The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Steve

      Steve hatte das dringende Bedürfnis nach Urlaub. Irgendwo weit, weit weg. Nur mit Thomas. Und ihrem Computern, vielleicht.
      Nachdem er die Tage um Weihnachten herum damit verbracht hatte, sich viel zu viele Gedanken um seine Beziehung zu machen, hatte er die Zeit bis Silvester damit verbringen dürfen, sich einen Kopf darum zu machen, dass ihre einzige Einladung zu einer Party ausgerechnet von Andrew und Ezra gekommen war und er keine gute Ausrede gehabt hatte, sie auszuschlagen.
      Er hatte natürlich gewusst, dass Thomas zu dem ehemaligen Helden aufsah, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich offensichtlich nah genug standen, um sich gegenseitig auf Partys einzuladen. Er hatte auf der Arbeit ziemlich wenig mit Andrew und Ezra zu tun - abgesehen von einer kleinen Vorstellung und einer recht nervösen Unterweisung an die neuen Mitglieder eigentlich gar nichts - aber es war genug, um vollkommen nervös darüber nachzudenken, wie die beiden reagieren würden, wenn er als Date von einem von Andrews Freunden aufkreuzen würde. Er konnte nur hoffen, dass sie einfach so tun würden, als ob sie sich noch nie im Leben gesehen hatten, damit er nicht in Erklärungsnot kam. Wie sollte man seinem Freund schon erklären, dass man mit seiner Vorbildfigur zusammenarbeitete und wochenlang nichts darüber erwähnt hatte? Zumal er anderen immer noch erklärte, dass er bei einer Reiseagentur arbeitete, was...wahrscheinlich nicht die selbe Job-Ausrede war, die die beiden nutzen würden.
      Steve war dermaßen in seinen eigenen Gedanken versunken, dass er sich fast erschreckte, als Thomas ihn an sich zog und küsste. Er blinzelte irritiert, als sein Freund sich von ihm wegdrehte und widerstand dem Drang, ihn zurückzuziehen und erneut zu küssen. Er hatte garantiert noch nie so oft darüber nachgedacht, jemanden zu küssen, wie in seiner Beziehung mit Thomas. Was wahrscheinlich ein gutes Zeichen war? Aber wie könnte er auch nicht daran denken, wenn sein Freund in seinem neuen Hemd eine so umwerfende Figur machte? Steve zupfte sein eigenes zartrosa Hemd zurecht, während er irgendwie versuchte, einen klaren Satz zusammen zu bekommen, vollkommen hin und hergerissen zwischen Panik vor der Party und Hingabe zu Thomas.
      "Ich hatte an das Motorrad gedacht", antwortete er schließlich, während er die Tür hinter sich zuzog. Das Motorrad stand in einer kleinen Garage unweit der Wohnung, damit Steve morgens nicht den Schnee wegwischen musste, wenn er fahren wollte. Außerdem konnte er so Jacken und Helme direkt beim Motorrad lagern und konnte nichts vergessen.
      "Ich hab keine Ahnung, wie lange die Öffentlichen heute fahren und wollte nicht unbedingt auf ein Taxi warten", erklärte er weiter, während er sich bei Thomas unterhakte und ihn mit sich zog. Eigentlich hatte er nur die Möglichkeit haben wollen, nach Hause fahren zu können, wann immer es ihm zu viel wurde, aber das klang nicht sonderlich ruhmreich. "Falls das für dich okay ist. Wir können auch Bahn fahren, wenn du willst."


      Ezra

      Langsam kam ein bisschen Schwung in die Party. Die ersten Freunde und Nachbarn waren mittlerweile da, die ersten Snacks wurden gegessen, der erste Alkohol ausgeschenkt und aus einer kleinen Anlage tönten ein paar Partyhits, damit keine Stille aufkommen würde. Hope hatte ungefähr die Hälfte der Anwesenden erfolgreich beglitzert, während Liz Sarah und Ben, einen ihrer Nachbarn, der wohl das Pech gehabt hatte, zu nahe an den beiden zu stehen, enthusiastisch über ihre Weihnachtsgeschenke vollquatschte. Ada stand unweit von ihnen und ignorierte geflissentlich die hilfesuchenden Blicke ihres Nachbars. Ezra konnte nur hoffen, dass sie das nicht ihre Einladung beim Nachbarschaftsgrillen im Sommer kosten würde - allerdings war er noch nicht besorgt genug, als dass er selbst eingreifen würde.
      "Läuft doch bis jetzt ganz gut", meinte Ezra an Andrew gewandt und lehnte sich an seinen Freund. Mit jedem Gast, der eintraf, schien sich seine eigene, kleine Nervosität ein bisschen mehr zu legen. Er hob eine Hand, um Andrew den Glitzer von der Wange zu wischen, schaffte es allerdings nur, ihn ein bisschen mehr zu verteilen. Super.
      Caleb war der nächste Gast, der eintrudelte. Ohne Glitzer, dafür mit einem Buch in den Händen, das Ezra furchtbar bekannt vorkam.
      "Ich hab's mir ausgeliehen, als ich das letzte mal hier war", erklärte Caleb mit einem kurzen Schulterzucken, während er es Ezra entgegenhielt, als wäre es das Normalste der Welt, Bücher mitgehen zu lassen. "Du hast einen interessanten Geschmack."
      Ezra nahm das Buch irritiert entgegen und öffnete den Mund, um seinem Bruder ziemlich detailliert zu erklären, wie begeistert er davon war, dass selbiger seine Wohnung wie eine Bibliothek behandelte, als Caleb ihm zuvorkam und sich - offensichtlich in Hoffnung auf Rettung - an Andrew wandte.
      "Andrew! Hey! Glitzer steht dir." Caleb setzte das offensichtlich unschuldigste Lächeln auf, das er zustande brachte - beinahe effektiv, wenn es an den Ecken nicht ein bisschen zu melancholisch aussehen würde - während er sich leicht von Ezra wegdrehte, um den drohenden Vortrag zu umgehen. Ezra seufzte, verdrehte kurz die Augen und ließ die beiden stehen, um das Buch wieder dorthin zu sortieren, wo es hingehörte. Und eventuell nachzusehen, ob noch andere Bücher fehlten.

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    • Andrew

      Caleb. Okay, mit einem von beiden kam er definitiv zurecht. Andrew lächelte, als Cal ihn begrüßte, und stockte dann. Hatte er Glitzer im Gesicht? Hatte Ezra ihm deshalb vorhin im Gesicht herumgewischt? Er sah seinem Freund ein wenig hilflos hinterher, als er ihn alleine ließ.
      „Niamh feiert mit ihrem Mann und den Kindern, nehme ich an?“, fragte er Cal, als er sich ihm wieder zudrehte, um auszuschließen, dass sie einfach später dazustieß.
      „Ist sie eigentlich wieder in Dublin…?“, fragte er dann, erneut irgendwie um sein Gewissen zu beruhigen. „Und du bist gerade eine Weile in deiner Wohnung in London, oder?“ Andrew sollte sich mit beiden anfreunden, aber es machte ihn eben weiterhin ein wenig nervös, Kriminelle in seiner Wohnung zu haben. Ezra ausgeschlossen… und sich selbst. Er konnte Caleb und Niamh einfach schlecht einschätzen. Und er fand es spannend, dass Ezra sich gedacht hatte, es war eine gute Idee seine Verbrecher-Geschwister zu einer Party einzuladen, zu der Serena eingeladen war. Und Thomas. Nur gut, dass die beiden in England vermutlich keine Akten hatten.

      Thomas

      Im ersten Moment hatte Thomas die Idee, hinter seinem Freund auf dem Motorrad zu sitzen, ganz romantisch gefunden. Im zweiten Moment, nämlich dem, in dem er auf dem Teil saß, hatte er andere Dinge im Kopf. Etwa, wie schmerzhaft es wohl war, sich alle Gliedmaßen auf einmal zu brechen, inklusive dem Genick. Wie sehr Schürfwunden wohl brannten, wenn der Knochen bereits freilag. Glücklicherweise überlebten sie die Fahrt, aber Thomas war sich nicht sicher, ob er jemals wieder den Heimweg antreten wollte. Vielleicht… gewöhnte er sich ja irgendwann daran… Oder er kaufte sich endlich mal ein Auto.

      Als sie klingelten, öffnete die Tür ziemlich schnell, aber als sie reinkamen, stand Andrew in ein Gespräch verwickelt gegenüber von einem blonden jungen Mann, der von hinten definitiv Ezra hätte sein können. Thomas bekam ein kleines Lächeln und ‚Hallo‘ ab, aber sobald Steve und er eintraten, fiel Andrew aus irgendeinem Grund die Kinnlade auf. Hätte er ankündigen sollen, dass er jemanden mitbrachte? War das nach ihrem letzten Gespräch nicht irgendwie offensichtlich gewesen?
      Thomas zog kurz die Augenbrauen zusammen und versuchte, die Überraschung nicht persönlich zu nehmen. „Das… ist Steve“, stellte er seinen Freund vor und zog ihn am Arm zu sich. Er wartete darauf, dass bei Andrew irgendeine Glühbirne anging, aber er sah weiterhin ziemlich irritiert aus.
      „Äh, sorry Cal“, entschuldigte er sich dann bei dem Blonden schnell, bevor er Steve eine Hand hin hielt. „Freut mich. Andrew. Ich hab mit Thomas zusammengearbeitet“ Er lächelte ein unglaublich unnatürliches Lächeln und Thomas musste sich wirklich fragen, ob er rassistisch war, oder irgendetwas auf die Art. Jedenfalls hatte er das Verlangen, Steve aus der peinlichen Situation rausziehen, also quetschte er sich vorbei und nahm ihn mit. Als sie ihre Jacken los waren und im Wohnzimmer standen, murmelte Thomas ihm zu: „Sorry, ich würd ja gern sagen, er ist normalerweise ganz nett. Aber ich glaub ehrlich gesagt, er ist autistisch und kann einfach nicht so gut mit Menschen, die er neu kennenlernt. Nimm‘s bitte nicht persönlich“ Er sah Steve entschuldigend an. Irgendwie war ihm das gerade selbst peinlich, nachdem er immer so von Andrew geschwärmt hatte. Aber das hatte ja nicht unbedingt seine Persönlichkeit betroffen. Eigentlich überhaupt nicht, nachdem Thomas im Büro mehr oder weniger sein persönlicher Sklave gewesen war.
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    • Caleb

      Caleb war unglaublich froh, dass Andrew von seinem Bekannten abgelenkt wurde. Bei so vielen Rückfragen hatte er keine Ahnung, wo er anfangen sollte. Obwohl er es ihm hoch anrechnete, dass er sich überhaupt mit ihm unterhielt. Normalerweise war er sehr effektiv darin, Leute los zu werden. Vielleicht ein etwas verfrühter Neujahrs-Vorsatz.
      Er beobachtete das Gespräch zwischen Andrew und seinem Bekannten, und warf Andrew einen amüsierten Blick zu, als sich selbiger wieder zu ihm drehte. “Das war eine vollkommen normale zwischenmenschliche Interaktion”, kommentierte er flach.
      “Um zu deinen Fragen zurückzukommen - ja. Niamh ist mit ihrer Familie in Dublin und ich wollte ihr nach Weihnachten etwas Freiraum geben.” Nach den Wortgefechten, die den Abend dominiert hatten, hatten sie sich wahrscheinlich alle etwas Freiraum verdient. Cal selbst war nur hier, weil die Einladung ihn zu sehr überrascht hatte, um sie abzulehnen und die Alternative gewesen wäre, sich von irgendeinem Hochhaus zu stürzen, um dem nächsten Weihnachten elegant zu entgehen.
      “Wenigstens schien Ezra ein schönes Fest gehabt zu haben”, merkte er schließlich an, während er in die Richtung sah, in die sein Bruder verschwunden war. Er wirkte zumindest deutlich gelöster als die letzten Male, als sie sich getroffen hatten, was wahrscheinlich ein gutes Zeichen war. Wenigstens ein Geschwisterkind, das es geschafft hatte, sich nicht von der Familie runterziehen zu lassen, egal, wie sehr sie es versuchten.
      Wie lange musste man eigentlich Smalltalk aushalten, bis man sich betrinken konnte? Gab es dafür irgendeine Regelung?



      Steve

      Das lief ungefähr so katastrophal, wie er es sich vorgestellt hatte. Vielleicht hätte er Andrew und Ezra vorwarnen sollen. Steve wusste selbst nicht, warum ihm diese Idee erst jetzt kam. Er hätte definitiv genug Chancen gehabt. Es wäre unangenehm gewesen, aber wenigstens hätte Andrew genug Zeit gehabt, sein Fake-Lächeln zu üben. Er ergriff Andrews Hand und grüßte mit einem kleinen “Hallo”, bevor seine Lippen ein stummes “Sorry” formten. Er hatte keine Ahnung, wofür er sich überhaupt entschuldigte, irgendwie wirkte es einfach angemessen. Zum Glück zog Thomas sie weiter, bevor sich noch irgendein unangenehmes Gespräch entwickeln konnte.
      “Oh, ähm, ist nicht so schlimm”, versicherte Steve etwas überfordert. Wenigstens schien Thomas nicht auf die Idee zu kommen, dass sie sich vorher schon gekannt hatten und es sah so aus, als ob genug Leute anwesend wären, um sich unauffällig aus dem Weg gehen zu können.
      Was ihn nicht vor Ezra rettete.
      Der Blonde warf ihm vom Bücherregal einen kleinen, irritierten Blick zu, sah von ihm zu Thomas und wieder zurück und schien einen Moment länger als Andrew zu benötigen, um eins und eins zusammenzuzählen. Leider schien ihn das Ergebnis nicht so zu irritieren, wie seinen Freund - im Gegenteil, auf seinen Lippen erschien ein Lächeln, das Steve vermuten ließ, dass seine ersten Arbeitstage im Neuen Jahr alles andere als ruhig werden würden.
      “Hey”, grüßte Ezra fröhlich, während er sich durch die anderen Gäste hindurch zu ihnen herüber schlängelte. "Thomas! Wie schön, dass du hier bist. Hast du Andrew schon gesehen? Er freut sich bestimmt." Ezra schien kurz nicht zu wissen, wie genau er Thomas begrüßen sollte, bevor er sich dafür entschied, ihm lediglich die Hand hinzuhalten. Dann fiel sein Blick auf Steve. "Und das ist dein Freund, nehme ich an?"
      "Steve", stellte sich selbiger vor, erhielt ebenfalls einen Handschlag und hoffe inständig, dass das Gespräch damit beendet war.
      "Freut mich, dich kennen zu lernen." Wenigstens war Ezras Fake-Lächeln weitaus unauffälliger, als Andrews, als er sich von Steve weg zu Thomas drehte. "Ich bin wirklich froh, dass dein kleiner Nervenzusammenbruch doch noch ein Happy End hatte."
      Steve hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, konnte aber auch keine Nachfrage stellen, weil Ezra munter weiter redete.
      "Wie habt ihr euch kennen gelernt? Thomas hatte schon erwähnt, dass ihr zusammen wohnt, aber irgendwie muss es ja dazu gekommen sein."
      "Online", antwortete Steve, bevor er ein fast panisches "Übers Zocken", hinterherschob, bevor Ezra von irgendwelchen Dating-Apps ausgehen würde.
      "Niedlich", antwortete Ezra mit einem Lächeln. "Es hilft bestimmt, gemeinsame Hobbies zu haben. Nicht, dass das ein Muss in einer Beziehung wäre, aber es ist doch ganz nett, irgendwo zusammen drauf aufbauen zu können. Ich nehme an, ihr habt Weihnachten dann auch zusammen verbracht?" Der Blonde sah kurz fragend von Steve zu Thomas. Offensichtlich wurde das hier kein kurzes Gespräch.
    • Thomas

      "Oh, ja, wir haben ihn eben gesehen", erwiderte Thomas mit einem kurzen Lächeln. Wahnsinnig erfreut hatte Andrew nur nicht gewirkt. Ezra schien schon glücklicher über ihr Kommen zu sein; und Thomas begann es zu bereuen. Als Ezra seinen Nervenzusammenbruch erwähnte, warf er Steve einen Seitenblick zu, unsicher, ob er dazu etwas sagen sollte. Vermutlich ließ er es besser bleiben. Steve wusste bestimmt besser als jeder andere, wie dramatisch Thomas hin und wieder war. Auch wenn dieser Zusammenbruch seiner Meinung nach mehr als gerechtfertigt gewesen war und er weiterhin dazu stand.
      Thomas blinzelte, als Ezra Weihnachten erwähnte. Warum war er nur so gesprächig? Naja, wäre Thomas wohl auch, wenn er mit jemandem wie Andrew zusammen wäre. Ezra brauchte vermutlich ein paar soziale Kontakte außerhalb seiner Beziehung. Worüber sprachen die beiden überhaupt miteinander?
      "Äh… Nein. Wir haben jeweils mit unseren Familien zuhause gefeiert", stellte Thomas klar. "Aber… deswegen wollten wir Silvester auch unbedingt zusammen verbringen. Danke nochmal für die Einladung" Er lächelte Ezra an. Innerlich hoffte er nur, dass Andrew heute gut drauf war und sie später zufällig in ein Gespräch gerieten, so unwahrscheinlich das auch wirkte. Gerade als er sich das dachte, kam Andrew mehr oder weniger durch den Raum geschossen und stand dann unruhig an Ezras Seite, wie ein Kind, das abwartete, dass seine Mutter ein Gespräch beendete.
      "Ähm… Steve, ich brauch was von dem Fingerfood, bevor es weg ist", sagte Thomas kurzerhand, hakte sich bei ihm ein und zog ihn von den beiden weg. Besser, die beiden sprachen sich aus, bevor Andrew explodierte, oder so etwas. Er war nur glücklich, dass er Steve bei sich hatte. Partys waren echt grauenvoll. Zuhause auf der Couch passierten solche seltsamen Dinge nicht.
      "Ich frag mich die ganze Zeit, wie die beiden sich gefunden haben", murmelte er. "Ich sollte dir das nicht sagen, aber Ezra ist jahrelang Nummer Eins auf Andrews Liste von Kriminellen gewesen, die er einsperren wollte. Er hat es nur nie hinbekommen, warum auch immer. Und jetzt sind sie zusammen? Das ist doch seltsam, oder?" Abgesehen davon dass sie persönlichkeitstechnisch wie Tag und Nacht waren, waren sie auch noch Verbrecher und Held. Wie konnte das überhaupt funktionieren? Aber was arbeitete Andrew jetzt eigentlich, abgesehen davon, dass er ungefragt Steinen in anderen Ländern hinterher jagte, zusammen mit seinem kriminellen Freund? Thomas konnte irgendwie kaum fassen, dass er selbst bei der Polizei arbeitete und gerade auf der Neujahrs Party von zwei FBI Gesuchten war. Offenbar gehörte er zum Klub 'Loyalität über dem Rechtssystem'.

      Andrew

      5 minutes earlier…

      Andrew überhörte Cals Kommentar beinahe. Das war absolut keine normale zwischenmenschliche Interaktion. In der Sekunde, in der die beiden außer Sichtweite waren, ließ er sein Lächeln wieder fallen und starrte Caleb an, als hätte er irgendwelche Antworten. "Wie zur Hölle kann das sein?", murmelte er. Er hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Ab welchem Moment waren Zufälle eigentlich nicht mehr normal und gaben Anlass, an Verschwörungen zu glauben?
      Andrew versuchte, sich an das Gespräch zu erinnern, als er Thomas mit dem Auto abgeholt und nachhause gebracht hatte. Er hatte nichts von irgendeinem geheimen Job erwähnt, was wohl irgendwie logisch war, aber nun musste er sich fragen, wieviel Thomas wusste. Wieso war er ausgerechnet mit Arbeit-Steve zusammen? Hatte er nicht gemeint, dass die beiden sich jahrelang wegen ihrem Gaming Hobby kannten? Arbeit-Steve war ein Zocker? Und mit seinem Ex-Kollegen zusammen? Vielleicht hätte Andrew echt mal ein paar Gespräche mit seinen Mitarbeitern führen sollen, aber er konzentrierte sich generell lieber auf die Arbeit. Und auf Ezra. So war es wohl schon immer gewesen.
      Nachdem Thomas nicht wusste, dass sie sich kannten, wusste er wohl generell garnichts. Wie konnte man mit jemandem zusammen sein und nie den Job der Person hinterfragen? Was dachte er, was Steve machte?
      Andrew fühlte sich ein wenig unwohl dabei, zu wissen, dass Steve Thomas so etwas verheimlichte, obwohl er ihm selbst das genau gleiche verheimlichte, aber er war ja auch nicht mit ihm zusammen. Er könnte Ezra beispielsweise nichts verheimlichen. Sie hatten einfach echt Glück gehabt, beide eingestellt worden zu sein. Vielleicht konnten sie Thomas ja auch einstellen… Würde man den beiden damit nicht irgendwie einen Gefallen tun? Thomas hatte sowieso einen miserablen Job, wenn sie ehrlich waren.
      Was auch immer gerade passiert war, er spürte ein nervöses Kribbeln im ganzen Körper, das ihn keine Sekunde länger aushalten ließ, ohne Ezra alles zu erzählen. Bestenfalls, bevor er Steve selbst traf.
      "Äh, ja, wir hatten ein tolles Weihnachten. Aber Ezra ist wegen der letzten paar Tage so gut drauf, wir-" Andrew stoppte sich. "Vergiss das. Genieß… die Party. Wir sehen uns sicher nochmal" Er lächelte, drehte um und ließ Caleb stehen.
      Als er ins Wohnzimmer kam, war er schon zu spät. Die drei unterhielten sich und Andrew konnte sich nur ungeduldig dazugesellen. Er hatte das ungute Gefühl, dass seine Präsenz Thomas weggejagt hatte, aber zumindest konnte er mit Ezra reden.
      "Ist das nicht irre?", fragte er, immernoch völlig perplex. "Steve ist ungefähr der häufigste Name auf dem Planeten und es ist derselbe Steve? Hat er nicht auch noch den generischsten Nachnamen auf dem Planeten?"
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    • Steve

      Das lief nicht gut. Steve hatte das Gefühl, dass es innerhalb der nächsten zehn Minuten knallen würde. Was wohl das Schlimmste wäre, was passieren könnte. Er wollte das Jahr nicht damit ausklingen lassen, Thomas erklären zu müssen, woher er seinen ehemaligen Kollegen kannte, oder was sein tatsächlicher Job war. Was würde er tun, wenn die beiden ihn einfach bitten würden zu gehen? Andrew hatte zumindest nicht sonderlich erfreut darüber gewirkt, dass er hier war, auch, wenn Steve sich nicht daran erinnern konnte, je etwas gemacht zu haben, was irgendeine Abneigung ihn gegenüber begründen würde.
      Er ließ sich anstandslos von Thomas mitziehen, während er einen nervösen Blick in Andrew und Ezras Richtung warf und einfach auf ein bisschen Glück hoffte. Oder einfach Mitleid. Er befreite seinen Arm aus Thomas' Fingern und griff stattdessen nach seiner Hand. Wenigstens war er jetzt so nervös wegen ihrer Gastgeber, dass es ihm kaum noch komisch vorkam, Thomas nah zu sein. Ein kleiner Gewinn, aber immerhin etwas.
      "Naja, er hat ja gerade von gemeinsamen Hobbys gesprochen. Vielleicht meinte er das damit?", tippte Steve ein wenig nervös. Die Info war für ihn tatsächlich neu. Sicher war er die Akten der beiden durchgegangen und hatte die unterschiedlichen Hintergründe bemerkt, aber er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, ob sie sich durch ihre 'Jobs' kennen gelernt hatten, oder das einfach Zufall war.
      Steves Blick fiel auf das Buffet, das am Rande des Zimmers aufgebaut worden war. Man konnte zumindest nicht behaupten, dass die beiden sich keine Mühe gegeben hatten. Er übersprang die alkoholischen Getränke - zum einen, weil er fahren musste, zum anderen, weil er sich nach dem letzten Mal nicht mehr an Alkohol herantraute - und griff nach einer Flasche Cola und einem Pappbecher. "Kann ich dir auch etwas anbieten?", fragte er in Thomas' Richtung, bemüht, einfach das Thema irgendwie zu wechseln.


      Ezra

      "Ja, er ist generell irgendwie durchschnittlich, aber Wahnsinn, oder?" Ezra strahlte, als hätte er soeben ein verspätetes Weihnachtsgeschenk erhalten. Er hatte einen Moment gebraucht, um zu realisieren, warum Steve überhaupt hier war - für eine schreckliche Sekunde hatte er gedacht, er hätte schlicht vergessen, dass er ihn aus irgendeinem Grund auch eingeladen hatte - aber ihn mit Thomas zu sehen war irgendwie niedlich. Die beiden schienen das selbe Level an Grund-Panik zu haben. Vielleicht würden sie sich irgendwann gegenseitig ausgleichen. Wenigstens wirkten sie irgendwie glücklich miteinander. Sehr unsicher, aber glücklich.
      "Weißt du, was das heißt?", fragte er, während er einen Arm um Andrews Taille legte und ein bisschen näher an ihn heran trat, damit ihre Unterhaltung zwischen ihnen blieb. "Wir können jedes bisschen Romanze, jedes bisschen Drama von zwei Seiten mitbekommen! Du musst dich nur an Thomas halten und ich-" Er stockte, als sein Blick von dem frischgebackenen Pärchen zurück zu Andrew wanderte, "-habe das Gefühl, dass wir nicht den selben ersten Gedanken hatten", endete er mit einem kleinen Räuspern.
      "Aber ja, es ist insgesamt irgendwie ziemlich seltsam, dass gerade die beiden sich gefunden haben", stimmte er schließlich zu. Absolut seltsam, immerhin gab es genug Menschen in London. Und dann kannten die beiden sich offensichtlich sogar schon länger - was das alles irgendwie noch schöner machte.
      "Wenigstens müssen wir uns jetzt keine Sorgen darüber machen, dass unsere Ratschläge irgendwie fehlgeleitet waren. Die beiden wirken doch ziemlich happy zusammen, denkst du nicht?" Nach dem kleinen mentalen Zusammenbruch von Thomas hatte sich Ezra die Beziehung zwischen den beiden zumindest nicht so vorgestellt. Er lehnte sich an Andrew und drückte ihm einen schnellen Kuss auf den Unterkiefer. "Und hey, vielleicht sorgt das ja auch dafür, dass deine Freundesgruppe etwas größer wird", ergänzte er schlussendlich amüsiert.
    • Andrew

      Andrew hörte zu, wie Ezra völlig begeistert von den sich öffnenden Möglichkeiten erzählte, und versuchte, sich etwas zu entspannen. Gut, Ezra hatte vielleicht nochmal ein anderes Verhältnis von Risiken, als er selbst, besonders wenn sie den Job betrafen — mal abgesehen davon, dass er selbst seinen Letzten zum Teil wegen seiner Impulsivität verloren hatte. Aber vielleicht sollte er auch das Positive an der Sache sehen, was auch immer daran für ihn positiv sein konnte, wenn er nicht so sehr auf Drama stand, auch wenn Ezra ihn langsam sogar damit ansteckte.
      „Ich soll mich mit Steve anfreunden? Noch einem Kollegen?“ Andrew zog eine Augenbraue hoch. Das würde den Kreislauf definitiv nicht durchbrechen.
      „Ich hatte mir eher Sorgen gemacht, dass ich vor Thomas jetzt nicht nur verheimlichen muss, wo ich arbeite, sondern auch, dass sein Freund dort arbeitet. Was glaubst du, hat Steve ihm erzählt?“ Andrew sah hinüber zu den beiden. „Ich könnte nicht damit leben, dich bei so einer Sache anzulügen. Ich glaube, ich würd‘s dir trotz Verschwiegenheitserklärung einfach erzählen“, murmelte er. Dann schüttelte er den Ernst ein wenig ab. „Aber du hast recht. Sie schauen ganz glücklich aus, nehme ich an“ Eigentlich konnte es Andrew mehr als egal sein, wen Thomas datete, aber nach dem ganzen Aufwand war es ihm schon lieber, dass es kein Psychopath war sondern einfach… Steve. Steve, der auf der Willkommensfeier gewesen war, nach der Thomas von irgendeiner Party erzählt hatte, zu der er gegangen war. Hatte er Thomas ernsthaft auf die Party geschleust und sich dort mit ihm angesoffen? Und sie hatten sich dort alle verpasst? Mann, das Glück war wirklich auf ihrer Seite.
      „Also tun wir einfach so, als hätten wir keinen Plan wer Steve ist? Soll ich ihn auch mal fragen, was er eigentlich arbeitet?“ Andrew schmunzelte. Vielleicht war das garnicht so blöd, dann wusste er wenigstens auch gleich, welche Lüge er Thomas auftischte.

      Thomas

      „Du meinst, er bereut, dass er sich wen gesucht hat, mit dem er nichts gemeinsam hat?“, fragte Thomas skeptisch und warf einen Blick zurück, traf dabei fast Andrews Blick und tat schnell so, als würde er nur mal durch den Raum sehen, bis er mit den Augen wieder bei Steve landete und beschloss, nie wieder irgendwo anders hinzusehen.
      „Irgendwas alkoholisches“, antwortete er. Er würde sich ein wenig Mut antrinken müssen, bevor er mit Andrews sprach. Aber er hatte nicht wirklich einen Plan B… er kannte sonst niemanden, der ihm hilfreiche Ratschläge geben konnte. Dem Internet sollten man in solchen Fällen wirklich nicht trauen, wenn man garkeinen Plan hatte. Er hoffte nur, dass Andrew in den nächsten Stunden selbst genug trank, damit das Gespräch nicht allzu seltsam wurde. Thomas hatte ja nicht damit rechnen können, dass seine Laune heute noch eigenartiger war, als sonst.
      Sobald er sein Getränk in der Hand hielt, entdeckte er auf einmal… Serena. Hatte Andrew nur Kollegen aus dem Dezernat eingeladen? Thomas war sich unsicher, ob er zu ihr gehen sollte. Er hatte Serena, seit er dort arbeitete, noch nie außerhalb des Büros gesehen. Noch nichtmal zufällig. Es war, als würde er in einem anderen London leben, als sie. Aber sie hatte wohl gerade ohnehin damit zu tun, ihren Mann zurechtzuweisen. Thomas hintefragte garnicht, was der wohl getan hatte. Vermutlich geatmet. Es wunderte ihn nicht, dass Serena immer und überall jemanden anzumeckern hatte. Dafür war ihre Tochter überraschend umgänglich. Ob die auch hier war?
      „Hey, wenn du irgendwo ein kleines Mädchen siehst, ist das vermutlich die Tochter von meiner Arbeitskollegin. Die ist total süß. Ich glaube, eine bessere Gesellschaft für den Abend finden wir nicht, also sag Bescheid, wenn du sie siehst“, wandte er sich an Steve. Thomas mochte Kinder ganz gern. Er hatte keine Ahnung, was er mit ihnen anfangen sollte, aber irgendwie kamen die ja sowieso selbst immer auf Ideen und er ließ eben alles mit sich machen. Gut, er würde vermutlich keinen Stift mehr in die Nähe seines Gesichts lassen, aber sonst war er für alles ziemlich offen, solange es die Kids zum Lachen brachte. Er war einfach maßlos überfordert, aber glücklich, wenn sie glücklich waren und Sarah war unglaublich leicht zufrieden zu stellen. Wenn sie hier war, würde Thomas sich freiwillig an den Kindertisch setzen, weil er sich ziemlich sicher war, dass er da eine bessere Zeit haben würde, als zwischen den Erwachsenen. Irgendwie konnte er Kinder einfach besser verstehen, als die meisten anderen Menschen. Sie waren relativ simpel und hatten trotzdem oft ziemlich interessante Gedanken. Aber das wichtigste war, sie lösten in ihm keine Angstzustände aus und das war schon einiges wert. Das war vielleicht ein armseliges Argument aber ihm persönlich reichte das schon. Auch wenn er vielleicht nicht den perfekten Aufpasser abgeben würde…
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    • Ezra

      Lieber noch ein Kollege, als noch so eine traurig kurze Liste an Einladungen. Aber das war sicher kein Gedankengang, den Andrew hören wollte, also hielt Ezra zur Abwechslung einfach den Mund und zuckte kurz mit den Schultern. Zum Glück war Andrew allerdings sowieso schon beim nächsten Thema, was Ezra viel mehr zu denken gab.
      Hätte er Andrew von seinem Job erzählt, wenn sie nicht zusammen angefangen hätten? Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich schon. Zum einen hätte er wahrscheinlich eh keine gute Ausrede dafür gefunden, warum er ständig weg musste und zum anderen war er sich ziemlich sicher, dass er vor Andrew eh nichts lange geheim halten konnte - außer Weihnachtsgeschenke, offenbar. Allerdings waren sie auch aktiv im Dienst und immer mit dem Risiko unterwegs, nochmal auf Nadia, oder ähnliche Leute wie sie, zu treffen. Steve hatte einen Bürojob, der sehr viel weniger Gefahren mit sich brachte. War es am Ende nicht irgendwie egal, ob er im Sekretariat eines Anwalts, eines Pharmaunternehmens oder einer geheimen Gesellschaft saß?
      "Vielleicht hatte er ja einfach noch nicht die Chance, es Thomas zu sagen", lenkte Ezra ein. "Wäre auch ein bisschen viel, nachdem er sowieso schon so durch den Wind war, oder? Stell dir vor, du hättest ein One Night Stand mit deinem besten Freund, findest heraus, dass du bi bist und musst dann noch damit leben, dass dein bester Freund in einer geheimen Organisation arbeitet. Ich glaube, dann hätten wir Thomas nie wieder aus deinem Auto rausbekommen." Er grinste, während er nochmal kurz zu den beiden rüber sah. "Also ja, ich würde einfach mitspielen. Im Grunde kennen wir Steve ja tatsächlich nicht sonderlich gut. Und irgendwie interessiert es mich auch, wie er seinen Job beschreibt." Obwohl sie sich davor wahrscheinlich erst mal einigen sollten, was ihr eigener offizieller Jobtitel war. Ein weiteres Detail, über dass sich Ezra nie Gedanken gemacht hatte. Warum auch? Niemanden interessierte es, ob oder wo er arbeitete.
      "Vielleicht ergibt sich ja gleich nochmal ein Gespräch. Soll ich dir in der Zwischenzeit die Nachbarschaft vorstellen? Die meisten sind super nett und die, die ich nur eingeladen habe, weil ich es musste, überspringen wir einfach. Damit du dich nicht mehr über deinen Büro-Freundeskreis beschweren musst." Er ließ sich dazu hinreißen, Andrew kurz spielerisch die Zunge rauszustrecken, bevor er nach seiner Hand griff, bereit ihn mit sich zu ziehen, sobald er zustimmen würde.


      Steve

      Die beiden sahen zumindest nicht so aus, als ob sie irgendwas an ihrer Beziehung bereuen würden, so sehr, wie sie aneinander klebten. Steve bekam bei dem Anblick fast ein schlechtes Gewissen - war das was, was Thomas auch erwartete? Umarmungen, gelegentliche Küsse und kein Sinn für personal space? Steve war in Beziehungen noch nie sonderlich anhänglich gewesen. Er kuschelte gerne mit seinen Partnern auf der Couch oder im Bett, aber abgesehen davon hatte er immer eine kleine Distanz beibehalten. Vor allem in der Öffentlichkeit. Thomas' Hand zu halten war irgendwie schon das Maximum an Körperkontakt, was er zu bieten hatte.
      Er versuchte den Gedanken und die damit verbundene zusätzliche Panik zu vertreiben, während er einen Becher für Thomas füllte und ihm in die Hand drückte, bevor er an seinem eigenen Becher nippte. Von ihm aus könnten sie gerne einfach den ganzen Abend am Buffet stehen bleiben und hoffen, nicht mehr angesprochen zu werden, auch, wenn das immer unrealistischer wurde, als Thomas erwähnte, dass er offenbar noch andere Partygäste kannte.
      "War das das Mädchen, das dir den feschen Schnurrbart gemalt hat?", fragte Steve, zum ersten mal ein kleines bisschen weniger nervös und mehr amüsiert. Das war eine normale, risikofreie Konversation, mit der er absolut leben konnte. "Ich vermisse ihn manchmal. Du hast ein bisschen so ausgesehen, wie dein eigener böser Zwilling. Vielleicht zeichnet sie ihn ja nochmal nach." Er zog Thomas mit sich ein kleines bisschen zur Seite, damit sie zwar immer noch am Buffet standen, es aber nicht blockierten, während sein Blick durch die kleinen Personengruppen um ihn herum huschte, auf der Suche nach Kindern.
      Eigentlich war die Party ganz nett. Es waren nicht zu viele Leute da und die, die anwesend waren, sahen relativ entspannt aus. Auch, wenn sich wohl niemand so richtig auf einen Stil hatte einigen können. Eine junge Frau mit Glitzer in den Haaren unterhielt sich angeregt mit einem Typen im Pullover, während unweit von ihnen eine Frau in einem hübschen Kleid mit einer anderen Frau in Jeans und Bluse redete. Obwohl ihre Gastgeber ähnlich unkoordiniert wirkten. Andrew bildete mit seiner doch recht formellen Kleidung ein starkes Gegenteil zu Ezra, der sich für einen Hoodie und Jeans entschieden hatte. Irgendwie machte es das alles fast ein bisschen charmanter. Ungezwungen.
      "Vielleicht ist sie im Garten? Oder in der Küche?", schlug er schließlich vor, als er alles, außer ein kleines Mädchen entdeckt hatte. "Wir könnten sie suchen, wenn du willst."
    • Thomas

      „Sarah, ja“, antwortete Thomas schmunzelnd und schüttelte leicht den Kopf, als Steve seine Sympathien für den Schnurrbart bekannt gab. „Solang sie keinen Edding benutzt“, gab er leicht nach. Mit einer Rum-Cola Mischung in der Hand machte er sich mit Steve auf die Suche nach dem Kind, schließlich hatten sie Zeit totzuschlagen (bis alle betrunken waren) und nichts besseres zu tun.
      Sie fanden Sarah und ein zweites, weitaus überdrehteres Mädchen im Garten mit einem Typ, der offenbar zum Aufpasser verdonnert worden war. Er ließ sich dankbar von Thomas und Steve ablösen, als dieser sich auf dieselbe Stiege setzte. Es dauerte nicht lang bis sie entdeckt und zu Opfern auserkoren wurden, denen Glitzer in die Haare geschmiert und die Arme mit Kugelschreiber bemalt wurden, aber Thomas ließ sich bereitwillig foltern und irgendwie bereitete es ihm viel zu viel Freude, zu sehen, wie Steve in die Spielereien hineingezogen wurde. Thomas hatte sich noch nie richtige Gedanken um eigene Kinder gemacht, weil er sich selbst einfach viel zu sehr als Kind sah, aber in solchen Momenten konnte er es sich fast vorstellen. Aber nur fast. Vielleicht in zehn Jahren, falls er jemals erwachsen werden würde.

      Irgendwann fühlte er sich jedenfalls gezwungen, seine Chance zu ergreifen und den Abend um ein weniger jugendfreies Thema zu bereichern. „Hey, warte hier, ich hol uns noch was zu trinken, okay?“, sagte er zu Steve und gab ihm wie im Automatismus einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor er ihre beiden Gläser ins Haus hinein trug. Den ganzen Weg zurück flatterte sein Herz wegen dieser kleinen Sache, sodass er sich nicht mehr sicher war, ob er Andrew wirklich um Rat fragen sollte, weil er wahrscheinlich in Ohmacht kippen würde. Aber er hatte sich ein bisschen Mut angetrunken und mittlerweile hatte hoffentlich auch jeder andere in dem Haus einen Alkoholspiegel, der das Leben erträglicher machte, also zog er die Sache durch. Es gab kaum einen besseren Moment und er würde es bereuen, wenn er ihn nicht ausnutzte. Immerhin wollte er wirklich… seine Angst überwinden und nüchtern die Second Base hinter sich lassen. Vielleicht war es ein guter Anfang, Baseball Metaphern in jedem Gespräch mit Andrew auszulassen, um das alles nicht schlimmer zu machen als es war.

      Als Thomas ihn fand, schickte er gedanklich ein Gebet an den Himmel, dass Andrew gerade nicht an Ezra klebte, sondern sich mit Serena unterhielt. Die beiden unterbrach er zwar auch ungern, aber zumindest war es möglich.
      „Hey“, grüßte er seine Kollegin sichtlich unwohl in diesem Szenario.
      „Oh, hey Thomas“, kam es recht unbeeindruckt von der Dunkelhaarigen zurück.
      „Falls du dich fragst… Sarah ist draußen im Garten mit… Steve“, sagte er.
      Sie lächelte. „Okay. Ehrlich gesagt bin ich nur froh, dass ich ihr Kreischen endlich nicht mehr Ohr klingeln hab“
      Thomas lachte etwas nervös, dann wandte er sich endlich an Andrew, der ein absolutes Pokerface hatte. „Eigentlich wollte ich mit dir reden“, fing Thomas an.
      „Schieß los“, erwiderte Andrew und trank einen Schluck Wein oder Sekt oder was auch immer sich in seinem Glas befand. Es war definitiv irgendetwas aus der widerlichen ‚prickelnd und fast durchsichtig’ Kategorie.
      Thomas machte einen viel zu offensichtlichen Seitenblick zu Serena, die fast im selben Moment mit den Augen rollte. „Ich schau mal wo mein Mann verloren gegangen ist“ Dann war sie relativ schnell weg. Thomas wusste jetzt schon, dass sie ihn ab Montag Früh wieder damit belästigen würde, dass er zu sehr an Andrew klebte, obwohl er garnicht mehr bei ihnen arbeitete. Was ihn erinnerte…
      „Ähm… was arbeitest du eigentlich jetzt? Das wollte ich dich schon eine Weile mal fragen“, stieg er ins Gespräch ein.
      Andrew lächelte überrascht, öffnete den Mund und sagte eine Weile nichts, sodass Thomas fast einen Schlaganfall vermutete. „Oh, äh, nichts. Ich suche noch“, antwortete er schlussendlich und trank wieder einen Schluck aus seinem Glas.
      Thomas runzelte die Stirn. Nichts? Er arbeitete… nichts? Er beschloss, nicht weiter nachzuhaken. Vermutlich war seine Kündigung immernoch ein sensibles Thema. „Okay… können wir uns vielleicht irgendwo hinsetzen? Ich hatte eigentlich was ganz anderes im Kopf… das ich mit dir besprechen wollte“
      Andrew nickte leicht. Manchmal wäre es verdammt interessant zu wissen, was in ihm vorging. „Setzen wir uns in die Küche“, sagte er, nachdem er sich kurz umgesehen hatte und feststellen musste, das hier viel zu viele Menschen und absolut kein Platz war.
      Sie setzten sich beide an den Tisch, wo noch ein paar Tabletts mit Bruschetta und irgendwelchen anderen kleinen Brötchen aufgetischt waren und darauf warteten, als Nachschub ins Wohnzimmer geliefert zu werden. Hier war es nur minimal leiser und die ein oder andere Person stahl sich trotzdem mal in die Küche, aber damit konnte Thomas leben. Zumindest kannte er die Leute alle nicht. Er hoffte nur, dass Steve im Garten nicht vereinsamte, aber er hatte ja noch Liz und Sarah.
      Aus einem kleinen Nervositätsanflug heraus stahl sich Thomas ein Brötchen von dem vollen Tablett. „Sorry“, sagte er leise, während er schon den ersten Bissen im Mund hatte.
      „Greif zu. Ich hab keine Ahnung, warum ich so viel gemacht hab, aber es muss auch wieder weg“ Und mit den Worten nahm Andrew sich selbst ein Brötchen. „Worüber wolltest du reden? Irgendwas mit Steve?“
      Thomas hörte auf zu kauen und Andrew blinzelte überrascht. „Wow. Das war… Okay, ich hab gut geraten. Was ist denn? Bereust du die ganze Sache?“
      Thomas verschluckte sich beinahe, weil er so schnell antworten wollte. „Oh, nein, ich bin wirklich… zufrieden“ Das klang alles andere als zufrieden. „Also, es könnte besser sein, ehrlich gesagt. Ich hab mich noch nicht so ganz daran gewöhnt“
      „Soll ich Ezra holen?“ Andrew wirkte ein wenig überfordert. Aber es machte einen guten Punkt. Wäre es besser, mit dem gesprächigeren Teil des Pärchens zu reden? Bloß kannte Thomas Ezra kaum. Er hatte ihn heute zum zweiten Mal getroffen und war noch nicht ganz darüber hinweg, dass er jahrelang Berichte über die misslungenen Verfolgungen schreiben musste.
      „Ehrlich gesagt ist das vielleicht garkeine schlechte Idee“, gab er schnell nach. Ezra hatte zumindest irgendwie etwas… seltsam herzliches an sich, das einen schon fast zwang, sich ihm zu öffnen. Auch wenn Thomas am Ende vielleicht derjenige war, der überfordert war.

      Andrew

      Gott sei Dank. Andrew wollte Thomas ja helfen, aber er würde alles bestimmt nur schlimmer machen, wenn er ehrlich auf irgendetwas antwortete. Ezra hatte da die sanftere Art und letztes Mal schien das ja auch hervorragend geklappt zu haben. Andrew würde einfach daneben sitzen und hin und wieder etwas einwerfen, das würde schon klappen. Ezra war zu verzweifelt, Freunde für Andrew zu finden, dass er sich vorhin eine komplette Tour durch die Nachbarschafts-Gäste geben musste und irgendwie hatte es mit keinem von denen so richtig geklickt, also war dieses kleine Problem, das Thomas gerade mitbrachte, absolut perfekt. Er lud ihn zu seiner Party ein, gab ihm Ratschläge und so ein Zeug… Und wenn sie verreisten konnte er vielleicht mal ihre Pflanzen gießen. Das traf sich super.
      Er stand auf. „Bin gleich wieder da“, sagte er und drehte um. Ezra zu finden war eine kleine Herausforderung, aber als er ihn hatte, sagte er nur: „Thomas hat irgendein Steve-Problem“ Er lächelte vielsagend. „Hilfst du mir dabei, ihm zu helfen? Du kannst das besser, aber wenn ich daneben sitze, wird er das auch mit mir verbinden und… naja, du wolltest doch, dass ich mir Freunde suche. Das ist die Gelegenheit“ Er schmunzelte leicht. Und insgeheim fand er es langsam ganz interessant, mehr über Thomas Leben zu erfahren. Es war so simpel und normal… es hatte richtiges Comedy Potenzial.
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    • Steve

      Steve hatte nie viel mit Kindern zu tun gehabt. Er hatte zwar jüngere Cousins und Cousinen, aber die meisten von ihnen sah er höchstens ein mal im Jahr und das war wahrscheinlich keine gute Basis, um sich irgendein Wissen im Umgang mit Kindern anzueignen. Wenn er mit welchen interagierte, ließ er sie meistens einfach machen, was sie wollten und hoffte, dass sich niemand verletzte, oder angeschrien wurde.
      Zum Glück machten es ihm die beiden Mädchen in der Hinsicht überraschend einfach - die beiden waren bereits mit Glitzer und Kulis bewaffnet und brauchten nur noch eine Fläche zum zeichnen. Damit konnte er umgehen. Er warf Thomas einen kurzen Seitenblick zu, eventuell ein kleines bisschen zu verliebt in das Lächeln auf den Lippen seines Freundes, während die Mädchen ihm Glitzer in die Haare schmierten. Was es umso trauriger machte, als Thomas verkündete, neue Getränke zu holen. Es war lieb, aber irgendwie hätte Steve auch einfach mit ihm sitzen bleiben können. "Danke. Alkoholfrei", erinnerte er, während er die Ärmel seines Hemds ein bisschen nach oben schob, um Liz - die sich sofort überschwänglich vorgestellt hatte - mehr Platz zum Zeichnen zu geben. Wenigstens bekam er einen kleinen Kuss zum Abschied, was ihm die ganze Sache erheblich versüßte. Er konnte nur hoffen, dass Thomas wieder da war, bevor auf seinen Armen kein Platz mehr für kleine Sternchen und Smileys war.



      Ezra

      Die Party lief überraschend gut dafür, dass Ezra schon wirklich lange keine Partys mehr geschmissen hatte. Er war wirklich erleichtert darüber, dass die Leute um ihn herum angefangen hatten, sich ein wenig durchzumischen und sich miteinander unterhielten, lachten und tranken. Und aßen. Gott, sie würden viel zu viele Reste über haben. Vielleicht musste er seine Bekannten morgen Mittag direkt nochmal einladen, zum Resteessen.
      Ezra selbst stand in einem kleinen Kreis mit Hope, Abby - einer seiner Nachbarinnen - und Caleb, der sich irgendwann an ihn gehangen hatte, wohl in der Hoffnung, selbst nicht so viel reden zu müssen, wenn Ezra das ständige Reden übernahm. Ezra musste ein bisschen pikiert feststellen, dass diese Taktik momentan zumindest aufzugehen schien. Wenn er so weiter machen würde, hätte er morgen keine Stimme mehr.
      "Auf jeden Fall kann ich seit dem keinen Lachs mehr essen", beendete Hope eine überraschend unterhaltsame Geschichte über ihr letztes Date gerade, als Andrew neben ihm auftauchte. Er wollte ihm gerade anbieten, sich dazuzustellen und mit zu tratschen, als Andrew ihm mit einer wundervollen Nachricht zuvor kam. Wundervoll für sie, zumindest. Thomas war wahrscheinlich nicht so begeistert. Wahrscheinlich war das kein guter erster Gedanke seinerseits. Vielleicht sollte er das direkt als einen Neujahrsvorsatz festhalten - weniger Interesse an dem Drama anderer Leute zeigen.
      Zum Glück war Neujahr erst morgen und Vorsätze würden erst in wenigen Stunden gelten.
      "Darling. Du bietest mir Drama und eine Chance zum Quatschen an und hast trotzdem den Drang, mich zu manipulieren, um mitzukommen? Ich hab gedacht, du würdest mich besser kennen." Er seufzte theatralisch, kippte den Rest seines Vodka-O's in Calebs Becher, ignorierte den dezent angewiderten Blick seines Bruders und ließ sich von Andrew mitziehen, raus aus dem Wohnzimmer, rein in die Küche.
      Die Küche war etwas ruhiger, als der Rest des Hauses. Ezra zwang sich, dem kleinen Geschirrstapel in der Ecke nicht zu viel Beachtung zu schenken, und konzentrierte sich stattdessen auf Thomas, der in der Küche ein bisschen verloren wirkte. Gemessen an dem Glitzer in seinen Haaren und den Kuli-Zeichnungen auf seinen Armen, hoffte Ezra, dass er wenigstens bis jetzt einen netten Abend gehabt hatte.
      "Hey", grüßte er erneut, während er sich einen der freien Stühle ranzog. Er warf einen kurzen Blick auf die Brötchen auf dem Küchentisch und nahm sich schließlich kurzentschlossen eins. Bei dem, was er bisher getrunken hatte, war es vielleicht gar keine so schlechte Idee, zwischendurch was zu essen. Er hatte jetzt schon keine Lust, auf den Kater von morgen.
      "Andrew meinte, du hast ein Problem? Irgendwas, was wir direkt anpacken müssen, oder ist es was generelles?", fragte er weiter. "Wir tun natürlich in beiden Fällen, was wir können. Nur so zur Einschätzung." Zumindest hoffte Ezra, dass es überhaupt etwas gab, was sie tun konnten. Drama war wundervoll, aber es zu lösen war eine andere Sache. Zum Glück war er angetrunken genug, um darüber nicht zu lange nachzudenken.
    • Thomas

      Das war eine furchtbare, furchtbare, furchtbare Idee gewesen. Spätestens als Ezra und Andrew am Tisch Platz nahmen und ihn erwartungsvoll ansahen, wusste er, dass er sich selbst in die Scheiße geritten hatte. Abgesehen davon, dass Thomas es hasste, andere um Hilfe zu bitten, hatte er auch ein riesiges Problem damit, sich irgendwie unbeliebt zu machen. Das war wohl nichts neues. Allerdings wurde ihm gerade klar, wie blöd es käme, wenn er sich jetzt entschuldigte und wieder zu zurück Steve lief. Er hatte irgendwie keine Wahl, als seinen Plan durchzuziehen, wenn sich schon zwei Menschen extra für ihn Zeit genommen hatten. Er würde sich für immer und ewig merken, nie wieder jemanden um Hilfe zu bitten, wenn er nicht ganz sicher war, dass er sie wollte.
      „Ähm, es ist… ein generelles Problem, glaube ich“, antwortete er, etwas unsicher. Vielleicht war es auch akut, nachdem es erst seit etwa drei Wochen bestand? Aber was tat das eigentlich zur Sache? Unter dem Tisch spielte er nervös mit den Fingern und irgendwie sah er sich gerade selbst aus der Vogelperspektive, wie er da saß und angestarrt wurde und absolut armselig stumm war. Thomas versuchte, sich zusammenzureißen.
      „Ich- ich brauch auch nicht direkt… Hilfe. Nur einen Rat, vielleicht. Oder… zwei“, stammelte er und wurde gen Ende immer leiser. Nein, direkte Hilfe wollte er auf keinen Fall. Aber eigentlich wusste er garnicht so genau, was er wollte. Eine bildliche Beschreibung davon, was Andrew und Ezra so im Bett taten? Gott, er hatte das wirklich nicht ganz durchdacht.
      „Also, die Sache ist…“, fing er an und sah angestrengt auf die Tischplatte um Andrews ungeduldigen Blick auszublenden. Und dann hielt er dem Druck nicht mehr stand. „Das ist richtig seltsam, ich weiß nicht, warum ich euch beide fragen wollte. Es wäre schon mit einer Person peinlich genug“, platzte er heraus. Er konnte es einfach nicht mehr in sich drin behalten. Ihm stiegen fast die Tränen in die Augen. Warum hatte er sich freiwillig in diese Situation begeben?! Aber zum ersten Mal in seinem Leben sagte Andrew tatsächlich etwas einfühlsames.
      „Mach dir keine Gedanken, wir sind quasi eine Person. Wenn du mit mir allein reden würdest, wüsste Ezra spätestens nach zehn Minuten sowieso jedes Detail. Ich könnte es garnicht verheimlichen, wenn ich wollte. Er liebt Details“, sprach er für den Blonden.
      Thomas Blick huschte zwischen den beiden hin und her. Naja, okay, er hatte vermutlich recht. So wie sie aneinander klebten, teilten sie wahrscheinlich schon ein Gehirn. Trotzdem hatte Thomas vier Augen auf sich gerichtet. Er versuchte, seinen Mut zusammenzunehmen.
      „Na schön. Ich hab euch gewarnt“, murmelte er, als würde es irgendetwas ändern. Er fixierte einen Punkt in der Küche, fern von den Augenpaaren. „Ich hab vor dem One Night Stand vor drei Wochen noch nie mit einem Mann geschlafen“, fing er an. Obwohl das wohl allen hier klar war. „Und an den erinnere ich mich nicht. Also kommt es mir vor, als wäre das nie passiert und ich hab keine Ahnung, womit ich rechnen sollte. Also, doch, so in etwa. Aber ich bin mir sicher, dass es tausend Dinge gibt, die ich nicht weiß und Google hat mir bisher echt nicht geholfen“ Er fühlte sich, wie in einer Therapie Sitzung. Oder eher wie bei der Beichte. Alles, das fehlte, war eine Holzwand zwischen ihm und Ezra und Andrew.
      „Ich wollte gerade fragen, warum du nicht einfach googlest“, erwiderte Andrew. In seiner Stimme war kein bisschen Empathie herauszuhören, woran Thomas schon gewöhnt war, aber gerade könnte er echt welche brauchen. „Was stand da so? Ich hab’s noch nie gegoogled“ Thomas sah ihn aus dem Augenwinkel mit den Schultern zucken, also drehte er den Kopf und erwischte noch den fragenden Blick, den er Ezra schenkte.
      „D-das will ich gerade nicht widergeben“, sagte Thomas. Er hatte sich definitiv nicht durch die richtigen Seiten geklickt, falls es solche gab. Für jemanden, dessen Job es war, Menschen aufzuspüren, hatte er hier echt klaglos an der Suchmaschine versagt.
      Andrew seufzte laut und warf einen nachdenklichen Blick in die Luft. „Also interessant wäre vielleicht mal zu wissen, welche… Position du überhaupt einnehmen willst. Aber wir, oder ich, oder Ezra… was auch immer, können dir bestimmt einen Crashkurs zu beidem geben. Du stellst dir das vermutlich komplizierter vor, als es ist“ Andrew schmunzelte belustigt. Thomas fand gerade garnichts lustig.
      „Ich weiß es nicht“, erwiderte er heiser, als ihm die Bilder durch den Kopf schossen. Er hatte gehofft, dass sich das einfach in dem Moment ergeben würde. Aber wenn er so darüber nachdachte… Gott, es fühlte sich falsch an, gerade darüber nachzudenken.
      „Falls es dir irgendwie hilft, ich versteh schon, wieso du fragst. Ich hätte damals auch gerne irgendjemanden gefragt“, warf Andrew ein, offensichtlich nun in dem Bewusstsein, dass Thomas wirklich mit selbst kämpfte. Es war aber tatsächlich beruhigend zu hören. Vielleicht war es weniger seltsam, als es ihm vorkam.
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    • Ezra

      Genau deshalb war es so wundervoll, Andrew zu daten - die Details. Wer würde schon extra darauf achten, was andere sagten, nur, um später alle Details wiedergeben zu können? Wenn die Situation gerade nicht irgendwie halbwegs ernst wäre, hätte sich Ezra wahrscheinlich einfach über den Tisch gelehnt und ihn geküsst. Wenn er sich morgen noch daran erinnern würde, würde er das einfach nachholen. Vielleicht-
      Ezra legte das Brötchen zur Seite, als Thomas damit herausrückte, was ihm wohl seit einiger Zeit auf der Seele gebrannt hatte. Oh. Zum Glück hatte Andrew ihn mit in die Küche gezogen. Das hier wollte er auf keinen Fall verpassen. Zumal Andrew offensichtlich selbst ein bisschen aufgeschmissen war. Ezra hatte definitiv gegoogelt und herausgefunden, dass es einen sehr, sehr schmalen Grad zwischen Information und Pornos gab. Er wusste nicht, was ihm mehr geholfen hatte. Aber das war kein kriegsentscheidender Punkt. Er warf Thomas einen kurzen, mitleidsvollen Blick zu, bevor er sich wieder zusammenriss und weiter zuhörte.
      Das war nichts, womit er je gerechnet hatte. Aufklärungsgespräche bei Kindern war schon awkward, aber sich irgendwann mal um Andrews erwachsenen Kollegen zu kümmern war überraschend. Obwohl man mit ihm wahrscheinlich dafür etwas direkter reden konnte. Wenigstens musste man ihm nicht erst die Grundlagen irgendwie vereinfacht erklären.
      "Es ist vollkommen normal, nervös zu sein", begann er, während er Thomas ein kleines, hoffentlich irgendwie aufbauendes, Lächeln zuwarf. "Vor allem, wenn man vorher nur Frauen gedatet hat. Man hat das Gefühl, alles zu wissen und dann wird dir plötzlich bewusst, dass es noch eine vollkommen andere Option gibt, über die du vorher noch nie nachgedacht hast." Zumindest war es bei ihm so gewesen. Er zuckte kurz mit den Schultern. "Hast du schon mit Steve drüber geredet? Wahrscheinlich hilft das am besten. Entweder, er geht auf deine Nervosität ein und alles wird gut, oder nicht - und dann wäre er eh nicht der Richtige." Was wahrscheinlich leichter gesagt, als getan war, was Ezra vielleicht am besten wissen sollte. "Es gehören immer zwei Leute dazu. Habt Spaß, probiert euch aus. Ihr findet schon euren eigenen Rhythmus. Schieb es nur nicht neun Jahre vor dir her." Er lachte kurz, bevor er aufstand und nach der Küchenrolle griff, um Thomas ein Blatt anzureichen. Seine Augen sahen schon leicht glasig aus.
      "Es kommt dir jetzt vielleicht furchtbar schrecklich vor, aber in ein paar Monaten lachst du darüber." Er konnte nicht widerstehen, Andrew im Vorbeigehen einen Kuss aufs Haar zu drücken, bevor er sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ und zu Thomas sah. "Steve sieht nett aus. Ich glaube, du machst dir viel zu viele Sorgen."
    • Andrew

      Das hatte er gemeint. Ezra war einfach sehr viel besser darin, das Richtige zu sagen. Zumindest standen Thomas schon die Tränen in den Augen. Wobei das auch eher Schock statt Erleichterung sein könnte; die Küchenrolle nahm er trotzdem dankend an.
      "Das… das war ja auch mein Plan, aber ich will nicht komplett unvorbereitet sein. Das ist alles schon… überfordernd genug. Und wenn Steve nicht der richtige ist, muss ich mich wahrscheinlich vor einen Bus werfen", murmelte Thomas mit erschreckend ernster Mine. Andrew zog die Augenbrauen zusammen. Er sollte ihn wohl nicht verurteilen, er kannte das Gefühl ja irgendwie selbst. Es wäre anmaßend von ihm, Ezras Worte jetzt nochmal zu wiederholen, wenn er ganz genau wusste, dass er sich selbst auch komplett verbiegen würde, um ihn nur nicht zu verlieren. Wenn er sich da auf irgendetwas im Voraus vorbereiten könnte, um nichts falsch zu machen, würde er es tun. Und weil Andrew jetzt plötzlich das Gefühl hatte, genau zu verstehen, was in Thomas vorging, setzte bei ihm eine Art Beschützerinstinkt ein. Er lehnte sich vor und stützte sich am Tisch auf.
      "Ich erklär dir alles, von Anfang bis Ende", stellte er kurzerhand klar. Thomas sah verängstigt aus, aber er würde schon sichergehen, dass er aus diesem Gespräch selbstbewusster als je zuvor herausging. Ihre kollegiale Beziehung würde für die nächsten Minuten ignoriert werden; und sie würde wohl nie wieder dieselbe sein.

      Thomas

      Der entschlossene Blick in Andrews Gesicht war einerseits beruhigend und andererseits beunruhigend. Thomas konnte sich nicht für eine Gefühlslage entscheiden. Er war dankbar für die plötzliche Motivation, auch wenn Ezra irgendwie recht gehabt hatte. Aber es war ziemlich unrealistisch von Thomas zu erwarten, dass er nicht wie verrückt versuchen würde, Kontrolle über alles zu haben, damit auch wirklich nichts schief ging und Steve und er sich nie wieder davon erholten. Er hatte dabei kein exaktes Worst Case Szenario im Kopf, aber er rechnete einfach mal mit absolut allem. Die Panik minimierte das nicht.
      "Nachdem ihr zusammen seid… nehm ich mal an, dass Steve dir mitgeteilt hätte, wenn er irgendwelche übertragbaren Krankheiten hätte, aber wenn er, oder du, in letzter Zeit kein Check-up gemacht habt, benutzt einfach Kondome. Sei kein Idiot", fing Andrew an. War es echt notwendig, ihn zu beleidigen? Thomas war gerade dabei, sich die Tränen aus den Augen zu tupfen, und Andrew befeuerte ihn direkt mit Informationen. Auch wenn das eine relativ unnötige Information gewesen war. Sex-Ed hatte er in der Schule. Er brauchte ein bisschen spezifischere Tipps.
      Trotzdem nickte er einfach. Andrew wirkte ohnehin nicht, als bräuchte er wahnsinnig viel Reaktion zu seinem Vortrag. Die nächsten zehn Minuten waren eine Tortur. Eine sehr informative… aber auch leicht traumatisierenden Tortur. Nicht wegen der Dinge, die Andrew erklärte, sondern wegen der Tatsache, dass er sie erklärte. Thomas hatte ein derartiges Kopfkino, dass er ihm nie wieder in die Augen sehen können würde. Und trotzdem war er ihm ziemlich dankbar. Zwischen Analdusche und Gleitgel hatte Thomas nun deutlich zu viele persönliche Infos, aber das war noch immer besser, als keine. Alles in allem war das Gespräch außerdem etwas demotivierender, als gedacht.
      "Die Wahrscheinlichkeit, dass es beim ersten Mal klappt, ist relativ niedrig" Oh, ja, das hatte Thomas nun zwei, drei Mal gehört.
      "Zwing dich zu nichts. Oder Steve. Wenn du denkst, es ist langsam, geht's immer noch langsamer. Das zweite Mal ist außerdem immer besser, als das erste. Ich glaube, da sind sich alle einig" Andrew hörte nicht mehr auf, er war völlig im Coaching Modus angekommen. Vielleicht hätte Thomas Stift und Block mitbringen sollen, auch wenn das meiste Hausverstand war. Er war ja keine Jungfrau, aber das schien Andrew hier und da zu vergessen. Hin und wieder warf Thomas Ezra einen kleinen, hilfesuchenden Blick zu.
      "Oh, und, du willst es wahrscheinlich nicht hören, aber es wäre vielleicht ganz sinnvoll, wenn du es selbst mal… ausprobierst. Nicht zwangsweise, aber du wolltest ja vorbereitet sein. Amazon hat jedenfalls eine tolle… äh, Auswahl an allem möglichem, mit dem man sich herumspielen kann"
      Er ignorierte Andrews flüchtigen Blick in Ezras Richtung. Er wollte garnicht wissen, was zwischen ihnen abging. Mittlerweile konnte er es sich sowieso zu gut vorstellen. Aber ja, das hatte Thomas tatsächlich nicht hören wollen. Nicht nur, dass er kaum eine Sekunde allein in ihrer Wohnung hatte, wenn er nicht gerade duschte, er konnte definitiv nicht guten Gewissens Sexspielzeug bestellen. Wenn Steve das irgendwie mitbekam, würde das ihre momentane Situation wirklich nicht einfacher machen. Nur… weitaus seltsamer. Von Missverständnissen hatte er echt genug. Er hatte außerdem schon selbst darüber nachgedacht und musste feststellen, dass Steve und er wirklich ziemlich zusammenklebten. Gezwungenermaßen. Immerhin war die Wohnung klein und sie hatten beide kein Sozialleben.
      Vermutlich wäre es leichter, sich einfach auf die Position zu beschränken, die ihm schon relativ bekannt war. Das beinhaltete zumindest weitaus weniger Präparation. Aber er wollte für alles offen sein.
      "Ähm… danke. Das war ziemlich… viel. Ich weiß fast zu viel. Aber danke" Thomas lächelte leicht. Er wusste nicht, ob er gerade leichenblass oder knallrot war, aber es musste eins von beidem sein. Er brauchte jetzt erstmal eine lange Pause von… all dem hier. Vermutlich musste alles mal auf ihn wirken. Thomas stand etwas unbeholfen auf und entschuldigte sich, bevor er aus der Küche floh, als käme er gerade aus dem Krieg. Es war unheimlich nett von Andrew gewesen, so ausführlich zu sein, und Thomas fand das alles keineswegs schockierend sondern sehr machbar, aber er würde ihn nie wieder mit denselben Augen sehen können. Kollegen im Büro? Das lag offiziell ganz weit hinter ihnen.
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    • Ezra

      Es war so unglaublich niedlich, diese vollkommen verliebte Phase mitzubekommen. Ezra hoffte wirklich, dass der kleine Exkurs nicht dazu führen würde, dass Thomas sie in den nächsten Wochen und Monaten erst mal nicht mehr kontaktieren würde - er musste einfach wissen, wie diese Geschichte enden würde!
      Zumal alles so unglaublich nachvollziehbar war. Er wusste genau, wie Thomas sich fühlte, Ezra selbst würde es wohl auch nicht überleben, wenn Andrew doch nicht der Richtige für ihn wäre. Zugegeben, er hatte ihn bei ihren ersten Treffen vollkommen falsch eingeschätzt und deutlich zu viel Phantasie mit seinem Charakter gemischt, aber der echte Andrew war immer schon besser gewesen, als alles, was er sich je vorstellen könnte. Und er schaffte es trotzdem immer noch, ihn zu überraschen.
      Ezra hielt sich zurück, während Andrew erklärte und warf hier und da höchstens einen kleinen Kommentar ein, um irgendetwas zu verdeutlichen. Es war ein bisschen seltsam, ihn so...wissenschaftlich über das Thema reden zu hören, aber im Grunde hätte Ezra selbst es nicht besser hinbekommen. Vielleicht nicht mal halb so gut. Für ihn blieb also nicht mehr zu tun, als weiter das Brötchen zu essen und Thomas gelegentliche Blicke mit einem mitleidigem Lächeln zu beantworten. Ob Andrew das auch immer machte, wenn Ezra sich bei irgendeinem Thema festquatschte? Seine Gesprächspartner bemitleiden? Ezra öffnete reflexartig den Mund, um nachzufragen, bevor ihm wieder bewusst wurde, dass das hier definitiv nicht der richtige Zeitpunkt war. Vielleicht hätte er vor dem Brötchen einfach noch einen starken Kaffee trinken sollen, um das ganze Thema etwas nüchterner anzugehen.
      Das Gespräch wurde ein bisschen interessanter, als Andrew den Part mit den Sextoys erreichte. In der Hinsicht war bei ihnen eigentlich auch noch Luft nach oben, wenn Ezra so darüber nachdachte. Aber auch das war gerade wahrscheinlich kein guter Einwurf. Langsam musste er sich selbst auch Notizen machen. Oder war das zu früh? Immerhin hatten sie gerade erst- Nein. Konzentration. Es ging hier nicht um ihn.
      Ezra sah Thomas mit einem kleinen Grinsen hinterher, als er die Küche fluchtartig verließ. Entweder würde er sich direkt auf Steve werfen, um das Thema hinter sich zu bringen, oder erst mal zwei Monate darüber nachdenken. Er hatte zumindest nicht sehr viel entspannter ausgesehen, als er gegangen war.
      "Ich glaube, das hast du gut gemacht. Entweder hast du gerade sein Sex-Leben gerettet, oder es vollkommen ruiniert, aber wir bleiben mal optimistisch." Er grinste Andrew entgegen, während er unter dem Tisch mit einem Fuß gegen seinen Fuß stieß. "Sehr sexy, auf jeden Fall. Schaltest du zwischendurch auch immer ab, wenn ich so viel rede, oder liegt das an meinem Alkohollevel?" Er blinzelte Andrew entgegen, bevor er realisierte, dass er die Frage eigentlich nicht laut aussprechen wollte. Zum Glück hatte er eben noch betont, wie wichtig Kommunikation war.
      "Sollen wir wieder zurück ins Wohnzimmer, oder wollen wir uns vor unserer eigenen Party verstecken und uns bis Mitternacht die Brötchen aufteilen?"



      Steve

      Thomas brauchte überraschend lange, um Getränke zu holen. Eigentlich störte das Steve nicht - wahrscheinlich war er auf irgendeinen Kollegen getroffen und in eine Konversation verwickelt worden - aber langsam ging auf seinen Armen der Platz aus. Mittlerweile war er dazu übergegangen, Liz und Sarah kleine Muster auf die Handrücken zu malen. Er war bei Weitem kein Künstler, aber es reichte, um die beiden Mädchen beschäftigt zu halten.
      Er war gerade fertig damit, Liz das selbe Mandala zu zeichnen, wie Sarah - als Freundestattoo, wie die Rothaarige begeistert erklärte - als er beschloss, die Flucht nach vorne anzutreten. Er ging sicher, dass es genug Erwachsene gab, die die beiden Mädels im Blick hatte, bevor er sich von ihnen verabschiedete, um seinen eigenen Freund zu suchen. Liz verabschiedete ihn mit einem nicken und einem wissenden "Für Freundschaftstattoos", was Steve leicht verwirrt einfach bestätigte, bevor er wieder nach drinnen ging.
      Im Vergleich zu der ausgesprochen kühlen Luft im Garten, war es in der Wohnung fast stickig. Die Fenster waren geöffnet, aber das half auch nicht mehr viel. Langsam stieg der Alkoholpegel der Gäste, die Stimmung war gut, draußen konnte man die ersten verfrühten Feuerwerke hören. Eigentlich war es ganz nett. Trotzdem würde Steve wahrscheinlich nie zum Partygänger werden.
      Er fädelte sich durch die Anwesenden, tauschte ein paar nette Lächeln aus und hielt die Augen nach Thomas offen. Als er ihn sah, sah sein Freund aus, als ob er gerade einen Geist gesehen hätte. Bei Steve gingen sofort alle Alarmglocken an. "Hey", setzte er an, während er Thomas sanft zur Seite zog. "Alles okay?" War Thomas was passiert? Hatte ihn jemand blöd angemacht? Oder hatten ihre Gastgeber ihm erzählt, dass sie sich kannten? "Du siehst blass aus", ergänzte er wenig hilfreich.
    • Thomas

      Thomas war tatsächlich ziemlich glücklich darüber, von Steve gefunden worden zu sein. Das Kopfkino endete in der Sekunde, in der er ihn sah, und er war irgendwie wieder in der Realität angekommen. Es tat seltsam gut, seinen üblichen besorgten Blick zu sehen. Thomas sah den tatsächlich erschreckend oft, vielleicht sollte er sich darüber mal Gedanken machen.
      "Oh, ich hatte nur gerade ein echt… intensives Gespräch, aber es ist alles okay" Er lächelte leicht. Er schätzte diese liebevollen blauen Augen gerade noch mehr als sonst.
      "Sind die Mädchen noch im Garten?", fragte er dann, als seine Gedanken sich etwas gelichtet hatten. "Es ist ziemlich heiß hier drin. Ich hab nichts dagegen, wenn wir uns wieder in den Garten setzen" Er zuckte leicht mit den Schultern. Nachdem der anfängliche Schock sich ein wenig verabschiedete, kehrte eine überraschende Zufriedenheit in Thomas ein. Er hatte das Gespräch hinter sich und auch, wenn es etwa so seltsam gewesen war, wie er erwartet hatte, war es gleichermaßen hilfreich gewesen. Andrew hatte alles so gut herunter gebrochen, dass in Thomas Kopf nicht mehr dieses gigantische Mysterium existierte. Manchmal mussten Dinge wohl einfach hemmungslos ausgesprochen werden. In dem Sinne war er doch ziemlich froh, dass er nicht Steve gefragt hatte. Es langsam anzugehen und Unsicherheiten zuzugeben war noch immer etwas anderes, als sich Geschlechtsverkehr tm erklären zu lassen. Teilweise war es doch etwas zu ausführlich gewesen und es war irgendwie beeindruckend, dass Andrew sich nicht zurückgehalten hatte, obwohl er sonst immer so wirkte, als hätte er einen gigantischen Stock im Arsch. No pun intended.
      Aber trotz allem hatte Thomas das Gefühl, dass er einfach mehr Zeit brauchte. Wenn er Steve sah, war er immernoch höllisch nervös und bei jeder Berührung spürte er ein Kribbeln auf der Haut, dass sich bis in sein Herz kämpfte und seinen Puls erhöhte. Für ihn war es perfekt, so wie es war. Nur mit Steve zu schlafen, weil er dachte, dass dieser das wollte, war ein ziemlich bescheuerter Grund für einen solchen Schritt. Nach Andrews ganzem 'Zwing dich nicht' und 'Geh es langsam an' und 'Du kannst immer Nein sagen' hatte er das Gefühl, gerade aus einer Selbsthilfegruppe für Übergriffsopfer zu kommen, aber offenbar hatte er genau das gebraucht. Es fiel ihm viel zu schwer, Nein zu sagen. Überhaupt eigene Entscheidungen zu treffen. Besser, er lernte das mal, bevor er irgendetwas tat, das er im Nachhinein bereute.
      "Ich bin übrigens echt froh, dass wir zusammen hier sind", entkam es ihm mit einem Lächeln. Er legte die Arme um Steves Taille. "Das macht alles immer erträglicher. Aber wir müssen morgen trotzdem den ganzen Tag zocken. Als Ausgleich"

      Andrew

      "Hast du gerade zugegeben, dass du mir nicht zugehört hast?", fragte Andrew schmunzelnd. "Aber nein, mich fesselt jedes deiner Worte", beantwortete er die Frage und ließ den Ton so minimal in den Sarkasmus kippen, dass unklar war, ob er es ernst meinte.
      Er stützte den Kopf in eine Hand, langsam überkam ihn die Müdigkeit. Das Gespräch eben hatte ihm die letzte Energie aus dem Körper gezogen, nachdem es schon viel zu anstrengend gewesen war, die Milliarden Brötchen zu machen. Deswegen fiel ihm auch ein Stein vom Herzen, als Ezra seinen größten Wunsch aussprach. "Du kennst meine Antwort", sagte er, seufzte und griff nach einem Brötchen.
      "Übrigens ist Amazon eine richtige Schatzkiste. Ich meine, es gibt natürlich Marken, die verlässlicher sind, aber auch teurer. Auf der anderen Seite haben wir das Geld, also wieso nicht in etwas Sinnvolles investieren?" Er lächelte. Als er das Massage Öl entdeckt hatte, waren ihm etliche Produkte vorgeschlagen worden, die laut anderer Amazon Benutzer hervorragend zusammenpassen würden. Und in den letzten Tagen war ihm aufgefallen, dass sie beide viel zu kreativ waren, um sich so viele Chancen entgehen zu lassen.
      Andrew biss in sein Brötchen und sagte dann nach einer Weile: "Ich weiß, das ist unsere Silvester Party und wir haben etwa 40 Leute im Haus, aber wollen wir ein bisschen Online Shoppen?" Er zückte das Handy aus seiner Hosentasche. "Ich hab schon ein paar Sachen vorgemerkt aber du solltest definitiv deinen Senf dazugeben", meinte er, während er die Seite aufrief, die er wegen der Preisschilder bislang gemieden hatte. Thomas Probleme hatten Andrew irgendwie daran erinnert, wie gut er es hatte. Mit Ezra gab es nie irgendein Verständigungsproblem und die Möglichkeiten waren endlos, also sollten sie das wohl auskosten.
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    • Steve

      Ein intensives Gespräch. Steve war sich nicht sicher, ob er wissen wollte, worum es in dem Gespräch gegangen war. Zumindest sah Thomas nicht mehr so verzweifelt aus und das war ein gutes Zeichen. Trotzdem war Steve ein wenig überrascht, als sein Freund ihn in eine Umarmung zog und verkündete, wie froh er war. Es musste ein wirklich intensives Gespräch für so eine Reaktion gewesen sein, nicht?
      Steve umarmte Thomas etwas ungelenk zurück. Zuhause auf dem Sofa zu kuscheln war deutlich angenehmer, als Umarmungen auf Partys, aber er hatte das Gefühl, dass sein Freund es gerade brauchte Außerdem war der Moment zu schön, um ihn irgendwie von sich zu schieben. “Ich bin auch froh”, antwortete er mit einem Lächeln. Er hatte nie mit dieser Beziehung gerechnet und insgesamt überforderte sie ihn absolut, aber irgendwie auf eine gute Art und Weise. Es war irgendwie spannend, diese vollkommen andere Seite an Thomas kennen zu lernen - und wenn dazu gehörte, auf Partys seiner ehemaligen und Steves jetzigen Kollegen zu gehen, dann war das halt so.
      “Wir können morgen die Nacht direkt wieder durchmachen und nur zocken, wenn du willst”, lachte er, während er Thomas nun doch ein wenig von sich weg schob, um nach seinen Händen zu greifen. “Vorausgesetzt, wir überleben die Mädels draußen. Ich hab keinen Platz mehr auf meinen Armen. Ich hoffe, dein Platz reicht ihnen noch.” Er grinste ihm entgegen, bevor er sich verdrehte und ihn mit sich wieder nach draußen zog. Zu wissen, dass es in dem Gespräch wohl nicht um seine Bekanntschaft mit Ezra und Andrew gegangen war, beruhigte ihn zumindest. Er konnte nur hoffen, dass das so bleiben würde.



      Ezra

      “Oh. Mein Beileid”, kommentierte Ezra, als Andrew behauptete, ihm zuzuhören. Auch, wenn er sich nicht ganz sicher war, ob er es ernst gemeint hatte. Manchmal hörte er sich selbst nicht mal zu. Es gab bestimmt genug Leute, die ihm zustimmen würden, dass es besser so war.
      Aber das war auch vollkommen egal - bei Andrews nächstem Vorschlag war Ezra ganz Ohr. Er blinzelte kurz irritiert, bevor seine Mundwinkel nach oben schnellten und er ein kleines, überraschtes Lachen ausstieß. “Weißt du, als ich diese ganzen Phantasien von dir hatte, stand ‘auf der eigenen Silvesterparty in der Küche verstecken, um Sexspielzeug zu shoppen’ definitiv nicht auf der Liste.” Was nicht bedeutete, dass es schlecht war.
      Er griff nach dem nächsten Brötchen und zog seinen Stuhl neben Andrews, um ihm über die Schulter schauen zu können. “Du überraschst mich einfach immer wieder, Darling.” Ezra musste unfreiwillig erneut lachen, während er sich an Andrew lehnte. Er musste unweigerlich erneut daran denken, wie weit ihre Beziehung mittlerweile wäre, wenn sie sich nicht neun Jahre Zeit gelassen hätten. Obwohl sie dann wahrscheinlich nie diesen Punkt erreicht hätten, an dem sie jetzt waren. Wahrscheinlich wäre ihre Beziehung ohne den neun Jahren des Flirtens und langsam Annäherns weitaus ungesünder. Ezras Erwartungshaltung wäre auf jeden Fall eine vollkommen andere gewesen. So, wie es jetzt war, war es eindeutig besser.
      Ezra drehte seinen Kopf, drückte Andrew einen Kuss auf die Wange und murmelte das letzte “Ich liebe dich” des Jahres.

      Zum Glück waren seine Gäste umgänglich. Ezra hatte es sich deutlich schwieriger vorgestellt, sie irgendwie zu koordinieren - zum einen, weil er selbst, sowie ein guter Teil der Anwesenden deutlich angetrunken waren - aber kurz vor Mitternacht standen sie tatsächlich alle mit einem Getränk im Garten. Der Garten war eigentlich etwas zu klein, aber bei der kalten Luft war es ganz angenehm, zumindest genug Körperwärme um sich herum zu haben.
      Um sie herum erleuchteten bereits vereinzelt etwas verfrühte Feuerwerke, während bei ihnen alle Augen auf die Armband- und Handyuhren gerichtet waren. Ezra legte seinen freien Arm um Andrews Taille, während jemand begann, den Countdown anzustimmen. In der anderen Hand hielt er das Sektglas, das ihn heute Abend wahrscheinlich vollkommen abschießen würde.
      Er stieg in den Countdown ein, als die anderen das “Drei - Zwei - Eins” erreicht hatten und schloss sich mit einem enthusiastischen “Frohes Neues!” an. Zum ersten mal in seinem Leben freute er sich tatsächlich auf das Neue Jahr, was fast ausschließlich an seinem Freund neben ihm lag. “Frohes Neues Jahr, Darling”, wünschte Ezra erneut, lehnte sich zu Andrew herüber und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen, während die Welt um sie herum in tausend Farben explodierte.
      Ihre Gäste schienen sich ein wenig aufzuteilen. Ein paar gingen vor das Haus, um sich am Feuerwerk auf den Straßen zu beteiligen, andere gingen rein, um sich vor der kalten Nachtluft zu retten. Caleb kniete unweit von ihnen vor Liz und Sarah und steckte ihnen Wunderkerzen an, bevor er einen Schritt zurück trat und das Feuerzeug nutzte, um sich selbst eine Zigarette anzuzünden. Ada unterhielt sich neben ihm mit Andrews Kollegin und hatte parallel ein Auge darauf, dass ihre Tochter nicht versehentlich einen der anderen Gäste in Brand steckte.
      Thomas und Steve standen auf der anderen Seite von ihnen, Hand in Hand, die Blicke auf den Himmel gerichtet. Ezra konnte nur hoffen, dass die beiden ein ähnlich gutes Jahr wie sie selbst haben würden. Obwohl sie wahrscheinlich auf dem richtigen Weg waren.
      “Und?”, fragte er Andrew und nippte anschließend an seinem Glas, “Wie sieht es bei dir mit Neujahrsvorsätzen aus?” Seine Augen leuchteten unglaublich hübsch in dem Feuerwerk um sie herum, was furchtbar unfair war. Sein Freund war schon so hübsch genug, er brauchte nicht noch Unterstützung von Außen.
    • Andrew

      Andrew hatte Neujahr nicht mehr gefeiert, seit er klein war, und selbst dann hatte der Abend meist nur aus irgendeiner Fernseh Show mit Countdown bestanden und einem Glas Champagner für seine Eltern, während er irgendeinen aufgespritzten Fruchtsaft zum Anstoßen bekommen hatte. Ein, zwei Mal hatte er in der Silvesternacht gearbeitet und Feuerwerke passiv mitbekommen. Aber er war definitiv noch nie in deren bunten Licht gestanden, mit der Liebe seines Lebens in seinen Armen. War das übertrieben? Bislang war Ezra auf jeden Fall die Liebe seines Lebens. Andrew hoffte, dass man sich ähnlich wie bei Geburtstagskerzen etwas wünschen durfte, und hoffte fest, dass sie für immer zusammen Neujahr feiern konnten. Wenn Liebe einen blind machte, irrte er gerne durchs Leben, solange es mit Ezra war.
      „Bevor ich das beantworte…“, fing Andrew an und kramte aus seiner Jackentasche etwas heraus. Er hielt Ezra seine geöffnete Hand vor, auf der ein so winzig kleines metallenes, vierblättriges Kleeblatt lag, dass Andrew es auf die Kuppe seines kleinen Fingers legen könnte. „Ich kenne niemanden, der mehr Glück braucht, als du, also steck das am besten in deine Geldtasche, oder so“, sagte er und lächelte schief. Dann gab er Ezra einen Kuss auf die Wange. „Und mein Vorsatz ist, jede Sekunde zu genießen, die ich mit dir habe“ Im letzten Jahr hatte sich schlagartig so vieles geändert, während Ezra seine einzige Konstante im Leben zu sein schien. Auch wenn ihre Beziehung sich ebenfalls gewandelt hatte, konnte Andrew sich kein Leben ohne ihn vorstellen, auch vor dem letzten Jahr nicht.
      „Was auch immer auf uns zukommt, ich bin froh, dass wir zusammen drin stecken“, hing er etwas ernster an. Im Hinterkopf hatte er Jelena und Nadia und die Organisation… Und das Wissen über die Superwaffe, die langsam aber sicher zusammengesetzt wurde. Wenn das ihr Ende war, waren sie zumindest nicht allein, aber Andrew würde alles tun, um ihre gemeinsame Zeit zu verlängern. Diese ganze „Welt retten“ Angelegenheit war für ihn in den letzten Wochen äußerst persönlich geworden.
      „Und mein anderer Vorsatz ist, ins Fitnessstudio zu gehen. Das ganze Sitzen bei der Arbeit macht sich bemerkbar. Ich muss wirklich um ein bisschen mehr Außendienst bitten“ Er lachte leicht.
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    • Ezra

      Er war zu angetrunken für all das hier. Die kleine Geste und Andrews anschließende Worte rührten ihn so sehr, dass er fast in Tränen ausbrechen konnte. Etwas, was er von sich selbst noch nicht gewusst hatte - er war zu selten betrunken gewesen, um sich in dieser Hinsicht selbst einschätzen zu können.
      Während Andrew vom Fitnessstudio erzählte - zu dem er Ezra hoffentlich nicht zu oft mitnehmen wollte - starrte Ezra auf das kleine Kleeblatt in seiner Hand. Er blinzelte kurz, dann steckte er das Kleeblatt in seine Hosentasche und fiel seinem Freund um den Hals. Dass er dabei den halben Inhalt seines Sektglases hinter ihnen auf den Rasen verteilte, bekam er nicht mal mit. “Danke!”, murmelte er, während er Andrew einfach festhielt. “Ich hab nicht mal was für dich.” Andrew war wirklich mit Abstand der beste Freund, den er sich vorstellen konnte. Er hatte noch nie eine Person in seinem Leben gehabt, die sich dermaßen liebevoll um ihn kümmerte. Er hoffte, dass sich das nie ändern würde.
      “Hast du dir je Gedanken darum gemacht, was für einen Antrag du haben willst? Weil ich so öffentliche Anträge hasse. Ich will den ganzen Kitsch für mich, ohne Druck von außen. Da sollten wir irgendwie auf einer Wellenlänge sein, denke ich”, erklärte er, als er wieder ein bisschen von Andrew zurücktrat, um ihn ansehen zu können. Hierbei musste man sich in die Augen schauen, nicht? Er wusste selbst nicht so ganz, wieso er jetzt auf das Thema kam, oder mehr, wieso er es laut aussprach. Er schob es auf den Alkohol und den Fakt, dass es sich gerade unglaublich wichtig anfühlte, dass er es wusste. Er hatte sich nicht jahrelang überlegt, was für einen Antrag er haben wollen würde, um ihn dann für sich zu behalten. Außerdem-
      “Oh! Die Raketen mag ich am meisten!” Ezras Blick fiel an Andrew vorbei auf den Nachthimmel. Es war relativ unbewölkt, weshalb man einen guten Blick auf das Feuerwerk hatte, das immer noch nicht abzunehmen schien. “Diese Feuerwerke, die erst so klein hochgehen und dann nachknistern?” Ezra deutete in den Himmel, an dem gerade ein rosanes Exemplar der Rakete aufstieg. “Zuerst denkt man immer, dass die Rakete vielleicht eine Fehlzündung hatte und dann ist die Explosion doch viel größer! Und man weiß, was kommt, aber irgendwie macht mich das trotzdem jedes mal glücklich.” Er griff nach der Hand seines Freundes, während er den Blick fest in den Himmel über ihnen gerichtet hielt. Ihm lag wieder das kleine Wörtchen ‘perfekt’ auf der Zunge, aber er hielt sich zurück. Anders konnte man es eigentlich nicht beschreiben.
    • Andrew

      Er war ein kleines bisschen sprachlos, als Ezra die warme Umarmung mit Anweisungen zu einem Antrag beendete. Andrew sagte eine Weile nichts und ließ den Anblick von Ezras Augen auf sich wirken, den er hoffentlich nie aufgeben musste. Irgendwann fing er sich wieder und murmelte: „Keine Sorge, der Kitsch gehört ganz dir“ Es war unmöglich, sein Lächeln zu unterdrücken, wenn die Feuerwerke über ihnen nicht mehr die einzigen waren, die explodierten. Trotzdem war es ihm fast peinlich, wie sehr er sich über diese zwei Sätze von Ezra freute, also drückte er ihn wieder etwas an sich und sah in den Himmel, der glücklicherweise sowieso schon Ezras ganze Aufmerksamkeit hatte. Ein bisschen fühlte sich dieser Moment an, als wäre das bereits ein Antrag gewesen. Aber nachdem Andrew bisher schon zwei Mal rausgerutscht war, dass er darüber nachdachte, wurde es vielleicht wirklich langsam Zeit. Dass sie erst einige Wochen zusammen waren ignorierte er schon eine Weile konsequent, weil ihre Beziehung aus so viel mehr bestand, als der Zeit, in der sie ein Paar waren. Wenn sie heiraten wollten, dann würde es sich ohnehin anfühlen, als hätten sie zehn Jahre auf den Moment gewartet. Sie kannten einander so gut, dass es noch nicht einmal eine Frage war, wer hier wem einen Antrag machen würde. Es war eine Tatsache, dass sie sich gegenseitig auf ein Podest stellten, aber nachdem Ezra eher derjenige mit dem Überschuss an Komplimenten war und Andrew seine Liebe deutlich besser durch Taten als Worte zeigte, war es ziemlich klar, dass er sich diese Gelegenheit nicht nehmen lassen würde.
      Bei Ezras Worten über die Raketen musste Andrew lachen. War das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass er bei seinem Antrag Feuerwerke sehen wollte? Andrew führte mental sowieso eine kleine Liste mit den Dingen, die Ezra mochte. Irgendeine Kombination davon würde schon ein adäquates Erlebnis für seinen Freund darstellen. Dass es kitschig wurde, war ja schon klar. Da gingen ihre Vorstellungen zwar meilenweit auseinander, aber Andrew würde sich im schlimmsten Fall ein paar Hollywood-Liebesfilme reinziehen, um herauszufinden, wie er sich noch übertreffen konnte.
      „Ich mag die, die wie Goldregen explodieren“, fügte er hinzu. Am liebsten würde er diesen Moment einfrieren. Sie hatten beide dieses Happy End verdient.

      Nadia

      Schon als sie klein war hatte Nadia die Augen von Schaufenstern kaum abwenden können. Kleidung war für sie immer etwas wundervolles gewesen, in das sie gerne Zeit und Geld investierte, vor allem jetzt, wo sie beides hatte. Die Zeit der blutigen Fetzen war vorbei. Abgesehen davon, dass sie sich, normalerweise, nicht mehr so leicht von Gegnern verletzen ließ, hatte sie ja Jelena, die ihr das Mode Hobby finanzierte. Und wenn das Silvesterparty-Motto Masken ball war, dann wusste sie, was sie zu tun hatte.
      Vor ein paar Tagen hatte sie sich ein Kleid Maßschneidern lassen, das eine Mischung aus hochrangigem Adel und Gothic-Feen-Prinzessin veranschaulichte. Es war gigantisch, schwarz und mit goldenem Tüll und kleineren Verzierungen bestückt. Es hatte etwa zwei Stunden gedauert, ihre Frisur hinzubekommen, damit die langen Locken sowie die hochgesteckten Strähnen perfekt saßen. Mit den Schuhen musste sie ihre Geliebte ausnahmsweise um etwa fünf Zentimeter überragen und wenn das nicht reichte, um ihr einen Kick an Selbstbewusstsein zu geben, an dem es ihr ohnehin nicht mangelte, dann würde die Maske den Rest erledigen. Vor dem Spiegel setzte sie sich das Accessoire auf, dass an den Kopf eines Raben erinnerte. Sie fuhr mit den Fingern sanft über die schwarzen Perlen und Verzierungen der Maske, bevor sie sich einmal drehte und versuchte, einen 360 Grad Blick auf sich selbst zu bekommen. Perfekt. Eine seltene Welle an Glücksgefühlen durchfuhr ihren Körper.

      Nachdem Andrew Morgan sie vor einigen Wochen verprügelt und beinahe erstickt hatte, war Nadia ein wenig vorsichtiger geworden, was ihre Missionen anging. Bei jedem Stein, den sie Jelena brachte, erwartete sie, dass sie auf ihre beiden Gegenspieler treffen würde, aber die schienen wohl endlich aufgegeben zu haben. Zumindest waren sie einer Organisation beigetreten, die noch weniger Erfolg hatte, als die beiden alleine gehabt hatten. Es war ein wenig armselig, das von Außen mitanzusehen. Nachdem sie ihr Ferienhaus in Brand gesteckt hatten, hatten Jelena und sie jedenfalls ein Auge auf sie. Diese Zwischenfälle mussten ein Ende nehmen. Es war für Nadia nicht gerade angenehm gewesen, schon wieder in Isolationshaft zu landen und es hatte eine Weile gedauert, bis Jelena sie rausbekommen hatte. In einem französischen Gefängnis zu landen wäre zwar komplizierter, aber auch angenehmer gewesen, als was sie es sonst gewohnt war. Sich wehren zu können hatte schon eher einen gegenteiligen Effekt als erwünscht, wenn auf einmal doppelt so viele Männer mit Schlagstöcken vor ihr standen. Bei ihrem Bekanntheitsgrad leckten sich auch die anderen Insassen die Lippen, weil sie dachten, dass Erpressung sie irgendwie auch aus dem Gefängnis bekommen könnte. Isolationshaft war grauenvoll, aber doch noch besser, als in einem Käfig mit tausend Psychopathen zu stecken. Sie war schließlich kein Roboter, der keinen Schmerz empfand oder an dem es spurlos vorbei ging, das Zeitgefühl zu verlieren, weil sie Tage alleine in einer Zelle ohne Tageslicht und Ansprache verbrachte. Irgendwann würde sie das ganze Gebäude in die Luft jagen, wenn sie die Chance bekam.

      Heute galt Nadias ganze Aufmerksamkeit jedoch der Person, die sie aus Angst und Liebe gleichermaßen wie eine Prinzessin behandelte. Unter anderem. Heute war jedoch kein Tag, an dem sie irgendjemanden ermorden sollte. Sie würde es nur tun, wenn sie es selbst wollte. Ein befriedigender Gedanke.
      Sie begrüßte Jelena indem sie die Arme von hinten um sie legte. "Boo", sagte sie und grinste. Über ihre Schulter ließ Nadia den Blick durch die Halle schweifen, die sich perfekt in eine Art Ballsaal umwandeln hatte lassen. Sie ließ Jelena los, verweilte aber mit einem Arm um ihre Taille, als sie sich neben sie stellte. "Du musst mir sagen, wer diese ganzen Leute sind. Bei wem bringt Einschleimen was und bei wem Drohungen?" Sie lachte.
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    • Jelena

      Jelena war noch nie so froh darüber gewesen, dass ein Jahr geendet hatte, wie heute. Es war ein anstrengendes Jahr gewesen und das Ende war definitiv kein Glanzmoment. Der Plan, die Steine zu sammeln hatte so viel Fahrt aufgenommen, wie noch nie. Ihr kleiner Vorrat wuchs schneller, als je zuvor. Jeder Stein mächtiger, als der letzte. Was wohl fast ausschließlich an Nadia lag. Ohne sie wäre Jelena wohl nichtmal halb so erfolgreich gewesen. Was bei weitem nicht der einzige Vorteil von Nadia an ihrer Seite war. Deshalb würde sie sie wohl auch aus jedem nochso gesicherten Gefängnis retten.
      Es war schwierig gewesen, Nadia raus zu holen. Sie hatte mehr Gefallen einfordern müssen, als ihr lieb gewesen war und nichts würde je wieder die Panik ausgleichen, die sie zwischenzeitlich gefühlt hatte, als sie befürchtet hatte, Nadia für immer zu verlieren. Sie war sich wiedermal bewusst gewesen, wie abhängig sie von dieser Frau war, ihre beste Mitarbeiterin, engste Vertraute und ihre feste Freundin. Die Frau, die ihren größten Erfolg und kompletten Untergang bedeuten konnte. Jelena wusste nicht ganz, was sie davon halten sollte.

      Die Silvesterparty war ihr daher absolut entgegen gekommen. Neben den ganzen Steinen, dem Abwägen, welche Mission zu gefährlich sein könnte und wie sie vorerst jeder Konfrontation entgehen könnten, war es eine nette Abwechslung gewesen, sich um Kleider und Make Up zu kümmern. Hier war definitiv niemand, der ihnen gefährlich werden könnte. Niemand, der ihr Haus in Brand stecken würde. Jelena hatte Nachts manchmal das Gefühl, immer noch den Rauch zu riechen und die Hitze auf der Haut zu spüren.
      Sie fuhr sich durch die dunklen Locken, die mittlerweile deutlich kürzer geschnitten waren. Ihre Spitzen waren in den Flammen so angebrannt worden, dass sie sie nicht mehr hatte retten können. Sie hatte sich an den neuen Schnitt immer noch nicht gewöhnt und musste immer noch innehalten, wann immer sie an einem Spiegel vorbei kam. Das Styling heute war ein Albtraum gewesen - Jelena hatte sich zur Abwechslung für ein Kleid entschieden, dunkelgrün mit genug Strassteinen und Glitzer, um einer Diskokugel Konkurrenz zu machen, aber sie hatte keine Ahnung, was sie mit ihren Haaren anfangen sollte. Am Ende hatte sie sie einfach offen gelassen und gehofft, dass die katzenartige Maske auf ihrer Nase das Gesamtbild irgendwie retten würde. Die Masken waren sowieso das Highlight des Abends. Sie gaben der geschlossenen Gesellschaft die Illusion von Anonymität, was einige von ihnen immer etwas zu sehr mitzureißen schien.

      Jelena stand am Kopf der Halle, als Nadia sie fand. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, die anderen Gäste zu beobachten, um darauf zu achten, dass sich ihre Freundin näherte. Zumindest redete sie sich das ein.
      "Oh, das ist einfach", antwortete sie mit einem kleinen Lächeln. "Die, die lauthals betrunken mit anderen Flirten und sich daneben benehmen sind immer die, die sich selbst überschätzen und erpressbar sind. Auf die stillen Leute am Rand muss man aufpassen. Da dürften Komplimente mehr helfen." Sie lehnte sich an ihre Freundin, während ihr Blick an ihrem Kleid hängen blieb. Nadia sah umwerfend aus. Ihre Freundin sah immer umwerfend aus. Wenn sie es nicht besser wüssten wäre sie sich sicher, dass Nadia irgendeine Politikertochter wäre. "Möchtest du tanzen? Was trinken?", fragte sie, während sie eine Haarsträhne ihrer Freundin richtete. Heute Abend wollte sie nicht über Politik oder Steine nachdenken. Heute wollte sie nur Ruhe haben.
    • Nadia

      Für Nadia war ihre Beziehung zu Jelena nie unklar gewesen, aber ihr war bewusst, dass ihre Freundin das bestimmt anders sah. Nadia empfand ihr gegenüber nichts, das sich wie Liebe aus einem Roman beschreiben ließ. Es war eher eine Art der Faszination. Eine materielle Abhängigkeit vielleicht auch. Es war unpraktisch aber sie hatte sich damit abgefunden. Sie dienten einander mehr als sie einander schadeten, auch, wenn sie spüren konnte, dass Jelena, wie es in ihrer Lage bestimmt jeder würde, gerne die Sicherheit hätte, zu wissen, was Nadia für sie empfand. Ob es eine ehrliche Zuneigung war oder bloß ein Arrangement. Aber konnte sie das überhaupt selbst beurteilen?
      Letztendlich hatten sie wohl beide ein paar Schrauben locker, die diese Beziehung ermöglichten. Nicht jeder ließ sich gern auf eine Assassine ein und nicht jeder ließ sich gerne auf eine Frau ein, die ihre Eltern ermordern ließ. Das machte ihre Beziehung wohl so wundervoll. Sollten eines Tages die Nachteile überwiegen und Nadias kleine Obsession mit ihrer teuflischen Freundin auflösen, dann würde sie kein Problem damit haben, sich abzuwenden, und das war Jelena bestimmt bewusst. Doch vermutlich hielten sie beide ein wenig an dem Glauben fest, dass Nadia, wenn der Moment kam, bleiben würde, weil sie doch so etwas wie Liebe empfand. Das konnte wohl niemand wissen, bevor man im Begriff war, das zu verlieren, das man liebte. Nadia hatte kein Herz aus Stein, aber sie war doch schlau genug um zu wissen, dass normale Menschen sich nicht mit Leichtigkeit von allem und jedem trennen konnten, ohne zwei Mal darüber nachzudenken. Es würde ihr außerdem Angst machen, wenn es anders wäre.

      „Ich würde gern lauthals betrunken mit dir flirten und mich daneben benehmen“, antwortete sie, stellte sich ihrer Freundin gegenüber und hob beide ihrer Masken leicht von ihren Nasen, um ihr mit Mühe einen kleinen Kuss zu geben. An Tagen wie diesen fühlte Nadia sich beinahe normal. Dann konnte sie ihre Kindheit ausblenden, die grauenvollen Menschen auf der Welt ignorieren und so tun, als wäre sie in einer romantischen Beziehung, die sich kein Stück von jeder anderen unterschied. Wenn diese Fantasie länger als einen Tag anhielt würde sie vermutlich vor Langeweile sterben, aber hin und wieder war es wie ein Beruhigungsmittel das auf ihr konstant trabendes Nervensystem wirkte und eine interessante Erfahrung neben ihrem Alltag.
      Sie setzte die Masken wieder auf ihren Nasen auf und grinste. „Hey, was hältst du von Rollenspielen? Wir tun so, als würden wir uns nicht kennen, treffen uns zufällig auf dem Maskenball und verlieben uns auf den ersten Blick ineinander, ohne überhaupt die Gesichter zu sehen“, dramatisierte sie. „Ich bin Miss Jones, verheiratet mit Mr. Jones, der am Ende des Abends unerwartet stirbt und uns ein luxuriöses Leben mit seinem Erbe ermöglicht“, murmelte sie und legte ihre Hände um Jelenas Gesicht. „Romantisch, oder? Wollen wir uns für Mr. Jones jemanden in diesem Raum aussuchen oder ist dir ein fiktiver Charakter lieber?“ Sie lächelte während sie den Daumen über Jelenas Lippen streichen ließ. Vielleicht war sie wirklich nicht in der Lage, einen Tag normal zu verbringen. Wo lag darin aber auch der Spaß? Außerdem gefiel ihr der ganze Kitsch aus Liebesgeschichten seltsamerweise sehr.
      Sie trat einen Schritt weg, räusperte sich und drehte sich von Jelena weg nur um sich gleich mit überraschter Miene und einer Hand auf der Brust zu ihr zurück zu drehen. „Oh! Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?“, fragte sie mit einem spielerischen Lächeln auf den Lippen.
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