The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Steve

      Steve hielt sich bewusst im Hintergrund. Während Thomas und seine Mutter sich unterhielten, lehnte er im Türrahmen der Küche, damit er sowohl den Herd, als auch seinen Freund im Auge behalten konnte, bereit, einzuspringen, falls Essen oder Emotionen überkochen würden. Was nicht der Fall zu sein schien. Zumindest nicht im negativen Sinne. Thomas' Mom entschuldigte sich, was wahrscheinlich das beste Geburtstagsgeschenk war, das sie ihm machen konnte. Steve spürte, wie ihm fast selbst Tränen in die Augen kamen, als er sah, wie sein Freund sich verstohlen über die Wange strich. Er war für so emotionale Momente wirklich nicht geschaffen, aber zum Glück konnte er sich ja dezent zum Herd zurückziehen und den beiden etwas mehr Privatsphäre gönnen, während er sich damit ablenkte, das Abendessen fertig zu-
      Die kleine Einladung zum Abendessen an Thomas' Mutter ließ Steve erstarren und ein wenig panisch zum Herd schauen. Er hatte generell nichts dagegen, dass sie zum Essen blieb. Er hatte gerne Gäste, die er bekochen konnte. Das Problem war nur, dass er sich nicht sicher war, ob die Portion, die er gemacht hatte, für drei Leute reichte. Er hatte nicht mit einem sonderlich großen Rest kalkuliert und jetzt, kurz bevor es fertig war, noch etwas hinterher zu schmeißen, würde unmöglich funktionieren. Die einzige Lösung war, selbst weniger zu nehmen und darauf zu hoffen, dass Thomas durch das zweite Stück Kuchen weniger Hunger hatte. Das, oder einen Weg finden, Thomas' Mutter mitzuteilen, dass sie nicht eingeplant gewesen war, ohne dabei passiv-aggressiv zu klingen, was faktisch vollkommen unmöglich war.
      Seine Gedanken rasten immer noch, während Steve den Herd ausschaltete und die ersten Schüsseln schon mal zum Tisch trug. Im vorbeigehen schnappte er sich noch ein zusätzliches Besteckset - zum Glück hatte er gestern noch gespült - legte es zu Thomas' Mutter.
      "Ich hoffe, es schmeckt", verkündete er mit einem kleinen Lächeln, während er auf dem zweiten Weg von Küche zu Tisch einen zusätzlichen Teller und das restliche Essen mitbrachte und auf den Tisch stellte. Er drückte Thomas einen flüchtigen Kuss aufs Haar, bevor er ihn auf den Stuhl gegenüber seiner Mutter schob und sich neben ihn setzte, die kleine Stimme in seinem Kopf ignorierend, die ihn anschrie, dass es sich hierbei um eine brandgefährliche Situation handelte. Blödsinn. Alles würde schon gut werden, irgendwie.
    • Thomas

      Der Tag schlug definitiv eine andere Richtung ein, als Thomas erwartet hatte. Aber es war in Ordnung. Besser wäre es zwar gewesen, wenn seine Mutter nicht entschlossen heute, genau an seinem Geburtstag aufzukreuzen, wenn er gerade dabei war, den perfekten Tag mit Steve zu verbringen und einen neuen Rekord im Sitzen aufzustellen. Aber er würde dafür demnächst etwas ruhiger schlafen können, wie er vermutete. Es war unangenehm, ständig diese Auseinandersetzung im Hinterkopf zu haben. Vor allem, weil er niemals damit abschließen könnte. Er war sich eben sicher gewesen, dass seine Mutter ihre Meinung schon noch ändern würde. Und damit hatte er wohl recht gehabt. Oder...zumindest hatte sie eingesehen, dass sie nicht sein Leben bestimmen konnte. Ob sie letztlich ein Fan davon war, dass er mit Steve zusammen war, war ihm ziemlich egal. Seinetwegen konnten sie das Thema totschweigen, solange seine Familie sich zivil verhalten konnte und Steve nicht darunter litt. Es war sowieso überflüssig, jedes Detail seiner Beziehung auszusprechen. Seinetwegen konnten sie alle so tun, als wären Steve und er noch beste Freunde, wenn es ihnen Seelenfrieden gab. Wenn sie dann doch eines Tages heirateten, musste seine Familie das eben irgendwie mit sich selbst ausmachen.
      Es bedeutete Thomas allerdings viel, dass seine Mutter nicht nur spontan ihr Verhalten änderte, sondern sich entschuldigte. Das hieß, dass sie einsah, dass sie unrecht gehabt hatte, und nicht nur, dass sie die schlechte Stimmung beseitigen wollte während sie eigentlich noch stur an ihrer Meinung festhielt.
      Zu seiner Überraschung zeigte seine Mutter allerdings, scheinbar aufrichtiges, Interesse an seinem Freund. Sie komplimentierte dem Essen, Thomas schwärmte ein wenig von Steves allgemeiner Kochkunst und dass er schon fast ein schlechtes Gewissen hatte, weil Steve so viel für ihn machte, und das schien eine Flamme in seiner Mutter entzündet zu haben. Klar, im Prinzip wollte sie immer nur, dass jemand sich um ihren Sohn kümmerte, der in ihren Augen noch zehn Jahre alt war, oder so.
      "Arbeitest du noch bei der Reisefirma?", fragte sie interessiert. "Wieso kochst du denn nicht professionell, wenn du es gerne machst?" Da kamen wieder die Karriereratschläge einer Hausfrau. Thomas hatte ihr ab und zu von Steve erzählt, als sie online Freunde geworden waren. Keiner hätte damit rechnen können, dass sie zusammen endeten und seine Mutter sich kurz wie ein Stalker anhörte.
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    • Steve

      Es war überraschend friedlich und um einiges ruhiger, als Steve gedacht hatte. Essen war mit seinen Eltern immer laut, immer durchzogen von tausenden Fragen und Geschichten vom Tag. Die Komplimente fürs Essen, das bis jetzt tatsächlich noch für alle drei reichte, waren eine erfrischende Abwechslung. Er merkte tatsächlich, dass er langsam anfing, sich in dieser unsagbar seltsamen Situation zu entspannen, als Thomas' Mom eine Frage stellte, die ihn sofort wieder an das erinnerte, was er seit dem Beginn ihrer Beziehung mit sich herum trug. Seinen Job.
      Er nickte kurz, als Mary ihn nach der Reisefirma fragte...die eigentlich eine geheime Organisation war, von der er seinem Freund unbedingt erzählen wollte, aber nicht durfte, was ihn vielleicht ein kleines bisschen mehr belastete, als er zugeben wollte. Es half nichts, dass sie den Punkt, wo er Thomas diese Info als lustigen Fun-Fact verkaufen könnte, schon lange hinter sich gelassen hatten. Mittlerweile war es fast egal, dass er nicht sagen durfte, für wen er arbeitete - alleine der Fakt, dass er Thomas so lange angelogen hatte, egal warum, war schon Grund genug, um Schluss zu machen. Was eigentlich ein Gedankengang war, den er sich abtrainieren wollte. Aber wie realistisch wäre es, dass Thomas einfach darüber lachen würde?
      "Ich hab als Teenager mal darüber nachgedacht, in die Gastronomie zu gehen, aber", Steve zuckte kurz ein wenig unsicher mit den Schultern, "Ich finde, dass Hobbys ihren Reiz verlieren, wenn sie zum Beruf werden. Außerdem hätte ich nach einem Tag in der Küche wahrscheinlich keine Lust, abends dann zuhause auch noch zu kochen und das kann ich Tommy nicht antun." Nein, da belog er ihn lieber. Hah. Oh Gott.
      "Ich wollte immer in die Forschung", erklärte er, mehr, um seine eigenen Gedanken zu stoppen, als alles andere. "Untersuchen, woher die Magie aus den Steinen kommt, was man noch damit anfangen kann und so. Ich glaube nach dem Studium hat sich der Studentenjob dann einfach etwas zu sicher angefühlt. Wahrscheinlich sollte ich wirklich mal über einen Berufswechsel nachdenken" Er lachte etwas nervös, während er nach irgendeiner passenden Gegenfrage suchte. "Kochen Sie- Du gerne?", fragte er schließlich zurück, was...wenig kreativ war, ihm aber hoffentlich einen kurzen Moment zum Nachdenken verschaffte.
    • Thomas

      Thomas konnte nahezu spüren, wie seine Mutter ein größerer Fan von Steve wurde, als er es als riesige Priorität darstelle, ihn zu bekochen. Es war fast ein wenig peinlich. Aber dass er sich um sich selbst ebenfalls kümmern konnte, war ein Gespräch für einen anderen Tag. Im Endeffekt war er ja wirklich ein wenig hilflos, weil er ständig bedient wurde, aber das hieß nicht, dass er es nicht lernen könnte.
      "Hm, dann hast du auch sowas anspruchsvolles studiert? Ihr seid euch vielleicht zu ähnlich. Ich wollte Thomas immer motivieren, mehr aus seinem Studium zu machen", warf seine Mutter ein.
      Thomas seufzte. "Ich mache ja was damit. Ohne dem Studium hätte ich meinen Job nicht", erklärte er, zum vermutlich fünfhundertsten Mal.
      "Nur, weil es eine Eintrittskarte war, heißt das nicht, dass du auch wirklich was damit machst. Wie hieß das nochmal? IT-Systeme? Ich weiß noch, wie verrückt die ganzen Unterlagen waren, ich hab nichts verstanden. Und dann machst du nichts, als Leute mit Kaffee zu bedienen und Sachen zu googeln"
      Es war irgendwie sinnlos, darüber zu reden, aber musste sie das vor Steve so sagen? "Informations- und Kommunikationssysteme", murmelte er. "Und ich mache mehr, als irgendwas zu googlen. Das könnten die auch selbst" Auch, wenn sie es vermutlich nicht tun und ihm tatsächlich unterschieben würden. War ja schon einige Male vorgekommen. Es war quasi das Mädchen für alles, obwohl das nicht zu seiner Jobbeschreibung zählte. Irgendwie hatte seine Mutter ja recht, aber gleichzeitig lag sie weit daneben. Natürlich hatte sein Studium ihm andere Kompetenzen vermittelt, als man bei einem typischen IT Studium bekam, welches für seinen Job vielleicht gereicht hätte. Aber dafür fielen ihm die Sachen leicht, es war nicht langweilig und seine Kollegen waren vielleicht alle ein wenig sadistisch, aber trotzdem irgendwie nett. Ja, das Gehalt war nicht ideal, aber wenn das sein einziges Problem war... Momentan kamen Steve und er ja super aus, wenn sie hier zusammen wohnten.
      "Du kannst auch immernoch irgendwas in der Forschung machen, nicht? Da verdient man vielleicht besser" Sie gab nicht auf.
      "Nicht wirklich", sagte Thomas. "Ich traue mich sogar zu raten, dass ich noch weniger verdienen würde. Und nur weil man kann, heißt das nicht, dass man sollte. Ich mag meinen stressfreien Alltag. Und ich hab keinen langen Arbeitsweg. Steve hat sicher auch Gründe, bisher noch keinen Jobwechsel gemacht zu haben, Mum. Man muss halt immer Pro und Contra abwägen"
      "Mit einem Auto müsstest du dir um Arbeitswege sowieso weniger Gedanken machen"
      Gott... Und dabei hatte das Gespräch ganz gut begonnen. "Wenn ich ein Auto haben will, kauf ich mir eins, Mum"
      "Wenn es am Geld liegt, dann-"
      "Tut es nicht. Kredite existieren. Aber ich geb mein Geld auch gern für andere Dinge als Treibstoff aus" Themenwechsel. Thomas sah Steve kurz an, teils hilfesuchend, teils nachdenklich, bis ihm was einfiel. "Oh, hey, wir haben gestern auf Leos Zwillinge aufgepasst" Gut, jetzt konnte seine Mutter über fremde Kinder lästern, statt über ihn! Thomas sah sie wieder an und lächelte leicht, aber der Ausdruck im Gesicht seiner Mutter machte ihn stutzig. Was war das? Er konnte es nicht einschätzen. Es waren auch nur etwa zwei Sekunden, dann korrigierte sie ihre Mimik und sagte: "Ach, mit zwei Jahren haben sie das anstrengendste Alter. Die beiden sind so süß, aber so laut"
      Thomas nickte. "Wir haben ein paar Filme geguckt und gespielt, das ging klar. Auch wenn die Aufmerksamkeitsspanne nicht sehr lang war", sagte er langsam. Das Zögern seiner Mutter ließ ihn gerade nicht mehr los. Als würde sie denken, dass Thomas nicht in der Lage war, auf Kinder aufzupassen. War es das?
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    • Steve

      Jetzt hatte er fast ein bisschen Mitleid mit Thomas. Steve hatte nicht damit gerechnet, dass nach Marys Entschuldigung sofort eine Diskussion über Berufsleben und Transport ihres Sohnes ausbrechen würde, aber...so schnell änderten sich Menschen wahrscheinlich dann doch nicht. Aber diese Kritik war ihm lieber, als die Diskussion um Thomas' Sexualität und ihre Beziehung. Seine eigene Mutter mischte sich ja auch zu gerne in sein Leben ein - wenn auch nicht, um ihn in eine Richtung zu drängen, sondern eher aus Neugierde - damit konnte er umgehen. Außerdem war das ja nur ein Zeichen, dass sie sich Sorgen um Thomas machte. Zumindest redete sich Steve das so schön.
      Der Themenwechsel kam trotzdem mehr als gelegen. Steve nickte pflichtbewusst, als Thomas die Zwillinge ansprach und fügte ein kleines "Sehr viel Disney" hinzu, als er von den Filmen sprach. Die beiden Mädchen waren wirklich süß gewesen. Nicht so süß, als dass er sich jetzt um mehr Babysitter-Aufträge reißen würde, aber süß genug, um es nicht abzulehnen, wenn Thomas und er nochmal gefragt werden würden. Vielleicht konnten sie die beiden ja auch ein bisschen an die Konsole bringen, wenn sie älter waren.
      "Sie bleiben ja nicht immer zwei", merkte er mit einem kleinen Lächeln an, als Mary das Alter kommentierte. Auch, wenn er eigentlich keine Ahnung hatte, ob das dritte Lebensjahr wirklich so viel besser werden würde. Seine Cousins und Cousinen waren zu nah an seinem eigenen Alter und deren Kinder zu weit weg, als dass er irgendwelche Erfahrungswerte hatte. Bis jetzt fand er Kleinkinder wenigstens Sympathischer, als Teenager. Wenn die Zwillinge laut waren, waren sie wenigstens irgendwie niedlich dabei.
    • Thomas

      Das gemeinsame Essen verlief größtenteils ruhig, nachdem Thomas Mutter ihre üblichen Kritiken auf ihn niederprasseln hatte lassen. Als ihr die Ideen ausgingen, kehrten sie zu einer Art Smalltalk zurück, dem Thomas dennoch nicht ganz folgen konnte. Er hatte eine Vermutung, die ihn den restlichen Abend nicht los ließ und seine Stimmung deutlich dämpfte. Erst als seine Mutter lange weg war, er nach einer Dusche zurück ins Wohnzimmer kam und sich neben Steve setzte, fühlte er sich annähernd bereit, seinen Gedanken auszusprechen. Es war seltsam, wie sehr Menschen von einem Glauben und damit verbundenem Hass indoktriniert werden konnten.
      „Ist dir aufgefallen, wie meine Mutter gezögert hat, als ich vom Babysitten erzählt hab?“, fragte er und zog das Handtuch, das über seinen Schultern gelegen hatte, herunter, um irgendetwas in den Händen zu halten. „Ich hab zwar nie viel mit Kindern zu tun gehabt, aber sie hat noch nie geäußert, dass ich irgendwie… nicht verantwortungsbewusst genug wäre, oder sowas“ Sie hatte wohl eher darauf gewartet, dass Leona und er irgendwann heirateten und eine Familie gründeten, wenn er ehrlich war. Nur, dass sogar Leona das nicht wollte. Aber seine Mutter lebte ja normalerweise auch in einem Paralleluniversum.
      „Mir ist kurz etwas eingefallen,“, begann er etwas zaghaft, „über das ich bisher nicht so nachgedacht hatte, weil ich zu beschäftigt war, selbst mit seiner Sexualität klarzukommen, dass ich irgendwie vergessen hab, wieso das überhaupt eine Überwindung ist. Ich meine, ich kann mich nicht erinnern, dass mir aktiv jemals etwas Negatives über queere Menschen eingeredet wurde, aber man schnappt vermutlich trotzdem Dinge auf, wenn man in so einer Familie aufwächst“ Er lehnte sich zurück und seufzte leise.
      Das war ein verdammt anstrengendes Thema, mit dem er sich nicht befassen wollte. Er wollte es einfach ausblenden und glücklich sein. Warum mussten andere Menschen immer dazwischen funken? Er wusste ja, dass seine Mutter es nicht wirklich böse meinte, Thomas als Menschen anzweifelte oder ihm etwas unterstellen würde, aber sie war genauso beeinflusst von den Medien und ihrer allgemeinen Echokammer, wie die meisten Konservativen. Manche Dinge nisteten sich wohl so tief ein, dass man sie mit gutem Willen alleine garnicht bekämpfen konnte. Aber warum war es dann Thomas Aufgabe, etwas zu erklären und sich Verständnis zu erkämpfen? Das war furchtbar ermüdend. Fühlte Steve sich jemals so?
      „Ich hab nie gedacht, dass meine Mutter mal denken würde, dass ich mit Kindern nichts zu tun haben sollte“ Er lächelte leicht, weil er es wirklich nicht glauben konnte. „Ich meine, das ist so dämlich. Ich weiß doch, dass sie nur auf ihre zig Enkelkinder wartet“ Noch dazu war Thomas der älteste unter seinen Geschwistern, was ihn automatisch ein wenig mehr unter Druck setzte. Nicht, dass er sich deshalb je wirklich gestresst hatte. Er fühlte sich absolut nicht bereit, vollzeit für Kinder verantwortlich zu sein, und seine Mutter sollte sich erstmal darum kümmern, Elias lebendig durch seine Kindheit zu bringen.
      „Ich weiß auch, dass sie nicht wirklich denkt, dass ich ein schlechter Mensch bin, und dass ich mich von Kindern fernhalten sollte, aus was auch immer für ekelhaften Gründen Menschen wie ihr eingeredet wurden. Es war nur ein bisschen überraschend, für einen Moment zu sehen, wie in ihrem Kopf ein Gedanke aufploppt und sie ihn aktiv verdrängen muss, weil sie mich kennt. Vielleicht ist ihr heute auch aufgefallen, wieviel Mist man im Internet und in den Nachrichten liest. Hoffe ich zumindest“ Er dachte kurz nach. „Aber ich hab mich vielleicht geirrt, was meine Familie angeht. Das ist nicht nur Angst vor Unbekanntem, oder wie meine Eltern meinen: Die Sorge, dass ich ein schwereres Leben haben könnte, weil andere Menschen diskriminierend sind. Man kann ja immer alles auf andere schieben, was? Ich glaube, sie sind einfach alle… extrem homophob“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Aber solange es nicht die eigene Familie ist, geht es einen nichts an. Darum ist es mir wohl auch nie so aufgefallen“
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    • Steve

      Das Essen war weiterhin ein wenig anstrengend, aber nicht so schlimm, wie Steve befürchtet hatte. Er war trotzdem mehr als erleichtert, als Thomas' Mutter sich endlich verabschiedete und sie den restlichen Abend für sich hatten. Nicht, dass sie noch irgendwas geplant hätten, aber es war einfach wirklich schön, mit Thomas rumzusitzen und zu zocken, oder eine Serie zu schauen, oder so was. Etwas ruhiges halt.
      Steve lag auf dem Sofa und spielte mit seinem Handy, als Thomas von seiner Dusche zurück kam. Er zog seine Beine etwas an, damit sein Freund sich setzen konnte, bevor er realisierte, dass das Gespräch, dass er begann, wohl etwas tiefer gehen würde. Er legte das Handy beiseite und setzte sich aufrecht, um sich mehr auf Thomas konzentrieren zu können, der wohl etwas weniger schöne Duschgedanken gehabt hatte. Er ließ ihn ausreden, während er praktisch zusehen konnte, wie sich die Gedanken im Kopf des Blonden zusammenformten, bevor er sie aussprach.
      Am Ende schenkte er ihm ein kleines Lächeln, während er nach seiner Hand griff. "Ich glaube nicht, dass sie extrem homophob sind", sagte er beschwichtigend. "Es geht deutlich schlimmer. Sie haben immerhin den Kontakt zu dir nicht abgebrochen." Was das traurige, kleine Minimum war, was eine Familie bieten konnte. "Aber ja. Ich fürchte, dass man die Homophobie nicht von der Hand weisen kann." Eigentlich war das schon ziemlich offensichtlich, seit die beiden zusammen bei der Hochzeit aufgetaucht waren, aber, wie Thomas schon sagte, bei der eigenen Familie merkte man es meistens wohl nicht so sehr, wie bei Fremden.
      "Homophobie ist irgendwie immer da. Man kann ihr kaum aus dem Weg gehen. Wenn es nicht absoluter Hass ist, dann sind es nervige Vorurteile, die immer wieder aufploppen. Damit muss man irgendwie leben, auch, wenn es beschissen ist." Auch, wenn er Thomas am liebsten in eine Decke wickeln und von sämtlichen dummen Kommentaren von außen fernhalten wollte. Aber das war vollkommen unmöglich. "Und ich glaube, deine Eltern haben noch eine gute Chance, diese Gedanken irgendwie zu verlernen. Wenigstens scheint deine Mutter sich Mühe zu geben." Er drückte Thomas' Hand, bevor er ihn etwas näher zog, um einen Arm um ihn zu legen. "Es wird sich nicht über Nacht ändern, aber ich bin optimistisch." Er drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Es war nie sonderlich schön zu realisieren, dass Menschen in der direkten Umgebung homophob waren. Deshalb war er auch mehr als froh darüber, dass wenigstens Thomas' Cousins und seine Geschwister auf ihrer Seite waren.
    • Thomas

      Thomas ließ sich näher zu Steve ziehen, bis er an ihm lehnte. Er fühlte sich ein wenig leichter, alleine weil Steve ihm gut zuredete. „Ich weiß…“, murmelte er. „Sie meint es sicher nicht so, aber ich dachte einfach nicht, dass sie so reagieren würde“ Es war einfach ein wenig enttäuschend gewesen, vor allem nachdem sie sich extra für Ihr ablehnendes Verhalten entschuldigt hatte. Aber deshalb war Thomas sich auch sicher, dass sie diese Gedanken nicht absichtlich gehabt hatte. Ansonsten hätte sie wohl etwas gesagt und das wäre dann wirklich wie ein Sprung auf eine Tretmine gewesen und sie hätte sich gleich selbst vor die Haustüre setzen können. So unverschämt war nichtmal seine Familie.
      Thomas hob das Kinn und sah Steve an. „Ist ja auch egal. Ich war vorher schon enttäuscht von meinen Eltern, das macht keinen großen Unterschied mehr“ Er blinzelte. „Es ist zwar keine Sache, über die man bonden will, aber ich bin irgendwie froh, dass du mich verstehst“ Er senkte den Kopf wieder und verschränkte seine Finger mit Steves. „Das ist alles, was ich brauche“
      Wie Steve sagte, würden diese Vorurteile nicht über Nacht verschwinden, also musste er eben abwarten. Wenigstens musste er sich bis dahin nicht einsam fühlen, weil er Steve hatte. Solange er ihn hatte, konnte er mit all dem schon irgendwie umgehen.

      Richard

      Es war jetzt zweieinhalb Wochen her, seit er Caleb zuletzt gesehen hatte. Nicht nur gesehen, auch nahezu in die Bewusstlosigkeit gevögelt. Konnte man davon Entzugserscheinungen bekommen? Es war zum verrückt werden, dass seine Jobs ihn zeitlich so einnahmen, aber er konnte jetzt auch nicht wegen diesem blonden Chihuahua seinen Helden-Job kündigen. Klar, er hatte das schon recht lange vor, aber er würde Caleb definitiv nicht der Auslöser sein lassen. So armselig war er nicht. Auch, wenn er sich selbst langsam Sex-besessen vorkam. Das war es doch, oder? Jedes herzerwärmende Gefühl, dass er sich im Hotel eingebildet hatte, war bloß eine Begleiterscheinung seiner erstmals befriedigten Libido gewesen.
      Dennoch… er sollte sich besser schnell beweisen, dass das alles war, damit er sich vollzeit bei MLO anstellen lassen konnte ohne seine Ehre zu verletzen. Das würde vielleicht stundenmäßig keinen Unterschied machen, aber Aufwand würde er deutlich weniger haben. Bei MLO wurde er zumindest etwas weniger ausgebeutet und etwas besser bezahlt. Auch wenn seine Kollegen dort fast noch unfähiger waren, als im Dezernat, wenn das überhaupt möglich war.
      Das wurde ihm an jedem weiteren Arbeitstag schmerzlich bewusst. Glücklicherweise hatte er fast Feierabend. Ursprünglich hatte er seine Kündigung bloß herausgezögert, weil sich Andrews alte Arbeitsstelle geöffnet hatte und er davon ausgegangen war, dass sie diesen Nerd sowieso wieder einstellen würden und sie dann zusammen arbeiten würden. Das… war ja alles recht anders gelaufen, als geplant. Jetzt wusste er nichtmal mehr so recht, was ihn hier noch hielt. Irgendeine dämliche Nostalgie vielleicht? Immerhin waren die Ausbildungsjahre auf der Akademie einige der spannendsten in seinem Leben gewesen. Aber, naja, Menschen entwickelten sich weiter. Manchmal in Form einer Abwärtsspirale.
      Diese Abwärtsspirale machte sich heute als seinen leeren Chatverlauf mit Cal deutlich. Er starrte eine Weile auf die Tastatur seines Handys, bevor er sich überwand. Dann hatte er sich eben zweieinhalb Wochen nicht gemeldet, na und? Sie waren beide beschäftigt. Hatten Jobs. Er hatte keine Zeit für Kindergartenbeziehungen. Theoretisch hatten sie ja besprochen, dass ihnen beiden übliches Dating zuwider war. Und sie waren sich ebenso einig, dass Sex das einzige war, das zwischen ihnen zu funktionieren schien. Dass es Richard Spaß machte, den Blonden zu verarschen, war ja wohl kaum ein Beweis für irgendwelche anderen positiven Empfindungen.
      Aber, Moment, sollte er eher anrufen? Wenn sie jetzt auch zu chatten anfingen, mutierte das hier vielleicht wirklich in etwas anderes, als eine rein sexuelle Beziehung. Verdammt, er dachte schon deutlich zu lange darüber nach.
      Er stieg in sein Auto, schaltete die Freisprechanlage ein und rief Caleb an.
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    • Caleb

      "Du solltest öfter vorbeikommen." Ezra pflückte einen Pullover vom Sofa und faltete ihn sorgsam zusammen, bevor er sich setzte. Caleb brachte es nicht übers Herz ihn darauf hinzuweisen, dass der Pullover Wäsche war und nicht zusammengefaltet werden musste. So, wie Ezras Blick durch das nicht endenwollende Chaos seiner Wohnung flatterte, war er sowieso nur einen Kommentar davon entfernt, einen Frühlingsputz anzufangen. In dieser Hinsicht waren Caleb und er immer schon grundverschieden gewesen. Caleb konnte sich gar nicht vorstellen, genug Energie zu besitzen, um ständig aufzuräumen.
      "Ich kann mir nicht ständig irgendwelche Ausreden ausdenken, um her zu kommen", erklärte Cal, während er sich auf seinen Sessel setzte. Er war gerne in London. Er mochte den Abstand zum Rest seiner Familie, die Ruhe und die Shows im West End und es war schön, ab und an Zeit mit Ezra zu verbringen, der zwischen dem Chaos ein wenig verloren aussah. Dieses mal hatte er einfach Glück gehabt, dass ihn die Arbeit herbrachte.
      "Ach, dir fällt schon was ein", merkte Ezra an, während er drei alte Gläser auf dem Couchtisch vor ihnen ineinander stapelte und ein paar Notenblätter zu einem ordentlichen Stapel zusammen schob. "Mach einfach eine Filiale in der Nähe auf, oder so. Und besog dir jemanden, der hier ab und an sauber macht."
      "Ich hatte eigentlich vor, dich einfach immer einzuladen und drauf zu warten, dass du automatisch aufräumst. Wie einer von diesen kleinen Saugrobottern, nur lauter." Caleb ignorierte das genervte Gesicht seines Bruders, während er sein Handy zückte. Sie hatten sich spontan zu einem Kaffee verabredet, damit Caleb ignorieren konnte, dass er mit einem Auftrag hierher gekommen war. Danach waren sie in diese widerliche Geschwister-Problematik hineingerutscht, in der sie sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen hatten, aber sich auch noch nicht richtig gehen lassen wollten. So waren sie in Calebs Wohnung gelandet.
      "Du könntest dir meine Aufräumdienste gar nicht leisten", erklärte Ezra entschieden, während er die Arme vor der Brust überkreuzte, wahrscheinlich, um sich selbst daran zu hindern, die nächsten Sachen aufzuräumen.
      Caleb stieß ein abwesendes "Mhm" aus, während er parallel erneut über die wenigen Informationen las, die er zusammengetragen hatte. April O'Connor war auf einer londoner Party verhaftet worden, was sie nur insofern berührte, als dass April ab und an für Niamh und ihn gearbeitet hatte und Niamh nun befürchtete, dass sie die falschen Infos ausplaudern würde. Wahrscheinlich hätte Caleb nicht herkommen müssen, um einen Anwalt zu finden, aber wieso die Chance verstreichen lassen? "Du hast nicht zufälligerweise Anwälte in deinem Freundeskreis, oder?"
      Ezra schien kurz zu überlegen, bevor er mit dem Kopf schüttelte. "Helden, Maler, aber keine Anwälte. Die haben irgendwie eh alle immer einen Knall."
      "Schon irgendwie" stimmte Caleb zu, als das Handy in seiner Hand zu summen begann. Er sah wieder auf das Display und ließ es vor Überraschung spontan fallen. Richard. In den letzten Tagen öfter in seinen Gedanken, als er zugeben wollte, aber gerade wirklich ungelegen. Er stieß ein kleines "Upps" aus, als er das Handy wieder aufhob. "Äh, das ist, ähm, wichtig. Sorry."
      Ezra zog eine Augenbraue in die Höhe, ließ das ganze aber unkommentiert. "Wir sehen uns dann", antwortete er, während er im Aufstehen nach den Gläsern griff, um sie im Vorbeigehen in die Küche zu bringen. "Denk nochmal über die Filiale nach", riet er, bevor er sich mit einem kleinen Winken verabschiedete.
      Caleb wartete kaum, bis die Tür ins Schloss gefallen war, als er das Gespräch annahm. "Hey", grüßte er mit der plötzlichen Erkenntnis, dass er eigentlich absolut keine Ahnung hatte, was er sagen sollte. Worüber redete man mit jemandem, mit dem man in einer merkwürdigen Beziehung steckte, die außer Sex nicht viel zu bieten hatte? "Na? Sehnsucht?"
    • Richard

      Er spürte eine eigenartige Mischung aus Erleichterung und Abneigung, als er Calebs Stimme hörte. Er hatte beim ersten Mal abgehoben, das war schon was. Es sprach zumindest dafür, dass Cal ihr letztes Treffen nicht abgrundtief bereute und an der ‚Meld dich mal‘ Aufforderung was dran gewesen war. Auf der anderen Seite machte sich ein ungutes Gefühl in Richard breit. Er freute sich vielleicht ein wenig zu sehr über die Antwort und gleichzeitig wollte er Caleb sofort mit irgendetwas zum Schweigen bringen, um zu verhindern, dass er seine Ilusion kaputt machte. Wenn sie nach fünf Sekunden zu streiten begannen, würde er unmöglich woanders hinfahren, als nachhause, aber er wollte wirklich, wirklich mit Cal schlafen. Er hatte sonst nicht allzu lebensechte Träume, aber in den letzten Wochen hatte sich das geändert. Nun musste er das Ganze endlich in der Realität umsetzen.
      „Sehnsucht nach deinem Stöhnen vielleicht“, antwortete er ungehemmt. Dann fiel ihm ein, dass er nicht davon ausgehen konnte, das Caleb alleine war. Was es umso lustiger machte. „Sag mal, bist du zuhause?“, fragte er und lehnte sich zurück. Er traute sich nicht zu, ein Fahrzeug zu lenken, während er Caleb in der Leitung hatte. Zu unvorhersehbar.
      „Streich das, wo bist du? Hast du noch was vor? Ich empfehle dir, etwaige Verabredungen abzusagen und den Kalender für mich zu räumen, ich hab nämlich keine Ahnung, wann ich das nächste Mal ohne Überstunden aus dem Büro komme“ Wenn Richard raten müsste, hatte Caleb vermutlich eh nichts anderes vor, als sich alleine zu betrinken, zumindest gab er ihm immer diesen leicht bemitleidenswerten Vibe.
      „Schick mir deine Adresse als SMS, dann komm ich zu dir, klar?“ Er würde das doch nicht ablehnen, oder? Hätte er vielleicht etwas netter fragen sollen, oder so? …Nein, Caleb würde ihn sowieso nur bis zu seinem Lebensende verarschen, wenn Richard ihn nach einem normalen Date fragte. Ganz abgesehen davon, dass das nicht sein Plan war. Schön, sie konnten sich nachher ne Pizza bestellen, wenn das als Date galt.
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    • Caleb

      Richard kannte doch bestimmt genug Anwälte, oder? War er nicht sogar mit einer Anwältin unterwegs gewesen, als sie sich das erste mal getroffen hatten? Vielleicht war es fast schon irgendwie Schicksal, dass er sich gerade jetzt meldete, wo Caleb ihn tatsächlich zu etwas gebrauchen konnte, was nicht-
      Fast hätte Caleb sein Handy nochmal fallen gelassen. Gut, vielleicht hätte er bei der Vorlage mit einer solchen Antwort rechnen müssen. Trotzdem überraschte ihn die Verzweiflung in Richards Stimme ein wenig. Er schien ja fast panisch zu versuchen, irgendwie zu ihm zu kommen. Was sein Herz leider schneller schlagen ließ, als es sollte.
      "Eigentlich war der Abend schon verplant", log er, während ihm ein wenig zu bewusst wurde, wie chaotisch seine Wohnung wirklich war, "aber so verzweifelt, wie du klingst, kann ich dir das wohl nicht ausschlagen. Du hast Glück, dass ich in London bin." Und er hatte Glück, dass er Ezra rausgeworfen hatte, bevor er abgehoben hatte. Wahrscheinlich sollte er sich das für zukünftige Gespräche merken. "Ich schick dir die Adresse gleich. Fahr vorsichtig."
      Er legte auf, tippte Richard die Adresse und sah sich in seinem Chaos um. Die Wohnung war immer schon ein wenig größer gewesen, als sie strenggenommen sein musste, aber er hatte genug Krämpel, um sie trotzdem vollgestellt wirken zu lassen. In der Küche türmte sich dreckiges Geschirr, das Wohn- und Esszimmer waren vollgestellt mit Sachen, die er wahrscheinlich vor Wochen schon wegräumen sollte und im Schlafzimmer hatte sich ein ansehnlicher Wäscheberg zusammengesammelt. Er griff nach dem Pullover, den Ezra eben noch gefaltet hatte und brachte ihm zum Rest der Wäsche, bevor er versuchte, das Wohnzimmer ein wenig zu retten. Nicht, dass sie sonderlich viel Zeit hier verbringen würden, aber trotzdem musste Richards erster Eindruck von seiner Wohnung ja nicht so katastrophal ausfallen. Auch, wenn ihm das wahrscheinlich vollkommen egal sein sollte. Mit jedem Tag, der verstrichen war, war ihm ihre komische Beziehung immer mehr wie ein Fehler vorgekommen. Er war zwei mal kurz davor gewesen, Niamh alles zu erzählen, einfach, um eine zweite Meinung zu haben, aber am Ende hatte er dicht gehalten.
      Er war gerade dabei zu versuchen sich daran zu erinnern, wo er sonst seine Violine hinwarf, als ihn die Türklingel aus den Gedanken riss. Er warf das Instrument schlussendlich einfach aufs Sofa und zwang sich, ein paar Sekunden verstreichen zu lassen, bevor er den Türöffner betätigte. Er wohnte in einer gehobenen Gegend, im vierten Stock eines Hochhauses, das über eine eigene kleine Bar auf dem Dach verfügte. Eigentlich war das ganze als Zweitwohnung immer schon etwas zu ausgefallen gewesen, aber sie hatte eine gute Lage und tagsüber durchgehend Sonnenlicht und das war Cal wichtiger gewesen, als sein Kontostand. Während er im Türrahmen seiner Wohnung lehnte und darauf wartete, dass Richard auftauchte, wünschte er sich fast, er hätte mehr aus der Wohnung herausgeholt.
    • Richard

      Es war kein gutes Zeichen, dass Richard sich bei der ersten Hälfte von Calebs Satz bereits mit einem Stirnrunzeln aufsetzte und bereit war, zu diskutieren. Gut, dass ihm die Peinlichkeit erspart blieb. Wusste er‘s doch, Caleb konnte ihm nichts ausschlagen, er hatte keine Sekunde daran gezweifelt!
      Je öfter Cal ihn allerdings noch verzweifelt nannte, umso mehr konnte er sich darauf einstellen, später ebenso verzweifelt um eine Pause flehen zu müssen. Besser er legte sich nicht mit Richard an.
      „Ich würde auch nach Dublin fliegen, aber dann dürften wir keine Sekunde vergeuden und du müsstest dich bis morgen von deiner Fähigkeiten zu Laufen verabschieden“ Er lehnte sich wieder zurück und stellte das Navi in seinem Auto ein, bereit die Adresse einzutippen. „Bis gleich“ Er verkniff sich ein, sogar für ihn geschmackloses, ‚Zieh dich schonmal aus‘ und legte auf. Er musste es ja nicht gleich drauf anlegen, vor der Tür stehen gelassen zu werden.
      Als Richard die Adresse sah, hatte er bereits eine leichte Vorahnung, was auf ihn zukommen würde, aber das tatsächliche Gebäude zu sehen, ließ ihn doch kurz innehalten. Er kniff kurz ungläubig die Augen zusammen, etwas unsicher ob er sich vertippt hatte. Verdammt, er hatte ja gewusst, dass Cal reich war, oder eben seine Eltern, aber war das hier nicht sowas wie ein Nebenwohnsitz? Musste er da so angeben? Zumindest musste Richard sich nicht wegen seines Autos schämen, das nun vor diesem Hochhaus am Straßenrand parkte. Er betrat das Gebäude, fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock und lief in die Richtung, in der er einen Lichtstrahl am Gang sah.
      In der Sekunde, in der er Caleb vor Augen hatte, sagte er: „Tu nie wieder so, als wäre dir Status egal“ Er lachte leicht und schob Cal rückwärts in den Gang, um sich selbst hereinzulassen. Aus einem Impuls heraus, der ihn selbst fast überraschte, beugte er sich sofort zu dem Blonden herunter, um ihn mit einem innigen Kuss noch weiter in die Wohnung stolpern zu lassen. Dann zog er sich in einem Geschwindigkeitsrekord Jacke und Schuhe aus. Er sah auf und versuchte herauszufinden, wie die Wohnung aufgeteilt war, nur um sogleich zu bemerken, dass nicht nur das Gebäude riesig war, sondern auch die Apartments darin.
      „Oh Gott, was soll das eigentlich? Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer“ Er sah Caleb wieder an. Dann grinste er. „Nicht, dass das für mich gerade ein Nachteil ist“ Er hätte ja einen schamlosen Tauschhandel vorgeschlagen: Seine Dienste im Bett für einen Urlaub auf den Maledieven, aber leider würde er sich auch ohne Gegenleistung jederzeit von Cal verführen lassen.
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    • Caleb

      "Wenn mich mein Status interessieren würde, würde ich nicht mit einem Helden schlafen", schoss Caleb zurück. Es war schräg. Ein Kuss und sofort waren die ganzen Bedenken, die er hatte, wie weggeblasen. Er hatte wirklich mehr von sich selbst erwartet, aber die zwischenmenschliche Nähe fühlte sich einfach zu berauschend an, um sich Gedanken zu machen. Wahrscheinlich hätte er wirklich einfach eine Weile durch die Gegend daten sollen, bevor er an Richard hängen geblieben war, aber jetzt war es halt so.
      Caleb zog Richard in den nächsten Kuss hinein, bevor er es sich doch noch anders überlegen und ihn wieder wegschicken würde und zog ihn mit sich ins Wohnzimmer. Ein Sofa und zwei Sessel waren auf einen Fernseher gerichtet. Die Wände waren mit Regalen gesäumt, in denen Schallplatten, CDs und ein paar Bücher standen. Ein Regal war zur Hälfte mit Brettspielen und Buntstiften für seine Neffen gefüllt, Seans letztes Kunstwerk, das aus nicht viel mehr als ein paar bunten Strichen und anatomisch fragwürdigen Strichmännchen bestand, hing eingerahmt an einer der Wände, zwischen Fotos und weiteren, professionelleren, Bildern.
      Auf das Wohnzimmer folgte das Schlafzimmer. Bett, Kleiderschrank, Spiegel und der berüchtigte Stuhl, auf dem sich Klamotten sammelten, die man eigentlich nochmal anziehen konnte - das Schlafzimmer war recht übersichtlich eingerichtet. Aber mehr brauchten sie ja schließlich auch nicht. Die Nachmittagssonne tauchte alles in ein angenehmes Licht, als Caleb die Schlafzimmertür hinter ihnen zu zog und Richard erneut küsste. Er hatte sich nicht unbedingt vorgestellt, dass sein Tag so enden würde, aber beschweren konnte er sich auf keinen Fall. Jetzt musste er nur noch eine Sache aus seinem Kopf bekommen und dann könnte er sich voll und ganz dem Bootycall hingeben.
      "Hey, bevor ich gleich hoffentlich keinen klaren Satz mehr rausbringen kann - du bist doch mit einer Anwältin befreundet, richtig?", fragte er, während er Richard in die Richtung des Bettes lenkte. "Ist die gut in ihrem Job?"
    • Richard

      Er hatte kaum Gelegenheit, sich die Wohnung anzusehen, weil Caleb und er bloß durch die Zimmer torkelten während ihre Lippen aneinander hingen, aber das war ja auch der einzige Grund, weshalb er hier war. Bis Cal ihn kurzzeitig stoppte und ihm eine seltsame Frage stellte, während er sich gerade sein Hemd aufknöpfte. Er runzelte kurz verwirrt die Stirn. „Ich meine- Ja, wieso?“, antwortete er und ließ sein Hemd hinter sich auf den Boden fallen. Jetzt wo er einen Blick erhaschen konnte, musste er sich später wohl merken, welche der hier im Raum verstreuten Kleidungsstücke seine eigenen waren.
      „Brauchst du einen Anwalt, oder was? Können wir darüber nicht nachher reden?“, fragte er leicht drängend. Das hörte sich in seinen Ohren nämlich nach einem ziemlich langen, abturnenden Gespräch an. Hatte Cal vergessen, dass sie alles Arbeits-bezogenen aus dieser Beziehung herauslassen wollten?
      „Meinetwegen schreib ich dir später ihre Nummer auf, oder so, aber sag mir garnicht erst, wieso du sie brauchst. Und ich komme definitiv nicht zu den Gerichtsterminen“ Okay, gut, damit hatten sie das geklärt, oder? May war zwar Strafanwältin und Richard wusste nichtmal, ob das ein Job für sie war, aber das konnte Caleb dann ja persönlich mit ihr klären. Ugh, hoffentlich kam sowas nicht öfter vor. So war es also, Kriminelle zu daten, was? Super. Obwohl Richard auch nicht ganz verstand, weshalb Cal sich nicht selbst irgendeinen Profi-Anwalt suchte, denn an Geld mangelte es ihm ja nicht. May war sehr gut in ihrem Job, aber sie war auch jung und machte ihn noch nicht allzu lang. Sicherer wäre es bestimmt, jemandem ein wenig mehr Geld zu bezahlen, um die eigenen Chancen zu verbessern.
      Richard versuchte seine Gedanken wieder auf den richtigen Kurs zu bringen und zupfte an Calebs Pullover. „Willst du reden oder weitermachen?“, fragte er und streckte seine Arme. „Ich muss morgen wieder früh raus, also fahre ich später nachhause. Teil dir die Zeit gut ein“ Wenn er ehrlich war, nervte es ihn selbst unheimlich, dass er derzeit so einen Stress hatte. Aber nun war es eben so, und da wollte er seine Zeit mit Caleb lieber sinnvoll und angenehm verbringen, als seine Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Das tat er sowieso jeden Tag im Büro.
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    • Caleb

      Kompetent im Job, das reichte schon. Eine Sorge weniger in Calebs Hinterkopf, auch, wenn er sich dafür vielleicht Gedanken darum machen sollte, dass der Typ, der ihn gerade ins Bett bekommen wollte, nicht mal bei einem Gerichtstermin auftauchen würde, aber das war definitiv etwas, was er vorerst ignorieren konnte. Wenn er genau darüber nachdachte, würde er wahrscheinlich auch nicht unterstützend an Richards Seite stehen, falls er irgendein Problem hatte, also war das wohl einfach nur fair.
      "Ist nicht für mich. Erinnere mich gleich dran", beendete er das Thema, während er sich den Pullover über den Kopf zog und neben dem Bett auf den Boden fallen ließ. Es war fast schade, dass Richard nicht über Nacht bleiben würde. Caleb hatte das ungute Gefühl, dass der Tag viel schöner begann, wenn man ihn mit einer gemeinsamen Dusche startete. "Du hast dir den Flug nach Dublin gespart, also denke ich, dass wir mehr als genug Zeit haben. Wie war das noch mit der Drohung, dass ich morgen nicht mehr laufen kann?" Er zwinkerte Richard kurz zu. Irgendwie kam er immer noch nicht ganz mit der Situation klar, was allerdings komplett an ihm selbst lag. Über dreißig Jahre lang hatten ihn zwischenmenschliche Kontakte kaum interessiert und jetzt ließ er alles stehen und liegen, um mit Richard zu schlafen, ohne Dates, ohne Flirts, ein einfacher Anruf reichte aus. Das alles wollte einfach nicht so ganz in seinen Kopf passen.
      Zum Glück hörte der Rest seines Körpers nicht unbedingt auf Logik. Seine Jeans folgte seinem Pullover, bevor er Richard ins Bett schob und sich breitbeinig auf seinen Schoß setzte. Jedes bisschen Hautkontakt fühlte sich unfassbar gut an. Er küsste Richards Hals entlang, während er mit einer Hand durch seine Haare fuhr. "Hast du mich vermisst?", fragte er mit einem kleinen Grinsen, während er seine Hüften gegen Richards drückte. "Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass du früher anrufen würdest."
    • Richard

      Die Welle der Erleichterung, die ihn sogar kurz innehalten ließ, überraschte Richard. Okay, es war natürlich besser, wenn Caleb nicht derjenige war, der Scheiße gebaut hatte. Hauptsächlich, weil Richard nicht danach war, ihn im Gefängnis zu besuchen, aber auch weil er den Sex allgemein vermissen würde. Nichts weiter.
      Er ließ sich ins Bett drücken und biss die Zähne etwas zusammen, als Cal ihn provozierte, sowohl mit Worten als auch körperlich. „Muss schön sein, nicht zu arbeiten“, gab er zurück und zog Caleb am Nacken tiefer zu sich herunter, um ihn zu küssen. Dann ließ er seine Hände am Rücken des Blonden nach unten gleiten.
      „Außerdem hättest du auch anrufen können“, nörgelte er. Die Dynamik gefiel ihm nicht. Er war doch nicht der einzige hier, der sich unangenehm abhängig von dieser Beziehung fühlte, oder?
      Er legte sich selbst einen Arm unter den Kopf und schob die andere Hand von vorne in Calebs Shorts hinein. Zumindest konnte er davon ausgehen, dass Caleb ihn nicht abweisen würde, selbst wenn er sich nicht als erstes meldete. Konnte ihm auch recht sein. Solange das hier das Endergebnis war…
      Nachdem Cal auf seinem Schoß saß und den Zipverschluss seiner Hose blockierte, beschloss er, das ihm zu überlassen. Seltsamerweise hatte Richard es jetzt nicht mehr so eilig. Auch, wenn seine Erektion etwas anderes sagte.
      „Also, wozu die Anwältin? Irgendwelche Freunde, die sich keinen besseren Anwalt leisten können und du bist zu geizig, um auszuhelfen, oder was?“ Er grinste. „May ist gut, aber sie hatte das Staatsexamen erst vor 5 Jahren. Ich kenne auch ein paar andere Anwälte, aber keine strafrechtlichen. Also, worum geht‘s?“ Er ließ seine Finger ab und an leicht in Caleb hineingleiten, während er sprach. Nach dem letzten Mal hatte er das Gefühl, dass Caleb die Position mochte. Vielleicht, weil er ausnahmsweise die Kontrolle hatte? Aber die nahm Richard ihm bestmöglich wieder ab, indem er versuchte, ihn in den Wahnsinn zu treiben.
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    • Caleb

      Okay, Caleb kannte sich mit alledem nicht ganz so gut aus, aber er hatte sich unter Dirty Talk immer etwas anderes vorgestellt. Deutlich weniger geschäftliches. Obwohl er gerade irgendwie bereit war, über alles zu reden - Richards Finger zwischen seinen Beinen fühlten sich viel zu gut an, um noch ordentlich zu denken. Er bewegte seine Hüften beinahe automatisch in die Bewegung hinein, während er sich darum kümmerte, Richards Hose zu öffnen.
      "Eine Bekannte von mir ist da wohl in was reingerutscht", erklärte er, bevor er kurz stoppen musste, um ein Aufstöhnen zu unterdrücken. Die zwei einhalb Wochen waren doch deutlich zu lang gewesen. Vielleicht hätte er sich doch selbst früher melden sollen, aber zum einen war es tatsächlich schwer, irgendeinen Vorwand zu finden, hierher zu kommen, zum anderen hatte er nicht zu anhänglich wirken wollen. "Ich wollte ihr aushelfen", schloss er, während er gerade genug zurück rutschte, um Richards Hose aufzubekommen. Er lehnte sich wieder nach vorne, um Richard erneut zu küssen und schob eine Hand in seine Shorts, um über seine Erektion zu streichen, bemüht, den Rhythmus an Richard anzupassen. Egal, wer sich das nächste mal zuerst melden würde - er wollte auf keinen Fall nochmal so lange hierauf warten.
      Er stöhnte sanft in Richards Ohr, als er sich das nächste mal in die Bewegung seiner Hand hineinlehnte. "Ich will mehr, als deine Finger, Baby", murmelte er, bevor er wieder Küsse auf seinem Hals verteilte. Ihm war angenehm warm und sein Herz flatterte gegen seine Brust. Abneigung hin oder her, Richard löste auf jeden Fall irgendwas in ihm aus.
    • Richard

      "Okay, keine Antwort ist auch eine Antwort", sagte er auf Calebs vage Erklärung hin. In etwas reingerutscht, hm? Schien so, als würde diese Sache einen Strafanwalt benötigen, wenn er nicht mehr dazu sagte. Aber das konnte diese Bekannte dann ja selbst mit May klären, Richard hatte nichts mit diesen Dingen zu tun. Auch mit May kaum, wenn sie nicht gerade einen Fall vertrat, in dem er als Held involviert gewesen war. Sie war ihm etwas zu... ernst. Aber man konnte offenbar nicht beides haben, Charisma und Arbeitsmoral. Abgesehen davon, dass sie mit ihrer trockenen Ernsthaftigkeit nur versteckte, was nach drei bis vier Drinks herauskam: Eine absolut chaotische Heulsuse. Also, beides Seiten, mit denen Richard außerhalb einer kollegialen Beziehung wenig anfangen konnte. Auch wenn sie gut aussah, aber für gewöhnlich schlief Richard nicht mit Kollegen. Das machte bloß unnötig Probleme.
      Aber Caleb war ja nur mal ganz kurz sein Kollege gewesen, das zählte nicht... Und selbst wenn, er macht ihn vollkommen verrückt. Auf positive und negative Weise.
      Er biss sich intuitiv leicht auf die Lippe, als Cal ihm ins Ohr stöhnte. Er ließ sich nicht zwei Mal bitten und stützte sich auf, um sie beide herumzudrehen. Er befreite Cal ruckartig von seiner Unterwäsche und hob eines seiner Beine über sich drüber, um wieder zwischen ihnen zu knien. Dann schob er seine eigene Shorts ein Stück herunter und strich über seine Erektion.
      "Tu so, als hättest du das nicht gesehen", sagte er, als er aus der Hintertasche seiner Hose eine Kondom zückte, das er im Auto bereits vorbereitend dort verstaut hatte. Je schneller der Zugriff, desto besser, aber es war ein wenig seltsam, mit Kondomen in den Hosentaschen herumzulaufen. Er riss das Päcken mit den Zähnen auf und streifte sich den Gummi über, dann zog er Cal an der Hüfte zu sich und legte eins seiner Beine an seine Schulter. "Sanfte Dehnübungen sind gut für die Muskeln", verteidigte er grinsend sein Manöver. Auch, wenn das vielleicht nicht mehr als sanft zu kategorisieren war, aber er wusste mittlerweile, dass Cal es konnte, und das war genug Grund für Richard, es zu machen. Missionarsstellung wurde irgendwann auch langweilig.
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    • Caleb

      Dass Richard ein Kondom aus der Tasche zog, war seltsam...sexy. Weniger das Kondom an sich und mehr der Fakt, dass er es offensichtlich gar nicht abwarten konnte, mit ihm zu schlafen, was ein Gefühl war, dass Cal so noch nicht gekannt hatte. Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, dass ihn überhaupt irgendjemand so wollen könnte. "Ich hab noch welche im Tischchen", merkte er mit einem kleinen Nicken zum Nachttisch an. Richard war eventuell nicht der einzige, der vorbereitet war und erfahrungsgemäß reichte ein Kondom bei ihnen beiden nicht aus, auch, wenn sie nur begrenzt Zeit hatten. Das war schließlich der Kernpunkt ihrer Beziehung, nicht? Sex und alles andere würde sich schon irgendwie ergeben. Fast schon ein bisschen erbärmlich.
      Caleb stieß einen kleinen Protestlaut aus, als Richard eines seiner Beine über seine Schulter legte und hatte für die kleine Erklärung nur ein trockenes Lachen über. "Ich hoffe, du bist dir bewusst, dass du so gut wie alles mit mir anstellen kannst und ich mich am Ende wahrscheinlich noch bedanken würde", merkte er an, was...wahrscheinlich mehr war, als er laut zugeben sollte. Aber es stimmte. Bei ihrer letzten gemeinsamen Nacht - und dem Vormittag danach - hatte er sich immerhin auch nicht beschweren können. Man konnte Richard einiges vorwerfen, aber er wusste, was er tat. Das war irgendwie das Gefährliche an ihm.
      Mit einem kleinen Lächeln zog Cal Richard am Nacken zu sich runter, um ihn zu küssen. "Wenn du mich noch länger warten lässt, dreh ich durch." Er küsste ihn erneut. Wie hatte er sich eigentlich je einreden können, dass Richard nicht verdammt attraktiv war? Im Moment konnte er sich gar nicht vorstellen, je jemand anderem so nah zu sein.
    • Richard

      „Ich hab noch eins in der anderen Tasche“, gab er mit einem Zwinkern zu. Super, jetzt wetteiferten sie schon darum, wer von ihnen es dringender nötig hatte. Ihre Beziehung kannte keinen Tiefpunkt, es ging immer noch ein Stück weiter bergab. Aber hey, wenigstens konnten sie immer davon ausgehen, dass einer von ihnen vorbereitet war, es jederzeit und überall zu treiben. Außerdem… hatte Caleb sicher nicht seit ‚sechs oder sieben Jahren‘ eine Packung Kondome in der Wohnung liegen, hoffentlich, also sollte er sich vermutlich geschmeichelt fühlen.
      Richard ließ sich zu Caleb herunter ziehen und bei der Freude, die er gerade verspürte, mussten seine Augen schon zu glänzen beginnen. „Hast du vergessen, mit wem du redest?“, fragte er. „Du kannst sowas nicht einfach sagen“ Er hatte fast ein schlechtes Gewissen. Dachte Caleb, dass Richard ihn zukünftig auch nur einen einzigen Tag mit Verarschungen dieses Satzes verschonen würde? Er konnte alles mit ihm anstellen? Oh, er gab ihm zu viele Optionen.
      Gerade fielen ihm so viele Dinge ein, mit denen er Caleb aufziehen konnte, dass sein Gehirn fast abstürzte. Letztendlich brachte er nichts Sinnvolles heraus. Es war einfach zu viel. „Also gut, ich erlöse dich von deinem Leid“, grinste er. Vielleicht rauchte Richards Kopf gerade auch nur deshalb so sehr, weil es ihm vorkam, als würde Caleb genau wissen, wie die Sachen klangen, die er so äußerte. Das war unmöglich noch ein Versehen, oder? Man könnte denken, sie wären frisch verliebt, oder zumindest weniger hasserfüllt, so wie er redete. Machte es ihm garnichts aus, dass Richard ihn für immer damit aufziehen würde, dass er unsterblich in ihn verknallt war?
      Die beinahe kindische Freude floss jedenfalls direkt in seine untere Körperhälfte. Er drang langsam in Cal ein und beobachtete jede Veränderung seiner Mimik wie ein Schauspiel, während seine eigene Atmung schwerer wurde. Er stützte sich wieder auf, hielt Cals anderes Bein ein Stück weit hoch und streichelte über das, das an seiner Schulter lag. „Oh, ja, das hab ich echt vermisst“, presste er rau hervor. Es war fast pervers, wie sehr er es vermisst hatte. Es war doch nicht mehr normal, ständig hiervon zu träumen und dann so angeturnt zu sein, wenn es endlich passierte. Als nächstes musste er noch bei Cal einziehen, um nicht an Entzugserscheinungen zu sterben. Aber als erstes würde er seinen Job kündigen, um mehr Zeit zu haben. Ein Satz, den nur absolute Vollidioten denken konnten.
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