The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Ezra

      Es war eine fließende Bewegung - mit erschreckender Präzision zog Ezra sein Kissen hinter seinem Kopf hervor und schlug es erst in Andrews Richtung, bevor er es sich selbst auf das Gesicht drückte, um das Licht auszublenden, das den Raum erhellte. Er wusste nicht, wie früh es war, aber definitiv zu früh, um aufzustehen. Was dachte sich Andrew überhaupt dabei, ihn wach zu machen? Es war nicht so, als würden sie nach einem Zeitplan arbeiten und hätten keine Zeit, um auszuschlafen! Sekunde. Licht? Fuck. Er war eingeschlafen. Er konnte es selbst nicht so richtig fassen. Sie hätten tot sein können und es wäre seine Schuld gewesen. Zugegeben - wenn man im Schlaf starb, bekam man es wenigstens selbst nicht mit, aber er wagte es zu bezweifeln, dass Andrew dieses Argument gelten lassen würde.
      Für den Bruchteil einer Sekunde spielte Ezra mit dem Gedanken, das Kissen ein bisschen fester auf sein eigenes Gesicht zu drücken und sich selbst zu ersticken. Vielleicht wäre das besser als das Schicksal, das ihn wohlmöglich in ein paar Sekunden erwarten würde, wenn Andrew realisieren würde, dass er ihn nicht geweckt hatte. Vielleicht würde er dann den Part mit dem Ersticken übernehmen. Ezra war gerade zumindest so wach, wie noch nie. "Also...gute Nachricht: Wir leben noch?" Ezra zog das Kissen von seinem Gesicht und hielt es in den Armen, wie ein unförmiges Stofftier, während er in Andrews Richtung sah. Der Dunkelhaarige lag deutlich näher an ihm, als Ezra gedacht hätte. Er konnte fast die blassen Sommersprossen auf seinen Wangen zählen, was überraschend niedlich wäre, wenn die Situation etwas anders wäre. "Schlechte Nachricht: Ich bin eventuell eingeschlafen." Wenigstens wussten sie jetzt, dass ihnen offenbar niemand auf den Fersen gewesen war. Yay. Er lächelte kurz entschuldigend, während er sich ruckartig aufsetzte und sofort das Thema wechselte, bevor Andrew genug Zeit hatte, zu antworten. "Ich geh zuerst ins Bad, wenn es dich nicht stört", schob er mit gespielter Leichtigkeit hinterher, während er dermaßen schwungvoll aufstand, dass er fast die Lampe vom Nachttisch fegte. Manchmal half halt nur die Flucht nach vorne. Das war sowieso immer ihr Ding gewesen, nicht?
    • Andrew

      Der Polster, der ihm auf einmal im Gesicht landete, gab ihm den Rest und weckte Andrew endgültig auf. "Hey!" Bevor er sich versah, drückte Ezra sich das Ding auch schon selbst auf den Kopf. Andrew setzte sich ruckartig auf. Die Erinnerungen trudelten wieder ein. Sobald der Blonde begann zu sprechen, verfinsterte sich Andrews Blick. "Du… du wirst am Ende der Grund sein, warum wir draufgehen!", grummelte er und bevor er noch die Fassung verlieren und Ezra richtig zu Schnecke machen konnte, verflüchtigte dieser sich ins Badezimmer. Andrew starrte ihm hinterher, dann katapultierte er die Decke von seinem Körper und stampfte durchs Zimmer zum Schreibtisch. Er konnte nur hoffen, dass der Stein sich mittlerweile in Luft aufgelöst hatte. Sie hatten wirklich das Glück eines Narren. Wie zum Teufel hatte Ezra sich eigentlich jahrelang nicht festnehmen lassen?
      Als Andrew die Schublade öffnete, sah er allerdings dumm aus der Wäsche. Er blinzelte und öffnete die Lade weiter. Kein Stein. Ein Zettel. Er traute sich kaum, diesen anzugreifen, als würde er jeden Moment in Flammen aufgehen. Ohne die Innenseite der Lade zu berühren, versuchte er zu entziffern, was auf dem Papier stand, merkte aber schnell, dass er keine kryllischen Buchstaben lesen konnte und bekam einen leichten Panikschub kombiniert mit Hitzewallungen, die demnächst zur Ohnmacht führen könnten.
      "EZRA", schrie er und wandte den Blick nicht von dem Papier ab. In seinem Kopf wiederholten sich die zwei Worte Oh Gott auf Dauerschleife. Dieser Morgen konnte kaum schlimmer werden. Wenn sie… allen ernstes… den verdammten Stein noch einmal stehlen mussten… Nein, darüber wollte Andrew gar nicht nachdenken. Er wollte zurück nach London. Einfach nur zurück. Seinetwegen konnte die Welt untergehen. Was auch immer. Hauptsache er konnte zurück in sein eigenes Bett in seiner eigenen Wohnung in seiner gottverdammten Heimatstadt.
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    • Ezra

      So schlimm war es gar nicht, oder? Gut, vielleicht war es nicht unbedingt zuverlässig gewesen und es hätte deutlich schlimmer enden können, aber es war nichts passiert. Andrew würde heute wohl nicht mehr mit ihm reden und ihm danach sein Leben lang Vorwürfe machen, aber vielleicht konnte er irgendwann darüber lachen. In ein paar Jahren. Wenn sie angetrunken noch mal drüber reden würden. Ganz bestimmt.
      Oder er würde ihn erwürgen, sobald er das Bad verließ. Zumindest klang Andrew nicht unbedingt gut drauf, als er Ezras Namen rief. Der Blonde seufzte kurz, bevor er zurück ins Zimmer ging. Vielleicht konnte er ja noch irgendwas retten, wenn er nur die richtigen Worte fand, oder Andrew irgendwie mit einem netten Café bestechen konnte, oder so. Alles, um jahrelange Vorwürfe zu vermeiden - vorausgesetzt, sie hätten noch Jahre und würden nicht innerhalb der nächsten Tage draufgehen.
      “Es tut mir leid. Ich gebe zu, dass-” Er stockte seine improvisierte Rede, während sein Blick von Andrew zu der leeren Schublade wanderte. Nicht ganz leer - ein Zettel lag alleine und verlassen drin - aber auf jeden Fall ohne den Stein, den sie gestern noch dort reingelegt hatten. Ezra konnte spüren, wie ihm jegliche Farbe aus dem Gesicht wich. “Oh. Oh fuck!” Plötzlich kam ihm der eigene Tod doch weitaus weniger schrecklich vor, als das hier - obwohl… warum waren sie nicht tot? Was für seltsame Einbrecher hatten sie, die durchaus bereit waren, Drohnachrichten zu schreiben und sich dann damit zufrieden gaben, lediglich den Stein zu stehlen, wenn sie die Drohungen wahr machen konnten? Oder hatten sie es hier mit mehreren Gegnern zu tun - und wäre das besser, oder schlechter für sie? Wie lange hatte man sie schon beobachtet?
      Ein paar Sekunden starrte Ezra einfach auf den Zettel, so, als würde das Geschriebene irgendwann Sinn ergeben, wenn er nur lange genug draufschauen würde. Leider erschloss sich ihm das Kyrillische nicht magisch von selbst. “Hast du ihn dir schon übersetzen lassen?” Ezra war sich selbst nicht ganz sicher, ob die Google-Kamera auch Handschrift übersetzen konnte und er wusste nicht, ob er den Zettel überhaupt übersetzt haben wollte, aber…naja, sie konnten ja auch nicht einfach einen Haken hinter die Sache machen und nach Hause fahren, als ob nichts gewesen wäre. So schön der Gedanke auch wäre.
    • Andrew

      Ezras Ausrufe machten Andrew nicht weniger panisch. Er ging zügig um das Bett herum, schnappte sein Handy vom Nachttisch und ließ es während des schnellen Tippens drei Mal beinahe fallen. "Ich bin dabei", murmelte er und musste erst einmal seine Tastatur auf Kyrillisch umstellen, nur um zu merken, das er keine Ahnung hatte, was er überhaupt eintippen sollte. Nach langem Starren und Probieren kam irgendwann etwas im Übersetzer heraus, das so viel hieß wie >Zu süß, um zu sterben<.
      Andrew dachte sich, dass er da irgendetwas ganz falsch eingetippt hatte, aber am Ende war vermutlich egal, was genau auf dem Zettel stand. Wichtig war, dass die Sprache sich automatisch auf Russisch eingestellt hatte, nachdem er die Worte abgetippt hatte. Mehr brauchten sie gar nicht wissen. Mehr wollte Andrew wirklich nicht wissen.
      "Denkst du… dass das… dieselben Leute sind, die den Hwit Stein gestohlen haben?", sprach er laut den Elefanten im Raum aus. Eigentlich wäre das wohl das schlimmste von allen Szenarien. Aber… es gab nicht sehr viele mögliche Szenarien. Die Frage war nur, wieso sie die letzte Drohung auf Englisch erhalten hatten und nun eine Nachricht auf Russisch. Das war… doch total unvorsichtig. Theoretisch konnten Ezra und er sich auf nach Russland machen, um diese Person ausfindig zu machen. Naja, zumindest wenn sie die Möglichkeit hätten, nach Spuren des Einbrechers zu suchen. Fingerabdrücke oder dergleichen… Leider waren sie hier auf sich selbst gestellt und hatten keinerlei Anhaltspunkte… sofern da nicht wirklich etwas ganz anderes auf dem Papier stand. Die Person konnte mittlerweile überall sein, sie würden es nicht wissen.
      "Also… ganz rein theoretisch", begann Andrew. Natürlich aus bloßem Interesse. "Wie findet man jemanden… wenn man etwa so viele Spionage Möglichkeiten hat wie ein Zivilist?" Sie hatten vielleicht Thomas und Ada aber solange die in London saßen, waren sie ihnen auch nicht unbedingt eine Hilfe. "Wir wissen schließlich nichts über diese Person- Nicht, dass ich da hinterher will" Er linste skeptisch zu Ezra. "Willst du?"
      War das Ganze überhaupt eine Frage des Wollens? Und wohin würden sie überhaupt gehen? Es wurde in jedem Fall immer deutlicher, dass hier absolut keiner irgendetwas im Griff hatte. Die Politiker, Geheimdienst oder sonst jemand… kümmerte sich überhaupt irgendwer um diesen Mist? Wie war es möglich, dass bereits zwei dieser Super-Steine in falschen Händen waren und Ezra und er offenbar die einzigen zu sein schienen, die etwas dagegen unternehmen wollten?
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    • Ezra

      Die Übersetzung, die auf Andrews Handy angezeigt wurde, war leider weitaus weniger aufschlussreich, als Ezra gehofft hatte. Dafür war sie äußerst verwirrend. Aber wenigstens wussten sie nun, dass der Dieb russisch konnte, was ebenfalls unglaublich nutzlos war, gemessen daran, wie viele Leute auf dieser Welt russisch sprechen konnten.
      "Ich hoffe, dass das ein riesiger Zufall ist und nichts mit dem Hwit Stein zu tun hat, aber..." Ezra zuckte mit den Schultern. Sicher wissen konnten sie es nicht, dafür müssten sie erst noch herausfinden, wer den Stein gestohlen hatte, was eine zweite, katastrophale Baustelle war, über die er eigentlich gar nicht nachdenken wollte. Vielleicht wäre es doch Zeit, alles irgendwie öffentlich zu machen in der Hoffnung, dass es irgendeine Autoritätsperson mit genug Verstand und Mitteln gab, um dieses ganze Chaos ordentlich aufzuklären. Aber wie sollte man all das erklären, ohne zu klingen, wie ein Wahnsinniger? Vor allem ohne einen einzigen Beweis, der nicht einfach von irgendwelchen Ministern abgestritten werden konnte? Deshalb brachte Andrews Frag Ezra fast zum lachen.
      "Eigentlich will ich nicht, nein. Aber was bleibt uns anderes übrig?", fragte er zurück. Er wusste ganz genau, dass er nicht einfach zurück nach London fliegen könnte in den Wissen, eben einen mächtigen Stein verloren zu haben, wohlmöglich an eine Person, die bereits einen anderen mächtigen Stein besaß und damit Anschläge verübte - und Ezra war sich ziemlich sicher, dass es Andrew nicht anders ging. "Vielleicht hat die Dame vom Empfang was mitbekommen", schlug er schließlich vor, bevor er Jogginghose und Shirt gegen Hoodie und Jeans tauschte. "Mit ein bisschen Glück kann sie vielleicht beschreiben, wie der Dieb aussah." Eigentlich wäre ihm eine Überwachungskamera lieber gewesen, aber falls es hier welche gab, waren sie so gut versteckt, dass Ezra sie nicht gesehen hatte. Fragen konnte man ja trotzdem. Er schlüpfte in seine Schuhe und schnappte sich sein eigenes Handy als Übersetzungshilfe, bevor er das Zimmer verließ.
      Er wusste nicht ganz, woran es lag, aber irgendwie gingen in seinem Kopf sämtliche Warnsignale an, sobald er den Hotelflur betrat. Irgendetwas war nicht richtig. Es war still und es lag ein seltsamer Geruch in der Luft, den man nicht auf das alte Haus schieben konnte. Ezra nutzte den Stein an seiner Kette aus Reflex, während er vorsichtig einen stummen Schritt nach dem nächsten machte. Er sah das Blut noch bevor er den Körper sehen konnte. Die Lache breitete sich unter dem kleinen Empfangstresen aus und war größtenteils schon in den abgetretenen Teppich eingetrocknet. Der Körper der Empfangsdame lag hinter dem Tresen, die Augen aufgerissen, eine Wunde am Hals. Das Gästebuch lag auf dem Tresen, als hätte es jemand durchgeblättert und achtlos fallen gelassen. Ezra drückte seine Lippen zusammen, schloss die Augen und zwang sich, ruhig zu atmen, bevor er sich entweder übergeben, oder eine Panikattacke bekommen konnte, dann drehte er sich um und ging zurück zum Zimmer.
      "Wer auch immer den Stein gestohlen hat, hat offenbar auch die Empfangsdame ermordet", grüßte er Andrew, gleich, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Ein vollkommen sinnloser Tod, nur wegen ihnen. "Ich-" Er stockte, während er sich auf das Bett setzte. Rational. Sie mussten rational über die Sache denken. Gefühle halfen nicht. "Ich denke wir sollten gehen, bevor jemand die Leiche entdeckt und wir ein noch größeres Problem bekommen."
    • Andrew

      Dass Ezra so aus dem Zimmer hinaus schlich, machte Andrew nicht unbedingt scharf darauf, ihm zu folgen. Seine Ankündigung, dass man die Empfangsdame ermordet hatte, überraschte ihn weniger, als es vielleicht sollte. Doch jemand, der eine Kirche in Brand steckte, hatte wohl auch die Kapazitäten, sich den Weg zu ihrem Hotelzimmer in der Nacht frei zu räumen. Dennoch fror ihm kurz das Blut im Körper ein. Als Held hatte er grausame Dinge gesehen. Manchmal wurde man eben Zeuge von etwas, auf das man in seinem Leben lieber verzichtet hätte. Aber nachdem man diesmal hinter ihnen her war, und nicht anders herum… Da lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Dennoch war sein erster Instinkt, Ezra besorgt zu mustern. Was er wohl alles schon erlebt hatte? Er schien sich unter Kontrolle halten zu wollen, aber so ein Anblick verfolgte einen ewig. Dennoch sprach Andrew ihn erstmal nicht darauf an. Es passierte momentan so viel, dass es wohl besser war, gewisse Dinge gar nicht erst verarbeiten zu wollen, bis alles endlich vorbei war.

      Andrew holte tief Luft und begann zur Bestätigung seinen Koffer wieder einzuräumen, nachdem er sich eine Garnitur Kleidung für den heutigen Tag zur Seite gelegt hatte. "Wir müssen uns überlegen, wo wir… jetzt hingehen", murmelte er. Gab es da überhaupt viel zu überlegen? Sie hatten beide längst akzeptiert, dass sie wider Willens der Sache nachgehen musste, wenn es sonst keiner tat. Auch wenn sie kaum etwas ausrichten konnten, wie es schien… Aber wie sollte einer von ihnen je wieder ein Auge zubekommen, wenn sie mittlerweile so viel wussten. Nein, Andrew konnte nicht einmal still sitzen. Also legte er eben alles auf eine Karte.
      "Ich würde sagen… wir brauchen ganz dringend ein paar Leute, die uns helfen", sagte er. Darüber hatte er schon ein wenig nachgedacht, doch es war ein Gedanke, der ihn mehr als nur unwohl fühlen ließ. Jemandem mit ihren Informationen zu vertrauen bedeutete noch weitere Personen in Gefahr zu bringen aber… mit ihren jetzigen Karten sah alles eher schlecht aus. Andrew wollte Thomas nicht unbedingt zum Kriminellen machen, aber irgendjemanden brauchten sie, der sich in Datenbanken hacken und Standorte verfolgen konnte, sonst war hier Endstation. Ada war auch nicht gerade Plan A… Aber wie fand man denn jemanden, der bei so etwas mitmachen würde? Sie konnten das schwer wie ein Jobinserat aushängen.

      Angezogen und fertig gepackt stand der Weg durch den Flur nun vor ihnen. Andrew wandte den Blick vom Tresen ab, er musste sich das nicht genauer ansehen, nein danke. Das Blut, das ihm auf den Schuhsolen klebte, reichte völlig aus, um ihm den Magen umzudrehen. Er war Held gewesen, kein Gerichtsmediziner, also hatte er auch so immer die Augen verschließen können, wenn es zu viel war. Aber… irgendwie beschlich ihn das Gefühl, das sein jetziger Lebensstil noch Schlimmeres bereithalten würde. Umso eher wollte er das Ganze hinter sich bringen.
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    • Ezra

      Was jetzt?
      Das war die Frage, die Ezra die ganze Zeit durch den Kopf schwirrte, als er sich darum bemühte, sich voll und ganz auf das Packen seiner Sachen zu konzentrieren. Je abgelenkter er war, desto weniger Zeit würde er damit verbringen, panisch zu werden. Panik half niemandem - Panik machte Probleme in den meisten Fällen einfach nur noch schlimmer. Durchatmen und dann logisch analysieren, was man überhaupt tun konnte.
      Sie könnten zurück nach London fliegen und damit leben, dass die möglicherweise daran Schuld waren, dass ein Attentäter nun zwei unberechenbare Waffen in seinem Arsenal hatte. Vielleicht hatten sie Glück und der Stein würde nie wieder auftauchen. Vielleicht würde die Welt enden, ohne dass jemand herausfinden würde, dass sie eine Mitschuld hatten.
      Oder sie würden versuchen, den Stein zu finden. Aber wie? Russland war...abartig groß. Und die Tatsache, dass die Notiz auf russisch geschrieben war, bedeutete ja nicht, dass die Person den Stein mit nach Russland nehmen würde - der Stein in England war schließlich auch gestohlen worden. Wieso sollte der Dieb also nicht das nächste mal in Indien, oder Mexiko, oder Spanien zuschlagen? Die einzige Hoffnung, die sie hatten, war die, dass der Täter in Russland irgendwie bekannt war.
      "Hilfe wäre wundervoll", stimmte Ezra zu, während er seine Tasche schloss und sie sich über die Schulter warf. "Aber ich fürchte, dass es niemanden gibt, der einen so großen Todeswunsch hat, wie wir." Anders konnte er es sich zumindest nicht erklären, dass sie noch nicht aufgegeben hatten.

      Der Anblick des kleinen Empfangstresens war beim zweiten mal nicht viel besser, als beim ersten mal. Ezra hatte irgendwie gehofft, dass er sich darauf vorbereiten könnte und doch konnte er nicht anders, als intensiv die gegenüberliegende Tapete zu betrachten, als ihm der metallische Geruch von Blut wieder in die Nase stieg. Wenigstens hatten sie Glück, dass noch keiner der anderen Gäste Alarm geschlagen hatte - vorausgesetzt, es gab andere Gäste und die Empfangsdame hatte sich nicht einfach nur einen Spaß daraus gemacht, Andrew und ihn grundlos in ein Zimmer zu stecken. Er vermutete letzteres, dennoch griff er nach Andrews Ärmel, um sie beide in Stille zu tauchen. Sicher war sicher. Nicht, dass man ihnen am Ende noch den Mord anhängen würde.
      "Ich mag die Idee nicht", setzte der Blonde an, als sie das Hotel verließen und er Andrews Ärmel los ließ, "aber ich glaube, Russland ist der einzige Hinweis, den wir im Moment haben, also wäre es vielleicht gar nicht so abwegig, dort anzusetzen? Ich weiß nicht, wie gut die kriminelle Unterwelt dort vernetzt ist, aber vielleicht gibt es irgendjemanden, der etwas weiß." Es war ein Schuss ins Blaue. Eine Verzweiflungstat. Alles, um nicht damit leben zu müssen, dem Feind eine Waffe auf einem Silbertablett serviert zu haben. "Wir könnten den nächsten Flug nehmen und dann vor Ort schauen, wo wir unter kommen." Vielleicht würde die Flugangst die restliche Panik ja irgendwie dämpfen.
    • Thomas

      "NEIN, HÖR MIR DOCH ZU! ICH SCHWÖRE DIR, DASS ICH SEINE NUMMER LÖSCHE, LEONA!"
      "Hör auf, hier eine Szene zu machen, Tommy. Es reicht", zischte die Blonde angeekelt und riss den Arm weg, den Thomas sich verzweifelt gekrallt hatte, bevor seine Freundin – nun wohl Ex-Freundin – durch die Tür verschwinden konnten. Die Leute auf der Straße warfen neugierige Blicke ins Haus und Leone wurde ungeduldig. "Du bist einfach außer Kontrolle" Sie schüttelte den Kopf, dann trat sie hinaus, drehte sich noch einmal kurz um und sagte: "Hoffentlich wird Andrew mit dir als seinem Sklaven glücklich", bevor sie die Tür zuwarf. Thomas blieb mit Tränen in den Augen und erstarrtem Gesicht zurück. Er hatte doch immer alles getan, was sie verlangte… Und er hatte bei dem Anruf noch nicht einmal gewusst, dass es Andrew war. Es war eine polnische Nummer gewesen!
      "Tommy, wer war denn da an der Tüüüür?", kam es hinter ihm aus dem Wohnzimmer. Mann. Es war Zeit, das Haus seiner Eltern zu verlassen. Es war überhaupt mal an der Zeit, etwas an seinem Leben zu verändern.

      Gedacht, getan. Zuerst zog Thomas bei einem Freund ein, bei dem er nun auf der Couch schlief, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Ansprüche hatte er keine, Hauptsache seine Mutter war nicht da. Naja, sein Gaming Setup müsste Platz haben, das war's aber auch. Dann verbrannte, löschte, eliminierte er alle Fotos, die er von Leona hatte. Sie konnte zur Hölle fahren! Jetzt lebte er sein eigenes Leben und niemand konnte ihm etwas vorschreiben!

      Andrew
      Der Griff nach Andrews Arm kam überraschend und er fragte sich sofort, ob Ezra gerade doch noch mental zusammenbrach und sich aus Angst an ihn klammern musste, aber sein Augen waren starr nach vorne gerichtet und er wirkte ebenso gefasst und gleichzeitig aufgewühlt wie die letzten paar Tage. Da erinnerte Andrew sich an den Ring. Sie würden nach diesem Abenteuer wohl trotzdem beide erstmal Therapeuten aufsuchen müssen.
      Nun standen sie jedenfalls vor dem Hotel wie zwei absolute Idioten mit ihrem Gepäck herum, nachdem es weder einen Plan B noch einen wirklichen Plan A gab. Andrew fühlte sich wie ein Computer, der abgestürzt war und erst wieder hochfahren musste.
      "Russland…", murmelte er Ezra nach. Aber bei diesem Glücksspiel fühlte er sich nicht wohl. Er beschloss, Thomas doch noch mit sich in den Untergang zu ziehen, aber… er hebte nicht ab. Was war denn jetzt?! Dabei hatte er die polnische Wegwerf-Nummer jetzt doch. Hoffentlich hatte der Kerl einen guten Grund.
      Andrew musste kurz die Augen schließen und tief durchatmen um nicht durchzudrehen. "Gut, na dann, ab nach Moskau, würde ich sagen?"
      Es wäre ein Wunder, wenn sie dort nicht sterben würden. Ein glattes Wunder.
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    • Ezra

      "Wundervoll", antwortete Ezra ohne jede Spur von Enthusiasmus in der Stimme. Er warf einen letzten Blick zurück zum Hotel. Irgendwie hatte er das Verlangen, jemandem Bescheid zu geben, dass dort drinnen eine ermordete Frau lag. Mindestens eine. Langsam wurde Ezra bewusst, dass sie die anderen Zimmer gar nicht angeschaut hatten - vielleicht war der Mord bis jetzt noch niemandem aufgefallen, weil alle anderen Gäste ebenfalls ermordet worden waren. Aber jetzt war es entschieden zu spät, um wieder zurück zu gehen und sie hatten niemanden, den sie irgendwie informieren konnten. Es war traurig, aber sie hatten wirklich wichtigeres zu tun, als sich mit der polnischen Polizei auseinander zu setzen. Zumal Ezra wirklich gut auf weiteren Kontakt mit irgendwelchen Helden und unangenehmen Nachfragen verzichten konnte - Andrew ausgenommen, warum auch immer.
      "Lass uns noch ein kleines Stück die Straße runter gehen und dann ein Taxi rufen", schlug er schließlich vor, während er im Gehen durch die möglichen Flüge scrollte - mit kurzem Abstecher zum Zugnetz, was als Alternative leider ausfiel. Sie würden wohl wieder zwei Stunden in der Luft verbringen müssen, diesmal auf den Weg zu noch mehr Gefahr.

      Es war schräg, wie normal alles am Flughafen war. Ezra war natürlich vollkommen bewusst, dass es für die anderen Fluggäste nur ein vollkommen normaler Wochentag war, aber irgendwie hatte er das seltsame Gefühl, dass sie auch alle genauso panisch sein müssten, wie er, so, als hätten sie den Morgen auch an einem Mordschauplatz begonnen.
      Sie saßen in einer kleinen Sitzgruppe an ihrem Gate, während sie darauf warteten, ins Flugzeug zu dürfen. Ezra spielte mit einem halbleeren Papp-Kaffeebecher, während er auf das ausgeblichene Muster des Teppichs vor seinen Füßen starrte. Es war nicht viel los, ein paar Sitze weiter saß eine junge Frau, die mit ihrem Handy beschäftigt war, ein Rentnerpärchen stand an dem großen Fenster und sah zu den Flugzeugen, irgendwo schrie ein Kleinkind. Wenigstens war Ezra nicht der einzige, der sich nicht auf den Flug zu freuen schien. Oder auf das, was nach dem Flug folgte. Für Polen hatten sie zumindest den Ansatz eines Plans, in Russland wären sie vollkommen aufgeworfen. Er konnte nur hoffen, dass sie es schaffen würden, eine Spur zum Stein zu finden, bevor sie wegen etwas vollkommen anderen in Probleme gerieten.
    • Andrew

      Die Anreise zum Flughafen war still gewesen, bei den gegebenen Umständen aber kaum überraschend. Andrew merkte, wie sein Kopf vollkommen leer war. Er hatte keine Energie, um noch über irgendetwas nachzudenken und dabei hatten sie vor einer knappen Stunde erst ihren Tag begonnen. Eigentlich konnte er auch schon wieder enden, wenn es nach ihm ging. Aber sein Gehirn hatte sich in eine Art Selbstschutz-Modus versetzt und wenn er versuchte, einen Gedanken zu fassen, musste er sich angestrengt ein nervöses Lachen verkneifen, weil das alles zu absurd war. Der erste Kaffee an diesem Morgen brachte ihn zumindest wieder minimal auf die Reihe und abgesehen von dem Kindergeschrei war es relativ ruhig und seltsam friedlich am Gate. Andrew bräuchte locker noch etwa 5 Stunden um hier bloß regungslos zu sitzen, damit die Ereignisse ihm nicht mehr wie ein langer Alptraum vorkamen, aber die Sekunden verrannen zu schnell und die Zeit hatten sie nicht. Bevor Andrew sich versah saß er in einem Billigflug neben Ezra und verabschiedete sich von Polen um ein noch weitaus unheimlicheres Ziel anzupeilen.
      In dem Moment als das Flugzeug startete realisierte er es auf einmal: Es gab einfach kein Zurück.
      Ein kleiner Schub Panik durchfuhr ihn. Taten sie auch wirklich das Richtige? Wieso hatten sie sich in erster Linie überhaupt eingemischt? Andrew konnte nie wieder sein altes Leben zurück bekommen. Und irgendwie steckte er in dem Schlamassel mit einem Dieb fest, den er viel zu lange und viel zu gut kannte. Und es war das einzige, das ihm ein wenig Beruhigung schenkte.
      Andrew linste zu seinem Sitznachbarn. Der Blonde musste ebenso durch den Wind sein, wie er, aber sie hatten sich definitiv beide ein gutes Pokerface antrainiert. Ob die Leiche heute Morgen ihm die Angst vorm Fliegen ausgetrieben hatte? Oder anders herum? Und wieso hatte Andrew dieses unerträgliche Verlangen, ihn irgendwie zu berühren um ihn wissen zu lassen, dass da noch jemand war, der mit ihm in dieser Scheiße steckte? Ihm ein kleines bisschen Ruhe zukommen zu lassen oder sein Leid durchs Teilen zu halbieren?
      Bevor er sich versah hatte er seine Hand auf der Sitzlehne zwischen ihnen fest ergriffen und starrte stur und wortlos aus dem Fenster zu seiner anderen Seite. Wenigstens waren sie nicht allein.
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    • Jelena

      Der Abend war anstrengend gewesen. Es hatte viel zu lange gedauert, bis Jelena sich von den Feierlichkeiten fortstehlen konnte, ohne unhöflich zu sein und ihre Verbindung zu Nadia, ihr einziger Lichtblick des Abends, war abgebrochen, als ihre Freundin ins Flugzeug gestiegen war. Wenigstens war der Diebstahl des Steins ein voller Erfolg gewesen, aber Jelena hätte es trotzdem bevorzugt, eine durchgehende Verbindung zu Nadia zu haben, nur um sicher zu gehen, dass sie nicht von ihrem Plan abweichen würde. Außerdem ärgerte sie sich immer noch darüber, dass sie bei ihren Recherchen nicht realisiert hatte, dass ihre beiden Gegenspieler ebenfalls in einer Beziehung steckten - aber wer hätte das auch ahnen können? Das war sicher nicht ihr Fehler gewesen.
      Aber wenigstens war sie endlich zuhause. Endlich konnte sie ihren Hosenanzug gegen ein Shirt und Designer-Leggins tauschen und sich darum kümmern, irgendwie den Rotweinfleck aus ihrer Bluse zu bekommen. Eigentlich hatte sie da Personal dafür, aber selbiges hatte heute Abend frei. Jelena hatte sich eh nie wohl dabei gefühlt, so viele Leute in ihrer Stadtvilla zu haben, weshalb ihr Personal auf das Nötigste reduziert war. Wenn sie wusste, dass Nadia vorbeikommen würde, gab sie dem Personal meistens unter irgendeinem Vorwand frei - je weniger Leute von ihrer Beziehung wussten, desto besser. Selbst wenn sie nicht wussten, dass Nadia eine Killerin war - das hier war Russland. Queere Menschen hatten hier keinen sonderlich guten Stand, Status hin oder her.
      Jelena seufzte, während sie Wasser und Seife auf ihre Bluse tupfte und einen Blick auf die Uhr warf. Ganze zwei Minuten später, als bei ihrem letzten Blick auf die Uhr. Vielleicht sollte sie einfach ins Bett gehen. Nadia hatte eh einen Schlüssel. Aber sie würde eh nicht schlafen können, nicht bevor sie den Stein in ihren Händen hielt. Nadia musste bereits gelandet sein. Es konnte nicht mehr lange dauern. Jelena widerstand dem Drang, erneut das Headset anzuschließen und nachzufragen, wo Nadia war. Ihre Beziehung war genauso anstrengend, wie der Rest des Abends - Jelena wusste nie genau, wie romantisch sie sein konnte, bevor sie Nadia zu viel sein würde. Wie oft konnte sie fragen, wo ihre Freundin war, bevor ihr auffallen würde, dass es ihr weniger um Nadia selbst ging und mehr um den Stein?
      Mit einem weiteren genervten Seufzen ließ Jelena ihre Bluse in ihrer Spüle liegen, schnappte sich ihr Handy und ging zurück in ihr Wohnzimmer. Sie hatte das Haus komplett renoviert, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Es war überraschend befreiend gewesen. Jedes Möbelstück war von einem Innendesigner ausgesucht worden, alles in perfekter Abstimmung zueinander. Jelena ließ sich auf ein Sofa sinken, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ein Kleinwagen und öffnete ihren Nachrichtenverlauf mit Nadia. 'Bei dir alles okay, Babe? <3', tippte sie, bevor sie den Laptop auf ihrem Wohnzimmertisch anschaltete. Vielleicht würde sie die letzten paar Minuten auch mit etwas Recherche rumbekommen können.
    • Nadia

      Nadia summte ein Lied im Radio mit, während sie aus dem Taxifenster sah und die Stadt bei Nacht beobachtete. Manchmal verspürte sie einen überwältigen Hass, sobald sie in Moskau ankam. Am liebsten würde sie die Scheibe einschlagen.
      Sie bezahlte den Fahrer, stieg aus dem Auto und begann ihren Fußmarsch zur Villa ihrer Freundin, mit der sie eine Vereinbarung hatte, niemals direkt vor ihrer Haustüre aus einem Taxi zu steigen. Das brachte sie fast zum kochen, aber es war nicht Jelenas Schuld. Immer wieder erinnerte dieses Land sie daran, wieso sie tat, was sie tat. In jedem Fall würde sie alle, die etwas über ihre Beziehung auszusetzen hatten, viel lieber umbringen, als weiter dieses Versteckspiel zu spielen, aber Jelena hatte das Sagen, seit Nadia nicht mehr im Gefängnis war. Sie wollte nicht dort hin zurück und sie konnte sich mit Sicherheit alleine durchschlagen, um das zu verhindern, aber es war furchtbar anstrengend. Dann konnte sie sich erstmal von Business Class, hübschen Kleidern und Wein zum Abendessen verabschieden und das wollte sie wirklich ungern. Solange Jelena und sie dasselbe Ziel verfolgten, würde sie sich eben zusammenreißen müssen und diese Wut herunter schlucken, die alleine die Sprache des Landes in ihr auslöste. Am Ende des Tages gab es doch keine richtige Freiheit. Von irgendetwas war man immer gefesselt und wenn es nur ihr eigener Körper, ihr eigenes Gehirn war, das sie einsperrte.
      Den ganzen Weg zurück hatte Nadia weder ihr Handy beachtet, noch den Ohrhörer an gestellt. Dass Jelena deshalb ungeduldig sein würde war ihr klar, aber sie wollte doch auch Spaß haben. Die Brünette war so verrückt nach diesen Steinen, dass es Nadia nicht verborgen blieb, dass sie sich irgendwie gegenseitig für eigene Zwecke ausnutzten. Aber auf ihre eigene verschrobene Art liebte sie diese Frau trotzdem. Auch wenn sie nicht wusste, wie sich dieses Gefühl wohl für andere anfühlte. Für diese ganzen Menschen, die auf der Straße Hand in Hand spazieren gingen und nervös waren, die Eltern des anderen kennen zu lernen. Aber sie fühlte etwas, was es auch sein mochte.
      Sie schloss die Tür auf und genoss die Wärme im Haus, bevor sie ihren Koffer stehen ließ, den Mantel aufknöpfte und sich währenddessen schon auf die Suche nach Jelena machte, die es bestimmt nicht erwarten konnte, den Stein in der Hand zu halten. Nadia hatte ihn die ganze Zeit über in ihrer Jackentasche gehabt und mehr oder weniger Roulette gespielt, ob irgendetwas Schreckliches passieren würde aber es kam einfach nichts. Das Adrenalin hatte sich dennoch gelohnt.
      Am liebsten hätte sie sich an ihre Freundin angeschlichen aber mit den hohen Schuhen konnte man jeden Schritt durchs ganze Haus hallen hören. Sie sah Jelena auf dem Sofa im Wohnzimmer und kam ihr lächelnd entgegen, bückte sich zu ihr herab und sagte: "Kuss, dann Stein"
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    • Jelena

      Methodisch klickte sich Jelena sich von Datei zu Datei, Link zu Link, während sie versuchte, naja, irgendwas zu finden. Irgendeinen Hinweis auf die Sicherheitsmaßnahmen der anderen Steine, Leute, die ihnen helfen oder ihnen gefährlich werden könnten. Die englische Regierung hatte nach ihrem Diebstahl Alarm geschlagen und sie war sich sicher, dass die anderen Regierungen in Folge dessen ihre Schutzmaßnahmen erhöht hatten. Es wäre schlau, vorerst auf weitere Diebstähle zu verzichten, aber vielleicht gab es ja noch irgendwo einen Stein, der ihnen nutzen könnte und für den sie keine Regierung bestehlen mussten. Aber es würde dauern. Alles würde dauern. Gott, am liebsten hätte Jelena direkt eine Revolution angezettelt, aber es wäre überheblich zu denken, dass sie damit auch nur den Ansatz einer Chance hätte. Nicht mit nur zwei Steinen.
      Jelena stellte den Laptop zurück auf den Tisch, als sie das Klicken der Türe und die anschließenden Schritte auf dem Parkett hörte. Die Brünette konnte nicht anders, als zu lächeln, als ihre Freundin das Wohnzimmer betrat und sich zu ihr hinab neigte. Sie gab ihr den gewünschten Kuss mit einem kleinen Lachen, ohne zu zögern und zog Nadia dabei ein wenig näher. Nadias Lippen waren immer noch kalt von der abendlichen Winterluft. Sie zu küssen fühlte sich jedes mal ein wenig seltsam an. Ihre größte Verbündete, ihre größte Gefahr, ihre Schwachstelle, in mehr als nur einer Hinsicht, und unter alle dem immer wieder die Erkenntnis, dass sie Nadia vielleicht tatsächlich lieben könnte, wenn die Umstände anders wären. Wenn sie sie nicht einfach nur nutzen würde, um mehr ihren eigenen Plan durchzusetzen. Wenn sie nicht ständig damit rechnen müsste, sich am falschen Ende von Nadias Messer wiederzufinden.
      "Du machst mir immer die schönsten Geschenke, Nad", seufzte Jelena, als sie sich aus dem Kuss löste und ihrer Freundin sanft mit dem Daumen über die Wange strich. Der zweite Stein. Und alles nach nur ein wenig Manipulation. "Ist bei dir alles okay?", schob sie schließlich, beinahe etwas pflichtbewusst nach, während sie aufstand, Nadias Hand nahm und die Dunkelhaarige wie im Tanz einmal um die eigene Achse drehte, als wolle sie sich selbst davon überzeugen, dass ihrer Freundin kein Messer im Rücken steckte. Nadia war hübsch, auf die selbe Art und Weise, wie man ein Raubtier hübsch fand. Elegant, aber gefährlich. Jelena wusste sie, ob sie sich in ihrer Nähe sicher, oder bedroht fühlen sollte.
      Sie beendete die Drehung indem sie ihre Arme locker um Nadias Hüften legte. "Stein?", fragte sie schließlich, während sie ihr ungefähr den selben Blick zuwarf, wie ein Kind, das die Weihnachtsbescherung nicht abwarten konnte.
    • Nadia

      Mit einem Grinsen ließ sie sich im Kreis drehen. "Einwandfrei", erklärte sie und nahm Jelena die Sorge um ihren intakten Körper ab. Sie legte die Arme über ihre Schultern und lächelte während sie den Blick zwischen den Augen der Dunkelhaarigen hin und her gleiten ließ, als wolle sie ihre dahinter verborgenen Gedanken lesen. "Und du hast sicher schon eine Lösung gefunden?", fragte sie leise und musterte Jelena weiterhin. "Für die beiden?"
      Sie ging nicht davon aus, dass die selbsterkorenen Detektive aufhören würden, Steine aufzuspüren, wenn sie denn überhaupt wussten, dass es viel mehr als zwei Stück gab. Die Sturheit, die sie nach Polen getrieben hatte, sprach jedenfalls für sich, aber Jelena war diejenige, die sich um solche Angelegenheiten kümmerte. Hieß: die Entscheidung zu treffen, wer beseitigt wurde und wer nicht. Anders als Nadia hatte sie vermutlich keinen Spaß an Komplikationen oder Spielchen, die sie von ihrem Ziel abhielten. Es kam ganz darauf an, wie Jelena die zwei einschätzte, aber Nadia wollte vermeiden, sie im Namen dieser Sache umzubringen. Eigentlich hatten sie sich darauf geeinigt, aber weigern würde sie sich am Ende wohl dennoch nicht. Im Krieg gab es eben auch Opfer an der eigenen Front.
      "Sind sie am Weg zurück nach England?", murmelte Nadia. Jelena hatte sich doch bestimmt über ihren Standort informiert, oder? Bis aufs weitere würde Nadia die kleine Notiz verheimlichen, die sie zurück gelassen hatte. Sie konnte manchmal nicht anders, als alles etwas interessanter zu gestalten. Es wäre doch wahnsinnig, wenn sie wirklich aufgrund dieser Kleinigkeit nach Russland kommen würden. Ohne jegliche nützliche Hinweise. Ignorant gegenüber den Umständen in Russland und was passieren würde, wenn sie ausgerechnet hier aufflogen. Konnte man so naiv sein? Bei dem Gedanken flatterte Nadias Herz. Wie gerne würde sie diese Männer doch bei jeder Entscheidungsfindung beobachten.
      "Was tun wir denn, wenn sie keine Ruhe geben?", flüsterte sie und kam gedanklich bereits ganz vom Thema ab, nachdem die unmittelbare Nähe zu dieser Frau ihre Sinne immer ein wenig vernebelte. Sie seufzte leicht, legte Jelena eine ihrer kühlen Hände in den Nacken und widerstand dem Drang die Distanz zwischen ihren Lippen verschwinden zu lassen. Die Absenz von gewöhnlichen Emotionen hatte sie immer schon zu einer sehr körperlichen Person gemacht. Berührung, Geschmack, Geräusche… das war es, was sie in den Wahnsinn trieb. Wenn sie nicht gerade direkt vor Jelena stand, ihr Parfum roch und ihre weiche Haut spürte, konnte sie das alles sofort vergessen. Aber die Gleichgültigkeit, die sie ihr ganzes Leben begleitete, wurde dann und wann von physischen Reaktionen überspielt. In Jelenas Nähe fühlte sie sich selten leer.
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    • Jelena

      Die beiden. Jelena hatte eigentlich versucht, die beiden Hobby-Detektive irgendwie zu verdrängen. Wie konnte man so verplant sein und trotzdem so erfolgreich im Weg stehen? Es war schon kompliziert genug gewesen, die englische Regierung dezent davon zu überzeugen, den Helden zu entlassen - wer hätte ahnen können, dass selbiger verbissen genug war, stattdessen seinen eigenen Freund in die Sache reinzuziehen? Generell hatte Nadias Erkenntnis, dass die beiden offenbar zusammen waren, irgendwie alle Informationen, die Jelena vorlagen, in ein neues Licht gerückt und für unnötig viel Chaos gesorgt. Wie hatte sie das übersehen können? Gott. Andrew und Ezra bereiteten ihr furchtbare Kopfschmerzen. Vielleicht wäre es wirklich einfacher gewesen, sie, naja, permanent aus dem Weg zu räumen.
      "Ich bin ein paar Sicherheitskameras durchgegangen, um zu sehen, wo sie sind und habe ein Auge auf die Fluglisten. Ich bekomme es mit, wenn sie Polen verlassen. Wahrscheinlich wieder Richtung London, dann müssen wir uns nicht mehr um sie kümmern." Jelena machte eine kleine, wegwerfende Handbewegung, als wäre dies der Punkt, an dem sie das Thema beenden wollte. Nichts, womit man sich länger befassen musste. Immerhin war Nadias Arbeit bisher immer tadellos gewesen, es war vollkommen unmöglich, dass die beiden den Diebstahl irgendwie zuordnen könnten. Wenn sie den Stein verfolgen wollen würden, hätten sie keinen Anhaltspunkt, wohin. Eine Sorge weniger, bis sie den nächsten Stein besorgen würden und Jelena hatte bereits die nächsten Ziele im Blick. Paris, Rom, Berlin. Vielleicht würde sie Nadia aussuchen lassen, welchen Stein sie zuerst stehlen sollten, es war immerhin nicht so, als würde Jelena je mit an den Tatort reisen. Sie saß hier und wartete und plante. Ohne Nadia wäre sie vollkommen aufgeschmissen.
      Vielleicht war es dieser Gedanke, der sie auch dazu brachte, Nadia erneut einen Kuss auf die Lippen zu drücken, während die kalte Hand in ihrem Nacken einen Schauer durch Jelenas Körper jagte. Wahrscheinlich wäre das der Punkt, an dem eine liebevolle Freundin eine Decke holen würde, oder einen Tee. Aber Jelena hatte den Stein immer noch nicht in ihren Händen und fühlte sich gerade nicht dazu in der Lage, über die Bedürfnisse einer anderen Person nachzudenken. "Und wenn noch jemand auf die Idee kommen sollte, uns stoppen zu wollen, haben wir jetzt immerhin zwei Steine." Wenn ihr Nadia den zweiten Stein nur geben würde. "Wer sollte uns da noch-"
      Jelena unterbrach sich selbst, als ihr Laptop einen leisen Ton von sich gab, der auf ein Update der Fluglisten hinwies. Sie lächelte knapp, bevor sie sich von Nadia löste und nach dem Laptop griff. Sie setzte sich wieder auf das Sofa, mit einer kurzen Geste in Nadias Richtung, sich neben sie zu setzen, während sie den Laptop aufklappte und die Liste durchging.
      "Na also. Sie sind unterwegs nach...Moskau?" Jelena blinzelte, sah erneut auf die beiden Namen und das Flugziel und stieß anschließend einen kleinen Fluch aus. "Moskau? Warum Moskau?" Sie schlug den Laptop zu und sprang wieder vom Sofa auf, um nervös von links nach rechts zu laufen und sich durch die Haare zu gehen. Das war nicht Teil ihres Plans gewesen. "Was wollen die hier?" Sie stieß einen frustrierten Schrei aus. "Okay. Neuer Plan. Wir-" Sie stoppte, während ihre Gedanken rasten. Was wollten sie hier? Wie waren sie ausgerechnet auf Moskau gekommen? Welche Informationen hatten sie noch? Mussten sie sich Sorgen machen? Sie sah erneut zu Nadia. "Bist du sicher, dass du nichts am Tatort verloren hast?"
    • Nadia

      Nadia lehnte sich im Sofa zurück während sie ausdruckslos Jelenas Wutanfall beobachtete. Menschen konnten so schnell die Fassung verlieren… Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem etwas aus den Fingern glitt, das einem so viel bedeutete?
      Die Brünette zuckte mit den Schultern und sagte unschuldig: "Du weißt doch, dass ich keine Fehler mache. Vielleicht haben sie herausgefunden, wer der Grund für die Kündigung des Helden war? Die meisten Politiker sind doch nur Ratten, die für Geld alles ausplaudern würden" Sie betrachtete konzentriert ihre roten Fingernägel. "Zumindest wäre das mein erster Schritt gewesen, wenn ich uns finden wollte" Geld konnte man leicht beschaffen, also wäre es doch die sinnvollste Option sich direkt an der Quelle zu informieren. Außer man war ein Ex-Held, der panische Angst davor hatte, gegen das Gesetz zu arbeiten oder schlimmer– seine jahrelang vertrauten KollegInnen zu hintergehen. Dabei war auch das Fälschen von Papieren nicht unbedingt der Job eines Engels. Aber was wusste Nadia schon über die frivolen Persönlichkeitsschwächen solcher Menschen? Noch war es auch nicht ihr Problem. In Moskau würden sie so schnell hinter Gittern landen wie nirgendwo sonst. Spätestens wenn Jelena ein bisschen an den Fäden zog. Wieso regte sie sich bloß so auf?
      Nadia stand auf, nahm Jelenas Arm und drückte ihr den Stein in die Hand. Sie sah sie eindringlich an. "Wäre es nicht lustig, wenn die beiden heute Abend in einer Zelle schlafen würden?" Sie lächelte ein wenig. "Und morgen holst du sie… ganz einfach wieder raus… und dann habe ich meinen Spaß mit ihnen?" Jelena durfte ruhig glauben, dass sie vorhatte die beiden zu töten. Vielleicht tat sie das auch, aber vielleicht konnten sie ihnen auch noch anders von Nutzen sein. In jedem Fall wäre es zu köstlich, morgen die traumatisierten Gesichter zu sehen, wenn sie ohne Anhörungen oder Gerichtsbeschlüsse im Gefängnis gelandet waren, ohne Aussicht jemals wieder herauszukommen. Etwa so, wie Nadia es damals erleben durfte.
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    • Jelena

      Jelena seufzte frustriert auf. Sie war definitiv zu lange wach, um sich einen ordentlichen Plan zu überlegen und es blieben ihr zu wenige Möglichkeiten, als dass sie sich Fehler erlauben konnte. Falls wirklich jemand ausgeplaudert hatte, wer genau den ersten Anstoß für die Kündigung des Helds gegeben hatte, mussten sie ihre Abschussliste um ein paar Namen erweitern. Nadia würde sich sicher freuen, aber eigentlich war es nicht ihr Plan gewesen, jeden zu töten, den sie kannte. Zumindest nicht direkt. Aber darüber würden sie sich später Gedanken machen müssen. Der Held und sein nerviges Anhängsel waren definitiv das größere Problem und sie hatten nur noch wenige Stunden, um es zu lösen. Was-
      Ihre Gedanken kamen zu seinem jähen Halt, als Nadia ihr den Stein in die Hand drückte. Er war glatt geschliffen, milchig und fühlte sich seltsam warm an, fast so, als wollte er benutzt werden. Es war fast ein wenig anstrengend, sich voll auf Nadias Worte zu konzentrieren, oder sie kritisch zu hinterfragen.
      Sie erstmal wegsperren zu lassen hörte sich verführerisch einfach an. Sie hatte ein nettes kleines Ferienhaus etwas weiter nördlich, das einen sehr nützlichen Keller hatte. Jelena war sich nicht ganz sicher, wieso es diesen Keller gab - entweder hatte ihre Familie einfach immer schon hin und wieder Menschen weggesperrt, oder ihre Eltern hatten schlicht vergessen, die kleinen Zellen im Keller zu renovieren - aber es war ihr ab und an ganz gelegen gekommen. So wie jetzt. Es wäre zumindest einfacher, als ein öffentliches Gefängnis, in dem Leute Fragen stellen könnten. Außerdem hätten sie die beiden dort die ganze Zeit über eine Kamera im Blick. Sie mussten die beiden irgendwie bis dorthin bekommen, aber das wäre bestimmt schon irgendwie machbar. Jelena fuhr mit dem Daumen über den Stein in ihrer Hand. Irgendwie würde sich schon alles von selbst lösen. Obwohl...
      "Vielleicht werden sie ja auch etwas einsichtiger, wenn sie eine Nacht in einer Zelle verbracht haben. Falls die beiden wirklich ein Pärchen sind, können wir sie vielleicht auf unsere Seite ziehen." Immerhin mussten sie ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht haben, wie sie. Jelena spielte erneut mit dem Stein in ihrer Hand, bevor sie sich kurz räusperte. "Wie wäre es? Wir lassen die beiden eine Nacht im Keller von unserem Ferienhaus verbringen und stellen sie vor die Wahl. Entweder sie helfen uns, oder...du darfst mit ihnen machen, was du willst?" Sie warf Nadia ein kleines Lächeln zu, während sie ihre freie Hand um den Hals ihrer Freundin legte. "Du kannst dir ja schon mal überlegen, was du mit ihnen anstellen willst."
    • Nadia

      Nadia setzte einen Schmollmund auf. "Na schön. Das Ferienhaus muss wohl reichen" Vermutlich konnte selbst Jelena nicht ganz so viele Stränge ziehen, dass sie sich mal eben spontan eine Gefängniszelle ausleihen konnte um ein paar Fremde einsperren zu lassen. Dabei war es bestimmt nicht unmöglich. Naja, was soll's, der Weinkeller hatte auch seinen Charme, auch wenn er weniger nach Urin roch.
      Nadia musste grinsen, als Jelena sie motivierte, sich Foltermethoden auszudenken. Sie hatte nicht unbedingt Spaß daran, Menschen zu töten, wenn es ihr nichts brachte. Es wurde erst spannend, wenn es eine Belohnung gab… oder wenn es Arschlöcher waren, die den Tod verdienten. Aber Jelena durfte ruhig denken, dass sie das Leid anderer genoss, warum auch nicht? Das war ein aufregenderer Gedanke, als die Realität, in der es ihr schlichtweg egal war. Und vielleicht gab es Jelena ja einen Nervenkitzel, so über sie zu denken. Und der… konnte ihre Beziehung ja nur aufpeppen.
      Sie strich mit dem Zeigefinger unter ihrem Kinn entlang. "Da muss ich nicht überlegen. Ich mach mir viel lieber Gedanken darüber, was wir beide… heute Abend noch tun könnten? Du hast doch sicher irgendjemanden, der die zwei einfängt, damit ich nicht nochmal raus in die Kälte muss?" Nadia legte den Kopf ein wenig schief und betrachtete ihr Gegenüber mit großen Augen. Dann trat sie näher heran und legte den Kopf in ihre Schulter. Sie atmete gegen Jelenas warme Haut, strich mit beiden Händen über ihren Rücken und küsste sanft ihren Hals. Nur ein Monster würde sie jetzt nochmal losschicken. Nein, nur über ihre Leiche setzte Nadia heute nochmal einen Fuß nach draußen, ihr war bereits kalt genug. "Vielleicht fällt dir was ein, das mich aufwärmt?", flüsterte sie neckend.
      Auch wenn diese Möchtegern-Kriminellen vielleicht dachten, dass sie irgendetwas auf der Welt bewirken konnten… Sie würden sich bestimmt nicht mehr so stark fühlen, wenn man ihnen eine Waffe an den Kopf hielt. Und das konnte ja wohl wirklich jeder bewerkstelligen. Da brachten ihnen ihre kleinen magischen Steinchen auch nichts mehr.
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    • Jelena

      Es gab kleine Momente in ihrer komplizierten Beziehung, die Jelena trügerisch einfach vorkamen. Dieser war definitiv einer davon.
      Sie legte den Arm mit dem Stein in der Hand um die Taille ihrer Freundin, während sie kurz die Augen schloss und einfach das Gefühl von Nadias Nähe genoss. Ihre Haut fühlte sich tatsächlich immer noch kalt an. "Ich werd schon jemanden finden, der die beiden abfangen kann", murmelte Jelena gegen Nadias Ohr, während sie ihre freie Hand nutzte, um mit den Haaren ihrer Freundin zu spielen. "Ich würde dich eh heute nicht mehr gehen lassen. Ich hab dich doch gerade erst wieder bei mir." Sie war selbst ein kleines bisschen davon überrascht, dass dieser Anflug von Sentimentalität nicht gespielt war. Vielleicht hing sie wirklich mehr an Nadia, als ihr lieb war. Vielleicht hatte das große, leere Haus auch einfach einen schlechten Einfluss auf ihre Psyche. Das würde auch erklären, wieso ihr selbst furchtbar warm wurde, als Nadia mit ihr flirtete. "Ein kleiner Text und dann sehen wir, wie wir dich wieder aufwärmen können." Sie drückte einen vielversprechenden Kuss auf Nadias Lippen, bevor sie sich von ihr löste.
      Der Stein landete achtlos auf dem Wohnzimmertisch, gerade so, als ob es sich dabei eher um Deko handeln würde, als um eine Waffe. Aber war sollte schon passieren? Niemand würde auf die Idee kommen, hier einzubrechen, Jelena hatte genug andere Steine um sich zu verteidigen und sie war sich absolut sicher, dass es sowieso niemanden gab der tödlicher war, als Nadia. Es war hochmütig, den Stein offen liegen zu lassen, aber diesen Hochmut konnte sie sich leisten.
      Die Nachricht, die sie anschließend auf ihrem Handy tippte, war kurz und eindeutig. Zum Glück war Nadia nicht die einzige, die für sie arbeitete, ohne viele Fragen zu stellen. Jelena übermittelte ihren kleinen Plan und ein paar Daten an einen ihrer Kontakte und wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu, ohne auf eine Antwort zu warten.
      Sie warf Nadia kurz einen musternden Blick zu, während sie überlegte, was sie mit dem restlichen Abend anfangen sollten. Obwohl das 'was' weniger das Problem war...viel schwieriger war es, eine treffende Formulierung zu finden. Jelena war noch nie sonderlich gut im Flirten gewesen. Vielleicht hatte sie sich in ihrer Beziehung zu Nadia genau deswegen immer auf gezielte Manipulation verlassen. Sie trat wieder näher an Nadia heran und fuhr mit ihren Fingerspitzen über die Hüften ihrer Freundin. "Wie wäre es mit einer heißen Dusche?", fragte sie, ein wenig zu nervös, als dass es irgendwie flirtiv klingen würde. Sie musste sich darauf verlassen, dass Nadia verliebt genug war, um über die hölzernen Flirts hinweg zu sehen. Vielleicht machte sie das auch irgendwie charmant, oder so. "Oder direkt ins Bett?", schob sie hinterher, während sie Nadia ein wenig näher an sich heran zog. "Oder beides, in der Reihenfolge?"
    • Nadia

      Nadias Augen blitzten ihr Gegenüber spielerisch an. Jelena schien nie genau zu wissen, wie sie sich in ihrer Nähe verhalten sollte, wobei sie sonst wirklich jede Lage unter Kontrolle hatte. Dieses bisschen Macht, das sie immerzu über ihre Freundin hatte, war Nadia überaus bewusst, doch ausnahmsweise wollte sie diese einfach nicht ausnutzen. Stattdessen lächelte sie verschmitzt und griff nach Jelenas Hand. Während sie die Dunkelhaarige neben sich her zog und sich den Weg ins obere Stockwerk bahnte, erwiderte sie zielsicher: "Duschen, Sex, Essen. Ich hab richtig Lust auf Stroganina"

      Andrew

      Irgendwann musste Andrew auf dem Flug vor Erschöpfung nach der immer weiter ansteigenden Panik eingeschlafen sein. Jedenfalls hatte er beschlossen, das Händchenhalten totzuschweigen, wenn ihm schon vom Universum gewährt wurde, so zu tun als wäre es nicht passiert. Man vergaß doch oft Dinge, die man vor dem Einschlafen gesagt und getan hatte, oder? Eigentlich wäre an der Sache ja nichts Schlimmes gewesen, denn sie brauchte beide ein wenig emotionalen Support in dieser merkwürdigen Zeit, vor allem nachdem sie gerade eine frische Leichte sichten durften, deren Blut immer noch an ihren Schuhsolen klebte. Aber Andrew konnte so ein unterschwelliges Gefühl nicht abschütteln, dass er nun schon eine Weile mit sich herumtrug, seit Ezra und er gezwungenermaßen so aneinander klebten. Vor allem nachdem er kurzzeitig dachte, dass er den Dieb vielleicht nie wieder sehen würde. Was auch immer es war, es durfte nicht an die Oberfläche kommen.
      Der Flug war überraschend kurz gewesen, allerdings war es dank der Zeitverschiebung dunkel, eiskalt und deprimierender, als Andrew es sich erhofft hatte, sobald sie den Flughafen verließen. Sie mussten jetzt nur noch ein Taxi finden und zu dem Hotel finden, dass wieder einmal höchst spontan ausgewählt wurde und viel Zeit hatte Andrew diesmal wirklich nicht gehabt, um Russisch zu lernen. Sie konnten nur aufs Beste hoffen.

      Es war vielleicht ein wenig seltsam, aber einer der Taxifahrer, die vor ihren Autos standen und sich wohl die Beine vertraten oder sowas, bis de nächste Fahrgast einstieg, winkte sie ganz klar zu sich. Andrew musste sich zwar umdrehen und nachsehen, ob sie auch wirklich gemeint waren, doch es schien so, also ging er auf den Mann zu, der gerade seine Zigarette zu Boden warf und austrat.
      "Europäer? Sieht man sofort", wurden sie mit starkem Akzent begrüßt. Der Mann grinste. "Ich fahre Sie" Er nahm Ezra und ihm ohne zu Fragen das Gepäck ab und begann es im Kofferraum zu verstauen. Andrew warf Ezra kurz einen skeptischen Blick zu. Sein Vertrauen in Menschen hatte in den letzten paar Tagen definitiv nachgelassen Nicht, dass er jemals viel davon übrig gehabt hatte. Allerdings schien es hier einen ordentlichen Taxistau zu geben und er hatte keine Lust ewig in der Kälte zu stehen und aufs nächste zu warten. Bei ihrem Glück sprach der nächste Fahrer auch ausschließlich Russisch.
      Etwas zögerlich begann er dem Mann zu helfen, seinen Koffer ins Auto zu quetschen. Dann stieg er am Beifahrersitz ins Auto. "Vielen Dank", meinte er erst und zog dann sein Handy aus der Tasche, um dem Mann die Adresse des Hotels zu zeigen. Der wusste auch sofort, wohin sie wollten. Das war doch ein gutes Zeichen?

      Dass Ezra auf der Rückbank saß und er ihn nicht sehen konnte, bereitete Andrew leichtes Unbehagen. Die ganze Situation machte ihn ehrlicherweise ziemlich nervös. Sie wussten noch nicht einmal, hinter wem sie her waren und Andrew fühlte sich konstant beobachtet. Außerdem hätte der Typ mal das Radio im Auto einschalte können oder so, denn die Stille zerfraß ihn gerade förmlich. Sie waren schon etwa zehn Minuten unterwegs und offenbar war der Moskauer Flughafen von einer Einöde umgeben, soweit Andrew das im Dunkeln erkennen konnte. Er war auch nicht wirklich beruhigter, als der Fahrer irgendwann am Straßenrand hielt und meinte: "Anhalter". Aha? War es üblich für Taxis in Moskau, Anhalter mitzunehmen, wenn bereits jemand im Auto saß? Andrew sah unsicher über die Schulter, als neben Ezra noch ein Mann mittleren Alters ins Auto stieg. Freundlich sahen die Leute hier allesamt nicht aus, was? Sie fuhren weiter. Andrew versuchte seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten und nicht mit riesigen Augen und Stirnfalten am Beifahrersitz zu erstarren. Dennoch redete er sich ein, dass diese erdrückende Stille das Hauptproblem der Atmosphäre war. Für einen Moment war er sich sicher, eine gute Idee gehabt zu haben. Er drehte sich herum und sah den Fremden an, der gerade zugestiegen war.
      "Und wo wollen Sie hin?", fragte er möglichst freundlich. Schließlich hatte er dem Fahrer nicht einmal sein Ziel mitgeteilt.
      Als der Mann allerdings in der nächsten Sekunde eine Waffe aus seiner Jackentasche zog – so unberührt als wäre es sein Handy – und diese Andrew vors Gesicht hielt, wurde ihm einiges klar und gleichzeitig überschlugen sich in seinem Kopf die Gedanken. Als Held, würde man meinen, hätte er mit vielen Waffen zutun gehabt, aber alles, womit er in seinem Leben konfrontiert worden war, waren Steine. Da drückte man nicht einfach ab und jemand war tot.
      Andrew erstarrte kurzzeitig. Er warf einen schnellen Blick zum Fahrer, der dem ganzen jedoch keine Beachtung schenkte. Man hatte sie ernsthaft in eine Falle gelockt? "Hören Sie, wir können sofort den nächsten Flug zurück nehmen, wenn sie die Waffe runternehmen. Sie lassen uns einfach… aussteigen und wir verschwinden", versuchte er zu verhandeln. Irgendetwas zu leugnen war wohl sinnlos. So etwas passierte vermutlich auch in Moskau nicht einfach aus einer Laune heraus. Wer auch immer ihnen diesen Stein gestohlen hatte, wusste, was er tat. Und nach der Szene in Polen war Andrew sich sicher, dass der Typ im Auto kein Problem damit hatte, irgendwen umzubringen.
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