The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Milo

      Keine neue Nachricht. War das ein gutes Zeichen, oder hatte sich Wy mittlerweile in so viele Probleme verstrickt, dass es keine Zeit mehr gab, um ihm zu schreiben? Ob seine Eltern sich auch immer so viele Sorgen gemacht hatten? Gott, wahrscheinlich nicht mal annäherungsweise. Milo war bis zu seinem Coming Out ein unproblematisches Kind gewesen und Wy konnte in ihren Augen nichts falsch machen. Milo fragte sich nicht zum ersten mal, seit wann sein Bruder eine Vorliebe für Kleinkriminalität entwickelt hatte. Nach allem, was er wusste, konnte er weit vor dem Tod ihrer Eltern damit angefangen haben und sie hatten es ihm einfach nie gesagt. Warum auch? Ihr Kontakt hatte sich auf das Nötigste beschränkt und über seinen kleinen Bruder herzuziehen war wahrscheinlich nicht wichtig gewesen. Aber sie mussten sich ja nicht mit den Konsequenzen ihrer Erziehung auseinander setzen. Sie-
      Milo sah auf, als ihn jemand ansprach. Er hatte durchaus bemerkt, dass jemand unweit von ihm angehalten hatte, war aber schlicht davon ausgegangen, dass jemand anderes auch Getränke bestellen wollte. Er hatte nicht damit gerechnet, heute noch ungeschickt angeflirtet zu werden. Was auch der einzige Grund war, warum er eine Sekunde brauchte, um zu antworten. Es lag garantiert nicht daran, dass der junge Mann neben ihm unglaublich hübsch war und er zu sehr damit beschäftigt war, sich jedes kleine Detail an ihm einzuprägen, um sich irgendwie daran zu erinnern, wie man redete.
      "Oh. Nein. Ich warte eigentlich nur darauf, dass ich einen Vorwand habe, um nach Hause gehen zu können", antwortete er schließlich, während er einen weiteren Blick auf das Display warf. "Und du?", fragte er zurück. Das blonde Model vor ihm sah eindeutig zu gut gelaunt aus, um irgendwelche Sorgen zu ertränken. "Hier, um flirten zu üben?" Er lächelte ihm neckend entgegen. Bei so einem perfekten Aussehen musste Blondie sich wahrscheinlich eher selten auf seine Flirtkünste verlassen. Wenn er ihn vor drei Monaten angesprochen hätte, hätte Milo wahrscheinlich auch mit dem Gedanken gespielt, irgendwie seine Handynummer raus zu bekommen, aber...es war nicht mehr November. Er wohnte nicht mehr alleine in einer kleinen Studentenwohnung und seine größte Sorge war nicht mehr, dass die Bahn zur Praxis ausfallen könnte. Momentan war nichts in ihm auch nur ansatzweise auf Romantik eingestellt.
      Er sah kurz zurück zur Theke, wo der Barkeeper gerade drei Getränke platzierte. Er griff nach dem Bier und deutete kurz auf die anderen beiden Gläser. "Oder bist du doch aufs Komasaufen eingestellt?"
    • Aaron

      Aarons Herz machte einen Sprung, als hätte ihn ein metaphorischer Pfeil durchdrungen, als er eine Antwort von der attraktiven, tiefen Stimme bekam. Das Lächeln gab ihm den Rest. In einer schnellen, fließenden Bewegungen setzte er sich auf einen der Barhocker und schob die Gläser zu sich, als wäre er gekommen um zu bleiben.
      Er lächelte seine Nervosität weg. "Hm? Nein, mein Bruder hat die halbe Familie versammelt um mir ein Date zu finden", erwiderte er ehrlich. "Auf so eine Idee kommt nur meine Verwandtschaft… Jedenfalls ist der Cider für ihn, weil er mich nichtmal auf ein Getränk einlädt" Er tippte mit dem Finger nervös an das Cocktailglas seines Cosmopolitan und verlor sich kurz in der Farbe des Getränks, bevor er merkte, dass er ja nun beide selbst bezahlen musste. Er schreckte leicht auf und zog sein Handy aus seiner Hosentasche, um mit Karte zu zahlen.
      "Sorry", entschuldigte er sich unschuldig lächelnd bei dem Bartender. "Oh, äh, das Bier auch", fügte er hinzu, und rundete nochmal auf, um Trinkgeld zu geben und sich bei dem Bartender zu entschuldigen, der seine Unfähigkeit mitbekommen musste, seit er an die Bar getreten war. Als der Mann sich bedankte und ihnen den Rücken zukehrte, wandte Aaron sich wieder an Milo, der mittlerweile einen gemischten Eindruck von ihm haben musste. Oder… er war weniger gemischt, als Aaron lieb war. Es war ja nicht so, als wollte er unbedingt seine Nummer, oder so, aber leider war sein Gesprächspartner genau sein Typ und er wollte auch nicht gleich aufgeben, nur weil er keinen Plan hatte, was er tat.
      "Normalerweise… bin ich nicht so ablenkbar", erklärte er und lachte leicht. "Ich hab nur schon einen langen Tag hinter mir"
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    • Milo

      Milo brauchte eine Sekunde, als sein Gesprächspartner sich setzte, als würde er ein längeres Gespräch erwarten. War das das gewünschte Ergebnis seiner Antwort? Er wusste es selbst nicht ganz. Einerseits war das Gespräch hier deutlich angenehmer, als Charles und Lotties Sorgenbekundungen, andererseits ging es in eine Richtung, für die er eigentlich keine Zeit und Energie hatte. Vor allem, als der Blonde erklärte, dass er eigentlich auf der Suche nach einem Date war und Milo fast sein Getränk übernommen hätte, als er ihm zuvor kam. Er bedanke sich mit einem Lächeln, während er dem leicht nervösen Gebrabbel seines Gesprächspartners zuhörte.
      "Das kenne ich. Meine Tage sind in letzter Zeit auch furchtbar lang", erklärte er, während er sich an den Tresen lehnte. Auch, wenn er sich nicht ganz sicher war, ob das wirklich die Erklärung für die Zerstreutheit des Blonden war, oder ob selbiger einfach schon einen sitzen hatte und es nicht zugeben wollte. "Vielleicht solltest du versuchen deiner Familie zu erklären, dass sie weniger nach einem Date und mehr nach einem guten Massagetherapeuten Ausschau halten sollen, oder so." Bei so einem charmanten Auftreten würde es dem Blonden wahrscheinlich eh nicht schwerfallen, sich ein Date zu angeln. Milo war ja selbst versucht, seinen Terminkalender und seinen Bruder irgendwie zu vergessen, um stattdessen herauszufinden, wie es sich anfühlen würde, mit seinen Fingern durch die blonden Haare des Mannes vor ihm zu streichen.
      "Ich heiße übrigens Milo", stellte er sich selbst vor, um wenigstens einen Namen zu dem hübschen Gesicht zu bekommen, das man so leicht so lange anstarren konnte. Er mochte seine Augen und den Schwung seiner Lippen und wahrscheinlich starrte er jetzt schon lang genug, um sich noch die nächsten Tage genau an sein Gesicht erinnern zu können, was bedeutete, dass er wohl langsam irgendwo anders hingucken sollte. Wenn er könnte. Es war schwer, auf irgendwas anderes zu achten.
    • Aaron

      Aaron lächelte etwas verträumt. "Milo, hi", murmelte er, dann riss er sich endlich kurz am Riemen und fügte hinzu: "Ich bin Aaron" Bildete er es sich ein, oder starrten sie sich seit Beginn des Gesprächs unaufhörlich gegenseitig an?
      "Massagetherapeut klingt gut, ich glaube ich brauche aber eher einen dreimonatigen Wellness Urlaub", erwiderte er lachend. "Ich hab vor zwei Jahren die tolle Entscheidung getroffen, neben der Arbeit zu studieren, damit ich den Job machen kann, den ich will. Und jetzt hab ich ihn… aber es ist deutlich mehr… Arbeit als gedacht. Und bei meiner Konzentration werden aus drei Jahren Studium auch locker noch vier", seufzte er. Wobei er vielleicht aufhören sollte, seinen Eindruck aktiv immer weiter zu verschlechtern. Sollte er wirklich direkt damit angeben, dass er zu blöd zum Lernen war und sein Job ihn gerade dezent überforderte? Dabei war er glücklich mit seiner momentanen Situation. Nur auch müde. Müde und verspannt und sein Kopf rauchte 24 Stunden am Tag und das einzige, das ihm den Tag versüßte, war das zufriedene Gesicht der Jugendlichen bei der Arbeit, wenn sie ausnahmsweise mal etwas erlebten, das ihnen Spaß machte, anstatt sie zu traumatisieren.
      "Ähm, naja, jedenfalls lohnt sich alles, solange ich Zeit mit den Kindern verbringen kann. Ich bin Sozialarbeiter. Naja, fast", erklärte er und stützte den Kopf in eine Hand, während er Milo noch einmal etwas zu lange ansah und nicht darüber hinwegkam, wie gut er aussah. Die Brille war süß. Aaron hing sich kurz in einem Klischee fest und fragte sich, ob Milo so schlau war, wie er aussah. Vielleicht war er ja Arzt, oder so etwas. Ein Kittel würde sicher verdammt heiß an ihm aussehen…
      "Und, warum sind deine Tage so lang?", fragte er und schob die Limettenscheibe an seinem Glas hin und her.
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    • Milo

      Aaron. Gott, war er niedlich. Eigentlich müsste Milo längst zurück an seinem Tisch sein, aber er hing an diesem Gespräch fest, wie eine Motte am Licht. Aaron schien ziemlich redselig zu sein, was super war. Je mehr er redete, desto weniger musste Milo sich um irgendein Thema bemühen, um die Konversation am Laufen zu halten.
      "Oh, ich hab auch ein Jahr länger im Studium gebraucht. Zu viele Partys zwischendurch." Er zuckte leicht mit den Schultern. "Am Ende ist es doch sowieso egal, wie lange man gebraucht hat, solange man den Abschluss hinbekommt. Sozialarbeiter klingt auch schon nach ziemlich viel Stress." Und nach etwas, was er Aaron nicht zugetraut hätte. Er sah eher aus, wie ein Instagrammodel. Die Arbeit mit Kindern stand ihm aber irgendwie deutlich besser und Milo hätte sich deutlich lieber auf dieses Thema gestützt, statt über seine eigenen Sorgen zu reden.
      "Ich, ähm, ich hab einfach viel zu tun", antwortete er ausweichend, während er zu seinem Bier sah. "Meine Eltern sind vor ein paar Monaten umgekommen, seit dem passe ich auf meinen jüngeren Bruder auf und der ist...nicht sonderlich begeistert darüber." Was wohl die netteste Formulierung für den ständigen Streit war, der zwischen ihnen ausgebrochen war, nachdem Wyatt aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ihr Verhältnis hatte vorher schon unter Milos eisigen Verhältnis zu seinen Eltern gelitten und es war nicht gerade besser geworden, seit seine Eltern tot waren.
      "Nebenbei leite ich noch eine Arztpraxis mit einem Kollegen zusammen, der mir zwar unglaublich viel abnimmt, aber leider auch ein bisschen überfürsorglich ist." Es half nicht viel, dass er sich keine Sorge um Abrechnungen und Dienstpläne machen musste, wenn er dafür alle paar Minuten aus der Arbeit gerissen wurde, weil Charles sichergehen wollte, dass es ihm gut ging. Oder wenn er seine Abende opfern musste, um in einer Bar zu sitzen, damit er ihm beweisen konnte, dass er okay war. Obwohl der Abend sich deutlich besser entwickelte, als er gedacht hatte.
    • Aaron

      Partys… Dieses Treffen heute war schon das nächste, das für Aaron an eine Party herankam. Zumindest im nächsten Jahr würde sein Leben noch aus Arbeit, Lernen und Prüfungen bestehen und seine Auszeit war ein Spieleabend mit seinen Nichten im Kleinkindalter. Seine Zwanziger waren generell nicht unbedingt wild gewesen, vielleicht musste er das irgendwann alles nachholen. Diese aufregende Zeit, die so gut wie jeder im Studium zu haben schien, ging jedenfalls ziemlich an ihm vorbei. Jeden Montag wollte er am liebsten hinschmeißen, aber das konnte er nicht, also musste er irgendwie optimistisch bleiben und sich auf die positiven Aspekte konzentrieren.
      Aber wer war er eigentlich, dass er sich über sein Leben beschwerte? Aarons Lächeln wich ihm in Sekundenschnelle von den Lippen, als Milo ihm gestand, was ihn bedrückte. Vor ein paar Monaten? Und er hatte nichtmal Zeit, den Tod richtig zu verarbeiten, weil er sich um seinen Bruder kümmerte. "Tut mir leid", murmelte er. "Wie alt ist dein Bruder?" Viel Aufmunterndes fiel Aaron in der Situation auch nicht ein, er wusste ja kaum etwas über Milo und seine Situation. Aber es konnte nicht gerade leicht sein, sich plötzlich um einen Minderjährigen kümmern zu müssen, wenn man ein eigenes Leben aufgebaut hatte. Und dann auch noch gleichzeitig seine Eltern zu verlieren…
      Leider musste Aaron sich unglaublich zusammenzureißen, um kein schockbehaftetes Schmunzeln entkommen zu lassen, als seine kleine Fantasie sich als wahr herausstellte. Milo war ernsthaft Arzt? So gut hatte Aaron noch nie geraten. "Hmm und wieso brauchst du eine Ausrede, um nachhause zu gehen? Vielleicht ist es nicht schlecht, mal Zeit für sich zu haben und sich abzulenken", wandte er sanft ein. "Auch wenn es… vielleicht schwer ist, sich in der Situation abzulenken. Aber erfahrungsgemäß kann ich dir sagen, dass es keinem hilft, sich endlos Sorgen zu machen" Er lächelte leicht.
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    • Milo

      "Er wird nächsten Monat 16 und steckt momentan offenbar in einer vollkommen rebellischen Phase", erklärte Milo mit einem Seufzen. Er hatte sich selbst nie Gedanken um Kinder gemacht, aber nach dem, was er mit Wy durchmachte, hatte sich dieses Thema wahrscheinlich von selbst erledigt. Nochmal würde er sich das nicht antun.
      "Jedes mal, wenn ich mir keine Sorgen mache, denkt er sich irgendwas neues aus, mit dem er mir das Leben schwer machen kann. An Neujahr hat er Böller in den Briefkasten des Nachbarns geworfen." Er hob kurz die Brille an, um sich mit einer Hand über die Augen zu wischen. Seine Nachbarin warf ihm immer noch bitterböse Blicke zu, wenn sie sich sahen. Wie genau Wy es überhaupt geschafft hatte, an irgendwelche Pyrotechnik zu kommen, nachdem er einen Großteil des Dezembers im Krankenhaus verbracht hatte und sich danach Ewigkeiten an seine Prothese gewöhnen musste, war ihm immer noch ein komplettes Rätsel. "Ich hab das Gefühl, dass er nur darauf wartet, dass ich abgelenkt bin, damit er das nächste Chaos veranstalten kann."
      Diese Konversation ging eindeutig tiefer, als Milo gewollt hatte. Er war nicht hier, um über seine Probleme zu reden, oder seinen Bruder schlecht zu machen. "Wie läuft es mit deiner Familie? Haben sie schon ein Date vorgeschlagen?", fragte er zurück, um das Thema zu wechseln. Es war schwer, irgendwas zu finden, was davon ablenkte, dass er plötzlich beide Elternteile verloren hatte, aber er war die ganzen Beileidsbekundungen absolut leid und er wollte niemand anderen mit seinen Problemen belasten.
      "Oder stehst du nur noch hier, um ihnen aus dem Weg zu gehen?" Er hob seinen Blick wieder von seinem Bier, um Aaron ein kleines Lächeln zuzuwerfen. Zum Glück waren seine Freunde noch nicht auf die Idee gekommen, ihn irgendwie zu verkuppeln. Charles war in dem Sinne furchtbar unkreativ und Lottie schaffte es nicht mal, ihre eigenen Schwärmereien irgendwie in den Griff zu bekommen.
    • Aaron

      Aaron hörte aufmerksam zu, dann lehnte er sich etwas zurück und betrachtete seine Finger um das Cocktailglas. „Hmm… wahrscheinlich macht er das garnicht, um dir das Leben zu erschweren, sondern weil er deine Aufmerksamkeit will“, stellte Aaron leise fest. Ein 15 Jähriger, der die, ob er will oder nicht, wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren hatte, die ihm von allen bestimmt am meisten Aufmerksamkeit geschenkt haben? Da würde vermutlich jeder erstmal verzweifelt nach einem anderen Weg suchen, sich wertgeschätzt zu fühlen. Aber die Jugendlichen reagierten auf sowas immer unterschiedlich. Eines der Mädchen aus dem Zentrum, Jia, hatte sich eher ins Positive entwickelt, weil ihre Eltern ihr nur negative, erdrückende Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Aber wenn Milos kleiner Bruder so austickte, dann vermisste er seine Eltern bestimmt ziemlich. Aaron merkte, wie er selbst gerade traurig wurde. Manchmal dachte er, er hatte sich den falschen Job ausgesucht, weil er sich so schwer abgrenzen konnte, aber es war ja auch nicht so, als wäre er irgendjemandes Therapeut. Trotzdem bekam er vieles mit und wollte den Kindern irgendwie helfen, so gut es ihm möglich war.
      „Dein Bruder kann froh sein, dass du dich um ihn kümmerst. Wenn Kinder so schwierig sind, werden sie oft aufgegeben“, sagte er mit einem kleinen Lächeln. „Ich weiß nicht, wie du zu Therapien stehst, aber… es hilft manchmal auch, einfach Leute kennenzulernen, die was ähnliches erlebt haben und Jugendzentren weisen niemanden ab, weißt du?“ Er hatte das brennende Verlangen, einen Arm um Milo zu legen, ließ es aber bleiben. Sie kannten sich seit fünf Minuten und erfahrungsgemäß fühlten die wenigsten sich sofort so wohl in jemandes Gegenwart, wie Aaron. Er gewöhnte sich an alles und jeden in Millisekunden.
      Er akzeptierte den Themenwechsel, und ging auf die Frage ein, auch wenn sie ihn etwas überrumpelte. „Nein, die… sitzen alle nur an ihrem Tisch und sind damit beschäftigt, meinen Cousin und seinen Freund zu löchern, glaube ich. Die sind gerade der Hit der Familie. Erstes nicht-hetero Pärchen und so“, erklärte er und musste leicht lachen, weil der Gedanke ihm so völlig verrückt vorkam, dass Thomas sich je freiwillig so in den Mittelpunkt rücken würde.
      „Aber, ähm, ich versuche ja gerade selbst mein Bestes“, meinte er etwas leiser und sah Milo direkt an. „Ich hab keinen Grund, meiner Familie aus dem Weg zu gehen. Aber ich kann mir selbst aussuchen, mit wem ich meine Zeit verbringen will“ Er stützte wieder den Kopf in seine Hand und ließ seinen verträumten Blick unasichtlich wieder auskommen, weil er sich bildlich vorstellte, Milos Brille abzunehmen um seine Augen noch besser zu sehen — ohne die bunten Spiegelungen, die aber auch irgendwie was an sich hatten. Vielleicht sollte Aaron langsam nach seiner Nummer fragen, bevor Milo noch seine Ausrede fand und ihm entwischte.
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    • Milo

      Wyatt aufzugeben war nie eine Option für Milo gewesen. Egal, wie sehr sein Bruder austicken würde - er war immer noch sein Bruder, den er trotz allem furchtbar lieb hatte und er war sich sicher, dass es nur eine Phase war. Eine lange, furchtbare, nervenraubende Phase, in der er seinen Bruder manchmal am liebsten in sein Zimmer sperren und den Schlüssel wegwerfen würde. Aber das war normal zwischen Geschwistern, nicht? Und Aaron gab ihm gerade genug Alternativen, um dieses Problem eventuell ohne Blutvergießen zu lösen.
      Zum Glück stieg Aaron auf den kleinen Themenwechsel ein. Unglücklicherweise wieder in eine Richtung, die Milo eigentlich vermeiden wollte. Zumindest die logisch-denkende Seite in ihm. Er würde wirklich nichts lieber tun, als Aaron seine Nummer zu geben und dann zuhause darauf zu warten, dass er sich endlich melden würde, aber eine Beziehung war momentan nicht im Rahmen des Möglichen und Aaron war definitiv zu nett, um ihn ständig zu vertrösten.
      Milo sah kurz auf sein Bier, während er überlegte, wie er all diese Gedanken möglichst schonend formulieren sollte, ohne dabei so furchtbar klischeebeladen zu klingen. 'Es liegt nicht an dir, es liegt an mir' war wohl das Schlimmste, was er sagen konnte, oder? Auch, wenn es hier vollkommen zutreffend war. "Aaron-", setzte er an, als er von seinem eigenen Handy unterbrochen wurde, das angefangen hatte, in seiner Hand zu vibrieren. Er warf einen kurzen Blick auf das Display und seufzte.
      "Sorry. Wie gesagt, er hat ein Gespür dafür, wann ich mal entspannt bin." Er hob kurz sein Handy hoch, um Aaron zu demonstrieren, was er meinte, bevor er sich von der Theke abstieß. Eigentlich hatte er eher damit gerechnet, dass sich die Babysitterin melden würde, als Wyatt selbst, aber das bereitete ihm nur noch mehr Sorgen. Er warf Aaron ein kleines Lächeln zu. "Tut mir leid. War wirklich schön, dich kennen gelernt zu haben." Für einen schrecklichen Moment hatte er das Bedürfnis, Aaron zum Abschied zu umarmen, aber er unterdrückte das Gefühl, während er sich wegdrehte und die Tür ansteuerte, um zu telefonieren, sein Bier und die Handynummer des Blonden vollkommen vergessen.
    • Aaron

      Oh. Milo sah ein bisschen zu nachdenklich aus, als Aaron lieb war, als er darauf wartete, dass er etwas sagte. Irgendetwas, wirklich. Abgesehen von diesem seltsamen Ton, als er seinen Namen aussprach, hätte er sich an jedes kleine Zeichen geklammert, dass das hier vielleicht noch wohin führte. Aber dann klingelte sein Handy und Milo bewegte sich einen Schritt von ihm weg, und dann hatte er sich schon umgedreht.
      „Warte…“, murmelte Aaron, deutlich zu leise und vielleicht mehr zu sich selbst, weil Milo schon am Weg zur Tür war. Der Blonde saß noch einen Moment länger in seiner Position verharrt, den Blick auf den Eingang des Pubs gerichtet, der recht schnell nicht mehr sichtbar war, weil sich die Menschen hinter ihm an die Bar drängten. Er fühlte sich irgendwie verlassen. Eigentlich würde Aaron ja ganz einfach sitzen bleiben und warten, schließlich stand auch Milos Bier noch hier und er telefonierte doch nur, oder? Aber sein letzter Satz, und der Gesichtsausdruck, bevor er den Anruf bekommen hatte, ließen Aaron seine Niederlage recht schnell akzeptieren. Er seufzte, stand auf und griff nach seinem Cocktail und dem Cider. Er hatte recht gehabt, so stehen gelassen zu werden war ein bisschen viel, wenn man ewig keinen Versuch gestartet hatte, jemanden kennenzulernen. Er schluckte die Enttäuschung herunter. Spätestens nachdem Milo seine Eltern erwähnt hatte, hätte ihm einfach klar sein müssen, dass er andere Dinge im Kopf hatte. Und Aaron hatte ja selbst keine Zeit für irgendwelche Beziehungen, also spielte ihm das… genau in die Karten…
      Er seufzte, deprimiert darüber, dass er sich den Gedanken selbst nicht abkaufte, und zwängte sich aus dem Barbereich um zurück zu seiner Familie zu gelangen. Wo er direkt so empfangen wurde, wie befürchtet.
      „Ohh, da ist er wieder. Und, wen hast du kennengelernt? Zu viel mit dem Bartender geflirtet?“, kam es von Ness, die ihn als erstes erblickte, gefolgt von einigen sehr interessierten Augenpaaren, die seine Antwort erwarteten. Aaron setzte sich wieder neben Steve und sofort schoss ihm der Neid in den Kopf, dass Thomas so ein Glück hatte. Er schob Leo den Cider zu und lächelte Ness an.
      „Leider ist der Typ, den ich angesprochen hab, so schnell abgehauen, dass ich gerademal seinen Namen und sein Trauma erfahren hab“, erklärte er und stützte den Kopf in eine Hand. Sein Lächeln war vielleicht überzeugend genug, die Story war aber trotzdem ein wenig deprimierend, darum wunderte er sich nicht, als Ness mit einem langgezogenen „Awww!“ reagierte und die Hand ausstreckte, um seine zu umfassen und ihn mit mitleidigem Blick anzublinzeln.
      „Hm, du willst sowieso niemanden mit Trauma, klar?“, kam es gleich von Leo.
      „Such dir lieber wen der psychisch stabil ist, sonst hast du noch mehr Stress“, stimmte James zu.
      Nur… hatte Milo garnicht so instabil gewirkt. Klar, ein wenig müde und bedrückt, aber dieser leicht besorgte Blick hatte ihm irgendwie einen tollen Look verpasst. Vielleicht war Aaron das Problem. Stand er auf traurige Augen? Verdammt.
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    • Steve

      Steve war ein wenig erleichtert, als Aaron zurück zum Tisch kam. Er war überraschend lange weg gewesen und während er ihm jeden eventuellen Flirt oder freundlichen Kontakt gönnte, war er doch froh, dass Thomas' Cousin die Aufmerksamkeit der Anwesenden direkt wieder auf sich zog. Die jüngere Generation von Thomas' Familie war nett, aber irgendwann war es doch ein bisschen viel. Vielleicht war es doch nicht ganz so schlau gewesen, dass Thomas und er ihre Beziehung direkt allen präsentiert hatten. Obwohl...jedes mal wieder neu herantasten, wer wie auf ihre Beziehung reagierte wäre auf Dauer vielleicht genauso anstrengend geworden. Aber hey, am Ende des Tages hatten sie wenigstens einander - Aaron schien da deutlich weniger Glück zu haben. Er rutschte wieder ein wenig näher an Thomas, um seinen Cousin Platz zu machen, während die anderen bereits auf ihn einredeten.
      "Vielleicht hast du bei der nächsten Getränkerunde ja mehr Glück", merkte er aufmunternd an, während er unter dem Tisch wieder nach Thomas' Hand griff. Er fand es eigentlich schon mutig genug, dass Aaron sich überhaupt traute, einfach Leute in einem Pub anzuflirten. Er wusste gar nicht, wie lange er gebraucht hatte, um mit Thomas über irgendetwas anderes, als einen Spielverlauf zu reden. Der Gedanke, jemanden einfach so anzusprechen, weil man die Person irgendwie interessant fand, war schon furchtbar genug. Obwohl er diesen Gedankengang wohl besser für sich behielt. Trauma hatte er zwar keine, aber er wusste nicht, was passieren würde, wenn die Runde anfing zu diskutieren, ob es gut oder schlecht war, dass Thomas' und seine psychischen Blockaden sich ergänzten.
      "Sonst ist es hier doch bestimmt auch ohne Date schön genug", fügte er hinzu. "Wenigstens ist die Musik nicht so laut, dass man sich selbst nicht mehr denken hören kann."
    • Thomas

      Sich zu trauen, jemanden einfach so anzusprechen, und anschließend eine Abfuhr so gut wegzustecken, war für Thomas ein Rätsel. Gut, Aaron sah nicht unbedingt begeistert über den fehlgeschlagenen Flirt aus, aber Thomas würde vermutlich heulen und dann spontan zu Staub zerfallen. Nur, dass das Universum ihm nicht gönnen würde, tatsächlich zu Staub zu werden, also müsste er sich heulend auf den Heimweg begeben. Zumindest wäre es ausgeschlossen, dass er einfach wieder am Tisch Platz nahm und sich auf die nächste Suche nach einem Date vorbereitete.
      Außerdem fühlte er sich seltsam peinlich berührt, als sich alle einig waren, dass man lieber niemanden datete, der psychisch nicht fit war. Er würde von sich selbst nicht behaupten, dass er wirklich ein Problem hatte, aber… Okay, vielleicht ein bisschen. Das war nur mehr eine Persönlichkeitsschwäche als etwas durch ein Traumas Ausgelöstes, oder? Er war einfach deutlich zu besorgt darüber, was andere über ihn dachten, warum auch immer. Bestimmt gab es einen guten Grund, aber er brauchte keine Tiefenpsychologische Analyse. Es war jedenfalls schon etwas einschränkend geworden. Aber mit Steve wurde das langsam etwas besser, weil er sich sicherer fühlte. Demnach war es für ihn ja irgendwie gut gewesen, dass Steve ihn trotz dieses… Problems… mochte. Der Gedanke, dass Aaron jemanden wegen so etwas nicht daten würde, war ein bisschen bedrückend. Obwohl Aaron da wohl weniger so war, als James und Leo.
      Aaron nippte an seinem knallroten Getränk und sah doch irgendwie ziemlich enttäuscht aus. Thomas wollte gerade etwas ähnliches sagen, wie Steve, als dieser ihm zuvor kam und er belustigt lächelte. Sie waren beide wirklich keine Partymenschen. „Meintest du nicht, du hast gerade sowieso viel zu tun? Vielleicht war das ein Wink des Schicksals, dass du dich einfach erst darauf konzentrieren solltest“, schlug Thomas vor.
      „Tommy, wir sind hier, um ihm ein Date zu finden, nicht, um es ihm auszureden“, wies Leo ihn sofort zurecht.
      „Er hat aber recht“, meinte Aaron ernst. „Ich hab garkeine Zeit für sowas, sonst würde ich doch sowieso deutlich mehr ausgehen“
      Leo ließ dennoch nicht locker. „Aber du wirst nie ‚Zeit‘ für irgendwas haben. Wenn du den Abschluss hast, arbeitest du noch mehr und dann hast du erst recht wieder zu viel zu tun. Man hat immer zu viel zu tun“
      Aaron seufzte frustriert. „Wenn alle vor mir weglaufen, kann ich es auch nicht ändern“ Oh, wow, das war mal eine neue Seite an ihm.
      „Jetzt ertrink nicht im Selbstmitleid, Aaron! Das war eine einzige Person. Du bist es vielleicht gewohnt, dass dir jeder gleich zu Füßen liegt, aber für Normalsterbliche ist das der Alltag“, stieg Vanessa ein. „Ich meine, mach alles in deinem Tempo aber lass dich doch wegen sowas nicht runterziehen“
      „Wahrscheinlich hat er zum ersten Mal eine Abfuhr gekriegt“, nuschelte Leo.
      Aaron stieß ein beleidigtes Geräusch aus und stellte sein Glas ab. „Das stimmt ni- Obwohl… Aber der einzige Grund dafür ist, dass ich nie jemanden anspreche“, verteidigte er sich.
      Diese Diskussion zog sich noch eine Weile. Aaron schien vielleicht doch einen recht anstrengenden Tag gehabt zu haben und die Abfuhr hatte das Fass zum Überlaufen gebracht, den. Thomas hatte, auch wenn er ihn selten sah, noch nie miterlebt, dass er sich so sehr in etwas hineinsteigern konnte. Leo ließ außerdem irgendwann deutlich seine Eifersucht raushängen, weil sein Bruder anscheinend ‚immer besser angekommen ist‘ und Vanessa bekam leicht die Krise, weil ihr zukünftiger Ehemann ein Problem damit hatte, keine anderen Frauen abzukriegen. Abseits davon blieb die Stimmung recht locker und die anderen schienen sich gut untereinander beschäftigen zu können, weshalb Thomas sich stillschweigend an Steve klammern konnte und den Abend garnicht so ermüdend fand, wie antizipiert. Er hörte zu, wie seine Familie sich gegenseitig anmotzte und genoss es irgendwie. Zumindest waren es keine bösartigen Diskussionen, es erinnerte ihn eher an früher, an sich selbst, Cassy und James und wie sie eigentlich ständig gestritten hatten, ohne sich wirklich zu streiten.
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    • Milo

      "Ich war mir so sicher, dass ich einen Schlüssel bei hatte." Wyatt klang kein bisschen so, als ob ihm irgendwas an der Situation leid tun würde. Milo seufzte, während er seinen eigenen Schlüssel aus seiner Jackentasche zog. Wahrscheinlich sollte er froh sein, dass sein Bruder kein Fenster eingeschlagen, oder versucht hatte, die Tür aufzubrechen.
      Er stieß ein ziemlich unbeeindrucktes "Mhm" aus, während er die Tür aufschloss und sie für Wyatt aufhielt. Der Anruf hatte deutlich panischer geklungen, als Wyatt aussah und auch das kleine Telefonat, das Milo auf dem Weg hierhin mit Tim, Wyatts Babysitter, geführt hatte, hatte nicht zu seiner Laune beigetragen. "Du hast Brandflecken im Teppich hinterlassen." Milo zog seinen Bruder am Kragen zurück, als selbiger sich an ihm vorbeidrängen und in sein Zimmer verschwinden wollte. "Wy. Wo hast du die Zigaretten überhaupt her?" Er wusste nicht mal, was er fühlen solle. Wut? Mittlerweile war er einfach nur noch froh, seinen Bruder nicht in irgendeiner Polizeistation abholen zu müssen.
      "Ist doch egal-" Setzte Wyatt an, während er versuchte, sich irgendwie aus Milos Griff zu winden und dabei kläglich versagte. "Interessiert dich doch eh nicht."
      "Du bist FÜNFZEHN."
      "Fast Sechszehn."
      "Denkst du, darauf kommt es noch an?" Milo ließ den Pullover des Jüngeren los und verschränkte die Arme vor der Brust, während sein Bruder ein paar Schritte zur Seite stolperte. "Gott, Wy, ich weiß nicht mehr, was ich mit dir anstellen soll." Babysitter waren jetzt wohl erst mal keine Option mehr. Tim war am Telefon verdammt sauer gewesen. Offenbar hatte Wy in seiner Panik, eine Zigarette zu verstecken, selbige einfach auf den Boden fallen lassen und damit den Teppich angesengt. Milo konnte nur hoffen, dass Tim eine Topfpflanze drüber stellen würde und keine Reparaturkosten auf ihn zukamen.
      "Du könntest mich in Zukunft einfach hier lassen. Ich brauche keine Babysitter mehr."
      "Du kannst keine fünf Minuten alleine bleiben, ohne irgendwas anzustellen." Milo schob seine Brille hoch und rieb sich frustriert über die Augen. Er hatte sich das alles einfacher vorgestellt. Vielleicht sollte er wirklich nochmal darüber nachdenken, sich Hilfe von außen zu holen.
      Wyatt verdrehte die Augen, sagte allerdings nichts mehr. Stattdessen warf er seine Jacke unachtsam zur Seite und kickte seine Schuhe vorbei am Schuhregal, bevor er sich auf den Weg die Treppe hinauf in sein Zimmer machte. Treppen steigen schien ihn immer noch mehr Zeit zu kosten, als ihm lieb war, aber Milo ignorierte das genervte Murmeln und ging stattdessen in die Küche zu seinem Laptop. Irgendeine Lösung würde er schon finden.

      Die nächste Woche verlief ähnlich stressig wie die davor. Es half nicht, dass er zwischendurch immer mal wieder Wys Taschen durchsuchen musste, um weitere Rauchversuche zu unterbinden, was weitere Zeit raubte, die Milo lieber anderweitig investiert hätte. Es half auch nicht, dass er ab und an immer noch blonde Haare und ein atemberaubendes Lächeln vor seinen Augen sah, wenn er abwesend an die Wand starrte. Aaron. Der Name hatte sich fest in seinen Kopf gebrannt. Im Nachhinein bereute er es, ihm nicht doch seine Nummer gegeben zu haben, aber als er sich bei Charles und Lottie abgemeldet hatte, hatte er Aaron nicht mehr an der Bar stehen gesehen und zum Suchen war keine Zeit geblieben.
      Wahrscheinlich war es besser so gewesen. Milo hatte keine Ahnung, wie er eine Beziehung handhaben sollte. Wie sollte er ein Date planen, während Wyatt immer noch versuchte, einen Ladendiebstahl wie ein Versehen darstehen zu lassen?
      Sein Bruder saß neben ihm im Auto und hatte nicht aufgehört zu reden, seit Milo ihn eingesammelt hatte. Milo selbst hatte noch kein Wort gesagt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es war 'nur' eine Packung Chips gewesen, von der Wy angeblich vergessen hatte, dass er sie sich unter die Jacke geschoben hatte, aber wo würde das alles enden?
      "Es ist ja nichts passiert", rechtfertigte sich Wy, während er fröhlich ignorierte, dass nur nichts passiert war, weil man ihn mit einer Verwarnung davonkommen gelassen hatte. "Können wir einfach nach Hause fahren?"
      "Nope." Milo klammerte sich an das Lenkrad, als würde sein Leben davon abhängen, während er kurz auf sein Navi schielte. Jugendzentrum. Das war das zweite, was ihm seit Aaron durch den Kopf geisterte. Vielleicht würde es wirklich helfen. Es half ja schon, wenn er Wy für eine kurze Zeit los war, um sich mal eine Stunde konzentriert hinsetzen und einen Plan entwickeln zu können. Er bog in die nächste Parkbucht ein und stoppte den Motor. "Aussteigen."
      "Und wenn ich's nicht tue?", Wy warf ihm einen herausfordernden Blick zu.
      "Dann steige ich alleine aus, schließe das Auto ab und lasse dich hier stehen. Vielleicht bringe ich dir morgen früh Frühstück vorbei. Wahrscheinlich würde ich aber eher ausschlafen." Er sah zu Wyatt rüber, der offenbar kurz abwog, wie ernst die Drohung gemeint war, bevor er die Lippen aufeinander presste und die Autotür öffnete.
      Erster Schritt erledigt. Fehlten nur noch tausend andere.
    • Aaron

      Arbeit hatte schonmal mehr Spaß gemacht, Uni definitiv nicht. Die Woche zog sich bereits in die Länge.
      Ja, vielleicht hatte er etwas übertrieben, als er sich Samstag Abend in eine Diskussion mit seinem Bruder und dessen Freundin eingelassen hatte. Die Sache mit dem attraktiven Kerl an der Bar war beinahe vergessen, als er Sonntag Morgen aufgestanden war, um spazieren zu gehen und sich irgendwie auf Trab zu halten, damit sein Gehirn beim Lernen nicht einschlief. Er hatte viel zu tun und er kippte sehr leicht in seinen Alltag, in dem kaum Platz für Gedanken an andere Dinge war. Aber… beinahe hieß auch nur beinahe. Er konnte nichts daran ändern, dass Milo nichts von ihm wollte, aber es störte ihn eben, dass es so war. Im Nachhinein hatte er sich ein paar Mal gefragt, ob er einfach zu aufdringlich Ratschläge bezüglich seiner Situation verteilt hatte oder ob seine Flirtversuche noch unfähiger rübergekommen waren, als sie sich angefühlt hatten. Aber Milo hatte ja einen sehr guten Grund gehabt, vermutlich den besten, den sich jemand ausdenken konnte. Also hatte er im Endeffekt nichts zu bereuen und niemanden zu beschuldigen. Außer seinen Bruder vielleicht, der ihn in den Pub gezwungen hatte.
      Am Freitag hatte seine Laune sich immer noch nicht vollständig gehoben, als er zumittag im Jugendzentrum eintraf, nach einem wirklich langen Vormittag voller Vorlesungen, gerade rechtzeitig zur Öffnungszeit, um die Jugendlichen zu begrüßen, die regelmäßig nach der Schule herkamen. Was allerdings hauptsächlich der Prüfungsvorbereitung zu verschulden war.
      Als er dann aber endlich ankam und die Tür eines scheinbar normalen Wohnhauses öffnete, und Fuß in den renovierten Eingangsbereich setzte, um fast von seinem persönlichen Sonnenschein überrant zu werden, änderte sich seine Stimmung endlich. Es roch nach frischer Wandfarbe, da in den letzten Monaten kontinuierlich am Zentrum gearbeitet wurde. Die Bilder an den Wängen hingen zum Glück schon wieder. Die Nachfrage nach solchen Treffpunkten fpr Jugendliche stieg auch ziemlich an, darum hatte man Aaron trotz noch ausstehenden Abschlusses sofort zum Betreuer gemacht. Dieser Ort fühlte sich fast mehr wie Zuhause an als seine Wohnung.
      Das Mädchen, das schnurstracks auf ihn zugelaufen gekommen war, Jia, machte knapp vor ihm halt, sah ihn mit todernstem Blick an und drehte sich plötzlich wieder herum. Aaron lachte. Sie hatte zwei geflochtene Zöpfe mit gigantischen weißen Schleifen in den Haaren. „Schick. Wer hat das gemacht? Zara?“, fragte er, ließ beide Zöpfe durch seine Hände gleiten und schob Jia dann an der Schulter neben sich her, um aus dem Eingangsbereich zu kommen.
      „Nein, ich hab‘s selbst gemacht. Sie hat nur den Spiegel gehalten, weil ich üben wollte. Ich kann nicht immer auf andere angewiesen sein“, erklärte sie ernst, aber ein wenig Stolz schwang in ihrer Stimme mit. Der Vergleich zur Jia von vor einem halben Jahr überforderte Aaron manchmal immer noch leicht. Sie war wie ein anderer Mensch, seit sie in die WG gezogen war und mit ihrer Psychologin verstand sie sich auch gut.
      „Freu dich doch, dass dir jemand morgens die Haare macht. Ich muss mich immer alleine mit meinen herumschlagen“, erwiderte Aaron theatralisch. Jia folgte ihm lachend und sie ließen den großen Eingangsraum hinter sich, der meistens leer war. Zwar stand in jeder Ecke ein Sofa oder ein Sessel, auf die man sich am liebsten sofort hinschmeißen und einschlafen wollte, aber die Kids zogen sich meistens in die kleineren Einzelräume zurück. Davon hatten sie mehrere, was ein absoluter Luxus für ein Jugendzentrum war. Aber irgendwie mussten sich ja alle beschäftigen und keiner hatte die exakt gleichen Interessen.
      Aaron ließ Jia einen Moment lang vor einer Tür stehen, auf der ein Mitarbeiter-Schild hing. Sie setzte sich im Gang auf eine Bank und zog ihr Handy aus der Tasche, während Aaron seine Kollegen und Kolleginnen begrüßte, die gerade entweder kurz Pause machten, Projekte vorbereiteten oder sonst irgendwie Zeit schindeten. Wenn nicht viel los war, gab es oft genug Kaffeerunden. Die Atmosphäre hier war jedenfalls wunderbar, er konnte sich nichts besseres vorstellen. Nach so vielen Jahren kannte er die älteren Mitarbeiter auch alle sehr gut, obwohl er nur Büroarbeit erledigt hatte.
      Er unterhielt sich ganz schnell mit einer Kollegin über den Tagesplan, die erklärte, das heute eine Art Info-Workshop für Drogenkonsum am Plan stand und Aaron sich am besten einfach mit den Kids beschäftigte, die daran kein Interesse hatten. Was so viel hieß wie… Zeit mit Jia verbringen, die ständig an ihm klebte. Jugendliche brauchten in der Regel keine 24-Stunden Betreuung, schon garnicht wenn sie nur Videospiele spielten oder irgendwo in einer Ecke Mittag aßen.
      Aaron ließ seine Tasche stehen und kam zurück zu Jia, die er direkt wieder mit in den Eingangsbereich nahm, wo er die Liste checkte, wer sich heute aller eingetragen hatte. Das war ganz praktisch, um einen Überblick zu behalten und wenn ein Feuer ausbrach, konnten sie auch niemanden vergessen.
      „Wie war‘s in der Schule?“, fragte er die 14-Jährige während er die Liste am Empfang scannte.
      „Langweilig?“
      „Bei mir auch“
      „Aber wir hatten eine Stunde früher aus“
      „Und ich dachte schon, du schwänzt einfach wieder Sport“
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    • Milo

      "Irgendwann hole ich mir eine von diesen Leinen für Kleinkinder." Milo zog Wyatt am Handgelenk hinter sich her, nachdem dieser versucht hatte, in die nächste Querstraße abzutauchen. "Du tust so, als würde ich dich in den Jugendknast stecken."
      "Tust du ja auch irgendwie! Was ist falsch daran, wenn ich einfach Zeit mit meinen Freunden verbringen will? Ich bin alt genug, um selbst zu entscheiden!" Wyatt hatte es aufgegeben, gegen seinen Griff anzukämpfen, sah dafür allerdings so aus, als wäre er auf dem Weg zur Schlachtbank.
      "Sicher. Damit ihr rauchen könnt und noch mehr Ladendiebstähle begeht und was auch immer für eine Scheiße ihr sonst anstellt." Milo war eigentlich selbst kurz davor, wieder umzudrehen. Irgendwie war das alles zwei Nummern zu groß für ihn und er hatte das unschöne Gefühl, auf voller Linie versagt zu haben. Hilfe anzunehmen war immer schon schwierig für ihn gewesen. Es half fast, dass Wyatt sich wehrte - ihm nachzugeben wäre schlimmer, als zuzugeben, dass er nicht mehr alleine zurecht kam.
      "Zwei Stunden, Wy. Gib mir zwei Stunden. Wenn es so furchtbar ist, finden wir irgendeine andere Lösung. Deal?", fragte Milo, als sie vor der Tür zum stehen kamen. Wyatt sah nicht begeistert aus. Eher so, als wolle er ihm gleich vors Schienbein treten und doch noch abhauen. Vielleicht war das auch genau das, was gerade durch seinen Dickschädel ging. Milo wünschte sich die Zeit zurück, in der sie noch Brettspiele miteinander gespielt hatten. Damals war Wy halb so groß und deutlich einfacher zu beeindrucken gewesen.
      "Warum hasst du mich so sehr?"
      "Gott, Wy." Milo atmete tief durch. Timing hatte sein Bruder auf jeden Fall drauf. "Ich hasse dich nicht und ich hab keine Zeit für Diskussionen."
      "Du hast nie Zeit für irgendwas", nuschelte Wyatt, während er seine Hand aus Milos Griff zerrte, allerdings bei ihm stehen blieb.
      Milo ignorierte die Anschuldigung und zog stattdessen die Tür auf. Zwei Stunden. Vielleicht würde er es sogar noch schaffen, seine Ablage irgendwie in den Griff zu bekommen. Bei den ganzen Zetteln und Unterlagen schaute er kaum noch durch. Selbst im Tod schafften seine Eltern es, ihn auf Trab zu halten. Zwei Stunden für einen klaren Kopf. Zwei Stunden, in denen er sowieso wieder alle paar Minuten krankhaft auf sein Handy sah. Zwei Stunden.
      Er ging zwei Schritte in das Gebäude rein, bevor er überrascht stehen blieb, als er genau das Gesicht sah, das er die letzten Tage nicht vergessen konnte. Blonde Haare, bezaubernde Augen. "Aaron?" Er blinzelte irritiert. Aaron war live irgendwie noch hübscher, als er ihn in Erinnerung hatte.
    • Aaron

      „Musste ich heute garnicht, aber ich hab sowieso keine Lust mehr, bei den Jungs mitzumachen“, meinte Jia in einem so neutralen, beiläufigen Ton, dass Aaron kurz von der Liste aufsehen musste.
      „Noch immer?“
      „Ja, weil sie dieses blöde Schreiben von der Psychologin brauchen aber sie kann das erst in ein paar Wochen machen… Keine Ahnung“ Jia zuckte mit den Schultern.
      Aaron seufzte und sah wieder auf die Liste. War ja irgendwie nichts Neues, dass der ganze organisatorische Kram wieder ewig dauerte, egal wie hoch die Priorität war. Er las gerade den letzten Namen und trug sich in der nächsten Spalte für die Mitarbeiter selbst ein, mit einem kleinen Smiley, als er seinen Namen hörte und er sich umdrehte. Er hatte… mit allem gerechnet, aber nicht mit Milo. Und seinem Bruder? Moment, hatte Aaron ihm erzählt, wo er arbeitete? Hatte er nicht nur ganz beiläufig Jugendzentren erwähnt? Naja, so unwahrscheinlich war es vielleicht garnicht, dass er ausgerechnet hier her kam. Aber Aaron konnte nicht behaupten, dass er sich darüber besonders freute. Es war klar, dass Milo zu viel im Kopf hatte für ein Date, genau wie er selbst, und dass er nur zufällig mit seinem Bruder hier reingetanzt war. Ein bisschen stolz war er zumindest, dass man seinen Ratschlag angenommen hatte. Aber der Junge sah nicht gerade glücklich darüber aus, hier zu sein.
      „Wer ist das?“, flüsterte Jia und riss Aaron zum Glück endlich aus seiner Starre.
      „Oh, äh, Milo“, sagte er endlich. Dann erinnerte er sich, dass sein Bruder für die ganze Sache absolut nichts konnte und setzte wieder sein reguläres freundliches Lächeln auf, bevor er zu den beiden rüberging und Jia wie seinen Schatten hinter sich wahrnehmen konnte. „Hi, ich bin Aaron. Und wie heißt du?“, fragte er und legte den Kopf etwas schief. „Willst du dich hier mal umsehen? Das ist ein guter Zeitpunkt, es ist nicht so viel los“ Sein Blick wich zu Milo, weiterhin lächelnd. „Und du willst vielleicht auch eine Tour? Du kannst auch so lange bleiben, wie du willst, wenn das hilft“ Es passierte außerordentlich selten, dass Eltern oder andere Erwachsene als Begleitung mitkamen. Höchstens, wenn das Kind zu schüchtern war und die Idee herzukommen nicht selbst hatte, aber… Es war nicht gerade von Vorteil, wenn die Jugendlichen garnicht hier sein wollten. Festhalten konnte man hier schließlich niemanden.
      Aber Aaron hatte schon eine Idee. Er drehte sich um und griff nach Jias Schulter, um seinen Schatten vorzustellen. „Das ist Jia“, sagte er aus dem Nichts. Jia wusste direkt, was Aaron von ihr wollte und sie stieß ein kleines, beinahe unhörbares Seufzen aus.
      „Hallo“, kam es fast piepsend von ihr und sie schien sich immernoch irgendwie hinter Aarons Rücken quetschen zu wollen, aber er ließ sie nicht. „Spielst du… Videospiele… oder so?“, fragte sie den Jungen standardmäßig.
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    • Milo

      Er hätte sich umdrehen sollen. Er hätte Wy dieses eine mal nachgeben sollen. Vielleicht hätte sich das alles auch über ein Eis und einen Film klären lassen. Milo kämpfte gegen den Drang an, sich einfach jetzt noch umzudrehen und zu gehen. Aaron hatte ihm gesagt, dass er im sozialen Bereich tätig war. Er hatte Jugendzentren vorgeschlagen. Milo hätte sich doch mehr Zeit lassen sollen, sich umzuschauen, bevor er einfach das größte Jugendzentrum angesteuert hatte. Er hatte keine Ahnung, was er sagen oder tun sollte. Anders, als Aaron, der zum Glück einfach professionell weiter machte.
      "Wyatt", stellte sein Bruder sich vor, bevor er die nächste Frage mit einem lächelnden "Eigentlich nicht" beantwortete. Milo streckte automatisch die Hand nach ihm aus, als er merkte, dass Wy wieder drauf und dran war, sich auf der Stelle umzudrehen und zu gehen. Kleinkindleine. Die gab es sicher auf Amazon, oder nicht? Sonst musste er seinem Bruder irgendwann ein AirTag auf die Stirn kleben.
      "Tour klingt gut", antwortete Milo, einfach, um irgendwas zu sagen. Er hatte das seltsame Bedürfnis, sich bei Aaron zu entschuldigen, auch, wenn es dazu eigentlich keinen Grund gab. Eine Tour würde zumindest bedeuten, dass er noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen würde. Und mit den Mädchen, das gerade so aussah, als ob es lieber ganz wo anders wäre. Irgendwie war es fast niedlich, wie sehr sich Jia an Aaron klammerte. Wyatt würde sie wahrscheinlich an den Rand der Verzweiflung treiben.
      Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte. Wy musterte Jia kurz, bevor er mit den Schultern zuckte, offenbar bereit, sein Schicksal zu akzeptieren. "Warum nicht?" Wenigstens klangen beide Jugendlichen ungefähr gleich genervt. Milo ließ Wy wieder los. Der Teenager seufzte kurz, schob seine Hände in seine Taschen und warf Milo einen kurzen Blick zu. Milo antwortete mit einem stummen Flehen. Wy musste sich nur zwei Stunden benehmen. Das einzige, was schlimmer wäre, als ein Fehltritt seinerseits, wäre ein Fehltritt vor Aaron, der sowieso schon einen ziemlich schlechten Eindruck von ihm haben musste.
    • Aaron

      Oh, oh. Hoffentlich fanden sie hier schnell irgendjemanden, mit dem Wyatt klickte, sonst war er so schnell wieder aus der Tür raus, wie sie garnicht schauen konnten. Jia war sich jedenfalls ihrer Aufgabe bewusst. Man konnte sie garnicht nicht mögen, niemand hatte sie bisher nicht gemocht. Sie war süß und aufmerksam und konnte sich gut anpassen, solange man ihr keine zu persönlichen Fragen stellte. Sie war Aarons Geheimwaffe und zum Glück nahm sie es ihm nicht übel.
      „Okay, mal schauen, ob sich deine Meinung ändern lässt“, sagte er schmunzelnd zu Wyatt und versuchte erneut Jia etwas von sich wegzudrücken und mehr in die Richtung dieses Jungen, mit dem sie irgendein Gespräch beginnen sollte. Aber sie war leider nie sehr begeistert darüber, Fremde kennenzulernen. Ein bisschen dauerte es eben.
      Aaron gab auf und ließ Jia an seiner Seite weiterlaufen, als er den beiden anderen deutete, ihm zu folgen. „Also, hier ist der Eingangsbereich, nicht sehr spannend“, erklärte er Wyatt lächelnd, dann bogen sie links in den Gang ab und konnten die Zimmer abklappern, in denen hier und da ein paar Jugendliche beschäftigt waren und plötzlich ganz still wurden, wenn Aaron mit den dreien vor der Türe stehen blieb. Jugendliche und ihre Paranoia, beobachtet zu werden, pfft.
      Sie kamen an ihrem ‚Kino-Raum‘ vorbei, dem Zimmer mit der Playstation und X-Box, dem etwas größeren Raum mit einem Tischfußball-Tisch, einem Pingpong-Tisch und einem weiteren, der sich recht gut einordnen ließ wenn man das gigantische Regal mit Brettspielen bemerkte. Abseits davon gab es Bücherregale, Bastelkram, Zeichenunterlagen… Dann kamen sie zur Küche.
      „Kochen können hier auch alle selbst, es gibt auch eine Mikrowelle und sogar eine kleine Popcornmaschine, also wir sind gut ausgerüstet für Filmabende“, erklärte Aaron und ignorierte gekonnt die zwei Mädchen, die wie eingefroren vor dem Teekocher standen und darauf warteten, dass sie wieder abhauten. Er zeigte Wyatt noch das Badezimmer und die separaten Toiletten, den Mitarbeiter-Raum von außen und als letztes ihren sogenannten ‚Ruheraum‘, der zum Lernen genutzt werden konnte — oder des öfteren auch mal zum Schlafen, weil man auch nicht von allen erwarten konnte, ständig das höchste Energielevel zu haben.
      Dann kamen sie zurück in den Eingangsbereich und Aaron verschwand kurz hinter dem Empfangstisch, um Wyatt einen Zettel in die Hand zu drücken, auf dem die Öffnungszeiten und wöchentlich fixen Pläne eingetragen waren, sowie ein paar Verhaltensregeln, zum Beispiel dass die Türen offen bleiben sollten, aber auch ziemlich selbstredendes Zeug, wie ‚Keine Gewalt‘, ‚Keine Diskriminierung‘, ‚Nichts mutwillig kaputt machen‘ und ein sympathisches ‚Behandel andere, wie du behandelt werden willst!‘ und ‚Hab keine Angst, um Hilfe zu bitten‘. Eigentlich sollte das alles selbstverständlich sein, aber sie hatten hier eben auch hin und wieder mal schwierigere Kids.
      „Und wir machen Samstags ganz oft Ausflüge, die je nach Anfrage unterschiedlich sind. Freitags sind oft Workshops, wie du siehst, aber das ist alles keine Pflicht. Du kannst einfach machen, was dir Spaß macht. Aber wichtig ist, dass du dich hier mit dem Namen einträgst, wenn du kommst, und ihn durchstreichst, wenn du wieder gehst, einfach damit wir hier einen guten Überblick haben, wer gerade da ist“ Er lächelte und bot Wyatt einen Kugelschreiber an, auch wenn er immernoch nicht ganz sicher war, ob er bleiben wollte.
      „Ich bin übrigens nicht immer da, aber die Mitarbeiter stehen auch immer auf der Liste. Und Jia ist… einfach immer da. Jeden Nachmittag. Ein vertrautes Gesicht“
      Jia verdrehte die Augen. „Ich bin nicht immer da, aber oft“, stellte sie klar, als wäre es ihr irgendwie peinlich. „Und Aaron hat den Garten vergessen. Wir haben einen Garten mit Basketball und Fußball“
      „Danke, Jia… Oh, und was vielleicht noch wichtig ist, aber das wird im Voraus immer dazu gesagt: Für die Ausflüge müsst ihr manchmal selbst Geld mitnehmen, aber meistens kriegen wir Rabatte auf vieles. Jia setzt sich zum Beispiel ganz oft fürs Eislaufen ein, da bezahlen wir weniger Eintritt. Aber wir gehen auch ins Kino oder Einkaufen… Oder ins Schwimmbad, ins Theater oder auch mal zu Events, zum Beispiel Fußballspielen. Aber wir müssen überall öffentlich hinfahren, klarerweise, darum ist es gut, Fahrtickets zu haben. Wenn du mal wo nicht mitwillst, ist aber auch immer irgendjemand hier“ Aaron schwieg kurz, unsicher ob er Wyatt vielleicht langsam mit den Informationen überforderte und nur mehr dazu trieb, weglaufen zu wollen. „Hast du irgendwelche Fragen?“
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    • Milo

      Es sah wirklich nett aus und der Fakt, dass Wyatt tatsächlich freiwillig mit ging und zwischendurch keine blöden Kommentare machte, beruhigte Milo unheimlich. Wyatt war generell verdächtig ruhig und der Blick auf seinem Gesicht war gefährlich neutral, fast sogar etwas gelangweilt. Milo wollte lieber nicht darüber nachdenken, was durch seinen Kopf ging. Er würde sich so oder so Sorgen machen. Wenn er Zeit fand, sich über Wyatt Sorgen zu machen, während er parallel damit beschäftigt war, ein schlechtes Gewissen wegen Aaron zu haben. Die zwei Stunden, die er sich erhofft hatte, fühlten sich plötzlich seltsam kurz an. Vielleicht sollte er sich die Sorgen einfach strategisch einteilen. Er könnte gleich einen mental breakdown wegen seines Verhältnisses zu Wy haben und heute abend, wenn Wy schlief, wach liegen und sich ein schlechtes Gewissen wegen Aaron einreden.
      Das Gewissen konnte sogar noch weitaus schlimmer werden, als Aaron den Fehler beging und eine Rückfrage stellte. Milo spürte die blöde Antwort in Wys Kopf, bevor er sie überhaupt aussprach.
      "Ja. Tatsächlich. Wie kann man so viel reden, ohne zwischendurch Luft zu holen?" Wy lächelte unbeirrt, aber es war unmissverständlich, dass das nicht als Kompliment gemeint war.
      Milo seufzte ein gequältes "Wy. Bitte", während er tief durchatmete und anschließend kurz das Gefühl hatte, dass sein Herz aussetzen würde, als Wy sich Jia zuwandte.
      "Und wie kann man so verzweifelt- hey!"
      Milo tat das erste, was ihm einfiel. Er zog seinem Bruder die Kapuze seines Hoodies über und zog sie an den Schnüren zu. Wy wedelte kurz irritiert mit den Armen durch die Luft, bevor er den Unterarm seines Bruders zu fassen bekam und versuchte, ihn von sich weg zu schieben.
      "Sorry", entschuldigte sich Milo, während er Wy eine armlänge von sich weg schob. "Er spricht leider meistens, ohne vorher nachzudenken", fuhr er über die 'Hey" und 'Lass mich' Rufe seines Bruders hinweg fort. "Ich würde gerne sagen, dass er nur einen schlechten Tag hat, aber..." Er zuckte kurz entschuldigend mit den Armen, bevor er die Kapuzenkordeln los ließ.
    • Aaron

      Wyatts Frage ließ Aarons Blick unbeirrt hoch zu Milo wandern. Spätestens jetzt war ihm klar, warum sein kleiner Bruder ihn fertig machte. Nicht viele Kinder trugen ihre Sprüche bis vor die Haustür, meistens blieben die für die Familie reserviert. Aber neu war das für Aaron auch nicht. Er setzte gerade an, ganz freundlich eine Antwort darauf zu geben, als Wyatt sich zu Jia herumdrehte und schon die erste, noch hörbare Hälfte seines Satzes einen Beschützerinstinkt auslöste, dass er kurz den unschönen Gedanken hatte, sich zu weigern, Wyatt nochmal hier reinzulassen, bevor er sein Gehirn wieder unter Kontrolle hatte. Er war auch nur ein Kind. Und er ließ seinen Frust an allem und jedem aus, was nur dafür sprach, dass er ziemlich verzweifelt sein musste.
      Aaron hörte Jia leise lachen, als Milo so schnell reagierte und seinen Bruder mundtot machte, wofür er ihm definitiv dankbar war. „Ich hab das Gefühl, er weiß genau, was er sagt“, antwortete Aaron neutral. „Wyatt“, fing er an und winkte Milo, dass er seinen Pullover loslassen sollte, damit er ihn ansehen konnte.
      „Keiner kann dich zwingen, hier zu sein. Milo kann ja nicht jeden Nachmittag Wache stehen und das ist alles auf freiwilliger Basis, also hält dich keiner fest. Und falls ich dich nerve, sind hier noch genug andere Betreuer, an die du dich wenden kannst“ Er lächelte leicht. „Vorrangig geht es aber nicht darum, dich mit irgendwelchen Erwachsenen herumzuschlagen, sondern mit Leuten in deinem Alter und in etwa einer halben Stunde wird hier deutlich mehr los sein und vielleicht lernst du irgendjemanden kennen, mit dem du dich zusammen darüber beschweren kannst, wieviel ich rede. Es geht ja nur darum, dass du Kontakte knüpfst. Vielleicht mal mit jemandem, der so denkt wie du, der ähnliche Interessen hat oder dieselben Dinge hasst, was auch immer. Keiner wird hierher gezwungen, darum ist die Stimmung immer ganz gut und das hilft… vor allem denen… die vielleicht mal Ablenkung von ihrem Alltag brauchen“ Aaron versuchte, nicht zu spezifisch zu werden, denn es würde auch nicht helfen, wenn Wyatt wusste, dass Milo einem quasi Fremden an der Bar von seinem Schicksalsschlag erzählt hatte. Er hielt Wyatt den Stift erneut hin. „Wir müssen theoretisch kein einziges Wort mehr wechseln, wenn du nicht willst“ Aaron zuckte mit den Schultern. „Vorausgesetzt du stellst nichts an“
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