The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • April

      Die Zeit wollte einfach nicht schneller verstreichen. Als ihr Wecker klingelte, um sie darauf hinzuweisen, dass sie sich langsam fertig machen musste, wenn sie nicht zu spät kommen wollte, hatte April das Gefühl, dass zwei Wochen vergangen waren. Vielleicht hätte sie sich doch etwas genauer in London umschauen sollen, um die Zeit zu überbrücken, aber nach der Party war ihr die Lust an der Stadt vergangen. Sie hatte keine Ahnung, warum immer alle so einen Wirbel um diese Stadt machten. Sie kam aus einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kannte und es jedem egal war, wenn man ohne Führerschein betrunken mit einem Auto über ein Feld raste. Das war doch weitaus schöner, als diese anonymen Nachbarschaften hier, oder?
      Sie raffte sich vom Bett auf und warf einen kleinen Blick in den Spiegel, um abzuschätzen, wie viel sie retten musste, um einigermaßen nett auszusehen. Nicht viel, zum Glück. Es reichte, die Haare nochmal durchzukämmen und neu zusammen zu binden und ihre Brille zu putzen. Ihren Pullover und ihre Jeans behielt sie einfach an. Darin sah sie weder bedrohlich, noch heruntergekommen aus, was eine ziemlich stabile Taktik war. Sie sparte es sich, das leichte Make Up, das sie nur trug, weil sie vor Langeweile angefangen hatte, sich zu schminken, aufzufrischen. Vielleicht war es ganz gut, wenn sie eher fertig, als gelangweilt aussah.
      Der londoner Nahverkehr war der nächste Punkt auf ihrer langen Liste, warum sie diese Stadt nervte. Es war voll, stickig und laut. Super für Taschendiebe, schlecht für Menschen, die ihre Psyche mochten. Als sie das Büro der Anwältin erreichte, war April fast so weit, wieder in die Kirche einzutreten, nur, um ein kleines Dankesgebet nach oben zu senden. Sie warf einen letzten Blick auf die Adresse in ihrem Handy, verglich sie mit der Adresse, an der sie stand und suchte den passenden Namen auf dem Klingelschild.
      Es dauerte nicht lange, bis sie ein Büro betrat, das...irritierenderweise genau so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatte. Nachdem alles andere so viel langweiliger war, als sie gedacht hatte, war die Inneneinrichtung hier beinahe ein Schock. Sie ließ ihren Blick kurz durch das Zimmer schweifen, bevor sie an der hübschen jungen Frau hinter dem Schreibtisch hängen blieb. Der Kleindungsstil war ein wenig bieder, aber sonst könnte das kleine Gespräch doch ganz nett werden.
      "Hey!", grüßte sie mit einem Lächeln, während sie der Frau die Hand entgegen streckte. "Ich bin April. Du musst May sein, richtig? Darf ich May sagen? Nachnamen sind immer so überbewertet. Bist du ein Mai-Kind, oder hatten deine Eltern auch einfach keinen Sinn für Zeit und Raum?" Sie setzte sich auf einen der Stühle gegenüber der Brünetten, während sie sie erwartungsvoll ansah.
    • May

      Als sich die Tür zu ihrem Büro öffnete, klappte May ihren Laptop zu, stand auf und zupfte ihre Anzughose zurecht bevor sie auf die junge Frau zuging, die hereinkam. April war jedoch schneller bei ihr als umgekehrt und als May gerade ihre Hand ergriff, hatte sie sie schon fast mit ihrem Wortschwall niedergeschlagen. May blinzelte und lächelte etwas überfordert. „Oh- oh, kein Problem“, stotterte sie als erstes auf die Anfrage hin, einander beim Vornamen zu nennen. Zumindest musste sie sich wohl keine Gedanken machen, ob April sich wohl fühlte.
      Sie ging zurück zu ihrem Schreibtisch und deutete April, sich gegenüber von ihr setzen zu können. „Ich… bin im September geboren“, antwortete sie ehrlich, wenn auch etwas unsicher. Sie hatte nichts gegen etwas Smalltalk, schließlich kamen ihr die unterschiedlichsten Menschen unter und jedermanns Charakter war ein wenig anders, es war bloß noch nie passiert, dass jemand direkt so offen Fragen stellte. „Mir ist dein Name auch gleich ins Auge gesprungen“, erwiderte sie lächelnd. Sie hatte bloß einen Moment gebraucht, um sich zu fangen und an Aprils Art zu gewöhnen. Alles kein Problem. Natürlich hatte sie gute Social Skills.
      „Also, April, wollen wir kurz über die nächsten Schritte reden? Ich hab ein paar Fragen an dich zu dem Vorfall auf der Party, aber vorher kläre ich dich noch über das gerichtliche Vorgehen auf, wenn es dir recht ist“, begann sie und nahm nebenbei wieder ihren Kugelschreiber in die Hand, mit dem sie ab und an auf ihren Stapel Papier tippte. „Also, natürlich müssen wir über die ganze Geschichte reden. Du solltest so ehrlich und detailreich antworten, wie möglich, damit ich dir helfen kann. Ich hab gesehen, dass du nicht vorbestraft bist, das ist gut. Auch deine Kooperation mit der Polizei kann die Strafe mildern. Weil die Situation auf der Party wohl sehr unvorteilhaft haft war, bist du in den Punkten Diebstahl und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung angeklagt, das heißt, die Polizei denkt, du hast mit einer kriminellen Gruppe zu tun, und den Diebstahl selbst begangen“ May hob den Blick von ihren Notizen. „Im besten Fall wird die Klage natürlich abgewiesen und du kommst ohne eine Strafe davon. Solltest du aber an irgendetwas tatsächlich beteiligt gewesen sein und uns spielen Zeugen und Beweise nicht in die Karten, werde ich mich um ein Urteil im Punkt Hehlerei bemühen. Das ist das niedrigste Strafmaß für den Besitz von Diebesgut, also den Steinen die bei dir gefunden wurden, und würde eine Geldstrafe oder bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe bedeuten, aber davon gehe ich nicht aus, da du hoffentlich kooperierst und, wie gesagt, nicht vorbestraft bist“ May lächelte aufmunternd. Das alles musste sehr viel sein, aber es war wichtig, schon zu Beginn transparent zu sein.
      „Wichtig ist übrigens, dass du ohne Anwalt nicht mehr mit der Polizei sprichst. Falls du bisher mit jemandem über den Fall gesprochen hast, werde ich versuchen herauszufinden, was genau davon von der Polizei benutzt wird. Also, bevor wir aber irgendwelche Schlüsse ziehen, erzähl mir von der Party. Wie kam es dazu, dass du dort warst? Hast du dort jemanden gekannt? Und erinnerst du dich daran, wie du zu den Steinen gekommen bist?“
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    • April

      'Mitgliedschaft einer kriminellen Vereinigung'. Ha. Haha. Ha.
      April bemühte sich, ihr Gesicht freundlich-neutral zu halte, während die Erklärung zugegebenermaßen in ein Ohr rein und zum anderen wieder raus ging, ohne zwischendrin im Hirn haften zu bleiben. Außer der Part zu ihrem Vorstrafenregister - auf den war sie unfassbar stolz. Sie nickte zwischendurch kurz pflichtbewusst, während May den ganzen legalen Kram runterbetete, der sie eigentlich nicht wirklich interessierte. Sie hatte es schon geschafft, sich aus größeren Nummern rauszureden, die sie tatsächlich begangen hatte. Das hier würde einfach werden.
      "Oh, das ist eigentlich ganz einfach. Ein Freund von mir hat uns auf die Gästeliste gesetzt. Das war so eine typische 'Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt' Aktion. Keine Ahnung, wen genau er gekannt hat, ist wahrscheinlich auch vollkommen egal, eigentlich hatte ich auch absolut keine Lust auf eine Party, aber ich hatte mir vorletzte Woche aus einem Impuls heraus dieses wirklich hübsche Kleid gekauft und ich hatte sonst keinen Grund, es irgendwo anzuziehen, also hab ich zugesagt, um mir den Kauf schön zu quatschen. Was übrigens super funktioniert hat." Sie hatte zumindest noch nie so viele Komplimente zu einem Kleidungsstück bekommen und das schlechte Gewissen zum Kauf war direkt wieder verschwunden.
      "Meine Schuhe haben nur nicht ganz gepasst und die Musik war grauenhaft, aber das hat nichts mit dem Rest zu tun, schätze ich. Wie auch immer, da war dieser Typ - Jay, Josh, irgendwas in die Richtung - Rapper, angeblich, aber ich höre keinen Rap, also keine Ahnung, wie bekannt er ist. Auf jeden Fall war seine Freundin niedlich, also hab ich mich eine Weile mit ihm unterhalten und irgendwann ging plötzlich das Licht an und die Party wurde gestürmt. Ich war eventuell ein klein wenig angetrunken und vollkommen überfordert. Irgendwann hat ein Held gefragt, ob er einen Blick in meine Tasche werfen dürfte und hat ein paar Steine rausgeholt, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Und dann haben die Handschellen geklickt." Zugegeben, sie hatte vielleicht auf das ein oder andere Portmonee gehofft, aber Steine auf einer Party zu stehlen war dämlich. Steine ließen sich zu leicht nachverfolgen. Geld war da eindeutig einfacher.
      "Der Polizei habe ich auch nichts anderes erzählt. Ich glaube, ich hab das letzte mal gegen Mitternacht bewusst in meine Tasche geschaut, weil ich meinen Lippenstift gesucht hatte. Da waren noch keine Steine drinnen. Danach..." Sie zuckte kurz mit den Schultern. "Der Reißverschluss ist seit einer Ewigkeit kaputt, also ist die Tasche immer offen. Ich denke, irgendjemand wird mir die Steine zugeschoben haben, als das Licht angegangen ist, oder so." Zumindest hätte sie selbst das so gemacht. Nichts verwischte Beweise mehr, als sie jemand anderem zuzustecken.
      "Also, wie stehen meine Chancen, dass den Gericht auffällt, dass diese ganze Klage vollkommener Wahnsinn ist?"
    • May

      Es war noch nie so einfach gewesen, Informationen zu bekommen. Das ‚detailreich‘ hatte April sich ebenfalls zu Herzen genommen. May schrieb sich einige Notizen zu den Dingen auf, die April ihr erzählte. Dann sah sie auf und lächelte wieder. „Man weiß leider nie, wie die Jury letztendlich drauf ist, aber wenn du an nichts beteiligt warst, stehen deine Chancen sehr gut. Es gibt ein paar Dinge, die wir vor den Gerichtsterminen noch klären, um dir zu helfen, aber ich denke du wirst allen sympathisch auffallen. Und dann… achja, wie heißt der Freund, der dich eingeladen hat? Du wirst an dem ganzen Aufwand übrigens leider nicht vorbeikommen, weil du, wenn du schon als Angeklagte nicht mehr infrage kommst, als Zeugin wertvoll bist. Du erinnerst dich vielleicht an die Gesichter einiger Leute, es kann also sein, das man dich dafür noch aufs Revier bestellen wird. Du musst nicht helfen, aber ich empfehle es dir. Wenn du immer ehrlich bist und nicht verschiedene Dinge erzählst, solltest du keine Probleme bekommen. Wir können hoffen, dass die Polizei ihre Arbeit schnell erledigt und weitere Beweise findet, dass du keine Schuld trägst, dann wird das Verfahren gegen dich eingestellt. Gut wären da zum Beispiel Fingerabdrücke an den Steinen und Überwachungsvideos, aber es kann immer eine Weile dauern, bis da etwas herauskommt. Leider kann ich dazu auch noch nicht viel sagen, weil ich die Ermittlungsakte nicht habe und erst beantragen kann, wenn ich offiziell deine Anwältin bin. Dafür hab ich hier noch ein paar Dokumente, die du unterschreiben müsstest. Darauf steht ebenfalls mein Honorar und alles weitere, das dich interessieren könnte. Hier, das ist die Mandatserteilung“ May schob April einige Zettel zu und legte den Stift oben drauf. „Natürlich bist du nicht gezwungen, mich als Anwältin zu engagieren“, fügte sie sicherheitshalber hinzu. Sie wusste ja nicht, wie gut April sich mit diesen Dingen auskannte. Vor allem als jemand, der nicht vorbestraft war und vermutlich noch nie darüber nachdenken musste, sich einen Anwalt zu nehmen, oder wieviel so etwas kostete. Was alles allerdings nur für sie sprach und ein gutes Bild vor der Jury abgab. Generell war sie jung und hübsch und redefreudig, das würde der Jury gefallen.
      „Meine E-Mail und Telefonnummer hast du, denke ich, aber beides steht auch noch auf meiner Visitenkarte“, sagte sie und zog eins der Kärtchen aus einer Lade unter ihrem Schreibtisch und legte es vor April. „Du kannst mich jederzeit anrufen oder mir schreiben, wenn etwas ist. Ich werde dich über jeden Termin informieren und dich begleiten, bis das alles vorbei ist. Außerdem werde ich mich bemühen, die Polizeiarbeit ein wenig voranzutreiben, aber Fälle wie diese können sich ziehen, auch wenn du nur noch als Zeugin dabei bist. Hast du sonst noch Fragen?“
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    • April

      "Emil", beantwortete April die Frage nach ihrem Freund. "Keine Ahnung, wie sein Nachname ist. Er hat ihn mir gesagt, ich hab ihn sofort vergessen und jetzt kenne ich ihn so lange, dass es peinlich wäre, danach zu fragen. Aber ich hab seine Handynummer und Adresse." Sie zuckte kurz mit den Schultern. Leider war das nicht mal der einzige dieser Fälle in ihrem Bekanntenkreis, aber bisher war das nie relevant gewesen. Im Gegenteil, in den meisten Fällen war es besser, wenn sie zu wenig wusste. Aber hey - May hatte sie gerade zumindest als sympathisch bezeichnet.
      "Und was, wenn ich nicht als Zeugin dienen will?", fragte sie schließlich, während sie die Unterlagen entgegen nahm und einen kurzen Blick drauf warf. "Ich komme nicht aus London. Ein Freund von mir hat mir ein Hotelzimmer spendiert und ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich das gerne sparen würde. Selbiger Freund zahlt übrigens auch die Kosten hierfür, also würde ich an deiner Stelle noch eine Null bei dem Honorar ergänzen." Sie reichte May das entsprechende Dokument zurück, ohne den Blick vom Rest des Stapels zu heben. Wenn sie es nicht tat, würde April beim Weiterleiten der Rechnungen ihre Editierkünste spielen lassen müssen. Sie wagte es zu bezweifeln, dass Niamh und Caleb je ihre Rechnungen prüften. Dafür wussten sie wahrscheinlich nur zu gut, was ein Anwalt normalerweise kostete. Der Versuch wäre es trotzdem wert, oder? Ugh, wenigstens hätte sie jetzt etwas, worüber sie heute Abend nachdenken konnte, wenn sie versuchte auszublenden, dass sie immer noch in London war.
      "Ich kannte auf der Party eh niemanden und abgesehen von ein paar fragwürdigen Outfits kann ich nicht behaupten, dass mir irgendwas außergewöhnliches aufgefallen wäre." Gut, eigentlich stimmte das nicht. Die Party war ziemlich high-end gewesen, also war alles irgendwie außergewöhnlich gewesen, wenn sie ehrlich war. Die Gläser hatten goldene Ränder gehabt. Wer besaß sowas überhaupt, abgesehen von Leuten, die zu viel von sich selbst hielten? Aber das war wahrscheinlich nicht die Art von 'außergewöhnlich', die die Polizei interessieren würde.
      "Ich hab eigentlich weniger Lust darauf, hier rum zu hängen und immer die selben Fragen zu beantworten. So schön finde ich London nicht." Sie unterzeichnete die Mandatserteilung und schob sie ebenfalls zurück zu May. Sie hatte im Endeffekt eh keine andere Wahl und die junge Anwältin war wenigstens hübsch.
    • May

      "Wenn du unschuldig gesprochen wirst, bist du auch nicht verpflichtet, als Zeugin auszusagen, egal ob im Ermittlungsprozess oder vor Gericht. Außerdem denke ich nicht, dass du vor Gericht geladen werden würdest, wenn du dich an kaum etwas erinnern kannst. Der Polizei musst du dann prinzipiell auch nichts mehr sagen, wenn du mit der Sache abschließen willst" Was vermutlich der Fall und völlig verständlich war. Wenn April hilfreiche Informationen hätte, wäre es für sie sowieso am besten, gleich jetzt damit rauszurücken, damit sie eine Strafmilderung erhalten kann sofern ihr doch noch etwas angehängt werden könnte. Aber das stand nicht wirklich zur Debatte. Wenn sie jetzt schon nichts wusste, würde es später auch keinem etwas bringen, sie als Zeugin vorzuladen.
      May nahm die Mandatserklärung wieder an sich. Sie lachte leicht als April ihr empfahl, mehr Geld zu verlangen. "Das kann ich leider nicht selbst entscheiden, nur die Kanzlei", erklärte sie. Der Grund, weshalb sie in einer Kanzlei angestellt war, war für sie ganz simpel. Sie machte den Job noch nicht allzu lange und wollte Erfahrung sammeln anstatt auf Gut Glück eine eigene Kanzlei zu öffnen. Und außerdem machte es für sie kaum einen Unterschied. Sie wollte ja garnicht mehr Geld verdienen, weil das bloß auf die Kosten ihrer Klienten ging, die schon genug Probleme hatten. Außerdem... und es fiel ihr nicht leicht, das zu akzeptieren, aber sie hatte beinahe keine Ausgaben. Ihre Wohnung hatte ihre Mutter ihr gekauft, genauso wie ihr Auto, das sie aber kaum nutzte, weil sie in einer Großstadt lebte. Sie verdiente ziemlich gut, alles weitere wäre bloß überdrüssig und sie hätte keine Ahnung, was sie damit anfangen sollte. Wenn man wohlhabend aufgewachsen war, hatte man wohl einfach eine andere Beziehung zu Geld. Allen voran ein Gefühl der Sicherheit, da sie noch nie Angst haben musste, irgendetwas nicht bezahlen zu können. Es war fast ein wenig peinlich. Nein, es war wirklich peinlich. Ihre Wohnung war ihr peinlich, sie war gigantisch. Ihr Auto war ihr fast noch peinlicher, obwohl und gerade weil es beinahe dauerhaft in einer Tiefgarage stand.
      Gerade als May aussprechen wollte, dass es sehr nett war, dass ein Freund sich um Aprils Aufenthalt kümmerte, stockte sie. Ihr fiel ein, dass sie von Richard empfohlen worden war, was irgendwie immernoch bizarr auf sie wirkte.
      "Woher kennst du eigentlich Richard Pierce, wenn ich fragen darf?"
      Sie wollte nicht aufdringlich sein, aber sie war zu neugierig. Es war doch unmöglich, dass Richard ihr das alles bezahlte, oder? May wusste natürlich, dass er in einer seltsam guten Gegend wohnte und ein erschreckend teures Auto besaß, aber sie wusste auch, dass er ein Held war und sie war irgendwie davon ausgegangen, dass er furchtbar geizig sein musste, um sich so viel zusammenzusparen. Jeder wusste, dass Helden mehr mit Ruhm als mit Materiellem vergütet wurden. Aber vielleicht hatte er auch Eltern, die ihm ungefragt das Leben finanzierten, und deshalb konnte er seinen Freunden Anwälte und Hotels bezahlen...
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    • April

      "Ein weiterer Fall von 'Ich kenne jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt', fürchte ich." April hatte viel zu viele von diesen Bekanntschaften um drei Ecken, aber eigentlich hatte es ihr - abgesehen von der Party - bisher immer Glück gebracht. Sie war bei Bekannten von Bekannten auf der Couch untergekommen, oder hatte Informationen zu Diebstählen erhalten, oder war einfach mal mit dem Auto mitgenommen worden, als sie einen Szenenwechsel gebraucht hatte. Ein gutes Beziehungsnetzwerk war immer von Vorteil.
      "Ich kenne...einen Freund von ihm, denke ich?" Sie hatte nicht gefragt, in welchem Verhältnis die beiden standen. Caleb hatte ihr die Kontaktdaten und den Namen zugeschickt, als würde es sich um ein Passwort zu einer geheimen Versammlung handeln und hatte auf ihre nächste Nachricht nicht mehr reagiert, was ziemlich typisch war. Jetzt kam es ihr ein wenig seltsam vor, darüber nachzudenken, dass er Freunde haben könnte. Sie kannte ihn normalerweise nur als depressiven Schatten seiner - deutlich hübscheren - Schwester. Es war wahrscheinlicher, dass er irgendwas gegen ihn in der Hand hatte, oder Richard ihm noch einen Gefallen schuldete, oder so. Wahrscheinlich sollte sie nicht zu sehr darüber nachdenken. Am Ende des Tages war das zwischen ihnen ja auch nur ein Deal. Ein Anwalt gegen ihr Schweigen. Sie wollte nicht wissen, was sie für das Zimmer tun musste.
      "Ihr seid Freunde, richtig? Oder hast du ihn auch schon mal vertreten? Darf man als Anwältin überhaupt über alte Fälle reden? Ich wäre viel zu neugierig für sowas." Sie schob ihre Brille zurecht und lehnte sich nach vorne auf den Tisch, während sie May erwartungsvoll ansah. "Du hast sonst wahrscheinlich mit deutlich spannenderen Fällen zu tun, als desaströsen Partynächten, oder? Nicht, dass du's erzählen müsstest, aber...schon, irgendwie." Hoffentlich war sie wenigstens schlau genug gewesen, sich nach Zeitaufwand bezahlen zu lassen.
    • May

      Oh, gut. Sie hatte sich bei Richards Charakter also nicht vollkommen geirrt. "Oh, Freunde ist vielleicht ein bisschen... weit ausgeholt", erwiderte sie langsam. "Wir sind sowas wie Kollegen. Er arbeitet als Held", erklärte sie. Sie stand zu Richard recht neutral. Er war sehr gut in seinem Job und verhielt sich immer professionell, wenn sie im Arbeitsumfeld aufeinander trafen, und es war auch manchmal ganz nett mit ihm zu reden, vor allem nachdem etwas Alkohol geflossen ist, aber alles in allem waren sie wohl einfach zu unterschiedlich, um wirklich die Grenze zur Freundschaft zu überschreiten. Es war nicht so, dass er andauernd mit sich selbst prahlte, aber man merkte sehr schnell, dass seine Art über simples Selbstbewusstsein hinaus ging und er sich einfach für etwas besseres hielt. Was... ja nicht Mays Problem war. Er war deshalb nicht unfreundlich, oder so. Zumindest nicht zu Menschen, die halbwegs kompetent waren.
      "Ich darf über alles mögliche reden, aber ich bin immer froh, wenn Fälle abgeschlossen sind. Meistens geht es bei meinen Klienten nicht um Diebstahl, weil ich gerne Fälle annehme, die schwieriger zu verteidigen sind. Zum Beispiel Körperverletzung" May war sich nicht sicher, warum sie das gerade überhaupt erzählte. "Oder Misshandlung oder Vergewaltigung. Dinge, wo Opfer oft Schuldgefühle haben oder einfach viel Unterstützung brauchen, um die Verhandlungen nicht abzubrechen" Sie überlegte. "Das ist nicht immer... eh... spannend... aber 'spannend' ist sowieso nie gut, wenn man Ankläger vertritt, weil das heißt, dass sie höchstwahrscheinlich ziemlich traumatisiert sind. Es ist auch nicht wirklich was, über das man später nochmal mit jemandem spricht, denke ich" Sie lächelte leicht. Je schneller diese Fälle vorbei waren, desto besser für die Klienten und für May. Außerdem öffnete man hier sowieso ein niemals leer werden wollendes Fass, also war es unproduktiv, über alte Fälle nachzudenken.
      May warf einen Blick auf die Uhr. Sicherheitshalber hatte sie etwa eine Stunde eingeplant, aber wenn sie früher fertig waren, ließ ihr das auch mehr Zeit, um sich noch in den Fall einzuarbeiten. Sie wollte April nicht rauswerfen, aber... bildete sie es sich ein, oder machte die Brünette es sich hier gerade seltsam gemütlich?
      "Wenn dir das Hotelzimmer zu langweilig wird, kann ich dir zum Zeitvertreib übrigens empfehlen, ein paar Cafés auszuprobieren. Wenn ich die Möglichkeit habe, sitze ich auch lieber im Café zum Arbeiten, als hier", erklärte sie lächelnd, um irgendwie einen Abschluss für dieses Gespräch zu finden.
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    • April

      Held. Also hatten sie definitiv irgendwas gegen ihn in der Hand, oder er war einer dieser Helden, die sich gerne schmieren ließen. Zum Glück konnte April das vollkommen egal sein. Ihre sonstigen Fälle schienen auch keine gute Gesprächsgrundlage zu sein. Statt aufregenden Scheidungen oder Klagen voller Intrigen und Plottwists, schien die Anwältin sich eher für das wirklich heftige Zeug zu interessieren, um das April immer schon einen Bogen gemacht hatte. Diebstähle waren vollkommen okay, aber Körperverletzung, oder schlimmeres, war immer ihre persönliche Grenze gewesen. Zum Glück hatte man bisher auch noch nie etwas in dieser Art von ihr verlangt.
      "Oh. Das sind...ziemlich düstere Fälle", stimmte sie, deutlich ernster als eben noch, zu. "Da kann man nur zu gut verstehen, warum die Opfer nicht nochmal darüber reden wollen. Ich kann meinen Fall im Gegensatz dazu wahrscheinlich als witzige Geschichte für 'zwei Wahrheiten und eine Lüge' nutzen, oder so." Oder als Flirt. Es war überraschend, wie viele Frauen auf die 'ich bin kriminell, fix me' Story ansprangen. Nicht, dass sie dafür eine Klage benötigte, aber hey, wenn es ihr schon neuen Stoff bot, wollte sie das ganze nicht ungenutzt lassen. Wo sie sowieso gerade beim Thema waren...
      "Ich glaube, das ist das zweite mal in meinem Leben, dass ich überhaupt in London bin. Ich bin irgendwie so überfordert von den ganzen Angeboten, dass die Langeweile im Hotelzimmer fast angenehmer ist. Kannst du ein Café empfehlen?" April schenkte May ein kleines Lächeln, bevor sie kurz blinzelte, als wäre ihr soeben eine wundervolle Idee in den Kopf gekommen. "Wann hast du Feierabend? Wir könnten zusammen gehen! Nur wenn du willst, natürlich. Ich hab kein Problem damit, alleine in Cafés zu gehen. Es ist nur irgendwie immer so komisch, alleine an einem Tisch zu sitzen, wenn man nicht gerade einen Laptop dabei hat, oder so." Das Lächeln wurde - bewusst - ein bisschen unsicherer. Es war wahrscheinlich alles andere, als eine gute Idee, mit seiner Anwältin in ein Café zu gehen, aber...April hatte wirklich nichts zu tun, man konnte sich mit May super unterhalten und wenn alles gut lief, würde sie sie nach dem Prozess sowieso nie wieder sehen. Warum also nicht zumindest ein bisschen flirten?
    • May

      Hah. Das nahm eine eigenartige Wendung. May zögerte. Sie wollte ihrer neuen Klientin nicht auf die Füße treten, indem sie ein persönliches Treffen gleich abwies. April musste ja wirklich richtig langweilig sein, wenn sie sogar mit ihrer Anwältin in ein Café wollte. Aber so oder so hatte sie dafür nicht wirklich die Zeit für so etwas.
      "Ich glaube, um die Zeit wird kein Café mehr geöffnet sein", erwiderte sie mit einem entschuldigenden Lächeln. Sie hatte zu einer ganz normalen Zeit Feierabend, aber nichts schützte sie vor Überstunden, wenn sie ihrer eigenen Arbeit noch irgendwie hinterher kommen wollte. "Ich muss mich noch eine Weile um deinen Fall kümmern, das kann dauern, vor allem bis ich die Akten bekomme" Wenn sie hier noch vor neun Uhr rauskam, war es ein guter Tag. Normalerweise fiel ihr immer noch haufenweise Zeug auf, das sie erledigen musste, und sogar zuhause war sie meistens mit Arbeit beschäftigt.
      "Aber, äh... wenn du willst, schreib ich dir ein paar Orte auf, die du besuchen kannst. Cafés, Restaurants, Bars, Museen und sowas... Es gibt recht viel zu tun London, wenn man weiß, wo man hingehen muss. Ich hab ja deine Nummer schon, dann schick ich dir später eine Liste" Solange es April irgendwie bei Laune hielt. Für May war es schließlich auch gut, wenn ihre Klienten gut drauf waren und sie gern hatten. Wenn es also nichts weiter, als das war... Und vielleicht hatte dieser Bekannte von Richard ja noch Zeit, ihr die Stadt ein wenig zu zeigen, oder so.
      "Also, ich würde unseren nächsten Termin ansetzen, wenn ich mehr über die Ermittlungen weiß und eine Ahnung hab, wo du gerade auf Verdächtigenliste stehst. Wenn du willst, treffen wir uns beim nächsten Mal nicht hier, sondern in einem der Cafes?" Das war alles, was sie der Brünetten anbieten konnte, aber sie hatte schließlich viel zu tun und gerade keinen Urlaub.
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    • April

      Tja. Das wäre auch zu schön und viel zu einfach gewesen, nicht? Also würde sie wohl einen weiteren Abend im Hotel verbringen und darauf warten, dass irgendwas passierte. Enttäuschend. Durch das ganze Drama konnte sie aktuell nicht mal arbeiten. Ihr Bankkonto glich einem schwarzen Loch und sie war nur eine Shoppingtour davon entfernt einen netten Brief von ihrer Bank zu bekommen. Das war vielleicht das tragischste an der ganzen Sache. Vielleicht sollte sie heute Abend wirklich einfach wieder feiern gehen und hoffen, dass sie jemand ansprach und ihr was zu trinken ausgeben würde.
      "Dann warte ich auf die Liste", antwortete sie mit einem kleinen Lächeln. Für eine Sekunde spielte sie mit dem Gedanken anzumerken, dass Restaurants um diese Uhrzeit ganz bestimmt noch offen hatten, aber sie wollte nicht betteln, oder Grenzen überschreiten. Noch nicht, zumindest. Vielleicht, wenn May sich etwas mehr in den Fall eingearbeitet hatte und sie das ganze als produktives Meeting durchmogeln konnte. So, wie May es selbst gerade getan hatte.
      "Ich freue mich schon auf das nächste Treffen im Café. Wird bestimmt mal was anderes", erklärte sie gut gelaunt, während sie aufstand und ihren Pullover zurecht zog. "Ich glaube, ich habe ein ziemlich gutes Gefühl bei der Sache. Dem Fall, meine ich. Melde dich, falls ich bei den Akten noch irgendwie weiterhelfen kann. Ich schicke dir Emils Daten gleich noch zu, damit du ihn im Zweifelsfall kontaktieren kannst." Sie hielt May erneut die Hand entgegen. "Ansonsten bis zum nächsten mal. Und mach pünktlich Feierabend. Du bist zu hübsch für Stressfalten." Sie zwinkerte May gut gelaunt zu, bevor sie sich zum Gehen wandte.

      Das kurze Gespräch hatte nicht viel an dem Pendleransturm geändert. April stand immer noch zwischen Menschen eingequetscht in der U-Bahn, während sie Emils Kontakt auf ihrem Handy raussuchte und ihn May mit einem kleinen "Zur Info =)" weiterleitete. Einen Moment lang überlegte sie, ihn irgendwie vorzuwarnen, dass er eventuell einen Anruf erhalten würde, dann überlegte sie es sich anders. Irgendwie verdiente er die Überraschung, wenn er schon irgendwie dafür verantwortlich war, dass sie überhaupt in diesem Chaos steckte. May würde schon schaffen ihm zu erklären, worum es ging und Emil war keiner ihrer typischen Freunde, mit denen sie Einbrüche, Schmuggeleien und Deals plante, also konnte er nicht zu viel ausplaudern. Jetzt musste sie nur noch überlegen, wie sie die nächsten Tage rumbringen wollte, ohne dabei durchzudrehen. Yay. Irgendwas würde ihr schon einfallen. Hoffentlich.
    • May

      Es war eine wundervolle Abwechslung, mal nicht jemanden hier sitzen zu haben, der an der Grenze zu einem psychischen Zusammenbruch stand und ihr mit glasigen Augen mitteilte, sich an kaum etwas erinnern zu können. Der Nachmittag hätte eine deutlich deprimierendere Richtung einnehmen können und May war glücklich, ausnahmsweise einen, wie es scheinte, lockeren Fall anzunehmen. Sie war etwa so optimistisch, wie April, auch wenn sie selbst natürlich immer im Hinterkopf hatte, was alles schief laufen könnte. Was hier allerdings zum Glück recht wenig war, weshalb sie sich leicht fühlte und spielend leicht die Energie aufrecht erhielt, sich die nächsten Stunden noch mit dem Fall zu beschäftigen. Sie machte einen Abstecher am Revier, holte sich Kopien der notwendigen Unterlagen, dann fuhr sie zurück ins Büro. Sie hatte sich am Rückweg einen Burrito an der Straßenecke ihres Gebäudes gekauft, was ihr noch etwas bessere Laune bescherte. Ja, sie war... seltsam gut drauf, dafür, dass sie auf der Arbeit saß. Sie mochte ihren Job ja, aber üblicherweise zog er sie ganz schön runter.
      Für eine Millisekunde kam ihr ein mit Neid beladener Gedanke, dass Anwälte im Verwaltungsrecht bestimmt immer besser gelaunt waren. Dann zwang sie sich, wieder zu Sinnen zu kommen. Sie würde ihre bedeutsame Arbeit niemals für einen Funken mehr Seelenfrieden aufgeben, so selbstsüchtig war sie nicht.

      Wie immer vergingen Mays Tage im Flug, und wenn sie morgen aufwachte war sie vermutlich schon fünfzig, aber das war eben der undankbare Nebeneffekt bei hochbeschäftigten Menschen. Die leicht bessere Laune, die über dem gelegen hatte, was sie üblicherweise gewohnt war, war ebenfalls verflogen. Sie hatte Aprils Hilfe nicht mehr gebraucht und sich bloß für ihren nächsten Termin be ihr gemeldet, um ihr ein Update über die Ermittlungen zu geben. Scheinbar hatte man endlich Zugriff auf die Überwachungsvideos und diese wurden heute inspiziert. Wenn April Glück hatte, war deutlich zu sehen, dass sie mit dem Verbrechen nichts am Hut hatte. Wenn sie Pech hatte, brachten ihr die Überwachungsvideos garnichts. Das konnte May ihr dann ja noch in einem Anruf mitteilen.
      Sie trafen sich vormittags in einem Café nahe der Kanzlei, wo May bereits ihren Mantel an einen Kleiderständer hängte und dann an einem reservierten Tisch für zwei Personen auf ihre Klientin wartete.
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    • April

      Die Tage zogen sich ins Unendliche. Langsam hatte April den Eindruck, dass sich alle nur davor fürchteten, bei einem Deal hochgenommen zu werden, weil der anschließende Prozess so langweilig und zeitaufwendig war. Mittlerweile wäre es fast spannender gewesen, wenn sie weiterhin in Haft geblieben wäre. Da hätte man wenigstens ein paar interessante Bekanntschaften schließen können, statt ohne Geld in einer fremden Stadt zu sitzen. Wenigstens hatte sie mittlerweile alle Netflix-Serien nachgeholt, die sie immer vor sich hergeschoben hatte. Zwischendurch hatte sie sich sogar nochmal auf eine Party getraut, auch, wenn außer ein paar ausgegebenen Drinks nicht viel passiert war.
      Der einzige kleine Lichtblick war der gewesen, dass May sich nochmal gemeldet hatte. Leider nicht, um mehr Informationen zu bekommen, sondern lediglich mit einem Termin fürs nächste Treffen, aber immerhin. Besser, als weiterhin alleine rumzusitzen. Sie bemühte sich sogar, diesmal genug Zeit einzuplanen, um sich zu schminken und ihre Haare zu flechten. Sie sah nicht halb so chaotisch aus, wie sonst, als sie das kleine Café betrat, ihre Lederjacke an die Garderobe hängte und nach May Ausschau hielt. Sie fand sie ziemlich problemlos an einem der Tische.
      "Hallo", grüßte sie froh gelaunt, während sie sich auf den leeren Stuhl gegenüber von ihr niederließ. "Du hattest Recht, das Café sieht wirklich gut aus." Wenn der Kaffee jetzt noch gut schmeckte, konnte sie sich nicht beschweren. April legte ihre Hände auf dem Tisch zusammen und sah zu May. "Also, gibt es was Neues? Bitte sag mir, dass es was Neues gibt. Ich finde es unfassbar anstrengend, die ganze Zeit nichts zu tun zu haben. Ich kann nicht mal über meinen eigenen Fall gossipen." Sie seufzte theatralisch. Wenn sie schon ihre letzten Ersparnisse für das Café ausgab, hoffte sie wenigstens auf irgendeine spannende Entwicklung. Irgendwas, das ihr das Gefühl geben würde, dass es eine Bewegung im Fall gab.
    • May

      Aprils gute Laune zog May schon wieder fast den Füßen unter den Boden weg. War jeder in ihrem Umfeld chronisch depressiv oder war diese Frau wirklich ein seltener Sonnenschein? In jedem Fall zauberte es May ein kleines Lächeln auf die Lippen.
      „Ich kann dir die Dessertkarte auch sehr empfehlen. Ich hab noch nicht gefrühstückt, also werde ich mir was bestellen“, fügte sie hinzu als April dem Café komplimentierte. Generell hatte May sich möglicherweise etwas mehr Zeit für den Termin genommen, als zwingend notwendig, aber ab und an konnte sie sich auch ohne schlechtem Gewissen mal kleine Pausen gönnen.
      „Es gibt tatsächlich was Neues, aber ich weiß noch nicht, ob es auch wirklich gute Neuigkeiten sind“, teaserte sie milde an. „Es gab sowohl am Hauseingang Überwachungskameras, als auch Handy-Videos auf der Party, wie man bei den Befragungen herausgefunden hat. Das ganze Material wird sich noch angesehen. Gute Neuigkeiten sind es nur, wenn möglicherweise mitgefilmt wurde, wie dir die Steine zugesteckt wurden. Das ist eher unwahrscheinlich, aber… vielleicht ja doch. In der Zwischenzeit wird ermittelt, wo und von wem die Steine überhaupt gestohlen wurden und da wird hoffentlich bald herauskommen, dass dein Name bis zu der Party noch nie irgendwo gefallen ist“
      Es waren nicht unbedingt gute Nachrichten, eher recht neutrale, aber doch kleine Fortschritte und im Endeffekt war das alles, was hier zählte. Es war vielleicht anstrengend, es so lange auszusitzen, aber May war diese langwierigen Prozesse ohnehin gewohnt und ihr Job war auch, April ein gutes Gefühl zu geben, indem sie ihr versicherte, dass sich jemand um den Fall kümmerte und daran arbeitete, dass sie schnell aus dem Schneider war. Das war es im Prinzip, was ihr Treffen bewirken sollte.
      „Tut mir leid, dass es sonst noch nichts positives gibt“, sagte sie und lächelte leicht, und im nächsten Moment stand ein Kellner an ihrem Tisch und nahm die Bestellung auf. Da May ihre Infos überbracht hatte, blieb jetzt nicht mehr viel, außer…
      „Eh… hast du in London schon irgendetwas gegen die Langeweile gefunden?“ Small Talk.
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    • April

      Mittlerweile hatte sie einen Zustand erreicht, in dem es ihr vollkommen egal war, ob die Nachrichten gut, oder schlecht waren, Hauptsache, es gab etwas Neues. April konnte sich nur schwer auf die Dessertkarte konzentrieren, während May sprach, aber...offenbar musste sie sich weiterhin gedulden, bis es ein Update geben würde. Videos. Sie hatte selbst genug Bilder gemacht, aber keine, auf denen man irgendwas sehen würde, was in dem Fall weiterhelfen würde. Mehr Snapshots, um mit ihren Freunden über einen Lifestyle zu lästern, den sie sich nie leisten könnten und ein paar Spiegel-Selfies. Hübsch, aber nutzlos.
      April wollte gerade abwinken, als May sich vollkommen grundlos entschuldigte, dass es nichts positiveres gab, als sie von einem Kellner unterbrochen wurden. Es war nicht ihre Schuld. Wenigstens schien sie sich Mühe zu geben. Zumindest hoffte April das, während sie einen Kaffee und ein Stück Kuchen bestellte. Der Kellner nickte kurz, bevor er sich wegdrehte und May bereits das Thema zum Smalltalk wechselte.
      "Nicht wirklich. Ich war zwischendurch feiern und ein wenig unterwegs, aber irgendwie ist die Stadt nicht so meins. Ziemlich grau und Beton nach Beton, nach Beton." Sie verdrehte kurz die Augen. "Ich komme aus einem richtigen Dorf. Beschissen, wenn man einkaufen will, aber sonst ist alles irgendwie grüner und entspannter, als hier." Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Vielleicht hätte sie nie weg gehen sollen. Vielleicht hätte sie einfach irgendeinen langweiligen Job annehmen sollen. Aber das war nie ihr Stil gewesen.
      "Wie sieht es bei dir aus? Wie bist du in London gelandet? Hier geboren, oder wegen einer Beziehung hergezogen, oder...?" Sie warf May ein kleines Lächeln zu in der Hoffnung, zwei Fragen zum Preis von einer beantwortet zu bekommen. Die junge Anwältin war viel zu professionell. Super für ihren Beruf, aber leider ziemlich schwierig, wenn man etwas über sie erfahren wollte. Aber vielleicht würden ein Kaffee und etwas süßes sie zumindest ein bisschen auflockern. Einseitiges Flirten war zwar nichts neues für April, aber doch relativ frustrierend.
    • May

      Sie hatte noch nie ein Pokerface gehabt. Alles, was sie konnte, war sich alle zwei Sekunden selbst daran zu erinnern, freundlich zu lächeln. Wenn sie das nicht tat, konnte man ihr jede Emotion von ihrem Gesicht ablesen, so war es immerschon gewesen. Ob es nun Ekel, Verwirrung, Angst oder Schadenfreude war, oder sie spontan in Tränen ausbrach, es war sehr schlecht mit ihrer generellen Persönlichkeit zu vereinbaren, aber sie konnte nichts dagegen tun. Ihre Freunde waren der Meinung, dass sie verkrampft wirkte. Seit sie ihr Studium begonnen hatte, aber vor allem seit sie Stück für Stück mehr Verantwortung übernehmen hatte müssen. Vermutlich hatten sie recht, aber May war nunmal ein sehr pflichtbewusster Mensch. Gefühle kamen einem meistens bloß in die Quere.
      Den Gedanken hatte sie sich wohl für jede Lebenssituation antrainiert. Es musste so wirken, als hätte sie einen Stock im Arsch. Dessen war sie sich bewusst. Trotzdem war ihre erste Reaktion immer, mit aller Kraft dieses Lächeln aufrechtzuerhalten, das allermeistens einen schlechten Job machte, wenn es ums kaschieren ging. Sie konnte nicht gut verstecken, wenn sie etwas überraschte oder von der Reihe brachte. Auch wenn April es vermutlich nicht absichtlich tat, aber sie war wirklich begabt, was überraschende Fragen anging.
      „Oh, ich bin hier geboren“, antwortete May und umging die Frage nach einer Beziehung damit simpel. „Ich bin es nicht anders gewohnt, darum kann ich nicht wirklich beurteilen, wie lebenswert die Stadt ist. Ohne meinem sozialen Umfeld wäre mir wahrscheinlich auch langweilig“
      Soziales Umfeld, pft. Kollegen und Kolleginnen nannte man das in ihrem Fall. Jegliche ihrer Freunde kannte sie seit Jahren und traf sie, wenn es hoch kam, zwei oder drei Mal im Jahr. Galt Chatten überhaupt als sozial? Neue Leute lernte sie kaum kennen, dafür hatte sie auch keine Zeit. Und Beziehungen hatten in ihrem Leben noch nie geklappt, aus allen möglichen Gründen. Entweder hatte man sie als verklemmt empfunden, als unpersönlich oder verheiratet mit ihrem Job, und wenn es das nicht war, dann die Tatsache, dass sie scheinbar immer Männer anlockte, die Beziehungen nicht offiziell machen wollten.
      War das ein Thema für ein Treffen mit einer Klientin? Absolut nicht.
      „Wie kommt es überhaupt, dass du in London bist? Um diesen… Freund zu besuchen, der uns verknüpft hat?“ Sie lächelte. Das sollte keine anspielende Frage sein, aber wenn April über Persönliches reden wollte, dann doch lieber über ihr eigenes Leben als Mays.
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    • April


      Zu schade. Offensichtlich musste April weiterhin raten, was Mays Beziehungsstatus war und ob sie sich überhaupt für Frauen interessierte. Obwohl sie beides nicht vom Flirten abbringen würde. Man musste ja nichts ernstes draus machen. Passend dazu brachte sie Mays Gegenfrage unfreiwillig zum lachen. Nicht, weil sie irgendwie ungewöhnlich war, sondern mehr, weil die Vorstellung, Caleb privat zu besuchen, einfach vollkommen absurd war.
      "Oh. Nein. Er hasst mich. Also, er hasst jeden irgendwie, glaube ich. Kennst du diesen depressiven Esel aus Winnie Puuh? Das ist er, nur passiv-aggressiver. Es ist fast niedlich. Ich glaube, er zahlt nur, weil er Angst hat, dass ich ihn aus Langeweile anrufe, wenn ich im Gefängnis landen sollte." Sie grinste, immer noch amüsiert über die Vorstellung. "Ich treibe aktuell einfach ein bisschen durch die Gegend. Ich hangel mich von Sofa zu Sofa von Freunden und Bekannten und bin in einem kleinen Ort hier in der Nähe gelandet, als mein Freund mich zu der Party eingeladen hatte. Und jetzt sitze ich halt hier fest." Sie fuhr mit ihrem Finger über einen alten Glas-Abdruck auf dem Holztisch. Zugegeben, sie wusste nicht, wo sie jetzt sonst wäre. Ihr Leben war nie sonderlich vorhersehbar gewesen. Vielleicht wäre sie jetzt auf einer anderen londoner Couch, vielleicht wäre sie weitergezogen zur nächsten Stadt.
      "Was machst du so mit deinem sozialen Umfeld, wenn du nicht gerade mit Klientinnen in Cafés sitzt?", fragte sie weiter, während der Kellner wieder neben ihnen auftauchte und Getränke und Süßspeisen auf den Tisch stellte. April kippte ein wenig Zucker in ihren Kaffee, bevor sie den ersten Schluck trank und noch etwas Zucker nachkippte. "Oder kommst du normalerweise nicht so schnell aus dem Büro raus? Anwälte haben ja klischeemäßig viel zu tun, oder? Ugh, das wäre nichts für mich. Ich brauche Freizeit, sonst will ich mich selbst aus dem Fenster stürzen." Sie lachte kurz, bevor sie den zweiten Schluck trank und zufrieden feststellte, dass der zweite Zuckerschub was gebracht hatte.
    • May

      Das war interessant. Sehr interessant. Richard war mit so jemandem… befreundet? Viel eher musste er ihm etwas schulden, oder so, anders konnte es kaum sein. Er war auch niemand, der aus Mitgefühl mit jemandem befreundet wäre. Zumindest glaubte May das.
      „Hah… Ich kann mir wirklich… kaum erklären, woher mein Kollege deinen Freund kennen könnte“, schmunzelte sie und sah auf ihren Kaffee, den sie nachdenklich vor sich rührte. Sollte sie ihn das nächste Mal fragen? Sie hatte doch ein Recht dazu, nachdem sie ihm mit dem Fall irgendwie einen Gefallen tat.
      April enttarnte sie im selben Gedanken noch, dass sie tatsächlich nichts besseres zu tun hatte, als sich in die Leben anderer Leute einzumischen, innerhalb und außerhalb ihres Jobs. Sie lachte leicht. „Ah, meisten treffe ich mich mit Kollegen auf ein paar Drinks, wenn ich ehrlich bin. Aber ich hab ein paar Freundinnen, die ich zwar selten sehe, aber dann machen wir alles mögliche. Meistens übers Wochenende, wegen der Distanz. Das letzte Mal waren wir in einer Therme, in einem Restaurant… und haben Filme geguckt, sowas eben“ Es war eigenartig, sich über so etwas mit einer Klientin zu unterhalten, aber sie musste es April lassen, sie war ziemlich gut darin, Gespräche am Laufen zu halten. May kaufte es ihr sofort ab, als sie meinte, dass sie viel Freizeit brauchte. Sie wirkte so, wie ein Freigeist eben. Dafür sprach auch das planlose Herumreisen. May war sich nicht sicher, ob sie das überhaupt könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte immer irgendeinen Plan im Kopf, sonst konnte sie sich einfach nicht entspannen. Oder, zumindest war sie nochmal deutlich unentspannter, wenn sie sich einfach treiben ließ. Sogar jeder Urlaub war bei ihr von der ersten Sekunde bis zur letzten völlig durchgeplant. Wie sollte man seine Zeit sonst auch effizient nutzen? Aber ein wenig beneidete sie April, dass sie das nicht zu brauchen schien. Sie wirkte jedenfalls recht glücklich. Und ohne diesem Zwischenfall auf der Party wäre sie bestimmt halb so gelangweilt, wenn man sie nicht an einem Ort festhalten würde.
      „Wo willst du dann als nächstes hin, wenn der Fall abgeschlossen ist?“, fragte May. Auch wenn es für sie völlig unrealistisch war, einen derartigen Lebensstil anzudenken, nachdem sie sich bereits so in ihren Alltag eingelebt hatte, interessierte es sie, was andere aus ihrem Leben machten. Manchmal, ganz selten nur, war sie ein wenig neidisch. Auch wenn es um Dinge ging, die sie vielleicht garnicht machen wollte. Durch die Augen anderer Leute konnte alles mögliche spannend aussehen.
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    • April

      "Wahrscheinlich hat er einfach-" April stockte kurz, als sie realisierte, dass sie vor May wahrscheinlich nicht einfach so Erpressungen und Drohungen erwähnen sollte. Zwar war May irgendwie Fachfrau für das ganze, aber halt für die andere Seite. "-einen breit aufgestellten Freundeskreis?", endete sie die Vermutung, woher Caleb und Mays Kollege - sie hatte den Namen schon wieder vergessen - sich kennen könnten. Ja. Okay. Wahrscheinlich hätte sich das mit der Erpressung auch dann realistischer angehört, wenn man nicht wusste, wie ernst es gemeint war. Aber wie April schon zuvor festgestellt hatte, konnte es ihnen ja zum Glück egal sein, woher die beiden sich kannten, solange ein kleiner Vorteil für sie entstand.
      April folgte lächelnd Mays kleiner Erklärung, was sie sonst so mit ihrer Freizeit anstellte und kommentierte sie schlussendlich mit einem entzückten "Süß", bevor sie die Gegenfrage mit einem kleinen Achselzucken beantwortete. "Ich habe keine Ahnung. Ich denke, ich werde mich irgendwie zum Stadtrand vorarbeiten und dann sehen, dass ich ins Grüne komme. Zum Glück findet man fast überall jemanden, der einen bei sich übernachten lässt. Selbst wenn man sich das Bett manchmal erflirten muss." Was der einzige Nachteil an ihrem Lebensstil war. Es war schön, was von der Welt zu sehen und weitestgehend selbstbestimmt zu leben, aber es war verdammt aufwendig, jeden Abend einen Ort zum Schlafen zu finden. Sie hatte schon zu oft die Nächte durchgemacht, weil sie nichts gefunden hatte, oder hatte ihr restliches Geld doch für kleine Hotelzimmer ausgeben müssen. Es konnte ziemlich auf die Psyche schlagen. Sie hatte mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, sich doch irgendwo eine kleine Wohnung zu mieten, aber das würde ein regelmäßiges Einkommen voraussetzen und dazu benötigte sie einen Job, bei dem sie nicht nach fünf Minuten sämtliche Lebensfreude verlieren würde, was vollkommen unmöglich war. Oder sie müsste anfangen, wirklich gut zu sparen und das konnte sie direkt aufgeben.
      "Ich denke, auf lange Sicht geht es irgendwann wieder zurück nach Irland. Da kenne ich mich wenigstens aus." Sie rührte kurz in ihrem Kaffee, bevor sie wieder zu May hoch sah. "Außer ich finde irgendwas, was mich hier hält, natürlich, aber es muss was verdammt gutes sein, um die Sache mit der Party auszugleichen, also ist es eher unwahrscheinlich, denke ich." Zumal es vielleicht ganz gut wäre, nach der Nummer erst mal keine Begegnungen mit der londoner Polizei mehr zu haben. In anderen Städten konnte sie sich als Unbekannte noch aus kleineren Delikten rausreden, hier wäre das wahrscheinlich absolut unmöglich. "Betreust du eigentlich mehrere Fälle auf einmal, oder immer einen nach dem anderen?"
    • May

      May wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte. Vielleicht war Aprils Lebensstil weniger romantisch und frei, und mehr… verrückt. Sie verließ sich darauf, dass sie bei irgendwelchen Fremden unterkommen konnte, mit denen sie eben mal geflirtet hatte? So in Richtung One Night Stand, nur um eine Unterkunft zu haben? Konnte sie sich kein Motel oder so leisten? Oder mochte sie einfach den Nervenkitzel? May würde sich in dem Fall nicht einmal als übervorsichtlich bezeichnen. Genau in solchen Situationen passierten schließlich die schrecklichsten Dinge, die dann vor Gericht landeten.
      „Hm, klingt so, als wäre London für dich schon gelaufen“, erwiderte May spaßhalber, aber es war irgendwie traurig, nicht? Bloß weil man einmal Unglück hatte. Aber so lief das wohl meistens. May hatte bestimmt auch irgendwelche seltsamen Dinge, die sie nicht mochte, nur weil einmal irgendetwas unglückliches passiert war.
      „Ah, weil ich recht intensive Fälle habe, meistens um die fünf bis sechs, aber es kommt auch ganz drauf an, woran meine Kollegen gerade arbeiten und wieviel Zeit-“
      May stockte, als sie eine Kellnerin sah, die gerade schräg von ihr an einem Tischbein anstieß und so taumelte, dass man aus jeder Ecke des Cafés vorhersehen konnte, was gleich passieren würde. May sah das Ganze vor ihrem geistigen Auge, bevor es noch passierte. Sie zog ihre Beine zur Seite, in der Hoffnung, dass das reichen würde. Sie hatte sich verschätzt.
      Die Kellnerin fiel unschön auf die Knie, das Tablett mit ihr, und es gab ein ohrenbetäubendes Klirren dank des Glases das am Boden zerbrach und in alle Himmelsrichtungen zersplitterte, während May mit ihrem ganzen Körper die Kaffeetasse aufzufangen schien, die weiter flog, als antizipiert.
      May zuckte zurück und hob reflexartig die Arme, als die heiße Flüssigkeit ihre weiße Bluse einfärbte und bis zu ihren Beinen herunter tropfte. Als der erste Schock nachließ und die Realität einsetzte, merkte sie, dass der Kaffee wohl schon einige Minuten herumgestanden hatte, denn er brannte nicht auf ihrer Haut. Nass war sie trotzdem. Sogar ihre Haarspitzen tropften Kaffee auf ihre Bluse. Gerade als jemand vom Personal der Kellnerin hoch half und simultan bereits das große Putzen gestartet wurde, um die Gäste vor den Scherben zu retten, schoss besagte Kellnerin auch schon zu ihr herüber und versuchte mit Servietten irgendwie… aufzusaugen, was Mays Kleidung nicht mehr geschafft hatte.
      „Oh Gott, es tut mir so leid! Ist es heiß? Brauchen Sie etwas anderes zum Anziehen? Eis? Ich hole gleich ein Handtuch-“ Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus. May war kurz etwas zu überfordert um zu antworten, bevor sie der Kellnerin eine Hand auf den Arm legte, damit sie sich die Mühe mit den Servietten sparte.
      „Schon okay, es war nicht heiß. Haben Sie irgendetwas zum Anziehen, das ich mir ausleihen kann?“, fragte sie und stand langsam auf, wobei sie deutlich spürte, wie der Kaffee an ihrer Haut entlang ronn. Es war… ekelhaft war noch untertrieben, wenn sie ehrlich war. Vor allem aber war der Moment ziemlich ungünstig, sie arbeitete schließlich. Wenn es nur ein kleiner Fleck wäre… Aber ihr ganzer Anzug troff. Und sie hatte nicht vorgehabt, ihren gesamten Körper mit Kaffee zu parfümieren.
      Sie warf April einen kurzen Blick zu, nicht sicher, was sie sagen sollte. Am besten wäre es wohl, sich einfach zu verabschieden und das irgendwie alleine zu regeln.
      „Ah… das war… unerwartet, ähm, ich geh mal mit der Dame mit, denke ich“, sagte sie und lachte leicht, mehr nervös als sonst etwas. So schnell konnte man die Tagesplanung durcheinander bringen. Sie musste sich im Büro melden, dass sie eine Weile nachhause fahren musste, um… zu duschen. Und was auch immer diese Frau ihr zum Anziehen geben konnte, waren vermutlich die Alltagsklamotten, die sie heute morgen selbst gegen eine Uniform getauscht hatte, also war es keinesfalls etwas, mit dem sie zurück ins Büro gehen wollte.
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