den Kuchen zu essen. Der hatte ihr Frühstück sein sollen.
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    • April

      "Oder du schreibst dir die Zeit mit mir einfach als Arbeitszeit gut und arbeitest gar nicht mehr", schlug April amüsiert vor. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, dass jemand so an seinem Job hängen konnte, dass er die Zeit nacharbeiten würde, die man verplämpert hatte. Arbeitszeitbetrug war der Inflationsausgleich des kleinen Mannes. Sie käme nie auf die Idee, etwas nachzuarbeiten, wenn sie nicht dabei erwischt wurde, wie sie während der Arbeit faulenzte. Obwohl das nicht ihr Problem war. Ihr Problem war jetzt, dass sie irgendeinen Film vorschlagen musste.
      Sie hatte nicht damit gerechnet, dass May dem spontanen Filmabend zustimmen würde. Irgendwie hatte sie gedacht, dass May sie mit einer höflichen Floskel abweisen würde. Vielleicht fruchteten ihre Komplimente doch langsam. Sie konnte sich eigentlich nicht beschweren. Sie zog ihre Beine an und griff nach der Fernbedienung, die sie einfach auf ihr Bett geschmissen hatte, als sie gegangen war. Als May sogar den Zimmerservice ansprach, hatte sie kurz den Verdacht, sie bisher vollkommen falsch eingeschätzt zu haben.
      "Oh, ich hab keine Ahnung. Auf was für Filme stehst du so? Wir könnten- Oh! Ich weiß, was wir machen könnten!", erklärte April, als sie den Fernseher anschaltete und sich anschließend halb auf ihr Bett warf, um sich möglichst wenig bewegen zu müssen, um die kleine Karte des Zimmerservices vom Nachttisch zu nehmen. Sie hielt sie May entgegen, während sie wieder zum Fernseher sah und Netflix einschaltete. "Wir können uns irgendein Anwalts-Drama ansehen und du erklärst mir, was alles falsch dargestellt wird. Dann hast du auch nicht das Gefühl, nachher noch arbeiten zu müssen." Sie grinste May breit entgegen. Vielleicht war das wirklich die perfekte Mischung aus Spaß und Arbeit.
      "Kann ich dich noch auf einen Instand-Kaffee einladen, oder hast du heute von Kaffee genug?", fragte sie mit einem kurzen Nicken in die Richtung des kleinen Kaffee-Automatens in der Ecke des Zimmers. Der Kaffee schmeckte nicht sonderlich gut, aber die kleinen Kaffeekapseln wurden täglich aufgefüllt und es war besser, als nichts. Solange es kein Trauma heraufbeschwor.
    • May

      May lachte, als April ihren Filmvorschlag machte. Gut, damit ließe sich der Faulenz-Tag sogar noch irgendwie rechtfertigen. Es war… eine Lektion für April, wie sie sich im Gericht verhalten sollte, und so. Oh Mann, vielleicht färbte April gerade etwas zu sehr auf sie ab. May hatte noch nie Ausreden für ihren Job erfunden, weil ihr schlechtes Gewissen sie immer davon abhielt. In der Schule und der Uni war das anders gewesen, weil dort niemand auf ihre Hilfe angewiesen gewesen war, auch wenn sie nie sonderlich viel geschwänzt hatte. Nur, wenn sie einmalige Gelegenheiten ergaben. So wie gerade eben.
      Sie legte ihre Beine aufs Bett und lehnte sich hinten an die Wand. „Ich hab zu viel von dem Kaffee auf meine Kleidung und zu wenig in meinen Mund bekommen, also gerne. Instantkaffee erinnert mich an die Uni“, sagte sie lächelnd und sah April nach. Manchmal musste man das Leben wohl doch einfach nehmen, wie es kam. Vielleicht war April ja auch einfach schon zu oft Kaffee übergegossen worden, und sie hatte sich deshalb ihren Lifestyle angeeignet.
      May nahm die Karte in die Hand und las sich das Angebot vom Zimmerservice durch. „Oh, eine ganz gute Kuchenauswahl“, stellte sie schmunzelnd fest. Eigentlich war schon fast Zeit fürs Mittagessen. „Hm, ich glaube ich bestell eine große Portion Pommes und einen Bananensplit“, entschied sie laut. Natürlich nicht zum gleichzeitig essen. Obwohl Pommes und Eiscreme doch irgendwie passen konnten… „Willst du was Süßes?“, fragte sie und nahm bereits den Telefonhörer am Beistelltisch in die Hand, um gleich zu bestellen. „Ich lade dich ein, das hätte ich im Cafe ja auch gemacht. Beziehungsweise lädt meine Firma ein“ Kuchen und Kaffee für die Klienten war durchaus noch im Rahmen des Firmenbudgets. Ob sie jetzt im Café saßen oder in einem Hotel… Wen interessierte das schon.
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    • April

      April nickte kurz, tippte 'Anwalt' in die Netflix Suchleiste und legte überrascht die Fernbedienung zur Seite, um Kaffee zu machen, während Netflix mit diesem kurzen Prompt tatsächlich Filme und Serien vorschlug. Sie hielt den Blick kurz auf den Fernseher gerichtet, während sie blind die Kaffeekapseln aus dem Vorrat fischte und sah erst wieder zur Maschine, als sie Knöpfchen drücken musste. Sie würden schon irgendeinen Film unter den Angeboten finden. Die kleine Maschine begann laut zu rattern und spuckte nach einem kurzen Moment Kaffee in die neutral-weiße Tasse des Hotels. April nahm sie vorsichtig hoch und stellte sie auf den Tischchen auf Mays Seite des Bettes ab.
      "Das ist eine interessante Mischung", kommentierte sie Mays Bestellung amüsiert, während sie im Vorbeigehen wieder nach der Fernbedienung griff und sich schlussendlich wieder im Schneidersitzt neben May aufs Bett setzte. "Mir reicht ein Stück Käsekuchen. Ohne Pommes." Langsam sehnte sie sich danach, sich die Küche einer Freundin ausleihen zu dürfen, um selbst zu kochen. Sie war zwar nie die größte Köchin gewesen, aber nachdem sie die letzten Tage mit Fastfood oder dem fettigen Hotelessen überbrückt hatte, wollte sie wirklich mal was ordentliches essen.
      Sie klickte sich von einem der vorgeschlagenen Filme zum nächsten und las kurz über die Zusammenfassung bevor sie sich schlussendlich für einen entschied. Sie startete und legte die Fernbedienung beiseite. "Ist das eigentlich was, was man als Anwalt immer macht? Sich über falsche Darstellungen in Filmen aufregen? Oder schaut man da einfach drüber hinweg?"
    • May

      „Mich hat es nie gestört“, gab May zu. „Ich denke nicht, dass es irgendjemand negativ beeinflusst, da sind Ärzte sicher schlimmer dran. Wenn ein Passant zum Beispiel versucht, einem Erstickenden einen Kugelschreiber in den Hals zu rammen, würde ich mir Sorgen machen“ Manche Dinge überließ man besser denen, die ihr Wissen nicht aus einem Film hatten, wenn es irgendwie möglich war. Aber es gab wohl kaum Leute, die Anwälte falsch imitierten, und wenn doch, hatte es keinen Einfluss außer nervig zu sein. Obwohl May schon hin und wieder erlebt hatte, dass sich jemand ohne Erfahrung vor Gericht selbst vertreten wollte und das war einfach… naja.
      May legte den Hörer wieder zur Seite nachdem sie ihr Essen bestellt hatte und griff nach der Kaffee Tasse. „Mhm, nostalgisch“, murmelte sie belustigt über den bitteren, etwas wässrigen Geschmack.
      „Oh, wie wärs mit etwas lustigem? Ich hab im realen Leben genug mit deprimierenden Fällen zu tun“, schlug sie vor, als April sich durch die Vorschläge scrollte. „Hier. Suits?“
      Es war nicht leicht, beim Thema Anwalt etwas zu finden, das einen nicht in einen mentalen Zusammenbruch stürzte. So wie in der Realität. Außer es ging eben um das Zeug, dass Mays Mutter ihr immer einreden wollte: Wirtschaftsrecht, Immobilienrecht, Versicherungsrecht… May fühlte sich deutlich erfüllter im Strafrecht. Deprimierter, aber erfüllter.
      „Ich kann dir aber vermutlich weniger über Unternehmensrecht erzählen. Ich hatte noch nie einen Fall mit so einer Überschneidung“, erklärte sie und rutschte etwas tiefer ins Vett. Was sie vermutlich nicht sollte. Bloß nicht zu sehr wie zuhause fühlen, sie war immernoch Gast, und ein seltsamer dazu. „Meine Mutter ist im Verwaltungsrecht, oder sie war es mal. Jetzt ist sie hauptsächlich mit dem Leiten der Firma beschäftigt“, erzählte May plötzlich. „Sie meint immer, ich soll bei ihr arbeiten und aufhören, es mir schwer zu machen. Aber es ist doch irgendwie traurig, wenn man sich jeden Schritt im Leben von anderen vorlegen lässt“ Das, und sie hatte ganz einfach keine Lust darauf, Bauunternehmen dabei zu helfen, eine Baugenehmigung zu bekommen, oder irgendeinem sturen Restaurantbesitzer zuzuhören, wie er sich gegen Umweltauflagen auflehnte.
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    • April

      Irgendwie war es schade - April hatte es noch nie so schnell geschafft, jemanden ins Bett zu bekommen und dann lief nicht mal was. Deprimierend, wenn es nicht irgendwie witzig wäre. Sie klickte nebenbei auf die Serie, während sie May zuhörte. Offensichtlich schienen sie sich in der Arbeitsmoral nicht sonderlich ähnlich zu sein. "Ich glaube, ich fänd es gar nicht so verkehrt, es mir einfach zu machen", erklärte sie. "Wenigstens müsstest du dir dann keinen Kopf darum machen, den Job zu verlieren, wenn du mal einen Fehler machst." Sie zuckte mit den Schultern. Gut, sie hatte keine Ahnung, wie das Verhältnis zwischen May und ihrer Mutter war, aber an sich klang es gar nicht so schlecht, den einfachen Weg zu nehmen. Warum abmühen?
      "Meine Mutter ist Kassiererin", zumindest hatte sie das gemacht, wenn sie mal gearbeitet hatte. Einen Großteil von Aprils Kindheit hatte ihre Mutter damit verbracht, sie alleine zu Hause zu lassen, während sie sich mit Liebhabern und Freunden vergnügt hatte. Geld war nie da gewesen, Mutterliebe noch weniger. April war gegangen, sobald sie konnte. Ihr eigenes Leben war jetzt vielleicht nicht großartig besser, oder anders, aber wenigstens würde sie kein Kind in dieses ganze Chaos reinziehen. "Ich glaube, die könnte mir bei beruflichen Entscheidungen absolut nicht helfen. Oder bei sonstigen Lebensentscheidungen, wenn ich ehrlich bin."
      Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher. Gott, war sie froh, nichts mehr mit ihrer Mutter zu tun zu haben. Oder ihrer Familie generell. "Also", fing sie mit einem kurzen Nicken zur Serie hin an, "Ist das Leben als Anwalt wirklich immer so dramatisch, wie es dargestellt wird, oder verbringt man die meiste Zeit damit, Papiere durch zu lesen und E-Mails zu schreiben?" Sie hatte eine ungefähre Ahnung, in welche Richtung die Antwort gehen würde, aber irgendwie musste man das Gespräch ja am Laufen halten.
    • May

      „Meine Mutter war immer sehr kontrollierend. Sie hilft nicht bei Entscheidungen, sondern macht sie für einen“, erklärte May mit dem Blick auf den Fernseher. Sie nippte an dem Kaffee. „Ich meine, ich bin nicht sonderlich rebellisch, ich hab ihr sogar den Job nachgemacht, aber dann irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich mir mein Leben als erwachsener Mensch nicht von meinen Eltern diktatieren lassen muss“
      Das war ihr wohl wirklich erstmals im Studium aufgefallen, als ihre Mutter sie beinahe gezwungen hatte, nebenher bei ihr im Büro zu arbeiten, um praktische Erfahrung zu sammeln. May hatte sich ab da alles irgendwie selbst angeeignet, aber völlig abkapseln konnte sie sich ja doch nie. Sie war ausgezogen, in eine Wohnung die ihre Mutter gekauft hatte. Die ganze Studienzeit über war sie mit großzügigem Taschengeld versorgt worden und keiner ihrer Freunde hatte ein Auto, nur sie. Da hatte sie entschieden, dass sie nie nachgeben und bei ihrer Mutter arbeiten wollte. Es war isolierend, wenn man als einzige kein Stück selbstständig war. Und sie hatte sich ihren Bruder als Vorbild genommen, der sich sehr viel früher abgegrenzt hatte und damit gut klargekommen war. Trotzdem hatte May noch weitaus mehr Kontakt zu ihren Eltern. Ihre Mutter war in den letzten Jahren nur immer nerviger statt entspannt geworden. Regelmäßig durfte May sich anhören, dass ihre Mutter ihre jugendliche Rebellion nicht mehr akzeptieren konnte, weil sie deutlich zu alt für dumme Entscheidungen war, und sich endlich um ihre Zukunft kümmern sollte. Als hätte sie bei ihrem jetzigen Job keine Zukunft. Ihre Eltern lebten wirklich in einem Paralleluniversum.
      „Jedenfalls gefällt mir mein Job, alleine deshalb würde ich nicht kündigen“, schloss sie ihren Gedanken, teils um sich selbst nochmal davon zu überzeugen. Ständig Gegenwind zu bekommen konnte einen leicht ins Wanken bringen, auch wenn man sich eigentlich völlig sicher bei etwas war.
      „Mal so, mal so“, antwortete sie schließlich auf Aprils Frage. „Papierkram ist wichtig. Und ich hab jahrelang mit nichts anderem als Gesetzestexten zu tun gehabt, ich komme mit Papierkram klar“ Sie lachte leicht. Es gehörte eben alles irgendwie dazu. „Und manchmal mag ich die ruhigen Momente im Büro. Ab und zu fühle ich mich schon mehr wie eine Therapeutin als eine Anwältin, ehrlich gesagt“ Nicht, dass es sie sehr stören würde, sie löste gerne Probleme und half Menschen, aber es konnte manchmal etwas viel werden, vor allem wenn man selbst ausreichend private Probleme hatte.
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    • April

      Offenbar war Mays Familienleben nicht sehr viel besser, als Aprils. Geld löste nicht alle Probleme und so, richtig? Auch, wenn April ein kleines bisschen froh darüber war, dass May sich ihr gegenüber so öffnete. Wahrscheinlich erzählte sie nicht alle ihren Klientinnen von ihrer desaströsen Familiendynamik, nicht? Vielleicht verlor sie endlich etwas von ihrer professionellen Steife und wurde etwas menschlicher. Ein klarer Gewinn für sie, oder?
      "Ah. Du hattest ja schon gesagt, dass deine Fälle eher traumabehaftet sind", nickte April, während sie ein wenig näher an May heranrutschte und ihren Kopf an ihre Schulter lehnte. "Nimm es mir nicht übel, aber ich glaube, ich würde durchdrehen, wenn ich deinen Job machen müsste", erklärte sie. "Da bleibt ja kaum Zeit für ein richtiges Leben. Hat man da die ganzen Fälle nicht ständig im Kopf?" Sie seufzte dramatisch. "Ich würde es hassen, wenn ich mich auf eine Party schleppe, irgendein hübsches Mädchen mit mir flirtet und ich nicht zurückflirten kann, weil ich immer noch über den letzten Fall nachdenke. Da hab ich lieber etwas, wonach ich den Kopf ausschalten kann. Oh, oder etwas, worüber ich mich dann hämmungslos bei Freunden beschweren kann. Ich bin immer noch in einer WhatsApp Gruppe mit ein paar alten Kollegen, in der wir regelmäßig über den alten Chef lästern."
      Sie lachte kurz auf, bevor ein Klopfen an der Tür sie aufhören ließ. Sie sprang mit einem kleinen "Ich mach schon" auf, um dem Zimmerservice die bestellten Pommes und Süßwaren abzunehmen. Sie kramte ein paar Pfund aus der Hosentasche und drückte sie dem jungen Mann als Trinkgeld in die Hand, bevor sie sich wieder zu May drehte und ihr Pommes und Eis hinstellte. Sie selbst nahm sich ihren Kuchen und setzte sich wieder. "Naja, auf jeden Fall-", fuhr sie fort, während sie sich ein Stück vom Käsekuchen in den Mund steckte und kurz innehielt. "Oh, May, der schmeckt richtig gut. Probier mal!" Sie piekste ein kleines Stück auf ihre Gabel und hielt sie May erwartungsvoll entgegen.
    • May

      Oh?
      May war sich für eine Sekunde nicht sicher, ob sie den Körperkontakt richtig auffasste. Sie würde sich nichts dabei denken, wenn April nicht gerade etwas vom Frauen anflirten erzählt hätte. May überlegte, ob das die bisherigen Komplimente in ein anderes Licht rückte, ließ diesen Gedankengang aber direkt wieder bleiben. April war seit der ersten Sekunde, seit der sie sich kannten, übertrieben aufgeschlossen und gesellig gewesen. Das alles passte immernoch perfekt ins Bild. May war zwar nie jemand gewesen, der mit seinen Freundinnen viel gekuschelt hatte, da war eine Umarmung schon das höchste aller Gefühle, aber manche Menschen brauchten das.
      „Es ist okay, ich hab sowieso nicht viel anderes zu tun“, antwortete May und akzeptierte Aprils Nähe ganz einfach. „Mich zwingt auch keiner Überstunden zu machen, aber ich hab gerne alles erledigt und einen freien Kopf“ Für was auch immer. Es war ja nicht so, dass sie besser schlief, nur weil sie ein paar Mails beantwortet hatte. Sie beschäftigte sich ja doch Tag und Nacht mit Verbrechensopfern.
      May erschrak fast, als April beinahe simultan mit dem Klopfen an der Tür aufsprang. Sie setzte sich auf und als April ihr das Essen hinstellte, begann sie zu beten, dass sie ja nichts dreckig machen würde. Dann hielt April ihr ihre Gabel hin. May zögerte einen Moment bevor sie der Aufforderung einfach nachging. Was war nur los mit ihr? Sie war nicht gerade in den aufgeschlossensten Kreisen aufgewachsen aber sie war etwas enttäuscht von sich selbst, dass sie gerade über alles, das April tat, zweimal nachdachte. Wie stereotyp konnte man sich eigentlich verhalten? Sie kannte sogar queere Personen! Nur hatten die sich noch nie in einem Hotel mit ihr Filme angesehen und den Kopf an ihre Schulter gelegt.
      „Mhm“, machte May plötzlich überrascht. „Der ist echt gut. Hattest du vorher noch nichts hier bestellt? Vielleicht solltest du die Desserts alle durchprobieren“ Sie lächelte. Irgendwie wollte sie die Desserts selbst alle probieren, sie hatte eine ziemliche Schwachstelle für Süßes.
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